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Das Herz eines Herzogs - Teil 33 bis 36

33


Auf dem Weg nach Hause hielten sie kurz beim 'Haus der Sinne' und William gab die Nachricht für Yves beim Portier ab, der ihm versicherte sie weiterzuleiten.

Im Landhaus angekommen führte ihr erster Weg in die Küche, damit sie dort ihre Suppe essen und Kathy Joel kennen lernen konnte. Er kannte seine Haushälterin gut genug, um zu wissen, dass sie den Jungen augenblicklich in ihr Herz schließen würde. So konnte er sie auch gleich nach den kleinen Katzen fragen.

„Setzen sie sich erst einmal. Ich werde gleich Tee kochen. Master William? Lieber Kaffee?“ Sie eilte durch ihre Küche und stellte die Suppen auf den Tisch und geleitete den fremden Jungen zu einem Platz. Er bewegte sich noch unsicher, denn hier kannte sich Joel nicht aus und so wich er William kaum von der Seite.

„Nein danke, Kathy, Tee ist prima. Früchtetee?“, fragte er Joel, der nickte und sich setzte. Die Suppen dufteten köstlich und nun schnupperte William auch, genauso wie Joel vorhin. Obwohl er die Suppen jetzt schon seit Wochen aß, hatte er sie nicht über. Dazu waren sie einfach zu lecker.

„Haben wir nicht junge Katzen?“, fragte er nach dem ersten Löffel und auch Joel hing über seiner Schüssel und löffelte. „Wo können wir die finden?“

„Na ja. Was heißt Junge. Sie sind schon ein paar Monate alt und die Mutter ist jetzt nicht mehr so hinterher. Sie stromern überall herum, meistens im Garten oder unten im Keller, da wo ich ihnen eine Kiste hingestellt habe“, gab Kathy gern Auskunft und brühte den Tee auf, lächelte aber, weil sie sah wie gespannt Joel ihr zuhörte.

„Dann schauen wir nachher zuerst in den Keller.“ William lachte leise, weil Joel wohl, ohne es zu merken, schneller aß. Er ließ ihn, denn er war selber gespannt auf die Katzen. Er mochte die Tiere, aber er hatte sie bisher nicht beachtet, weil er sich nicht an eine gewöhnen wollte, dazu war er einfach zu selten hier.

„Na dann, los.“

Joel hatte aufgegessen und William nahm ihn an die Hand, damit er ihn in den Keller führen konnte. Der Weg war nicht schwierig, aber wenn man nichts sehen konnte, doch nicht ganz einfach. Joel klammerte sich am Geländer fest und hielt mit der anderen William an der Hand. „Yves mag Katzen auch. Schade, dass ihr euch nicht mögt, sonst könnte er die Katzen auch mal angucken“, sagte er und versuchte zu lauschen, ob er etwas maunzen hören konnte.

Sie schienen Glück zu haben, denn als sie den Raum betraten, wo die Katzenkiste stand, blickten ihnen zwei große, grüne Augen in einem schwarzen Gesicht entgegen. „Eine Katze ist da und sie beguckt uns schon neugierig“, erklärte William leise und ging mit Joel näher. Sie hockten sich vor die Kiste und nun konnte er sehen, dass die Katze nicht ganz schwarz war, sondern drei weiße Pfötchen und eine weiße Schwanzspitze hatte. Das Tier kam neugierig näher und maunzte leise. Es hatte wohl geschlafen, während sich seine Geschwister und die Mutter die Zeit wo anders vertrieben. Es streckte sich in alle Richtungen und beguckte sich die Eindringlinge.

„Wo ist sie?“, fragte Joel leise und streckte seine Hände tastend aus. William führte Joels Hand und ließ ihn dann das Kätzchen alleine erkunden. Sie hatten wohl Glück und ein verschmustes Exemplar gefunden, denn das Kätzchen reckte sich den tastenden Fingern entgegen und ließ sich kraulen. William beschrieb sie dabei Joel, damit er wusste, wie sein kleiner Spielkamerad aussah.

„Sollen wir gucken, ob sie mit nach oben will? Wir nehmen sie mit in die Küche. Kathy hat bestimmt etwas Leckeres für sie.“

„Au ja, das machen wir!“ Joel nickte heftig und strich immer noch mit Begeisterung durch das weiche Fell. Es fühlte sich unter seinen Fingern ganz toll an. „Willst du mitkommen?“, fragte er die Katze also, auch wenn er keine Antwort erwartete.

„Darf ich sie auf den Arm nehmen oder kratzt sie?“ Er war sich da nicht sicher, denn William hatte ja gesagt, sie würden halb wild leben.

„Ich denke, du kannst sie hochnehmen. Sie scheint es zu mögen.“ William half Joel, die Katze auf den Arm zu nehmen und sie schien das wirklich zu mögen, denn sie machte es sich gleich bequem und schnurrte leise. „Streichle sie weiter, während wir hoch gehen.“ William führte Joel, damit er nirgendwo gegen lief und so kamen sie heil in der Küche an.

„Kathy, haben wir etwas für unseren kleinen, pelzigen Gast?“, rief William schon von der Tür aus, damit seine Haushälterin sich nicht erschreckte.

„Huch“, machte sie trotzdem, als sie das kleine, schwarze Tier sah, lachte aber laut, weil Joel strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Da hatten sich wohl zwei gesucht und gefunden. „Ja, sicher, ich werde gleich einmal sehen, was wir noch haben.“ Sie eilte und suchte im großen Kühlschrank die Katzenmilch, die selten aber ab und an als Leckerchen an die Mäusejäger ausgegeben wurde. Die Milch war kalt, also ging sie für ein paar Sekunden in die Mikrowelle, während Kathy im Vorratsschrank die Dosen mit dem Futter suchte, was sie gelegentlich zu fütterten, wenn die Katzen nicht genug Mäuse fanden.

Joel ließ die Katze nicht los, als er sich einfach auf den Boden setzte, damit er mit ihr spielen konnte, falls sie nicht auf seinem Arm bleiben wollte. Der Einfachheit halber setzte William sich dazu, auch wenn er wusste, dass er Kathy damit irritierte. Die Katze guckte sich neugierig um und so nutzte William die Gelegenheit und streichelte selber ein wenig durch das weiche Fell. Doch sie war zu sehr Katze und wie es schon in alten Kinderreimen hieß, war die Neugier ja der Katze grundsätzlich eigen. So wand sie sich wie ein Aal und entwich Joel, der hektisch nach ihr greifen wollte, doch der kleine, schwarze Teufel war schneller und sauste nun durch die Küche.

„Miez?“ Joel machte sich Sorgen, ob William nun Ärger bekam.

„Sie erkundet die Küche, lass sie ruhig.“ William hatte den ängstlichen Blick gesehen. „Warte mal.“ William stand auf und holte die Milch und die Schale mit dem Futter und stellte sie in ihre Nähe. Wie erwartet kam die Katze wieder zu ihnen. „Lass sie erst einmal essen, danach wird sie bestimmt wieder mit dir spielen und schmusen.“ So war es dann auch. Nachdem die Schalen leer geleckt waren, kam die kleine Katze wieder zu Joel und maunzte leise.

„Ja, Miez, komm her zu mir“, lachte er und tastete vorsichtig, bis er Fell spüren konnte. Dann hangelte er sich vorsichtig am Bein nach oben und strich ihr wieder über den Rücken. Der Kleine hatte sich wohl gerade verliebt. „So weich und süß und sie ist ganz schwarz, hast du gesagt?“ Joel war völlig aufgeregt.

„Nicht ganz schwarz. Sie hat eine weiße Schwanzspitze und drei weiße Pfötchen. Nur links hinten die Pfote ist schwarz. Sie scheint dich zu mögen.“ William war froh, dass die Katze nicht gleich wieder das Weite suchte, denn das hätte Joel bestimmt traurig gemacht. „Sie braucht einen Namen, denn ich glaube nicht, dass sie weiterhin nur eine unter vielen bleiben wird.“

„Ui - einen Namen. Sie ist schon viele Monate alt und hat noch gar keinen Namen?“ Joel machte ein nachdenkliches Gesicht und zog das Kätzchen an sich. „Wie möchtest du denn heißen?“, fragte er es, doch so richtig konnte ihm das Tier auch nicht helfen. „Wie wäre es mit Socke?“ Nein, Namen finden war nicht seine Sache. Selbst sein Plüschtiger hieß nur Tiger.

„Socke? Warum nicht, es passt zu der Kleinen.“ William nickte und stand einem Impuls folgend auf. Er holte etwas Milch und ließ zwei Tropfen auf den Katzenkopf tropfen. „So, jetzt ist es beschlossen, du heißt Socke“, lachte er, weil Socke den Kopf schüttelte. Sie mochte es nicht, nass zu werden, auch wenn es Milch und kein Wasser war. Also fing sie erst einmal an sich zu putzen und die Pfoten über die Ohren rubbeln zu lassen. Dabei streifte sie auch immer wieder Joels Finger und der lachte übermütig. Für eine Weile vergaß er seine kranke Großmutter und seinen großen Bruder. Hier gefiel es ihm.

„Nehmt die junge Dame doch mit nach oben, hier auf dem Boden wird es sicher zu kalt“, sagte Kathy, denn unter den Steinen des Fußbodens lag keine Heizung.

„Ja, warum nicht, dann kann ich dir etwas auf dem Klavier vorspielen.“ William hatte nicht vergessen, was er versprochen hatte und freute sich darauf, einmal wieder Musik zu machen. „Was hörst du denn gerne?“

„Weiß ich nicht“, murmelte Joel und hatte nun wieder Socke auf dem Arm, die aber anfing auf ihm herum zu turnen. „Nichts Trauriges. Ich mag keine traurige Musik. Lieber was lustiges, was zum hüpfen.“ Das würde ihm gefallen. Mit Socke auf der Schulter ließ er sich von William lenken und es war unglaublich, wie schnell er diesem jungen Mann vertraute. Eigentlich passierte das selten.

Joel setzte sich wieder auf den Boden, der hier mit einem flauschigen Teppich ausgelegt war, so dass er sich nicht verkühlen konnte. William setzte sich an das Klavier und hob den Deckel an. Vorsichtig strich er über die Tasten des Instruments und machte erst einmal ein paar leichte Fingerübungen, um wieder ein Gefühl dafür zu bekommen. Erst dann begann er ein Kinderlied zu spielen. Es war ein einfach zu spielendes Lied, damit er Zeit hatte, sich wieder daran zu gewöhnen. Joel kannte den Text zwar nicht, doch die Melodie kam ihm bekannt vor und so summte er mit, nickte mit dem Kopf und wippte, während er Socke ein bisschen ärgerte, damit sie immer wieder seine Hand als Feind attackierte und sich spielerisch verbiss. Er lachte und nickte weiter summend zu Williams Spiel.

So saßen sie eine ganze Weile. Erst als Socke sich in einen Sessel zurückzog, um ein wenig zu dösen, weil sie müde wurde, hörte William auf zu spielen. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass er seit fast zwei Stunden spielte, so viel Spaß hatte ihm das gemacht. „Komm, setzen wir uns zu Socke und ich les dir was vor. Meine Finger brauchen ein wenig Erholung.“

„Ja, was Spannendes bitte von Samurai. So wie Yves. Hast du so was?“ Joel konnte seine Finger schon wieder nicht von der Katze lassen. Da hatten sich wirklich zwei gesucht und gefunden. Socke schien nicht einmal ihre Geschwister zu vermissen. „Oder was von Rittern und Drachen.“

„Was mit Samurai habe ich nicht, aber von einem schottischen Ritter. Die Geschichte hat mein Vater mir vorgelesen, als ich klein war. Es war meine absolute Lieblingsgeschichte. Warte kurz hier, ich hole eben das Buch.“ William wuschelte durch Joels Haare und ging in sein Zimmer. Das Buch war sein Schatz und er hatte es mit nach Amerika genommen. Er strich über den Einband, als er wieder ins Zimmer kam, wo Joel mit Socke auf dem Schoß auf ihn wartete.

Als Joel die Tür und die Schritte hörte, blickte er auf und versuchte William zu orten, so dass er ihn immer ansehen konnte. Er trug noch immer die Sonnenbrille, von der trennte er sich eigentlich nur, wenn er im Bad war oder im Bett. „Hast du was gefunden?“, fragte er gespannt.

„Ja, die Geschichte von Sir Adam Mc Finley. Ein Ritter, der im 15. Jahrhundert in Schottland lebte und sich in die Tochter des Königs verliebt hatte. Der ist damit natürlich nicht einverstanden und so muss er Prüfungen bestehen. Als Kind fand ich die Geschichte sehr spannend und auch heute lese ich sie noch ab und zu.“ William hatte sich zu Joel gesetzt und ließ ihn über den Einband streichen. „Das Buch hat mein Vater von meinem Großvater als Kind geschenkt bekommen und ich habe es von ihm bekommen.“

„Ui, das muss dann aber schon sehr alt sein“, sagte Joel ehrfürchtig und zog die Finger wieder zurück aus Sorge, er könnte etwas kaputt machen. „Yves hatte letztens ein Buch über einen kleinen Drachen mit, der lieber kein Drachen sein wollte, weil Ritter ihn immer töten wollten“, erzählte er und kicherte, weil der Drachen so lustige Ideen gehabt hatte, was er alles werden wollte. „Kommen auch Drachen in deinem Buch vor?“

„Nein, leider nicht. Ich mag Drachen und mein Vater hätte mir keine Geschichte vorgelesen, wo ein Drache getötet wird. Aber er muss viele spannende Abenteuer bestehen und er findet Freunde, die ihm helfen.“ William schlug das Buch auf und fing an zu lesen. Wie immer nahm ihn die Geschichte um die Abenteuer des Ritters Adam gefangen und so las er, bis Joel heftig gähnen musste.

„Hören wir auf, du wirst müde“, sagte William weich und klappte das Buch zu.

