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Das Herz eines Herzogs - Teil 5 bis 8

05

„Ich bin weg“, erklärte er James, als er die Treppe runter war und durch die Empfangshalle lief. William müsste sich nicht abmelden, doch er tat es. Auch wenn er anderen gegenüber ein Arsch sein konnte, vor allem bei Speichelleckern und Arschkriechern, bei Leuten, die ihn respektierten, tat er das gleiche. Und James war definitiv einer davon.

Auf der Fahrt zum Club verrauchte seine Wut ein wenig und machte Vorfreude Platz. Er liebte das Fechten und egal, ob seine Freunde da waren oder nicht, er würde sich auspowern, bis er nicht mehr konnte.

Seine Freunde waren aber da, wie die beiden Sportwagen auf dem Parkplatz anzeigten und ein Lächeln erschien auf Williams Gesicht und er lief schnell in die Umkleide. „Rob, Pete“, rief er laut und winkte den beiden, als er die große Fechthalle betrat. „Bereit für eine Niederlage?“ Dabei grinste er breit und kam zu ihnen rüber. Robert und Peter verschnauften gerade. Sicher hatten sie sich eben ein Duell geliefert. Maske und Florett lag neben ihnen auf der Bank und sie grinsten.

„Hey, du Versager. Was machst du denn hier? War heute nicht was mit Mamas Haus mal hüten?“, stichelte Robert. Auch wenn er einen schottischen Namen trug, so hatte er doch die roten Haare und die große Klappe seiner irischen Vorfahren.

„Das bricht schon nicht zusammen, wenn ich ein paar Stunden nicht da bin. Wurde ordentlich renoviert“, lachte William und schlug Robert freundschaftlich gegen die Schulter. „Wäre nur schade um meine Sammlung. Die ist nämlich endlich angekommen.“ Er knuffte auch Peter zur Begrüßung und ließ sich neben seine Freunde fallen. „Meine Mutter hat mich angerufen und jetzt brauch ich was, wo ich mich abreagieren kann“, lachte William und es war klar, wer damit gemeint war.

„Hat sie dich beim Spielen mit den Messerchen gestört?“, fragte Robert und rollte die Schultern. Er war zwar fix und fertig, weil sie sich jetzt zwei Stunden am Stück nichts geschenkt hatten, doch gegen William würde er immer noch antreten.

„Ach Quatsch. Die hat ihm bestimmt nur gesagt, dass er nicht vergessen soll, unter dem Bett die Staubmäuse zu fangen, ehe die Junge kriegen“, lachte Peter, ein eher ruhigerer junger Mann, den man aber nicht unterschätzen sollte. Er und Robert ergänzten sich wunderbar.

„Na, wenn's wenigstens das gewesen wäre.“ William grinste schief und seine Augen wurden wieder ärgerlich, als er an seine Mutter dachte. „Nein, sie hat nur angerufen, um mir zu drohen, dass sie mich fertig macht, wenn ich es noch einmal wagen sollte, ihren guten Ruf zu beschmutzen, in dem ich die Töchter ihrer Geschäftspartner vögle. Was glaubt die alte Hexe eigentlich, wer sie ist, dass sie mir Vorschriften machen kann?“ Wütend schlug William mit der Faust auf die Bank und lehnte sich an die Wand hinter sich. „Sie glaubt doch wirklich, dass ich zu Kreuze krieche, wenn sie droht, mir die Kreditkarten zu sperren.“

„Oh. Harter Tobak“, lachte Peter. Er wusste ganz genau, dass William auf die Kreditkarten seiner Mutter sicher nicht angewiesen war. Der Kerl war zu clever, um sich nicht abzusichern. „Und was hast du jetzt vor?“

„Na, so wie ich ihn kenne - die Tussis erst recht richtig ran nehmen“, lachte Robert und strich sich die kinnlangen Haare aus dem Gesicht. So sah man endlich die grünen Augen listig blitzen. „Lieg ich richtig?“

„Darauf kannst du Gift nehmen. Soll sie doch dran krepieren, dass sie so einen missratenen Sohn hat. Das würde mir das Leben um einiges erleichtern.“ William wusste, dass sich das kaltherzig anhörte, aber seine Mutter war für ihn nie mehr, als seine Gebärerin gewesen, denn sie hatte ihn nur bekommen, weil ein Erbe gebraucht wurde. Interessiert hatte sie sich noch nie für ihn. „Aber genug geredet, wer von euch will als erstes verlieren?“ Grinsend nahm er sein Florett und seinen Helm auf und sah seine Freunde herausfordernd an.

„Los, geh du!“ Robert schubste Peter ein bisschen und lachte, doch der knurrte und ließ sich wieder fallen.

„Klar, wirf mich nur dem kaltherzigen Kerl zum Fraß vor!“ Peter tat, als müsste er seinen Overall noch einmal richten und guckte unbeteiligt in der Gegend herum, verdrehte aber die Augen, als er sah, dass sie schon wieder von einer tuschelnden Schar junger Damen beobachtet wurden. Lästig! Außerdem hatte er eben schon gegen Robert verloren - noch eine Niederlage und sein Ego war klinisch tot.

„Weichei!“, lachte Robert und erhob sich. Stellte er sich eben dem Feind zum Kampf.

„Ich werde gnädig sein und mich nur verteidigen“, lachte William und setzte den Helm auf. „Zumindest erst einmal, dann mach ich dich fertig.“ Immer noch lachend, ließ er sich von Peter ans Kabel hängen, damit ihre Punkte gezählt werden konnten und nahm die Grundposition ein. Alles, außer dem bevorstehenden Kampf, war aus seinem Kopf verschwunden. Robert war ein harter Gegner, selbst für ihn. Mochte seinem Gegner noch der Kampf mit Peter in den Knochen stecken - William selbst war auch noch nicht ganz fit, denn er hatte sich nicht warm gemacht.

Doch kaum waren die Begrüßung und der erste Angriff gemacht, merkte man nichts von den Handicaps. Sie trieben sich über die Matte und schenkten sich keinen Punkt. Jeder Treffer war gut vorbereitet und hart erkämpft.

Wie jedes Mal, wenn zwei der drei jungen Herren auf der Matte waren und ein Duell bestritten, sammelten sich andere Schüler und Athleten, um ihnen zuzusehen. Sportliches Können auf diesem Niveau war auch hier eher selten.

Der Club hatte wirklich Glück, gleich drei dieser Ausnahmeathleten zu haben und die Anmeldungen, nachdem der Duke of Kendal hier trainierte, hatten enorm zugenommen. In den Fechterkreisen war er durchaus ein Begriff. Jede Finte und jeder Punkt der beiden Kontrahenten wurde registriert und auch leise kommentiert, weil jeder hoffte, sich etwas abschauen zu können. Robert und William bekamen davon gar nichts mit, sie kämpften verbissen und als William schließlich den entscheidenden Punkt machte, riss er sich freudestrahlend den Helm vom Kopf und lachte, ging aber gleich auf Robert zu und umarmte ihn, um ihm für den tollen Kampf zu danken.

„Ja, ja“, knurrte der gutmütig und grummelte leise. „Wir wissen, dass du der Beste bist. Ein Gentleman genießt und schweigt.“

„Na, du Loser!“, lachte Peter zufrieden, denn nun war ihr Punktekonto wieder ausgeglichen.

„Noch so ein frecher Spruch und du bist das nächste Hühnchen, was tranchiert wird!“ So weit kam es noch, dass er sich von Peter verarschen ließ. Nur weil er das Gesicht eines Engels hatte, hieß das noch lange nicht, dass Peter auch einer war. Wenn man genau hinsah, sah man den Teufelsschwanz und die Hörnchen deutlich.

„Nee danke. Heute nicht mehr.“ Peter winkte ab und kam zu seinen Freunden hinüber. „Los, duschen und umziehen, ich lad euch zum Essen ein. Ich habe da ein fantastisches Sushi-Restaurant in Chinatown entdeckt. Wäre doch ein guter Abschluss unseres Tages.“ Er knuffte seinen Freunden gegen die Schulter und hoffte, dass er damit aus der Sache raus war, denn heut noch einmal zu verlieren, egal gegen wen, hatte er keine Lust.

„Lassen wir das Weichei damit durchkommen?“, grinste Robert und nahm Peter - ehe der sich versah - in den Schwitzkasten. Gut gelaunt machten sie sich also auf in die Umkleidekabinen und schüttelten nur die Köpfe, weil ihnen wieder ein paar der jungen Damen die Telefonnummer zugesteckt hatten. „Die lernen's nie!“ Robert knüllte seine Zettel zusammen und ließ sie gut sichtbar fallen. Das war nicht sein Metier. Damen im Allgemeinen waren nicht sein Metier. Doch damit ging er nicht hausieren.

Seine Freunde und seine Familie wussten es und damit war es auch genug.

„Hey, da ist doch vielleicht was für mein Büchlein dabei“, lachte William leise, aber er machte sich nicht die Mühe, die kleinen Knäuel aufzuheben. In seinem Spind lagen genug Telefonnummern, dass er ein paar Tage davon zehren konnte. „Ja, lassen wir ihn damit durchkommen, ich habe Hunger.“

„Dusch dich aber vorher.“ Robert hielt sich die Nase zu. So schlimm war es zwar nicht, doch er übertrieb gern. Peter beobachtete die beiden nur und steckte sich eine der Telefonnummern, die er bekommen hatte, weg. Auf die kleine Brünette mit dem netten Lächeln war er schon eine Weile scharf. Nur weil Robert ein Kostverächter war, hieß das noch lange nicht, dass er auch einer sein musste.

So duschten sie sich und zogen sich an, ehe sie alle drei zusammen zu ihren Wagen gingen.

„So, dann zeig uns mal den Weg zu leckerem Futter“, rief William, als er in seinen Wagen einstieg und startete. Er ließ den Motor einmal aufheulen, weil er das Geräusch mochte und folgte Peter, der langsam vom Parkplatz rollte. Nach Chinatown waren sie ein wenig unterwegs, aber wenn das Essen so gut war, wie Peter gesagt hatte, lohnte es sich auf jeden Fall.



Es war etwas ungewöhnlich, dass drei teure Sportwagen gleichzeitig vor dem Restaurant ihrer Eltern hielten, deswegen hing Yuki neugierig am Fenster. Sie half im Gastraum aus und servierte in ihrem Kimono, drückte sich aber unauffällig die Nase platt. „Yuki-chan, lass das!“, sagte ihre Mutter und schob ihre Tochter weiter. Es gehörte sich nicht, Leute anzustarren.

„Och, 'ka-san!“, brummelte Yuki und wandte sich ab, hatte aber zumindest registriert, dass die gut aussehenden Jungs wohl genau in Nagoyas Sushi-Bar wollten.

Da konnte sie die drei auch noch begutachten. Sie fragte sich, wer die Jungs wohl waren, denn normalerweise kamen nur Gäste hier her, die auch in Chinatown wohnten und das taten diese drei bestimmt nicht.

William sah sich unauffällig um, als sie das Lokal betraten und nickte dem jungen Mädchen im Kimono zu, das zu ihnen kam, um sie zu begrüßen. „Einen Tisch für drei bitte“, sagte Peter lächelnd und deutete eine Verbeugung an, wie es die Höflichkeit gebot. Yuki als auch ihre Mutter erwiderten den Gruß und während Frau Nagoya die Karten holte, geleitete Yuki die drei stumm an einen besonders schönen Tisch. Er war etwas abseits gelegen und deswegen ruhiger als die anderen. Vereinzelt waren die Tische schon besetzt und auch die anderen Gäste warfen den Neuen abschätzende Blicke zu.

Neugierig beäugte auch Yuki die drei immer wieder - sie waren so unterschiedlich. Einer mit blonden, kurzen Strubbelhaaren, einer mit halblangen roten Fransen, fast wie Yves' alte Frisur und einer mit rückenlangen, schwarzen Haaren. Glatt und seidig sahen sie aus und irgendwie fiel ihr dieser junge Mann besonders ins Auge. Er war genau ihr Typ.

Robert stieß William unauffällig unter dem Tisch an und blickte zu Yuki rüber, die seinen Freund neugierig betrachtete. „Da scheint jemand Interesse an dir zu haben, Will“, wisperte er ihm leise zu und William, der ganz in Gedanken versunken war, schreckte auf und sah zu Yuki hinüber, die etwas rot wurde, weil sie sich ertappt fühlte, aber der Duke lächelte nur. Die Kleine war niedlich. Asiatinnen hatte er noch nicht sehr viele auf seiner Abschussliste gehabt. Warum eigentlich nicht?

„Ihr seid echt unmöglich“, lachte Peter leise. „Wir sind nur zum Essen hier - alles andere lassen wir doch jetzt mal bitte außen vor. Ich will hier nämlich noch eine Weile essen gehen!“ Den Seitenhieb in Richtung William hatte er sich einfach nicht verkneifen können. „Also lass den Schwanz in der Hose und richte die Augen auf die Fischspezialitäten.“

„Ist ja gut“, grummelte William gutmütig und lächelte noch einmal zu Yuki. „Aber ein wenig flirten wird doch wohl erlaubt sein.“ Seine Freunde waren die einzigen, die so mit ihm reden durften, darum nahm er sich eine der Karten und suchte sich einige Köstlichkeiten aus, die er dort fand. Dazu bestellte er sich ein Wasser, weil er ja noch fahren musste.

Peter hingegen liebte das Risiko und er war nur in dieser Sushi-Bar gelandet, weil der Meister hier die Lizenz für den Fugu hatte. Den wollte er wieder probieren. Der Fisch an sich war jetzt nicht das, was ihn reizte oder was er unbedingt haben wollte, sondern das Wissen, dass sein Leben in der Hand eines anderen lag. Es reizte ihn.

„Selbstmörder“, knurrte Robert nur leise, als er hörte, was Peter wollte und orderte das, was er am liebsten mochte: Sashimi vom Thunfisch und zwar reichlich. „Und ein nettes Lächeln für unseren Neuen!“, konnte er sich nicht verkneifen, als Yuki die Bestellungen aufgenommen hatte.

Yuki errötete und William machte es ihr leichter, als er zurücklächelte. Er wusste nicht genau wieso, aber die Kleine gefiel ihm und das nicht nur, weil sie wirklich hübsch war. Sie war so anders, als die Mädchen, die er sonst kannte. Erfrischend natürlich und einfach nett. Darum verbannte er sie aus seinem Büchlein, denn dazu war sie einfach zu schade.

Bei Peters Bestellung hob sich eine Augenbraue. Er hatte schon davon gehört, aber es noch nie gegessen. Seine Mutter wäre die Wände hochgegangen, wenn sie das erfahren hätte. „Ich nehme auch etwas davon“, entschied er spontan. Seine Mutter war weit und ein wenig Nervenkitzel reizte ihn schon immer.

„War schön, euch gekannt zu haben, Jungs“, lachte Robert, als die junge Japanerin wieder gegangen war. Er blieb bodenständig. Er machte auch keinen Hehl daraus, das er auf solcherart Experimente nicht besonders stand. Ihm war es lieber, er ging einem Risiko aus dem Weg. Was nicht hieß, dass er Ärger aus dem Weg ging - so lange er wusste, dass er gewinnen konnte. Sein irisches Blut eben. Aber sein Freund hatte sich über sein Temperament noch nicht beschwert. Robert grinste dreckig und versuchte, das hinter einer Hand zu verbergen.

„Woran denkst du schon wieder?“, flüsterte William und kicherte, denn das wusste er genau. Schließlich gab es nur einen, der Robert so grinsen ließ. „Adam würde sich bestimmt freuen, wenn er sehen könnte, was der Gedanke an ihn bei dir auslöst“, lachte William leise und sah auf Roberts Schritt, wo die Hose gerade ein wenig ausgebeult wurde.

