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Ein Kätzchen für Oma Hilde - Teil 24 bis 26

24

„Und die Ruhe!“ Herbert verdrehte noch im Nachhinein genießend die Augen. In seinem Job als Abteilungsleiter eines Planungsbüros hatte er an manchen Tagen das Gefühl, ihm wäre das Handy am Kopf festgewachsen - 14 Tage ohne waren wie der sprichwörtliche Himmel auf Erden.

„Das ist doch toll, dann seid ihr ja gut erholt und vertragt eure turbulente Familie besser“, lachte Roman und sah zu Maung rüber. „Schließlich ist die ja auch überraschend erheblich gewachsen.“ Er war ziemlich erleichtert, dass seine Eltern die Neuigkeiten in seinem Leben so gut aufnahmen. „Außerdem gibt es so kurz vor Weihachten noch eine Menge zu tun.“

„Zu tun?“, fragte Petra gespielt überrascht. „Ich hatte eigentlich gedacht, dass unser Herr Sohn sich einmal um alles kümmert. Aber nein, er spielt lieber Doktor.“ Sie grinste Maung an und der stimmte mit ein zu erzählen, dass er nicht nur Doktor gespielt hätte, sondern sich auch noch regelmäßig auf dem Weihnachtsmarkt herum getrieben hätte. Dann sah er Roman sehr ernst an und musste sich das Grinsen fest verbeißen.

„Ja, ja, der Alkohol. Die Jugend von heute ist aber auch maßlos“, machte nun auch Herbert mit und Roman blies die Wangen auf.

„Öhm“, machte er, aber es beachtete ihn niemand, denn Maung und seine Mutter steckten gerade die Köpfe zusammen und kicherten. „Hallo?“, rief er und wedelte mit den Händen. Er hatte ja damit gerechnet, dass seine Mutter Maung mögen würde, aber dass sie sich jetzt schon gegen ihn verbündeten, war doch schon überraschend, aber irgendwie auch sehr beruhigend.

„Er hat nicht getrunken“, verteidigte Maung aber seinen Freund und erklärte, wie liebevoll der ihn gepflegt hätte, als der Kater mit Martina auf dem Markt gewesen war und sich hackedicht gezogen hatte, ohne es zu wissen. „War ja auch lecker, ich wusste nur nicht, wie das wirkt. Zum Glück hat Martina Kinderpunsch entdeckt. Der schmeckt auch und macht keine Kopfschmerzen... Ey!“ Schlagartig wandte sich Maung von Petra ab und fauchte Lucky warnend an, der gleich gucken musste, wer da so bedrohlich fauchte. Der kleine Dicke hatte nämlich schon wieder Tsuki beim Wickel und ihm frech in den hübschen Schwanz gebissen.

„Lucky, komm her“, rief Roman und hob den kleinen Kater hoch. „Lass deinen Bruder in Ruhe. Wenn du raufen willst, dann mach das mit mir“, schimpfte er leise, aber viel Eindruck machte er nicht, denn Lucky strampelte und knurrte, damit er wieder auf den Boden kam.

„Ich seh schon, du hast dein Haustier echt im Griff“, lachte Herbert und klopfte seinem Sohn auf die Schulter. „Lass das mal lieber Maung machen.“

„Ja, die geborene Autoritätsperson. Schon immer gewesen. Wie machst du das nur mit deinen Studenten?“, musste nun auch Petra lachen, weil Lucky schon wieder stiften ging, während Tsuki lieber bei Maung blieb, da wurde er nur gestreichelt und sein Fell durcheinander gebracht, nichts Schlimmeres.

„Der geht jetzt bestimmt was anstellen, so wie ich den kenne“, knurrte Maung und erhob sich. Irgendwie sah man Lucky immer am Gesicht an, wenn er Blödsinn ausheckte. Dann war es besser, wenn man in der Nähe war, ehe es knallte.

„Lucky ist ja auch nicht von meinen Klausurnoten abhängig. Meine Studenten schon“, lachte Roman. Er nahm diese Sprüche seiner Mutter nicht übel. Die zog ihn schon immer gerne auf, meinte das aber nie böse. Sie war sogar sehr stolz auf Roman. „Der Kurze ist wirklich ein Rabauke. Er stellt ständig etwas an und ich kann ihm dann nicht böse sein, weil er so niedlich guckt.“

„Ja, ja. Du und Katzen“, lachte Petra, doch Herbert nutzte die Chance, dass Maung nicht da war und fragte leise, immer mit dem Blick zur Tür, um Maung nicht zu kompromittieren: „Was ist er für einer. Ich meine, die Ohren, der Schwanz. Ist er wirklich eine Kreuzung? Wie geht so was. Ist doch verboten.“ Seine Stimme war leise und gepresst, doch die Neugier hatte gesiegt.

„Er ist ein Catboy. Eine Kreuzung aus Mensch und Katze.“ Roman sprach genauso leise. „Dass solche Gen-Experimente verboten sind interessiert die Firma nicht, die ihn gezüchtet hat. Solange sie verlangt werden und gutes Geld bringen, machen sie weiter.“ Roman hielt seine Antwort allgemein, die Einzelheiten brauchten seine Eltern nicht wissen.

„Und ich dachte, weil die kleine Katze auf der Web-Seite von einem bekannten Züchter wäre, wäre sie so teuer“, murmelte Herbert. Nicht dass er dem Geld nachtrauerte, das bestimmt nicht. Aber etwas gekauft zu haben, was nicht legal war, machte ihm Bauchschmerzen. Aber er lächelte, denn zum Schluss war ja doch alles gut.

„Ich hab's doch gewusst!“, knurrte Maung und hatte den fauchenden Lucky im Nacken gepackt, in der anderen Hand die Schuhe, die er von Roman bekommen hatte. Man sah die deutlichen Kratz- und Bissspuren. „Dein Kater!“ Dabei sah er Roman intensiv an.

„Ja klar, wenn er was anstellt, ist er immer mein Kater.“ Roman nahm den fauchenden Lucky und streichelte ihn, damit er sich wieder beruhigte, was seine Mutter die Augen verdrehen ließ und Oma Hilde lachte. „Maung, ich glaube, mein Enkel ist dir keine große Hilfe, was die Erziehung der Kleinen angeht. Das wirst du schon erledigen müssen.“

„Ich fürchte es auch, wenn ich das schon wieder sehe. Belohnt dafür, dass er meine Schuhe zerlegt hat. Ich glaub's ja nicht“, knurrte Maung und ließ sich wieder fallen. Sein Essen war sicher schon ganz kalt und es war, als würde Lucky ihn frech angrinsen, als er da so auf Romans Arm lag und sich beschmusen ließ. Hinterlistige, kleine Zwecke, aber süß. Das war sein Vorteil.

Roman wurde rot und senkte den Kopf, damit man das nicht sah. Maung hatte ja Recht, aber er konnte das einfach nicht. Wenn er mit Lucky oder einem der anderen Kätzchen schimpfen musste, taten sie ihm gleich wieder so leid, dass er es einfach nicht übers Herz brachte. „Sie sind doch so niedlich“, murmelte er und zuckte mit den Schultern.

„Aber ich liebe dich trotzdem. Es gibt ja auch Dinge, die du kannst“, sagte Maung und wurde nun selber rot, senkte ebenfalls den Kopf und allen am Tisch war klar, dass sie das gar nicht genauer wissen wollten oder sollten.

„Gut, ehe das hier noch mehr Infos werden, als ich verkraften kann“, sagte Herbert und aß weiter, „würde ich mal vorschlagen, wir stimmen ab, wie der Samstag läuft. Eigentlich wollte ich bei dem schönen Wetter noch etwas Kaminholz schlagen, aber deine Mutter scheint anderes vorzuhaben und bitte, Schatz, sag jetzt nicht einkaufen. Nicht am Samstag!“

„Nein, mein Schatz, einkaufen nicht. Dein Sohn hat den Kühlschrank gut gefüllt, das reicht fürs Wochenende und das, was ich für nachher brauche, hole ich schnell im Supermarkt oder Roman macht das für mich.“ Petra sah Roman grinsend an. „Hack du ruhig dein Kaminholz. Deine Mutter und ich wollten noch ein wenig das Haus schmücken und Plätzchen backen, das macht doch viel mehr Spaß, wenn man das nicht alleine macht.“

„Stimmt. Haben wir mit Martina auch gemacht und die waren sehr, sehr lecker“, kommentierte Maung, der als einziger noch mit Essen beschäftigt war. Doch keiner hinderte ihn daran. Er machte ja sowieso auf jeden am Tisch einen eher etwas mickrigen Eindruck, nur dass das keiner sagen würde. Nur für Roman war Maung perfekt, so wie er war. Aber der fiel aus der Wertung, der war parteiisch.

„Ja, das kann ich nur bestätigen, aber leider sind sie fast schon wieder alle. Schreib mir einen Zettel, Mama, dann geh ich nachher einkaufen und bringe auch noch ein paar Flaschen Punsch mit.“ Er wollte gerade fragen, ob Maung mit wollte, aber seine Oma kam ihm zuvor. „Möchtest du mit uns Plätzchen backen, Maung?“, fragte Oma Hilde. Das war doch eine gute Gelegenheit, den Freund ihres Enkels näher kennen zu lernen.

„Ja, warum nicht“, sagte Maung und nickte heftig. Backen hatte sehr viel Spaß gemacht, vor allem das Garnieren und das Naschen. Und wenn Roman sich beeilte, dann hatten sie vielleicht schon heißen Punsch, wenn die ersten Kekse fertig waren! Maung merkte gar nicht, wie er sich genießend die Lippen leckte und laut und zufrieden schnurrte, aber er hatte schon den Geschmack der Schokokekse auf der Zunge. Das war zu gut!

„Wunderbar, dann wäre das ja geklärt.“ Petra sah in die Runde und drückte Roman den Einkaufszettel in die Hand.

„Bin schon weg“, murmelte ihr Sohn und auch Herbert stand auf. Sie wussten diesen Blick zu deuten und dass es besser war, nicht zu trödeln. „Bis nachher, Schatz.“ Roman küsste Maung kurz, übergab ihm Lucky und war dann auch schon unterwegs.

„Tja, jetzt sind wir beide wieder alleine!“, grinste er das Kätzchen hinterhältig an und lockte so noch einmal Roman näher, der seinen kleinen Liebling aufgebracht maunzen hörte. Lucky ahnte wohl gerade, dass nun die Rache kam und deswegen musste er um Hilfe schreien. Roman konnte ihn doch nicht allein lassen.

