Du befindest Dich hier: Geschichten > Weihnachten 2011 > 01

01

Catching Santa Claus [Ira]

Inhalt: Der Weihnachtsmann liebt Weihnachten, richtig? FALSCH! Denn Niklas, der Sohn des Weihnachtsmannes, und damit dessen Nachfolger, hasst dieses Fest über alles und nimmt reißaus.
Doch natürlich klappt nicht alles wie geplant und der gutaussehende Blonde landet vor den Füßen Tobias, für den Weihnachten alles ist, und der den unbeholfenen Fremden sofort ins Herz schließt.

 !! Hinweis: Die Geschichte war für den Weihnachtskalender 2006 - die Wochentage werden dieses Jahr nicht ganz passen ...

Türchen 1

Tief seufzte Niklas auf, als er sah wie im Zimmer seiner Eltern endlich das Licht erlosch. Die Maschinen der Fabrik hatten schon vor einer Stunde den Betrieb eingestellt, würden aber gleich bei Tagesanbruch wieder anlaufen.

Alle waren unter Zeitdruck, war es doch nicht mehr lange hin bis Weihnachten und Niklas' Vater hätte am liebsten Tag und Nacht die Maschinen durchlaufen lassen, wenn sie sich dadurch nicht überhitzen würden. Außerdem brauchten die Elfen ja auch mal Pause, genau wie Niks Vater, der Weihnachtsmann. Auch er brauchte ab und an mal Schlaf, wo er die letzten Monate doch fast nur noch gearbeitet und dadurch auch die Familie vernachlässigt hatte.

Niklas hatte er jeden Tag mitgeschleppt, damit der noch mehr lernte. Immerhin sollte sein ältester Sohn mal diese wichtige Aufgabe übernehmen, Weihnachtsmann sein und somit Befehlshaber über die zahlreichen Elfen und Rentiere. Leiter der Fabriken, Kontrolleur der Spielzeuge, Erfüller aller Kinderwünsche.

Niklas hatte es satt!! Er wollte gar nicht Weihnachtsmann werden, wollte nicht wie sein Vater das ganze Jahr auf diesen einen Tag hinarbeiten, wo man obendrein noch die ganze Nacht mit dem Schlitten um die Welt raste und den braven Kindern Geschenke unter den Baum legte, in die Socken stopfte oder wohin auch immer packte.

Allein das Bestimmen wer brav war und wer nicht war ja schon eine Heidenarbeit. Jede Tat der Kinder wurde aufgezeichnet und musste ausgewertet und in die Akte des jeweiligen Kindes gelegt werden. Dann das Wunschgeschenk produziert und kontrolliert werden, bloß damit das entsprechende Kind am Weihnachtsmorgen es mit leuchtenden Augen auspacken konnte.
Niklas liebte Kinder und das war auch das Einzige was ihm gefiel an der ganzen Sache, ansonsten... hasste er Weihnachten und alles was damit zusammenhing.
Nur der tiefe Dank und die strahlenden Augen der Kinder machten ihm immer wieder bewusst wofür dieser ganze Schwachsinn und die viele Zeitverschwendung waren.

Doch Niklas wollte dennoch nicht der Weihnachtsmann werden, wenn sein Vater einmal beschloss nicht mehr arbeiten zu wollen.
Wieso überhaupt auch er? Seit Jahren bettelte er, diese Aufgabe doch an einen seiner vier jüngeren Brüder zu übertragen. Diese waren ganz wild auf Weihnachten, betrachteten Niklas immer neidisch, wenn der mit dem Vater wieder Vorbereitungen für Weihnachten treffen konnte, an denen sie nicht teilhaben durften.
Doch jedes Mal lautete die Antwort auf Niklas' Bitte: "Nein, Niklas, diese Aufgabe ist für dich bestimmt. Mein Großvater hat sie seinem ältesten Sohn, meinem Vater übertragen und dieser mir, seinem Ältesten, auch ich werde sie meinem ältesten Sohn übertragen, dir Niklas, wie auch all unsere Vorfahren es getan haben!!"
Der Blonde schüttelte verärgert den Kopf als er wieder die tiefe Stimme seines Vaters im Geiste hörte. Er wollte nicht!
Doch kein Mitglied seiner Familie nahm Rücksicht auf ihn. Niklas wollte auch mal Urlaub machen, so wie alle anderen Menschen auf der Erde, wollte nur in den Wintermonaten Stress wegen Weihnachten haben, wollte mal in die Sonne fliegen und sich an einen der zahlreichen Strände legen, die er immer nur vom Schlitten aus hatte sehen können, um endlich mal etwas Farbe abzubekommen.

Er war sein Leben lang schon Käseweiß und nur das immer währende Rosa seiner Wangen, zeigte, dass er nicht gestorben war. Seine weißblonden Haare ließen ihn noch blasser wirken und nur seine tiefen blauen Augen, zeigten eine wunderbare Wärme.

Wieder seufzte Niklas auf. Er hatte in den letzten Monaten einen Entschluss gefasst. Er wollte weg, aufhören und mal Pause machen und vielleicht würde er danach ja wieder etwas Freude an der ganzen Arbeit finden, so wie er sie früher auch empfunden hatte, wenn er sich um die Rentiere kümmerte oder das Spielzeug bemalte und mit den Elfen gemeinsam Tee trank und Plätzchen aß. Im Moment wollte er das alles nicht mehr, verabscheute es so sehr und er wusste, dass er kein guter Weihnachtsmann sein würde, wenn das weiter so ging und er mehr und mehr Hass auf dieses Fest entwickelte.

Heute Nacht, genau jetzt, war sein Moment der Flucht gekommen. Einen Plan hatte er sich zu Recht gelegt und auch seinen Rucksack gepackt, den er nun aus dem Schrank hervorholte. Badesachen und auch normale, luftige Kleidung befanden sich darin. Es war ja schon ein Akt für sich gewesen das ganze Zeug heimlich hier ins Haus zu schmuggeln, ohne, dass es einer seiner Geschwister oder gar die Eltern mitbekamen. Diese hätten ihn womöglich für verrückt erklärt, weil er sich hier, AM NORDPOL, kurze Sachen bestellt hatte. Zwar froren sie nicht so wie jeder andere, normale Mensch in dieser Eiseskälte frieren würde, aber dennoch wollte er es nicht riskieren sich den Kältetod, durch allzu luftige Kleidung zu holen. Auch die Weihnachtsmannfamilie war sterblich wie jeder andere...

Auf jeden Fall schnappte sich Niklas nun seinen gepackten Rucksack, schlüpfte in seine warmen Stiefel und die dicke, schwarze Jacke, bevor er sich aus seinem Zimmer schlich und ganz, ganz leise die Treppenstufen nach unten ging. Mucksmäuschenstill war es im Haus und nur das Geschnarche der Elfen war zu hören, die ebenfalls mit den Weihnachtsmannkindern in einem Haus schliefen. Nur der Weihnachtsmann selbst hatte mit seiner Frau ein eigenes Haus, direkt gegenüber dieses Hauses, dem Wohnort von Niklas und den anderen.

Genauestens darauf achtend ja keinen laut zu machen, öffnete er die Haustür und schlich nach draußen in den Schnee. Mit seiner schwarzen Jacke konnte man ihn nun ganz gut sehen, doch Niklas hoffte, dass einfach mal alle schlafen würden, während er zum Rentierstall rüber huschte. Sein Fluchtrentier hatte er sich die letzten Tage schon ausgesucht.

Rupert war ein starkes und vor allem schnelles Tier, er würde ihn hoffentlich als schnellster der Herde zum Äquator bringen, dort wo es immer so schön warm war. Wo genau er dort hinwollte, welches Land er besuchen wollte, wusste Nik noch nicht, doch er würde das dann einfach von oben aus spontan entscheiden.

Wild entschlossen öffnete er die Stalltür und blickte in die Rentierställe, huschte dann zur Tür von Ruperts Box und öffnete sie fast lautlos. "Rupert, du Guter, wir haben einen Notfall, du musst mich bringen", weckte er das Rentier und fuhr ihm durch die weiche Mähne, wartete bis es die Augen aufgeschlagen hatte. Rupert würde ihn fliegen, das sah Niklas schon an seiner Körperhaltung, er gehorchte einfach wunderbar.

Lächelnd fuhr sich Niklas durch seine kurzen Lockenhaare und führte Rupert dann nach draußen in den Schnee, wo er ihn rasch sattelte und auf seinen Rücken stieg. "Dann flüsterte er leise, damit er auch keinen aufweckte "Richtung Äquator Rupert" und schon erhob sich das große Tier in den Himmeln, um ihn auf lautlosen Hufen davonzutragen.

*

Während die eine Hand durch die braunen kurzen Haare fuhr und die Augen noch immer auf dem Schlitten hafteten, griff die andere Hand nach der Tasse und führte sie zum Mund des Besitzers.

Verwirrt blickten die grauen Augen von Tobias allerdings in seine Teetasse, als die begehrte Flüssigkeit nicht in seinen Magen lief.

"Schon wieder leer", grummelte der junge Mann und warf einen Blick auf die Uhr.

Halb zwei Uhr nachts.

Und er musste unbedingt mit dem Schlitten fertig werden. Die Rentiere die man davor spannen konnte, waren schon lange fertig. Das wäre der Schlitten eigentlich auch, aber Tobias hatte ihn aus Versehen hinuntergeschmissen und dabei war er zerbrochen. So hatte der Spielzeugmacher von vorne anfangen müssen.

Er war einfach übermüdet, weil er schon so lange daran saß. Aber es musste fertig werden, weil der große Spielzeugladen in der Nachbarstadt es in Auftrag gegeben hatte und sie den Schlitten als Weihnachtsdekoration in ihr Schaufenster stellen wollten.

Leise seufzte der 23-Jährige auf, streckte sich und stand dann auf, um sich in der Küche einen neuen Tee zu kochen.

Geschickt schlängelte sich Tobias an der Eisenbahn vorbei, die durch alle Zimmer seiner Wohnung führte, mit Ausnahme des Bades und der Küche. Es hatte ihn viel Zeit gekostet, sie bis in kleinste Detail aufzubauen.

Aber da er ja eh alleine wohnte, konnte sich keiner beschweren und seine Freunde kannten seinen Tick schon, immerhin förderten sie ihn sogar, indem sie ihm zu jedem Fest etwas dafür schenkten.

In seiner kleinen Küche angekommen, ließ Tobi Wasser in seine Tasse laufen, bevor er sich einen Beutel seines Lieblingstees griff und ihn in die Tasse hängte. Das Ganze in die Mikrowelle und zwei Minuten gewartet, bis es fertig war.

Kurz darauf zog der leckere Geruch von Apfelzimttee durch die Wohnung. In dieser Jahreszeit sein absoluter Favorit. Ansonsten bevorzugte er Rooibos-Vanille oder Pfefferminztee.

Aber da gerade Winter war, war es eben Apfelzimt, der daran glauben musste.

Überhaupt gab es keine schönere Jahreszeit, nach Tobias Meinung zumindest. Wenn es nach ihm ginge, wäre das ganze Jahr Winter und Weihnachten jeden Tag.

Er vergötterte das Fest der Liebe geradezu, war das ganze Jahr hibbelig, bis wieder der erste Dezember anbrach und er mit dem Weihnachtskalender sehen konnte, wie ein Tag nach dem anderen ins Land zog und der Heiligabend immer näher kam.

Das leise Pling seiner Mikrowelle holte ihn aus seinen Gedanken, die sich schon um die verschiedenen Plätzchensorten drehte, die er in den nächsten Tagen machen wollte.

Mit seiner Tasse bewaffnet machte sich Tobias wieder auf in sein Arbeitszimmer, das wohl eher die Bezeichnung Werkstatt verdiente. Bei dem was hier alles rumstand. Aber er hatte Glück gehabt. Es waren alles alte Maschinen, die er von seinem Ausbilder bekommen hatte, weil sie sich neue zugelegt hatte.

Die Tasse landete auf einer freien Fläche und sofort machte der 23-Jährige sich wieder an die Arbeit.

*

"Rupert, was ist denn? Jetzt pass schon auf wohin zu fliegst!", tadelte Niklas und hielt sich an dem Hals des Rentiers fest. Es war seit einigen Minuten schon unruhig, hatte sicher bemerkt, dass sie sich immer weiter vom Nordpol entfernten und dass das irgendwie nicht mit rechten Dingen zuging.
Rentiere waren eben verdammt schlaue Tiere.

"Hey jetzt gehorche endlich!", fauchte Nik aber dann doch und trieb das Rentier weiter an. Es hatte normalerweise nur dem Weihnachtsmann zu gehorchen, aber offensichtlich befolgte Rupert auch Niks Anweisungen, jedenfalls noch.

Vielleicht war die Entfernung vom Nordpol auch gar nicht der Grund für die Unruhe des Rentiers? Vielleicht war Rupert einfach nur erschöpft, denn einige Stunden waren sie schon unterwegs und die Sonne begann auch langsam aufzugehen. Wo waren sie denn jetzt??

"Rupert, geh mal unter die Wolken.", bat der Blonde, denn die Rentiere reisten über den Wolken, wo die Luft dünner war, aber Niklas war ja damit aufgewachsen und während andere sicher erstickt oder erfroren wären, ging es Niklas noch recht gut.

