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Drachenblut - Teil 17 bis 20

17


Azhdahar sah Evren nach, als dieser ins Bad ging und seufzte, als die Tür sich hinter ihm schloss. Tief in seinem Inneren musste er Evren Recht geben und das machte ihm Sorgen. Er veränderte sich und das war gar nicht gut. Seit seiner Geburt war er trainiert worden, stark und hart zu sein, damit er später einmal sein Volk führen konnte und nun bekam dieser Panzer, den er sich über die Jahre zugelegt hatte, Risse. Evren hatte ihn ohne Probleme durchbrochen und der Prinz fing an, alles aus einer anderen Sicht zu sehen. Sein ganzes Weltbild veränderte sich und damit konnte er nicht wirklich umgehen.

Ob es Evren passte oder nicht - er hatte den Schaden angerichtet, er würde ihn auch ausbügeln müssen. Er brauchte den Menschen an seiner Seite, um mit seinen neuen Empfindungen umgehen zu lernen. Der Mensch war auf seine vorlaute Art gerissen und mutig. Azhdahar konnte noch das eine oder andere von ihm lernen.

Derweil hopste Evren schon unter der Dusche herum und fühlte sich langsam wieder wie ein Mensch. Das warme Klima in den letzten Tagen - egal ob in Mexiko, auf dem Drachenplaneten oder hier in der Wüste - schlauchte ziemlich. Was würde er für sein kühles, wohltemperiertes Berlin geben, für sein Bett und Streuner, der ihn abends in den Schlaf schnurrte.

Als er wieder in sein Zimmer kam, war es leer. Azhdahar brauchte ein wenig Abstand und auch Ruhe. Die Schwäche, die er bei ihrer Ankunft gespürt hatte, hatte sich verschlimmert und er wollte nicht, dass Evren das merkte. Ihm war schwindelig und jetzt, wo seine Wut verraucht war, spürte er es doppelt so schlimm. So etwas kannte er nicht und das beunruhigte ihn. Waren seine Vorfahren nicht mehr auf die Erde gegangen, weil sie hier nicht leben konnten? Aber warum hatten sie dann keine Warnung hinterlassen, damit ihre Nachkommen davon wussten?

War er hier in Gefahr?

„Ich geh an die Rezeption. Willst du mit?“, rief Evren durch die geschlossene Tür, während er sich wieder in seine Klamotten zwängte. Zwar hatte er noch einmal Wechselwäsche dabei, aber die, die er trug, war ja noch nicht dreckig. Lange hatten sie nicht durch die Wüste laufen müssen, also konnte er sich darin noch einmal sehen lassen, ohne die Rauchmelder zu aktivieren.

„Nein, ich geh duschen“, rief Azhdahar zurück und legte sich auf das Bett. „Ich habe keine Lust, dem Typ von vorhin noch einmal zu begegnen. Wenn der mich nämlich noch einmal so anguckt, werde ich ihm ein paar verpassen und das wird dir bestimmt wieder nicht gefallen.“ Der Prinz hoffte, dass Evren sich mit der Begründung zufrieden gab und alleine ging.

„Na gut, aber sammle bitte deine Kugeln noch aus meinem Zimmer. Nicht dass ich des Nachts heimlich aufs Klo schleichen will und auf den Dingern ausrutsche. Wenn ich mir ein Bein breche, hast du nämlich auch was davon. Soll ich was zu essen mitbringen, wenn ich wieder da bin?“ Evren zog sich gerade noch den Gürtel fest und schlüpfte in ein paar leichte Schlappen, die für die Gäste bereit standen. Das war ihm lieber, als seine festen Schuhe - er ging davon aus, dass sich im befestigten Camp weder Schlangen noch andere komische Tiere herum trieben, die ihm mit Begeisterung in den Zeh beißen würden.

„Ja, bring was mit. Kann nicht schaden“, rief er, obwohl es ihm egal war, denn er hatte keinen Hunger. Eigentlich wollte er nur noch schlafen und wieder Zuhause aufwachen. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht mit ihm. Er fühlte sich kraftlos. „Hoffentlich geht das wieder weg“, murmelte er und schloss die Augen, weil es davor flimmerte.

„Gut. Ich bin 'ne Weile weg. Lass keinen rein und mach keinen Schweinskram. Das kann ich jetzt echt nicht gebrauchen“, konnte sich Evren nicht verkneifen, doch dann hatte er das Zimmer verlassen. Ihr Bungalow lag etwas abseits, doch er schien Eindruck gemacht zu haben, als sie hier angekommen waren, denn ihm folgten schon wieder die fragenden Blicke - vielleicht lag es aber auch daran, dass zwei Kerle sich einen Bungalow teilten. Doch ihm war es egal, er suchte jemanden, der ihm die Heimat näher bringen konnte.

Also führte ihn sein Weg zur Rezeption. Der Mann dort hatte doch etwas von einem Shuttleflugzeug zum Flughafen gesagt. Das musste er näher ergründen. Vielleicht kamen sie hier einfacher weg, als sie gedacht hatten. Dies war eine Lodge für reiche Touristen, die solche Annehmlichkeiten voraussetzten und verlangten. Sie hatten wirklich Glück im Unglück gehabt, auch wenn die Drachen das Tor vielleicht verlegen sollten, wenn sie es wieder regelmäßig nutzen wollten, ohne aufzufallen.

„Da bin ich wieder“, lachte Evren, hatte seine Kreditkarte in der Hand, damit der Mann auch wusste, dass es ihm ernst war. „Ich muss so schnell es geht von hier nach Berlin. Wann ist das möglich, wie lange wird es dauern und was wird es kosten?“ Das waren die Fakten, die ihn interessierten.

„Herr Varell. Ich werde gleich nachschauen.“ Der Concierge lächelte freundlich und tippte auf seinem Computer herum. Es dauerte nicht lange und er nickte zufrieden. „Der nächste Flug nach Berlin wäre morgen um 19.54 Uhr. Leider müssen sie dann zweimal umsteigen. Einmal in Windhoek und einmal in Johannesburg. Alles in allem wären sie knapp 20 Stunden unterwegs. Ich druck ihnen das einmal aus.“ Schon war das Surren des Druckers zu hören und der junge Mann blickte wieder auf. „Für zwei Personen, mit dem Transfer zum Flughafen, beliefen sich die Kosten auf ungefähr 5000 Euro.“

„Ist das First Class? Denn zwanzig Stunden in einer Sardinenbüchse überstehe ich nicht. Mein Begleiter schon gar nicht.“ Allein die Vorstellung von Azhdahar in einer Economy-Sitzreihe ließ es Evren kalt den Rücken runter laufen oder war das noch etwas anderes? Er fühlte sich auf seltsame Weise nicht wohl. Ihm war heiß, ihn verließ die Kraft. War es, weil endlich die Anspannung von ihm abfiel und dem Weg nach Hause nichts mehr im Weg stand? Evren wusste es nicht, doch wenn die Flüge gebucht waren, würde auch er sich hinlegen müssen. Der Ärger der letzten Stunden und Tage nagte wohl doch.

Peinlich berührt sah der Concierge Evren an und stammelte ein wenig. Er hatte nicht nach First Class gesucht. „Ich… also… nein“, murmelte er leise und suchte schnell die Preise für Evren raus. Er hatte sich wieder gefangen, als er Evren wieder ansah. „Dann liegen wir bei ungefähr 12.000 Euro. Der Shuttleflug zum Flughafen inbegriffen. Soll ich das für sie buchen?“

„Ja, das wäre nicht übel. Wenn sie einmal dabei sind, die Karte zu belasten, buchen sie auch noch das Essen und die Unterkunft für morgen. Ich würde es begrüßen, wenn man uns rechtzeitig zum Flughafen bringen kann.“ Für das Geld, was Evren hier umsetzte, erwartete er den einen oder anderen Service, dazu gehörte es auch, sie rechtzeitig an den Aufbruch zu erinnern. Er strich sich über das Gesicht, weil ihm schwummerig wurde und er wollte das hier nur noch schnell hinter sich bringen. Heiße und kalte Schauer kratzten ihm über Rücken und Beine. „Ich hätte auch jetzt gern noch eine Kleinigkeit zu essen geliefert, wenn das möglich ist. Ich muss mich erst einmal hinlegen“, sagte unumwunden.

„Aber selbstverständlich, Herr Varell. Ich werde die Flüge buchen und werde ihnen von einem unserer Boys etwas zu Essen und zu Trinken bringen lassen.“ Schnell buchte er alles von Evrens Karte ab und gab sie ihm wieder zurück. „Kann ich sonst noch etwas für sie tun? Das Essen wird in ungefähr 15 Minuten geliefert.“

„Es wäre nett, wenn man das Essen nur abstellt, wenn keiner reagiert. Ich bin hundemüde und schlafe gleich im Stehen ein. Es sollte also nichts dabei sein, was gleich verderben kann. Wenn ich erst einmal schlafe, dann schlafe ich.“ Vorausgesetzt, sein meuternder Körper ließ ihn schlafen. Evren fühlte sich wie gegen eine Wand gelaufen - alles wurde taub. Träge erhob er sich und schob es auf das Klima, auch wenn er ahnte, dass dies einen ganz anderen Grund hatte. Er musste zu Azhdahar zurück.

„Ich werde alles dementsprechend veranlassen.“ Der Concierge nickte und sah Evren besorgt an. Der junge Mann wirkte ein wenig erschöpft. „Unsere Lodge verfügt auch über einen Arzt für unsere Gäste, falls benötigt“, bot er an, denn er wollte Evren nicht zu nahe treten. „Kann ich sonst noch etwas für sie tun?“

„Nein, ich glaube nicht, junger Mann. Sie haben mir schon mehr geholfen, als ich erwartet hatte. Danke.“ Evren lächelte und ging langsam aus der Halle Richtung Bungalow. Er hatte gehofft, dass es nur daran lag, dass er sich von Azhdahar entfernt hatte, doch auch als er näher kam, wurde es nicht besser - im Gegenteil.

„Azi!“, rief er deswegen, als er die Tür endlich hinter sich schloss. Die Kugeln lagen noch immer da, wo Azhdahar sie hingeworfen hatte und Evren zog die Brauen tiefer. „Fauler Sack!“, knurrte er leise und drehte die Klimaanlage etwas höher.

Azhdahar stand währenddessen im Bad vor dem Spiegel und sah sich ins Gesicht. Ihm war immer noch schwindelig und die Dusche hatte nichts gebracht. Er fühlte sich nicht besser, sondern schlechter, denn seine Beine zitterten. Sich an der Wand abstützend ging er zur Tür und öffnete sie. „Wie komme ich jetzt zum Bett?“, brummte er, denn der Weg in sein Zimmer war für ihn gerade ziemlich weit, so wie seine Beine wackelten. Das Evren wieder da war, hatte er noch gar nicht mitbekommen, darum ließ er sich gerade etwas gehen, als er sich an der Wand anlehnte, um Kräfte zu sammeln.

„Ich hab doch gesagt, räum den Mist weg, ich breche mir noch die Hacken. Was treibst du... Drachi? Alles senkrecht?“ Evren hatte die Tür geöffnet und erwartete den Prinzen zufrieden auf dem Bett liegend. Doch das Bett war leer. Dafür fand er Azhdahar an die Wand gelehnt, Schweiß auf der Stirn und die Knie knickten immer wieder weg. Was war denn mit dem los? Ohne nachzudenken sprang Evren auf ihn zu und stützte ihn.

„Evren.“ Azhdahar zuckte zusammen und musste sich an Evren festhalten. „Ich fühl mich nicht sehr gut“, erklärte er das Offensichtliche. Das er so hilflos war, war ihm peinlich, vor allen Dingen, weil er das nicht kannte. Er war noch nie krank gewesen und so hilflos zu sein machte ihm Angst. „Ich vertrage eure Erde nicht“, scherzte er matt und lehnte sich nun doch bei Evren an.

„Sollen wir zurück? Kannst du das Tor von hier aus aktivieren?“ Evren war in dem Moment alles egal. Er würde auch die Erde für immer hinter sich lassen, wenn es Azhdahar - und somit ihm selbst - dann wieder besser ging. „Ist es die Luft? Die Hitze? Hast du eine Ahnung woran das liegen kann?“, löcherte er den Drachen mit Fragen und half ihm aufs Bett. Das hatte er nicht bedacht, dass der Drache ihm zusammenbrach. So konnte er unmöglich zwanzig Stunden fliegen.

„Nein, warten wir erst einmal ab. Mein Körper muss sich bestimmt erst dran gewöhnen, hier zu sein.“ Azhdahar wollte jetzt nicht schon aufgeben, wo sie doch gerade erst angekommen waren. „Wenn es gar nicht anders geht, können wir immer noch zurück. Du hast doch das transportable Tor. Schick Arlan doch bitte eine Nachricht, ob es in den Aufzeichnungen etwas gibt, was uns weiterhilft.“

„Ja, mach ich. Allerdings ist mir nicht wohl dabei, einen Zwanzig-Stunden-Flug mit dir zu machen, wenn du dich kaum auf den Beinen halten kannst.“ So konnte er mit Azhdahar doch nicht reisen. Er musste mit Arlan beraten, wie zu verfahren war. Den Drachen so zu sehen, setzte Evren zu, doch auch dessen körperlicher Zustand war für Evren leider nicht zu verdrängen. So setzte er sich kurz neben Azhdahar und sah ihn forschend an.

