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Demon coffee - Teil 1 bis 4

Demon Coffee


Prolog



Gleißendes Sonnenlicht stach in seine Augen, als er aus dem Gebäude trat und er blinzelte. Das war sie also, die Erde, und sie gefiel ihm nicht. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber der Lärm, die vielen Menschen, die hohen Gebäude, die vielen Fahrzeuge und der Gestank, der ihm entgegenschlug, waren es jedenfalls nicht. Er blickte auf die Straße, an der er stand. Menschen hetzten an ihm vorbei und stießen gegen ihn.

Hier und da traf ihn ein kurzer, fragender Blick. Er fiel auf, das merkte er jetzt schon. Allein seine Größe war ungewöhnlich und seine Kleidung anders als alles, was er sehen konnte.

Aber das waren Nebensächlichkeiten. Er hatte eine Aufgabe, die er erfüllen musste. Wo sollte er anfangen zu suchen? Hier etwas zu finden, war schier unmöglich und er hatte keinerlei Anhaltspunkte, wo er überhaupt war.

Er trat einen Schritt weiter auf den Weg und tauchte ein in den Pulk Menschen, die geschäftig hin und her liefen. Immer wieder liefen unaufmerksame Menschen gegen ihn, auch wenn er versuchte, das zu vermeiden.

Er mochte Berührungen nicht und als ein junger Mann in ihn hinein lief und sich in seinem Mantel verfing, so dass er stehen bleiben musste, hatte er genug. Mit einem lauten Knurren packte er diesen Menschen am Kragen und seine Augen loderten vor Wut, aber er ließ ihn leben. Alles andere brachte nur Komplikationen. Darum stieß er den Mann nur von sich und setzte seinen Weg fort. Er brauchte mehr Informationen, damit er seine Suche beginnen konnte.



++++



01



Nebel schob sich von der Themse hinein in Londons Straßen und selbst die Laternen der Straßenbeleuchtung konnten ihn kaum durchdringen. Im dritten Stock eines alten Mehrfamilienhauses in der Savoy Street brannte noch Licht, denn hier hatte Kenneth Weedman seine Praxis. Genau genommen war es eine Gemeinschaftspraxis mit drei anderen Kollegen. Seit vier Jahren war er niedergelassener Therapeut und wenn ein Moloch wie London für ihn keine Patienten bot - welche Stadt dann?

Es war Mittwoch und wie jeden Mittwoch seit fünf Wochen lag Phillip O'Doyle auf seiner Couch. Eigentlich war ein derartiges Möbelstück nicht notwenig für die Gespräche, die er führte, doch die meisten seiner Patienten hatten anfangs danach gefragt. Es schien wohl zum Klischee zu gehören, deswegen hatte auch er sich eine schwarze Ledercouch zugelegt, auf der nun seine Patienten lagen, sich entspannten und ihm erzählten, welche Dämonen sie quälten.

Und bei Phillip O'Doyle meinte Kenneth das wortwörtlich.

„Wie fühlen wir uns heute, Phillip?", fragte er und zog sich seinen Sessel bequemer zur Couch, auf der der Mann lag. Die schwarzen, schon angegrauten Haare hingen ihm verschwitzt in die Stirn. Irgendwie wirkte der kleine Mann immer gehetzt und auf der Flucht. Wäre Kenneth wohl auch, wenn er von derartigen Alpträumen geplagt würde wie Phillip.

Phillip zuckte zusammen, als Kenneth ihn ansprach und sah sich ängstlich im Raum um. „Sie sind überall“, murmelte er leise und sein Blick huschte kurz über den jungen Mann, der vor ihm saß. Nervös knetete er seine Finger und Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. „Nicht nur nachts, jetzt suchen sie mich auch am Tag heim.“

„Warum suchen die sie auf?", fragte Kenneth, denn es war ihm noch nicht gelungen, bis zum Kern des Problems vorzudringen. Ihm war klar, dass diese Dämonen nur Hirngespinste waren, doch warum wurde Phillip von ihnen gequält?

Hatte er Stress auf der Arbeit?

Ärger mit der Frau?

Hatte er überhaupt eine Frau?

Solchen Fragen war Phillip immer ausgewichen. „Wann waren sie das letzte Mal da und was haben sie gesagt?" Kenneth zog sich die Aufzeichnungen der letzten Sitzungen heran, doch die waren nicht sehr aufschlussreich. Zu viele Lücken, zu viele offene Fragen. Es fehlte der Zusammenhang.

„Sie stellen Fragen, aber ich kann sie nicht verstehen und sie zeigen mir Bilder.“ Phillip kauerte sich zusammen, allein an sie zu denken, machte ihm Angst. „Ich sehe Schlachtfelder, übersät mit Leichen. Zerfetzt und zerstückelt, grausam zugerichtet und mitten unter diesen Leichen stehen sie, über und über mit Blut bedeckt.“ Das musste auch Kenneth erst einmal verdauen, doch diese Bilder erinnerten ihn irgendwie mehr an die Verfilmung des 'Herrn der Ringe' als an mobbende Kollegen aus dem Büro.

„Was zeigen die ihnen? Können sie die Bilder erkennen?", fragte Kenneth trotzdem weiter. Vielleicht versteckten sich Symbole auf den Bildern, die ihnen helfen konnten. Phillip schloss die Augen und schüttelte heftig den Kopf. Er wollte sich nicht daran erinnern.

„Sie rufen mich“, wisperte er leise und sein Körper begann zu zittern. „Sie strecken ihre Arme nach mir aus und wollen mich zu sich ziehen, auf das Schlachtfeld.“

„Widerstehen sie ihnen, Phillip. Sie sind stärker als diese Dämonen. Sie allein entscheiden, wohin sie gehen!", erklärte Kenneth eindringlich, notierte sich aber die Worte und auch die Reaktionen. Er wurde aus diesem Fall einfach nicht schlau. Es war der erste dieser Art in seiner Karriere. Wenn er nicht bald klarer sah, musste er diesen Mann leider an erfahrene Ärzte überweisen, denn das hier klang mehr nach einer Psychose als nach einem normalen Spinner.

„Ich kann nicht mehr, Kenneth.“ Phillip rollte sich auf der Couch zusammen und vergrub sein Gesicht zwischen seinen Armen. „Jede Nacht zerren sie an mir. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen, aber sie wollen etwas von mir. Sie suchen etwas. Sie zeigen mir, was es ist, aber es ist zu verschwommen und wenn ich sage, dass ich ihnen nicht helfen kann, werden sie wütend. Dann zeigen sie mir die Leichen auf den Schlachtfeldern oder andere grausame Dinge. Naturkatastrophen. Brände, Überschwemmungen, Tornados, Erdbeben und ich höre die Menschen schreien und um Hilfe rufen und ich sehe sie sterben.“

Das wurde schlimmer als erwartet. Kenneth holte tief Luft. „Was ist mit den Tabletten, die ich ihnen gegeben habe? Nehmen sie die überhaupt?" Denn eigentlich waren die stark genug, die überschäumende Fantasie und damit auch die Angstzustände zu unterdrücken.

„Ja, ich nehme sie, aber sie bewirken gar nichts.“ Philipps Stimme klang resigniert. „Sie wirken nicht, denn die Träume hören nicht auf und werden schlimmer. Jede Nacht kommen sie zu mir, sehen mich mit ihren glühenden Augen an und versuchen mich mit ihren Krallenhänden zu sich zu ziehen.“

Kenneth strich sich durch die blonden Haare und schob sich die Brille vor seinen grünen Augen wieder zu recht. Er war am Ende mit seinem Latein. Wenn Psychopharmaka nicht anschlugen, musste professionelle Hilfe her. Auch wenn er nur ungern Patienten an Fremde überstellte. „Phillip. Ich glaube, ich kann ihnen auch nicht mehr helfen. Vielleicht bin ich nicht stark genug für diese Dämonen." Und das zuzugeben fiel Kenneth ziemlich schwer. Er gab nicht gern auf, doch er erkannte seine Grenzen. Das Wohl der Patienten stand über allem. „Ich würde sie gern an einen erfahrenen Kollegen überstellen."

„Nein!“ Phillip schoss hoch und sein ganzer Körper zitterte. „Nein, das geht nicht, Kenneth. Ich kann mich keinem anderen anvertrauen.“ Seine Augen waren panisch aufgerissen, auf Kenneth gerichtet und alle Farbe war aus Phillips Gesicht gewichen. „Die werden mich zu einem von ihnen machen und nur sie können das verhindern.“

Zu sagen, Kenneth wäre über den plötzlichen Ausbruch nicht schockiert gewesen, wäre eine dicke Lüge, doch er konnte seine Überraschung gut hinter seiner Brille verbergen. „Gut, Phillip, wenn sie das nicht wünschen", sagte er erst einmal, um seinen Patienten zu beruhigen, doch innerlich ging ihm die Muffe. Er wusste, dass er hier nicht weiter kam. Er musste sich Hilfe suchen und mit jemandem reden. „Aber was meinen sie damit, Phillip, nur ich könnte es verhindern, dass sie einer von denen werden?"

„Ich habe es versucht, aber dann wurden die Träume schlimmer und sie waren wütender als sonst. Sie zerrten an mir und ich konnte mich kaum losreißen.“ Philipp schlotterte vor Angst, als er nur daran dachte. Er war schreiend aufgewacht und auf seiner Brust und seinen Armen hatte er blutige Striemen gehabt, wie von Krallen gezogen. „Nur wenn ich hier war, wird es besser, sie können mich nicht greifen.“

„Sie haben sie gepackt", fragte Kenneth und sah sich den kleinen Mann eindringlich an, ohne ihn auffällig zu mustern. „Können sie mir solche Stellen zeigen?" Sicher, er versprach sich nichts davon, nicht dass er etwas sah oder Wunden geblieben wären. Doch vielleicht half es Phillip und so lange die Besuche hier dazu dienten, dass Phillip zumindest die Kraft hatte, seinen Peinigern zu entkommen, waren die Sitzungen nicht ganz vergebens.

„An meinen Armen und meinen Schultern und auf der Brust.“ Phillip zitterte noch immer, als er den Ärmel seines Pullovers hoch schob und Kenneth seinen Arm zeigte. Noch schwach konnte man die hellen Linien der verheilten Wunden sehen. Wenn man nicht wusste, dass sie da waren, fielen sie kaum auf. Doch Kenneth hatte ein geschultes Auge und er wusste, dass diese Wunden vielleicht zwei Wochen her waren - und ein Blick auf seine Aufzeichnungen zeigte, vor zwei Wochen hatte Phillip eine Sitzung ausfallen lassen.

Was sollte er jetzt glauben? Dass der Mann sich zu seinen Alpträumen auch noch selbst verletzte? Passierte dies im Schlaf?

„Und seit dem haben die Dämonen sie nicht mehr berührt?", sagte Kenneth nachdenklich.

„Nein, seit dem nicht mehr. Sie versuchen es, aber sie schaffen es nicht.“ Phillip setzte sich wieder und vergrub sein Gesicht in den Händen. „Aber sie werden stärker und drängender. Die Barriere, die sie abhält, wird schwächer. Jede Nacht wird klarer, dass sie etwas brauchen und ich ihnen bei ihrer Suche helfen soll.“

„Wenn ich sie richtig verstehe, Phillip, so kommen sie jede Nacht und verlangen immer das gleiche. Die Dämonen suchen etwas." Kenneth überlegte, was könnte das nur bedeuten? Verarbeitete er in seinen Träumen, was ihm einmal passiert war? Doch Fragen nach der Kindheit wich Phillip ebenso aus wie Fragen nach seiner Familie. Dann machte er zu und ging und meistens in einem Zustand, in dem Kenneth ihn unmöglich auf die Straße lassen konnte. Nach solchen Sitzungen war er selber völlig fertig, denn es fraß auch an seiner Kraft, wenn er wusste, dass er nicht helfen konnte.

