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Drachenblut - Teil 25 bis 28

25

„Ja, das wird Arlan bestimmt interessieren. Soll er versuchen etwas raus zu bekommen?“ Azhdahar grinste. „Macht er bestimmt gerne für dich. Er mag dich.“ Er selber war auch neugierig, denn tief in seinem Innern klingelte etwas, bei diesem Wesen, aber er konnte es nicht greifen. So, als wenn er einmal etwas gewusst, aber wieder vergessen hätte.

„Wenn sich da was finden lässt, wäre ich nicht böse drüber.“ Evren grinste und sah sehnsüchtig zum Kühlschrank. Dahin hatte er seine Käsebällchen verfrachtet und nun belagerte ihn Streuner und Evren konnte sich keine holen. Wenn er nur den Versuch machte, sich zu erheben, brummte der Kater warnend und jeder wusste, dass es besser war, diese Warnung auch für voll zu nehmen.

„Na dann los. Ruf ihn und sag ihm, was du möchtest.“ Azhdahar deutete auf die Fernbedienung für das Portal und den Kommunikator. Er schälte sich aus der Decke und streckte sich ausgiebig. „Wo hast du die Filter?“, fragte er, denn er merkte, dass er seine wechseln musste.

„In der Küche neben dem Kühlschrank liegen die, auf der Anrichte. Und wenn du schon mal da bist, kannst du gleich noch die Käsebällchen mitbringen.“ Evren grinste, das war sehr praktisch, so musste er Streuner nicht verscheuchen. Lieber machte er sich ganz lang und griff sich die Fernbedienung für den Kommunikator und wählte Arlan an.

„War klar“, lachte der Prinz und stand auf. Erst jetzt sah er sich in Evrens Wohnung richtig um. „Nicht schlecht, deine Wohnung, nur etwas viel Glas“, rief er aus der Küche und wechselte die Filter. Da er nicht wusste, wohin mit den verbrauchten, steckte er sie einfach in die Hosentasche. Er öffnete ein paar Schranktüren, bis er den Kühlschrank gefunden hatte und nahm die Käsebällchen raus.

„Mir gefällt es. Wenn ich nicht will, dass jemand mich sieht, lassen sich die Scheiben auch abdunkeln. Aber ich mag es, wenn überall Sonnenlicht in die Wohnung kann. Wenn ich überall nur Wände hätte... ah, Arlan, da bist du ja schon. Hallo!“ Evren musste sein Gespräch mit dem Prinzen abwürgen, weil sein Fernruf bereits auf Antwort gestoßen war.

„Hallo Evren.“ Arlan lächelte und wirkte beruhigt, als er Azhdahar sehen konnte. „Die Filter scheinen zu helfen. Das ist gut, ich schicke euch noch welche.“ Azhdahar nickte und stellte Evren die Käsebällchen hin. „Braucht ihr noch etwas oder warum habt ihr mich gerufen?“ Der Wissenschaftler war neugierig und zuckte ein wenig, als Streuner in seinem Blickfeld erschien, der neugierig ergründen wollte, was Evren in der Hand hielt.

„Hey, Kurzer, nicht fressen“, lachte Evren und schob den neugierigen Kater sanft beiseite, was aber noch lange nicht hieß, dass Streuner das einfach so hinnahm. Doch als er Azhdahar durch die Küche laufen sah, war sein Interesse sowieso wieder bei dem Drachen. „Ja, eigentlich habe ich doch angerufen, weil ich etwas wissen wollte“, sagte Evren, hatte aber immer ein Auge auf Streuner und den Prinzen. „Azhdahar meinte, ich könne dich fragen, wegen Mischlingen in euren Rassen, die vielleicht auf die Erde gekommen sind. Ohne Beine in der Drachenform. Mit Federn und so was.“

„Hmm.“ Arlan runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. „So spontan fällt mir da nichts ein, aber ich werde das für dich überprüfen. Kann aber sein, dass ich nicht viel finde, denn meist wurden diese Mischlinge totgeschwiegen, weil es nicht gern gesehen wurde. Das hat Azhdahar dir bestimmt auch schon erzählt. Es gab sie wohl in jeder Familie, aber keiner wollte das offiziell zugeben.“ Der Wissenschaftler machte sich Notizen und sah dann wieder Evren an. „Braucht ihr sonst noch etwas?“

„Das übliche vielleicht“, lachte er und deutete auf seine Schale mit Käsebällchen, die schon ziemlich dezimiert war. „Und wenn du noch was zu den alten Schriften findest? Morgen bin ich im Institut, da kann ich dich erst spät kontaktieren. Aber ich kann dir ein paar Beispiele schicken, ob ihr so was auch in eurem Schrifttum habt. Wäre nicht übel.“ Eben ging ihm auf, dass er mit einer Selbstverständlichkeit ständig nach Arlan rief, ohne zu fragen, ob bei denen nicht längst Schlafenszeit war.

„Soll ich einen regelmäßigen Lieferservice für dich einrichten lassen?“ Arlan lachte und schüttelte den Kopf. Er mochte diese Käsedinger auch, aber das Evren so wild dahinter her war, fand er doch lustig. „Ja, schick mir, was du von diesen Mischlingsdrachen hast und ich forsche. Möchtest du Lernprogramme von den alten Sprachen, die such ich dir dann auch raus.“

„Ja, das wäre nicht übel. Die könnten mir vielleicht auch bei meiner Arbeit helfen und den Menschen, zumindest den Interessierten, noch das eine oder andere der alten Völker offenbaren. Ich hoffe, dass ich dann auch mehr über die Drachengötter erfahren kann“, erklärte Evren und lud fix alles, was er über die Drachengötter gefunden hatte - mit Bild und Textbeispielen - auf den kleinen Transmitter, damit er es Arlan gleich noch mitgeben konnte.

„Mach ich dann, aber zur Not kannst du auch deinen Prinzen fragen. Er hat die alten Schriften auch alle lernen müssen.“

Azhdahar brummte, denn daran erinnerte er sich nicht so gerne. Sein Vater war der Meinung, dass der zukünftige König alles über sein Volk wissen musste und man ihm nichts vormachen können sollte, darum hatte er Jahrhunderte mit Lernen zugebracht.

„Ach?“ Grinsend drehte sich Evren zu Azhdahar, der noch immer in der Küche werkelte. So bemerkte er, dass Streuner auf der Lehne hockte und den Fremden immer noch im Auge hatte. „Du kannst das auch? Dann nehme ich dich doch morgen als Übersetzer mit ins Büro“, legte er fest und beschmuste das Katerchen einmal kurz, ehe er sich wieder Arlan zuwandte. „Dann werde ich mal prüfen, was unser Prinzlein alles behalten hat und was bei ihm aufgefrischt werden sollte.“

„Na vielen Dank auch, Arlan“, knurrte Azhdahar, aber eigentlich fand er das nicht so schlimm. So hatte er wenigstens etwas zu tun und sie hatten einen Grund, warum er mit ins Institut musste. Was aber nicht hieß, dass es ihm Spaß machte, denn eigentlich würde er lieber trainieren oder sich irgendwie anders körperlich betätigen, wenn es ihm morgen besser ging.

„Jammer nicht, Drachi, mach dich nützlich.“ Evren gab nicht viel auf das Geknurre, er freute sich schon darüber, vielleicht doch noch das eine oder andere zu erfahren. „Gut, Arlan, ich werde das Drachi dann gleich mal prüfen, dann kommt er nicht auf die Idee, Dummheiten zu machen. Die Lernprogramme könnt ihr mir ja zukommen lassen und dann sagst du mir noch, wie spät es bei euch ist und wie oft ich dich schon aus dem Bett geholt habe“, grinste Evren schief.

„Bei uns ist es Abend und mach dir keine Gedanken, wegen meinem Schlaf. Ich brauch nicht viel davon, darum ruf mich, wenn es nötig ist.“ Arlan winkte ab. Er war doch selber neugierig, wie es auf der Erde war, darum machte es ihm nichts aus, wenn er geweckt wurde. „Die Lernprogramme kommen dann morgen irgendwann, denn nachher muss ich zum König, da habe ich keine Zeit mehr zu suchen.“

„Dann grüß den Obermotz mal lieb von seinem Sohni“, lachte Evren, das hatte er sich jetzt nicht verkneifen können. „Kannst ihm ja sagen, dass wir uns bald auf den Weg machen und er gar nicht erst auf die Idee kommen soll zu drängeln. Wir haben hier nämlich mit ein paar Widrigkeiten zu kämpfen, von denen habt ihr keinen Schimmer.“ Evren wollte da nur vorgreifen, nicht dass es gleich morgen hieß: warum habt ihr noch keine Umagal.

„Gut, dass gebe ich so weiter.“ Arlan lachte und zwinkerte Evren zu. Die Art des Menschen war wirklich erfrischend und es machte jedes Mal Spaß, mit ihm zu reden. „So, dann kümmere dich mal weiter um unseren Prinzen und wenn etwas ist, meldet euch, egal zu welcher Tageszeit. Ich soll mich ausschließlich um eure Wünsche und euer Wohlergehen kümmern.“

„Wenn es nach dem Drachi geht, dann hätte er gern ein Katzen-Abwehr-Mittel“, flüsterte Evren verschwörerisch zu Arlan und drehte die kleine Kamera so, dass man Streuner gut sehen konnte, wie er auf der Lehne hockte, schwänzelte und den Drachen in Schach hielt.

„Ja, unser Prinz findet schnell neue Feinde… äh… Freunde“, witzelte Arlan, der sich Streuner interessiert beguckte. „Interessant. Das ist eins von den irdischen Tieren. Sieht gar nicht gefährlich aus. Eher weich und flauschig.“

„Komm mal her, Dicker!“ Evren griff sich Streuner und der fing an zu fauchen und zu drohen und so konnte Arlan gleich sehen, dass flauschig und weich noch lange nicht gleichzusetzen war mit lieb und nett. „Ja, weich ist er und eigentlich auch süß, aber irgendwas an Azhdahar scheint er nicht zu mögen, denn seit der hier ist, belauert er den Prinzen und kratzt und faucht.“ Evren zeigte auch eine der Pfoten mit den ausgefahrenen Krallen in die Kamera, doch dann ließ er Streuner wieder auf seinen Platz hüpfen, wo er sich schnell beruhigte. Bis Azhdahar wieder aus der Küche kam und an ihm vorbei ging. Er sprang den Prinzen zwar nicht an, aber sein Fell sträubte sich und er fauchte und knurrte, so bedrohlich, wie er nur konnte.

„Oha“, machte Arlan und er wirkte wirklich sehr beeindruckt. Diese Katze war durchaus wehrhaft und ein richtiges Raubtier. „Ich denke, er weiß instinktiv, dass wir mehr sind, als wir zu sein scheinen und das macht ihm Angst und Tiere die Angst haben, werden oft aggressiv.“

Evren guckte sich Streuner an und legte überlegend den Kopf schief. „Echt? Weißt du, dass das gar kein Mensch, sondern ein lila Drachen ist?“, fragte Evren mit einem Ernst in der Stimme, der Arlan alles abverlangte, damit er nicht vor seinem Prinzen laut lachte. „Hm, kann sein. Aber dann wird das doch immer so weiter gehen. Ich muss die beiden irgendwie gebändigt bekommen, wenn ich nicht Halligalli im Bett haben will.“ Oder er wanderte aus und ließ die beiden sich das Fell über die Ohren ziehen.

„Vielleicht sollten sie einmal die Fronten klären und die Rangordnung festlegen. Wenn eure Tiere so sind wie unsere, dann muss das sein. Ansonsten wird es nie Ruhe geben.“ Arlan kicherte nun doch, denn das Schauspiel, das sich ihm bot, war wirklich einmalig. Azhdahar bewegte sich und das Tier folgte ihm und machte deutlich, wie wenig es davon hielt.

„Ich soll die beiden sich fetzen lassen? Dann hatte ich mal 'ne Katze“, murmelte Evren, der stillschweigend davon ausging, dass Azhdahar es sicher nicht duldete, wenn man ihn kratzte oder biss - zumindest wenn man keine Drachendame war. „Ich denk mal drüber nach, ich schalte dann ab. Mach's gut“, sagte er und winkte Arlan. Dann schaltete er auch ab und wandte sich wieder seinem Drachen zu. „Los, macht die Ränge klar, aber wehe du tust Streuner weh“, sagte er also und grinste schief.

„Na das ist ja rührend, wie du dich um mein Wohlergehen sorgst. Dir ist schon klar, dass es sein kann, dass du Verletzungen abkriegen könntest, wenn ich das wirklich tue? Ich weiß nämlich nicht, ob ich das verhindern kann.“ Azhdahar sah Evren an. Wenn es sein musste, zog er das durch, denn so wie jetzt, konnte es nicht bleiben.

„Damit muss ich dann eben leben, aber ich habe keine Lust, dass ihr die ganze Nacht knurrt wie die Blöden, wenn ich schlafen will. Ich habe nämlich morgen noch ein paar Spießruten, durch die ich laufen muss und meine Vorgesetzte lauert sowieso darauf, mich absägen zu können. Wenn du dich kratzen lässt, dann an Stellen, die man nicht sieht.“ Evren setzte Streuner auf den Boden, damit er nicht doch noch auf Azhdahar sprang und warf sich nun selber auf die Couch. Ihm war danach.

Sein Kopf landete auf Azhdahars Schoß und der Prinz grinste kurz. Er strich Evren durch die Haare und streckte Streuner die Zunge raus. Aber auf eine Rauferei hatte er jetzt keine Lust, dafür fühlte er sich noch zu schlapp und das Risiko eingehen, zu verlieren, wollte er auf keinen Fall. „Warum will sie dich absägen? Hast du sie verärgert?“

„Japp, hab ich wohl“, murmelte Evren und guckte sich um. Streuner stromerte gerade beleidigt von dannen. Sicher warf er sich oben ins Bett und schlief. War es, weil Evren seine Gunst nun Azhdahar schenkte? Er zuckte die Schultern. „Ich bin ihr ein bisschen im Weg, auf dem Weg nach oben. Sie würde gern den Job meines Chefs übernehmen, wenn der in Rente geht. Leider fehlt ihr dafür noch ein bisschen das Fingerspitzengefühl und das Wissen. Und es stinkt ihr, dass ich mein eigenes Ding mache, sie nur selten einweihe und dafür mit meinem Chef gut klar komme. Aber sie hat schon den einen oder anderen von uns in die Pfanne gehauen und deren Entdeckungen als ihre eigenen ausgegeben, ohne dass man es ihr beweisen konnte. Keinen Bock auf solchen Mist“, knurrte Evren und ruckelte sich bequemer.

„Aha. Ich denke, ich mag diese Frau nicht“, knurrte Azhdahar und er verspürte den Drang, Evren zu beschützen. Sie sollte sich in Acht nehmen oder sie bekam eines Nachts Besuch von einem riesigen Drachen, nur hatte sie danach keine Gelegenheit mehr, das zu erzählen. „Sag mal, du hast doch etwas von einem Gabriel erzählt, als du bei uns aufgetaucht bist. Du hast geglaubt, dass er deine Entdeckung stehlen wollte. Ist das Gang und Gebe, dass betrogen wird?“

„Hey, du hast ja richtig was gelernt“, grinste Evren, als er zu Azhdahar nach oben guckte, doch dann nickte er und holte tief Luft. „Menschen können sehr nett sein. Es gibt Unmengen netter Leute, hilfsbereit, freundlich. Aber es gibt auch die, die mit allen Mitteln an die Spitze wollen und dabei die Schultern der anderen als Treppe benutzen. Gabriel ist der Handlanger von Antje und er arbeitet leider mit den gleichen Mitteln. Ich weiß, dass er gern ein Auge auf meinen Arbeiten hat und Werner, mein Chef, hat mir empfohlen, nur zu Hause die wirklich wichtigen Sachen zu bearbeiten und zu speichern. Auf den Institutsrechnern hätte das nichts verloren. Eigentlich auch traurig, dass es so weit geht, doch er unterstützt mich dabei total.“

„Die zwei sollen ja aufpassen. Sie sollten dich besser mit Respekt behandeln, denn sonst legen sie sich mit mir an und das kann unschön für sie enden.“ Azhdahars Blick verdunkelte sich und er raffte Evren etwas näher. „Dein Chef ist also nett. Meinst du, er könnte uns helfen, dass wir so schnell wie möglich nach Mexiko kommen?“

„Ich glaube schon. Er ist der einzige, der bis jetzt weiß, dass ich den Opfertempel, den er nur vermutet hatte, wirklich gefunden habe. Die Bilder habe ich zum Glück hier und schon auf meinen Rechner geladen, aber die anderen haben keinen Schimmer davon. Offiziell war ich nämlich in Mexiko, um in den Bibliotheken nach alten Schriftstücken zu suchen.“ Evren lachte, als er sich das vor Augen führte. Das war fast wie ein Krimi mit falschen Fährten und allem was dazu gehörte. Aber so lange er Werner hinter sich wusste, solange war das Arbeiten gar nicht so übel. „Außerdem sind die anderen im Institut auch sehr nett. Nur stehen sie eben alle in der Hierarchie etwas tiefer und so gehen sie den beiden eben lieber aus dem Weg und machen es wie ich.“ Leider konnte man sie auch nicht entlassen, weil ihnen keine Verfehlungen nachgewiesen werden konnten.