„Nein“, nörgelte Joel, doch er gähnte schon wieder. Er hatte Socke fest an sich gedrückt, die schon schlief. „Will noch weiter hören.“ Doch schon wieder unterbrach ihn sein Gähnen.

„Okay, schließen wir einen Kompromiss. Du machst dich fertig fürs Bett und dort lese ich dir noch etwas vor. Socke kann mitkommen, aber wir lassen die Tür zu deinem Zimmer ein wenig auf, damit sie raus kann, wenn sie möchte.“ Joel erinnerte William gerade sehr an sich selbst. Er hatte auch nie genug bekommen können, wenn man ihm etwas vorlas.

„Hm, na gut“, ergab sich der Kleine und erhob sich langsam. Mit der Katze auf dem Arm tastete er sich langsam vorwärts. Er hatte jetzt Stunden in diesem Zimmer zugebracht, aber nicht einmal seine Couch verlassen. Seine Muskeln schmerzten ein bisschen. So geleitete ihn William in sein Zimmer für die Nacht. Seine Tasche war dort schon deponiert worden und unter Williams Anleitung fand er den Weg ins Bad und zum Bett mühelos. Socke lag schon auf dem Kissen und streckte alle Viere von sich. Sie schien sich wohl zu fühlen.

Eilig kletterte Joel zu ihr, die Bewegungen hatten seinen Kreislauf noch einmal in Schwung gebracht. So war er wieder munter. Doch das trog.

William legte sich zu ihm und las noch ein paar Seiten vor, aber lange hielt Joel nicht mehr durch und seine Augen fielen immer wieder zu. So legte William das Buch weg und strich sanft durch die hellen Haare. „Schlaf, Joel, ich bleibe, bis du eingeschlafen bist. Ich bin nebenan. Falls du etwas brauchst, musst du nur rufen.“ Er küsste Joel auf die Stirn und deckte ihn richtig zu, da war der Kleine schon eingeschlafen. William blickte noch einmal auf das friedliche Bild, dann ging er in sein Zimmer. Er las selber noch ein paar Seiten, aber er merkte schnell, dass er unkonzentriert wurde, darum löschte er bald das Licht. Allerdings war ihm ungestörte Nachtruhe nicht vergönnt.


34

Yves, der den ganzen Tag von einem Auftrag zum nächsten gehetzt war, hatte die Mitteilung, die man ihm ins 'Haus der Sinne' gebracht hatte, erst nach seinem Dienst gefunden und war nun - nach einem Telefonat mit der Klinik, in der seine Großmutter lag - wutentbrannt auf seinen Roller gestiegen. Ihm war es ziemlich egal, dass es zwei Uhr in der früh war. Er war sauer, was der Fraggle sich jetzt schon wieder geleistet hatte. Reichte es denn nicht, dass man dem Jungen eine Operation verwehrt hatte, musste der Fraggle ihm jetzt auch noch auf die Pelle rücken?

Na, dieser Bastard würde noch sein blaues Wunder erleben und so war Yves nicht gerade zurückhaltend, als er gegen die Tür des Hauses hämmerte und nach dem bekloppten Fraggle rief, er sollte seine gierigen Pfoten von Joel lassen und ihn rausgeben.

„Los, du Wichser. Schwing deinen Arsch aus dem Bett.“ Und seine Fäuste hämmerten immer wieder gegen die große Tür.

Mit dem Krach weckte er aber nicht William, wie er hoffte, sondern Kathy, die unten im Erdgeschoss ihr Zimmer hatte und nicht wusste, was sie machen sollte. Sollte sie gleich die Polizei holen oder erst William wecken? Sie entschied sich gegen die Polizei, weil sie Joels Namen gehört hatte und erklärte einem noch recht verschlafenen William, dass da jemand gegen die Tür hämmerte.

„Das ist Yves, Joels Bruder“, murmelte der junge Herzog noch verschlafen und wollte sich schon wieder umdrehen, zuckte dann aber doch hoch. „Yves“, murmelte er plötzlich hellwach und sprang aus dem Bett. „Ich kümmere mich darum, Kathy, gehen sie ruhig wieder schlafen“, rief er noch und hetzte die Treppe hinunter.

„Scheiße, ist der wütend“, murmelte er seufzend, als er vor der Tür stand und straffte sich, um zu öffnen.

Er konnte gar nicht so schnell gucken, wie er mit flachen Händen gegen die Schultern gestoßen wurde. Erst hatte Yves dem Fraggle eine verpassen wollen, doch er hatte sich dagegen entschieden. Keine Lust auf eine weitere Klage, weil man den jungen Herrn angefasst hatte. Mit schmalen Augen blickte er William an und versuchte zu ignorieren, dass der nur eine Schlafhose trug.

„Wo ist Joel?“, zischte Yves und sein Blick machte unmissverständlich klar, dass William einen großen Fehler gemacht hatte, indem er sich in Yves' Belange mischte.

„Er schläft.“ William blieb ruhig, weil er Yves nicht reizen wollte. Der Schubser hatte zwar nicht wehgetan, ihn aber ein wenig ins Taumeln gebracht. Er schüttelte den Kopf, als er Kathys besorgten Blick auffing, die oben an der Treppe stand, bereit Joel vor allem zu beschützen, was kommen sollte. „Komm mit, ich bring dich zu ihm.“

„Geh vor“, knurrte Yves. Ihm war gar nicht wohl dabei, dieses Haus zu betreten. Wenn die Tür hinter ihm zu fiel, war er gefangen. Was wenn das hier eine Falle war und die Dame des Hauses wieder irgendwo lauerte, um noch mehr Gehässigkeiten unter das Volk zu bringen und Joel war nur der ahnungslose Köder? Doch seine Sorge um Joel war größer und so folgte er William, versuchte den nackten Rücken zu übersehen und die Erinnerung daran zu verdrängen, wie fantastisch sich diese Haut unter seinen eigenen Händen angefühlt hatte. Die heißen Lippen auf seinem Hals, die... Yves schüttelte den Kopf. Das war nicht real gewesen, verdammt noch einmal! Das musste er doch endlich begreifen.

„Wie tief muss man eigentlich in die Hölle sinken, um kleine Kinder für die eigenen Zwecke zu missbrauchen, nachdem man ihnen die Zukunft zerstört hat? Du widerst mich an.“

William zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen und auch, wenn er vorgehabt hatte, nicht mit Yves zu streiten, so konnte er diese Anschuldigung nicht auf sich sitzen lassen. Darum blieb er stehen und sah sich mit blitzenden Augen zu Yves um. „Was soll das heißen, Yves? Ich habe Joel für gar nichts missbraucht und wie bitte soll ich seine Zukunft zerstört haben? Wie auch, ich wusste bis gestern ja noch nicht einmal, dass es ihn gibt. Ich habe mich einfach nur um ihn gekümmert, weil man mich darum gebeten hat.“ Er war nicht laut geworden, weil er Joel nicht wecken wollte, aber es brodelte in ihm, das war an seiner Stimme deutlich zu hören.

„Soll ich mal lachen?“, zischte Yves und blieb stehen. „Den gleichen Mist wollte mir deine wohl verehrte Mutter auch einreden, als sie im 'Haus der Sinne' war um mir - so wie es auch ihr lieber Herr Sohn getan hat - unmissverständlich klar zu machen, dass ich in ihrer Hand bin. Ich solle dir aus dem Weg gehen, mich von dir fern halten, weil sie... ach was erzähle ich dir das eigentlich. Das weißt du doch besser als ich oder von wem weiß sie wohl, wo ich arbeite? Arschloch. Bring mich zu Joel, der Kleine bleibt keine Sekunde länger hier als nötig.“ Angewidert schüttelte Yves den Kopf und wollte an William vorbei die Treppe ganz nach oben gehen.

„Wie bitte?“ William wurde blass und hielt Yves am Arm fest. „Meine Mutter war bei dir? Hier in New York? Wann? Was hat sie gesagt?“ Sein Herz schlug schnell und er musste sich anlehnen. „Ich hatte keine Ahnung davon und ich habe ihr nicht gesagt, wo du arbeitest. Ich habe meine Mutter das letzte Mal auf dem Empfang gesehen und gesprochen und da habe ich ihr nichts von dir erzählt und vorher auch nicht. Bitte glaub mir das.“

„Dir glaube ich schon lange nichts mehr, Liebling!“ Das letzte Wort spuckte Yves seinem Verlobten regelrecht ins Gesicht und legte all seine Verachtung hinein. „Kaum zehn Stunden nachdem ich weg war, tauchte sie schon im Haus auf. Soll ich allen Ernstes glauben, sie hätte das allein herausgefunden? Erwartest du von mir allen Ernstes, dass ich so dumm bin und das glaube?“ Yves konnte sich gar nicht wieder beruhigen. Das war doch alles nur ein schlechter Scherz und dieser dämliche Fraggle wusste wohl nicht, wann Schluss war.

„Ihre Drohung hat sie bereits wahr gemacht, dank deiner Aufdringlichkeit bleibt Joel nun noch länger blind und jetzt lass mich durch, ehe ich dir eine in die Fresse haue!“

William ließ Yves los, aber nicht wegen der Drohung. Er war vollkommen geschockt und in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Was war alles passiert, ohne dass er es mitbekommen hatte? Er musste herausfinden, was seine Mutter gemacht hatte und versuchen zu retten, was noch zu retten war. Langsam rutschte er an der Wand herunter und sah blicklos vor sich hin, tief in Gedanken versunken. Er schreckte auf, als Kathy ihn an der Schulter berührte. Sie hatte Yves zu Joels Zimmer geführt und machte sich nun Sorgen um William.

„Master William“, flüsterte sie leise und sah ihn besorgt an, aber der schüttelte nur den Kopf und rappelte sich wieder hoch.

„Danke, Kathy, aber das muss ich allein regeln. Da können sie mir nicht helfen. Wünschen sie mir Glück.“ Tief durchatmend ging er die restliche Treppe hoch zu Joels Zimmer. Es musste ihm einfach gelingen, dass Yves ihm glaubte.

„Joel“, sagte Yves leise und rüttelte seinen kleinen Bruder an der Schulter, doch der schlief wie ein Murmeltier. Lediglich Socke machte darauf aufmerksam, dass sie wach war und maunzte unleidlich. Sie mochte es wohl auch nicht, geweckt zu werden. „Joel, bitte. Komm schon, werd wach. Ich nehme dich mit heim, da kannst du auch schlafen!“

William stand in der Tür, aber jetzt kam er zu Yves. „Bitte, Yves, lass ihn schlafen. Du willst doch nicht wirklich mit ihm auf dem Roller durch die Nacht fahren? Das ist viel zu gefährlich. Er braucht seinen Schlaf. Er hat gestern ziemlich viel mitgemacht. Bleibt beide hier und morgen früh bring ich euch nach Hause.“

„William“, knurrte Yves, als er sich langsam umdrehte. Er mochte es gar nicht, von diesem intriganten Kerl gemaßregelt zu werden. „Ich werde ganz bestimmt keine Sekunde länger hier bleiben, als unbedingt nötig und Joel auch nicht.“ Nur schien ihm sein kleiner Bruder mit seinem festen Schlaf da einen Strich durch die Rechnung machen zu wollen.

„Halt dich einfach aus meiner Familie raus und ich mich aus deiner. Dann ist allen geholfen und deine Mutter hat vielleicht eines Tages ein Einsehen, damit man Joel endlich operiert. Ich hatte dich darum gebeten, mir fern zu bleiben. Aber nein, der Herr musste ja wieder seinen Kopf durchsetzen, nicht wahr? Kann ja nicht sein, dass es etwas gibt, das nicht nach seinem Kopf läuft. Bestellen wir doch Yves immer wieder gegen seinen Willen ins Hotel. Danke, du Wichser, danke für deinen Egoismus. Hast du ihm wenigstens ins Gesicht gesagt, dass deine Mutter dafür gesorgt hat, dass kein Arzt, der an seinem Job hängt, Joel operieren will? Hast du es ihm gesagt?“ Yves fühlte sich hilflos und mittlerweile am Ende seiner Kräfte. Doch wie ein verwundetes Tier ging er immer wieder zum Angriff über.

„Yves, ich wusste überhaupt nichts davon – bitte, glaube das doch. Ich habe erst von Joel erfahren, als Yuki mich angerufen hatte, weil sie nicht wusste, wer sich sonst um ihn kümmern konnte. Glaub von mir, was du willst, ich habe es verdient, aber nicht, dass ich Joel in irgendeiner Weise schaden könnte.“

William wusste, die Chance, dass Yves ihm glaubte, war gering, aber trotzdem musste er es versuchen. „Ich werde herausfinden, was meine Mutter veranlasst hat und versuchen, es wieder in Ordnung bringen.“ Dass er noch keine Ahnung hatte, wie er das anstellen sollte, sagte er lieber nicht.

„Hör zu, Will.“ Yves war es leid zu reden und sich Beteuerungen anzuhören, von denen er nicht wusste, was er von ihnen halten sollte. Er war ja versucht es zu glauben, weil er es wollte. Es war auch für ihn nicht leicht, sich Williams Charme zu entziehen und er konnte charmant sein, wenn er das nur wollte. Doch etwas in Yves ließ ihn sich sträuben.

„Hör auf damit, ehe es lächerlich für dich wird. Es war witzig, wir haben alle mehr oder weniger gelacht, vor allem über deine tolle Wette, mich zu ködern und dann zurück in die Gosse zu treten. Aber jetzt sollten sich unsere Wege trennen. Finde raus, was du willst, aber halte dich bitte in Zukunft aus unserem Leben raus. Wird das möglich sein oder packt das dein Ego nicht?“ Er wusste, dass er William damit verletzte und das wollte er auch, es sollte ihm so wehtun, wie er Yves wehgetan hatte.