„Ja, es ist unwahrscheinlich wichtig für sie und sie werden ungeduldig. Manchmal beachten sie mich auch gar nicht und ich sehe sie streiten und kämpfen.“ Phillip hob sein Gesicht und seufzte, als er auf die Uhr auf dem Kaminsims blickte. „Ich muss gehen. Ich habe noch einen geschäftlichen Termin, den ich nicht weiter nach hinten schieben konnte.“ Er stand auf und straffte sich etwas. „Danke, Kenneth.“

Dem Therapeuten war es gar nicht wohl, Phillip so aufgewühlt gehen zu lassen, doch er konnte auch nichts tun. „Sehen wir uns nächsten Mittwoch? Wenn es früher sein muss, weil sie meine Hilfe brauchen, scheuen sie sich nicht, mich anzurufen", erklärte er noch einmal eindringlich. Er war nicht verheiratet, zuhause wartete niemand auf ihn - er nahm sich all seine Zeit, die er brauchte, für seine Patienten. „Machen sie es gut", sagte er und brachte Phillip zur Tür.Er hatte ein ungutes Gefühl, ohne zu wissen warum.

„Ja, bis nächsten Mittwoch.“ Phillip zog sich seinen Mantel an und reichte seinem Therapeuten die Hand. Er wollte nicht gehen, aber er musste. Er konnte nur hoffen, dass die Zeit, die er hier verbracht hatte, ausreichte, ihn weiter zu schützen.

„Wiedersehen, Kenneth“, murmelte er noch und ging aus der Tür. Doch es dauerte ein paar endlos lange Herzschläge, bis Kenneth die Tür der Praxis hinter ihm schließen konnte. Der Therapeut war aufgewühlt, verwirrt um genau zu sein. Langsam ging er über den grauen Teppich im Flur zurück in sein Behandlungszimmer. Lizzy, seine Sekretärin, war schon lange gegangen. Schließlich arbeitete sie nur halbtags. Sie kümmerte sich um Post und Termine, wenn Kenneth und seine Kollegen selbst keine Zeit hatten.

Tief durchatmend ließ er sich in seinen Sessel fallen und starrte auf die Couch vor sich. „Armer Kerl", sagte er leise und erinnerte sich an jede einzelne Sitzung mit Phillip. Die Panik in den Augen, die Angst in er Stimme, der Schmerz in seiner Haltung. Kenneth selbst konnte das kaum begreifen.

Er nahm sich seine Aufzeichnungen und sah auf das Datum der ersten Sitzung. Seit fünf Wochen kam Phillip jetzt zu ihm und sein Zustand wurde nicht besser, sondern eher schlimmer. Waren die Albträume erst immer nur kurz und nicht so regelmäßig gewesen, so weiteten sie sich jetzt immer weiter aus. Es musste etwas im Leben dieses Mannes geben, das eine Erklärung dafür war. Irgendetwas Schreckliches, das vergessen und verdrängt, tief in ihm verborgen lag und sich so einen Weg heraus suchte.

Er versuchte noch einmal alles, was er wusste, zusammenzuschreiben - die Dämonen, die Schlachten, ihre Suche und der Drang, Phillip zu sich zu zerren. Vielleicht wurde es ihm dann klarer. Kenneth wälzte auch ein paar Bücher und merkte kaum, wie die Zeit verging. Er schrieb und schrieb und schrieb und als er das erste Mal wieder bewusst aufsah, bemerkte er, dass er vom Papier an den Laptop gewechselt hatte und auf sieben Seiten in einem Bericht nun alles zusammenfasste, was er bis jetzt wusste.

Und wenn er schon einmal alles zusammengefasst und getippt hatte, konnte er sich auch in einem der internen medizinischen Foren Hilfe suchen. Er hatte alle Namen weggelassen und alle Daten gestrichen, die auf die Identität des Patienten hinweisen könnten. Doch das eigentliche Problem war noch immer eindeutig ersichtlich.

Vielleicht gab es auch jemanden, der ihm ein Feedback geben konnte.

Er hoffte auf einen neuen Denkanstoß!

Er wollte Phillip endlich helfen können, seine Dämonen zu besiegen und sich von ihnen nicht einfach in eine Schlacht zerren zu lassen, die er nicht wollte.

So suchte sich Kenneth durch seine Links und fand endlich ein Forum, von dem er glaubte, dort ziemlich gut aufgehoben zu sein. Einen Account hatte er schon, weil er Interesse halber dort las und so ging er noch einmal alles durch, prüfte, ob er nicht aus Versehen Namen verwendet hatte, die Rückschlüsse ziehen ließen und unter dem Pseudonym 'demon hunter' stellte er seine Geschichte aus.

Zufrieden und mit der Hoffnung, Phillip doch noch helfen zu können, schaltete Kenneth den PC aus und schloss seine Akten ordentlich weg. Es war spät und er wollte nach Hause. Etwas essen und bei einem guten Glas Wein oder einem Cocktail noch etwas lesen oder sich anderweitig entspannen. Das brauchte er mittwochs immer. Phillip ging ihm an die Nieren.

Ein letzter Blick zurück und er schloss sein Büro ab. Seine Kollegen waren schon gegangen. Der Fahrstuhl brachte ihn ins Erdgeschoss und ein letzter grüßender Blick zum Wachmann, dann war er aus der Tür des alten Gebäudes. Sein Wagen wartete unter einer Laterne auf ihn und die dicken Nebelschwaden hatten sich noch immer nicht aufgelöst. Eher waren sie noch dichter geworden, der Weg bis nach Hause dürfte sich also länger gestalten. Kenneth fluchte leise, denn er hatte Hunger.

Er brauchte eine gute halbe Stunde bis zu seinem Haus in der New Bond Street, zehn Minuten länger als gewöhnlich. Es wurde immer ungemütlicher draußen, darum war Kenneth froh, als er sich in der Wärme seiner Wohnung den dicken Mantel ausziehen konnte. Sein erster Weg führte ihn in die Küche, wo er sich aus dem Regal eine gute Flasche Rotwein nahm. Mit der geöffneten Flasche und einem Glas ging er ins Wohnzimmer und schaltete den PC ein. Bis die bestellte Pizza kam, konnte er eben so gut einmal sehen, ob schon jemand seine Schilderung kommentiert hatte.

Also holte er den Laptop aus seiner Tasche und verzog sich damit auf die Couch. Während das kleine Gerät sich einsatzbereit machte und sich beim Heimnetzwerk anmeldete, gönnte sich Kenneth einen guten Schluck und ließ den schweren Wein langsam seine Kehle hinab gleiten.

„Was für ein Tag", murmelte er leise, als er sich mit ein paar Handgriffen kurz den völlig verspannten Rücken massierte und rollte die Schultern.

Dann machte er sich daran, sich erneut im Forum einzuloggen und kaum hatte er das getan, konnte er lesen, dass drei Kommentare abgegeben worden waren. Neugierig und mit einem Grinsen auf den Lippen öffnete er sie.

Das ging aber schnell.

Der erste ließ ihn den Kopf schütteln. Was sollte das denn für ein Kommentar sein? Was sollte er mit einem grinsenden Smily anfangen? Der zweite und dritte waren schon viel versprechender. Der Bericht war interessant und man fragte, wann es weiterging. Weiter gebracht hatten ihn die Kommentare nicht, denn niemand hatte etwas geschrieben, was ihm bei seinem Problem mit Phillip helfen konnte.

Also schloss er die Fenster wieder, fuhr den PC herunter und streckte sich auf der Couch aus. Er hatte bis jetzt noch nicht das Licht angeschaltet und so lag das Wohnzimmer in einem vagen Dämmerzustand, der Kenneth' eigenen Zustand ziemlich ähnlich war. Er hatte immer wieder die verheilten Wunden von Phillip vor Augen und versuchte es in einen Kontext zu bringen. Warum wollte sich der Mann nicht von einem fähigen Arzt helfen lassen?

Er zuckte hoch, als die Türklingel ihn auf einen Besucher aufmerksam machte. Sicher war das seine Pizza, die er noch vom Wagen aus bestellt hatte, damit es schneller ging.

„Komme schon!", rief er laut genug, damit man es auch vor der Tür hören konnte und erhob sich langsamer. Nicht dass der Bote dachte, keiner wäre da und wieder ging.

Er war schon fast an der Tür, als ihm einfiel, dass er seine Geldbörse noch in der Aktentasche hatte und lief zurück ins Wohnzimmer. Jetzt beeilte er sich doch, denn Pizzaboten warteten nicht gerne. „Bin da“, rief er und machte die Tür auf. Vor ihm stand ein schmächtiger, dunkelhaariger Junge mit einer großen Schachtel in den Händen, aus der es verführerisch duftete.

„Ihre Pizza, Sir. Das macht bitte 4 Pfund“, sagte der Bote lächelnd und übergab den Karton. Kenneth nahm ihn entgegen und spürte einen kurzen Schmerz am Handgelenk, störte sich aber nicht daran. Wahrscheinlich hatte er sich irgendwo geratscht. Sein Hunger war zu groß, als dass er sich mit einem kleinen Riss aufhalten könnte.

„Danke", sagte er noch und reichte dem Jungen 5 Pfund, der Rest war Trinkgeld, sicher verdiente sich der Kleine neben der Schule was dazu. Kenneth wollte gerade die Tür wieder schließen, da wurde ihm schummerig. Er musste sich am Türstock festkrallen, sonst wäre er gestolpert.

Hatte er wieder zu wenig getrunken?

Wurde ihm deswegen schwindelig?

Manchmal machte sich Wassermangel bei ihm ziemlich seltsam bemerkbar. Doch als sich langsam das Sichtfeld einengte und er trotz seiner Brille nur noch verschwommene Farben sehen konnte, versagten ihm die Beine.

Was passierte hier mit ihm?

Er drehte sich zur Tür um, wo der Pizzabote immer noch stand. Er sah ihn regungslos an, durch seinen langen, schwarzen Pony.

„Ruf ein'n Arzt", konnte Kenneth noch stammeln, ehe er in seinem engen Flur zusammensank.



02



Erst jetzt kam Leben in den Pizzaboten. Er trat in den Flur und schloss die Tür. „Die Pizza ist geliefert“, sagte er leise und strich sich den Pony aus dem Gesicht. Jetzt konnte man die kleine Sprechgarnitur sehen, die an seinem linken Ohr befestigt war. Ein Klopfzeichen ließ ihn wieder die Tür öffnen und er sah zwei Männern entgegen.

„Bringt ihn in den Wagen. Ich hole noch seinen Computer und sonstige Unterlagen, die wir brauchen können", wies er an und ging schon los ins Wohnzimmer. Er ließ die beiden Männer mit Kenneth allein. Der lag mittlerweile reglos auf dem Boden. Die Brille war ihm beim Sturz von der Nase gerutscht und er hatte sich an einem niedrigen Schuhschrank den Kopf angeschlagen. Eine kleine Platzwunde auf der Stirn zeigte das deutlich.

„Los, zieh ihn hoch, Blade", sagte der Blonde. Sein Mantel raschelte leise, als er neben Kenneth in die Knie ging und schnell dessen Puls suchte, dann aber zufrieden nickte. So konnte sich sein Begleiter Kenneth unter den Arm klemmen, als würde er einen Betrunkenen stützen. Das machte am wenigsten Aufsehen.

„Doc, an die andere Seite", knurrte Blade. Die schwarzen Tribals im Gesicht unter den schneeweißen Haaren wirkten immer wieder aufs Neue beängstigend und das war Absicht.

„Das geht auch freundlicher, Großer“, seufzte der mit Doc Angesprochene, nahm aber, wie befohlen, Kenneth auf der anderen Seite. Ein kurzer Blick auf die Wunde und er nickte. Sie war nicht schlimm, die konnte er auch schnell im Auto versorgen.

Sie sprachen kein Wort, bis sie im Wagen waren. Blade setzte sich hinter das Steuer und Doc klebte ein provisorisches Pflaster auf Kenneths Stirn, da kam auch schon der Dritte.

„Was gefunden, Sick?“, fragte Doc und klopfte Blade auf die Schulter. Sie konnten fahren. Der Junge, der auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, wandte sich nach hinten um, um nach dem ohnmächtigen Kenneth zu sehen, zog dann aber unter seiner Jacke den Laptop hervor. „Das ist alles, mehr hat er nicht da gehabt. Ich war mal so frei, den großen Rechner anzuschalten und meinen Trojaner aufzuspielen . Ich guck nachher mal von daheim, was er noch weiß."