„Vertraust du ihm genug, dass wir ihm von mir erzählen können, wenn nötig?“ Wenn sie einen Verbündeten hatten, war das nicht schlecht und Azhdahar überlegte schon, wie sie in dem Falle vorgehen sollten. Die einfachste Methode, diesen Menschen zu überzeugen, war wie bei Evren auch, indem man ihm die Drachen zeigte. Dazu brauchten sie einen leistungsfähigeren Transporter, aber das war das kleinste Problem, den konnte Arlan schicken.

„Ich vertraue Werner, doch ich weiß nicht, wie er auf die Existenz von Drachen reagieren würde. Wenn ich ihm das nur sage wird er grinsen, mir meinen Whisky streichen und mir über den Kopf streichen, mit dem Hinweis, ich sollte billige Sorten meiden. Er glaubt nur, was er sieht.“ Doch wirklich eine gute Idee war das sicher nicht. Dabei war Werner weniger seine Sorge als die, die es zufällig noch erfahren konnten.

„Wir werden sehen.“ Azhdahar zog Evren so, das er die Arme um ihn legen konnte und sie mehr Körperkontakt hatten, denn er merkte, dass die Nähe ihm gut tat. „Ein richtiger Wissenschaftler also. Genauso wie du. Du hast es auch erst geglaubt, als du uns gesehen hast. Wenn es sein muss, schicken wir ihn zu Arlan.“

„Du willst ihn nach Gidoria schicken, nur damit er uns glaubt?“ Evren hob eine Braue und wusste nicht, was er sagen sollte. Sicher, Verbündete konnten die Drachen auch auf der Erde gebrauchen, denn allein bekamen die Menschen das Ruder nicht mehr herum gerissen, doch war Werner dafür der Richtige? Er arbeitete lieber im Hintergrund, mied große Menschenmassen. Ob er das richtige Sprachrohr war?

„Wenn es sein muss. Aber nur wenn es wirklich sein muss.“ Azhdahar zuckte mit den Schultern. Das musste Evren entscheiden. Er kannte diesen Werner nicht, aber diese Option sollten sie sich offen halten. „Wir sollten sowieso ein Portal nach Gidoria von hier aus einrichten. Kann praktisch sein, wenn wir wirklich öfter hin und her reisen wollen. Immer nach Afrika reisen ist doch aufwendig.“

„Hier?“, fragte Evren etwas irritiert. „In meiner Wohnung? Ist das dann auch so groß wie das in der Wüste? Das würde mich nämlich davon abhalten, es zu errichten und es dafür irgendwo anders hin setzen.“ Er sah sich um und malte sich aus, wie ein solcher Torbogen hier aussehen würde. Und was war, wenn sich das Tor plötzlich von selbst aktivierte? Was, wenn der König oder sonst jemand plötzlich in seiner Wohnung stand? Nein, das wollte er nicht!

„Nein, so groß wäre das Tor nicht. Das würde doch gar nicht hier rein passen. Es wäre so ähnlich wie die kleinen Portale, nur größer vom Durchmesser und mit mehr Kristallen.“ Azhdahar plante wie ganz selbstverständlich, dass Evren und er weiter zusammen blieben und zwischen den Welten wechseln konnten, wie es ihnen gefiel. Doch davon ahnte Evren nichts, denn der ging nur davon aus, dass auch Arlan einmal kommen und sich umsehen würde.

„Aha, okay.“ Suchend sah Evren sich in seiner Wohnung um, denn er hatte noch keinen Schimmer, wo er dafür Platz finden würde. Es musste ringsherum genügend Raum sein, dass man durch das Portal treten konnte, ohne gleich irgendwo dagegen zu laufen oder etwas runter zu reißen. „Vielleicht oben im Gästezimmer. Dann kann man das dort einrichten.“ Schließlich musste auch nicht jeder seiner Besucher gleich das Portal sehen und dumme Fragen stellen. Allen voran seine Eltern.

„Wird sich schon was finden.“ Jetzt brauchten sie sich darum noch keine Gedanken machen, aber etwas anderes fiel ihm dabei ein. „Wie machen wir das, wenn wir die Umagal gefunden haben. Sie muss durch das Portal und wenn sie so weit von mir weg ist, wird es unangenehm für mich. Wie kommen wir dann nach Gidoria? Bleibt nur ebenfalls das Portal, aber dann kann sich unser Blut weiter vermischen.“ Der Prinz war ein wenig ratlos, denn so weit hatten sie noch gar nicht gedacht.

„Hä?“, konnte Evren nur irritiert machen. Er hatte kein Wort von dem verstanden, was Azhdahar hatte sagen wollen. War das überhaupt deutsch gewesen? „Wer mischt wen und wer geht durchs Tor?“, fragte er etwas verwirrt und richtete sich auf, um dem Drachen ins Gesicht sehen zu können. Vielleicht verstand er ja besser, was der Prinz meinte, wenn der Kopf weiter oben war.

„Wenn wir in Mexiko sind, ist der einzige Weg für uns, nach Gidoria zu gelangen, das Echsenportal.“ Azhdahar wusste zwar nicht, was an dem, was er gesagt hatte, jetzt unverständlich gewesen war, aber er erklärte es noch einmal. „Wenn die Umagal durch ist, werde ich die Entfernung zu ihr sofort spüren, ich muss ihr also gleich hinterher und du wahrscheinlich auch, weil wir verbunden sind. Dabei vermischt sich unser Blut höchstwahrscheinlich noch einmal.“

„Und was spricht dagegen, das komische Vieh zu fangen, es mit hier her zu nehmen, das normale Portal zu benutzen und dann erst auf Gidoria euer Blut zu mischen?“, fragte Evren, weil er den Weg, den Azhdahar erwähnte, nicht gehen wollte - schon allein, weil er dann wieder ohnmächtig werden würde und die Reise nicht gerade bequem gewesen war. Das große Portal war wesentlich angenehmer zu bereisen.

„Wenn das ginge, könnten wir auch die Echsen nehmen, die auf Gidoria leben. Sie muss durch das Portal und sie muss sich an den Zacken dort ritzen, damit ihr Blut auf mich übertragen werden kann. Nur so findet die Vermischung statt.“ Azhdahar wäre es auch anders lieber, aber das hatten sie alles schon probiert und es hatte nicht funktioniert. „Ich muss ihr wahrscheinlich gleich hinterher.“

„Na klasse. Noch mehr Drachenblut in meinem Körper“, murmelte Evren, denn auch er verstand langsam das Problem an der Sache. „Und wenn wir ein Portal mitnehmen? Während du mit der Echse da durch gehst, gehe ich durch das Portal. Ich muss mich nicht ritzen und alle kommen an. Ginge das nicht?“ Nicht dass er was gegen Azhdahar hatte, aber ständige Mitwirkende beim Sex oder blaue Flecken, wenn der andere sich stieß, war auf die Dauer nicht verlockend.

„Theoretisch ginge das schon, nur ich weiß nicht, wie groß und schwer so ein Transporter ist.“ Azhdahar kratzte sich an der Nase und überlegte. Er wusste, dass sie jetzt wesentlich kleiner waren, aber wie groß, konnte er auch nicht sagen. „Das ist wirklich ein Problem, weil wir auch nicht wissen, wie sich das auswirkt, wenn ich das Blut der Umagal und noch einmal dein Blut bekomme.“

„Warum darf mich dieser Drache ungestraft verwirren?“, murmelte Evren, der nicht mehr folgen konnte. „Erstens: wenn Arlan über den Transporter eine solche Plattform hier hin schicken kann, warum nicht auch in den Dschungel? Und außerdem? Warum kriegst du noch einmal mein Blut? Ich gehe nicht durch das Portal, das Blut fordert.“ Evren sah voll verwirrt aus und er musste sich nicht einmal Mühe geben. Er hatte schließlich nicht vor, noch einmal Blut unfreiwillig abzugeben.

„Hey, ich mach das nicht extra, ich will nur nicht unvorbereitet sein.“ Azhdahar nahm Evren seine Worte nicht übel, denn er hatte Recht. Er war einfach von falschen Voraussetzungen ausgegangen. „Stimmt, wir können ja das kleine Portal mitnehmen und Arlan kann uns dann das große Portal nach Mexiko schicken und so bekomme ich dein Blut nicht mehr, nur wenn wir beide durch das Echsen-Tor müssen.“

Evren lachte. „Gut, jetzt habe ich das auch verstanden. Brav!“ Er tätschelte und lobte den Drachen für seine verständlichen Ausführungen. „Am besten besprechen wir unsere Pläne mit Arlan und hören auf, uns jetzt den Kopf zu zerbrechen.“

„Das ist nicht so einfach. Von der Sache hängt viel für mich ab. Ich kann einfach nicht alles auf mich zukommen lassen. So vieles kann schief gehen, weil es das noch nie gegeben hat.“ Azhdahar wollte Evren keine Angst machen, aber er selber war sehr unsicher und dann kreisten seine Gedanken und machten ihn verrückt.

„Und was hast du jetzt davon, dass du dir den Kopf zerbrichst über Dinge, von denen du auch nicht weißt, wie sie funktionieren? Von den Kopfschmerzen mal abgesehen?“, fragte Evren und strich seinem Prinzen durch die Haare. Irgendwie tat er ihm Leid. Es war ja nicht so, dass er nicht verstand, aber sich verrückt zu machen, hieß sich blind für andere Wege zu machen. Sie würden schon einen Weg finden.

„Stimmt schon, es bringt nichts, aber es ist schwer, abzustellen. Sobald ich Ruhe habe, fangen meine Gedanken an zu kreisen.“ Azhdahar legte seinen Kopf auf Evrens Schulter und seufzte. Da hatte er sich mit seiner unbedachten Äußerung, dass er die Echse suchte, ja was eingebrockt und auch nur, weil sein Vater ihn gereizt hatte. Er musste wirklich daran arbeiten.

„Kein Problem, mein Gefährte“, lachte Evren frech, „ein Wort genügt und du hast Streuner wieder. Er wird bestimmt seinen hellen Spaß daran haben, dich auf Trapp zu halten und dich vom Grübeln abzuhalten. Soll ich ihn rufen? Ich würde das gern für dich tun.“ Dabei grinste der Mensch auch noch hinterhältig, versuchte sich aber an einem scheinheiligen Blick.

„Besser nicht, wenn du dieses kleine Raubtier behalten willst.“ Der Prinz knuffte Evren in die Seite und brummte. „Mach das, wenn es mir wieder besser geht, dann werde ich mich eh mit ihm einigen müssen, wer hier was zu sagen hat. Nur glaube ich nicht, dass das sehr einfach wird. Er kann mich einfach nicht leiden und er will mich nicht hier haben.“

„Arlan sagt, das liegt daran, dass du ein Drachen bist und der Kleine spürt, dass du mehr bist, als du vorgibst. Oder er kann dich einfach nicht leiden.“ Evren zuckte die Schultern und wusste nicht, was er noch sagen sollte. Das Thema Mexiko war erst einmal vom Tisch, Streuner schlief. „Was machen wir jetzt? Mir ist langweilig. Vorschläge?“

„Wahrscheinlich beides.“ Azhdahar lachte leise und richtete sich wieder auf. „Alles, was körperlich anstrengt, fällt heute aus. Auch wenn die Filter helfen, so bin ich doch noch ziemlich schlapp. Wenn du dich mit etwas zufrieden gibst, was keine große, körperliche Anstrengung verlangt, bin ich dabei.“

„Womit leidenschaftlicher Sex schon mal ausfällt“, stichelte Evren, doch er griff sich seine Fernbedienung und durchsuchte die Festplatte mit gespeicherten Filmen und Sendungen, die ihn interessiert hatten. „Gucken wir eben ein bisschen was an“, murmelte er und hatte schnell eine gut gemachte Dokumentation über die Dinosaurier gefunden. Vielleicht war das ja was für Azhdahar.

„Ja, leider. Ich könnte mal wieder welchen gebrauchen.“ Der Prinz seufzte und sah Evren interessiert zu, denn so wusste er, wenn er alleine war, wie er den Fernseher bedienen musste. „Oh, Dinosaurier“, rief er aus, als er die ersten Bilder sah und zog Evren wieder zu sich. „Wie geht das denn? Die sind doch schon lange ausgestorben, hast du gesagt.“

„Das sind keine echten. Das ist so ähnlich wie eure Bildtelefone, wo man dann den anderen sehen kann. Diese Bilder wurden am Computer nach alten Knochenfunden und viel Forschung nachgebaut und zum Laufen gebracht. Es ist so eine Art Trickfilm. Also nichts richtig Lebendes gefilmt, sondern etwas Künstliches“, eierte Evren herum und konnte das doch nicht richtig erklären.

Deswegen guckte Azhdahar auch ein wenig überfordert, aber dann zuckte er mit den Schultern. „Wenn du das sagst. Aber ist egal, es gefällt mir. Wir können das ja mal mit den Aufzeichnungen vergleichen, die unsere Wissenschaftler gemacht haben, als sie auf der Erde waren. Das wird bestimmt lustig, zu sehen, wie sehr Fantasie und Wahrheit übereinstimmen.“

„Ja, vielleicht sollten wir das mal machen. Mal sehen, was für Lügen alles an den Tag gebracht werden. Vielleicht konnten die Dinos ja sogar sprechen, wenn sogar Drachen sprechen können.“ Evren rutschte in seine Ecke der Couch und suchte mit den Augen nach etwas zu trinken. Die Wärme in der Wohnung machte ihn kirre. Also musste er sich noch einmal erheben, dunkelte dabei mit der Fernbedienung die Fenster ab und warf Hose und Shirt von sich. „Warm“, kommentierte er kurz angebunden und ließ sich mit einer Flasche Wasser in der Hand wieder in seine Ecke fallen.

„Gerade so angenehm, dass ich nicht friere.“ Azhdahar zog sich die Decke ran und breitete sie wieder über sich aus. Er rutschte ein wenig rum und zog schließlich Evren zu sich. Er mochte nicht alleine gucken und solange Evren nicht unter der Decke mit ihm lag, war ihm auch nicht zu warm. „Haben wir noch Käsebällchen?“, fragte er, denn langsam bekam er wieder Appetit.

„Was willst du von meinen Käsebällchen? Arlan hat für dich was anderes geschickt“, sagte Evren und sah gierig auf seine Schüssel. Noch war der versprochene Nachschub nicht da und deswegen war er mit dem letzten, kläglichen Rest auf dem Couchtisch ziemlich geizig.

„Essen?“ Azhdahar wusste ganz genau, dass er Evren damit ärgerte, aber gerade das machte Spaß. „Was hat er denn geschickt?“, fragte er aber trotzdem, denn er sollte wohl wirklich langsam etwas essen. Er war sowieso schon geschwächt, da brauchte sein Körper etwas.

„Guck bitte selber in die Behälter, ich habe sie nur weggestellt. Sicher ist da Fleisch drinnen - etwas, das in meiner Wohnung normalerweise nichts zu suchen hat. Das gestatte ich nur, weil du krank bist. Sobald es dir besser geht, isst du das vor der Tür“, erklärte Evren und erhob sich eilig, damit Azhdahar nicht sein Grinsen sah. Um seine Käsebällchen zu retten, holte er sogar das Zeug aus dem Kühlschrank.

„Hmm.“ Azhdahar nahm die Behälter entgegen und sah hinein. In allen war etwas, was er gerne aß. Vor allen Dingen Fleisch, aber auch Gemüse. „Das ist ja ganz kalt.“ So mochte er das nicht und er schob es angewidert weg. Kaltes Fleisch ging ja noch, aber alles andere war recht eklig.