„Ein Wort an mein Babe und die Kendals haben keinen männlichen Erben mehr, weil ich seinen Schwanz als Trophäe an meiner Autoantenne hängen habe“, grinste Robert und lehnte sich etwas zurück. Es war mehr Zufall gewesen, dass William herausgefunden hatte, dass Robert mit Mädels nicht viel anfangen konnte. Adam hatte ihn eines Abends vom Training abgeholt und am Wagen kurz begrüßt. Doch weil er William vertraute, hatte er es nicht dementiert. Warum auch - er liebte Adam wirklich, das war nicht nur Sex.

Robert ging vielleicht nicht damit hausieren, dass er anders war, doch er schämte sich auch nicht dafür - dafür war sein Liebesleben viel zu ausfüllend und seine Mutter hatte gelernt, damit zu leben. Zwar durfte Adam nicht offiziell an seiner Seite sein, wie eine Verlobte es gekonnt hätte, doch er wurde zu jeder Feier eingeladen, was so viel bedeutete wie: aufgenommen in der Familie.

„Ich doch nicht. Ich misch mich da nicht ein.“ William war nicht sehr beeindruckt von der Drohung und das kleine Zwischenspiel war auch sofort vergessen, als Yuki das Essen und die Getränke brachte. Seine Augen leuchteten, denn es sah köstlich aus. Neugierig besah er sich den Fugu, der dünn geschnitten und unschuldig auf einem Teller angerichtet war. Wie konnte so etwas nur so gefährlich sein. Aber er war neugierig, darum nahm er sich gleich etwas davon und probierte.

„Das ist gut“, seufzte er schließlich und nahm gleich noch etwas, was Yuki lächeln ließ.

„Ich werde es meinem Vater ausrichten“, sagte sie und verbeugte sich, ehe sie sich langsam rückwärts wieder entfernte.

„Mit der Kleinen würde ich es mir nicht verscherzen. Die Schlampen der Geschäftspartner deiner Mutter mögen bei Papi petzen - aber wenn du es dir mit der verscherzt, war das dein letzter Fugu“, lachte Robert, während Peter schon zufrieden seinen Fisch futterte und jedes Scheibchen auf der Zunge zergehen ließ. Er ließ die anderen beiden machen - nichts störte seinen Genuss.

„Das kann gut sein und darum kommt sie nicht in mein Büchlein. Allein schon deswegen, weil das hier mit das beste Sushi ist, was ich bisher gegessen habe.“ Frech grinsend klaute William Robert was von seinem Teller. „Aber ich könnte sie fragen, ob sie einen Dojo weiß, in dem ich den Umgang mit japanischen Schwertern üben kann. Schließlich will ich meine Lieblinge auch einmal benutzen.“

„Ach, du und deine Steakmesser“, lachte Robert gutmütig und zog sein Brett mit dem Sashimi dichter zu sich. So weit kam es noch, dass er den unverschämten Kerl mit durchfüttern musste. „Vielleicht reicht für dich da schon ein Knigge-Kurs, da lernt man auch, wie man das Besteck bei Tisch richtig benutzt.“ Übermütig steckte er seinem Freund die Zunge raus, während Peter immer noch völlig abgeschaltet hatte.

„Hey, ich habe exzellente Tischmanieren und mit Stäbchen kann ich sehr gut umgehen – siehste.“ Blitzschnell klaute sich William noch einen der leckeren Fischhappen und grinste breit, aber er war ja nicht so und schob seinen eigenen Teller näher zu Robert, damit der sich etwas nehmen konnte. Er selber tat sich an dem Fugu gütlich. Das würde er sich definitiv öfter bestellen.

„Ja, ja. Wehrlosen Kindern den Fisch wegfressen - so einer bist du also, William Matthew!“ Robert griff sich drei Scheiben Lachs und bunkerte sie auf seinem Brett, ehe Will die noch zurück haben wollte, weil er sich das anders überlegt hatte. „Will-Ma“, grinste er plötzlich, als ihm aufging, was für ein Wort dabei heraus kam, wenn man die beiden Namen abkürzte.

Nun hatte er ja etwas gefunden!

„Bleib bei deinen Stäbchen, Willma, und überlass die Messer den Männern.“

William verschluckte sich, als er seinen neuen Spitznamen hörte und sogar Peter ließ sich aus seinem Genuss reißen und grinste breit. „Willma?“, kicherte er und zeigte Robert den erhobenen Daumen. Das war doch mal ein genialer Name.

„Robert Mc Laughlin, Peter Higgins, wenn ihr nicht schmerzhafte Bekanntschaft mit meinen Messern machen wollt, solltet ihr diese Verunglimpfung meiner Vornamen sehr schnell wieder vergessen“, knurrte William und hustete immer noch, weil sich ein wenig Reis hartnäckig in seiner Luftröhre querstellte.

„Ach Willma, komm schon“ Robert konnte nicht mehr vor Lachen und musste seine Stäbchen weglegen, damit er damit nicht noch aus Versehen Schaschlik machte. „Mach deine schönen Messerchen nicht an uns Unwürdigen schmutzig“, versuchte er ernst zu sagen, prustete aber gleich wieder los und lockte so Yukis Aufmerksamkeit auf sie. Verschämt stand sie in einer Ecke des Raumes und beobachtete die drei. Sie wirkten nett und kein bisschen Juppy-mäßig, wie sie erst befürchtet hatte.

„Ich will das nicht“, seufzte William und ließ seinen Kopf auf den Tisch sinken. Er konnte sich jetzt aufregen oder toben, aber das änderte nichts daran, dass er ab jetzt Willma heißen würde. Seine Freunde waren gnadenlos, wenn sie etwas gefunden hatten, mit dem sie ihn aufziehen konnten. „Könntet ihr wenigstens versuchen, mich nicht vor allen Leuten zu blamieren?“, fragte er und hob den Kopf so weit, dass er Yuki sehen konnte, die etwas entfernt stand und versuchte ihr Grinsen zu verbergen. Er machte ein leidendes Gesicht und winkte ihr zu, dass sie zu ihnen kommen sollte.

Sie beeilte sich mit kleinen Schritten - wie sich das gehörte - zum Tisch zu eilen und doch nicht gehetzt dabei auszusehen. „Kann ich helfen“, fragte sie mit einer sanften Verbeugung und schenkte William ein besonderes Lächeln. Er schien es nötig zu haben. Zufrieden sah sie auch, dass die Teller und Brettchen sich schon gut geleert hatten. Es schien zu schmecken.

„Das hoffe ich doch.“ William richtete sich wieder auf und schenkte Yuki ein strahlendes, ehrliches Lächeln. „Ich habe zwei Freunde, die mich gerade wünschen lassen, sie nicht zu haben, da brauche ich nette Gesellschaft, die mich nicht ständig veralbert.“ William deutete auf den freien Stuhl an ihrem Tisch. „Außerdem habe ich eine Frage, die du mir vielleicht beantworten kannst. Ich suche einen Dojo, in dem ich mit Schwertern trainieren kann. Wüsstest du da was?“

„Mit Schwertern“, fragte Yuki und dachte sofort an Yves und Hong. „Schwerter im Allgemeinen oder... ach nein, ihr fragtet nach einem Dojo. Dann also Katanas, Tachis und Nodachis. Habt ihr schon Übung im Umgang oder wollt ihr bei null anfangen? Dann würde ich sagen, trainiert Kendo oder Kenjutsu - aber nicht mit scharfen Klingen sondern mit Bokken.“ Wer hätte gedacht dass Yves' Leidenschaft für Schwerter ihr einmal so nützlich sein konnte?

William hob überrascht eine Augenbraue, denn auch, wenn die Kleine Japanerin war, so war es doch ungewöhnlich, dass sie sich mit Waffen auskannte. „Ich habe schon Erfahrung im Umgang mit Schwertern, allerdings nur Florett und europäische Langschwerter. Japanische besitze ich zwar, aber ich kann nicht mit ihnen umgehen.“ William sah sie forschend an, schlug sich dann aber mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Entschuldige, ich bin unhöflich. Mein Name ist William und das sind meine Freunde Robert und Peter“, stellte er sie vor und hielt Yuki die Hand hin.

„Äh, angenehm“, sagte Yuki verlegen, ergriff aber die Hand leicht und stellte sich ebenfalls vor. „Europäische Schwerter sind mit den japanischen Langschwertern nicht zu vergleichen. Ich würde euch raten mit einer ungefährlichen Waffe zu beginnen, auch wenn das vielleicht unspektakulär sein mag. Aber nur von der Basis trainiert, macht es wirklich Sinn. Sagt Yves jedenfalls immer.“

„Yves?“, wiederholte William automatisch und sah Yuki fragend an. Das konnte doch nicht etwa seine Straßenratte sein? Das wäre wirklich ein Zufall, aber wie viele Jungs mit diesem Namen gab es wohl in Chinatown? „Trainiert der auch mit Schwertern?“, fragte er weiter, weil er mehr darüber wissen wollte. „Und wenn ja, kann ich nicht auch dort trainieren, wo er trainiert?“

„Yves ist mein Freund und er arbeitet in einem Nudelrestaurant hier um die Ecke. Der Bruder des Besitzers hat einen Dojo und dort trainiert er schon seit Jahren und seit ein paar Monaten trainiert er auch mit scharfen Schwertern“, sagte Yuki nicht ohne Stolz und grinste breit. Sie konnte William - wie es schien - ziemlich beeindrucken.

„Hier in der Nähe?“ William wirkte ziemlich aufgeregt, was Robert und Peter wieder die Augen verdrehen ließ. „Der und seine Messerchen“, seufzte Peter und nahm sich den restlichen Fugu, solange William abgelenkt war.

„Würdest du mir den Gefallen tun und mir sagen, wie ich dort hinkomme oder besser, wenn du den Meister kennst, mich dort hin zu begleiten?“ William hatte Yukis Hand in seine genommen und sah sie bittend an, was zeigte, wie wichtig ihm das war und sie schmolz förmlich in seiner Hand.

„N-Natürlich“, sagte sie und schluckte. „Ich habe noch eine halbe Stunde Schicht. Dann kann ich gehen. Wenn ihr so lange warten mögt?“, fragte sie und war unsicher, ob das nicht unhöflich war. Sollte sie ihre Mutter fragen? Das war doch ein Notfall - oder? Unsicher sah sie sich um. „Ich hoffe, Lee-Sensei ist dann noch im Dojo. Ich weiß nur, dass Yves heute nicht trainiert. Da bleibt Hong auch nicht länger.“

Man merkte ihr deutlich an, dass sie in einer Zwickmühle war, darum lächelte William sie beruhigend an. „Es ist schon spät und damit wir nicht umsonst stören, sollten wir vielleicht morgen dort hingehen, wenn du Zeit hast“, bot er an, weil er Yuki nicht in Verlegenheit bringen wollte.

„Ja, das wäre besser. Ich muss morgen nicht arbeiten und so kann ich gleich nach der Schule auf dich ... auf sie warten“, korrigierte sie beschämt. Das passierte ihr immer, wenn ihr jemand sympathisch war. „Wie wäre es, man trifft sich im Nudelrestaurant von Chen Lee, das ist nur zwei Straßen weiter. Dahinter kommt man in den Dojo. Dazu muss man durch das Lokal. Ist alles etwas verwinkelt.“ Sie war ganz aufgeregt, weil sie sich wieder sehen würden.

„Dich, nicht sie“, sagte William weich und lächelte. „Wir können uns gerne dort treffen, ich kann dich aber auch hier abholen, wenn dir das lieber ist.“ Er hielt noch immer Yukis Hand und drückte sie noch einmal, bevor er wieder los ließ. „Wann ist es denn am wahrscheinlichsten, den Meister zu treffen?“ Eigentlich fand er es unerträglich, noch bis morgen zu warten, aber er verbarg es gut.

„Sie ... du willst mich hier abholen? Um zwei Straßen weiter zu fahren?“, fragte sie ungläubig, doch der Gedanke, mit solch einem Wagen vorzufahren und ihre Freundinnen zu sehen, war verlockend. Sie gab nicht gern an, war nicht gern die Nummer eins - aber solch einen Wagen ließ man sich doch nicht entgehen. „Okay. Versuchen wir es einfach so gegen zwei. Halb drei beginnt das Training. Da sollten wir nicht stören.“

„Ja, das schaff ich.“ William nickte und wirkte sehr zufrieden. „Ich werde pünktlich hier sein.“ Da hatte er so lange versucht einen Dojo zu finden und dabei hätte er wahrscheinlich nur seine Straßenratte danach fragen brauchen. „Ist das Essen in dem Restaurant gut? Dann lade ich dich dort ein, mit mir zu essen.“

„Chens Nudelsuppen sind die besten in ganz Chinatown. Es ist schwer, einen leeren Tisch zu bekommen, egal zu welcher Tageszeit“, sagte Yuki. Sie war noch immer aufgeregt. „Aber ich glaube, für uns wird er ein Eckchen frei halten. Oder ich frage Yves.“ Der würde Augen machen, wenn sie morgen mit diesem jungen Mann und diesem teuren Sportwagen dort auftauchte!

„Das hört sich doch perfekt an.“ William schenkte ihr noch ein strahlendes Lächeln, denn ihre Mutter gab ihr unauffällig Zeichen, ihr weiter zu helfen. „Wir sehen uns dann morgen. Ich freu mich drauf.“ Das war nicht nur so daher gesagt, denn der junge Herzog freute sich wirklich. Zwar war zu merken, dass Yuki sich geschmeichelt fühlte, seine Beachtung zu finden und wahrscheinlich auch nicht nein sagen würde, wenn er sie um ein Date bitten würde, aber sie schmachtete ihn nicht an.

„Gut, bis morgen dann.“ Yuki verbeugte sich noch einmal und verschwand an einem anderen Tisch. Es war einiges liegen geblieben und auch die übrigen Gäste wollten gern ihr Essen.

„Man. Da geht man zum Essen und was hat man? Ein Date!“ Robert lachte leise und aß auch endlich weiter. Er hatte lieber zugesehen, wie William ein bisschen geflirtet hatte und nun seinem Ziel wieder einen Schritt näher war. „Willma, Willma. Du bist ja ein ganz Ausgefuchster.“

„Wer kann, der kann“, erklärte William lakonisch und regte sich noch nicht einmal darüber auf, dass er schon wieder Willma genannt wurde. Eigentlich konnte ihm heute nichts mehr die Petersilie verhageln. Wenn er wirklich durch Yuki einen Dojo finden sollte, dann musste er sich bei ihr erkenntlich zeigen. Da fiel ihm bestimmt etwas ein, wenn sie sich näher kannten. Und dass sie sich näher kennen lernen würden, stand außer Frage. Schon allein, weil sie wohl die Freundin der Straßenratte war und bis heute hatte William jede Gelegenheit genutzt, den vorlauten Kerl in seine Schranken zu weisen. Wäre doch gelacht, wenn er solch eine Witzfigur nicht ausstechen könnte.

Das einzige, was ihn wirklich ärgerte, war die Tatsache, dass die Straßenratte augenscheinlich mit einem Katana umgehen konnte und William nicht - „Noch nicht!“, knurrte er leise und machte so Robert und Peter hellhörig.

„Was? Noch nicht? Noch nicht nach Hause?“, fragte Peter, als er der Dame des Hauses die Kreditkarte zum Bezahlen in die Hand gab. Auch hier hatte der bargeldlose Transfer Einzug gehalten.

„Hm?“, fragte William und sah Peter an. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er laut gesprochen hatte. „Ihr wollt nicht nach Hause? Möchtet ihr mit zu mir? Wir können noch was trinken und schwimmen, wenn ihr Lust habt. Das Landhaus hat einen großen Pool.“ Er winkte noch einmal Yuki zu, dann ging er aus der Tür.

„Klar, warum nicht? Und wenn wir schon mal da sind, dann gucken wir uns auch mal die Steakmesser an.“ Robert knuffte ihn in die Seite und Peter schüttelte über die beiden den Kopf, verabschiedete sich höflich und erklärte, er käme bald wieder, denn es war sehr lecker.