Dann setzte sich Sick wieder normal, den PC auf seinem Schoß und startete diesen.

„Mann, Sick. Du kannst auch keine Minute ohne PC. Das ist ja schon krankhaft", sagte Doc, hatte dabei aber immer wieder ein Auge auf ihren unfreiwilligen Gast.

„Halt's Maul", knurrte der Junge und Blade grinste. Das war eine Hassliebe vom ersten Tag an.

„Zwerg“, knurrte Doc, aber sagte nichts weiter. Das artete nur wieder aus und das konnten sie auf einer Mission nicht gebrauchen. Er sah sich Kenneth genauer an und besah sich dessen Arme. Manchmal stellte sich heraus, dass sie es mit Halluzinationen von Drogensüchtigen zu tun hatten, aber dieser schien keine zu nehmen, zumindest hatte er keine Einstiche an den Armen. Nachher bekam er Blut abgenommen, damit sie ein Drogenscreening machen konnten.

„Alter Mann", knurrte Sick, denn das konnte er auch nicht auf sich sitzen lassen. Er mochte erst siebzehn sein und etwas schmächtig, doch ohne seine Fähigkeiten mit allem, was Strom fraß, wäre Doc doch schon öfter aufgeschmissen gewesen. Der glaubte wohl, nur weil er mit seinem fabelhaften Äußeren jede Frau an den Rand eines Kollapses treiben konnte, war er was Besseres.

Lieber hackte Sick auf den Tasten herum. Wer war denn so leichtsinnig und sicherte seinen Laptop nicht einmal mit einem Passwort? „Amateur", knurrte er leise, das machte doch gar keinen Spaß!

Blade sah kurz neben sich und grinste. So sehr die beiden sich auch bekriegten, wenn es darauf ankam, funktionierten sie wie ein Uhrwerk und hatten schon so manche Mission gerettet. Die beiden wurden oft unterschätzt, aber sie waren nicht weniger tödlich, als er selber. „Wie lange wird er schlafen, Doc?“, fragte er, denn er wollte vermeiden, dass ihr Gast wach wurde, während sie unterwegs waren.

„Mindestens zwei Stunden, wenn wir ihn nicht aufwecken“, erklärte Sick. Er war der Giftspezialist und hatte das Mittel ausgesucht. Eigentlich war es aus seiner Leidenschaft für Mittelchen aller Art entstanden.

Er hatte schon als Kind mit den Psychopharmaka seiner drogensüchtigen Mutter experimentiert. Nicht dass er sie je selber genommen hätte, dazu war er zu clever gewesen. Nein, der Pudel seiner Mutter war ein hervorragendes Versuchstier gewesen.

Nach und nach hatte er sich belesen, probiert, geforscht - und zusammen mit seinem noch kindlich wirkenden Gesicht und seiner eher schmalen Gestalt war er der perfekte Lockvogel, das hatten sie eben wieder gesehen. Der Trottel hatte nicht einmal damit gerechnet, dass man ihn überfallen könnte.

Wie naiv die Menschen doch waren.

„Gut.“ Blade wusste, was er wissen wollte und nach einem letzten Blick auf Sick konzentrierte er sich wieder aufs Fahren. Der Nebel war immer noch dicht und in der Nähe des Hafens, wo sie hin wollten, wurde er sogar noch dichter. Auf den Straßen war nicht viel los, so kamen sie ohne Verzögerungen zu dem Lagerhaus, in dem sie ihr Hauptquartier hatten.

„Ich bring ihn ins Labor, ihr holt Powaqa“, bestimmte Blade und stellte den Motor aus. Hinter ihnen schloss sich gerade das Tor der Halle.

„Ja, mach ich", murmelte Sick und klappte den Laptop zu. Bis auf diesen einen Bericht, den sie gefunden und verfolgt hatten, war absolut kein weiterer Hinweis auszumachen, dass der Kerl mehr wusste. Doch das konnten sie erst mit Gewissheit sagen, wenn sie den Kerl befragt hatten.

Aus dem Augenwinkel erblickte Sick jemanden, der sich besonders freute, dass Blade wieder da war. Der ehemalige Marine, der auch lange Zeit in Afrika stationiert gewesen war, hatte sich von dort nämlich sein Haustier mitgebracht, eine ausgebildete Minen-Riesenhamsterratte mit einer Vorliebe dafür, Doc - der eine gewisse Aversion gegen diese riesige Ratte hegte - aufzulauern. So wie jetzt, als Doc die Tür öffnete und Sparky ihm auf dem Schoß sprang.

„Uah, Blade, nimm das Vieh weg. Wenn die wieder versucht, mich in meine edelsten Teile zu beißen, landet sie auf meinem Seziertisch, das schwör ich dir!“ Doc versuchte, die große Ratte weg zuschieben, aber sie zischte und knurrte ihn laut an, so dass der blonde Mann sie lieber nicht anfasste.

„Mach das und du bist tot“, knurrte Blade und schnalzte leise mit der Zunge. Sofort kam Sparky zu ihm gelaufen und kletterte ihm auf die Schulter. „Na Süße“, sagte der große Soldat weich und küsste sie auf das Köpfchen.

„Blödes Vieh", knurrte Doc und ließ offen, wen von beiden er jetzt meinte. Dabei schälte er sich aus dem Wagen, seinen Blick dabei aber immer auf ihren unfreiwilligen Gast gelegt. Er konnte den Spinner immer noch nicht einschätzen, doch der wusste zu viel, als dass es Zufall hätte sein können.

Sick hüpfte mit dem Laptop zu einer Tür und verschwand, während sich Blade ihren Gast auf die Schulter lud, um ihn nach oben zu tragen. Doc blieb allein zurück. Also folgte er ihnen, doch in gebührendem Abstand zu Sparky. Die hockte auf Blades anderer Schulter und schien Doc anzugrinsen. Sie war die Siegerin, darin bestand für sie gar kein Zweifel.

„Leg ihn auf den Tisch, ich muss ihm noch Blut abnehmen“, rief Doc Blade zu und suchte sich schon einmal zusammen, was er brauchte. Er sah nur kurz auf, als die Tür sich öffnete. „Hey Boss, alles glatt gelaufen. Sollen wir ihn aufwecken?“, fragte er und ging zur Liege hinüber. Das Klacken von hohen Absätzen war zu hören, als die Frau näher kam. Das rote Haar in einem strengen Zopf am Hinterkopf gefasst und ihr schlanker Körper steckte in einem Hosenanzug.

„Ja, mach ihn wach. Ich glaube, Herr Weedman hat uns einiges zu erzählen." Ihre Stimme war sanft und melodisch, ihr hörte man sicher gern zu, wenn sie sprach. Sie trat an den Tisch und sah Doc dabei zu, wie er diesem Kenneth Blut abnahm.

„Ich vermute mal, er nimmt keine Drogen, aber das wissen wir genau nach dem Bluttest. Anzeichen, das er welche nimmt, hab ich auf jeden Fall nicht gefunden.“ Er versorgte die kleine Wunde mit einem Pflaster und holte eine weitere Spritze. „So, Lu, in fünf Minuten ist er wieder da und du kannst ihn befragen. Ich mach mich an die Blutauswertung.“

Sie nickte und blieb neben dem Tisch stehen, auf dem Kenneth lag. Ihr Blick lag auf dem Gesicht des Mannes. Er sah nicht aus wie ein Irrer, woher also hatte er diese detailgetreuen Informationen?

„Ist er schon wach?" Ein weiterer Mann betrat das Untersuchungszimmer. Er trug die Kleidung eines indianischen Schamanen. „Sick meinte, ich würde hier gebraucht?"

„Powaqa", sagte Lu und wandte sich ganz zu ihrem Kollegen um. „Er hat das Gegenmittel bekommen, er sollte gleich erwachen. Mal sehen, was Mister Weedman zu seiner Verteidigung zu sagen hat." Sie wirkte ungeduldig.

Der Schamane trat näher. Er hielt seine Hände über den Mann auf der Liege und murmelte ein paar Worte. „Spüren kann ich nichts“, sagte er und zuckte mit den Schultern. Das sagte nicht viel, aber aus Erfahrung wussten sie, dass solche Leute oft eine Sackgasse waren. War nur zu hoffen, dass es diesmal anders war.

Ein leises Stöhnen lockte den Blick von Lu und Powaqa wieder auf den Tisch. Kenneth kam gerade zu sich. Er hatte das ungute Gefühl eingeschlafen zu sein und rieb sich über die schmerzenden Augen. Sein Kopf hämmerte wie verrückt, dabei hatte er gestern Abend kaum etwas getrunken, soweit er sich erinnern konnte.

Wie jeden Morgen richtete er sich langsam auf und öffnete die Augen, wollte die Beine aus dem Bett stellen, doch er spürte die Schuhe an seinen Füßen - hatte er mit ihnen geschlafen? Und warum war sein Schlafzimmer so verändert und wer waren diese beiden Vögel vor seinem Bett?

„Ey, verpisst euch", knurrte er sie also an und hatte das Gefühl, noch nicht ganz wach zu sein.

„Welch nette Begrüßung“, spottete Powaqa und seine Haltung spannte sich unmerklich an. Dieser Mann auf dem Tisch war eine potenzielle Gefahr und da war es besser, wachsam zu sein. Er wollte nicht überrascht werden, denn aus Erfahrung wusste er, dass ihre Gäste oft aggressiv wurden.

„Hallo, Mister Weedman.“ Lus Stimme war freundlich, aber ihre Augen spiegelten das nicht wider. „Wir haben ein paar Fragen an sie.“

„Ich auch!", sagte Kenneth als er sich umsah. „Wo bin ich? Wer seid ihr? Wie komme ich hier her und wann komme ich wieder nach Hause? Ich habe Termine." Er stieg langsam von dem Tisch, daran hinderte ihn keiner. In der einzigen Tür des Raumes allerdings stand ein Kerl, mit dem man sich besser nicht anlegte. Trainiert und schlecht gelaunt mit einer riesigen Ratte auf der Schulter.

Wo war er denn hier gelandet?

„Seien sie kooperativ und sie können bald wieder nach Hause.“ Lu sah sich den Mann an und lehnte sich an einen der Tische, die mit medizinischen Geräten voll gepackt waren. Auf Kenneths Fragen ging sie gar nicht ein, weil es reine Zeitverschwendung war, darüber zu diskutieren. „Ich möchte wissen, woher sie die Informationen haben, die sie im Netz ausgestellt haben.“

„Hören sie zu, kleine Lady", sagte Kenneth, der langsam zu begreifen schien, auf was die Leute hier hinaus wollten. Doch er war nicht so dumm, etwas zu sagen, so lange man ihm nicht entgegen kam. „Ich glaube nicht, dass es sie oder jemand anderes etwas angeht. Ich werde betäubt, entführt... Ey, Kurzer, von dir bekomme ich noch wahlweise eine große Pizza mit Pilzen oder fünf Pfund", wandte er sich an den Jungen, den er als seinen Pizzaboten wieder erkannte. Eigentlich hätte er besorgt sein sollen. Er war gekidnappt worden, doch er war wohl noch nicht wach genug.

„Leck mich“, knurrte Sick und bekam gleich eine Kopfnuss von Powaqa.

„Tz, Kleiner, das war unhöflich“, erklärte der Schamane und schüttelte den Kopf.

„Lass das, Zauberheini“, knurrte Sick und warf ihm einen mörderischen Blick zu, griff sich aber in die Tasche und schnippte Kenneth seinen Geldschein zu, den aber eine schmale Hand auffing.

„Mister Weedman, sie haben Hunger und wollen schlafen und wir haben auch noch was zu tun. Also geben sie uns das, was wir brauchen und sie können ihre Pizza Zuhause genießen.“ Lus Stimme war immer noch freundlich, aber sie war kälter geworden, denn sie hasste es, Zeit zu verschwenden.