„Ich werde das schon schaffen.“ Azhdahar legte sich hin. „Mein Körper braucht bestimmt nur etwas Zeit, um sich umzugewöhnen. Es muss irgendwie gehen, denn es hat Drachen hier gegeben.“ So ging es besser und er zitterte nicht mehr so. „Du hast es wirklich besser getroffen. Dir schien der Aufenthalt auf Gidoria nichts auszumachen.“

„Haustiere sind meist etwas robuster“, murmelte Evren und grübelte nun wie verrückt, wie sie das morgen mit den Flügen anstellen sollten, wenn das mit Azhdahar nicht besser wurde. „Ruh dich aus, ich geh Arlan auf den Sack. Essen kommt gleich.“ Doch sollte er Azhdahar das essen lassen? Wenn ihm schon das Klima und die Luft nicht bekam, wie sollte das erst mit Speisen werden? Er musste Arlan kontaktieren - jetzt!

„Benimm dich, keinen Schweinskram - ich bin nebenan und sehe alles!“

„Sehr witzig.“ Azhdahar grinste schief und zog sich die Decke hoch. „Kannst du nicht hier bleiben?“ Er wollte nicht alleine sein und er fühlte sich etwas besser, seit Evren da war. „Weißt du, wie du den Transporter benutzen musst oder soll ich es dir erklären?“

„Wenn du nicht willst, dass ich deiner Mutter ins Bad stolpere, kann es von Vorteil sein, wenn du mich aufklärst“, sagte Evren. Zwar hatte er sich ganz genau erklären lassen, wie das ging, doch er wollte Azhdahar das Gefühl geben, dass er gebraucht wurde und Evren schon deswegen zu ihm kommen musste. Also holte er den Rucksack mit dem ganzen Equipment und schüttete alles aufs Bett. „Wie ein Puzzle“, murmelte er leise.

„Ist nicht kompliziert.“ Azhdahar zeigte Evren, wo der Kristall rein kam und wie er das Gerät in Betrieb nahm. „Nimm eins der Aufzeichnungsgeräte und sprich drauf, was passiert ist. Zeig ihm am besten auch, was mit mir los ist. Er braucht so viele Informationen wie möglich und er soll dir einen Kommunikator schicken, dann könnt ihr euch unterhalten.“

„Äh, ja mach ich.“ Evren griff sich gleich eines der kleinen Geräte, die Arlan für die Aufzeichnung mitgegeben hatte und drückte die Knöpfe für optische und akustische Aufnahme. Schnell berichtete er - ließ den Streit aber aus - und während er den lethargischen Azhdahar filmte, sprach er im Hintergrund alles, was er wusste und was geplant war. Schnell war noch der Wunsch nach einem Kommunikator weitergegeben, dann beendete Evren die Aufnahme. „Und wie kommt das jetzt quer durchs Universum zu Arlan?“

„Gib Arlans Namen auf der Fernbedienung ein. Leg das Aufzeichnungsgerät auf den Transporter und los.“ Sie hatten wirklich Glück, dass Evren so technikverliebt war und sie dadurch die Möglichkeit hatten, Verbindung aufzunehmen. „Danach müssen wir einfach warten, bis Arlan sich meldet.“

„Na gut.“ Evren hatte gerade getan, was verlangt worden war, da hörte er im Vorflur leise Geräusche. Sicher stellte der Bedienstete gerade den Wagen mit den Speisen ab. Also wartete Evren, bis der die Tür hinter sich geschlossen hatte und rollte dann hungrig die Beute in den Raum. „Auch was?“, murmelte er und hatte schon eine Hand voll Trauben im Mund. „Oder warten wir, bis Arlan dich abgecheckt hat? Nicht dass du dich vergiftest.“

„Nein danke, ich hab keinen Hunger. Nur Durst. Kannst du mir etwas Wasser aus unseren Vorräten geben? Das dürfte ungefährlich sein, da ich es von Zuhause mitgebracht habe.“ Azhdahar schob sich etwas höher, so dass er mit beiden Kissen im Rücken bequem halb sitzen, halb liegen konnte. „Warten wir ab, was Arlan findet.“

„Ja, warten“, murmelte Evren. Das war etwas, was er gar nicht mochte. Warten war grausam, man konnte nichts tun - man langweilte sich fast zu Tode, während man wartete. Also kramte er die Vorräte aus dem Rucksack und reichte Azhdahar Wasser und etwas, was wie getrocknetes Fleisch aussah. Vielleicht kam der Appetit ja beim Essen.

Dankend nickte der Prinz ihm zu und trank die Flasche fast ganz leer, solch einen Durst hatte er. Das Fleisch ließ er liegen, denn allein schon der Gedanke an Essen drehte ihm den Magen. Mit geschlossenen Augen döste er ein wenig und erst als er das Geräusch des Transporters hörte, sah er auf. Er stupste Evren an, der nichts bemerkt hatte. „Arlan hat was geschickt.“

„Hä?“ Evren war gerade damit beschäftigt, sich durch die Früchteplatte zu futtern. Auch wenn es auf Gidoria vieles gegeben hatte, so hatten ihm die frischen Früchte irgendwie gefehlt. Er hätte sie sicher nur bestellen müssen, doch er hatte einfach nicht daran gedacht. Umso mehr verwöhnte er seine Geschmacksnerven jetzt. „Ah“ Er sah das Blinken und die kleine Kapsel, die auf der Transporterplattform lag. Sie fühlte sich ganz kalt an, als Evren sie an sich nahm und öffnete.

Er lauschte der Anweisung und installierte den Kommunikator und erschrak sich, als er plötzlich Arlans kleines Gesicht auf dem Display sah. „Na endlich, Evren, was hat denn da so gedauert?“, knurrte er und Evren wischte sich immer noch die Finger an der Hose - Azhdahars Hose - ab. „War beim Essen“, erklärte er sich knurrend.

„Wie geht es dem Prinzen?“, fragte Arlan auch sofort. Er war einfach froh, dass Evren sich endlich gemeldet hatte.

„Es geht so. Noch lebe ich“, rief Azhdahar und seufzte. „Was hast du rausgefunden?“ Er setzte sich ein wenig auf, damit er Arlan sehen konnte und sah ihn erwartungsvoll an.

„Also, ich habe die alten Aufzeichnungen durchgesehen. In einem Bericht wird erwähnt, dass die ersten Drachen, die die Erde besucht haben, unter ähnlichen Symptomen gelitten haben. Sie fühlten Schwindel und allgemeines Unwohlsein. Das ließ allerdings sehr schnell nach. Man vermutete, dass unsere Selbstheilung kurzfristig überfordert ist, mit all dem, was auf der Erde an Viren und Bakterien zu finden ist. Das gibt sich schnell wieder.“

Azhdahar atmete auf, damit konnte er leben, aber so wie Arlan guckte, war das nicht alles, darum brummte er: „Aber…?“ Wenn dann wollte er schon alles wissen.

„Ja, also, es kann sein, dass das noch nicht alles ist. Ich habe Hinweise darauf gefunden, dass es da noch mehr gibt. Einige unserer Vorfahren konnten sich für eine gewisse Zeit nicht wandeln und ihre körperlichen Kräfte reduzierten sich in dieser Zeit auch gewaltig.“ Arlan zog den Kopf zwischen die Schultern, weil er ein Donnerwetter erwartete, aber es blieb aus, denn Azhdahar sah ihn nur vollkommen geschockt an.

Evren wiederum sah den Prinzen forschend an. „Heißt das, er ist jetzt auch ein Mensch? Ich kann ihm auch mal eine auf die Nase hauen?“ Nicht dass er das wirklich vorhätte, doch die Vorstellung, ihm nicht mehr gänzlich unterlegen zu sein, war irgendwie angenehm - es machte sie gleichwertig.

„Ein Mensch wird er nie sein, aber von der Kraft her, werdet ihr, wenn Azhdahar auch davon betroffen ist, gleichwertig sein. Halbwegs auf jeden Fall, weil unser Prinz sehr viel trainiert und er von Natur aus sehr stark ist.“

Azhdahar schnaubte. Das war nicht das, was er hören wollte. „Wie lange?“, fragte er nur, damit er sich darauf einstellen konnte.

„Hey, Prinzlein, nicht so eilig. Jetzt, wo ich mich mit dir messen kann, will ich das auch ausnutzen“, grinste Evren. Er lachte Azhdahar nicht aus, aber er wollte ihm zeigen, dass davon die Welt noch nicht unterging. „Ich will das ausnutzen, also sollte das 'ne Weile anhalten!“ Dabei stupste er Azhdahar an.

„Die Aufzeichnungen sprechen davon, dass das von Individuum zu Individuum unterschiedlich war. Einer der Besucher war am nächsten Tag schon wieder auf dem Posten und konnte sich wandeln. Ein anderer erst, als sie zurück auf Gidoria waren. Man kann es nicht sagen“, schob Arlan dazwischen.

„Na toll. Bei meinem Glück, in letzter Zeit, ist schon klar, wozu ich gehören werde.“ Azhdahar ließ sich wieder nach hinten fallen. Er fühlte sich so schlecht, dass ihm allein das Sitzen zu anstrengend war. „Aber dieses Unwohlsein ist schnell wieder weg? Wir wollen nämlich morgen wieder weiter.“

„Zur Not pumpe ich das Drachi mit dem Inhalt des Apothekerschrankes voll“, murmelte Evren, meinte das aber nicht ernst, während Arlan sich beeilte zu versichern, dass das Unwohlsein die damaligen Besucher schnell verlassen hatte, nachdem sie sich an die kontaminierte Luft gewöhnt hatten.

„Schont euch ein bisschen, was die körperliche Aktivität angeht und atmet immer tief durch. Öffnet die Fenster, dann geht es vielleicht schneller.“

„Gut, dann hoffen wir, dass sich mein Körper bis morgen dran gewöhnt hat.“ Wenigstens das schien nicht weiter schlimm zu sein, allerdings, dass er wahrscheinlich seine Kräfte verloren hatte, machte ihm ziemlich zu schaffen. „Wie ist es mit den Lebensmitteln? Kann ich die genauso bedenkenlos essen, wie Evren unsere?“

Arlan nickte. „Ja, ja, durch Evrens Blut, das sich mit eurem gemischt hat, habt ihr einen Teil seines Abwehrmechanismus' übernommen. Es sollte also kein Problem sein, dass es sich in den nächsten Stunden auf den neuen Umstand einstellt und, genauso wie die Luft, auch das Essen ohne bedenken sein sollte.“ Zumindest hoffte Arlan das. „Sollte es bis morgen Früh nicht besser werden, kontaktiert mich wieder!“, forderte er aber mit Nachdruck, weil der Prinz Nachsorgetermine gern vergaß.

„Wenn es sein muss“, knurrte Azhdahar auch wie erwartet. Wenn morgen doch wieder alles in Ordnung war, was hatte das dann für einen Sinn? Aber so wie er Evren kannte, würde der sich schon darum kümmern, Arlan seinen Bericht zu geben. Er trank den letzen Rest seines Wassers und legte sich bequem hin. „Schick doch bitte noch etwas Wasser. Ich sollte morgen noch etwas vorsichtig sein.“

„Ja sicher, kein Problem. Gibt es sonst noch etwas, was geschickt werden soll? Evrens Ausrüstung werde ich erst schicken, wenn ihr endlich bei ihm seid. Es jetzt mit euch zu tragen wäre nicht von Vorteil.“ Arlan griff sich gleich eine kleine Notizeinheit, um nichts zu vergessen.

„Käsebällchen!“, rief Evren gleich, obwohl er sich gerade durch das zum Glück fast vegetarische Buffet auf dem Servierwagen futterte. „Und das Rezept dazu. Und mach reichlich, Prinzlein frisst mir die Dinger nämlich immer weg!“ Er redete mit vollem Mund.

„Was? Wie?“ Man merkte, dass Arlan irritiert war, denn mit allem hatte er gerechnet, nur nicht mit dem Wunsch nach Käsebällchen. „Ja, kann ich machen“, lachte er schließlich, denn das war so typisch für Evren. Arlan hoffte wirklich, dass der Mensch wieder mit Azhdahar zurückkam, dann konnten sie weiter Gedanken austauschen und reden. „Sonst noch etwas?“, fragte er schmunzelnd, aber Azhdahar schüttelte den Kopf. „Für mich nicht. Evren möchte bestimmt noch was.“

„Nö, erst mal nicht“, schüttelte Evren den Kopf. „Ich schicke meine Wünsche dann, wenn ich daheim bin und das Zeug gleich einbauen kann, mit deiner Anleitung.“ Er grinste Arlan an und rollte die Schultern. „Ich werd das Prinzlein noch ein bisschen hätscheln und mich dann wohl auch etwas aufs Ohr hauen. Die Wärme schlaucht ganz schön und die Klimaanlage macht Kopfschmerzen.“ Irgendwas war ja immer. 



18


„Alles klar. Eure Bestellung kommt in Kürze.“ Arlan trennte die Verbindung und Azhdahar sah Evren misstrauisch an. „Was habe ich darunter zu verstehen, dass du mich hätscheln willst.“ Das war etwas, was er schon als Kind nicht gemocht hatte. Seine Mutter war immer überfürsorglich gewesen, das hatte erst seit kurzer Zeit nachgelassen.

Und damit Azhdahar das Gefühl auch nicht gleich wieder vergaß, erhob sich Evren grinsend und kam zum Bett. „Ich klopfe dir das Kissen auf, decke dich zu, singe dich in den Schlaf. Ich bin nett zu dir - was dagegen?“, fragte Evren frech und lachte leise, während er sich noch ein Stück frisches Brot in den Mund schob - es war gut. Die hatten bestimmt einen deutschen Bäcker.

