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Das Herz eines Herzogs - Teil 37 bis 40

37

„Hey!“ Es war noch dunkel, als Yves' Wecker am Morgen klingelte und er fühlte sich auch nicht wirklich ausgeruht. Wie auch? William war erst gegen drei gefahren und der sah jetzt bestimmt nicht besser aus als Yves. Er knurrte gerade Socke an, die sich langweilte und ein Spiel daraus entwickelte hatte, vom Kratzbaum aufs Bett zu Joel zu springen, dann auf die Matratze, wo Yves lag, und dann wieder rauf auf den Baum.

Plop - und da landete die Flugkatze wieder.

„Heißt es nicht, dass Katzen zwanzig Stunden am Tag schlafen? Also schlaf!“, knurrte Yves und drehte sich noch einmal um. Er erinnerte sich lieber noch ein bisschen an die Knutscherei gestern Abend und die geschwollenen Lippen, die Lust, die sich in ihm gestaut hatte und die Tatsache, dass sie fast größer war als die Angst davor, den Weg bis zum Ende zu gehen.

William hatte wunderbar verstanden, ihm die Angst zu nehmen. Er war so zärtlich und liebevoll mit ihm umgegangen, dass Yves bei der Erinnerung daran nur seufzen konnte. Sie hatten zwar leise sein müssen, damit Joel nicht wach wurde, aber Küssen war ja auch nicht laut. Grinsend drehte Yves sich auf den Rücken und fing Socke ein, die gerade wieder zum Baum wollte und sich gerne aufhalten ließ. Schmusen war noch schöner als springen.

„Na, du kleine Made?“, lachte er und streichelte sie noch einmal ausgiebig, bekam auch gleich den Bauch präsentiert, damit man sie dort auch beschmusen konnte. Sie schnurrte zufrieden und aalte sich auf dem Rücken, guckte aber ziemlich vorwurfsvoll, als sie auf Joels Bett gesetzt wurde, weil Yves aufstehen musste.

Mit dem Daumen strich er über den Ring auf seinem Finger und er lächelte. Eines war klar: dass er und William die gleichen Ringe trugen, dürfte ziemliche Spekulationen auslösen und hoffentlich zog das nicht zu weite Kreise. Doch Yves sah auch gar nicht ein, warum er seinen Ring abnehmen sollte. Er war verlobt.

Es half alles nichts, er musste ins Bad und sich fertig machen. Dort hatte auch Sockes Toilette ihren Platz gefunden und das Körbchen unten im Wohnzimmer. Das wurde eh nicht so oft gebraucht. Socke aalte sich viel lieber auf dem Bett.

Schnell unter die Dusche und anziehen.

Yves war aufgeregt. Das erste Mal mussten sie spielen, sich nicht zu mögen, aber andersherum hatte das ja auch geklappt.

Er würde den Fraggle einfach weiter anzischen und ihm aus dem Weg gehen. Sie konnten sich ja immer noch abends treffen. Das war besser als nichts. Schnell waren die Haare in Form gebracht und die Klamotten übergestreift, da maunzte es auch schon neben der Tür. Yves sah sich um und guckte Socke an, lachte aber als er verstand: die junge Dame wollte aufs Klo und brauchte kein Publikum!

Merkwürdige Katze!

Doch Yves war es egal, er war sowieso, wie jeden Morgen, spät dran. Er raffte Jacke und Tasche und war nach einem Kuss für Joel die Treppe hinunter.

Ling wartete schon mit seinem Lunchpaket auf ihn und sah ihn fragend an. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte, dass William gestern fast den ganzen Tag da gewesen war, aber er schien Joel zu mögen und der Kleine vergaß, warum er hier war, wenn der junge Mann sich mit ihm beschäftigte. „Bis später“, rief Yves nur im Vorbeilaufen und stopfte sein Essen in die Tasche. Wenn er nicht gleich losfuhr, kam er zu spät.

„Ja, viel Spaß“, rief Ling ihm hinterher. Es juckte in den Fingern, Yves zu fragen, doch sie wusste nicht wie. Sie wollte nicht neugierig erscheinen und auch nicht aufdringlich, aber warum die beiden die gleichen Ringe trugen, interessierte sie wohl genauso wie jeden anderen auch, der die beiden noch vor zwei Tagen erlebt hatte.



