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Das Herz eines Herzogs - Teil 1 bis 4

01

„Was soll das, Mutter?“ Williams Stimme war wütend, als seine Mutter sich am Telefon meldete. Er hielt sich nicht mit einer Begrüßung auf, dazu fehlte ihm einfach der Nerv. Gereizt lehnte er sich in seinem Flugzeugsitz zurück und versuchte ruhig zu bleiben. Seit Wochen war er auf der Suche nach einer neuen Schule gewesen. Nicht nur, weil er das strenge Internat in England satt hatte, auch weil er der Bevormundung seiner Mutter endlich entkommen wollte. Gestern war er 18 Jahre alt geworden und hatte beschlossen, sein Leben jetzt selbst in die Hand zu nehmen.

Wäre es nach ihm gegangen, hätte ihn sein Weg heute Morgen nicht erfolglos nach Berlin geführt. Noch vor zwei Tagen hatten sie ihm versichert, der Platz in der Abschlussklasse wäre für ihn frei - und als er heute Morgen dort vor der Tür stand? Zu seiner Überraschung hatte man ihm erklärt, dass sie ihn leider nicht aufnehmen konnten, weil alle Plätze belegt waren.

Das war zwar ärgerlich, aber er hatte noch andere Schulen in der Auswahl gehabt. Eine davon in Tokio, eine in Kopenhagen, eine in Delhi. Um nicht sinnlos Stunden mit seinem Privatjet in der Luft zu verbringen, hatte er sicherheitshalber angerufen - die gleiche Prozedur wie Berlin.

Ein paar Tage vorher freudestrahlende Zusagen - heute waren alle Plätze belegt.

Das hatte William stutzig gemacht und man musste kein Genie sein, um zu wissen, welche Hotelmagnatin dabei ihre Finger im Spiel gehabt hatte. Jetzt saß er in seinem Flugzeug auf dem Weg nach New York, weil dort die einzige Schule war, die ihn aufnehmen wollte.

„Guten Morgen, mein Liebling.“ Abigail Kendal saß in ihrem Büro in London und schob die Akten auf dem Schreibtisch zusammen. Wie üblich regnete es und das Trommeln der schweren Tropfen auf die Dachfenster spielte den Rhythmus ihrer Laune. Noch ging er stetig, auch wenn sie wütend war auf ihren Sprössling, der sich hinter ihrem Rücken einfach aus dem Staub gemacht hatte.

Was bildete der Junge sich ein?

Sie wusste doch am besten, was gut für ihn war und ebenso wusste sie, dass es ihn nur noch mehr ärgerte, wenn sie auf die wütenden Worte ihres Jungen gelassen reagierte. Aber das tat sie immer, es war schlicht ihre Art. Emotionen waren ihr fremd, weil sie diese nur als störend empfand.

„Wie kann ich dir helfen? Solltest du nicht in der Schule sein? Latein ist fast vorbei“, sagte sie lächelnd und lehnte sich zurück. William mochte clever sein, doch er war kein Gegner für sie. Wozu hatte man überall seine Informanten?

„Du weißt ganz genau, dass ich nicht in der Schule bin, sondern auf dem Weg nach New York. Kannst du mir mal verraten, was das soll?“, kam prompt die wütende Antwort ihres Sohnes. „Ich bin volljährig und kann selber entscheiden, auf welche Schule ich gehen möchte. Warum mischst du dich ein? Du interessierst dich doch sonst auch nicht für mich. Also, warum jetzt?“ William wurde immer wütender, schließlich war er der Duke of Kendal. Oberhaupt einer der ältesten und einflussreichsten Adelsfamilien des britischen Empires.

„Schatz, du magst achtzehn Jahre alt sein, aber das heißt noch lange nicht, dass ich dabei zusehen werde, wie der junge Herr sich irgendwo in der Welt, wo ich ihn nicht unter Kontrolle habe, die Hörner abstößt, Bastarde zeugt, die Yellow Press füttert und das Familienvermögen verhökert.“ Abigail kannte ihren Jungen viel zu gut, um blind zu glauben, nur weil er volljährig wäre, wäre er vernünftig.

„Du hast also entweder die Möglichkeit, zurück nach London zu kommen und weiter hier aufs Internat zu gehen oder du wirst die Schule deines Großvaters besuchen. Du hast die freie Auswahl.“ Sie lächelte kalt und zufrieden. Wer sie linken wollte, musste früher aufstehen.

„Was fällt dir eigentlich ein?“, brauste William auf, aber er schluckte alle weiteren Worte herunter, denn er wusste, wann er verloren hatte. „Ich gehe nach New York. In dieses Internat kriegst du mich nicht mehr.“ Zumindest diese Genugtuung wollte er seiner Mutter nicht gönnen. Wo sie doch diejenige gewesen war, die das Internat ausgesucht hatte. Schließlich gingen dort auch die Kinder der königlichen Familie zur Schule und das war gerade angemessen für ihren Sohn.

„Wie du willst. Ich habe die Stadtwohnung bereits herrichten lassen. Ein Chauffeur wird für dich bereit stehen. Einen eigenen Wagen wird man dir in der Stadt nicht verkaufen, denn ich habe keine Lust, dass du ihn gleich zu Schrott fährst. Des Weiteren wirst du dich um den Landsitz kümmern und du wirst morgen deinen ersten Schultag haben, glaube also nicht, dass du dir die Sonne aufs Hirn scheinen lassen kannst.“ Sie ließ sich nicht beirren. William sollte ruhig glauben, er wäre ihr entkommen. Er würde auch noch lernen, dass er das nicht konnte.

Jane, ihre ältere Tochter, hatte versucht, durch die Heirat in eine fremde Familie und in ein fremdes Land ihrem Einfluss zu entkommen. Sie hatte einsehen müssen, dass man der Macht von Abigail Duchess of Kendal nicht entkam.

„Ach, leck mich doch.“ William legte sauer auf und schrie einmal laut, als er das Handy in die Ecke der Couch feuerte, auf der er saß. Wie er seine Mutter hasste und wie er es hasste, neben ihr noch nicht bestehen zu können. Erst mit 25 Jahren erbte er das gesamte Vermögen seiner Familie und hatte dann genug Macht, sich gegen sie zu behaupten. Im Augenblick hatte er in den Firmen, in die er einmal einsteigen sollte, noch kein Mitspracherecht. Er hatte zwar das Recht, sie jederzeit zu besuchen und sich alles erklären zu lassen, doch mal ehrlich - wer wollte das schon, wenn man nichts zu sagen hatte? Das hieß aber nicht, dass er sich nicht regelmäßig die Zahlen ansah.

Im Augenblick konnte er sich bildlich vorstellen, wie die alte Hexe mit einem Lächeln auf den Lippen vor ihrem PC saß und die Bilanzen überprüfte. Anders kannte er sie gar nicht.

Aufgewachsen war William mit Bediensteten und Angestellten.

Zu Schulfesten kamen Nanny und Chauffeur, ins Bett brachte ihn das Zimmermädchen und seine Ängste hatte William schon immer allein ausstehen müssen. Eine Mutter im Sinne des Wortes hatte er nie besessen. Nur eine alte Hexe, die glaubte, sein Leben bestimmen zu müssen, so wie es ihr am besten in den Kram passte.

Er hatte gehofft, dass es sich wenigstens etwas ändern würde, wenn er erst einmal volljährig war, aber William hatte sich eines Besseren belehren lassen müssen. Doch zumindest brauchte er nicht mehr nach London zurück. Einen kleinen Sieg hatte er also errungen. Konnte er nur noch hoffen, dass seine Mutter ihn wieder aus ihren Gedanken strich und in Ruhe ließ.

„Noch ein Wunsch, junger Herr?“, fragte die Stewardess, die mit einem leichten Imbiss und Getränken neben die Couch getreten war. „Der Kapitän lässt ausrichten, wir werden in einer Stunde landen. Es dürfte keine Verzögerungen geben.“

„Nein.“ William schüttelte den Kopf und beachtete die Frau nicht weiter. In Gedanken war er schon in New York. Die Schule, die er jetzt besuchen würde, war bestimmt nicht die schlechteste. Das Kendal College, gegründet von seinem Großvater, hatte einen guten Ruf. Es war in dem ehemaligen Klostergebäude der Grace Church untergebracht. In dieser Privatschule waren die meisten Schüler Kinder reicher Familien, auch wenn jedes Jahr immer ein paar Stipendien vergeben wurden. Das war das Erbe seines Großvaters, welcher der Meinung war, dass auch Menschen ohne viel Geld den Zugang zu Bildung bekommen sollten.

William sollte das egal sein. Mit Straßenschmutz gab er sich nicht ab.

„Mal sehen, was da an Ladys zu holen ist“, grinste der junge Duke und rutschte sich in seiner Couchecke bequemer. Dabei glitt seine Hand über die Tasche und das kleine Büchlein darinnen - seine Trophäensammlung: 828 Telefonnummern von Mädchen, die glaubten, sie wären seine große Liebe gewesen.

Sie hatten schnell feststellen müssen, dass ihre vermeintlich leichte Beute der eigentliche Jäger gewesen war und sie verloren hatten, als sie sich in seine Arme sanken, denn nach einem Kuss, den sie bekamen, wurden sie fallen gelassen. Der junge Duke hatte kein Interesse an einer Beziehung, sondern nur an Eroberungen. Die Gefühle der Mädchen waren ihm vollkommen gleichgültig. Was für ihn zählte, war das Gefühl bei der Jagd. Beobachten, anschleichen - Auge um Auge mit der Beute.

Und dann der finale Blattschuss.

Dabei störte es William ziemlich wenig, ob die Damen in festen Händen waren, ganz im Gegenteil - das erhöhte den Reiz noch. Besonders wenn seine Beute die Herzensdame eines seiner Feinde war. Dann war es ihm eine besondere Genugtuung, das Mädchenherz zu brechen. War nur zu hoffen, dass sein Ruf noch nicht bis zu seiner neuen Schule durchgedrungen war und er sein Büchlein weiter füllen konnte.

Den restlichen Flug verbrachte er in Gedanken. Er brauchte sich um nichts mehr zu kümmern, da seine Mutter bereits alles für ihn erledigt hatte.

Ungefragt, wie üblich.

Einfach vor vollendete Tatsachen gestellt.

Blieb zu hoffen, dass der Tag der Rache noch kommen würde.

Die Landung war wie immer unspektakulär und wie erwartet, stand bereits ein Wagen mit Chauffeur für ihn bereit. Wieder so ein alter Knacker, dachte William mürrisch. Wenn der auch versuchte, einen auf väterlichen Freund zu machen, dann konnte der Typ aber was erleben! Doch entgegen seiner dunklen Gedanken grüßte William höflich. Er wusste, was sich gehörte, auch wenn er sich da nicht immer dran hielt.

„Zum Plaza“, kommandierte er und sank in die Polster der Limousine. Auf das Landhaus und eine Armee Bedienstete hatte er jetzt wirklich keinen Nerv. In der Stadtwohnung hatte er wenigstens seine Ruhe und konnte alle rauswerfen, wenn ihm danach war, alleine zu sein. Manchmal war es doch von Vorteil, wenn die eigene Mutter eine große Hotelkette besaß. Man hatte in fast jeder Metropole der Welt ein Zuhause.

Wie William es erwartet hatte, war er schon angemeldet und eine ganze Batterie von Bediensteten versuchte, ihm seine Wünsche von den Augen abzulesen. Doch William wollte seine Ruhe. Er musste die Niederlage verdauen, die seine Mutter ihm beigebracht hatte.