„Bloß nicht. Egal wie schlecht es mir gehen sollte, dann bin ich weg. Du darfst dich neben mich legen, aber mehr auch nicht. Ich bin kein Kind mehr – auch wenn meine Mutter da widersprechen würde.“ Azhdahar grinste schief. „Es ist schon irgendwie peinlich, wenn ein riesiger Drache sich um einen wickelt und jeden böse anknurrt, der mir zu nahe kommt. Besonders, wenn man beim Kampftraining ist.“

Erst stand Evren nur da, doch dann grinste er breit. „Wie süß!“ Was hätte er dafür gegeben, das erlebt zu haben! Mütter waren eben Mütter, egal ob sie schuppig waren und die bösen Jungs mit dem Schwert anknurrten oder ob sie Spucke auf Taschentüchern verteilten und wehrlosen Kindern damit im Gesicht herum wischten. Es waren und blieben Mütter.

„Ich bin zwar nicht so groß, dass ich mich um dich wickeln könnte, aber wenn du willst, knurre ich auch“, lachte er frech und hob eine Braue. Langsam hatte er wieder bessere Laune.

„Dass du knurren kannst, weiß ich schon.“ Warum er das jetzt erzählt hatte, wusste Azhdahar nicht, aber es war ihm einfach richtig erschienen, dass Evren so etwas von ihm wusste. Er sollte nicht nur das arrogante Arschloch in ihm sehen. „Na ja, ich habe eine Weile den Spott meiner Freunde ertragen müssen, aber sie hat so etwas zum Glück nur einmal gemacht. Vater hat es ihr einfach verboten. Sie hat sich dran gehalten, aber er hat es bereut.“ Nun musste Azhdahar doch kichern. Es hatte eine Weile gedauert, bis er wieder ins gemeinsame Bett gedurft hatte.

„Ja, Frauen können grausam in ihrer Rache sein, wenn sie ihren Willen nicht durchsetzen konnten. Ich hätte auch gern mal wieder eine. Aber da du ja dann gleich mit Spaß hast, fällt das wohl noch eine Weile aus.“ Mit einem Teller voll Gemüsestreifen mit Dipp kroch er zu dem Prinzen auf das Bett, zog sich noch eilig die dicke Hose aus und stöhnte zufrieden, als der kühlende Wind der Klimaanlage ihm über die schweißfeuchten Beine strich. Das war gut.

„Wir werden da eine Lösung finden müssen, denn ewig darauf verzichten, kommt nicht in Frage.“

Azhdahar drehte sich auf die Seite, so dass er Evren ansehen konnte. „Ich habe nachgedacht und mit einigen Genetikern gesprochen, heute Morgen. Wenn wir eine Umagal finden und sie durch das Portal geht, kann es sein, dass sich die Verbindung zwischen uns beiden soweit abschwächt, dass wir nicht mehr unbedingt alles gemeinsam spüren. Nur glauben sie nicht, dass die Verbindung völlig gelöst wird, denn unsere DNS hat sich vermischt, was auch nicht mehr aufgehoben werden kann.“

„Oh!“ Mehr konnte Evren erst einmal nicht sagen. Das waren ja herrliche Aussichten. Sie waren für immer verbunden? Er würde jetzt immer - wenn auch später nicht mehr so intensiv - das spüren, was Azhdahar spürte. Na gute Nacht. „Find ich nicht so prickelnd, muss ich zugeben. Ich hätte meinen Sex gern ohne Publikum.“ Evren grinste schief, aber zum Lachen war ihm nicht. Wie würde das mit dem Training? Wie mit den Distanzen? Seine Hoffnung war die Trennung gewesen.

„Wer hätte das nicht gerne.“ Azhdahar seufzte und legte sich wieder zurück. „Es kann sein, dass sich unsere Verbindung so sehr abschwächt, wie bei den Umagals. Vielleicht auch so, dass du auf der Erde leben kannst. Es weiß nur eben noch keiner. Wir müssen das wirklich abwarten. Wir sind sozusagen einmalig.“

„Wow - na da fühl ich mich ja gleich noch viel wichtiger“, lachte Evren albern, auch wenn das eigentlich nicht zum Lachen war. Zwar vermutete man, die Verbindung würde sich abschwächen - doch was geschah, wenn nicht? Nie wieder unbemerkt Sex? Sich immer nach anderen richten? Das war doch die Hölle! Ihm fehlte es sowieso langsam, sich auszutoben. „Sie werden uns aber nicht als Einzelexemplare in den Zoo stecken oder?“

„Also wenn ich wüsste, was ein Zoo ist, könnte ich dir das sagen. Aber da du das nicht zu wollen scheinst, sage ich einfach mal nein.“ Azhdahar grinste ein wenig. „Kleiner, ich weiß, dass dir die Aussicht nicht gefällt, genauso wenig wie mir, aber besser wir stellen uns darauf ein, als wenn es uns nachher eiskalt erwischt. Wir werden da schon ein Arrangement finden, so dass wir beide damit leben können.“

„Ja, einen flotten Vierer“, murmelte Evren. Er könnte sich jetzt die Zeit nehmen und Azhdahar erklären, was ein Zoo war, doch er hatte keine Lust. Das war kein Wissen, ohne dass der Prinz sterben würde und Evren war viel zu faul. Er wollte nur noch träge hier liegen, auf sein Essen warten und ansonsten gar nichts tun. Hier schwitzte man schon beim Atmen, das war ja grausam. So gähnte er träge.

Azhdahar hob eine Augenbraue und sah Evren skeptisch an. Er kannte zwar den Ausdruck mit dem flotten Vierer nicht, aber er konnte sich vorstellen, was damit gemeint war. „Also, dass glaube ich weniger.“ Jetzt, wo Evren neben ihm lag, ließ der Schwindel bei dem Prinzen nach und er fühlte sich besser. „Sag mal, was hast du denn mit unserer Weiterreise erreicht? Habe ich total vergessen.“

„Ich habe die Flüge gebucht. Morgen werden wir in die Hauptstadt gebracht und dann geht es heim, in meine Stadt und dann sind wir da. Allerdings sind wir einen ganzen Tag unterwegs und ich hoffe nur, du stehst das durch. Wenn nicht, müssen wir einen Weg zurück nach Gidoria finden. So kann ich dich ja schlecht durch den Zoll bringen. Die denken noch, du schleppst was ein.“

„Wird schon gehen. Wenn es sein muss, werde ich das schaffen. Außerdem hat Arlan gesagt, dass das wahrscheinlich bis morgen vorbei ist.“ Azhdahar machte sich da nicht so viele Gedanken, solange es ihm nur ein wenig besser ging als heute. Er war darauf gedrillt, keine Schwäche zu zeigen. „Wie geht es eigentlich weiter, wenn wir bei dir Zuhause sind? Reisen wir dann gleich weiter zu den Umagals?“

„Lass uns erst mal ankommen! Ich habe auch noch das eine oder andere zu erledigen, wenn ich heim komme. Normalerweise vermutet man mich in Mexiko. Ich sollte erklären, warum ich da nicht mehr bin.“ So leicht, wie der Drache sich das vorstellte, ging das nämlich auch nicht. Im Gegensatz zu einem Prinzen legte er nicht einfach fest, wie das lief, sondern hatte sich in das System einzugliedern.

„Okay. Du wirst wissen, wie das am besten laufen soll. Ist dieses Mexiko, wo die Umagals leben, weit weg von Berlin?“ So langsam wurde Azhdahar neugierig und er drehte sich wieder so, dass er Evren ansehen konnte. „Du hast doch gesagt, dass man hier auf der Erde für alles bezahlen muss. Kannst du das denn oder soll ich doch etwas Gold oder Edelsteine schicken lassen?“

„Langsam - ganz langsam“, murmelte Evren, denn der Drache wurde seinem trägen Hirn etwas zu aufgedreht. Fragen über Fragen über deren Antworten Evren auch erst nachdenken musste. „Also, der Reihe nach. Geld brauchst du keins. Ich habe mehr, als ich ausgeben kann. Habe von meiner Oma geerbt. Ja, Mexiko ist ziemlich weit weg von Berlin - da liegt eine Menge Wasser dazwischen. Deswegen müssen wir fliegen und weil nicht jeder einen privaten Drachen oder Flieger hat, wie bei euch, gibt es große Flugzeuge, da passen viele Menschen rein. Aber dafür muss man bezahlen. Das wirst du alles morgen sehen.“ Evren hob eine Braue, war das erschlagend oder hatte der Drache weitere Fragen?

„Hmm, aber brauch ich dann nicht auch Geld? Glasmurmeln funktioniert ja nicht.“ Azhdahar war nachdenklich. Im Großen und Ganzen hatte er nichts dagegen, das Evren bezahlte, aber was war, wenn er alleine war? „Wir müssen das noch einmal richtig besprechen, damit ich auch weiß, wie das mit diesem Geld funktioniert.“

„Für Geld geht man arbeiten“, erklärte Evren und rollte sich auf den Rücken. Die Klimaanlage blies ihm sanft über die Beine, das war angenehm. „Ich, zum Beispiel, habe viel über die Azteken, ein altes Volk der Erde, gelernt und forsche. Dafür werde ich bezahlt - mit Geld. Auf die Schnelle werden wir bestimmt keinen Job für dich finden, so leicht ist das nämlich nicht. Vor allem, wenn man mit Menschen nicht so umgehen kann. Also werde ich dir etwas an Geld in die Hand geben und hoffen, dass du mir nicht verloren gehst. Sonst muss ich dich eben einsammeln kommen.“

Für Azhdahar war das alles ein wenig schwer zu verstehen, aber etwas, was Evren gesagt hatte, ließ ihn neugierig werden. „Diese Azteken, lebten die dort, wo die Umagals leben? Das würde Sinn machen, denn in unserer Sprache heißt das Wort Ashte'hek soviel wie Hüter. Wahrscheinlich waren sie dort, um auf die Echsen zu achten. Du sagtest, das Volk gibt es nicht mehr. Was ist mit ihnen passiert?“

„Sie sind ausgestorben - so eine religiöse Sache. Alles fing damit an, dass die Azteken wohl die Völker der Umgebung unterjochten. Als dann die christlichen Spanier - Spanien ist auch ein Land, so wie Mexiko“, schob Evren erklärend ein, „als also die Spanier in ihr Land kamen, sahen die fremden Völker die Chance, zusammen mit den Fremden, endlich das Joch der Azteken abzuschütteln. Das Volk ging unter. Grob gesagt. So einfach war das nicht, so schnell ging das auch nicht. Aber im Augenblick ist mir zu warm, um dir einen Fachvortrag über Scheingerichte und eingeschleppte Krankheiten zu halten.“ Auch wenn das ja genau Evrens Thema war.

„Aha.“ Azhdahar wurde nun neugierig. Das konnte eine Erklärung sein, warum die Umagals immer seltener wurden. Es war niemand mehr da, der auf sie achtete. „Wann war das ungefähr?“, fragte er deswegen. Sie mussten sich sowieso etwas überlegen, damit sichergestellt war, dass es genügend von den Echsen gab. Schließlich wollten alle Drachen erwachsen werden.

„Vor etwa 500 Jahren“, sagte Evren und streckte sich zufrieden. Er hatte den Drang, sich wieder an Azhdahar zu schmiegen, doch für Körperkontakt war es schlicht zu warm. „Lass uns etwas in den Pool gehen. Ich fließe gleich weg und du musst mich morgen als Pfütze mit ins Flugzeug nehmen“, murmelte Evren träge, obwohl er eigentlich weder Lust auf fremde Leute noch darauf hatte, sich zu bewegen. Aber er wollte sich abkühlen.

„Was ist ein Pool? Wenn ich dafür nicht viel laufen muss, denn das geht im Moment nicht so besonders gut, können wir das machen. Es scheint was zum Abkühlen zu sein und das wäre wirklich gut.“ Azhdahar blickte auf den Transporter, wo gerade die Käsebällchen und das Wasser erschienen. „Dein Essen ist da.“

„Das nenn ich Zimmerservice“, lachte Evren und sah rüber auf die kleine Plattform. Jetzt musste er nur noch dran kommen, ohne sich gleich übermäßig bewegen zu müssen. Er würde darüber jetzt erst einmal nachdenken. „Ein Pool ist ein kleines Becken mit Wasser. Meistens draußen. Ich würde mich jetzt gern die ganze Zeit ins Wasser legen und meine Körpertemperatur drosseln. Sonst kocht mir noch das Hirn.“

„Geht man da nackt rein? Also ich weiß, dass unsere Menschen da ein wenig prüde sind, was Nacktheit in der Öffentlichkeit angeht. Uns macht das nicht viel aus, weil wir eh jedes Mal nackt sein müssen, um uns zu wandeln.“ Azhdahar sah schmunzelnd zu, wie Evren sich reckte und streckte, um an die Bällchen zu kommen, darum erbarmte er sich und holte sie. Er hatte sowieso Durst.

„Öh - danke“, sagte Evren verwirrt, als er die Schüssel auf seinem Bauch wieder fand und nun ungehindert seine Beute vertilgen konnte. „Es wäre von Vorteil, wenn du etwas anhast. Eine Badehose reicht völlig. Aber zumindest das da“, dezent deutete Evren auf Azhdahars Körpermitte, „sollte bedeckt sein, sonst gibt es Ärger und sie schneiden ihn dir ab.“ Nun lachte er frech.

„Ich habe keine Badehose – denke ich zumindest.“ Der Prinz piekste Evren in die Seite und klaute sich ein paar Käsekugeln. „Wenn du nicht mitkriegen möchtest, wie es sich anfühlt, wenn was abgeschnitten wird, solltest du dir etwas einfallen lassen, wie ich das da“, er deutete auf seinen Schoß, „bedecken kann, so dass es schicklich ist.“

„Hey. Du hast gesagt, du willst nichts!“, knurrte Evren und rettete seine Beute. Die Kügelchen waren wie ein Suchtmittel und das wollte er nicht teilen. „Außerdem werden wir schon was finden, um deinen mickrigen Schwanz zu bedecken. Aber erst esse ich mal zu Ende, ehe du auf die Idee kommst, mir den Rest auch noch wegzufressen. Du bist krank, benimm dich bitte auch so!“, knurrte er leise und stopfte sich wie ein Hamster die Backen voll.