Dass er William mit seinen Worten schwer getroffen hatte, konnte er sehen, denn der zuckte zusammen und ließ den Kopf hängen. „Yves, ich bin ein Arschloch, das weiß ich und du hast allen Grund, auf mich wütend zu sein. Es stimmt, was du gehört hast, aber du hast nicht mehr mitbekommen, wie ich Robert erklärt habe, dass so etwas nicht mehr in Frage kommt, denn mittlerweile weiß ich, was ich will. Als ich diese Idee hatte, war ich betrunken und sehr wütend auf dich und ich habe nicht eine Sekunde daran gedacht, als wir in London waren. Ich hatte es vollkommen vergessen, bis Robert es wieder erwähnt hat.“ William musste das einfach loswerden. So viele Wochen schon versuchte er, mit Yves zu reden.

„Ich möchte nicht, dass unsere Wege sich trennen. Als wir nach dem Empfang in unser Zimmer gegangen sind, habe ich dir gesagt, dass ich dich mag und das meinte ich vollkommen ernst. Ich wäre gerne mit dir befreundet.“

Wenn es Williams Absicht gewesen war, Yves sprachlos zu machen, dann hatte er das jetzt erreicht. Der stand da, sah William im spärlichen Licht, was vom Flur ins Zimmer fiel, an und wusste nicht was er davon halten oder was er darauf sagen sollte. Er war versucht, ihm zu glauben, sich die wenigen Stunden zurück zu holen, die sie gemeinsam verbracht hatten. Doch dann schüttelte er den Kopf, er war kein Illusionist. „I-Ich dich dafür umso weniger“, knurrte er und zuckte zusammen, als er eine kleine Hand in seiner spürte.

„Stimmt doch gar nicht“, murmelte Joel. Er war sehr wohl wach gewesen, doch weil er gespürt hatte, dass einiges an ihm vorbei diskutiert werden sollte, hatte er sich schlafend gestellt. „Deine Worte sagen das vielleicht, aber deine Stimme sagt mir, dass du lügst. Warum machst du das? William ist doch nett.“

Schockiert sah Yves seinen kleinen Bruder an - das hatte jetzt wirklich nicht sein müssen. „Sei bitte leise“, zischte er also.

„Joel.“ Williams Kopf ruckte hoch und er wurde rot, auch wenn man das nicht sehen konnte. Was hatte der Kleine alles gehört und warum war er davon überzeugt, sein Bruder würde nicht die Wahrheit sagen? Er sah zwischen den Brüdern hin und her. Yves wirkte irgendwie ertappt und das gab den Ausschlag, dass William ihn nun lächelnd ansah.

„Du solltest ihm glauben, Yves. Dein Bruder ist ein schlauer, kleiner Kerl. Er hat jedes Mal gemerkt, wenn ich geflunkert habe.“ Er wuschelte Joel durch die Haare, der schon wieder Socke auf dem Arm hatte und sie beschmuste. „Bitte lass uns reden und mich versuchen, dir einiges zu erklären – bitte, Yves.“

„Hab ich was Falsches gesagt?“, murmelte Joel und sah seinen großen Bruder an. Yves wirkte verspannt und auch wenn er nicht alles verstanden oder begriffen hatte, so war Joel doch klar, dass das wohl irgendwie an seinem Kommentar gelegen haben musste.

„Schon okay, Kleiner“, sagte Yves. Er war müde. Er hatte gekämpft und verloren. So strich er seinem kleinen Bruder noch einmal durch die Haare und auch der Katze, die er nicht kannte. Socke schnurrte zufrieden, weil es ruhiger um sie geworden war und sie nun wieder schlafen konnte. „Schlaf, ich hole dich dann morgen, wenn du das möchtest“, sagte er und wandte sich um. Das Gefühl, Joel hier zu lassen, zog ihm die Magenwände zusammen, doch was sollte er tun? William hatte Recht. Den Kleinen jetzt im Halbschlaf auf dem Sozius zu haben war zu gefährlich.

„Bleib hier bei Joel, Yves. Um dich habe ich genauso viel Angst wie um deinen Bruder, wenn du nachts durch New York fährst.“ William hielt Yves vorsichtig am Arm fest und zog ihn wieder zurück. „Gehen wir in mein Zimmer, dann können die beiden Kleinen wieder schlafen, ja? Hast du Durst oder Hunger? Dann mach ich dir schnell etwas.“

Yves ließ es einfach geschehen, dass er von William sanft über den Flur geschoben wurde. Joel lauschte den beiden nach. Yves' Schritte hatten ihre Sicherheit verloren. „Ach, Socke“, murmelte er leise und drückte die Katze an sich, als er sich wieder in das Kissen kuschelte.

William führte Yves hinunter in die Küche und setzte Wasser für Tee auf. Im Kühlschrank fand er noch kalten Braten, schon in Scheiben geschnitten, den er rausholte und mit Brot, Butter, Ketchup und Senf auf den Tisch stellte, weil er nicht wusste, ob Yves überhaupt etwas essen wollte.

„Ich habe keinen grünen Tee da, geht auch Früchtetee, oder Schwarzer?“, fragte er, als das Wasser kochte. William war nervös, jetzt wo er die Chance hatte, mit Yves zu reden, durfte er es nicht vermasseln. Sein unfreiwilliger Gast nickte träge, ihm war es egal, was William kochte. Wenn das seine einzige Sorge wäre, wäre er doch wirklich fein raus. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken und Erinnerungen, als fochten sie einen unerbittlichen Kampf gegeneinander. Was sollte er noch glauben? Zu viel war passiert, in dem William mit drinnen hing und alles in allem hatte es ein heilloses Chaos ausgelöst.

„Rede, du wolltest doch immer reden“, sagte er leise und sah sich ein wenig um.

William nahm die gefüllten Tassen und trug sie zum Tisch. Er hatte Früchtetee genommen, das putschte nicht so auf. Er setzte sich nicht zu Yves, sondern blieb hinter ihm stehen und legte ihm die Hände auf die Schultern. Vorsichtig begann er über die verspannten Muskeln zu streichen und sie zu massieren. Es war für ihn leichter zu reden, wenn er Yves dabei nicht ansehen musste, denn er wollte ehrlich sein und dabei kam er nicht besonders gut weg.

Er fing ganz von vorne an, wie er nach New York gekommen und Yves eigentlich nur durch Zufall in die Sache hinein geraten war, weil William ein Ventil gebraucht hatte, um seinen Ärger loszuwerden. Dass er sich erst nur deswegen so in ihn verbissen hatte, weil der sich gegen ihn aufgelehnt hatte.

„Du hast mich verrückt gemacht. Ich war wütend auf dich und habe dich gleichzeitig bewundert, weil du dich gegen mich behauptest und alle Schwierigkeiten, die ich dir gemacht habe, gemeistert hast. Diese Idee wollte ich nie wirklich in die Tat umsetzen und in London habe ich gemerkt, dass dieser Streit zwischen uns vollkommen sinnlos ist und ich fast dein Leben zerstört hätte, nur weil ich ein verletztes Ego hatte. Ich habe festgestellt, dass ich gerne mit dir zusammen war und ich dich nicht wieder hergeben wollte.“ William brach dort ab, blieb aber hinter Yves stehen, weil er nicht wusste, was er jetzt machen sollte. Es kam selten vor, dass er so schonungslos ehrlich war und er hatte Angst vor Yves' Reaktion.

„Es sollte mich trösten, dass ich nicht wirklich das Ziel deiner Wut war sondern nur zufällig? Wie schmeichelhaft“, murmelte Yves, doch der Biss war aus seinen Worten gewichen. Vielleicht lag es daran, dass er irgendwie das gefunden hatte, was er heimlich erhofft hatte: nämlich dass William mit der ganzen Sache um Joels Operation nichts zu tun hatte. Oder ob es nur die sanften, kräftigen Hände auf seinen Schultern waren, die aufkeimendes Grübeln erstickten?

„Ich habe doch wirklich alles versucht, um dich loszuwerden, Will, warum hat es nicht geklappt?“, fragte er leise.

„Weil ich das nicht zugelassen habe.“ William ließ die Schultern los und hockte sich neben den Stuhl, so dass er Yves ansehen konnte. „Ich konnte das einfach nicht zulassen. Noch vor gar nicht so langer Zeit, hätte ich auf deine Frage geantwortet, dass ich das nicht zulassen kann, weil ich dich fertig machen will, aber das wäre gelogen gewesen, selbst wenn ich es da geglaubt habe. Ich konnte dich einfach nicht gehen lassen, weil ich dich bei mir haben möchte. Ich möchte dein Freund sein und ich möchte, dass du mich magst, genauso wie ich dich mag. So wie in London.“

Verlegen senkte William seinen Blick, denn Gefühle einzugestehen fiel ihm schwer. So etwas hatte er noch nie gemacht und sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Doch zum Glück ging es seinem Gast nicht besser. Yves hockte versteinert auf dem Stuhl und versuchte zu verstehen. Die heiße Tasse in seinen Händen spürte er kaum. Er schob die Hitze, die ihn durchwanderte auf Williams Worte.

Er mochte ihn - so wie in London.

„Es hat weh getan, William, weißt du das?“, sagte er leise, doch er sah seinen Verlobten dabei nicht an. „Ich habe dich gesucht und deine Stimme gehört. Und dann sagt Robert was von dieser Idee, mich in dich verliebt zu machen. Weißt du, dass dir das geglückt ist, du Mistkerl? Weißt du das eigentlich? Und anstatt zu sagen: 'nein, ich mag ihn, ich will ihn nicht wegwerfen', sagst du nur: 'na so war es ja auch! '. Ich dachte, ich falle ins Bodenlose. Ich war so naiv, dir geglaubt zu haben.“ Warum er das erzählte, wusste Yves nicht, doch es war befreiend, es sagen zu können.

Williams Kopf ruckte hoch und seine Augen blickten ungläubig auf Yves.

Hatte er das jetzt richtig verstanden, Yves hatte sich in ihn verliebt?

Aber wenn ja, war das immer noch so oder hatte er seine Chance vertan?

Da Yves ihn noch immer nicht ansah, nahm er ihm die Tasse aus der Hand und schlang die Arme um ihn. „Es tut mir so Leid, Yves. Bitte verzeih mir“, flüsterte er leise. Wie ein Ertrinkender hielt er sich an Yves fest, der langsam seine Arme um ihn schloss, um ihn festzuhalten. Doch er schwieg. Sein Blick lag auf Williams Haaren, die immer so weich in seiner Hand gewesen waren und so konnte Yves nicht mehr widerstehen und strich langsam durch die schwarzen Strähnen.

Was taten sie hier nur? Das war doch verrückt. Es hatte keine Zukunft, das wussten sie beide. War es nicht besser gewesen, als sich ihre Wege getrennt hatten? Doch das hatten sie ja gar nicht. William hatte es nicht zugelassen.

„Ich habe es gesagt, Yves, nur zu spät“, murmelte William und beruhigte sich langsam wieder. Die streichelnden Finger gaben ihm Sicherheit, darum blickte er auf. „Ich habe alles verkehrt gemacht, das weiß ich jetzt, aber das wird nicht mehr passieren.“ Wieder vergrub er sein Gesicht an Yves' Brust, denn er war immer noch unsicher, wenn er über seine Gefühle redete.

„Die Zeit in London war schön. Noch nie habe ich mich so wohl gefühlt mit einem anderen Menschen an meiner Seite und…“, William vergrub sein Gesicht noch ein wenig mehr, „und ich habe noch nie jemanden so gerne geküsst wie dich.“

Yves grinste schief. Wenn man bedachte, was für einen Verschleiß an Damen der Fraggle hatte, dann war das ja fast ein Kompliment. Das konnte er allerdings so nicht ganz zurückgeben, denn er hatte keine Vergleichsmöglichkeiten. Er wusste nur eines: „Ich fand's auch nicht gerade übel“, musste er zugeben und holte tief Luft.

War er denn noch zu retten? Seinem Geist war völlig klar, dass sein weiteres Leben nur ohne William passieren konnte, weil er sonst immer wieder im Fadenkreuz stand. Doch anstatt ihm zu sagen, dass dies Geschichte war und man diese nicht wiederholen sollte, machte er noch fleißig mit in der Schwelgerei.

Doch was sollte er tun? Die Stunden in London waren wirklich schön gewesen. Es hatte Augenblicke gegeben, auf die er gern bis sehr gern verzichtet hätte, doch die schönen Stunden überwogen. Und das hatte eben hauptsächlich an Williams charmanter Art gelegen und an seinen Zärtlichkeiten. Da gab es leider nichts zu leugnen.

„Nicht übel?“ William hob den Kopf und sah Yves vorwurfsvoll an, aber dann lachte er befreit auf. Das war mehr, als er jemals erhofft hatte und so streckte er sich ein wenig und hauchte Yves einen sanften Kuss auf die Lippen. „Da arbeiten wir noch dran“, lachte er leise und ließ Yves los, damit er wieder aufstehen und sich neben Yves auf einen Stuhl setzen konnte. Er bekam das Lächeln gar nicht mehr aus seinem Gesicht und er musste etwas tun, darum nahm er sich seine Tasse und trank einen Schluck, aber er stellte sie gleich wieder weg und zog Yves an sich.

Jetzt, wo William ihn wiederhatte, konnte er Yves nicht mehr loslassen und der ließ es geschehen. Es hatte ja doch keinen Sinn sich zu wehren, außerdem wollte er das auch gar nicht. Es war schön, für jemanden wichtig zu sein, so wichtig, dass man nicht locker ließ und es war schön gewesen, sich an jemanden lehnen zu können.

„Beschwer dich nicht, ich hatte noch keine Vergleichsmöglichkeit. Vielleicht sollte ich noch rings herum ein paar Erfahrungen sammeln, damit ich dich besser zu würdigen weiß“, grinste er schief und holte tief Luft. „Allerdings dürfte deine Mutter sich etwas Neues ausdenken, um mich von dir fern zu halten. Ich weiß nicht, ob das mit uns eine Zukunft hätte“, gestand Yves leise und schämte sich irgendwie dafür. Seine Augen schlossen sich und sein Kopf sank in den Nacken. Er war fertig, es war ein langer Tag gewesen.