Forschend sah Kenneth die junge Frau an. Sie schien hier ziemlich wichtig zu sein, denn keiner fuhr ihr in die Parade. Also wandte er sich auch wieder an sie und ignorierte die kleine, unverschämte Kröte. Er sah sowieso ein bisschen verschwommen ohne seine Brille, doch klar genug, denn die kleine Kröte hatte er wieder erkannt.

„Kleine Lady", sagte er also und lehnte sich gegen den Tisch, durch die Tür kam er ja sowieso nicht. „Da sie etwas von mir wollen, was sie nur bekommen, wenn ich lebe, glaube ich nicht, dass sie mir großen Schaden zufügen. Vielleicht hätte ich ihnen sogar geholfen, wenn sie mich gefragt hätten. Doch diese Show hier und ein Betäubungsmittel, das war keine gute Idee. Aus mir bekommen sie nichts heraus." Egal wie müde oder hungrig er war, seine Sturheit toppte alles.

„Wie sie meinen, Mister Weedman.“ Lu zuckte mit den Schultern und gab Blade ein Zeichen. „Seien sie also unser Gast. Blade wird sie in ihr Zimmer bringen.“ Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und ging aus dem Raum.

„Fehler, Alter, ganz schwerer Fehler“, feixte Sick und kicherte. Lu war sauer und das war nichts, was man provozieren sollte, das wusste er aus leidvoller Erfahrung. Das war Kenneth ebenfalls klar, doch leider kam diese Erkenntnis etwas zu spät und er war zu stur, um sich noch einmal über eine Basis der Verhandlungen zu erkundigen.

„Sagt wenigstens einer von euch nachher meiner Sekretärin Bescheid, damit sie meine Termine absagt? Ich gehe davon aus, das hier wird länger dauern", sagte er und versuchte ruhig zu bleiben, doch seine Augen suchten nach einem Weg für die Flucht. Aber der Kerl, der die Tür ausfüllte, machte nicht den Eindruck, als würde er viel Erfolg haben.

Powaqa deutete mit einer Hand auf die Tür und lächelte. „Na, dann kommen sie mal mit, Mister Weedman“, sagte er freundlich und ging hinter Kenneth her. Blade sah ihnen entgegen und verzog den Mund zu etwas, was man mit viel Fantasie für ein Grinsen halten konnte. „Mach mir eine Freude und versuch zu fliehen“, knurrte er und ließ so Kenneths schlimmste Befürchtungen wahr werden.

„Ich tu mein möglichstes", murmelte Kenneth leise, wusste aber, was er sich verkneifen konnte. Schon allein weil das komische Riesenvieh auf der Schulter des Muskelprotz' ihn so merkwürdig musterte.

Was war das denn hier für ein Verein?

Machten die genetische Experimente oder gab es Ratten dieser Größe wirklich?

Und warum machte er sich darüber mehr Gedanken als über die Tatsache, dass man ihn gekidnappt hatte und er in einem Raum stand, der wie ein Labor aussah? Ohne Fenster, falls der Zusatz noch gestattet war.

„Was genau wollt ihr eigentlich von mir?", fragte er also in die Runde, vielleicht antwortete ihm ja jemand und seine einzige Hoffnung war der Blonde mit den Indianerklamotten - der Rest war doch nicht ganz dicht.

„Informationen“, kam es im besten Plauderton von dem Schamanen, der neben Kenneth, hinter Blade, herlief. Sparky hibbelte auf Blades Schulter herum und Powaqa lachte leise. „Ich hab es nicht vergessen, Süße“, sagte er liebevoll und holte etwas aus seiner Hosentasche, das er Sparky hinhielt, die es sich gleich schnappte.

„Nicht so viele Süßigkeiten, wie oft denn noch, Pow?“ Blade sah sich zu ihnen um und streichelte seine Ratte hinter den Ohren. „Ich bring sie dir, wenn sie wieder Magenschmerzen hat.“

„Ach komm, sie ist so süß und sie hat doch ganze Arbeit geleistet, die Kabel durch die Schächte im Haus zu ziehen. Sie hat sich eine Belohnung verdient", sagte der Schamane und lachte leise, denn Sparky war nicht umsonst eine Riesenhamsterratte. Wie die kleinen Haustierchen auch versteckte sie Beute in den Backentaschen und dann sah es so aus, als würde sie die Backen aufblasen und ihren Unmut kundtun.

Auch Kenneth beobachtete das Tier und schüttelte den Kopf. „Dass ihr nicht an meinen Goldreserven interessiert seid oder an meinem Wagen, war mir auch klar. Was für Informationen?", versuchte er noch einmal eine präzisere Auskunft zu bekommen. Diese engen, langen Gänge waren beklemmend und er fragte sich, wo er hier wohl war. So etwas kannte er nur aus Filmen, die in geheimen Militärbasen spielten.

„Du hast Gold?“, fragte Powaqa gespielt aufgeregt und lachte, weil Blade die Augen verdrehte. Konnte der Spinner nicht einmal ernst sein?

„Informationen, wo du das her hast, was in deinem Internetbericht steht“, erklärte der Schamane nun doch und nahm Sparky von Blades Schulter, damit er mit ihr schmusen und sie noch ein wenig verwöhnen konnte.

„Der ganze Blödsinn mit den Dämonen, die etwas suchen und Menschen in ihren Träumen versuchen zu sich zu zerren? Was seid ihr denn für welche?" Kenneth schüttelte den Kopf und blieb stehen. Nichts gegen Feedback, aber das hier ging ihm gerade zu weit. Er hatte doch nur ein paar Sachen versucht zu verarbeiten, die ihm selber schlicht zu hoch gewesen waren und jetzt wurde er deswegen entführt? „Geisterjäger oder was?" Er fühlte sich verschaukelt und zwar im ganz großen Stil.

„Mit Geistern hat das nichts zu tun. Das, was wir suchen, ist viel realer.“ Powaqa war ebenfalls stehen geblieben und sah Kenneth ernst an. Er setzte sich Sparky auf die Schulter und öffnete die Weste, die er trug. Auf seiner Brust konnte man vier parallele Narben erkennen, die sich vom linken Schlüsselbein quer hinüber zur rechten Seite zogen. „Kommt dir das bekannt vor?“

Kenneth schluckte, denn das tat es allerdings. Doch er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Er war doch nicht verrückt.

Dämonen gab es nicht!

Sie waren Hirngespinste, hervorgerufen durch Stress. Dass dann manchmal der Verstand aussetzte und man sich selbst verletzte - nun, auch das kam vor. "Hab ich nicht", sagte er also, denn das war nicht gelogen. Doch in seinem Kopf fingen Gedanken an zu surren - lauter und lauter.

Nein, verdammt noch mal!

Es gab keine Dämonen!

„Du vielleicht nicht, aber jemand, den du kennst und er ist in großer Gefahr.“ Powaqa sah Kenneth an, dass er so etwas schon einmal gesehen hatte und er kam immer mehr zu dem Schluss, Kenneth selber wusste nichts von dem, was sie suchten. „Wir können demjenigen helfen, wenn du uns sagst, wo wir ihn finden und was du noch weißt.“

„Was seid ihr?", fragte Kenneth und machte automatisch einen Schritt zurück. Diese Typen waren ihm unheimlich. „Ich werde ihn nicht verraten, vergesst es. Er leidet genug. Da braucht er Freaks wie euch nicht", sagte er noch und dann wandte er sich um und lief einfach los. Egal wo hin, nur weg von diesen Irren, die ihn völlig durcheinander brachten - von wegen real und in Gefahr! Die waren doch nicht ganz dicht.

Kenneth lief, ohne ein bestimmtes Ziel, einfach in jeden Quergang, den er fand, in der Hoffnung seine Verfolger abschütteln zu können. Er musste hier weg - die waren doch alle wahnsinnig!

Eine große Hand, die sich fest auf seine Schulter legte, stoppte seinen Lauf. „Falsche Richtung, Kleiner“, brummte Blade und drehte Kenneth um. Er schob den Therapeuten in die entgegengesetzte Richtung zurück zu Powaqa, der stehen geblieben war.

„Wer wir sind, ist nicht wichtig, Kenneth. Wichtig ist nur, dass wir helfen können. Du sagst, er leidet und genau das können wir beenden. Wenn es so ist, wie du es beschrieben hast, wird er sie nicht mehr lange zurückhalten können und wenn das passiert, ist er tot.“ Es war selten, dass der Schamane so ernst war, aber er wusste aus eigener Erfahrung, wie es war.

„Was soll der ganze Mist? Nehmt ihr Drogen? Habt ihr ihm diesen Mist verkauft?" Kenneth wehrte sich gegen Blade, doch der ließ ihn nicht mehr los. Vielleicht mochte man ihn einmal täuschen, doch ein zweites Mal überlebte man nicht.

„Stirbt er etwa, wenn er nichts mehr nimmt? Ist es das?" Langsam wurde für Kenneth alles klar. So musste es sein. Drogen, die man noch nicht nachweisen konnte, weil es noch keine Screenings dafür gab! Das war die Lösung. „Wenn ihr ihm das Zeug verkauft, dann wisst ihr doch, wo er ist. Geht doch selber." Er machte sich absichtlich schwer, weil er es gar nicht mochte, wie Blade ihn spielend vor sich her schob.

„Wir nehmen keine Drogen und verkaufen sie auch nicht.“ Powaqa seufzte. Kenneth war nicht so leicht zu knacken. Er war zu sehr Realist, um an Dämonen und das Übersinnliche zu glauben. „Weißt du, Ken, wir bekommen es auch ohne dich heraus, aber das braucht Zeit, die wir nicht haben. Wenn sie ihn schon einmal verletzen konnten, sind sie bald stark genug, um ihn zu holen und dann kommen wir zu spät, weil er stirbt.“

„Leute!" Kenneth wurde wütend und riss sich aus Blades Umklammerung los. Er sprang mit dem Rücken an die Wand und hatte nun die beiden Männer vor sich. „Macht mich nicht sauer. Denn eben zeigst du mir noch deine Narben und dann plötzlich soll es bei Ph ... David", korrigierte er, weil er den wahren Namen nicht preisgeben wollte, „zu spät sein? Wie hat man dich denn vor den Dämonen gerettet, hm? Warum sollst du ihre Angriffe überlebt haben und er das nicht schaffen und warum lasse ich mich überhaupt auf eine Diskussion über Hirngespinste ein?" Kenneth war schon ganz wirr und so strich er sich Haare aus dem Gesicht. Das tat er oft, wenn er nervös wurde.

„Hat dieser David Freunde, die mit ihm gemeinsam gegen Dämonen kämpfen und ihn retten können, wie meine Freunde mich? Wir kämpfen seit Jahren gegen sie und manchmal verlieren wir auch, aber das hält uns nicht ab. Wir haben eine Aufgabe und die erfüllen wir.“ Powaqa blieb ruhig, aber seine dunklen Augen blitzten. Er hatte den Fastversprecher bemerkt und speicherte die Informationen ab. Vielleicht war sie noch wichtig.

Um nicht durchzudrehen, fing Kenneth an zu lachen. Er musste die Energie, die sich staute, loswerden, denn weglaufen konnte er nicht. Dieser weißhaarige Muskelprotz schien zu allem entschlossen. „Jawohl. Dämonenjäger", lachte Kenneth, die waren wirklich reif für die Geschlossene und Einzeltherapien. „Ist das ein Lernberuf oder studiert man dafür, hm?"

Immer wieder schüttelte Kenneth den Kopf, die blonden Haare umtanzten sein Gesicht und legten sich schlussendlich wie ein Vorhang über sein Blickfeld. Er wollte hier nur noch weg - mehr nicht. Die Müdigkeit holte ihn wieder, Hunger hatte er immer noch und was die Spinner hier wollten, begriff er immer noch nicht.

„Man stolpert da hinein, weil man einen Bruder hat, dem ähnliches passiert ist, wie diesem David und der von ihnen getötet wurde.“ Powaqas Gesicht verschloss sich und er wandte sich ab. Noch heute, nach so vielen Jahren, schmerzte die Erinnerung an Leo. „Blade bringt dich in dein Zimmer und du bekommst etwas zu essen und zu trinken. Schlaf, wir reden weiter, wenn du wieder wach bist.“ Ohne Kenneth noch einmal anzusehen, ging der Schamane wieder zurück ins Labor. Er musste mit Sick reden, der wusste am meisten über ihren Gast, weil er recherchiert hatte.