„Du kannst sie behalten, wenn du mir noch zwei abgibst. Ich habe nicht wirklich Hunger, aber mein Körper braucht was. Du kannst allerdings auch zu meinem Rucksack gehen und mir was von unseren Vorräten holen.“ Azhdahar war sich ziemlich sicher, dass Evren für ihn nicht aufstehen würde und eigentlich brauchte er nichts, aber ein bisschen Strafe musste sein, wenn der Mensch so frech war.

Doch wie das mit Süchtigen so war - Evren erhob sich wirklich und nahm seine Käsebällchen mit sich. „Damit hättest du nicht gerechnet, hm?“, knurrte er und stellte den Rucksack neben Azhdahar ab, während er sich nun - wo er schon einmal auf den Füßen war - etwas im Schrank umsah. Ein Hotel dieser Preisklasse hatte eigentlich auch Notkleidung im Zimmer.

„Da hast du allerdings Recht“, murmelte der Prinz und schüttelte den Kopf. „Diese Dinger scheinen dir ja wirklich zu schmecken. Du wirst sie dir aber wohl weiterhin schicken lassen müssen, denn ich glaube nicht, dass ihr die Zutaten dafür hier habt, auch wenn Arlan dir das Rezept und die Gewürze geschickt hat.“ Azhdahar kramte etwas in seinem Rucksack rum und nahm sich etwas Trockenfleisch.

„Ich werde mir Proben von den Zutaten schicken lassen und mich durch alles kosten, was es gibt. Ich werde das schon raus kriegen, verlass dich drauf!“, murmelte Evren und grinste, als er gefunden hatte, was er suchte. Zwei Bikinis und zwei Badehosen - wenn das nicht perfekt war. Er nahm sich die mit den Beinansätzen und überließ die eng geschnittene Azhdahar. Sollte der sich mit den Blicken der anderen herum plagen.

„Du scheinst sie wirklich sehr gern zu mögen“, lachte Azhdahar leise und fing die Badehose auf. Skeptisch sah er sie an. „Das soll ich anziehen? Da wird aber wirklich nur das Nötigste bedeckt.“ Na ja, ihm sollte es egal sein. „Hast du bei dir Zuhause auch einen Pool und wie warm ist es da überhaupt?“

„Berlin liegt weiter weg vom Äquator. Da ist es nicht so warm wie hier und einen Pool habe ich auch nicht. Gewöhn dich also nicht dran und jetzt zieh dich um, ich will ins kalte Nass!“ Evren hatte sich schon die Klamotten vom Leib gerissen und drehte sich in seiner blauen Badehose um sich selbst, versuchte dabei einen Blick auf sich selbst zu erhaschen.

„Schade. Gibt es denn etwas, wo man schwimmen kann bei euch? Einen See oder Fluss. Ein Wasserfall wäre schön, mit einer kleinen Sandbank, wo man sich in die Sonne legen kann.“ Langsam, weil er sich immer noch etwas schwindelig fühlte, zog Azhdahar sich erst aus und dann die knappe, schwarze Badehose an. „Gar nicht schlecht“, murmelte er leise und sah zu Evren rüber, der sich immer noch verrenkte, um was sehen zu können. „Siehst gut aus, besonders das Tattoo“, lachte er leise.

„Ja, ja - brich nur wieder Streit vom Zaun“, schmollte Evren gespielt, grinste dann aber und strich über den Drachen. „Also in Berlin selber wirst du kaum einen Fluss finden, in dem du baden kannst. Wasserfälle sowieso nicht. Seen vielleicht, aber auch die hast du nicht für dich allein. Wenn, dann sollten wir irgendwo hinfahren, wo es abgelegen ist. Vielleicht findet sich da was.“ Spontan hatte Evren dafür keine Lösung, also griff er sich Handtücher und aß noch etwas. Er würde schon nicht gleich untergehen.

„Schade. Schwimmen mache ich normalerweise fast täglich, aber man kann nicht alles haben.“ Azhdahar ging ein wenig durch das Zimmer, um seinen Kreislauf wieder in Schwung zu bringen. Es ging schon besser als vor einer Stunde, auch wenn es noch nicht optimal war. „Wegen mir können wir los“, sagte er schließlich und nahm sich noch eine Flasche Wasser mit.

„Na ja, wir finden schon was“, murmelte Evren und schielte noch einmal auf Azhdahar. Irgendwie war es plötzlich gar keine gute Idee mehr, den Kerl so herzurichten und dann unter die Massen zu treiben - der sah verboten gut aus! Wenn das in Berlin so weiter ging, dann stahl der ihm alle Mädels. Sie sollten schleunigst weiter in den Dschungel fliegen, wenn Evrens Ego nicht leiden sollte. 


19


Als er vor die Tür trat, musste Evren eine Hand schützend über die Augen legen - er hatte keine Sonnenbrille und das grelle Licht brannte in den Augen. „Da, das Wasserloch“, kommandierte er blind und wedelte mit einer Hand in die Richtung.

„Na, dann.“ Azhdahar ging los und sah sich dabei ein wenig um. Es sah hier ganz anders aus, als auf der anderen Seite des Tors. Zwar war hier auch Sand, aber auch Pflanzen, Blumen und Bäume, dazwischen standen Bungalows, so wie ihrer. Es sah ein wenig aus, wie die Unterkünfte der Menschen auf Gidoria. Er folgte weiter dem Weg und ignorierte jeden, den er traf, wie er es Zuhause machte, allerdings drehte er sich fragend zu Evren, als er Getuschel hörte, das sich eindeutig auf ihn bezog. „Hab ich was falsch gemacht?“, fragte er, denn anecken wollte er nicht schon wieder.

„Es wäre nicht übel, wenn du grüßt oder freundlich nickst. Sieh sie dabei an. Das macht man so, auch wenn man die Leute weder kennt, noch mag. Ist eben so ein Ritual, was sich eingebürgert hat“, sagte Evren und tat, was er Azhdahar eben vorgeschlagen hatte, er grüßte freundlich, lächelte und ging weiter.

„Ach so.“ Azhdahar fand das zwar merkwürdig, aber andere Planeten, andere Sitten. Er machte das, was Evren ihm gesagt hatte und nickte zwei jungen Frauen lächelnd zu. Es irritierte ihn ein wenig, als sie rot wurden und anfingen zu kichern und zu tuscheln. Hatte er schon wieder was verkehrt gemacht, dabei hatte er sich doch genau an die Anweisungen gehalten. Er probierte es bei dem nächsten, der ihm entgegen kam und der Mann nickte zurück. „Evren, muss ich bei Frauen etwas anderes machen?“, wisperte er Evren ins Ohr. „Die zwei haben so komisch reagiert.“

Evren lachte leise, irgendwie war das niedlich. Temperamentvolle Drachendamen konnte er bändigen, aber bei flirtenden Menschenfrauen war Azhdahar völlig aufgeschmissen. „Du hast nichts falsch gemacht. Sie wollen flirten. Du gefällst ihnen. Flirtet man bei euch nicht?“, fragte Evren und legte sein Handtuch ab. Im Pool war gerade nicht viel los und so ließ er sich gleich ins Wasser gleiten und legte den Kopf auf den Rand, während er den Rest seines Körpers im kühlen Nass hin und her treiben ließ. Das war herrlich!

„Flirten?“ Azhdahar sah sich zu den zwei jungen Mädchen um, die ihm kichernd zuwinkten, so dass er sich gleich wieder umdrehte und schnell zu Evren ins Wasser kam. „Das ist ungewohnt. Menschenfrauen flirten nicht mit uns. Es gibt Einzelfälle, aber das ist wirklich ganz selten.“ Der Prinz wusste nicht, was er davon halten sollte. „Wird das jetzt immer so sein?“

„Tja, Prinzlein. So wie du aussiehst, kannst du davon ausgehen, dass jede Frau dich anbaggern wird. Außerdem hast du weder spitze Fänge noch einen langen Schwanz. Zumindest keinen Schuppigen. Hier weiß keiner, dass du was anderes bist, hier bist du nur ein Kerl, den jede gern ins Bett zerren will, um sich mit dir zu paaren“, klärte Evren freimütig auf und lachte leise. Azhdahar, den großen Krieger, so unbeholfen zu sehen, war irgendwie schön, es machte ihn menschlicher.

„Oh man. An so was hätte ich nie im Leben gedacht. Aber was mach ich dann, wenn eine mich anbaggert – wie du das nennst? Ich muss doch nicht…? Oder?“ Azhdahar sah ein wenig beunruhigt aus und er tauchte weiter ins Wasser, so dass nur noch sein Kopf rausguckte, damit man auch ja nichts von ihm sah. „Du bist doch auch sehr gut aussehend. Dich müssen die Frauen doch auch anbaggern. Wie machst du das, wenn du nicht willst?“

„Na ja. Man lehnt ab“, sagte Evren und schmunzelte noch immer in sich hinein. „Es wird dich keiner dazu zwingen, Sex zu haben, schon gar nicht, wenn du nicht willst. Und wenn die Ladys ein Nein nicht verstehen, greif dir einen Kerl - das raffen sie meistens.“ Warum Evren das jetzt noch angeführt hatte, wusste er selber nicht und er schüttelte über sich selbst den Kopf. Was sollte dieser unqualifizierte Einwurf?

„Wie bitte?“, kam es auch gleich und Azhdahar vergaß kurzzeitig zu paddeln, so dass er unterging. Prustend kam er wieder hoch und wischte sich die Haare aus dem Gesicht. „Du meinst, ich soll einen… einen Mann küssen, um die Frauen loszuwerden?“ Mit großen Augen sah er Evren an. „Vergiss es, das mach ich nicht.“

„Dar war ein Joke.“ Evren rollte mit den Augen. „Aber du kannst dich auch gern weiter mit den Ladys anfreunden.“ Er wusste selber nicht, warum er plötzlich so zickig wurde. Was hatte er erwartet? Das Azhdahar ihm begeistert die Zunge in den Hals schob? Das doch sicher nicht - oder lag es nicht vielmehr daran, dass ihn kaum einer beachtete und alle Augen auf Azhdahar lagen? Auch wenn Evren es nicht gern zugab: er war eifersüchtig.

„Vielleicht sollte ich das“, zickte Azhdahar zurück und tauchte unter. Mit kräftigen Schwimmzügen tauchte er zum anderen Ende des Beckens und ließ sich dort, wie Evren, auf der anderen Seite am Rand nieder. Was war das denn jetzt gewesen? Gerade war noch alles in Ordnung und sie hatten Spaß miteinander gehabt und auf einmal war Evren wieder so feindlich. „Was soll das?“, knurrte er und tauchte wieder unter.

Evren hingegen schloss die Augen und versuchte an etwas anderes zu denken, etwas, was nichts mit Azhdahar zu tun hatte, doch das war gar nicht so leicht, denn in den letzten Tagen war der Kerl so intensiv in sein Leben getreten, dass er jeden Teil davon berührte - nur einen nicht: Streuner. Der freute sich bestimmt, wenn Evren wieder da war und er nicht mehr alleine im Bett schlafen musste. Denn auch wenn Evren nicht da war, ging der kleine, getigerte Held in der Wohnung aus und ein. Technikfreak Evren hatte sich da etwas einfallen lassen. Genauso mit dem Katzenklo und dem Futterspender. Nur kraulen musste Evren noch von Hand und das vermisste er irgendwie - das weiche Fell. Stattdessen hatte er den Kerl an der Backe, der ihm die Bräute vor der Nase wegschnappte.

Immer wieder zog Azhdahar seine Runden, mal über und mal unter Wasser. Dabei ignorierte er die kleine Schar Frauen, die sich am Poolrand niedergelassen hatte und immer wieder tuschelte und kicherte. Er musste aber schneller verschnaufen als ihm lieb war und der einzig sichere Platz für ihn war neben Evren, aber das war auch nicht sehr verlockend, so wie der drauf war.

Seine Wahl war aber klar, als eine junge Frau ihm zuwinkte. Er tauchte noch einmal unter und kam dicht neben Evren wieder hoch. „Ich werde die Frauen nicht los und du bist der einzige Mann, den ich mir greifen kann“, wisperte er ihm ins Ohr und legte den Arm um ihn. Er konnte spüren, wie sich Evren kurz versteifte, dann aber nickte. „Wegen mir“, sagte er leise.

Entspannt und zufrieden schloss er wieder die Augen und lehnte seinen Kopf gegen Azhdahars Schulter, kuschelte sich in die Umarmung des Mannes und lächelte. Es war ein kleiner Sieg - wenn auch nicht so, wie es ihm lieb gewesen wäre. Aber zumindest würden die Ladys leer ausgehen, eine kleine Strafe dafür, dass sie ihn verschmäht hatten.

„Danke.“ Sich mit einer Hand am Rand festhaltend, drehte Azhdahar sich so, dass sie es beide bequem hatten. Die Frauen, die gerade enttäuscht seufzten, hatte er schon völlig ausgeblendet, denn mit einem Schlag ging es ihm besser, seid er Evren im Arm hatte. „Warum?“, fragte er leise, so dass niemand sie hörte. „Was habe ich falsch gemacht, dass du wieder wütend auf mich geworden bist?“

„Ich war nicht wütend auf dich“, flüsterte Evren. Seine Augen waren geschlossen. „Ich war wütend auf... ich weiß nicht genau. Du siehst eben besser aus und ich war eifersüchtig wegen der Tussis.“ Normalerweise hätte er so was niemals zugegeben. Wer ihn nicht wollte, der hatte ihn auch nicht verdient. Er diskutierte so was hinterher nicht noch aus. Bei Azhdahar wollte er aber nichts ungeklärt lassen - er sollte ihn verstehen.

