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Das Herz eines Herzogs - Teil 9 bis 12

09

So war William am Ende der Stunde nicht nur schweißgebadet, sondern auch fix und fertig. „Ah… hinsetzen. Das tut gut“, murmelte er matt, als er neben Yuki auf den Boden sank. „Morgen kann ich mich bestimmt nicht bewegen. Ich hätte nicht gedacht, dass es in meinem Körper noch so viele Muskeln gibt, die ich nicht kenne und auch noch nie benutzt habe“, lachte er leise und ließ den Kopf an die Wand sinken.

„Das ist kein leichter Sport“, sagte Yuki leise und versuchte ein Lächeln. Einmal hatte sie versucht, sich zu erheben und Yves zu folgen. Sicher war er im Restaurant drüben, doch sie hatte es nicht vermocht. Was sollte sie sagen? Es tut mir Leid? Ich habe das nicht gewollt? Natürlich war es so, doch es änderte nichts an der Situation. Und William zu bitten, von hier wieder zu verschwinden, war auch keine Option. Er hatte Spaß an dem Sport, genau wie Yves.

„Leicht nicht, aber er macht Spaß.“ William stand schwerfällig auf und hielt Yuki eine Hand hin, um ihr aufzuhelfen. „Kann ich mich hier duschen und wenn ja, ein Handtuch bekommen? Ich habe nicht damit gerechnet, heute schon zu trainieren und nichts mitgenommen.“ Wenn er gleich nach Hause fahren würde, wäre ihm das egal, aber er wollte noch ein wenig Zeit mit Yuki verbringen.

„Sicher. In den Duschen hängen Handtücher. Es ist hier Sitte, dass jeder eines bekommt und immer reihum jeder mal den Packen mitnimmt zum Waschen. Musst dich da aber nicht dran beteiligen“, sagte sie und schlug sich vor den Mund. Was sagte sie denn da? Nur weil William mehr Geld hatte, hieß das ja noch lange nicht, dass er sich mit solch banalen Sachen wie Handtüchern nicht befassen wollte. Hatte sie Yves' Denkweise übernommen?

„Schon okay, Kleines, ich kann mir denken, was Yves dir von mir erzählt hat und was ihn betrifft, hat er mit seiner Meinung über mich auch Recht. Allerdings kennt er nur einen Teil von mir, genauso wie du. Wenn es hier üblich ist, ab und zu die Handtücher zu waschen, dann werde ich das auch tun, denn ich will keine Sonderbehandlung. Hier bin ich ein Schüler wie jeder andere.“ William war nicht verärgert, wenn überhaupt, ein wenig enttäuscht, weil er das von Yuki nicht erwartet hatte.

„Tut mir Leid“, murmelte sie und hatte einmal mehr das Gefühl, heute gar nichts richtig machen zu können. Vielleicht wäre sie heute Morgen besser im Bett geblieben, dann hätte sie jetzt noch einen besten Freund und Hong seinen besten Schüler. Dann würde William vielleicht noch einen Dojo suchen, aber er hätte schon einen gefunden. „Vielleicht geh ich jetzt besser.“ Ehe sie noch mehr Zeug von sich gab, was irgendjemand in den falschen Hals bekommen konnte.

„Yuki.“ William hielt sie auf und lächelte sie an. „Ich bin dir nicht böse.“ Er strich ihr mit einem Finger über die Wange und legte ihr einen Arm um die Taille. „Ich hatte gehofft, dass wir noch etwas zusammen essen. Schließlich sollen die Nudelsuppen hier die besten sein, wie du gesagt hast, und ich mag so etwas sehr gerne.“

„Du willst da... du“, stammelte Yuki. Das konnte doch jetzt nur ein Scherz sein. Wollte er Yves wirklich keine Ecke in dieser Stadt mehr lassen, wo er seine Ruhe hatte? Vielleicht hatte ihr Freund mit seiner Einschätzung nicht ganz unrecht gehabt und warum fühlte sie sich jetzt so zerrissen?

„Warum quälst du ihn so?“, fragte sie offen, auch wenn sie es sich vielleicht mit William verscherzte und sie sich nie wieder sahen. Sie musste es wissen.

„Oh… Yves arbeitet dort?“ Hatte Yuki ihm das gesagt, weil sie ihn so entgeistert ansah? William konnte sich nicht daran erinnern, sonst hätte er den Vorschlag nicht gemacht. „Warum ich so auf ihn regiere? Nun er hat mich angegriffen und in eine Schublade gesteckt, nur weil ich reich bin. Das lasse ich mir nicht gefallen und er bekommt das, was er erwartet.“

Yuki wusste nicht, was sie sagen sollte. Yves hatte ihn angegriffen? Sie kannte Yves jetzt schon ein paar Jahre und er hat noch nie jemanden angegriffen - weder körperlich noch verbal. Er suchte immer seine Ruhe und ein gutes Auskommen. Doch sie wagte nicht nachzufragen. Mit einem hatte sie es sich heute schon verscherzt und sie musste darüber nachdenken, wie sie Yves erklären konnte, dass das nur ein Zufall gewesen war - wenn auch ein richtig blöder. „Aha!“, sagte sie. Zu mehr war sie im Augenblick nicht fähig. In ihrem Kopf drehte sich alles.

„Wenn es dir lieber ist, können wir auch woanders essen, aber etwas zu Essen brauche ich, sonst sterbe ich.“ Er ließ Yuki wieder los und fing an, sich aus dem Hakama zu schälen und die Rüstung auszuziehen. „Aber erst einmal duschen. Ich rieche.“ William schnüffelte an sich und verzog das Gesicht, aber mehr um Yuki aufzuheitern.

„Um hier raus zu kommen, müssen wir eh durchs Restaurant. Wenn er nicht arbeitet, können wir ja da bleiben“, schlug sie vor, um William nicht vor den Kopf zu stoßen. Aber wenn Yves sie noch einmal zusammen sah, reimte er sich bestimmt ein paar Sachen zusammen, die so nicht richtig waren. Sie musste ihm das sagen.

Ihre Augen suchten Hong. Hatte Yves zu ihm noch etwas gesagt? Ihr Magen schmerzte und sie fühlte sich unwohl. Etwas fehlte.

„Okay, machen wir das so.“ William machte sich auf in die Dusche und Hong kam zu Yuki rüber. Er legte ihr die Hand auf die Schulter. „Gib ihm Zeit. Er ist verletzt und er hat im Moment eine Menge Probleme. Sei einfach für ihn da, wenn er auf dich zukommt. Es kann dauern, aber er wird kommen.“

„Probleme?“ Yuki sah Hong fragend an. Ja, sie wusste, dass sein Stipendium in den Sternen stand. Aber es war doch noch nichts entschieden. Es waren noch keine Tests geschrieben. Es konnte doch noch... ach was machte sie sich vor? Sie hatte William doch gehört. Er wollte Yves eine Lektion erteilen, ihn im Dreck sehen und er war ein Mann, der bekam, was er wollte. Einen Dojo zum trainieren hatte er ja schließlich auch schneller gefunden als geplant.

„Es tut weh, Hong. Es tut so weh. Sein Blick. Verachtend und enttäuscht. Es hat so wehgetan und es tut immer noch weh. Ich würde ihm am liebten alles erklären, doch wir wissen beide, dass er nicht zuhören würde.“ Das war alles so verfahren. „Hoffentlich macht er keinen Blödsinn.“

„Nein, das denke ich nicht, aber ich werde ihn im Auge behalten, so dass ich ihm helfen kann, wenn es nötig ist.“ Hong wirkte nicht mehr so unnahbar wie beim Training. Er mochte die junge Japanerin, die entgegen der üblichen Gepflogenheiten unter den Jugendlichen, noch Werte kannte und wusste, wie man sich zu benehmen hatte. „Er ist verletzt, Yuki. Er hat angedeutet, William habe es auf ihn abgesehen und dass er nun hier ist, hat Yves sehr verletzt, besonders, weil du ihn mitgebracht hast. Er wird mit sich reden lassen, wenn er soweit ist.“

„Aber es war doch keine Absicht!“, betonte Yuki noch einmal. „Er hat immer von einem Arschloch geredet, von einem Mistkerl - und der William gestern bei uns im Lokal war nett, höflich und zuvorkommend. Ich wäre doch nicht im Traum auf die Idee gekommen, dass er der Fraggle ist.“ Sie schluchzte, wischte sich aber tapfer über die Augen. Sie wollte nicht weinen. Yves mochte es nicht, wenn Mädchen weinten. Er fühlte sich dann immer so hilflos.

„Ich bin völlig durch den Wind.“

„Das weiß ich und Yves wird das auch noch einsehen. Er wird uns allen fehlen, aber er ist nicht weg, also werden wir ihn auch wieder sehen.“ Yuki tat Hong Leid, darum nahm er sie kurz in den Arm. „Wir können an der Situation nichts mehr ändern, sondern nur das Beste daraus machen.“

„Und wie? Er hat weiter keine Freunde. Er ist da jetzt mutterseelenallein und kann sich an niemanden wenden. An euch Lees wird er sich nicht wenden, weil er zu stolz ist, an mich wird er sich nicht wenden, weil ich ihn in seinen Augen verraten habe. Ich mach mir Sorgen.“ Sie rollte die Schultern und versuchte sich zu fassen. William konnte schließlich jeden Augenblick wieder aus der Tür kommen und es musste wirklich nicht sein, dass er noch mehr Futter bekam, was er gegen Yves verwenden konnte. Sie steckte in einer Zwickmühle. William war nett, sie mochte ihn.

„Ich werde mit meinem Bruder und meiner Schwägerin reden. Wir werden einen Weg finden, ihm zu helfen, ohne dass er es mitbekommt. Wir lassen ihn nicht im Stich, auch wenn er sich zurückzieht.“ Hong ließ Yuki wieder los und lächelte. „Man muss nicht viele Freunde haben, wenn man die richtigen hat und die hat Yves, auch wenn er das im Moment nicht sehen will.“

„Ich hab ihn angeschleppt. Du hast ihn aufgenommen“, grinste Yuki schief. Aber warum auch nicht? Entweder hatte William zwei Gesichter oder Yves hatte maßlos übertrieben. Doch sie kam nicht weiter dazu, darüber nachzudenken, denn William schien fertig mit duschen. Er hatte sich umgezogen und stand grinsend in der Tür.

„Können wir?“, fragte er und kam zu ihnen. „Lee-Sensei, wann ist das nächste Training und was muss ich dafür mitbringen?“ fragte er Hong und somit war klar, dass er auf jeden Fall wiederkommen wollte. „Wie macht ihr das hier? Schließen wir einen Vertrag ab?“ William hatte keine Ahnung, wie so etwas hier gehandhabt wurde und wie das mit der Bezahlung ablief.

„Ich bin jeden Tag hier. Ich halte Training jeden Tag um die gleiche Zeit ein paar können nur einmal die Woche. Ein paar kommen täglich. Komm eine Woche. Wenn du dann immer noch dabei sein willst, machen wir einen Vertrag. Die Trainingskleidung kannst du selber kaufen oder leihen. Ebenso das Shinai. Die meisten bevorzugen ihre eigene Ausrüstung. Entscheide selbst.“ Er verbeugte sich vor den beiden, weil Yuki schon auf dem Weg zur Tür war.

„Oh gut, dann kann ich das Training hier mit dem Fechten abstimmen.“ Das war günstiger, als er gedacht hatte. Er musste Yuki gleich fragen, wo er seine Ausrüstung bekam. Er folgte der jungen Japanerin, die in der Tür auf ihn wartete und bot ihr wieder den Arm an. „Wo möchtest du denn essen, wenn es hier gerade nicht so günstig ist?“, fragte er vorsichtig, weil er nicht schon wieder Yves erwähnen wollte.

„Keinen Schimmer, such was aus“, sagte sie leise, lächelte aber, weil sie William nicht den Abend verderben wollte. „Ich bin wohl keine berauschende Begleitung, hm? Tut mir Leid.“ Das sagte sie heute auch nicht zum ersten Mal und so holte sie tief Luft, um den Kopf frei zu bekommen, doch das war nicht so leicht. Immer wieder hatte sie Yves' entsetztes Gesicht vor Augen. „Vielleicht auf einen Burger?“, versuchte sie das Gespräch weiter zu führen und zog die Jacke fester um sich. Auf dem Hof war es kühl und dunkel. Und Yves' Fenster war auch dunkel.

Er war nicht da.