„Sei nicht ganz so hart zu ihm“, bat Roman und strich seinen beiden Katern über den Kopf. Dann war er auch schon wieder weg, denn dabei sein wollte er auf keinen Fall. „Weichei“, lachte Petra leise und begann den Tisch abzuräumen, weil alle fertig waren. Sie mochte es, wenn die ganze Familie bei ihnen zusammen war. Das kam viel zu selten vor. Roman war doch viel zu sehr mit seiner Arbeit beschäftigt. Und in seinen wenigen freien Wochen zog es ihren Sprössling eher an die Atlantikküsten als an die Nordsee. Er surfte eben nun einmal fürs Leben gern und tat es auch, seit er sich in Badehose sehen lassen konnte, um Frauenherzen höher schlagen zu lassen. Wie das wohl in Zukunft wurde? Gern hätte sie Maung gefragt, wie er das sah und wie er damit umging, dass die Frauen ihrem Jungen nachsahen und ihn anflirteten, doch sie fand es noch zu früh, solch indiskrete Fragen zu stellen.

Erst einmal wollte sie Maung näher kennen lernen, denn sie konnte ihn noch nicht wirklich einschätzen. Roman war sehr verliebt und umgekehrt war es wohl genauso, das waren schon einmal Pluspunkte für Maung. Zum Glück hatte sie ja noch eine Woche Zeit, Maung kennen zu lernen und die wollte sie auch nutzen. „Habt ihr auch Weihnachten gefeiert, da wo du herkommst?“, fragte sie, um einen Einstieg für ein Gespräch zu bekommen.

„Öhm“, was sollte Maung jetzt sagen? Sicher feierte man in Amerika auch Weihnachten - wenn die nicht weihnachtsverrückt waren, wer dann. Doch im Labor, da wo er gelebt hatte? Nicht wirklich, ein Baum, ein paar Kerzen - das war alles gewesen, was sie von Weihnachten erlebt hatten. Aber er nickte. „Ja, sicher.“ Er wollte jetzt nicht erklären, warum es nicht dasselbe war wie hier. Lieber ließ er den jammernden Lucky endlich runter, das konnte sich ja keiner mehr anhören. So ein Weichei-Kater.

Petra hatte Maungs Unsicherheit gemerkt und lächelte ihn an. „Wenn ich zu neugierig bin, sag das ruhig. Ich möchte dich kennen lernen. Da schieße ich manchmal übers Ziel hinaus.“ Sie setzte sich zu Maung und sah ihn an. „Roman liebt dich, das allein ist schon eine Sensation, weil er sich bisher noch nie verliebt hat.“

„Echt nicht? Dafür hatte er aber einen ganz schönen Verschleiß von... uups. Schon gut.“ Maung schlug sich die Hand vor den Mund, was machte er denn da? War er noch zu retten? Vielleicht wusste seine Mutter gar nicht, was er für einen Verschleiß an Damen hatte und nun brachte ihn Maung mit seinem vorlauten Mundwerk noch in des Teufels Küche! „Das ist schön“, schob er also hinterher, um abzulenken und versicherte, dass er Roman auch sehr lieben würde und froh darüber war, dass der seine Gefühle erwidert hatte.

„Ja, dafür hatte Roman wirklich sehr viele Affären und es hat mir wirklich Sorgen gemacht, dass er nie die richtige gefunden hat. Aber warum das so war, ist ja jetzt wohl geklärt.“ Petra sagte nicht ganz die Wahrheit, denn eigentlich hatte sie nie gemocht, was ihr Sohn so trieb, aber als die Frauen sich endlich für ihn interessierten, hatte sie sich nicht einmischen wollen. „Nun bekomme ich eben einen Schwiegersohn.“

„Ja, scheint so“, grinste Maung schief, weil er nicht genau wusste, was das mit dem Schwiegersohn sollte. Doch er fragte nicht weiter, sondern beobachtete Oma Hilde dabei, wie sie alles aus den Schränken holte und auf den Tisch räumte, was sie jetzt in den nächsten Stunden brauchen könnten. Eier, Mehl, Gewürze, Fett. So stromerte Maung als viertes Kätzchen da hin, wo schon drei unter dem Tisch herum strichen, als gelte es, etwas abzustauben.

Er schlich um den Tisch und leckte sich immer wieder über die Lippen, als er sich vorstellte, welche Köstlichkeiten sie daraus machen konnten und brachte Oma Hilde zum Lachen. „Junge, das dauert noch ein bisschen, bis du probieren kannst. Vorher musst du dir erst einmal die Finger dreckig machen.“ Sie stellte noch die Milch auf den Tisch, dann sah sie sich um. Sie hatten genug für die gängigen Sorten und ihr fiel etwas ein. „Petra, wir wollten doch mal was Neues versuchen. Ich habe im Internet geforscht und etwas Interessantes gefunden. Die Ausdrucke sind oben in meiner Tasche. Lass uns sie nachher mal durchsehen.“

„Seit dem du von Roman deinen Laptop bekommen hast, bist du nicht mehr zu bremsen“, lachte Petra und knuffte Hilde gegen den Oberarm. Anfangs war sie sehr skeptisch gewesen, als Roman verkündet hatte, was seine Oma zum nächsten Geburtstag bekommen sollte, doch Hilde hatte keinerlei Scheu vor der Technik gehabt und sich sehr schnell reingefuchst. Und so hatte sie ganz geschwind die Vorteile des www erkannt und was man dort an Wissen anhäufen konnte.

Unter anderem eben auch Rezepte.

„Brauchen wir dafür noch was Spezielles? Noch können wir Roman anrufen und es mitbringen lassen.“

„Ich hol die Rezepte eben und dann sehen wir deine Bestände durch.“ Oma Hilde war schon auf dem Weg, ehe sie ausgeredet hatte und Petra sah ihr grinsend hinterher. Sie brauchten nicht lange warten und die alte Dame war wieder da. „Hast du Schokolade, Kokosraspeln, Marmelade, Nüsse, Mandeln und Puderzucker?“, zählte sie auf und Petra nickte. „Alles klar, dann können wir beginnen und Roman kann in Ruhe einkaufen.“

Maung hatte sich schon die Ärmel hochgekrempelt und schnüffelte sich durch die Gewürzriege, die Oma Hilde auf dem Tisch aufgereiht hatte. Die beiden Frauen beobachteten ihn und konnten sich das Schmunzeln nicht verkneifen. Maung war aber auch zu goldig. „Willst du den Teig rühren? Ich schütte dir nach und nach alles in die Schüssel, hm?“, fragte Hilde und kam ebenfalls zum Tisch. Maung nickte heftig und wackelte mit den Ohren.

„Süß“, quietschte Petra, so ähnlich wie Martina, als sie Maung das erste Mal gesehen hatte. „Darf ich einmal deine Ohren anfassen?“, fragte sie. „Die sehen so weich aus.“ Ihre Hand war schon vorgezuckt, aber sie hatte sich noch rechtzeitig beherrscht. Vielleicht mochte Maung das ja gar nicht, wenn man ihn dort anfasste.

Weil er schon wieder ganz in seinen Gedanken war, zuckte Maung zusammen, als er das Quietschen hörte und sah Petra etwas fragend an. Doch dann nickte er zögerlich und legte den Kopf schief, damit er ihr näher kommen konnte. Was hatten nur immer alle mit seinen Ohren oder dem Schwanz? Jeder wollte anfassen. Aber nur einer wusste, wie man diese Körperteile richtig anfasste, um Maung genießend schnurren zu lassen.

Ganz vorsichtig strich Petra über die Ohren und lächelte. Sie waren wirklich so weich, wie sie sich das gedacht hatte und musste grinsen. Schließlich wusste sie, dass ihr Sohn in alles vernarrt war, was weiches Fell hatte. „Danke“, sagt sie leise und brachte wieder etwas Abstand zwischen sie beide. „Komm, lass uns anfangen, dann können wir vielleicht schon ein paar naschen, wenn Roman wieder da ist.“

„Hier auch noch? Dann haben wir es hinter uns“, grinste Maung und wedelte mit den Schweif. Früher oder später würde diese Frage ja sowieso kommen. Dabei grinste er frech und wedelte immer wieder, während er sich schon daran machte, die Schüssel von Hilde zu nehmen und zu rühren, als Zucker und Eier reingegeben wurden.

„Also, wenn du mich schon fragst“, lachte Petra und griff sich den hellen Schwanz, als er an ihr vorbei strich und ließ ihn durch ihre Finger gleiten. „Das ist so weich“, murmelte sie leise und wurde ein wenig verlegen. Irgendwie war das schon komisch. Seit gestern hatte sich so viel verändert. Sie beobachtete Maung, wie er eifrig rührte und seine Zunge zwischen den Lippen einklemmte und wusste, warum Roman sich in den jungen Mann verliebt hatte.

Sein hübsches und ungewöhnliches Äußeres war das eine, wichtiger aber war wohl das sanfte und zurückhaltende, aber auch bestimmende Wesen dieses Catboys. Er unterschied sich deutlich von den jungen Damen, die Roman in wechselnder Vielfalt an seiner Seite gehabt hatte.

Doch im Augenblick rührte er eifrig alles zusammen, was Hilde ihm in die Schüssel gab und hörte gut zu, was man ihm erklärte. Dabei schwänzelte er angespannt, denn er konzentrierte sich deutlich.

Noch einmal strich sie Maung über die Ohren und ließ die beiden machen. Ein dritter störte nur und Hilde war der beste Lehrmeister, den man sich beim Plätzchenbacken vorstellen konnte. Die kleinen Köstlichkeiten von Romans Oma waren in der ganzen Familie hoch geschätzt. Sie selber fing an, das Mittagessen vorzubereiten. Wenn Roman und ihr Mann mit ihren Aufgaben fertig waren, hatten sie bestimmt Hunger.

Derweil war Maung dabei, den Teig zu kosten, auch wenn man ihn immer wieder davor warnte, weil das Bauchweh geben könnte. Aber er schmeckte so gut und so süß. Er konnte gar nicht anders. Wie jede Katze naschte er zu gern. Man ließ ihn machen, er war ja doch etwas mager. Vielleicht bekam er noch ein bisschen Polster auf die Rippen, damit er nicht so schnell fror. Doch er war mit Feuereifer bei der Sache, rührte hier, knetete dort, stach alle möglichen Formen aus.