„Ja, aber…“, setze Azhdahar an, doch er brachte den Satz nicht zu Ende. Eifersucht war etwas, was man nicht rational erklären konnte. „Es wird dir nichts nutzen, wenn ich dir sage, dass ich von den Frauen nichts will oder?“ Er zog Evren näher an sich und kraulte ihm durch die Haare, wie er es gestern getan hatte. „Lass uns die Reise nach Mexiko so schnell wie möglich hinter uns bringen, dann verschwinde ich wieder und Ruhe kehrt ein.“

„Ja, sollten wir wohl“, sagte Evren und es gelang ihm nicht, die Wehmut aus seiner Stimme zu nehmen. Warum nur gefiel ihm der Gedanke, dass Azhdahar ihn dann einfach hängen lassen würde, nicht? Er schüttelte den Kopf und versuchte den Gedanken zu verdrängen. „Trotzdem brauche ich ein paar Tage in Berlin“, schob er noch nach - ob aus Trotz oder weil es wirklich so war, konnte er selber nicht genau sagen. Er erkannte sich einfach nicht mehr wieder, von Tag zu Tag weniger.

„Evren, wir sollten reden.“ Azhdahar war der Stimmungsumschwung aufgefallen und er wusste nicht, wie er das einordnen sollte. „Ich weiß langsam nicht mehr, was ich sagen soll. Bisher war ich eigentlich der Meinung, dass du froh wärst, wenn wir nicht mehr verbunden sind und du nicht weiterhin in meiner Nähe sein musst. Aber gerade hörtest du dich enttäuscht an. Ich weiß langsam wirklich nicht mehr, was ich sagen soll und was nicht.“

„Tut mir Leid“, sagte Evren und holte tief Luft. Träge strich er sich mit einer Hand über das Gesicht. „Ich bin momentan etwas neben dem Gleis, aber das gibt sich gleich wieder“, log er und strampelte etwas mit den Füßen, um sich abzulenken. „Die Trennung ist das Beste für uns beide, da gibt es doch gar keine Frage.“

„Gut.“ Azhdahar nickte, aber tief in seinem Innern wusste er, dass Evren log. Es lag wohl an ihrer Verbindung. Er konnte den Aufruhr in dem Menschen spüren.

„Lass uns ein wenig schwimmen. Ich mache auch extra langsam, damit du mitkommst“, wechselte er darum das Thema und wippte frech mit den Augenbrauen. „Wir müssen den jungen Damen doch zeigen, warum ich mich für dich entschieden habe.“

„Unverschämter Kerl. Wer wollte denn vorhin noch sterben! Das war ja wohl mal nicht ich! Im Bett noch einen auf Mitleid erregend machen und jetzt wieder die große Klappe haben.“ Evren lachte frech, doch er war froh über die Ablenkung. Er strich seinem Begleiter über die Brust und stoppte auf dem Bauch, sah ihm dabei tief in die Augen und stieß sich vom Rand ab, um rückwärts auf dem Wasser quer durch den Pool zu treiben.

Es dauerte ein paar Herzschläge, bis Azhdahar ihm folgte. Irgendetwas war gerade geschehen, denn sein Herz schlug wie wild und seine Haut kribbelte dort, wo Evren ihn berührt hatte. Das musste eine Auswirkung der Anpassung an die Erde sein, denn so etwas konnte gar nicht sein, nicht bei einem Mann. Darum schüttelte er den Kopf, um das Gefühl wieder aus dem Kopf zu bekommen und hechtete Evren hinterher. „Na warte. Ich zeig dir, wer hier eine große Klappe hat“, knurrte er und stürzte sich auf ihn, zog ihn nach unten und hielt ihn dort fest.

Evren hatte nicht die Chance gehabt, noch einmal tief Luft zu holen, denn er war von der Schnelligkeit des Prinzen überrascht gewesen. Nun klammerte er sich an dem starken Körper und versuchte wieder an die Oberfläche zu kommen. Evren quiekte, anders konnte er sich akustisch nicht verständlich machen und als die Luft langsam dünn wurde, versuchte er sich aus der Umklammerung zu befreien. Azhdahar musste doch merken, dass Evren Probleme bekam. Die Lunge fing an zu brennen.

Azhdahar stieß sich vom Boden des Pools ab, damit sie schneller wieder an der Oberfläche waren. Er hatte Evrens Panik gespürt und hielt ihn nun locker fest, als er japsend nach Luft schnappte und ihn schon wieder recht wütend anfunkelte. „Tschuldige“, nuschelte er also und senkte den Blick. „Ich habe nicht dran gedacht, dass ihr Menschen nicht so lange unter Wasser bleiben könnt wie wir.“

Evren knurrte und holte noch einmal tief Luft, damit seine Lungen wieder wussten, wie sich Sauerstoff anfühlte. Dass Azhdahar ihn immer noch umarmte, hätte er nicht auf seiner Haut spüren müssen. Die Blicke der Gäste, die sich um den Pool tummelten, sprachen Bände. Doch Evren war das egal. Er sah diese Leute in seinem Leben nie wieder - was die von ihm dachten, ging ihm ziemlich weit hinten lang. „Ich hab keine Kiemen“, murmelte er und sah Azhdahar schief grinsend an. „Aber rechne ab heute mit meiner Rache. Du weißt wie rachsüchtig ich sein kann“, grinste er frech.

„Wenn du mich dabei nicht gleich wieder bis auf die Knochen blamierst und mich lächerlich machst, mach ruhig. Ich mochte so kleine Spielchen schon immer.“ Lachend lehnte Azhdahar sich zurück, so dass sie beide im Wasser treiben konnten, ohne unterzugehen. „Kiemen hab ich auch keine. Bin ja kein Fisch, sondern ein Drache, obwohl wir wohl ursprünglich aus dem Meer gekommen sind. Es gibt immer noch eine Unterart, die lebt im und am Wasser.“

„Echt? Cool. Bei uns auch. Meerechsen, die leben an Land, können aber schwimmen und lange tauchen. Vielleicht hast du ja Ähnlichkeit mit denen - obwohl, die haben weder lila Schuppen noch orangefarbene Tupfen“, lachte Evren leise. Er hatte aufgehört, sich panisch zu fragen, was er da tat, dass er sich auf Azhdahars Brust breit machte und sich treiben ließ. Normalerweise war Kuscheln gar nicht sein Ding, nicht mit einer Frau - noch weniger mit einem Mann. Aber vielleicht sah er Azhdahar auch nicht als Mann, sondern als Gefährten, das war mehr als Sex - das war Vertrauen.

„Was du nur immer mit deinem lila hast. Das ist doch keine Farbe für einen Drachen. Schon gar nicht für einen Prinzen und späteren König. Wenn ich wirklich so aussehe, wirst du nie mit mir fliegen, weil ich mich dann nie wieder in meinem Leben wandeln werde.“ Das hatte Evren wirklich einen wunden Punkt bei ihm gefunden. War ja klar, dass er immer wieder damit anfing, um seinen Drachen zu ärgern. Darum wurde er jetzt auch in die Seite gezwickt. „Außerdem musst du dann mit den gleichen Farben rumlaufen.“

„Na, ich denke doch gar nicht dran. Ich werde in den schönsten Farben erstrahlen und dir die Show stehlen, obwohl das bei einem violetten Drachen schwer sein dürfte. Vielleicht sollten wir dich bleichen, fliederfarben ist neutraler oder?“, lachte Evren. Er war zu träge, sich die malträtierte Stelle an seiner Seite zu reiben. „Wir können es auch mal mit neongrün versuchen oder wie wäre pink? Ja, pink - pink ist gut“, Evren nickte heftig und klopfte auf die Brust unter sich, ignorierte dabei die Blicke, die sie nicht mehr losließen.

„Willst du wieder tauchen?“, knurrte Azhdahar leise und ließ sich ein wenig tiefer sinken. „Wenn ich lila oder pink oder jede andere scheußliche Farbe werde, wird dein Tattoo es auch und ich werde darüber nachdenken, es dir noch einmal auf den Rücken stechen zu lassen, damit man es auch von allen Seiten sieht.“

„Pf, dazu müsstest du mich noch mal in eine Ohnmacht schicken und das werde ich zu verhindern wissen. Außerdem kann ich immer noch ein Hemd überziehen - im Gegensatz zu dir. Außer du lässt dir ein 15 Meter langes Nachthemd nähen, was du dann beim Fliegen überziehst.“ Evren stellte sich das gerade vor, wie ein pinkfarbener Drachen wie ein Nachtgespenst über den Himmel schlich und versuchte, sein Hemdchen über den Schwanz zu ziehen - das Bild war göttlich.

„Du bist so gemein“, jammerte Azhdahar und machte ein leidendes Gesicht. Er wusste, dass das bei Evren nichts nutzen würde, aber versuchen konnte man es ja mal. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie wie selbstverständlich von einer gemeinsamen Zukunft redeten und es keine Frage für sie war, sich wieder zu trennen. Er sah Evren an und musste sagen, dass es sich das erste Mal wirklich gut anfühlte, jemanden um sich zu haben. Ohne Evren konnte er sich das schon gar nicht mehr vorstellen. „Ich möchte nicht, dass du so weit von mir weg bist. Es ist schön mit dir“, sagte er, was er fühlte, ohne groß darüber nachzudenken.

„Ja“, gab Evren eben so spontan zurück und wandte sich ab. Er schämte sich schon ein bisschen, dass er hier mit einem Mann turtelte und nicht mit einer von den Bikini-Schönheiten, die unter einem Sonnenschirm lagen. Doch er wusste instinktiv, dass es mit keiner von denen so angenehm sein würde. Frauen waren gut für den Sex - für mehr hatte Evren sie noch nicht verwendet. Er hatte keine beste Freundin, keine feste Freundin. Er suchte das Abenteuer und Befriedigung und das immer wieder neu.

Azhdahar war was anderes. Er war Teil von ihm, ihn konnte er nicht belügen und ihm konnte er nichts vormachen - er kannte ihn trotz der wenigen Tage schon zu gut und er strahlte eine Nähe aus, die Evren vorher nicht gekannt hatte. Nicht einengend oder Besitz ergreifend, sondern beschützend.

Die Arme ein wenig fester um Evren legend, vergrub Azhdahar sein Gesicht in dessen Haaren und atmete tief durch. Was passierte hier mit ihm? Die Gefühle, die gerade in ihm wallten, konnte er nicht mehr damit erklären, dass sein Körper ein wenig durcheinander war. „Was passiert mit uns?“, murmelte er leise. „Ich möchte unsere Verbindung gar nicht lockern und schon gar nicht, dass sie ganz erlischt. Das ist doch nicht normal oder?“

„Ich weiß es nicht, liegt vielleicht daran, dass du mein Blut in deinen Adern hast“, vermutete Evren, denn er weigerte sich, das zu glauben, was die zweite Option wäre - er war nicht dabei, sich in einen Kerl zu verlieben. Definitiv nicht. Und damit er nicht doch noch auf die Idee kam, Dinge zu tun, die er vielleicht hinterher bereute, weil er Azhdahar fehl interpretiert hatte, löste er sich langsam. „Du wolltest doch schwimmen, Meerechse“, grinste er und tippte dem Drachen gegen die Brust.

„Bereit für eine Niederlage?“, lachte der Prinz und tauchte unter. Er brauchte dringend wieder einen kühlen Kopf, denn dort schwirrten so viele Fragen herum, auf die er keine Antwort wusste und irgendwie auch nicht wissen wollte. Denn dann musste er sich eingestehen, dass Evren ihm wichtiger war als jeder Drache oder Mensch bisher. Selbst als seine Eltern.

Er tauchte unter Evren durch und kam neben ihm wieder hoch. „Kann es losgehen?“

„Alles wartet nur auf dich, bis du mit deiner Show endlich fertig wirst“, grinste Evren und drückte Azhdahar unter Wasser, um sich einen Vorsprung zu ergaunern, ehe er quer durch den Pool zum anderen Ende kraulte. Irgendwie ahnte er, dass er selbst gegen einen geschwächten Azhdahar nicht gewinnen konnte, so musste Evren eben mit unschönen Mitteln arbeiten. Doch der Zweck heiligte die Mittel, egal wie schmutzig sie waren - sie waren lange nicht so schmutzig wie seine Gedanken und die musste er jetzt von sich waschen! Er legte noch an Tempo zu.

Viel nutzten ihm seine schmutzigen Tricks nicht, denn unter Wasser war Azhdahar noch schneller als über Wasser, so wartete er schon auf Evren am Rand und grinste ihn frech an. „Ich hätte mit dir wetten sollen“, lachte er. „Komm, lass uns einfach ein paar Runden schwimmen, ohne Wettkampf. So richtig fit bin ich noch nicht wieder und ich mag mich gerade nicht wirklich anstrengen“, bot er einen Kompromiss an, denn er wusste ja schon, dass Evren sehr ehrgeizig war und Niederlagen nicht gut vertragen konnte. Er hätte mit dem Widerwort rechnen müssen.

„Nein, ich will ausnutzen, dass du nicht auf der Höhe bist. Ich will gewinnen und es dir dann die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag unter die Nase reiben, dass ich besser bin. Also los. Noch mal!“, knurrte Evren, deutlich in seinem männlichen Ego verletzt, stieß sich ab und paddelte zum anderen Rand. So weit kam es noch, dass er einfach so verlor.