„Warum nicht, Burger sind lecker, aber wenn es geht, würde ich schon gerne die Suppen hier probieren. Muss aber nicht sein.“ Yuki wirkte für seinen Geschmack etwas zu bedrückt, aber daran konnte er heute wohl nichts mehr ändern, schließlich hatte er das zu verantworten. „Was für Suppen kannst du denn besonders empfehlen?“

„Ich mag am liebten die bihun. Da sind Geflügel und Glasnudeln drin. Aber dou fu tang - also Suppe mit Tofu ist ziemlich lecker.“ Yuki schob die trennenden Tücher beiseite, damit sie das Lokal betreten konnten und sah sich hastig um. Im Gastraum war Yves nicht zu sehen, auch bei den Tischen vor dem Lokal nicht. Sein Roller war weg, also machte er wohl Lieferungen. So setzte sie sich an den einzigen freien Tisch, versteckt in einer Ecke. „Suanlatang wird auch gern gegessen. Sauerscharfsuppe. Gibt’s mit verschiedenem Fleisch. Oder auch Nudeln mit Garnelen oder lass dich am besten beraten. Ling kennt die Speisekarte besser als ich“, grinste sie schief.

„Da läuft einem ja das Wasser im Mund zusammen.“ William leckte sich über die Lippen und nahm sich die Speisekarte. Er überflog sie kurz und lächelte der Asiatin zu, die zu ihrem Tisch kam und Yuki fragend ansah. „Was darf ich ihnen bringen?“, fragte sie freundlich, wenn auch ein wenig reserviert, denn Yves war so komisch gewesen und sie spürte instinktiv, dass Yukis Begleiter etwas damit zu tun hatte. „Für mich bitte einmal die Sauerscharfsuppe mit Rindfleisch und die Eierblumensuppe“, bestellte er, denn er hatte wirklich Hunger nach dem Training.

„Und du? Willst du auch was, Yuki?“, fragte Ling und sah die junge Japanerin noch einmal an. War dies der Grund, warum Yves - anstatt zum Training - lieber zur Arbeit gekommen war? War das Yukis neuer Freund, dem Yves nicht begegnen wollte? War ihr etwas entgangen? Doch sie lächelte nur.

„Ja, eine Schüssel bihun hätte ich gern und einen Tee“, bestellte Yuki und zog den Kopf etwas zwischen die Schultern. Sie fühlte sich seziert von Lings Blick. Ob sie es schon wusste? Was dachte sie jetzt von ihr?

„Oh, Tee, den hätte auch gerne, bitte“, bestellte William und sah sich dann im Lokal um. Es war einfach, aber gemütlich eingerichtet und es war gut besucht. Hauptsächlich Asiaten. Das zeigte eigentlich, dass hier gut und traditionell chinesisch gekocht wurde. „Bist du oft hier?“, fragte er Yuki und grinste, weil sie von ein paar jungen Mädchen beobachtet wurden, die kichernd miteinander tuschelten.

„In Zukunft wohl nicht mehr so häufig“, sagte sie nachdenklich. Eigentlich wäre es ihre Art gewesen den Mädels am anderen Tisch zu zeigen mit wem der schmucke Kerl hier war. Aber heute war ihr nicht danach, das Revier zu verteidigen. In ihrem Kopf lief zu viel verquer. Doch als ihr bewusst wurde, was sie gesagt hatte, beeilte sie sich zu erklären, dass sie fast täglich hier war.

„Ah so.“ William wusste nicht so genau, was er darauf erwidern sollte. „Es tut mir Leid, dass ich dein Leben vollkommen durcheinander gebracht habe. Es war wirklich nicht meine Absicht, dir deinen besten Freund wegzunehmen. Wenn du möchtest, rede ich mit ihm. Du solltest lächeln, das traurige Gesicht steht dir nicht.“

Yuki versuchte sich an einem schwachen Lächeln und legte William eine Hand auf den Arm. „Du musst ihm nichts erklären und es muss dir auch nichts Leid tun. Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände, das kommt schon wieder ins Lot.“ Sie versuchte Zuversicht auszustrahlen, denn sie konnte nicht zulassen, dass William sich schuldig fühlte. „Es wäre vielleicht besser, wenn du nicht versuchst, mit ihm zu reden. Das mach ich schon. Dir haut er nur das Shinai über den Schädel.“ Sie lachte herzhaft.

William verzog das Gesicht und lachte mit. „Nee, muss nicht sein, ich mag mich, wenn ich unverletzt bin.“ Er strich ihr über die Finger und grinste, als am Mädchentisch geseufzt wurde. „Schön, dass du wieder lachst. Ich mag das. Du bist so anders als die Mädchen, die ich kenne. Mit dir zusammen zu sein macht Spaß.“

„Danke“, lächelte sie verlegen und wurde ein bisschen rot. Es war schon eine Weile her, dass ein Mann so nett zu ihr gewesen war. Eigentlich hätte sie sich nicht mit William einlassen sollen, weil er Yves so behandelt hatte. Doch Yves war gegangen, er wollte ihr nicht zuhören. Er hatte seine Meinung gefasst. Warum sollte sie nicht das tun, was Yves von ihr erwartete? Diese Gedanken taten weh, weil sie wusste, dass es eigentlich nicht so war - doch sie mochte William und ihn einfach stehen zu lassen, brachte Yves nicht zurück. Sie wollte auch einmal egoistisch sein. Wenn sie schon bestraft wurde für etwas, dann wollte sie das auch getan haben.

„Du bist auch nicht gerade das, was ich normalerweise unter einem Yuppie verstehe“, gab sie das Kompliment zurück.

„Danke“, entgegnete William und grinste, weil sie beide das gleiche gesagt hatten. „Glaub mir, ich kann schlimmer als jeder Yuppie sein, den du dir vorstellen kannst, aber eigentlich bin ich nichts weiter als ein Junge, der versucht, der Fuchtel seiner Mutter zu entkommen und sich ein eigenes Leben aufbauen will. Ein wenig reicher als der Durchschnitt, aber sonst völlig normal.“

„Mit achtzehn Jahren einen Bugatti unter dem Arsch zu haben und eine Waffensammlung wie ein Museum, ich weiß nicht, ob das völlig normal ist“, lachte Yuki leise und fixierte sich nur noch auf William. Der wollte wenigstens was mit ihr zu tun haben und der hörte ihr zu. Das war schön.

So hatte sie immer noch ihre Hand auf seinem Arm, als das Essen und der Tee kamen. Sie bedankte sich höflich. William tat es ihr gleich und nahm sofort einen Löffel Suppe. Wie zu erwarten, verbrannte er sich die Zunge, weil die Suppe sehr heiß war und wedelte sich Luft zu, um das Brennen abzukühlen. „Lecker“, nuschelte er und nahm sich noch einen Löffel, diesmal aber pustete er, weil er ihn genießen wollte.

„Iss langsam, Will. Wir haben Zeit. Uns schmeißt hier keiner so leicht raus“, lachte Yuki leise, doch sie war diese heißen Suppen gewohnt. Deswegen begann sie auch zu essen. Ihre Hand lag immer noch auf Williams Arm, es war angenehm. Er würde seinen Arm schon wegziehen, wenn es ihn störte. Gerade schlürfte sie einen Löffel Suppe und schluckte geräuschvoll, denn ein Roller hielt vor der Tür.

Ihr Blick ging zur Tür und William folgte mit seinen Augen automatisch. Der Löffel schwebte vor seinem Mund, als die Tür sich öffnete und Yves hereinkam. Yukis Freund sah durch den Raum und sein Gesicht verschloss sich, als er William an einem der Tische sitzen sah. Er blickte sofort weg und nahm eine der großen Wärmeboxen hoch, die schon gefüllt waren und ließ sich die Adressenliste geben.

„Hast du Yuki nicht gesehen?“, fragte Ling, die es ungewöhnlich fand, dass die beiden sich nicht quer durch den Raum begrüßten wie sonst immer.

„Doch“, war alles, was Yves entgegnete. Seinen Kommentar, dass er darauf aber auch gern hätte verzichten können, verkniff er sich, er hätte nur Fragen aufgeworfen, die er nicht beantworten wollte, weil er es nicht konnte. So griff er sich eilig die Liste mit den Bestellungen und den Adressen - fast alles Stammkunden deren Wohnorte er sowieso kannte - und warf den beiden und deren verbundenen Händen noch einen geringschätzigen Blick zu. Doch dieser sagte mehr als tausend Worte: Verräterin!

Dann war er durch die Tür und mit seinem Roller in den Straßen von Chinatown verschwunden.

Yuki war vollkommen erstarrt und eine Träne lief über ihre Wange. William biss die Zähne zusammen, bis seine Lippen weiß wurden. Was dachte dieser Spinner sich eigentlich dabei, diesem netten Mädchen so etwas anzutun? Wenn er kurz darüber nachgedacht hatte, seinen Rachefeldzug aufzugeben, kam das jetzt nicht mehr in Frage. Er griff Yukis Hand und drückte sie. „Sollen wir gehen?“, fragte er leise, denn an ein gemütliches Essen war nicht mehr zu denken.

„Und die gute Suppe einfach umkommen lassen?“, fragte Yuki leise. Egal wo sie hingehen würden, sie bekam jetzt sowieso keinen Bissen mehr runter. Sie schluckte nur hart und griff sich ihren Tee, damit die heiße Tasse ihre klammen Finger wärmen konnte. „Essen wir in Ruhe auf und gehen dann. Wohin ist mir egal.“

„Okay.“ William hatte noch Hunger und beeilte sich, mit seinen Suppen fertig zu werden, damit sie gehen konnten. Plötzlich war es nicht mehr gemütlich und die forschenden Blicke der Bedienung machten ihn nervös, denn es sah oft so aus, als wenn sie zu ihnen herüberkommen wollte. Darum legte er das Geld für das Essen mit einem großzügigen Trinkgeld auf den Tisch und führte Yuki zum Auto. Er wollte noch ein wenig mit ihr durch die Gegend fahren und sich dabei unterhalten.



10


Surrend sauste das Shinai durch die Luft. In großen Schlägen trieb Yves es immer wieder und wieder und wieder.

Es war ein paar Wochen her, seit er hier gewesen war - drei Wochen, in denen er weder Yuki gesehen, noch ein Shinai in die Hand genommen hatte. Drei Wochen, in denen er außer lernen, arbeiten und vier Stunden Schlaf die Nacht nichts getan hatte und er hatte nur zweihundert Dollar sparen können.

Wenn das so weiter ging, bekam er die Summe, die er brauchte, nie zusammen. Und seit heute Mittag wusste er auch, dass er sie definitiv brauchen würde, denn die Ergebnisse der Tests hingen aus und wie erwartet hatte sich der Fraggle - unter dem johlenden Applaus seiner Speichellecker - an die Spitze gesetzt. Was dazu geführt hatte, dass Direktor Collin Yves zu sich bestellt und ihm klipp und klar die Pistole auf die Brust gesetzt hatte.

Entweder wurden seine Leistungen wieder besser oder das nächste Schuljahr musste er bezahlen. Das letzte Semester! Jetzt lohnte sich kein Schulwechsel mehr - so kurz vor dem Abschluss.

„Arschloch“, knurrte Yves leise und der Bambus schnitt wieder durch die kühle Luft der Nacht. Er musste sich nur an das blöde Grinsen von Yukis Lover erinnern, da wurde ihm schon schlecht. Was fand Yuki an diesem Kerl? Vielleicht wäre seine Wut auf seine ehemalige Freundin verraucht, wenn sie nur einmal versucht hätte mit ihm zu reden, zu erklären, warum sie für ihr eigenes Glück seines zerstört hatte - doch sie hatte es nicht getan. Nicht ein Anruf, nicht ein Klopfen an seiner Tür.

Nichts.

Dafür stand jeden zweiten Tag der Wagen von diesem Arschloch vor dem Restaurant. Ob Yuki auch da war, wenn ihr Liebling trainierte, hatte Yves nicht in Erfahrung gebracht; er hatte dank ihres Stechers andere Sorgen.

Wütend strich er sich den Pony aus dem Gesicht, der ihm wieder über die Augen fiel. Der letzte Schnitt war ein paar Wochen her - vielleicht sollte er Ling bitte, die Fransen ein wenig zu kürzen.

Hong, der schon eine Weile in der Tür gestanden hatte, weil er Yves nicht in seiner Konzentration stören wollte, kam nun näher. „Hallo Yves“, sagte er freundlich. Er hatte seinen Schüler vermisst und mit Sorge beobachtet, wie er sich abschuftete, ohne wirklich Erfolg zu haben. Zusammen mit seinem Bruder hatte er versucht Yves zu helfen, aber viel Erfolg hatten sie damit nicht. Aber jetzt war Hong etwas zu Ohren gekommen, was Yves helfen konnte, wenn er sich darauf einließ. „Du hast nichts verlernt. Lust auf einen kleinen Kampf?“

„Klar, warum nicht?“ Langsam wandte Yves sich um. Er hatte gespürt, dass er nicht mehr allein war, auch wenn man Hong nicht hören konnte. „Danke, dass ich immer noch her kommen darf“, sagte er, als er sich umwandte und grinste schief. Er sah müde aus. Eigentlich gehörte er ins Bett, doch er konnte nicht schlafen.

