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Das Herz eines Herzogs - Teil 21 bis 24

21


„Können wir mal stören?“, fragte Peter, der sich den beiden Spielern langsam näherte. Die beiden taten das jetzt seit geschlagenen drei Stunden und langsam wurde die Zeit für ein ernstes Gespräch knapp. Ihm war es egal, ob er die Stimmung dämpfte, hier musste noch etwas geklärt werden und wenn es nur zu Peters eigener Sicherheit war. Er stand hinter der Couch und starrte auf den Monitor. Computerspiele waren nicht sein Ding, ihm fehlte dafür der Ehrgeiz und die Ausdauer.

„Hm?“, machte William und war kurz abgelenkt, so dass Yves ihn wieder besiegen konnte. „Das zählt nicht“, knurrte er und wandte sich dann erst Peter zu. „Was ist denn?“, fragte er und gab somit das Zeichen, dass sie reden konnten. Er legte den Kontroller weg und streckte sich.

„Peter will da noch was loswerden und ich wäre auch dafür, dass Yves noch über den einen oder anderen Stolperstein aufgeklärt werden sollte“, sagte Robert und ließ sich in die Couch gegenüber fallen, damit er Yves und William ins Gesicht sehen konnte. Er zog Peter, der immer noch allein herum stand, einfach neben sich.

„Einen Stolperstein namens Lauren, um genau zu sein“, sagte Peter, um sich auch zu beteiligen und sah William nun abwartend an.

„Lauren? Was…?“ William war noch nicht ganz wieder in der Realität, darum wusste er erst nicht, was Peter meinte. Aber dann hatte William begriffen und nickte. „Lauren, ein wirklich lästiger Stolperstein.“ Er sah zu Yves, der ihn fragend ansah. „Die Tochter eines Geschäftspartners meiner Mutter und wenn es nach ihr geht auch ihre zukünftige Schwiegertochter. Sie gleichen sich erschreckend, denn für sie ist egal, wen sie heiratet, Hauptsache er hat einen Titel und genügend Geld. Mit ihr sollte ich eigentlich zu dem Empfang.“

„Oh“, mehr konnte Yves erst einmal nicht sagen, weil er sich der Tragweite dessen erst bewusst werden musste. „Das heißt, du schleppst nicht nur einen männlichen Lover an, du stichst auch noch mit mir die Vorzugsdame deiner Mutter aus. Kann es sein, dass du mich so sehr hasst, dass du mich den Löwen zum Fraß vorwirfst oder warum hat man es vorher nicht für nötig befunden, mir zu erklären, in was für eine Hölle ich da steige?“ Irgendwie kam sich Yves verkauft vor. Sich zwischen William und dessen zukünftige Frau zu stellen, war doch alles andere als gesund! Egal wie William darüber dachte. Wenn die Mutter das beschlossen hatte und die junge Dame auch auf diesem Trip war, konnte es für den „schwulen“ Liebhaber ziemlich prekär werden.

„Kann die auch mit Schwertern umgehen?“ Irgendwie hing er an seinem Leben.

„Nein, kann sie nicht und ich werde dich nicht den Löwen zum Fraß vorwerfen. Niemand wird dir etwas tun, das werde ich nicht zulassen. Wenn einer dein Leben versauen darf, dann bin ich das. Niemand sonst sollte das wagen.“ William war das vollkommen ernst und das sah man ihm auch an. „Lauren ist eine dumme Pute, die ist kein wirklicher Gegner. Sie wird schmollen und sich bei meiner Mutter ausheulen.“

Doch erst einmal war Lauren vergessen. „Kann ich das mit dem Leben versauen noch mal haben? Ich dachte, das würde sich irgendwann mal geben und du findest ein anderes Spielzeug“, knurrte Yves und Robert schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, dass es platschte. Zum einen weil William einmal mehr mitten ins Klo gegriffen hatte mit seiner Wortwahl und Yves gerade abrückte, zum anderen, weil er Lauren zu unterschätzen schien. Man sollte nie eine Frau unterschätzen, die verschmäht worden war.

„Was?“, William war ziemlich aus dem Konzept gebracht mit der Frage, denn so genau hatte er auf seine Wortwahl nicht geachtet. „Yves, nicht wörtlich nehmen, das war nur ein Vergleich, damit du weißt, dass ich dich da nicht alleine lasse“, sagte er schnell und sah Yves ehrlich zerknirscht an. „Meine Mutter wird nicht begeistert sein, dass ich dich mitbringe, aber sie wird nichts tun, was sie ihr Gesicht verlieren lässt.“

„Na, du kannst ja Vergleiche machen“, knurrte Yves. Er gab sich versöhnt, doch wirklich war er es nicht. Ein schaler Nachgeschmack blieb. „Außerdem muss deine Mutter nicht ihr Gesicht verlieren, wenn deine Zukünftige mir dumm kommt. Ich glaube, dass wird eine Sache zwischen ihr und mir, nicht zwischen dir und deiner Mutter.“ Und ob es so verlockend war, von William beschützt zu werden, wusste Yves auch noch nicht. Man, das war vielleicht verfahren.

„Ach komm, Mausi. Ich bin immer noch der Fraggle.“ William stieß Yves grinsend mit einer Schulter an, wurde dann aber ernst. „Es wird eine Sache zwischen Lauren und uns, denn wir sind offiziell ein Paar und darum wird sie wissen, dass jedes Vorgehen gegen dich auch gegen mich geht. Das wird sie hoffentlich nicht riskieren.“

„Erstens solltest du mich nicht Mausi nennen, wenn du an deinem Fraggleschwanz hängst, und zweitens muss ich dich mal fragen, wie naiv du bist“, sagte Yves und schüttelte den Kopf. „Du servierst sie ab, betrügst sie und erwartest allen Ernstes, dass sie es nicht wagen wird, dir zu schaden?“ War William extrem arrogant oder extrem blind?

„Hallo? Sie abservieren und betrügen würde bedeuten, dass ich mal was mit ihr hatte, aber dem ist nicht so.“ Allein der Gedanke ließ William sich schütteln. „Ich habe sie vielleicht dreimal offiziell gesehen, wobei ich auch nicht mehr als drei Worte mit ihr gewechselt habe und auf der Schule ging ich ihr aus dem Weg. Sie weiß, dass ich nichts von ihr will.“

„Na und? Das hindert deine Mutter nicht daran, sie mit dir vermählen zu wollen und sie nicht daran, die Ringe auszusuchen“, knurrte Yves und warf Robert einen warnenden Blick zu, der sich königlich über dieses Pärchen amüsierte. Als wären sie beide bereits verheiratet und beide stur wie Maultiere.

„Okay, dieser Logik hab ich nichts entgegen zu setzen.“ William knurrte, denn diese Komplikation hatte er nicht eingeplant und er ärgerte sich, dass er das nicht bedacht hatte und Yves ihn erst darauf hinweisen musste. „Gut, da wir nicht wissen, was sie vorhat, wenn überhaupt, müssen wir erst einmal abwarten und am besten zusammen bleiben.“

„Keiner hat von dir verlangt, dass du deinen Liebling allein lässt, Willma, schon gar nicht in der Nacht“, grinste Robert und zuckte, als William und Yves ihn gleichzeitig anknurrten, er möge die Klappe halten. Nun war es Peter, der sich amüsierte, weil das Pärchen sich komisch anguckte und Robert einen ängstlichen Gesichtsausdruck hatte. Das war gut. Viel zu gut. Peter musste sich den Bauch halten.

„Lass das“, knurrte William, aber er musste zugeben, dass es ihm gefallen hatte, Robert mit Yves zusammen zu erschrecken. „Das ist eine Sache zwischen Yves und mir, was in unserem Schlafzimmer passiert“, erklärte er frech, aber er zwinkerte Yves zu, damit der wusste, dass er nur einen Scherz machte. „Sei neugierig und du wirst dich gegen zwei Schwerter verteidigen müssen.“

„Wie ich mir das gerade vorstelle, wie sie auf dem Bett hocken, nackt und erregt und fuchteln mit Williams Zahnstochern herum“, lachte Peter und er wand sich verkrampft auf der Couch. Eigentlich war er keine alberne Natur, doch das hier war zu gut. Wann passierte es denn schon einmal, dass Robert nicht wusste, was er sagen sollte und sich nur verlegen hinter dem Ohr kratzte? Doch das tat er nicht lange, sondern gab Peter einen Schubs, damit der auf dem weichen Teppich wieder zu sich kam. „Depp“, knurrte Robert und sah sich Yves und William an. „Ihr seid so erschreckend gleich.“

Und wieder kam es aus zwei Mündern wie aus einem: „Ich bin doch nicht wie der!“

Dabei sahen sie so entsetzt aus, dass Robert nun lachend neben Peter landete. „Die beiden sind so krass und merken das nicht mal“, lachte er und ließ sich auch von Williams bösem Gesicht nicht beeindrucken.

„Ihr seid so blöd“, grummelte William und verdrehte die Augen. „Wir versuchen hier Probleme zu lösen und ihr denkt nur an Schweinskram.“

„Du nicht? Ich würde ihn nicht verschmähen, wenn Adam nicht so eifersüchtig wäre und du so geschwätzig.“ Robert hatte sich aufgesetzt und lehnte nun mit dem Rücken an der Couch.

„Sag mal? Kannst du das mal lassen?“ Yves fand das alles weniger lustig, denn er hatte über derartige Formen der Liebe noch nie nachgedacht. Dass er im Allgemeinen dafür nicht viel Zeit hatte, war etwas anderes. „Reden wir lieber mal darüber, was ich an Benehmen können soll. Außerdem sollte ich noch was über die holde Familie hören. Überspringen wir eure Perversitäten und machen dort weiter.“

„Fangen wir mit meiner Familie an.“ William war dankbar über den Themenwechsel. „Also, da wäre einmal meine Mutter, die Herzogin und dann gibt es noch meine Schwester Jane. Sie ist vier Jahre älter als ich und verheiratet. Sie lebt in Australien, weil sie hofft, dort meiner Mutter zu entkommen, was aber nur bedingt funktioniert. Sie und ihr Mann Jack werden auch auf dem Empfang sein. Er ist nett und er liebt meine Schwester. Das wären erst einmal die wichtigsten Personen.“

„Ah, ja.“ Yves nickte. „Und warum ist deine Mutter so eine Premium-Hexe? Hat das einen tieferen Sinn oder ist das schlicht ihr Charakter?“ Er ging nicht davon aus, dass sie unkommentiert ließ, was William ihr bot, also musste er sich mit dem Grauen vertraut machen. „Du sagtest, sie wäre mächtig und einflussreich. Wie weit reicht das?“

William sah Yves kurz an, dann seufzte er. „Okay, also fangen wir von vorne an. Meine Familie ist adlig, das weißt du ja. Wir gehören zum Hochadel. Wir sind mit dem englischen Königshaus verwandt und ich stehe zurzeit an 19. Stelle der Thronfolge. Meine Familie war schon immer sehr reich und mächtig und genau aus diesem Grund hat meine Mutter meinen Vater geheiratet. Sie hat nur Kinder bekommen - mich auch nur, weil meine Schwester eben ein Mädchen ist – weil sie einen Erben brauchte. Ihre Familie war auch nicht arm, aber sie wollte den Titel. Sie brachte die Hotels mit und hat sie mit unserem Namen zu First Class Hotels gemacht. Sie hat sehr viel Macht, auch wenn die mit jedem Tag, den ich älter werde, schwindet.“

„Na, wenn das nicht die perfekten Voraussetzungen für eine lustige Familienfeier sind“, knurrte Yves und fragte sich einmal mehr, warum er sich auf dies hier eingelassen hatte und warum man ihm so viele Sachen vorher nicht gesagt hatte. Sie waren wohl in Sorge gewesen, dass er nicht zusagen würde, sondern lieber die Kosten für die Tür abstottern wollte. Anstatt jetzt also auf einem Tisch zu liegen und Geld zu verdienen, bereitete er sich darauf vor, eine der mächtigsten Familien Englands gegen sich aufzubringen - welcher Junge von der Straße konnte das schon von sich behaupten?

„Ja, unsere Familienfeiern waren immer der Knaller.“ William dachte kurz an die Zeit, als sein Vater noch gelebt hatte und lächelte kurz. „Das hört sich alles schlimmer an, als es ist. Sie ist auch nur ein Mensch und sie hat Fehler, genauso wie Geheimnisse, die nicht ans Licht kommen dürfen. Ich weiß durchaus, wie ich mich gegen sie wehren kann.“

Offen sah Yves William an. „Kannst du dafür sorgen, dass sie keine Rache an meinen Freunden nimmt, um mich zu treffen? Kannst du sicher sein, dass weder die Lees noch die Nagoyas in Mitleidenschaft gezogen werden oder bedroht? Kannst du das?“, fragte er leise, denn sie waren alles, was er hatte. Allem voran Joel, doch er glaubte fast nicht, dass sie sich an einem kleinen Jungen vergreifen würde, egal wie kaltherzig sie war. Joel war nicht wichtig genug, hoffte Yves zumindest.

„Ja, das kann ich und das werde ich auch, denn sie haben mit all dem hier nichts zu tun.“ William sah Yves offen an und er meinte seine Worte vollkommen ernst. „Ich werde das nicht zulassen. Das verspreche ich dir.“

„Solltest du dein Versprechen brechen, brech ich dir noch ganz was anderes. Hast du Wunden gesehen, die ein Katana schlägt?“ Und auch Yves meinte seine Worte völlig ernst. Wenn wegen Williams Blödsinn plötzlich Unschuldige ihre Existenz verloren, war das kein Spiel mehr.