Angenervt knurrte Evren und griff sich die Fernbedienung, um den Film zu stoppen. „Langsam kann ich verstehen, warum deine Mutter nur ein Kind hat. Du bist ja anstrengend“, murmelte er und griff sich die Behälter wieder. Da er mal stillschweigend davon ausging, dass dieses Material nicht mikrowellentauglich war, füllte er alles um und schob es in das kleine Gerät, um es aufzuwärmen - vielleicht hatte er dann endlich die Chance, auf ein paar Minuten Ruhe.

„Hättest auch sagen können, wie ich das machen muss“, grummelte Azhdahar ein wenig eingeschnappt. Was konnte er denn dafür, wenn ihm kaltes Essen nicht schmeckte. Er beobachtete Evren dabei, wie er die Mikrowelle einstellte, damit er das das nächste Mal selber machen konnte.

„Lass mal“, murmelte Evren, vermied es aber zu erklären, dass er keine Lust auf große Erklärungen hatte, sondern einfach nur noch ein bisschen seine Ruhe wollte. Es war ungewohnt für ihn, ständig jemanden um sich zu haben. Er war Single und das mit Absicht, er genoss seine Freiheit. Nun ständig Rücksicht nehmen zu müssen, aufzupassen, was man sagte oder tat, war ziemlich anstrengend.

„Danke“, murmelte Azhdahar, als Evren ihm den dampfenden Teller und Besteck gab. „Das ging ja schnell.“ Er setzte sich an den Tisch zum Essen, von dort aus konnte er den Fernseher auch sehen. Evren wirkte so, als wenn er lieber alleine war. Das versetzte dem Prinzen zwar einen Stich, aber er konnte es verstehen. Ihm ging es oft auch nicht anders.

„Ja, dafür sind die Dinger da. Wellen bringen die Moleküle im Wasser zum Schwingen und erzeugen dadurch Wärme. Simpel aber funktioniert“, sagte er und beobachtete den Prinzen weiter, wie er ordentlich am Tisch saß. Er war der erste Gast, der das tat. Alle anderen lümmelten auf der Couch beim Essen. Da spürte man eben die Erziehung.

„Aha.“ Azhdahar blickte Evren kauend an und nickte. Jetzt hatte er richtig Hunger, darum aß er erst einmal weiter und guckte nebenher weiter den Film. Als sein Teller leer war, war er gut satt und merkte, dass er wieder müde wurde. Er konnte sich nicht mehr richtig auf den Bildschirm konzentrieren und er musste immer wieder gähnen. Evren beobachtete ihn dabei und schmunzelte. „Willst du nicht lieber ins Bett gehen? Dann bring ich Streuner hier runter und du kannst schlafen.“ Er selber wurde auch langsam müde und den Film konnten sie auch im Bett weitersehen - wozu hatte er im ganzen Haus Bildschirme verteilen lassen?

„Glaubst du, dass der Kurze das so einfach zulässt?“ Azhdahar hob skeptisch eine Augenbraue, aber er nickte. Er hatte auf dem Flug nicht viel geschlafen und nun musste er wohl ausruhen. „Schlafen wäre nicht schlecht“, gähnte er und stand auf. „Wohin mit dem Teller?“, fragte er, denn Evren hatte keine Angestellten, die aufräumten.

„Die Klappe neben dem Herd. Einfach verkehrt herum rein stellen.“ Evren kratzte sich über den nackten Bauch und streckte sich, doch dann erhob auch er sich wieder. Die Frage war berechtigt, wie Streuner jetzt auf Azhdahar im Bett reagieren würde. Am besten legte er sich in die Mitte - zwischen die beiden Streithähne. Vielleicht war das ein Kompromiss.

„Du kannst hier unten das Bad benutzen oder oben. Zahnbürsten und so was findest du im Schrank. Bedien dich.“

„Gehen wir nach oben.“ Suchend sah Azhdahar sich um, denn was der Herd war, konnte er nicht sehen, also öffnete er einfach ein paar Klappen und als Evren zustimmend nickte, stellte er seinen Teller da rein. Er streckte sich einmal und ging zur Couch, denn dort standen seine Wasserflaschen. „Auch eine?“, fragte er und nahm für sich eine. Wahrscheinlich brauchte er sie nicht, aber man wusste ja nie.

„Ich hab oben welche, danke.“ Evren raffte seine Klamotten, die er von sich geworfen hatte und ging langsam nach oben, vorbei am Wirtschaftsraum und grinste. „Das da wäre dein Platz“, lachte er leise, doch er bestand nicht darauf. Azhdahar hatte mit Streuner schon genug Probleme am Bein.

Azhdahar knurrte nur, aber als er Evren grinsen sah, verpasste er ihm einen Klapps auf den Hinterkopf. „Ich werde da nicht schlafen“, lachte er und folgte seinem Menschen durch das Haus, sah sich dabei aufmerksam um. Evrens Wohnung gefiel ihm. Alles war mit sehr viel Geschmack eingerichtet. Sein eigenes Zimmer auf Gidoria mochte er nicht sehr, aber das war immer noch so, wie es übergeben worden war, und so wenig, wie er sich eigentlich dort aufhielt, war es ihm bisher egal gewesen, wie es aussah.

„Das werden wir noch sehen“, lachte Evren leise und wies mit der Hand auf die Tür zum Bad. „Handtücher, Duschgel. Such dir was aus und mach dich fein.“ Doch Evren ging erst einmal zum Bett, wo Streuner gerade auf dem Rücken lag und allen Ernstes schnarchte. Das hatte er auch noch nicht gehört. Lachend setzte er sich neben den Kater und schob ihn vorsichtig etwas zur Seite.

Azhdahar sah sich im Bad um und hatte nach ein wenig probieren raus, wie die Dusche funktionierte. Das warme Wasser tat ihm gut, darum blieb er ein wenig länger dort. Nackt kam er aus dem Badezimmer und da fiel ihm ein, dass er wohl besser noch einige von den Filtern holen sollte. Darum stieg er die Treppe schnell wieder runter und holte sie. Wieder oben, blieb er in der Tür zum Schlafzimmer stehen und sah auf Evren, der neben Streuner lag und ihn kraulte.

„Na, wieder da?“ Evren sah sich kurz zu ihm um und grinste. „Ich besänftige das Raubtier für dich.“ Doch er musste sich erheben, denn auch er hatte noch eine Dusche und eine Zahnbürste nötig. Doch er stellte für Azhdahar schon den Fernseher und den Film von vorhin ein. Erst jetzt ging ihm auf, dass der Drache nackt durch die Gegend flitzte und grinste. „Zieh dir was an, sonst gibt es Gerede, wenn einer durchs Fenster guckt“, lachte er frech und warf ein Kissen nach dem Prinzen.

„Hey, ich brauch mich nicht verstecken“, lachte der Prinz und fing das Kissen auf. Er kam zum Bett und sah auf Streuner runter, der zu spüren schien, dass sein Feind in der Nähe war, denn er wurde unruhig, auch wenn er nicht aufwachte. „Ich glaube nicht, dass das funktioniert.“ Ein wenig skeptisch legte er sich hin und strich dann doch durch das weiche Fell. Noch immer konnte er nicht fassen, wie weich es war, darum begann er vorsichtig den kleinen Kater zu streicheln.

„Ich lass euch alleine, ich bin im Bad.“ Hoffentlich brachten sich die beiden nicht um. Evren sah noch einmal zurück, während er im Bad verschwand, doch er nahm sich nicht viel Zeit. Er duschte, putzte sich die Zähne - alles zusammen und kam fast tropfnass zurück ins Schlafzimmer, wo es verräterisch still war. Kein Fauchen, kein Schimpfen. War Streuner schon tot?

Aber der kleine Kater erfreute sich bester Gesundheit, schlief immer noch und wurde gestreichelt. Azhdahar war sehr vorsichtig, damit der Kampfkater nicht aufwachte und er aufhören musste. An das Gefühl, durch das weiche Fell zu streichen, konnte er sich wirklich gewöhnen. Ein kleines Lächeln lag auf seinem Gesicht und wenn Streuner es nur wollte, konnten sie Freunde werden.

„Soll ich euch allein lassen?“, lachte Evren und wischte sich nachlässig mit dem Handtuch über den Bauch. Eigentlich kroch er immer nackt ins Bett, aber in ihrer augenblicklichen, reizüberfluteten Situation hielt er selbst das für keine gute Idee. Das Handtuch landete auf der Heizung und er stellte sich für morgen Früh sicherheitshalber den Wecker. Doch die Weckzeit war immer nur ein Richtwert, denn sein Bett maß die ganze Nacht seine Biodaten und entschied, wann der beste Zeitpunkt zum Wecken war, damit das Aufstehen leichter fiel.

„Nein, besser nicht, denn wenn er wach wird, ist es mit dem Frieden vorbei.“ Azhdahar fand das schade, denn so friedlich gefiel ihm diese Katze. Sie war ein richtiger Jäger und das gefiel ihm. Er sah zu Evren, der sich eine Shorts anzog. Das Tattoo war vollkommen verheilt, was zeigte, dass sein Blut schon anfing, seine Wirkung zu entfalten. „Hast du auch eine für mich?“, fragte er, denn sein Rucksack lag unten und ihn zu holen, hatte er keine Lust.

Mit vor der Brust verschränken Armen stand Evren neben der Tür zu seinem begehbaren Schrank und grinste den Prinzen an. „Was passiert, wenn ich nein sage? Kommst du dann nackt ins Bett? Damit Streuner den kleinen, dicken Wurm fangen kann?“, fragte er und konnte sich vor Lachen kaum halten. Doch er verschwand lieber im Schrank, um etwas zu suchen, ehe noch das halbe Bett geflogen kam und ihn nieder streckte.

„Nackt macht mir nichts aus, aber gegen Krallen an meinem besten Stück hätte ich schon was.“ Azhdahar strich noch einmal durch das Fell, dann erhob er sich vom Bett. Sie konnten wohl nur hoffen, dass Streuner nicht so schnell aufwachte. „Wo soll ich liegen?“, fragte er, als Evren wieder ins Zimmer kam und ihm eine Hose zuwarf.

„Ich werde in der Mitte schlafen und ihn beschmusen. Dann gibt er Ruhe und du bist hinter meinem breiten Rücken sicher, kleiner Prinz“, lachte Evren und rollte die Schultern. Endlich wieder sein eigenes Bett! Sein Körper freute sich und so beeilte er sich, ins Bett zu kommen.

„Wie heroisch“, grummelte Azhdahar, der es gar nicht schätzte, kleiner Prinz genannt zu werden. „Bin nicht klein“, muffelte er noch und schlüpfte in die Shorts. Er ließ für Evren Platz und krabbelte schon unter die Decke, denn hier oben war es kühler als unten und er fror schon wieder.

„Ach komm, kleiner Prinz“, grinste Evren und suchte schnell noch zwei weitere Decken. Eine für sich, weil er nicht mit einem anderen die Decke teilen konnte, das machte ihn kirre und eine weitere für den frierenden Drachen. Nicht dass der seine kalten Füße zu Evren unter die Decke steckte. Da war er empfindlich und schreckhaft.

Dankbar mummelte Azhdahar sich ein und gähnte. Jetzt wo er lag, konnte er kaum noch die Augen offen halten. „Danke“, nuschelte er und knuffte sich das Kopfkissen zu Recht, damit er bequem schlafen konnte. „Schlaf gut“, murmelte er noch, wenn auch schon halb schlafend, so dass man es nicht mehr richtig verstehen konnte und war auch schon eingeschlafen.

Evren schob sich vorsichtig zwischen ihn und den kleinen Kater und schloss auch langsam die Augen. „Schlaf gut“, murmelte er und zog Streuner dichter zu sich. „Na Süßer? Wirst du langsam warm mit dem Drachen?“ Doch der Kater schnurrte nur laut und wohlig, er hatte das Schmusen wohl auch vermisst. Es dauerte nicht lange, da war auch Evren eingeschlafen.



26

„Hier arbeitest du?“ Azhdahar blieb stehen, damit er sich das Gebäude besser ansehen konnte. Heute fühlte er sich wieder richtig fit. Er trug zwar noch die Filter, aber eigentlich brauchte er sie nicht mehr. Der Weg hierher war schon aufregend gewesen, denn sie waren mit der U-Bahn gefahren. Der Prinz hatte sich nichts darunter vorstellen können, als Evren ihm davon erzählt hatte. Dass es ihm gefallen hatte, konnte Azhdahar nicht sagen, denn er mochte diese Enge in den überfüllten Wagen nicht und er war wirklich froh, als sie wieder aussteigen konnten. Aber abgesehen von ihrer eigenen Art des Transportes war es ziemlich fix.

„Ja, hier arbeite ich und tu mir bitte zwei Gefallen: Nichts anfassen, das schließt mich und die anderen ein und bitte führ dich nicht auf wie ein Prinz.“ Evren war extrem nervös, denn der Prinz konnte unberechenbar sein. Er wusste, dass das bei Azhdahar keine Absicht war, es war eben seine Art, sich nichts gefallen zu lassen. „Und wenn dich jemand fragt, so hast du viele Jahre deines Lebens im mexikanischen Dschungel gelebt und musst dich erst an Städte gewöhnen.“ Hoffentlich ging das gut und Azhdahar erregte nicht zu viel Interesse, doch die alte Sprache konnte er ja - zur Not musste er eben mit einer Fremdsprache abblocken. Denn Interesse nährte Neugier und Neugier suchte nach Informationen und das könnte bei Azhdahar ihnen beiden ziemlich das Genick brechen.

„Na los“, motivierte er sich und nickte dem Prinzen zu. Hoffentlich ging das gut! Aber Werner wollte ihn sehen, es musste sein.

„Ich werde versuchen, es mir zu merken“, murrte Azhdahar, denn diesen Vortrag hatte er heute schon ein paar Mal gehört. Er regte sich aber nicht auf, weil er merkte, wie nervös Evren sowieso schon war. Irgendwie klappte das schon und wenn alles so klappte, wie sie das geplant hatten, brauchten sie auch nicht so oft hier her. „Wo gehen wir denn als erstes hin? Zu diesem Werner oder in dein Büro?“, fragte er und folgte Evren in das Gebäude.

„Ich werde mich erst mal im Büro blicken lassen. Dich kann ich in der Ausstellung lassen, wenn du willst, da kannst du dich umsehen. Werner hat bis elf noch eine Telefonkonferenz, dann hat er für mich Zeit“, erklärte Evren und öffnete die Tür. „Die Ausstellung ist da drüben, in der kleinen Halle. Ich gehe da die Treppe hoch. Wenn was sein sollte, komm einfach hinterher.“ Er knuffte Azhdahar gegen die Schulter und grinste ihn schief an.

„Okay.“ Azhdahar grinste zurück, auch wenn ihm nicht ganz wohl dabei war, dass Evren ihn alleine ließ. Im Moment war niemand zu sehen, aber das hieß ja nicht, dass das so blieb und wenn derjenige dann Fragen stellte, was er denn da machte und so was, konnte das unangenehm werden, schließlich war er im Umgang mit den Menschen hier nicht sehr geübt. Aber er hatte ja die Möglichkeit, sich auf Evren zu berufen, zu dem würde er denjenigen dann schicken.

Doch der hastete die Treppe nach oben und verdrehte schon die Augen, als er Antjes Stimme hörte. Warum war ihm das nicht erspart geblieben? Doch er straffte sich, setzte ein gewinnendes Lächeln auf und schritt auf das große Büro zu. „Guten Morgen“, wünschte er und sah sich suchend um, doch außer Antje und Gabriel war keiner da. Warum das denn?

„Evren?“, kam es nicht sehr erfreut gleichzeitig von beiden und Antje sah ihn missbilligend an. „Was machst du denn hier, ich denke, du bist in Mexiko? Hast du nicht gefunden, was du suchen solltest? Ich habe Werner ja gleich gesagt, dass er besser Gabriel geschickt hätte.“ Sie gab sich keine Mühe, ihre Abneigung zu verbergen. Warum auch. Dieser Kerl war doch nur ein Stümper, der doch nur noch hier arbeitete, weil Werner seine schützende Hand über ihn hielt.

„Antje, auch dir einen schönen Tag.“ Evren ließ sich nicht beirren. Er hatte zwar zu erklären, wo er war und was er machte, doch die Entscheidung blieb nun einmal Werner überlassen. „Schade, dass man es vorgezogen hat, dich nicht zu unterrichten. Aber ich habe Werner bereits erklärt, dass ich Bücher brauche und ein paar Aufzeichnungen über ein paar Festungen. Dummerweise hat die jemand bei sich zu Hause, so dass es nicht möglich war, sie mir per Post zukommen zu lassen. Deswegen bin ich hier und fahre erst in ein paar Tagen wieder zurück, wenn ich die Bücher und die Übersetzungen, die ich noch benötige, zusammen habe.“ Dass diese Bücher bei Gabriel lagen, musste er nicht sagen - das wussten alle drei.