„Hört zu, Jungs und Mädels“, erklärte William dem Pulk, der vor ihm stand. „Alles was ich will, ist was zu essen und meine Ruhe. Kein Gewusel in den Räumen, keine Störungen und sollte meine holde Frau Mama anrufen, bin ich nicht da. Ist das machbar?“, fragte er in seiner gewohnten Art, die mehr befehlen als fragen war.

Bei dem Sohn der Besitzerin war es gar keine Frage, dass Williams Wunsch entsprochen wurde und er nach ein paar Minuten alleine war und in Ruhe etwas essen konnte. Allein schon, weil seine Mutter die Augen darüber verdrehen würde, hatte er sich etwas typisch Amerikanisches bestellt. Einen Cheeseburger mit Pommes und Cola. Nachher gönnte er sich noch ein heißes Bad, denn die letzten beiden Tage waren anstrengend gewesen. Er hatte seine Flucht vorbereitet und viele Nachforschungen betrieben. Er hatte kaum geschlafen und nun, wo er endlich zur Ruhe kam, zupfte der Schlaf an ihm.

Der Teller landete auf dem Parkettfußboden neben der Ledercouch im Wohnzimmer, auf der William sich ausstreckte. Morgen ging er also in eine neue Schule - mal sehen, wie da der Hase lief und wie die kleinen Hasen so liefen. Er grinste frech.

„Hallo Stadt, du hast einen neuen Herrn“, lachte er und streckte sich zufrieden. Hoffentlich war hier mehr los als im alten London.

Er döste leicht weg und schreckte auf, als es an der Tür der Suite klopfte. Er fluchte leise vor sich hin, als er zur Tür ging. Wenn das jetzt nicht wichtig war, dann konnte sich derjenige, der ihn gestört hatte, aber warm anziehen. „Was?“, knurrte er ungehalten, als er die Tür aufriss. Dass sein Hemd offen und aus der Hose gerutscht war, störte ihn gar nicht, schließlich konnte er sich durchaus sehen lassen.

„Guten Tag.“

Vor der Tür stand ein Junge, vielleicht in seinem Alter. Die fransigen, rotblonden Haare hingen ihm ins Gesicht, verdeckten die unkleidsame Brille zum Glück fast völlig. Der Körper steckte leider in einer Schuluniform, so konnte William nicht sagen, ob er trainiert war oder ein Schlaffi. „Herr Collin, der Direktor der Schule, schickt mich. Ich soll dir das hier geben“, erklärte sich der Junge, drückte William einen Packen Bücher und diverse Zettel mit Hinweisen in die Hand und wandte sich um. Er hatte es eilig.

William stand etwas verdattert mit einem schweren Packen Bücher in der Tür und sah dem Jungen hinterher. Irgendwie war er verstimmt, weil ihn das alles wieder an seine Mutter erinnerte. Darum knurrte er und pfiff dem Jungen hinterher. „Wie kommt es, dass die dich einfach so rauf gelassen haben oder hast du dich rein geschlichen, weil du wissen wolltest, wie es in einem Luxushotel aussieht?“ Dass dieser Kerl nicht zur Oberschicht gehörte, konnte man deutlich sehen, so dass William keine Skrupel hatte, seine Launen an ihm auszulassen.

Yves blieb stehen und schluckte kurz. Was hatte er erwartet? Noch eine taube Nuss für die Knabbermischung, die sich College nannte und er hatte gelernt, dass es eigentlich besser war, sich nicht provozieren zu lassen. Wegen diesem Spinner kam er sowieso schon zu spät zur Arbeit. Das konnte er sich nicht leisten.

„Die liebe Mama hat der Rezeption bereits Bescheid gesagt, dass jemand kommt und die Unterlagen bringt. Man kann es dir ja schließlich nicht zumuten, dass du dir die Sachen selbst holst.“ Yves biss sich auf die Zunge. Ursprünglich hatte er unscheinbar wieder verschwinden wollen, doch der schwarzhaarige Fraggle mit seinem Schlafzimmerlook ging ihm gegen den Strich.

„Und wenn schon. Ich brauche nur mit dem Finger zu schnippen und ich bekomme, was ich will. Einschließlich dir.“ William zog verärgert die Augenbrauen zusammen. Er war es nicht gewohnt, dass man so mit ihm redete. Schon gar nicht von so einem Habenichts.

„Muss ja 'n geiles Gefühl sein, den Arsch nachgetragen zu bekommen.“ Yves schüttelte den Kopf. Was war das denn für einer? Und so was war der Enkel des Schulgründers?

Armselig.

Doch was regte er sich auf? Sollte der Kerl doch machen, was er wollte. Mit seinen rückenlangen Haaren sah er aus wie ein Weib, kein Wunder, dass er sich wie eine Diva benahm. Er sollte hier schleunigst verschwinden, Chen Lee dürfte schon warten. „Wie auch immer, ich muss!“

Und schon lief er über den Flur.

„Arsch“, hörte er William noch knurren, bevor die Tür des Apartments zugeschmissen wurde. Aber das beachtete Yves nicht weiter, sondern hetzte die Treppen runter, weil es ihm zu lange dauerte, auf den Aufzug zu warten. Wenn er gut durch kam, war er nicht mehr als 15 Minuten zu spät. Mit seinem Roller hatte er gute Chancen, denn damit konnte er sich prima durch den Verkehr mogeln. Yves war es egal, was andere von ihm dachten. Er trug nichts und er hatte nichts, nur weil es cool war oder teuer.

„Mach dich vom Acker“, knurrte er und huschte gerade noch bei kirschgrün über eine Kreuzung. Er musste zusehen, dass er so schnell wie möglich nach Chinatown kam. In einem der Nudelrestaurants hatte er im Hinterzimmer eine Bleibe gefunden, zu Konditionen, die man nicht einfach von der Hand weisen konnte. Er wohnte mietfrei, arbeitete aber als Kellner und Lieferant im Restaurant. Wenn er mehr als seine Stunden für die Miete ableistete bekam er das Geld cash auf die Hand. Was Besseres konnte ihm nicht passieren, denn er brauchte das Geld wirklich. Und der liebevolle Familienanschluss machte es leichter, allein in der Stadt zu sein.

Um das Schulgeld musste er sich keine Sorgen machen - er war schlau genug, locker von Jahr zu Jahr das Stipendium zu bekommen. Er brauchte das Geld für Joel, seinen kleinen Bruder mit einem Augenleiden. Der lebte seit Mamas Tod zusammen mit Granny auf dem Lande vor der Stadt in einem hübschen, kleinen Häuschen. Doch dort war kein Geld zu verdienen. Deswegen lebte Yves allein in dem Moloch New York und schlug sich durchs Leben, strebte seinen Abschluss an und hoffte, dass dann alles besser wurde.

Nur noch ein Jahr. Dann war er endlich raus aus der Schule, weg von diesen Idioten, die glaubten, mit Geld alles kaufen zu können - doch von Respekt und Anstand hatten die Snobs noch nie etwas gehört.

Aber nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer behandelten die Stipendiums-Schüler wie Dienstboten. Die Schule hatte jemanden, der Botengänge erledigen sollte, aber wen schickten sie zu diesem Ekel?

Ihn!

Er hatte es noch relativ gut, weil er gute Noten brachte und seit seinem ersten Tag Klassenbester war. Aber er musste das nur noch ein Jahr durchhalten, dann konnte er darauf hoffen, mit einem exzellenten Zeugnis einen gut bezahlten Job zu bekommen. Und dann wurde Joel operiert und dann würden sie zusammen gut leben.

„Meine Güte, wo hast du denn deinen Führerschein gemacht? Rechts ist das Gas!“ Yves fluchte wie ein Droschkenkutscher. Ihm rannte die Zeit weg und der Typ in seinem fetten Benz schlich durch die Straße. Wozu kauften die Idioten schnelle Autos, wenn sie dann doch nur durch die Gegend schneckten? Also nutzte er eine Chance auf eine Lücke und zischte an dem Schleicher vorbei. Dabei drückte er noch einmal auf die Hupe, auch wenn es nichts brachte, aber es musste sein.

Das war seine Möglichkeit, Spannungen abzubauen, wenn er keine Zeit hatte, Sport zu treiben. Kendo war ein wunderbarer Sport, um seine Ruhe zu finden. Nur war er heute Abend unter Garantie viel zu müde und würde nur noch in sein Bett fallen.

„Ich bin da, Chen“, rief er und sprang von dem kleinen Roller. Er griff sich in einer fließenden Bewegung Schürze und Speisekarten und war im nächsten Augenblick nur noch für seine Gäste da. Er mochte diesen Job, schon allein, weil er das chinesische Essen mochte. Nicht diese Fresstempel in Uppertown, wo der Geschmack der Speisen dem Geschmack der Gäste angepasst wurde. Hier wurde noch traditionell gekocht, wenn Yves auch nicht immer alle Zutaten kennen wollte.

Hinter dem Restaurant hatte der Bruder von Chen einen Dojo und dort konnte Yves trainieren. Er war gut, er war Hongs bester Schüler und deswegen bat der manchmal seinen Bruder, Yves für eine Stunde vom Kellnern zu befreien, damit er zusammen mit Hong den neuen Schülern ein paar Techniken zeigen konnte. Natürlich war Yves stolz darauf.

Der Dojo seines Meisters hatte einen guten Ruf und es wurden nur Schüler aufgenommen, die nicht einfach eine Möglichkeit suchten sich zu prügeln. Yves hatte überhaupt ein Faible für alles Asiatische, auch wenn er nicht wusste, woher das eigentlich kam. Aber er hatte keine Zeit darüber nachzudenken, weil das Restaurant voll war und er zwischen den Tischen hin und her laufen musste, um die Gäste zu bedienen.

Wenn es die Zeit zuließ, dann hielt er mit ein paar Stammkunden ein kurzes Schwätzchen. Es war erstaunlich, welche Art Menschen sich hier mischten. Tagelöhner und Geschäftsmänner, Mädchen von einer öffentlichen Schule und ein Gruppe Jungs, die von einer Privatschule waren. Alles traf sich hier und jeder wunderte sich über den jungen Mann, der keine asiatischen Wurzeln hatte, den es aber trotzdem in dieses Viertel verschlagen hatte.

„Du bist spät, ich dachte schon, dir wäre etwas passiert“, lachte eine von den Mädchen. Yuki war die Tochter eines Sushimeisters, ein paar Straßen weiter und Yves' beste Freundin.

„Ich musste noch was ausliefern.“ Yves zuckte mit den Schultern und umarmte das zierliche Mädchen kurz. Sie kannten sich, seit dem er den ersten Tag hier im Restaurant gearbeitet hatte und es hatte zwischen ihnen gleich gestimmt. Manchmal lernten sie auch zusammen, wobei es eher so war, dass Yves ihr erklärte, was sie nicht verstand.

„Was denn ausliefern?“, fragte sie neugierig, denn Chen hatte nicht gewusst, wo Yves abgeblieben war.

„Der Enkel des Gründers der Schule, auf die ich gehe, hat sich dazu herab gelassen, das letzte Jahr jetzt bei uns zu machen. Natürlich war es wieder mein Job, dem Fraggle den Arsch nachzutragen und ihm die Stundenpläne, Bücher und Merkblätter zu bringen.“ Yves' Stimme klang verächtlich, denn der Eindruck von dem Kerl war wirklich nicht der Beste. Er strich sich die Haare hinter das Ohr und schob die Brille wieder höher, die auf die Nasenspitze gerutscht war.