„Warum solltest du nicht mehr kommen dürfen? Freunde dürfen immer hier rein.“ Hong wandte sich ab und holte die Rüstungen, die sie brauchten. Er wollte nicht, dass Yves sah, wie erschrocken er über dessen Aussehen war. Sein Schüler hatte abgenommen und unter seinen Augen bildeten sich langsam dunkle Ringe. So ging das nicht weiter. Der Junge rieb sich doch vollkommen auf.

Yves rollte die Schultern. Er spürte, dass er in den letzten Wochen nachlässig gewesen war, doch leider hatte der Tag nur 24 Stunden und daran ließ sich nichts ändern. „Aber hab Nachsicht mit mir“, scherzte er, denn wenn er sich aus Unachtsamkeit verletzte und nicht arbeiten gehen konnte, hatte er ein drängendes Problem. Zwar hatte er auch die Option das Schulgeld in Raten abzuzahlen, weil man Yves nicht von der Schule werfen wollte, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass er das Geld erst einmal zusammenbekommen musste.

Dabei vermisste er sein Shinai - genauso wie Hong.

„Ich bin doch immer die Nachsicht in Person“, lachte Hong und warf Yves den Kopfschutz zu. Heute aber würde er sich wirklich zurückhalten, auch wenn das sonst nicht seine Art war. „Erzähl, wie ist es dir die letzten Wochen ergangen? Hast du einen Job gefunden, der dir genug Geld einbringt?“

„Nicht wirklich. Ich hatte es bei ein paar Botenfirmen versucht. Doch deren Arbeitszeiten passen nicht in meinen Zeitplan. Nur weil ich mir die Schule bald nicht mehr leisten kann, heißt das ja noch lange nicht, dass ich sie vernachlässigen kann und jeder gleich denkt, ich will nicht mehr. Also übernehme ich alle Fahrten die Chen sonst an Saul vergibt. Die bringen einiges an Trinkgeld ein. Doch es reicht noch nicht“, sagte Yves. Er verbeugte sich und sie begannen ihren ersten Angriff.

Die Worte bestätigten Hong, dass er Yves von dem erzählen sollte, was er gehört hatte, aber erst einmal konzentrierte er sich auf den Kampf. Yves war ein exzellenter Kämpfer und selbst Hong konnte sich bei ihm keine Nachlässigkeiten erlauben, wenn er nicht verlieren wollte. Darum hörte man die nächsten Minuten nur das Schlagen der Shinais aufeinander, bis Meister Hong den Kampf beendete. „Gut gekämpft. Es war mir wie immer eine Freude.“

„Mir auch. Ich fühle mich wunderbar erschöpft. Ich hoffe, dass ich jetzt besser schlafen kann.“ Yves ließ sich keuchend auf den Boden fallen. Er war außer Atem. Sein Puls hämmerte wie verrückt, doch er fühlte eine angenehme Schwere in seinen Gliedern. Jetzt noch vier Stunden Schlaf und dann auf in die Schule - auf in die nächste Runde mit dem Fraggle. „Ich bin dann weg“, sagte er, als er sich langsam wieder nach oben kämpfte.

„Warte noch kurz.“ Hong setzte sich neben Yves und gab ihm eine Wasserflasche. „Ich habe da etwas gehört, was dir eventuell bei deinen Geld- und Zeitproblemen helfen könnte. Auf Long Island wird demnächst ein 'Haus der Sinne' eröffnet. Es ist ein Club und ein Restaurant in einem und noch vieles mehr. Sie suchen Angestellte und dort ist gutes und vor allem viel Geld zu verdienen. Du solltest dir das vielleicht einmal ansehen.“

Yves drehte den Kopf, so dass er Hong musternd ansehen konnte. „Haus der Sinne?“ fragte er und legte den Kopf schief. „Das klingt gelinde gesagt wie ein Puff. Was suchen die denn, dass sie so gutes Geld zahlen wollen?“, fragte Yves, doch er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, ob er vielleicht auch diese Einnahmemöglichkeit einmal in betracht ziehen sollte. Man zahlte gut für Sex in dieser Stadt und Jungs wurden ebenso gern gebucht wie Mädchen. Er hatte sich schon einmal ein bisschen umgehört, doch dann hatte ihn wieder der Mut verlassen.

„Nein, ein Puff ist es nicht, denn dann hätte ich dir davon nichts erzählt.“ Hong schüttelte den Kopf. „Ich würde nie zulassen, dass du dich verkaufst. In diesem Haus gibt es keinen Sex, auch wenn sich vieles dort darum dreht.“ Wie sollte er das erklären? „Es geht um die Sinne, sich Appetit zu holen. Es hat also nichts Anrüchiges oder Schmutziges, dort zu arbeiten.“

„Und was suchen sie? Kellner? Lieferanten? Tänzer?“, fragte Yves, der sich von einem solchen Etablissement keine Vorstellung machen konnte. Es ging um Sex, aber der war tabu - es ging nur um Appetit machen. Das ergab für ihn noch keinen Sinn. Aber wenn man da gutes Geld machen konnte, war ihm das egal. Er war nicht in der Situation wählerisch zu sein. „Kommt es dann nicht auf das Aussehen an? Ich glaube nicht, dass ich da der geeignete Kerl für bin“, grinste er. Auch wenn er seine Brille zum Kampf nicht trug, weil die Verletzungsgefahr zu groß war, hingen ihm immer noch die langen Strähnen über die Augen.

„Sie suchen alles Mögliche. Tänzer, Musiker, Servicepersonal, eben alles. Es gibt dort bestimmt etwas, was für dich geeignet ist.“ Hong zuckte mit den Schultern. Er könnte Yves jetzt zwar sagen, was ihn dort erwartete, aber er befürchtete, dass sein Schüler sich dann nicht dort vorstellte. „Sieh es dir am Besten an und entscheide selbst, ob etwas für dich dabei ist.“ Hong stand auf und holte eine Zeitung, in der die Anzeige des Hauses gesehen hatte und reichte sie Yves. „Dort findest du die Adresse.“

„Danke.“ Yves nahm das Papier an sich und sah sich die Anzeige eindringlich an.

Haus der Sinne.

Die Anzeige war seriös, schlicht. Solch eine Chance ließ man sich nicht entgehen. „Ich werde am besten gleich nach der Schule dorthin fahren“, überlegte er. So schlug er zwei Fliegen mit einer klappe. Er wurde den Fraggle los, der morgen gleich nach der Schule in den Dojo kam, wo sie sich dann erneut über den Weg laufen würden, und er hatte die Chance auf Geld.

Schnelles Geld!

Das vielleicht nach der Summe für das Schulgeld noch für Joel reichte, damit der wieder sehen konnte.

Er musste morgen endlich einmal wieder mit seinem Kleinen telefonieren. Ihr letzter Anruf war schon vier Tage her. Sie sahen sich zwar selten, doch sie hielten so den Kontakt, denn Joel war sein ein und alles.

„Mach das, Yves. Noch gibt es viele Jobs zur Auswahl.“ Hong erhob sich wieder, denn langsam sollte sein Schüler ins Bett. „Geh schlafen, du siehst müde aus. Ich werde meinem Bruder sagen, dass du morgen einen Termin hast und nicht zur Arbeit kommen kannst. Ruh dich einen Tag aus, du kannst es gebrauchen.“

„Ich kann's mir im Augenblick nicht leisten, Hong“, sagte Yves und erhob sich ebenfalls, die Flasche und die Zeitung immer noch in der Hand. Umziehen konnte er sich auch drüben in seinem Zimmer. Darauf hatte er jetzt keine Lust mehr. „Aber wenn du ihnen sagst, dass ich nach dem Termin wieder da bin, das wäre nett.“ Er lächelte, als er sich von seinem Sensei verabschiedete und sich schwor, das nächste Mal nicht so lange zu warten, bis er wieder trainierte.

„Das werde ich tun.“ Hong sah ihm hinterher und seufzte leise. Hoffentlich fand Yves etwas im Haus der Sinne, so dass er genug Geld verdiente. Dann musste er auch nicht mehr im Restaurant arbeiten. Wohnen konnte er weiter kostenfrei in seinem Zimmer, das war für Ling gar keine Frage gewesen. Sie liebte Yves wie einen eigenen Sohn.



+++



Wie jeden Morgen in den letzten Wochen war Yves ziemlich spät dran. Er schlief spät ein und ehe er richtig im Tiefschlaf war, musste er schon wieder raus. Sein Körper war völlig aus dem Konzept und so war es jeden Morgen eine Hetzerei ohne Frühstück, weswegen Ling dazu übergegangen war, Yves nicht mehr etwas hinzustellen, sondern es ihm einzupacken, damit er es nur greifen musste.

Pünktlich mit dem Klingeln saß er wieder auf seinem Platz, vermied den Blick nach links und ließ den Pony vor seine Augen fallen wie ein Schutzschild.

Er wusste, dass William ihn beobachtete - wie jeden Tag, seit er im Dojo aufgetaucht war und mit jedem Tag war der Blick des jungen Herzogs wütender. William hatte sich die letzten drei Wochen öfter mit Yuki getroffen und sie hatten sich angefreundet. Yuki brauchte einen Freund, weil Yves ihr immer noch die kalte Schulter zeigte. Sie hatte unzählige Male versucht mit ihm zu reden, aber jedes Mal hatte sie der Mut verlassen, wenn sein verächtlicher Blick sie gestreift hatte. Sie versuchte tapfer zu sein, aber mit jedem Tag, der verging, wurde sie trauriger.

Es musste etwas passieren und William hatte nicht schlecht Lust, dem Kerl einmal richtig eine in die Fresse zu hauen. Verbohrt und von sich selbst eingenommen - so ging man mit Freunden nicht um, mit einem Menschen wie Yuki schon gar nicht. Doch sie hatte ihn angefleht, Yves in Ruhe zu lassen, sich weder einzumischen, noch ihn weiter unter Druck zu setzen. Sie wusste wohl vom Inhaberehepaar des Lokals, dass Yves ziemlich zu knabbern hatte. Oft benutzte sie es als Ausrede, weil er keinen Versuch machte, sie zu treffen oder mit ihr zu reden. 'Er hat keine Zeit', sagte sie immer, 'muss Geld verdienen'.

Noch immer nahm sie diesen Spinner in Schutz und hoffte, dass sich das zwischen ihnen wieder einrenkte. Sie hatte William sogar das Versprechen abgerungen, Yves wenigstens in der Schule nicht weiter zu provozieren. Yves sollte die Schule gut abschließen, damit er einen guten Job bekam. Es fiel William mit jedem Tag schwerer, sich diesen Spinner nicht zu greifen und ihm einmal kräftig die Meinung zu sagen.

Doch er hatte es versprochen und er hielt seine Versprechen - immer. Aber er hatte nicht versprochen, sich anders zu benehmen als sonst. Und so ging ihr alt bewährtes Spiel: 'ich weiß was - ich weiß mehr', weiter wie jeden Tag.

Durch Mathematik.

Durch Englisch, durch Physik und Chemie. Woran William und seine Speichellecker Spaß hatten, daran hatte Yves ziemlich zu kämpfen. Doch machte aus der Not eine Tugend und schrieb mit, was der Kerl von sich gab. Vielleicht konnte er dieses Wissen noch gebrauchen.

Es war ihm sowieso ein Rätsel, woher der Fraggle das alles wusste. Der hatte doch bei all dem Training und den anderen Aktivitäten gar keine Zeit zu lernen. War der wirklich so ein Genie, dem alles so zuflog, ohne sich anzustrengen? Dann war auch klar, warum dessen Noten besser waren als seine eigenen. Gerade wieder hielt William einen Vortrag und zeigte so seine Überlegenheit gegenüber allen anderen, was aber außer Yves niemanden zu stören schien und er hatte seine Lehren daraus gezogen und notierte sich das, was er für wichtig hielt.

Wie üblich schenkte Yves seinem Kontrahenten so wenig Beachtung wie nur möglich und lauerte auf jede Pause, in der er diesen Mief hier für ein paar Minuten verlassen konnte. Doch allein war er schon lange nicht mehr, denn ständig stiegen ihm Leute von William hinterher. Interessierten sich wohl dafür, was ein normaler Mensch so tat.

Das war ja schlimmer als im Zoo.

Der erste, der ihm Futter zuwarf, bekam eine auf den Rüssel!

Sonst hatte sich doch auch niemand für ihn interessiert und das hatte ihm erheblich besser gefallen. So musste er immer etwas suchen, bis er ein ruhiges Eckchen fand, aber auch dort war er nicht lange allein, denn William fand ihn auch dort. So wie jetzt. Der Fraggle stand ein wenig weiter weg, so dass man beim flüchtigen Hinsehen nicht merkte, wem er auf die Pelle rückte, aber seine Blicke sagten alles.

Also vergrub sich Yves in sein Buch. Aber er las nicht. Er wollte nur nicht dem Idioten ins Gesicht gucken müssen - was hatte der Spinner für ein Problem? Er hatte doch alles - er hatte bald Yves' Stipendium, er hatte Yves' beste Freundin und bald auch Yves' Stelle im Dojo. Was gab es denn noch, was der Arsch ihm entreißen könnte? Yves hatte doch nichts mehr.