„Fahr doch zu, du Depp!“

Wie jeden Morgen war Yves Teil eines merkwürdigen Balletts. Im Rhythmus der Ampeln ging es mal schneller, mal langsamer durch die Straßen und er drückte noch einmal besonders heftig auf die Hupe, als er einen gewissen Bugatti doch allen Ernstes vor sich auf der Straße hatte.

Lachend hob William die Hand, als er Yves hinter sich erkannte und blieb den Rest der Strecke vor dem Roller. Das hatte er schon öfter gemacht, sonst allerdings immer, um Yves zu ärgern. Heute freute er sich einfach, seinen Schatz schon wieder in seiner Nähe zu haben. Er konnte es sich sogar erlauben, Yves beim Parken zu beobachten, denn das machte er sonst auch. Bisher war es noch recht einfach, alles so zu lassen, wie immer und wenn man die Sache objektiv betrachtete, hatten sie sich wohl schon vorher gegenseitig ziemlich viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Yves sah sich noch einmal verstohlen zu William um, der wie üblich an seinem Wagen lehnte und geringschätzig auf den billigen Roller blickte. So nahm er den Helm ab und schickte einen Blitz der Verachtung zurück, wusste aber ganz genau, dass er sich heute Abend für jede Demütigung entschuldigen würde. Da machte er gern Schulden.

William stieß sich von seinem Wagen ab und schlenderte zum Eingang. Es fiel nicht auf, dass er seine Geschwindigkeit so wählte, dass er fast zeitgleich mit Yves dort ankam. Sie sahen sich nicht an, auch wenn es beiden schwer fiel, sondern gingen stur geradeaus blickend zu ihrem Klassenzimmer. Wie durch Zufall wollten beide gleichzeitig durch die Tür und so berührten sie sich an den Schultern. „Straßenratte“, zischte William, aber seine Augen blitzten kurz liebevoll.

„Fraggle, du nervst“, knurrte Yves zurück, senkte aber den Blick, weil er grinsen musste.

„Man, steh hier nicht so rum.“ Cameron hatte sich eigentlich an William hängen wollen, um ihm von ihrem Wochenende zu erzählen und dieser Habenichts schob sich einfach dazwischen. „Geh mir einfach aus dem Weg.“ Und schon war sie hinter William her. Yves konnte nur Mitleid mit seinem Verlobten haben, die Frau war aber auch nervenaufreibend. Also ließ er sich auf seinen Platz fallen und packte sein Zeug aus, dann landete seine Nase im Buch, damit er William nicht aus Versehen verliebt angrinste.

Allerdings war das Buch nur Alibi, damit er ungestört lauschen konnte, wie William Cameron anknurrte, dass ihn nicht interessierte, was sie am Wochenende alles gemacht hatte. Diese Frau war lästiger als eine Fliege, seit sie der Meinung war, ihre Nummer hatte gefälligst auch in Williams schwarzem Büchlein aufzutauchen. Sie sah es als Frechheit an, dass sie eine der wenigen war, die noch nicht darin standen. Vor allem, wenn man bedachte, mit welch minderwertiger Ware er sich schon herum getrieben hatte.

„Was soll denn das? Hast du schlecht geschlafen oder warum zickst du heute so rum?“, fragte sie und setzte sich auf seinen Tisch. Wenn er sie jetzt loswerden wollte, musste er sie schon schieben - und dazu würde er sie anfassen müssen und merken, wie gut sie sich anfühlte. „Dann kann ich dir auch nicht erzählen, was für einen tollen Laden ich aufgetan habe. Da kommt man nicht einfach so rein. Da muss man von Mitgliedern geworben werden“, versuchte sie mit Exklusivität zu locken und sah William dabei eindringlich an.

„Dann lass es doch einfach. Ich werde mit dir ganz bestimmt nicht da hingehen.“ Langsam wurde William wirklich sauer und er strich sich mit einer unwirschen Bewegung die Haare nach hinten. „Such dir einen anderen Deppen, der dich aushält und das meine ich nicht nur finanziell.“ Wie hatte er sich nur jahrelang mit diesen hohlen Geschöpfen umgeben können?