„War ja klar.“ Yuki schnaubte aufgebracht, denn sie hasste es, wie ihr Freund auf der Schule behandelt wurde. Er war mit Abstand der beste Schüler und trotzdem wurde er herumgeschickt wie ein Dienstbote. „Und wie ist der Typ so?“, fragte sie neugierig. Sie liebte Klatsch, besonders über die oberen Zehntausend.

„Zusammengefasst? Ein Arschloch Deluxe. Weiß, dass er reich ist, hat ein loses Mundwerk und keinerlei Anstand. Es gibt eben doch Dinge, die man mit Geld nicht kaufen kann.“ Mit einem Gummi band sich Yves schnell die losen Haare zu einem winzigen Zopf. Es war nicht schön aber praktisch und als Chen die nächste Bestellung auf den Tresen stellte, musste Yves erst einmal los, doch er kam sicher gleich zum Tisch zurück.

„Aha.“ Yuki grinste. Dieser Neue musste Yves ziemlich quer gekommen sein, wenn er so etwas sagte, denn normalerweise hielt Yves sich mit derartigen Aussagen zurück. Man wusste ja nie, wer sie hören konnte und eine Beschwerde über ihn, beim Schuldirektor, konnte er sich nicht leisten. Das machte diesen neuen Kerl aber auch gleichzeitig sehr interessant für die junge Japanerin. Sie hatte ein Faible für solche Typen, auch wenn sie bisher nur schlechte Erfahrungen damit gemacht hatte. Doch wie hieß es so schön? Was uns nicht umbrachte, machte uns härter und so suchte sie in jedem neuen Juppy den Traumprinzen mit dem goldenen Herzen. Oder ein bisschen Spaß, je nachdem, was sich finden ließ.

Yves reichte die Bestellungen vom Tisch in die Küche, brachte die Gerichte an den Tisch, bis Ling, Chens Frau, ihn fragte, ob er heute schon etwas gegessen hätte. Yves musste gestehen, dass dafür keine Zeit gewesen wäre und so musste er sich erst eine Standpauke anhören, wie man nur so vergesslich sein konnte und dann wurde er mit einer Schüssel Suppe mit reichlich Fleisch an den Tisch geschickt. Und man machte besser, was Ling sagte, denn sie hatte hier die Hosen an. Schnell übernahm sie Yves' Aufgabe, während der junge Mann sich kleinlaut neben die lachende Yuki setzte.

„Du lernst es echt nie“, kicherte sie und stibitzte sich ein Stückchen Fleisch aus Yves' Schale. Wie sie kaute fiel ihr etwas ein, was ihr Vater ihr aufgetragen hatte. „Papa lässt fragen, ob du mal wieder Zeit hättest mit mir zu üben. Mein letzter Mathetest ist nicht sehr gut gelaufen und ich soll die nächste Arbeit nicht versauen. Er meinte, er macht dir auch Fugu, weil du eine schwere Aufgabe hättest, mir was beizubringen und weil du gutes Essen bräuchtest, um mich auszuhalten.“

„Er ist so ein schlauer Mann, ich bewundere ihn“, sagte Yves ernst und brachte Yukis Freundinnen zum Lachen, während seine Freundin die Backen aufblies. „Aber keine Sorge, Kleines, dich kriegen wir auch noch schlau. Kann nur etwas dauern“, stichelte er weiter, unterbrach aber wissend das essen, weil Yuki meistens anfing, ihn zu kitzeln, um sich zu wehren - eine seiner wenigen Schwächen. Er war kitzlig wie verrückt.

„Gemeiner Kerl“, schimpfte Yuki und ließ ihre Finger über Yves' Seiten tanzen, aber sie lachte dabei und schnappte sich schließlich die Suppenschüssel, als ihr Freund noch japsend auf dem Tisch hing und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Womit sie nicht gerechnet hatte, war, dass ihre Freundinnen Yves sofort etwas von ihrem Essen abgaben und ihre Aktion zunichte machten. Aber sie grinste. Sollte er ruhig essen. Er konnte es gebrauchen. Sie wusste von allen am besten, dass es Tage gab, da ging er ohne Frühstück zur Schule. Dort konnte er sich sowieso nichts leisten und so war Chens Suppe das erste, was Yves am Tag aß. Auch wenn Ling versuchte, darauf zu achten, dass der Junge morgens aß. Oft verschlief er, wenn er zu lange trainiert hatte oder spät abends noch Lieferfahrten für den Bringdienst hatte.

„Kannst deinem Dad sagen, ich komme gern und versuche, dir etwas beizubringen“, grinste er und aß endlich weiter, denn er war eigentlich nicht zum Spaß hier. Er sollte arbeiten.

„Na, vielen Dank auch.“ Yuki schob schmollig die Unterlippe vor, aber das hielt sie nicht lange aus und lachte wieder. „Wie immer am Mittwoch?“, fragte sie, denn da hatte Yves oft seinen freien Tag und sie konnten mehr Zeit miteinander verbringen.

„Klar, warum nicht? Mit einer Stunde am Abend werde ich bei dir ja nicht weiter kommen“, lachte er und rutschte ab, ehe die flinken Finger ihn wieder malträtierten. Es war nicht so, dass Yuki dumm war, ganz im Gegenteil. Sie war ziemlich clever. Doch ihr Vater war eben ein sehr strenger Mann und er wollte etwas Gutes für sie im Leben - da gehörte ein guter Abschluss dazu.

„Kann ich auch mitmachen?“, fragte Jenny und wurde rot, denn jeder wusste, dass ihr der unscheinbare junge Mann gefallen konnte.

„Klar, kannst du.“ Yuki grinste ihre Freundin an und zwinkerte. Sie hatte schon öfter unauffällig versucht, die zwei zusammen zu bringen, aber bisher hatte das nie geklappt. Yves sprang einfach nicht darauf an und wenn Yuki ihn fragte, warum er denn keine Freundin hätte, kam immer nur was von: 'Keine Zeit!', und sie musste es glauben, denn sie kannte Yves' Tagesabläufe. Da war kaum Platz für eine Freundin.

Vielleicht gab sich das, wenn die Schule vorbei war und er endlich einen guten Job hatte. Zumindest erklärte sie das auch Jenny immer, die jedes Mal enttäuscht war, wenn Yves wieder nur höflich gewesen war, ohne auf ihre Reize anzuspringen. Und hässlich war sie wirklich nicht. Blaue Augen, lange blonde Haare - sie war das, was man im Allgemeinen als schön bezeichnete. Und auch jetzt blickte Yves nur zu ihr rüber und nickte einfach, wenn auch mit einem Lächeln. Es war nicht so, dass er Jenny nicht mochte, sie verstanden sich gut, aber das war es auch schon.

„Ich muss wieder.“ Seine Pause war vorbei und auch wenn Chen nichts sagen würde, wenn er noch ein paar Minuten sitzen bliebe, so wollte Yves das nicht. Er hatte hier einen Job und den nahm er sehr ernst. Ling hatte andere Aufgaben in der Küche und deswegen löste er sie eilig wieder ab, damit sie weiter ihre verlockend duftenden Gerichte zaubern konnte, von denen er seinem kleinen Bruder immer vorschwärmte und die er auch mit nahm, wenn er doch einmal vor die Tore der Stadt fuhr, um Granny und Joel zu besuchen. Der Kleine liebte Nudelsuppe mit Schrimps und wenn er erst einmal hier bei Yves war, konnte er das dann täglich essen, wenn er wollte.

Wenn es doch nur schon so weit wäre. Aber bis dahin würde noch viel Wasser den Hudson hinab fließen.





02

Gelangweilt saß William auf seinem Platz in der Klasse und hörte dem Lehrer nur mit halbem Ohr zu, denn das, was gerade durchgenommen wurde, kannte er alles schon und auch sonst musste er nicht besonders aufmerksam sein, denn seine Noten waren durchweg exzellent, ohne dass er sich anstrengen musste. Warum auch, wenn er in allen Fächern glatt 1 stand, ohne etwas zu tun? Da sah er sich lieber seine neuen Klassenkameraden an und checkte ab, was für ihn dabei war.

Ein paar der Mädels waren als Beute durchaus lohnenswert und die Jungs waren keine Konkurrenz. Kurz blieb sein Blick an dem unscheinbaren Blonden hängen, der ihm gestern die Bücher gebracht hatte und seine Augenbrauen zogen sich zusammen, weil es ihn immer noch ärgerte, wie der Kerl ihn behandelt hatte.

Natürlich hatte es sich William nicht nehmen lassen, gestern noch in Erfahrung zu bringen, was das eigentlich für einer gewesen war und der Dirktor hatte ihn in speichelleckerischer Manier alles erzählt, was ihn interessierte. Nun wusste der Duke, dass der Kerl Yves Turner hieß, eine mittellose Straßenratte war, die in Chinatown lebte und nur hier war, weil er das Stipendium bekam. Angeblich war er ein sehr helles Köpfchen. Davon hatte William aber noch nichts bemerkt, denn wenn er helle wäre, hätte er sich gestern nicht gleich den neuen Herrn der Stadt zum Feind gemacht.

„Idiot!“, lachte William leise und schüttelte den Kopf. Das lange, schwarze Haar tanzte ihm dabei über die Schultern. Der Kleine würde seine frechen Worte noch bereuen. Niemand beleidigte ungestraft den Duke of Kendal.

Bei seinen Betrachtungen wurde er von der Klingel unterbrochen, die das Ende der Stunde anzeigte und er packte seine Sachen zusammen. William wusste, was jetzt kam und sah hoch. Wie erwartet, war er umringt von neugierigen Schülern, die mehr von ihm wissen wollten. Er hasste es, wenn die anderen Jungs versuchten, sich bei ihm einzuschleimen, weil sie sich davon einen Vorteil versprachen und die Mädchen ihm ihre Brüste vor das Gesicht hielten, um ihm aufzufallen.

Es war wohl überall dasselbe, wenn sein Name viel. Manchmal wünschte er sich, niemand würde ihn kennen und man würde ihm normal begegnen, doch diese Anfälle waren kurz, denn eigentlich brachte ihm sein Titel mehr Vor- als Nachteile.

„Warum bist du denn hier?“, fragte einer.

„Bleibst du bis zum Abschluss?“, wollte ein anderer wissen.

„Hast du schon eine Freundin?“, schien auch von Belang zu sein.

Er ließ sich nicht anmerken, wie sehr ihn das alles anödete und beantwortete geduldig alle Fragen. Die ganze Klasse stand um ihn herum, nur einer nicht – die Straßenratte. Der nahm überhaupt keine Notiz von ihm und hing über einem Buch und das ging William enorm gegen den Strich, aber er konnte das gut verbergen. Er bekam noch seine Chance, da war er sich sicher.

Wie hieß es so schön? Man trifft sich immer zweimal im Leben und dann war William vorbereitet. Der Kerl würde es bereuen, wie jeder andere vor ihm, der glaubte, William dumm von der Seite anmachen zu können. Doch es kämpfte sich besser, wenn man mehr über seinen Gegner wusste. Also musste er erst einmal Informationen einholen und seine neuen Mitschüler waren ihm dabei sicher behilflich. So begierig wie sie darauf aus waren, ihm zu gefallen. Sie ließen erst von ihm ab, als es zur nächsten Stunde klingelte und der Lehrer den Raum betrat.