Als das Rentier durch die dicke Wolkendecke gebrochen war und immer tiefer flog erkannte Niklas Europa. Da war Deutschland, England, Frankreich... doch bevor Niklas weiter nach den Ländern schauen konnte, ging plötzlich ein Ruck durch Rupert, sodass Niklas beinahe gefallen wäre, sich aber noch festklammern konnte.

Mitten in der Luft wendete das Rentier und strebte den Weg zurück zum Nordpol an. "Hey Rupert... was soll das? Das ist die falsche Richtung." Mit einem tiefen Röhren schüttelte Rupert den Kopf und wollte wieder durch die Wolken nach oben.

Da begriff Niklas: Sein Vater hatte nach Rupert gerufen. Er konnte die Rentiere von überall auf der Welt holen, denn sie hörten ihn, wenn er nach ihnen rief, egal wo sie sich gerade befanden! Es war wie eine Hundepfeife, deren Ton auch nur die Rentiere des Weihnachtsmannes hören konnten.

Oh nein!!! Niklas wollte nicht zurück, würde nicht zurück zum Nordpol gehen, ohne vorher endlich mal Urlaub gemacht zu haben und eine Weile ohne Weihnachten gewesen zu sein. Wild sträubte er sich gegen das Aufsteigen Ruperts und versuchte ihn mit seinem Gewicht, eindeutigen Befehlen und zerren am Kopf des Rentiers, nach unten zu bringen. Würde er eben mit Europa vorlieb nehmen müssen!

"Geh runter, setz mich ab!!", schrie er Rupert nun an, der sich immer wilder wehrte, sich aber hütete Niklas abzuwerfen, immerhin war dieser der zukünftige Weihnachtsmann und dem musste er gehorchen. Den innerlichen Drang zurück nach Hause zu fliegen, folgte er nach einigen Momenten dem Befehl Niklas' und flog nach unten, immer weiter auf den Erdboden zu.

Aufatmend lenkte Nik Rupert in eine entsprechende Richtung. Wo genau er in Europa hinwollte hatte er noch nicht entschieden, Hauptsache erst mal runter und festen Boden unter den Füßen.
Doch allzu lange durfte er sich keine Zeit mehr lassen, denn Rupert kam dem Erdboden immer näher und es war klar, dass er gleich wieder abhauen würde, denn Nik von seinem Rücken runter gestiegen war.

"Na schön, dann halt einfach gerade runter", befahl er und blickte nach unten. Die Schweiz würde es also werden. "Such einen Ort wo uns keiner sehen kann." Hier in Europa war es im Winter noch dunkel, vielleicht so sieben Uhr, doch es war Freitag und eventuell waren schon einige Menschen wegen der Arbeit wach. Rupert steuerte jedoch eine Wiese an, in deren näherer Umgebung kein Haus war, ließ ihn dort absteigen und stieß sich sofort wieder nach oben ab, ohne das Niklas auch nur die Chance hatte den verräterischen Sattel abzunehmen. Hoffentlich würde sein Vater ihn dennoch nicht hier vermuten, oder Rupert ihn nicht her zu Nik führen...das war der größte Wunsch des Blonden, der nun den Rucksack besser aufsetzte und in irgendeine Richtung wanderte. Mal sehen wo er ankommen würde...

*

Endlich war er mit dem Schlitten fertig. Das Holz auf Hochglanz poliert, der rote Samt der Sitzbank leuchtete Tobias entgegen und die kleinen Lampen fingen automatisch an zu leuchten, wenn das Licht dunkler wurde. Das hatte ihn auch eine heiden Arbeit gekostet.

Aber er hatte das in der Ausbildung gelernt, auch wenn der 23-Jährige sich danach auf Holz spezialisiert hatte.

Tobi drehte seinen Kopf ein wenig und hörte ein leises Knacken. Er war effektiv zu lange in der Haltung gesessen.

Sein Blick zur Uhr zeigte ihm, dass es sieben Uhr morgens war. Also wieder eine Nacht ohne Schlaf. Aber Tobi war das egal. Wenn er die leuchtenden Kinderaugen sah, die seine Arbeit bestaunten oder sich darüber freuten, dass sie so etwas geschenkt bekamen, war der ganze Stress vergessen.

Und morgen war Wochenende, da konnte er ausschlafen.

Der Spielzeugmacher stand auf und beschloss, erst einmal eine Dusche zu nehmen. Denn vor neun machte der Spielzeugladen nicht auf und er musste ja noch hinfahren.

Als sein Blick jedoch aus dem Fenster ging und er die Schneelandschaft betrachtete, die hier schon seit beinahe Anfang November herrschte, überlegte er es sich anders. Er würde joggen gehen. Dann rentierte sich die Dusche.

So wanderte der Braunhaarige in sein Zimmer, zog sich eine dicke Hose und einen dicken Pulli sowie Socken an und schnappte sich seinen mp3-Player, der auf dem Nachttisch lag.

Damit machte er sich auf den Weg in den Flur, löschte noch überall das Licht und zog sich dann seine Schneeschuhe und eine Jacke, sowie Schale, Mütze und Handschuhe an.

Noch schnell den Schlüssel vom Haken genommen, die Tür zu seiner Wohnung von außen abgeschlossen und schon war er auf dem Weg das Treppenhaus runter, aus dem Haus heraus.

Draußen atmete er erst einmal tief die frische, kalte Luft ein und schaltete den mp3-Player an, bevor er sich langsam auf den Weg aus dem Dorf hinaus machte. Dabei begleitete ihn ein Weihnachtslied nach dem anderen.

*

Neugierig sah sich Niklas um. Auch hier lag hoher Schnee und es herrschten Minusgrade, aber im Vergleich zum Nordpol, war das hier schon beinahe wie Karibik für ihn. Der Schnee ging ihm gerade mal bis zu den Knien und er begann in seiner dicken Jacke zu schwitzen. Vielleicht doch irgendwie wie Urlaub, dachte sich Niklas lächelnd und stapfte dann weiter durch den Schnee. Er hatte in der Ferne ein paar einzelne Lichter entdeckt und sofort gemerkt, dass er eigentlich ziemlich müde war. War ja auch kein Wunder, da er die Nacht über nicht geschlafen hatte.

Zu Hause würde er jetzt gerade mal aufwachen, gemütlich frühstücken und dann von seinem Vater wieder mal mit in die Spielzeugfabrik genommen werden. Ob sie jetzt alle schon nach ihm suchten? Niklas seufzte leise. Er wollte nicht, dass sie sich Sorgen machten, aber er brauchte echt eine Auszeit. Und so einen kleinen Urlaub gönnten sie ihm sicher auch wenn er sich deswegen nicht abgemeldet hatte. Na ja... ein klein wenig sauer würden sie wohl schon sein.

Schuldbewusst grinsend fuhr sich Niklas wieder durch das weißblonde, gelockte Haar und lief dann etwas schneller. Er wollte jetzt erst mal in das Dorf oder die Stadt, die er gesehen hatte und eine Unterkunft suchen. Ein bisschen Geld hatte er auch einstecken, ganz schön schwierig das zu beschaffen. Nur schade, dass er wohl nicht die richtige Währung mit hatte. Ob er das Geld wohl irgendwo wechseln lassen konnte?

*

Tobias genoss die Stille, die um diese Uhrzeit herrschte. Spätestens in einer Stunde würde es in seinem Dorf und auch in der Stadt immer voller und hektischer werden.

Kinder würden für den letzten Tag der Woche in die Schule gehen, Banker würden sich fast gegenseitig über den Haufen rennen und mit ihren Aktentaschen treffen.

Deswegen war Tobias damals nach seiner Ausbildung auch gleich aufs Land gezogen. Hier war es einfach ruhiger und das mochte der Braunhaarige.

Seine übliche Strecke hatte er schnell geschafft und so war er wieder auf dem Rückweg zum Dorf.

Kurz bevor er es betrat, ließ er sich an der Seite in den Schneefallen und machte übermütig lachend einen Schneeengel. Wenn Weihnachten nicht mehr weit war, wurde er wieder ein kleines Kind, dagegen konnte er nichts machen.

Jetzt musste Tobias sich aber beeilen und unter die Dusche kommen. Sonst würde er noch krank werden. Und das konnte er sich im Augenblick gar nicht leisten. Der Braunhaarige musste immerhin noch einige Spielzeuge machen, die er am Weihnachtsmarkt in der Stadt verkaufen konnte.

Seine Mutter hatte sich einen Stand gemietet, damit sie Weihnachtsplätzchen und Linzer verkaufen konnte und hatte Tobias breitgeschlagen, etwas seiner Holzspielzeuge zu verkaufen.

Tobias drehte sich noch einmal im Kreis, betrachtete die Landschaft um ihn herum, bevor er wieder in seine vier Wände gehen würde.

Überrascht nahm er war, das um die Uhrzeit noch jemand unterwegs war. Denn ein Mensch bewegte sich schnell und zielstrebig auf das kleine Dorf zu. In diese gottlose Gegend kamen selten Fremde und die im Dorf lebten, kannte er alle.

Neugierig blieb Tobi stehen und spürte nicht, wie ihm langsam kalt wurde. Man sagte ja immer 'die Neugier ist der Katze tot'. Bei ihm traf das im Augenblick zu, denn sonst war er überhaupt nicht neugierig.

*

Im Schnee immer weiter voran stapfend registrierte Niklas plötzlich etwas. Er fühlte Blicke auf sich. Sofort blieb er stehen und sah sich um, erkannte dann in einiger Entfernung einen jungen Mann, der ihn förmlich anstarrte. Vielleicht konnte der ihm ja Auskunft geben wo er sein Geld wechseln und eine Unterkunft finden konnte. Also machte sich Niklas gleich auf den Weg zu dem Fremden und stapfte ihm durch den Schnee entgegen.

*

Überrascht zog Tobias eine Augenbraue hoch, als er sah, dass der Fremde direkt auf ihn zuhielt. Damit fiel definitiv aus, dass er doch aus dem Dorf war und der Braunhaarige ihn nur noch nicht gesehen hatte.

Also blieb er stehen und zog die Kopfhörer aus seinen Ohren. Er wusste ja was sich gehörte.

Das was Tobi so sah, ließ ihm das Wasser im Mund zusammen laufen.

Der andere sah gut aus. Blonde fast weiße Haare, so wie er das einschätze größer als er und ungefähr im selben Alter. Auch was man von der Figur trotz der Kleidung sehen konnte, sprach ihn an.

Aber wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass in dieser Einöde jemand schwul war und dann auch noch ihn attraktiv fand?

Energisch schüttelte der Spielzeugmacher den Kopf, damit er so was nicht mehr dachte. Käme nicht gut in einem Gespräch.

*

Lächelnd bemerkte Niklas, dass der andere offensichtlich auf ihn wartete, sehr nett von ihm. Er konnte jetzt Hilfe gebrauchen und war erfreut, dass ihm dieser jemand diese wohl geben würde. Also kam er schnell zu ihm und blieb dann in einem kleinen Abstand vor dem Fremden stehen. Er hatte kurzes, braunes Haar, das in alle Himmelsrichtungen Abstand und sich offenbar nicht so leicht bändigen ließ, ein rundes, hübsches Gesicht mit einer kleinen Stupsnase und darüber graue, sehr freundliche Augen. "Hallo", begrüßte Niklas ihn und lächelte.

*

"Hi", grüßte Tobias und erwiderte automatisch das Lächeln.

Erst jetzt fielen ihm die blauen Augen auf. So ein Blau hatte er auch noch nie gesehen. So wie der Himmel, wenn keine einzige Wolke zu sehen war.

"Kann ich dir helfen? Ich hab dich hier noch nie gesehen", wollte der 23-Jährige wissen.

Seine Augen huschten einmal über den Körper vor sich und dann musste er wieder nach oben blicken. Der Fremde junge Mann war wirklich größer als er. Aber ziemlich bleich sah er aus.

"Geht es dir nicht gut? Du bist ziemlich blass", fragte Tobias besorgt. Das war etwas an ihm, das konnte er einfach nicht abschalten.

Er machte sich prinzipiell um jeden und alles Sorgen, wenn es nur nieste oder krank aussah.

*

"Blass? Oh ich bin immer so blass, keine Sorge", lachte Niklas und blickte den anderen dann offen an. "Ich gehöre nicht hier in diese Gegend und bin nur auf der Durchreise hier gelandet. Könntest du mir vielleicht weiter helfen? Ich muss Geld wechseln und vielleicht kennst du ja eine günstige Unterkunft?" Da der Fremde ihn duzte, tat er es auch einfach.

*

Ein Schauer rann über Tobis Rücken, als er das Lachen des Anderen hörte.

"Na ja", murmelte der Braunhaarige. "Eine Unterkunft kannst du hier schon finden. Aber um Geld tauschen zu können, musst du in die Stadt. Aber zu Fuß braucht man etwas. Mit dem Auto ist es nur ne dreiviertel Stunde.

Bei dem Wetter ist es nicht gerade ratsam hin und dann wieder zurück zu laufen. Es sei denn, man will krank werden."

Unsicher biss sich der 23-Jährige auf die Lippen. Er musste ja in die Stadt und hatte auch einen kleinen Corsa.