„Hey, mach halblang. Wenn Will sagt, er sorgt dafür, dann glaub ihm das doch“, murmelte Robert. Die Atmosphäre, die sich aufbaute, gefiel ihm gar nicht.

„Wir sind auch noch da. Auch unsere Familien haben Macht und Einfluss. Also deinen Freunden wird nichts passieren.“ Peter hatte bisher noch gar nichts gesagt, aber nun konnte er nicht mehr still sein. „Machen wir uns doch noch keine Gedanken über ungelegte Eier. Lasst uns erst einmal dieses Wochenende hinter uns bringen, dann sehen wir weiter.“

„Ja, schocken wir die Mama und reizen wir die Zukünftige“, grinste Robert, weil diese Grabesstimmung ihn auch runter zog. Er hatte sich zwar wieder auf die Couch gekämpft, doch er sah nicht sonderlich entspannt aus, denn ein paar der Einwürfe, die Yves gemacht hatte, waren nicht ganz auszumerzen. Sie waren wirklich oberflächlich gewesen.

„Gibt’s noch was zu essen, ehe wir landen oder fahren wir auf dem Weg zum Landhaus bei einem Fastfoodladen ran?“

„So wie ich dich kenne, wirst du keins von beiden auslassen.“ William lächelte schmal und holte tief Luft. „Okay, wir waren etwas blauäugig, aber wir werden das schon schaffen, da bin ich mir sicher. Wenn wir zusammenhalten, klappt es und wir müssen überzeugend sein.“ Er sah Yves an und lächelte. „Wenn du meine Mutter erst einmal kennen gelernt hast, wirst du liebend gern bei unserer Scharade mitmachen.“

„Man wird sehen.“ Yves wollte sich einfach überraschen lassen. Sich jetzt den Kopf wund zu grübeln, machte ja auch keinen Sinn. Ihm wurde langsam klar, dass er sich in eine Abhängigkeit begeben hatte und auf Gedeih und Verderb auf William angewiesen war. Wenn der sich mit seiner Mutter verkrachte und wütend vom Kontinent verschwand, konnte Yves nur hoffen, dass der ihn nicht zurückließ.

„Okay, Willma, man fahre das Menü auf, sonst werde ich knurrig und das will keiner.“ Robert dauerte alles schon wieder viel zu lange.

„Blödmann, du weißt wie das geht, also bestell doch selber.“ William knuffte Robert und sah wieder zu Yves, der noch immer sehr nachdenklich wirkte, aber er hatte keine Zeit ihn etwas zu fragen, denn Robert sah gar nicht ein, warum er das Essen bestellen sollte, schließlich war er auch Gast.

„Ich mach ja schon“, murmelte William schließlich und schellte nach der Stewardess und bestellte Karte und Getränke für alle.

„Geht doch.“ Zufrieden lehnte sich Robert zurück und grinste. Peter neben ihm machte auch so ein komisches Gesicht, also wurde er kurzerhand gegriffen und ihm die blonden Haare verstrubbelt, damit er einen Grund hatte auszusehen, als hätte ihm jemand die Butter vom Brot geklaut.

„Na, Yves? Auch Hunger?“, rief er zur Kirchenmaus hinüber, denn an den kam er mit seiner Hand nicht heran, um ihn zu ärgern.

„Hm“, war die alles erschlagende Antwort.

Darum übernahm William Roberts Part, griff sich Yves und strubbelte ihn kräftig durch. Das kam vollkommen spontan, weil sie das oft machten und erst fiel es ihm gar nicht auf, wem er gerade die Haare durcheinander brachte. Als es ihm aufging, ließ er Yves schnell los und lächelte unsicher. „Tschuldigung“, murmelte er leise und rückte ein wenig ab.

„Glaubst du, deine Mutter steht drauf, wenn ich aussehe, als käme ich gerade aus dem Bett?“, murmelte Yves und grinste schief. Dabei versuchte er, den größten Schaden mit ein paar Strichen wieder in Ordnung zu bringen.

„So siehst du nach dem Bett aus?“, murmelte Robert und betrachtete Yves eindringlich. Das gefiel der Kirchenmaus überhaupt nicht. „Was?“, fragte er also etwas verwirrt.

„Ich präge mir das ein. Wenn du noch mal so aussiehst, weiß ich, dass du mit Willma im Bett warst.“

Yves wurde rot.

„Robert Mc Laughlin.“ William saß neben Yves und zur Überraschung seiner Freunde leuchtete sein Gesicht ähnlich wie das von Yves, was Robert schon wieder einen Lachanfall bescherte.

„Also, ihr seid echt krass und auch wenn ihr es nicht wahrhaben wollt, gleicht ihr euch doch ziemlich.“ Er stupste Peter an, der nur den Kopf schüttelte.

„Alle bekloppt“, murmelte der, musste aber grinsen, denn Robert hatte seiner Meinung nach Recht. Außerdem benahmen die sich so extrem merkwürdig, dass er nicht umhin kam, schon wieder darüber nachzudenken, ob die Damen in Williams schwarzem Buch nicht doch nur ein Alibi und ein Zeitvertreib gewesen waren, bis ihm was Richtiges über den Weg lief.

„Habt ihr euch eigentlich schon einmal geküsst?“, machte Robert gleich weiter, wurde aber stiller, als die Stewardess die aktuelle Karte mit den Menüs brachte und machte erst weiter, als sie wieder gegangen war. „Schließlich müsste ihr das ja auch vor Publikum.“

Yves seufzte und senkte den Kopf - warum er? Was hatte er getan, um das zu verdienen?

„Wann, bitteschön, sollen wir das denn gemacht haben?“, knurrte William, dem das Ganze extrem unangenehm war. Nichts war mehr von seiner großen Klappe zu spüren, die er noch vor gar nicht langer Zeit gehabt hatte, als er lauthals herumgetönt hatte, dass er die Kirchenmaus in sich verliebt machen wollte. Er blickte auf den Boden, denn Yves angucken konnte er gerade nicht.

„Ja, hey, ihr kennt euch doch schon eine Weile oder etwa nicht?“ Robert ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Er biss sich vor Nervosität auf die Lippen. Dabei wusste er selber nicht, warum er so stocherte, doch er wollte das sehen. Nicht dass es ihn anmachen würde - oder vielleicht doch? Er schüttelte über sich selbst den Kopf.

Yves schielte mit gesenktem Kopf neben sich und war erleichtert, dass William auch nicht besser aussah als er. Doch was sollten sie jetzt machen? Seine Finger wurden kalt und feucht. Allein der Gedanke, William zu küssen. Wie würde das werden? Schließlich hatte er das noch nie getan. Mit wem auch?

William sah kurz zu Yves und fasste einen Entschluss. Er setzte sich wieder gerade hin und atmete tief durch. „Stimmt, wir sollten das üben, aber wir werden das ganz bestimmt nicht unter Beobachtung machen und schon gar nicht unter deiner. Dumme Kommentare können wir dabei nämlich nicht gebrauchen.“ Er war nervös, was man daran sah, dass er seine Finger knetete. Noch nie hatte er einen Mann geküsst und so langsam bekam er Angst vor seiner eigenen Courage.

„Und wer soll euch dann sagen, ob es glaubhaft ist?“, fragte Robert und fühlte sich gerade um den ihm zustehenden Spaß betrogen. „Peter, sag doch auch mal was. Wie kann Willma es wagen, das heimlich machen zu wollen.“

„Ich glaube, ich nehme den pochierten Lachs“, antwortete ihm Peter und studierte lieber noch die Desserts. Er mischte sich hier nicht ein. Am Ende war er dann noch der Dumme, nein, nein.

„Wäre nett, wenn wir das erst mal ohne Publikum machen könnten“, sagte auch Yves. Sein Herz schlug wie wild und er wusste nicht, wie er sich beruhigen sollte. William wollte ihn wirklich küssen! Was, wenn er sich dabei blamierte? Der Playboy-Fraggle beherrschte das bestimmt. Dem fiel garantiert auf, dass Yves absoluter Laie war und zog ihn damit auf. Panik stieg in ihm auf, als er sich heimlich nach einer Fluchtmöglichkeit umsah. Vielleicht die Toilette?

„Wir kriegen das auch ohne deine Hilfe hin, ich küsse nicht zum ersten Mal und weiß durchaus, wie es sein sollte. Trollt euch wieder zurück auf eure Plätze, lasst euch das Essen schmecken und es wird nicht gespannt.“ William schüttelte den Kopf, als Robert wieder etwas sagen wollte und nahm sich die Karte. „Bestellt für mich auch den Lachs. Was möchtest du Yves?“

„Mir egal, bin nicht wählerisch“, sagte er gepresst. Hatte er das gerade richtig verstanden? Die beiden anderen wurden weggeschickt und dann wollte William üben? Hier? Yves schluckte und verkrampfte sich ein wenig. Seine Fingernägel gruben sich in seine Handballen bis es schmerzte.

„Okay, für Yves auch den Lachs und nun trollt euch.“ William wirkte ruhig, aber auch er wurde langsam nervös. Er konnte es nur besser verbergen.

„Komm, wir gehen.“ Peter nahm Robert am Arm, auch wenn der grummelte und zog ihn zu einem Platz, von wo aus sie nicht ohne weiteres zu den anderen beiden sehen konnten.


22


„Ja… also.“ William hatte seinen Freunden nachgesehen und sah jetzt zu Yves und grinste schief. „Irgendwie komisch, oder?“ Er lachte unsicher und ließ sich nach hinten in den Sessel sinken. „Ich bin nervös, wie beim ersten Mal.“

„Warum soll es dir besser gehen als mir“, sagte Yves und biss ich gerade noch auf die Zunge, als er erklären wollte, dass es für ihn wirklich das erste Mal wäre, jemanden zu küssen und sicher erwartete William nicht nur ein gute-Freundin-Schmatzerchen, sondern was Richtiges, was Heißes. Was sollte der denn von ihm denken? Siebzehn Jahre und noch nie jemanden geküsst. Er war eben ein Spätzünder, weil er keine Zeit für derartiges gehabt hatte.

Tief durchatmend wandte sich Yves aber zu William um, bereit und hoffentlich vorbereitet auf alles. Nur seine Finger gruben sich fest ins Polster der Couch. Aber dort blieben sie nicht sehr lange, denn William nahm Yves' Hände in seine und drückte sie leicht. „Okay, am besten Augen zu und durch“, murmelte er leise und beugte sich vor. Erst einmal ganz vorsichtig und tastend berührte er die fremden Lippen mit seinen und verweilte dort nur sehr kurz, weil er Yves Zeit geben wollte, sich daran zu gewöhnen. Als er sich wieder löste, sah er Yves an. Er wirkte unverändert.

„Das war's? So schlimm war das ja gar nicht“, sagte Yves und wirkte plötzlich erleichtert. Das ließ auch William seine Nervosität verlieren und er grinste Yves schelmisch an.

„Das war nur zum Aufwärmen, schließlich ist es für uns beide etwas Neues.“ Er leckte sich über die Lippen, weil er wissen wollte, ob der Geschmack anders war als bei Frauen. Er legte Yves eine Hand in den Nacken und sah ihm in die Augen. Dabei beugte er sich wieder vor und diesmal war er nicht mehr so vorsichtig, auch wenn er immer noch sehr sanft war. Seine Lippen rieben über das andere Paar und erkundeten sie vorsichtig. Doch Yves konnte nicht vermeiden, dass er sich dabei versteifte und wie eine Statue auf der Couch saß. Die Hand in seinem Nacken, die ihn herrisch festhielt und dann auch dieses merkwürdige Gefühl auf seinen Lippen. Es war überraschend angenehm. Schlimmer noch - es verlangte ihm danach, diese reibenden Bewegungen zu erwidern und Williams Lippen festzuhalten. Warum nur?

Ohne es zu merken, legte er William eine Hand in den Nacken, damit der nicht plötzlich wieder verschwand so wie eben. Dabei schlossen sich seine Augen und sein Kopf fiel leicht auf die Seite.

Darauf hatte William gewartet und er vertiefte den Kuss, wenn auch sehr langsam. Er hatte gemerkt, dass Yves wenig Erfahrung beim Küssen hatte und darum war er zurückhaltender als sonst. Dabei konnte er auch dem Kuss nachfühlen.

Die Lippen unter seinen waren nicht unangenehm, sondern ließen seine eigenen kribbeln. Gerade so, als wäre eine geringe Dosis einer giftigen Substanz darauf, etwas Verbotenes, von dem sein Körper nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte.

„Hm“, konnte sich Yves nicht verkneifen. Er schnaufte überrascht, denn er wollte mehr. Wo kam der Drang her, immer wieder den Mund zu öffnen? Sein Puls raste durch seinen Körper. Er erkannte sich kaum wieder.

Er knutschte mit dem Fraggle!

Dem Fraggle!

Und fand das auch noch gut. Man merkte es daran, dass sein Körper weich wurde und William zog Yves an sich, damit er auch dessen Körper spüren konnte. Es war wie ein Rausch, von dem er nicht genug bekommen konnte. Darum gab er dem Drang nach, Yves schmecken zu wollen und strich mit der Zunge über die weichen Lippen, drängelte sich schließlich dazwischen und keuchte überrascht, denn er hatte nicht damit gerechnet, dass es wie ein Blitz durch seinen Körper zog und Yves in seinen Armen ging es nicht anders.