„Verpiss dich doch endlich, du Wichser“, murmelte er leise und holte tief Luft.

„Das werde ich nicht tun“, hörte er dicht an seinem Ohr und Yves zuckte zusammen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass William zu ihm gekommen war, so dass er ihn hören konnte. William hatte sich wieder ein wenig zurückgezogen und sah Yves mit spöttischen Augen an. Es war selten, dass er seiner Kirchemaus so nahe kam, aber die Gelegenheit war gerade günstig gewesen und außerdem hatte der Spinner noch einen Dämpfer dafür verdient, dass er William einige blaue Flecke beschert hatte.

„Dann eben nicht“, knurrte Yves und schlug sein Buch zu. Er erhob sich, denn hier war ihm die Luft zu aufgeladen. Hatte er Würstchen in der Tasche oder warum lief ihm der Kerl ständig nach wie ein Hund? Er ging an William vorbei und grinste, als er am Hals doch tatsächlich die Überreste eines blauen Flecks sah. Das hatte der Kerl sich aber verdient. Und am besten noch mehr davon.

Den Rest des Schultages ließ William ihn in Ruhe, wie sonst auch. Er hatte erreicht, was er wollte und die Kirchenmaus vertrieben. Er hatte sich vorgenommen, ihm keine Rückzugsmöglichkeit zu lassen und bisher klappte das wunderbar. Gerade fuhr Yves mit seinem klapprigen Roller vom Schulhof. „Fahr du nur und versuche Geld zusammen zu kratzen“, murmelte er und stieg lachend in seinen Wagen.



11


Derweil rollte Yves vom Hof und suchte sich seinen Weg durch das Gewirr der Straßen. Bis Long Island war es ein Stück und so musste er sich ziemlich beeilen. Er hatte zwar keinen Schimmer, was ihn dort erwartete, doch er hatte sich vorgenommen, sich so vielseitig wie nur möglich zu zeigen.

„Da wären wir also“, murmelte Yves, als er vor dem Haus hielt, was auch auf der Anzeige abgebildet war. Eine wunderschöne alte Villa, mehretagig und ausladend. Mehrere Flügel und wie es schien ein großer angeschlossener Park. Yves parkte seinen Roller und ging zur Tür, um zu klingeln.

Kaum hatte er den Finger von der Klingel genommen, wurde die Tür auch schon aufgerissen und ein fröhliches Gesicht strahlte ihn an. „Hallo, was kann ich für dich tun?“, fragte die junge Frau und öffnete die Tür ein wenig weiter. „Kommst du wegen der Anzeige? Wenn ja, geh durch die Halle und dann in den Raum rechts, dort warten noch ein paar Bewerber.“

„Guten Tag, ja ich... okay danke!“ Yves nickte eilig und strubbelte sich extra noch mal durch die Haare, dann folgte er der Anweisung und den leisen Stimmen, die er hören konnte. Er war schon einmal nicht an der Tür aussortiert worden. Das war gut, oder? Er nickte sich zu und sah sich ein bisschen um, als er durch die riesige Empfangshalle ging. Was für ein Prunk. Das war wirklich ein Haus für die Sinne. Da gingen einem die Augen über. Und obwohl hier und da noch Farbeimer standen, roch es angenehm nach Früchten - genial.

Schnell huschte er in einen Raum, wo schon andere warteten und den Neuankömmling musterten. Yves schluckte. Warum guckten sie ihn so an? Wegen seiner Schuluniform?

Insgesamt saßen sechs Personen in dem Raum. Vier Männer und zwei Frauen. Unterschiedlicher wie sie nicht sein konnten: Ein Mann im Anzug, ein Hipp Hopper, Normalos und ein Punkerpärchen. Wie das alles zusammen passte, konnte Yves sich nicht erklären, aber seine Aufmerksamkeit wurde von einem Mann abgelenkt, der in den Raum kam und in die Hände klatschte.

„Guten Tag. Mein Name ist Serge und ich bin der Personalchef, des 'Hauses der Sinne'.“ Weitere Personen kamen in den Raum und stellten sich hinter Serge. „Jeder von ihnen bekommt einen Begleiter, der ihnen das Haus zeigt und Fragen beantwortet und herausfinden soll, ob und wofür sie geeignet sind.“

Verstehendes Nicken und leises Raunen.

Serge suchte sich gleich den erstbesten und das war Yves, der immer noch im Raum stand und sich umsah. Der junge Mann schien dem Personalchef so unscheinbar, dass er glaubte, der wäre gut für den Sicherheitsbereich geeignet. So einen übersah man doch grundsätzlich. Doch Doro war schneller: „Den kriege ich!“, sagte sie und schob Yves vor sich her aus dem Raum. Diese rotblonden Haare gefielen ihr. Es war Naturfarbe, noch besser. Sie suchte ausgefallene Typen für ihre Sektion. Die anderen waren ihr zu strange.

„Hallo, ich bin Doro“, stellte sie sich lächelnd vor und sah sich den jungen Mann genauer an. Er war noch jung, genau das, was sie brauchte und es juckte ihr in den Fingern, die langen Ponyfransen aus dem Gesicht zu schieben, damit sie das Gesicht richtig sehen konnte. Es wirkte wie ein Vorhang. Das war wohl das erste, was sie veränderte, wenn er hier anfing.

„Guten Tag, ich bin Yves Turner“, entgegnete Yves und sah sie von der Seite an, doch dann blickte er sie richtig an. Er wollte sich von seiner besten Seite zeigen und lächelte schüchtern. „Ich arbeite seit Jahren in der Gastronomie und trainiere Kendo. Außerdem mache ich dieses Jahr meinen Collegeabschluss.“ Somit hatte sie einen kurzen Abriss darüber, was er konnte und wie alt er in etwa war.

„Kendo?“, fragte Doro erstaunt, aber dann strahlte sie. „Das ist klasse. Genau so etwas habe ich gesucht. Heute muss mein Glückstag sein.“ Man sah, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. „Yves, würde es dir was ausmachen, mir deinen Körper zu zeigen, damit ich sehen kann, in wie weit du trainiert bist? Mir schwebt da was für dich vor, aber dazu brauche ich einen gut definierten Körper.“

„Bitte?“, platzte es aus dem überraschten Jungen hervor, doch er entschuldigte sich gleich dafür. Das war nur etwas überraschend gekommen. „Ja sicher“, sagte er also versöhnlich, erkundigte sich aber, ob das hier im Flur sein müsse oder ob man auch in ein Zimmer gehen könnte. Er war nicht sonderlich stolz auf sein Aussehen und deswegen ziemlich verschämt. Was hatte sie mit ihm vor? Hong hatte doch gesagt, hier ging es nicht um Sex - nein halt. Es ging um Sex aber nur zum Appetit holen. Doch wer sollte sich an ihm Appetit holen?

„Natürlich nicht hier im zugigen Flur, du sollst dich doch nicht erkälten.“ Doro knuffte Yves gegen den Arm und zwinkerte ihm zu. „Gehen wir in mein Büro, da kannst du dich ungestört umziehen und ich habe Zeit, dich zu begutachten und dir zu erklären, was ich suche und wie es hier ablaufen wird, wenn du hier arbeitest.“

„Ja, okay.“ Yves war zwar immer noch etwas schämig, stimmte aber zu. Wenn sie ihn wollten und bezahlten, warum nicht? Sie gingen also noch etwas den Flur entlang, eine weitgreifende Treppe hinauf und Yves sah sich neugierig um. Doro erklärte ein bisschen vom Haus und auch davon, was hier geboten werden sollte. Reize für die Sinne - vor allem für die Augen. Besuche im Haus sollten unvergessliche Erlebnisse werden. Wie passte da bitte ein nackter Yves dazwischen?

„Hier?“, fragte er als Doro vor einer Tür stehen geblieben war. Sie nickte und so trat er durch die angelehnte Tür in ein klassisch eingerichtetes Büro.

„Dort hinter dem Paravent kannst du dich umziehen. Komm einfach raus, wenn du so weit bist. Ich telefoniere so lange.“ Doro lächelte Yves zu. Der Schnuckel war so herrlich schüchtern und war sich überhaupt nicht bewusst, dass er ein sehr interessantes Gesicht hatte, das viele seiner Emotionen zeigte. Man musste ein wenig an ihm verändern, aber nur Kleinigkeiten, um seine Vorzüge hervorzuheben.

„Ja, klar.“ Mit einem flauen Gefühl im Magen ging Yves auf die Trennwand zu und sah noch einmal zurück, doch Doro lächelte ihm nur zu und griff sich schon das Telefon. Also schälte er sich erst aus seiner Unform, dann aus dem Hemd. Er legte alles ordentlich auf den Stuhl, der dort stand und je weniger er trug und umso kälter ihm auf der Haut wurde, umso langsamer wurde er auch. Aber dann schüttelte er den Kopf. Er brauchte das Geld und wenn er das mit seinem Körper verdienen konnte, ohne Sex haben zu müssen - warum nicht.

Also schälte er sich auch noch aus Shorts und Socken und trat langsam neben den Paravent, den Kopf fragend schief gelegt und eine Hand strich ihm die langen Strähnen aus dem Gesicht. Ob sie enttäuscht war?

Doro sah auf, als sie Yves hörte und als erstes entglitten ihr die Gesichtszüge, dann das Telefon. Erschrocken fing sie es noch im letzten Moment auf. „Schatz, ich muss Schluss machen. In meinem Büro steht eine Erscheinung, um die muss ich mich kümmern“, murmelte sie in den Hörer und legte auf. „Wow“, mehr sagte sie erst einmal nicht, als sie Yves betrachtete, aber ihre Augen begannen zu leuchten. Sie stand auf und ging einmal um Yves herum, besah ihn von allen Seiten und stellte sich schließlich vor ihn. „Yves, du bist perfekt. Genau das, was ich gesucht habe.“

„Und für was?“, murmelte Yves. Dieser sezierende Blick auf seiner nackten Haut machte ihn nervös. Er ging einen Schritt zur Seite, damit Doro um ihn herum laufen konnte, ohne gegen den Paravent zu laufen und verschränkte dann die Arme. Es war doch etwas kühl in dem kleinen Büro.

„Das erkläre ich dir sofort, aber zieh dich erst mal wieder an. Entschuldige, ich hab nicht daran gedacht, dass es ohne Kleidung doch recht kühl ist.“ Doro lächelte entschuldigend und gönnte sich noch einen Blick auf den Körper, der sie vollkommen aus der Fassung gebracht hatte. „Ich mach uns einen Tee und dann reden wir, okay?“

„Ähm. O-ka-y“, sagte Yves gedehnt war aber erleichtert, dass er sich erst einmal wieder bedecken durfte. Er schüttelte sich kurz, weil er immer noch die fremden Blicke auf seiner Haut spürte. Es war ungewohnt, doch nach dem zweiten Gedanken daran nicht unangenehm. Doro hatte ihn nicht gerade angewidert angesehen und die junge Frau war selbst ziemlich hübsch.

„Haben wir denn so viel Zeit? Da unten saßen...“, murmelte er, als er in seine Kleider schlüpfte und wieder zu Doro an den Schreibtisch trat.

„Wir haben alle Zeit der Welt, mach dir da keine Gedanken.“ Doro hantierte schon in der kleinen Kochnische und setzte den Wasserkocher in Gang. „Was für einen Tee magst du? Ich habe Früchtetee, Grünen, Schwarzen, Kamille und Pfefferminz“, zählte sie auf und brachte schon einmal einen Teller mit Keksen zu der kleinen Sitzgruppe, aber der Sinn stand ihr nach etwas anderem, denn sie hatte Hunger. „Hast du auch Hunger, dann bestell ich uns in der Küche ein paar Sandwichs.“

Yves nickte instinktiv, denn bis auf sein Carepaket von Ling heute Morgen hatte er noch nichts zwischen die Zähne bekommen. Er aß immer erst, wenn er ins Restaurant kam. „Grüner Tee wäre nett“, schob er noch nach und setzte sich etwas unsicher in den Sessel, der zu der kleinen Ledergarnitur gehörte.

Um was ging es hier nur, dass die Frau da solch ein Geheimnis darum machte?

War es so schwer zu sagen oder musste man ihm das schonend beibringen?

Sollte er ihr sagen, dass es egal war, weil er das Geld brauchte und sicher nicht ablehnen würde? Doch er entschied sich dagegen und wartete lieber ab.