Ob er dem Blonden anbieten sollte das er ihn mitnahm?

Na ja, mehr als nein konnte er ja nicht sagen und der andere sah nicht unbedingt so aus, als würde er ihn umbringen oder ausrauben.

"Ich muss in die Stadt. Wenn du magst, nehm ich dich mit."

*

Niklas blickte verdutzt auf den anderen. Die Leute waren heutzutage normalerweise vorsichtiger und boten Fremden nicht so schnell solch große Hilfe an, aber dieser hier war wohl besonders vertrauensvoll oder einfach nur sehr freundlich und hilfsbereit. "Oh wenn es keine Umstände macht würde ich gerne mitfahren. Ohne Geld kann ich ja sonst keine Unterkunft erbitten."

*

"Nein, es macht überhaupt keine Umstände. Ich muss ja sowieso hin. Aber zuvor muss ich noch duschen, bevor ich krank werde. Das kann ich mir nicht leisten", erklärte Tobias und erst jetzt bemerkte er, dass er ziemlich unhöflich war.

Er hatte sich noch nicht einmal vorgestellt.

"Ich bin Tobias Walt. Freut mich sehr."

*

"Oh, Niklas Santal“, stellte sich auch der Blonde vor und reichte Tobias die Hand. "Freut mich wirklich, dass du mich mitnimmst, das verhindert einen langen Fußmarsch, wenn es wirklich so weit ist, wie du sagst."

*

Ein Blitz durchzuckte ihn, als sie sich die Hände schüttelten.

Aber Tobi verdrängte es. Er würde eh nicht die Chance bekommen, Niklas kennen zu lernen. Immerhin war er nur auf Durchreise und von One-Night-Stands hielt der 23-Jährige nicht viel.

"Sicher. Ich kann nicht lügen, das sieht man mir sofort an", gab er ehrlich zu.

Der Spielzeugmacher schaltete seinen mp3-Player ab und meinte dann: "Meine Wohnung ist hier ganz in der Nähe. Du kannst einen Tee haben, während ich Dusche und dann essen wir Frühstück."

Er hatte alles zuhause und es würde auch für zwei reichen.

Tobi lief einen Schritt und blickte dann fragend Niklas an. Ob er damit einverstanden war?

*

"Einen Tee nehme ich gerne... und etwas Hunger habe ich auch, aber ich will dich wirklich nicht belästigen", meinte Niklas ernst und bedankte sich dann ehrlich für das Angebot. Es war ganz gut, dass er Tobias getroffen hatte. Dieser würde ihn schnell von dieser Wiese wegbringen, falls Rupert seinen Vater doch zurück hierher führte, würde er ihn, Niklas, vielleicht nicht so schnell finden können.

*

"Keine Sorge, das tust du nicht", lachte Tobi und lief dann mit Niklas los.

"Ich hab viel zu selten Besuch. Meine Freunde arbeiten alle in der Stadt oder studieren und meine Eltern leben auch dort. Alle sind beschäftigt und vergessen mich ab und zu", erklärte er.

Nach kurzer Zeit standen sie vor dem alten Mehrfamilienhaus in dem er wohnte. Post gab es jetzt noch keine, der Postbote war krank und die Vertretung kam immer reichlich spät.

So suchte sich der 23-Jährige den Schlüssel aus der Hosentasche, schloss auf und bat den Blonden herein. Zwei Treppen mussten sie hinter sich bringen, bis sie vor seiner Wohnungstür standen, an der ein Weihnachtskranz hing. Den hatte seine Mutter für ihn gemacht und sie verstand sich mit so etwas.

Auch hier schloss Tobi wieder die Türe auf und ließ Niklas vorgehen. "Willkommen in meinem trauten Heim. Die zweite Tür links ist das Wohnzimmer und die zweite rechts die Küche. Pass aber auf die Eisenbahn auf", warnte er gleich mal vor.

*

"Die Eisenbahn?", fragte Niklas verwirrt, erblickte dann aber die Schienen, die an der Wand des Flurs verlegt waren. "Du spielst wohl noch mit Eisenbahnen? Bist du nicht etwas zu alt dafür?" Es klang nicht abfällig, sondern wirkliche Neugier und Erstaunen schwangen in Niks Stimme mit.

*

Tobi hatte herausgehört, das Niklas sich nicht über ihn lustig machte und das machte den eigentlich Fremden gleich noch etwas sympathischer.

"Ich hab den ersten Zug - da war ich sechs - zum Geburtstag von meinen Eltern geschenkt bekommen. Jedes Jahr wurde es zu den Festen immer mehr. Ich hab mich daran gewöhnt, bin mit ihr groß geworden und ab und an lass ich sie gerne laufen", erklärte Tobi und zog sich die Schuhe aus, weil er ja gleich duschen wollte.

Danach schälte er sich aus seiner Jacke, dem Schal und den Handschuhen. Seine Mütze fand ebenso wieder ihren Platz an der Garderobe.

"Komm Niklas. Ich mach dir nen Tee", sprach der Kleinere und ging vor in die Küche.

*

"Tja, jeder von uns hat halt eine kleine Schwäche oder ein bestimmtes Hobby", meinte Niklas nur schulterzuckend und folgte Tobias in die Küche, achtete genau nicht aus Versehen auf eines der Schienenstücke zu treten. Ja, Tobi mochte Eisenbahnen und Niklas konnte sich auch dunkel an einen Jungen erinnern, der sich jedes Jahr zu Weihnachten immer nur Eisenbahnsachen wünschte. Doch an einen Namen konnte sich Nik nicht erinnern, er war da ja auch noch sehr jung gewesen.

Tobias war sicher in seinem Alter, vielleicht ein zwei Jahre jünger. Eventuell entdeckte Niklas aber eine der Eisenbahnen, die er damals für genau diesen Jungen gemacht hatte. Obwohl das ja ein ganz schöner Zufall wäre. Er hatte in seiner Kindheit einige Spielzeuge hergestellt und diese an die Kinder auf der ganzen Welt vergeben und es wäre wirklich ein richtiger Zufall, wenn Tobias eine Eisenbahn, handgemacht von ihm, Niklas, erhalten hätte und nicht eine von den Elfen hergestellte aus der Spielzeugfabrik.

*

"Ja", antwortete Tobias nur schlicht auf die Sache mit dem Hobby und suchte sich aus dem Schrank eine der Tassen. Sie hatte ein Wintermotiv, wie eigentlich alle Tassen in seinem Schrank. Nur das diese hier von seiner Mutter gemacht worden war.

Irgendwann hatte sie das Töpfern als ihr Hobby entdeckt.

"Setzt dich doch Niklas", deutete der Braunhaarige auf den Tisch und kramte sich die Dose mit den ganzen Teesorten raus. Jeder seine Freunde bevorzugte zu einer Jahreszeit etwas anderes und deswegen hatte er sich irgendwann mal eine Packung von jeder gekauft.

Mit einem "hier die kann ich dir bieten" stellte er die Dose auf den Tisch, bevor er sich der Spüle zuwandte und Wasser in die Tasse laufen ließ.

*

Niklas hatte sich auf einen der Stühle am Tisch sinken lassen und kramte nun in der gereichten Dose herum.
Jede zweite Tüte war irgend so ein Weihnachtstee, den Niklas einfach nicht ausstehen konnte. Sein Vater brachte das Zeug in der Weihnachtszeit tonnenweise mit und servierte es zum Frühstück. Überhaupt was sein Vater total wild auf all das Weihnachtszeug, dass die Menschen fabrizierten.

Kiloweise Stollen und Lebkuchen brachte er ins Haus, als ob sie die nicht selbst genug hätten. Aber nein, die Menschen auf der Welt bereiteten das Zeug ja anders zu als sie am Nordpol. Innerlich seufzte Niklas auf. In seiner Kindheit hatte er sich über jedes neue Mitbringsel gefreut und es mit strahlenden Augen verschlungen, aber irgendwann war es zu viel geworden und es war schon ein Unterschied ob man sich die ganzen Sachen nur ein paar Monate im Jahr antat, oder täglich, 12 Monate und 365 Tage lang...

Nach ein wenig Kramen hatte Niklas nun einen Beutel Früchtetee gefunden, den er ganz gerne trank. "Den hier", meinte er deswegen und reichte Tobias den Teebeutel.

*

Währenddessen suchte sich Tobi einen Löffel und die Dose mit Zucker zusammen, stellte sie auf den Tisch.

Mit einem entschuldigenden Lächeln nahm er den Teebeutel entgegen, hängte ihn in die Tasse und stelle diese in die Mikrowelle.

"Entschuldige Niklas. Alle meine Freunde und meine Eltern trinken je nach Jahreszeit eine andere Teesorte. Deswegen hab ich von allem etwas besorgt, damit ich den passenden Tee dann da habe. Ich selbst halte nur von drei Teesorten wirklich etwas", gestand der Braunhaarige verlegen.

Er wusste nicht warum er so verlegen war und warum er sich jetzt entschuldigte, aber Niklas hatte ganz kurz sein Gesicht verzogen als er die Teesorten durchgegangen war. Ob er sich selbst darüber bewusst war, wusste Tobi allerdings nicht.

*

Niklas hob verwirrt eine Augenbraue. Wieso entschuldigte sich Tobias denn für seine Teebeutelsammlung? "Ist doch okay. Zu Hause haben wir auch jede Menge Teebeutel. Der Großteil ist aber auch Weihnachtstee, so wie bei dir", erzählte er. "Ich mag aber lieber die normalen Sorten."

*

Verlegen lächelte er den Blonden an und wusste nicht, was er darauf sagen sollte.

"Na ja, im Dezember trinke ich gerne Weihnachtstee. Aber danach passt er nicht mehr zur Jahreszeit. Auch wenn dann immer noch Winter ist. Mein Lehrmeister trinkt das ganze Jahr Weihnachtstee", murmelte Tobi und musste sich alleine bei dem Gedanken schütteln.

Irgendwann gab es auch mal eine Grenze.


Die Mikrowelle schien ihn erlösen zu wollen, denn in dem Augenblick machte sie mit einem Pling darauf aufmerksam, dass sie fertig war.

So holte der Braunhaarige die Tasse aus der Mikrowelle und stellte sie vor Niklas.

"Du kannst dich ruhig in der Wohnung umsehen, während ich mal eben unter die Dusche springe", lächelte Tobi und wartete, ob darauf noch etwas kam. Denn es war unhöflich vor einer Antwort die Küche zu verlassen.

*

"Danke, ich werde aber wohl hier warten. Ich mag nicht einfach in fremden Wohnungen rumschnüffeln. Und wir wollen dann ja eh in die Stadt", erinnerte Niklas lächelnd und nippte an seinem Tee, gab dann noch einen Löffel Zucker in die Tasse hinein.

*

Jeder andere wäre wohl auch ohne Erlaubnis durch die Wohnung gelaufen.

"Das ist nett von dir, Niklas, aber ich hab wirklich nichts dagegen", versicherte der Braunhaarige und schenkte dem Blonden ein freundliches Lächeln.

"Ich beeil mich mit dem Duschen, damit wir noch frühstücken können."

Damit war er auch schon aus der Küche raus und betrat durch die Tür am Ende des Ganges sein Schlafzimmer. Dort kramte er sich frische Wäsche aus dem Schrank und war schon auf dem Weg in sein Bad.

Er wollte wirklich nicht krank werden.

Während dem Ausziehen und unter die Dusche steigen, waren seine Gedanken die ganze Zeit bei seinem Gast.

/Gut sieht er ja wirklich aus, alle Achtung. Aber er wird nicht lange bleiben, also schlag dir alles was in die Richtung gehen könnte aus dem Kopf./

Alleine bei dem Gedanken an die blonden Haare, sie bestimmt so weich waren wie sie aussahen und an die schönen blauen Augen, wollte sich weiter unten was regen.

Leise fluchend drehte er das warme Wasser auf kalt und begann sich einzuseifen. Das kleine Problem konnte er gerade nicht gebrauchen.

*

Niklas blickte Tobias nur still nach und konnte kurz darauf das Rauschen der Dusche vernehmen. Der Kleinere war wirklich nett und sein Magen hatte zu grummeln begonnen, als er auch nur das Wort Frühstück gehört hatte. Der Blonde konnte sich wirklich glücklich schätzen Tobias begegnet zu sein.

Doch leider würden sich ihre Wege in der Stadt trennen und fast tat Niklas das schon wieder leid. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl einen Freund gefunden zu haben, oder jedenfalls jemanden, der zu einem Freund werden konnte. Denn nichts sehnlicher wünschte Niklas sich.

Zu Hause hatte er nur seine Familie und die Elfen, die man aber weniger als Freunde betrachten konnte, weil sie alle nicht seinetwegen nett zu ihm waren, sondern weil sie wussten, dass Nik irgendwann einmal ihr Vorgesetzter sein würde.

Doch mit Tobias konnte er nicht befreundet sein, da er, Niklas, ja immerhin auf der "Flucht" war und nicht wusste wann sein Vater hier auftauchen würde. Je länger er in der Schweiz blieb umso größer war die Wahrscheinlichkeit hier gefunden zu werden. Er würde in der Stadt nur Geld wechseln und dann versuchen so schnell wie möglich wegzukommen, in ein anderes Land zu reisen. Vielleicht Deutschland oder besser Spanien, da war es wärmer.