„Beweist mir ihre Existenz, dann reden wir weiter", sagte Kenneth leise, der irgendwie das Gefühl hatte, etwas aufgerissen zu haben, was der Schamane lieber verborgen hätte. Doch er fügte sich, als Blade ihn schweigend an der Schulter packte und wieder durch die Gänge schob. Ihm war es schon egal, gegen den konnte er sich sowieso nicht wehren. Außerdem fing sein Hirn allen Ernstes an, dem Indianer zu glauben - das war nicht gut. Sie hatten ihn fast so weit.

Sie liefen noch ein wenig, dann hielt Blade Kenneth fest und öffnete eine Tür. „Essen kommt gleich“, knurrte der Soldat und schob ihn in den Raum. Wenn da nicht die Vermutung wäre, dass sie sich unter der Erde befanden, konnte man fast glauben, in einem Hotelzimmer der gehobenen Klasse zu sein. Das Zimmer war geräumig, mit einem großen, bequemen Bett, einer Ess- und einer Sitzecke, Fernseher, Radio, alles vorhanden. Kenneth sah sich um und öffnete die Tür, in einer der Wände. Er stand in einem Badezimmer, mit allem, was man brauchte. Sogar an Sachen zum Wechseln war gedacht worden. Er wurde aus diesem ganzen Unterfangen einfach nicht schlau. Langsam ging er durch die Räume, denn wenn er sich bewegte, konnte er besser denken.

„Die glauben wirklich an diese Dämonensachen. Und sie scheinen das auch ernst zu nehmen. Sind sie jetzt besondern bescheuert oder besonders intelligent?", fragte er sich halblaut. Er ging einfach davon aus, dass man den Raum verwanzt hatte, deswegen ließ er es auch lieber zu duschen, auch wenn der Drang nach ein bisschen Erfrischung penetrant wurde.

Unruhig ging er durch den Raum und um sich abzulenken öffnete er die Schranktüren. Dahinter befand sich nichts Aufregendes. Bettwäsche, Handtücher, Schreibzeug und andere Dinge, die er sich aber nicht weiter ansah. Also, Zimmermädchen gab es hier wohl nicht, die sein Bett machten. Kenneth musste grinsen. Komischerweise hatte er keine Angst, was doch bei den Typen eigentlich logisch wäre. Sie hatten ihn entführt und betäubt, aber er fürchtete sich nicht vor ihnen. Wie kam das?

Vielleicht, weil sie ihm bis jetzt noch nichts getan hatten. Doch was nicht war, konnte ja noch werden - der weißhaarige Typ mit den Tattoos im Gesicht machte den Anschein, als würde er nur darauf warten, Kenneth einmal gepflegt das Nasenbein spalten zu dürfen.

Vielleicht fing er an, ihnen zu glauben. Auch wenn er das selber behauptet hatte, machten sie auf ihn nicht den Eindruck von Irren. Sie wussten, wovon sie redeten und sie wussten auch, was mit Phillip passierte. Doch er wollte noch einen Beweis. Einen einzigen, dass diese Wesen wirklich existieren sollten.

„Ich bin müde und hungrig, ich kann nicht mehr klar denken“, knurrte er sich an und rieb sich mit den Händen über das Gesicht. Erst Phillip, der ihn aufgewühlt hatte und nun hockte er hier in einer Zelle und wurde gefangen gehalten. Kenneth ließ sich aufs Bett fallen und blickte an die Decke.

Also nur mal rein theoretisch: wenn es diese Dämonen wirklich gab, was wollten sie von Phillip? Der Mann war nichts Besonderes, weder überdurchschnittlich intelligent, noch besonders reich oder anziehend, allenfalls Durchschnitt, in allem. Also warum sollte ausgerechnet er diesen Dämonen bei ihrer Suche helfen?

Und vor allen Dingen - immer vorausgesetzt es wäre wirklich real - was suchten sie überhaupt? Was konnte Dämonen so wichtig sein, dass sie Menschen aufsuchten und zwangen, ihnen zu helfen? Was konnten Menschen, was diese Dämonen nicht allein tun konnten?

„Ach, scheiß drauf", knurrte er und drehte sich um, erblickte dabei mehr zufällig eine winzige Kamera und winkte hinein. „Gute Nacht, Schatz", sagte er und schloss die Augen.


03


„Was hältst du von ihm?“ Sick nahm den Blick nicht vom Monitor. Doc neben ihm sah das gleiche.

„Er ist mir zu ruhig“, murmelte Doc und ging wieder zu seinen Geräten. Er hatte gerade die Ergebnisse der Blutuntersuchung bekommen. Der Kerl war sauber, keinerlei Drogen feststellbar. Doc lehnte sich an die Kante des Tisches und drehte sich wieder zu Sick. „Er wurde betäubt und entführt, Pow erzählt ihm was von Dämonen und er legt sich hin und macht Scherze. Das ist doch nicht normal.“

„Der ganze Typ ist nicht normal", knurrte Sick. Aus irgendeinem Grund ging ihm dieser Psycho-Typ gegen den Strich. Vielleicht, weil er völlig sorglos mit seinem PC umging, was Sick grundsätzlich nicht verstand. Oder weil der Kerl es ihnen zu schwer machte. Anstatt einfach zu sagen, was er wusste, spielte er Spielchen und gefährdete Menschenleben. „Ich würde ihm gern ein bisschen Angst einjagen? Darf ich?" Das erste Mal seit einer ganzen Weile sah Sick sich um und seine Augen glitzerten durch den schwarzen Pony. Selbst durch die Brille sah man den Glanz der Vorfreude.

„Was hast du denn vor?“ Doc wurde hellhörig und musste grinsen. Sick war ein kleines Aas, aber er war genau der Richtige für ihre Arbeit. „Nicht dass du ihn so verschreckst, dass er nachher gar nichts mehr sagt. Lu wird dir dann das Fell über die Ohren ziehen und ich muss es wieder annähen.“ Der große Blonde grinste. Wirklich etwas dagegen unternehmen, wenn Sick spielen wollte, würde er nicht, aber ein Auge drauf halten, damit der Kurze nicht übertrieb.

„Ich hatte gestern Langeweile", erklärte der Kleine und grinste zufrieden. Er drückte ein paar Knöpfe und beobachtete einfach, was geschah. Erst hörte man aus versteckten Lautsprechern Stimmen. Heiser, flüsternd und man verstand sie kaum. Doch sie waren drängend und wurden lauter.

„Wecken wie den Ungläubigen erst einmal, sonst verpasst er doch das Beste!"

„Glaubst du, er wird sich davon groß erschrecken lassen?“ Doc hatte da so seine Zweifel. Kurz vielleicht, aber dann hatte Kenneth das Spiel durchschaut. Wenn sie Pech hatten, machte er dann ganz dicht und redete gar nicht mehr. Sicher, sie hatten Mittel und Wege, das, was sie wissen wollten, aus ihrem Gast herauszubekommen, aber Doc mochte es nicht, mit Drogen zu arbeiten.

„Halt den Ball flach, ich bin doch noch gar nicht fertig. Misch dich nicht in Dinge, wovon du keine Ahnung hast", knurrte Sick, denn er mochte es überhaupt nicht, kritisiert zu werden. Er war perfekt und jeder, der daran zweifelte, hatte schon so gut wie verloren. Lieber beobachtete er Kenneth, der langsam wieder zu sich kam.

Jetzt konnte es weiter gehen und Sick drückte die Tasten, die ein Hologramm erzeugten - Dämonen mit einem Stück Papier in der Hand. Hässliche verwachsene Kreaturen mit glühenden Augen und langen Klauen. Sick war stolz darauf, dass man sie kaum als Fälschung ausmachen konnte, denn sie flackerten nicht und waren auch nicht durchsichtig.

„Wow.“ Doc kam wieder näher und beugte sich zum Bildschirm. „Der ist krass geworden.“ Wenn man nicht wüsste, dass dieser Dämon nicht echt war, konnte man schon das Gruseln bekommen. „Mach das nicht zu lange. Er soll nicht glauben, dass wir mit den Dämonen zusammen arbeiten und dicht machen. Er soll besser glauben, er hätte das geträumt.“ Noch war Kenneth nicht ganz wach und blickte recht emotionslos auf das Bild, das vor seinem Bett zu sehen war.

Sick drehte die heiseren Stimmen noch etwas lauter, ließ das Hologramm dichter ans Bett kommen und plötzlich sah man sehr deutlich, wie Leben in den eben noch schlaffen Körper kam. Kenneth schoss hoch und drückte sich an die Wand in seinem Rücken. Da ließ Sick alles verschwinden. Der Kerl hatte doch Beweise gewollt. Nun hatte er sie - jetzt wusste er, wie die Typen aussahen und da war der manchmal unerträgliche Gestank nach Tod noch nicht dabei gewesen.

„Jetzt ist er wach.“ Doc klopfte Sick auf die Schulter. Kenneth stand noch immer an die Zimmerwand gepresst und atmete hektisch. „Ich gehe zu ihm und bringe ihm etwas zur Beruhigung." Er musste diesen Typen beschnuppern. Ein wenig zu essen und eine Tasse Tee waren da recht gut geeignet.

Er ging in die Küche, machte alles fertig und klopfte an die Tür zu Kenneths Raum.

„Was?", herrschte Kenneth. Er hatte sich seit dieser merkwürdigen Erscheinung nicht bewegt. Er drückte sich an die Wand, starrte auf die Stelle, auf der er eben noch das gesehen hatte, von dem er glaubte, das würde es nicht geben. Das überstieg alles, an was er glaubte. Immer wieder schüttelte Kenneth den Kopf, strich sich nervös die Haare aus dem Gesicht und hielt den Atem an, als die Tür sich öffnete.

„Zimmer-Service“, rief Doc fröhlich und trat in den Raum. Die Tür war nicht abgeschlossen, Kenneth hätte also durchaus gehen können, nur wäre er nicht weit gekommen. „Du hattest doch Hunger, schließlich haben wir dich um deine Pizza gebracht. Die kann ich dir leider nicht anbieten, aber Sandwichs hab ich da, die sind auch ziemlich lecker.“ Er sagte das im leichten Plauderton, aber er war angespannt. Genauso wie Kenneth, der sich von seinem Platz an der Wand nicht weg bewegte.

„Stell es dort auf den Tisch und dann geh wieder", sagte er und wusste eigentlich nicht warum. „Oder gib mir lieber ein anderes Zimmer, das hier scheint... gebt mir einfach ein anderes Zimmer!" Er ließ Doc nicht aus den Augen, denn die Panik saß ihm im Genick. Fingen die Träume jetzt bei ihm auch an oder war das Ding real gewesen? Doch woher kamen sie, wenn sie real waren? Arbeiteten die Typen etwa mit den Dämonen zusammen und er sollte ihnen helfen, Philip zu finden?

Verlogene Bande, na die würden sich noch wundern. Aus ihm bekamen sie nichts heraus.

Doc seufzte, da hatte Sick genau das erreicht, was er befürchtet hatte. „Komm rüber, wir essen was und reden.“ Doc stellte alles, was er mitgebracht hatte, auf dem Tisch ab und setzte sich. „Du brauchst kein neues Zimmer. So etwas wird nicht wieder vorkommen. Es war eine kleine Demonstration. Ein wenig fies, das gebe ich zu, aber sehr realistisch.“

Misstrauisch verengte Kenneth die Augen, vielleicht auch, weil er Doc dort hinten nicht richtig erkennen konnte ohne Brille. „Demonstration?", fragte er und sah sich noch einmal um. Verarschte der ihn jetzt wieder oder war die Erscheinung wirklich nicht real gewesen? Was sollte er diesen Typen eigentlich noch glauben?