Vor der Tür startete einer nach dem anderen den Wagen, doch sie vermieden es ausnahmsweise, den Motor heulen zu lassen. Das hätte in diesen engen Straßen nur unnötig geschallt und sicher hätte man sich hier unbeliebt gemacht. Dann sollte man hier vielleicht kein zweites Mal Fugu bestellen.


06


James öffnete ihnen die Tür, als sie beim Landhaus ankamen und William musste grinsen, weil selbst seine Freunde, die Luxus gewohnt waren, leise pfiffen, als sie das Haus betraten. „Schicke Hütte“, lachte Peter und hob den Daumen.

„Na ja, es ist kleiner als unsere Schlösser in England, aber dafür nicht so zugig.“ William grinste und schlug Peter auf die Schulter. „Kommt, ich zeig euch meine Sammlung und James bereitet währenddessen alles am Pool vor.“

„Na los. Du kannst es ja kaum noch erwarten, deine Kartoffelschäler endlich mal jemandem zu zeigen.“ Robert schüttelte lachend den Kopf, als er langsam die Stufen nach oben ging. Dabei sah er sich weiter um und musste zugeben, wenn Abigail Kendal eines besaß, dann Stilsicherheit. Schlicht, unaufdringlich und trotzdem sah man genau, wie viel Geld hier drinnen steckte. „Wie kommt man eigentlich darauf, Kartoffelmesser zu sammeln?“, fragte er William, der hinter ihm neben Peter auch die Treppe nach oben kam.

„Wenn man von seinem Vater mit vier Jahren das erste geschenkt bekommt und er kurz danach tödlich verunglückt und man weiß, dass ihm das eine Freude gemacht hätte, weil er selber ein Sammler war.“ Williams Stimme wirkte dabei emotionslos, aber seine Augen zeigten, dass es ihn nicht so kalt ließ, wie er tat, denn sie blickten traurig. Er hatte seinen Vater geliebt, denn im Gegensatz zu seiner Mutter, hatte er seine Kinder geliebt und so viel Zeit wie möglich mit ihnen verbracht.

Es gab Tage - und sie häuften sich immer mehr - an denen wünschte sich William, Dad wäre geblieben und die alte Hexe wäre an diesem Tag mit dem Wagen unterwegs gewesen. Vielleicht wären sie dann heute nicht so reich aber glücklich und das, was man eine Familie nannte.

„Oh, tut mir Leid. Wollte mich da nicht drüber lustig machen“, murmelte Robert, der instinktiv seine Schuhe putzen wollte, weil er wohl in einen riesigen Fettnapf getreten war. „Dann zeig mal her“, murmelte er und sah sich suchend um, in welches Zimmer sie mussten.

„Schon gut, Kleiner, ist lange her.“ William knuffte Robert und lächelte. „Ich bin ein Jäger und Sammler und alte, wertvolle Schwerter aufzuspüren und meiner Sammlung hinzuzufügen, macht mir einfach Spaß. Viele der alten Waffen haben eine Geschichte und eine Seele. Sie sollen nicht irgendwo unbeachtet verrotten. Sie sollten gewürdigt und benutzt werden. Darum möchte ich lernen, wie man ein Katana oder Nodachi benutzt, damit sie auch wieder eine Bestimmung haben.“ Der junge Herzog öffnete die Tür zu seinem Zimmer. Die Kisten und alles andere, außer den Schwertern, war weggeräumt worden und die Schwerter lagen immer noch auf dem Bett, wie William sie verlassen hatte.

„Na holla - die Waldfee!“ Peter war als erster in den Raum getreten, weil Robert, der eigentlich noch ein paar Zentimeter größer war als William, jedes Mal aufs neue daran erinnert wurde, dass er ein paar Tage jünger war und deswegen immer mit 'Kleiner' abgespeist wurde.

„Lass das, Willma“, knurrte er grinsend und trat ebenfalls ein, weil er sehen wollte, was den sonst ausgeglichenen Peter so in Entzücken versetzte. Er riss aber selbst seine Augen auf, als er den Raum betrat und die Sammlung sehen konnte. „Na, aber wirklich holla“, murmelte er leise und seine Augen huschten über die Schwerter. Vorsichtig ging er näher heran, traute sich aber nicht, etwas zu berühren. Selbst so wie sie unspektakulär auf dem Bett lagen, flößten sie einem Respekt ein.

„Ihr könnt sie ruhig anfassen, dafür sind sie gemacht worden, aber passt auf, sie sind alle scharf, besonders die japanischen.“ William nahm das Claymore hoch und ließ es durch die Luft sausen. „Mit ihm hat meine Sammlung begonnen.“

„Mit dem hat...“ Robert sah sich das schottische Langschwert an. Noch jetzt hatte es eine beachtliche Größe. „Hast du nicht gesagt, du warst vier, als du dein erstes bekommen hast?“ Warum schenkte man einem vierjährigen Steppke ein Schwert, das der weder halten noch tragen konnte? Von den scharfen Klingen einmal ganz zu schweigen. Seine Mutter wäre wohl den frühen Herztod gestorben, wenn man das mit ihm gemacht hätte. Doch er konnte nicht widerstehen und griff sich auch eine der Waffen - eine übergroße Sichel.

„Japp, ich war vier und das Schwert war um einiges größer als ich“, lachte William. „Ich sollte es auch noch gar nicht benutzen, aber zu der Zeit liebte ich eine Geschichte über einen schottischen Ritter, der genau so ein Schwert hatte und als mein Vater durch Zufall eines sah, das zum Verkauf stand, hat er es mir mitgebracht.“ Fast schon liebevoll strich er über den Stahl und legte es wieder weg. Er nahm eins der zwei Nodachi, die er besaß und zog es aus der Saya. „Dies ist ein japanisches Langschwert. Ich habe es von einer Fürstenfamilie, die es seit Jahrhunderten im Besitz hatte. Es gibt nur sehr wenige von ihnen, besonders in so gutem Zustand. Ihr Preis hat die Familie vor dem Konkurs bewahrt.“

„Wenn ein einziges Schwert eine ganze Familie retten kann, dann will ich nicht wissen, was das Ding gekostet hat“, murmelte Robert, starrte aber fasziniert auf die blinkende Klinge. Sie war wirklich gut in Schuss. Keine Kratzer, keine Kerben. „Sind diese Schwerter wirklich so scharf, wie man immer sagt?“, fragte er und näherte seinen Finger der Schneide - doch er wagte den letzten Schritt nicht. Wie schon erwähnt, war er nicht der Risikofreudige in der Runde.

Peter hingegen hatte eine Waffe entdeckt, die irgendwie aus den geraden Klingen heraus stach - eine gewellte Klinge mit merkwürdigen Mustern verziert. „Was ist das? Kann man mit so was kämpfen? Da rutscht doch jeder Schlag ab.“

William drehte sich zu Peter um. „Das ist ein Kris-Dolch aus Malaysia. Man kämpft eigentlich nicht wirklich mit ihm. Er ist eine Stoßwaffe und wurde oft für Hinrichtungen benutzt, indem man ihn dem Opfer zwischen Schlüsselbein und Schulter stach.“ Peter wurde ein wenig blass und drehte den Dolch in seiner Hand. Alle Schwerter und Dolche waren zum Töten da, aber das mit den Hinrichtungen war irgendwie unheimlich. „Die Malaien glauben, in mancher Klinge lebt eine Seele und sie hat ein Eigenleben und manche besonders blutdurstige Klinge hat ihre Besitzer zu Amokläufern gemacht“, erklärte William weiter und grinste, als Peter ihn mit großen Augen ansah und den Dolch wieder beiseite legte.

„Nichts für ungut“, murmelte der und ließ von den anderen Waffen lieber die Finger. Wer wusste schon, was das noch für Dinger waren? Auch Robert trat nun doch mit einem Schritt Ehrfurcht zurück und beobachtete William mit seinem japanischen Langschwert, was er noch immer in der Hand hielt, aber zwischenzeitlich zurück in die Scheide geschoben hatte.

„Und du suchst jetzt jemanden, der dir zeigt, wie man damit umgeht oder was? Ist das so anders als ein Florett?“ Na ja, dass es anders war, war auch ihm klar - aber dass man von Grund auf neu lernen musste, so wie die kleine Japanerin vorhin gesagt hatte?

„Vollkommen anders. Es geht dabei nicht nur um die Beherrschung der Klinge, sondern um die japanische Kampfkunst an sich. Ein Schwert führen kann fast jeder, wenn er damit übt. Ich möchte aber die Klingen so führen und auch ehren können, wie es ein Samurai tun würde. Diese großartigen Schwerter haben es einfach verdient.“ Williams Augen leuchteten und seine Finger strichen liebevoll über die Klingen auf dem Bett. „Ihr mögt mich für verrückt halten, aber ich glaube, dass Schwerter eine Seele haben und die muss man respektieren.“

„Wird schon so sein“, murmelte Peter und setzte sich auf die Couch. Irgendwie war aus dem schnöden, kalten Metall etwas Lebendiges geworden. Es konnte töten und in einen Rausch verfallen, es konnte sich Menschen untertan machen.

„Und du glaubst, der Typ in Chinatown kann das? Ich kenne zwar Kendoschulen, aber da hantieren die nicht mit Schwertern, also nicht mit solchen die Beine abhacken können.“ Robert rollte die Schultern, als läge etwas schwer auf ihnen. Am liebsten würde er diesen Raum verlassen, doch er wollte William nicht so vor den Kopf schlagen. „Deine Mutter dreht durch, wenn sie erfährt, dass du mit scharfen Waffen hantierst“, grinste er.

„Und wenn schon.“ William zuckte mit den Schultern und grinste. „Sie dreht ständig wegen etwas durch, da ist ein Grund mehr vernachlässigbar und was das Dojo betrifft: Ich werde sehen, ob es das ist, was ich suche.“ Er legte das Nodachi wieder aufs Bett und gähnte. „Kommt, gehen wir schwimmen. Ich brauche Bewegung, sonst schlaf ich ein.“

„Ja, gute Idee. Fisch will schwimmen.“ Peter nickte und war von der Idee, das Zimmer zu verlassen, gleich begeistert. Er rieb sich über den Bauch, in dem immer noch das leckere Sushi steckte und lachte übermütig über seinen selten blöden Witz.

„Bei dir lach ich mich noch mal tot und dann ist Adam Strohwitwer - alles nur, weil du einfach nicht komisch bist.“ Robert folgte seinem blonden Freund und schlug ihm auf die Schultern. „Am besten ersäufe ich dich, denn mein Babe hängt an mir.“

„Dazu musst du mich aber erst mal kriegen, alte Bleiente“, grummelte Peter und William schüttelte grinsend den Kopf. Mit seinen Freunden war es nie langweilig.

„In meinem Pool wird niemand ersäuft. Meine Mutter könnte das als Anlass nehmen hier aufzukreuzen. Sucht euch was zu trinken. Die Bar ist reichlich bestückt.“ Er führte seine Freunde in den Keller, wo ein großer Pool nur darauf wartete, von drei Jungen benutzt zu werden.

„Boah!“ Robert, der eben heimlich versuchte Peter zu erwürgen, wenn er ihn nicht ersäufen durfte, blieb angewurzelt stehen. War der Rest des Hauses auch im klassischen Baustil der Kolonialzeit gehalten, so erinnerte die Badelandschaft im Keller an die Badeanstalten im alten Rom. Alles mit Fliesen und Mosaiken, Säulen und Liegen - natürlich auch gemauert und gefliest. Selbstverständlich auch beheizt.

Bademäntel und Badehosen lagen auf einer der Liegen zum Vorwärmen. „Immer für eine Überraschung gut, die alte Lady, hm?“

„Japp, alles immer nur vom Feinsten und immer einen Tick besser als alle anderen, aber bei diesem Pool kann ich ihr das vergeben.“ William grinste und ließ sein Shirt, das er sich ausgezogen hatte, einfach auf die nächste Liege fallen. Seine restlichen Sachen folgten nicht viel später und nackt, wie er war, stürzte er sich in das Wasser. Er liebte es, nackt zu schwimmen und hier mit seinen Freunden störte sich niemand daran. Schließlich hatten sie sich schon oft genug nackt unter der Dusche im Club gesehen.

„Oh, du bist so ein großmütiger Sohn“, lachte Robert und tat es ihm gleich. Auch seine Klamotten flogen achtlos auf eine der Liegen und er stürzte sich in die Fluten. Peter war da etwas ordentlicher. Er legte erst noch seine Klamotten zusammen. Ehe auch er ins Wasser hüpfte, sich aber von Robert fern hielt, der ihn ersäufen wollte.

Das Wasser war herrlich - warm und sehr weich. So trieb Robert zufrieden auf dem Rücken und strampelte etwas mit den Beinen. „Jetzt noch mein Babe und es wäre perfekt.“

„Ruf ihn an, dass er vorbeikommen soll. Für meine Freunde tu ich doch fast alles“, lachte William und spritzte Robert Wasser ins Gesicht, so dass der völlig überrascht erst einmal unter ging. Peter brachte sich lieber in Sicherheit, denn dass jetzt eine wüste Rauferei entbrennen würde, war so sicher wie das Amen in der Kirche. Er schwang sich also lieber auf den warmen Poolrand, zog die Füße aus dem Wasser und beobachtete das weiß schäumende Wasser, das zu kochen schien, als Robert sich mit zwei kräftigen Armzügen zurück zu William brachte. „Freche Ratte, du!“, knurrte er und griff sich William an den Schultern, um ihn tiefer zu drücken, klärte ihn aber noch auf, dass Adam arbeiten war und erst spät von seiner Schicht kam. Er war nämlich Sommelier in einem Nobelrestaurant.

Doch ob William das noch gehört hatte, wusste Peter nicht - er sah nur die beiden Leiber in einem Strudel aus Luft und Wasser untergehen.

Selbst unter Wasser ließen sie nicht von einander ab und kämpften verbissen um die Vorherrschaft. Sie kamen immer nur kurz zum Luft holen an die Oberfläche und dann ging es auch schon weiter. Sie waren beide ungefähr gleich stark, so dass es etwas dauern konnte, schließlich wollte keiner von beiden verlieren. Erst wenn beide erschöpft waren und nicht mehr konnten, würde der Kampf enden.

Peter sah sich suchend um, denn man hatte ihm doch versprochen, dass es etwas zu trinken gab und grinste, als er den gut gefüllten Kühlschrank hinter der Bar entdeckte. Vielleicht konnten ein paar leckere Drinks seine Freunde zur Vernunft bringen. Darum mixte er drei große Long Island Iceteas, weil er das gerade sehr passend fand, weil sie sich gerade auf Long Island befanden und schlenderte damit wieder zum Pool. Er hatte für sich beschlossen hier zu nächtigen. Wenn man ihn alkoholisiert hinter dem Steuer erwischte, gab's großen Ärger und auf den legten sie alle keinen Wert.

„Oh, lieber Peter“, rief er also laut, damit man ihn durch das tosende Wasser hören konnte, „wer hat nur diese leckeren Cocktails gemacht und wer soll die trinken? Doch nicht etwa du ganz allein?“ Er verstellte seine Stimme ein bisschen und antwortete sich selbst: „Na, wenn niemand kommt und einen will, schütte ich mir die selber in die Rübe, ersaufe im Pool und Mutti William kommt und schimpft.“

Ja, ihm ging es gerade gut bis sehr gut und so erschreckte er sich etwas, als genau vor ihm zwei Körper aus dem Wasser schossen und eine Welle über ihn schwappen ließen. Nur gut, dass die Drinks auf einem Tischchen standen, sonst wären sie jetzt ungenießbar.

„Alberne Plagen“, schimpfte der Blonde leise und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht, aber er grinste, denn Peter hatte erreicht, was er wollte. „Und? Geht es den Herren jetzt besser? Darf ich ein Getränk reichen? Will, ich penn übrigens hier!“, legte er fest und verteilte die Gläser. Er ließ sich auch wieder ins Wasser gleiten und lungerte nun am Poolrand, schlürfte zufrieden seinen Drink.