„Sag mal, jetzt reicht es aber. Wie bist du denn drauf?“ So kannte sie William nicht und irgendwie hatte sie das Gefühl, es hatte etwas damit zu tun, dass dieser Habenichts William schief gekommen war. Sie hatte schon mitbekommen, wie das ihren Auserwählten besonders auf die Palme brachte. Wusste der Geier, warum er sich ausgerechnet an diesem Idioten so hochziehen konnte.

„Es zwingt dich keiner, mit mir zu reden und jetzt geh von meinem Tisch runter.“ William hatte mittlerweile wirklich genug und es passte ihm auch nicht, dass inzwischen die Hälfte der Klasse seinem Disput folgte. Sein Blick ging einmal durch die Klasse und streifte dabei Yves, der völlig unbeteiligt in sein Buch blickte. Wie gerne würde er sich jetzt zu seinem Freund setzen und sich mit ihm unterhalten.

„Wie weit ist es eigentlich gekommen, dass der da“ - Camerons Blick blieb an dem desinteressierten Yves hängen - „interessanter ist als ich?“ Beleidigt rutschte sie vom Tisch. So anbieten musste sie sich ihm ja nun auch nicht, doch da fiel ihr Blick auf den Ring, der vorher ganz bestimmt nicht auf Williams Ringfinger gesessen hatte. Sichtlich schockiert sah sie ihn an. „Hast du etwa 'ne Freundin?“, fragte sie kreischend.

„Auch wenn es dich nichts angeht, Cameron. Nein, hab ich nicht.“ William hatte jetzt wirklich genug und nahm sich eines der Schulbücher. Wenn es bei Yves funktionierte, um alle auszusperren, vielleicht gelang ihm das ja auch. Allerdings verging diese Hoffnung schnell, als Cameron sich seine Hand schnappte und den Ring von allen Seiten betrachtete.

„Das ist Platin“, stellte sie fest und sie sah William lauernd an.

„Wie scharfsinnig“, gab der nur zurück und zog seine Hand weg.

„Das ist nicht irgend so ein Kaugummiautomatenring, das ist ein Verlobungsring, oder?“, fragte sie und konnte ihre Worte eigentlich nicht glauben. Wenn sie einem nicht zutraute, dass er lange mit einer einzigen Frau glücklich sein konnte, dann William. „Muss ja 'ne schöne Zippe sein.“ Wie hatte ihr nur entgehen können, dass William eine feste Freundin hatte? Er war doch jede Woche mit einer anderen losgezogen.

„Na, wer ist es?“, fragte sie lauernd und knurrte unwillig, als eine ihrer Freundinnen ihr in die Seite piekste.

„Was?“, keifte sie, denn sie mochte es nicht, unterbrochen zu werden.

„Cameron, da“, flüsterte Alicia und deutete auf Yves. Der Ring, den dieser Habenichts trug, glich dem von William wie ein eineiiger Zwilling. Sie traute ihren Augen nicht und ließ Williams Hand los. Dafür griff sie sich die von Yves, der nicht wirklich zugehört hatte und nun völlig überrascht war, als diese Frau seine Hand hielt und auf den Ring starrte. Sein erster Instinkt war es fragend zu William zu sehen, doch er verkniff es sich.

„Bist du etwa mit dieser Schwuchtel hier zusammen? Das kann doch nicht wahr sein!“, schrie sie und es war egal, dass gerade der Lehrer die Klasse betrat.

„Kommst du mal wieder runter?“, knurrte Yves und suchte dringend nach einer Erklärung. „Erstens bin ich nicht schwul, was William ist, weiß ich nicht. Zweitens weiß ich, dass ich den Ring von einer Freundin habe. Wenn sie den Gleichen auch dem da gegeben hat, werde ich da noch einmal nachhaken, aber wenn es eine nichts angeht, dann bist du das. Klar?“

„Das kannst du jemandem erzählen, der sich die Hose mit der Kneifzange anzieht.“ Cameron schnaubte geringschätzig. „Niemand, den du kennst, kann sich so einen Ring leisten. Deiner und Williams gehören zusammen und ich will wissen, warum du ihn trägst.“ Cameron hatte sich nahe zu Yves hinunter gebeugt, so dass William sich genötigt sah einzugreifen.