„Ey!“ Evren hatte sich schon wieder einen Vorsprung ergaunert. Wahrscheinlich hätte Azhdahar ihn noch einholen können, aber er tat es nicht. Zwar schwamm er nicht absichtlich langsam, aber er holte auch nicht das Letzte aus sich raus. So kam er wenige Sekunden nach Evren am anderen Poolende an. Der Prinz wischte sich die langen, schwarzen Haare aus dem Gesicht und sah Evren gespielt enttäuscht an „Du hast gewonnen. Ich möchte Revanche.“

Doch der schmollte. „Du hast mich ja bloß gewinnen lassen, damit ich Ruhe gebe. Du weißt wie man mit Kindern umgeht. Du wirst bestimmt mal ein ganz lieber Drachen-Papi“, grinste Evren schief und tauchte noch einmal unter, damit ihm die Haare aus dem Gesicht gespült wurden. Für eine dritte Runde Schwimm-um-die-Wette hatte aber auch er keine Lust mehr. „Wie würde denn deine Revanche aussehen?“, fragte er neugierig und hatte gerade das ungute Gefühl, mit dem Feuer zu spielen. Das war nicht gut!

„Hab ich gar nicht“, protestierte der Prinz sofort. Das stimmte ja auch, er hatte sich schon angestrengt, nur nicht übermäßig. „Ich weiß nicht, was ich als Revanche möchte. Du hättest im Moment bei so ziemlich allem gute Chancen zu gewinnen, außer im Tauchen und da das unfair wäre, fällt das weg.“ Seine Hände lagen am Poolrand, so dass Evren zwischen ihnen gefangen war und er grinste. Sie konnten es einfach nicht lassen. Immer wieder mussten sie sich provozieren, darum kam er näher, so dass ihre Körper sich berührten. „Such dir was aus, worin du gewinnen willst.“

Als er Azhdahars Brust an seiner spürte, holte Evren tief Luft, doch er konnte dem Prickeln, das ihn durchlief, nicht entkommen - nicht gut! Gar nicht gut. „Das“, stammelte er und schüttelte den Kopf, um wieder klar zu werden, „das überlege ich mir noch.“ Denn das, was ihm durch den Kopf ging, war krank und nicht akzeptabel, besser er sprach diese Gedanken nicht aus und verdrängte sie so weit nach hinten, wie er nur konnte. Langsam machten sich die Wochen Abstinenz bemerkbar, wenn er sogar schon so verzweifelt war, mit Azhdahar ins Bett zu wollen. Er war schließlich schon eine Weile Single und im Augenblick mit seiner Arbeit verheiratet.

Nur war es so, dass ihre Verbindung noch wunderbar funktionierte und der Prinz, ob er wollte oder nicht, mitbekam, was in Evren vorging. Überrascht sah er ihm in die Augen und er wurde sogar ein wenig rot, als sein Körper darauf reagierte und er den Drang verspürte, sich näher an Evren zu schmiegen und ihn wieder in den Armen zu halten. „Was nun?“, fragte er leise und zog sich noch etwas näher zum Rand, so dass ihre Körper sich automatisch noch näher kamen.

„Wenn wir nicht gleich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses rausgeworfen werden wollen, sollten wir wieder etwas Abstand zwischen uns bringen und uns auf etwas konzentrieren, was nichts mit uns zu tun hat“, schlug Evren brüchig vor, denn er konnte sich langsam nicht mehr beherrschen. Er brauchte jetzt Abstand, egal wie schmerzlich das werden würde.

„Ja, sollten wir.“ In Azhdahar stritten zwei Stimmen. Die eine war enttäuscht, weil Evren auf Abstand gehen wollte, die andere stimmte dem Menschen zu, weil das, was gerade passierte, einfach nicht sein konnte und durfte. Es war doch nicht natürlich, sich zu einem Mann hingezogen zu fühlen. Keine Frau hatte ihm bisher solche Gefühle entlockt und das machte ihn unsicher. Dass er sich immer noch nicht von Evren wegbewegte, bemerkte er, tief in Gedanken versunken, gar nicht. Er kam sogar noch ein wenig näher, weil er instinktiv Schutz bei dem Menschen suchte, der ihm am meisten bedeutete.

„Azhdahar“, murmelte Evren leise. Langsam wurde das bedrohlich. Der Kerl musste doch merken, was diese Nähe in Evrens Körper anrichtete. „Drachi!“ Seine Stimme wurde flehender. Wenn er nicht gleich peinlich berührt um sich schlagen und im Bungalow verschwinden wollte, dann musste jetzt etwas passieren. Langsam schob er Azhdahar von sich. Doch selbst die breiten Schultern unter seinen Händen waren elektrisierend. Es war die Hölle.

Evrens flehende Stimme drang zu Azhdahar durch und endlich stieß er sich vom Beckenrand ab. Schwer atmend sah er ihn an. „Ich schwimm noch ’ne Runde“, sagte er das erste, was ihm einfiel und schon kraulte er los, mit kräftigen Zügen. Diesmal gab er alles, weil er so den Aufruhr in seinem Körper abschalten wollte. Wie besessen pflügte er durch das Wasser und bemerkte nicht, wie er schon wieder beobachtet wurde. Knurrig von den Männern und bewundernd von den Frauen.

Evren blieb allein zurück und zog sich rückwärts auf den Poolrand, bis nur noch die Beine im Wasser hingen und er den warmen Stein unter sich spürte. Er fühlte sich aufgewühlt und sah Azhdahar hinterher. Er wagte nicht den Blick nach rechts oder links. Von denen hatte sowieso keiner einen Schimmer, was mit ihnen los war und was sie verband und selbst wenn sie es wüssten, sie könnten es nicht glauben. „Alles Scheiße“, murmelte er leise und lachte leise.

Es dauerte gut eine halbe Stunde, bis Azhdahar langsamer wurde und noch einmal ein paar Minuten, bis er zu Evren an den Rand kam. Diesmal hielt er etwas Abstand, weil er sich selbst nicht mehr traute. „Kannst du mir meine Wasserflasche geben?“, bat er und sah kurz zu Evren hoch. Er fühlte sich erschöpft, aber der Aufruhr in seinem Körper hatte sich nicht verändert und in Evrens Augen sah er deutlich, dass es dem nicht anders ging.

„Klar“, sagte Evren gleich und sprang auf, wohl froh darüber, wieder Abstand zwischen sie bringen zu können. Sein Mund war ganz trocken, deswegen genehmigte er sich auch einen Schluck aus der Flasche. „Setzen wir uns in den Schatten?“, wollte er wissen, weil, unter einem Schirm etwas abseits, zwei Liegen frei waren.

„Ja, warum nicht.“ Azhdahar hievte sich aus dem Wasser und nahm die Flasche entgegen. „Ein wenig ausruhen ist bestimmt nicht schlecht. So ganz habe ich den Wechsel noch nicht verdaut, auch wenn es besser wird. Mir ist nicht mehr schwindelig. Da können wir morgen bestimmt fliegen.“ Der Drache trank etwas und nahm dann von Evren eins der Handtücher entgegen.

„Na los.“ Evren war schon vorgegangen und ließ ich auf eine der Liegen fallen. Auch hier hin folgten ihnen die Blicke. Hatten die Leute nichts anderes zu tun? Was erwarteten die denn? Wilden, hemmungslosen Sex, so wie ihn Evren sich gerade in seinem kranken Hirn ausmalte? Sicherlich nicht. „Wir sollten uns nachher noch den kleinen Scanner greifen und für Arlan ein paar Aufnahmen machen“, sagte Evren, doch das würde wohl erst passieren, wenn die Sonne tiefer stand, denn, wie Evren auch, hatte sich Azhdahar in die Liege sinken lassen und würde so schnell nicht wieder aufstehen.


20


Azhdahar schloss die letzte Schnalle seines Rucksacks und war reisefertig. Gleich kam jemand von der Lodge, um sie abzuholen. In etwa einer halben Stunde flogen sie zum nächsten Flughafen, wo sie dann den Flieger in die Hauptstadt nehmen würden. Er war wieder vollkommen gesund und auch das irdische Essen vertrug er gut, so dass sie da keine Probleme mehr kriegten. Allerdings hatte sich Arlans Prognose bewahrheitet, Azhdahar hatte einen großen Teil seiner Kraft eingebüßt.

Er klopfte kurz an Evrens Tür, bevor er dessen Zimmer betrat. Nach dem, was gestern zwischen ihnen passiert war, hatten sie sich stillschweigend darauf geeinigt, in getrennten Zimmern zu schlafen. Auch wenn der Prinz mehrmals in der Nacht versucht gewesen war, zu Evren zu gehen, hatte er es gelassen. Und auch den heutigen Tag über hatten sie Abstand voneinander gehalten, auch wenn es schwer war. Sie fühlten sich dabei nicht wirklich besser und auch die Spannung, die sich aufgebaut hatte, machte es ihnen nicht leichter, miteinander umzugehen.

„Ja, komme!“, rief Evren und griff sich seinen Rucksack. Den kleinen Scanner hatte er sich einfach an die Kleidung geheftet, so konnte er den ganzen Tag aufzeichnen, was sie sahen und was passierte und Arlan konnte das dann alles auswerten. Er trat zu Azhdahar und grinste ihn schief an, was sollte er auch sonst sagen?

„Na dann los, ich möchte etwas von eurer Welt sehen. Bisher gefällt sie mir ganz gut, wenn auch ein wenig trocken und heiß.“ Er nahm sich noch ein paar von den Weintrauben, die ihm gut schmeckten. Sie schmeckten ähnlich wie die auf seiner Welt, nur dass sie dort nur für die Herstellung von Wein genommen wurden und nicht so zum Essen. Sie waren wohl eine der Pflanzen gewesen, die die Menschen von Gidoria mitgenommen hatten. Wie auch in der Welt der Drachen hatten sich die Größe und die Qualität der Früchte allerdings sehr verbessert. Vor allem waren sie süß und saftig.

„Dann los“, Evren schloss hinter sich den Bungalow ab und zusammen gingen sie zur Rezeption. Dort wartete schon ein junger Mann in einer netten Uniform, der ihnen erklärte, er würde sie jetzt die Strecke zur Landebahn bringen, von dort flögen sie direkt nach Windhoek. Der Umweg über eine andere Kleinstadt hatte sich erübrigt und so hatten die Passagiere dann etwas mehr Zeit zum Einchecken in der Hauptstadt.

„Perfekt“, Evren nickte, denn er wusste, dass es immer gut war, beim Umsteigen auf Flughäfen mehr Zeit zu haben als zu wenig.

Azhdahar hielt sich im Hintergrund und vermied es, zur Rezeption zu gucken, wo wieder der junge Mann von gestern stand. Eigentlich sollte es ihn nicht kratzen, was dieser Mensch von ihm dachte, doch das tat es und er war froh, dass er ihn wohl nicht noch einmal in seinem Leben sehen musste. Er folgte Evren zur Rollbahn und seine Augen zogen sich etwas zusammen, als er das kleine Flugzeug sah, dass sie nach Windhoek bringen sollte. „Das kann fliegen?“, fragte er, denn Vertrauen erweckend fand er das Ding nicht.

„Hey, was soll das denn heißen?“, knurrte Evren. Nur weil es nicht aussah wie eine Libelle und starre Flügel hatte, hieß das ja noch lange nicht, dass das nicht funktionierte. Doch dann grinste Evren frech und sah Azhdahar herausfordernd an. „Schiss, Drachi?“, fragte er frech und knuffte ihm in die Seite. Evren merkte, wie er wieder unbewusst die Nähe suchte und Gründe, Azhdahar zu berühren. Das war verrückt.

„Hey. Ich bin ein Krieger, ich habe nie Schiss“, murrte der Prinz auch gleich, wie erwartet und griff sich Evren. Er wuschelte ihm durch die Haare und lachte. „Sei nicht immer so frech“, knurrte er leise, ließ seinen Arm aber um Evrens Schulter und lief mit ihm zusammen weiter. „Wir werden noch mal ein Gespräch führen müssen, wie man sich einem Thronfolger gegenüber verhält.“

„Ach, das weiß ich doch schon. Man ärgert sie und fordert sie heraus, damit sie nie so überheblich werden wie du!“, erklärte Evren ungeniert und nickte dankend, als man ihm die Tür des Flugzeuges aufhielt. Die Rucksäcke wurden in einer kleinen Heckklappe verstaut und dann konnte es auch schon losgehen. Groß war die Cessna nicht, aber für zwei Passagiere völlig ausreichend.

„Das ist definitiv nicht richtig und angemessen.“ Azhdahar schüttelte den Kopf. Evren war aber auch nie um eine Antwort verlegen. Ihm beizukommen war wirklich nicht einfach. Erst einmal aber schob er die Diskussion über die Behandlung von Prinzen auf und ließ sich zeigen, wie er sich anschnallen musste. Das laute Dröhnen, als die Motoren ansprangen, machte es ihm nicht gerade leicht, Evrens Worten zu glauben, dass dieses Flugzeug sicher war.

„Ganz ruhig, mutiger Held“, lachte Evren und nahm Azhdahars Hand in seine. „Was brüllt wie ein Drachen, kann auch fliegen wie ein Drachen.“ Seine Finger umklammerten Azhdahars Hand, doch er sah zum Fenster hinaus, damit die kleine Kamera für Arlan, die er an seiner Mütze befestigt hatte, sehen konnte, was passierte. Wie die kleine Maschine in Position rollte und dann Schwung holte.