So hatte William wieder Zeit, in seine Gedanken zu versinken und sich sein erstes Opfer unter den Mädchen zu suchen. In seinem Büchlein war schon viel zu lange keine neue Nummer eingetragen worden. Er vermerkte sich immer auch das Datum des Abschusses und so kam es, dass bereits seit über zwei Wochen nichts mehr passiert war. Wenn das so weiter ging, wuchsen noch Spinnweben an dem Buch. Doch die nette Schwarzhaarige da vorn in der zweiten Reihe war für den Anfang kein schlechtes Opfer. Wie er herausgefunden hatte, hieß sie Christine und gehörte in die Familie eines Restaurantbesitzers. Er kannte ihren Namen vom Hören, denn die Hotels seiner Mutter hatten oft Kooperationsverträge mit ihm.

Zumindest hier in den Staaten.

Ob der wütende Vater seiner Mutter die Hölle heiß machte, wenn er mit der Kleinen fertig war, interessierte ihn überhaupt nicht. Schließlich wollte die alte Hexe ihn hier auf der Schule haben und sie wusste, dass er ein Jäger war. Sollte sie sich was einfallen lassen, die Ehre der geschändeten Tochter wieder herzustellen.

Gleich in der nächsten Pause würde er sie sich schnappen. Spätestens heute Abend hatte er die Nummer, da war er sich sicher. Dann noch ein, zwei Tage spielen und dann die nächste. Er fühlte sich wie an einem frisch aufgetafelten, kalten Buffet. Er wäre ein Kostverächter, würde er nicht überall einmal probieren.

„Wer kann mir sagen, wie viele Nullstellen diese Funktion hat?“, wollte Herr Granger wissen und ohne aufgefordert zu werden, platzte William heraus: „Drei!“

Was schreiben die denn alle?, fragte sich der Duke. Das konnte man doch im Kopf ausrechnen. Es war Instinkt, dass sein Blick zum angeblich Schlausten in der Klasse ging und er war ziemlich amüsiert darüber, dass die Straßenratte auch noch auf seinem Taschenrechner herum tippte.

Der Lehrer, der mit so einer prompten Beantwortung nicht gerechnet hatte, war sichtlich aus dem Konzept gebracht und man sah seinem Gesicht deutlich seine Vermutung an, dass der Neue geraten hatte, denn es stand rein gar nichts vor ihm auf seinem Zettel und er hatte keinen Taschenrechner neben sich liegen. Er musste seine Einschätzung allerdings revidieren, als William ihm aufzeigte, wie er zu diesem Ergebnis gekommen war und er das wirklich blitzschnell im Kopf ausgerechnet hatte.

Ein paar der Blicke, die erst bewundernd auf William gelegen hatten, gingen nun zu Yves hinüber und das Grinsen auf ihren Lippen bedeutete nur eines: 'der verdrängt dich von Platz Eins und ohne Stipendium sind wir dich endlich los'.

Sie mussten es nicht sagen, Yves konnte es lesen und er musste zugeben, dass sie vielleicht Recht hatten. Wenn der Fraggle wirklich so gut war, wie er eben gezeigt hatte, konnte es schwer werden.

Allerdings ließ er sich so schnell keine Angst machen, denn es konnte auch nur ein Glückstreffer gewesen sein und wenn der Fraggle nur in einem Fach besser als er war, war das nicht so schlimm. Er sollte aber vorsichtshalber versuchen, mehr über den Neuen herauszufinden, damit er gewappnet war, wenn nötig.

William hatte ihn beobachtet und sich denken können, was der Straßenratte durch den Kopf ging. Darum schüttelte er auch nur leicht den Kopf mit einem spöttischen Grinsen und schickte ihm ein lautloses „A+“ rüber.

„Davon träumst du doch, du Fraggle“, knurrte Yves, aber ziemlich leise und weil man es vorgezogen hatte, sich nicht neben ihn zu setzen - vielleicht aus der Angst heraus, Armut könnte ansteckend sein - hörte ihn auch keiner. Ein verächtlicher Blick über seine Brillengläser zu dem Neuen und dann widmete sich Yves wieder seinen Aufgaben. Es gehörte mehr dazu, als ein Glückstreffer, um ihn einzuschüchtern.

William ließ sich davon gar nicht beeindrucken. Er wusste, dass er gut war und wenn dieser Yves einen Wettkampf wollte, dann sollte er ihn haben. Er war niemand, der eine Herausforderung nicht annahm. Aber erst einmal legte er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Unterricht. Auch wenn er sich nicht anstrengen musste, sollte er doch wenigstens zuhören.

So sah er nicht, wie Yves sich die Brille von der Nase nahm und sich durch die Haare strich. Er konnte immer noch nicht begreifen, wie jemand solche Nachkommastellen im Kopf ausrechnen konnte. Sollte das etwa ein Genie sein? Wieder wanderte sein Blick zum Fraggle, zuckte aber, als jemand hinter ihm sagte: „Glotz weg, mit dir will der sowieso nichts zu tun haben.“

Der Sprecher zuckte allerdings zurück, als William ihm einen scharfen Blick zuwarf. Er mochte es nicht, wenn jemand meinte, sich in seine Angelegenheiten zu mischen. Die kleine Straßenratte gehörte ihm und die anderen konnten ihn haben, wenn er mit ihm fertig war. So lange hatte sich jeder rauszuhalten. Wäre doch schade, wenn Ratti gleich am ersten Tag kaputt ging. Mit wem sollte William dann raufen?

„Ach, leck mich“, knurrte Yves leise. Das konnte ja ein Schuljahr werden! Am besten sah er zu, dass er so schnell wie möglich hier raus kam nach dem Unterricht. Nicht dass der Typ ihm wieder ein Gespräch an die Backe nagelte, während er doch heute extra pünktlich sein musste: Hong brauchte ihn beim Training! Er musste nur zusehen, dass er schnell genug aus dem Raum kam, bevor ihn irgendjemand aufhalten konnte.

Aber Yves machte sich viel zu viele Gedanken, denn bisher hatte William nichts mit ihm vor. Er wollte der Straßenratte nur zeigen, dass er sich nicht mehr so sicher sein sollte, hier immer noch die Nummer Eins zu sein. Dazu reichte es, immer ein wenig besser als der Blonde zu sein und er war sich sicher, dass das nicht so schwer sein konnte.

Der Rest der Stunde verlief ziemlich ruhig und da sich - kaum dass es wieder zur Pause klingelte - alle wieder um William scharten, konnte Yves ungesehen verschwinden. Zum Glück war an die Schule ein weitläufiger Park angegliedert und Hecken teilten kleine Nischen ab, in denen man nicht gleich gefunden wurde. Sie waren sein Refugium für Pausen. Hier las er, hier schlief er kurz. Und kurz bevor die nächste Stunde begann, war er wieder im Klassenraum, ohne dass ihm jemand auf den Nerv gegangen war.

Aber heute kam er nicht zur Ruhe, denn seine Gedanken kreisten ständig um William, auch wenn er das gar nicht wollte. Wenn der Neue wirklich so gut war, hatte Yves ein großes Problem, denn das Stipendium war daran gekoppelt, der Beste zu sein. In einem oder zwei unwichtigen Fächern wurde es toleriert, aber nicht in den Hauptfächern. Und so wie der Typ ihn vorhin angefunkelt hatte, war es klar, dass dies als Kampfansage aufzufassen war. Schon um Yves etwas zu beweisen, lie der Mist-Fraggle es drauf ankommen.

„Ich muss besser werden. Das darf nicht passieren. Ich brauche den Abschluss!“ Alles andere kam für Yves nicht in Frage. So holte er sein Buch aus der Tasche und fing an zu lesen - diese Bücher mussten jetzt seine besten Freunde werden. Er musste mit ihnen schlafen, mit ihnen essen, mit ihnen schmusen. Ab sofort gab es außer seiner Arbeit und seinen Büchern nichts mehr, was ihn interessieren durfte. Da war es doch von Vorteil, dass er so gut wie keine Freunde hatte.

William indessen plauderte ein wenig mit Christine, schließlich brauchte sein Büchlein wieder Futter und so wie es aussah, standen seine Chancen nicht schlecht. Sie hatte bereits dieses anhimmelnde Glitzern in den Augen und die anderen Stuten im Stall warfen ihr wütende Blicke zu. Wenn das kein gutes Zeichen war. William grinste zufrieden.

„Und deine Mutter hat dich echt in England aufs Internat geschickt?“ Christine schüttelte den Kopf. Das würde ihr Daddy nie wagen - er vergötterte sein kleines Mädchen.

„Sie ist der Meinung, dass für ihren Sohn nur das Beste gut genug ist und das ist genau da, wo auch die Sprösslinge der königlichen Familie zur Schule gehen.“ William zuckte mit den Schultern. Er kannte es nicht anders und bald war so etwas auch vorbei. „Aber glaube mir, das ist nichts, was besonders wünschenswert ist. Man kann getrost darauf verzichten.“

Natürlich bekam Christine bei der Erwähnung der königlichen Sprösslinge gleich leuchtende Augen. Doch dann schüttelte sie den Kopf und lächelte William wieder an, ignorierte das Tuscheln ihrer angeblichen Freundinnen, die sich schon über sie lustig machten. Sollten sie doch - sie hatte, was die gern wollten. „Schön, dass du jetzt hier bist.“

„Ja, hier ist es wesentlich angenehmer.“ William sah sie dabei so an, dass sie glauben musste, das wäre allein ihr Verdienst und als sich ihre Wangen leicht röteten, wusste er, dass er gewonnen hatte. „Ich könnte aber noch ein wenig Hilfe beim eingewöhnen gebrauchen und ein paar Tipps, was man hier unternehmen kann, wären auch nicht schlecht. Würdest du mir da helfen?“, fragte er lächelnd und streifte dabei ihre Hand wie unbeabsichtigt mit seiner. Man konnte die anderen Mädchen fauchen hören, doch Christine störte sich nicht daran.

„Gern doch, ich zeige dir, was immer du willst“, sagte sie leise und irgendwie drängte sich das Gefühl auf, sie redete nicht nur von Clubs.

„Schlampe“, kam es leise aus den hinteren Reihen und Christine schoss herum.

„Mach die Backen zu, du Nachteule!“

„Ladys!“ William legte Christine die Hand auf den Arm und drehte sie wieder zu sich um. Selber aber sah er kurz zu dem anderen Mädchen, damit er wusste, wer sein nächstes Opfer war, aber dann legte er seine Aufmerksamkeit wieder auf Christine. „Was hältst du davon, wenn du heute Abend zu mir kommst? Dann kannst du mir erklären, wie weit ihr in den verschiedenen Fächern seid.“

Das war so fadenscheinig wie Christines Angebot - irgendwie fand sie, sie harmonierten beide ungemein. Doch leider kam ihnen das Klingeln für den Stundenbeginn dazuwischen. Hinter ihnen saß Yves schon wieder auf seinem Platz und schüttelte den Kopf. Kaum da und schon den ersten Wanderpokal errungen. Na, wenn das keine Glanzleistung war.

Ob er dem Fraggle sagen sollte, was er sich da alles an Krankheiten holte oder sollte er ihm gleich Antibiotika zustecken? Aber eigentlich konnte ihm das ja egal sein. Sollte dieser William doch selber heraus finden, dass es nur wenige Jungs in ihrer Jahrgangsstufe gab, die nicht wussten, wie freigiebig sie mit ihrem Körper war. Dann war der Fraggle hoffentlich abgelenkt genug, um ihren kleinen Wettstreit zu vergessen. Vielleicht hatte Yves Glück und der Kerl verbrachte mehr Zeit bei Ärzten als in der Schule, das wäre doch nicht übel.

Yves konnte nicht anders: er musste lachen, doch um nicht aufzufallen, ließ er wieder den langen Pony vor die Augen fallen und verkroch sich in seinem Buch. Noch ein paar Stunden, dann hielt er endlich wieder das Shinai[1] in den Händen.