Ach Mensch, warum musste Niklas auch zu solchen drastischen Mitteln greifen? Hätte er offiziell Urlaub nehmen dürfen hätte er ruhig noch länger bei dem kleineren Braunhaarigen bleiben dürfen und vielleicht wären sie ja doch Freunde geworden...

*

Tobi beeilte sich mit dem Duschen, damit sie dann Essen konnten. Denn auch der Spielzeugmacher hatte Hunger.

So war er für seine sonstigen Verhältnisse ziemlich schnell fertig und stellte das Wasser ab. Fahrig trocknete er sich mit einem großen Handtuch ab und schlüpfte in seine schwarze Boxershorts. Darüber zog er eine blaue Jeans und sein Oberkörper zierte wenig später ein blauer Pullover.

Die gröbste Nässe ließ er mit einem kleinen Handtuch aus seinen Haaren verschwinden, bevor er hinter sich wieder aufräumte. Seine Haare würden schon von alleine trocknen.

Schließlich machte er sich wieder auf in die Küche und stellte überrascht fest, dass Niklas noch immer an seinem Platz saß. /Er hat sich also nicht umgesehen/, ging es Tobi durch den Kopf.

Der 23-Jährige ging lächelnd zu seinem Kühlschrank und begann darin herumzukramen. "Wurst und Käse zum Frühstück oder lieber süß?", wollte er wissen, während er sich die Butter schnappte und auf die Anrichte neben sich stellte.

*

"Lieber herzhaft, danke", lächelte Niklas und blickte zu Tobias rauf. Er war aus seinen Gedanken geschreckt als er gehört hatte, wie sich die Badtür öffnete. "Kann ich dir vielleicht helfen?", bot er dann höflich an.

*

"Bleib einfach sitzen, damit hilfst du mir schon", grinste Tobi und suchte sich den Schnittkäse und die Wurst aus dem Eisschrank. "Sonst stehen wir uns nur im Weg", setzte er erklärend hinzu und stellte die Sachen auf den Tisch.

Aus dem Schrank aus dem er die Brettchen nahm, holte er sich auch sein Glas Nutella und stellte es auf den Tisch, ebenso wie die Messer und das Brot. Toast mochte er nicht und beim Bäcker war er ja nicht gewesen.

"Lass es dir schmecken, Niklas", meinte er freundlich und griff sich eine Scheibe Brot, begann sie mit Butter und Nutella zu schmieren.

*

"Guten Appetit.", wünschte Niklas und griff sich dann ebenfalls eine Scheibe des Brotes. Er mochte zum Frühstück lieber warme Brötchen, aber er wollte sich nicht beschweren, sondern war froh, dass Tobias ihn zum Frühstück eingeladen hatte.

"Was möchtest du eigentlich dann in der Stadt?", erkundigte sich Niklas auf einmal neugierig. Der andere hatte nur gemeint, dass er ihn mitnehmen würde, weil er eh selbst in die Stadt wollte.

*

Verwirrt hob Tobias den Kopf und musste erst einmal nachdenken, was Niklas meinen könnte.

Als es ihm einfiel, kaute er brav und antwortete dann, als sein Mund wieder leer war: "Ich muss eine Auftragsarbeit abgeben. Wenn du willst kannst du es dir nach dem Essen ansehen. Wenn es dir nichts ausmacht, könntest du mir nachher vielleicht beim Tragen helfen. Sonst muss ich zweimal laufen."

Tobi bis wieder in sein Brot und leckte sich dann das Nutella von den Lippen. Das war eine seiner Sünden. Nutella. Dafür würde er töten. Nur gut, dass das bis her noch nie vorgekommen war.

*

"Oh ich helfe dir gerne, immerhin hilfst du ja auch mir. Ohne dich würde ich sicher noch hungrig durch den Schnee stapfen", meinte Niklas einfach nur. Er wollte nicht, dass Tobias irgendwie das Gefühl bekam, dass Niklas mehr für ihn tat, als anders rum. In Wirklichkeit war Tobias eigentlich der "Held" in der ganzen Angelegenheit.

*

"Na ja, bei uns im Dorf würde das jeder für jeden machen. Wir sind sozusagen so was wie eine große Familie", erklärte Tobias und begann sich ein neues Brot mit Nutella zu schmieren.

"Hier kennt jeder jeden und so groß ist das Dorf auch gar nicht. Eine Post, Bäcker, Metzger, ein Apotheke und ein kleiner Lebensmittelladen. Eine Schule und ein Kindergarten und sonst sind hier nur Wohnhäuser.

Ich finde es schöner auf dem Land zu wohnen, als in einer lauten, überfüllten und dreckigen Stadt."

Nach drei Broten war der Braunhaarige satt und warf einen Blick zur Uhr. Sie müssen in ein paar Minuten los, sonst kam er noch zu spät.

"Bist du fertig, Niklas? Wir sollten los."

*

Niklas wollte gerade etwas von seiner Heimat erzählen, als Tobias ihn schon aufhetzte. Also schwieg er lieber, schlang sein Brot runter und nickte dann. "Okay, kann losgehen."

*

Tobi räumte nur schnell die verderblichen Lebensmittel in den Eisschrank, bevor er auch schon das Zimmer verließ und seine Schuhe anzog, sich die Jacke überwarf.

Vorsichtig schlängelte er sich durch seine Werkstatt und griff sich die Rentiere. Vorsichtig trug er sie nach draußen und stellte sie im Flur auf die kleine Kommode, auf der er auch schon seine Post lagerte. Dann kehrte er zurück und holte den Schlitten.

"Niklas, kannst du bitte die Rentiere nehmen?", fragte er und griff sich noch die Tasche, die neben dem Tisch stand.

Voll beladen trat er wieder raus in den Flur, schnappte sich den Schlüssel und öffnete die Haustüre

*

Niklas hatte sich im Flur wieder seine Jacke und Schuhe angezogen, während Tobias die kleine Mini-Rentiere aus einem Zimmer der Wohnung geholt hatte und diese auf den Flurtisch stellte. Auf Tobis Bitte hin nahm er die etwa fünf Zentimeter hohen Tiere in die Hand und hielt sie vorsichtig, sie sich dabei genau betrachtend. Sie waren gut gestaltet, fein geschnitzt und sehr liebevoll angemalt. "Hast du die gemacht?"

*

"Ja", murmelte der Braunhaarige, schloss die Tür nach Niklas ab und hängte an der gegenüberliegenden Türe noch die Tasche an die Klinke, auf der eine rote Eins stand.

Danach lief er mit Niklas die Treppen hinunter und währenddessen sprach er: "Das ist mein Beruf. Ich bin Spielzeugmacher mit Schwerpunkt auf Holz. Das ist eine Auftragsarbeit für den Spielzeugladen in der Stadt. Den wollen sie als Dekoration in ihr Schaufenster stellen."

Unten angekommen öffnete Tobi die Tür, wartete auf Niklas und lief dann nach links. Denn dort hatte er seinen blauen Corsa an den Gehweg gestellt.

*

"Wow. Du bist begabt! Die sind echt gut. Und glaub mir, ich hab da Ahnung", meinte Niklas total ernst und betrachtete im gehen weiterhin die Rentiere. "Zeigst du mir dann auch mal den Schlitten?"

*

Ein weiches Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als Niklas meinte, dass er begabt sei. Das bekam er sonst nur von den Kindern zu hören.

Bei seinem Auto angekommen öffnete Tobias den Kofferraum, damit der Blonde die Rentiere in eine gepolsterte Box legen konnte. Nicht das sie auf der Fahrt noch kaputt gingen.

Erst danach reichte er Niklas den Schlitten.

*

Ebenso vorsichtig wie Niklas die Rentiere behandelt hatte, nahm er nun den kleinen Holzschlitten entgegen und hielt ihn sich direkt vors Gesicht, musterte jede Kleinigkeit. Er war noch besser verarbeitet als die Rentiere und man sah wie viel Arbeit und Liebe drin steckte. Das Stück war sehr detailliert und sogar die Kufen sahen aus als wären sie echt und poliert worden, nur... "Hier hast du einen Fehler drin. Die Lenkung ist vollkommen falsch. Wenn du hier die Rentiere vor schnallst und sie dann lenken willst blockerst du mit dieser Lenkstange alles und du wirst die armen Tiere nur verwirren."

*

"Hör ich da einen Experten sprechen?", wollte Tobias wissen und warf dann selbst noch einmal einen Blick auf den Schlitten.

"Ich konnte nur nach Bildern arbeiten, denn wer hat schon einen Weihnachtsmannschlitten bei sich stehen?"

Aber beim nächsten Mal wüsste er dann, was er anders machen musste. Das hieß, wenn er noch einmal so einen Schlitten herstellen sollte.

*

"Ich habe einen...", murmelte Niklas, bemerkte dann aber was er gesagt hat, "Schon mal gebaut", setzte er dann rasch hinzu. "Er was so ausgefeilt dass ich die Lenkung bewegen und testen konnte und dabei sind die vorgespannten Holzrentiere umgefallen", dachte er sich dann aus. Natürlich wusste er wie bei dem echten Schlitten die Lenkung der Rentiere funktionierte, doch das konnte er ja unmöglich sagen.

*

Bei den rasch gesprochenen Worten nach dem "ich hab einen", zog Tobias eine Augenbraue in die Höhe. Ihm kam es nicht gerade wie die Wahrheit vor, aber er war ja nicht mit Niklas zusammen. Also konnte er auch keine Erklärung erwarten.

So zuckte er mit den Schulter, murmelte ein: "Dann kann ich dich ja das nächste Mal fragen, wenn ich wieder einen bauen muss" und nahm dann dem Blonden den Schlitten ab.

Vorsichtig verstaute er ihn in einer größeren gepolsterten Kiste und schloss dann den Kofferraumdeckel.

"Machen wir uns auf den Weg. Sonst komm ich noch zu spät zum Kunden und das wäre nicht gerade gut."

Der Braunhaarige trat auf die Fahrerseite, öffnete die Tür und ließ sich in seinen Sitz fallen. Anschnallen und den Schlüssel ins Schloss stecken, waren die nächsten Handgriffe.

*

Niklas nickte nur auf Tobis Worte hin und stieg auf der Beifahrerseite ein, beobachtete das Anschnallen Tobias' und tat es ihm nach. Er war noch nie Auto gefahren, wie auch. Sie würden bei ihnen oben einfrieren und sie hatten ja auch den Schlitten.

*

Als dann auch sein momentaner Gast Platz genommen hatte, startete Tobias den Wagen und fuhr los. Um die Zeit war keiner auf der Straße, da musste er nicht aufpassen.

Mit dem vorgeschriebenen Höchsttempo fuhr der 23-Jährige aus dem Dorf und machte sich auf den Weg in die Stadt. Nach kurzer Zeit stellte er das Radio an, aber so leise, das es eine eventuelle Konversation nicht stören würde.

"Wie wollen wir das in der Stadt dann machen? Soll ich dich bei der Bank absetzten und ich komm dann wieder wenn ich den Schlitten und die Rentiere abgegeben habe oder willst du mitkommen und wir gehen dann gemeinsam zur Bank?", wollte Tobi wissen, damit er schon mal überlegen konnte, welche Straßen er in der Stadt dann nehmen musste, um an das gewünschte Ziel zu kommen.

*

"Ich weiß nicht, was wär dir denn lieber? Ich möchte dir wie gesagt keine Umstände machen. Aber wenn wir zuerst deine Auftragsarbeit abgeben kann ich dir tragen helfen.", schlug Niklas vor.

*

"Na ja", begann Tobi und passte dann doch auf die Straße auf, da irgend so ein Depp ihn gerade überholte. Deutsches Kennzeichen. Das waren die Affen die nicht daran dachten, dass es hier eine andere Geschwindigkeitsbegrenzung gab und sich dann wunderten, wenn sie einen Strafzettel kassierten.

"Die Bank würde auf dem Rückweg aus der Stadt liegen. Und noch mal, Niklas, du machst mir keine Umstände, verstanden?", beharrte Tobi und warf kurz einen Blick zu Niklas, versank für einen Wimpernschlag in den blauen Augen.

Leise seufzte er und fuhr sich mit einer Hand durch seine Haare. "Gehen wir zuerst zum Spielzeugladen. Ich kann ja auch vor der Bank warten."

*

"Okay, wenn du sagst dass ich dich nicht belaste, dann helfe ich dir gerne und wenn ich das Geld gewechselt habe könntest du mich vielleicht noch zu einer Pension bringen?!", bat Niklas und sah dann wieder aus dem Fenster. Es war schön endlich mal was anderes zu sehen, auch wenn hier genauso Schnee lag wie zu Hause, im Sommer würde hier aber sicher alles grün sein und das war am Nordpol eben nicht so!

*

Tobias nickte. "Sicher. In der Stadt oder im Dorf? Mir ist das gleich, aber die in der Stadt kosten halt mehr, weil sie eher für Touristen ausgelegt sind.

Wenn Weihnachtsmarkt ist, sind überraschend viele Fremde da", erklärte der Braunhaarige und warf einen kurzen Blick auf Niklas.