„Was soll das denn heißen?“, schnappte Gabriel auch gleich. „Eine Anfrage hätte doch gereicht und die Bücher wären dir geschickt worden. Aber da verpulverst du lieber die Institutsgelder für Flüge hin und her. Da brauchen wir uns nicht zu wundern, dass die Zuschüsse bei so einer Verschwendung immer weiter gekürzt werden.“

„Mach mal nicht so viel Wind, mit deinem kurzen Hemd. Nur für den Fall, dass dir das entgangen sein sollte: den Flug haben Werner und ich allein bezahlt. Der wird auf keiner Abrechnung auftauchen. Bitte informiere dich, Gabriel, ehe du wieder Gerüchte streust, die dir eines Tages noch das Genick brechen werden.“ Denn was Gabriel nicht wusste war, dass Werners Sohn, als Mitarbeiter einer Fluggesellschaft, Flüge nicht nur extrem preiswert für seinen Vater buchen konnte, er konnte auch seine Bonusmeilen, die er selber nicht brauchte, übertragen. Insofern waren die Flüge durchaus aus der Portokasse zu bezahlen, aber das musste nicht jeder wissen.

„Pff“, machte Gabriel nur und kurz war ihm anzusehen, wie sehr es ihn ärgerte, dass Evren nicht beizukommen war. Immer wieder hatte er es versucht, genauso wie Antje auch, aber bisher war alles wirkungslos an Evren abgeprallt. Werner schütze ihn.

„Werner hat keine Zeit“, brummte er noch und hoffte, dass dieser Störenfried wieder ging.

„Ach ehrlich?“, sagte Evren und wirkte dabei sehr überrascht, grinste dann aber. „Hab ich ja noch mal Glück, dass ich einen Termin bei ihm gemacht habe, hm?“ Er schüttelte den Kopf und ging rüber ans Regal, wo er noch zwei wissenschaftliche Arbeiten suchen wollte, die er brauchte. Gern hätte er sich noch mit Jan unterhalten, der diese Werke verfasst hatte, doch er musste nachher erst einmal Werner fragen, wo die ganzen Leute aus dem Büro waren.

Gabriel sagte nichts dazu, aber die Blicke, die Evren folgten, konnten töten. Antje sah Gabriel verschwörerisch an und räusperte sich. „Hast du denn überhaupt schon etwas in Erfahrung bringen können oder hast du die letzten Tage dort vollkommen verplempert?“, fragte sie, denn wenn es so war, konnte sie das irgendwann einmal gegen Evren verwenden. Allerdings hatte Werner seinen Schützling auch auf Derartiges vorbereitet und so sah er sich nur kurz um, während sein Finger weiter suchend über die Buchrücken strich. „Das wird Werner als erster erfahren, denn es war sein Auftrag. Wo kämen wir hin, wenn ich jedem die Ergebnisse noch vor dem Auftraggeber mitteilen würde?“

So weit kam es noch, dass er Antje wieder in die Hände spielte. Das war noch gut gegangen, als er frisch hier angefangen hatte. Mittlerweile - dank Werner - wusste er, wie der Hase lief. „Wenn er es dann für richtig befindet, dass ihr erfahrt, was vor Ort raus gekommen ist und was in den Bibliotheken des Landes zu holen ist, wird er es euch sagen.“

„Wie du meinst.“ Antje schäumte vor Wut, denn sie hatte die versteckte Anschuldigung sehr wohl verstanden. Wenn es nach ihr ginge, würde Evren ganz bestimmt nicht mehr hier arbeiten und auch in keinem anderen angesehenen Institut. Dafür würde sie sorgen, aber solange Werner ihn protegierte, kam sie nicht an ihn heran. Das hieß aber nicht, dass sie ihn um sich ertragen musste. „Wir haben noch was zu besprechen“, sagte sie und machte mit dem Kopf eine Bewegung zur Tür.

„Oh, wichtige Meetings? Gehen wir heute Mittag zum Thai oder zum Italiener?“, lachte Evren und schüttelte den Kopf. Antje war wirklich nur gut im Darstellen. Arbeit im wissenschaftlichen Bereich hatte sie noch nicht geleistet. Sie kontrollierte nur, was andere ablieferten, doch mehr als die Rechtschreibfehler fand sie oft nicht, denn ihr fehlte das Fachwissen. Aber so war das, wenn man selbst protegiert wurde, denn ihr Vater war Lehrstuhlinhaber an der Uni, der einzige Grund, der ihr zu einem unbefristeten Arbeitsvertrag geholfen hatte.

„Dann meetingt mal noch fleißig.“ Er griff sich die beiden Bände und verschwand. Böse war er nicht darüber, dass er Antje nicht weiter ertragen musste.

„Arsch“, knurrte sie ihm leise hinterher, aber so, dass außer Gabriel sie keiner hören konnte. Sie mussten wirklich langsam etwas tun, denn Evren war ihr viel zu selbstsicher und leider auch unangreifbar. Sie sollte ihn wohl wirklich im Auge behalten, vielleicht fand sie etwas, das sie gegen ihn verwenden konnte. Die anderen im Büro hatte sie langsam so weit gehabt, dass sie ihr gefolgt waren, sie hatten ihr Rapport geleistet und sie hatte sich raussuchen können, was sie davon auf ihre Fahnen schrieb. Mit Evren ging das leider nicht - schlimmer noch: er war, was Fortschritte und Entdeckungen anging, ziemlich erfolgreich und lief ihr langsam den Rang ab. Dass Werner sich allein mit ihm traf und sie nicht dabei war, war kein gutes Zeichen.

„Azhdahar?“, rief Evren vorsichtig, als er die Treppen runter gelaufen kam. Oben musste man nicht hören, dass er noch jemanden mitgebracht hatte. Wenn Antje erst mal auf den Mann aufmerksam wurde, dann hing sie ihm am Bein und was das bedeuten konnte, wollte sich Evren noch nicht ausmalen.

„Hier“, rief der Prinz vom anderen Ende des Raumes und winkte. Dabei grinste er breit und deutete auf eine Steintafel, die an der Wand hing und auf der er bis eben gelesen hatte. „Das ist sehr interessant“, lachte er, wartete aber, bis Evren bei ihm war, bevor er weiterredete. „Euer Quetzalcoátl scheint ein entfernter Onkel von mir zu sein. Er ist der Sohn von einem Cousin meines Großvaters und einem Federdrachen. Sein richtiger Name ist Keral und er war einer von denen, die vor einiger Zeit heimlich auf die Erde gekommen waren. Seine Familie hatte ihn verstoßen und darum hat er sich auf den Weg gemacht.“

„Bitte was?“ Evren verzog das Gesicht, weil er kein Wort verstanden hatte. Seine Gedanken waren noch bei Antje und so war der Gedankensprung jetzt selbst für ihn zu groß gewesen und er starrte erst Azhdahar, dann die Tafel an. Langsam kam die Bedeutung der Worte Onkel und Familie und er sah Azhdahar noch einmal an. „Is' nicht dein Ernst oder? Keral. Warum hat er den Namen nicht behalten. Den könnte man sich besser merken“, sagte Evren nachdenklich und erwischte sich dabei, dass er dem Drachen jedes Wort glaubte. Er zweifelte nicht eine Sekunde an der Richtigkeit von dessen Worten. Warum eigentlich?

Weil ein Prinz derartiges nicht nötig hatte? Weil der Prinz die alte Schrift lesen konnte, wie Evren Englisch oder Russisch? Es war eben so.

„Ich weiß nicht, warum er ihn geändert hat. Kann aber auch sein, dass die Menschen ihm den Namen gegeben haben und er hat es einfach gelassen.“ Azhdahar zuckte mit den Schultern und zeigte auf ein Schriftzeichen. „Dort steht Keral. Es hat noch eine zweite Bedeutung in anderen Zusammenhängen. Es bedeutet auch noch: unerwünscht. An seiner Stelle hätte ich meinen Namen dann auch geändert.“

„Ach so. Unerwünscht. Ja, so würde ich auch nicht heißen wollen. Aber Quetzalcoátl bedeutet ja gefiederte Schlange, ich glaube, das trifft eher zu. Was war denn mit ihm los, dass ihr ihn verstoßen habt? Hat er Mist gebaut?“ Evren war neugierig und guckte auf den Text. Er konnte ihn leider nur zum Teil lesen, doch er merkte auch, dass er jetzt schon mehr Zeichen deuten konnte als vorher. Das musste an den Lernprogrammen liegen und sein Ehrgeiz war geweckt.

„Er ist ein Mischling. Das reichte schon, um verstoßen zu werden. Die Familien versuchten sie geheim zu halten und da wurden sie oft weit weg geschickt. Gut versorgt und behütet, aber eben nicht erwünscht.“ Azhdahar selber hatte nie verstanden, warum so etwas gemacht worden war, denn die Kinder konnten am wenigsten für die Verfehlungen ihrer Eltern, wenn man das überhaupt so nennen konnte, denn all diese Kinder waren aus Liebe entstanden.

„Na ja. Ganz schlecht hat er es ja nicht getroffen. Als Gott eines aufstrebenden Reiches. Wo ist er heute? Ist er gestorben? Warum hat er zugelassen, dass sein Volk zugrunde ging?“ Fragen über Fragen schossen Evren in den Kopf, deren Beantwortung ein ganz anderes Licht auf die heutige Forschung werfen konnte. Er starrte immer wieder auf die Zeichen der Schrift. Es war, als würde sich ihm eine völlig neue Welt erschließen - das war der Wahnsinn.

„Was aus ihm geworden ist, kann ich nicht sagen, denn das steht hier nicht, aber es ist durchaus möglich, dass er noch lebt. Unerkannt zwischen den Menschen.“ Azhdahar überflog die Schrift noch einmal, aber da gab es keinen Hinweis. „Warum er seinem Volk nicht geholfen hat, kann nur er dir sagen. Das weiß ich leider auch nicht.“

„Schade.“ Evren holte tief Luft und sah Azhdahar an. „Da war das dein Onkel. Ich glaub's ja nicht. Erwarte aber nicht, dass ich dich jetzt auch als Gott verehre. Das fällt nämlich flach.“ Es hatte heute Morgen schon gereicht, dass Streuner fauchend durch das Schlafzimmer geflitzt war, weil sich der Drache irgendwie auf das arme Tier gerollt hatte. Evren hatte gar nicht so schnell gucken können, wie der Kater aus der Schlafzimmertür geflitzt und durch das Terrassenfenster verschwunden gewesen war. So viel zum Thema Tieropfer.

„Ey, das steht mir aber zu“, lachte Azhdahar und knuffte Evren gegen die Schulter. „Nicht jeder kann einen Gott in seinem Stammbaum nachweisen.“ Er drehte den Kopf, als er ein Geräusch hörte und trat ein wenig von Evren weg. Neugierig sah er zu der gut aussehenden Blonden, die gerade den Ausstellungsraum betrat. „Da ist jemand“, flüsterte er, denn Evren hatte davon noch nichts mitgekriegt, weil er in die Schriftzeichen vertieft war.

„Was?“ Etwas aus seinem Lesen gerissen sah er sich um und stöhnte. „Warum?“, knurrte er leise und sah sich weiter zu Antje um. „Na? Meeting beendet?“, fragte er, weil er sich das nicht verkneifen konnte und zischte Azhdahar zu, von der Schlampe solle er sich bloß fern halten, die bedeutete nämlich Ärger. Hoffentlich begriff der Prinz das auch.

Der Prinz runzelte die Stirn und sah Evren fragend an, bis der unauffällig mit der Hand wedelte, da begriff er und ging um eine Ecke, in den nächsten Raum. Anscheinend war das Evrens Vorgesetzte und sein Mensch wollte nicht, dass sie zusammen trafen. Darum sah er sich hier etwas um und entdeckte wieder eine Steintafel mit Schriftstücken. Diese war wesentlich weniger gut erhalten, denn es fehlten immer wieder ganze oder halbe Schriftzeichen.

Mit halbem Ohr hörte er Evren und seiner Vorgesetzten zu, die sich unterhielten. Er ging ein wenig von der Tafel weg, damit er einen besseren Überblick hatte und stieß gegen einen Tisch, auf dem eine Abschrift der Tafel lag. Er runzelte die Stirn, als er erkannte, was da geschrieben stand und grinste. Dass er hier auf der Erde eines der Grundgesetze seines Planeten finden würde, hatte er auch nicht gedacht. Er kannte sie alle auswendig, denn das gehörte mit zu seinem Staatskundeunterricht. Völlig in Gedanken, nahm er den Stift, der auf dem Papier lag und fing an, den Text zu vervollständigen. Dabei hörte er weiter dem Gespräch zu, wo die Frau Evren gerade sagte, dass Werners Konferenz beendet war.

Das war so ziemlich der ungünstigste Augenblick den sich Werner hätte aussuchen können. Sollte er Azhdahar jetzt hier allein zurück lassen? Antje einfach so ausgeliefert? Doch er musste zu Werner, der hatte nicht viel Zeit. Also straffte er sich und nickte. „Gut, ich bin dann beim Chef“, sagte er, blickte aber nicht noch einmal zurück. Er musste jetzt darauf vertrauen, dass Azhdahar sich keine Verfehlungen leistete.

Der Prinz störte sich nicht daran. Er hatte zu tun, bis Evren wieder da war, denn ungefähr ein Drittel der Schriftzeichen fehlten. Er war so vertieft in seine Arbeit, dass er nicht bemerkte, dass jemand den Raum betrat und auf ihn zukam.

„Was machen sie denn da?“, rief Antje augenblicklich, als sie den Typen, der eben noch mit Evren zusammengestanden hatte, an der Abschrift erwischte. Was schmierte der Kerl darinnen herum? „Lassen sie das sofort sein, sie Vandale!“ Was schleppte der Kerl denn für Typen hier rein!

„Wie bitte?“ Azhdahars Kopf ruckte hoch und seine Augen sprühten vor Wut. Was bildete diese Frau sich ein, ihn so anzugehen. „Ich mache das, was sie anscheinend nicht können, ich vervollständige den Text“, knurrte er und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah die blonde Frau wütend an.

Antje wusste im ersten Augenblick nicht, ob sie wie eine Furie toben oder zu einer Pfütze zerschmelzen sollte. Der Kerl sah ja ungemein gut aus! Warum gab sich solch ein Kerl mit Evren ab? Sie beschloss die Beleidigung erst einmal zu übergehen, denn keiner sagte ihr, dass die Arbeit nicht richtig gemacht worden war - zumindest nicht ungestraft. Doch bei solch einem Prachtstück würde sie gern eine Ausnahme machen.

„Verzeihen sie meine rüde Art“, sagte sie also schon entschieden freundlicher und kam näher. Ihr Blick lag nur noch auf dem Mann, das Papier war uninteressant geworden. „Darf ich erfahren, wer sie sind?“ Sie lächelte sogar. Das war genau ihre Kragenweite.

„Azhdahar Gidoria“, stellte der Prinz sich vor, auch wenn er sich sonst weiter nicht bewegte und auch seine ablehnende Haltung beibehielt. Er mochte diese Frau nicht. Angefangen bei der schrillen Stimme und den verschlagenen Augen, in denen Berechnung schimmerte. Am liebsten würde er sie einfach stehen lassen und gehen, aber das ging nicht, weil Evren das bestimmt nicht gemeint hatte, mit unauffällig bleiben.

„Angenehm. Ich bin Antje. Antje Baumgartner“, entgegnete sie und lächelte unbeirrt. Es gab wenige Männer, die sich ihr wirklich entziehen konnten. „Darf ich fragen, was sie zu uns verschlagen hat? Berufliches Interesse?“ Mit den Augen maß sie Azhdahar von oben bis unten. Jemanden wie ihn hatte sie noch nie gesehen: groß, kräftig, klassisch schön und die langen Haare waren auch eher selten in diesen Breiten. Ob der von außerhalb kam? Doch er sprach sehr gut deutsch. Akzentfrei.

„Ich bin ein entfernter Cousin von Evren. Wir haben uns in Mexiko getroffen und weil ich hier in Deutschland eine Familienangelegenheit regeln muss, bin ich mit hierher gekommen.“ Azhdahar blieb noch immer distanziert und hielt sich an das, was er und Evren sich als Grund überlegt hatten, warum der Prinz hier war.