Etwas irritiert sah Azhdahar auf ihre verbundenen Hände, aber er löste sie nicht. Er hatte keine Angst vor dem Flug, aber es war schön, dass Evren ihn beruhigen wollte. „Geht es gleich los?“, rief er, als die Motoren noch lauter wurden und sah mit aus dem Fenster. Das war so anders, als die Technik, die er kannte. Arlan hätte bestimmt seinen Spaß hier.

„Ja, wenn wir schnell genug sind, bildet sich auf der Unterseite der Flügel mehr Druck als oben, deswegen wird das ganze Ding in die Luft gehoben. Etwas anders als bei eurer Technik“, erklärte Evren und weil die kleine Kamera Bild und Ton aufzeichnet, wusste dann auch Arlan gleich, wie das funktionierte, wenn er den Speicher morgen zugeschickt bekam. Unbemerkt strichen seine Finger über Azhdahars Hand, als er leise: „Und los geht’s!“, murmelte.

Etwas überrumpelt, als er in den Sitz gedrückt wurde, als das Flugzeug beschleunigte, drückte Azhdahar Evrens Hand fester und verschränkte ihre Finger. Es war ein komisches Gefühl, den Start so zu erleben, aber irgendwie war das auch aufregend. Immer schneller wurden sie und er atmete erleichtert auf, als sie vom Boden abhoben. Irgendwie hatte er nicht damit gerechnet. „Es hat geklappt“, lachte er und drückte Evren an sich.

„Ja, du Skeptiker.“ Evren konnte nicht anders. Es war irgendwie niedlich, dass ein solcher Mann sich freuen konnte wie ein Kind, über die Dinge, die für Evren alltäglich waren. So wie er jetzt, musste sich Azhdahar bei sich gefühlt haben, als Evren die Dinge des alltäglichen Lebens bestaunt hatte. „Und wir werden auch nicht runter fallen“, versprach er amüsiert und grinste seinen Prinzen an.

„Das hoffe ich doch. Ich möchte noch ein wenig leben.“ Immer wieder sah der Prinz hin und her, damit er alles mitbekam. Schließlich lehnte er seinen Kopf gegen die Scheibe an seiner Seite, damit er besser sehen konnte. Evrens Hand ließ er dabei nicht los. Warum auch. Es war angenehm und in der letzten Nacht hatte er sehr viel nachgedacht und einfach beschlossen zu sehen, was passierte, wenn sie weiterhin zusammen blieben. Sich zu wehren hatte doch keinen Sinn, denn er war sich sicher, dass es eine Auswirkung ihrer Verbindung war und so lange die bestand, mussten sie damit leben.

„Ja, es wäre doch ziemlich hart vom Schicksal, wenn es dich in den Tod reißen würde, ohne dass jemals die Sonne auf deinen pinkfarbenen Schuppen geglitzert hat, wenn sie unter dem langen Nachthemd hervor gucken“, grinste Evren, wandte sich aber zum Lachen lieber wieder seinem Spiegelbild in der Scheibe zu, ehe Azhdahar ihm noch gegen die Nase schnickte.

„Na wenigstens bin ich jetzt nicht mehr lila.“ Pink war auch nicht akzeptabel, aber da war er sich sicher, dass das nicht passieren würde. Also drehte er sich auch nicht um, sondern blickte weiter aus dem Fenster. „So eine Wüste gibt es bei uns gar nicht. Wir haben Dschungel und Ebenen mit vereinzelten Bäumen, aber keine Sandflächen, so wie diese hier. Es ist faszinierend, dass es dort Leben geben soll. Wovon ernähren die sich und wo kriegen sie Wasser her?“

„Es gibt sogenannte Oasen“, erklärte Evren. „Die entstehen dort, wo man entweder Brunnen gebaut hat, die tief in Wasser führende Schichten hinab reichen oder da, wo sich natürliches Wasser nach einem Regen sammelt. Vielleicht sollten wir uns diesen Kontinent einmal genauer ansehen, wenn wir deine Umagal haben“, schlug Evren vor, denn auch ihn hatten seine Forschungen noch nie nach Afrika geführt. Die Azteken waren eben nie hier gewesen.

„Interessant“, murmelte Azhdahar abgelenkt zu Evrens Erklärungen. Er hatte zugehört, aber gerade etwas Interessantes entdeckt. Dazu lehnte er sich einfach über Evren hinweg, weil er aus dessen Fenster besser sehen konnte. Unter ihnen waren Tiere. Mittelgroß, mit hellem Fell, schwarzen Beinen und langen Hörnern. Dazu ein lustiges, schwarz weißes Gesicht. „Da, was ist das?“, fragte er neugierig und nur der Gurt verhinderte, dass er auf Evrens Schoß krabbelte, um noch besser sehen zu können.

„Oryx-Antilopen“, sagte Evren etwas gepresst, weil Azhdahar ihn in den Sitz drückte. Doch er sah darüber hinweg, für den Drachen war das alles neu. Sicher hatte er auf seinem Planeten ganz andere Tiere als hier. Plötzlich fielen ihm Hunderte von Sachen ein, die sie machen konnten, damit Azhdahar noch mehr von der Erde kennen lernte, doch sie hatten ihr Ziel - sie brauchten eine Umagal, Azhdahar mehr als Evren.

„Interessant“, murmelte Azhdahar schon wieder und er behielt die Tiere so lange, wie es ging, im Blick. Er blieb aber, wo er war, denn gerade kam wieder etwas Neues in sein Blickfeld. Ein Fluss kam in Sichtweite, umsäumt von einem Band grüner Vegetation. „Ist das eine von diesen Oasen?“, fragte er neugierig. Vögel flogen auf, aufgeschreckt durch die Flugzeugmotoren und der Prinz blickte ihnen hinterher.

„Nein“, sagte Evren. „Vegetation an Flüssen bezeichnet man nicht als Oasen. Oasen sind nur kleine, grüne Punkte in der Wüste.“ Evren hatte die Kamera für Arlan von seinem Hut abgenommen und hielt sie an die Scheibe, denn so wie sich Azhdahar auf ihn stützte, konnte Evren nicht mehr zum Fenster hinaus sehen. Doch das machte nichts, er amüsierte sich lieber über den furchtlosen Kämpfer, der gerade mehr einem kleinen Jungen ähnelte.

„Ah so. Das würde ich auch gern mal sehen. Wenn wir meine Umagal haben, können wir ja wieder hierher kommen und uns etwas umsehen.“ Jetzt wo er auf der Erde war, wollte er so viel wie möglich davon sehen. Bisher konnte er nicht sagen, dass es ihm nicht gefiel. Wenig Menschen, viel Platz, wenn auch ein wenig trocken. „Ist es in Mexiko auch so trocken und heiß?“

„Teils, teils. Ist ein großes Land. In den Wüstengegenden ist es trocken, im Dschungel eher feucht. Da wirst du dich wohl fühlen“, sagte Evren und nahm die Kamera wieder an sich. „Wir werden sehen, wie das wird, wenn du dein neues Haustier hast. Wenn du dann immer noch Interesse hast, können wir uns gern noch ein paar Ecken ansehen. Denn die Erde hat noch mehr zu bieten als Hitze und Sand und Dschungel.“ Er dachte da an das ewige Eis oder die großen Ballungsräume. An die Meere und die Berge.

„Ja, warum nicht. Auf Gidoria habe ich eh nichts Wichtiges zu erledigen, denn mein Unterricht in Staatskunde ist dann vorbei. Ich musste den sowieso schon länger ertragen als alle anderen Prinzen vor mir.“ Azhdahar schüttelte sich und kletterte endlich von Evren runter, aber er blieb weiter an ihn gelehnt und legte ihm den Kopf auf die Schulter. So konnte er weiter aus dem Fenster sehen.

„Baby hat's schon echt schwer“, lachte Evren leise und strich Azhdahar durch die langen, schwarzen Haare. „Hoffen wir, dass wir schnell ein Viech finden, was dich von deinen Qualen erlösen wird und dann hast du dir deinen Urlaub aber wirklich verdient. Und ich werde mit meinem pinkfarbenen Drachen über die Kalahari fliegen und alle werden uns für eine Fata Morgana halten.“ Evren lachte herzhaft, weil er sich das gerade vorstellte.

„Ja, hab ich auch oder möchtest du fast 8000 Jahre Tag für Tag langweiliges Zeug lernen müssen. Ich hatte eigentlich gedacht, dass selbst so langlebige Wesen wie wir Drachen nicht für so lange Jahre Unterrichtsstoff haben, aber da hab ich mich getäuscht.“ Azhdahar schnurrte leise, als Evren ihn kraulte. „Von mir aus darfst du auf mir fliegen. Dort wird uns wenigstens keiner sehen, dem das nicht gefällt.“

„Ich nehme dich beim Wort, Drachi - ich darf auf dir fliegen, wenn du dich gewandelt hast. Und ich darf dich pink anstreichen, denn du hast zugegeben, dass ich mit einem pinkfarbenen Drachen über die Kalahari fliegen darf“, wiederholte Evren noch einmal amüsiert und besah sich die Welt unter ihm. Spärlich besiedelt und leuchtend rot. Da würde ein pinkfarbener Drache gut zu passen.

„Wie?“ Azhdahar schoss hoch und sah Evren ungläubig an. „Du darfst fliegen, aber ich werde nicht pink sein.“ Er versuchte böse zu gucken, aber das hielt er nicht durch, denn Evrens Lachen war ansteckend, darum fiel er mit ein und knuffte ihn in den Arm. „Bei dir muss man aber wirklich überlegen, was man sagt, sonst hat man verloren“, lachte er und lehnte sich wieder an.

„Es hat aber eine ganze Weile gedauert, bis du das gelernt hast“, lachte Evren leise und strich Azhdahar weiter durch die Haare. Er mochte lange Haare und er spielte gern damit, deswegen trug er seine auch etwas länger. „Wenn du beim Staatskunde-Unterricht auch so langsam bist, kann ich verstehen, dass du so lange damit gequält wurdest.“ Er wackelte frech mit den Augenbrauen und freute sich darauf, wenn Azhdahar zurück schoss.

„Du“, knurrte der Drache bedrohlich und biss Evren in den Hals, weil er da gerade gut ran kam. „Pass mal lieber auf, dass ich meinem Vater nicht den Floh ins Ohr setze, dass du den Unterricht auch brauchst, schließlich gehörst du jetzt zur Familie und bist auch ein Prinz. Also solltest du auch eine dementsprechende Ausbildung bekommen.“ Noch einmal biss er zu, denn er hatte die leichte Gänsehaut spüren können, die Evren beim ersten Biss bekommen hatte.

Es wunderte ihn schon ein bisschen, dass der Mensch nicht gleich zurück schoss, doch Evren saß in das Polster gedrückt da und starrte geradeaus. Es war Folter, was der Drache mit ihm tat, denn sein ausgehungerter Körper reagierte auf jede Art der Zuwendung. „Dann erzähle ich ihm, was du gerade mit mir machst“, murmelte er leise und atmete tief durch, um sich zu fassen.

„Na und. Seiner Meinung nach, darf ich mit dir tun, was ich will, solange ich dich nicht verletze oder quäle. Damit kannst du mich nicht schocken, aber mein Lehrer in Staatskunde wird dich das Fürchten lehren. Er ist uralt, sehr streng und hat schon meinen Vater unterrichtet. Er ist der einzige, von dem mein Vater sich was sagen lässt, außer meiner Mutter natürlich.“ Azhdahar musste schmunzeln, als er sich daran erinnerte, wie Laran seinem Vater einen Vortrag über das korrekte Verhalten eines Herrschers gehalten hatte und sein Vater murrend zugeben musste, dass er sich falsch verhalten hatte. „Er ist echt zum fürchten.“

„Dein Vater lässt zu, dass du dich mit einem Menschenmann paarst? Für so liberal hätte ich ihn dann doch nicht gehalten“, brach es aus Evren heraus. Das mit dem Lehrer hatte er lieber überhört, er würde sich schon um diesen Unterricht drücken. Vielleicht verschwendete der Drache ja auch gar nicht seine Zeit für einen lumpigen Menschen, Prinz oder nicht.

„Was? Wie? Paaren?“ Wieder schoss Azhdahar hoch und sah Evren groß an. „Aber ich hab doch gar nicht“, stotterte er und ließ sich wieder in seinen Sitz fallen. Es brauchte ein paar Sekunden, bis er sich wieder gefangen hatte, aber dann grinste er. „Ich hatte eigentlich gedacht, dass es bei euch so geht, wie bei unseren Menschen und die machen das ganz anders. Das war doch höchstens ein wenig Vorspiel, wenn überhaupt.“ Nun grinste er noch breiter. „Und wenn ich mich mit einem Menschenmann paaren will, hat er sich damit abzufinden, denn in so was lass ich mir nicht reinreden. Noch nicht einmal von ihm.“

Anfangs hatte Evren noch zufrieden gegrinst, weil er seinen Drachen aus dem Konzept gebracht hatte, doch jetzt sah er ziemlich entsetzt aus. Es geschah selten, dass er nicht wusste, was er sagen sollte - doch jetzt war einer dieser seltenen Momente. Azhdahar würde das tun? Er würde sich da nicht reinreden lassen? Nein, das hatte er jetzt nur völlig falsch verstanden, da war sich Evren sicher. „Manchmal reicht das Vorspiel schon aus, wenn man notgeil ist“, brubbelte er ganz leise in sich hinein.

Mit dem Wort Notgeil konnte der Prinz nichts anfangen, aber so wie Evren gerade guckte, konnte er sich zusammenreimen, was Evren meinte und war erst einmal ruhig. Er verschränkte ihre Finger wieder und sah Evren an. „Komm her“, murmelte er leise und zog ihn an sich. „Dir geht es anscheinend genauso wie mir“, murmelte er leise.