Wie elektrisiert saß er da, schob seine Hand fest in Williams Haare und betastete verwirrt die fremde Zunge in seinem Mund. Doch als er merkte, dass diese aufdringlich wurde und sich einfach umsehen wollte, seine Zunge jagte und sich aufführte wie der neue Herr, versuchte Yves sie zurückzudrängen. Aber jedes Mal, wenn er Williams Zunge an seiner spürte, war es wie eine Explosion in seinem Hirn - irre. Er musste mehr haben.

Von dem leisen Tumult hinter ihnen bekamen sie nichts mit. Robert hatte es nicht mehr ausgehalten und wollte endlich wissen, wie das bei William und Yves lief, wurde aber immer wieder von Peter runtergedrückt.

William grinste leicht, als Yves versuchte ihn zurückzudrängen, tat ihm aber den Gefallen und ließ sich erobern. Dieser Kuss war anders als mit einem Mädchen und es gefiel ihm, dass Yves sich nicht nur einfach küssen ließ, sondern aktiv wurde. Dafür, dass er wenig Erfahrung hatte, machte er das sehr gut. Er ließ sich nicht einfach dominieren. Bei ihm hatte es William schwer, ihm seinen Willen aufzuzwingen. Vielleicht war es das, was ihn an diesem Kuss so sehr reizte.

Yves für seinen Teil machte sich darüber keine Gedanken. Es war wie ein Spiel und er wollte gewinnen. Adrenalin wurde frei und so drängte er sich immer dichter gegen William, bis er ihn auf die Couch drücken konnte und über ihn kam.

„Peter! Peter, guck doch mal!“ Robert war völlig aus der Fassung. Die knutschten jetzt seit zehn Minuten - atmeten die auch mal?

„Bleib hier, du Spanner“, zischte Peter und hielt Robert fest, der allen ernstes los schleichen wollte, riskierte aber selber einen Blick und bekam rote Wangen. „Die fressen sich“, murmelte er beschämt und vergaß Robert festzuhalten. Mit vielem hatte er gerechnet, aber nicht damit, dass die zwei heftig knutschend übereinander lagen und es anscheinend sehr zu genießen schienen, wie die leisen Seufzer verrieten.

„Der soll mir noch mal erzählen, er wäre ja so was von überhaupt nicht in die Kirchenmaus verliebt. Und der soll ebenfalls nicht so dusselig daher reden, er macht das hier nur für Geld!“ Robert knurrte. Wussten die vielleicht etwas, was er nicht wusste? War ihm etwas sträflichst verheimlicht worden? „So was spielt man doch nicht, wenn man nicht gerade ein guter Pornodarsteller ist... Da, die Hand.“

Yves' Hand strich weiter durch Williams lange Haare und er war in diesem Kuss völlig aufgegangen. Sein Körper war heiß, sein Kopf drehte sich und ein Sieg war greifbar nahe. Er wand sich auf William, der darum einen Arm um Yves legte und ihn so näher an sich zog. Der junge Herzog hatte vollkommen vergessen, wo er war und warum er diesen nicht enden wollenden Kuss mit Yves teilte. Er genoss es einfach, einmal nicht der Führende zu sein, sondern sich zur Abwechslung dominieren zu lassen. Das Gefühl, einmal erobert zu werden, war auch nicht verkehrt. Er fühlte sich ein bisschen ausgeliefert und das prickelte wie wahnsinnig im Kopf.

Erst als Robert unbeabsichtigt: „Futter“, rief, weil die Stewardess mit dem Servierwagen aus der Bordküche kam, schreckte Yves plötzlich zusammen. Es dauerte drei Herzschläge, bis er begriff, wo er war und was er tat. Er sah keuchend auf Williams Gesicht hinab und zog schlagartig seine Hand aus dessen Haar zurück. Hastig stemmte er sich nach oben. „Tschuldigung“, nuschelte er und schoss hoch. Er musste erst einmal ins Bad, während Robert von Peter eine hinter die Ohren bekam und in sich zusammen sank.

William lag immer noch auf der Couch und wirkte vollkommen neben der Spur. Sein Körper war in Aufruhr und jetzt, wo sein Verstand wieder einsetzte, fragte er sich, was da gerade passiert war. Er strich sich über die Lippen, die ein wenig geschwollen waren und er bedauerte es, dass der Kuss beendet war und er Yves' Gewicht nicht mehr auf sich spüren konnte.

„Wow“, murmelte er leise und setzte sich langsam auf. Er hatte vieles erwartet, aber nicht, dass er den besten und aufregendsten Kuss seines Lebens bekam.

„Ja, so sah das auch aus“, murmelte Robert leise und nahm der Stewardess eilig die Menüs ab, damit sie sich wieder zurückziehen konnte. Ihr schien es sichtlich peinlich, einfach in etwas hineingeplatzt zu sein, was sie vielleicht besser nicht gesehen hätte. „Also, meine Befürchtung, ob ihr noch üben müsst, war echt unbegründet. Wo ist dein Liebchen eigentlich hin?“ Robert sah sich um.

„Weiß nicht.“ William war immer noch nicht wieder ganz da, weil er sich über das Liebchen nicht aufregte. Er sah sich um, aber als er Yves nirgendwo entdecken konnte, ließ er sich wieder in den Sitz fallen. „Bad wahrscheinlich“, sagte er und fuhr sich über das Gesicht. Sein Körper vibrierte noch immer und seine Lippen brannten.

Robert setzte sich grinsend neben ihn und legte ihm einen Arm um die Schulter. „Erinnerst du dich an den Abend unten bei dir im Pool? Als du gefragt hast, wie es wäre, einen Kerl zu küssen? Du hast mich ausgelacht, als ich sagte, geiler als mit einem Mädel. Weißte jetzt, was ich meine?“

Nur gut, dass Yves im Bad davon nichts mitbekam. Er hatte schon genug mit sich selbst zu tun. War er denn noch zu retten gewesen? Hatte er wirklich allen Ernstes auf William gelegen und ihn bewusstlos geküsst? „Und geil war's auch noch“, murmelte Yves leise, als er sich auf das Waschbecken stützte und sich im Spiegel betrachtete. Die Haare völlig verstrubbelt, die Lippen rot und geschwollen. „Idiot“, sagte er resigniert. Das lief alles nicht besonders gut.

„Ja, das weiß ich jetzt. Es war… es war… unglaublich.“ William sah Robert an und grinste schief. „Es hat sich verselbstständigt und ich wollte nicht aufhören. Es war einfach nur geil und ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“ Er knetete seine Finger und sah zur Badezimmertür, hinter der Yves verschwunden war. Doch sie öffnete sich nicht, denn Yves starrte sich immer noch an.

„Bist du eigentlich noch ganz dicht, du Idiot?“, murmelte dieser und schüttelte den Kopf über sich selber. Wie hatte er sich nur so gehen lassen können? Das war eine Show. William wollte seiner Mutter nur eins auswischen - außerdem stand der nicht auf Männer. „Und du naiver Typ fällst drauf rein und machst noch herrlich mit. Blödmann!“ Er streckte sich die Zunge raus und ließ sich Wasser über die Hände laufen, um sich damit das Gesicht zu kühlen.

„Tja, Willma“, grinste Robert vor der Tür zu seinem Freund, „das ist alles nicht so gelaufen, wie du dir das gedacht hast. Yves ist mehr als nur ein Mittel, um deine Mutter zu schocken. Er ist nicht mehr nur die Kirchenmaus oder die Straßenratte für dich, sondern Yves und den beginnst du zu mögen.“ Robert war vorsichtig und sprach absichtlich nicht von verliebt sein, auch wenn er das glaubte, denn das würde William wieder stur werden lassen.

„Nein, das war nur ein Kuss und ich kann den Kerl nicht leiden“, murmelte William, aber er hatte seinen Biss verloren und in seinem Kopf rotierte es, so dass er sich fast schwindelig fühlte.

„Japp, is' klar. Nicht leiden und jetzt wird gegessen.“ Peter legte keinen Wert darauf, das jetzt wieder in eine Grundsatzdiskussion ausarten zu lassen. Wenn William sich besser fühlte, wenn er seine aufkeimenden Gefühle verdrängte, war das seine Sache und vielleicht auch gar nicht so übel. Denn dann war die Enttäuschung nicht so groß, wenn Yves nicht das gleiche fühlte und dass dies ziemlich wahrscheinlich war, lag ja auf der Hand oder warum war der jetzt verschwunden, anstatt sich an William zu schmiegen?

„Essen ist fertig“, rief Robert durch die Badezimmertür und klopfte kurz.

„Lass ihn lieber nicht mit Essen unbeobachtet alleine. Es kann sein, dass dann die Hälfte fehlt“, rief Peter und brachte sich und sein Essen in Sicherheit. Er hatte Hunger, denn schließlich hatte er nicht, wie William und Yves, schon Sandwichs gegessen. Aber als sich im Badezimmer immer noch nichts tat, machte er sich Sorgen. Was passierte da drinnen und warum kam Yves nicht raus?

„Gleich“, rief dieser allerdings nach einer Weile und sandte ein Stoßgebet zum Himmel für das schlechteste Timing zum Essen, was man sich nur vorstellen konnte. Er musste jetzt da raus und William ins Gesicht sehen. Doch wie? Am besten gab er sich, als wäre nichts gewesen, als hätte er seinen Job gemacht und nicht mehr. Wenn er gut war, nahm der Rest ihm das ab, wenn er sich das selber schon nicht glauben konnte. Er war so erbärmlich!

„Nutzt nichts, du kannst nicht ewig hier bleiben“, murmelte Yves und kam wieder zur Couchlandschaft zurück, setzte sich aber neben Peter und sah William kurz an: „Sorry, hab's übertrieben. Kommt nicht wieder vor. Ich wollte dir nur zeigen, dass Üben nicht mehr nötig ist - hey, das sieht lecker aus!“, lenkte er ab und widmete sich nur noch seinem Essen, auch wenn sein Herz wie wild schlug.

William kam sich vor, als hätte ihm jemand Eiswasser über den Kopf geschüttet und sein Gesicht verschloss sich. „Scheint so“, sagte er knapp und sah aus dem Fenster. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber so abgespeist zu werden, tat weh und das machte ihn wütend. Was hatte er auch von seiner Straßenratte erwartet? Er hatte ihn gekauft und Yves bot ihm etwas für sein Geld, das sollte er sich vielleicht immer vor Augen halten.

„Hoppla“, sagte Robert leise. Das war ja wohl völlig nach hinten losgegangen. Sollte er sich da eben derart getäuscht haben? Aber warum war Yves bloß so extrem abweisend? Sah er das wirklich nur als Pflicht? Robert sah ihn musternd an, doch in Yves' Gesicht konnte er nichts lesen. Der Kerl war ein guter Schauspieler. Leider.

Auch Peter sah irritiert von einem zum anderen. Es war, als wenn es die Stunden, in denen sie sich gut verstanden hatten, nie gegeben hätte. Jetzt waren sie wieder so distanziert wie vor dem Start. „Was ist passiert?“, fragte er Robert flüsternd, denn ihn ließ die plötzliche Kälte frösteln. Was war schief gelaufen? Nach diesem Kuss hatte er eigentlich etwas anderes erwartet.

„Yves hat ihm klar gemacht, dass das nur sein Job war und Will jetzt wissen sollte, das weiteres Üben nicht nötig wäre. Außerdem hat er sich dafür entschuldigt“, flüsterte Robert zurück. Er wollte nicht von den beiden noch dafür angeschnauzt werden. Im Augenblick war es, als stand man in einem Minenfeld und wusste, dass irgendetwas explodieren würde, wenn man sich einmal falsch bewegte.

Nicht gut!

Gar nicht gut.

William starrte aus dem Fenster, Yves zerpflückte lustlos seinen Fisch - alles in allem nicht zufrieden stellend. Kein bisschen Verliebtheit.

Eigentlich hatten Peter und Robert jetzt mehr erwartet, zumindest nicht, dass die beiden weiter voneinander entfernt waren als vorher, denn man hatte den Eindruck, dass sie eine Wand zwischen sich aufgebaut hatten, die dicker war als jemals zuvor.

„Na toll, das haben wir ja prima hingekriegt“, nuschelte Peter leise mit vollem Mund und sah noch einmal seufzend zu William. Wer ihn nicht kannte, konnte denken, er sah einfach aus dem Fenster, aber Peter wusste, dass es in seinem Freund kochte und das nicht zu knapp.

Nur Yves tat, als würde er von all dem nichts mitbekommen, denn er hatte genug mit sich selber zu tun. Er rief sich stetig zur Vernunft, versuchte nicht zu bemerken, dass immer wieder musternde Blicke auf ihm lagen und noch weniger wollte er sich selbst fragen, ob er an Williams Verstimmung schuld war. Doch dann beschloss er, dass es so besser war. Sie sollten ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren und anfangen zu kuscheln. Sie mochten sich nicht und nur die Enge und die Langeweile hatte sie dazu gebracht, zusammen zu spielen. Lagerkoller nannte man derartiges.

Williams Gedanken gingen in eine ähnliche Richtung.

Wie hatte er auch nur in Erwägung ziehen können, mit der Straßenratte gut auszukommen? Der hatte mit ihm gespielt und er war drauf reingefallen. Was hatte William auch erwartet? Das war die Rache für all die Demütigungen gewesen, die er Yves zugefügt hatte. Das hier war ein Geschäft und nichts weiter, das durfte er nicht vergessen. Er hatte sich hinreißen lassen, weil es völlig neu für ihn gewesen war, doch ein zweites Mal würde er nicht so nachlässig sein.