„Ihr könnt beide hier bleiben. Das Haus ist groß genug, das ich euch nicht schnarchen höre.“ William nahm sich seinen Drink und lehnte sich bequem zurück. Er fand es albern, dass man in Amerika erst ab 21 Alkohol trinken durfte, aber zum Glück konnte ihm das in seinem Haus keiner verbieten.

„Haste die Weiber in deiner Klasse eigentlich schon durch?“, fragte Peter unvermittelt. Er wusste auch nicht, warum er das gerade wissen wollte. Es war ihm einfach in den Sinn gekommen. Er besuchte ja zusammen mit Robert eine andere Schule und lauschte er gern Williams Schilderungen.

„Na ja“, grinste William zu seinen Freund. „Noch nicht alle, aber die, die noch übrig sind, möchte ich auch gar nicht in meinem Büchlein haben. Aber in der Parallelklasse ist noch reichlich lohnende Beute.“

„Und wenn die Weiber durch sind, sind die Knaben dran“, lachte Robert. Er war da sehr pragmatisch. Er hatte auch, wie jeder Junge in seinem Alter, mit Mädels experimentiert. Doch da tat sich nichts. Von wegen jung und dauergeil. Das passierte erst, als er mit seinen Eltern essen gewesen war und der Brünette den Wein serviert hatte. Da war ihm ein Licht aufgegangen. Dass Adam locker fünf Jahre älter war, störte ihn wenig und seit es auch seine Eltern nicht mehr störte, lebte er in ziemlicher Zufriedenheit.

„Ich weiß nicht – Jungs?“ William sah Robert zweifelnd an. „Obwohl, da gäbe es einen, dem würde ich nur zu gerne eine Lektion erteilen und in meinem Büchlein zu stehen, sich nach mir zu verzehren und mich nicht zu bekommen, wäre eine gerechte Strafe für ihn.“ Der junge Herzog grinste gemein und je mehr er darüber nachdachte, umso mehr hatte Robert ihn auf eine gute Idee gebracht. So merkte er gar nicht, wie seine Freunde ihn ansahen.

„Wie bitte?“, fragte Robert, weil er das jetzt nicht ganz begriffen hatte. „Du willst einen Kerl nur anmachen und ihn dazu bringen, was von dir zu wollen, um ihn zu ärgern?“ Das war zu hoch für ihn. War William nun bi und hatte auch Gefallen an Jungs oder nahm er dieses Thema im Allgemeinen nicht sonderlich ernst und machte sich gefügig, wen er nur wollte? „Was ist das denn für einer?“ Musste ja ein ganz besonderer Typ sein, wenn er William Matthew Duke of Kendal dazu brachte, sich für Männer zu interessieren.

„Sein Name ist Yves Turner und er ist mir gleich an meinem ersten Tag in New York quer gekommen.“ Allein die Erinnerung daran ließ den jungen Herzog mit den Zähnen knirschen. „Er tut immer so überheblich und unnahbar und hat es einfach verdient, gezeigt zu bekommen, dass es ein ziemlicher Fehler war, sich mit mir anzulegen. Erst werde ich ihm sein Stipendium wegnehmen und dann werde ich ihn dazu bringen, sich in mich zu verlieben, damit ich ihm dann den Gnadenstoß geben kann.“

Irritiert von diesen Worten stellte Robert sein Glas auf den Rand des Pools und strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht. „Was hat er denn angestellt, dass er dich so aus der Reserve gelockt hat?“ Denn eigentlich war William eher ein gelassener Mensch. Er regte sich auf und regte sich ab. Aber dass er eine spezielle Person so intensiv im Auge hatte, dass kleine Hassblitze ihn umgaben, wenn er nur deren Namen nannte, hatte Robert in ihrer gemeinsamen Zeit noch nicht erlebt.

„Steht er auf Jungs?“, fragte Peter, der genauso interessiert zugehört hatte, „wenn nicht, wird's schwierig.“

„Keine Ahnung, ob er auf Jungs steht. Ich glaube eher nicht, aber das krieg ich schon hin.“ William war sich sicher, denn er bekam immer, was er wollte und diese Straßenratte war doch kein Gegner für ihn. „Er hat mir meine Bücher gebracht und deutlich raushängen lassen, dass er mich für ein ungebildetes, verwöhntes Arschloch hält, dem man alles hinterher tragen muss. Dass ich zumindest nicht ungebildet bin, musste er schon einsehen, denn meine Noten sind durchweg besser als seine, ohne dass ich mich dafür anstrengen muss. Er ist nicht mehr der Klassenprimus und wird über kurz oder lang sein Stipendium verlieren.“

„Na ja. Ich würde mal sagen: scheiß auf das Stipendium. Wer braucht das von uns schon?“ Peter zuckte die Schultern. Eigentlich war dieses Stipendium doch nur ein Überbleibsel aus früheren Zeiten. Leute, die höhere Schulen besuchten, konnten sich das leisten ohne gleich daran Bankrott zu gehen. „Was mich viel mehr interessiert. Yves... hat den Namen nicht auch die Kleine im Kimono benutzt? Du willst sie nicht zufällig haben, weil sie die Freundin von einem Yves ist, hm? Einem extrem häufigen Namen“, schob er sarkastisch noch nach, denn diesen komischen Namen hörte er heute zum ersten Mal.

„Oh, er braucht das Stipendium, denn er ist arm wie eine Kirchenmaus.“ William lachte, denn damit hatte Robert wohl nicht gerechnet. „So wie es scheint, ist meine Straßenratte und Yukis Yves ein und dieselbe Person, aber Yuki wird nicht eine meiner Eroberungen. Das mag sich für euch komisch anhören, aber dafür ist sie zu schade. Ich mag sie.“

„Meine Damen und Herren - verstummen sie zusammen mit mir in Ehrfurcht. Der Duke von Kendal ist dabei, sich zu verlieben!“ Und wirklich schwiegen Robert und Peter für ein paar Sekunden und starrten William, der zwischen ihnen am Poolrand hing, forschend an.

„Der Kerl soll sich in dich verlieben? Diese Kirchenmaus soll dir um den Hals fallen und dich anbeten, während du ihm die Frau ausspannst? Ich weiß ja, dass du dir gern große Ziele setzt - aber das? Ich glaube, du übernimmst dich gerade. Straßenköter beißen, ich sag's dir!“

„Ich verliebe mich nicht. Ich mag Yuki einfach. Sie ist natürlich und freundlich, so ganz anders als die überheblichen Zicken auf meiner Schule und der feinen Gesellschaft.“ Das war einer der Hauptgründe, warum William sich das Büchlein zugelegt hatte. Diese Frauen und Mädchen waren berechnend und hinter ihm her, wie der Teufel hinter der Seele, denn er bedeutete Reichtum und Ansehen. Ihnen zu zeigen, dass sie Nichts waren, geschah ihnen nur zu Recht. William trank einen Schluck seines Cocktails. „Ich werde gewinnen, denn ich gewinne immer.“

„Na, wenn du dich da mal nicht verschluckst“, murmelte Robert und ließ sich diese Konstellation noch einmal durch den Kopf gehen. Ein Mädchen aus mittlerem Hause, liiert mit einem intelligenten Habenichts. Die Frage, die sich im Augenblick stellte war: mochte diese Yuki ihren Freund oder lockte auch sie irgendwann der Griff nach den Sternen und dem Namen von Williams Familie? Und ließ sich die Kirchenmaus das gefallen? Mal davon abgesehen, dass der sich in William verlieben sollte.

Robert lachte. Vielleicht hatte sein Freund Chancen bei dieser Japanerin - aber den Kerl, den bekam er nicht ins Bett! Das wäre eine Wette, die sogar er eingehen würde.

„Was?“, fragte William, der sich das Lachen seines Freundes nicht erklären konnte und sah Robert mit hochgezogener Augenbraue an. „Du glaubst, ich schaff das nicht?“ Peter hatte dazu bisher noch nichts gesagt, aber nun musste er doch. Ihm gefiel die ganze Geschichte nicht.

„Will, willst du wirklich ein Leben zerstören, nur weil dir dieser Yves einmal dumm gekommen ist?“ Er konnte das nicht wirklich verstehen. William sah ihn an und zuckte mit den Schultern.

„Das hat er sich selber zuzuschreiben.“

„Aber er hat doch Recht gehabt, er musste dir die Bücher nachtragen - du hättest sie dir auch holen können“, sagte er ungerührt. Ein Streit war das eine, sich kindisch aufzuführen, nur weil man die Mittel dazu hatte, jemand anderen zu zerstören, war was anderes und das tolerierte er nicht. Wenn William das mit den Zicken aus der upper class abzog, bitte. Aber der Junge brauchte das Stipendium und den Abschluss. Der wollte sich mit seiner eigenen Hände Arbeit etwas aufbauen - ein Umstand, der auf sie alle drei nicht zutraf. Sie hatten schon genügend Geld.

„Ich habe ihn nicht darum gebeten und ich hätte meine Bücher am nächsten Tag selber abgeholt. Wenn der Direktor sich bei mir einschleimen will und Yves losschickt, mir die Bücher zu bringen, nur weil die Schule meiner Familie gehört, kann ich da nix für.“ William regte sich noch immer darüber auf, dass Yves ihn einfach in eine Schublade gesteckt hatte, ohne ihn zu kennen. „Mit dem Stipendium kann ich nichts machen, das wird er verlieren, meine Noten sind besser und das Regelwerk besagt, dass das Stipendium nur an den Besten vergeben wird.“

„Und das hast du natürlich nötiger als er“, knurrte Peter. Von wegen: nichts zu machen. Wenn William nur wollte, könnte er schon. Doch das sagte er nicht, sondern trank lieber sein Glas leer. Er hatte keine Lust auf Streit. Außerdem kannte er diesen Kerl nicht. Sollte William machen, was er wollte. „Aber du bist keinen Deut besser als die Tussen in deinem Buch, Will“, sagte er und tauchte unter.

„Und wenn schon“, knurrte William leise, auch wenn er anderer Meinung war. Aber er wollte jetzt nicht mehr an die Straßenratte denken, sondern sich mit seinen Freunden einen schönen Abend machen und etwas trinken. Darum sammelte er die leeren Gläser ein und machte sich daran neue Cocktails zu mixen. Yves sah er noch früh genug wieder, auch wenn er genau das gern eher früher als später unterbinden würde.

Robert hatte sich aus der Debatte heraus gehalten. Das war Williams Sache und vielleicht fand er ja bald ein neues Opfer und die Kirchenmaus war vom Tisch. Nichts wurde so heiß gegessen, wie es gekocht wurde - dafür wurden Drinks gern so kalt getrunken, wie sie gemixt wurden. So griff er sich Peter an den Schultern und schob ihn wieder zum Pool - „Los, trinken wir darauf, dass ihr den Kugelfisch überlebt habt!“

„Schissbuxe“, lachte William, aber er stieß sein Glas gegen Roberts. Genug der tiefsinnigen Gespräche, er wollte Spaß und jede Menge Alkohol. „Wie ist das, einen Mann zu küssen?“, fragte er unvermittelt, weil ihm das gerade durch den Kopf ging. „Anders als bei einem Mädchen?“

Peter schüttelte den Kopf und Robert grinste breit. „Willst dich wohl auf dein Spielchen vorbereiten? Hoffentlich beißt er dir deinen Lappen nicht ab“, lachte er frech und bettete seinen Kopf auf das Handtuch, was auf der Poolumrandung lag. Er ließ seinen Körper im warmen Wasser treiben, sah William aber forschend an. „Gelinde gesagt, finde ich es geiler als mit einem Mädel. Die sind so zurückhaltend, so verschüchtert. Wollen erobert werden. Scheiße, ich will auch mal erobert werden. Ich will auch mal Sterne sehen, weil etwas wie ein Orkan über mich hinweg fegt... äh, was war deine Frage?“, lachte er und strich sich über den Bauch.

William konnte nur prusten und zu Peter rüber sehen. „Wie ein Orkan… ist klar. Was treiben die zwei eigentlich im Bett, dass er Sterne sieht? Das hört sich mehr nach Ringkampf an, als nach Sex.“ Nun konnte er wirklich nicht mehr und lachte laut los, denn so wirklich konnte er sich seinen Freund nicht dabei vorstellen, sich dominieren zu lassen.

„Idiot!“, knurrte Robert und weil William ihn so frech auslachte, wurde er kurzerhand getaucht, damit er Wasser schlucken konnte, während Peter dezent entsetzt erklärte, dass er bestimmt nicht dabei wäre, wenn Robert und Adam sich vergnügten. Woraufhin Robert - William immer noch ersäufend - erklärte, dass er darauf auch keinen Wert legen würde, denn das wäre ganz allein seine und Adams Angelegenheit.

„Hey…“ William kam gerade wieder hoch, wurde aber gleich wieder getaucht, so dass man nur leises Gurgeln hörte, als er unter Wasser weiter sprach.

„…brauche Informationen und wen sollte…“

Wieder ging er unter, machte sich aber frei, damit er endlich zu Ende reden konnte. William strich sich die Haare aus dem Gesicht und klammerte sich so an Robert, dass er schon mit ihm untertauchen musste.

„... ich sonst fragen, außer dir.“

„Pf. Du machst dich nur lustig drüber. Ich denk doch gar nicht daran, dir Informationen über mich und Adam in die Hände zu spielen. Mach selber ein paar Erfahrungen“, knurrte Robert. Denn Adam war das einzige Thema, bei dem er wirklich angreifbar war und wenn jemand seine Liebe in den Schmutz zog, war er ziemlich schnell beleidigt.

„Robbylein, ich mach mich doch nicht über dich und dein Babe lustig, ich möchte doch nur wissen, ob ich was Bestimmtes beachten muss.“ William legte seinem Freund den Kopf auf die Schulter und blinkerte mit den Augen. „Dein Adam ist ein toller Kerl und wir mögen ihn, das weißt du doch.“

„Warum bist du eigentlich so spitz drauf, zu wissen wie's mit einem Kerl ist? Ich denke, er soll sich nur verlieben? Dafür ist knutschen und Sex nicht notwendig, wenn du es richtig anstellst. Also? Warum?“, fragte Robert, dem das irgendwie verdächtig vorkam. „Willst du am Ende gar nicht die Japanerin im Kimono sondern ihre Schwert schwingende Kirchenmaus?“, lachte er dreckig und war schon wieder versöhnt. „Allerdings glaube ich, dass du mit der süßen Kleinen nicht mithalten kannst und so lange er die Wahl zwischen euch beiden hat, wird er sie wohl vorziehen. Deine Titten sind zu klein!“

„Bitte? Man soll jemanden mir vorziehen?“ Also soweit kam das noch, auch wenn er keine Titten hatte. Dafür war sein Körper perfekt trainiert, aber damit, dass William auf die Straßenratte scharf war, lag Robert vollkommen verkehrt. „Wenn ich etwas anfange, dann hundertprozentig und dazu muss ich wissen, was auf mich zukommt, falls ich es brauchen sollte.“

„Mach nicht den zweiten Schritt vor dem ersten“, schlug Peter vor. Er lag mittlerweile bäuchlings am Rand des Pools auf einem weichen Handtuch und genoss die wärme der Fliesen. „Ich würde erst mal gucken, ob der überhaupt auf Kerle anspringt. Außerdem hast du ihm schon das Leben zur Hölle gemacht, wie ich raus gehört habe. Warum glaubst du, würde der auf dich anspringen? Der lässt dich nicht auf drei Meter ran - würde ich mal vermuten und wenn du keine Zunge wie ein Ameisenbär hast, kommst du nicht in die Verlegenheit, mit ihm das zu machen, was Adam mit unserem Robby macht.“ Dabei zuzelte er geräuschvoll an seinem Strohhalm.