25

Im Haus duftete es köstlich, als Roman die Haustür aufschloss und er musste lächeln, als er Maung in der Küche lachen hörte. Er hatte sich ein wenig Sorgen gemacht, ob es richtig gewesen war, seinen Freund alleine zu lassen. „Bin wieder da“, rief er laut und trug die Taschen ins Haus. Jetzt wusste er auch, warum er losgeschickt worden war. Die paar Kleinigkeiten, die er mitbringen sollte, hatten sich als ein wenig mehr entpuppt, denn er hatte während seines Einkaufes drei Anrufe von seiner Mutter bekommen, was sie in ihren Schränken vermisst hatte und was er gleich mit bringen konnte, wenn er schon einmal unterwegs war. Einmal war er schon in der Kassenschlange gewesen. Doch was tat man nicht alles für seine Mutter?

Zum Glück hatte Maung mit seinem Charme die Damen des Hauses mit seinen Samtpfötchen eingewickelt und das Trio Infernale war auch grundsätzlich dort zu suchen, wo es Futter gab. Maung war der einzige, der Roman gehört hatte und nun kam er in den Flur gelaufen und hüpfte seinem Freund in die Arme, ganz der wohl erzogene Kater, der er war.

Es war gut, dass Roman die Taschen abgestellt hatte, denn sonst wäre unweigerlich etwas zu Bruch gegangen, als er seinen Freund auffing. „Hallo, Schatz, du schmeckst lecker“, murmelte er grinsend zwischen zwei Küssen. Sein Freund duftete nach Keksen und schmeckte auch so. „Ihr wart wohl fleißig. Man riecht es schon, wenn man ins Haus kommt.“

„Ja, wir haben viel gebacken und schnell ist deine Oma, so schnell waren wir mit Martina nicht. Und es ist nichts angebrannt und nur ein einziges Mal habe ich Zucker und Salz verwechselt. Sonst ist nichts passiert.“ Er sagte lieber nicht, wie viel rohen Teig er gefuttert hatte. Das wäre locker noch ein weiteres Blech Kekse geworden. „Lucky hat ganz aus Versehen eine Ladung Puderzucker auf den Pelz bekommen und Feli sitzt ganz brav unter dem Tisch. Tsuki schläft!“, fasste er hastig zwischen den Küssen zusammen, was Roman wissen musste, um auf dem Laufenden zu sein.

„Das ist doch schön.“ Roman fasste Maung fester, damit er ihn besser halten konnte. „Kann ich ein paar probieren?“, fragte er, denn er mochte noch warme Kekse. Er lächelte seiner Mutter und Oma zu, die in der Tür standen und sie beobachteten. Lucky war da nicht so zurückhaltend. Der kleine Kater war schon dabei, die Taschen zu untersuchen und nur noch sein kleines Hinterteil war zu sehen. Der Rest steckte in der Tasche. Es war sicherlich ein Versehen, als Tsuki, ebenfalls neugierig wie die Sünde, um die Ecke kam, seinem Bruder, der auf dem Rand der großen Tasche turnte, einen Schubs gab und der fauchend und mit einem beherzten: „Miau!“, ganz im Beutel zwischen den Punschflaschen verschwand. Wütend schoss er daraus hervor, sah sich suchend nach dem Übeltäter um. Sein Schwanz sah schon wieder aus wie eine Flaschenbüste und so gab er dem geflügelten Wort: „Auf Krawall gebürstet“, eine völlig neue Dimension.

Nur gut, dass der kleine Dazu-lern-Tsuki sich versteckt hatte, als ihm aufging, was er gemacht hatte.

Alle mussten grinsen, als Lucky immer noch meckernd und fauchend losschoss, um sich zu rächen. Da aber gerade nichts anderes greifbar war, musste Romans Bein herhalten. Es war Glück, dass Roman Stiefel anhatte und die kleinen, spitzen Zähnchen und Krallen keinen Schaden anrichten konnten. Er ließ auch nicht wieder los, als sein Herrchen in die Küche ging, um sich anzusehen, was Maung gebacken hatte.

Tsuki schien erleichtert aufzuatmen, als Lucky ein anderes Opfer gefunden hatte und kroch nun seinerseits unbeobachtet in einen anderen Beutel, während Maung sich in der Küche auf den Boden setzen ließ und stolz präsentierte, wobei er geholfen hatte. Freilich musste Roman alles kosten, doch nach dem siebten Keks wies Petra dezent darauf hin, dass es gleich Mittag gab und Roman sich nicht den Appetit verderben sollte.

„Mama“, brummte Roman, grinste aber. Seine Mutter behandelte ihn manchmal immer noch wie ein Kind, aber irgendwie war das auch ein schönes Gefühl. „Gut, dann essen wir welche zum Nachtisch“, schlug er einen Kompromiss vor und steckte sich schnell noch einen Keks in den Mund. „Ich pack die Einkäufe aus, sonst sind einige angeknabbert“, grinste er, denn aus dem Flur war verdächtiges Rascheln zu hören und nach einen kleinen „plopp“ ein sehr verdächtiges Schnurren. Maung hob eine Braue und ging in den Flur gucken. Dann hielt er sich die Augen zu - was machte sein kleiner Kater denn da? War nicht Lucky immer derjenige, der Mist baute? Er hörte es schon, wie Roman diesen Vorfall ausschlachten würde, um Maung aufzuziehen. Es brachte auch nichts, sich zu beeilen, das Gröbste zu beseitigen, denn Roman lief gleich hinter ihm und sah, was Maung sah: Tsuki in einem Schlagsahne-See. Er hatte die Tetra-Verpackung aufgebissen und nun genoss er und schnurrte wie die sprichwörtliche Katze am Sahnetopf.

„Deine Erziehung“, knurrte Maung Roman an.

„Meine?“, fragte Roman auch gleich und kicherte, als der Rest des Trios angeschossen kam und nun alle drei Kätzchen in der weißen Pfütze standen und schleckten, was die Zunge hergab. „Ich erinnere mich da noch an einen Catboy in Schokolade. Da ist ja wohl klar, von wem sie das haben.“ Roman grinste Maung an und man sah ihm an, dass er Spaß hatte. „Komm, schnappen wir uns die Schleckermäulchen, nicht dass sie noch Bauchweh und Durchfall bekommen.“

„War klar, dass du mir das vorhalten wirst bis in die Steinzeit“, knurrte Maung, grinste aber schief. An die Aktion mit der Schokocreme dachte Maung nur sehr ungern zurück, weil dieser Abend mit Duschen geendet hatte. Mit hängenden Ohren griff sich Maung geschickt die kleinen, fauchenden Katzen und reichte sie an Roman, damit der sie festhielt, während Hilde ihnen die Füßchen putzte und Maung einen Lappen suchte. Die drei waren wirklich unbeschreiblich.

„Lass, Maung, ich mach das schon“, lachte Petra und schob Maung wieder zu Roman. „Hilf lieber bei den Raubtieren. Du scheinst sie am besten bändigen zu können.“ Roman hatte nämlich sichtlich Mühe, die Kurzen zu halten und blutete schon aus einigen kleineren Kratzern. Lucky wand sich wie ein Aal und immer wieder verhakte er seine Krallen in dem Tuch, das ihn säubern sollte und riss es Hilde aus der Hand.

Maung nickte und hüpfte über die Pfütze, griff sich die strampelnde, gestreifte Plage und knurrte ihn warnend an. Lucky wusste gar nicht, wie ihm geschah und so nutzte Maung die Zeit, den Kater zu säubern. Feli ließ sich von Hilde gern betüdeln, sie wehrte sich nicht wirklich und das nahm Maung mit gemischten Gefühlen auf. Nur Tsuki, der wohl begriffen hatte, dass er einmal mehr Mist gebaut hatte, ließ sich ohne zappeln putzen und hing so jämmerlich in Romans Arm, dass Maung nicht anders konnte, als seinen kleinen Liebling zu greifen und zu beschmusen und Roman warnend anzuknurren, jetzt nichts Falsches zu sagen.

Es hatte Roman schon etwas Freches auf der Zunge gelegen, aber er sagte es nicht, sondern küsste Maung nur. Er hielt Lucky fest, bis die Pfütze beseitigt war und ließ ihn erst dann wieder laufen. Danach zog er Maung zu sich und schnuffelte mit seiner Nase durch die weichen Haare. Die beiden Frauen zogen sich lächelnd zurück und nahmen die Einkäufe mit, damit sie endlich weggeräumt wurden.

Ein bisschen wurde auf dem Flur noch geschmust und geknutscht, dann hatten sich die beiden auch wieder gefangen und folgten zurück in die Küche. Lucky und Tsuki hockten schon wieder einträglich neben dem Napf in der Hoffnung, vielleicht für die entgangenen Leckereien entschädigt zu werden. Nur Feli ließ sich schon wieder fremd beschmusen und Maung biss sich auf die Lippen. Doch dann lächelte er und half dabei, wieder aufzuräumen.

Sie waren gerade dabei den Tisch zu decken, als Herbert ins Haus kam und verkündete, dass sie jetzt genug Brennholz für den ganzen Winter hatten. Er kam zu seiner Frau und küsste sie auf die Wange, was sie leise schaudern und quietschen ließ, denn die Lippen waren kalt, aber sie lächelte ihren Mann an und strich ihm über die Wange. Roman beobachtete seine Eltern und hoffte, dass er und Maung nach so vielen gemeinsamen Jahren immer noch so liebevoll miteinander umgingen.

„Wasch dir die Hände und zieh dir was Trocknes an. Dann können wir endlich essen. Die Hacksteaks sind fertig und die Kartoffeln sind auch gleich gut. Maung hilfst du mir?“, lockte Petra das Katerchen wieder zu sich, denn sie hatte ihn überraschend gern um sich. Er war eben doch wie eine Katze, er hatte die gleiche Wirkung. Erstaunlich.

Maung kam auch gleich zu ihr, denn es gab bestimmt wieder etwas zu probieren. Schließlich sollte das, was sie aßen, auch schmecken. Roman sah ihm kurz hinterher und bot dann seiner Oma den Arm an, um sie zum Esstisch zu geleiten. Sie hatten noch gar keine Zeit gehabt, sich zu unterhalten und das holten sie jetzt nach, bis das Essen zum Tisch gebracht wurde. Freilich war Feli wieder mit dabei, sie schien endlich jemanden gefunden zu haben, der sich nur für sie allein interessierte und nicht für die nervenaufreibenden Kater, die ihre Brüder waren. Nur sie allein. Das war zu schön.