Zuerst hatte William eine flapsige Antwort geben wollen, aber als das Gespräch auf seine Mutter kam, verschloss sich sein Gesicht wieder. „Diese alte Hexe! Ich dachte, ich hätte ihr alle Wege verbaut, dir zu schaden, aber leider habe ich das nicht geschafft.“ Er seufzte und zog Yves' Kopf auf seine Schulter.

„Ich will nicht hören, dass das mit uns keine Zukunft hat und du wirst auch nicht woanders üben. Das brauchst du nämlich nicht, du bist so, wie du bist, perfekt für mich.“ William ließ seine Lippen über Yves' Schläfe streichen und überlegte. Es musste eine Möglichkeit geben, seine Mutter von Yves abzulenken. Er musste sie nur finden.

„So was hat sie auch gesagt“, flüsterte Yves und genoss die zarten Berührungen. Es war wie eine lang gehegte Sehnsucht, die endlich erfüllt wurde. „Sie sagte, du hättest ihr untersagt mir oder den Lees zu schaden, doch von Joel wäre nie die Rede gewesen. Wo wäre es nie die Rede gewesen?“ Yves war nicht dumm, er wusste sehr wohl, dass diese Frau nichts ohne Gegenleistung tat. Was also hatte William verkauft für Yves' Freiheit?

„Als ich in London bei ihr war, während ihr schon ins Billardzimmer gegangen seid, hat sie mich dazu zwingen wollen, unsere Verlobung zu lösen und stattdessen Lauren zu nehmen. Sie hat damit gedroht, dich fertig zu machen und das war keine leere Drohung.“ Allein die Erinnerung daran ließ William vor Wut zittern. Er hatte seine Mutter noch nie so sehr gehasst wie in diesem Moment und das hatte ihm auch den Mut gegeben, ihr die Pistole auf die Brust zu setzen.

„Ich habe ihr gesagt, wenn sie das wagen sollte, werde ich meinen Titel als Herzog zurückgeben. Mein Titel und die Ländereien würden an die Krone zurückfallen.“

„Holla!“ Yves hatte zwar damit gerechnet, dass William nicht kleckerte sondern klotzte, aber dass er so hoch ran ging? „Du wolltest alles wegen mir aufgeben?“, fragte er irritiert und sah William forschend an. „Warum? Warum hast du diese Verlobung nicht einfach gelöst und gut? Ich meine, so ein toller Fang bin ich nun auch wieder nicht, um dafür seine Zukunft wegzuwerfen.“ Und doch konnte Yves nicht leugnen, dass es prickelnde Erregung hervorlockte, zu wissen was man einem anderen wert war.

„Armer Irrer“, lachte er leise und strich William noch einmal durch die langen Haare, weil er dieses Gefühl mochte.

„Nein, ein verliebter, armer Irrer“, sagte William schlicht und damit war eigentlich gesagt, warum er lieber seinen Titel hergab, als die Verlobung zu lösen. Aber nun klopfte ihm das Herz bis zum Hals und er senkte den Blick. Erst jetzt wurde ihm wirklich klar, was er da mit diesen wenigen Worten preisgegeben hatte. Wie würde Yves darauf reagieren? Ohne es zu merken, fing er an zu zittern und klammerte sich fest.

Yves konnte gar nicht ignorieren, wie es ihm ging. „Verliebter, armer Irrer“, sagte er leise und strich William immer noch nachdenklich durch die Haare. Eigentlich war es doch das, was er sich erhofft hatte in den wenigen Augenblicken, in denen er den Kopf frei hatte, doch jetzt wusste Yves nicht, wie er damit umgehen sollte.

„Mir geht's nicht anders, denn sonst wäre ich schon lange gegangen und würde nicht hier sitzen und an etwas festhalten, was uns beiden den Ruin bringen wird.“ Er vergrub seine Nase in Williams Haar und schloss die Augen. Sie liefen sehenden Auges in die Katastrophe und das erste Mal bereute Yves, den Ring einfach zurückgegeben zu haben. Jetzt hätte er ihn gern als Beweis von Williams Worten auf seinem Finger gehabt.

„Yves“, murmelte William leise und endlich fühlte er sich von einer großen Last befreit. Yves liebte ihn! Alles andere wurde nebensächlich und sie fanden eine Lösung, für all die Probleme, die sie hatten. Ganz vorsichtig, fast fragend, legten sich seine Lippen auf die seines Freundes und er seufzte leise. Wie sehr hatte er sich danach gesehnt! Er hatte es verloren geglaubt und darum war es jetzt umso schöner, dass ihm eine zweite Chance gewährt wurde.

Yves ließ sich nicht lange bitten, denn nur zu gut konnte er sich noch an das berauschende Gefühl der weichen Lippen auf den seinen erinnern und er wollte es wieder haben. Sie hatten eine magische Wirkung auf ihn, denn so lange wie sie ihn ablenkten, konnte er aus seiner Realität fliehen. Ein paar Minuten unbeschwert. So zog er auch seine zweite Hand höher und sie gruben sich fest in Williams Haare, aber nicht so fest, dass es Schmerzen gekostet hätte. Lieber lockte er die vorwitzige Zunge eilig zu sich, um ihr zu zeigen, was sie wochenlang nicht gesehen hatte.

Dieser Kuss schien nicht enden zu wollen, immer wieder verschmolzen ihre Lippen miteinander, allerdings hatte er nichts mit der wilden Knutscherei im Flugzeug gemeinsam. Dieser Kuss war zärtlich und voller Liebe, sanft und dazu gedacht, Wunden zu heilen. Nur widerwillig löste William sich von Yves' Lippen und sah ihn an. So wie sie hier saßen, war es unbequem und langsam wurde ihm kalt. Wenn er sich nicht erkälten wollte, sollte er mit den nackten Füßen von den Fliesen kommen.

„Lass uns nach oben gehen. Es ist spät und ich habe Joel versprochen, morgen früh zu eurer Großmutter zu fahren.“ Dass er hoffte, Yves bliebe bei ihm die Nacht, sagte er nicht, denn er wollte ihn nicht unter Druck setzen.

„Das hatte ich auch vor. Ich habe die Termine im Haus - zumindest für den Nachmittag - abgesagt und Doro hat es verstanden.“ Langsam erhob sich Yves und strich sich durch die Haare, unterdrückte dabei das Gähnen. „Du musst nicht fahren, ich kann Joel auch mitnehmen“, erklärte er und war merkwürdig unsicher. Er wusste nicht, ob er Williams Gesten einfach annehmen sollte. Der Gedanke, sich jetzt noch auf den Roller zu schwingen und durch die halbe Stadt zu fahren, war ihm zuwider. So wollte er es William überlassen, ob er ihn vor die Tür setzte oder mit nach oben nahm.

„Ich lasse euch nicht die weite Strecke auf dem Roller fahren, ich fahre euch gerne.“ Damit Yves nicht sofort protestierte, küsste William ihn einfach und legte einen Arm um ihn. „Komm, gehen wir schlafen. Wir sind beide müde.“ Er lächelte und Yves blieb nichts weiter übrig, als ihm zu folgen, wenn er sich nicht von William trennen wollte. „Möchtest du bei Joel schlafen?“, fragte er vorsichtig. „Nur weiß ich nicht, ob seine neue Freundin Socke davon begeistert wäre. Du kommst besser mit zu mir. Nicht dass du morgen vollkommen zerkratzt bist.“ Er hatte flapsig gesprochen, aber seine Augen zeigten seine Unsicherheit und den Wunsch, dass Yves bei ihm bleiben sollte.

„Wer hätte gedacht, dass mein kleiner Bruder noch vor mir eine Freundin findet“, grinste Yves, doch dann wollte er lieber wissen, wer diese Socke eigentlich war. In dem dunklen Zimmer hatte man von der schwarzen Katze nicht sonderlich viel gesehen. Außerdem kam ihm diese Ablenkung sehr zu gute. So konnte er sich einreden, er hätte nicht gemerkt, wie William ihn in sein Schlafzimmer führte. Sie wagten noch einen Blick in Joels Zimmer, aber der Kleine schlief wieder tief und fest.

„Socke ist ein Junges der halbwilden Katzen, die hier leben. Kathy, meine Haushälterin, versorgt sie ein wenig, wenn es zu wenig Mäuse gibt und hat ihnen einen warmen Schlafplatz im Keller eingerichtet. Ich hatte Joel von den Jungen erzählt und so haben wir Socke gefunden. Es war Liebe auf den ersten Blick bei beiden. Sie ist auch eine Schönheit. Ganz schwarz, mit drei weißen Pfötchen und weißer Schwanzspitze.“ William schloss die Tür seines Zimmers hinter ihnen und sah Yves an.

„Ich bin nervös“, sagte er mit einem schiefen Grinsen. Diese Situation war vollkommen neu für ihn und er hatte Angst, dass er Yves verschreckte, weil er nicht wusste, wie weit er gehen durfte.

„Und ich müde“, gab Yves offen zu. Es war ja nicht so, dass er nicht auch das eine oder andere im Kopf hatte, schon allein weil ein vorlauter Kerl wie Robert Ideen in sein Hirn gepflanzt hatte, die dort prächtig gediehen waren. Doch im Augenblick war er nicht bereit dafür. Es war keine Angst oder Unsicherheit, es war schlicht die Tatsache, dass er nicht mehr genug Kraft hatte und einschlafen würde. So wie das letzte Mal auch.

„Dann solltest du besser schlafen.“ William lächelte und küsste Yves kurz, damit er nicht dachte, er wäre enttäuscht. „Ich gebe dir einen Schlafanzug. Was du brauchst, ist im Bad und eine neue Zahnbürste findest du im Schrank rechts neben dem Waschbecken.“ William ging zum Schrank und wollte einen Schlafanzug greifen, nahm dann aber nur eine Hose und drehte sich grinsend um. „Komisch, wo sind denn nur die ganzen Oberteile abgeblieben? Muss es eben ohne gehen“, murmelte er und kam wieder näher.

„Schlimm, wenn man so große Schränke hat, dass alles verloren geht, hm?“, grinste Yves und nahm die Hose an sich. Sein Blick streifte das Bett. Es war ebenso groß wie das in London und Vorfreude machte sich breit, er wusste selber nicht auf was. So hatte er den Abend eigentlich nicht geplant. Grinsend verschwand er im Bad und machte sich frisch, zog sich aus und hopste noch einmal schnell unter die Dusche. Doch schon ein paar Minuten später war er wieder im Zimmer und kam zum Bett.

William saß im Bett und sah Yves entgegen, streckte eine Hand nach ihm aus und hob mit der anderen die Decke an, damit sein Freund darunter schlüpfen konnte. Er war aufgeregt und das überspielte er mit einem Grinsen, als er seinen Blick über Yves' freien Oberkörper streifen ließ. „Komm, hier ist es warm“, lockte er und konnte es kaum erwarten, Yves wieder neben sich zu haben.

„Ach, so hast du dir das gedacht. Mich nur leicht bekleiden und mich dann in deine Lasterhöhle locken. Mit so einem bin ich also verlobt?“ Er schüttelte den Kopf, lachte aber, als er sich auf die Matratze sinken ließ und um William zu zeigen, dass er diese Worte nicht abwertend meinte, küsste er ihn kurz. „Eigentlich bin ich's ja ganz gern“, gab er leise zu und küsste William wieder, um seine Verlegenheit zu überspielen.

Das war doch verrückt!

„Du bist verdammt schlau, da muss ich wohl demnächst vorsichtiger sein. Aber das war auch einer der Gründe, warum ich mich in dich verliebt habe“, lachte William und zog Yves so, dass er sich bei ihm anlehnen konnte. „Ich bin auch gerne mit dir verlobt, aber ich finde, der Ring, den ich dir gegeben habe, ist nicht mehr zeitgemäß. Er ist ein wenig protzig.“ William fasste unter das Kissen und holte die kleine Schachtel hervor, die er schon seit Wochen mit sich rumschleppte. Er öffnete sie und hielt sie Yves hin. „Ich denke, diese hier sind als Verlobungsringe besser geeignet.“

Yves, der eben noch etwas Freches erwidern wollte, schluckte alles hinunter und starrte auf die beiden schlichten Silberringe in der Schatulle. Er konnte davon ausgehen, dass jemand wie William sich mit Silber nicht zufrieden gab und das ganz bestimmt Weißgold oder gar Platin war. „Das“, setzte Yves an, ohne zu wissen, was er eigentlich sagen wollte. Er starrte nur auf die einfachen Ringe. Vielleicht einen halben Zentimeter breit und mit einem klassisch schlichten Band in der Gravur verziert. Sein Herz schlug immer schneller und die Aufregung wuchs.

William wurde nervös, weil er Yves' Reaktion nicht einschätzen konnte. Er nahm den Ring für Yves aus der Schachtel. „Ich liebe dich“, sagte er leise und lächelte schief. „Ich habe so viel falsch gemacht und das hier möchte ich unbedingt richtig machen. Ich habe diese Ringe gekauft, weil ich gehofft hatte, dass wir noch einmal von vorne anfangen können, wenn ich ihn dir anstecke. Offiziell sind wir seit London verlobt, aber in meinem Herzen erst, wenn du diesen Ring annimmst.“

„Erpressung“, murmelte Yves, aber nur ganz leise, weil er das eigentlich, so wie es klang, nicht meinte. Doch er streckte seine Hand aus und konnte nicht verhindern, dass seine Finger zitterten. Er war unglaublich nervös, ohne genau zu wissen warum. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und die Anspannung zerriss ihn fast.

Eigentlich war er hier her gekommen, um William zu sagen, er möge sich aus seinem Leben raushalten - nun war er dabei, die Verlobung zu erneuern.

Verrückte Welt!