„Okay, guter Einwand.“ William zog sich auf den Poolrand und griff sich wieder sein Glas. „Aber wenn er auf Kerle steht und nicht auf mich anspringt, dann wirst du meine Fragen beantworten Rob“, legte er fest und ließ sich zufrieden nach hinten sinken. Erst einmal hatte der Kleine noch Schonzeit, denn die Prüfungen standen an und danach hatte Yves das Problem, dass er kein Geld mehr für die Schule bekam. Dann war die Zeit für seinen Angriff günstig.

„Ja, wegen mir. Wenn er was mit Jungs anfangen kann und du bis dahin immer noch den Drang hast, dem Kurzen das Leben zu versauen, bitteschön.“ Robert zuckte die Schulter und rollte sich auch aufs Trockne. „Aber eines sage ich dir, Will. Wenn man erst mal auf den Geschmack gekommen ist, ist das, was einem eine Frau bieten kann, nicht mehr das, was man will. Überleg dir gut, wie weit du gehst.“ Und das meinte Robert ernst.

„Wir werden sehen.“ William war nicht Roberts Meinung, denn ein Männerkörper zog ihn einfach nicht an, „aber jetzt erst einmal genug von der Straßenratte. Kommt, lassen wir das Thema. Ich hab noch Zeit und gerade jetzt möchte ich einfach etwas Spaß haben und mit meinen Freunden etwas trinken. Apropos...“ Er hob sein Glas hoch, das schon wieder fast leer war. „Du bist dran Rob.“

„Okay“

Robert grinste dreckig und erhob sich. Dabei griff er sich die Gläser und sah sich kurz in der Bar um. Für einen 'Sex on the Beach[11]' war alles da und so mixte er schnell ein paar bunte Sachen zusammen. „Was macht ihr eigentlich in den Ferien? Fahrt ihr weg?“, fragte er, weil er selber noch keine Idee hatte. Er wollte sich mit Adam absetzen, doch er hatte keinen Schimmer wo hin. Vielleicht konnte er ja ein paar Ideen nassauern.

„Meine Eltern haben noch nichts verlauten lassen, aber ich glaube, ich bleibe erst einmal hier. Vielleicht fahre ich spontan weg.“ Peter zuckte mit den Schultern. Er hatte sich noch keine großen Gedanken gemacht. Abwarten, was sich so ergab.

„Ich werde immer an dem Ort sein, der am weitesten von meiner Mutter entfernt ist, egal, wo das sein mag.“ William grinste böse und seufzte. „Warum fragst du?“

„Weil ich keinen Schimmer habe, wohin wir fahren sollen. Erst wollte ich nach Kanada, meine Eltern haben dort eine Hütte in den Bergen. Dann dachte ich: Tauchen auf den Malediven wäre auch nicht übel, faul in der Sonne - echten Sex on the Beach.“ Robert lachte und nippte an seinem Drink, ehe er die anderen Gläser wieder ihren Eigentümern übergab.

„Und immer wenn ich überlege, ich hab das Ideale gefunden, fällt mir wieder was Besseres ein, oder was komplett anderes und dann bin ich wieder unschlüssig.“ Ja, man hatte es schon schwer, wenn man sich alles leisten konnte und sich entscheiden musste und die Ferien nur so kurz waren.

„Ich könnte dir ein Schloss in Schottland anbieten, was zu deinem Namen passen würde oder eine Yacht in der Karibik, mit der du die Inseln ansteuern kannst, die du sehen möchtest. Ansonsten jedes Hotel, das zur Kette meiner Mutter gehört.“ Für William war es selbstverständlich, seinen Freunden so etwas anzubieten, denn er und seine Familie nutzten diese Dinge viel zu wenig.

„Ich werd Adam mal fragen, ob ihm endlich was eingefallen ist. Er wollte doch allen Ernstes eine Rucksacktour durch Australien machen. Ich dachte, mich hackt's. Mein Zeug schleppen und dann durch die Hitze latschen? Ich kann mir besseres vorstellen, um ins Schwitzen zu kommen.“ Er musste seinen Freund noch daran gewöhnen, dass sie nicht aufs Geld gucken mussten. Er war noch viel zu zurückhaltend darin, Roberts Geld zu verplanen.

„Na, das hätt ich gern gesehen, dich mit einem Rucksack durch die Wüste schleichen. Der arme Adam dürfte dich doch nach 100 Metern schon tragen, weil du schlapp machst.“ Peter kicherte und brachte sich in Sicherheit. Er hatte keine Lust, wieder im Wasser zu landen. „Ihr werdet schon das passende für euch finden.“

„Das hoffe ich, denn es sind nur noch zwei Monate bis zu den Ferien und außerdem trägt mein Babe mich gern - vor sich her“, lachte Robert und rollte ein bisschen auf den warmen Fliesen hin und her. „Und du, Will? Fährst du dann mit deiner Japanerin oder mit deinem Süßen in die Ferien“, stichelte er weiter und fragte sich insgeheim, wie der Kerl wohl aussah, den sich William in den Kopf gesetzt hatte. „Ist er eigentlich hübsch? Kann man ihn zeigen oder müsst ihr euch irgendwo in einer Gruft verkriechen?“

Und da hieß es immer, Weiber wären die Tratschen!

„Rob“, knurrte William warnend, aber nur halbherzig. „Ob er gut aussieht?“ Er überlegte und holte sich Yves' Bild vor Augen. „Könnte er, wenn nicht dieser schreckliche Haarschnitt und die hässliche Brille wären, obwohl sich das mit der Frisur schon gebessert hat. Der Körper ist okay, gut trainiert.“ William zuckte mit den Achseln. Das Aussehen seiner Straßenratte hatte ihn nie interessiert.

„Aber dafür, dass du ihn doof findest und nur ärgern willst, kennst du dich ziemlich gut aus.“ Robert konnte es einfach nicht lassen, rollte sich aber in Sicherheit. Es war keine Absicht, dass er dabei Peter zusammen mit seinem Cocktail ins Wasser schubste, doch es passierte und es war lustig. Er grinste als sein blonder Freund wieder auftauchte und überrascht nach Luft schnappte.

„Ups“, machte Robert und lachte weiter. So mochte er seine Abende. Wenn jetzt noch Adam da wäre... doch der hatte die Spätschicht. Sie hätten sich heute so und so nicht gesehen.

„Sag mal spinnst du, du Walross?“, schimpfte Peter und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. „Das Glas holst du vom Poolboden und du machst mir einen neuen Cocktail. Das war doch Verschwendung. Ich hatte kaum was getrunken.“ Er hievte sich wieder aus dem Wasser, aber nicht ohne Robert vorher eine Welle zu schicken. „Los, hopp, du hast was gut zu machen.“

„Ach komm, kleiner Pete“, grinste Robert gutmütig, aber er erhob sich. „Wenn du den ganzen Pool aussäufst, dann hast du deinen Drink auch wieder drinnen und ich könnte trockenen Fußes das Glas holen - so hätten alle was davon. Wäre das nichts?“ Er sah Peter lauernd an, machte sich aber daran, ein neues Glas mit Leckereien zu füllen. „Außerdem hat Willma noch nicht auf meine Frage geantwortet, ob er nun die nette Lady oder die Kirchenmaus mit in den Urlaub nimmt. Das will ich wissen, sonst kann ich nicht schlafen.“

„Weder noch – beruhigt?“ William ließ sich nicht provozieren. Er wusste auch gar nicht, wie Robert auf die Idee kam, dass er einen von den beiden mitnehmen wollte. Seine Ferien brauchte er zur Erholung, darum verbrachte er sie in der Regel alleine. „Stell nicht so dumme Fragen, sondern bring neuen Alkohol. In meinem Glas ist alles verdunstet.“

„Ja, schieb's auf die Hitze, wenn du dir wegen deiner Kirchenmaus die Hucke voll säufst“, lachte Robert. Endlich hatte er wieder etwas, um William zu ärgern. Das war herrlich! Wann bekam man den aalglatten Kerl schon mal zu packen? Doch er griff sich alle Gläser, die noch herum standen - das vom Grund des Pools konnte er später holen - und warf rein, was er fand und von dem er glaubte, dass es schmeckte.

Sie tranken noch ein paar von den bunten Cocktails, aber sie waren nicht sehr betrunken, als sie spät am Abend ins Bett gingen. Sie fühlten sich einfach gut, auch wenn das am nächsten Morgen wahrscheinlich anders aussehen würde. Doch das war nichts, was ein paar Aspirin nicht richten konnten. Aber erst einmal fielen die drei Freunde ins Bett, nackt wie sie waren, immer noch die Arme umeinander gelegt, wie auf dem Weg nach oben und schliefen ihren Rausch aus.



07


„Ich sterbe“, jammerte Peter leise, als es irgendwo piepste wie verrückt. Doch anstatt zu verstummen, als er sein Leid klagte und sich seinem Ende nahe sah, wurde - was auch immer es war - immer lauter. Also jammerte auch Peter lauter und versuchte sich in die Decke zu rollen. Er griff beherzt zu, tauchte darunter und drehte sich, dabei ging Robert über Bord und kam mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Parkett auf - gefolgt von einem spitzen Schrei, denn das Parkett war kalt am wohl temperierten Bauch.

„Scheiße, Adam, was soll das!“, knurrte Robert und versuchte zu ergründen, wo er war und warum sein Babe ihn aus dem Bett geschmissen hatte.

„Ruhe, verdammt“, knurrte William, den der spitze Schrei geweckt hatte. Mit noch kleinen Augen sah er sich um, konnte aber niemanden sehen, der für diesen Krach verantwortlich sein konnte und wollte sich schon wieder hinlegen, als sich ein roter Haarschopf auf die Matratze kämpfte und gleich wieder zu Boden ging, weil er sich auf Peter gerollt hatte, der das gar nicht schätzte und das lästige Gewicht abschüttelte.

„Häh?“, kam es nicht sehr intelligent von William und er lupfte die Decke etwas an, damit er sehen konnte, wer bei ihm im Bett lag.

„Weg! Licht! Ih! Sterben!“

Und schon wurde William die Decke aus der Hand gerissen und Peter rollte sich erneut ein, während Robert vor dem Bett langsam zu sich kam und sich suchend umguckte. Er kannte diese Melodie - er verband sie mit guten Erinnerungen. Also kroch er auf allen vieren zu dem Haufen unsortierter Klamotten auf der Couch. Auf dem Weg ging ihm auf, dass dies sein Handy war und diese Melodie nur erklang, wenn sein Babe versuchte ihn zu erreichen. Das reichte, um Robert zu beflügeln, während Peter weiter litt und jammerte.

Nachdem William wusste, wer mit ihm im Bett lag, ließ er sich beruhigt wieder zurückfallen und sah zu Robert hinüber, der immer noch auf dem Boden liegend telefonierte. „Komm wieder ins Bett, Mc Laughlin, ich will mir nicht später nachsagen lassen, dass du dich bei mir erkältest hast“, rief er zu ihm rüber und grinste, denn nach dem Gesichtsausdruck seines Freundes musste Adam am anderen Ende sein, so wie Robert strahlte.

„Nein, Schatz, das war nicht mein Date für die Nacht. Das war der doofe William, der gerade Peter vergewaltigt, so wie der Kleine wimmert und jammert“, lachte Robert und erhob sich langsam. „Ja, ich bin noch bei Will... Was? Öhm... gute Frage.“ Jetzt sah Robert nachdenklich aus. „Lass dich am besten von Phillip her fahren. Dann kannst du mich einsammeln, in der Schule rauswerfen und gleich meine Viper mit heim nehmen. ... Was soll das heißen: 'Warum sollte ich das tun'? Weil du mich liebst? Weil du ohne mich nicht leben kannst, weil ich... Hallo? Adam? Bist du noch dran?“

Völlig entgeistert guckte Robert auf sein Handy, aus dem kein Ton mehr kam. „Das… aber… das…“, stotterte er und hielt sich das kleine Gerät noch einmal ans Ohr, ob Adam vielleicht noch dran war, aber da war keiner mehr.

„Mein Gott, Kleiner, haste noch nicht mal dein Babe im Griff“, seufzte William und schnappte sich das Handy und suchte Adams Nummer im Telefonbuch. Er wählte und wartete, bis sich Roberts Freund meldete.

„Nein, hier ist nicht Sweety, hier ist Will.“ William grinste, denn Sweety war etwas, was er sich merken musste. „Bitte hol dein Sweety bei mir ab. Denn wenn du das nicht tust, dann jammert er uns die Ohren voll und das kann ich heute Morgen einfach nicht ertragen und Peter schon gar nicht, den müssen wir erst wieder aufpäppeln.“ Man hörte Lachen am anderen Ende und William wirkte zufrieden, gab seine Adresse durch und trennte die Verbindung.

„Keine Panik, dein Babe war schon auf dem Weg. Mach dich vorzeigbar.“

„Da legt der einfach auf - ich glaube, ich spinne!“ Robert konnte das immer noch nicht fassen. „Der hat echt aufgelegt.“ Also darüber mussten sie noch einmal reden, dafür hatte sich jemand zu entschuldigen, sonst schlief der nämlich die nächsten Tage allein auf der Couch im Wohnzimmer!

„Schnauze!“, knurrte Peter und zeigte sich wieder unter den Lebenden, aber nur um Robert zum Schweigen zu bringen. Es reichte, wenn einer jammerte.

„Komm, Süßer, wir kuscheln uns noch mal in die Kissen, solange unser Sweety duscht, damit ihn sein Babe nicht draußen stehen lässt, weil er riecht.“ William schmiss sich lachend aufs Bett, auch wenn es unter der Decke wieder knurrte und murrte. Er klopfte Peter auf den Hintern, zumindest nahm er an, dass dort der Hintern war und lupfte die Decke ein wenig. „Aspirin oder lieber Alkaselzer.“

„Ein Schwert und den Gnadenstoß!“, wimmerte Peter. „Und mach das Licht aus. Das tut doch weh.“ Er wurde immer leiser, während Robert - auf dem Weg zum Bad - William erklärte, dass der sich besser nicht an diesen Spitznamen gewöhnen sollte. Den dürften nur Kerle benutzen, mit denen er vögelte und da gehörte Willma freilich nicht dazu. Doch dann moserte er doch wieder darüber, dass Adam einfach aufgelegt hatte und ihn hier schlicht hatte sitzen lassen wollen!

William sah ihm lachend hinterher und kramte aus seinem Nachttisch eine Packung Aspirin und drückte zwei Tabletten heraus. „Hier, danach geht es dir besser.“ Er reichte die Tabletten mit einem Glas Wasser unter die Decke und stand dann auf. Zwar war er sich sicher, dass James schon alles fürs Frühstück vorbereitet hatte, aber er wollte doch lieber nachsehen. Er zog seinen Morgenmantel an und ging runter in die Küche, aus der ihm köstlicher Kaffeegeruch entgegenströmte.

„Guten Morgen, junger Herr.“ Kathy stand in der Küche und kümmerte sich gerade um die Vorbereitungen für das Mittagessen fürs Personal. William hatte schließlich erklärt, dass er nach der Schule nicht nach Hause käme, sondern noch Termine hätte. „Womit kann ich dienen?“, fragte sie und lächelte, als sie sich die Hände trocken wischte.

„Kaffee bitte. Schwarz und stark“, murmelte William und grinste entschuldigend, als er gähnen musste. „Könntest du James sagen, dass er mich zur Schule fahren soll? Für die Rückfahrt soll er sich ein Taxi nehmen, denn ich brauche den Wagen.“ Nickend nahm er die Tasse entgegen und verzog das Gesicht, weil das Gebräu noch sehr heiß war.