Händeringend suchte Robert nach Fragen, die er stellen konnte, ohne dass es aufgesetzt klang, denn diese Stimmung machte ihn krank. Mehr noch die abschätzenden Blicke, die die beiden sich über den Tisch hinweg zuwarfen. Es war, als wären sie sich ferner denn je. Warum hatte er nur nicht seinen blöden Mund halten können? Küssen üben - Mist, verdammter. So war das doch nicht geplant gewesen. Eigentlich sollten die zwei sich endlich besser verstehen und aufhören, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen.

Das allerdings rückte in weite Ferne, als William aufstand, sich seinen MP3 Player holte und sich so weit wie nur möglich von ihnen entfernt hin setzte. Noch deutlicher konnte er nicht klar machen, dass er jetzt allein sein wollte. Peter seufzte resigniert. Das war eine absolute Katastrophe. Und die war noch nicht vorbei, denn Yves hob plötzlich den Kopf und wandte sich nach William um. „Was hat der denn jetzt schon wieder?“, fragte er, als hätte er keinen Schimmer, was passiert war.

„Was der schon wieder hat?“ Robert traute seinen Ohren nicht. „Was der schon wieder hat?“

„Spreche ich kein Englisch oder war die Frage zu schwer? Was ist denn hier los? Erst soll ich üben und wenn ich ihm zeige, dass üben überflüssig ist, zieht er schmollend von dannen. Er wollte eine Show und die hat er bekommen. Was soll der Mist?“ Yves hatte beschlossen, so zu tun, als hätte es das Kribbeln auf seiner Haut und die Lichtblitze in seinem Kopf während des Kusses nie gegeben.

Nach alt bewährter Robert-Manier bekam nun Yves einen kräftigen Schlag gegen den Hinterkopf. Was bei William half, konnte bei der Kirchenmaus auch nicht verkehrt sein. „So und jetzt frag noch mal, was hier los ist. Ihr seid beide so bescheuert. Der eine will ums Verrecken nicht zugeben, dass er dich mag, knutscht aber mit dir, als wenn es kein morgen gäbe. Du knallst ihm nach dem absolut heißesten Kuss, den man sich vorstellen kann und von dem unser William noch vollkommen neben der Spur war, vor den Latz, dass das nur Show war. Das ist los“, knurrte Robert und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Das war nicht einfach nur Show, aber keiner von euch will das zugeben.“

Yves rieb sich immer noch den Kopf und rückte ab. Was war das denn für ein Irrer? „Glaub, was immer du willst. Glaube, dass wir das perfekte Paar wären, wenn es dir dann besser geht. Alles, was ICH will, ist meinen Job machen, meine Kohle kriegen und am Montag wieder in die Schule gehen, als wäre nichts gewesen. Ich wäre euch also ziemlich verbunden, wenn ihr hier nicht jeden Kuss, den wir wegen der Scharade noch tauschen müssen, kommentiert und auf die Goldwaage legt. Es war seine Idee, warum kommt er mit den Ausläufern seines Schwachsinns nicht klar?“ Yves hatte keine Lust, hier die wilden Fantasien pubertierender Adliger zu befriedigen. Also aß er weiter, denn der Lachs war nicht übel.

„Oh man, Peter, versuch du ihm klar zu machen, was hier gerade passiert. Irgendwie scheint er mich nicht zu verstehen.“ Robert ließ sich in den Sitz sinken und Peter sah ihn irritiert an.

„Ich? Warum?“ Aber er seufzte und wandte sich an Yves. „Es stimmt, William hat den Vorschlag mit dieser Scharade gemacht, aber er hat sich verkalkuliert. Es ist nicht mehr einfach nur ein Spiel. Der Kuss hat ihn verunsichert und er sieht dich mit anderen Augen. Glaubst du wirklich dieser Kuss war nichts als Show?“

„Ja, das glaube ich“, erklärte Yves und schüttelte den Kopf. „Weiß William eigentlich, dass ihr mir gerade versucht weiszumachen, dass er Gefühle für mich hat? Ich glaube nämlich nicht, dass ihr dann noch eure Köpfe auf den Hälsen hättet. Davon einmal abgesehen: ich mag ihn nicht. Er ist ein Arsch und er hat mir mehr Ärger gemacht, als ihr euch vorstellen könnt. Gelinde gesagt ist es mir scheißegal, wie er sich fühlt. Er hat auch nicht gefragt, wie ich mich fühlte, als er im 'Haus der Sinne' aufgetaucht ist. Belassen wir es dabei und wenn ich hier nicht einfach nur in Ruhe essen kann, ohne dass man mich verschwulen möchte, such ich mir eben 'ne andere Ecke.“

„Hallo?“ Robert glaubte einfach nicht, was er da hörte. „Wir wissen, was er dir für Ärger gemacht hat und glaub uns, wir haben ihm da auch schon ein paar Takte zu gesagt, aber jetzt hast du die Chance, dass er einsieht, dass er falsch liegt und du willst das nicht nutzen?“ Das war doch einfach nicht zu glauben. „Da fängt William endlich an….“ Weiter kam er nicht, denn eine schneidende Stimme unterbrach ihn einfach.

„Hört auf damit. Es ist ein Deal, mehr nicht und jetzt will ich nichts mehr davon hören.“ William war wütend, das war deutlich zu sehen.

„Hey, komm“, sagte Yves und wandte sich zu William um, doch er stockte kurz, denn kaum dass er den jungen Herzog hinter der Couch stehen sah, hatte er wieder das Gefühl des trainierten Körpers unter seiner Brust und die weichen Lippen auf den seinen. Für einen kurzen Augenblick stockte ihm der Atem, doch es gelang ihm, sich zu fassen. „Sie wollten dir nur einen Gefallen tun. Plärr sie nicht dafür an, dass es noch ein paar Leute gibt, die dich mögen. Unsere Welten sind doch viel zu unterschiedlich, als dass du verstehen könntest, was mich bewegt, genauso wie ich nicht begreife, was dir an die Nieren geht.“ Es war ja nicht so, dass Yves nicht versuchen wollte, mit William auf eine Basis zu kommen, doch er ahnte, was passierte: der Neid derer, die gern an Williams Seite wären, wäre Yves sicher und noch mehr Ärger aus anderen Ecken - dafür hatte er schlicht weder Zeit noch Nerven.

„Einen Gefallen? Ich will keinen Gefallen! Entweder möchte jemand mich kennen lernen oder er will es nicht. Ich habe es nicht nötig, dass du dazu überredet werden musst. Und was ich gar nicht brauche, ist der Scheiß mit dem Weltenquatsch! Nur weil ich reich bin, heißt das doch nicht, dass ich keine Ahnung von der anderen Seite habe.“ William stand immer noch hinter der Couch und seine Augen fixierten Yves’. Dabei versuchte er nicht auf dessen Lippen zu sehen, weil er sich sonst einfach vorbeugen würde, damit er sie wieder auf seinen spüren konnte.

„Du hast also Ahnung von meinem Leben?“, fragte Yves provozierend und erhob sich ebenfalls, so dass nur noch die Couch zwischen ihnen stand, als sie einander mit Blicken maßen. „Du weißt also, wofür ich das Geld brauche? Und sag jetzt nicht für die Schule, denn das meine ich nicht. Wenn du es weißt, sag es mir und wenn nicht maße dir nicht an, von deinem hohen Ross herab auf die Straße zu blicken, auf der ich lebe.“ Yves war wütend wie lange nicht. Wie konnte jemand nur so oberflächlich sein und etwas Derartiges behaupten? Was wusste der Fraggle denn schon?

„Ich habe nicht gesagt, dass ich weiß wofür du das Geld brauchst, denn auch wenn du es nicht glaubst, ich habe nicht dein Leben ausspioniert und ich sehe nicht auf dich und die Menschen, mit denen du lebst, runter. Ich habe allgemein gesprochen, denn ich kann es nicht mehr hören, dass wir reichen Snobs keine Ahnung davon haben, wie der größte Teil der Menschen lebt.“ Mit geballten Fäusten standen sich Yves und William gegenüber, beide wütend und nicht bereit nachzugeben. „Robert hatte Recht, ich habe begonnen dich anders zu sehen, aber das ist ja wohl nicht erwünscht.“

Yves schnaubte. „Glaub doch, was du willst.“ Mehr sagte er nicht mehr. Es war doch egal, was er sagte, der Fraggle war nie um eine Ausrede oder Auslegung verlegen. Außerdem hielt er diese Nähe nicht mehr aus. Wie ihn Williams Augen anfunkelten und die Lippen sich in Wut verzogen. Das sollten sie nicht, das nahm ihnen die Schönheit und ehe er jetzt auf dumme Ideen kam, wandte er sich einfach um und ging zurück ins Bad. Dort ließ man ihn vielleicht zufrieden.

„Kein Wort“, fauchte William seine Freunde an, denen man ansah, dass sie etwas sagen wollten, „ich will nichts mehr hören. Es bleibt, wie es ist, habt ihr doch gehört.“ Er hatte wirklich genug und er wollte nicht noch etwas sagen, was er seinen Freunden besser nicht sagte, weil es unpassend war. „Lasst mich einfach in Ruhe.“ Er setzte sich wieder auf seinen Platz und steckte die Kopfhörer in die Ohren, auch wenn er von der Musik nichts mitbekam, weil er mit seinen Gedanken ganz woanders war.

„Im Augenblick würde ich gern mit einem Fallschirm das Weite suchen“, murmelte Peter und sah immer wieder zwischen der geschlossenen Badezimmertür und William in seinem Sitz am Fenster hin und her. Er wurde aus beiden nicht schlau, am wenigsten aber aus Yves. Er wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, dass William nett zu ihm war. Er provozierte es ja regelrecht, dass ihr Freund aus der Haut fuhr. Doch Peter beschloss, besser nicht zu fragen - die beiden waren alt genug.

„Nimm mich mit. Die zwei sind doch vollkommen bescheuert.“ Mit weit von sich gestreckten Beinen saß Robert auf seinem Platz. Fiasko zu dem zu sagen, was da gerade abgegangen war, war noch geschmeichelt. „Kannst du mir mal sagen, was die beiden für ein Problem haben? Wie kann man nur so verbohrt sein? Will Yves jetzt weiter von William gepiesackt werden oder nicht?“

„Ich weiß es nicht.“ Peter schüttelte den Kopf und sah auf die angefangenen Teller auf dem Tisch. Der Appetit war ihm vergangen. „Vielleicht will er nicht gepiesackt werden, vielleicht will er nur seine Ruhe. Wir zerren ihn einfach aus seinem Leben raus und erwarten, dass er so funktioniert, wie wir das gern hätten. Eigentlich ziemlich vermessen“, musste er zugeben und auch, dass er Yves anfing besser zu verstehen.

„Hm.“ Robert konnte Peter da nur zustimmen. Von dieser Warte hatten sie das noch nicht gesehen und es war wohl an der Zeit, sich bei Yves zu entschuldigen. „Aber was machen wir jetzt? Eigentlich geht nicht viel mehr, als Schadensbegrenzung zu betreiben und zuzusehen, dass die zwei nicht wieder aneinander geraten. Das wird Schwerstarbeit, so wie das gerade zwischen denen steht.“ Er grinste schief und seufzte. So hatte er sich das Wochenende bestimmt nicht vorgestellt, aber eigentlich war das ja zu erwarten gewesen.

„Ich kann nur vorschlagen, dass wir vermeiden, dass die beiden oft in engen Räumen zusammen sind. Vielleicht wird es besser, wenn sie sich auch aus dem Weg gehen können. Vielleicht schicken wir Yuki 'ne Nachricht, sie soll mal anrufen - oder wir rufen sie an. Dann kann Yves sich auskotzen. Ich glaube, das fehlt ihm. Er muss alles schlucken. Und Wills Spruch, er wüsste wies auf der anderen Seite aussieht, fand ich echt scheiße.“ Und das sollte schon was heißen, wenn Peter dieses Wort verwendete. Er sah immer noch zwischen den beiden hin und her, also zwischen Williams Sitz und der Badtür.

„Ich glaube schon, dass sie ihre Show durchziehen können, doch wenn das Wochenende vorbei ist und sie zurück sind, wird der Kleinkrieg ausbrechen.“

„Oder noch ganz was anderes. So wie Will heute reagiert hat, kann es auch sein, dass er Yves vollkommen ignorieren wird. Scheiße.“ Das hatte jetzt raus gemusst, sonst wäre Robert noch geplatzt. „Was willst du Yuki sagen, warum sie anrufen soll? Ich möchte ihr nicht unbedingt sagen, was hier los ist. Sie mag alle beide und ich will es Will nicht mit ihr versauen.“

„Stimmt auch wieder, aber es ist nicht fair“, sagte Peter und ließ sich einfach zur Seite kippen und auf die Couch fallen. Das war so ein Mist und sie hatten noch genau eine Stunde, bis sie landen würden. „Vielleicht hängen wir uns gar nicht rein und lassen sie machen. Aber ich poliere Will die Fresse, wenn er Yves wegen seiner gekränkten Eitelkeit jetzt dort vor allen auflaufen lässt. Der Junge macht seinen Job, er braucht das Geld und ist auf ihn angewiesen. Und jetzt erzähl mir was Lustiges, ich will mich ablenken.“ Er sah Robert herausfordernd an, denn allein kamen sie sowieso nicht zur Weisheit letzten Schluss.