„Cameron, auch wenn ich sonst nicht mit Yves einer Meinung bin, dann bin ich es jetzt. Es geht dich schlicht und ergreifend nichts an, warum wir beide ähnliche Ringe tragen und jetzt setz dich auf deinen Platz. Es gibt hier noch welche, die was lernen wollen.“

„Ich kriege raus, ob du mit der Schwuchtel was hast, verlass dich drauf“, zischte sie kampfeslustig. Sie war hochgradig wütend und so war es nur eine kleine Genugtuung, als sie Yves das Buch von der Bank warf und er es kopfschüttelnd wieder aufheben musste. Nein, das war nicht gut gelaufen - kein bisschen. Doch er konnte jetzt nicht zu William sehen. Jeder beobachtete sie beide. Jetzt kam es darauf an, glaubwürdig zu bleiben.

Es fiel beiden schwer, aber sie schafften es, ihre gleichgültigen Gesichter beizubehalten. Hinter Williams Stirn rotierte es. So schlimm hatte er sich das nicht vorgestellt, aber Cameron hatte es geschafft, dass sie nun die nächste Zeit von allen mit Argusaugen beobachtet wurden. Sie durften sich also keinen Patzer erlauben, wenn sie glaubwürdig bleiben wollten.

Das einzige, was ihn halbwegs aufheiterte war, wie Cameron fast an ihrer Neugier erstickte. Ihr war es egal, was der Lehrer da vorn von sich gab. Sie hatte nur noch William und den Habenichts im Blick. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass William was mit einem Kerl hatte. Doch warum dann diese Ringe? Sie musste sich diesen Kerl noch einmal alleine vornehmen. Der würde schon reden.

Sie hatte auch nicht vor, lange zu warten. Als die Klingel zur Pause läutete, genügte ein Blick von ihr zu ihren Freunden in Williams Richtung und sie wussten, was zu tun war. Jetzt war dieser Habenichts fällig. Sie wartete, bis Yves auf seinem üblichen Platz saß und die Nase im Buch hatte, da wurde es ihm auch schon aus den Händen gerissen.

„Was spielst du hier für ein perverses Spiel?“, zischte sie wütend und knallte das Buch auf die Bank. „Was hast du gegen William in der Hand, damit der das mitmacht?“ Für sie war klar, wer hier der Schuldige war.

Doch Yves ließ sich nicht provozieren. Er griff sich sein Buch wieder und schlug es auf. „Gewöhn dir ab, anderer Leute Eigentum so nachlässig zu behandeln“, sagte er nur und dachte gar nicht daran, dieser Frau auf ihre Abstrusitäten auch noch zu antworten.

„Wage es nicht, mich so von oben herab zu behandeln.“ Langsam wurde Cameron lauter. „Was hast du mit William zu schaffen? Das sind Verlobungsringe, egal was du versuchst uns einzureden. Hat es mit der reichen Freundin nicht geklappt? Da versuchst du es jetzt bei den Jungs, dich hoch zu schlafen.“ Die junge Frau war außer sich. Wie konnte dieses Nichts es wagen, sich zwischen sie und William zu drängen.

Mit einer langsamen Bewegung hob Yves den Kopf und blickte zu Cameron nach oben, dabei fragte er sich amüsiert, wer hier wohl wen von oben herab behandelte, doch das verkniff er sich lieber. „Cameron, glaube, was immer dir dein kleines, krankes Hirn eingibt. Glaube es und werde glücklich damit, wenn du die Wahrheit nicht akzeptieren kannst. Allerdings solltest du mal deinen Kopf zum Denken benutzen und nicht nur zum Haare schneiden und dich fragen, ob die Verlobung mit einem Kerl nicht vielleicht Williams Ruf schaden könnte und ob er wirklich so dumm ist, das aufs Spiel zu setzen.“

Cameron hatte endgültig die Nase voll. Niemand durfte behaupten, dass sie dumm war und schon gar nicht so einer, der gar nicht hier her gehörte. Der nur hier war, weil er einen Dummen gefunden hatte, der ihm diese Schule bezahlte. „Du Arsch“, zischte sie mit wütend blitzenden Augen und ihre Hand schoss vor, die Finger gekrümmt, um sie Yves durch das Gesicht zu ziehen, aber soweit kam es nicht, denn eine Hand hielt ihre auf und drückte so fest zu, bis sie vor Schmerz aufheulte.