Die beiden besagten Kater hockten immer noch vor ihren Näpfen, doch da passierte nichts. Gar nichts. Frechheit. Sie konnten nur zugucken, wie Maung einen ganzen Teller voll lecker duftender Hacksteaks von ihnen weg trug.

Kurz sahen sie sich an und schon waren sie auf dem Weg ins Esszimmer. Wenn das Futter nicht zu ihnen kam, mussten sie wohl hinterher. Aber wieder hatten sie kein Glück, denn keiner beachtete sie und ihre knurrenden Mägen und wie sie gerade vor Hunger unter dem Tisch starben. Oben wurde nämlich gerade das Essen verteilt und Romans Eltern erzählten von ihrem Urlaub. Auch von dem verzweifelten Versuch von Herbert, seine Frau auf einem Schlitten den Berg runter schieben zu wollen. Ski fahren konnten beide sehr gut und taten es für ihr Leben gern. Doch Petra hatte sich den Knöchel verstaucht und hatte ein paar Tage pausieren müssen und um sich nicht zu langweilen, hatte Herbert ihr einen Schlitten besorgt. Die Bilder, die dabei entstanden waren, hatte Petra unter Verschluss und bei Androhung der Todesstrafe nicht freigegeben. Auch sie hatte einen Ruf zu verlieren. Sie kannte doch ihre Familie. Jede Schwäche wurde registriert und irgendwann gegen sie verwand. Sie selber war auch nicht besser, aber da war das ja ganz was anderes.

Sie lachten viel und Oma Hilde steuerte auch noch ein paar lustige Anekdoten bei, die sie bei ihrer Schwester erlebt hatte.

Nach dem Essen saßen sie noch etwas länger zusammen am Tisch, knabberten Kekse und tranken Punsch dazu. Romans Eltern und seine Oma erzählten Geschichten aus Romans Kindheit. Wie Roman im Garten auf Schatzsuche gegangen war, weil er glaubte, eine Schatzkarte auf dem Dachboden gefunden zu haben und dabei die frisch gepflanzten Beete umgegraben hatte. „Ja, Herbert, du lachst. Aber als du alles neu machen musstest, weil ich nämlich in den Kochstreik getreten bin, bis mein Kräuterbeet wieder in Schuss war, da war dir das Lachen aber vergangen!“ Petra schüttelte den Kopf, mehr aber noch Roman, der leidend auf dem Tisch lag, von Maung die Haare gestreichelt bekam, aber der Kater lachte auch heimlich. Vielleicht bekam er so ein bisschen Material, was er gegen seinen Liebling verwenden konnte.

Das war sogar sehr wahrscheinlich, denn wenn Petra und Oma Hilde erst einmal in Fahrt waren, bekam Maung mehr zu hören, als Roman lieb war. Alle Peinlichkeiten wurden preisgegeben und der junge Tierarzt stöhnte leise, denn mittlerweile hielt auch Maung sich nicht mehr zurück und lachte lauthals mit. „Ihr seid fies“, brummte er und versuchte streng zu gucken, was ihm aber nicht gelang, denn er musste selber lachen. „Maung muss ja glauben, dass er sich einen vollkommenen Tollpatsch angelacht hat.“

„Ach lass nur, Schatz“, tröstete ihn Maung, „mit dem Geschick der Katzen kann es ein Mensch...“, doch er musste abbrechen, weil ihn gerade einer Lügen strafte. Von wegen Geschick der Katzen. Der dicke Lucky, der neben Roman auf der Eckbank geschlafen hatte, hatte sich wohlig gedreht und war kopfüber von der Bank gefallen. Da saß er nun, schüttelte sich und suchte den Schuldigen, den er für dieses Attentat malträtieren konnte. „Man, Lucky, du bist echt anders!“

Alle lachten und Petra hob den kleinen Kater hoch, um ihn zu trösten. „Tja, dann ist ja wohl klar, warum Roman sich den Süßen ausgesucht hat. Er ist genau wie er als Kind.“ Sie stupste Lucky gegen das Näschen und lachte, als der kleine Kater nieste. „Und wenn er groß ist, wird er ein wunderschöner Kater sein, genau wie sein Herrchen ein gut aussehender Mann geworden ist.“ Sie grinste, weil Roman rot wurde und küsste ihn auf die Wange. „Das ist die reine Wahrheit, mein Schatz.“

„Und nichts als die Wahrheit“, bestätigte Maung und schmiegte sich an seinen Freund, Tsuki dabei auf seinem Schoß. Die Katzen hatten wirklich eine Menge ihrer Zeit eingenommen, es ging eigentlich fast nichts mehr ohne sie. Und Maung freute sich schon, weil Martina versprochen hatte, zum vierten Advent vorbei zu kommen, weil sie zum heiligen Abend selber bei ihren Eltern sein würde.

Roman war immer noch verlegen und versteckte sein Gesicht in Maungs Haaren. Er war es gewohnt, dass Frauen ihm Komplimente über sein Aussehen machten, aber das hatte ihm nie etwas bedeutet, aber Maungs Worte ließen sein Herz höher schlagen. Er küsste ihn aufs Ohr und flüsterte ein leises: „Ich liebe dich“, hinein.

Nun war es an Maung, rote Wangen zu bekommen und dümmlich zu grinsen und beschämt den Kopf zu senken.

„Okay, wir haben beide bis zur Schamesröte getrieben, ich bring das gehackte Holz noch in den Schuppen, solange sich das Wetter hält. Soll ja trocken bleiben“, sagte Herbert und erhob sich, strich Lucky über den Kopf, der ihn forschend ansah und war dann verschwunden, während die Turteltäubchen immer noch um die Wette glühten.

„Wenn ihm diese harmlosen Geschichten schon so peinlich sind, wie soll denn das werden, wenn die richtig peinlichen Sachen zur Sprache kommen?“ Oma Hilde und ihre Schwiegertochter grinsten sich an. Roman war von jeher ihr Opfer gewesen und das wusste er auch. Sie waren aber nie boshaft. Es machte ihnen nur einfach Spaß ihn zu ärgern und wenn sie Glück hatten, bekamen sie in Maung einen neuen Verbündeten. Sie waren auf dem besten Weg.

„Es gibt noch schönere Sachen?“, fragte Maung mit heftig wackelnden Ohren und sein Schwanz fegte über die Sitzbank. „Kann ich noch mehr davon hören? Ich weiß ja nie, wie viel ich benötigen werde, um mich zu verteidigen. Je mehr desto besser, sage ich immer.“ Maung war in seinem Element und das merkte man auch.

„Och nee“, stöhnte Roman und löste sich von Maung. Seine Familie schaffte es doch immer wieder. Dass Maung begierig war, mehr über ihn zu erfahren, war verständlich, aber musste er sich gleich auf die Seite seiner Peiniger schlagen? Er seufzte und sah Maung lächelnd an, damit sein Freund wusste, dass er ihm nicht böse war „Ich geh in die Küche und kümmere mich um das Geschirr. Wenn ihr meinen Freund schon auf eure Seite zieht, seid wenigstens so gnädig, dass ich nicht dabei sein muss.“

„Aber ohne dein entsetztes Gesicht macht es doch nur halb so viel Spaß“, sagte Petra, räumte aber die Teller und Gläser zusammen, damit Roman sie in die Küche tragen konnte. „Und wenn du schon mal da bist, muss ich die Zeit doch effektiv nutzen.“ Maung sah ihm hinterher und leckte sich unbewusst über die Lippen, zauste sich dabei seinen Schwanz, weil er nervös war.

„Ja, ja. Ich glaube, du hast mich nur bekommen, damit du jemanden aufziehen kannst.“ Roman lachte und streckte seiner Mutter die Zunge raus.

„Um das zu erkennen, hast du 27 Jahre gebraucht“, rief Petra hinter ihm her und drehte sich wieder zu Maung. „Du tust ihm gut. Ich habe ihn noch nie so glücklich gesehen. Er war schon lange nicht mehr so fröhlich“, sagte sie und Oma Hilde nickte.

„Man tut, was man kann“, beeilte sich Maung zu versichern und guckte Petra wieder an. Hörte das denn gar nicht auf? Er hatte ja nur noch rote Schatten unter den Augen. So gelobt und begrüßt zu werden, hatte er nicht erwartet. Mittlerweile wusste er auch gar nicht mehr, warum er solche Panik davor gehabt hatte, Romans Eltern zu treffen. Sie hatten ihn aufgenommen wie einen verlorenen Sohn. Besser hätte es doch gar nicht laufen können. „Er ist schon toll“, murmelte Maung leise und sah erwartungsvoll Richtung Küche, ob Roman bald wieder kam.

„Natürlich ist er das. Er ist ja auch mein Sohn“, sagte Petra, so ernst sie konnte, prustete aber los, als sie einen Blick mit ihrer Schwiegermutter tauschte. „Als Kind war er eine wandelnde Katastrophe. Der größte Tollpatsch, den ich in meinem Leben erlebt habe. Man konnte ihm aber nie böse sein, weil er nie etwas mit Absicht kaputt machte“, erzählte sie und zeigte auf eine ziemlich ramponierte Porzellanfigur, die in einem Regal stand. „Die hat Roman mir zu Weihnachten geschenkt, als er zehn Jahre war. Ich hatte sie gesehen und mich darin verliebt. Er hat seine ganzen Ersparnisse dafür geopfert und wollte sie mir also Heiligabend stolz überreichen. Dabei ist er über die Teppichkante gestolpert und sie flog in hohem Bogen gegen die Wand. Ich habe sie wieder zusammen geklebt und halte sie in Ehren.“

„Oh“, machte Maung und zog seinen Schatz wieder zu sich auf die Bank, der etwas bedröppelt neben dem Tisch gestanden hatte. Er musste ein wirklich süßes Kind gewesen sein. Maung lächelte ihn an und küsste ihn beruhigend, denn er wollte ihn ja nicht quälen, nur alles über ihn wissen. Das war ja nicht ganz das gleiche. „Du warst sicher mal ein ganz Niedlicher“, sagte er versöhnlich und setzte Tsuki neben sich auf die Bank, damit er selbst Roman auf den Schoß krabbeln konnte.