„Ihr seid echt das letzte, einer wie der andere. Da macht keiner eine Ausnahme. Na ja, der Indianer vielleicht. Aber der Rest von euch hat 'n Rad ab." Kenneth sah nicht ein, warum er diesen Leuten noch zu Munde reden sollte. Die machten mit ihm, was sie wollten. Er nahm sich das gleiche Recht, Gefangener hin oder her.

„Es war ein Hologramm. Sick ist echt ein Genie auf diesem Gebiet. Es war nicht ganz fair, das gebe ich zu, aber wir wollten dich aus der Reserve locken und dir zeigen, wen dieser David jede Nacht sieht. Komm rüber, nimm dir einen Tee und wir reden. Du bist wütend, das verstehe ich, aber ich werde versuchen, dir zu erklären, warum du hier bist.“

„Ich bin hier, weil ich etwas geschrieben habe. Das hat man mir ja schon gesagt", erklärte Kenneth wütend und ließ sich auf das Bett fallen. Diese kleine Zwecke hatte ihn also reingelegt. Was war das für ein Gör? Hatte der keine Freunde oder andere Hobbys? Sollte der nicht mit Mädchen spielen, anstatt mit Computern?

„Ich hab von dem ganzen hier die Nase voll." Kenneth fiel nach hinten um und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Ich kann euch nichts glauben. Ihr erwartet, dass ich Daten über einen Patienten heraus gebe, ohne dass ich weiß, was passieren wird. Er vertraut mir, deswegen erzählt er mir das alles. Was habt ihr zu bieten, damit ich euch vertraue, hm? Kidnapping, Betäubungsmittel, Hologramme. Ich gehe mal davon aus, dass der kleine Idiot sich auch an meinem Laptop zu schaffen gemacht hat und die Patientendaten eingesehen hat. Oder?" Er sah wieder in Richtung der Kamera, die er entdeckt hatte.

„Kenneth, du hast ja Recht, wir möchten etwas von dir, aber wir sind nicht die Bösen.“ Doc kam mit den Teetassen zum Bett und hielt sie Kenneth hin, damit er sich eine aussuchen konnte. Wahrscheinlich glaubte er sonst, dass er ihm etwas hineingemischt hatte. „Das mit dem Hologramm war vielleicht nicht die beste Idee, dein Vertrauen zu gewinnen. Du hast diesen Bericht mit Details geschrieben, die nur jemand wissen kann, der Dämonen wirklich begegnet ist. Deswegen sind wir darauf aufmerksam geworden. Erst sind wir davon ausgegangen, du hättest sie gesehen, aber du hast nur wiedergegeben, was dein Patient dir erzählt hat. Wir wollen diese Monster und weder du noch David haben etwas von uns zu befürchten.“

„Du meinst, abgesehen von Betäubungsmitteln und Kidnapping", knurrte Kenneth, doch er erhob sich wieder, um Doc in die Augen zu sehen. Sie hatten eine merkwürdig strahlende Farbe, dass es einem aus der Nähe betrachtet regelrecht ins Auge stach. Sie waren wie Magneten, man konnte die Blicke nicht von diesem Blau nehmen. Es war fast unangenehm, von ihnen angesehen zu werden. Schnell nahm Kenneth sich eine der beiden Tassen und erhob sich, um etwas zu laufen. Das half beim Denken. „Was werdet ihr tun, wenn ihr wisst, von wem ich die Informationen habe? Was wird mit ihm passieren?"

Doc nahm einen Schluck des Tees und lehnte sich an das Kopfende. „Wir oder besser Pow, wird ihn auf seinen Träumen begleiten. Dabei wird er versuchen, herauszubekommen, wo sie sich aufhalten und gleichzeitig einen Schutzkreis um diesen David aufbauen, damit sie nicht mehr an ihn herankommen, bis wir sie erledigt haben. Das dauert oft ein paar Tage, bis wir alle Informationen haben und dann beginnt der gefährliche Teil, aber nicht für deinen Freund. Er wird sein Leben weiterleben können, wie vor seinen Träumen.“

„Du machst ein Gesicht, als würdest du glauben, was du da sagst", murmelte Kenneth, doch es klang nicht abwertend. Es war für ihn allerdings schon merkwürdig, von Dämonen zu hören, von Bannkreisen, von Menschen, die in anderer Leute Traum tauchen. „Wer sind sie und was wollen sie von meinem Patienten? Er ist kein besonderer Mann. Warum suchen sie ausgerechnet ihn heim?" Diese Frage stand noch immer ziemlich weit oben auf Kenneths Liste der quälenden Fragen.

„Ja, ich glaube daran, denn ich habe schon viele dieser Monster gesehen und geholfen, sie zu töten, genauso wie alle anderen hier.“ Doc lehnte seinen Kopf an die Wand und schloss die Augen. Kenneths Frage, wer die Monster waren, war nicht so leicht zu beantworten.

„Na ja, wie soll man das erklären? Die Dämonen deines Patienten scheinen etwas zu suchen, andere haben andere Intensionen oder einfach nur Freude am töten und Quälen. Dieser David mag augenscheinlich nichts Besonderes sein, aber wir haben festgestellt, dass sie sich Menschen mit Fähigkeiten suchen, die ihnen nützlich sind. Meist haben die Opfer davon keine Ahnung, dass sie doch etwas Besonderes sind.“

„Fähigkeiten?", fragte Kenneth, der irgendwie zwangsläufig solche Typen wie in den Comic-Heften vor sich sah. Menschliche Spinnen oder Fledermäuse. Die einzigen, bei denen er sich etwas Derartiges vorstellen konnte, waren die, die sich selber Medium nannten, Bindeglieder zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten. Kenneth selbst war zu sehr Realist, um daran wirklich zu glauben, doch es gab ja bekanntlich mehr als die Menschen sich in ihrem schmalen Geist vorstellen konnten. Und wie es schien, war er einer von den Kleingeistern.

„Ja, das ist schwierig zu erklären. Es gibt unwahrscheinlich viele Varianten. Nehmen wir zum Beispiel unseren Indianer. Er kann Kontakt mit den Geistern aufnehmen und er kann Menschen in ihren Träumen begleiten. Mehr Menschen, als man glaubt, haben irgendeine Gabe. Sie nutzen sie, ohne es zu wissen. Sie glauben, dass sie sich bei Entscheidungen auf ihren Bauch verlassen oder dass sie einfach Glückskinder sind, weil ihnen alles gelingt, aber sie nutzen die Fähigkeiten, die in ihnen verborgen sind.“ Doc zuckte mit den Schultern, denn es war schwer zu erklären. „Nehmen wir zum Beispiel einen Geologen, der erspüren kann, wo Erzadern im Boden sind. Das ist seine Fähigkeit.“

„Aha!" Kenneth nickte verstehend und es war schwer zu glauben, doch vorerst wollte er das nicht hinterfragen. „Okay, ihr habt mich so weit. Ich werde mit euch über Phillip reden." Dabei sah er wieder in die Kamera, denn er wusste, wenn Sick den richtigen Namen hatte, würde er alle Hebel in Bewegung setzen und herausfinden, wo sie ihn fanden. „Werdet ihr ihn hier her holen?" Sein gieriger Blick lag auf den lecker belegten Broten, denn sein Hunger kam zurück.

„Das kann ich dir noch nicht sagen, das kommt darauf an, was er möchte. Wir werden mit ihm Kontakt aufnehmen, aber es wäre wahrscheinlich hilfreich, wenn du uns dabei helfen würdest, denn nach dem, was du geschrieben hast, ist er vollkommen verängstigt und wird nicht so leicht zu überzeugen sein.“ Doc sah Kenneth an und wusste jetzt nicht, was los war. Er konnte es kaum glauben, wie einfach Kenneth aufgegeben hatte. „Was hat dich dazu gebracht, mir zu glauben?“, fragte er schließlich neugierig und stand auf, der hungrige Blick war nicht zu übersehen gewesen. Darum holte er den Teller zum Bett.

„Dein Glaube", sagte Kenneth, denn so war es gewesen. „Du bist kein dummer Mann, du scheinst auch keine Drogen zu nehmen und doch glaubst du mit einer Vehemenz, die mir Sorgen macht. Kombiniert mit den Narben, die ich bei Phillip und eurem Indianer gesehen habe und", er sah wieder in die Kamera, „vielleicht auch ein bisschen die nette Show von eben. Ich bin neugierig. Vielleicht gibt es doch mehr, als ich mir vorstellen kann." Das war der Punkt - pure Neugier. Er griff sich eines der Brote. Sein Magen knurrte.

„Nein, keine Drogen, du übrigens auch nicht.“ Doc lachte leise. „Ich bin Arzt und war eigentlich wie du, kein Mensch, der an Übersinnliches glaubte. Wir alle hatten ein einschneidendes Erlebnis, dass uns eines Besseren belehrte. Nur haben wir uns nicht verschrecken lassen, sondern beschlossen, etwas zu tun, damit nicht noch mehr Menschen leiden oder sogar sterben müssen.“

„Was war es bei dir", fragte Kenneth und rückte sich das Kissen im Rücken zurecht. Die Wand war kalt und in seinem übermüdeten Zustand nahm er das alles intensiver wahr als sonst. Es war unangenehm.

„Mein Vater. Ihm ging es ähnlich wie deinem Patienten. Er wurde in seinen Träumen von ihnen gequält. Er hat viele Jahre in verschiedenen Kliniken verbracht, ohne dass ihm geholfen werden konnte.“ Doc sah zu Kenneth hinüber und seine Augen wurden kurz traurig. „Auch wenn ich Powaqa getroffen habe und er versucht hat, ihm zu helfen, war es für ihn zu spät. Die jahrelangen Qualen haben seinen Körper und seinen Willen zerstört und er hat aufgegeben. Zwar haben wir seine Dämonen besiegt, aber ein Jahr später ist er gestorben. Wenigstens war er da bei seiner Familie und nicht in irgendeiner Anstalt.“

Kenneth blickte von seinem Teller auf und sah Doc forschend an. Die Parallelen zu Phillip waren frappierend. Auch ihn hätte er am liebsten in eine Klinik überwiesen, die sich mit Psychosen auskannte. Was hätte er nur angerichtet? „Es tut mir leid, für deinen Vater, aber Phillip soll dort nicht landen. Helft ihm, was immer nötig ist, ich werde alles tun." Und das meinte er ernst.

„Danke, Kenneth. Wir alle haben einen Menschen, den wir lieben, verloren, auf die eine oder andere Weise. Darum kämpfen wir, egal ob wir selber dabei sterben. Niemand soll unter diesen Monstern leiden.“ Doc lächelte schmal und atmete tief durch. „Wir werden Phillip helfen, da kannst du sicher sein.“

„Das will ich für euch hoffen, sonst habt ihr nämlich ein Problem mehr und ich kann schlimmer sein als ein Dämon", sagte Kenneth und grinste schief. „Allerdings würde ich dann gern zurück in meine Praxis, ich habe nämlich für heute Termine, die ich entweder verschieben oder wahrnehmen sollte. Ich kann es mir nicht leisten, meine Patienten zu versetzen." Schließlich zahlten die sein Gehalt. Auch wenn seine Kollegen das übernehmen konnten, doch sie mussten informiert werden.

„Es wäre gut, wenn du morgen noch hier bleibst. Wir müssen unsere Vorgehensweise besprechen und koordinieren. Wenn du deine Termine im Laptop hast, wird Sick sich darum kümmern, sie zu verschieben.“ Er wedelte in Richtung Kamera, war sich aber sicher, dass ihr Computergenie schon an der Arbeit war, wenn die Termine dort waren. „Wir sollten uns beeilen, aber nichts überstürzen.“

„Na klasse", seufzte Kenneth und sank ein wenig in sich zusammen. Er blieb also noch hier? Nachdenklich sah er sich in dem Zimmer um. So luxuriös es auf den ersten Blick doch gewesen war, einen ganzen Tag hier zu verbringen, ohne die Sonne zu sehen? Nicht gerade verlockend. „Darf ich wenigstens vor die Tür, wenn ich verspreche, bei Fuß zu gehen und nicht in die Ecken zu pinkeln?", grinste er schief und aß weiter.

Was für ein Tag! Und der war noch nicht zu Ende.