„Oh. Sie sind mit Evren verwandt“, sagte Antje und konnte ihre Überraschung nicht schnell genug verbergen. Sicher stammte der junge Mann aus einem angeheirateten Zweig der Familie, denn er schien mit dem Querulanten zum Glück nicht viel gemein zu haben. „Wie wäre es denn, wenn wir uns einmal außerhalb dieser förmlichen Hallen auf einen Kaffee treffen? Ich könnte ihnen die Stadt zeigen“, bot sie an. Dann lud sie Gabriel eben zum Mittag aus. Da war sie flexibel.

„Äh… danke für das Angebot, ich werde vielleicht darauf zurückkommen.“ Azhdahar war ein wenig überrumpelt und nur weil sie Evrens Vorgesetzte war, lehnte er es nicht rundweg ab. Sie konnte seinem Menschen enormen Ärger machen. Ein Treffen mit dieser Frau kam für ihn aber nicht in Frage. „Ich weiß nicht, was Evren die nächsten Tage geplant hat, wir wollen bald wieder los und bis dahin haben wir noch einiges zu erledigen.“

Man sah Antje deutlich an, dass ihr der Name ihres Rivalen langsam aber sicher auf die Nerven ging, doch sie sagte nichts, sondern lächelte weiter. Egal wie wenig sie den Kerl mochte, seinen Cousin würde sie gern haben wollen - da musste man die Kröte eben schlucken. „Für einen Kaffee wird doch noch Zeit sein“, sagte sie und blickte nun doch auf das Papier. Ihre Augen wurden groß und größer. Hastig griff sie sich das Papier. Der Kerl hatte die fehlenden Teile ergänzt!

„Was?“, stammelte sie und starrte Azhdahar an. „Wie?“

„Tut mir Leid, ich hatte Langeweile, dann schreibe ich oft. War einfach, wenn man es lesen kann“, erklärte Azhdahar, ohne nachzudenken und biss sich gleich auf die Lippen. Unauffällig bleiben, hatte Evren gesagt und das war es bestimmt nicht, so wie diese Antje guckte. Er zog die Schultern ein wenig hoch, wenn er nur daran dachte, was er sich gleich wieder anhören musste.

„Langeweile? Einfach?“, fragte Antje ungläubig und brachte den Zettel an sich. Sie sah sich die dazu gemalten Zeichen eindringlich an. Sie passten! Auch wenn sie nicht wusste, was sie hießen, sie passten dazu. Die Unvollständigen konnte sie erkennen und auch, was der Mann dazu gemalt hatte. „Wo haben sie das gelernt!“, fragte sie voller Eifer und sah Azhdahar listig an. Wenn sie es richtig einfädelte, konnte ihr der Mann weiter helfen - einen Schritt höher auf der Karriereleiter.

„In Mexiko“, erklärte Azhdahar einsilbig und verschränkte die Arme vor der Brust. Auch wenn er sich mit den Menschen hier auf dieser Erde nicht auskannte, so kannte er doch diesen Blick, mit dem Antje ihn ansah. Keinesfalls würde er sich vor ihren Karren spannen lassen.

„Und bei wem, wenn ich fragen darf? Das ist unglaublich“, murmelte sie und sah wieder auf die Unterlagen. Wenn sie das Werner zeigte, dann würde sein Interesse schnell von Evren abfallen. Den schickte er doch sowieso bloß durch die Gegend, um Bücher zu suchen. Zu mehr war der Kerl nicht zu gebrauchen.

Nun kam Azhdahar aber wirklich ins Schleudern. Evren und er hatten sich ja Antworten für so vieles ausgedacht, aber nicht über die Frage, woher er die Schrift der Azteken schreiben und lesen konnte. „Ein alter Mann. Er ist gestorben“, sagte er darum vage und sah sich unauffällig um, aber seine Hoffnung, dass Evren kam, erfüllte sich nicht.

„Ein alter Mann? War das an einer Uni? Wird so was in Mexiko gelehrt? Ich wusste zwar, dass man die Azteken studieren kann, aber nicht, dass die Sprache dort so gut gelehrt wird, dass man fehlende Texte ergänzen kann.“ Antje sah Azhdahar schief an. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass man dort so viel weiter sein sollte als sie hier. Mit dem Zettel in der Hand wandte sie sich plötzlich um und ließ Azhdahar stehen. „Bin gleich wieder da!“, brüllte sie, als sie die Treppen hoch lief. Werner musste das sehen!

„Ja aber…“ Azhdahar sah ihr hinterher und fluchte. So sollte das nicht laufen. Jetzt rannte sie durch das Haus und erzählte irgendwem davon und Evren würde toben. „Warte“ rief er ihr hinterher, aber sie störte sich nicht daran, darum rannte er ihr hinterher, vielleicht konnte er sie noch abfangen. Im Gegensatz zu Azhdahar kante sich Antje aus und sie schlug sofort den Weg zu Werner ein. Sie schenkte Gabriel keinen Blick, der ihr fragend hinterher guckte, sondern klopfte nur an die Tür und riss sie auf, noch ehe drinnen reagiert werden konnte.

„Werner, das musst du sehen“, rief sie und wedelte mit dem Papier. „Du wirst es nicht glauben, aber ich habe die Vervollständigung der Schriftzeichen, von der Steintafel, in der Ausstellung.“ Sie stürmte in den Raum und breitete die Zeichnung auf Werners Schreibtisch aus. „Unglaublich, nicht wahr?“ Alle waren so perplex, dass keiner Azhdahar bemerkte, der ebenfalls ins Büro kam.

„Mist“, murmelte er leise, als er Evren erkannte. Da konnte er sich jetzt nicht mehr rausreden und weil der ahnte, was passiert war - denn Antje konnte das unmöglich allein geleistet haben - sah er auf und erblickte den Prinzen. Seine Augen verschmälerten sich und ohne ein Wort sagen zu müssen, ahnte Azhdahar, was er sagen wollte: und das nennst du unauffällig?

„Wie kommt's denn, dass du das so schnell in der Mittagspause hinbekommen hast“, fragte Evren seine Vorgesetzte, als er sich wieder den beiden anderen zuwandte und Werner schob sich gleich die Brille auf die Nase, um zu sehen, was überhaupt passiert war. Schweigend nahm er das Papier an sich.

„Geht dich das etwas an?“, zickte Antje und sah Evren hochnäsig an. Das brachte den Prinzen auf den Plan, dem es gar nicht gefiel, wie diese Frau Evren behandelte. „Ich war das“, sagte er laut und alle Augen lagen auf ihm. Antjes verärgert, Evrens genervt und Werners neugierig. „Ich habe diese Sprache von einem alten Mann im Dschungel von Mexiko gelernt und ich habe das, was fehlte, vervollständigt.“

„Sie können das lesen, schreiben und ergänzen?“, fragte Werner und schob sich die Brille auf die Stirn, um sich den Fremden anzusehen. Wo kam der so plötzlich her und warum konnte der Dinge, die hier keiner konnte? Evren wollte sich vorerst raushalten und den Prinzen nicht bevormunden. Er würde noch ein Hühnchen mit ihm rupfen, aber nicht jetzt.

„Ja, kann ich.“ Azhdahar sah zu Evren und machte ein unglückliches Gesicht. „Ich sollte mich vielleicht erst einmal vorstellen. Mein Name ist Azhdahar Gidoria und ich bin ein entfernter Verwandter Evrens. Wir haben uns in Mexiko getroffen und ich bin mit nach Deutschland gekommen. Ich wollte gerne sehen, wo mein Cousin arbeitet und als ich unten auf ihn gewartet habe, da habe ich das Blatt gesehen und es ergänzt.“

„Einfach so?“ Werner schüttelte den Kopf und sah wieder auf das Papier, da waren Zeichen dabei, die hatte er noch nie gesehen. Nun, gesehen schon, doch er hatte keinen Schimmer, was sie bedeuten sollten. „Können sie uns das auch übersetzen?“, wollte Werner wissen und sah den fremden Mann wieder an. Antje war vergessen, auch Evren rutschte in den Hintergrund.

„Ja, das könnte ich.“ Nun war es eh schon zu spät und keiner würde ihm mehr glauben, dass er es nicht übersetzen konnte. So wie Evren guckte, musste er sich sowieso einiges anhören. Er kam weiter in den Raum und stellte sich neben Evren. Der schüttelte den Kopf und zischte leise: „Das nennst du unauffällig? Danke auch!“ Denn seine Gedanken gingen weiter. Wenn diese Tafel plötzlich übersetzt wurde, würde das die Runde machen. Was wiederum hieß, dass auch Azhdahars Name die Runde machte. Und das wiederum würde bedeuten, dass man mehr über ihn wissen wollte und dann fing der Ärger erst an. Um das zu vermeiden, blieb ihm fast nur noch die Option, Werner einzuweihen, aber dafür musste man Antje loswerden, ehe die zu viel erfuhr und tratschte.

„Entschuldige, war keine Absicht“, murmelte Azhdahar mit gesenktem Kopf. Er wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte, aber nun war es nicht mehr zu ändern. Sie mussten sich was einfallen lassen, Wenn nötig, musste er einfach sagen, dass er gelogen hatte und nur einfach irgendwelche Zeichen, die er kannte, gemalt hatte, um Aufmerksamkeit zu erregen.

„Hm.“ Evren knurrte und Werner blickte noch immer auf die ergänzten Zeichen.

„Und ich habe es entdeckt“, sagte Antje, der das Interesse an ihrer Person gerade etwas zu wenig war. Weder der schicke Mann noch der Professor interessierten sich für sie.

„Ja, ja“, wimmelte Werner ab, „sie können dann gehen, Frau Baumgartner. Ich muss mir das hier erst einmal ansehen und überblicken.“

„Das ist ja wohl…“, regte Antje sich auf, aber ein Blick von Werner ließ sie verstummen. Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Büro und knallte die Tür hinter sich zu. Das war eine Unverschämtheit. Sie wurde hier nicht geachtet.



27

Überrascht sah Azhdahar auf die geschlossene Tür und dann auf Evren.

„Ganz klasse, wirklich!“, musste Evren noch einmal knurren, denn in ihm staute es sich. Er würde Streuner auf den Drachen hetzen, definitiv! Doch als Werner sie beide ansah, wurde ihm plötzlich anders.

„So, wir sind allein“, sagte er und erhob sich hinter seinem Schreibtisch. „Nun mal ehrlich, wer sind sie wirklich und wo haben sie das gelernt“, fragte Werner noch einmal, denn die Geschichte vom alten Mann im Dschungel glaubte er ganz bestimmt nicht.

Azhdahar sackte ein wenig zusammen. „Können wir ihm vertrauen? Er glaubt unsere Geschichte nicht“, fragte er in seiner Muttersprache, weil von Evrens Antwort abhing, was er sagte. Er selber konnte diesen Menschen nicht einschätzen, aber allein, dass er es so gelassen hinnahm, was gerade passiert war, war ein gutes Zeichen. Und anders als bei Antje, war ihm der Mann sympathisch.

„Wir müssen. Wenn publik wird, dass die Tafel übersetzt wurde, wird man nach dir forschen und merken, dass es dich auf dieser Erde eigentlich nicht geben dürfte“, erwiderte Evren in deutsch und hatte schon entschieden, dass Werner eingeweiht werden musste. Der guckte übrigens nicht schlecht, als er die fremde Sprache hörte und begriff nicht, was es bedeutete, dass es diesen Mann eigentlich nicht geben dürfte.

„Was kommt denn jetzt?“, wollte Werner wissen und zog die Stirn kraus. In was war Evren da hineingeraten?

Der Prinz nickte und sah Werner an. Der direkte Weg war oft der beste. „Ich komme nicht von der Erde, sondern vom Planeten Gidoria. Evren ist durch einen dummen Zufall bei uns gelandet und ich bin kein Mensch.“ Azhdahar machte eine kleine Pause und grinste schief. „Ich bin ein Drache.“

Schweigend sah Werner von einem zum anderen, musterte Evren, dann Azhdahar. Er sank wieder in seinen Stuhl, doch er ließ die beiden nicht aus den Augen. „Wollt ihr mich eigentlich verarschen? Wenn ihr es nicht sagen wollt, dann lasst es, aber nicht so.“ Werner wurde ärgerlich und Evren holte tief Luft.

„Egal, wie sonderbar das klingt: es stimmt wirklich. Ich habe den Opferaltar gefunden, den du vermutet hast und wollte Bilder davon machen. Ich hab also die Speicherkarte gewechselt und da kam so ein blödes, kleines Vieh, schnappte sich die Karte und verschwand im Inneren des Steines. Ich griff hinterher und bemerkte zu spät den Ring mit den Kanülen.“ Evren erzählte, was passiert war, zeigte auch sein Tattoo und erklärte, warum Azhdahar die alte Sprache beherrschte, denn es war die Sprache, die die Drachen auf die Erde gebracht hatten, wegen der Umagals.

„Ich weiß, dass sich das sehr fantastisch anhört, aber es ist die Wahrheit. Wir sind hier, weil ich diese Umagal brauche. Weil es nur noch wenige von uns gab und wir durch Inzucht die Fähigkeit verloren haben, uns in unsere Drachenform zu wandeln, haben wir auf anderen Planeten nach einer Möglichkeit gesucht, das auszugleichen. Auf der Erde wurden wir fündig. Kurz gesagt, wir brauchen die DNS der Echsen, um ein vollwertiger Drache zu werden.“ Azhdahar gab noch ein paar Einzelheiten preis, die Evren ausgelassen hatte. „Wenn sie möchten, können wir sie nach Gidoria bringen, damit sie sich mit eigenen Augen überzeugen können.“

Immer noch sah Werner die beiden an. Man konnte aber nicht deuten, ob er nun erbost war oder darüber nachdachte, es zu glauben. „Ihr wollt mir allen Ernstes einreden, ihr fühlt, was der andere tut und wart Lichtjahre entfernt auf einem Planeten voller Drachen, die Echsen von der Erde brauchen, um Drachen zu werden. Soweit richtig, ja?“

Evren nickte und hatte plötzlich eine Idee. Er zog Azhdahar den linken Ärmel hoch und sich auch, griff sich den scharfen Brieföffner und schnitt sich, nahe der Ellenbeuge, über den Arm.

„Was…“, stammelte Werner, als Evren über seinen Arm schnitt und blinzelte, als er sehen konnte, dass sich bei Azhdahar an der gleichen Stelle, ein Schnitt zeigte. Der Prinz verzog ein wenig das Gesicht, als er den Schnitt spürte. Rotes Blut quoll aus der Wunde und lief seinen Arm entlang. Er hielt seinen Arm so, dass Werner alles genau sehen konnte, auch, dass die Wunde sich nach ein paar Sekunden wieder schloss.

„Was?“, stammelte Werner noch einmal und sah seinen Schützling an, dann Azhdahar. „Das hab ich jetzt nicht gesehen, oder?“, fragte er und lehnte sich über den Tisch, um über Azhdahars Arm zu streichen, während Evren mit einem Taschenbuch das Blut zum Stoppen brachte.

„Glaubst du mir jetzt, dass sich etwas geändert hat?“, fragte er leise und grinste schief.

„Wie kann ich das nicht mehr, nachdem, was ich gerade gesehen habe.“ Werner ließ sich wieder in seinen Sessel fallen und wirkte ein wenig durch den Wind, was auch verständlich war, denn so etwas wie eben hörte man auch nicht jeden Tag. „Dich kann man aber auch nicht alleine irgendwo hin lassen“, grinste er schief zu Evren. „Immer musst du dir ein Souvenir mitbringen.“

„Auf das hätte ich echt verzichten können“, murmelte Evren, meinte damit aber weniger Azhdahar selbst als mehr den Umstand, dass sie so eng verbunden waren. „Aber lassen wir das. Wir haben nun das Problem, dass wir zurück nach Mexiko müssen, eine Umagal finden und alles so arrangieren, das wir zusammen durch das Portal kommen. Vielleicht haben wir Glück und das Blut der Echse bewirkt nicht nur, dass aus Azhdahar ein rosa Drache wird sondern ich auch von ihm getrennt werde und wieder mein eigenes Leben führen kann.“ Mit Sex! Doch das sagte er lieber nicht.