„Ja und wir sollten schleunigst Abhilfe schaffen, auch wenn ich noch keinen Schimmer habe wie. Ich kann mir noch nicht einmal im Kopf vorstellen, wie das werden soll, wenn du alles live miterlebst“, murmelte er und holte tief Luft. Er hatte keinen Blick mehr für die atemberaubende Landschaft unter ihnen. Sein Körper war in Aufruhr.

„Ich auch nicht, aber wenn das schon einer mitkriegt, dann wenigstens jemand, den ich mag und dem ich vertrauen kann. Zumindest so lange, wie du nicht auf Rache aus bist.“ Azhdahar versuchte die Stimmung wieder etwas zu lockern, denn so deprimiert gefiel ihm Evren gar nicht. „Gehen wir halt auf die Pirsch, wenn wir in Berlin sind.“

„Und wie erklären wir den Damen, dass wir gleichzeitig Sex haben müssen? Oder warum ich schon stöhne, nur weil du mit deiner schneller bist als ich?“ Evren grinste schief - sie waren echt bescheuert. Was sie sich für Sorgen machten! Eine kleine Stimme flüsterte ihm zu, dass es da noch eine ganz private Lösung gäbe und man auf die Damen auch verzichten könnte, doch das wollte Evren nicht hören.

„Warten wir es ab.“ Mit all den Fragen war Azhdahar auch etwas überfordert. Normalerweise hatte er Sex, wann ihm danach war und brauchte sich auch keine Gedanken darum machen. „Ich glaube, dass mit den zwei Damen wird wahrscheinlich eh nichts werden, denn Menschenfrauen ziehen mich einfach nicht an. Ich werde dann wohl eher ein stiller dritter Genießer sein.“ Der Prinz seufzte. Seit Evren da war, war alles sehr viel komplizierter geworden.

„Ah ja.“ Evren nickte, aber wohler war ihm bei dem Gedanken auch nicht. Er hatte dann seinen Spaß und Azhdahar lungerte im Bad oder im Gästezimmer rum und musste es ertragen. „Und wenn wir erst die Umagal holen und uns so lange aus dem Weg gehen?“, fragte er leise, doch seine Stimme zeigte, dass er selber von der Idee auch nichts hielt.

„Das wird nicht klappen. Dafür habe ich dich einfach zu gerne bei mir, auch wenn du anstrengend bist. Bei Frauen war das einfacher. Von denen wollte ich nur Sex und das war's. Du bist anspruchsvoller und willst auch noch unterhalten werden.“ Azhdahar legte seinen Kopf auf Evrens. „Ich weiß nur nicht, ob mir das gefallen wird, dass du mit einer Frau zusammen bist. Ich will dich bei mir haben und ich teile nicht gerne.“

Evren hob eine Braue und machte große Augen. „Soll das heißen, du willst aktiv mitmischen?“, fragte er etwas irritiert und hoffte, dass er das jetzt völlig falsch verstanden hatte. Er konnte Azhdahar nach diesen Worten unmöglich sagen, dass er sehr gern mit Frauen zusammen war und darauf auch nicht verzichten wollte. Er fühlte sich furchtbar. Er tauchte in ein Wechselbad der Gefühle und konnte nicht auftauchen.

„Mitmachen, wenn du mit einer Frau…? Nein!“ So hatte er das nicht gemeint. „Also, ich meinte, dass es mir nicht gefallen wird, wenn du mit einer Frau… also, du weißt schon.“ Der Prinz stotterte ein wenig rum, denn das war peinlich. „Ich will gar nicht, dass du eine Frau hast. Du gehörst zu mir.“ Jetzt war es raus und Azhdahar zuckte hilflos mit den Schultern. Er wusste doch auch nicht, warum das auf einmal so war. Seit gestern hatte sich etwas zwischen ihnen verändert.

„Ach so.“ Das war jetzt auch für Evren etwas plötzlich, aber er war erleichtert, dass er zumindest die Andeutungen falsch verstanden hatte. „Können wir nicht über irgendwas anderes reden? Dieses peinliche Thema macht mich ganz kirre und das stände Gerede von Sex macht es auch nicht besser“, knurrte er und sah wieder zum Fenster raus, ohne wirklich etwas wahrzunehmen - das war doch ein Alptraum.

„Ja, hören wir damit auf.“ Azhdahar war es auch lieber, dieses Thema erst einmal ruhen zu lassen. Aber trotzdem kam er nicht umhin, weiter darüber nachzudenken, während sie weiter flogen. Evren wurde immer wichtiger für ihn. Sein ganzes Leben drehte sich praktisch um den anderen Mann und das, was mit ihnen am Pool passiert war, sorgte auch nicht gerade dafür, dass es leichter wurde.

„Gut, worüber wollen wir reden. Wir haben ja gesagt, wir reden. Also reden wir - was willst du wissen.“ Evren redete nur, um sich zu beschäftigen und seinen Kopf davon abzuhalten, das zu tun, was Azhdahar gerade tat: nachdenken was los war. Er wollte es nicht wissen, er wollte sich ablenken und die Stadt unter ihnen bot sich da an. „Da guck, eine Stadt. So sieht das bei uns aus.“

Dankbar für die Ablenkung sah der Prinz aus dem Fenster und eine Weile ließ er den Anblick auf sich wirken. „So viele Häuser, so eng zusammen?“, murmelte er ziemlich überrascht. So etwas kannte er nicht. „Wo sind die Bäume und die anderen Pflanzen?“ Das war etwas, was ihm sofort aufgefallen war. Er sah kaum etwas grün. „Das muss doch alles sehr eng sein.“

„Wenn diese kleinen, niedlichen Häuser schon eng sind, dann warte, bis wir in einer großen Stadt sind. Irgendwo müssen die Menschen doch alle wohnen.“ Evren fing an zu erzählen, wie das mit den Menschen gewesen war. Von Höhlen und kleinen Sippen, von Überfällen und Städten mit schützenden Mauern und was aus denen geworden war. Er erzählte, dass es Städte gab in denen Millionen von Menschen wohnten und vielleicht konnten sie sich auch Berlin einmal von seiner moderneren, beengenden Seite ansehen.

Allein der Gedanke daran, in so einem Häusermeer, ohne Grün und Platz, zu leben, behagte Azhdahar überhaupt nicht. So was war er nicht gewohnt. Er kannte nur Weite und unberührte Natur. Besonders bei den Fabriken, über die sie flogen, schauderte es ihn. Die Schlote, die dunklen Rauch ausstießen, waren sicher nicht gesund. „Warum verpestet ihr eure Luft? Ihr braucht sie doch zum Leben.“

„Geld regiert die Welt, Prinz. Und das, was nichts kostet, das wird gnadenlos ausgebeutet. Ich sagte dir doch, dass der Mensch nicht gerade das nobelste aller Lebewesen ist.“ Nun sah Azhdahar mit eigenen Augen, was Evren ihm erzählt hatte. Dabei war das hier noch harmlos. Diese Gegend war dünn besiedelt, auch mit Industrie nur spärlich versorgt. Was würde der Drache erst sagen, wenn sie in Mexiko waren? Da konnte man kaum atmen.

„Hmm.“ Azhdahar sagte da nichts zu, weil er wusste, dass Evren manchmal recht schlecht darauf reagierte, wenn er die Erde kritisierte und er wollte nicht schon wieder schlechte Stimmung aufkommen lassen. „Glaubst du, es würde gehen, wenn wir über Generationen den Menschen helfen würden, ihre Sichtweise umzustellen. So nach und nach, damit es nicht auffällt, dass sie manipuliert werden?“

„Da müsstet ihr schon 10 Milliarden neue Gehirne verpflanzen. Der Mensch giert nach Geld, es ist die Wurzel allen Übels. Einer will besser sein als der andere. Das Beste wäre, ihm sämtliche Technik wegzunehmen und sie wieder in Felle gehüllt in Höhlen zu sperren. Alles andere begreifen die doch gar nicht.“ Evren war wieder in seinem Thema - er interessierte sich so für die alten Völker, weil die noch eine Art Gemeinschaft pflegten, die heute vergessen war. Auch ihre Rituale waren blutig, doch sie töteten nicht aus Spaß wie heute.

„Ich bin dafür, alle auszurotten und die Erde wieder sich selbst zu überlassen und Streuner und ich, wir wandern aus!“

„Du bist ja ganz schön rabiat.“ Azhdahar sah Evren skeptisch an. „Wer ist Streuner? Er muss dir ja wichtig sein, wenn du ihn retten willst. Muss ich eifersüchtig werden?“ Er meinte das nicht ernst, das sah man in seinen Augen. „Ich dachte da so an gelegentliche Erfindungen, die es ermöglichen, dass die Luft und die Umwelt nicht mehr belastet werden und wenn wir das richtig anfassen, wird das auch funktionieren, mit den Leuten, die Geld verdienen wollen.“

„Na du glaubst ja wirklich an das Gute im Menschen. Ich würde mir wünschen, dass das funktionieren könnte. Viele der Tierarten sind so gut wie ausgerottet. Von den schönsten Tieren gibt es auf der ganzen Erde nur noch 30 Exemplare. Ich finde, dass der Mensch auch endlich dezimiert werden sollte, um das Ökosystem wieder herzustellen. So rabiat bin ich auch wieder nicht.“ Evren senkte den Kopf und grinste. Gut, zugegeben: Ein bisschen harsch waren seine Forderungen schon, aber anders verstand es die Rasse Mensch doch nicht.

„Und Streuner ist der Mann, mit dem ich mein Bett teile!“, schob er noch erklärend hinterher. Ob Azhdahar nun eifersüchtig werden wollte oder nicht, war dessen Sache.

Er konnte zumindest spüren, wie Azhdahar zusammenzuckte und ihn kurz undeutbar ansah. Zu Streuner sagte der Drache aber nichts weiter, denn er hatte so ein Gefühl, dass der Begriff Mann, nicht ganz korrekt war. Darum nahm er lieber wieder ihr anderes Thema auf.

„Also, ich finde die Forderung, die Menschen zu dezimieren, schon recht rabiat. Meine Version finde ich schon etwas besser und wir haben genug Zeit, das zu verwirklichen.“

„Versucht euer Glück, aber ihr werdet merken, dass ein Großteil der Menschen immer nur nach Macht und Reichtum gieren. Die, die ihn haben, werden noch gieriger, die, die ihn nicht haben, gehen über Leichen, um ihn zu kriegen. Aber macht eure eigenen Erfahrungen. Ihr werdet ja alt genug.“ Noch war Evren nicht überzeugt, dass der Mensch noch allein mit Vernunft zu überzeugen war, was aber nicht hieß, dass er sich nicht gern vom Gegenteil überzeugen ließ.

„Ach, wir Drachen sind hartnäckig und auch nicht sehr zimperlich, was die Durchsetzung unserer Wünsche angeht. Wobei wir dabei nicht unbedingt über Leichen gehen – zumindest nicht sehr viele. Was sein muss, muss sein, aber wenn die Menschen so weitermachen, sind auch unsere Interessen in Gefahr und das lassen wir nicht zu.“ Azhdahar sah Evren an und sein Gesicht hatte einen harten Ausdruck. „So wie du die Menschen beschreibst und nach dem, was ich gesehen habe bisher, glaube ich, dass das Ausbleiben der Umagals etwas ist, was die Menschen zu verantworten haben.“

„Wovon du ausgehen kannst, denn sie erobern jeden Lebensraum und rotten so die Tiere aus, die dort wohnen. Man schätzt, dass tausende von Arten bereits ausgerottet worden, ohne dass man sie je entdeckt hat. Wenn ihr nicht bald ein Auge darauf habt, kann es euch auch mit euren kleinen Tupfenviechern genau so gehen.“ Evren lehnte sich wieder an Azhdahar, um ihn etwas zu besänftigen. Der harte Blick machte Evren irgendwie Angst, so sah er den Drachen ungern.

„Das wird nicht passieren.“ Auch wenn Evrens Geste ihn wieder etwas beruhigte, so war allein die Vorstellung, dass die Menschen den Umagals etwas getan hatten, für Azhdahar fast unerträglich. „Ich werde sehen, wie es um unsere kleinen Freunde bestellt ist und wenn nötig, werden wir einen Rettungsplan aufstellen. So wie ich das verstanden habe, gibt es dort nicht viele Menschen, dann müsste es gehen.“

„Ja, das schon. Aber wo kein Kläger, da kein Richter, sagt man hier und das heißt: wenn keiner auf den Regenwald aufpasst, wo die kleinen Kerlchen leben, dann fällt der Mensch die Bäume, verkauft sie oder lässt auf dem freigewordenen Boden sein Vieh weiden. Ihr müsstet den Wald retten, wenn ihr die Tupfenviecher retten wollt.“ Zumindest war das Evrens einzige Lösung für das Problem, doch er stoppte abrupt, als der Pilot signalisierte, sie wären im Landeanflug. Sein Blick und der der Kamera gingen zum Fenster.



„Wir werden schon etwas finden, um die Umagals zu retten.“ Azhdahar musste eh erst abwarten. „Nimmst du auch Ton auf?“, fragte er, denn wenn ja, sollten sie Arlan das Problem schildern, so dass man sich auf Gidoria schon mal Gedanken machen konnte. Er erklärte Evren seinen Plan und fasste das wichtigste zusammen. Als er fertig war, begann die Landung und er nahm noch einmal Evrens Hand fester.

Der ließ die Kamera einfach immer weiter laufen, guckte auch immer brav nach draußen, damit Arlan dann nicht nur das Flugzeuginnere sah. Der kleine Chip war sicher bald voll. Er sollte ihn wechseln, wenn sie endlich in Berlin gelandet waren, denn auf dem Flug nach Berlin würde nicht sonderlich viel Aufregendes passieren.