„Wag das noch einmal und ich sorge dafür, dass du von der Schule fliegst.“ William hatte das Ablenkungsmanöver schnell durchschaut und war gerade noch rechtzeitig gekommen, um Schlimmes zu verhindern.

Yves versuchte gleichgültig zu bleiben, doch als er die Hand hatte auf sich zu sausen sehen, hatte sich sein Puls schon beschleunigt. Leicht war es nicht, den Gleichgültigen zu spielen und er konnte nur beten, dass sein Schatz ihm die Worte jetzt nicht übel nahm. „Bring die Irre zur Vernunft, schließlich ist sie dein Groupie“, sagte er und erhob sich. Ein kurzer Blick wechselte zwischen ihren Augen, dann wandte sich Yves um. Es war nicht fair, William mit der Furie allein zu lassen, doch an ihm würde sie sich nie vergreifen.

„Ich kriege noch raus, womit du Will erpresst, du Miststück!“, brüllte Cameron ihm hinterher.

Im ersten Moment versetzten die Worte William einen Stich, aber das verging schnell, als er sich vor Augen hielt, dass es die einzige Möglichkeit war, wie Yves reagieren konnte. „Halt endlich deine Klappe, es wird langsam lächerlich. Schaff dir ein eigenes Leben an, damit ich endlich vor dir Ruhe habe.“ William war richtig wütend und wenn Cameron nicht wollte, dass er seine Drohung wahr machte, sollte sie langsam den Ball flach halten.

„Du kannst mir doch nicht erzählen, dass es Zufall ist, wenn du und der komische Vogel da die gleichen Ringe tragen. Zufällig auch noch am gleichen Tag aufgetaucht. Verdammt, Will, was läuft da? Der Spinner erpresst dich doch. Ich helfe dir da raus zu kommen, keine Frage!“ Sie konnte nicht locker lassen und so durchbohrte sie Yves' Rücken, der sich langsam immer weiter von ihnen entfernte.

„Ich erzähl dir gar nichts, weil es dich, wie schon einmal gesagt, nichts angeht.“ William hatte jetzt wirklich genug und ließ sie einfach stehen. Er konnte sowieso sagen, was er wollte, sie glaubte ihm nicht. „Glaub einfach, was du willst, aber lass mich damit in Ruhe.“ Er wählte absichtlich die entgegengesetzte Richtung von Yves, aber ließ Cameron nicht aus den Augen. Nicht dass sie es noch einmal probierte.

„Ich finde es schon raus, ob du mir das nun sagst oder nicht. Ich habe Zeit und ich werde ihm folgen und ich werde herausfinden, was er so alles treibt und womit er dich erpresst!“ Sie schrie und das konnte ruhig jeder hören. Eine Partie wie William gab sie doch nicht kampflos auf, schon gar nicht wegen einem wie Yves!

Aber erst einmal ließ sie es gut sein, denn sie musste mehr Informationen sammeln und Rache war ein Gericht, das kalt serviert wurde. Sie hatte Zeit. Noch einmal bohrte sich ihr Blick in Yves’ Rücken, dann drehte sie sich um und stiefelte so würdevoll wie möglich zurück ins Gebäude.


38


„Komme schon - komme schon!“

Nur mit einem Handtuch bekleidet hüpfte Yves aus seinem Bad ins Zimmer, weil sein Telefon ihn darauf aufmerksam machte, dass jemand gern mit ihm sprechen wollte. Sein Blick fiel auf den leeren Katzenkratzbaum, doch da hatte er schon abgehoben.