Azhdahar hatte den Kopf gesenkt, so dass seine Haare sein Gesicht verdeckten, so konnte Even nicht sehen, dass er den Prinzen mit seinen Worten verletzt hatte. Es tat weh zu hören, dass Evren ihn loswerden wollte. „Ja, und das so schnell wie möglich, denn je eher ich die Umagal finde, umso größer ist die Chance, dass ihr Blut unsere Verbindung auflöst.“

„Allerdings sind die Flüge der ganzen nächsten Woche ausgebucht. Da ist nichts zu machen. Ich muss also noch ein paar Tage hier bleiben“, sagte Evren ungerührt. Er hatte den Drachen für kurze Zeit aus seinem Kopf gestrichen, ohne es zu wollen. „Ich würde gern so viel wie möglich in der Zeit erledigen, Schriften kopieren, die ich vor Ort brauche. Denn wenn ich schon dorthin zurückgehe, will ich auch den Altar weiter untersuchen. Außerdem will ich Arlan vieles mitnehmen, um die Herkunft und die Übereinstimmungen der Sprachen noch weiter zu untersuchen.“ Nun brach wieder der Wissenschaftler in Evren durch.

Azhdahar kam sich überflüssig vor, darum stand er auf und ging zum Fenster. Das, was Evren jetzt mit Werner besprach, war nichts für ihn, außerdem hatte er noch daran zu knabbern, dass er sich elend fühlte, weil Evren sich nichts mehr wünschte, als ihn los zu werden.

„Ja, mach das, auch wenn wir den Fund des Altars wohl für uns behalten sollten. Nicht dass noch mehr Wissenschaftler durch das Portal gehen.“ Werner strich sich über das Kinn und überlegte. „Wenn es geht, hätte ich gerne ein paar mehr Informationen über die Drachen, schließlich ist ein Gott der Azteken, wohl einer.“

„Ja, sein Onkel“, sagte Evren und deutete über die Schulter auf Azhdahar. „Zumindest erzählte er mir das vorhin, nachdem er die Platte unten in der Ausstellung gelesen hatte. Vielleicht solltest du Arlan wirklich einmal treffen - ihr könntet euch austauschen. Du lernst von ihm, er von dir und ich suche weiter eine Umagal, damit aus Azhdahar ein richtiger Drachen werden kann.“ Weil der aber immer noch nicht reagierte, wandte sich Evren zu ihm um.

„Evren, langsam.“ Werner wedelte mit den Händen. „Du willst mir sagen, dass Quetzalcoátl mit Azhdahar verwandt ist?“ Nun sah auch Werner zu dem Prinzen, der an der Wand neben dem Fenster lehnte und wieder ins Zimmer sah.

„Ja, eigentlich heißt euer Aztekengott Keral und ist einer meiner Vorfahren. Er könnte sogar noch leben, was ich auch vermute. Wir können sehr, sehr alt werden. Ich selber bin fast zehntausend Jahre alt.“

„Zehntausend!“ Werner hob die Brauen weit nach oben, so rutschte ihm die Brille wieder auf die Nase. „Und der Gott soll noch leben?“

„Azhdahar, nicht so viele Infos auf einmal, du bringst Werner noch um“, lachte Evren, der seinen Mentor noch nie so überrascht gesehen hatte.

„Ja, er dürfte ungefähr zweihundertfünfzigtausend Jahre alt sein, das ist noch nicht sehr alt für uns. Mein Vater, der König, ist ungefähr dreimal so alt und er ist im besten Mannesalter.“ Azhdahar kam wieder zum Schreibtisch und setzte sich auf seinen Stuhl. „Wir können getötet werden, aber so schnell wie unsere Wunden heilen, ist es eher selten.“

Bei der Nennung der Zahlen wurde Werner ganz blass. „Was sind das für Alter.“ Er konnte das gar nicht fassen und Evren hatte auch noch das eine oder andere dazu gelernt. „Gibt es noch mehr von euch auf unserer Erde oder bist du der einzige. Wie viele Tore gibt es und wie viele Menschen kamen schon auf euren Planeten? Wo liegt der?“, sprudelte es plötzlich aus Werner heraus. Der Text vor ihm war vergessen.

„Ich nehme an, dass noch ein paar von uns auf der Erde leben. Vor einigen Jahrhunderten scheint eine kleine Gruppe hierher gekommen zu sein. Unter anderem auch Keral. Wie viele es sind, weiß ich nicht.“ Azhdahar sah Werner an und beantwortete ihm gerne alle Fragen, soweit er konnte. „Evren war der erste Mensch, der von der Erde zu uns gekommen ist, seit wir sie auf die Erde gebracht haben und wo präzise unser Planet liegt, kann ich dir nicht genau sagen. Ich bin kein Astronom. Arlan kann dir da bestimmt weiterhelfen.“ Azhdahar zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Es gibt auch nur zwei Portale bisher. Eins für die Umagals und eins für uns.“

„Halt. Stopp!“ Werner machte das Time-out-Zeichen mit beiden Händen und sah den Drachen - wie schon die ganze Zeit - verwirrt an. „Nachdem ihr sie auf die Erde gebracht habt? Was soll das heißen? Der Mensch hat sich aus dem Affen entwickelt. Dafür gibt es viele Funde, die das beweisen!“ Alles wollte sich Werner ja nun auch nicht aufschwatzen lassen. Dass allerdings Evren mal wieder der erste war, der in solch ein Schlamassel geriet, wunderte ihn hingegen weniger.

„Evren wollte das auch nicht glauben, aber er hat einsehen müssen, dass es wahr ist. Wir haben die Menschen schon auf die Erde gebracht, da lebten dort noch die Dinosaurier.“ Azhdahar grinste, denn langsam machte es ihm wirklich Spaß, Werner zu schockieren. „Anscheinend wurden viele von ihnen bei diesem Kometeneinschlag getötet, aber da kann dir Evren wohl eher weiterhelfen.“

„Ich? Wieso? Ich war doch gar nicht dabei.“ Evren hatte sich in den Zettel mit Azhdahars Ergänzungen vergraben und staunte nicht schlecht, was er dort alles sah. Mehr noch, dass er es auch lesen konnte. „Ich weiß doch auch nur das, was du mir erzählt hast und was ich eben von den Menschen auf der Erde weiß“, sagte er beiläufig.

„War klar, kaum hast du etwas zum Erforschen in den Händen, interessiert dich nichts anderes mehr.“ Azhdahar knuffte Evren in die Seite. „Dann kontrollier mal, ob ich alles richtig gemacht habe.“ Musste er wohl weiter erklären. „Nach dem Aufschlag mussten die Menschen sich erst wieder erholen und mit der Zeit haben sie sich mit diesen Affenartigen, die euer Planet hervorgebracht hat, vermischt. Ihr seid also nicht mehr ganz die Originalmenschen, die wir hierher gebracht haben.“

„Du willst mir also gerade zwei Dinge sagen“, fasste Werner zusammen, beobachtete aber auch Evren, der zu lesen schien. Etwas, was er vorher nur mit Transkriptionstafeln konnte. „Erstens kann Evren das da allen Ernstes lesen und verstehen. Zweitens sind unsere Gene nicht reinrassig von der Erde, sondern auch von deinem Planeten.“ Das musste er erst einmal verdauen.

„Ja und ja.“ Azhdahar lachte leise, denn Werner sah langsam aus, als wenn er in Ohnmacht fiel. „Wenn du möchtest, kann du das auch lernen, über Nacht, so wie Evren. Ach übrigens“, Azhdahar beugte sich vor und grinste, „hab ich dir schon erzählt, dass mein Vater der König von Gidoria ist und ich der Thronfolger?“

Nun erhob sich Werner und ging an den Schrank. Evren sah ihm besorgt nach und beobachtete ihn, wie er ein Glas aus der Minibar nahm, sich einen Klaren einschenkte und runter stürzte. „Werner?“, fragte er besorgt und knuffte Azhdahar. „Musste das jetzt sein, du Protzer? Menschen sind nicht so unkaputtbar wie du! Ich werde dich ab heute nicht mehr retten, wenn sich der Kater auf dich stürzt. Kläre das allein und wehe meinem Tier passiert was. Wenn du so leichtfertig mit meinem Mentor umgehst.“

Werner aber holte tief Luft und wandte sich wieder um. „Das habe ich jetzt gebraucht, sonst klapp ich zusammen - das wird mir zu viel.“

„Okay, dann erzähl ich nichts mehr.“ Azhdahar hob die Hände und lehnte sich zurück. „Ich werde mit deinem Kampfkater schon fertig“, erklärte er, denn vor Streuner hatte er keine Angst, auch wenn der Kleine ziemlich wehrhaft und kratzbürstig war.

„Mimose“, knurrte Evren und schüttelte den Kopf. Der Kerl hatte einfach kein Maß. „Okay, Werner, hock dich hin. Wir müssen jetzt das eine oder andere planen. Zum Einen sollte das hier unter uns bleiben, zum Anderen brauchen wir etwas für Antje, die quatscht ganz bestimmt.“

„Ja, das wird sie unter Garantie und das ist ein Problem.“ Werner kam zum Schreibtisch zurück und ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. „Welche Geschichte würde sie wieder davon abbringen, dass Azhdahar ihr die Karriereleiter hoch hilft.“ Sich am Kinn kratzend überlegte der ältere Mann, aber auf Anhieb fiel ihm nichts ein. „Am einfachsten wäre es, wenn ihr nicht mehr herkommt, aber das geht nicht.“

„Ich muss auf jeden Fall noch ein paar Stunden hier verbringen“, überlegte Evren, „und ihn kann ich nicht allein lassen. Das bekommt uns nicht. Wir haben es versucht und ich bin ohnmächtig zusammengebrochen, als er noch nicht einmal einen Kilometer weg war. Das muss ich nicht noch einmal haben, denn das war die Hölle. Alles, was mir einfiele, wäre die Tatsache, dass alles nur ein blöder Scherz sei, aber das schmälert Azhdahar und ich weiß nicht, ob er damit einverstanden wäre.“ Denn Evren kannte das Ego seines Drachens, es passte nur schwer durch eine normale Tür.

„Mach ruhig. Ich hatte schon selber daran gedacht.“ Azhdahar zuckte mit den Schultern. „Wir müssen nach Mexiko und wenn es geht, ohne viel Aufsehen zu erregen. Ich habe es versaut, also muss ich es auch ausbaden.“ Azhdahar grinste schief. „Ich hatte Langeweile und als ich die Abschrift gesehen habe, habe ich sie ohne nachzudenken ergänzt. Ich habe diesen Gesetzestext bis zum Erbrechen auswendig lernen müssen.“

Werner hob die Hände, als ihm schon wieder ein Katalog von Fragen durch den Kopf rauschte. „Ich frage nicht mehr“, wehrte er ab. Er hatte Sorge, dass ihm noch der Kopf platzte. Unter dem Tisch kniff er sich immer wieder heimlich in die Hand, weil er glaubte, er würde träumen. „Gut“, lenkte er wieder in die andere Richtung, „sagen wir ihr, das war ein blöder Scherz und hoffen wir, dass sie das schluckt.“ Was Besseres fiel auch Werner nicht ein.

„Sie war eindeutig interessiert an mir, wenn es hilft, kann ich sie von dir und dem, was du tust, ablenken.“ Azhdahar wusste nicht, ob das eine gute Idee war, denn Evren und Antje verstanden sich nicht sonderlich gut und er mochte sie auch nicht, aber wenn Evren dadurch Ruhe für seine Forschungen hatte und sie schneller weg kamen, machte er es.

„Welche Frau hat eigentlich kein Interesse an dir“, grinste Evren und schüttelte den Kopf. „Aber gut. Wenn du es dir zutraust, sie zu hüten, ohne wieder was anzustellen, wäre ich dir dankbar dafür.“ Zwar gefiel Evren der Gedanke gar nicht, dass Azhdahar sich ausgerechnet mit diesem Miststück einließ, aber sie hatten wohl keine andere Wahl. Den Gedanken, dass es nicht an Antje lag, sondern daran, dass sich der Drache überhaupt mit jemandem einlassen wollte, schob Evren weit von sich. Der war gar nicht da!

„Bisher eigentlich jede, die ich hier getroffen habe, besonders die in der U-Bahn, die mir in den Hintern gekniffen hat.“ Azhdahar grummelte, als er sich daran erinnerte, wie er sich erschrocken hatte, als er auf einmal die fremden Finger an sich gespürt hatte. „Ich werde mit ihr Kaffee trinken gehen, der ist lecker.“ Er hatte heute Morgen seinen ersten Kaffee getrunken und war ganz begeistert davon.

„Okay. Dann mach das.“ Evren nickte. „Ich werde derweil alles vorbereiten, damit wir dann spätestens nächste Woche los können. Ich gehe auch mit Arlan noch einmal alles durch, wie das dann mit dem Portal passieren wird, damit wir nicht noch einmal unser Blut mischen.“ Evren sprach nur leise, denn er war nachdenklich in seine Planung versunken.

„Vielleicht möchte Werner ja heute Abend vorbeikommen und sich mit Arlan unterhalten.“ Azhdahar machte den Vorschlag in seiner Sprache, weil er nicht wusste, ob das nun schon wieder zuviel für Evrens Chef war. „Ich gehe aber nur Kaffee trinken mit ihr, mehr wird es nicht geben.“ Antje war diesem mehr nicht abgeneigt, das wusste er, aber allein der Gedanke stieß ihn ab.

„Darum würde ich doch bitten! Ich habe nämlich keine Lust auf eine Show hier im Büro, während ihr euch auf dem Klo vergnügt“, erwiderte Evren in der gleichen Sprache, ehe er in Deutsch Werner den Vorschlag des Prinzen unterbreitete. „Ich werde kochen und das Prinzlein sperre ich mit Streuner in den Wirtschaftsraum. Da können sie mit Murmeln spielen“, konnte er sich als Ergänzung allerdings nicht verkneifen.

„Nicht nur lesen und schreiben, sondern auch sprechen“, murmelte Werner abwesend und schüttelte den Kopf. Warum erstaunte ihn überhaupt noch etwas, was mit diesen beiden zu tun hatte? „Ja gerne, ich bringe Wein mit.“ Er freute sich über die Einladung und setzte schon an, um zu fragen, was das mit dem Wirtschaftsraum auf sich hatte, aber er ließ es. „Ich frage nicht“, murmelte er und grinste. „Du meinst, ich kann mit jemandem auf deinem Planeten reden? So richtig, in echt?“

„Na ja, was heißt in echt. Es ist wie ein Bildtelefon. Nur sind die Bilder besser und die Entfernung etwas weiter. Aber kleinere Sachen lassen sich durch einen Transporter hin und her schicken. Ich trage nämlich - jetzt übrigens auch, hallo Arlan, wenn du das abspielst“, grinste Evren, „eine kleine Kamera, die alles, was wir sehen und erleben, auf einen Chip speichert, damit Arlan mehr von der Erde erfährt. Die Datenbank der Drachen endet, bevor die Saurier ausstarben. Da muss einiges auf den neusten Stand gebracht werden. Und so tauschen wir Informationen gegen Käsebällchen.“ Evren lachte leise. Sie hatten schon eine komische Währung.

„Warum kann mich so was schon nicht mehr schocken.“ Werner holte tief Luft. „Ich würde mich gerne mit diesem Arlan unterhalten. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, mit jemandem zu reden, der in einer anderen Galaxie lebt. Das gibt dem Wort Ferngespräch doch eine ganz neue Dimension.“ Werner lachte und so langsam wirkte er wieder wie immer. „Nur gut, dass ich das nicht bezahlen muss.“

„Nein, das bezahlt das Prinzlein, indem ich ihm die Käsebällchen wegfresse.“ Evren wirkte auch wieder etwas erleichtert. Nun mussten sie nur noch Antje davon überzeugen, dass Azhdahar ein Hochstapler war, dann waren sie vielleicht ein Problem los und konnten sich auf die anderen stürzen. „Ich würde sagen, Werner, lass dir alles noch mal durch den Kopf gehen. Wir reden heute Abend und Azhdahar wird unser Goldstück jetzt beschäftigen, während ich noch ein paar Daten zusammensuche, für die Übersetzungen.“

„Wann klären wir Antje über die Scharade auf?“, wollte Werner wissen und man hörte heraus, dass er diesen Part nicht übernehmen wollte. Wenn es nach ihm ginge, hatte diese Frau die längste Zeit in diesem Institut gearbeitet, aber bisher hatte er ihr nichts nachweisen können. Sie mochte im wissenschaftlichen Sinne eine Niete sein, aber sie war clever.

„Ich würde sagen: jetzt gleich, dann haben wir es alle hinter uns und sie ihren Triumph“, überlegte Evren und rollte die Schultern. Langsam erhob er sich, nahm das Papier aber an sich, was Azhdahar bemalt hatte. „Bist du so weit? Oder willst du noch warten?“, wandte er sich an den Prinzen, schließlich war der gleich der Nervensäge ausgesetzt. Das konnte Evren nicht über dessen Kopf entscheiden.