Wenn das kein Ziel war, den Tag zu erdulden?!

Dieser Gedanke ließ ihn den Rest des Schultages überstehen, auch wenn die Stunden, die er noch mit William zusammen hatte, zeigten, dass er wirklich einen Konkurrenten um den Rang als Klassenbester bekommen hatte. Yves war froh, als er endlich seine Bücher zusammenpacken und nach Hause zurückfahren konnte. Heute hatte er nicht den Umweg über das Plaza nehmen müssen und so dauerte es keine viertel Stunde, bis er strahlend ins Restaurant stürmte, grüßte und schon wieder durch die Küche verschwunden war, um gleich im Dojo aufzuschlagen.

„Sensei“, rief er schon von der Tür aus und verbeugte sich.

Gut!

Die Stunde hatte noch nicht begonnen. Er konnte sich also noch umziehen. Den Hakara, den traditionellen Hosenrock, trug er gern. Er wusste auch nicht warum. Aber der war bequem.

Fertig umgezogen kam Yves wieder in den Trainingsraum und verbeugte sich. Er freute sich darauf, den Neuen zu zeigen, was sie erwartete und es machte ihn auch ein wenig stolz, wenn er die Bewunderung über sein Können in deren Augen sah. Schließlich hatte er oft und hart trainiert dafür.

„Yves“, rief Hong, der sich ebenfalls in die Trainingsklamotten geschmissen hatte und kam auf seinen Schüler zu. „Es dürften fast alle da sein. Fangen wir an.“ Wie jede Stunde begann auch diese mit der Begrüßung und der Meditation, ehe man überhaupt das Shinai in die Hände nahm. Zusammen mit den neuen und den älteren Schülern wärmte sich Yves erst einmal mit Schlagübungen auf, damit er wieder das Gefühl für das Holzschwert bekam.

Ab und an hatte ihn Hong mit einem richtigen Katana[2] üben lassen - freilich nicht mit gezogener Klinge, sondern in der Saya[3] steckend - das war etwas ganz anderes gewesen. Man hatte das Alter des Metalls gespürt, die Weisheit. Das Gefühl war unglaublich gewesen. Es würde der Tag kommen, an dem auch er sich eines dieser alten Samurai-Schwerter leisten konnte. Doch andere Ziele hatten Vorrang. Schließlich war es auch gut, Träume zu haben, denn dann hatte man ein Ziel, auf das man hinarbeiten konnte und auch einen Grund, sich alles andere zu versagen.

Aber das alles war vergessen, als Hong ihm das Shinai und den Kopfschutz gab. Jetzt war Yves in seinem Element und konzentrierte sich auf den Kampf. Noch immer war es sein Ziel, seinen Meister zu besiegen. Noch war es ihm nicht gelungen, aber irgendwann würde es soweit sein. Einmal hatte er ein Unentschieden hinbekommen und war damit belohnt worden, dass Hong - wenn sie allein waren - ihm Kenjutsu, den Umgang mit einem richtigen Schwert, beibrachte. Doch Yves hatte irgendwie noch heute das Gefühl, sein Meister hatte mit Absicht das Unentschieden zugelassen, um seinem besten Schüler einen lang gehegten Traum zu erfüllen.

Immer wieder unterbrach Hong mit einem harschen „Yame[4]“ den Kampf, um den anderen etwas in Zeitlupe zu zeigen oder zu erklären, wenn es zu schnell gegangen war.

Geduldig machte Yves alles mit und hatte auch großen Spaß daran. Beim Training konnte er immer vollkommen abschalten und den ganzen Stress des Tages abschütteln. Hinterher fühlte er sich gleichzeitig aufgekratzt und erschöpft. Ein Zustand, der ihm sehr gut gefiel. Nach der Dusche brachte ihm Ling noch etwas zu essen und er half noch ein wenig in der Küche. Schließlich gehörte das Kendo nur zu seinen Hobbys und im Restaurant verdiente er seinen Lebensunterhalt. Und er brauchte jeden Dollar, den er bekommen konnte, sollte ihn der Fraggle wirklich von seinem Platz verdrängen.

Es war fast Mitternacht, als er endlich in sein Bett fallen konnte. 

03

„Yves.“ Yuki sprang auf und lief ihrem Freund entgegen, der gerade das Restaurant ihres Vaters betrat. Zwar war sie nicht scharf darauf zu lernen, aber endlich hatte sie Yves einmal wieder etwas länger für sich, denn der arbeitete so viel, dass er kaum Zeit für sie hatte. Das war die letzten Tage noch schlimmer geworden. Da sah sie ihn nur noch, wenn sie in Chens Restaurant kam.

„Na? Bleistifte schon gespitzt?“, lachte Yves und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Er sollte sich mal wieder von Yuki den Pony schneiden lassen. Langsam wurde das lästig. Eilig begrüßte er Herrn Nagaya und seine Frau und versicherte lachend, dass man Yuki auch noch gescheit kriegen würde. Sie wäre noch kein hoffungsloser Fall.

„Na, vielen Dank auch.“ Yuki sah Yves strafend an, aber das hielt sie nicht lange durch, ein wenig Strafe musste aber sein, darum flitzte sie einmal kurz mit den Fingern über die Seiten ihres Freundes. „Wir sind dann oben“, rief sie ihren Eltern zu und zog ihren Nachhilfelehrer zur Treppe, die in die über dem Restaurant gelegene Wohnung führte. Dort waren sie ungestört und sie konnte Yves erst einmal ein wenig ausquetschen, was er die letzten Tage so gemacht hatte.

„Kommt Jenny doch nicht?“, fragte Yves, als er sich umsah und das Zimmer seiner Freundin leer fand. Er mochte diese Wohnung, denn sie war traditionell japanisch eingerichtet. Der niedrige Tisch, um den man kniete, die Futons anstelle von Betten. Vielleicht wollte er später auch einmal so wohnen. Bei Chen hatte er ja ein klassisch eingerichtetes Zimmer vorgefunden, was er bei einem chinesischen Auswandererpaar gar nicht erwartet hatte. Doch er beschwerte sich nicht. Es war klein aber hell und zweckmäßig.

„Jenny müsste auch gleich kommen, meine Eltern schicken sie rauf“, rief Yuki aus der Küche, in der sie gleich verschwunden war, um Tee aufzusetzen. Das war schon Tradition bei ihnen. Bevor sie mit dem Lernen anfingen, tranken sie Tee miteinander und plauderten. Dazu gab es nur ein wenig Gebäck, denn sie wollten sich ja nicht den Appetit auf die Köstlichkeiten verderben, die ihnen ihr Vater nachher servieren würde.

„Ach so“, sagte Yves und versuchte nicht allzu enttäuscht zu klingen. Er mochte Jenny, keine Frage. Sie war nett. Doch sie erwartete immer etwas von ihm, was er nicht geben konnte. Er suchte eben keine Freundin, denn er hatte für so etwas keine Zeit. Jetzt weniger denn je mit dem Klugscheißer-Fraggle im Genick. Yves knurrte unweigerlich, wenn er nur an das Hassobjekt dachte.

„Was ist los?“, fragte Yuki, die gerade mit dem Tee in ihr Zimmer kam. „Hätte ich Jenny nicht einladen sollen, mit uns zu lernen?“ Yuki wurde ein wenig unsicher, schließlich hatte sie Yves damit ja ziemlich überfallen, dass auch Jenny kam.

„Nein, schon okay. Sie ist nett. Wenn sie mir nur nicht immer zu verstehen geben würde, dass sie mehr will als lernen. Ich habe schlicht keine Zeit, deswegen denke ich über so etwas nicht nach“, erklärte Yves und ließ sich fallen. „Und seit der Fraggle in meiner Klasse ist und einen auf Genius macht, muss ich Sorge um das Stipendium haben. Ich habe keine Zeit für Ausgehen und solche Scherze. Ablenkungen kann ich nicht gebrauchen. Nicht in diesem Jahr!“

„Wie?“ Yuki setzte sich neben Yves und goss Tee ein. „Der Neue ist nicht nur ein verwöhntes, reiches Söhnchen, sondern ein schlaues, verwöhntes, reiches Söhnchen?“ Sie knurrte leise, denn der Typ wurde ihr langsam unsympathisch, egal wie sehr er auch ihre Kragenweite sein mochte. Sie hatte es ja schon reichlich unmöglich gefunden, wie er Yves behandelt hatte, als er ihm die Bücher gebracht hatte, aber ihrem Freund das Stipendium streitig zu machen, das konnte sie nicht tolerieren.

„Ja, manchmal ist er mir unheimlich. Egal wie korrekt meine Antworten sind, Schlaubi-Fraggle hat immer noch einen Kommentar dazu zu geben. Der Kerl macht mich verrückt, der regt mich auf. Ich möchte ihn prügeln und ihm sein dämliches Grinsen aus der Fresse kratzen!“ Yves wurde immer lauter und schneller, denn der Kerl brachte seinen Puls zum Rasen. Es war zum auswachsen. Dem Kerl war nicht beizukommen.

Yuki bekam große Augen, denn es war nicht nur sehr selten, dass ihr Freund sich so aufregte, sondern auch, dass er so heftig wurde. Darum zog sie Yves an sich und umarmte ihn fest. „So schlimm?“, fragte sie, und auch ihr Herz schlug schneller. Ihr Freund durfte sein Stipendium nicht verlieren. Wie sollte er denn die Schulgebühren bezahlen?

„So schlimm? Klar so schlimm“, knurrte Yves und nahm die Brille ab, schlang seine Arme aber um Yuki. Das tat gut, gehalten zu werden. „Nicht nur das. Der Typ hat es auf mich abgesehen. Wenn eine von den Dummbratzen völligen Schwachsinn labert, da erhebt er nicht hinterher das Wort und korrigiert. Nur bei mir. Ich werde langsam paranoid mit dem Kerl. Der will mich loswerden und ich weiß nicht warum. So eine Scheiße.“ Es tat gut, alles einmal rauslassen zu dürfen. Es gärte seit Tagen.

„Okay, jetzt hat der Kerl aber bei mir verschissen“, knurrte Yuki und küsste Yves auf die Wange. Ihren Freund so zu sehen, tat ihr in der Seele weh. Wie konnte dieser Kerl es wagen, Yves das Leben so schwer zu machen? Er war nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden wie dieser Fraggle. Das war einfach unfair.

„Lass mal, Süße, der Klugscheißer-Fraggle ist doch deine Aufregung gar nicht wert. Das adelt ihn doch nur... ach nee, der ist ja schon adlig“, grinste Yves schief. Er wollte sich nicht schon wieder über den Spinner den Kopf zerbrechen. „Außerdem soll der weiter seine komischen Weiber vögeln. Der hat einen Verschleiß, sage ich dir. Noch nicht eine Woche da und schon drei unglückliche Damen in der Klasse.“ Wo nahm der Typ die Zeit für so was her? Wann lernte der?

„Warum macht der so was?“ Yuki wollte sich nicht beruhigen, dafür ging ihr das, was dieser Snob mit ihrem Freund machte, viel zu nahe. Warum mussten diese reichen Schnösel immer auf denen herumhacken, die nicht so viel Geld hatten? Yves tat doch wirklich alles, um aus seinem Leben etwas zu machen. Warum durften die das so einfach ungestraft zerstören?