„Na, Kurzer? Wie geht es dir?“, fragte Yves und ließ sich auf das Bett fallen. Eigentlich hatte er keine Lust, den Semesterabschluss mit seiner ganzen Klasse zu feiern. Lieber würde er hier bleiben und sich mit William die Decke über den Kopf ziehen. Doch das ging nicht, denn William war der Gastgeber des Festes und er hatte in den Hafen auf seine Yacht geladen. Vierzehn Tage waren sie nun in der Schule wie auf Eiern gelaufen, hatten versucht jeder Tretmine auszuweichen und waren Cameron kaum noch losgeworden.

Endlich war das Schuljahr vorbei und die Ferien standen vor der Tür zusammen mit der Hoffnung, mehr Zeit mit einander verbringen zu können. Das Schulgeld musste Yves nicht mehr erarbeiten, denn William hatte dafür gesorgt, dass das Stipendium auf ihn zurück übertragen wurde und auch das Problem um Joels Operation hatte sich gelöst.

Nur dass der Kleine nicht mehr bei ihm war, sondern in einer anderen Familie, machte ihm Magenbrummen - aber es war das Beste gewesen und Joel gefiel es auch, denn er hatte Socke mitnehmen dürfen.

„Yves“, rief Joel in den Hörer und lachte. Er war aufgekratzt, weil er wieder mit seinem großen Bruder sprechen konnte. „Mir geht es gut. Auf einem Auge kann ich schon wieder gut sehen. Das ist sooo toll. Morgen kommt das andere Auge dran und dann kann ich wieder richtig sehen.“ Man konnte deutlich hören, wie sehr Joel sich darauf freute. Die Angst, die er vor der ersten Operation gehabt hatte, war verflogen. „Und Socke ist wirklich total niedlich und schwarz und die weißen Pfoten. Es ist so cool wieder sehen zu können!“

„Joel“, lachte Yves und ihm war einmal mehr klar, das Richtige getan zu haben. „Das ist schön. Sind sie auch nett zu dir, ja?“ Er rubbelte sich die Haare trocken und mit einer Hand suchte er nach Klamotten, die er heute Abend anziehen wollte. William hatte ihn durch die Blume gebeten, doch mal wieder einen Anzug zu tragen, weil ihm das gut gefallen hatte, also wollte Yves seinem Schatz das nicht abschlagen.

„Ja, alle sind nett.“ Joel versuchte fröhlich zu klingen, aber ganz gelang ihm das nicht. „Ich vermisse dich“, sagte er noch schnell und schämte sich gleich wieder. Er war in dieser Familie wirklich liebevoll aufgenommen worden, obwohl er hier doch ein Fremder war und er fühlte sich undankbar, aber er war hier so alleine, ohne seinen Bruder und seine Freunde. „Wie geht es Granny?“, lenkte er darum ab, denn Yves sollte sich keine Sorgen machen.

„Besser, viel besser.“ Yves klang zuversichtlich. Weil er jetzt nicht mehr wie ein verrückter Tag und Nacht arbeiten musste, hatte er zweimal die Woche Zeit zu ihr zu fahren und zu sehen, wie es ihr ging und sie machte Fortschritte. Kleine, aber sie machte welche. „Die Ärzte sind zufrieden mit ihr und sie lässt dich ganz dolle drücken und küssen. Das hat sie mir ausdrücklich gesagt.“ Yves stellte das Telefon auf laut, damit er sich nebenbei anziehen konnte. Schließlich hatte er nicht ewig Zeit.

„Schön, sie soll wieder gesund werden.“ Joel hing sehr an seiner Grandma, denn sie hatte ihn groß gezogen und sie fehlte ihm sehr. „Ich habe ihr einen Brief geschrieben und Bilder gemalt. Sind die schon angekommen? Granny soll doch wissen, wie es hier aussieht und wie die Menschen hier sind. Was macht Will?“ Joel war neugierig, wie es all seinen Freunden ging.