„Natürlich.“ Die ältere Dame grinste ein wenig, denn sie hatte die Jungs im Pool unten noch bis nach Mitternacht lachen hören. Kein Wunder, dass die heute nur schwer in die Gänge kamen. „James wird Sie fahren. Wie kommen die anderen beiden jungen Herren in die Schule? Doch hoffentlich nicht mit dem eigenen Wagen.“

„Robert wird abgeholt“, nuschelte William und nippte an seinem Kaffee. Irgendetwas an seiner Aussage störte ihn, aber es dauerte ein wenig, bis ihm einfiel, was es war. Er hatte da jemanden vergessen. „Peter“, murmelte er und seufzte. Das war ein Problem und sein Gehirn noch nicht so weit gebootet, eine brauchbare Lösung zu präsentieren. „Ist Henry heute da? Wenn ja, kann er Peter wegbringen und er und James fahren dann zusammen zurück.“ Etwas Besseres fiel ihm nicht ein. Das musste gehen.

„Sicher. Das wird er gern tun. Sie müssen ihm nur sagen, wo der junge Herr hingebracht werden soll.“ Kathy war sich sicher, dass man da schon einen Weg fand. „James hat den Tisch bereits im Speisezimmer hergerichtet. Wenn gewünscht, kann er es aber auch nach oben tragen, sollten die jungen Herren bereits spät dran sein.“ Sie kannte sich mit den Zeiten noch nicht aus - es war das erste Mal, das der junge Herr hier verweilte. Bevor seine Waffensammlung eingetroffen war, hatte er sich nicht blicken lassen und lieber seine Tage in der Stadtwohnung verbracht.

„Nein, Speisezimmer ist okay, ich werde die Bande schon pünktlich aus dem Haus treiben. Ich geh dann mal wieder und fange damit an.“ Langsam ging William mit seinem Kaffee wieder nach oben. Robert musste aus der Dusche raus sein, also sollte er sich Peter schnappen und ihn auch unter das warme Wasser stellen, sonst wurde das nie was mit Frühstücken.

„Lass das, du fieser Kerl!“, hörte es William, noch ehe er die Tür geöffnet hatte und beeilte sich zu retten, was noch zu retten war. Peter klang knurrig und als William die Tür aufmachte, sah er, was los war. Robert - zwar geduscht aber immer noch nackt - zerrte an der Decke, die Peter krampfhaft versuchte, über sich zu ziehen. Sie bedeckte nur noch seinen Kopf und er knurrte, wie fies das wäre, dass der große Brocken sich mit kleinen Halbtoten anlegen würde.

„Hier, nimm das und zieh dich an.“ William drückte Robert seinen Kaffee in die Hand und sah auf Peter, der sich gleich wieder einwickelte, als der Zug an der Decke nachließ. Das war schwieriger, als er gedacht hatte, also schnappte er sich die Deckenrolle und schmiss sie sich über die Schulter, auch wenn Peter zeterte und strampelte. „Wir sind duschen“, erklärte er lakonisch und grinste breit.

„Ja, ja - pass auf, dass deine Kirchenmaus nicht eifersüchtig wird, wenn du nackte Männer im Bett hast und mit ihnen duschen gehst. Pass auf, wenn Peter die Seife wirft. Dann bleib mit dem Hintern an der Wand“, lachte Robert und trank etwas von dem Kaffee. Der war wie Teer und weckte jeden Lebensgeist - gut! Er musste wach sein, wenn er seinem Babe gleich die Leviten lesen wollte.

Doch vorher musste er gut aussehen, damit Adam sich die Finger leckte und bereute, was er getan hatte. Also fing er an sich anzuziehen, während es im Bad quiekte. Das erste Wasser hatte Peter wohl erreicht, aber damit musste William alleine fertig werden. Er brauchte was zum anziehen.

Die Klamotten von gestern gingen nicht mehr, also musste Willmas Schrank herhalten und wehe, da war nichts drin, was sein Babe zum sabbern brachte. Robert riss den Schrank auf, denn langsam wurde die Zeit knapp, darum suchte er im Schnellverfahren. Oberteil für Oberteil flog über seine Schulter auf den Boden. „Grässlich, zu brav, falsche Farbe“, murmelte er dabei und hinter ihm hatte sich ein großer Berg gebildet, als er endlich angezogen war.

„Will, du könntest auch mal wieder dein Zimmer aufräumen, hast du keinen Schrank für deine Klamotten?“, brüllte er laut und machte dann, dass er wegkam, denn wenn sein Freund sah, was er angerichtet hatte, sollte er möglichst weit weg sein. So hastete er die Treppen hinab, wo James ihm den Weg zum Speisezimmer zeigte.

Ein Blick durch die großen Glasfenster der Empfangshalle und ihm war klar, dass Adam noch nicht da war. Also ließ er sich eilig geleiten, entschuldigte sich aber dafür, dass er in Eile war und nur eine Kleinigkeit mitnehmen würde. Er höhlte zwei Brötchen aus - wenn seine Mutter ihn dabei erwischen würde, bekäme er Stubenarrest - stopfte das leckere Rührei hinein und füllte einen der bereitstehenden Thermobecher für unterwegs mit Kaffee. Man hatte wohl geahnt, dass lange Frühstückszeremonien heute nicht drin waren.

„Danke! Den Becher bring ich wieder!“, rief er, als er einen Wagen die Auffahrt hochkommen hörte und lief vor die Tür, noch rechtzeitig, denn William hatte das Chaos in seinem Zimmer wohl noch nicht bemerkt.

So bekam sein Babe zwar einen leidenschaftlichen Kuss, als er aus dem Wagen seines Freundes kletterte, der ihn hierher gebracht hatte, aber nur kurz, denn Robert drängte ihn gleich in die Viper, weil Williams wütende Stimme durch das Haus hallte. „Fahr los, Schatz, wenn du mich in einem Stück behalten willst“, kicherte er und winkte grinsend zu William hoch, der schimpfend auf dem Balkon stand.

Peter stand immer noch kichernd mitten im Zimmer und sah auf den Klamottenberg, wühlte ein wenig, ob auch für ihn etwas dabei war und verteilte so alles noch weiter auf dem Fußboden.

„Kannst du das mal lassen?“, knurrte William, der wieder ins Zimmer gekommen war, weil Robert sich einfach aus dem Staub gemacht hatte.

„Was denn? Das war ich nicht“, murmelte Peter und hatte eine Unterhose und Socken gefunden. Die könnten passen. Die übrigen Klamotten waren für ihn leider etwas zu groß. Musste er eben heute noch mal das gleiche wie gestern tragen. Es würde ihn schon nicht umbringen, zumindest hoffte er das.

„Außerdem darfst du mich nicht anbrüllen, ich bin sensibel“, murmelte Peter, als er sich durch den nächsten Berg Kleider suchte, um seine zu finden.

„Hör auf damit, deine Sachen liegen auf der Couch, du Sensibelchen“, grinste William, der auch noch was zum anziehen brauchte und dafür wohl oder übel auf dem Boden herumsuchen musste. „Mein Gärtner bringt dich zur Schule, aber wenn du noch was essen möchtest, dann solltest du dich beeilen. Ist alles unten im Speisezimmer vorbereitet.“

„Hm.“ Wirklich gesprächig war Peter noch nicht, doch er wühlte sich durch den Berg der Klamotten, bis er welche fand, die ihm bekannt vorkamen. So schlüpfte er in seine Kleider und murmelte weiter vor sich hin. Hunger hatte er schon, aber sein Magen machte ihm klar, dass er erst wieder zur Zusammenarbeit bereit war, wenn die Alkoholvergiftung abgeklungen war. „Danke, später vielleicht.“

„Dann nimm dir wenigstens was mit, denn ohne Nahrung wird meine Haushälterin dich nicht aus dem Haus lassen. Da ist sie eigen und hat sich sogar einmal mit meiner Mutter angelegt deswegen. Sie ist immer noch da, also kannst du dir vorstellen, dass sie da keine Ausreden und Widersprüche duldet.“ William stand fertig angezogen im Zimmer und sah noch einmal auf das Chaos. Er war schon froh, dass er das nicht beseitigen musste, aber er würde sich dafür entschuldigen, denn eigentlich lag es ihm fern, seinen Leuten mehr Arbeit zu machen, als wirklich nötig - auch wenn das eigentlich wohl sein Recht war.

„Na gut. Ein Überlebenspaket mit Aspirin und kleinen braunen Tütchen“, murmelte Peter, der sich schon zur Tür vorgearbeitet hatte. Das Zimmer taumelte wild um ihn herum und so musste er warten, bis die Tür an ihm vorbei rauschte, damit er hindurch schlüpfen konnte.

William sah ihm skeptisch dabei zu und kam zu ihm rüber, um ihn zu stützen. „Willst du wirklich in die Schule oder soll ich dich nicht lieber Zuhause absetzen lassen?“, fragte er halb amüsiert und halb besorgt. Peter hatte doch nicht mehr getrunken als er und Robert und ihnen ging es nicht so schlecht. Allerdings war er kleiner und schmaler. Auf das Kilogramm Körpergewicht gesehen hatte er wohl doch mehr abbekommen, als gut war. Sah man einmal davon ab, dass er eigentlich nur sehr selten härtere Sachen als Wein trank.

„Wenn ich heim gehe und krank feiere, dann war ich das letzte Mal bei dir zum Spielen und deine Mutter erfährt, dass du Orgien im Keller feierst. Bring mich lieber zur Schule. Wenn ich da sterbe, kann man es auf die Cafeteria schieben“, grinste Peter schief und war froh, dass das Geländer der Treppe so solide gebaut war.

„Okay, dann kommst du zur Schule.“ William brachte seinen Freund sicher die Treppe hinunter und nahm von Kathy zwei Tüten und Becher entgegen, wobei der für Peter nicht mit Kaffee, sondern mit magenschonendem Tee gefüllt war. „Perfekt“, bedankte William sich artig und verfrachtete Peter in seinen Wagen, schnallte ihn an und erklärte Henry, wo er abgesetzt werden sollte.

„Wir sehen uns“, murmelte er noch grinsend und wuschelte durch die blonden Haare.

„Hey, nicht schütteln“, knurrte Peter und seine Augen rollten ein bisschen, bis er William wieder scharf und einfach sehen konnte, ohne dass er an den Rändern unscharf wurde. „Und Sie bitte den Schlaglöchern ausweichen“, murmelte er Henry zu und grinste ihn schief an, schob aber noch ein wohlerzogenes 'Danke' hinterher. Sicher hatte der Mann eigentlich besseres zu tun, als besoffene Teenager durch die Gegend zu kutschen.

Dann brauste der Aston Martin vom Gelände.



Der Bugatti folgte ihm wenig später, wenn auch nicht ganz so rasant, denn James bevorzugte das gemäßigte Fahren. Gerade pünktlich kam William an der Schule an und sah als erstes Yves, der von seinem Roller stieg und dann eilig in das Gebäude hetzte. Das ließ den jungen Herzog grinsen, denn er war sich sicher, heute noch Gelegenheit zu haben, seine Kirchenmaus ein wenig aus der Fassung zu bringen und wusste, dass er jede einzelne Sequenz der entgleisenden Gesichtszüge hinter der hässlichen Brille genießen würde. William folgte langsamer, denn es wagte keiner ihn zu rügen, wenn er zu spät kam.

„Man, das war knapp“, murmelte Yves, als er sich auf seinen Stuhl fallen ließ. Er hatte heute Morgen schon ein paar Botengänge erledigt, weil heute Abend Training war und er die Stunden vorarbeiten wollte. Gleich nach der Schule standen noch einige Auslieferungen für den Bestellservice an und halb sieben bekam er endlich wieder das Shinai in die Hände. Es war wie eine Sucht. Ohne den hellen Bambus in seinen Händen fehlte Yves etwas.

Da sie heute die gleichen Kurse belegt hatten, konnte William ausgiebig seinem Lieblingsspiel frönen und Yves verbessern. Es machte ihm diebischen Spaß, jeder Ausführung seiner Kirchenmaus noch etwas hinzuzufügen und ihn dann selbstgefällig anzugrinsen. Mit jeder Stunde wurde Yves nervöser und wütender, denn die Prüfungen standen an und die entschieden darüber, ob er sein Stipendium behielt oder nicht.

Für eine oder zwei Sekunden kamen William Peters Worte wieder in den Sinn, der sein Spielen mit Yves nicht zu schätzen wusste und von ihm enttäuscht war deswegen, doch William verdrängte das. Peter hatte keine Ahnung, was diese Straßenratte für ein Arschloch war. Man sagte einem Kendal nicht ins Gesicht, dass er zu faul wäre etwas selber zu machen! Der Kerl hatte seine Niederlage selbst provoziert, so sah William das und da ließ er auch keinen anderen Blickwinkel zu.

Yves war dazu übergegangen, William gar nicht mehr anzusehen. Dieses selbstgefällige Grinsen war so Ekel erregend, dass Yves ihm am liebsten vor die Füße gekotzt hätte. Warum musste sich so was vermehren? Degenerierter Adel gehörte als abschreckendes Beispiel in den Zoo aber doch nicht auf Schulen, wo sie anderen das Leben zur Hölle machten.

„Degenerierter Idioten-Fraggle“, murmelte er leise und malte in seinem Heft herum. Ein paar japanische Schriftzeichen, die deutlich machten, was er von William hielt und konnte sich wenigstens sicher sein, dass William die nicht lesen konnte und ihm noch Ärger einbrockte. So gerne er bisher die Schule besucht hatte, seit dieser Fraggle hier herumlungerte, wurde es immer mehr zur Tortur und als endlich die Glocke ertönte und Schulschluss anzeigte, seufzte Yves erleichtert.

„Bis nachher“, murmelte William, als Yves aus dem Raum stürzte, weil er sich beeilen musste und schlenderte zu seinem Wagen. Er freute sich, die kleine Japanerin wieder zu sehen und auch darauf, heute vielleicht endlich einen Dojo zu finden.



08


Amüsiert lehnte William an der Fahrertür seines Bugattis und sah der Straßenratte dabei zu, wie er sich mit Sturzhelm und Roller vom Schulhof quälte. Wie tief musste man sinken, um auf so etwas zu fahren? Sollten die Dinger nicht nur mit Papiertüte verkauft werden, damit keiner einen erkannte?

„Ach was soll's. Passt zu der blöden Straßenratte“, lachte William leise und entriegelte seinen Wagen, weil er Kathleen auf sich zu stürmen sah. Sie besuchte eine andere Schule und lauerte ihm schon seit ein paar Tagen am Schultor auf. Doch auf die hatte er heute wirklich keine Lust. Also tat er, als hätte er sie nicht gesehen und machte, dass er vom Hof kam.

Er hatte besseres vor.

William übersah auch Kathleens Winken, als er an ihr vorbeifuhr und gab Gas, sobald er das Schulgelände verlassen hatte. Wenn er pünktlich in Chinatown sein wollte, musste er sich beeilen, denn in New York herrschte ständig Rush Hour und manchmal hatte er den Eindruck, dass die vielen Kleinwagen ihn absichtlich behinderten, damit er nicht schneller fahren konnte. Für eine kurze - unüberlegte - Sekunde beneidete er die Straßenratte auf seinem hässlichen Roller. Mit dem kam er überall durch und konnte zur Not auf dem Fußweg an einem Stau vorbei rollen. Diese Sekunden der Schwäche waren bei William nicht von Dauer - er hatte sich für diesen Wagen entschieden und er stand dazu. Außerdem konnte er davon ausgehen, dass Yuki es ihm nachsah, wenn er ein paar Minuten später kam.

Er grinste.

Dass sie in solch einem Wagen sitzen durfte und kutschiert wurde, entschädigte für die kurze Wartezeit. Da war er sich sicher.

Es waren wirklich nur ein paar Minuten, die er später kam und das Restaurant betrat. Lächelnd ging er auf Yuki zu, küsste ihr galant die Hand und entschuldigte sich formvollendet. Es war immer gut, bei Eltern einen guten Eindruck zu machen, besonders, wenn der Vater geübt im Umgang mit scharfen Messern war.