„Fein.“ Doro strahlte und rief noch schnell in der Küche an, dann kam sie mit ihren Tassen zu Yves und setzte sich zu ihm. Da der Tee noch zu heiß war, ließ sie ihn erst einmal stehen und sah lächelnd zu ihrem Gast. „Du fragst dich bestimmt, was für einen Job du hier machen sollst. Es ist eigentlich ganz einfach und nichts anrüchiges, wenn du das befürchtest. Ungewöhnlich vielleicht.“ Sie setzte sich tiefer in ihren Sessel und zog die Beine auf die Sitzfläche. „Aber fangen wir beim Grundsätzlichen an, damit ich weiß, was ich dir alles erklären muss. Was weißt du über dieses Haus?“

„Na ja, eigentlich nicht viel“, gestand Yves. „Ich war auf der Suche nach einem Job, von dem ich mein Schulgeld bezahlen kann und mein Sensei hat mir die Anzeige in die Hand gedrückt. Er sagte es ginge zwar im weitesten Sinne um Sex, aber mehr um Appetit machen als um das Körperliche. Ganz verstanden habe ich das nicht, weil ich mir darunter nichts vorstellen kann. Aber da ich neugierig war, bin ich jetzt hier.“ Yves legte den Kopf schief und schob sich die langen Strähnen aus dem Gesicht, damit er sich die Brille gerade richten konnte.

„Na, das ist doch schon mehr, als die meisten wissen, die sich hier um einen Job bewerben.“ Doro lachte leise und angelte nach ihrer Tasse. „Das, was du weißt, stimmt schon. Es geht um Sex, oder besser um Erotik, denn Sex wird hier nicht praktiziert.“ Doro kicherte und wurde ein wenig rot. „Ähm, also zumindest nicht mit den Gästen und wenn man im Dienst ist, aber da wir hier viele Paare haben… du weißt schon.“ Sie wedelte mit der Hand und grinste. „Aber wir schweifen ab. Unseren Gästen soll hier etwas fürs Auge geboten werden, damit sie sich Appetit oder Anregungen für ihr Privatleben holen können, oder einfach nur Menschen in ihrer natürlichen Schönheit bewundern wollen.“

„Und wie genau passe ich da rein?“, fragte Yves, weil das für ihn immer noch keinen Sinn ergab. Also wenn er in den Spiegel guckte, da war nichts mit natürlicher Schönheit oder gar Appetit. Nervös rutschte er auf seinem Sessel vor und zurück, bis er es endlich wagte die Tasse zu nehmen. Er fühlte sich nicht wohl, wusste aber selber nicht warum.

„Häh?“ Doro sah Yves irritiert an. „Wie: wie du da rein passt? Du bist geradezu perfekt dafür.“ Sie sah Yves mit schief gelegtem Kopf an und als sie seine Unsicherheit bemerkte, machte es klick und sie lächelte. „Yves, als ich vorhin am Telefon zu meinem Freund sagte, ich hätte eine Erscheinung, da war das vollkommen ernst gemeint. Ich habe selten einen schöneren Körper gesehen als deinen. Er ist einfach perfekt in seinen Proportionen. Dich anzusehen ist ein Genuss.“

Jetzt war es an Yves einmal ein unverständliches „Hä“ von sich zu geben. Er kam sich gerade ziemlich veralbert vor. Er tat doch gar nichts dafür. Gut er trainierte - aber doch mehr für seine seelische Ausgeglichenheit, nicht für seinen Körper. Und außer duschen betrieb er nicht mal Hautpflege, weil er keine Zeit hatte.

Hastig schüttelte er sich den Pony ins Gesicht um die roten Schatten auf seinen Wangen zu vertreiben. „Und was soll ich machen? Nackt herum stehen?“

„Nee, liegen.“ Doro kicherte, weil Yves schon wieder so schön verwirrt guckte. „Warte, ich zeig dir eine deiner Aufgaben, für die ich dich gerne haben möchte.“ Sie lief zu ihrem Schreibtisch und holte ein Album hervor. Sie hatte den Job, den sie Yves zudachte, selber ein paar Jahre gemacht in einem anderen Haus. „Hier, sieh dir die Bilder an, das ist wohl am einfachsten.“ Sie reichte das Album rüber und setzte sich wieder in ihren Sessel.

Zögernd nahm Yves das Buch entgegen und hielt es in seinen Händen. Auf der einen Seite war er neugierig, was von ihm erwartet wurde, auf der anderen Seite war er nicht sicher, ob er es sehen wollte und sich nicht lieber überraschen ließ. Doch dann öffnete er das Buch und sah auf die Bilder. Auf dem ersten Blick sah es aus wie ein Buffet an einem niedrigen Tisch, wie die speziellen Tische im Sushi-Restaurant von Yukis Vater. Doch auf dem zweiten Blick erkannte Yves, was los war - das exotische Obstbuffet war nicht auf Platten angerichtet worden sondern auf einem nackten Damenkörper.

„Das“, sagte er leise und blätterte weiter. Es waren immer anders arrangierte Gerichte auf perfekten Körpern. Anregend, das musste er zugeben. „Ich liege da und die alle um mich herum essen?“ Die Vorstellung behagte ihm nicht. Noch weniger, wenn jeder ihn anfassen musste.

„Ja, genau das. Nennt sich Nyotaimori[1].“ Doro sah Yves forschend an, denn sie wollte wissen, was er davon hielt. Sie hoffte, dass er sich davon nicht abgestoßen fühlte und einen Rückzieher machte. „Wenn du Fragen dazu hast, stell sie ruhig. Du solltest genau wissen, auf was du dich einlässt, wenn du hier arbeiten möchtest.“

„Na ja. Ich finde es nicht so... dürfen die mich alle anfassen? Ich meine. Ist das Essen die Hauptattraktion oder ich? Bin ich nur der Teller... ich...“ Yves wusste nicht, was er fragen sollte. Er hatte dutzende Fragen im Kopf, doch im Augenblick war er nicht in der Lage sie zu formulieren. Hilfe suchend sah er Doro an.

Die wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als es klopfte und ein junger Mann streckte den Kopf ins Zimmer. „Das Essen“, rief sie freudig und sprang auf, nahm die Platte mit den Broten, gab dem Boten einen Kuss auf die Wange und kam wieder zu Yves. „Greif zu“, nuschelte sie mit vollem Mund, denn sie hatte sich schon eins der Sandwichs genommen und abgebissen. Doro schluckte runter und beantwortete jetzt Yves' Frage. „Die Regeln in unserem Haus sind klar definiert und da haben sich alle Gäste dran zu halten. Unsere Angestellten dürfen nicht angefasst werden.“

„Aha“, sagte Yves nachdenklich, griff sich aber auch eines der Brote, denn er hatte wirklich Hunger. Kauend dachte er darüber nach. Das war doch nicht übel. Er lag nur herum, er durfte nicht angefasst werden und dafür bekam er auch noch Geld? „Ich muss nichts weiter machen, oder so? Für Konversation, oder so was, bin ich nicht zuständig?“, wollte er wissen. Langsam gefiel ihm die Idee.

„Nein, du musst nicht reden, sondern nur liegen und die Gäste essen lassen. Meistens ist es so, dass die Stellen, die die Gäste von dir sehen möchten zuerst freigelegt werden und du bist nicht vollkommen nackt. Wie du auf den Bildern gesehen hast, wird der Intimbereich immer abgedeckt, wenn auch nur spärlich.“ Doro grinste. So langsam schien Yves sich für die Idee zu erwärmen.

„Na ja, wer will schon Haare im Essen“, konnte sich Yves nicht verkneifen, senkte aber beschämt den Kopf und schüttelte ihn. „’tchuldigung“, nuschelte er und biss lieber noch mal ab, ehe er noch mehr blöde Kommentare von sich gab. „Wenn sie mir noch verraten, was man da so verdienen kann und wie oft und zu welchen Zeiten ich arbeiten muss, kommen wir bestimmt ins Geschäft.“ Für ihn war das okay.

Doro lachte herzhaft auf bei Yves' Kommentar und klatschte in die Hände. „Fein. Du bekommst pro Auftritt 100 Dollar. Das Haus öffnet um 19 Uhr. Wenn du als Büffet arbeitest, solltest du ungefähr anderthalb Stunden vorher da sein, damit alles arrangiert ist, wenn die Gäste kommen. Sag mir, an welchen Tagen du nicht kannst, an allen anderen wirst du beschäftigt sein. Da du noch zur Schule gehst, wird für dich spätestens so zwischen 23 und 24 Uhr Schluss sein. Du könntest also durchaus zwei Auftritte pro Abend schaffen, wenn du möchtest.“

„Das wären 200 Dollar am Abend“, sagte Yves und machte große Augen. Das war zu gut um wahr zu sein! „Ich muss mit meinem Vermieter reden. Für meine Miete arbeite ich im Restaurant und als Kurier. Aber ich glaube schon, dass ich mindestens einmal am Abend hier arbeiten kann.“ Er war ziemlich sicher, dass sich das gut einrichten ließ. Seine Stunden im Restaurant konnte er gut nach der Schule ableisten und dann hier her fahren. Er nickte begeistert.

„Wunderbar.“ Doro klatschte wieder in die Hände. „Jetzt wo wir uns darüber einig sind, kann ich dir ja von meiner zweiten Idee erzählen. Die hatte ich, als du mir erzählt hast, dass du Kendo machst. Mir schwebt ein Raum vor, ausstaffiert wie ein Trainingsraum, nur die Wände sind aus einseitigen Spiegeln. Hinter den Scheiben Räume, in denen Gäste dinieren und dich dabei beim Training beobachten können. Was hältst du davon? Wenn dir das nicht gefällt, brauche ich es meinem Boss gar nicht erst vorschlagen.“

„Ich darf meine Katas machen und werde dafür auch noch bezahlt? Bin ich tot und im Himmel?“ Yves strich sich die Haare weit aus dem Gesicht und nahm auch die Brille ab. Er fing leicht an zu schwitzen, so aufgeregt war er. Und eines war mal sicher: hier würde sich der Fraggle nicht einschleimen und Yves auf die Pelle rücken. „Das wäre doch der Hammer. Sicher, klar - warum nicht?“ Seine Augen leuchteten.

Es dauerte ein wenig, bis er merkte, dass er von Doro keine Antwort bekam, sondern von ihr nur aus großen Augen angesehen wurde. „Wow“, murmelte sie nur leise und sie blinzelte überrascht, als Yves die Brille wieder aufsetzen wollte. „Nicht“, rief sie und sprang auf. Sie kam zu ihm rüber und strich ihm vorsichtig den Pony aus dem Gesicht. „Warum versteckst du solche Augen. Ich habe noch nie schwarze Augen zu so einer Haarfarbe gesehen. „Wahnsinn.“

„Aber ohne die Brille sehe ich nur verschwommen“, murmelte Yves, der ein weiteres Mal keinen Schimmer hatte, was eigentlich passierte. Ja gut, er hatte schwarze Augen. Nicht etwa dunkles blau oder dunkles braun - sondern tief schwarz. Aber das hatten viele in Chinatown. So besonders war das nicht. Was fand diese Frau nur immer wieder an ihm?

Doro blinzelte, als wenn sie gerade aus tiefen Gedanken gerissen worden wäre und lächelte. „Vertraust du mir, Yves? Ich verspreche dir, dass ich nichts Schlimmes mit dir machen werde, aber ich möchte dir etwas zeigen. Etwas, was ich schon die ganze Zeit sehe, du aber anscheinend noch nicht?“

„Öhm!“ Yves schnappte nach Luft. Was kam denn jetzt noch? Er rutschte in seinem Sessel ein paar Zentimeter nach hinten, doch er nickte. Er wollte diesen Job und Doro war nett. Sie hatte ihm bis jetzt noch keinen Grund gegeben, ihr nicht einmal zu vertrauen. Schließlich wollte sie seine Unterschrift und seinen Körper. Da würde sie ihm sicherlich nicht schaden. „Okay“, stimmte er also zu.

„Klasse. Danke Yves.“ Spontan drückte sie Yves an sich und schnappte sich seine Hand. „Komm mit, wir gehen jetzt zu Toni.“ Und schon zog sie den noch sichtlich verwirrten Yves hinter sich her durch die Flure. Sie waren nicht lange unterwegs, da wurde er auch schon in einen Raum geschoben und auf einem bequemen Sessel abgesetzt. Ein Mann guckte aus dem Nebenzimmer und Doro winkte ihn zu sich.


12


„Toni, das ist Yves. Er wird hier arbeiten. Könntest du ihn ein wenig stylen, ohne ihm zu sagen und zu zeigen, was du machst?“, flüsterte sie ihm zu, so dass Yves nichts hörte und grinste. „Haare schneiden, so dass die Augen zu sehen sind. Dezent die Brauen zupfen und Kontaktlinsen verpassen. Er soll vollkommen arglos sein, wenn ich ihm sein Spiegelbild zeige.“

„Und wie verpasse ich ihm Kontaktlinsen, ohne dass er das merkt“, lachte Toni. Seine afrikanischen Wurzeln konnte er nicht verleugnen. Eigentlich stand in seinem Ausweis M'kel-Tonosa. Doch das konnte sich keiner merken, so nannte ihn jeder nur Toni. Verschwörerisch guckte er zu Yves rüber und grinste. Der arme Kerl hatte keinen Schimmer, was mit ihm passieren sollte.