Roman legte die Arme um ihn und lächelte. „Das war mein Glück, denn sonst hätten meine Eltern mich bestimmt wieder zurückgegeben. Ich habe wirklich jedes Unglück mitgenommen, das meinen Weg gekreuzt hat. Zum Glück hat sich das mittlerweile gegeben und ich stolpere nicht mehr über meine eigenen Füße.“ Er lehnte sich bei Maung an und versank kurz in Erinnerungen. „Ich war der Master of Desaster.“

„Master of Desaster“, lachte Maung leise und strich ihm durch die Haare. Das gefiel ihm. „Aber jetzt bist du sehr geschickt und hast ganz viele Tiere gerettet und das Tier da drüben, sollte vielleicht auch jemand retten.“ Der gelangweilte, weil unbeobachtete Lucky hatte sich ein neues Betätigungsfeld gesucht und steckte nun mit dem Kopf im Hausschuh von Herbert. Das Problem war eigentlich nur, dass er nun nicht mehr raus kam, die Orientierung verlor und überall dagegen stupste. Egal ob vorwärts oder rückwärts. „Wir hätten ihn Katastrophenkater nennen sollen, nicht Lucky.“

„Ich hoffe ja immer noch, dass der Name abfärbt“, kicherte Roman, denn es sah einfach zu niedlich aus, wie der Kurze durch die Gegend torkelte. Petra rettete Lucky, indem sie den Schuh wegnahm. Der guckte erst verwirrt in der Gegend rum und zischte dann los durch den Raum, auf der Suche nach der nächsten Katastrophe. „Hoffen wir, dass er auch Romans Glück hat, denn er hat sich nie wirklich verletzt oder weh getan, egal wie oft er auch hingefallen ist.“

„Katzen fallen immer auf die Füße und haben sieben Leben“, sagte Maung und auch wenn es eigentlich nur Spruchweisheiten waren, so war doch auch etwas Wahres darinnen. Vor allem kleine Katzen hatten oft mehr Glück als Verstand. Denn wie sonst wäre es zu erklären, dass ein normal denkender Kater so lange am Schwanz seines Bruders zog, bis der samt Kissen von der Bank auf Lucky plumpste? Mit Intelligenz hatte das bestimmt nichts zu tun. Zumindest nicht viel.

Konnte man nur hoffen, dass sich das legte, wenn der Kater älter wurde. Bei ihm hatte das ja auch geklappt. Roman nahm sich noch einen Keks und ließ Maung abbeißen. So mochte er die Tage vor Weihnachten. Ruhig, mit den Menschen, die er liebte. „Sollen wir etwas spielen?“, fragte Oma Hilde unvermittelt und sah in die Runde. Sie spielte für ihr Leben gerne und hier gab es jede Menge davon, wie sie wusste. Abgesehen davon, waren auch genügend Leute da, so dass es Spaß machen konnte.

Maung nickte gleich begeistert, auch wenn er noch nicht richtig wusste, was das war. Aber spielen klang für eine Katze fast immer gut.

„Das Nilpferd in der Achterbahn? Oder Monopoly? Oder lieber klassisch Mensch-ärgere-dich-nicht? Das mag Roman am wenigsten, weil er sich immer ganz doll ärgert, wenn er verliert. Dann schmeißt er immer die Männchen um“, erzählte Petra lachend, während Maung seinen Liebling fragend ansah. Das waren ja ganz neue Töne.

„Sie hat ständig geschummelt und ich war erst sieben, als das passiert ist, zumindest das erste Mal“, murmelte Roman leise und musste grinsen. „Ich gebe es zu, bei diesem Spiel bin ich ehrgeizig und will gewinnen, aber dass ich Männchen umgeworfen habe, ist schon seit Jahren nicht mehr passiert.“ Seine Oma nahm seine Worte als Einwilligung und stand auf, um das Spiel zu holen.

„Aber auch nur, weil wir seit dem mit Gummibärchen spielen und du einfach das Brett leer gefressen hast. Das war ja einfacher, als hinterher die kleinen bunten Dinger überall aufzusammeln.“ Petra war sich nicht zu schade, auch noch die letzten Geheimnisse zu lüften und Maung sich vor Lachen verschlucken zu lassen. War ihm doch glatt ein Stück Keks in die falsche Kehle gekommen und so musst er qualvoll hustend mit Punsch nachspülen.

Roman ließ den Kopf hängen. Er hätte wissen müssen, dass seine Mutter so etwas nicht für sich behielt. Dafür machte es ihr aber auch viel zu viel Spaß, ihn in Verlegenheit zu bringen. Er klopfte Maung auf den Rücken, der immer noch husten musste. „Ich habe Gummibärchen eben zum fressen gerne“, grinste er, als seine Oma mit dem Spiel und einer Tüte mit den Gummitierchen zurückkam. Als Maung das sah, musste er wieder lachen und rutschte seinem Freund vom Schoß. Er bekam kaum noch Luft und Hilde verstand nicht, was sie mit ihrem Erscheinen ausgelöst hatte. Schnell hatte Petra sie wieder auf den neuesten Stand gebracht und so konnte es weiter gehen. Die Farben, beziehungsweise Geschmacksrichtungen wurden verteilt und schon konnte es losgehen.

Maung hatte das Spiel schnell verstanden und machte sich einen Spaß daraus, Romans Bärchen vom Brett zu fegen und sie auf dem Weg zurück zum Ausgangspunkt zu kidnappen und aufzuessen. Roman knurrte jedes Mal, aber nur so lange, bis er als Wiedergutmachung einen Kuss und eine neue Spielfigur bekam. Petra und Hilde lachten jedes Mal laut, wenn Roman dabei versuchte, unauffällig Maungs Figuren zu verschieben, aber jedes Mal erwischt wurde. Katzen hatten eben gute Instinkte.

Mittlerweile hatte Roman schon die Spielfarbe ändern müssen, weil keine Erdbeer-Bärchen mehr in der Tüte gewesen waren, nun spielte er mit Zitrone weiter. Doch das machte es auch nicht leichter zu gewinnen, wenn das Glück einem einfach nicht hold war. Im Gegensatz zu Maung, der schon zwei Bärchen nach Hause gebracht hatte.

Hilde und Petra hatten auch schon ein Bärchen in Sicherheit, nur Roman nicht. Natürlich konnten sie es nicht lassen, ihn aufzuziehen. Sie wollten natürlich, dass Roman in sein Kindheitsmuster zurückfiel und sich alle Gummitiere auf dem Spielbrett schnappte, aber er hielt lange durch. So musste Maung ziemlich lange warten, bis er miterleben durfte, wie bisher fast jeder Spielabend geendet hatte. Erst als Maung wieder seine Spielfigur vom Brett fegte, griff Roman sich blitzschnell alle Bärchen und stopfte sie in seinen Mund. So konnte er weder sprechen, noch atmen noch küssen - doch seine Ehre war gerettet, ehe er der Verlierer hätte sein können. Alle Zeugen waren beseitigt und der Rest, der noch um das Brett herum hockte, konnte bestochen werden.

Maung schüttelte nur den Kopf, denn die Tüte Gummibärchen war leer. Nicht dass Roman davon schlecht wurde. Und da er gerade nichts machen konnte, weil Roman kaute wie ein Weltmeister, war Tsuki wieder dran, das Fell verstrubbelt zu bekommen. Der lernte das aber auch nie!

Er wurde erst von Roman gerettet, der endlich aufgegessen hatte und Maung küsste. „Ich werde in nächster Zeit wohl keine Gummibärchen mehr essen“, murmelte er zwischen den Küssen und zog seinen Freund wieder auf seinen Schoß. Sie waren alleine, denn Petra und Hilde waren wieder in der Küche und werkelten dort für das Abendessen. Sie hatten doch länger gespielt, als er gedacht hatte. Aber so verging die Zeit, wenn man Spaß hatte. So saßen die beiden allein am Esstisch, schmusten und küssten sich verliebt, während die Kurzen mit in die Küche gewackelt waren, weil sie ahnten, dass endlich wieder etwas für sie abfallen könnte.

Es wurde ein gemütlicher Abend, mit Glühwein, Kaminfeuer und noch mehr Geschichten aus Romans Kindheit. Der hatte es aufgegeben, sich dafür zu schämen und steuerte noch einige bei, die seine Familie noch nicht kannte. Dass er seiner Mutter damit noch mehr Munition lieferte, fand er nicht so schlimm, solange Maung sich vor Lachen kringelte und ihn immer wieder beschmuste, um sich dafür zu entschuldigen. So vergingen die Stunden und es war schon kurz vor Mitternacht, als sie sich trennten. Der Kamin war erloschen und glimmte nur noch, es kühlte langsam aus im Zimmer. Die drei Fellkugeln lagen auf einer Decke zusammengekuschelt und schliefen und auch Maung gähnte immer wieder. Er sackte die Decke mit den Katzen ein, doch als er sah wie traurig Hilde ihn dabei beobachtete, wie er alle drei wegschleppen wollte, kam er mit seiner Last zu ihr, damit sie Feli an sich nehmen konnte.

„Danke“, strahlte die alte Dame und nahm Feli vorsichtig hoch. „Ich pass auf sie auf“, versprach sie und strich dem Kätzchen vorsichtig über das Köpfchen. „Es ist schön, nicht alleine zu sein.“ Sie küsste Maung auf die Stirn und verabschiedete sich von ihrer Familie. Roman legte den Arm um Maung, weil er wusste, wie sehr sein Freund an den Kleinen hing und führte ihn hoch zu ihrem Zimmer, wo die Kleinen auf dem Bett abgelegt wurden.

„Ihr habt gewonnen“, sagte Maung leise, als er auf dem Bett saß und zu Roman hoch sah, der sich gerade den Pullover über den Kopf zog. „Ich glaube, Feli würde deiner Oma gut tun und sie mögen sich. Man sollte sie nicht mehr auseinander bringen und die Jungs dürfen Jungs bleiben. Hat ja irgendwie auch seinen Vorteil.“ Er grinste schief und sah auf die beiden schlafenden Kätzchen, die gar nicht ahnten, was für wichtige Entscheidungen eben über ihren Kopf hinweg entschieden wurden.

Roman ließ seinen Pullover fallen und kam zu Maung rüber. Er strich ihm über die Wange und küsste ihn. „Ja, die Kleine hat sich meine Oma ausgesucht. Sie ist zu ihr gekommen und hat so lange gemaunzt, bis sie hoch genommen wurde, hat meine Mutter mir erzählt. So wie es aussieht, habe ich alle Kater bekommen.“ Er lachte leise und hob Maung zu sich hoch. „Ich liebe dich.“

„Ich dich auch, auch wenn es mich wundert, warum die kleine Dame dich nicht wollte, wo dir doch sonst alle Weiber nachlaufen. Wohl nur die mit Geschmack nicht“, neckte er frech, küsste Roman aber ausgehungert, um ihm zu zeigen, dass er ihn nur aufzog, damit er Maung zum Schweigen brachte, damit er nicht noch mehr solcher Lügen verbreiten konnte und Maung genoss es endlich mit Roman allein zu sein. Nichts gegen dessen Familie. Sie waren alle sehr nett. Aber es gab eben Dinge, für die brauchte Maung kein Publikum.