„Ach, ist doch nicht schlimm, ich war auch noch nicht fertig“, log Yuki höflich und mit schattierten Wangen. Sie konnte ja schlecht sagen, dass sie seit einer halben Stunde wartend am Fenster gestanden hatte. Was machte das denn für einen Einruck? „Wollen wir gleich los? Ich habe Yves gefragt, Hong ist ab zwei im Dojo. Es wäre gerade günstig“, schlug sie vor, denn sie hatte nicht vergessen, warum William sie eigentlich hatte treffen wollen.

„Wenn es dir nichts ausmacht, gerne.“ William bot Yuki seinen Arm an, damit er sie zum Wagen geleiten konnte und verabschiedete sich von ihren Eltern. „Ich bringe ihnen ihre Tochter wohlbehalten zurück“, versprach er und ließ sich von Yuki ziehen, die schon ungeduldig hibbelte. Darum hielt er ihr eilig die Autotür auf, damit sie einsteigen konnte.

„Wow“, murmelte sie leise, als sie sich in dem Wagen umsah. Das Armaturenbrett sah hier aus wie das Cockpit eines Flugzeuges. Das war doch was ganz anderes als Yves' Roller. „Hübsch“, sagte sie, um überhaupt etwas zu sagen, aber nicht gleich wie eine Tussi zu wirken, die nur das teure Auto sah. „Da vorn links und zwei Querstraßen weiter. Am Restaurant hängen rote Lampions. Man kann es nicht verfehlen.“

„Das dürfte ich finden.“ William fuhr los und man sah Yuki an, wie sehr sie es genoss, in solch einem Auto zu sitzen, dass er ihr spontan anbot, sie an einem Wochenende auf eine längere Tour mitzunehmen, denn die wenigen Minuten, die sie bis zum Restaurant brauchten, waren viel zu schnell vorbei.

„Gern, wenn du willst? Ich bin dabei“, sagte sie und lächelte William an. Auch ein bisschen Bedauern lag in ihrer Stimme, weil er schon wieder vom Gas gehen musste, um den Wagen zu bremsen und zu parken - sie hatten ihr Ziel erreicht.

„Wenn wir Glück haben, ist Yves auch da. Ich muss euch unbedingt bekannt machen. Er ist Hongs bester Schüler und wenn du ihn als Fürsprecher hast, dann kann gar nichts mehr schief gehen. Hong nimmt nämlich nicht jeden“, sagte Yuki, versuchte das aber nicht abwertend klingen zu lassen. Sie vermied auch zu sagen, dass eigentlich nur Asiaten bei ihm trainierten - Yves war die große Ausnahme.

„Hmm, ich hoffe, dass wir auch ohne deinen Yves auskommen, wenn er nicht da ist.“ Dass er wohl nie genommen wurde, wenn seine Kirchenmaus ihn jetzt sah, bevor er mit Hong gesprochen hatte, erwähnte er lieber nicht. Viel lieber half er Yuki galant aus dem Wagen, weil sie von neugierigen Augen beobachtet wurden und bot ihr wieder seinen Arm an. Leises Tuscheln ging durch die Tische vor dem kleinen Restaurant - auch durch die im Innenraum, denn die Wände waren wegen der warmen Temperaturen geöffnet worden.

Yukis Freundinnen hockten wie immer an einem der Tische und guckten nicht schlecht. Nun wussten sie, warum Yuki gesagt hatte, sie käme später. Wo hatte sie denn den Typen aufgegabelt?

„Komme gleich“, rief sie zu ihren Freundinnen hinüber und begrüßte Chen und Ling, die ihr merkwürdige Blicke zuwarfen, aber grinsten.

„Wir müssen erst mal zu Hong!“, stellte sie gleich klar, nicht das noch falsche Verdächtigungen aufkamen.

William sah sich unauffällig um und nickte dem Besitzerehepaar zu. Anscheinend hatte Yuki erreicht, was sie mit ihrem Auftritt erhofft hatte, denn sie wirkte zufrieden. Er war ein wenig nervös, schließlich schien dieser Hong nicht jeden zu nehmen, aber das bekam er schon hin. Zum Glück war Yves nicht da, der ihm alles vermasseln konnte.

Als hätte Chen die Gedanken des jungen Mannes gelesen, rief er Yuki noch nach: „Yves müsste in zehn Minuten auch wieder da sein. Soll ich ihn gleich zu euch rüber schicken?“

Sie nickte und zog William weiter mit sich. „Schade dass Yves noch nicht da ist. Er steht auch total auf Waffen. Ich glaube, ihr würdet euch gut verstehen.“ Sie führte ihren Bekannten durch einen langen Flur auf einen winzigen Hof und dann direkt in den Dojo. „Schuhe aus“, flüsterte sie und hatte ihre schon von den Füßen gestreift. „Lee-Sensei!“, rief sie suchend.

William tat wie ihm geheißen und speicherte die Informationen über Yves automatisch ab. Man wusste ja nie, wann man das einmal gebrauchen konnte. Dass seine Kirchenmaus auf Waffen stand, hätte er nicht vermutet. „Lee-Sensei“, begrüßte er den Asiaten, der aus einem Nebenraum zu ihnen kam und Yuki freundlich anlächelte.

Hong grüßte mit einer angedeuteten Verbeugung und sah den Fremden fragend an. Doch da sprang Yuki schon helfend ein, ehe der Meister überhaupt eine Frage stellen musste. Sie erzählte von gestern und von der Suche, die William hinter sich hatte. Sie ließ auch nicht aus, dass er sehr gut mit dem Florett und europäischen Langschwertern umgehen konnte.

„Und was soll mir das alles sagen?“, fragte Hong, der schon wusste, auf was das hinaus laufen sollte, doch der Fremde sollte sich erklären.

„Ich würde gerne in eurem Dojo den Umgang mit japanischen Schwertern üben.“ William war ein wenig unsicher, weil er an der Miene des Meisters nichts ablesen konnte. Er konnte sich jetzt um Kopf und Kragen reden, aber er wollte ehrlich sein. „Ich besitze eine beachtliche Sammlung an Waffen aus aller Welt, auch ein paar antike, wunderschön gearbeitete, japanische Schwerter, Dolche und Kurzschwerter. Sie gehörten zum großen Teil berühmten Samurais oder Adelsfamilien und sie einfach nur an die Wand zu hängen, haben sie nicht verdient. Sie sollten benutzt werden.“

Liebe und Leidenschaft zu seinen Waffen war in Williams Stimme zu hören und seine Augen leuchteten förmlich, als er von ihnen sprach. „Diese Schwerter sollten geführt werden und zwar so, wie es ihnen zusteht. Wie sie es verdient haben, denn ein Schwert, das nicht benutzt wird, verliert seine Seele.“

„Weise gesprochen“, sagte Hong, doch er ließ offen, ob er William seine Worte glaubte oder ob der sie nur auswendig gelernt hatte, um den Sensei zu beeindrucken. Er wechselte noch einen Blick mit Yuki, weil er sich gerade fragte, wo sie diesen Typen aufgelesen hatte, doch dann nickte er. „Du wirst gegen meinen besten Schüler antreten. Ich will sehen wie du dich schlägst.“

William schluckte, denn wer dieser Schüler war, wusste er nur zu gut, aber er versuchte sich nichts anmerken zu lassen und nickte. „Wenn ihr das wünscht. Ich werde mein Bestes geben.“ Innerlich schrieb er es ab, hier zu trainieren, denn wenn Yves ihn hier sah, war das gelaufen. Meister Hong würde ihn bestimmt nicht aufnehmen, wenn er wusste, dass er und sein Lieblingsschüler erbitterte Feinde waren. Aber er war niemand, der kniff, nur weil es unangenehm wurde.

„Fein.“ Yuki freute sich und klatschte in die Hände. „Jetzt muss nur noch Yves kommen.“ Sie konnte es kaum noch abwarten. Zwar hatten sie gestern noch telefoniert, doch sie hatte nur vage erzählt, dass sie jemanden kennen gelernt hatte und der einen Dojo suchte. Ihr Freund würde sicher Augen machen, wenn er erfuhr, dass der genau so verrückt nach Waffen war wie Yves. Und im Gegensatz zu Yves hatte der auch noch ein paar solcher Waffen zu Hause! Wenn die nicht Freunde wurden - wer dann!

„Komm, ich zeig dir, wo du dich umziehen kannst“, rief sie und zog William hinter sich her zu einer Tür, durch die er geschoben wurde, bevor er etwas sagen konnte. „Der weiße Anzug, der dort liegt, ist das Keiko-Gi[12]“, erklärte sie ihm durch die Tür, „das ziehst du zuerst an. Darüber kommt das Hakama[13], das ist das dunkelblaue. Das anzuziehen helfe ich dir, denn das ist nicht ganz einfach.“ William grinste und folgte ihren Anweisungen. Die Kleidung war ungewohnt aber bequemer, als er gedacht hatte. Mit dem gefalteten Hakama auf dem Arm kam er aus dem Zimmer und reichte ihn Yuki.

„Ja, sehr schick.“ Yuki lächelte zufrieden, auch wenn der weiße Anzug an sich mehr verhüllte als er preisgab. Man sah nicht, wie gut William trainiert war. Doch das war egal. Eilig half sie ihm, den Hakama anzulegen und zu schließen - keine Sekunde zu früh, denn Yves' Gruß hallte durch den Dojo.

„Wie immer der erste“, lachte Hong und begrüßte seinen Schüler. „Und ich habe auch gleich eine Aufgabe für dich.“

„Für mich?“ Yves wirkte etwas irritiert, als er seine Jacke von den Schultern zog, um sich umzuziehen.

William verhielt sich ruhig, weil er sehen wollte, wie Yves reagierte, wenn er ihn sah. Insgeheim hatte er für einen Augenblick gehofft, dass es nicht seine Kirchenmaus war, die durch die Tür kam, aber die Stimme hätte er überall wieder erkannt.

„Jemand möchte hier im Dojo trainieren und ich möchte, dass du mit gegen ihn antrittst, damit ich ihn einschätzen kann“, erklärte Hong und deutete mit der Hand auf William.

„Ui - ein Neuer, man bringe mir den Deliqu...“ Yves verstummte, als er sich umgedreht hatte und das Lächeln auf seinen Lippen erstarb. „Scherz, oder?“, fragte er und sah William mit einer Mischung aus Hass und Abscheu an, die Yuki bei ihrem Freund noch nie gesehen hatte.

„Das ist Will, er...“, versuchte sie zu erklären, doch Yves schnitt ihr das Wort ab.

„Ich weiß, wer das ist und ich frage mich gerade, warum er hier ist - ausgerechnet hier. Diese Stadt hat eine Menge Ecken. Was will der hier? Reicht es nicht, wenn du mir in der Schule das Leben zur Hölle machst? Muss das hier auch noch sein?“, fragte er leise und bedrohlich und schlagartig fiel bei Yuki der Groschen.

„Du bist…?“, stotterte sie und William verbeugte sich leicht vor ihr.

„William Matthew Duke of Kendal“, vollendete er ihren Satz und damit sie nicht glaubte, dass er das Ganze hier nur abgezogen hatte, um Yves zu ärgern – zumindest nicht ausschließlich - sprach er gleich weiter: „Ich wusste nicht, dass du Yves kennst, als ich dich nach dem Dojo gefragt habe und ich bin wirklich aus den Gründen hier, die ich Meister Hong genannt habe. Ich möchte lernen, mit japanischen Waffen zu kämpfen.“

Yves warf seiner Freundin einen Blick zu, der nicht zu deuten war.

Sie hatte den Fraggle also hier angeschleppt?

War sie ihm und seinem bescheuerten Wagen also auch schon auf den Leim gegangen?

Warum hatte er den Sportwagen vor der Tür nicht gleich erkannt, verdammt?

„Sensei, das kann nicht dein Ernst sein! Der soll hier trainieren?“, fragte er und wusste nicht, was er davon halten sollte. Das hier war seine kleine Welt - sein Ein und Alles, das wofür er den Nervenkitzel Schule überlebte! Und jetzt drängte sich dieser Schnösel mit seinem Geld auch noch hier rein? Das war nicht fair.

„Wenn ich ihn für würdig befinde, hier zu trainieren, dann wird er das tun“, erklärte Hong ungerührt. Ihm gefiel es nicht, wie Yves auf William reagierte, das war einem Schüler seines Dojos nicht würdig. „Er wird gegen dich kämpfen, damit ich mir ein Bild von ihm machen kann.“

William hörte der Unterhaltung nur mit einem Ohr zu, denn sein Blick lag auf Yuki, die zusammen gesunken neben ihm stand, weil sie glaubte, Yves verraten zu haben. Das konnte er so nicht stehen lassen. Er ging auf Yves zu und maß ihn mit kaltem Blick. „Lass deine Wut auf mich an Yuki aus und du lernst mich kennen“, zischte er ihm leise zu, denn so etwas konnte er nicht leiden. Yuki hatte nichts getan.

„Was mischst du dich in mein Leben ein, Mamasöhnchen?“, zischte Yves zurück. Mit Yuki war er vorerst fertig. Da musste sich der edle Ritter in seiner glänzenden Rüstung sicher keine Sorgen machen, dass Yves noch irgendetwas an ihr ausließ. Ihn so zu hintergehen, war das letzte, was er jetzt von ihr erwartet hätte. Was taten Weiber nicht alles für einen teuren Wagen und ein bisschen Angeberei.

Armselig.

Doch dass Hong auch gegen ihn war, traf Yves wirklich. Er würde das hier durchziehen und gegen den Fraggle kämpfen - doch sollte der aufgenommen werden, wollte sich Yves einen anderen Dojo suchen. Das hier war selbst für jemanden wie ihn zu viel.

Wortlos ging er sich umziehen.

William sah ihm hinterher und rollte mit den Schultern, um sie zu lockern. Wenn er die Gesten und Yves' Blicke richtig gedeutet hatte, dann konnte er sich auf was gefasst machen. So einen wütenden Blick hatte er bei seiner Kirchenmaus noch nie gesehen. Besonders schade fand er die Situation für Yuki, die ja eigentlich nichts Falsches gemacht hatte, aber nun mit Nichtachtung gestraft wurde. Vielleicht hätte William ihr sagen sollen, dass auch er einen Yves kannte, ehe das hier eskaliert war, doch nun war es zu spät und außerdem war er sich auch nicht sicher gewesen.

Es dauerte keine Minute, da kam Yves zurück. Er trug ebenfalls die Trainingskleidung und das Shinai. „Soll er wirklich ohne Rüstung gegen mich antreten?“, fragte er und hielt das Schwert fest in der Hand, die Spitze zeigte auf den Boden.

„Nein.“ Meister Hong ging zu einem Schrank und holte eine zweite Rüstung und ein Shinai. Er legte William die Rüstung eigenhändig an, damit sie auch richtig saß.

„Wie wird das ablaufen?“, fragte William, denn mit den Gepflogenheiten bei diesen Kämpfen kannte er sich nicht aus. Langsam wurde er nervös und er wog das Holzschwert in seiner Hand, um ein Gefühl dafür zu bekommen.

„Du hast vom Kendo keinen Schimmer, oder?“, fragte Hong, doch es war mehr eine rhetorische Frage. „Als erstes werdet ihr euch begrüßen und dann wird Yves dich angreifen. Er wird dir vorher jedes Mal sagen, wo er versuchen wird dich zu treffen. Treffer sind Kopf, Rumpf und Handgelenke. Auch ein Stich gegen den Hals zählt. Deine Aufgabe wird es sein auszuweichen. Ich will sehen, wie beweglich du bist.“

Yves beobachtete die beiden und sah William verächtlich an. Wollte hier anfangen und hatte keinen Schimmer, was hier eigentlich abging. Erbärmlicher Fraggle. Yuki sah er nicht an. Er war zu wütend.