„Du machst das schon.“ Doro klopfte Toni auf die Schulter. „Wie lange brauchst du? Ich wollte zu Markus und ihm eine neue Idee vorschlagen.“ Sie krauste leicht die Stirn und schüttelte dann den Kopf. „Ach was, schick mir 'ne Nachricht, wenn du fertig bist, dann komm ich gleich und hole Yves ab.“

„Okay.“ Toni schob sie vor die Tür und sie lachte über den Rausschmiss. Es war kein Geheimnis, dass Toni sich grundsätzlich nicht über die Schulter gucken ließ.

„So, jetzt zu uns beiden Hübschen. Mal sehen, wie man dich noch ein bisschen verlockender machen kann, auch wenn man dich dann wohl nur noch mit Waffenschein auf die Gäste loslassen kann“, sagte er amüsiert und lachte leise, als Yves wieder rot wurde. Er fühlte sich unbehaglich. Warum ließ Doro ihn jetzt allein, ohne dass er wusste was passierte?

„Und jetzt?“, fragte er also und sah Toni forschend an.

„Lass dich überraschen“, lachte Toni und setzte sich Yves gegenüber. Er musste ein Gefühl für den jungen Mann bekommen, darum zupfte er ihn an den Haaren, schob den Pony hoch und nahm die Brille ab. Jetzt konnte er verstehen, warum Doro so begeistert von Yves war. „Ich bin Toni und hier der Chefstylist und ich habe die Aufgabe, dich ein wenig aufzumotzen und genau damit werde ich jetzt anfangen.“

„A ja, aufmotzen“, murmelte Yves und guckte zu, wie gerade seine Brille auf den Tisch neben seinem Stuhl gelegt wurde. Was wurde das denn? Es war zwar nicht so, dass er ohne seine Brille blind war, aber er sah leicht verschwommen. Doch was sollte es? Die würden schon wissen, was sie taten. So versuchte er sich zu entspannen und lehnte sich zurück, als Toni ihm einen Umhang umwarf, wie es Friseure taten.

„So ist’s brav“, lachte Toni und fuhr durch Yves' Haare. Sie waren voll und weich und ihm kamen gleich mehrere Ideen, was man daraus machen konnte. Prüfend fuhr er über die Augenbrauen. Da brauchte er nicht viel machen, nur ein wenig Form geben und die Wimpern ein wenig färben. Nicht zu dunkel, das wirkte unnatürlich. Nur so, dass man erkannte wie lang die Wimpern in Wirklichkeit waren. „Fangen wir mit den Haaren an“, erklärte er fröhlich, denn aus diesem Entlein einen schönen Schwan zu machen, war genau sein Ding.

„So lange ich hinterher noch so aussehe wie auf meinem Führerschein ist das okay“, murmelte Yves und versuchte sich noch weiter zu entspannen. Leicht war es nicht. Hoffentlich warteten Chen und Ling nicht schon auf ihn. Das hier dauerte bestimmt noch ein bisschen.

„Ich werde mir Mühe geben.“ Toni schob Yves zum Waschbecken hinüber und wusch ihm die Haare. Massierend fuhren seine Finger über die Kopfhaut und mit einem Lächeln registrierte er, dass Yves sich entspannte. „Erzähl mir ein wenig von dir. Ich mag es, wenn ich etwas über denjenigen weiß, den ich in Arbeit habe. Das hilft mir, das richtige Styling zu finden. Nicht, dass ich dir einen ausgefallenen Schnitt verpasse und deine Mutter fällt hinterher in Ohnmacht.“

„Das wird nicht passieren, sie und Dad sind tot“, sagte Yves und holte tief Luft. Er sprach nicht gern darüber. Noch weniger mochte er es zu erklären, dass er seinen kleinen Bruder bei seiner Oma zurückgelassen hatte, weil er ihn und sich nicht gleichzeitig hätte durchbringen können.

„Ich gehe auf die Kendal-School und bin im letzten Jahr. Nach dem Abschluss suche ich einen guten Job. Ich lebe in Chinatown, jobbe dort in einem Restaurant und lerne Kendo. Viel mehr gibt es gar nicht zu wissen, glaube ich.“

„Oh entschuldige. Das tut mir Leid.“ Toni drückte kurz Yves' Schulter und man hörte ihm an, dass er es ernst meinte, aber weil er merkte, dass Yves das Thema nicht mochte griff er etwas anderes von dem auf, was Yves gesagt hatte. „Du gehst auf die Kendal-School? Dieser Nobelschuppen, in den die Superreichen ihre Kinder schicken? Okay, dann ist die Punkerfrisur schon einmal gestrichen. Eher was Peppiges, Konservatives. Wie kommt es, dass du auf dieser Schule gelandet bist? Ein Stipendium?“ Das Yves nicht superreich war, das sah man gleich. Außerdem war sein Auftreten für einen Snob viel zu schüchtern.

„Ja, ich hatte ein super Zeugnis jedes Jahr und weil man auch als Snob gern damit glänzt, armen Schluckern die Hand zu reichen, hat man mir das Stipendium gegeben“, erklärte er, verkniff sich aber den Rest der Geschichte, weswegen er ja eigentlich erst hier anfangen wollte zu arbeiten.

„Gut, dann hab ich mir jetzt ein Bild gemacht und kann loslegen.“ Toni legte Yves ein Tuch über den Kopf und schob ihn wieder zurück. Routiniert und flink fing er an zu schneiden und erzählte Yves dabei immer wieder lustige Geschichten aus seinem Berufsleben, um sein Opfer aufzuheitern und auch abzulenken, denn schließlich sollte Yves nicht mitkriegen, was passierte. Prüfend stand er schließlich vor Yves und grinste. „Heiß“, meinte er. Die Haare fielen fransig um Yves' Kopf und gaben ihm einen Look, als wenn er gerade aus dem Bett gestiegen wäre und das wirkte ziemlich sexy an ihm. Das Beste aber war, es brauchte kaum Gel oder andere Hilfsmittel, um das zu erreichen. Außerdem hatte er dem Pony einiges an Länge genommen, denn diese Augen zu verbergen gehörte verboten!

„Na, wenn du das sagst“, murmelte Yves, der noch nicht wusste, ob er sich wohl fühlen sollte oder nicht. Schließlich hatte er sich noch nicht gesehen. Einmal davon abgesehen dass er sich nicht mehr hinter seinem Pony verstecken konnte und die Ohren und der Nacken jetzt auch freier lagen. Alles in allem war ganz schön was runter gekommen - wie er verschwommen um den Stuhl herum sehen konnte.

„Ja, sage ich“, lachte Toni fröhlich und zupfte noch ein paar letzte Strähnen zu recht. „So, nicht erschrecken, ich kipp dich jetzt nach hinten, damit ich weitermachen kann.“ Er drückte auf eine Fernbedienung und der Sessel brachte sich langsam in die Waagerechte, so dass Yves bequem zu liegen kam. Aber er hatte keine Muße zu verschnaufen, denn Toni beugte sich über ihn und grinste. „Weiter geht’s.“ Und schon spürte er leichtes Zupfen in seinem Gesicht, nicht schmerzhaft aber ungewohnt.

„Was machst du da? Hab ich Pickel, oder was?“, murmelte Yves. Er fühlte sich wieder unwohl. Es wurde an ihm gefummelt und gewerkelt und er wusste nicht, was passierte. Er hatte zwar mal gehört, dass reiche Frauen es gern mochten so behandelt zu werden, ihm selber ging das ziemlich gegen den Strich. Doch er wollte nicht unhöflich sein und fragen, wie lange das noch dauerte.

„Nein, mein Hübscher, du hast absolut perfekte Haut. Ich bringe nur deine Brauen in Form, aber keine Angst, sie werden nicht anders aussehen als vorher, nur ordentlicher.“ Toni kannte das Problem. Männer mochten es gar nicht, wenn man an ihnen zupfte und färbte, zumindest die meisten nicht, aber bisher waren doch eigentlich alle hinterher zufrieden gewesen. „Ich werde dir auch noch die Wimpern färben, aber nur so, dass man auch sieht, dass du welche hast und dann hast du es fast geschafft“, erklärte er Yves, weil der ein wenig nervös herumrutschte.

„Na gut. Okay.“ Yves ergab sich wieder in die wissenden Hände und versuchte ruhig zu bleiben, damit er Toni seinen Job nicht noch schwerer machte. Aber leicht fiel es ihm nicht. Er hatte das Zeitgefühl völlig verloren. Hoffentlich hatte Hong daran gedacht, seinem Bruder Bescheid zu sagen.

Toni beeilte sich, weil er nicht wollte, dass Yves sich unwohl fühlte. Er bereitete das Wimpernfärben vor und erklärte, dass es vielleicht ein wenig brennen könnte die ersten Sekunden, aber dass das schnell vorbei ging und schon hatte er die Farbe aufgetragen. Während sie einwirkte, schickte er Doro eine Nachricht, dass er in zehn Minuten fertig wäre und freute sich schon auf ihr Gesicht. „Sag mal Yves, welche Stärke hat deine Brille?“, fragte er zwischendurch, „und du bist kurzsichtig, oder?“

„Ja, kurzsichtig. Minus zwei auf beiden Augen“, erklärte Yves, als er endlich wieder richtig sitzen durfte. Er rollte die Schultern, weil ihm langsam die Bewegung fehlte. Außerdem war ihm der Hintern eingeschlafen. Das war ein widerliches Gefühl. Unbemerkt versuchte er sich etwas zu bewegen, damit das aufhörte.

„Okay, das ist gut. Mach noch mal die Augen zu“, bat Toni und wischte noch einmal mit einem feuchten Pad über die frisch gefärbten Wimpern. Er drehte Yves vom Spiegel weg und sah ihn an. „Bitte jetzt mal stillhalten“, murmelte er und zog Yves Ober- und Unterlid mit den Fingern etwas auseinander und ließ die Kontaktlinse auf das Auge gleiten. Es waren weiche, so dürfte Yves nichts von ihr merken, aber trotzdem blinzelte der ein paar Mal, weil es ungewohnt war. Toni wiederholte das auf der anderen Seite und lächelte. „Alles okay?“, fragte er.

„Ja, schon. Sind das Linsen?“, fragte er und musste unweigerlich an Yuki denken, die schon seit Jahr und Tag geredet hatte, er solle diese dämliche Brille endlich ablegen. Doch er schüttelte kurz den Kopf. Sie gehörte nicht mehr in sein Leben und hatte sich hier jetzt auch nicht einzumischen. Als Yves sich umsah, musste er feststellen, dass er so gut sah wie mit seiner Brille, doch die störenden Ränder waren weg. Das war gar nicht übel. Aber waren Linsen nicht furchtbar teuer? Vielleicht sollte er doch lieber bei seiner Brille bleiben. Er sah sich um, als die Tür aufging.

„Hallo, da bin ich wi…“ Doro kam durch die Tür und blieb mit offenem Mund stehen. „Wow. Yves bist du das?“ Offensichtlich war sie völlig perplex, aber das hielt nicht lange und sie sah Toni an und grinste breit. „Hat er es schon gesehen?“, fragte sie und als der Stylist den Kopf schüttelte, kam sie zu Yves hinüber und drehte den Sessel, auf dem er saß so, dass er in den großen Spiegel davor sehen konnte. „Das ist besser, als ich es erwartet hatte.“

„Oh!“ Zu mehr war Yves erst einmal nicht fähig. Er hatte sich wirklich verändert. Durch die fehlende Brille sah man jetzt sein Gesicht deutlicher. So hässlich war es gar nicht, wenn man es nur richtig zu recht machte. Doch die Haare hatten sich radikal verändert. Seine vorherigen Strähnen, die ihm unlustig um den Kopf gehangen hatten, waren auf vielleicht drei Zentimeter gekürzt worden und standen nun wild ab. Es sah verwüstet aus aber irgendwie witzig. Yves drehte sich hin und her und nickte. „Gar nicht übel, was man aus diesem Gesicht machen kann“, murmelte er und grinste.

„Sag ich doch und Toni ist der Beste, um das zu finden.“ Sie drückte den Stylisten, der sichtlich erfreut über das Lob war, es aber nicht zeigen wollte. „Hier Yves, das sind Linsen für die nächsten zwei Wochen. Wenn du neue brauchst, komm einfach vorbei. Ich werde sie für dich bestellen“, lenkte er von sich ab.

„Du willst sie für mich bestellen?“, fragte er etwas irritiert. Yves wandte sich langsam um. „Bleiben die jetzt einfach drinnen? Tag und Nacht?“ Er kannte sich mit so etwas nicht aus. Doch er konnte sich gut vorstellen, dass die Augen diesen Fremdkörper nicht klasse fanden. Er wirkte unsicher. Und billig war das sicher auch nicht.