„Was weiß ich? Vielleicht hängt ihm ein Fraggle-Furz quer oder seine Tussis haben ihm keinen geblasen. Was weiß ich, was man für Gründe braucht, um anderen das Leben zu versauen oder ob man überhupt einen Grund braucht!“ Yves atmete tief durch. Er hatte sich die Frage seit ihrem ersten gemeinsamen Tag gestellt: „Warum? Was hatte er getan, um den Fraggle zu verärgern?“

„Ich glaube, das werden wir nicht verstehen, auch wenn wir hundert Jahre alt werden.“ Yuki ließ Yves los, strich ihm aber noch einmal über die Wange. „Vergessen wir diesen Kerl, zumindest heute und hoffen wir, dass er bald das Interesse verliert und etwas oder jemand anderen findet, dem er auf den Sack gehen kann.“ Sie kicherte, denn solche Sprüche kamen sonst nicht über ihre Lippen, weil weder ihre Mutter noch ihr Vater es schicklich fanden, wenn eine junge Dame so sprach.

„Komm, trinken wir Tee und würdigen den Fraggle keines Gedankens mehr. Es wird der Tag kommen, an dem er auch sein Fett weg bekommt und vielleicht habe ich das Glück, dabei zu sein und zu lachen.“ Yves ließ sich auf den Boden sinken und rückte sich seine Tasse näher. Der herrliche Duft von Jasmin lag in der Luft.

Yuki setzte sich neben ihn und kuschelte sich wie sonst auch an ihn. Sie saßen oft so zusammen und genossen schweigend ihren Tee. Jetzt war ihr auch klar, warum sie Yves seit Tagen nicht mehr gesehen hatte. Wahrscheinlich nutzte er jede freie Minute zum Lernen. Sie knabberte an einem Keks und schreckte auf, als es an ihrer Tür klopfte und Jenny ins Zimmer lugte. „Komm rein“, forderte sie ihre Freundin auf, löste sich aber nicht von Yves.

„Habt ihr schon... oh, ihr seid noch beim Tee, da komme ich ja genau richtig“, kicherte sie und streifte eilig Jacke und Tasche von den Schultern, ehe sie sich ebenfalls am Tisch niederließ. Schnell wurden die beiden begrüßt und dann saß Jenny auch vor ihrer Tasse. Gern würde sie auch einmal so eng mit Yves sitzen, doch der wich solchen Situationen immer aus. Es war zum verrückt werden.

Yves mochte sie, das wusste sie, aber das war es auch schon. Damit musste sie sich wohl abfinden, auch wenn es ihr schwer fiel. Darum lächelte sie nur zu Yves rüber und rückte nicht wie sonst etwas näher. Sie war hier, um zu lernen, also sollte sie sich darauf konzentrieren. Schaden würde es ihr auch nicht. Gute Noten konnte jeder gebrauchen und wenn sie mit Yves lernte, bekam sie die bestimmt.

„Also, Mädels, wo liegen eure Schwachpunkte“, fragte Yves, damit sie keine Zeit mehr vertrödelten. Über die Dinge, die ihn bewegten, sprach er sowieso nur - wenn überhaupt - mit Yuki. Ihr Gespräch war also vorbei. Im Endeffekt war der Fraggle sowieso sein eigenes Problem und er musste damit fertig werden, wenn er auch noch nicht wusste wie. In drei Wochen waren wieder einmal Vergleichstestate angesetzt, um die neue Rangliste aufzustellen und dieses Mal war sich Yves noch nicht so sicher, ob er noch an erster Stelle stehen würde und ob ihm das Stipendium gleich entzogen wurde oder erst nach dem Semester. Eigentlich wollte er optimistisch und kämpferisch sein, doch es war nicht schlecht, auch über das nachzudenken, was sich vielleicht nicht vermeiden ließ. Er brauchte mehr Geld - und dafür brauchte er einen zweiten Job. Doch wann sollte er den ausführen?

Die nächsten Stunden traten seine Sorgen allerdings in den Hintergrund, denn die beiden Mädchen lenkten ihn davon ab. Dank seiner Hilfe hatten Yuki und Jenny schnell verstanden, wie das mit der Mathematik funktionierte und dass es gar nicht so kompliziert war, wenn man jemanden hatte, der es einem richtig erklärte. So hatten sie noch reichlich Spaß zusammen, bis Yukis Vater sie zum Essen rief.

Unten im Restaurant war ein Tisch für sie gedeckt und Unmengen Leckereien warteten nur darauf, verkostet zu werden. Sushi in allen Formen und Farben, mit jeder nur erdenklichen Füllung, dazu Sashimi. „Lecker, Herr Nagaya. Vielen Dank.“ Im Haus des Sushimeisters wurde Höflichkeit groß geschrieben und daran hielt sich auch Yves. Doch das fiel ihm nicht schwer, denn er mochte es hier zu sein und Yukis Eltern waren sehr angenehme Leute.

„Greift zu, ihr müsst doch hungrig sein.“ Herr Nagaya lächelte.

Das leise Stimmengewirr von den anderen Tischen drang bis zu ihnen hinüber.

Yves verneigte sich noch einmal dankend, genauso wie Jenny und er nahm sich gleich etwas von dem versprochenen Fugu[5]. Den aß er nur hier, weil er wusste, dass Yukis Vater ein ausgebildeter Meister im zerlegen dieses giftigen Fisches war. Jeder Fehler, beim Zerlegen dieses Fisches, war tödlich und darum gab es dafür strenge Auflagen. Jenny war da etwas zurückhaltender und nahm sich lieber etwas Sushi. Solche gefährlichen Leckereien waren ihr nicht ganz geheuer - im Gegensatz zu Yves. Vielleicht sah man es ihm nicht an, doch er liebte die Gefahr, wenn er sie überschauen konnte. Schon allein die Übungsstunden mit rasiermesserscharfen Schwertern. Er liebte diesen Nervenkitzel, auch wenn es für seinen Geschmack viel zu selten vorkam.

Während sich die Damen mehr an die Reisrollen hielten, war Yves für den rohen Fisch zu haben - er liebte Sashimi[6] über alles und das wusste Herr Nagaya, deswegen war von Thunfisch und Lachs und Heilbutt auch reichlich da.

Sie lachten und schwatzten leise während des Essens, allerdings konnte Jenny nicht mehr zum gemeinsamen Tee bleiben. Sie umarmte ihre Freunde, als sie gehen musste und Yuki sah ihr nachdenklich hinterher. Ihre Freundin hatte sich anders verhalten als sonst und sie wusste nicht, wie sie das bewerten sollte. Grübelnd biss sie sich auf die Lippe und nippte an dem heißen Tee. „Mein ich das nur oder war Jenny heute anders?“, fragte sie und sah zu Yves rüber.

„Ja“, antwortete der ihr, ließ aber noch offen, ob Yuki sich das nur einbildete oder ob Jenny wirklich anders war. Ihm selber war das kaum aufgefallen, vielleicht weil er froh darüber gewesen war, einmal nicht im Mittelpunkt ihres Interesses zu stehen. „Sie hat sich auf die Aufgaben konzentriert und nicht auf mich. Hat sie einen anderen im Auge?“, fragte er also und versuchte dabei nicht erleichtert zu klingen.

„Bis heute Mittag nicht und das glaub ich auch nicht.“ Yuki zog die Augenbrauen zusammen. „Ich werde sie ein wenig trösten müssen, die nächsten Tage. Sie hat wohl begriffen, dass du nichts von ihr willst.“ Eigentlich war es schade, dass aus den beiden nichts geworden war, denn dann hätte sie ihre besten Freunde immer zusammen.

„Das tut mir Leid“, murmelte Yves. Er fühlte sich schrecklich, auch wenn er nicht sagen konnte warum, denn er hatte eigentlich nichts falsch gemacht. „Ich würde es gern gut machen, doch dann macht sie sich nur wieder Hoffnung, oder?“ Er verstand selber nicht, warum ein wunderschönes Mädchen wie Jenny sich für ihn interessierte. An ihm war gar nichts schön. Weder die zotteligen Haare, noch die störende Brille. Weder seine Figur noch seine Ausstrahlung.

„Muss es nicht. Ist nicht zu ändern.“ Yuki lehnte sich an Yves und lächelte. Das war einer der Wesenszüge, die sie an ihrem Freund so mochte. Er dachte nie einfach nur an sich. „Schön wäre es aber schon gewesen.“ Sie grinste, weil Yves wie immer seufzte. „Müssen wir dir ein Mädchen suchen, das dir auch gefällt.“

„Hey. Sie ist wunderschön. Es ist nicht so, dass sie mir nicht gefällt. Sie wäre schon das, was ich suche. Aber ich habe keine Zeit, Süße. Sie hat besseres verdient als einen Kerl, der jedes Date absagt, weil er arbeiten muss.“ Er wusste ganz genau, dass er sich wiederholte und dass es immer noch wie eine Ausrede klang, doch so war es leider.

„Vielleicht hat sie in einem Jahr noch Interesse, wenn ich einen Job habe und nicht mehr jeden Tag bis spät in die Nacht Geld verdienen muss“, grinste er schief. Hoffnung darauf bestand allerdings nicht, denn es gab einige - auch im Restaurant - die Jenny gern den Hof machten.

„Wenn sie schlau ist, wartet sie.“ Yuki knuffte Yves in die Seite und lachte. „Haare schneiden sollten wir aber schon vorher mal. Vielleicht nimmst du dir ja Zeit für eine Freundin, wenn du sie sehen kannst. Deine Zotteln verdecken doch total deine Augen.“ Sie sah auf die Uhr und stellte ihre Tasse ab. „Los, hoch mit dir. Das machen wir gleich, wenn du schon mal da bist.“

Sprachlos guckte Yves seine Freundin an. „Sag mal“, fragte er nach einer Weile, „kann es sein, dass du mich nicht mehr attraktiv findest?“ Doch er lachte gutmütig, als er sich erhob und sich noch einmal bei den Nagayas bedankte. Dann wurde er erbarmungslos die Treppe wieder nach oben geschleift. Er wehrte sich ein bisschen und brachte so ein paar der Anwesenden zum kichern. Ein paar junge Männer im Anzug - sicher Angestellte einer Bank, die hier zu Abend aßen, ehe sie in die Vororte nach Hause fuhren - flüsterten ihm zu, dass er sich nicht so anstellen sollte. Die Kleine wäre doch ganz süß. Aber Yves kam nicht dazu, das Missverstennis aufzuklären.

„Du bist süß, aber ich mach dich noch süßer.“ Yuki zwinkerte ihm zu und schob Yves ins Badezimmer. „Los Haare waschen, ich such alles zusammen“, kommandierte sie. Haare schneiden war ihre große Leidenschaft und an ihrem Freund konnte sie hervorragend üben und Yves sparte Geld.

„Aber mach sie nicht zu kurz. Wenn ich jeden Tag den blöden Fraggle sehen muss, tut das meinem Blutdruck sicher nicht gut.“ Dass er den langen Pony gern dafür benutzte, Leute zu beobachten, ohne dass die es gleich bemerkten, war eines seiner kleinen Laster. Er wollte das nicht aufgeben. „Nur die Spitzen“, knurrte er leise und zog sich schnell das Shirt aus, damit es beim Haare waschen nicht nass wurde. Dann konnte es auch schon losgehen.