Williams Hand zitterte nicht weniger, als er den Ring über Yves' Finger streifte. Er passte perfekt und William hob die Hand an und küsste den Ring. Erst dann hielt er seine Hand hin, damit Yves ihm ebenfalls den Ring überstreifen konnte. Unsicher nahm Yves den Ring aus der Schatulle und ließ ihn kurz in seiner Hand liegen. Es war Irrsinn, was sie hier taten - doch das Gefühl, was ihn dabei umgab, war schön. Ein anderes Wort fiel Yves einfach nicht ein. So schob er William den Ring auf den Finger und strich mit seinem Daumen darüber, suchte aber mit seinen Lippen Williams. Er wollte ihn spüren und wissen, dass sie das Richtige taten.

Erleichtert und glücklich ließ William sich nach hinten fallen und zog Yves mit sich, bis sein Verlobter auf ihm lag. Immer wieder fanden ihre Lippen zu zärtlichen Küssen zueinander. Er wollte heute nicht mehr darüber nachdenken, wie sie aus ihrem Schlamassel wieder heraus kamen, sondern einfach genießen, dass Yves bei ihm war. Fast schüchtern strichen seine Finger über den kräftigen Rücken und schließlich legte er die Arme fest um Yves.

„Lass uns schlafen, Fraggle“, sagte Yves leise. Sein Kopf lag schon auf Williams Schulter. „Morgen sehen wir alles etwas klarer.“ Wieder unterdrückte er das Gähnen und auch wenn sein Puls noch immer heftig gegen die Wände seiner Adern schlug, so konnte er sich gegen die Müdigkeit nicht mehr wehren. Eine seiner Hände strich nachlässig über Williams Seite und wurde dabei immer träger.

„Ja, lass uns schlafen, kleine Straßenratte“, lachte William leise und küsste Yves gleich zur Entschuldigung auf die Stirn. Er streichelte ihn so lange, bis er selber müde wurde und er Yves fest an sich haltend einschlief. Das erste Mal seit Wochen ruhig und ohne Alpträume.



+++



„Boss, langsam wird es eng um die Turner-Jungs. Die Großmutter hatte einen Infarkt und liegt im Krankenhaus. Die Finanzen werden Yves' möglichen Rahmen sprengen. Außerdem hat eine gewisse Kendal dafür gesorgt, dass kein Arzt, der an seinem Job hängt, Joel operieren wird und die Zeit läuft ihm weg. Unsere Männer berichten, dass diese Frau alles über Yves wissen wollte. Langsam sollten wir handeln...

Ja, das halte ich auch für das Beste...

Gut, ich werde ihre Ankunft in New York vorbereiten.“

Er legte auf und steckte das Handy weg. Die nächsten Stunden würde sich auf dem Anwesen nichts tun, aber Hirose musste handeln.


35

Bedingt durch die kurzen Nächte der letzten Tage schlief Yves auch heute nicht besonders lange. Doch das Gefühl beim Aufwachen war ein anderes. Sein erster Blick fiel auf seine Hand, die neben seinem Gesicht auf Williams Brust lag und er betrachtete den Ring eine Weile. Er hatte das heute Morgen nicht geträumt, William hatte ihm wirklich gesagt, dass er ihn liebte und allein der Gedanke daran, ließ es warm in seinem Bauch werden. So drehte Yves den Kopf ein wenig und küsste William auf die nackte Brust. „Ich glaube, ich liebe dich auch“, murmelte er und schloss die Augen wieder. Joel schlief sicher auch noch.

„Das ist schön, Liebling“, sagte William leise. Er war schon ein paar Minuten wach, hatte sich aber nicht gerührt, weil er Yves nicht wecken wollte. Nun strich er ihm über den Rücken und küsste ihn auf die Stirn, weil er sonst nichts von seinem Freund erreichen konnte. „Gut geschlafen? Ich auf jeden Fall und das Aufwachen war noch schöner.“

„Hey, mich einfach belauschen“, lachte Yves und schüttelte sacht den Kopf, griff sich dabei aber eine von Williams langen Strähnen. Er streckte sich ein bisschen und robbte noch etwas weiter auf William, denn der drahtige Körper unter seinem fühlte sich gut an. „Vor ein paar Stunden wollte ich dir noch den Hals umdrehen“, sagte er lachend und küsste sich langsam über die Brust und den Hals, „gut, dass ich das dann doch nicht gemacht habe.“

„Ja, da bin ich dir wirklich sehr dankbar für, denn sonst hätte ich das Problem, dass ich dich nicht mehr küssen kann und das geht gar nicht.“ William lachte leise und seufzte, weil die Lippen auf seiner Haut sich einfach fantastisch anfühlten. Besonders, weil es das erste Mal war, dass Yves das machte. Darum schloss er seine Augen und fuhr mit den Fingern in das helle Haar, damit sein Freund auch ja nicht auf die Idee kam, wieder aufzuhören.

„Ja, ich muss zugeben, es wäre ein Verlust gewesen, auf deine Küsse verzichten zu müssen. Wie du weißt, waren die nicht so übel“, murmelte Yves und hatte selber nicht mehr die Geduld, sich bis zu Williams Lippen vorzuarbeiten. Er legte einfach seine auf die seines Verlobten und stahl sich einen Kuss. Dabei gönnte er sich noch ein paar kurze Augenblicke nur für sich, um Joel und seine Granny konnte er sich auch in ein paar Minuten Gedanken machen. Er wollte für ein paar Augenblicke sehr egoistisch sein.

William machte ihm das auch leicht, denn er ließ Yves' Lippen einfach nicht gehen und fing sie immer wieder ein. Seine Hände strichen über den kräftigen Rücken und legten sich schließlich auf den festen Hintern. Zu gut konnte er sich noch an das Gefühl erinnern, als er ihn das erste Mal unter seinen Fingern gespürt hatte. Dieses Gefühl wollte er wieder haben. Viel zu lange hatte er darauf verzichten müssen.

„Was ist das?“, keuchte Yves zwischen zwei Küssen immer wieder gegen Williams Lippen. „Ich muss dich nur küssen und alles andere wird banal. Es interessiert mich nicht mehr. Mein Kopf ist wie Zuckerwatte.“ Und es war herrlich, den Kopf endlich wieder frei zu haben, so wie in London. Es war keine Absicht, dass eines seiner Beine zwischen Williams rutschte, doch das Gefühl, was ihn dann durchflutete, war unbeschreiblich und ließ ihn stöhnen.

„Yves“, keuchte William und seine Hände griffen automatisch fester zu und drängten Yves so noch näher an seinen Schoß. Wie ein Stromstoß jagte es durch seinen Körper, auch wenn es schön war, sich von Yves erkunden zu lassen, konnte er nicht mehr still liegen. Mit etwas Schwung brachte er Yves unter sich und küsste ihn hungrig. „Ich liebe dich“, flüsterte er zwischen den Küssen und genoss, wie ihre Körper sich immer mehr aufheizten.

„Ich“, setzte Yves immer wieder an, doch er wollte nicht reden, er wollte William küssen. Gierig und ausgehungert. Sein Atem wurde schneller, ihm wurde heiß und er hatte das Gefühl zu explodieren, wenn nicht gleich etwas geschah - was war nur mit ihm los? William warf ihn völlig aus der Bahn. Seine Finger gruben sich fest in dessen Hintern und es war Reflex, dass er seine Beine öffnete und William dazwischen sinken ließ. Er hörte nicht einmal mehr, wie an die Tür geklopft wurde, denn das Blut rauschte in seinen Ohren.

„William?“ Joel suchte seinen neuen Freund und öffnete die Tür. „Will, geht es dir nicht gut? Hast du husten? Du keuchst ja so“, fragte der Kleine besorgt.

William zuckte zusammen und rutschte fast von Yves, so hatte er sich erschrocken. „Joel“, japste er atemlos und musste sich räuspern, damit er weiterreden konnte. „Nein, alles okay, komm ruhig rein. Ich habe mich gerade mit deinem Bruder unterhalten.“ Er grinste entschuldigend zu Yves und küsste ihn noch einmal schnell, dann ließ er sich neben seinen Verlobten gleiten. „Komm zu uns. Du musst nur einfach geradeaus gehen, dann kommst du genau zum Bett.“

„Yves ist hier? In deinem Bett?“, fragte Joel überrascht und drückte schon wieder Socke an sich, die es ziemlich zu genießen schien, nicht laufen zu müssen. Da störte es sie auch nicht, dass sie ein bisschen unsanft gehalten wurde. „Ich habe euch gar nicht reden hören, nur keuchen. Ich dachte, du hast dich erkältet“, sagte Joel ganz aufgeregt und beeilte sich, zu Yves zu kommen, der seinem Kleinen einen guten Morgen wünschte und versuchte, seinen Puls wieder zu drosseln.

„Nein, Kleiner, uns geht es sehr gut. Hast du gut geschlafen?“ William zog Joel ins Bett und streichelte Socke, die keine Anstalten machte, sich von ihrem neuen Freund zu trennen. Das war wirklich ungewöhnlich, denn normalerweise waren die Katzen hier nicht so anhänglich. So saß der Kleine zwischen ihnen und hinter seinem Rücken griff sich William Yves' Hand. Sein Verlobter lächelte ihn an, strich seinem kleinen Bruder aber dabei durch die Haare.

„Na, kleine Maus“, flüsterte er, als er seine Nase durch Joels Haare wuscheln ließ. Der erzählte schon, wie gut er geschlafen hätte und wie doof er es gefunden hätte, heute Nacht geweckt worden zu sein und wie Socke vorhin verschwunden war, sicher weil sie mal gemusst hatte.

„Sie hat dich wirklich gerne, wenn sie danach wieder gekommen ist.“ Es war irgendwie komisch hier zu sitzen, sich mit Joel zu unterhalten und dabei über Yves' Finger zu streicheln. „Hast du Hunger? Wenn ihr möchtet, hole ich was hoch und wir essen alle im Bett. So richtig gemütlich.“ William wollte noch nicht aufstehen, denn dann hatte er Yves nicht mehr für sich alleine.

„Au ja“, kicherte Joel und sah sich zu seinem Bruder um. Er wusste ja, wo der saß. „Im Bett essen.“ Das durfte er nämlich eigentlich nicht und schon deswegen war er von der Idee begeistert, während Yves leise seufzte. Doch wer konnte Joel schon etwas abschlagen?

„Aber erst wird geduscht“, forderte Yves, denn ganz wollte er sich nicht geschlagen geben.

„Och, komm großer Bruder, das ist doch Verschwendung. Wenn wir mit dem Essen fertig sind, müssen wir sowieso duschen.“ William versuchte Joels Bettelblick nachzumachen. „Bitte, bitte“, machte er leise und schickte Yves einen lautlosen Kuss. „Möchtest du Tee oder lieber Kaffee?“

„Ich glaube, heute nehme ich mal Kaffee, obwohl, das macht mich noch...“, murmelte Yves und streckte sich ein wenig, ließ Williams Hand dabei aber nicht los.

„Warum seid ihr eigentlich plötzlich so vertraut?“, fragte Joel neugierig in die Runde, während er mit Socke kämpfte. „Yves, William hat gesagt, dass du ihn nicht magst und nun bist du in seinem Schlafzimmer. Ich glaube, ihr veralbert mich“, vermutete er, weil er sich keinen richtigen Reim darauf machen konnte.

„Nein, Joel, wir veralbern dich nicht. Bis heute Nacht war es genau so, wie ich es dir gesagt habe. Dein Bruder und ich haben uns ausgesprochen und nun das, was zwischen uns war, bereinigt und das verdanken wir dir.“ William zog Joel an sich und küsste ihn auf die Stirn. Da Socke gerade beschlossen hatte, sich das Bett genauer anzusehen, kitzelte er Joel ein wenig und lachte ausgelassen dabei.

„Was hab ich denn gemacht?“, wollte er wissen, quietschte aber nur noch und Yves zog sich etwas zurück. Er hatte Joel schon lange nicht mehr so aufgeweckt erlebt. Die kleine Katze und William hatten ein kleines Wunder bewirkt. Er hatte schon Sorge gehabt, dass die Krankheit ihrer Großmutter dem Kleinen geradezu die Lebensgeister rauben würde, doch William lenkte ihn liebevoll ab. Wenn er nur wollte, konnte der Fraggle ein toller Mann sein. Verliebt strich Yves über den Ring auf seinem Finger.

„Du hast deinem Bruder gesagt, dass ich ein netter Kerl bin und da er weiß, dass du immer Recht hast, musste er es glauben.“ William ließ Joel zu Atem kommen und legte die Arme um ihn. „Dein Bruder ist auch toll“, flüsterte er ihm ins Ohr. „Aber das sagen wir ihm lieber nicht, sonst wird er noch eingebildet.“ William kicherte albern. Er fühlte sich einfach toll und so küsste er Yves ohne weiter nachzudenken und zog ihn an sich.

„Gut, sagen wir es ihm nicht“, stimmte Joel japsend in die Verschwörung mit ein und lachte ausgelassen.

„Man, ihr beiden habt euch auch gesucht und gefunden, hä? Sich einfach gegen mich zu verschwören.“ Zur Strafe bekam Joel einen kleinen Klaps und William bekam keinen Kuss mehr. Das hatten die beiden jetzt davon. Und damit Yves nicht rückfällig wurde, erhob er sich und wollte ins Bad, die Natur verlangte ihr Recht.

„Och“, machte William und strich Socke über den Rücken, die sich neben Joel gelegt hatte. Am liebsten wäre er Yves hinterher gegangen, aber er musste sich beherrschen. Noch hatte Joel nicht mitbekommen, wie es zwischen ihnen stand. „Ich hole Essen. Yves ist ja gleich wieder da. Tee oder Kakao?“

„Kakao“, verlangte Joel zufrieden und tastete nach der Decke, um sich und seine kleine Freundin darinnen einzuwickeln.