„Sicher bestelle ich dir welche. Schließlich brauchst du sie für den Job und darum übernimmt das Haus das. Genauso wie deinen Haarschnitt, deine Krankenversicherung und noch ein paar andere Dinge.“ Toni kam zu Yves und öffnete die Packung, die er ihm in die Hand gedrückt hatte. „Das sind Tageslinsen. Die kannst du morgens rein machen und abends, wenn du sie raus nimmst, schmeißt du sie einfach weg und nimmst dir am nächsten Tag neue. Ich zeig dir noch, wie das geht.“

„Okay.“ Yves nickte und wusste gar nicht, wo ihm der Kopf stand. Krankenversicherung? So was hatte er seit Jahren nicht mehr gehabt. Deswegen war er auch lange nicht beim Arzt gewesen und wenn er kleinere Wehwehchen hatte, kümmerte sich Ling darum. „Danke“, nuschelte er leise und sah sich noch einmal im Spiegel an. Eines war klar, verstecken konnte er sich so nicht mehr.

„Machen wir dann den Vertrag fertig?“, fragte er leise. Er wollte nicht hetzen, doch er war in Eile.

„Ja sicher, gehen wir wieder in mein Büro.“ Doro klatschte wieder in die Hände. Das machte sie immer, wenn sie mit etwas zufrieden war. „Hab ich das vorhin richtig verstanden, dass du jeden Abend kannst?“, fragte sie auf dem Weg zurück und hakte sich bei Yves ein. Sie mochte ihn, denn er war freundlich, höflich und so herrlich schüchtern. „Das ist gut, denn wir eröffnen in ungefähr zwei Wochen und du musst vorher noch üben, vollkommen ruhig zu liegen und dich daran gewöhnen, dass man mit Stäbchen Sushi oder andere Sachen von dir futtert.“

„Ah. Üben.“ Yves hatte mit keiner Silbe an derartiges gedacht, doch jetzt, wo sie es sagte, machte es Sinn. „Ja klar. Sag mir einfach, wann ich kommen soll und was ich alles mitbringen muss und was ich vorher...“ Er stammelte leise und brachte irgendwie die Frage nicht über die Lippen, ob der Schambereich vielleicht noch etwas getrimmt und sauber ausrasiert werden sollte. Er kannte sich da doch nicht aus. Er hatte sich zwar eben die Bilder angesehen, aber diese Region war ja verdeckt gewesen.

„Das besprechen wir in meinem Büro.“ Doro lächelte Yves an und drückte ihm freundschaftlich den Arm. „Du bekommst die Übungsstunden übrigens auch bezahlt. Zwar nicht so viel, wie später, aber es werden 30 Dollar pro Stunde sein.“ Sie öffnete ihre Bürotür und ließ Yves vorgehen. „Nimm dir noch was zu Essen, ich drucke den Vertrag aus, damit du ihn unterschreiben kannst.“

„Ja, klar. Danke.“ Yves nickte eilig. Das lief ja besser als geplant. Das musste er unbedingt Chen und Ling und Hong erzählen und mit ihnen einen Plan machen, wann er frei hatte, um im Haus der Sinne zu arbeiten. Schließlich wollte er deswegen das Restaurant nicht vernachlässigen. Das kam gar nicht in Frage. Und doch konnte er nicht vermeiden, dass er aufgeregt war und sich wünschte, diesen Augenblick mit Yuki teilen zu können. Doch die hatte sicherlich besseres vor.

Kauend setzte sich Yves wieder und strich sich vorsichtig über die kurzen Haare. Es war ungewohnt.

„Du siehst toll aus, ehrlich.“ Doro sah zu ihm herüber. Sie tippte noch etwas in ihren Computer und kam zu Yves, als der Drucker anfing zu arbeiten. „Um auf deine unausgesprochene Frage zurück zu kommen. Rasieren wäre das Beste, aber es ist nicht zwingend erforderlich. Stutzen auf jeden Fall. Du wirst zwar im Schambereich abgedeckt, aber die Chance, das sich Haare ins Essen schmuggeln besteht immer, darum legen wir unserem Personal nahe sich gleich vollkommen zu rasieren.“

Yves würgte den Bissen hinunter, der ihm gerade im Hals stecken bleiben wollte. „Rasieren - okay.“ Es war nicht ungewöhnlich, ein Großteil seiner Mitschüler schien Hand an die Haarpracht zu legen, er selber war allerdings noch nie auf die Idee gekommen! Doch es war ein kleiner Tribut an einen Job, der ihn schneller seinem Ziel näher bringen konnte, als gedacht. Außerdem gab es sowieso niemanden, der sich daran stören könnte. Was machte er sich also Gedanken?

„Ist erst ungewohnt, aber man gewöhnt sich schnell daran. Nach ein paar Tagen ist es vollkommen normal.“ Doro nahm sich auch ein Sandwich und sah in ihre Tasse, aber die war leer. „Auch noch 'nen Tee oder lieber was anderes?“, nuschelte sie und stand schon in der Kochnische und befüllte den Wasserkocher. „Wenn du dich wunderst, warum du üben musst. Man stellt sich das leicht vor, aber stundenlang bewegungslos zu liegen ist schwerer als man glaubt.“

„Hm.“ Yves nickte wieder. Nach und nach wurde ihm erst klar, auf was er sich eigentlich einlassen wollte. Doch er erlaubte sich nicht zu kneifen. Das war seine Chance und die wollte er nutzen. „Ja, das glaube ich. Nicht mal im Schlaf liegt man völlig still. Das geht bestimmt auf die Muskeln.“ Wenn man sich bewegte, fiel das Essen runter, was sicher nicht gut war.

Den Tee lehnte er dankend ab. Die Zeit wurde langsam knapp. Chen wartete sicher schon auf ihn, denn er war seit zwei Stunden hier. So viel Zeit hatte Yves für sein Vorstellen nicht eingeplant.

Auf dem Weg zurück zur Couch nahm Doro den Vertrag aus dem Drucker und reichte ihn Yves. „Wie Toni schon sagte, du bist versichert, denn deine Gesundheit ist unser Kapital, darum wirst du auch in regelmäßigen Abständen durchgecheckt. Wenn du krank bist, kriegst du eine Ausgleichszahlung von der Hälfte des Durchschnitts, den du die letzten drei Wochen davor hattest.“ Sie überlegte, was Yves noch wissen sollte. „Arbeitskleidung wird von uns gestellt, also für die Jobs, wo du was anhast, wie bei deinem Kendo. Dafür bekommst du übrigens das gleiche Geld, wie für das Büffet.“

Yves blinkerte mit den Augen und sah Doro ungläubig an. „Ich kriege dafür Geld, dass ich die Chance bekomme, hier zu trainieren? Ich glaub's ja nicht“, murmelte Yves leise und grinste schief. Vielleicht gab es doch einen Gott und vielleicht wollte der, dass Yves seinen Abschluss machte, egal ob ihm da ein Fraggle einen Strich durch die Rechnung machte oder nicht.

„Ihr habt ja viel Vertrauen in mich“, sagte er und fing an zu lesen.

„Ja, haben wir und bisher sind wir nur sehr selten enttäuscht worden. Allein, wenn man dich ansieht, weiß man, dass du seit Jahren trainierst und wenn das so ist, kannst du kein Anfänger sein, also werden unsere Gäste dir begeistert zusehen, wenn du deine Übungen machst. Du glaubst gar nicht, wie viele Menschen sich dadurch den Kick holen, den sie brauchen.“ Doro nippte an ihrem Tee und beobachte Yves beim Lesen. Er tat es konzentriert und das gefiel ihr.

„Den Kick“, fragte er und sah auf. Was sollte er denn darunter verstehen? Wollte er das überhaupt wissen? Er schüttelte also nur lachend den Kopf und las weiter. Bisher keine Ecken und Kanten und so ließ er sich dann den Stift geben und unterschrieb. Nun war es besiegelt.

„Willkommen in unserer kleinen, aber wachsenden Familie“, lachte Doro und unterschrieb den Vertrag neben Yves. „Hast du morgen Zeit? Wenn ja, komm vorbei, dann stell ich dir den Rest des Teams vor und zeige dir dann deine Arbeits- und die Personalräume und was du sonst noch alles wissen musst.“ Sie klatschte wieder in die Hände und umarmte Yves spontan. „Klasse, dass du bei uns mitmachst.“

„Wenn du mir... wenn sie mir ihre Nummer geben können, dann rufe ich heute Abend noch an. Ich muss die Zeiten mit meinem Chef absprechen. Da er auch mein Vermieter und dazu ein guter Freund ist, möchte ich ihn ungern sitzen lassen. Er verlässt sich auf meine Mithilfe im Kurierdienst und im Restaurant. Aber ich würde anrufen, sobald ich weiß, wie ich morgen Zeit habe“, versicherte Yves mit Feuereifer und hoffte, dass das in Ordnung ging.

„Lass das Sie. Wir sind Kollegen.“ Doro griff auf ihren Schreibtisch und holte eine kleine Karte. „Hier, da steht alles drauf. Ruf an, oder schick eine SMS, was dir lieber ist.“ Sie drückte Yves die Visitenkarte in die Hand. „Du willst los, hm?“, sagte sie unvermittelt und lächelte. Yves wirkte ein wenig wie auf dem Sprung und im Großen und Ganzen waren sie fertig. „Los, ab mit dir, wir sehen uns ja bestimmt morgen.“

„Ja. Chen wartet mit den Auslieferungen. Ich müsste dann“, erklärte Yves, als er sein Exemplar des Vertrages in seinen Schulrucksack steckte. Sein Kopf schwirrte und dass er so verändert aussah, musste er auch erst einmal ein bisschen auf sich wirken lassen - auf sein Umfeld vielleicht noch mehr als auf sich selbst. „Danke für alles, sie... du hörst heute noch von mir“, grinste er und reichte Doro die Hand.

„Du arbeitest bei Chen, in Chinatown?“, fragte Doro und ihre Augen wurden groß. Sie kannte den Laden und ging dort ab und zu nach der Arbeit hin, um sich was zu holen, denn die Suppen waren einfach köstlich. Yves hatte sie dort allerdings noch nie gesehen, aber das hieß nichts, wenn er die Auslieferungen machte. Sie grinste spitzbübisch. „Dann kannst du uns morgen gleich etwas von Chens Suppen mitbringen. Das Essen hier ist zwar nicht schlecht, aber ab und zu brauche ich was leckeres Bodenständiges und Chens Suppen sind einfach lecker.“

„Klar, sicher. Warum nicht.“ Yves grinste. So ließ sich doch das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und wenn seine letzte Lieferung hier her ging - warum nicht. „Ich bring mal eine Karte mit“, lachte er und griff sich seine ganzen Sachen. Doch dann musste er sich sputen. „Und da es noch ein paar mehr Leute gibt, die Chens Suppen lieben, muss ich los. Sonst werden die verhungern.“ Er schüttelte noch einmal Doros Hand und machte sich dann auf den Weg. Mit klopfendem Herzen und Kribbeln in den Händen und einer unbekannten Kühle im freigeschnittenen Nacken.



Die Fahrt zurück nach Chinatown verlief ohne Zwischenfälle und Yves' gute Laune bekam erst einen Dämpfer, als dieser protzige Bugatti vor dem Restaurant stand. Hatte dieser Fraggle eigentlich kein Zuhause, dass er ständig hier rumlungern musste?

Aber William lungerte nicht, er ließ sich eine der Suppen schmecken, denn er hatte heute noch keine Zeit gehabt, etwas zu essen und wenn er das Training durchhalten wollte, musste er etwas in den Magen bekommen. Er sah hoch und runzelte die Stirn. Er glaubte Yves gesehen zu haben, aber auch wieder nicht, denn der Typ, den er gesehen hatte, sah anders aus als die Kirchenmaus, aber trotzdem wurde er den Gedanken nicht los, dass er ihn kannte.

Allerdings trug der Kerl, der eben an ihm vorbei gerauscht war, keine Brille, noch dazu hingen ihm keine fransigen Haare ins Gesicht. Und er wusste von Yuki nur zu gut, dass Yves beides nie aufgeben würde. Er hatte sich immer dagegen gewehrt. Also konnte er das nicht gewesen sein.

Und doch war es Yves gewesen, denn er rauschte gleich durch in die Küche, um Chen und Ling zu begrüßen und zu sehen, wo er im Augenblick am dringendsten gebraucht wurde. Außerdem musste er sich für seine Verspätung entschuldigen.

„Macht doch…Yves?“ Ling hatte sich, während sie sprach, zu Yves rumgedreht und kam nun, die Hände an der Schürze abwischend, zu ihm. „Was hast du gemacht?“ fragte sie und strich ihm vorsichtig durch die Haare. „Du siehst gut aus, ganz anders.“

„Ja.“ Er grinste schief und strich sich selber noch einmal durch die Haare. „Darüber will ich später noch mit euch reden. Ich habe einen Nebenjob gefunden. Aber die Zeiten möchte ich gern mit euch abstimmen, denn ihr seid immer noch meine Freunde, meine Vermieter und meine Arbeitgeber. Ich will euch nicht hängen lassen. Deswegen werde ich mir jetzt erst mal die Kiste da hinten greifen und den Leuten ihr Essen bringen.“ Er verbeugte sich leicht, um sich zu entschuldigen.