„Will geht es gut. Wir feiern heute Semester-Abschluss. Ich werde gleich gehen. Er lässt schön grüßen“, sagte Yves und kämpfte mit der Krawatte. Eigentlich war er ja nicht so begeistert, etwas geschenkt zu bekommen, doch William hatte ihn mit bettelnden Augen angesehen und so hatte Yves das Geschenk angenommen und zwängte sich nun in die Krawatte. „Hast du ihr auch Socke gemalt? Sie ist doch schon ganz gespannt auf deine Freundin. Bestimmt kommen die Bilder bald an... Mistding, jetzt geh endlich zu!“

„Was machst du?“, lachte Joel, denn es kam selten vor, dass Yves so etwas sagte. „Ja, ich habe Bilder von Socke geschickt und auch vom Haus und vom Garten. Die haben hier auch einen ganz netten Koch, der mich zugucken lässt und manchmal darf ich auch etwas helfen.“ Joel hatte seine Leidenschaft für die Küche nicht verloren, sie war sogar noch größer geworden, seit er auch etwas tun konnte. Seine Faszination wuchs von Tag zu Tag, denn vieles, was er nur ertastet hatte, sah eigentlich anders aus, als er es sich vorgestellt hatte. Das war spannend und er lernte täglich dazu.

„Ich quäle mich in eine Krawatte, die glaubt, mich erdrosseln zu müssen“, knurrte Yves und war versucht, das Ding abzureißen und in die Ecke zu werfen. Er scheiterte einfach am Knoten.

„Lass das Ling machen. Sie hat mir mal gesagt, Männer kriegen das nicht hin.“ Joel kicherte. Er konnte sich richtig vorstellen, wie Yves kämpfte, denn Krawatten war sein Bruder nicht gewohnt. „Wo ist denn die Feier? Werden viele Leute da sein? Ich würde gerne mitkommen.“ Man hörte eine Stimme im Hintergrund und Joel war kurz abgelenkt. „Es gibt gleich Essen, ich muss dann Schluss machen. Ich rufe bald wieder an, ja?“

„Ja, mach das, Kleiner. Ich gehe zu Will auf die Yacht und ich werde ihn ganz doll von dir grüßen.“ Yves grinste und legte auf. Vielleicht sollte er wirklich Ling da ran lassen. So kam er nicht weiter. Er raffte also seine Anzugjacke und den Anorak. Denn es war kalt geworden und Schnee lag auf den Straßen und auf dem Roller war es eisig. William hatte angeboten, ihn fahren zu lassen und Henry hätte das sicher auch gern gemacht. Doch Yves war es lieber, wenn er seinen Roller dabei hatte und fahren konnte, wenn es ihm zu bunt wurde.

Ling sah ihm stolz entgegen, als er die Treppe hinunter kam und sie lächelte. „Du siehst sehr gut aus“, sagte sie und hielt die Hand auf. „Nur noch die Krawatte und es ist perfekt.“ Geschickt komplettierte sie Yves' Outfit und strich sanft über den edlen Stoff des Anzugs. „Viel Spaß heute, mein Schatz und grüß Will.“ Sie atmete tief durch und steckte Yves einen Zwanziger in die Tasche. „Für alle Fälle“, sagte sie nur und küsste ihn auf die Wange. „Ab mit dir und amüsier' dich.“

„Ich versuch's. So gut das eben geht, wenn man ein Schiff voller Idioten hat“, grinste er schief und zog sich noch die dicke Jacke und den Schal über. Ihm wäre es lieber, wenn wenigstens Robert oder Peter dabei wären. In den letzten Tagen hatte man sich wieder öfter gesehen, doch auch die beiden wussten nichts von Williams und Yves' tatsächlicher Beziehung. Sie hatten zwar die Ringe gesehen, aber sich einreden lassen, dass es nötig wäre für die Scharade. Er mochte es noch immer nicht, sich verstecken zu müssen.

Yves erschauerte, als er auf die verschneite Straße trat und schlug den Schal höher. Der eisige Wind pfiff durch die Straßen und allein der Gedanke, jetzt durch die Kälte zu fahren, behagte ihm gar nicht. Doch er wollte William sehen.



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Immer wieder blickte William auf die Uhr. Die ersten Gäste waren da, aber das war ihm egal. Für ihn war nur ein einziger Gast wichtig und der ließ auf sich warten. Immer wieder sah er aus dem Fenster. Draußen war es eiskalt und hier im Hafen pfiff der Wind stärker als in der Stadt. Warum war Yves nur so stur und musste mit dem Roller kommen? Das war doch tödlicher Leichtsinn bei diesem Wetter. Hoffentlich war er bald hier, sonst ging William ihn suchen.