„Was Lustiges? Woher soll ich das denn schütteln?“ Es kam ja nicht oft vor, aber Robert war überhaupt nicht nach Spaß, dafür machte er sich einfach zu viele Sorgen. „Nimm dir ein Buch, wenn du Ablenkung brauchst, ich bin dafür heute nicht zu gebrauchen.“ Er sah Peter entschuldigend an und wuschelte ihm durch die Haare.

„Hm.“ Peter zuckte die Schultern und schloss die Augen - was für ein Tag.

Das Gleiche dachte auch Yves, der mal wieder auf dem Waschbecken lehnte und sich im Spiegel betrachtete. „Warum habe ich nicht einfach nein gesagt und auf sein dreckiges Geld verzichtet? Ich hätte diese blöde Autotür schon irgendwie bezahlt bekommen“, murmelte er leise. „Ich müsste nicht hier sein.“ Er sah sich in die Augen und holte tief Luft. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, denn er glaubte zu wissen, warum er hier war: Er wollte es William zeigen, ihm klar machen, dass ein Underdog auch ein ernst zu nehmender Gegner war. Doch er war über das Ziel hinausgeschossen, ohne zu wissen warum.

Noch einmal straffte er sich, dann verließ er das Bad wieder, er konnte sich hier ja nicht ewig verstecken.

Robert sah ihm entgegen und klopfte neben sich auf die Couch. „Komm, setz dich zu uns. Wir reden auch nicht mehr über dich und William.“ Was sollten sie auch anderes tun? Beide hatten ihre Standpunkte klar gemacht und im Moment ließ sich daran nichts ändern. William saß in seiner Ecke alleine und wollte nicht gestört werden, also mussten sie sich um Yves kümmern.

„Wäre nicht übel“, sagte Yves, setzte sich aber wie von ihm erwartet neben Robert. „Wie lange sind wir noch unterwegs?“, fragte er, damit gleich ein anderes Thema auf den Tisch kam. Vielleicht ergab sich daraus ein Gespräch. Viel Hoffnung hatte er nicht, aber es hielt ihn vielleicht davon ab, sich nach William umzusehen.

„Noch eine Stunde ungefähr. So wie William sagte, werden wir am Flughafen abgeholt und zum Landsitz gebracht“, antwortete Robert. „Möchtest du noch etwas wissen? Also, so wie ich das verstanden habe, ist Wills Mutter heute noch nicht da, sondern erst einmal seine Schwester Jane mit ihrem Mann Jack. Der Landsitz ist groß und alt und eigentlich wohl eher ein Schloss.“ Robert überlegte, aber mehr fiel ihm jetzt so spontan nicht ein.

„Schloss“, hakte Yves nach, doch er schüttelte den Kopf, damit die ganzen frechen Bemerkungen, die ihm auf der Zunge langen, wieder verschwanden. „Wie sieht's mit dieser Lauren aus? Ist die auch schon da? Und müssen wir heute schon zu irgendeinem Fest erscheinen? Wie ist der Ablaufplan?“ Es war schließlich nicht verkehrt zu wissen, wann man zur Hochform auflaufen musste.

„Ob Lauren da ist, wissen wir nicht, aber es kann sein.“ Diesmal hatte Peter Auskunft gegeben, weil er William gefragt hatte.

„Allerdings nimmt William an, dass sie erst mit seiner Mutter kommt, weil sie wohl annimmt, dann mehr Druck auf ihn ausüben zu können. Geplant ist für heute noch nichts, denn es wird schon so gegen 23 Uhr sein, wenn wir am Landsitz ankommen. Das Offizielle geht erst morgen Abend mit dem Empfang los.“

„Oh. Doch so spät“ Yves kratzte sich am Kopf, denn die Zeitverschiebung hatte er völlig vergessen. Er war ja noch nie wirklich aus New Yorks Einzugsgebiet raus gekommen. „Das wird schwierig mit dem einschlafen“, murmelte er und hoffte, dass er trotzdem Ruhe fand und sich morgen gut präsentieren konnte. „War das mit dem gemeinsamen Bett eigentlich ein Scherz oder teile ich mir mit dem... mit William wirklich ein Bett?“ Davon hing ja irgendwie auch seine ungestörte Nachtruhe ab.

„Ja… äh… also, so wie ich das verstanden habe, hast du mit ihm zusammen ein Zimmer und dort wird es nur ein Bett geben, allerdings ein großes.“ Peter sah man an, dass es ihm peinlich war, Yves das zu sagen, aber sie konnten jetzt auch nicht hingehen und das ändern. Das wäre auffällig. Damit Yves sich nicht unwohl fühlte, ging Peter auch nicht weiter darauf ein, sondern wechselte das Thema. „Ach, du musst ja nicht gleich ins Bett, wenn wir ankommen und wenn du dann morgen früh aufstehst, dann pendelt sich das schon ein.“

„Ein Bett, na klasse“, knurrte Yves. Den Themenwechsel nahm er gar nicht an, denn wann und wie er ins Bett ging, war ihm vorerst egal. Erst mal musste er klären, wo und mit wem er zu Bett ging. „Wie steht William denn dazu? Gibt es da keine Couch oder so was? Die Mutter wird uns ja nicht bis ins Bett verfolgen.“ Zumindest hoffte er das. „Oder ’ne Matratze für den Boden?“ Er sah hoffnungsvoll aus.

„Das weiß ich leider nicht, ob es da eine Couch gibt, da musst du ihn schon selber fragen.“ Peter zuckte mit den Schultern und sah zu William hinüber, der immer noch mit geschlossenen Augen Musik hörte. Sollten sie ihn stören, oder lieber nicht? Er wusste es wirklich nicht und kaute sich unbewusst auf der Lippe. „Guck es dir doch erst einmal an, bevor du dir Gedanken machst.“

„Ja, werd ich machen.“ Yves nickte. Schließlich wollte er nicht gleich wieder den besten Eindruck hinterlassen. Peter gab sich ja alle Mühe, nett zu sein. Robert war für ihn erst einmal gegessen. Wer ihm grundlos eine ins Genick schlug war nicht seine Basis. Der passte besser zu William. „Zur Not schlafe ich auch auf dem Boden, das bin ich auch gewohnt. Das macht nichts.“

William fragen wollte keiner von ihnen, denn der sah immer noch nicht so aus, als wenn seine Laune sich gebessert hatte. Darum ließen sie ihn weiter Musik hören. Es war ja auch nicht mehr lange, bis sie in London ankamen und Yves' Problem ließ sich am besten vor Ort lösen, wenn es überhaupt ein Problem war.



23

„Los, anschnallen, wir landen gleich.“ Peter und Yves hatten sich schon auf ihren Sitzen angegurtet. Nur Robert hüpfte noch vor der Toilettentür herum, wurde aber von der Stewardess persönlich höflich darauf hingewiesen, dass es besser wäre, den Aufforderungen seines Freundes zu folgen. Also saß Yves wieder neben William, doch der strafte ihn jetzt irgendwie mit Missachtung. Vielleicht ist es besser so, dachte Yves bei sich und starrte stur geradeaus.

Die Stimmung war ziemlich frostig, so dass Robert und Peter lieber nichts sagten, denn sie fühlten sich schuldig an der herrschenden Eiszeit. Irgendwie schienen sie heute kein Händchen für die richtigen Worte zu haben. „Ich hoffe, wir kriegen noch was zu essen. Für mich ist jetzt Abendbrotzeit und hungrig kann ich nicht schlafen. Ich brauch mein Betthupferl, wenn ich schon nicht meinen Schatz habe“, murmelte Robert und ließ Peter grinsen.

„Irgendwann wirst du noch mal fett.“

„Das, was Adam mir gibt, hat nur Proteine, kein Fett“, erklärte Robert und schob hinterher, dass es auch Möglichkeiten gab, die aufgenommenen Kalorien abzutrainieren, ehe sie die Chance hatten, sich im Fettpolster am Bauch abzulagern.

Yves schüttelte über den komischen Kerl nur den Kopf und lehnte sich an, schloss die Augen, denn so musste er sich nicht mit seinem Umfeld auseinander setzen. Vielleicht hätte er gern wieder Williams Hand gehalten, denn ebenso wie der Start, war auch die Landung eine völlig neue Erfahrung für ihn. Doch da musste er jetzt allein durch - war vielleicht auch besser.

William sah kurz neben sich, aber er regte sich nicht weiter und sah dann weiter aus dem Fenster. Die altbekannten Lichter des Londoner Flughafens kamen in Sicht. In spätesten zehn Minuten waren sie am Boden und es gefiel ihm gar nicht, mit seiner Mutter wieder auf einem Kontinent zu sein. In New York hatte er wenigstens ein wenig das Gefühl von Freiheit genossen. Hier glaubte sie, wieder über ihn bestimmen zu können. Es war ja schon damit losgegangen, dass sie bestimmt hatte, wann sie das Flugzeug nach ihm schickte und die Limousine, die sie direkt ohne Umwege zum Landhaus bringen sollte. Zum Glück hatten sie noch eine Nacht Schonfrist.

Als es langsam abwärts ging und der Pilot sich in die Kurve legte, um die vorgegebene Startbahn zu erwischen, musste Yves schon schlucken. Doch er trug es wie ein Mann, denn er wollte nicht, dass man ihn auslachte. Nein, hinter dem Fraggle wollte er nicht zurückstehen. Auch wenn das hier sicher kein Wettbewerb war. William störte sich nicht an Yves, obwohl er mitbekam, dass sein Nebenmann sich unwohl fühlte, aber der wollte ja keine Freundlichkeiten von ihm, darum bot er ihm auch keine Hilfe an.

„Das Gepäck wird in den Wagen gebracht, ihr braucht euch nicht darum kümmern“, sagte er nur, als die Stewardess die Tür öffnete und schnallte sich ab. Noch etwa eine Stunde Fahrt, dann waren sie da.

Nach und nach verließen sie eher schweigend das Flugzeug und stiegen zusammen in die Limousine. Wenn Yves von dem Wagen beeindruckt war, konnte er das gut verbergen. Viel mehr faszinierte ihn die in London herrschende Dunkelheit, während ihm seine innere Uhr das Gefühl von frühem Nachmittag vorgaukelte. Das war ein komisches Gefühl. Um William nicht die ganze Zeit ansehen zu müssen, setzte sich Yves kurzerhand neben ihn und als der Chauffeur die Tür schloss, lehnte er sich kurz gegen seinen „Geliebten“ - der Schein musste ja gewahrt werden, auch wenn der Herzog schmollte.

Williams Kopf ruckte zu Yves und er wollte schon etwas sagen, aber dann fiel ihm ein, was sie spielten und er legte einen Arm um ihn. Zwar sagte er immer noch kein Wort, aber sein Gesicht wurde freundlicher und Robert wusste nicht, ob ihn das freuen oder Angst machen sollte. Gerade hatte er das Gefühl auf einer Zeitbombe zu sitzen, die jederzeit hoch gehen konnte. Und anstatt eines Eimers Wasser schien Yves ein Zündholz daran zu halten, denn er legte seinen Kopf auf Williams Schulter und machte entspannt die Augen zu. Die zwei waren wirklich unglaublich!

Dabei taten sie nur, was verabredet war, auch wenn Yves nie laut sagen würde, dass es auf merkwürdige Weise verlockend war, William wieder so nah zu sein. Es war eine Art von Gefahr, in die er sich noch nie begeben hatte und von der er nicht wusste, wie er ihr entgehen sollte - sofern er dies wollte, denn die Hand auf seinem Oberarm war angenehm.

Ganz leicht und sanft strichen die Finger über seine Haut, kaum spürbar. Sie gaben das Paradebeispiel eines verliebten Paares, als William seinen Kopf vorsichtig an Yves' lehnte und ebenfalls die Augen schloss. Zum einen wollte er nicht mehr Roberts fragendem Blick begegnen, zum anderen konnte er so viel besser dem warmen Körper, der sich mittlerweile an ihn schmiegte, nachfühlen. Derlei Nähe hatte er nie gemocht, was seine jeweiligen Gespielinnen mehr als einmal verstimmt hatte, aber bei Yves störte es ihn nicht. Vielleicht, weil er nicht aufdringlich anfing, ihn zu umklammern, weil er nicht erwartete, von ihm die große und einzige Liebe beschworen zu bekommen und weil es Yves egal war, welchen Titel er trug und wie viel Geld er hatte.

Alles war anders und gerade das war es, was ihn unterschwellig lockte und Yves ging es nicht besser. Es war etwas anderes, Yuki im Arm zu halten, wenn sie doch einmal im Kino gewesen waren, um einen Horrorfilm zu gucken oder Joel im Arm zu halten, wenn der Kleine bei ihm schlief. Hier musste er keinen Schutz geben, er durfte sich fallen lassen, ein unbekanntes Gefühl, an das er sich viel zu schnell gewöhnen konnte. Und mit geschlossenen Augen konnte er sogar ausblenden, dass es der Fraggle war, an den er sich lehnte.

William entspannte sich und genoss die Fahrt, denn sobald er wieder auf dem Landsitz war, stand er unter Beobachtung, auch wenn seine Mutter noch nicht da war. Sie hatte dafür gesorgt, dass die Angestellten sie auf dem Laufenden hielten.