Ein Lächeln huschte über seine Lippen, als er den verträumten Blick aus dem Fenster sah. "Gibt es da wo du her kommst keinen Schnee oder warum schaust du ihn so an, als würdest du am liebsten aus dem Auto springen und dich hineinwerfen", neckte der Braunhaarige.

Gut, das würde eher auf ihn zutreffen, denn er vergötterte den Schnee und den Winter geradezu. Weihnachten ohne Schnee war für ihn einfach kein Weihnachten. Das war die ersten Jahre besonders schwer gewesen, als er noch in der Stadt gewohnt hatte. Es hatte kaum Schnee gegeben und wenn doch, war er grau und dreckig.

*

"Oh, glaub mir, da wo ich herkomme gibt es mehr Schnee als mir lieb ist. Ich hatte mir gerade nur vorgestellt wie es hier wohl aussehen würde, wenn es Sommer und alles hier grün wäre", erzählte Niklas leise und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Tobias. "Und wo die Pension ist, ist mir egal, ich will nur ein Zug- oder Flugticket kaufen und dann weiterreisen."

*

"Es ist einfach nur schön, wenn die Wiesen grün sind, die Blumen blühen und die Tiere unterwegs sind", erzählte der Spielzeugmacher und fügte hinzu: "Auch wenn ich den Winter lieber habe."

Mh... irgendwo zuhause musste er doch noch Bilder von den warmen Jahreszeiten und der Umgebung haben. Phil, einer seiner Freunde, studierte Fotografie und es kam selten vor, dass er seine Kamera mal nicht mit sich rumschleppte.

"Ich hab zuhause irgendwo Bilder von den anderen Jahreszeiten. Ein Freund studiert Fotografie und hat sie gemacht. Er verschenkt sie immer an alle möglichen Leute", schmunzelte Tobi.

Zur Abwechslung überholte der Braunhaarige einen anderen Autofahrer und stellte gleich mal fest, dass es ein alter Mann mit Hut war. Deswegen also fuhr er so langsam.

"Dann ist eine Pension in der Stadt wohl besser. Da kannst du dann am Flughafen ein Ticket kaufen oder am Bahnhof."

*

Niklas fand das Angebot Tobis schön, ihm Fotos zu zeigen, aber Niklas würde es wohl nicht annehmen können. Denn hatte er erst mal die passende Währung würde er zu der Pension gehen, sich von Tobias verabschieden und sie würden sich nie wieder sehen.

"Dann eine Pension in der Stadt. Du hast schon recht, ich hab’s dann nicht so weit", erwiderte er dann einfach auf den letzten Satz. "Wie weit ist es noch?"

*

Eben fuhren sie an einem Straßenschild vorbei. "16km", antwortete Tobias. "Also gute 20 Minuten bis halbe Stunde."

Das kam eben darauf an, ob sie wieder so eine Schnecke von Fahrer vor sich hatten. Stau gab es auf dieser Straße nie, aber den einen oder anderen wunderlichen Fahrer.

"Im Handschuhfach sind CDs falls du etwas anderes als die Weihnachtslieder hören willst. Die, die im Radio kommen sind eh eine Zumutung. Die von früher sind viel besser als dieses neumodische Zeug", sprach Tobi und zeigte mit seiner rechten Hand auf das besagte Fach.

*

Weihnachtslieder? Niklas hatte gar nicht auf das Radio geachtet, doch nun hörte er die Glöckchen und das fröhlich-nervige Gesinge überdeutlich.

Schnell öffnete er das Handschuhfach, griff sich irgendeine CD, auf deren Hülle nichts Weihnachtliches zu sehen war, und schob sie in den Schlitz des Radios.

So ließ es sich den Rest der Strecke aushalten. Und es war wirklich noch weit. Eine Gänsehaut überzog seinen Körper, als er daran dachte, dass er die ganze Strecke hätte laufen müssen.

*

Tobi lachte leise, als er beobachtete, mit welcher Hast Niklas eine CD aus dem Handschuhfach holte und sie einlegte.

"Magst du Weihnachtslieder nicht? Gut, Wham mag ich auch nicht. Deren Lied "Last Chrismas" geht mir auf die Nerven. Aber "Santa Claus is coming to town" von Pointer Sisters ist echt gut", wollte der Kleine wissen und gab gleich mal sein Lieblingsweihnachtslied preis.

*

"Oh ich mochte früher durchaus Weihnachtslieder, aber mein Vater entwickelte irgendwann mal so einen Faible und ließ dann täglich solche Lieder laufen, pausenlos. Und ich mag sie deswegen nicht mehr besonders. Im Prinzip sind sie ja auch alle gleich", seufzte Niklas.

*

"Du Ärmster", meinte Tobi mitfühlend und legte kurz eine Hand auf Niklas Schulter um sie zu drücken.

"Ich höre gerne die alten Lieder, aber ich lasse sie nicht pausenlos laufen. Und nach dem 24 Dezember verschwinden sie so wie so wieder für ein weiteres Jahr in der Versenkung."

Alleine der Gedanke, dass man solche Lieder das ganze Jahr hörte, schüttelte ihn.

*

Niklas fühlte immer noch die Wärme Tobias' Hand auf seiner Schulter und lächelte leicht. "Danke für dein Mitleid", grinste er dann. "Ich finde es schön, dass du offensichtlich noch vernünftig bist und weißt wann das Weihnachtszeug wegzupacken ist."

*

"Na ja, kann auch durchaus vorkommen, dass es erst am 26. Wieder verschwindet. Aber da sind dann meine Freunde und Familie Schuld, weil wir so lange gefeiert haben, dass wir den zweiten Weihnachtstag halb verschlafen", gab Tobi zu.

"Es ist halt nicht gerade förderlich, wenn man an Weihnachten auch noch Geburtstag hat und dann gleich doppelt angestoßen wird." Der 23-Jährige grinste wie ein kleines Kind, weil er nur zu gut wusste, wie das jedes Jahr ausarten konnte.

*

"Oh du hast am 24. Geburtstag?", fragte Niklas nochmal neugierig nach. "Dann freust du dich doch sicher gleich noch mehr auf Weihnachten, wie?", grinste er dann und bemerkte am Ortseingangsschild, dass sie gerade die Stadt erreicht hatten, dann dürfte es ja auch nicht mehr lange dauern bis sie ankamen.

*

"Schuldig im Sinne der Anklage", lachte Tobias und grinste Niklas frech an, bevor er sich wieder auf den Verkehr konzentrierte.

Denn in der Stadt war etwas mehr los und er musste ja auch auf die Ampeln und die Fahrradfahrer achten.

"Es gibt trotzdem nicht mehr Geschenke. Aber ja, ich freu mich. Denn dann kann ich Weihnachten nicht nur mit meinen Eltern verbringen, sondern auch mit alle meinen Freunden. Aber das feiern wir nie bei mir, sondern bei meinen Eltern im Haus. Die haben einfach mehr Platz für alle", erklärte der Braunhaarige.

*

"Wohnen denn deine Eltern in deiner Nähe?", fragte Niklas weiter und blickte sich immer wieder um. Weit konnte es nicht mehr sein, denn Tobias fuhr immer langsamer.

*

"Sie wohnen hier in der Stadt. Ich hab meine Kindheit hier verbracht. Nach meiner Ausbildung bin ich aufs Land gezogen, weil ich die hektische Großstadt nicht mehr mochte", erzählte der 23-Jährige und sah sich nach einem Parkplatz um.

Ah, direkt vor dem Spielzeugladen hatte es noch eine freie Lücke.

Gekonnt parkte der Spielzeugmacher und stellte dann den Motor ab, zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und schnallte sich ab.

"Wir sind da. Mal sehen, ob sie die Weihnachtsdeko schon angebracht haben. Dann kann ich auch gleich sehen, wie sich der Schlitten im Schaufenster macht", murmelte Tobi als er ausstieg und zum Kofferraum trat.

*

Niklas stieg ebenso aus und platzierte sich direkt neben dem Auto, wartete bis Tobias den Kofferraum geöffnet hatte und hielt dann bereitwillig die Hände hin, um wieder beim Tragen zu helfen. "Ich bin in einer Einöde aufgewachsen, ich habe noch niemals irgendwo anders geschlafen, immer nur kurz einzelne Städte besucht."

*

"Also dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen", grinste Tobias und hob vorsichtig den Schlitten aus der Box, drückte ihn dieses Mal Niklas in die Arme, bevor er sich die Rentiere nahm und den Kofferraum schloss. Mit dem Schlüssel schloss er dann erst den Kofferraum ab und dann die Fahrertür.

In seinem Dorf konnte er es offen stehen lassen, da wurde nichts geklaut. Aber hier ging das einfach nicht.

Zusammen mit Tobi machte er sich auf den Weg zum Eingang und als er an dem Schaufenster in das der Schlitten gehörte, vorbei kam, fing er an mit strahlen. Es war schon dekoriert.

*

Auch Niklas betrachtete im vorbeigehen das Schaufenster und blieb dann davor stehen. "Und hier soll der Schlitten dann hin?", erkundigte sich der Blonde und sah sich die Landschaft an. Auch dieses kleine winterliche Dorf war gut gelungen und auch die kleine Weihnachtsdeko an den Häusern war gut gemacht, aber so perfekt wie der Schlitten und die Rentiere war es nicht gefertigt. "Du hast das Dorf jedenfalls nicht gemacht", bemerkte er dann einfach nur.

*

Auch Tobi blieb stehen um sich die Landschaft anzusehen.

"Nein, das ist nicht von mir. Die Häuser und so haben sie schon seit Mitte November. Aber der, der es gemacht hat, hat sich den Arm gebrochen, bevor er mit dem Schlitten anfangen konnte.

Sie sind auf meinen Meister zugegangen und er hat mich empfohlen. So kam ich an den Auftrag. Das Problem ist nur, dass es ziemlich spät war und ich deswegen Nachtschichten einlegen musste", erklärte Tobi und musste dann gähnen. Schnell hielt er eine Hand vor den Mund.

"Ich wäre schon fertig, hab aber aus Unachtsamkeit und weil ich total übermüdet war den fertigen Schlitten runter geschmissen. Dabei ist er zerbrochen und ich musste noch mal von vorne anfangen. Ich bin erst heute Morgen fertig geworden, bevor ich Joggen bin", murmelte der Braunhaarige und trat dann zur elektronischen Eingangstür, die sich auch sofort öffnete.

*

"Dann solltest du heute Nacht gut schlafen und morgen ist ja Samstag, da kannst du doch sicher lange im Bett bleiben", lächelte Niklas aufmunternd und nickte dann zum Schaufenster. "Ein Glück, dass sie dich für den Schlitten genommen haben, sonst würde in diesem Schaufenster noch mehr zweitklassiges Zeug stehen."

*

"Ja, gottseidank und zum Glück arbeite ich am Wochenende nicht. Nur wenn es einen besonderen Grund hat und den hat es leider, weil der 6. mit großen Schritten heraneilt", seufzte Tobi.

Aber er freute sich schon darauf, den Kindern im Nikolauskostüm ihre gewünschten Holzspielzeuge vorbei zu bringen. Seitdem er seine Ausbildung hatte, machte er das jedes Jahr.

Aber er musste deswegen nicht um acht in seiner Werkstatt sitzen.

Bei dem Kompliment wurde der Spielzeugmacher unweigerlich rot. "Danke..." stotterte er. Denn das hieß ja, dass Niklas fand, dass seine Sachen gut waren.

Der Braunhaarige trat in den Spielzeugladen und wäre am liebsten Rückwärts wieder raus. Er mochte, liebte Weihnachten. Aber das war doch zu viel. Überall war die Dekoration verteilt, für den Weihnachtsbaum hatten sie mehrere Farben genommen, was ehrlich gesagt beschissen aussah und aus den Lautsprechern dröhnten lautstark Weihnachtslieder.

"Das hasse ich", flüsterte er leise zu Niklas, der neben ihm stand und verdrehte innerlich die Augen, als der Besitzer des Ladens auf ihn zugeeilt kam und wie eine billige Kopie des Weihnachtsmannes aussah. "Ah, guten Morgen Herr Walt. Sie bringen also den Schlitten", plapperte der kleine, dicke Mann und schüttelte Tobi überschwänglich die Hand.

"Guten Morgen Herr Brauchli", quälte sich Tobi ab und sein Gesicht zierte ein Lächeln, das jeder sofort als aufgemalt gesehen hätte. Nur der Halbglatzenträger nicht.

*

Niklas war in der Hölle! Eigentlich hatte er gedacht, dass es schlimmer als am Nordpol nicht sein konnte, aber das hier war pure Grausamkeit und hatte nichts mit dem Fest der Liebe und Freude zu tun. Das war nur noch drauf packen um noch mehr funkeln zu lassen. Nichts passte wirklich zusammen und war sicher von überall zusammengehamstert und schließlich hier nebeneinander angetackert, verklebt oder sonst wie befestigt worden. Der größte Horror war der quietsch bunte Weihnachtsbaum, der Niklas einfach nur in den Augen wehtat.

Mit einem Blick auf Tobias stellte Nik jedoch erstaunt fest, dass es diesem ebenso wenig gefiel und war gleichzeitig erstaunt, dass der Braunhaarige dennoch so gut das Gesicht wahren und ein Lächeln aufsetzen konnte.