Yves im Bad hatte ähnliche Gedanken wie sein Verlobter. Wie sollte es eigentlich weiter gehen? Ihm wäre es das liebste, sie würden so weiter machen wie bisher und sich offiziell aus dem Weg gehen. Das würde vielleicht seine Schwiegermutter in spe wieder etwas von ihm abbringen, wenn sie bemerkte, dass Yves sich an die Abmachung hielt und jetzt wusste William ja auch, was auf dem Spiel stand.

Ebenso in der Schule. Wenn William plötzlich anfing ihn zu protegieren, würden die Speichellecker vor Neid glühen und in ihren kleinen, kranken Hirnen Ärger ersinnen. Ärger, den er zusätzlich nicht auch noch haben wollte. Es war wirklich nicht der leichteste Weg, den sie sich ausgesucht hatten. Yves seufzte und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Gestern hatte er die Linsen entsorgt und keine neuen bei sich. Selbst wenn er wollte, er könnte gar nicht mit dem Roller nach Hause fahren, denn die Brille hatte er auch nicht dabei. Nachlässig, wenn er so darüber nachdachte.

William bereitete mit Kathy zusammen in der Küche ein opulentes Frühstück vor. Sie hatte ihn nicht gefragt, was in der Nacht geschehen war, aber William hatte ihr von sich aus erzählt, dass alles in Ordnung war und es beiden Brüdern gut ging. Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber immer wieder stahl sich ein glückliches Lächeln auf seine Lippen und Kathy konnte sich denken, was es zu bedeuten hatte. Darum legte sie auf das Tablett noch eine Rose, die sie aus dem Gewächshaus geholt hatte und William wurde rot, nahm sie aber auch nicht weg.

„Danke“, sagte er lächelnd und balancierte das Tablett vorsichtig die Treppe hinauf.

Aus seinem Zimmer konnte er Lachen hören, denn Yves war aus dem Bad zurück und jagte seinen kleinen Bruder quer durch das Bett, der nur noch quietschen und kichern konnte. Es war fast, als wären ihre Sorgen mal eine Runde um den Block gegangen und ließen die Brüder verschnaufen.

„Kakao!“ Joel war der erste, der William mit dem Tablett entdeckte und schnupperte weiter, ob er noch mehr erkennen konnte. Seine Sinne hatten sich geschärft, seit das Augenlicht nachgelassen hatte. „Lecker! Rührei und Brötchen!“

Auch Yves sah sich nach seinem Verlobten um und lächelte ihm zu.

„Dir kann man aber auch nichts verheimlichen.“ William trug das Tablett näher und stellte es auf dem Bett ab. „Wir haben von Kathy die Erlaubnis zu kleckern“, erklärte er, damit Joel sich keine Sorgen machte, wenn etwas daneben ging. Für Socke gab es auch Frühstück, die genau wie Joel eben schnupperte. Allerdings kamen ihre Schälchen auf den Boden. „Wenn du fertig bist, darfst du wieder ins Bett“, erklärte ihr William und setzte sie auf den Boden. Doch das war der Katze ziemlich egal. Sie hatte schon das Schnäuzchen im Futternapf.

„Ui, kleckern“, sagte Joel ehrfürchtig und orientierte sich kurz, damit er William oder dem Frühstück nicht im Weg saß. Schnell hockte er sich neben seinen Bruder und wartete, bis der ihm etwas in die Hand gab. Hier gefiel es ihm sehr gut und gern würde er bleiben, wäre da nicht seine Schule.

„Nur weil du es darfst, heißt das nicht, dass du es musst“, revidierte Yves gleich das uneingeschränkte Kleckerdekret und richtete auf einem Teller eilig Rührei und Chilisoße her. Schnell war Joel eingewiesen, dann konnte sich Yves auch um sein leibliches Wohl kümmern, doch das bestand in erster Linie daraus, William dichter zu sich zu ziehen und ihn sanft zu küssen - einfach nur, weil ihm gerade danach war und Joel mit Essen beschäftigt war.

Das war ein Morgen, wie William ihn gerne öfter hätte, aber das blieb wohl erst einmal Wunschdenken, darum musste er diesen hier genießen, solange es ging. Sanft streichelte er Yves über die Wange und überreichte ihm die Rose. Das war absolut kitschig, aber heute fand William das genau passend. Ein schneller Blick zu Joel, der sie nicht beachtete und William zog Yves vor sich, so dass der sich mit dem Rücken bei ihm anlehnen konnte. So konnten sie beide essen und noch ein wenig Nähe tanken.

„Für mich?“, fragte Yves etwas perplex. Ihm hatte man noch nie Blumen geschenkt und so war das etwas völlig Neues. „Danke“, sagte er leise und drehte seinen Kopf so, dass er William auf den Hals küssen konnte.

„Was ist für dich?“, krähte Joel, er hatte eben doch viel zu gute Ohren und Yves beeilte sich zu erklären, dass William ihm einen Kaffee gemacht hatte. Vielleicht war es nicht fair, Joel zu belügen, doch im Augenblick war es das Beste, wenn keiner - wirklich keiner - wusste, was sie heimlich teilten.

William seufzte lautlos und legte seinen Kopf auf Yves' Schulter. Es war so schwer, denn am liebsten hätte er jedem gezeigt, wie glücklich er war. Er zog seine Arme um Yves kurz etwas enger und machte dann einen Teller fertig und gab ihn Yves. Sie sollten essen, denn sonst kam ihnen Joel drauf. Der Kleine hatte Sinne wie ein Luchs.

So gönnten sie sich ein reichhaltiges Frühstück. Es war alles etwas ungewohnt für Yves. Einfach nur zu sitzen, sich Zeit zu nehmen und zu essen war eigentlich gar nicht seine Art. Er aß zwischen Tür und Angel, sonst war er arbeiten. Und nur weil er mit einem reichen Mann verlobt war, hieß das noch lange nicht, dass sich daran im Laufe der nächsten Zeit etwas ändern würde. Yves war niemand, der sich aushalten ließ, auch nicht von William - oder gerade nicht von William. Er mochte ihn, weil er nett sein konnte, nicht weil er reich war.

„Ich muss mit dem Arzt reden, wie es um Granny steht. Wenn sie länger liegen muss, wird das was kosten und außerdem brauche ich eine neue Schule für Joel. Jeden Tag fahren kann ich nicht. Ich muss auch zur Schule und arbeiten. Am besten wäre etwas in der Nähe“, überlegte Yves leise.

„Lass dir Zeit“, murmelte Joel in seinen Kakao und William musste grinsen. Da war jemand aber nicht sehr scharf auf Schule.

„Kümmere dich um deine Großmutter, ich höre mich nach einer Schule für Joel um“, bot er an. So konnte er wenigstens ein wenig an Yves' Leben teilhaben, auch wenn er das heimlich machen musste. „Am besten wäre etwas in der Nähe unserer Schule, dann kannst du ihn morgens mitnehmen.“

„Ja, das wäre perfekt, aber es gibt nicht so viele Schulen, die für Blinde geeignet sind“, überlegte Yves. Vielleicht konnte ihm auch die Direktorin der aktuellen Schule in Maplewood helfen. Sicherlich hatte sie Kontakte zu anderen. Mehr Sorgen machten ihm die Krankenhaus-Rechnungen. Er bekam nicht einmal genügend Geld zusammen, um die Schule zu bezahlen, da war an das und an die Operation gar nicht zu denken. Es war zum aus der Haut fahren. Yves seufzte und strich sich durch die Haare, sie hingen ihm wild ins Gesicht, weil sie heute noch nicht gestylt worden waren.

Seine Sorgen waren ihm anzusehen, darum zog William ihn wieder an sich. „Wir schaffen das“, murmelte er leise und sah Yves an. Er bot ihm sein Geld nicht an, weil er seinen Freund nicht in die Verlegenheit bringen wollte, es abzulehnen. Er hoffte wirklich, dass die kleine Scharade, die er mit dem Krankenhaus vorhatte, funktionierte, denn dann hatte Yves eine Sorge weniger. „Wir fahren gleich ins Krankenhaus und besprechen das alles mit dem Arzt.“

„Ja, ich werd sehen, was sich da machen lässt.“ Yves musste eine Ratenzahlung vereinbaren, die er auch abzahlen konnte. Vom Direktor seiner Schule hatte er schon die Zusage, dass Ratenzahlung möglich war. Nur blieb nun wieder kein Geld für Joel übrig. Ewig konnte das so nicht weiter gehen. Vielleicht sollte er doch nach einem Kredit fragen, denn Joels Augen wurden nicht besser. Chen hatte es ihm angeboten - ein zinsloses Darlehen. Nun kam er wohl nicht mehr darum herum. Nachdenklich wuschelte seine Hand durch Joels Haare.

William sah die beiden Brüder an. Das war so verzwickt. Er konnte helfen, ohne dass es für ihn ein großer Aufwand war, aber das kam nicht in Frage. Einmal mehr musste der junge Herzog feststellen, dass Geld nicht alles regeln konnte, aber es war bewundernswert, wie Yves sich durch das Leben kämpfte. „Ich liebe dich“, flüsterte er ganz leise, weil er das einfach loswerden musste.

„Ich dich auch“, entgegnete Yves lächelnd und wunderte sich, wie leicht ihm das über die Lippen kam. Seine Hand strich über Williams Wange, dann stahl er sich doch lieber noch einen Kuss, der ihn seine Probleme vergessen ließ - für ein paar verlogene Augenblicke.

„Wir sollten duschen, wenn wir dann los wollen“, sagte er leise und nahm sich sein belegtes Brötchen.

„Erst aufessen, dann duschen.“ William wollte sich nicht hetzen lassen, denn sobald sie dieses Bett verließen, hatte der Alltag sie wieder und er musste Yves hergeben. Aber allzu lange konnte er das nicht hinauszögern. Irgendwann war der letzte Krümel gegessen und die Tassen leer.

„Brauchst du noch etwas zum Anziehen?“, fragte er Yves und hoffte, dass der ja sagte, denn dann konnte er mit ihm kurz in seinem Kleiderzimmer verschwinden und hatte ihn für ein paar Augenblicke für sich alleine. Zum Glück sah man ihm seine leicht beschmutzten Gedanken auch an und so erklärte Yves, dass er nichts zum Wechseln dabei hätte und vielleicht zumindest Unterwäsche nicht verkehrt wäre. Dabei grinste er, um seinem Verlobten klar zu machen, dass er ihn ziemlich durchschaut hatte.

„Ich stelle nur schnell Joel unter die Dusche. Wenn er sich hier nicht auskennt, wird das ziemlich schwierig für ihn werden“, erklärte Yves, warum er sich doch erhob und Joel mit sich zog. „Was denn? Du willst auch unter die Dusche?“, fragte er Socke, die den Brüdern folgte wie ein Hund und weil sie wohl nicht wusste, was eine Dusche war, ließ sie sich nicht abhalten.

„Ja, mach das. Ich dusche auch gleich, dann sind wir zusammen fertig.“ William konnte gar nicht anders, als breit zu grinsen. Er ließ sich nach hinten fallen und lachte leise. Ihm ging es einfach nur gut. Aber lange blieb er nicht so. Er packte das Tablett und brachte es hinunter in die Küche, flitzte wieder hoch und ging gleich ins Bad. Leise vor sich hinsummend stellte er sich unter das warme Wasser und ließ sich berieseln.

Nebenan in Joels Zimmer lief es ähnlich. Die Turner-Jungs richteten sich her. Yves musste immer mal die Augen zusammen kneifen, weil er ohne seine Brille oder die Linsen nicht so gut sah, doch es reichte für das nötigste. Joel hatte sich aus seiner Tasche schon Klamotten gesucht und erklärte Socke nun, dass man sie nicht mit ins Krankenhaus nehmen könnte, er aber ganz bestimmt zu ihr zurückkam. Irgendwie war es für ihn klar, dass er hier wohnen blieb. Das gefiel Yves allerdings gar nicht.

Mit einem Handtuch um die Hüften, weil er vergessen hatte mit William im Schrank zu verschwinden, setzte er sich auf das Bett. „Joel, du kannst hier nicht bleiben“, sagte er leise und hoffte auf Verständnis.

„Warum nicht? William hätte bestimmt nichts dagegen und ich kann Socke doch nicht alleine lassen.“ Joel wirkte enttäuscht, als er sich zu seinem Bruder umwandte. Es gefiel ihm hier. Alle waren nett und er wollte doch noch mehr von der Geschichte hören, die William ihm vorgelesen hatte und auch Musik hören. Das war schön gewesen.

„Sicher hätte Will nichts dagegen, aber es geht nun einmal nicht. Außerdem haben sich Ling und Chen auf dich gefreut. Sie sind traurig, wenn du nicht kommst“, versuchte er seinen Trumpf und hoffte, dass er Joel nicht genauer erklären musste, warum der nicht bleiben konnte. „Na und für Socke finden wir sicher auch eine Lösung.“

In Joel kämpfte es, dass sah man daran, wie er an seiner Unterlippe knabberte. Er war gerne bei den Lees. Er liebte es, in deren Küche zu sitzen und mit Chen über Suppenrezepte zu plaudern und sich von Ling verwöhnen zu lassen. „Können wir Will und Socke besuchen kommen?“, fragte er hoffnungsvoll und zeigte damit an, dass er sich entschieden hatte.

„Natürlich“, sagte Yves, doch so natürlich war das gar nicht und er sah an Joels Gesicht, dass er das sehr wohl bemerkt hatte. „Du wirst deine Socke nicht verlassen müssen“, sagte Yves entschlossen. Vielleicht konnte er mit William etwas vereinbaren, dass er die Katze mitbrachte, wenn er zum Training in den Dojo kam. So wuschelte er seinem kleinen Bruder durch die Haare und erhob sich, strich Socke noch einmal über den Rücken und ging langsam aus dem Zimmer. Gelinde gesagt, fühlte er sich beschissen.

„Was ist los?“ William hatte nach den Brüdern sehen wollen und zog Yves in sein Zimmer, damit sie ungestört reden konnten. Gerade war sein Schatz noch relativ fröhlich und guter Dinge gewesen, aber jetzt wirkte er traurig. Darum zog er ihn einfach an sich und hielt ihn fest.