Peter sah zu Robert hinüber und machte ein fragendes Gesicht, aber Robert zuckte nur mit den Schultern. Die zwei waren ihm ein Rätsel und er wusste, dass er nicht derjenige sein würde, dem es vorbestimmt war, es zu lösen. „Ignorier's“, murmelte er leise und suchte sich etwas aus der Minibar, denn eines musste man Abigail Kendal lassen: Stil hatte sie bis ins kleinste Detail. Und so gehörte der erste eisgekühlte Wodka ihm. Als Yves schnupperte und kurz ein Auge öffnete, um zu sehen, wer sich hier betrank, grinste er nur und lachte auch leise. Wenn der Fraggle seine dumme Klappe hielt, war er zu ertragen. Ob er ihn fragen sollte, ob das die ganze Zeit möglich war? Doch das verkniff er sich frech grinsend. Das würde William nur wieder in die Höhe treiben und die Stimmung versauen. Die war gerade angenehm.

„Auch was?“ Robert zeigte mit seinem Glas auf die reichlich gefüllte Bar. „Hier ist es ja schon spät genug für ein wenig Alkohol.“

„Ich hätte gern einen Whiskey“, meldete sich William zu Wort, ließ Yves aber nicht los und sah ihn an. „Wir haben auch etwas ohne Alkohol, wenn dir das lieber ist.“

„Ja, wäre es in der Tat“, entgegnete Yves, ohne sich zu lösen, doch den Blick konnte er aus dieser Nähe nicht erwidern. Er hatte Sorge, dass er sich dann wieder so merkwürdig fühlen könnte wie vorhin und automatisch anfing verbal nach William zu schnappen. „'Ne Cola wäre also nicht übel.“ Doch sein Augenmerk lag weiter auf der Bar. Er hatte derartiges noch nicht probiert, denn wenn er etwas getrunken hatte, dann meistens mit den Lees oder mit Yuki und da gab es Reiswein.

„Kommt sofort, der Herr.“ Robert schüttete Yves ein Glas voll und weil Peter auch nicht so gerne Alkohol trank, bekam der ebenfalls eine. So konnten sie alle vier anstoßen, als auch William sein Glas hatte. Genießend nahm William einen Schluck von dem teuren Whisky. Es war seine Lieblingssorte und er ließ den Schluck langsam die Kehle hinunter rinnen. „Hm“, machte er leise und zog Yves wieder näher.

So fuhren sie die letzten Kilometer aus London hinaus und Yves hatte sich kaum die Umgebung angesehen. Zwar war es dunkel, aber zumindest die hell erleuchteten Straßen hätte er sich ansehen können, wenn er schon einmal hier war. Doch ihm hatte nicht der Sinn danach gestanden, wie er grinsend zugeben musste. Merkwürdig war das, wirklich merkwürdig.

Er wurde erst wieder aufmerksam, als sie von der Hauptstraße abbogen und durch ein großes Tor fuhren. „Willkommen in Sworley Castle“, sagte William, als sie den Weg durch den Park fuhren und er verspannte sich leicht. Eigentlich mochte er das kleine Schloss, denn bis zum Tod seines Vaters hatte die Familie hier gelebt, aber mittlerweile wurde er immer nur noch zu Festen hierher zitiert.

Es dauerte ein paar Minuten, bis sie die Zinnen des Schlosses erkennen konnten und die hellen Mauern, mit den vier mächtigen Türmen an den Ecken. Yves hatte sich von ihm gelöst und sah nun aus dem Fenster. „Nett“, sagte er, doch so wie er sich die Nase an der Scheibe platt drückte, wusste jeder, dass das, was er sah, mehr als nur ein bisschen nett war. Das wäre was für Yuki gewesen. Yves seufzte leise. „Wie beheizt man so was?“, fragte er und sah William flüchtig an, weil er ein Ziehen im Magen spürte, immer wenn sich ihre Blicke trafen.

„Schlecht.“ William lachte. „Es verschlingt Unsummen, denn man kann nicht viel verändern, weil das Äußere des Schlosses nicht verändert werden darf. Aber zumindest haben wir es in den Griff bekommen, dass es nicht mehr so zugig ist im Winter und es gibt in fast jedem Zimmer einen Kamin, das macht es angenehmer.“ Er beugte sich vor, so dass er Yves über die Schulter sehen konnte. „Ich bin hier geboren worden.“

„Hier draußen?“ Yves wandte sich fragend um und erschauerte, als seine Lippen aus Versehen Williams Wange streiften, weil der ihm so nahe gekommen war. Schnell sah er wieder aus dem Fenster, denn sie fuhren langsam auf den Hof. Völlig durcheinander hatte er vergessen, was er noch sagen wollte und verstreifte sich ein wenig, denn er spürte Williams Brust an seinem Rücken und das machte ihn nervös.

„Ja, hier draußen. Meine Schwester auch. Meine Mutter hat sich geweigert in ein Krankenhaus zu gehen.“ William grinste, weil Yves ein wenig verschreckt wirkte. Der Wagen hielt und William zog sich etwas zurück. „Komm, steigen wir aus, dann kannst du besser gucken.“

Das bestätigende „ja“ von Yves kam viel zu hastig und kaum war die Tür geöffnet worden, wirkte sein Aussteigen wie eine Flucht. Er hatte nicht den Nerv, sich zu fragen, ob dies William wieder dazu veranlassen würde, ihm die kalte Schulter zu zeigen, Yves musste sich selbst erst einmal wieder in den Griff bekommen. Dabei sah er sich auf dem weitläufigen Innenhof um und starrte an den hohen Mauern nach oben zu den Sternen. Das war der Hammer. „Nicht übel.“

„Zumindest hat man keinen Platzmangel.“ William ließ Yves Zeit, sich alles anzusehen, genauso wie Robert und Peter, die sich ebenfalls um sich selbst drehten. Die große Eingangstür öffnete sich und Arthur, der Chefbutler, trat heraus, verbeugte sich vor William und begrüßte ihn.

„Ist alles vorbereitet?“, fragte William, auch wenn er wusste, dass es so war. „Lassen sie das Gepäck in die Zimmer bringen.“

„Natürlich, junger Herr. Wie ihr es angeordnet habt“, erklärte der Mann und verbeugte sich taktvoll. Yves beobachtete ihn neugierig dabei. Zwar behandelten auch Ling und ihr Mann ihre Gäste mit Respekt, aber so steif waren sie dabei nicht. Doch er folgte den anderen, denn er war auf den Innenausbau mindestens genauso neugierig. Nur die Frage nach dem Bett für die Nacht machte ihm noch etwas Bauchschmerzen, doch er wollte sich noch nicht verrückt machen.

„Das ist gut. Könnten wir noch etwas zu essen bekommen? Muss nicht aufwendig sein.“ William lächelte den Butler an, denn er kannte ihn seit seiner Geburt und er hatte den jungen Herzog praktisch mit groß gezogen. Auch wenn man es nicht glauben mochte, William behandelte seine Angestellten respektvoll, denn er wusste, dass so ein Anwesen sonst nicht zu bewirtschaften war. „Kommt, gehen wir hoch, ich zeig euch eure Zimmer.“

„Man, ist das edel hier. Da will man ja gleich die Schuhe vor der Tür ausziehen“, sagte Robert anerkennend und schob Peter vor sich her, der die ganze Zeit den Kopf in der Luft hatte und sich umsah. Besser es passte jemand auf ihn auf, damit er nicht irgendwo dagegen lief. Zum Beispiel gegen die teuren Statuen auf dem langen Flur, den sie betraten, und Yves blieb kurz stehen. „Da muss man sich ja dreimal überlegen, ob man auch alles dabei hat, wenn die Wege hier so lang sind“, murmelte er und erinnerte sich nur ungern daran, wie oft er durch das Haus der Lees flitzte, weil er dies und das und jenes vergessen hatte. Hier würde er sich wohl tot laufen oder sein Erinnerungsvermögen trainieren müssen.

„Man gewöhnt sich dran. Irgendwann merkt man die Wege gar nicht mehr.“ William führte seine Gäste weiter, die Treppe hinauf. Dabei nahm er Yves' Hand und musste grinsen, als er über das polierte Holz des Handlaufs strich. „Als kleiner Junge bin ich hier immer runtergerutscht und manchmal habe ich mir mit meinem Vater ein Rennen geliefert. Wenn meine Mutter davon erfahren hat, war immer was los.“

„Und so wie man dich kennt, hast du es dann absichtlich gemacht, nicht wahr?“ Robert lachte und auch Yves musste verschmitzt grinsen. Ihm hatte etwas Ähnliches auf der Zunge gelegen. Immer wieder wanderte sein Blick. Die weit ausladende Treppe war, wie die ganzen Flure, in Holz. Der Boden, die Wände, die Decke - Unmengen von Holz. Derartiges hatte Yves noch nie gesehen. An den Wänden hingen große Teppiche, die in altertümlichen Stil Szenen aus dem Leben zeigten: Schlachten, Krönungen, Damen beim Nähkränzchen, Herren bei der Jagd. Es war, als ginge er durch ein Museum. Wie konnte man nur unbeschwert in etwas derartig Kostbarem leben, ohne die ständige Panik, etwas zu beschädigen? Er selbst steckte seine freie Hand in die Hosentasche, damit er ja nichts anfasste.

„So kann man das sagen. Ich müsste eigentlich probieren, ob ich es noch kann.“ William lachte. Das leichte Unwohlsein auf der Fahrt hierher hatte sich verflüchtigt und er freute sich, wieder einmal hier zu sein. Er hatte Zimmer im Südturm vorbereiten lassen, denn dort war er am liebsten. Von den Fenstern hatte man einen schönen Blick auf den Park und den großen Teich, auf dem Trauerschwäne lebten. „So, hier wären wir.“ William öffnete die erste Tür. „Robert, Peter, einer von euch wird hier schlafen, der andere kommt nebenan.“

„Der andere kommt nebenan?“, lachte Robert. „Was für einen Schweinskram hast du denn da vorbereitet? Ich hätte bitte gern das Zimmer mit dem Schweinskram und möchte nebenan kommen“, lachte er frech und machte, dass er aus Williams Reichweite kam, amüsierte sich aber noch viel mehr, weil auch Yves und Peter rote Schatten auf den Wangen bekamen. Die waren echt noch nicht abgehärtet.

„Alles klar, Kleiner, du kommst nebenan.“ William war da wesentlich abgebrühter und wenn er schon die Vorlage für diesen Scherz geliefert hatte, dann musste er auch mitmachen. „Aber sei dir gewiss, dass Adam alles erfahren wird.“ Er öffnete die zweite Tür. „Das wird also deine Lasterhöhle. Ihr teilt euch ein Bad, tut mir Leid, aber dafür habt ihr den schönsten Ausblick im Schloss, den ich bieten kann.“

„Wehe du machst, was immer du machen willst, im Bad. Ich hacke alles ab, was unkeusch berührt wurde“, knurrte Peter, grinste aber, weil Robert schon wieder damit beschäftigt war, dass er nachher sowieso noch mit Adam telefonieren würde und doch schwer hoffte, dass der mitbekam, was Robert tat.

„Behalt deine überflüssigen Informationen bitte für dich“, knurrte Yves, was ihm eigentlich ziemlich unähnlich war, doch die blumige Ausschmückung hatte seine eigenen Gedanken Amok laufen lassen und nun gaukelte seine Fantasie ihm Dinge vor, die in einem großen Bett möglich wären. Yves' Herz schlug ihm bis zum Hals und das war nicht gut.

„Macht das unter euch aus.“ William ließ seine Freunde stehen und zog Yves zur nächsten Tür und öffnete sie. „Das ist unser Zimmer.“ Er hatte es selber eingerichtet, weil er immer hier schlief, wenn er im Schoss war. Der Raum war groß, mit einem großen Kamin und ausgesuchten Möbeln gemütlich eingerichtet. Es war ein Mix aus Antike und Moderne, wobei das Moderne sich auf die bequemen, hellen Sitzmöbel bezog. An einer Wand stand ein großes Himmelbett aus dunklem, gedrechseltem und geschnitztem Holz, das direkt einlud, sich hineinzulegen.

Yves war erleichtert, als sein Blick auf die Couch fiel, da war doch schon geklärt, wo er schlafen konnte, ohne dass es peinlich werden musste. „Sehr schön. Teilen wir uns mit den beiden das Bad? Nur damit ich weiß, ob ich auf Robert treffen werde oder nicht“, fragte er und sah sich um. Das riesige Bett von mindestens drei mal drei Metern war ein Traum, es zog immer wieder Yves' Blicke auf sich. Doch es war besser, wenn er damit nicht liebäugelte. Lieber lief er auf die Couch zu, um sie zu testen, ob sie lang und breit genug war, um darauf zu liegen.

„Nein, wir haben ein eigenes Bad.“ William sah Yves zu, wie er sich auf die Couch setzte, ruckelte und probierte, sich schließlich hinlegte und leise brummte, weil seine Beine ein ganzes Stück zu lang waren. „Was wird das?“, fragte er schließlich. Er hatte eine Ahnung, darum zog er seine Augenbrauen zusammen.

Yves, immer noch dabei sich so zu legen, dass er ganz auf die Couch passen konnte, sah ihn kurz an. „Ich such ein Fleckchen zum schlafen“, erklärte er und musste feststellen, dass die Couch schlicht zu kurz war, egal wie sehr er sich verbog. Also beobachtete er die Sessel eindringlich, ob man nicht einen von denen ans Fußende schieben konnte. Denn die ganze Nacht mit angewinkelten Beinen zu schlafen würde sich spätestens morgen früh rächen.