Dadurch, dass ihnen beide in dieser Umgebung nicht gut war, brachten sie die Schlittenübergabe recht schnell über die Bühne, Tobias erhielt seine Bezahlung und dann waren sie auch schon wieder draußen und Niklas hörte sich deutlich durchatmen. "Das war einfach nur furchtbar!", meinte er dann leise und blickte Tobi mit großen Augen an.

*

Für gewöhnlich hätte er den Schlitten noch selbst ins Schaufenster gestellt, aber nein. So nicht! Das grenzte ja schon an Folter.

Erleichtert lehnte sich Tobias als sie wieder draußen waren an eine Häuserwand und atmete mit geschlossenen Augen tief ein und aus.

"Furchtbar ist noch maßlos untertrieben", erwiderte der Braunhaarige und schüttelte immer wieder den Kopf, um die Bilder aus seinem Kopf zu bekommen. "Hoffentlich bekomm ich heute Nacht keinen Alptraum", murmelte er vor sich hin.

*

Niklas lachte leise und zwinkerte Tobias dann zu. "Dabei solltest du doch extra gut schlafen, wenn du die letzte Nacht durchgearbeitet hast. Und vorhin meintest du ja, dass du morgen arbeiten müsstest, wegen dem sechsten. Warum eigentlich?"

*

Über den Themenwechsel irritiert blickte er Niklas fragend an.

"Ach so. Na, am 6. ist doch Nikolaus und da besuch ich jedes Jahr, seitdem ich meine Ausbildung hab, das Waisenhaus hier in der Stadt und bring den Kindern verkleidet als Nikolaus ihre Holzspielsachen", erklärte Tobias und blickt ein Niklas blaue Augen.

"Das Heim hat zu wenig Geld, um Weihnachten feiern zu können. Deswegen schreiben sie Wunschzettel, die ich einsammle und dann bekommen sie ihr Geschenk zu Nikolaus."

*

"Das ist aber echt lieb. Ich wünschte, ich könnte noch hier bleiben und dich begleiten. Ich finde nichts schöner, als leuchtende Kinderaugen. Vor allem Waisenkinder, die nicht so verwöhnt sind wie viele andere Kinder heutzutage schätzen noch Geschenke, die von Herzen kommen und wollen nicht immer nur 'mehr' haben. Da spielt die Anzahl der Geschenke noch keine Rolle", seufzte Niklas. Er war oft geschockt, wenn er wieder mal die Berichte über das Verhalten mancher Kinder las, die einfach nicht genug kriegen konnten und überhaupt nicht dankbar waren.

*

Tobias lächelte leicht. Noch jemand der Waisenkinder mochte.

"Aber da du ja auch Durchreise bist, geht das nicht. Apropos. Wir sollten zur Bank, bevor es dort zu voll wird", meinte Tobias und stieß sich von der Wand ab, lief wieder zu seinem Auto.

Auf seiner Seite schloss er auf, jetzt konnte auch Niklas einsteigen und ließ sich in seinen Sitz fallen.

Schlüssel ins Schloss und anschnallen ging blind vonstatten. Zu oft war er mit dem Wagen unterwegs. Aber er musste ja irgendwie seine Arbeiten abliefern.

*

Niklas nahm wieder auf den Beifahrersitz Platz und schweigend fuhren sie wieder durch die Stadt, bis Tobias erneut hielt.
Diesmal vor der Bank.

Niklas atmete tief durch und stieg dann aus. Er hatte noch nie Geld gewechselt und hoffte, dass alles ohne Probleme ablaufen würde. Zu Hause hatte er einfach blind zugegriffen. In ihrem Haus hatten sie nämlich eine kleine "Schatzkammer", wie sein Vater immer sagte, in der Geld aus allen Ländern lagerte. Mit Beschriftung und Lage des Landes beziehungsweise der Städte. Da Niklas da aber noch nicht gewusst hatte wohin, hatte er einfach Banknoten genommen, die von Ländern in Äquatorumgebung stammten. Sicher hatte er nicht nur eine einzige Währung erwischt.

*

Heute schien ihr Glückstag zu sein, wenn sie immer sofort einen Parkplatz fanden.

Auch Tobi stieg wieder aus und blickte Niklas über das Dach des Wagens an.

"Willst du dass ich mit rein komme oder soll ich hier auf dich warten?", wollte der Braunhaarige wissen. Ihm war es gleich. Niklas Meinung und Wunsch zählte.

*

"Ich muss gestehen, dass ich noch nie Geld gewechselt habe und bin etwas unsicher", lächelte Niklas schief und fuhr sich durch seine blonden Locken. "Bitte, komm mit rein, ja?"

*

Der Kleinere schenkte ihm ein warmes, beruhigendes Lächeln und nickte leicht. "Gut, ich komm mit rein", stimmte Tobi zu und schloss sein Auto ab.

Dann lief er herum und trat neben Niklas. "Und es muss dir nicht peinlich sein. Ich hab auch noch nie Geld gewechselt. Ich war nur einmal mit dabei, als meine Mutter welches gewechselt hat."

Zusammen betraten sie die Bank und der Spielzeugmacher führte den jungen Mann zum richtigen Schalter. Vor ihnen stand noch eine ältere Dame, die sich gerade bedienen ließ.

*

Nervös blickte Niklas zu Tobias und begann dann in seinem Rucksack zu kramen, zog kurz darauf ein kleines Säckchen heraus. Er hatte nur Scheine mitgenommen und hoffte nach dem Umtausch genug Geld zusammenzuhaben.

Als sie endlich dran waren begrüßte Niklas die Frau hinter dem Schalter und stellte dann das Säckchen auf den Tisch. "Das möchte ich gerne in die aktuelle Währung gewechselt haben", meinte er dann und hoffte dass es richtig war, als er den Sack öffnete und einen ganzen Stapel Scheine auf den Tresen legte.

*

Tobias schenkte der Frau hinter der Scheibe ein freundliches Lächeln, erwiderte ihren Gruß mit einem Kopfnicken.

Es war schon komisch, dass jemand sein Geld in einem Sack mit sich trug und nicht ein einem Geldbeutel. Aber vielleicht mochte der Blonde auch nur keine Geldbeutel. Wer wusste das schon.

Erstaunt blickte er auf die Währungen, die da zum Vorschein kamen. Das eine konnte er vage als Kolumbianisch... was hatten die gleich noch mal? Ah ja, Peso erkennen. Aber der Rest war ihm ein Rätsel. Wo er das nur alles her hatte?

Fragend blickte er Niklas von der Seite her an, aber dem schien das nicht aufzufallen.

Fast kam es Tobias so vor, als sei der Größere nervös. Nur wegen was?

*

"Ich bin viel rumgekommen", murmelte Niklas, als er den Blick der Angestellten sah. Mensch was starrte sie ihn denn so an? Und warum... starrte auch Tobias so komisch?, fragte sich Niklas, als er zur Seite Blickte und sofort in seine grauen Augen schauen konnte. "Was ist?", fragte er leise zu Tobias gewandt, doch noch bevor er antworten konnte, erhob die Bankangestellte das Wort.

"Sir? Es tut mir leid, aber das kann ich nicht wechseln. Ich weiß nicht ob es echtes Geld ist und kann es hier nicht prüfen."

*

"Du wirkst nervös, deswegen schau ich so", flüsterte er dem Größeren leise ins Ohr wozu er sich auf die Zehenspitzen stellen musste.

Überrascht blickte er die Angestellte an. Hatte er sich eben verhört? Sie dachte, dass Niklas Geld fälschte?

Nein, das war einfach nur Absurd. Niklas war viel zu lieb dafür. Zumindest was er bisher mit bekommen hatte.

"Wo könnte es denn geprüft werden", wandte sich Tobias an die Frau. Niklas sah so verloren aus, wie er da mit hängenden Schultern stand. Er wollte zumindest alles probiert haben.

Aufmunternd legte er dem Blonden eine Hand auf den Rücken.

*

"Tut mir leid, wir können das Geld auf seine Echtheit prüfen lassen, aber das wird einige Tage dauern, denn momentan ist das dazu benötigte Gerät kaputt und ich darf ihnen dieses Geld nicht in Franken umtauschen, es tut mir leid.", erklärte die Angestellte.

Niklas schluckte und ließ den Kopf hängen. "Aber was soll ich denn jetzt machen? Ich hab doch sonst gar kein Geld weiter...", flüsterte er und wirkte dabei so traurig, dass die Angestellte wohl doch ihr Herz für ihn öffnete. "Ich kann ihnen anbieten nochmal in ein paar Tagen herzukommen. Wir haben bereits jemanden organisiert, der die entsprechenden Geräte repariert und sollte dies erledigt sein könnte mich danach mit Ihnen in Verbindung setzen und dann das Geld auf seine Echtheit hin prüfen lassen."

*
/So ein Mist aber auch. Und das ausgerechnet uns. Wo das hier doch die einzige Bank in der Stadt ist. Wir sind nun mal nicht so groß, dass wir eine zweite Bank bräuchten. Und jetzt bräuchten wir sie ganz dringen. Mist verdammter/, fluchte Tobias ganz unfein in Gedanken. Seine Mutter würde wohl die Hände über den Kopf zusammen schlagen.

Tobias musste schlucken und sogar Tränen wollten sich bei ihm einnisten, denn der Anblick den der Größere bot war wirklich herzerweichend.

Ohne nachzudenken umarmte er Niklas einfach.

"Du kannst fürs erste bei mir wohnen. Ich hab ne bequeme Schlafcouch und in ein paar Tagen fahren wir dann noch mal her und du kannst dein Geld tauschen", sprach Tobi sanft und warm und holte seinen Geldbeutel aus der Jackentasche.

Dort kramte er einer seiner Visitenkarten hervor und reichte sie der Frau durch die Öffnung. "Er wird dort zu erreichen sein", bestimmte der 23-Jährige einfach. Er würde Niklas ganz sicher nicht auf der Straße schlafen lassen.

*

Niklas blickte gerührt und unglaublich dankbar auf Tobias. Alleine die Umarmung vorhin hatte ihn ganz schön mitgenommen. Noch nie hatte ihn jemand so umarmt, voller Zuneigung und wohl auch aus Mitleid heraus.

Sein Vater klopfte ihm immer nur auf den Rücken und meinte, er solle sich wie ein Mann benehmen, seine Mutter küsste ihn auf die Stirn und seine Geschwister wagten es nicht wirklich ihn irgendwie zu berühren. Ihre Familie war nicht so herzlich wie vielleicht die anderen Familien auf dieser Welt. Bei ihnen galt eine gewisse Rangordnung, die sich keiner zu brechen getraute.
Darum war die Umarmung Tobis auch was ganz neues für ihn, zumal es auch die Erste mit jemand war, der nicht mit ihm verwandt war.

"Vielen Dank...", flüsterte Niklas nur, mehr wegen der Umarmung als der Unterkunft. Es war ein schönes Gefühl gewesen. Mit einem erneuten Blick auf die Bankangestellte tat er das Geld zurück in den Sack und verstaute ihn wieder sicher im Rucksack. "Okay, dann kommen wir in ein paar Tagen nochmal."

Die Angestellte nickte und verabschiedete sich dann höflich, während Niklas Tobias sanft an der Schulter fasste und ihm bedeutete, nach draußen zu gehen.

*

Ein leichtes Lächeln schlich sich auf seine Lippen und auch seine Augen leuchteten wegen dem einfachen "vielen Dank" das doch so von Herzen kam.

Auch Tobi verabschiedete sich und folgte Niklas nach draußen. Die Stelle kribbelte trotz Jacke und Pullover wo der Blonde ihn angefasst hatte.

Als sie wieder bei seinem Wagen standen, lehnte er sich mit seinem Rücken an die Beifahrertür und blickte zu Niklas hoch. "Tut mir leid. Blödes Timing das die Maschine kaputt ist. Aber du sollst wissen, dass ich nicht glaube was sie gesagt hat. Damit, dass du das Geld gefälscht haben könntest", versicherte der 23-Jährige.

*

"Gefälscht? Nein, niemals. Mein Vater hat es erst letztes Jahr mitgebracht direkt vom Äquator. Er kommt wirklich viel rum und bringt immer Geld mit und naja... eigentlich wollte ich zum Äquator und dort Urlaub machen, bin aber dann durch einen blöden Zufall hier gelandet.

Und jetzt hab ich auch wieder Pech. Hätte ich das gewusst hätte ich natürlich Franken mitgenommen, aber an Europa als Urlaubsland habe ich gar nicht gedacht...", seufzte Niklas und erzählte einfach alles frei heraus, was Tobias wohl durchaus verwirren würde.

*

"Hey", grinste Tobi und stupste mit einem Finger auf Niklas süße Nase. Dass er dazu auf die Zehenspitzen stehen musste, machte dem Braunhaarigen nichts aus. Er mochte größere Männer.

"Dann bleibst du eben noch ein paar Tage hier. Der Äquator wird dir schon nicht davon laufen."

Aber es sähe auch komisch aus, wenn der Äquator vor einem jungen Mann davon lief.

"Denk einfach optimistisch. Nach dem dritten Mal Pech kann es nur noch besser werden", lachte Tobi.

Er wollte den anderen wieder lachen sehen. Oder zumindest lächeln.