„Joel würde gern hier bleiben, aber das geht nicht. Das weißt du so gut wie ich“, sagte Yves leise und lehnte sich gegen seinen Verlobten. „Vielleicht kannst du ihn ja ab und an besuchen, wenn du im Dojo bist? Und die Katze mitbringen. Er hängt wohl ziemlich an dem Fellbündel.“ Das lief alles ziemlich bescheiden und am liebsten würde Yves jetzt aus diesem Alptraum aufwachen. Warum konnte nicht auch sein Leben endlich in einfachen Bahnen laufen? Warum immer wieder diese Steine? War das denn fair?

„Ja, sicher kann ich ihn besuchen und Socke kann er mitnehmen, wenn er möchte und die Lees es erlauben. Ansonsten bringe ich sie ihm so oft vorbei, wie es geht.“ William fühlte sich ziemlich mies, denn alles, was jetzt passierte, kam nur daher, dass er großen Mist gebaut hatte und nun musste nicht nur Yves, sondern auch noch Joel darunter leiden. „Wie kannst du mich mögen? Ich bringe dir nichts als Ärger.“

„Du bringst nicht nur Ärger, Schatz“, sagte Yves leise und wurde rot dabei. Er spürte die Hitze auf seinen Wangen. „Dass du schlauer bist als ich, dafür kannst du nichts. Und dass Granny krank ist, dafür kannst du auch nichts. Also rede nicht solchen Mist.“ Yves stahl sich noch einen Kuss, dann sah er William forschend an. „Und wenn du mir jetzt noch eine Unterhose geben kannst, liebe ich dich noch mehr.“ Er grinste frech, um William wieder aufzuheitern. Es reichte, wenn einer von ihnen nachdenklich war.

„Und wenn ich dir noch Socken und einen Pullover gebe?“ William grinste schief und drückte Yves einmal fest. Die Worte hatten ihm gut getan. Sie mussten nachher unbedingt miteinander reden, am besten allein. Es gab noch so viel zu regeln. Aber jetzt wollte er daran nicht denken. Er nahm Yves an die Hand und zog ihn zu seinem begehbaren Schrank. „Was mein ist, sei auch dein. Such dir aus, was dir gefällt und ich werde dich beraten.“

„Such mir etwas aus, was du an mir sehen willst“, schlug Yves vor, denn Williams Blicke, die ihn von oben bis unten genießend musterten, waren ihm nicht entgangen. Und so wollte er seinem Verlobten die Möglichkeit geben, ihn so zu sehen, wie er das gern wollte. Sein Blick blieb wieder an den Waffen an der Wand hängen und für kurze Augenblicke bekam er einen verklärten Blick. Oh, dafür war jetzt keine Zeit. Wenn sie aus Maplewood zurückkamen, musste er zur Arbeit. Die Zeit saß ihm im Nacken.

„Nackt lass ich dich nicht auf die Straße“, lachte William und strich Yves über die Brust und seufzte leise. Es war wirklich Verschwendung, diesen herrlichen Körper zu bedecken. Unvermittelt beugte er sich vor und verwickelte seinen Verlobten in einen hungrigen Kuss. Das war für heute wahrscheinlich die letzte Gelegenheit dazu. Seine Hände fuhren unter das Handtuch und legten sich auf den straffen Hintern. So drückte er Yves fester gegen sich und entlockte ihm ein heiseres Stöhnen.

„Wäre... zu kalt“, nuschelte Yves in den Kuss und seine Arme schlangen sich fest um Williams Nacken. Das war doch langsam nicht mehr normal. Sie mussten sich nur berühren und alles ging um sie herum in Flammen auf.

Das war der Wahnsinn!

„Keine Zeit... muss noch arbeiten“, murmelte er, auch wenn er sich eigentlich nicht bewegen wollte. Doch die Zeit drängte.

„Ganz kurz, bitte.“ William konnte Yves jetzt einfach nicht loslassen. Er dehnte den Kuss noch ein wenig aus, löste sich dann aber doch, weil es sonst kein Zurück mehr gegeben hätte. Schwer atmend und mit glänzenden Augen sah er Yves an. „Ich weiß nicht, wie ich das aushalten soll. Ich will dich, mehr als alles andere vorher.“ Er lehnte seine Stirn an Yves' und versuchte sich zu beruhigen, aber so klappte das nicht, denn der Geruch seines Verlobten vernebelte ihm die Sinne.

„Unterhose, Socken, Pullover“, murmelte er und riss sich los. Er musste sich ablenken, darum ging er los und holte, was Yves brauchte. Sein Verlobter sah ihm hinterher und er wusste nicht, was er sagen sollte. William wollte mehr als nur Küsse und die Art, wie er Yves anfasste, machte das auch klar. Doch wollte Yves das auch? Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Gestern um diese Zeit hatte er noch nicht einmal gewusst, dass er William als Freund wirklich haben wollte. Das ging ihm zu schnell, doch er wagte nicht, das zu sagen. Wie sah das denn aus? Fast achtzehn Jahre und noch keine Erfahrungen? Schlimmer noch: Angst vor dem, was kommen würde, denn über schwulen Sex hatte er schon einiges gehört, was ihm ganz bestimmt nicht gefallen hatte.

William ging durch den Raum und suchte zusammen, was Yves brauchte. Dazu kam noch ein Shirt, denn langsam wurde es draußen richtig kalt. Der Herbst war nicht mehr aufzuhalten. Mit seinem Lieblingspullover kam er zu Yves zurück und lächelte. „Zieh dich an, Schatz. Wir treffen uns unten. Ich hole den Wagen. Müssen wir noch wo hin, bevor wir ins Krankenhaus fahren?“

„Ich hab momentan weder Brille noch Linsen. Vielleicht könnten wir kurz am 'Haus der Sinne' halten, das liegt auf dem Weg. Dort habe ich noch eine Packung Linsen“, überlegte Yves, denn den ganzen Tag nicht richtig sehen zu können, machte garantiert Kopfschmerzen, weil die Augen ununterbrochen zu fokussieren versuchten. Das war nicht gut, schon gar nicht, wenn er noch einen langen Tag vor sich hatte.

„Okay, machen wir das so.“ William zog Yves noch einmal an sich und küsste ihn. Doch weil sie los mussten, dehnte er den Kuss nicht aus. Aber trotzdem strich er seinem Freund noch einmal zärtlich über die Brust, dann riss er sich los und lief nach unten. Heute konnte er nicht seinen geliebten Bugatti nehmen, da passten sie nicht alle hinein. Also musste er den Maybach aus der Garage holen. Doch was nahm man nicht alles auf sich, um seinen Liebsten glücklich zu machen?

Eilig zog Yves sich an und sammelte dann Joel ein. Der hatte schon wieder Socke auf dem Arm und beschmuste sie mit Leidenschaft und Hingabe. Es tat weh, ihm sagen zu müssen, dass er die Katze jetzt da lassen musste. „Na komm, Kleiner, wir wollen los.“ Er nahm die Tasche und griff mit der anderen Hand die Hand seines Bruders, um ihn zu führen.

Man sah Joel an, wie traurig er war und so hockte William sich vor ihn. „Maus, nachher wenn wir bei den Lees sind, fragst du sie, ob du Socke mit zu ihnen nehmen kannst. Dann bring ich sie dir vorbei oder wir holen sie zusammen ab, je nach dem, was passt. Wenn das nicht geht, bring ich sie dir immer mit, wenn ich in den Dojo komme.“ Er strich Joel durch die Haare und hoffte, dass er den Kleinen mit seinen Worten aufheitern konnte. Doch wirklich aufgeheitert wirkte Joel nicht. Aber er verstand und nickte, strich Socke, die ihnen die Treppe hinab gefolgt war, noch einmal über den Rücken. „Mach's gut, bis später.“

Dann stiegen sie ein. Joel kam auf den Rücksitz, Yves nahm vorn Platz, damit er William näher war.


36

Die Stimmung war ein wenig gedrückt, als sie losfuhren. Jeder hing seinen Gedanken nach. Der Morgen hatte so schön unbeschwert angefangen, aber jetzt hatte die Realität sie wieder eingeholt. William überlegte fieberhaft, wie er Yves sehen konnte, ohne dass seine Mutter es mitbekam, aber alles, was er glaubte gefunden zu haben, musste er verwerfen. Nicht einmal im ‚Haus der Sinne’ waren sie sicher.

Er sah zu Yves hinüber und strich ihm über das Bein. Mehr ging gerade leider nicht. Und Yves legte seine Finger auf Williams Hand, drückte sie sanft.

Die Kontaktlinsen waren schnell geholt. Yves versicherte Doro noch einmal, dass er zu seiner ersten Sitzung da sein würde und fühlte sich endlich wieder wie ein Mensch, als er klarer sehen konnte. Nun konnte es zurück nach Maplewood gehen, die Kleinstadt, in der er auch aufgewachsen war.

Für William verging die Fahrt viel zu schnell, denn im Krankenhaus musste er sich von den Brüdern trennen. Sie hatten sich darauf geeinigt, sich erst später auf der Intensivstation zu treffen. William wollte ein paar Sachen kaufen, die Socke brauchte. Schließlich war sie keine wilde Katze mehr, sondern eine Hauskatze und da brauchte man eben Dinge. Ein Halsband mit Leine, ein Körbchen, richtige Fressnäpfe, eine Toilette und Spielzeug - so was eben.

Außerdem hatte er so die Gelegenheit, den Krankenhausdirektor zu kontaktieren und das Finanzielle zu regeln. Doch der erste, der beim Direktor war, war Yves. Er hatte schnell nach seiner Großmutter gesehen und Joel bei ihr gelassen, um mit dem Arzt zu sprechen, damit auch er auf den aktuellen Stand kam.

„Und wie sieht das mit dem Finanziellen aus? Wie lange wird sie bleiben müssen und mit welcher Summe muss ich in etwa rechnen?“ Yves mochte es nicht, drum herum zu reden, wenn man genauso gut gleich auf den Punkt kommen konnte.

„Ja, Herr Turner, das ist schwer zu sagen.“ Der Direktor sah sich die Akte von Yves' Großmutter an und entdeckte die Notiz des Arztes, dass die Kosten, egal wie hoch, von dem Herzog von Kendal übernommen wurden, aber der Familie der Patientin davon nichts gesagt werden sollte. Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Mannes aus.

„Bisher übernimmt die Versicherung ihrer Großmutter die Kosten. Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert und wir nicht operieren müssen, kommen keine Kosten auf sie zu. Ihre Großmutter hat vorgesorgt.“ Das war noch nicht einmal ganz gelogen, denn einen Großteil übernahm wirklich die Versicherung. „Über die Dauer des Aufenthaltes würde ich sagen, mindestens drei Wochen, wenn nicht länger.“

„Ach so, verstehe.“ Yves wirkte etwas erleichtert und konnte wieder aufatmen. Er hatte schon die Sorge gehabt, jetzt Summen zu hören, die er in seinem Leben noch nicht auf einem Haufen gesehen hatte. „Das heißt aber auch, solange wie sie hier ist, wird sie sich nicht um Joel kümmern können.“ Das sagte er mehr zu sich selbst und sortierte Joel schon gedanklich in seinen Tagesablauf ein. Sie mussten unbedingt noch bei der Schule vorbei fahren, ehe sie zurück nach Long Island fuhren, damit sie einen Anhaltspunkt für eine neue Schule hatten.

„Wann wird sie aufwachen?“, wollte Yves aber wissen.

„Es wäre sehr positiv, wenn sie noch heute oder spätestens morgen aufwachte. Ich möchte sie nicht beunruhigen, aber je länger ihre Großmutter bewusstlos ist, umso schlechter sind die Chancen, dass sie wieder gesund wird. Der Körper ihrer Großmutter ist angegriffen und so kann es leicht zu Komplikationen kommen. Ein kleiner Infekt kann sie töten.“ Der Direktor sah Yves bedauernd an. Lieber hätte er dem jungen Mann etwas Positives mitgeteilt. „Aber wir tun alles, um das zu verhindern.“

„Ja, da bin ich mir sicher, danke“, sagte Yves nachdenklich. Das Problem war, dass er nicht täglich hier her fahren konnte. Die Zeit hatte er nicht, weil er arbeiten musste. „Könnten sie mich umgehend anrufen, sobald sie aufwacht?“, fragte er deswegen und schrieb auf einen Zettel, der für Notizen vorgesehen war, seine Nummer. Er musste es dann irgendwie einrichten, herzukommen.

„Aber natürlich, Mister Turner.“ Der Direktor befestigte den Zettel an der Akte und klappte sie dann zu. „Gehen sie zu ihrer Großmutter, manchmal hat eine vertraute Stimme jemanden aus einer Ohnmacht geholt.“ Der Direktor erhob sich und reichte Yves die Hand. Er wollte den Jungen nicht rauswerfen, aber er hatte noch sehr viel zu tun und es war alles gesagt worden.

„Das mache ich, danke.“ Yves erwiderte den Gruß, dann ging er aus der Tür und eilte zurück zum Zimmer seiner Großmutter. Schnell war die sterile Kleidung angelegt und dann betrat er leise den Raum, wo Joel seiner Oma von William und Socke erzählte. Der Kleine hatte die beiden wohl wirklich tief in sein Herz geschlossen. Yves seufzte, weil er ihm das nicht so geben konnte, wie Joel es vielleicht lieb war.

„Grandma, Yves ist wieder da“, erzählte Joel sofort, als er seinen Bruder entdeckte. Er erzählte einfach alles, was ihm einfiel. Vielleicht konnte seine Granny ihn ja hören und sie sollte doch über alles Bescheid wissen. Aber seine Großmutter rührte sich nicht. Er drückte sanft ihre Hand und streichelte sie, wie er es schon die ganze Zeit machte.