„Gut.“ William nickte. Das musste er hinkriegen. Beweglichkeit hatte er beim Fechten gelernt. Schließlich war das ein Kampf, bei dem man kaum still stand. Der Kopfschutz war etwas ungewohnt, da er anders befestigt war, aber ansonsten konnte er damit genauso sehen wie mit Maske beim Fechten. Das machte ihm also keine Probleme. „Wegen mir kann es losgehen. Ich würde mich nur gerne vorher etwas aufwärmen.“

„Gut. Yves, zeig ihm ein paar der Suburi[14]. Er soll sie dir nachmachen“, sagte Hong ohne Rücksicht auf den Widerwillen, den sein Schüler dem Neuen entgegenbrachte. Wenn er gut war, dann würde der hier trainieren - das musste Yves begreifen. Wenn man mit Emotionen einen Dojo betrat, war das nicht gut. Sie waren schlechte Berater im Kampf. Besser Yves lernte das früher als später.

Ohne einen Kommentar nickte Yves. War er denn hier das Kindermädchen? Eigentlich hatte er seine eigenen Fähigkeiten weiter ausbauen wollen und endlich mit richtigen Waffen trainieren - stattdessen wurde er Windelwechsler vom Fraggle. Na herrlich. Doch er fügte sich und begann mit schrägen, großen Schlägen. Jedem anderen hätte er erklärt, wie die Schläge hießen, doch bei dem Fraggle blieb er stumm.

William folgte den Bewegungen so gut er konnte. Erst noch wirkte er etwas unbeholfen bei den - für ihn ungewohnten - Bewegungen, aber mit der Zeit wurde er sicherer und schließlich hatte er sich die Bewegungsfolge gemerkt und führte die Bewegungen parallel zu Yves aus, wenn auch nicht so präzise. Meister Hong beobachtete die beiden jungen Männer mit unbewegtem Gesicht, so dass nicht erkennbar war, ob er mit Williams Leistungen zufrieden war.

„Fühlst du dich in der Lage?“, fragte er nach einer Weile und sah William mit festem Blick an. Der Duke nickte und Hong verstand. „Gut, Yves. Einzelne Grundtechniken. Fang bitte langsam an. Zum Schluss kannst du immer noch dein eigenes Tempo vorlegen. Ich will nicht sehen, was du kannst. Das weiß ich. Sondern was er kann.“

Wenn auch zähneknirschend stimmte Yves zu - was blieb ihm auch anderes übrig? Sie nahmen die Grundstellung ein, begrüßten sich und Yves griff an. „Kote!“, schrie er und kündigte so den Schlag auf ein Handgelenk an - traf und wich zurück.

William knurrte. Yves benutzte absichtlich den japanischen Begriff, weil er wusste, dass der Duke es nicht verstand.

Okay - es gab vier verschiedene Ziele. Sich die Namen dafür zu merken, sollte William nicht schwer fallen und dann konnte die Straßenratte etwas erleben. Dann würde er sich nicht mehr damit begnügen, sich zu verteidigen, sondern angreifen.

Damit Hong auch sah, was der Fraggle alles konnte, wechselte Yves immer wieder das Ziel, attackierte Kopf und Rumpf. Nur einen Hieb sparte er sich auf, das würde sein Finale werden. Noch war er ziemlich langsam, wie von ihm verlangt. Aber der Fraggle würde noch sein blaues Wunder erleben.

So gut er konnte, versuchte William die Schläge abzuwehren, was ihm nach einiger Zeit auch ab und zu gelang. Es war schwieriger, als er gedacht hatte, auch wenn er sich die Begriffe gemerkt hatte. Yves war gut, das konnte man merken und William mochte es gar nicht zu verlieren. Er griff das Schwert fester und konzentrierte sich, so dass er einige Schläge blocken konnte, aber Yves zog das Tempo an und wieder bekam William die Schläge ab, die so präzise gesetzt waren, dass immer die gleiche Stelle getroffen wurde und langsam wurde es schmerzhaft.

„Letzter Angriff!“, forderte Hong, er hatte genug gesehen und Yves grinste zufrieden, was zum Glück keiner sehen konnte. Gleitend näherte er sich dem Fraggle und nahm Anlauf zum Sprung. „Tsuki!“, brüllte er und sein Shinai sauste zielgerade auf Williams Kehle zu.

Stocksteif blieb William stehen, als die Schwertspitze auf seine Kehle zuraste und nur wenige Millimeter davor zum Stillstand kam. Ihm brach der Schweiß aus, denn auch wenn er durch den Kragen geschützt war, konnte es sehr schmerzhaft sein, wenn Yves ihn getroffen hätte und dass er es nicht getan hatte, wunderte William sehr. Hatte seine Straßenratte seine Wut in den Griff bekommen? Denn eine bessere Gelegenheit, William zu schlagen, würde er nicht bekommen.

„Gut, okay.“ Hong ließ sich die beiden noch verabschieden und Yves verbeugte sich. Er war zufrieden mit seiner Leistung. Es gab ein paar Stellen, an denen ihm der Fraggle zu forsch gewesen war, doch mit dem erhöhten Tempo hatte er den Spinner wieder in den Griff bekommen. Blieb nur zu hoffen, dass Hong nicht das gefunden hatte, was er suchte, doch dafür war der Fraggle leider zu beweglich gewesen. Yves ahnte, was kam und wandte sich um, weil er sich wieder umziehen wollte. Mit dem Kerl trainierte er nicht unter einem Dach.

Aufseufzend nahm William den Kopfschutz ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das war anstrengender gewesen, als er geglaubt hatte und obwohl er fast jeden zweiten Tag trainierte, hatten ihn diese wenigen Minuten doch erschöpft. Zwar nicht sehr, aber er spürte die ungewohnte Beanspruchung und die Schläge. „Ich danke euch, Lee-Sensei“, wandte er sich an Meister Hong und verbeugte sich leicht.

„Gut. Du wirst bei Null anfangen. Du wirst die Schritte und die Schläge lernen und es wird wohl mindestens zwei Jahre brauchen, bis du ein scharfes Schwert in den Kampf führen kannst. Bist du dazu bereit?“, wollte Hong wissen und beobachtete Yves. Was tat der Kerl? Wollte er allen Ernstes gehen? Bedeutete ihm das Training so wenig, dass der Streit mit diesem jungen Mann schwerer wog?

„Das bin ich, Meister.“ William nickte dankend und sah dann zu Yuki hinüber, aber das Lächeln auf seinen Lippen erstarb, als er sah, wie sie zusammengesunken an der Wand lehnte. „Wann darf ich wiederkommen?“, fragte er Hong deswegen, denn er wollte zu ihr. Dieser Yves war doch wirklich ein Arschloch. Angeblich war sie seine Freundin. Die behandelte man aber nicht so!

„Du kannst zum Training bleiben. Ich gehe jetzt übergangslos zu meinen anderen Schülern über“, sagte Hong. Yves war bereits in der Umkleide verschwunden. Er hatte gehört, was er hören wollte. Hier hatte er nichts mehr verloren. Klar, der Fraggle konnte gutes Geld für das Training bezahlen - sein größter Vorteil gegenüber Yves. So einen setzte man nicht vor die Tür.

„Dann bleibe ich gleich hier, wenn ich darf.“ Nachher musste er noch fragen, was er sich alles für das Training besorgen musste. Aber noch war keiner der anderen Schüler da, darum entschuldigte er sich kurz und ging zu Yuki. „Das wird schon wieder, Kleines“, sagte er leise, als er sich neben sie hockte. „Soll ich mit ihm reden und klarstellen, wie es dazu gekommen ist?“

„Lass mal“, sagte sie leise und schielte immer wieder zur Tür. Sie hatte Yves die einzige Freude genommen, die er gehabt hatte. Sie war sich nicht so sicher wie William, dass das wieder ins Lot kam. Sie kannte Yves zu gut. Wenn er etwas entschied, dann blieb er dabei. „Er ist enttäuscht. Ich kann ihn verstehen, aber es ist nicht fair. Ich wusste nicht, wer du bist.“

In diesem Moment ging die Tür auf und Yves kam in seinen normalen Klamotten heraus. Sein erster Blick fiel auf William und Yuki und er schüttelte den Kopf. So war das also: Sie war jetzt das Fraggle-Liebchen.

„Nein, das wusstest du nicht und ich entschuldige mich dafür, es dir nicht gesagt zu haben, als mich klar war, dass ich deinen Yves kenne.“ William sah zu Yves hoch und schüttelte ebenfalls den Kopf. Wie konnte man nur so dumm und stur sein? Er wollte zu ihm hinübergehen, aber Yuki legte ihm die Hand auf den Arm, so dass er wieder zu ihr sah und Yves verschwinden konnte.

„Wieso lässt du dir das gefallen?“, fragte er erstaunt.

„Weil ich sehr an ihm hänge, weil ich weiß, was er von dir hält und warum, weil ich weiß, wie wichtig ihm das Training ist und weil ich ihn enttäuscht habe. Ich wäre auch sauer, wenn Yves Mildred mit in unsere kleine Clique schleppen würde.“ Warum war sie so blind gewesen? Lange schwarze Haare, reich. Doch sie hätte William gar nicht erkennen können, weil er nicht so war, wie Yves ihn beschrieben hatte. Er war kein Arsch. Er war nett, verdammt!

Nur aus dem Augenwinkel sah sie, dass Yves grußlos gegangen war.

Was er jetzt wohl tat?

Yves trat hinaus auf den Hof und sah sich Meister Hong gegenüber, der auf dem Weg stand und auf ihn zu warten schien. „Du möchtest nicht zum Training bleiben?“, fragte der ältere Mann ruhig, auch wenn er wusste, wie die Antwort ausfallen würde.

„Ich“, begann Yves und holte tief Luft. Er war kurz davon gewesen zu lügen und zu sagen, er hätte noch zu tun. Doch Hong war der Bruder seines Chefs. Das wäre sofort aufgefallen. „Ja, ich werde nicht bleiben. Ich kann mit diesem Kerl nicht die gleiche Luft atmen, auch wenn das albern klingen sollte“, erklärte er also wahrheitsgemäß und versuchte, sich an seinem Sensei vorbei zu schleichen.

Aber der legte ihm leicht die Hand auf den Arm, so dass es unhöflich gewesen wäre, weiter zu gehen.

„Yves, lass dich nicht von deinen Gefühlen beherrschen. Egal ob du William nicht magst, du musst das vergessen, wenn du den Dojo betrittst. Dann sollte er nur noch ein Trainingspartner sein. Ich hatte eigentlich gehofft, dir das beigebracht zu haben.“

„Ich weiß, Hong, ich weiß, dass du mir das beigebracht hast und ich hatte auch geglaubt, ich hätte es verinnerlicht. Aber nicht bei diesem Kerl. Ich kann das nicht.“ Ihm war klar, dass Hong das nicht verstehen konnte. Er war auch nicht auf das Stipendium angewiesen, er hatte keinen kleinen Bruder mit grauem Star, der Geld für eine Operation brauchte. Das konnte Yves jetzt vergessen - entweder blieb Joel oder sein Abschluss auf der Strecke. Und als würde das nicht reichen, war sein letzter Rückzugsort auch noch verseucht - von seiner übergelaufenen Freundin völlig abgesehen. Doch wie sollte er das sagen?

Hong nickte. Er wirkte ein wenig traurig, denn er mochte Yves und nicht nur, weil er sein bester Schüler war. „Yves, ich kann dich nicht halten und wenn du gehen möchtest, dann muss ich das hinnehmen, aber du bist hier jederzeit willkommen, wenn du wieder trainieren möchtest. Wenn es dir hilft, kann ich deine Stunden so legen, dass du nicht auf William triffst.“

„Ich will ihn nicht sehen, Hong. Ich will mit dem Mistkerl nichts zu tun haben. Dass er mich jetzt auch noch hier aufgespürt hat und hier weiter machen kann...“ Yves schluckte. War es vielleicht auch, weil er Sorge hatte, William könnte ihn besiegen? Auf seinem Terrain? Er wusste es nicht.

„Ich werde keine Zeit mehr für Kendo haben, denn ich muss zusehen, dass ich in drei Monaten dreißigtausend Dollar zusammenbekomme. Ich werde also nicht einmal mehr Zeit zum schlafen haben.“

Was musste dieser William getan haben, dass Yves sich so vehement weigerte, mit ihm zusammen zu treffen? Aber das, was sein Schüler gerade sagte, erstaunte Hong doch sehr. „Dreißigtausend Dollar? Wieso das? Bist du in Schwierigkeiten geraten? Kann ich dir helfen?“, fragte Hong, auch wenn er sich das bei Yves nicht vorstellen konnte.

„Ja, ich bin in Schwierigkeiten geraten. Der Typ da drinnen ist neu auf unserer Schule und hat es sich zum Ziel gemacht, mir das Stipendium abzunehmen. Die Tests sind noch nicht durch, aber ich weiß, dass er mir den Rang ablaufen wird. Das heißt für mich, ich lasse entweder kurz vor dem Abschluss die Schule sausen oder ich schufte und bekomme die Dreißigtausend Schulgeld für das Semester zusammen. Ich werde kein Geld mehr an Joel schicken können und der wartet noch länger auf seine OP. Ich habe keine Zeit für Kendo.“ Yves schnaubte. Alles machte ihm dieser Scheißkerl kaputt - alles!

„Das ist wirklich hart und ich finde es schade, dass du nicht mehr kommen kannst.“ Meister Hong seufzte kurz, denn so wie Yves sein Leben gerade schilderte, war es unwahrscheinlich, dass er das schaffte, aber er kannte seinen Schüler. Der gab nicht so schnell auf. „Wenn du auch nicht mehr trainieren kommen kannst, benutze den Dojo für deine Übungen, wenn dir danach ist. Du solltest wenigstens ab und zu die Grundübungen machen. Du weißt, wo der Schlüssel ist und du hast die Erlaubnis, ihn zu benutzen.“

„Danke, Hong, ich komme bestimmt darauf zurück. Aber jetzt muss ich zusehen, dass ich Jobs finde, die ich nachts machen kann und die Unmengen Geld einbringen. Sonst waren die letzten Jahre umsonst und das darf nicht sein. Fraggle mag mir Steine in den Weg legen, aber es ist an mir, einen anderen Weg zu finden - einen, den er nicht so schnell findet.“ Oder musste er damit rechnen, dass William ihn auch dort wieder fand und drangsalierte?

„Ich wünsche dir Glück. Meine Tür steht offen, wenn du einen Rat brauchen solltest.“ Hong drückte leicht Yves' Arm. Mehr konnte er für seinen Schüler nicht tun. Mehr würde Yves auch nicht wollen, denn dazu war er zu stolz. Er musste sich einmal mit seinem Bruder Chen unterhalten, was sie machen konnten, um Yves zu helfen, ohne dass es auffiel. Vielleicht hatten die auch ein paar Ideen für einen guten Job und ließen ihm ein paar Stunden mehr, Geld zu verdienen. Er ging davon aus, dass die beiden noch nicht wussten, was Yves im Nacken hockte.

„Power ihn aus, damit er mal von seinem hohen Ross runter kommt“, grinste Yves und ging ins Restaurant hinüber. Es waren noch Auslieferungen zu machen, da konnte er gleich einspringen.

Hong nickte lächelnd, denn dafür, dass er seine Schüler schonte, war er nicht bekannt.




[11] Cocktail.
2 cl Wodka, 2 cl Pfirsichlikör, 8 cl Cranberry- oder Preiselbeersaft, 8 cl Orangensaft in einem Shaker geben, durchschütteln und zusammen mit zwei Eiswürfeln in einem Glas servieren.

[12] Oberbegriff für die in den japanischen Kampfkünsten getragene Trainingskleidung

[13] Beinkleid, das über dem Keiko-Gi getragen wird und in zwei Varianten anzutreffen ist: mit geteilten Beinen wie ein Hosenrock, oder ohne Teilung wie ein Rock

[14] Bewegungsübungen mit dem Shinai, die ohne Partner ausgeführt werden