„Es bringt nichts, wenn wir es raus schieben. So kann es sein, dass sie noch niemandem von ihrer Neuentdeckung erzählt hat.“ Wohl war ihm nicht, aber Azhdahar war so erzogen worden, nicht zu kneifen, egal wie gefährlich eine Situation auch war. „Wo kann ich denn mit ihr hingehen, damit wir nicht zu weit voneinander entfernt sind?“

„Im zweiten Stock oben ist eine kleine Cafeteria. Sie dient zur Versorgung der Angestellten mit Imbiss und Getränken. Es gibt auch Tische“, schlug Evren vor, denn so konnte er sich im Haus noch etwas bewegen und Ding ablichten, die er brauchte. Er nahm die beiden Arbeiten wieder in die Hand, damit er sie nicht liegen ließ und sah Azhdahar aufmunternd an. „Lass dich nicht von ihr einlullen. Die schleimt wie eine Schnecke, rutsch nicht aus und fall ihr zu Füßen.“ Wohl war Evren immer noch nicht, denn hässlich war Antje nicht. Aber das wusste sie auch.

„Dann geh ich mit ihr dort hin.“ Azhdahar folgte Evren und war froh, dass von Antje noch nichts zu sehen war. Er griff in seine Tasche und guckte nach, ob er auch Geld dabei hatte. Das hatte er schon gelernt, dass man ohne nicht weit kam. „Ich fall ihr ganz bestimmt nicht zu Füßen. Dazu müsste sie mir gefallen, aber das tut sie nicht.“

Abschätzend hob Evren eine Braue, doch er sagte nichts. Er wusste doch selbst am besten, dass ein paar Wochen Notstand den Geschmack auf fragwürdige Art beeinflussen konnten. Er ging den Flur entlang, bis er wieder im Büro angekommen war, wo Antje schon am Telefon hockte - hoffentlich kamen sie nicht zu spät. „Der hier hat dir was zu sagen“, rief er in ihre Richtung und deutete hinter sich auf Azhdahar.

„Wieso ich?“, zischte Azhdahar, aber machte ein zerknirschtes Gesicht, schließlich sollte Antje nicht misstrauisch werden. „Es tut mir Leid, ich kann diese Schrift gar nicht lesen und schreiben“, erklärte er und hätte sich gerade lieber einer Horde blutrünstiger Monster gestellt, als hier zu Kreuze zu kriechen. „Ich habe einfach auf dem Blatt rumgemalt und als ich dich gesehen habe, wollte ich dich beeindrucken“, hängte er noch an, um sie zu besänftigen.

Langsam ließ Antje den Hörer sinken. „Ich meld mich wieder“, sagte sie noch einmal schnell, dann legte sie auf. „Wie bitte?“, fragte sie und wusste nicht genau, ob sie vor Wut explodieren sollte oder sich geschmeichelt fühlen, weil der Kerl sie beeindrucken wollte. „Ist auf deinem Mist gewachsen, was?“, zischte sie Evren an, der erst alle Schuld von sich weisen wollte, doch er nickte. „Wie hätte er denn sonst deine Aufmerksamkeit bekommen sollen?“, sagte er nur und schlug seinem 'Cousin' auf die Schultern. „Ich habe noch zu tun“, erklärte er und machte, dass er weiter kam.

Am liebsten hätte Azhdahar Evren eine verpasst, aber er wandte sich lieber an Antje und lächelte sie an. „Es tut mir Leid, aber ich wollte dich unbedingt kennen lernen. Kann ich dich als Entschädigung zu einem Kaffee einladen.“ Er verschluckte sich fast an seinen Worten, denn die gierigen Blicke, mit denen ihn Antje bedachte, waren ihm unangenehm.

Nun hatte sie doch ein Lächeln auf ihren Zügen und sie legte den Kopf schief. Dabei rutschte eine der langen, blonden Strähnen von der Schulter. „Und warum wolltest du vorhin dann meine Einladung nicht annehmen? Wolltest dich wohl rar machen, hm?“ Sie lachte gekünstelt und erhob sich, froh darüber, dass sie Evren nur noch von hinten sehen musste.

„Na ja.“ Azhdahar hielt ihr seinen Arm hin, damit sie sich einhaken konnte. „Ich wollte es nicht so offensichtlich machen, dass ich Interesse habe, schließlich wollte ich mich vor so einer Schönheit wie dir nicht blamieren.“ Leicht fiel es dem Prinzen nicht, weil er so etwas nicht machte. Er wurde umschwärmt und suchte sich seine Bettpartnerinnen aus. Er musste nicht um Aufmerksamkeit buhlen, aber er schlug sich nicht schlecht, denn Antje hatte ihm sämtliche Aufmerksamkeit gegeben. Selbst Gabriel, der an seinem Schreibtisch saß, war vergessen.

„Wie kann ein charmanter Mann wie du nur mit einem wie Evren verwandt sein?“, schüttelte sie lachend den Kopf und schmiegte sich an den groß gewachsenen Mann - er hatte genau ihr Gardemaß. Wenn das kein Glücksgriff war.

„Die Verwandtschaft ist nicht sehr eng. Die Zweige unserer Familie hatten nur noch wenig Kontakt. Es war mehr oder weniger Zufall, dass wir uns getroffen haben.“ Azhdahar saugte sich da einfach was aus den Fingern, denn die Wahrheit konnte er Antje ja schlecht erzählen. „Gehen wir in die Cafeteria, da werden wir bestimmt nicht auf Evren treffen.“

„Magst den Kotzbrocken wohl auch nicht“, lachte Antje und fügte im Geiste dem netten jungen Mann an ihrem Arm noch ein paar Sympathiepunkte mehr zu. „Aber reden wir nicht mehr von dem, reden wir von dir. Wie lange bist du hier? Was treibt dich hier her? Was machst du heute Abend?“

„Ach, wir kommen miteinander aus.“ Am liebsten würde Azhdahar ihr sagen, dass er zehnmal lieber mit Evren zusammen war, als mit ihr, aber er ließ es. „Ich bin nicht lange hier, eigentlich nur, um eine Familienangelegenheit zu regeln. Ich fliege wieder nach Hause, wenn Evren zurück nach Mexiko geht.“ Sie gingen die Flure lang und Azhdahar ließ sich von Antje zur Cafeteria führen. „Heute Abend bekommen wir Besuch.“

„Och“, machte sie und zog einen Schmollmund. „Und morgen? Ich kann mir auch die Mittagspause Zeit nehmen?“ Mit einem sanften Augenaufschlag blickte sie zu Azhdahar nach oben und lächelte. „Wäre doch schade, wenn du wieder verschwindest und wir nicht einmal essen gewesen waren.“ Dass sie eigentlich mehr erwartete, musste sie nicht sagen - sie ging davon aus, dass der Mann verstand.

„Wir sehen uns bestimmt morgen.“ Der Prinz lächelte gewinnend und strich Antje kurz über die Finger, die auf seinem Arm lagen. Er verstand durchaus und allein der Gedanke daran ließ ihn frösteln. Wie Antje sich an ihn ranschmiss, fand er einfach widerlich, aber da musste er durch und es wahrscheinlich auch noch ein paar Tage ertragen. „Wie kommt es denn, dass so eine Schönheit wie du noch nicht in festen Händen ist?“

„Weil ich bis jetzt nur an Flaschen geraten bin. Fragwürdige Gestalten, die nichts konnten und nichts hatten. Ich bin doch nicht gierig oder so was, aber ich möchte unterhalten werden“, sagte sie und dass sie einen gewissen Anspruch an das Äußere stellte, damit sie sich mit dem Kerl nicht blamierte, kam noch erschwerend hinzu. Gutaussehende Singles waren nicht gerade weit gesät. Endlich in der Cafeteria angekommen suchte sie sich einen Tisch in einer kleinen Nische, wo nicht jeder gleich stören kam.

Dort saßen sie lange und unterhielten sich augenscheinlich ausgezeichnet. Das erste Mal in seinem Leben war Azhdahar froh, dass seine Lehrer ihn Jahrhundertelang mit diplomatischen Gepflogenheiten gequält hatten. So hatte er keine Schwierigkeiten, Antje bei Laune zu halten und dabei noch den Eindruck zu erwecken, dass er sich amüsierte. Er zeigte auch nicht, wie froh er war, als Evren kam, um ihn abzuholen, sondern verabschiedete sich von Antje mit dem Versprechen, sich am nächsten Tag wieder zu sehen.



28


„Man!“ Genervt schob Evren die Kopien über den Schreibtisch. Sie landeten auf einem Haufen Papier wie viele anderen vor ihnen. Er war gereizt, er war unzufrieden - kurz zusammengefasst, war er sauer. Selbst Streuner ließ sich seltener blicken, weil er die miese Stimmung der letzten Tage spüren konnte. Mittlerweile war Evren sogar aus seinem Schlafzimmer ausgezogen, weil er sich mit dem Prinzen nur noch in die Haare bekam. Der hatte nämlich nichts anderes zu tun, als sich ständig mit Antje auf einen Kaffee zu treffen. Das war zum Kotzen! Dabei wusste Azhdahar doch ganz genau, was es mit dieser Frau auf sich hatte - doch das hielt den Prinzen nicht davon ab, Evren das Messer in den Rücken zu rammen.

Eben war er schon wieder im Bad und machte sich fertig, weil sie sich treffen wollten - das war doch wirklich das letzte. Einmal mehr ärgerte es Evren maßlos, dass keine früheren Flüge zu buchen waren, nicht einmal über Werners Sohn. Alles was Evren noch wollte, war diese bekloppte Umagal fangen und diesen noch bekloppteren Drachen loswerden. „Arschloch!“

Wütend zog er sich wieder seine Unterlagen heran, denn er musste weiter machen.

Im Bad sah es nicht anders aus. Der Prinz war ebenfalls gereizt und dass er schon wieder Antjes Nähe ertragen musste, machte es nicht besser. Diese Frau zerrte an seinen Nerven, wenn sie ihn ständig anmachte und ihn dazu bringen wollte, mit ihr zu schlafen. Am meisten aber machte Azhdahar zu schaffen, wie sich Evren ihm gegenüber verhielt. Ständig machte er ihm Vorhaltungen und sie stritten sich um jede Kleinigkeit. Dass er sich heute schon wieder mit Antje traf, war eine reine Trotzreaktion, denn eigentlich wollte er lieber Zuhause bleiben. Aber ein kratzbürstiger Kater, der ihn ständig anfauchte und verjagen wollte und ein kratzbürstiger Evren waren einfach mehr, als er ertragen konnte. Er hatte gar keine Lust, aus dem Bad zu kommen, denn er hörte Evren schon wieder fluchen. Seit dem Zusammenstoss im Institut war der Mensch wie ausgewechselt.

„Verdammt noch mal!“, knurrte Evren und klappte das Buch zu. Er konnte sich nicht konzentrieren und immer wieder hatte er Bilder von Azhdahar und Antje vor Augen. Das war doch eklig! Das Schlimme daran war, dass Evren das Gefühl hatte eifersüchtig zu sein, ohne zu wissen warum. Das war irrational, denn das letzte, was er wollte, war bei Antje landen. Er hatte eine Unruhe in sich, die er einfach nicht erklären konnte und das tat weder seinen Nerven noch seiner Arbeit gut.

Azhdahar kam aus dem Bad und warf einen kurzen Blick auf Evren, aber sprach ihn nicht an, denn so wie der Mensch guckte, fingen sie gleich wieder an zu streiten. Er zog sich an und fluchte schließlich leise vor sich hin. Er hatte kein Geld mehr und jetzt musste er doch zu Evren und ihn um Geld bitten. Etwas, was er verabscheute, besonders seit die Stimmung zwischen ihnen so explosiv war. Aber es nutzte nichts, darum ging er zu Evren rüber und bat ihn um Geld.

Wortlos erhob sich Evren. Er hatte versprochen, dass er den Prinzen mit durchfütterte, weil das Eintauschen von Edelsteinen zu auffällig wäre. Deswegen verlor er darüber auch kein Wort. Es war für ihn selbstverständlich. Er gab ihm lieber etwas mehr, weil er ahnte, wie der Prinz sich dabei fühlte. Das hieß aber noch lange nicht, dass er gut hieß, was hier passierte - oder dass von seinem Geld Antje durchgefüttert wurde. Ihm lagen schon wieder eine Menge bösartige Bemerkungen auf der Zunge, doch er versuchte sich zu beherrschen - leicht war es nicht, wenn er sah, wie sich Azhdahar für diese Schnepfe aufgebrezelt hatte.

„Was?“, fragte der Prinz aggressiv, als er den missbilligenden Blick auf sich fühlte. So langsam hatte er wirklich die Schnauze voll. Erst sollte er Antje von Evren ablenken, damit der alles, was er erledigen musste, machen konnte, ohne dass seine Vorgesetzte es mitbekam und weil er seinen Job gut erledigte, wurde er dafür angefeindet und das zerrte ernorm an seinen Nerven, wie man gerade merkte.

„Nichts“, sagte Evren, weil er keine Lust hatte, dass es wieder unter die Gürtellinie ging. Denn so charmant wie Azhdahar bei Antje sein konnte, so wütend konnte er sich Evren gegenüber benehmen. Vielleicht sollte er der Fairness wegen erklären, dass er selbst das oft provozierte, doch das wollte Evren nicht. Er wusste überhaupt nicht, was er wollte!

Zum Einen sollte Azhdahar endlich verschwinden - zum Anderen sollte er bleiben und sich nie wieder mit dieser dusseligen Kuh treffen. Nur hatte Evren keinen Schimmer warum.

„Sag mir einfach Bescheid, wenn sie mit nach Mexiko kommt, dann muss ich noch einen Sitzplatz buchen“, konnte er sich einen Seitenhieb dann doch nicht verkneifen, auch wenn er das eigentlich nicht gewollt hatte, weil es primitiv war.

„Arsch“, knurrte Azhdahar und stopfte sich das Geld in die Hosentasche. „Wie oft denn noch? So langsam habe ich wirklich genug. Vielleicht sollte ich wirklich mit Antje schlafen, damit du endlich Recht hast, dass ich eh nichts anderes von Anfang an vorgehabt habe.“ Die Augen des Prinzen sprühten Funken, denn Evren hatte gerade eine Grenze überschritten und so langsam kam Trotz in Azhdahar hoch. Nichts, was er sagte oder tat war gut genug oder überzeugte Evren davon, dass er an Antje nicht interessiert war.

„Dazu wirst du dich ja richtig zwingen müssen“, knurrte Evren, wütend darüber, dass es nun doch so weit gekommen war, dass sie sich stritten. Es gab wirklich keinen Tag mehr, an dem sie nicht aneinander gerieten. Er versuchte Azhdahar zu ignorieren und sich wieder seinen Unterlagen zu widmen. Er war auf der Suche nach alten Karten und Lageplänen und sowieso schon angefressen, weil so wenig zu finden war. Jetzt noch Azhdahar dazu war zu viel für Evren, um es einfach schlucken zu können.

„Ja, muss ich, auch wenn du das nicht glauben wirst, wie sonst auch nicht.“ Azhdahar hatte jetzt wirklich genug und allein schon aus Trotz traf er sich jetzt mit Antje. Viel lieber hätte er den Tag mit Evren verbracht, so wie vor einigen Tagen, als Antje noch kein Thema gewesen war. Warum nur klappte es seit dem nicht mehr? Egal was er auch machte oder sagte, es gab Streit. „Warte nicht auf mich, ich weiß nicht, wann ich wiederkomme“, sagte er darum nur und wandte sich ab.

„Als ob jemand auf dich warten würde außer deine Schlampe“, murmelte Evren, aber nur noch leise. Er war enttäuscht. Über sich selbst, über Azhdahar, einfach über alles und einmal mehr wünschte er sich, dass er nie durch diesen verdammten Ring gegriffen hätte. Dann hätte der Prinz jetzt seine Umagal und Evren hätte seine Ruhe. Er würde weiter seine Forschungen betreiben - aber nun war nichts mehr wie es einmal war und es fraß an seiner Substanz, dass er mit dem Prinzen einfach nicht mehr klar kam.

„Arsch“, knurrte er trotzdem, als er sich im Bürostuhl nach hinten sinken ließ und an die Decke starrte. Er fühlte sich elend.

Azhdahar schmiss die Tür hinter sich zu. Evrens Worte hatten ihn getroffen und es tat weh, zu hören, wie egal er Evren war. Antje wohnte nicht sehr weit entfernt, so konnten sie sich dort treffen, ohne dass es Probleme gab. Auf dem Weg dort hin holte er noch eine Rose bei dem Blumenhändler, weil er rausgefunden hatte, dass Frauen sich über diese Blume freuten. Als er vor ihrem Haus ankam, hatte er sich wieder soweit im Griff, dass er nicht mehr wütend wirkte.