„Hallo“, grüßte Yves und setzte sich auf die andere Seite des Bettes. Seine Großmutter, die immer tough mit beiden Beinen im Leben gestanden hatte, so zu sehen, war irgendwie nicht richtig. Es passte nicht zu ihr und das verwirrte Yves. Sie war immer diejenige gewesen, bei der man unterkriechen konnte, wenn gar nichts mehr ging, und nun wirkte sie so hilflos. Ihm schauderte.

Sie blieben so lange bei ihrer Großmutter, wie es ihnen erlaubt war. Leider war sie immer noch nicht erwacht. William sah ihnen entgegen, als sie durch die Schleuse kamen und schloss beide Brüder wortlos in die Arme. An ihren Gesichtern konnte er sehen, dass sich an dem Zustand ihrer Großmutter nichts geändert hatte. Er selber hatte alles erledigt, was er sich vorgenommen hatte, und mit der Gewissheit, für Yves' Großmutter wurde alles getan, fühlte er sich besser.

Sehr wortkarg stiegen sie in den Wagen und fuhren zurück. Joel saß schweigend auf dem Rücksitz und auch Yves hing nur seinen Gedanken nach. „Mein Roller steht noch bei dir. Wie komm ich denn dann zur Arbeit und wieder nach Hause?“, fragte er plötzlich, denn eigentlich wollte er nicht von William gefahren werden. Umso mehr Zeit sie in der Öffentlichkeit zusammen verbrachten, umso mehr Ärger konnte das bedeuten.

William hatte sich das schon überlegt. „Wir fahren jetzt zu den Lees und wenn du zur Arbeit musst, nehme ich dich mit zu mir und du fährst von dort mit dem Roller.“ So mussten sie am wenigsten hin und her fahren und sie hatten vielleicht noch die Chance, sich zu unterhalten. Sie mussten auf jeden Fall noch klären, wie es weitergehen sollte.

„Ja, das klingt machbar“, stimmte Yves zu und legte seine Finger wieder auf die Hand, die sich wie selbstverständlich auf sein Knie gelegt hatte. Sie sprachen noch ein wenig über belanglose Dinge und waren wohl alle froh, als sie endlich vor dem Restaurant parkten.

Joel hibbelte herum, bis er endlich raus gelassen wurde. Er wollte doch Ling fragen, ob er Socke behalten durfte. „Drücken wir ihm die Daumen“, sagte William, als sie dem kleinen Wirbelwind langsamer folgten.

Das Restaurant war gut besucht und fast alle Tische besetzt. So war Joel gleich in die Küche gelaufen. Dort hatte er die Chance, Chen und Ling kurz zusammen zu erwischen.

„Obwohl es ja nicht ganz fair ist. Er darf seine kleine Katze behalten und ich muss meinen Fraggle nach Hause schicken.“ Yves grinste dabei albern, doch eigentlich meinte er das ernst und er konnte nicht einmal Williams Hand greifen. Deswegen lächelte er ihn nur an und folgte seinem Bruder schneller.

„Dann denk einfach an mich, wenn du Socke streichelst. Ich hoffe, die Kleine wird sehr oft beschmust.“ William ging es nicht anders als Yves, aber es hatte einfach keinen Sinn, sich die ganze Zeit in Selbstmitleid zu wälzen. „Wir sollten reden, damit wir wissen, wie es weitergehen soll. Wir müssen unbedingt ein paar Orte finden, an denen wir uns wenigstens kurz treffen können.“

„Ich muss mich oben für die Arbeit fertig machen, komm einfach mit. Joel wird sowieso bei Chen bleiben und sich die Suppen vorführen lassen. Dann stört uns keiner“, flüsterte Yves verschwörerisch und begrüßte Ling, die nach ihm gucken kam. Sie guckte nicht schlecht, weil William neben ihm lief, ohne dass die Fetzen flogen.

„Guten Tag, Mrs. Lee“, grüßte William höflich und tat so, als wäre es selbstverständlich, dass er mit Yves durch das Restaurant nach oben ging. Sie kicherten beide, als die Tür hinter ihnen zufiel und dann wurde Yves schon gegen die Tür gedrückt und geküsst. Das musste sein, auch wenn sie nicht viel Zeit hatten.

„Wenn uns jemand folgt“, flüsterte Yves, doch seine Arme schlangen sich um Williams Nacken. Ihre Heimlichtuerei machte es noch anregender und so löste er den Kuss auch nicht einfach. Seine Hände gruben sich in Williams Haare und er zog ihn immer dichter. Wer wusste schon, wann sie das nächste Mal eine Gelegenheit hatten?

„Ist mir egal. Ich brauch dich jetzt einfach. Wir werden uns die nächsten Wochen so gut wie nie sehen können.“ Immer wieder trafen sich ihre Lippen, aber nach ein paar Minuten löste William sich doch und sah Yves bedauernd an. „Komm.“ Er nahm seinen Freund an die Hand und zog ihn zum Bett. „Wie machen wir das, damit niemand Verdacht schöpft? Genauso weitermachen wie bisher?“

William setzte sich und Yves setzte sich der Einfachheit halber rittlings auf dessen Schoß. So war er ihm nahe und musste seine Finger nicht aus den langen, schwarzen Haaren lösen. Er hatte das weiche Gefühl gern unter seinen Fingerspitzen.

„Willst du wirklich, dass ich dich wieder als dämlichen Kurzschwanz-Fraggle brandmarke?“, fragte er und sah William forschend an. „Eigentlich bleiben uns nur ein paar Minuten hier, wenn ich von der Arbeit komme und du fertig bist mit dem Training. Ich glaube nicht, dass die Schergen deiner Alten dich bis in den Dojo verfolgen und so lange sie nur auf der Straße auf dich lauern, wissen sie doch gar nicht, ob du hinten im Dojo bist oder hier in meinem Zimmer.“ Wieder fanden sich ihre Lippen. Es war zu verlockend. „Die Tür ist immer offen. Du kannst auf mich warten, wenn du Zeit hast“, keuchte er zwischen den Liebkosungen.

„Nenn mich, wie du willst, wenn du mich nur weiterhin so küsst.“ William hielt Yves fest und schmuggelte eine Hand unter den Pullover. Er wollte die weiche Haut unter seinen Fingerspitzen fühlen, damit er davon zehren konnte. „In der Schule ignorieren wir uns einfach weiter so, wie wir es die letzten Wochen getan haben und ich werde hier so oft auf dich warten, wie ich nur kann.“ Dass sie diese kleine Nische hatten, in der sie zusammen sein konnten, reichte William erst einmal.

„Dann weiß ich ja, auf was ich mich freuen kann“, nuschelte Yves und drückte sich den streichelnden Händen entgegen. „Wenn doch nur schon alles vorbei wäre.“ Immer wieder fanden sich ihre Lippen, doch schließlich mussten sie sich trennen, wenn sie das Zimmer noch verlassen wollten. „Ich muss mich umziehen. Ich habe zwei Sitzungen im Haus“, sagte er entschuldigend, als er vom Bett aufstand.

„Ich weiß, Schatz, und dank meiner Mutter, kann ich dich dort noch nicht einmal besuchen.“ William seufzte, aber es hatte keinen Sinn. Er machte es ihnen nur noch schwerer. „Ich warte unten auf dich, schließlich muss ich ja noch fragen, wann ich Socke vorbeibringen soll.“ Es war für ihn keine Frage, dass Joel seine neue Freundin behalten durfte. „Bis gleich.“ Noch einmal zog William Yves für einen Kuss an sich, dann ging er hinunter, immer Joels Stimme nach.

„Ui. Ihr werdet sie mögen. Sie ist ganz, ganz lieb!“, versichte Joel und wie erwartet, hatte er gewonnen und hopste nun schon ganz aufgeregt hin und her. Er war bei Chen in der Küche geblieben, während Ling bediente. „Sie hat die ganze Nacht bei mir im Bett geschlafen. Das Fell ist voll weich.“

„Wann soll ich sie dir bringen, Joel?“, lachte William von der Tür aus. Er wollte die Küche nicht einfach so betreten. „Komm, hilf mir, ihre Sachen aus dem Wagen zu holen, damit sie sich hier wohl fühlt.“

„Ihre Sachen?“, fragte Joel jetzt doch etwas verwirrt. Es war ihm neu, dass seine kleine Socke Sachen gehabt hätte. Noch neuer war es ihm, dass sie die dabei hatten. Also machte er neugierig kehrt und folgte William zum Wagen, wo der Herzog ihn erst einmal die einzelnen Dinge betasten ließ und ihm erklärte, was das alles war.

Sie waren ganz schön beladen, als sie wieder in das Restaurant kamen. William hatte sich einfach nicht zurückhalten können. Schließlich konnte Socke hier nicht ganz so frei herumlaufen, wie bei ihm. Da brauchte sie einen Kratz- und Kletterbaum und viel Spielzeug zur Beschäftigung. „Wo schläfst du denn? Bei Yves?“, fragte William, der die schweren und sperrigen Sachen trug und sie abstellen wollte.

„Ja. Ich bekomme dann immer das Bett und er hat eine Matratze“, erzählte Joel freudestrahlend und trug die Tüte vorsichtig vor sich her. Im Restaurant bewegte er sich ziemlich sicher, denn die Position der Tische hatte sich nicht verändert und so wusste er, wo er laufen konnte, ohne anzuecken. Selbst die Treppe nach oben nahm er ziemlich sicher und die sieben Schritte bis zu Yves' Zimmer, der sich gerade gestylt hatte und nun nur in Jeans im Zimmer stand und seinen Bruder fragend anguckte. Was ging denn jetzt ab?

„Tja, Yves, du musst dein Zimmer jetzt auch noch mit Socke teilen. Dein Bruder hat die Lees weich geklopft.“ Schnaufend stellte William den Kratzbaum in eine Ecke und das Körbchen daneben, auch wenn er sich sicher war, dass das nicht oft benutzt wurde. „Ich muss mich kurz ausruhen“, erklärte er grinsend und setzte sich auf das Bett. Dort hatte er den besten Blick auf seinen halbbekleideten Schatz. „Aber keine Sorge, die Katzentoilette kommt hier nicht rein.“

„Ich bitte darum“, knurrte Yves, der ungläubig auf den Berg Zeug guckte. Das Zimmer war so schon nicht sonderlich groß. Es zu zweit zu bewohnen erforderte Koordination, aber mit einer Katze und ihrem Hausstand war das fast unmöglich. Hätte es nicht gereicht, wenn William das Tier regelmäßig mitgebracht hätte? Doch dann sah er Joel und wie er sich freute, da konnte Yves auch nichts weiter sagen.

Um sich zu beruhigen kam er zu William und forderte einen Kuss, ehe er sich weiter anzog und anfing, sich zu schminken. Toni hatte ihm gezeigt, auf was er achten musste und einiges davon gefiel Yves, sodass er es auch außerhalb des Hauses manchmal trug. Selten und nur, wenn er auf niemanden aus seiner Klasse traf.

Neugierig kam William näher und seine Augen weiteten sich. „Wow“, murmelte er leise. Yves sah vollkommen verändert aus, auch wenn er kaum etwas gemacht hatte. Das gefiel ihm. Es betonte nur Yves' Vorzüge und wirkte nicht künstlich, so wie bei den meisten Frauen. „Du siehst toll aus.“ Vorsichtig strich er mit einem Finger über die Wange seines Verlobten. „Ich werde neidisch, weil ich nicht derjenige bin, für den du dich so herrichtest.“

„Bist du doch“, sagte Yves leise und beobachtete Joel, der vorsichtig die ganzen Sachen ertastete und um sich herum auf dem Boden verteilte. „Im Haus werde ich sowieso abgeschminkt, gewaschen und komplett neu her gerichtet“, erklärte er beschämt und fühlte sich erwischt, doch er wollte eben, dass William gefiel, was er sah.

„Nur für mich?“ William war perplex und sein Herz machte einen Hüpfer. „Danke“, wisperte er leise und zog Yves an sich für einen Kuss. „Wann bist du denn heute Abend wieder hier? Dann komme ich so, dass ich Joel ins Bett bringen und ihm etwas vorlesen kann und danach noch ein wenig Training.“

„Ich habe gegen sieben meine erste Sitzung. Etwa gegen halb zehn die zweite. Vor Mitternacht werde ich kaum zu Hause sein. Schlaf ein bisschen, bis ich da bin, sonst siehst du morgen in der Schule aus wie ausgespuckt.“ Yves grinste frech und streifte sich wieder das Shirt über, welches William ihm geborgt hatte. Wenn er es schon hatte, wollte er es auch tragen.

„Joel, kommst du allein klar? Wir müssen langsam los“, fragte Yves seinen kleinen Bruder und der blickte zu ihm auf, nickte aber.

„Ja, ja, ich sortiere das und warte dann unten bei Chen auf Socke.“

„Ich bring Yves weg und dann komm ich bald wieder. Dann zeigen wir ihr hier alles, damit sie sich auskennt und weiß, wo alles ist.“ William wuschelte Joel durch die Haare. Socke würde sich bestimmt schnell eingewöhnen. „Soll ich dir nachher wieder vorlesen?“

„Au ja, das wäre toll. Von dem Ritter, ja?“ Joel nickte ganz begeistert und brachte Yves zum Lachen.

„Gut, Kleiner. Iss nachher anständig“, sagte er noch und ignorierte, dass sie alle noch nichts zum Mittag gegessen hatten. Er war an Derartiges gewöhnt und störte sich nicht daran. Er aß dann im ‚Haus der Sinne’ und William konnte ja mit Joel zusammen Suppe essen, wenn er wollte.

„Okay, ich bring das Buch mit.“ Nur gut, dass Joel keine Ahnung hatte, dass er eigentlich nur ein Vorwand war, um hier länger die Zeit zu verbringen, damit William noch ein wenig mit Yves zusammen sein konnte. Aber davon sollte der Kleine nichts merken, denn William hatte ihn wirklich ins Herz geschlossen. „Bis nachher.“ Sie mussten los, wenn Yves pünktlich sein wollte.