„Ja, machen wir.“ Ling nickte und sah ihren Mann an. Sie hatten mit Chens Bruder geredet und sich etwas überlegt, um es Yves leichter zu machen. „Nach dieser Fuhre setzen wir uns zusammen“, rief sie Yves hinterher, der nur den Arm hob um anzuzeigen, dass er verstanden hatte. Wieder flitzte Yves durch das Lokal und nun war sich William sicher, dass er sich nicht verguckt hatte. Das war seine Straßenratte – gar kein Zweifel. Die kleine Ratte, die das Licht scheute, die aussah als hätte sie jemand hin gespuckt. Doch halt - der da sah nicht mehr aus wie hin gespuckt. Verdammt, was war mit dem Kerl passiert?

Wie üblich landete ein verächtlicher Blick auf William, als Yves das Lokal verließ, doch dieses Mal konnte William die schwarzen Augen deutlich sehen - sie sprachen Bände. 'Du bist es nicht wert, die gleiche Luft zu atmen' - es war wie eine Kampfansage, die sich William natürlich nicht gefallen ließ. Er grinste geringschätzig zu Yves rüber. Was glaubte der eigentlich, wen er vor sich hatte? So ein Spinner. Seine Verwunderung über Yves' neues Aussehen ließ er sich nicht anmerken und hob nur eine Braue. „Wir sehen uns in der Schule“, schickte er lautlos zu ihm und widmete sich wieder seiner Suppe, während seine Straßenratte auf dem Weg aus dem Lokal war.

Schlussendlich war Ling nicht dazu gekommen, mit Yves zu reden, als er zurückgekommen war. Das Restaurant war bis auf den letzten Platz vor der Tür voll, und so rotierte Yves zwischen den Tischen, fuhr aus, wenn eine Bestellung abzuliefern war und rotierte dann wieder zwischen den Tischen. Es war schon weit nach acht, als auch Hong sich eingefunden hatte. Das Training war lange vorbei und im Lokal war es etwas ruhiger geworden, so dass auch Yves endlich etwas essen konnte.

Yves bekam seine Suppe und alle vier setzten sich in der Küche zusammen. Ling hatte für alle Tee gekocht, denn ein wenig Ruhe konnten sie gebrauchen. „Du hast also eine neue Arbeit gefunden?“, fragte sie und sah zu ihrem Mann. Sie machte sich Sorgen um Yves. Er schlief nicht genug und irgendwann waren seine Reserven verbraucht.

„Nein, keine neue. Nur ein Nebenjob“, erklärte Yves mit Nachdruck, dem die Formulierung „neu“ gar nicht gefiel. Das klang so, als würden sich ihre Wege trennen und das war ganz bestimmt nicht sein Ziel. Er wollte hier bleiben und weiter seine Miete abarbeiten. Deswegen sah er Ling forschend an - was hatte sie vor? Yves wurde nervös. Hatte er einen Fehler gemacht, dass er sich einen zweiten Job gesucht hatte?

„Erzähl mir davon.“ Ling lächelte und strich Yves über die Hand. „Verdienst du dort wenigstens gut, denn wenn nicht, lass es sein, dann machst du dich nur kaputt, für nichts und wieder nichts. Du bist uns zu wichtig, als dass wir das zulassen würden. Du sollst Zeit für deine Schule haben, denn du sollst einen guten Abschluss kriegen.“

„Ling, für den guten Abschluss muss ich in den nächsten drei Monaten locker Dreißigtausend Dollar zusammenbekommen“, sagte Yves und nickte. „Ja, sie zahlen ziemlich gut. Sie wollen mich sogar dafür bezahlen, dass ich dort trainiere und“, er senkte den Kopf, weil er Hong nicht in die Augen sehen konnte. Doch im Augenblick war das Geld das wichtigste und wenn er das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden konnte, so war das doch nicht ganz verkehrt, auch wenn er so noch seltener in den Dojo kam. „Außerdem bin ich krankenversichert“, und wieder brach Yves ab, er wusste nicht, was er sagen sollte. Der Appetit war ihm vergangen. Irgendwie hatte er sich das leichter vorgestellt.

„Du kannst dort trainieren?“ Hong wurde neugierig. „Das musst du mir näher erklären.“ Er wollte noch etwas sagen, aber Ling unterbrach ihn.

„Ihr immer mit eurem Kendo, macht das später, wir haben etwas anderes zu besprechen.“ Sie wechselte einen kurzen Blick mit ihrem Mann, der nickte, dann wandte sie sich wieder an Yves.

„Yves, mein Mann und ich haben uns etwas überlegt. Du bleibst weiter bei uns wohnen, aber du wirst keine Miete mehr bezahlen.“ Sie hob eine Hand als Yves etwas sagen wollte und lächelte. „Von einem geliebten Familienmitglied nimmt man keine Miete. Du bist für uns wie ein Sohn und wir möchten, dass du einen guten Schulabschluss bekommst.“

Stille kehrte in der Küche ein, nicht einmal der Topf mit der Brühe blubberte. „Ihr“, Yves setzte an, doch er wusste nicht, was er sagen sollte. Er war gerührt, nein er war mehr als nur ein bisschen gerührt. Er war ergriffen und ein Kloß saß ihm im Hals. Ein geliebtes Familienmitglied. Es kam Ling so einfach über die Lippen. „Ich“, versuchte Yves ein zweites Mal sein Glück, doch er kam nicht weiter als bei seinem ersten Versuch. Er schluckte und sah zwischen Ling und Chen hin und her. „Danke“, konnte er schließlich sagen und sank seiner 'Pflegemutter' in die Arme. „Danke.“

„Und was ist mit uns? Uns umarmt keiner. Wir gehören auch zu dieser Familie“, grummelte Hong grinsend und Chen tat es ihm gleich. „Ich kann mich meiner Frau nur anschließen. Wohne hier, solange du möchtest und arbeite, wenn du Zeit dazu hast. Wir können dir nicht sehr viel bezahlen, darum wirst du hauptsächlich dort arbeiten, wo du gutes Geld verdienst. Hier ist dein Zuhause, wo du lernen und dich entspannen kannst und wenn du Zeit und Lust hast, kannst du Auslieferungen machen, gegen Geld natürlich.“ Für Chen war das eine lange Rede, denn eigentlich überließ er so etwas seiner Frau, aber Yves war ihm wichtig, darum wollte er das klar stellen.

„Ihr macht mich total verlegen und das ausgerechnet jetzt, wo ich keinen Pony mehr habe, hinter dem ich mich verkriechen kann“, grinste Yves schief, doch er umarmte auch seinen Sensei und seinen Chef einmal kräftig und war sich sicher: es gab einen Gott. Irgendwo da oben saß er und freute sich mit Yves, der nun anfing zu erzählen, was Doro ihm erzählt hatte und was auf ihn zukommen würde, sowohl von dem Nyotaimori, als auch von Doros Idee mit dem Schautraining. Freilich ließ er auch die Bezahlung nicht aus, bestand aber darauf, Ling und Chen nicht gänzlich hängen zu lassen. Denn jemanden anzustellen der aushalf, kostete auch Geld.

„Was es nicht alles gibt.“ Ling schüttelte den Kopf. „Also für mich wäre das nichts, so von einem Fremden zu essen, obwohl…“, sie kicherte und sah auf einmal aus wie ein junges Mädchen. „Wenn mein Chen da so liegen würde, dann…“ Sie wurde rot und versteckte sich hinter ihrer Teetasse, aber sie musste immer noch kichern.

Auch Yves lachte. „Ich muss das erst mal üben. Im Augenblick mach ich mir da noch keine Gedanken. Morgen bin ich das erste Mal fällig und muss noch etwas Behaarung loswerden“, murmelte er, aber nur ganz leise, weil ihm das irgendwie auch peinlich war. Über so was sprach man eigentlich nicht. Auch nicht unbedingt mit der Familie. „Aber ich muss Doro noch anrufen, wann ich kommen kann. Ich weiß ja nicht wie es euch passt? Vielleicht gleich nach der Schule und dann kann ich euch helfen. Das Haus ist ja noch nicht geöffnet, ich muss nur dort trainieren, wie man lange still liegt und so weiter.“

„Ich gebe dir nachher einen Rasierer und Schaum“, wisperte Ling ihm zu und zwinkerte. Die Männer hatten davon nichts mitbekommen und das war auch gut so. „Ja, mach das direkt nach der Schule, wenn das passt, aber wenn es länger dauert, dann mach dir keinen Stress.“ Chen überlegte. „Machen wir das so. Solange du noch keinen festen Arbeitsplan hast und nicht weißt, wie lange du dort gebraucht wirst, wird Bao deine Aufträge erledigen und wenn du weißt, wie du arbeiten musst, sprechen wir alles ab.“

„Gut.“ Yves nickte. Irgendwie war das heute voll sein Tag gewesen. Er würde Doro gleich eine SMS schreiben und heute Abend noch mit Joel telefonieren. Er musste ihm unbedingt erzählen, dass er nun doch einen Nebenjob hatte. Vielleicht verschwieg er dem Kleinen lieber, was er da tat und beschränkte sich auf das Training und so lange er noch nicht abends im Haus arbeiten musste, konnte ihn doch sein Kleiner sicher noch einmal besuchen. Hinterher würde es die nächsten Wochen schwer werden, aber auf seinen kleinen Bruder konnte Yves nicht verzichten. Genauso umgekehrt. Sie hatten sich schon viel zu lange nicht mehr gesehen und seine Großmutter machte sich bestimmt auch Sorgen um ihn, so dass er ihr zeigen musste, dass es ihm gut ging.

„Woran denkst du?“, fragte ihn Ling, die sein kleines Lächeln auf den Lippen aufgefallen war.

„An Joel, ich werde ihn noch einmal für ein Wochenende her holen, ehe ich dann immer die Abende im 'Haus der Sinne' bin und tagsüber in der Schule.“ Dann hatte Joel ja gar nichts von ihm. Jetzt könnten sie wenigstens die Abende zusammen verbringen und Yves konnte ihm wieder Bücher vorlesen. Oder er saß bei Chen in der Küche und hörte ihm zu wie er kochte und warum er wann etwas in den Topf gab. Joel liebte die Küche. Er wollte auch einmal Koch werden, wenn er wieder sehen konnte. Das war sein Traum.

„Ja, mach das. Der Kleine ist so ein Schatz. Ich freue mich darauf ihn wieder zu sehen. Er kann so schöne Geschichten erzählen.“ Ling freute sich jedes Mal, wenn Joel Yves besuchen kam und verwöhnte ihn dann immer maßlos. Sie konnte einfach nicht anders, denn sie hatte keine eigenen Kinder und so hatte sie Joel und Yves kurzerhand irgendwie adoptiert.

„Er schwärmt jetzt schon davon, wie viel Suppe er essen will, wenn er wieder hier ist“, lachte Yves und das erste Mal seit Wochen klang es von Herzen und befreit. Als wäre mit dem heutigen Tag und seinen Ereignissen eine Art Panzer von ihm abgefallen und ließ ihn wieder am Leben teilhaben.

„Kundschaft“, rief es allerdings aus dem Restaurant und so musste sich die kleine Gruppe auflösen. Der nächste Schwung Hungriger verlangte nach Verköstigung.

Noch ungefähr zwei Stunden war viel zu tun, denn um diese Zeit kamen die Nachtschwärmer, die noch etwas essen wollten, bevor sie sich in die Nachtclubs verteilten. Yves rief zwischendurch Doro an und sagte ihr, dass er immer nach der Schule kommen konnte, was sie freute. So konnten sie alle früher nach Hause, denn wenn das Haus einmal lief, war das vorbei.

Mit einer kurzen SMS hatte Yves getestet, ob Joel noch wach war und als der mit Begeisterung nach einem Anruf verlangte, hatte er auch mit ihm noch eine halbe Stunde geredet und dem Kleinen erzählt, dass er ihn bald noch einmal fürs Wochenende holen wollte. Natürlich war Joel hellauf begeistert gewesen.

Der Schluss des Abends spielte sich in der Dusche ab, in der Yves sich von ein paar Haaren trennte und von den Kontaktlinsen. Dann fiel auch er ins Bett und schlief das erste Mal seit Wochen mehr als vier Stunden.




[1] ist wohl Japanisch - aber keine japanische Tradition. „Nyotaimori“ heißt eigentlich „geschmückter Körper einer Frau“, das männliche Gegenstück dazu wird mit „Nantaimori“ bezeichnet. Die englische Übersetzung „Body Sushi“ ist der Nachvollzug dessen, was Amerikaner und Europäer - weniger die Japaner - als Ess-“Kunst“ betiteln ...