„Vergiss das schnell wieder.“ Williams Antwort kam barscher heraus, als er vorgehabt hatte, aber es nervte ihn, dass Yves schon wieder versuchte, aus seiner Reichweite zu kommen. „Wir schlafen im Bett und da gibt es keine Diskussionen.“

Langsam setzte Yves sich auf und sah William eine kurze Zeit schweigend an. So wie der aussah, meinte er das wohl völlig ernst. „Das“, sagte Yves leise und holte tief Luft, „das geht nicht, William.“ Seine Stimme war leise und brüchig. Nein, das ging wirklich nicht! Was, wenn er sich wieder nicht beherrschen konnte und auf William lag? Was, wenn er ihn wieder küsste und William ihm vielleicht eine dafür verpasste? Yves wandte sich ab.

„Doch, Yves, wir werden beide in diesem Bett schlafen.“ So langsam wurde William sauer, weil Yves ihm noch immer widersprach. „Wir sind hier als Paar. Wie sieht das denn aus, wenn jemand sieht, dass du auf der Couch schläfst.“ Es kam öfter vor, dass eines der Hausmädchen in die Zimmer kam, um morgens einen Kaffee und einen Snack zu bringen.

„Du willst mich nicht verstehen oder, William?“, fragte Yves, der sich nun ebenfalls zu seiner vollen Größe aufbaute. Was konnte er denn dafür, dass er plötzlich so merkwürdige Gelüste hatte? Darum hatte er sich ja ganz bestimmt nicht geprügelt! „Ich sagte nicht, dass ich nicht will, ich kann es schlicht nicht.“ Nein, er konnte unmöglich riskieren, dass noch einmal etwas Vergleichbares wie vorhin im Flugzeug passierte. Allein bei dem Gedanken daran kribbelte wieder alles.

„Das ist mir egal, du schläfst im Bett.“ William hatte endgültig genug. „Ich werde mit dir nicht darüber diskutieren und weil ich keine Lust habe, wieder mit dir zu streiten, kannst du dich jetzt alleine an den Gedanken gewöhnen. Ich bin weg. Warte nicht auf mich. Allerdings wirst du im Bett liegen, wenn du schläfst.“ Ohne weiter auf Yves zu achten, drehte William sich um und ging aus dem Zimmer.

Yves blieb es nur, ihm nachzusehen und den Kopf zu schütteln. Das war doch jetzt nicht passiert oder? „Dämliches Arschloch. Wegen mir musst du nicht wiederkommen!“, rief er ihm noch hinterher und ließ sich wieder auf die Couch fallen. Was hatte er auch erwartet? William war William, das Befehlegeben gewöhnt und reagierte allergisch auf Widerstand. Schon aus Trotz würdigte Yves das Bett keines Blickes mehr und verbot sich jeden Gedanken an den dussligen Fraggle.

„Am besten Duschen. So schnell kommt der schließlich nicht wieder“, schlug sich Yves selber vor und suchte aus der Tasche, die schon vor ihnen hier eingetroffen war, seine Waschtasche und ein Handtuch.



24

William stapfte durch die Korridore und atmete tief durch, als er aus der Tür trat. Er wollte in den Stall, dort stand Flash, sein schwarzer Hengst. Ein echtes Vollblut, sehr temperamentvoll und sein absolutes Lieblingstier. Immer wenn ihn etwas beschäftigte, ging William zu ihm und redete mit ihm, während er ihn putzte, striegelte und etwas verwöhnte. Normalerweise ritt er auch mit Flash aus, aber dazu war es schon zu spät.



Währendessen drehte sich Yves unter der heißen Dusche. Dieses Teil war der Himmel. Kein simpler Duschkopf, den man in die Hand nahm und mit dem man das Wasser dort hin brachte, wo es gebraucht wurde. Nein. Aus einer fein perforierten Lochplatte über der Kabine rieselte auf einem Quadratmeter feinster Regen auf einen hinab. Mit dem Pad an der Wand stellte man die Stärke ein - es war herrlich und so lenkte ihn die Technik ein bisschen davon ab, dass er William eigentlich gern die Fresse polieren wollte.

„Na klasse, bin ich wieder bei dem gelandet“, knurrte Yves ungnädig und stellte das Wasser ab, strich sich das gröbste Wasser vom Körper und hüllte sich nur in ein Handtuch. Mit einem zweiten rubbelte er sich die Haare trocken und fluchte wie ein Droschkenkutscher, als er zurück ins Schlafzimmer kam. „Dämlicher Kurzschwanz-Fraggle.“

„Na, was hat mein kleiner Bruder wieder angestellt?“, lachte eine Frauenstimme vom Bett her und leises Gelächter folgte. Jane, Williams Schwester, hatte mitgekriegt, dass ihr Bruder angekommen war und wollte ihn begrüßen. Natürlich hatte sie auch gehört, dass er mit drei Freunden gekommen war, wobei einer ein ganz spezieller sein sollte und den wollte sie sich ansehen, denn glauben konnte sie das nicht. Dass sie jetzt einen fast freien Blick auf den jungen Mann hatte, ließ sie genießend die Augen verengen. Solch einen Anblick bekam man nicht oft geboten. Also, wenn die Gerüchte stimmten, dann hatte ihr Kleiner wirklich Geschmack.

„Tschuldigung“, murmelte Yves und holte tief Luft. Er fand aber auch wie ein Fettnapf-Radar jedes noch so kleine Näpfchen und platschte mit Präzision hinein. „War nicht so gemeint“, sagte er und wandte sich ab, um sich schnell etwas überzuziehen - vorzugsweise den Bademantel, der hinter der Badtür hing. „War nicht so gemeint, er hat nichts angestellt.“ Er konnte ja schlecht der Fraggle-Schwester erzählen, was ihr Bruder für ein Spinner war.

„Na, wer's glaubt, ich kenn meinen Bruder. Allein, dass er jetzt nicht da ist und du wirklich fantasievoll fluchst, sagt doch alles.“ Jane kicherte und grinste Yves an. „Aber ich sollte mich entschuldigen, weil ich einfach so hier herein geplatzt bin. Ich bin Jane.“ Sie stand auf und hielt Yves die Hand hin. Der nahm sie und stellte sich selber vor, doch dann brachte er wieder Platz zwischen sich und die junge Frau. Sie war hübsch. Ein bisschen älter als William schätzte Yves sie und sie hatte die gleichen grünen Augen wie er, deswegen musste Yves sich abwenden.

„Es ist ihr Schloss, Madame. Da steht es ihnen zu, die Zimmer zu betreten“, erklärte er und fühlte sich unbehaglich. Eigentlich hatte er jetzt noch ein bisschen fluchen wollen und sich abreagieren und dann auf der Couch eine bequeme Position finden. Doch stattdessen hatte er Williams Schwester hier und das Arschloch ließ ihn einfach allein sehen, wie er hier raus kam. Schönen Dank auch!

„Lass das Madame, nenn mich Jane.“ Die junge Frau hopste wieder aufs Bett und lehnte sich an einen der Pfosten. „Das Schloss gehört zwar meiner Familie, aber es gehört sich nicht, einfach ein Zimmer zu betreten, wenn es nicht das eigene ist. Ich habe es auch nur getan, weil ich dachte, dass mein Bruder da ist und als ich merkte, dass er weg ist, bin ich trotzdem nicht gegangen, weil ich neugierig auf dich war.“ Sie wurde ein wenig verlegen, weil sie so neugierig war, aber bei dem angeblichen Geliebten ihres Bruders konnte sie nicht anders.

„Das ist ihr gutes Recht, Jane, schließlich gehöre ich ja nun zu William. Da ist es ganz gut, wenn man sich beschnuppert“, sagte Yves, behielt aber die Anmerkung für sich, dass er das mit etwas mehr Vorbereitungszeit besser gefunden hätte. „Ich weiß allerdings nicht, wann William zurückkommen wird oder wo er ist. Er verschwand, als ich duschen war.“ Das war zeitlich ein bisschen gelogen, passte aber noch ins Konzept eines Paares. Man musste ja nicht ständig aneinander kleben, oder?

Sich den Mantel zuhaltend, setzte sich Yves auf einen Sessel, doch er konnte sich nicht entspannen.

„Dann stimmt es also wirklich?“ Jane machte große Augen und beugte sich ein wenig vor, so als könnte sie das, was Yves angedeutet hatte, dann sehen. „Du und mein Bruder seid… seid ein Paar?“ Sie wusste nicht warum, aber glauben konnte sie das nicht. Darum sah sie Yves auch mit schief gelegtem Kopf an und schüttelte ihn schließlich. „Nicht böse gemeint, aber vorstellen kann ich mir das nicht. Du scheinst nett zu sein, keine Frage und du siehst wirklich gut aus, aber…“ Sie brach ab. „Aber es geht nicht danach, was ich glaube.“

Yves kratzte sich am Nacken. Was sollte er denn jetzt darauf sagen? Da brauchte er einmal im Leben den bekloppten Fraggle und der war nicht da. Was sollte er denn tun? Er wusste, dass seine Schwester William wichtig war, sehr wichtig - so wichtig, dass sie die Wahrheit erfahren durfte? So wichtig, dass man sie nicht anlügen durfte? Wo war der Spinner, wenn man ihn brauchte? „Ging von Will aus“, sagte er also und das war nicht gelogen, doch er wurde nervös und sah suchend durch den Raum.

„Hah! Erwischt!“ Jane sprang auf und sah Yves mit blitzenden Augen an. „Was hat mein schlitzohriger Bruder da wieder angestellt? Er hat ja schon viele verrückte Dinge gemacht, aber einen Mann mitzubringen und ihn als seinen Liebhaber auszugeben, toppt alles Bisherige. Nur warum macht er das?“ Sie ließ sich wieder auf das Bett fallen und runzelte die Stirn. Sie fand einfach noch keine Antwort darauf.

„Er hofft darauf, seiner Mutter einen Herzinfarkt zu verschaffen. Den tieferen Sinn dessen hat er mir allerdings nicht mitgeteilt“, sagte Yves und er wirkte ein bisschen erleichtert. Nun war es raus, er musste nicht mehr den netten Geliebten spielen und er konnte hoffen, dass Jane zu ihrem Bruder hielt und sie beide nicht auffliegen ließ.

Zur Sicherheit fragte er aber noch einmal nach. „Das bleibt aber unter uns, oder? Sonst habe ich einen Haufen Schulden am Hals, wenn wir auffliegen. Das kann ich mir nicht leisten.“ Er war immer leiser geworden und hätte sich gerade gern selbst geohrfeigt, dies auch noch ins Gespräch gebracht zu haben. Sicher wollte sie gleich wissen warum und dann wurde es richtig peinlich.

„Ach du heilige Schei…“ Jane schlug die Hände vor den Mund und im ersten Augenblick hätte man annehmen können, dass sie schockiert war, wenn da nicht die zuckenden Schultern und die glucksenden Geräusche gewesen wären. Schließlich konnte sie nicht mehr und brach in schallendes Gelächter aus. „Das ist ja echt klasse. Die alte Hexe wird umkippen.“ Sie ließ sich auf die Couch neben Yves' Sessel fallen und sah ihn an, aber ihr Lachen endete schnell, als sie sah, wie zusammengesunken Yves dort saß und ihr wurde bewusst, was er noch gesagt hatte.

„Moment. Was meinst du mit den Schulden? Was hat diese kleine Kröte von Bruder gemacht? Warum machst du dabei mit? Hat er dich gezwungen?“ Ihr Blick wurde ärgerlich. „Wenn ja, dann kann er aber was erleben.“ Sie war wütend, denn sie konnte es nicht leiden, wenn ihr Bruder so etwas machte.

Oh Mist!, dachte Yves sofort und senkte den Kopf noch tiefer. Er ließ ihn schon richtig hängen. Das lief ja gar nicht gut, kein bisschen lief das gut. Nun machte er auch noch William Ärger. Na, wenn der mal nicht seinen Frust an ihm auslassen würde. „Schon gut, das war nur so daher gesagt, nichts weiter“, versuchte er also zu retten, was noch zu retten war und sah einmal mehr zur Tür, durch die William langsam mal kommen durfte.

Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass sich eine schlanke Hand auf seinen Arm legte, denn er zuckte zusammen. „Yves, vergiss es, das abzuwiegeln. Das zeigt mir nämlich, dass ich Recht habe. Glaub mir, ich kenne meinen… wie nanntest du ihn? Kurzschwanz-Fraggle. Gegen die Scharade an sich, die ihr spielt, habe ich nichts. Ich mag es nur nicht, dass er dich da mit hineinzieht und dafür etwas benutzt, was er gegen dich in der Hand hat.“

„Es war meine Schuld und er hat das Recht dazu“, sagte Yves und ruderte herum. Am liebsten hätte er jetzt vom Leder gezogen, was dieser Bekloppte sich alles geleistet hatte und wie er Yves unter Druck gesetzt hatte. Doch das sagte man doch nicht dessen Schwester. Yves fühlte sich elend und griff nach einem Wasser, was auf dem Couchtisch stand. Langsam gingen ihm die Ausflüchte aus. Das war nicht gut. Mit ihrer direkten Art trieb Jane ihn in die Enge.