„Hey, ich bin die Künstlerin. Du darfst applaudieren, wenn ich fertig bin.“ Sie legte Yves noch ein Handtuch über die Schultern, dann fing sie auch schon an. Sie hatte vor kurzem einen Schnitt in einer Zeitschrift gesehen, der perfekt zu ihrem Freund passte, sie ließ nur den Pony etwas länger, was aber dem Gesamtbild keinen Abbruch tat. Es machte den Schnitt sogar noch raffinierter und sie riss selber bewundernd die Augen auf, als sie fertig war. „Wow“, flüsterte sie leise und drehte Yves zum Spiegel. Der drehte sich erst einmal hin und her und betrachtete sich selbst. So übel sah das gar nicht aus. Der Nacken war schön kurz, der Pony nicht. Der hing noch immer schön in die Augen. Dafür waren die Seiten jetzt pflegeleicht und mussten nicht in einem Zopf gefasst werden.

„Na ja, geht so“, sagte er und musste sich ziemlich das Grinsen verkneifen, denn er war wirklich zufrieden.

„Undankbarer Kerl“, schmollte Yuki, lachte aber, als Yves grinste. „Ich werde immer besser.“ Sie zupfte noch ein wenig hier und da und schnitt noch einzelne Strähnen, die ihrer Meinung nach nicht so lagen, wie sie sollten, dann nickte sie zufrieden. „So kann man dich los lassen. Wenn du jetzt noch deine Brille loswürdest, dann, rennen dir die Mädels hinterher.“

„Nope! Die bleibt wo sie ist!“, erklärte Yves wie aus der Pistole geschossen und setzte sie sofort wieder auf. Er wollte gar nicht, dass ihm irgendjemand etwas einrannte. Er wollte unauffällig sein und sein Leben leben. Wenn man auffiel, hatte man nur Ärger - so wie mit dem Fraggle. Es reichte, dass er bei dem Kerl auf der Todesliste stand, da mussten es nicht noch mehr werden.

Yuki schüttelte seufzend den Kopf. „Was findest du nur an dem Ding? So schlecht, dass du sie brauchst, sind deine Augen auch wieder nicht. Ich kenne jede Menge Frauen, die schlechter sehen als du und damit prima durchs Leben kommen.“ Das war ein altes Streitthema zwischen ihnen und Yuki konnte wirklich nicht verstehen, warum ihr Freund sich das antat.

„Ich kann mich gut dahinter verstecken. Jeder der sie sieht, denkt ich bin eh nicht ganz dicht und lässt mich in Ruhe. Sie hat mich durch die Schulzeit gerettet.“ Allerdings musste Yves auch zugeben, dass sie ihn nicht vor dem Klugscheißer-Fraggle gerettet hatte. Das änderte aber nichts daran, dass er sie behalten wollte, so lange es ging. Zum einen waren Kontaktlinsen nicht billig, zum anderen gaben sie freien Blick auf sein Gesicht. Bei dem Gedanken fühlte sich Yves unwohl.

„Ja, ja, du erwähntest schon mal so was.“ Eigentlich war das Yves' Standardantwort, aber das hieß ja nicht, dass Yuki das einfach so hinnahm. Irgendwann würde ihr Freund einsehen, dass er nicht ewig alleine bleiben konnte. Yves sollte glücklich sein, denn das hatte er ihrer Meinung mehr als verdient. Der einzige, der sich vehement dagegen wehrte, war und blieb Yves - sie drehten sich im Kreis.

„Außerdem hätte ich dann gar keine Zeit mehr für dich und deine Mathe-Aufgaben“, grinste Yves und zog sich wieder an, strich sich aber noch einmal durch die nun kürzeren Haare. Es fühlte sich gut an. „Aber ich muss dann auch langsam, Süße. War schön bei euch!“

„Du würdest mich echt vergessen?“ Yuki verzog schmollend den Mund, aber ihre Augen blitzten schalkhaft auf. „Dann werde ich mich wohl doch erbarmen müssen und dich zum Freund nehmen. Ich brauch doch gute Noten“, erklärt sie mit ernstem Gesicht, aber dann prustete sie los und knuffte ihrem Freund gegen die Schulter.

„Ich wusste es. Frauen sind doch alle gleich. Berechnend.“ Gespielt warf Yves den Kopf und wandte sich ab. So sah das also aus! Doch dann lachte auch er und legte seinen Arme um Yuki. „Ich muss wirklich los. Ich habe Chen versprochen, noch ein paar Auslieferungen zu machen, dafür habe ich dann ein paar Stunden mehr für Training“, erklärte er. Eigentlich wäre Ling heute mit den Auslieferungen an der Reihe gewesen, doch die hatte Termine, die nicht zu verschieben waren, deswegen hatten sie kurzerhand getauscht.

„Arbeite nicht so viel.“ Yuki drückte Yves noch einmal, dann küsste sie ihn auf die Wange. „Besuch mich bald wieder. Meine Eltern freuen sich immer, wenn du da bist. Sie meinen, dass du einen guten Einfluss auf mich hast, weil du so strebsam und diszipliniert bist.“ Sie grinste und kicherte, denn ihre Mutter hatte ein Faible für Yves und hätte es wirklich gern gesehen, wenn aus ihrer Tochter und dem Blonden ein Paar geworden wäre.

„Aber immer doch, meine Schöne“, lachte Yves und ließ sich noch von Yuki zur Tür bringen. Dass sie dabei noch einmal durch den Laden gingen, nutzte Yves, um sich auch dort zu verabschieden. Wie Yuki auch, bestanden ihre Eltern ebenfalls darauf, dass Yves recht bald wieder kommen sollte und dann war er vor der Tür auf der engen Gasse. Ein Blick auf die Uhr, dann sputete er sich. Je eher er da war, umso mehr konnte er arbeiten.



04

Keinen Blick an die Umgebung verschwendend fuhr William mit seinem Wagen auf das Grundstück des Familienanwesens auf Long Island. Schließlich hatte ihm seine Mutter aufgetragen, sich um das Haus zu kümmern. Heute fuhr er das erste Mal dort hin, weil einige seiner Sachen angekommen waren. Vor allen Dingen seine Sammlung wertvoller, teilweise antiker Schwerter. Er musste überprüfen, ob sie die Reise unbeschadet überstanden hatten. Besonders die japanischen Samurai-Schwerter hatten es ihm angetan und deswegen wollte er jetzt endlich Unterricht in ihrem Umgang nehmen. Bisher hatte seine Mutter ihm das verboten, aber nun, da er endlich 18 war, ließ er sich da nicht weiter reinreden. Seine Babys sollten nicht mehr nur an der Wand verstauben, sondern endlich genutzt werden.

Es war ein Kompromiss mit seiner Mutter gewesen, dass er auch mit den Ein- und Zweihändern trainieren durfte. Nur weil er im Florette der Beste seiner Altersklasse war. Ihr war es immer nur um das Ansehen ihrer Familie gegangen - da war es gar nicht schicklich, wenn der junge Herr weder mit dem Florette noch mit dem Golfschläger umgehen konnte. So hatte William einen Großteil seiner freien Stunden mit Golf, Fechten oder Kricket verbracht. Zerfressen vom Ehrgeiz hatte er sich so intensiv hineingekniet, bis er jeden geschlagen hatte, der gegen ihn angetreten war - und alles nur, um sich damit ein paar kleine Freiheiten zu erkaufen. Wie eben seine schweren, alten Großschwerter, die zu schade waren, um nur vor sich hin zu gammeln. Ein Schwert hatte eine Seele und die starb, wenn das Schwert nicht benutzt wurde. Zumindest glaubte William fest daran.

Und jetzt, wo er seine Mutter endlich los war, wollte er seine Lieblinge beherrschen lernen. Er hatte vier wunderschöne Katanas mit zugehörigem Wakizashi[7]. Doch er hatte keinen Schimmer, wie man sie hielt oder schwang. Seit Tagen schon war er auf der Suche nach einem guten Dojo, aber er hatte sich noch nicht entschieden.

Voller Vorfreude parkte er seinen Wagen in der Auffahrt und stieg aus. Jetzt erst sah er sich um. Das große, weiße Haus, mit dem Säulenvorbau aus der Bürgerkriegszeit, war noch nicht lange im Besitz der Familie und er hatte es selber noch gar nicht gesehen. Es war komplett renoviert und William musste zugeben, dass seine Mutter ein Händchen für stilvolle Immobilien hatte. Langsam ging er zur Eingangstür, die schon vom Butler aufgehalten wurde und stand schließlich in der großen Eingangshalle, von der aus die Treppe in die nächste Etage führte. Doch er ging noch nicht nach oben, sondern noch einmal vor die Tür.

„Lass die Tür einfach offen“, sagte William zu dem älteren Herrn im Frack und lehnte sich über das frisch geweißte Geländer, was die Veranda abgrenzte. Sein Blick lag wieder auf dem Sportwagen und er grinste. Ob seine Mutter schon wusste, dass es doch einen Händler gab, der ihm dieses Schätzchen verkauft hatte? Sie hatte doch allen Ernstes ein paar Autohändler in den Randbezirken vergessen zu instruieren. Wie nachlässig von ihr. Ausdauer beim Suchen zahlte sich eben doch aus. „So clever bist du nicht, um mich wieder an die Kette zu legen, alte Hexe“, knurrte er und gönnte sich noch einen letzten Blick auf den schwarzen Bugatti. Doch dann lockte ihn der Ruf seiner Lieblinge, er konnte sie hören.

„Wo sind meine Kisten hingebracht worden?“, forderte er zu wissen, als er in die große Empfangshalle trat.

„Wir haben sie hoch in eins der Besuchszimmer bringen lassen“, erklärte James und zeigte mit dem Arm zur Treppe. „Ich gehe vor und zeige ihnen den Weg.“ Der Butler deutete eine Verbeugung an und William nickte leicht, um seine Zustimmung zu zeigen. Er musste nachher einmal durch das Haus gehen und nachschauen, ob er einen der Räume als Übungsraum herrichten konnte. Seine Mutter konnte doch nicht alle Räume mit antiken Möbeln voll gestellt haben!

Eilig folgte der junge Herzog James die breite Treppe ins obere Geschoss. Das barocke Stufenmaß war angenehm zu laufen. Oben angekommen wies James den Weg und öffnete die Tür, dann zog er sich unaufgefordert zurück. Er hatte dem jungen Herrn schon in London gedient. Er wusste, dass William allein sein wollte, wenn er mit seinen Heiligtümern zu tun hatte.

Williams Augen leuchteten auf, als er die vielen Kisten sah. Sie waren alle unbeschädigt, das beruhigte ihn ungemein. Viele dieser Waffen waren alt und sehr wertvoll, besonders die japanischen. Es waren ausschließlich Waffen, die von berühmten Meister-Schmieden angefertigt worden waren. Auf dem freien Markt waren solche Kostbarkeiten nicht erhältlich. Er hatte viele seiner Beziehungen spielen lassen müssen, um sie zu bekommen. Nicht immer zur Freude seiner Mutter, doch das war William schon immer egal gewesen - so wie sie ihn benutzte, benutzte er sie und ihren Namen. Dann waren sie quitt.

Eilig ging er zu den riesigen Holzkisten, in denen die beidhändigen Langschwerter lagen. Das Claymore, ein altes schottisches Meisterwerk, war sein frühester Trainingspartner gewesen und es war Tradition geworden, dass es immer als erstes das Licht erblickte. Sein Vater hatte es ihm damals mitgebracht. Viele Jahre war das schon her. Damals hatte ihn dieses Schwert noch überragt. Er hatte es als kleiner Knopf kaum halten können - doch heute lag es in seiner Hand als hätte es schon immer dorthin gehört.

Vorsichtig scob er das Tuch vom blank polierten Stahl und nahm das Schwert in beide Hände, ließ es langsam durch die Luft gleiten. „Ich hab euch vermisst“, sagte er dabei leise und sein Blick glitt über die anderen Kisten.