*

"Ich hoffe nicht, dass ich nochmal Pech haben werde. Im Moment brauche ich einfach etwas Glück", gestand Niklas und lächelte leicht. "Weißt du, ich bin sehr glücklich, dass wir uns begegnet sind. Ohne dich wüsste ich jetzt nicht was ich tun sollte, vielleicht wär ich auch erst gar nicht bis hierhergekommen."

*

"Na ja. Glück hat man in meiner Gegenwart eigentlich massenweise. Ich weiß auch nicht, was jetzt los ist", murmelte Tobi und kratzte sich verlegen im Genick.

Seine Freunde meinten auch immer, dass er Glück brachte.

Tobi zuckte mit den Schultern und meinte: "Tja, es bringt wohl nichts, wenn wir weiter hier stehen bleiben. Fahren wir wieder zu mir. Dann kannst du dir mal die Couch und die Wohnung anschauen. Und wenn sie dir zu kurz ist, nimmst du einfach mein Bett. Da passt du auf alle Fälle rein."

*

"Und verbanne dich damit aufs Sofa? Vergiss es. Ich werde schon mit der Größe des Sofas klar kommen. Und es wäre schön, wenn du mich nachher dann doch durch die Wohnung führen würdest, alleine mag ich wie gesagt nicht rumschnüffeln", lächelte Niklas ehrlich.

Er verdankte Tobias jetzt schon sehr viel und schwor sich das die nächsten Tage zurückzugeben und ihm zu helfen wo es ihm möglich war.

*

"Ach, das macht mir nichts aus", lachte Tobias und lief um das Auto rum. Über das Dach des Wagens blickte er wieder in die himmelfarbenen Augen. "Das Sofa ist genauso weich wie das Bett. Nur etwas kleiner", erklärte Tobi und schloss das Auto wieder auf.

"Also, lass uns wieder nach Hause fahren. Ich muss nachher noch einkaufen."

*
"Ich komme mit und helfe dir tragen", beschloss Niklas sofort und stieg dann ein, schnallte sich an und dann konnte es auch schon wieder losgehen.




Braune Blätter [Chaotizitaet]

01 – Joshua



Der Tag, an dem das Gleichgewicht auseinander zu brechen begann, war der Tag, an dem Jessy zum Mittagessen auf dem Flügel Variationen zu dem Thema der Rhapsody in Blue spielte. Ich wüsste nicht zu sagen, wieso mir dies so genau im Gedächtnis blieb, aber das menschliche Erinnerungsvermögen ist diesbezüglich den merkwürdigsten Zufällen unterworfen. Für die meisten anderen Menschen war dieser Tag einfach nur der erste Dezember. Die Kinder freuten sich darüber, das erste Türchen ihres Adventskalenders öffnen zu können, die Kaufhäuser und Geschäfte gingen endgültig zum akustischen Frontalangriff mit nunmehr allgegenwärtiger Weihnachtsmusik über und in den Bäckereien, Pubs, Bars und Restaurants wurden jahreszeitliche Klassiker auf die Speisekarten gesetzt. So auch bei uns im Twice, einer stilvollen Pianobar mit Restaurant im Herzen von Sheffield, wo unser traditionelles, weihnachtszeitliches Dessert – warme Mince Pies mit Brandybutter – wieder Einzug auf die Karte mit den Tagesangeboten hielt. Aber vielleicht war es die Tatsache, dass es der erste Dezember war, weshalb ich mich so gut an jenen Tag erinnerte, denn ich weiß noch, dass ich mich immer wieder dabei ertappte, wie ich versuchte, in Jessys Klavierspiel Anflüge von verjazzten Weihnachtsliedern zu entdecken, die sie geschickt unter das eigentliche Thema wob. Leider weiß ich aber noch, dass ich ihrer Musik deswegen so genau lauschte, weil ich versuchte, mich abzulenken. Ich hatte an jenem Morgen ein braunes Blatt an meinem Baum entdeckt und es war mir den ganzen Vormittag über nicht gelungen Josh zu kontaktieren. Als ich am Mittag noch einmal zu dem Baum hinaustrat, entdeckte ich, dass sich in der Zwischenzeit ein weiteres Blatt braun gefärbt hatte. Wieder aber blieb der Kontaktversuch durch den Spiegel erfolglos.

„Mach dir nicht so viele Gedanken, Joshua“, mahnte mich nur Cassandra, als ich beim Gläserpolieren wiederholt in den Spiegel blickte. „Er wird gewiss nur beschäftigt sein. Versuch es einfach noch mal nach dem Mittagsansturm. Vielleicht ist es heute auf seiner Seite schlicht etwas geschäftiger.“

Ich nickte und wandte mich wieder den Gläsern zu. Natürlich war es auf seiner Seite geschäftiger. Ich weiß nicht wieso, aber es war scheinbar ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Sterbenden viel Kitschbedürftiger waren als die Lebenden, und daher mit Beginn der Weihnachtszeit in einen regelrechten Kitschrausch fielen. Wozu natürlich auch warme Mince Pies zum Dessert beim Mittagessen gehörten. Mit Brandybutter.



Vielleicht sollte ich an dieser Stelle ein paar grundlegende Erklärungen geben, ehe mein Alltag gänzlich unverständlich wird. Ich heiße Joshua Evans und mich gibt es doppelt. Nicht in dem Sinne, dass ich einen Zwillingsbruder mit dem gleichen Namen hätte, was reichlich grausam von den Eltern wäre. Es lässt sich vielleicht am ehesten mit einer Astral-Klonung vergleichen. Falls ein solches Wort Sinn macht. Oder als Mensch mit einem unabhängigen Spiegelbild, wobei ich Astral-Klonung schöner finde. Wobei jeder von uns behaupten würde, das Original zu sein und der andere wäre der Astral-Klon. Vermutlich sind wir beide beides… Denn ich wurde auserkoren, das Gleichgewicht zwischen Leben und Sterben zu bewahren, was bedingt, dass ich zeitgleich auf der Ebene der Lebenden und der Ebene der Sterbenden sein muss. Ergo muss es mich zweimal geben.

Lebende und Sterbende, damit ist natürlich der Rest der Menschheit gemeint. Sieben Milliarden Menschen nach neusten Berechnungen. Man könnte jetzt annehmen, dass eigentlich alle Menschen zu den Lebenden zu zählen wären, da Sterben doch nur eine Sache von Sekundenbruchteilen ist. Aber das stimmt so nicht ganz. Denn für manche Menschen dauert das Sterben ein Leben lang. In einzelnen Fällen äußert es sich in einer ausgeprägten Todessehnsucht, bei anderen wiederum ist es mehr ein leises Flüstern, das die Möglichkeit zu Sterben nicht ausschließt und in diesem Gedanken kein Bedauern liegt. Im Gegensatz dazu bejahen die Lebenden zu jeder Zeit das Leben, genießen es in vollen Zügen und den Gedanken, dass dieses Leben vielleicht mal enden könnte, weisen sie stets weit von sich.

Beide, die Lebenden und die Sterbenden, leben in der gleichen Sphäre, dem, was wir alle schlicht als Erde oder Welt bezeichnen. Aber wie diese Welt wahrgenommen wird, ergibt einen Unterschied, der zwei getrennte Ebenen existieren lässt.

Natürlich sterben auch die Lebenden irgendwann, aber wer wirklich lebt, zählt tatsächlich zu denjenigen, die nur Sekundenbruchteile in der Ebene der Sterbenden weilen, ehe sie tot sind. Ebenso natürlich beginnen alle Kinder ihr Leben in der Ebene der Lebenden, aber manchmal kommt es schon während der Geburt oder direkt danach so einem Schock, der dazu führt, dass ein Kind zu den Sterbenden zählt.

Letztlich tritt jeder Lebende irgendwann in die Ebene der Sterbenden über – früher oder später. Ein umgekehrter, dauerhafter Fall hingegen ist so selten, dass mir noch nie ein solcher Mensch begegnet ist.

Gelegentliche Besuche der anderen Ebene sind dagegen durchaus möglich. Es sind Momente, in denen die Menschen bewusstseinserweiternde Erfahrungen machen. Dies kann durch Alkohol oder Drogen, Meditation und Trance, aber auch schlicht durch ein verdammt gutes Buch, das einen vollkommen in seinen Bann schlägt und einen so von der Realität löst, geschehen. Für gewöhnlich stellen solche Besuche kein Problem dar. Gelegentlich aber geschieht es, dass sich jemand während der bewusstseinserweiternden Erfahrung in der anderen Ebene verirrt und den Weg in den eigenen Körper nicht mehr zurückfindet.

Das ist dann der Punkt, an dem ich und mein Gegenstück ins Spiel kommen.

Natürlich können wir nicht in den Köpfen eines jeden Menschen in unserer Ebene sein und so wissen, wenn er sich verirrt. Es wäre angesichts der stetig wachsenden Weltbevölkerung auch irrsinnig zu behaupten, wir hätten einen steten Überblick, wie viele Menschen in unserer Ebene sein müssten und können anhand mathematischen Genies erkennen, wenn einer zu viel da ist. Nein, dafür haben wir die Bäume: den Baum der Lebenden und den Baum der Sterbenden. Wobei ich nur den Baum der Lebenden sehen kann, mein Astral-Spiegelbild hingegen nur den Baum der Sterbenden. Das heißt, wir sind die einzigen, die Blätter an den Bäumen sehen können. Alle anderen Menschen sehen nur einen knorrigen, kahlen Baum, bei dem sie sich vielleicht insgeheim wundern, weshalb dieser nicht längst gefällt wurde. Aber man fällt eben keine Paradiesbäume. Denn genau das sind der Baum der Lebenden und der Baum der Sterbenden. Vermutlich wären sie aufgrund der ihnen innewohnenden Schöpfungsmagie sogar gegen Kettensägen immun, sollte einer versuchen, sie zu fällen.

Für gewöhnlich sind alle Blätter grün. Das ganze Jahr über. Es sei denn, ein Lebender tritt dauerhaft in die Ebene der Sterbenden über, dann welkt das entsprechende Blatt am Baum der Lebenden und fällt zu Boden. Genauso wie am Baum der Sterbenden das betreffende Blatt welkt und schließlich zu Boden fällt, wenn der Mensch seinen letzten Atemzug getan hat. Verirrt sich aber ein Mensch, dann wird dessen Blatt braun. Und braune Blätter lassen sich in einem dichten Grün hervorragend orten. Besonders, wenn man geübt ist in diesem Blätter-Suchbild die braunen Blätter zu finden.

Genau das hatte ich heute getan. Wie jeden Tag. Ich war nach dem Frühstück hinunter zu dem Baum der Lebenden gegangen, hatte ein paar welke Blätter, die sich am Boden angesammelt hatten, weggefegt, und dann die Äste und Zweige nach braunen Blättern durchforstet. Leider war ich fündig geworden. Und kurz vor Mittag, als ich eigentlich nur für den Moment am Baum hatte verschnaufen wollen, hatte ich ein weiteres braunes Blatt entdeckt. Zwei meiner Lebenden hatten sich also in der anderen Ebene verirrt und brauchten nun Hilfe, um wieder den Weg zurückzufinden. Das Problem war nur, dass ich selbst ihnen nicht helfen konnte. Die Hilfe musste aus der Ebene kommen, in der sie sich verirrt hatten. Weshalb ich also bereits den ganzen Tag versuchte, Josh zu erreichen. Per Spiegel, denn als Wächter der Bäume sind wir in der Lage über Spiegel miteinander zu kommunizieren.

Wieder zurück zu meinem Alltag.



Conrad betrat gerade die Bar. Er kam eigentlich jeden Tag zum Lunch hierher. Außer Sonntags, denn da war er bei seiner Schwester zum Mittagessen eingeladen. Nach der Kirche.

Conrad war unser ältester Stammgast. Sowohl was sein Alter betraf als auch die Zeitspanne in Jahren gemessen, seit denen er uns beehrte. Fragte man Conrad nach seinem Beruf, so erfuhr man, dass er Autor war. Fragte man weiter, erfuhr man darüber hinaus, dass er kein sehr erfolgreicher Autor war, denn die Verlage, denen er Proben und Manuskripte zusendete, erteilten ihm allesamt Absagen. Weshalb er sein Geld damit verdiente, für Kinder den Märchenonkel zu mimen. Das wiederum konnte er wirklich gut. Egal ob er nun zu einem Sommerfest in einem Kindergarten oder einer Grundschule seine lustigen Geschichten erzählte, oder damit Kinder im Krankenhaus aufmunterte, stets hatte er ein gebanntes Publikum. Aber als Autor wollte Conrad keine Kindergeschichten schreiben. Er wollte so sein wie Hemingway. Oder Tolstoi. Oder Joyce. Also einer jener Autoren, die dicke Wälzer schrieben, die später einmal Klassiker genannt und von den meisten Menschen als Stütze für schiefe Regale verwendet wurden.

Sein Blick fiel auf die Tafel mit den Tagesangeboten. „Ist es schon wieder soweit?“, brummte er.

„Das müssten Sie eigentlich besser wissen als ich, Conrad“, entgegnete ich grinsend und holte aus dem Weinkühlschrank die Flasche Merlot hervor, kannte ich doch die Vorlieben unserer Stammgäste genau. Und zu Conrads Mittagsritual gehörte auch ein Glas Merlot, während er auf das Essen wartete und dabei an seinem neusten Manuskript arbeitete.