„Natürlich. Du bist unser Gast und kein Gefangener. Die Tür von deinem Zimmer war nie verschlossen.“ Doc schmunzelte, weil er sich denken konnte, was für einen Eindruck Blade hinterlassen hatte. „Du kannst jederzeit raus und dir alles ansehen, aber rechne damit, dass Blade dich im Auge behält und wenn er es nicht selber tut, dann wird seine Ratte das übernehmen. Nimm dich vor dem Vieh in Acht, sie ist hinterhältig und ärgert einen, wo sie kann. Sie hat hier Narrenfreiheit und nicht nur, weil sich keiner mit Blade anlegen will.“

„Ja, das komische Haustier habe ich schon gesehen", murmelte Kenneth und fragte sich immer noch, wo man Ratten von dieser Größe herbekam. „Welche Rolle spielt der Muskel... Blade eigentlich? Er macht auf mich den Eindruck eines Wachmannes. Trainiert und schnelle Reflexe." Eigentlich interessierte ihn sehr viel. Zum Beispiel wie die Gruppe sich zusammengefunden hatte, wie lange sie schon im Verborgenen wirkten, ohne dass je etwas über diese Dämonen an die Öffentlichkeit gekommen war. Ob sie allein arbeiteten? Oder gab es noch mehr? Doch dafür musste später einmal Zeit sein. Im Augenblick fiel eine Art Anspannung von ihm ab, das Adrenalin versiegte und er wurde müde.

„Er ist ein ehemaliger Marine. Irgend so eine besonders tödliche Spezialeinheit.“ Doc grinste, denn keiner von ihnen, außer Lu, wusste mehr über ihren Soldaten. „Er wurde von einem Dämon angegriffen und Blade hat ihn getötet. Das hat ihn zu uns gebracht. Es war nur einer der schwächeren Dämonen, aber keiner von uns würde einen Kampf mit ihm alleine überleben. Ich glaube, das sagt mehr über ihn, als tausend Worte.“

„Es sagt mir zumindest, dass ich Bögen um ihn mache, wo ich nur kann", murmelte Kenneth und schüttelte den Kopf. Er selbst war nicht sonderlich trainiert, sein stärkster Muskel war sein Hirn, den Rest hatte er ziemlich vernachlässigt. Er hatte Glück, dass er ein schlechtes Hausschwein war und kaum Fett ansetzte, bei seinem ungesunden Lebensstil. Seine Mutter lag ihm immer in den Ohren: such dir einen Partner, werd endlich sesshaft. Doch da hörte er immer weg. Er lebte für seinen Beruf.

Die Müdigkeit zerrte an ihm und er gähnte verhalten.

„Ach, so schlimm ist er nicht. Ein wenig wortkarg und brummig, aber hundert Prozent verlässlich. Wenn Sparky dich mag, noch besser, er liebt seine Riesenhamsterratte.“ Doc lachte und stand auf. „Schlaf, es ist spät und morgen haben wir viel vor.“ Er selber kam noch nicht zum schlafen, aber das war er gewohnt. Er streckte sich ausgiebig und nahm die leeren Tassen. „Das da drüben ist ein Kühlschrank. Darin ist Wasser, wenn du Durst kriegst.“

„Alles klar, danke." Kenneth nickte und erhob sich. „Eine Frage noch. Hat euer pubertärer Spanner auch im Bad Kameras oder kann ich da ohne Klamotten duschen?", fragte er, denn er hatte keine Lust auf eine Peep-Show. Allerdings zog er sich schon das Hemd aus der Hose, denn eigentlich wollte er nur noch schlafen und versuchen, das alles zu begreifen.

„Du kannst duschen. So was macht man mit Gästen nicht. Schlaf gut. Wir wecken dich morgen früh.“ Doc wedelte mit der Hand und ging zur Tür. „Wir sehen uns.“ Er schloss die Tür hinter sich und grinste. Lu würde zufrieden sein und wenn alles glatt ging, bekam ihre Gruppe vielleicht sogar Verstärkung.

„Hm!" Kenneth verschwand nur noch im Bad und machte sich frisch. In Ermangelung eines Pyjamas stieg er in die Shorts, die im Bad bereit lag und verschwand im Bett. Doch die Ereignisse des Tages fielen nicht von ihm ab - vor allem das Hologramm. Diese Wesen waren hässlich wie die Sünde. Sich vorzustellen, von solchen Biestern bedrängt zu werden, waren keine erfreulichen Aussichten. „Kümmert euch um Phillip", murmelte er noch, ehe er einschlief.



04


Er hatte den Eindruck, dass er noch nicht lange geschlafen hatte, als es klopfte. „Kenneth, wach werden“, rief Powaqa und öffnete die Tür soweit, dass er hinein sehen konnte. „Guten Morgen, Ken. Es gibt Frühstück. Mach dich fertig, ich hole dich in einer halben Stunde wieder ab“, sagte er, als Kenneth ihm verschlafen entgegensah. Er kam nicht dazu, in seinem Halbschlaf zu antworten, denn da war die Tür schon wieder zu.

„Hm", brummte Kenneth und zog sich das Kissen über den Kopf. Er hatte schlecht geschlafen. Obwohl er müde war und im Stehen hätte einschlafen können, hatte er sich noch lange im Bett hin und her gewälzt. Er wollte es nicht zugeben, doch er hatte Angst gehabt, die Augen zu schließen und da wären sie dann gewesen. Er fühlte sich wie gerädert, als er sich aus der Decke schälte und ins Bad schlurfte.

„Morgen", murmelte er zur Kamera, auch wenn er irgendwie sicher war, dass um diese Zeit niemand hinter dem Monitor saß. Er duschte und zog sich an, putzte die Zähne und strubbelte sich durch die Haare. Seine Augen schienen sich irgendwie an den Zustand ohne Brille zu gewöhnen oder bildete er sich nur ein, dass er langsam etwas deutlicher sehen konnte?

Er war gerade fertig, als es wieder klopfte und Powaqa mit Sparky auf der Schulter ins Zimmer kam. Die Ratte hatte es sich nicht nehmen lassen, mitzukommen, als sie gefragt worden war. Sie mochte es, neue Menschen kennen zu lernen und gestern hatte sie den Neuen noch nicht beschnuppern können. Das holte sie jetzt nach, denn sie streckte sich so gut es ging in Kenneths Richtung. Sie stand nur noch auf den Hinterbeinchen und pendelte mit dem langen Schwanz den Schwerpunkt aus. So erweckte sie Kenneths Interesse.

„Du bist also die, vor der ich gewarnt worden bin", sagte Kenneth und war froh, endlich hier heraus zu kommen. Er hatte sehr wohl verstanden, dass er kein Gefangener war und gehen konnte, wohin er hier wollte. Doch allein durch die endlosen Flure? Da verlief er sich nur. Aber jetzt wagte er sich erst einmal an das merkwürdige Tier und streckte die Hand aus, um sich ihr langsam zu nähern. Konnte ja sein, dass sie ihn nicht mochte und dann biss - wo diese Nagezähne hinlangten, wuchs garantiert kein Gras mehr.

„Ah, du hast mit Doc geredet.“ Powaqa grinste und kam etwas näher, damit Sparky nicht abstürzte. „Ja, die beiden verbindet eine wahre Hassliebe. Sie ärgern sich gegenseitig, wo sie nur können, aber ist Sparky verletzt oder hat sonst irgendwas, mutiert Doc zur Glucke und tut alles, was er kann, damit sie wieder gesund wird. Du kannst sie anfassen, sie ist nicht bissig.“

„Wo kriegt man denn solche Monsterratten her?", murmelte Kenneth, als er dem Tier über das Fell strich. Sparky wehrte sich ein bisschen, sie wollte den Neuen lieber beschnüffeln und beknabbern.

>>Schmust später, wir warten!<<, hörte man es plötzlich aus den Lautsprechern und Kenneth grinste. Das klang wie diese kleine Zwecke. Hing der schon wieder hinter den Monitoren? „Hat der keine anderen Hobbys, als mich zu beobachten?", fragte Kenneth laut genug, doch es kam keine Antwort mehr aus dem Lautsprecher, nur ein Schnalzen - das Zeichen für Sparky, dass ihr Herrchen das Futter fertig hatte und so kletterte sie geschäftig an Kenneth hinab und war ziemlich flink aus dem Zimmer verschwunden.

„Folgen wir ihr, ehe hier wieder Dämonen auftauchen."

„Könnte passieren.“ Powaqa grinste und ging hinter Sparky her, die gerade eilig um eine Ecke verschwand. Sie gingen den Weg von gestern wieder zurück, aber dieses Mal gingen sie an dem Labor vorbei, in eine gemütliche Küche, in der die anderen schon warteten. Lu stellte die große Pfanne mit Ei auf dem Tisch ab und kam zu Kenneth.

„Guten Morgen, ich bin Lu. Die anderen kennst du ja schon, aber ich stelle sie dir noch einmal vor. Doc, Sick, Blade und Powaqa.“ Alle hoben kurz die Hand und ließen sich am Tisch nieder. „Tee oder Kaffee?“

„Kaffee wäre nicht übel", sagte Kenneth und grüßte noch einmal. Sie saßen hier zusammen wie eine Familie, dabei sah man nur zu deutlich, dass keiner mit dem anderen verwandt war. Doc hatte einen Akzent, der nicht von der Insel stammte. Blade und der Indianer waren ebenfalls nicht von hier. Bei Lu war er sich nicht sicher und bei Sick auch nicht. Der Kleine hatte etwas asiatisches, doch das konnte Kenneth nicht genau sagen. Er sah jeden kurz an und sank auf einen leeren Stuhl.

Das Frühstück verlief friedlich, bis auf ein kleines Gerangel zwischen Doc und Sparky um das letzte Apfelstückchen, das die Ratte für sich gewann. Niemanden schien zu stören, dass das Tier sich ab und zu etwas vom Tisch klaute. Erst als sie sich noch einmal Kaffee oder Tee nachgeschüttet hatten, kam Lu auf ihr eigentliches Anliegen zu sprechen.

„Danke, Ken, dass du uns helfen willst. Wir haben uns gestern noch Phillips Akte angesehen und wir sind ehrlich gesagt in Sorge. Die Dämonen werden stärker und wir sollten so schnell wie möglich etwas unternehmen. Es wäre gut, wenn du gleich mit uns zu ihm fährst.“

„Ich kann nur hoffen, dass er versteht, dass es zu seinem Besten geschieht, denn allein die Vorstellung, von mir an einen anderen Arzt überwiesen zu werden, hat ihn panisch werden lassen. Ich bin dafür, dass erst mal nur der Doc oder Powaqa mit mir kommt. Wenn ihr da vollständig antrabt, stirbt er an einem Herzkasper." Kenneth murmelte nur, doch jeder konnte ihn verstehen. Er hinterging einen Patienten, redete sich aber damit heraus, dass es nur zu dessen Besten geschah und hoffte still, es möge wirklich stimmen.

„Gut, dann werden dich die beiden begleiten.“ Für Lu war das damit geklärt. Sie würden alles Weitere vorbereiten, falls sie Phillip mit hierher brachten. „Ihr macht euch besser gleich nach dem Frühstück auf dem Weg. Brauchst du noch was aus deiner Wohnung?“

Kenneth sah die zierliche Frau eine Weile an. Was sollte diese Frage? „Sicher", sagte er nur und ging schweigend davon aus, dass er eigentlich bald wieder zu Hause war. Er wusste doch sowieso nichts, was den Leuten hier weiter helfen konnte. Er konnte sie nur zu Phillip bringen und hoffen, dass sie ihm helfen konnten.

„Dann erst zu deiner Wohnung. Wir sehen uns nachher, ich habe noch was zu tun.“ Lu nickte Kenneth zu und verließ den Raum, sie hatte reichlich Bürokram zu erledigen, der nicht mehr aufgeschoben werden konnte. Auf ihre Leute war verlasst, Lu musste nicht dabei sein. Blade und die anderen würden die richtigen Entscheidungen fällen und zur Not musste Doc sich etwas einfallen lassen.