„Yves, auch wenn ich es nicht gerne mache, werde ich dich jetzt ebenfalls erpressen. Ich sage meiner Mutter, was ihr plant, wenn du nicht endlich aufhörst mir Blödsinn zu erzählen. Egal was du gemacht haben sollst, William hat kein Recht dazu, dich zu dem hier zu zwingen.“ Grüne Augen sahen Yves intensiv an. „Das ist kein einfacher Streich, es kann dir schaden und das ist nicht in Ordnung.“

„Na ja, da merkt man ja, wer Geschwister sind“, knurrte Yves und sah die junge Frau undeutbar an. „Ich weiß selber, dass er mir mit diesem Mist das Leben versaut, aber was soll ich machen? Der Wichser hat sich in mein Leben gedrängt, hat mir das Stipendium geklaut, sich in meinen Dojo eingeschlichen, sich an meine beste Freundin rangemacht und verfolgt mich sogar bis auf meine Arbeitsplätze, nur um mich zu demütigen. Ich habe dem Spinner die Tür von seinem hässlichen Bugatti eingetreten und weil ich das Geld für die Reparatur nicht habe, bin ich hier - so.“ Yves schoss hoch und ging durch den Raum, damit er Jane mit etwas Abstand ansehen konnte. „Nun zufrieden? William wird mich jedenfalls dafür umbringen“, zischte er und lief nun wild durch den Raum. In ihm staute sich eine ungesunde Menge an Energie, die raus musste.

„Oh.“ Jane war sichtlich geschockt über den Ausbruch und über das, was sie gehört hatte ebenso. Sie wusste, dass ihr Bruder schwierig sein konnte und selten Skrupel hatte, wenn er etwas wollte, aber derartiges hatte sie nicht erwartet. „Nein, ich bin nicht zufrieden, aber das liegt daran, dass ich versuche, William zu verstehen, aber das kann ich nicht. Er kann ein Arsch sein, aber so etwas schockiert mich, weil das völlig unakzeptabel ist.“ Jane war ein wenig heftig geworden, aber dann grinste sie leicht. „Er wird dir nichts tun, weil ich ihm sonst seine Eier abschneiden werde.“

„Kannst du dich da nicht einfach raushalten?“, fragte Yves hoffend, denn das würde wirklich die wenigsten Probleme machen. „Sag ihm nichts, tu so, als wüsstest du nichts davon. Damit ist mir viel geholfen, denn der Kurzschwanz-Fraggle kann eine ziemliche Zicke sein, wenn es nicht nach seinem Kopf geht. Ich hatte heute schon mehrfach das Vergnügen seine Launen auszubaden.

Wenn er weiß, dass ich gepetzt habe und die einzige aus der Familie, auf die er noch was hält, sauer auf ihn ist, habe ich abgegessen und eigentlich würde ich jetzt arbeiten und das Geld für die Schule verdienen. Aber dein Bruder musste mich ja unbedingt daran hindern. Hätte er mich nicht betatscht, wäre seine blöde Autotür heil geblieben. Aber nein, der große Macher muss ja Herr des Schicksals spielen. Dieser doofe Wichser.“ Yves hatte sich so sehr in Rage geredet, dass er kaum noch registrierte, was er sagte. So erfuhr Jane mehr, als ihr wohl lieb war.

„Moment, Moment.“ Jane fuchtelte mit den Händen und schnappte sich Yves, zog ihn wieder zum Sessel und drückte ihn hinein. „Lass mich das sortieren. Wenn du willst, dass ich nichts sage, mach ich das, auch wenn ich glaube, dass William eine Abreibung verdient hat, nach dem, was du gerade erzählt hast. Ich erkenne ihn gar nicht wieder. Dass er bewusst einem Menschen das Leben kaputt macht, hätte ich nie gedacht und ich bin ehrlich erschüttert.“ Man sah ihr an, dass diese Tatsache für sie fast nicht vorstellbar war, aber sie glaubte Yves. „Warum macht er das? Er kann wirklich ein Ekel sein, aber dass er jemanden terrorisiert, das hätte ich nie vermutet. Warum willst du ihn damit durchkommen lassen? Es kann doch nicht nur an dem Geld für die Autotür liegen.“

„Das stimmt doch gar nicht“, knurrte Yves, der es hasste, wenn man so in ihn bohrte und nicht begriff, wo Schluss war. „Es geht mir nicht primär darum, ihn damit durchkommen zu lassen. Ich will nur endlich meine Ruhe und ich hoffe, wenn ich das Wochenende überstanden habe und die Schulden getilgt sind, dann werde ich den Idioten wieder los, kann das Geld für die Schule verdienen, meinen Abschluss machen und er findet ein anderes Spielzeug.“ Das war sein Plan, doch irgendwie ahnte Yves schon, dass der nicht so leicht aufging, wie er das gern hätte.

„Außerdem bestreitet er, mir absichtlich das Leben schwer zu machen. Er schiebt es darauf, dass ich ihn angeblich von Anfang an nicht hätte leiden können. Doch wer kann schon jemanden leiden, der einen gleich mit der Nase darauf stößt, das er die dicke Kohle hat und ich nichts. So ein dussliger Wichser, ich kann dir sagen. Am liebsten würde ich ihm noch einmal eine richtige in die Fr... Tschuldigung“, unterbrach sich Yves rüde. Er hatte kurzzeitig vergessen, dass Jane Williams Schwester war, denn es hatte zu gut getan, sich alles einmal vom Fell wischen zu können.

„So ein Arschloch“, seufzte Jane, denn das war der William, den sie kannte, wenn er schlechte Laune hatte. Zu stolz zuzugeben, dass er Mist gebaut hatte und wahrscheinlich auch in seinem Ego verletzt, weil Yves sich das nicht gefallen ließ. So ging das nicht weiter, selbst ein Herzog durfte sich so nicht benehmen.

„Okay, Yves, ich habe einen Vorschlag“, sagte sie schließlich. „Das, was mein Bruder mit dir macht, ist nicht okay, aber wenn du das durchziehen willst, dann akzeptiere ich das. Was ich dir anbieten kann, ist folgendes: Wenn du aus irgendeinem Grund das Gefühl hast, hier verschwinden zu müssen, dann bekommst du von mir das Geld für die Autotür, das du ihm dann geben kannst, ich besorg dir ein Flugticket und schick dich nach Hause. Dann werde ich mir meinen Kurzschwanz-Fraggle-Bruder zur Brust nehmen und ihm seine verdrehten Hirnwindungen wieder gerade biegen, damit er dich in Frieden lässt. Ist das akzeptabel für dich?“

Eigentlich war es das für Yves nicht. Er nahm kein fremdes Geld an. Dann hätte er auch das von Peter nehmen können. „Ich weiß nicht“, sagte er also ehrlich und sah Jane an. „Er hat Peter und Robert schon zur Sau gemacht, die hätten mir gefälligst nicht das Geld zu geben. Er will, dass ich das durchziehe und wird das Geld verweigern. Ich weiß nicht, ob mir das was nutzt.“ Dabei vergaß Yves eigentlich völlig, dass niemand etwas gegen ihn in der Hand hatte. William hatte keine Zeugen und ein Schuldeingeständnis hatte Yves auch nicht unterschrieben. Doch es waren Ehrenschulden, er wollte sich nichts nachsagen lassen.

„Aber vielleicht bringst du den Idioten zur Vernunft. Seine Freunde konnten es jedenfalls nicht“, stimmte Yves dem Deal dann doch noch zu. „Ich nehme das Geld von dir an. Sollte es gar nicht mehr gehen, drücke ich es dem Spinner in die Hand und gehe und dir werde ich das zurückzahlen, sobald ich es kann.“ Denn wie gesagt, schenken ließ er sich nichts.

Jane nickte, denn die Antwort gefiel ihr. Dieser Yves hatte mehr Ehre im Leib als ihr Bruder zurzeit. „Wenn du das so möchtest, machen wir das so, auch wenn es nicht nötig ist.“ Sie sah Yves an und hielt ihm die Hand hin. „Ich werde dir helfen, wann immer es nötig ist. Auch wenn du wieder in Amerika bist, denn dass sich mein Bruder so aufführt, lasse ich ihm nicht durchgehen und glaube mir, ich kriege ihn gebändigt, da habe ich Übung drin.“ Sie grinste. „Sag mir noch, wie viel Geld du ihm schuldest, dann gebe ich es dir morgen, okay?“

„Achtzehntausend“, murmelte Yves beschämt. Das war keine Summe, die er eben mal so zusammenkratzen konnte. Bei Jane war das wohl kein Problem, denn sie lächelte noch immer. „Was musste sich der Spinner auch solch eine Schleuder zulegen. Protzer-Fraggle, aber ehrlich“, murmelte er, aber nur ganz leise. Er fühlte sich nämlich ziemlich heimtückisch, weil er bei Jane gegen ihren eigenen Bruder wetterte. Fair war das nicht.

„Ich hoffe nur, dass sein krankes Interesse an mir irgendwann wieder abebbt.“ Yves seufzte, denn aus irgendeinem Grund erinnerte er sich eben, dass William nicht immer nur ein Arsch war und ziemlich gut küssen konnte. Warum kamen solche Gedanken immer dann, wenn man sie gar nicht gebrauchen konnte?

Jane sah ihn mit schief gelegtem Kopf an, dann fuhr sie Yves vorsichtig mit den Fingern durch die Haare. „Keine Sorge, das wird schon wieder. Mein Bruder scheint kurzzeitig nicht er selbst zu sein, denn eigentlich ist er ein ziemlich netter Kerl, auch wenn du das bestimmt nicht glauben kannst.“ Sie war sich sicher, dass da noch etwas anderes war, wenn William sich so verbiss. Aber das bekam sie heraus und dann konnte sie anfangen, das wieder geradezubiegen. Es klopfte an der Tür und sie stand auf. „Ich geh dann mal wieder. Lass dich nicht von ihm unterkriegen. Wir sehen uns morgen.“ Sie öffnete die Tür und ließ den Butler mit dem Tablett herein. „Schlaf gut“, rief sie noch und war verschwunden.

„Ja, du auch und danke“, sagte Yves und hätte gern noch erwähnt, dass auch er ihr - wie allen anderen, die ihm einreden wollten, William konnte auch sehr nett sein - nicht glauben wollte. Doch er ließ es und bedankte sich bei dem Mann, der noch einen kleinen Imbiss gebracht hatte.

„Der junge Herr ist noch in den Ställen und hat mich gebeten ihnen auszurichten, sie mögen nicht auf ihn warten, sondern ruhig schon zu Bett gehen. Es könne spät werden. Im Schrank dort drüben ist ein Fernseher verborgen, sofern Interesse besteht.“

Yves nickte verstehend und wartete, bis er wieder allein war.

Er nahm sich eines der Sandwichs und kam nun endlich dazu, sich umzusehen. Herrschten im Schloss, so weit er das bisher sehen konnte, Holz und Wandbehänge vor, so gab es hier nur die rohen, steinernen Wände, die dem Zimmer einen alten, rustikalen Charme gaben. Besonders, wenn wie jetzt ein Feuer in dem großen Kamin loderte und praktisch dazu aufforderte, sich davor zu setzen. Aber noch interessanter war die Sitznische am Fenster. Sie lud förmlich dazu ein, sich ein Buch zu nehmen und es sich dort bequem zu machen.

Und jetzt, wo er allein war, konnte Yves auch endlich den Bademantel wieder ablegen. So etwas trug er nicht sonderlich gern. Lieber schlüpfte er eilig - ehe wieder jemand stören kam - in eine enge Shorts und eine Trainingshose und ließ sich auf das Kissen im Fenster sinken. Draußen war es Nacht, man konnte nicht viel sehen. Doch so konnte er seinen Kopf gegen die Scheibe sinken lassen und sich in die Augen starren. „Du hast Mist gebaut, mein Lieber. Großen Mist. Da kommst du nicht mit heiler Haut raus“, sagte er sich selbst und war sich sicher, dass er Recht hatte.

Egal, was Jane ihm versprochen hatte, so schnell würde William nicht aufgeben, davon war Yves überzeugt. Warum sollte er auch? Er hatte alle Trümpfe in der Hand und genug Macht, seinen Kopf durchzusetzen. Yves strich mit einem Finger über die kalte Scheibe und seufzte. Er fühlte sich wie ein Gefangener vor seiner Hinrichtung. Wütend und hoffnungslos.

Was hatte der Kerl noch gesagt? Yves würde ihn verrückt machen und er würde sich in ihm verbeißen. Yves begriff das einfach nicht. Verbeißen - warum? „Ach scheiße!“ Er schoss hoch. Dieses Grübeln half ihm nichts. Er sah sich um und beschloss, mit seinem Mitternachtsimbiss ins Bett zu gehen und fernzusehen, bis er müde wurde. Dann konnte er sich immer noch zum schlafen auf die Couch verziehen.

Gesagt, getan. Warm eingemummelt, bequem an eines der dicken, flauschigen Kissen gelehnt, ließ Yves sich vom Fernseher berieseln. Immer wieder fielen ihm die Augen zu, auch wenn es für ihn doch noch nicht spät war, aber der ganze Tag hatte an seinen Nerven gezerrt.

Immer tiefer ließ er sich rutschen, bis er bequem lag und noch ehe er sich erheben und zur Couch gehen konnte, schlief er ein. Es störte ihn auch nicht, dass der Fernseher noch lief.

So fand ihn William, als er um zwei Uhr nachts ins Zimmer kam und er musste grinsen, denn Yves hatte noch immer seine Brille auf der Nase und ein angebissenes Sandwich in der Hand. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, nahm William die Sachen und schaltete den Fernseher aus. Er ging noch schnell unter die Dusche, um den Stallgeruch loszuwerden und schlüpfte dann, nackt wie er war, unter die Decke zu Yves. Allerdings ließ er genug Platz zwischen ihnen, damit sie sich nicht berührten.