Dieser nickte. Weihnachtszeit bedeutete für ihn als Märchenonkel Hochsaison. Der Weihnachtsmarkt in den Peace Gardens gehörte zu seinen festen Klienten für diese Jahreszeit, ebenso diverse Einrichtungen, die ihn für ihre Weihnachtsfeiern buchten. Einmal hatte er sogar den Weihnachtmann in der Weihnachtsgrotte am großen Christbaum gemimt, aber abgesehen davon, dass Conrad sich die ganze Zeit darüber beschwert hatte, dass die Verkleidung, die zu tragen man ihn vertraglich verpflichtet hatte, kratzig gewesen wäre, hatten ihn auch die vielen verzogenen Kinder irritiert. Gewiss, es waren die gleichen Kinder, die ihm sonst als Märchenonkel gebannt lauschten, aber jetzt erwarteten die lieben Kleinen, dass er zuhörte. Und sich merkte, was sie sich alles zu Weihnachten wünschten. Geschichten erzählen war in diesem Vertrag nicht vorgesehen gewesen. Weshalb es für Conrad ein langweiliger, geduldstrapazierender Job gewesen war, den er nur angenommen hatte, weil er das Geld für einen neuen Kühlschrank gebraucht hatte. Abgesehen davon, dass er zu dem Zeitpunkt als Märchenonkel noch nicht so berühmt gewesen war wie jetzt, weshalb seine übrigen Gagen noch nicht so üppig gewesen waren, um es ihm zu erlauben, ein mehrwöchiges Engagement auszuschlagen.

Ich brachte ihm das Glas Rotwein. „Das Übliche?“, fragte ich. „Oder vielleicht heute doch mal das Tagesdessert?“ Zum Nachtisch nahm Conrad immer den spanischen Karamell-Flan, der eine unserer Spezialitäten war. Einzig während der Erdbeerzeit konnte er der roten Versuchung nicht widerstehen und wechselte das Dessert.

„Mince Pies? Danke, nein!“

Ich lachte. Egal ob warm oder kalt, mit Brandybutter oder ohne, für Conrad würde es kaum eine Veranstaltung während der Vorweihnachtszeit geben, wo man ihn nicht mit Mince Pies zu füttern versuchte. „War auch nicht wirklich ernst gemeint. Marcia hat extra auch wie immer Flan gemacht.“

„Das will ich ihr auch geraten haben“, brummte Conrad gutmütig und zog sein unvermeidliches Manuskript aus der Ledertasche.

Das war für mich das Zeichen, seine Bestellung an die Küche weiter zu geben und mich wieder meinem Thekendienst zu widmen.



Wenige Minuten später hörte ich, wie die Tür zur Bar erneut geöffnet wurde. Ich blickte auf und sofort vergaß ich für den Moment meine Sorgen darüber, dass ich Josh bislang nicht hatte erreichen können. Denn soeben hatte Caleb das Twice betreten.

Er kam an die Theke und gab mir einen kurzen Kuss auf die Nase. Über die Theke hinweg war ein ausgiebiger Kuss eben etwas umständlich, und solange wir unsere Zärtlichkeiten auf ein solch harmloses Minimum beschränkten, schienen meine Gäste auch keinen Anstoß daran zu nehmen, dass ich mit einem Mann statt einer Frau in einer dauerhaften Beziehung lebte.

„Hast du heute schon mit Josh gesprochen?“, fragte er dann, während er den Mantel auszog und sich den Schal vom Hals wickelte.

Ich stutzte. Es war ungewöhnlich, dass Caleb mich auf Josh ansprach. Und noch ungewöhnlicher war es insofern, als ich ihm noch gar nicht von unseren braunen Blättern hatte erzählen können. Geschweige denn von den missglückten Kommunikationsversuchen. Denn als ich heute Morgen aufgestanden war, war Caleb bereits im Büro gewesen. Aber so war das eben, wenn man wie ich eine Bar besaß und sich nicht selten die halbe Nacht dort um die Ohren schlug, wohingegen Caleb mit seinem Ingenieurservicebüro durchaus auch Kundentermine vor elf Uhr früh hatte. Weshalb Lunch für uns das war, was für die meisten Paare entweder das gemeinsame Frühstück oder der gemütliche Abend auf dem Sofa bedeutete. „Wieso fragst du?“, wollte ich nun wissen.

„Ich dachte, vielleicht hätte er dir gesagt, dass wir ein braunes Blatt hier haben.“

Calebs Antwort irritierte mich fast noch mehr als seine Frage.

Wir sollten ein braunes Blatt, einen Verirrten, hier haben? Hier, in der Ebene der Lebenden?

„Gerade eben, vor wenigen Minuten, als ich an der Kathedrale vorbeikam, habe ich ein braunes Blatt in der Menge gesehen. Ich war mir aber nicht ganz sicher, weshalb ich gehofft hatte, dass du von Josh die entsprechende Bestätigung bekommen hättest“, erklärte Caleb.



Nun sollte ich vielleicht kurz erklären, wie es kommt, das Caleb die braunen Blättern sehen kann, wenn doch jeder außer mir, dem Wächter des Baumes, nur einen knorrigen, kahlen Baum an der Stelle sieht, wo der Paradiesbaum steht.

Die Sache ist Folgende: Ich kann zwar die Blätter am Baum der Lebenden sehen und auch von Josh über den Spiegel die Information erhalten, wenn an seinem Baum ein braunes Blatt ist. Aber ich kann unter all den Menschen in dieser Stadt die Person, die sich in unsere Ebene verirrt hat, nicht ausfindig machen.

Es gibt ein paar sensible Menschen, welche die Anwesenheit dieser Verirrten als einen Hauch des Unnatürlichen spüren können. Die Lebenden sprechen dann gerne von Geistern. Aber das ist so nicht richtig, denn um ein Geist zu werden, muss man tot sein. Josh hat mir erzählt, dass die Sterbenden, welche die Anwesenheit der braunen Blätter spüren, dann immer von Zombies sprechen. Das ist aber auch nicht richtig. Denn ein Zombie ist ein Toter, der sich einfach weigert, diese Tatsache hinzunehmen.

Caleb aber kann diese Verirrten wirklich sehen. Als halb sichtbare Menschen. Was wohl der Erscheinungsform der Verirrten am nächsten kommt. Dass er sie sehen kann, hat damit zu tun, dass er, genau wie ich, auserwählt worden ist, dabei zu helfen, das Gleichgewicht zu wahren. Er ist der Scout. Derjenige, der die Verirrten findet. Der sie zu mir bringt, und dann gemeinsam mit mir in einem Spiegelritual die verirrte Person wieder zurück in ihren Körper in der Ebene der Sterbenden geleitet.

Da natürlich Josh auf der anderen Ebene auch einen Scout braucht, führt Caleb ein ebensolches Doppelleben wie ich. Auch ihn gibt es zweimal.

Wenn also mein Caleb jetzt ein braunes Blatt an der Kathedrale gesehen hatte, hätte mich Josh eigentlich über den Spiegel informieren müssen... Wo steckte dieser Kerl bloß?



Ich berichtete Caleb von den zwei braunen Blättern, die ich an meinem Baum entdeckt hatte, und auch davon, dass der Spiegel den ganzen Tag stumm geblieben war.

„Hoffen wir nur, dass der Trottel sich nicht im Kitsch- und Eggnoggrausch befindet und so seinen Kummer zu ertränken versucht“, brummte Caleb mürrisch. „Cal wird er deswegen nicht vergessen, geschweige denn los. Schließlich muss er mit dem Kerl zusammenarbeiten, egal ob dieser auf seine Avancen eingeht oder nicht!“

Kitschrausch? Mir schwante übles. Schließlich hatte ich selbst vorhin schon bemerkt, dass in der Ebene der Sterbenden ein viel größeres Bedürfnis nach Kitsch herrschte und Weihnachten geradezu nach Kitsch schrie.



Es gibt nämlich ein paar kleine, feine Unterschiede zwischen uns und unseren Gegenstücken auf der Ebene der Sterbenden. Schließlich sind wir voneinander unabhängig existent, da sind Unterschiede unvermeidlich. Der größte Unterschied ist wohl, dass in der Ebene der Sterbenden Josh zwar in seinen Cal verliebt ist, dieser Cal aber zu einhundert Prozent heterosexuell orientiert ist und somit definitiv nichts von Josh wissen will was über ihre gleichgewichtwahrende, berufliche Zusammenarbeit hinausgeht.

Wenn also Cal Josh gestern mal wieder eine seiner berühmten Abfuhren erteilt hatte, war es durchaus denkbar, dass Josh jetzt in Selbstmitleid, Eggnogg und Kitsch badete, sich der Welt gegenüber verleugnete und nicht daran dachte, in den Spiegel zu sehen. Blieb nur zu hoffen, dass Josh nach dem Mittagsansturm und der Gesellschaft Kitschgleichgesinnter entspannter und endlich bereit für eine Kommunikation mit mir war.



„Oder natürlich könntest du versuchen, Josh zu erreichen. Vielleicht hast du ja mehr Glück als ich“, schlug ich Caleb mit einem leichten Grinsen vor. Es war ja nicht so, dass die Scouts nicht auch der Spiegelkommunikation fähig waren. Zumindest soweit es den jeweils anderen Wächter betraf. Das hatte etwas mit der Verbundenheit der Bäume zu tun, über deren Kraft die Kommunikation lief.

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, verzog Caleb das Gesicht. „Und mir Josh Gejammere freiwillig antun? Während seine Augen vor lauter anhimmelnden Herzchen sprühen? Schatz, ich liebe dich wirklich sehr, aber so sehr nun wieder auch nicht.“

Ich lachte. Wenn Josh wieder einmal einen seiner Anfälle hatte, war er schlimmer als jede Heulsuse. Dass Caleb dann auch noch aussah wie sein angebeteter Cal, half da nicht wirklich. Ebenso wenig, dass Josh natürlich auch in der Lage war, über den Spiegel Caleb auf meiner Seite zu kontaktieren. Aber eine Ersatzbeziehung auf diese Weise war a) noch nicht einmal für Josh befriedigend und b) auf Dauer nicht zu ertragen. Nicht, wenn zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten im Spiegel das bekannte Klopfzeichen ertönte und Josh eine verbale Streicheleinheit wollte. Was ihm Caleb schließlich auch klar gemacht hatte und ihn in die Schranken gewiesen hatte, weshalb es dann ausnahmsweise einmal er und nicht Cal gewesen war, wegen dem Josh Trübsal geblasen hatte. Seither hatte Josh es möglichst vermieden, Caleb ohne triftigen Grund zu kontaktieren, sondern heulte sich lieber bei Edgar oder Cassandra aus. Was mir persönlich auch lieber war.

„Wie wäre es, wenn du Cal anklingeltest?“, schlug Caleb jetzt im Gegenzug vor.

„Klar auch! Wenn er gerade Josh wieder zur Schnecke gemacht hat, will er bestimmt auch mein Konterfei im Spiegel erblicken... Abgesehen davon weigert er sich nach wie vor einen Taschenspiegel mit sich herum zu schleppen. Zu weibisch, das weißt du doch! Da würde ich ihn höchstens in so unpassenden Momenten wie frisch aus der Dusche oder beim Händewaschen nach der Toilette erwischen. Ehrlich, in so einem Moment wäre mir auch nicht nach Spiegelkommunikation.“

Wir lachten beide bei diesem Bild. Aber es entsprach natürlich der Wahrheit. Tatsächlich war die Sache mit dem Taschenspiegel ein ständiger Streitpunkt zwischen Scout und Wächter auf der Ebene der Sterbenden. Denn natürlich schleppte Josh nicht einfach einen praktischen zusammenklappbaren Spiegel, schlicht, in silbergrau oder so, den man zur Not als Handy tarnen konnte, mit sich herum, sondern eine alte, wenngleich durchaus hübsche Schmuckdose für Kompaktpuder. Dennoch war es eher ein Gegenstand, den man in der Handtasche einer Frau vermutete als in der Gesäßtasche eines Mannes. Cal bekam wohl jedes Mal die Krise, wenn er das Ding in Joshs Hand sah.



1 Dezember [Laila]
Kerzen
Dean und Sam Winchester
Immer wieder fragte sich Dean Winchester was das eigentlich sollte. Warum musste man Kerzen aufstellen? Sie brachten doch nichts, außer ein bisschen Licht. Und man konnte mit ihnen Geister rufen.
Aber wenn er ehrlich war, sah es schön aus, wie Sammys Haut im Kerzenschein funkelte. Wie sich das Licht in seinen Augen brach.
Sein Blick wanderten zu seinem Liebsten, der neben im lag und ihn streichelte.
Dank des Stromausfalls gab es im Moment weder Licht noch etwas anderes, was elektronisch betrieben wurde.
Sam hatte sogleich eine Packung Teelichter aufgemacht und nun standen diese im Schlafzimmer verteilt. Draußen schneite es immer noch.
Dean seufzte leise.
Seine Hand schob sich unter Sams Shirt und koste die weiche Haut.
„Wenn wir schon kein Licht haben, machen wir eben etwas anderes,“ flüsterte er.
Die nächsten Stunden genoss er das sanfte Licht der Kerzen.