„Äh - ja." Kenneth sah ihr fragend nach und knurrte, als er Sick kichern hörte.

„Hast wohl gedacht, du kannst dann wieder heim, hä?", stichelte der Junge und hatte seine helle Freude damit, denn Kenneth verzog ertappt das Gesicht. Doch dann verschmälerten sich seine Augen.

„Ja, das hatte ich in der Tat. Ich habe nämlich noch einen Job und Leute, die auf mich zählen. Ich muss Geld verdienen, um meine Miete zu bezahlen und außerdem hätte ich gern meinen Laptop wieder." Dann trank er demonstrativ seinen Kaffee aus und stellte die Tasse lauter als nötig auf den Tisch.

„Boah, ist ja gut. Spielverderber. Du kannst ihn wiederhaben, ist eh nix Gescheites drauf.“ Sick funkelte Kenneth an und wer ihn kannte, wusste, dass es damit noch nicht erledigt war.

„Ich kann dir nicht versprechen, dass sich dein Leben die nächsten Tage wieder normalisiert. Es kommt darauf an, wie es sich mit Philip entwickelt. Wahrscheinlich werden wir dich brauchen, weil er dir vertraut.“ Powaqa sah den Psychologen an und verzog entschuldigend das Gesicht.

„Okay." Kenneth nickte und hatte den Jungen und seinen Laptop schon wieder vergessen. Erst hatte er ihm noch ein paar Takte über Privatsphäre erzählen wollen, es dann aber doch gelassen. „Das macht Sinn. Ich hoffe, wir kommen nicht zu spät. Phillip arbeitet ab zehn. Ich lebe momentan ohne Uhr, entscheidet also ihr, ob wir in Panik verfallen sollen oder noch Zeit haben."

„Na, da hat es doch mal was Gutes, dass uns unser Perfect Soldier schon vor dem Morgengrauen aus dem Bett schmeißt.“ Docs Stimme triefte vor Sarkasmus und entlockte Blade so ein Knurren, das Sparky aufnahm. Sie lief zu Doc, zwickte ihn ins Bein und war wieder auf Blades Schulter zurück.

„Aua, du Mistvieh“, schimpfte der Arzt und alle am Tisch grinsten. Die zwei änderten sich auch nie. „Warte nur. Ich werde eine Rattenfalle bauen, du Landplage und du hör auf zu lachen!", schnauzte Doc in Sicks Richtung, der sich hinter seinem kinnlangen Pony versteckte, um ungesehen zu grinsen. Das wollten sie doch mal sehen, ob Doc mit seinen technisch unbegabten Händen eine Rattenfalle bauen konnte, die auch nur irgendetwas fing.

„Gibt wohl auch Mädels, die dir widerstehen können, hä?", ätzte der Junior, denn meistens ging Sick leer aus, wenn er mit Doc unterwegs war. Das fraß am Ego. Offiziell zumindest, denn inoffiziell legte er darauf sowieso nicht viel Wert, er hatte hier bereits gefunden, was er gesucht hatte.

„Schnauze, Zwerg.“ Doc war sichtlich angepisst. Er trank seinen Tee aus und grummelte etwas davon, dass er noch was einpacken musste und sie sich gleich am Wagen treffen sollten.

„Sparky, Sparky, du bist echt schlimm“, lachte Powaqa leise und die Ratte kam zu ihm und ließ sich kraulen. „Lass Doc doch einfach mal in Ruhe, hm.“

Ihr Blick sagte allerdings deutlich, dass sie derartiges eigentlich nicht vorhatte. Jeder brauchte einen Feind, auch eine Ratte.

„Habt ihr Bilder?", fragte plötzlich Kenneth aus dem Zusammenhang gerissen und alle übrigen sahen ihn verwirrt an. „Die Dämonen. Habt ihr Bilder? Sehen sie wirklich so aus wie das Hologramm gestern?" Es ließ ihn einfach nicht mehr los.

„Ja, haben wir.“ Sick war schon unterwegs, um seinen Laptop zu holen. Er war stolz darauf, dass er einige Bilder von ihren Gegnern hatte, die deutlich zeigten, was das für widerliche Wesen waren. „Es gibt verschiedene Formen. Manche sind kaum menschlich, wie der, den Sick dir gestern gezeigt hat. Es gibt aber auch welche, die nicht viel anders als ein Mensch aussehen. Wir wissen noch nicht, warum das so ist, aber wir wissen, je menschlicher sie aussehen, umso schwächer sind sie.“

„Aha", sagte Kenneth nachdenklich und guckte schon mit langem Hals, als Sick den Laptop auf den Tisch stellte. „Ach du Elend", murmelte er, als er die Bilder auf sich wirken ließ. Das waren alles Fotos. Keine Zeichnungen oder derartiges. Richtige Fotos - diese Wesen waren echt. „Ist gut, den Gegner zu kennen, hm?"

„Ja, es kann hilfreich sein.“ Powaqa stellte sich neben Kenneth und machte ihn auf Besonderheiten aufmerksam. Sie waren ziemlich unterschiedlich. „Sie beherrschen teilweise die Elemente, in unterschiedlicher Intensität“, erklärte er und sah auf, als es hupte. „Doc will los, wir machen nachher weiter.“

Kenneth nickte und versuchte sich die Bilder einzuprägen. Ein paar davon sahen aus wie Menschen. Keine Klauen, keine Hörner. Hübsche Gesichter. Ihm wurde immer klarer, dass er ihnen vielleicht schon begegnet war, ohne es zu merken. Der Gedanke war unerträglich. Und doch war es schwer, sich von den Bildern abzuwenden. Aber er erhob sich, grinste, als Sparky die Erlaubnis hatte, den Rest vom Tisch zu plündern, wie sie wollte.

Durch die verwinkelten, immer gleichen Gänge kamen sie zurück in die Garage, wo ein schwarzer Wagen auf sie wartete. Ohne weitere Worte stiegen sie zu Doc ins Auto und Kenneth gab ihm Phillips Adresse, denn die war in den Akten nicht vermerkt.

Sie lagen recht gut in der Zeit. Es war erst halb acht, so dass sie noch früh genug bei Phillip waren, bevor er zur Arbeit fuhr. Sie fuhren vom Hafen erst einmal zu Kenneths Wohnung, weil der sich umziehen und seine Brille holen wollte. Nichts gegen die Klamotten, sie waren klassisch chic, aber in seinen eigenen fühlte man sich eben doch wohler.

„Bin gleich wieder da", murmelte Kenneth, als er aus dem Wagen stieg. Sein Blick ging an der alten Fassade nach oben zu seiner Wohnung. Es sah aus wie immer. Aber er fühlte sich nicht wie immer. Eine merkwürdige Angst saß ihm im Nacken, als er die Stufen nach oben ging. Noch im Flur fand er seine Brille, da wo er vom Gift betäubt zusammengesunken war.

„Was hätten die eigentlich gemacht, wenn ich dagegen allergisch gewesen wäre. Dann wäre ich jetzt futsch." Und zu dem einen Minus-Punkt auf der Sick-Liste, kam gleich noch ein zweiter, als Kenneth sah, dass sein PC lief. Den hatte er bestimmt nicht angemacht.

Das konnte doch nur einer gewesen sein!

„Neugierige, kleine Ratte." Er schaltete das Gerät aus, zog alle Stecker und ging dann weiter ins Schlafzimmer, um ein paar Kleider und Papiere zu suchen.

Nach zehn Minuten war er wieder am Auto und kaum dass er saß, gab Doc Gas. „Du bist nervös“, stellte Powaqa fest. Das war nicht schwer zu erkennen, denn Kenneth knetete seine Finger. „Was glaubst du, wie Phillip auf uns reagieren wird? Soll erst nur einmal ich mitkommen? Meist bekomme ich einen guten Draht zu verängstigten Menschen.“

„Ja, vielleicht wäre es das Beste. Ich kann dir wirklich nicht sagen, wie er reagieren wird. Er ist ein Wrack, ein totales Nervenbündel", sagte Kenneth leise und versuchte sich zu entspannen, doch er konnte nicht. Wie ein Steiff-Tier saß er in seinem Gurt und versuchte sich immer wieder mit einem Blick nach draußen abzulenken.

„Wenn sie merken, dass wir uns einmischen, kommen sie dann?" Der Gedanke beschäftigte Kenneth schon eine Weile. Wenn die Dämonen merkten, dass man sie vernichten wollte, würden sie sich wehren - wer würde das nicht.

Und dann?

„Das ist unterschiedlich. Manche merken, was los ist, wenn ich die Traumreise mache. Manche kriegen nichts mit. Das ist am einfachsten, dann sind sie überrascht, wenn wir angreifen.“ Powaqa war ehrlich, denn er wollte nicht, dass Kenneth unvorbereitet war. „Einer hat mich im Traum angegriffen, daher die Narben. Das war das erste und einzige Mal, denn eigentlich schütze ich mich ausreichend, bevor ich das tue, aber er hat die Bannsprüche und Zauber ohne Probleme durchbrochen.“

„Ich versteh's immer noch nicht", gab Kenneth zu. „Wie muss ich mir das vorstellen? Wo sind sie? Wie kämpft ihr gegen sie? Tauchen die plötzlich auf? Sind die auf der Erde? Wo leben sie... ich..." Er wusste nicht, wie er all seine verwirrenden Gedanken in Worte fassen konnte. Er fühlte sich im Augenblick hilflos.

„Sie sind immer in der Nähe ihrer Opfer, meist in einem Radius von etwas mehr als zehn Kilometern. Ich versuche mir so viel wie möglich von der Umgebung einzuprägen. Markante Punkte. Straßenschilder, wenn möglich und dann machen wir uns auf die Suche danach.“ Der Schamane hatte sich zu Kenneth umgedreht. „Manche von ihnen kommen auch zu ihren Opfern, wenn sie sie nicht mehr erreichen können und dann ist es natürlich der einfachste Weg, an sie heranzukommen.“

„Die sind in der Nähe?" Kenneth konnte nicht vermeiden, dass er panisch klang. Hieß das etwa, jedes Mal, wenn Phillip bei ihm war, waren diese Biester in der Nähe? „Können sie von einem auf den anderen übergehen?", fragte er deswegen etwas ängstlich und rollte die Schultern. Doch es war ihm unmöglich, sich zu entspannen.

„Das haben wir bisher noch nicht beobachtet, aber es kann sein, dass sie sich ein anderes Opfer suchen, wenn wir ihnen den Weg zu ihrem jetzigen abschneiden. Darum versuchen wir ja, sie möglichst auszulöschen.“ Powaqa seufzte, denn sie hatten bei Phillip noch ein anderes Problem. „Dieser Fall ist auch für uns neu, denn bisher waren die Dämonen Einzelgänger. Phillip quälen aber drei und sie scheinen stark zu sein. Ich weiß nicht, wie er sich so lange gegen sie wehren konnte.“

„Hm", mehr konnte Kenneth nicht mehr sagen. Er hatte einen Kloß im Hals, jedes Mal aufs Neue, wenn er sich daran erinnerte, was er heimlich von Phillip gedacht hatte. Hätte man ihn schon früher erlösen können, wenn... „Wie habt ihr meine Geschichte eigentlich gefunden? Und so schnell mich selber ausfindig gemacht?", wollte er wissen, denn das Tempo der Reaktion war unglaublich gewesen. „Liest sich Sick Tag und Nacht durchs Netz oder lässt er Suchmaschinen laufen?"

„Unsere kleine Made ist faul, er lässt suchen.“ Doc lachte und sah kurz zu Kenneth nach hinten. „Wenn er auf etwas stößt, dauert es nur Minuten, herauszufinden, wer dahinter steckt und dann setzt sich die Maschinerie in Gang und du bist hier gelandet. Wir machen das jetzt schon so viele Jahre, dass es fast wie von selbst läuft.“

„Ach so." Kenneth nickte verstehend. Irgendwie hatte er bis eben noch glauben können, er wäre etwas Besonderes, doch eigentlich war er nur einer unter vielen. Na ja, umso besser. Je mehr es waren, umso größer war die Chance, dass er das überlebte und dann zurück in sein normales Leben konnte.