Wirklich Ruhe fand Evren nicht mehr. Kaum dass er saß, gingen ihm wieder Bilder durch den Kopf. Wie Antje sich an den Prinzen schmiegte, wie sie ihn anhimmelte und wie er sich in ihren Blicken sonnte. „Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich im Augenblick kotzen möchte“, knurrte er und lief rastlos durch seine Räume. Er fing an zu kochen, verlor die Lust, begann drei Filme. Doch jeder regte ihn nur auf. Mehr als einmal hatte er doch tatsächlich den Telefonhörer in der Hand gehabt, um bei Antje anzurufen und ihr die Meinung zu geigen, doch so tief wollte er nicht sinken. All dieser Aufriss wegen einem Kerl? Das mochte anderen passieren aber nicht Evren.

Noch nicht einmal Streuner war da, um ihn abzulenken und zu beruhigen, denn ausgerechnet heute stromerte der kleine Kater draußen herum und kam nicht nach Hause. Immer wieder schlich Evren durchs Haus und weil er sich gar nicht mehr konzentrieren konnte, fing er an, Wäsche zu waschen, weil er dabei nicht nachdenken musste. Allerdings erwischte er sich dabei, dass er an Azhdahars Hemden schnüffelte, ob er daran Antjes Parfüm riechen konnte und somit ein Indiz hatte, dass der Prinz ihn belogen hatte.

„Das ist krank!“, knurrte er und warf das Hemd zum Einweichen in einen Eimer, weil das sensible Material auch einen Schongang in der Maschine nicht überstehen würde. Erst war er versucht, es doch zu tun - das Hemd richtig zu versauen, doch dann besann er sich zum Glück noch auf sein Niveau und ließ es bleiben. Dafür schielte er nun auf den Rand der Hemden, ob er Lippenstift finden konnte. Das machte ihn wieder wütend auf sich selber, weil er sich aufführte wie eine hysterische Ehefrau, die ihren Mann beim Fremdgehen erwischen wollte - dabei war er doch von diesem Bild meilenweit entfernt oder?

So langsam wusste er wirklich nicht mehr, was mit ihm los war. Dieser bekloppte Prinz brachte sein komplettes Leben durcheinander, so dass Evren sich selber nicht wieder erkannte. Es störte ihn mehr, als es sollte, dass Azhdahar bei Antje war und er hatte sich eingestehen müssen, dass es schon extremer Eifersucht nah kam, was aber nicht sein konnte.

„Verdammt“, knurrte er und stopfte die Wäsche in die Maschine. Allmählich wurde er noch verrückt. Am liebsten hätte er jetzt jemanden angerufen und mit dem geredet, doch Werner war unterwegs und seine Kumpels waren auf Mallorca. Eigentlich hatten sie Evren mitnehmen wollen, doch der hatte sich die letzte Zeit rar gemacht - unter anderem wegen dem Drachen, so dass er die kurz entschlossene Reise abgesagt hatte. Dort hätte er sich jetzt die Birne zu saufen und sich eine Tussi suchen können. Stattdessen stand er hier und hatte allen Ernstes Azhdahars Unterhosen in der Hand!

„Wah!“, schrie Evren, weil er das jetzt einfach gebraucht hatte. Er hatte das Gefühl, Funken zu sprühen, so stand er unter Strom.

Je später der Abend wurde, desto kribbliger wurde er und er konnte nicht einmal fünf Minuten sitzen bleiben. Schließlich ging er rauf auf den Dachgarten und atmete tief durch, aber dann sah er wieder Azhdahar, der hier jeden Morgen seine Übungen machte, damit er sich ein wenig bewegen konnte, wenn er doch sonst nicht trainieren konnte. Ab und zu sah Evren ihm dabei zu, denn das war die einzige Zeit, wo sie nicht miteinander stritten.

Stumm akzeptierten sie einander - doch der Friedensvertrag galt wirklich nur hier oben, denn kaum dass sie wieder in der Wohnung waren, ging es wieder los. Wütend riss sich Evren das Shirt über den Kopf und rollte die Schultern. Ihm wurde heiß, ohne dass er wusste warum. Außerdem hatte er das Gefühl, diese Klamotten loswerden zu müssen. Am besten ging er duschen - kaltes Wasser brachte ihn vielleicht wieder auf die Spur und machte den Kopf klar.

Auf dem Weg nach unten strich er sich über das Tattoo, weil er das Gefühl hatte, als wenn Finger darüber strichen. Das machte ihn ganz kirre und er merkte, dass er diese Berührungen überall an seinem Körper spüren konnte. Ungläubig sah er auf seinen Arm, über den eine Gänsehaut strich. Das durfte doch jetzt nicht wahr sein. Was machte dieser bekloppte Drache denn?

„Untersteh dich, du Arschloch!“, zischte Evren, auch wenn er wusste, dass das keinen Sinn hatte, Azhdahar konnte ihn nicht hören. Schlimmer noch: Evren konnte sich nicht dagegen wehren, dass sein Körper anfing auf Hochtouren zu laufen. Das Kribbeln wurde immer schlimmer, seine Fingerspitzen brannten und er hatte den unbändigen Drang, sich zu berühren. War dieser Drache eigentlich noch ganz dicht? Sie hatten einen Deal gehabt - aber der war wohl hinfällig.

„Scheißkerl“, keuchte Evren und kämpfte gegen sich selbst.

Mit geschlossenen Augen lehnte er an der Wand und versuchte seine Atmung zu kontrollieren, die immer heftiger wurde. Es war nicht mehr zu leugnen, dieser dämliche Drache hatte Sex und Evren musste das alles mitkriegen. Besonders erschwerend war es, dass er wusste, mit wem Azhdahar es trieb und das ließ ihn sich fast übergeben.

„Hör auf, sofort“, zischte er und rutschte langsam an der Wand tiefer. „Lass den Mist, du Scheißkerl!“

Es war schwer, sich zu beherrschen. Seine Finger zuckten immer wieder zu seinem Schoß. Dieser Mistkerl würde dafür bezahlen, dass er Evren so erniedrigte. Teuer würde er dafür bezahlen! Evrens Körper schmerzte. Er konnte sich nicht mehr wehren und er schämte sich vor sich selbst, dass er den niederen Gelüsten nachgeben musste. Hart war er sowieso schon, selbst wenn er das nicht wollte. Am besten brachte er es schnell hinter sich, vielleicht konnte er dem Bastard ein bisschen die Tour vermasseln.

Also ließ er sich gehen und gab seinem Körper nach. Seine Hände bewegten sich von selber, als er sich routiniert selbst erregte. Er wollte es nicht genießen, sondern einfach nur schnell hinter sich bringen und wenn das vorbei war, konnte dieses dämliche Kriechtier aber was erleben. So etwas konnte er mit Evren nicht ungestraft machen.

Er fühlte sich widerlich und wollte es nur noch hinter sich haben. Gekonnt trieb er sich weiter und weiter und ihm war es egal, wie es Azhdahar dabei ging. Der Mistkerl hatte den Deal gebrochen, das würde er bereuen. Kaum dass er sich keuchend erleichtert hatte, drehte Evren die Dusche voll auf - kalt natürlich, damit er schnell wieder einen klaren Kopf bekam und er freute sich diebisch, als er sich vorstellte, dass der bescheuerte Drachen sich eben mindestens so erschrocken hatte bei dem Kälteschmerz wie Evren selbst. Dafür litt man doch gern!

Absichtlich blieb er so lange wie er konnte unter der Dusche, damit Azhdahar gar nicht erst die Chance hatte, seinen Orgasmus zu genießen. Aber allzu lange hielt Evren es nicht unter dem kalten Wasser aus. Immer noch wütend trocknete er sich ab und band sich das Handtuch um die Hüften und grinste diabolisch. Der bekloppte Prinz würde noch einsehen, dass man Evren besser nicht reizte. Er hatte eine Chance für seine Rache gefunden und die würde er genießen. Er wusste genau, dass Azhdahar jetzt nicht mehr lange auf sich warten lassen würde, weil er seine Wut sicher an Evren auslassen wollte - doch dazu würde er Evren erst einmal erreichen müssen.

Zufrieden mit sich und der Welt - so zufrieden, wie man in einer Situation wie dieser eben sein konnte - ließ sich Evren in den Sessel fallen, startete das Hausmenü und änderte einfach den Zugang der Tür. Er löschte Azhdahars Fingerabdruck aus der Datenbank und hinterlegte eine andere Codierung, dann fühlte sich Evren entschieden besser. So gut wie heute Nacht hatte er wohl eine Weile nicht geschlafen.

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und atmete tief durch. „So nicht, du Arsch. Leg dich mit mir an und du verlierst“, knurrte er und stand auf. Das war jetzt einen guten Wodka wert. Darum ging er zur Bar und schüttete sich ein Glas ein. „Auf dein dämliches Gesicht freu ich mich schon, wenn du merkst, dass du nicht rein kommst.“

Damit er das auch nicht verpasste, kontrollierte er noch einmal die Kameras vor den Türen, denn das wollte er sich nicht entgehen lassen. Er lächelte kalt, denn bald würde der Prinz merken, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Zufrieden streckte sich Evren und erhob sich wieder. Sein Weg führte ihn zur Küche, wo er sich noch ein paar Snacks griff und dann im Schlafzimmer verschwand. Die Klingel war abgestellt und die Türen gesichert. Schade zwar, dass Streuner nicht da war, aber nach langem mal wieder würde Evren in seinem eigenen Bett schlafen - was er vorher noch frisch bezog, weil er sich nicht von Azhdahars Parfum einlullen lassen wollte.

Er brauchte auch nicht lange warten, da zeigten die Außenkameras, dass Azhdahar auf dem Weg war. Seinem Gesichtsausdruck zufolge war der Prinz ziemlich wütend, was Evren zufrieden registrierte. Der Abend schien nicht so gelaufen zu sein, wie es hatte sein sollen.

Er wechselte zur Kamera an der Eingangstür, damit er auch nichts verpasste.

Azhdahar legte seinen Daumen auf den Scanner vor der Haustür und stutzte. Das kleine Gerät gab keinen Ton von sich, wie sonst immer und auch die Tür öffnete sich nicht. „Was soll das?“, brummte er sauer und probierte es wieder, aber es änderte sich nichts, die Tür blieb verschlossen.

Evren konnte es sich nicht verkneifen, das dumme Gesicht des Prinzen als Standbild zu speichern, damit er sich immer wieder daran ergötzen konnte. In der ganzen Wohnung war es dunkel, so dass man glauben konnte, Evren würde schon schlafen. Doch das hinderte Azhdahar nicht daran zu klingeln.

Blöd nur, dass Evren die Klingel abgestellt hatte, damit der Drache ihn nicht zur Weißglut bringen konnte. „Du hast sie nicht umsonst gevögelt“, knurrte Evren und klopfte sich das Kissen in seinem Rücken zu Recht.

Azhdahar draußen ging um das Haus, ob er irgendwo einen Eingang finden konnte. Er ahnte, was los war, aber er wollte es nicht wahrhaben, denn sonst wäre seine Wut wohl ins Unermessliche gestiegen und sie hätte sich verlagert. Im Moment war er wütend auf sich selbst, dass er mit Antje geschlafen hatte, aber Evren hatte ihn so sehr gereizt, dass er ihm die ganzen Unterstellungen der letzten Tage hatte heimzahlen wollen. Er hatte beileibe nicht damit gerechnet, dass Evren seine Konsequenzen aus dem Geschehenen ziehen würde. Es war eben wirklich nicht von Vorteil, dass einer spüren konnte, was der andere tat.

Im Schlafzimmer oben schaltete Evren von einer Kamera auf die andere und rollte sich zufrieden in seinem Bett hin und her. „Ja, versuch mal einen Weg zu finden - das wird schwierig, dämliches Kriechtier“, grinste er gehässig und labte sich an Azhdahars Verzweiflung und Wut. Er wusste selbst nicht genau, warum er den Drachen so quälte - aber der Kerl hatte es gewagt, einem anderen zu geben, von dem Evren glaubte, dass es ihm zustand: Azhdahars ungeteilte Aufmerksamkeit. Oder doch mehr?

„Verdammt! Evren.“ Azhdahar strich über die glatte Glasfläche, aber nirgendwo war etwas zu finden, wo er durchkommen konnte. Er ging ein wenig zurück und blickte nach oben. Wenn er doch im Moment nur nicht so schwach wäre, dann wäre es kein Problem für den Prinzen, den Balkon zu erreichen, aber jetzt konnte er nur hoffen, dass Evren ein Einsehen hatte.

Doch es schien nicht an dem, genauso wie das Wetter. Langsam fielen die ersten Tropfen zu Boden, schnell wurden es mehr.

Dem Prinzen blieb es nur, sich unter den Balkon auf die Terrasse zu flüchten, um nicht durchweicht zu werden. Es dauerte gar nicht lange, da hüpfte Streuner auf die Terrasse, denn Wasser war eindeutig nicht sein Element, egal aus welcher Richtung es kam. Sich schüttelnd leckte er sich schnell das Fell trocken, weil er genau wusste, dass er im hohen Bogen aus dem Bett flog, wenn er nass unter die Decke gekrochen kam. Als er Azhdahar erblickte, fauchte er aufgebracht - hatte er vor diesem Spinner denn nirgends seine Ruhe?

„Reiz mich nicht, blödes Vieh“, knurrte der Prinz und funkelte den kleinen Kater an. Der hatte ihm gerade noch gefehlt, aber als sich in der Glasfläche eine Öffnung zeigte, merkte Azhdahar auf. Hatte Evren nicht erzählt, dass Streuner immer rein konnte, wenn er wollte? „Du bist ja doch nützlich“, murmelte er und versuchte sich durch den engen Spalt zu zwängen, nachdem der Kater ins Haus geschlüpft war, aber etwa auf der Hälfte blieb er stecken und kam nicht mehr vor und zurück. „Evren. Hilf mir“, brüllte er durchs Haus und versuchte sich zu befreien.

Allerdings hatte er nicht viel Erfolg, außer dass Evren oben die Kamera laufen ließ und aufzeichnete, was sich gleich abspielen sollte.

Die Tür war mit Drucksensoren gesichert. Sollte also jemand versuchen, die sich für den Kater öffnende Tür mit Gewalt weiter aufschieben zu wollen, wurde stummer Alarm beim Wachschutz ausgelöst. Es würde keine Minute dauern, bis die beiden Männer hier waren und den Störenfried abführten. Weil es schon früher Missverständnisse gegeben hatte, die sich hinterher schnell hatten aufklären lassen, wurden die Festgenommenen nicht gleich der Polizei übergeben, sondern für eine Gegenüberstellung mit dem Wohnungseigentümer festgehalten. Der entschied, was dann passierte.

Streuner indes saß auf der Couch und guckte nun zu, wie der komische Drache immer wütender wurde. Dabei putzte er sich zu Ende, ehe er nach oben lief.

Azhdahar war so beschäftigt damit, sich zu befreien und immer wütender nach Evren zu brüllen, dass er erst mitbekam, dass er nicht mehr alleine war, als er mit Gewalt aus dem Spalt gezogen wurde. Sofort klickten Handschellen um seine Handgelenke, denn so wie er getobt hatte, wollten die Wachleute kein Risiko eingehen. Dass dies eine gute Entscheidung gewesen war zeigte sich daran, dass der Fremde augenblicklich herum schoss, sie wütend anknurrte und gleich attackierte, obwohl seine Hände auf dem Rücken zusammen gebunden waren.

„Hey, reiß dich mal zusammen. In fremde Wohnungen einsteigen und sich dann noch aufführen wie ein Berserker. Bist du noch ganz dicht?“ Der Jüngere der beiden griff sich den Mann im Genick und drückte ihn tiefer, damit sie ihn in den Wagen verfrachten konnten. Was war ihnen denn da für ein Spinner ins Netz gegangen? Noch ein letzter Blick, doch da sich auch nach dem ganzen Krach in der Wohnung nichts tat, ging man davon aus, dass der Eigentümer nicht da war und so beschloss man, ihn später zu benachrichtigen.

Azhdahar wollte aber nicht vernünftig sein, denn er war mittlerweile so wütend, dass er sich nur noch befreien und an Evren rächen wollte. Er war wie in einem Rausch und er hörte auch nicht auf zu toben, als die Wachleute ihn endlich in den Wagen und ein paar Minuten später in eine Zelle verfrachtet hatten.