Vorsichtig legte er das Claymore wieder zurück und öffnete die Kiste mit den beiden Nodachis[8]. Diese japanischen Langschwerter waren wohl die seltensten seiner Sammlung. Beinahe ehrfürchtig nahm er das erste an sich und schwang es einmal im Kreis. Allerdings wirkte es etwas unbeholfen, da William bisher noch nicht gelernt hatte, mit den japanischen Waffen zu kämpfen. Darum legte er es wieder weg und nahm das zweite an sich, damit er nachsehen konnte, ob es auch unversehrt war.

Es war reiner Zufall gewesen, dass er sie bekommen hatte. Das Oberhaupt einer japanischen Fürstenfamilie war an ihn herangetreten, weil man wusste, dass er seltene Schwerter sammelte. Die Familie war in arge Geldnöte geraten und der Verkauf der Schwerter war der einzige Weg, den drohenden Konkurs abzuwenden. Auch heute war es noch so, dass das Schwert die Seele seines Herrn in sich trug. Es zu verlieren oder gar zu verkaufen kam einer Entehrung gleich - doch auch Schulden waren entehrend, weswegen der Mann dem Verkauf zugestimmt hatte, um wenigstens das Wohlergehen seiner Familie zu wahren. Ein trauriges Schicksal klebte an diesen Waffen, doch das minderte nicht ihre Schönheit.

Der polierte Stahl glänzte im einfallenden Sonnenlicht, als William ihn zurück in die Saya schob. In der Kiste daneben lagen Daishōs - japanische Schwertpaare, die jeweils aus einem Lang- und einem Kurzschwert bestanden. Katanas und Wakizashis, genauso wie Tachis[9] und Tantōs[10]. Eine nach der anderen zog er die Klingen aus der Saya, um zu sehen, ob sie Schaden genommen hatten. Doch alle waren sie makellos. Wieder fiel ihm ein, dass er noch keinen Dojo gefunden hatte, der mit Schwertern ausbildete und er knurrte leise. Das konnte doch nicht sein, dass in einem Schmelztiegel wie New York nicht ein einziger Schwertmeister zu finden sein sollte.

Er hatte eine vage Auskunft bekommen, dass es so etwas in Chinatown geben sollte und hatte auch schon seine Fühler ausgestreckt, aber noch nichts Konkretes erfahren. Aber William ging davon aus, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er mit dem Unterricht beginnen konnte. Seine Lieblinge sollten benutzt werden.

Nach und nach kontrollierte der junge Herzog alle seine Waffen. Die japanischen Lanzenschwerter, die Dolche aus aller Welt, die Wikingerschwerter und die Shotel, die afrikanischen Krummschwerter. Alle hatten die lange Reise gut überstanden und warteten darauf, wieder ans Licht geholt zu werden. Im Geiste malte William sich gerade aus, wo sie angebracht werden sollten, als sein Handy klingelte.

Verärgert, weil er aus seinen Gedanken gerissen wurde, schaute er aufs Display und seine Miene wurde noch griesgrämiger. Was wollte seine Mutter denn schon wieder von ihm? Kurz war er versucht, nicht dran zu gehen, aber dann siegte doch seine gute Erziehung und er meldete sich. Allerdings nicht sehr freundlich, denn er bellte nur ein genervtes: „Was?“, in den Hörer.

„Habe ich dir nicht beigebracht, wie man sich am Telefon meldet, mein Liebling?“, fragte Abigail sofort, ohne sich zu einem Gruß hinreißen zu lassen. Das flegelhafte Verhalten wollte sie ihrem Jungen eigentlich nicht durchgehen lassen, doch jetzt erziehend auf ihn einwirken zu wollen hatte wenig Sinn. Er war stur. Von wem er das nur hatte? „Ich wollte hören, wie es läuft und was du dir dabei gedacht hast, dir einen solch hässlichen Wagen zuzulegen. In der Tiefgarage des Plaza stehen drei Maybach - was war an denen nicht passend?“

„Die Farbe“, knurrte William wütend, denn dass seine Mutter so schnell von seinem Bugatti erfahren hatte, schmeckte ihm gar nicht, aber er hätte damit rechnen sollen. Die alte Hexe hatte ihre Spione überall und fast nichts blieb ihr verborgen. „Mein Wagen ist nicht hässlich und er hat den Vorteil, dass ich der einzige bin, der ihn fahren darf. Aber warum rufst du wirklich an? Mein neuer Wagen ist doch nicht wichtig genug, dass du dafür deine Arbeit unterbrichst.“

„Wenn du damit die Tochter eines Geschäftspartners durch die Gegend fährst, sie bespringst und dann fallen lässt, so dass mein Geschäftspartner deretwegen ziemlich brüskiert über das Verhalten derer von Kendal ist, dann betrifft das leider auch mein Leben, Junge“, erklärte Abigail, was sie so zum kochen gebracht hatte. „Glaube nicht, dass ich noch lange zusehe, wie du dich negativ auf meine Geschäfte auswirkst. Noch solch eine Aktion und ich sperre dir die Kreditkarten. Du magst clever sein, William Matthew - doch mit mir solltest du dich noch nicht anlegen. Das würde dir nicht bekommen.“ Eine klare Drohung und dabei spielte es keine Rolle, dass William ihr Sohn war. Wer sich ihr in den Weg stellte, wurde vernichtet.

William knirschte wütend mit den Zähnen, aber er beherrschte sich, denn seine Mutter wartete doch nur darauf, aber trotzdem konnte er die Anschuldigung nicht auf sich sitzen lassen „Ich habe dieser kleinen Schlampe nie irgendwelche Hoffnungen gemacht, dass ich mehr will, außer Sex. Wenn sie sich mehr ausrechnet und zu Daddy rennt, weil sie glaubt, dass er über dich was ausrichten kann, damit ich bei ihr bleibe, ist das einfach nur dumm. Außerdem sollte jemand einmal ihrem Daddy stecken, was für ein Wanderpokal seine Tochter ist und dass sie mich angemacht hat und nicht umgekehrt.“

„William. Es ist mir gelinde gesagt egal, wer wen angemacht hat, wer was wusste und wer was klar gestellt hat. Benutze deinen Kopf, Junge.“ Abigail wurde lauter. Sie war diese ständigen Ausreden leid. „Such dir deine Huren im Heer der Namenlosen und wage es nicht, Bastarde zu zeugen. Wenn ich derartiges noch einmal erlebe und du mich blamierst, wirst du für jeden Cent, den du ausgeben willst, arbeiten gehen. Haben wir uns verstanden?“

William schnaubte geringschätzig. Er war Abigails Sohn und er hatte mehr von ihr mitbekommen als sie ahnte. Schon seit Jahren hatte er sich abgesichert, so dass er von ihren Kreditkarten nicht mehr abhängig war und bisher hatte er es auch geschafft, diese Tatsache vor ihr zu verbergen. Sollte sie ihm ruhig drohen und glauben, ihn in der Hand zu haben. Sie würde noch früh genug merken, dass er ein durchaus ernst zu nehmender Gegner war. Aber erst einmal sollte sie glauben, gewonnen zu haben. „War das alles, Mutter?“, fragte er kalt. „Ich habe zu tun.“

„Ja, sicher hast du zu tun, mein Junge“, lachte Abigail. „Messer schärfen und schwingen, hm? Jetzt wo du weg bist von mir, glaubst du, du kannst endlich machen, was du willst.“ Doch sie würde ihm da nicht reinreden. Er hatte eben sein Hobby, das musste sie akzeptieren, auch wenn es ihr nicht in den Kram passte. Sollte er sich einen Trainer suchen - dann war er wenigstens beschäftigt und vögelte nicht sinnlos in der Gegend herum, was ihr dann nur Ärger machte.

William ging darauf gar nicht ein, sondern legte einfach auf. „Alte Hexe“, knurrte er leise und knirschte mit den Zähnen. So langsam musste er etwas gegen seine Mutter unternehmen, aber ihr war nur schwer beizukommen. Allerdings machte jeder einmal Fehler und eine Frau wie Abigail, ging über Leichen, wenn es sein musste. Irgendwann tat sie etwas, was ihm nützlich sein konnte, denn ihr Ansehen ging ihr über alles. Rache war ein Gericht, was kalt serviert wurde und wenn William eines gelernt hatte, dann warten.

„Wart's ab, alte Hexe. Du züchtest in mir deinen Nagel zum Sarg.“

Knurrend warf er das Telefon auf ein Sofa, was in dem Raum stand und eigentlich für unterhaltsame Plaudereien gedacht war. Im Augenblick sah man den hellen Samtstoff kaum noch, weil die Couch mit leeren Kisten und Papier und Holzwolle übersät war. Williams Sammlung lag liebevoll ausgebreitet auf dem großen Bett und ein letzter Blick glitt darüber.

„Ehe ich jetzt etwas tue, was ich hinterher bereue, verschwinde ich jetzt“, knurrte er und wühlte sich doch wieder sein Handy zutage. Ein paar Stunden im Fechtclub, dort konnte er seinen Frust kanalisieren. Vielleicht waren Robert und Peter da, zwei der wenigen Menschen, die sich mit ihm abgaben, ohne ihn in den Himmel zu loben. Es war erfrischend wie die beiden mit ihm umgingen. Sie hatten selber genügend Geld und entstammten Familien, die dem Ruhm und Reichtum der Dukes of Kendal nahe kamen.

Ohne zu zögern, würde er sie als Freunde betiteln. Etwas was bisher noch niemand geschafft hatte. Sie waren die besten Fechter des Clubs, bevor William dort aufgetaucht war und erst waren sie reserviert und misstrauisch ihm gegenüber, aber das hatte sich schnell geändert, als sie die ersten Kämpfe ausgetragen und festgestellt hatten, dass er wirklich gut war, sogar viel besser als sie selbst. Sie harmonierten perfekt im Kampf und so hatte sich ihre Freundschaft entwickelt, denn sie respektierten einander.

Robert Mc Laughlin war - wie William auch - der Sohn eines Hotelimperiums. Peter Higgins hingegen entstammte einer Familie, die mit ihren Ländereien Glück gehabt hatte und nun auf vielen davon Öl förderte. Sie waren damals wohl zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen und hatten, unter der Leitung erfahrener Geologen, Ländereien gekauft, unter denen Öl vermutet wurde. Sie besaßen Unmengen Land in Arabien, Afrika und waren auch an Förderungen auf dem offenen Meer beteiligt. Wie William fand, eine spannende Sache und Peter hatte ihm versprochen, zusammen mal eine solche Plattform zu besuchen.




[1] Holzschwert im Kendo

[2] Langschwert der Samurai

[3] Schwertscheide

[4] „Stopp!“

[5] Kugelfisch, ein hochgiftiger Fisch, der nur von speziell ausgebildeten Köchen zubereitet werden darf, weil jeder falsche Schnitt das Gift aus den giftigen Körperteilen in das ungiftige Muskelfleisch dringen lassen kann

[6] Zubereitungsart von rohem Fisch und Meeresfrüchten, am ehesten mit dem europäischen Carpaccio zu vergleichen. Im Unterschied zu Sushi wird der Fisch aber nicht auf Reis serviert.

[7] zum Katana gehörendes Kurzschwert der Samurai

[8] überlanges „Katana“, wird beidhändig geführt

[9] japanisches Schwert mit säbelähnlicher Klinge, stärker gebogen und länger als das Katana

[10] leicht gebogenes, einschneidiges japanisches Kampfmesser, mit ähnlichen Schmiedetechniken gefertigt wie die japanischen Langschwerter ist es eine rasiermesserscharfe Waffe.