„Sie hat wohl gemerkt, dass es da einen Kater gibt, gegen den sie nicht konkurrieren kann“, lachte Roman und erwiderte den Kuss genauso ausgehungert. Es hatte ihm gefehlt, dass er Maung heute den ganzen Tag nicht so hatte halten und berühren können, wie er wollte. Alles an seinem Freund lockte ihn und jetzt endlich musste er sich nicht mehr zurückhalten. Seine Finger schoben Maungs Pullover etwas hoch und strichen über die warme Haut und der schlanke Leib wurde Wachs in seinen Händen. Maung wand sich und schnurrte ungehemmt und war nicht böse darüber, dass das Schlafzimmer der Eltern am anderen Ende des Flurs lag. Seinen guten Vorsatz, keinen Sex zu haben, wenn Leute im Haus waren, musste er wohl schon diese Nacht von der Bettkante schubsen. Er konnte Romans Liebkosungen nicht widerstehen. Das ging nicht. Sein Körper verlangte danach. „Schlaue, kleine Dame“, knurrte er leise.

Roman lachte leise und löste sich kurz von Maung, aber nur, um die Kätzchen in ihr kuscheliges Körbchen zu legen. Im Bett waren sie nämlich gerade nicht erwünscht. Da war nur Platz für einen Kater, den er gerade zu sich zog und unter sich begrub. Maung sollte für ihn schnurren und er wusste auch ganz genau, was er dafür tun musste. Und so dauerte es keine Minute mehr, da entlockte er Maung die dunkelsten Schnurrlaute. Die Ohren legten sich an, der Schwanz wedelte heftig auf dem Laken hin und her. Der Kater war in seinem Genuss gefangen, wissend, dass sich das nun ein paar erregende Stunden nicht ändern würde - zum Glück!



26

„Schatz, die Kekse sollen an den Baum und nicht in deinen Bauch.“ Roman drehte sich zu Maung um und sah ihn tadelnd an, aber das konnte er nicht lange aufrechterhalten, denn bei dem Anblick seines Freundes, der genüsslich das Gebäck knabberte, musste er einfach lächeln. Er legte die Kugel weg, die er in der Hand hatte, ging zu Maung rüber und umarmte ihn. „Naschkätzchen“, murmelte er leise und strich mit der Nase über die weichen Ohren. Heute war Heiligabend und den Baum hatten sie so gut wie fertig. Es fehlten nur noch die Plätzchen, die bei seiner Familie an den Baum gehörten, aber dafür sah es gerade nicht besonders gut aus. Sie konnten nur von Glück reden, dass Oma Hilde ziemlich schnell die Leidenschaft des Katers für süßes Gebäck bemerkt und ein paar besonders schöne Exemplare in Sicherheit gebracht hatte. Außerdem war am vierten Advent Martina da gewesen und hatte auch noch Kekse mitgebracht, die Maung hatte vertilgen dürfen, so dass der Verlust vom Blech nicht weiter aufgefallen war. Erst als heute die Kiste geöffnet worden war und Maung die Kekse von letzte Woche wieder erkannt hatte, ging ihm ein Licht auf und er war ziemlich rot angelaufen. Man hatte Kekse verstecken müssen, damit der Kater nicht alle fraß - wie peinlich.

Also hängte er den nächsten, den er auf den Faden geschoben hatte, brav an den Baum.

„Brav“, neckte Roman ihn und küsste seinen Schatz versöhnlich. Er war glücklich. Glücklich mit Maung und auch glücklich darüber, dass seine Familie seinen Freund so vorbehaltlos angenommen hatte. Besonders seine Mutter und Großmutter waren vollkommen vernarrt in Maung. Eigentlich hatte Oma Hilde Weihnachten ja bei Freunden feiern wollen, aber das hatte sie abgesagt, weil sie lieber bei ihrem Sohn und dessen Familie bleiben wollte. Allerdings war Maung nicht der einzige Grund, sondern auch ein kleines, rotes Fellknäuel, das ihr auf Schritt und Tritt folgte. Feli genoss die Aufmerksamkeit, die sie bekam, sichtlich und noch viel mehr, wenn es nur um sie ging. Mittlerweile war es so weit, dass sie den Platz auf Hildes Schoß mit Krallen verteidigte, wenn der Dicke oder Tsuki es wagen sollten, ihr den streitig zu machen. Lucky war völlig perplex unter der Couch verschwunden, als er das erste Mal von seiner Schwester eine gewischt bekommen hatte. Das war zu viel für das kleine, große Ego gewesen.

Es hatte auch Augenblicke gegeben, da hatten die Bergers mehr von Maung wissen wollen, über dessen Familie, über seine Herkunft. Doch das hatte Roman immer ziemlich schnell abgeblockt und umgelenkt, denn aus früheren Versuchen wusste er nur zu gut, dass Maung darüber nicht reden wollte und wohl auch nicht konnte. Roman hatte es hinnehmen müssen, weil er Maung nicht quälen wollte und das auch seinen Eltern in einer ruhigen Minute so erklärt.

„Unser erstes gemeinsames Weihnachten“, sagte Roman leise und legte seine Arme von hinten um Maung. Die letzen Tage hatten sie viel zusammen unternommen und natürlich waren sie auch wieder gemeinsam auf dem Weihnachtsmarkt gewesen und hatten Martina mitgenommen. Mit Maungs Hilfe war es Roman auch gelungen, die noch fehlenden Geschenke zu besorgen und das erste Mal in seinem Leben hatte es ihm Spaß gemacht, durch die Geschäfte zu laufen. Gestern hatten sie den Baum geholt. Dazu waren sie zu einer Baumschule gefahren und hatten es sich nicht nehmen lassen, ihren perfekten Baum selber zu fällen. Was aber eigentlich bedeutet hatte: Roman fällte den Baum und Maung schnüffelte sich durch die Baumschule. Denn auch eine derartig große Ansammlung von Bäumen und Natur war dem Kater bisher noch nicht untergekommen. So hatte sich ihr Ausflug auch etwas länger gestaltet, weil Roman nach ihrem Weihnachtsbaumkauf noch ein Stück vor die Stadt gefahren war.

Maung hatte ja schließlich noch nicht so wirklich viel von seiner neuen Heimat gesehen. Es war einfach süß gewesen, wie der Kater am Fenster geklebt hatte, damit er so viel wie möglich sehen konnte. Roman hatte ihm auf der Fahrt auch noch etwas über Hannover erzählt, wo sie gemeinsam wohnen würden. Seine Wohnung lag mitten in der Stadt, und das war überhaupt nicht günstig, denn dort konnten Lucky und Tsuki nicht nach draußen. Zu klein war sie auf die Dauer auch, aber Roman war sich sicher, dass sie etwas weiter außerhalb ganz bestimmt eine passende Bleibe finden würden. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen - aber sicher im neuen Jahr.

Aber nun schmückten sie zusammen den Baum, Räuchermännchen verbreiteten Weihnachtsgeruch und Maung hatte auch keinen einzigen Keks mehr genascht. Dafür wurde er freilich von allen gelobt, während Petra zwei Kekse noch etwas höher hängte, sie wurden nämlich gerade von unter der Couch ins Visier genommen. Bisher hatte Lucky sich noch nicht an den Baum getraut, aber das hielt bei ihm ja nie lange an und seinem Gesichtsausdruck zufolge, war der Neue bald fällig. Irgendwie wartete jeder darauf, dass er sich endlich traute und bei Herbert konnte Lucky sich auch sicher sein, dass er ihm wünschte, dass er den Feind erlegte. „Wag es, du kleines Monster“, lachte Roman und fing das Katerchen auf, als es lossprintete. Natürlich war das mit Protesten der lautesten Art verbunden, denn da bereitete er sich stundenlang auf seinen Angriff vor und dann wurde er noch vor dem ersten Feindkontakt aus dem Verkehr gezogen. Das war doch echt das letzte!

„Das gilt auch für dich!“, knurrte Maung und hatte Tsuki schon gegriffen, als der die Aufmerksamkeitslücke nutzen wollte, weil sich jeder um Lucky kümmerte. Maung kannte doch seinen Pappenheimer! Der wurde langsam etwas zu aufmüpfig. Das hatte er bestimmt alles von Lucky.

„Kommt zum Essen“, rief Oma Hilde aus der Küche und brachte auch schon die ersten dampfenden Schüsseln ins Esszimmer. Wie jedes Jahr gab es Heiligabend ein Festessen, dafür wurde dann an den beiden Feiertagen nicht ganz so ausschweifend geschlemmt. Petra und ihre Schwiegermutter fuhren auf, was der Herd hergab und wahrscheinlich war es Maungs Vorlieben zu verdanken, dass es besonders viel Fleisch und Fisch gab. Es bestand auch niemand darauf, dass er viele Beilagen dazu nahm, Maung sollte essen, was ihm schmeckte, denn die Damen des Hauses hatten die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass der Kater vielleicht doch noch das eine oder andere Gramm auf die Rippen bekam, damit er im Winter nicht so fror.

Maung hatte es aufgegeben zu erklären, dass sein Stoffwechsel so ausgelegt war, dass er kaum Fett ansetzte. Es schien eher, als wollten die beiden das nicht verstehen und Maung verwöhnen, wo es nur ging. Schließlich schleppte Roman ihn nach den Feiertagen weg und dann konnten sie ihn nicht mehr umhegen und mussten sich darauf verlassen, dass Roman das tat.

Maung hatte sie alle in kürzester Zeit für sich eingenommen und so aßen sie zusammen, damit danach endlich die Bescherung dran war. Roman war immer noch aufgeregt, bis es soweit war. Er liebte es, Geschenke zu machen und zu sehen, wie der andere sich darüber freute und er liebte es selber Geschenke zu bekommen. Noch heute war er an Heiligabend wie ein Kind und hibbelte auf seinem Stuhl herum, als er satt war. Doch wie früher schon machte ihm keiner die Freude ihn zu erlösen. Petra ließ sich heute besonders viel Zeit und zwinkerte immer wieder Maung zu, der Roman schmunzelnd beobachtete.

„Schatz, was ist denn?“, fragte er also auch noch scheinheilig, um in der Wunde noch ein wenig herum zu stochern, einfach nur, um Roman zu ärgern und sich dann mit einem versöhnlichen Kuss bei ihm entschuldigen zu können. Maung liebte diese Spielchen - Katze eben.

„Die sind gemein zu mir“, jammerte Roman und lehnte sich an Maung, damit sein Freund ihn trösten konnte. So gestärkt versuchte er es noch einmal.

„Seid ihr nicht bald mal satt? Soll ich schon mal die Kerzen im Wohnzimmer anmachen? Ich bleib dann auch gleich drüben – wegen der Kätzchen. Nicht dass die noch was anstellen“, fragte Roman und sah in die Runde. Er wusste, dass seine Familie das extra machte. Das gehörte mit zu ihrem Weihnachtsritual und Petra grinste. „Nee, nee, lass mal, das machen wir gleich alle zusammen. Ich weiß noch, was passiert ist, als wir dir das das letzte Mal erlaubt haben. Du hast alle Geschenke für dich geschüttelt und versucht unauffällig das Geschenkpapier abzupiddeln“, lachte sie, weil Roman gleich brummte und maulte.

„Und außerdem hat sich das mit der Aufsicht der Kätzchen auch gerade erledigt“, frohlockte Maung, weil die Kurzen unbeabsichtigt so gut mitspielten und ins Esszimmer geschlendert kamen. Die Bäuche voll mit Futter und auf der Suche nach ein paar Streicheleinheiten, um besser einschlafen zu können.

„Und außerdem sollen kleine Jungs nicht allein mit Feuer spielen, Roman“, erklärte Petra und steckte sich den letzten Happs Kartoffel in den Mund, grinste ihren Junior dabei aber zufrieden an. Auch wenn er schon fast 30 war, an Weihnachten wurde er wieder ihr Kleiner.

„Ihr seid fies und das wisst ihr auch“, lachte Roman und lockte die beiden Kater zu sich, damit er etwas zu tun hatte, bis seine Eltern ihn erlösten. Das dauerte auch nicht mehr sehr lange, denn alle waren satt. „Na los, rüber mit dir“, gab Petra das Startsignal und Roman sprintete gleich los, stoppte aber an der Tür und kam fix wieder zurück, um Maung zu holen, den er fast vergessen hätte. Es hatte ja fast den Anschein, als wäre sich kurz vor der Bescherung jeder Roman selbst der Nächste. Maung lachte und schüttelte den Kopf. Dabei ging er geschickt den Katzen aus dem Weg, die - angesteckt durch Romans Hektik - nun auch wieder aufgelöst durch die Gegend schossen. Ziellos und unkoordiniert.

Maung griff Romans Hand und ließ sich ziehen, bis sie wieder vor dem Baum standen, unter dem die Geschenke lagen. Ein wahrer Berg von Päckchen und ein paar ganz Kleine waren auch von Maung.

Roman zündete die Kerzen an und zog Maung zu sich in den Sessel, der dem Baum am nächsten stand. „Liebe dich“, sagte er lächelnd und küsste seinen Schatz sanft. Dabei schielte er aber immer wieder unter den Baum, weil er ergründen wollte, welche der vielen Geschenke für ihn waren. Er konnte es einfach nicht lassen, dafür war er zu neugierig und so wurde er leicht in die Lippe gezwickt, weil Maung sehr wohl merkte, dass Roman mit seinen Gedanken ganz wo anders, nur nicht bei ihm war. Das konnte keine Katze leiden. „Hier spielt die Musik“, knurrte er also leise und Petra lachte zufrieden. Das Katerchen schien ihren Liebling gut im Griff zu haben.

„Hey, für euch ist da nichts dabei“, sagte sie allerdings zu den drei Katzen, die den interessanten Geschenkeberg auch begutachten wollten und anfingen, darauf herum zu klettern, bis Lucky eine Lawine auslöste und Tsuki fast von einem Karton erschlagen wurde.

Aber sein Name schien ihn zu beschützen, denn der kleine Kater konnte gerade noch zur Seite springen und flüchtete sich zu Maung. Dort konnte er sich wieder beruhigen, denn er hatte sich doch erschrocken. „Komm her, Terrortier“, lockte Roman Lucky zu sich und hielt ihn fest, damit er nicht noch einmal Chaos anrichten konnte. Leise Weihnachtsmusik spielte im Hintergrund, als der Rest der Familie sich zu ihnen setzte. Das Licht im Flur war erloschen und das Wohnzimmer wurde nur noch von Kerzen erhellt. Es waren bestimmt an die Hundert, die rings im Zimmer brannten, auf Kränzen und Figuren, in Windlichtern und schlichten Kerzenhaltern. Doch keine strahlten so hell wie die am Baum und Maungs Augen leuchteten - fast so hell wie die Kerzen. Es war schön und es machte ihn sprachlos. Er streichelte nur weiter Tsuki und schmiegte sich an Roman. Wer hätte noch vor ein paar Tagen gedacht, dass es einmal so harmonisch zwischen ihnen laufen würde.

„Komm, wir verteilen die Geschenke“, flüsterte Roman und nahm Maung Tsuki aus den Händen. Er wollte das unbedingt mit seinem Freund zusammen machen, denn sie gehörten jetzt zusammen. Er hielt seinem Freund die Hand hin, um ihm aufzuhelfen und ging mit ihm zusammen in die Knie. Das erste Paket, das er hochnahm, war auch gleich das größte. Sie hatten ein Körbchen und noch ein wenig Equipment für Feli gekauft, das seine Oma brauchen würde. Dazu legte Maung noch ein kleines Päckchen, in dem nur eine Schleife war. Die sollte die Oma auspacken und er würde sie dann Feli umbinden - vielleicht verstand Hilde ja auch ohne Worte, was das bedeuten sollte. Maung lockte schon einmal die junge Dame zu sich, während er Hilde mit einem schüchternen Lächeln das Päckchen reichte.

Die alte Dame bedankte sich lächelnd und besah sich die beiden Geschenke, las die Anhänger und lächelte Maung und Roman zu. „Alles für mich?“, fragte sie und man sah ihr an, dass sie neugierig war. Vorsichtig öffnete sie das kleine Paket, das sie in der Hand hielt und nahm die Schleife heraus. Ein wenig ratlos sah sie zu Maung und Roman. „Warte kurz“, bat Roman und nahm seiner Großmutter die Schleife aus der Hand, damit Maung sie Feli umbinden konnte. Immer noch ein wenig ratlos sah Hilde ihm dabei zu und dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Für mich?“, rief sie aufgeregt und nahm die kleine Katze entgegen. „Ich bekomme Feli geschenkt“, lachte sie glücklich und herzte die kleine Dame, die sich schnurrend an sie schmiegte.

„Es war eine Vernunftentscheidung“, sagte Maung, lächelte aber, auch wenn es ein bisschen schmerzte. „So dürfen die Jungs echte Jungs bleiben“, sagte er und sah die beiden Kater an, die in dem Papier von Oma Hildes Geschenk einen ebenbürtigen Gegner gefunden hatten und nun gemeinsam das bunte Monster in Fetzen rissen. „Perlen vor die Säue - bei denen ist echt nichts mehr zu retten. Egal ob kastriert oder nicht“, muffelte Maung, weil er selbst bei Tsuki abgeschrieben war.

„Danke, Maung, ich werde gut auf Feli aufpassen“, versprach Oma Hilde und sprach ganz bewusst Maung an. Sie hatte die letzten Tage gemerkt, wie sehr er an den Kleinen hing und war richtig gerührt, dass er Feli verschenkt hatte. Roman wusste auch so, dass er mit einbezogen war. Sie drückte den Freund ihres Enkels fest und strahlte über das ganze Gesicht. „Obwohl, gegen mein ursprüngliches Geschenk hätte ich auch nichts gehabt“, grinste sie frech und lachte.

„Öhm“, war alles, was Maung sagen konnte und sein Schwanz wedelte aufgeregt hin und her. Er wusste nichts zu entgegnen und schmiegte sich einfach fester an Roman. Dann würde man schon verstehen und so war es auch. Petra erklärte, dass es vielleicht besser wäre, wenn man den niedlichsten Kater Roman lassen würde, sonst wäre der wieder quengelig und würde den Baum umschmeißen. Schließlich hätten sie derartiges schon gehabt und sie spreche da aus Erfahrung. Maung kicherte und sah Roman an und versuchte, sich auch das zu merken, um es seinem Schatz bei Gelegenheit unter die Nase zu reiben.

„Mama“, rief Roman gequält und verzog das Gesicht. Warum konnte sie nicht wenigstens zu Weihnachten damit aufhören, ihn in Verlegenheit zu bringen? Es reichte doch, was Maung schon alles von ihm wusste. „Das war doch gar nicht so, das war ein Unfall“, wiegelte er ab und wusste, dass er wieder in eine Falle getappt war, als seine Mutter kicherte. „Och Menno“, seufzte er und grinste. „Hier, dein Geschenk von Maung und mir. Haste eigentlich nicht verdient, wenn du immer so was über mich erzählst.“ Vorsichtig gab er ihr das bunte Päckchen. Durch Zufall hatte er gestern in einem Laden etwas gefunden, was seine Mutter freuen würde. Eine passende Porzellanfigur zu der, die schon seit Jahren geklebt auf dem Regal stand.

„Wo hast du die denn her, Roman?“, rief sie begeistert und strahlte ihren Jungen an. „Ich habe schon so oft versucht, die passende zweite dazu zu bekommen. Doch man erklärte mir nur, die würden nicht mehr hergestellt und man könnte sein Glück auf Trödelmärkten versuchen.“ Natürlich wurde die Figur gleich neben die andere gestellt, mit dem Vermerk, dass es nicht nötig wäre, die auch noch zu zerdeppern und zu kleben, nur damit die beiden zusammen passen würden. Doch noch ehe Roman die Backen aufblasen konnte, war er schon gegriffen und versöhnlich dankend geknuddelt worden.

„Das ist Maungs Verdienst. Er hat sie im Schaufenster eines Ladens entdeckt und da ich wusste, dass du danach gesucht hast, hab ich sie gekauft.“ Roman zog Maung näher zu sich, damit er auch geknuddelt werden konnte. Er freute sich, dass ihre Geschenke bisher so gut angekommen waren. Bei seinem Vater war er sich da sicher, denn der freute sich immer über eine Flasche seines Lieblingswhiskeys. Da war nämlich gar nicht leicht dran zu kommen, da die kleine, irische Destillerie so wenige Flaschen herstellte, dass sie schon auf Monate hinaus vergriffen waren.

Doch Roman war ein schlauer Roman. Er stand seit zwei Jahren auf der Abonnenten-Liste und bekam jedes Jahr zwei Flaschen geschickt. Doch das verriet er seinem Vater lieber nicht. Sonst waren nämlich Romans Vorteile bei den Geschenken futsch und er musste sich wieder Gedanken machen, wie man Herbert eine Freude machen konnte. Der war ja schon wieder glücklich mit seiner Flasche, herzte sie dankend und stellte sie zu der fast leeren vom Geburtstag. Es war ein Segen, dass er im Sommer Geburtstag hatte und so regelmäßiger Nachschub gewiss war.

Noch einige Päckchen lagen unter dem Weihnachtsbaum und Roman wurde wieder unruhig, als er seinen Namen auf einigen entdeckte. Nur leider konnte er anhand der Form nichts erkennen, weil seine Familie – nur um ihn zu ärgern – seine Geschenke in neutrale Kartons steckte, so dass er als Kind nicht erkennen konnte, was er bekam. Praktischerweise hatte man das beibehalten, denn neugierig war er immer noch.

„So, wir sind durch. Ich mach uns einen Glühwein und dann setzen wir uns gemütlich um den Baum“, schlug Petra vor, wissend, dass ihr Junior gerade von einer mittelschweren Panik ergriffen werden dürfte. Erst hob Maung eine Braue, weil er darauf hinweisen wollte, dass etwas vergessen worden war, doch dann begriff er und stimmte zu. Schließlich war Glühwein extrem lecker. „Komm, Schatz.“ Er nahm Roman bei der Hand und wollte ihn Richtung Küche ziehen.

„Hey, da sind doch noch Päckchen“, rief Roman, aber niemand schien ihn zu hören. Was sollte das denn? „Glühwein gibt es erst nach der Bescherung und die ist noch nicht vorbei.“ Roman blieb stehen und versuchte Maung wieder zum Sessel zu ziehen, damit er endlich seine Geschenke bekam, die auf ihn warteten. Aber das war gar nicht so leicht, denn sein Freund hatte mehr Kraft, als man ihm zutraute und so wurde Roman immer weiter weg von den Geschenken gezogen.

„Schatz, da liegen nur noch leere Kartons. Lass uns Glühwein trinken. Der ist doch so lecker.“ Maung wandte sich um und sah Roman herzerweichend an, blinkerte mit den Augen und schnurrte leise. Die Ohren hingen ein wenig, ein Bild des Mitleids. „Ganz, ganz lecker“, wiederholte er wie ein Mantra und zog und zog. Es war schwer, nicht zu grinsen.

„Ja, aber…“ Roman sah ins Wohnzimmer und wieder zu Maung. Er war hin und her gerissen, das sah man ihm deutlich an und als er dem Zug an seiner Hand nachgab und hinter Maung hertrottete, sah seine Familie ihn erstaunt an. Noch nie hatte es jemand geschafft, Roman von seinen Geschenken fernzuhalten. Maung hatte gerade, ohne es zu wissen, einen großen Liebesbeweis bekommen und Petra lächelte ihm anerkennend zu. Maung verstand nicht und blieb deswegen stehen. Doch als er Roman ansah, der aussah wie Lucky, wenn er aus dem Bett geworfen wurde und in seinem Körbchen schlafen sollte, merkte er, dass er vielleicht zu weit gegangen war. „Danke“, sagte er einfach, weil er das Gefühl hatte, sehr viel bekommen zu haben und küsste Roman, ehe er ihn zurück zum Baum schob, ehe die Katzen sich noch mit dem letzten Paket erschlugen.

Roman zog Maung mit sich und hockte sich wieder mit ihm vor den Baum. Seine Oma reichte ihm das große Paket, auf dem groß sein Name stand und kaum hatte ihr Enkel es in Händen, flogen auch schon die Papierfetzen. „Cool“, rief er aus, als er den Surfanzug in Händen hielt. Es war schon eine Weile her, dass er seinen Eltern erzählt hatte, dass er sich einen neuen kaufen wollte. Er drückte sie und strahlte über das ganze Gesicht. Sie hatten ihm damit eine Riesenfreude gemacht. Kaum hatte er den Anzug aus den Händen gelegt, bekam er noch ein Geschenk von seiner Oma in die Hand gedrückt, genauso wie Maung. Was in seinem war, konnte er sich denken, denn er hatte ein Abkommen mit Hilde, dass sie ihn mit flauschig warmen, selbst gestrickten Socken und Handschuhen versorgte.

„Das sieht aus, als würde man das in eklig nassem Wasser anziehen und trotzdem nass werden“, murmelte Maung ganz leise, beguckte sein eigenes Geschenk aber dafür umso aufmerksamer. Sein Schwanz wedelte wieder vor Anspannung und so machte er es vorsichtig auf. Mit einer seiner ausgefahrenen Krallen schlitzte er vorsichtig den Klebestreifen auf und löste dann das Papier. Er hatte noch nicht einmal den Karton freigelegt, da hatte Roman seine Socken und die Handschuhe schon übergestreift. Also beeilte sich Maung auch - denn schließlich war er eine Katze und zur Neugier geboren.

Roman war auch neugierig, was sein Freund bekam und musste grinsen, als er ebenfalls Socken und Handschuhe aus seinem Paket zog. Seine Oma musste sie die letzten Tage gemacht haben, denn Maungs Geschenke zierten Mäuse. „Süß“, grinste Roman und zwinkerte seiner Oma zu. Sie musste Maung wirklich mögen, denn außer bei Roman hatte sie sich bisher geweigert, andere zu bestricken. Sie strickte gern und strickte gut, doch sie hatte selten die Ausdauer dafür.

„Ui. Dankeschön!“ Maung strahlte und knuddelte Oma Hilde durch, doch dann schlüpfte er gleich in die warmen Socken. Herrlich! Endlich keine kalten Füße mehr, auch wenn es jeden Abend im Bett eine Freude gewesen war, Roman mit den kalten Füßen zu erschrecken. „Nur gucken!“, knurrte Maung, als er Lucky und Tsuki schon auf sich zu kommen sah. „Zieht einen einzigen Faden und ihr werdet doch kastriert!“

„Ey“, kam es diesmal von Roman. Eigentlich war das ja Maungs Part, aber heute war es wohl anders als sonst. Die Worte schienen aber zu wirken, denn die beiden Kater schnupperten nur kurz und waren dann wieder weg. Das raschelnde Papier war viel interessanter.

„Schlaue Kerlchen“, lachte Herbert und half seiner Frau, die Glühweintassen auf dem Tisch zu verteilen. Danach kam er zu Maung, mit einer großen Kiste, die offensichtlich recht schwer war und stellte sie vor ihm ab. „Das ist von Petra und mir. Wir kennen dich noch nicht sehr gut, darum haben wir etwas ausgesucht, von dem wir wissen, dass es dir hoffentlich gefallen wird.“

„Ui!“ Maungs Augen wurden immer größer. So viele Geschenke wie in den letzten Tagen hatte er noch nie in seinem Leben bekommen. Vorsichtig näherte er sich der Kiste und beschnüffelte sie unauffällig, ließ wieder eine Kralle erscheinen und schlitzte vorsichtig das Papier, was er mit Freude den beiden Verrückten zum Spielen überwarf.

Zum Vorschein kam eine Ostkiste, liebevoll geschliffen und in Weihnachtsfarben lackiert. Maungs Name stand darauf und darinnen befanden sich zehn Flaschen verschiedenster Fruchtwein. Auch wenn der Kater es gar nicht merkte, seine Augen leuchteten, während sich Roman wohl fragte, ob seine Eltern Kopfschmerztabletten dazu gelegt hatten. „Danke, danke, danke!“, schnurrte Maung und umarmte die beiden, denn diese süßen Sachen mochte er besonders gern.

Roman sah Maung dabei zu und sah seine Eltern dankbar an. Sie hatten nicht nur Maung in sein Leben gebracht, sondern ihn auch ohne Vorbehalte und Vorurteile in ihre Familie aufgenommen. Apropos in sein Leben gebracht. Sie hatten doch noch ein Geschenk für seine Eltern. Roman wartete, bis Maung wieder neben ihm saß und holte einen Umschlag unter dem Baum hervor. „Das hier ist für euch beide, von Maung und mir“, grinste er und übergab das Geschenk an seinen Vater. „Damit wir beruhigt sein können, falls ihr wieder etwas im Internet bestellt.“

Herbert hob die Brauen, er ahnte nichts Gutes, wenn der Herr Filius so grinste. Vorsichtig öffnete er also den Umschlag und schüttelte lachend den Kopf, als er den Gutschein für 25 Aufbaustunden Englisch an der Volkshochschule gleich um die Ecke fand. „Oh ja, das hat dein Vater wirklich nötig!“, war Petra die erste, die die Schuld am Schlamassel weit von sich schob, auch wenn alles eigentlich ein extrem schönes Ende genommen hatte.

Alle stimmten in ihr Lachen ein und der Glühwein wurde verteilt. Er war etwas abgekühlt und hatte genau die richtige Temperatur, um ihn zu genießen. „Du auch Mama, denn du bekommst ebenfalls 25 Stunden“, lachte Roman und seiner Mutter fiel die Kinnlade runter. „Freches Gör“, schimpfte sie liebevoll und gab ihrem Sohn einen Kuss auf die Wange.

Roman saß mit Maung auf dem Boden und er war einfach nur glücklich. Er feierte mit seiner Familie zusammen Weihnachten. Das Fest, das er von allen Feiertagen im Jahr am liebsten hatte. Nicht weil er Geschenke bekam, sondern weil er sich geliebt fühlte. Und nun war noch ein ganz besonderer Mensch dazugekommen. Den Menschen, von dem er schon nicht mehr geglaubt hatte, dass er ihn treffen würde.

Er zog Maung zu sich und küsste ihn zärtlich. „Ich habe heute viele schöne Geschenke bekommen, aber das schönste von allen, bist du“, sagte er leise und sah seinem Freund tief in die Augen. „Ich liebe dich und darum bekommst du von mir das, was ich noch nie verschenkt habe. Mein Herz“, flüsterte er leise und Petra, die ihnen zugehört hatte, seufzte leise. Das war so romantisch.

Sie lächelte, als Roman Maungs Antwort in einem Kuss erstickte. Jetzt war nicht die Zeit zu reden, sondern die Zeit der Liebe und der Zuversicht.

Denn genau das war der Geist des Weihnachtfestes.



ENDE


Danke fürs Lesen