„Will, komm schon.“ Ein paar der Damen, die sich in ihre schönsten Ballkleider geworfen hatten, umringten den Gastgeber, um ihn in ihre Runde zu integrieren. Dieses Schiff war schwimmender Luxus, doch etwas anderes hatte man von William auch nicht erwartet. Mehrere Schlafzimmer, mehrere Gästezimmer. Bäder und Wohlfühleinrichtungen, die man später auch noch ausprobieren wollte. Immerhin hatte das Prachtstück vier Decks und ein beheiztes Sonnendeck, auf dem sich die Gäste aufhalten konnten, wenn es ihnen unten zu langweilig wurde oder wenn sie ihre Ruhe haben wollten - je nachdem.

„Gleich.“ William lächelte, damit seine Ablehnung gemildert wurde. „Geht schon mal vor, ich möchte noch ein paar Gäste begrüßen. Lasst euch etwas zu trinken geben und amüsiert euch.“ Zu seinem Glück gaben die Mädchen schnell auf und er konnte wieder nach draußen sehen.

Wann kam er denn endlich?

William reckte den Kopf, damit er weiter sehen konnte und kniff die Augen zusammen. War er das endlich? Es war zu dunkel, um etwas genau erkennen zu können, aber das Geräusch kannte er. Das musste Yves sein. Wer würde sonst zu dieser Jahreszeit mit dem Roller kommen? Wer von diesen Leuten hier kam überhaupt mit dem Roller?

William verkniff sich das verliebte Grinsen, als er Yves dabei beobachtete, wie er den Roller parkte, den Helm abnahm und sich noch einmal die Haare richtete. Doch William wusste, dass er heute nicht geschminkt sein würde. Schade eigentlich, es stand ihm, wenn die schwarzen Augen noch ausdrucksstärker waren.

Mit einem letzten Blick auf seinen Roller machte Yves sich also auf zum Pier, an dem die Duchess III lag, ein Schiff für das die Bezeichnung Yacht nicht ausreichte. Unter eine Yacht verstand Yves etwas Kompakteres als dies hier. Als er den Pier entlang schritt, brauchte er über vierzig Schritte vom Bug bis zum Heck. Das waren gut dreißig Meter. Wenn er an der Bordwand nach oben sah, kam er sich vor wie vor einem dreigeschossigen Wohnhaus. Na ja, sein Fraggle kleckerte eben nicht.

Um nicht zu dämlich zu wirken, wie er hier stand und starrte, beeilte Yves sich an Bord zu gehen und sich zu orientieren. Er fühlte sich unwohl. Schon allein weil wieder diese Blicke auf ihm lagen, die deutlich machten, dass er hier nichts verloren hatte.

Langsam ging er die Gangway hoch und William passte es so ab, dass er zufällig gerade auf dem Weg zu seinen Gästen war, als Yves das Schiff betrat und sie sich begegneten. Anerkennend ließ er seinen Blick über seinen Freund gleiten und er leckte sich über die Lippen. Yves stand der Anzug wirklich ausgezeichnet. Ohne ein Wort ging er an ihm vorbei und es fiel ihm unendlich schwer. Er wollte diese Scharade nicht mehr spielen, aber vielleicht konnten sie in den Ferien ein paar Tage zusammen verbringen.

Yves hob eine Braue und ging weiter. Lieber hätte er sich William gegriffen und ihn gegen die Wand gedrückt, ihn bewusstlos geküsst und sich dann mit ihm irgendwo verzogen - doch es ging nicht. Dank Camerons Aktion vor zwei Wochen standen sie immer noch unter Beobachtung, egal wo sie zusammen auftauchten. Also legte Yves seine Jacke und den Schal an der Garderobe ab und ging zur Bar. Vielleicht ließ sich das hier alles mit einem Whisky besser ertragen.

Noch waren nicht alle Gäste da, weswegen die Bar relativ leer war. Mit seinem Glas in der Hand sah Yves sich um. Prunk und Protz überall. Genau wie er es erwartet hatte. Edles Holz, teures Kristall, alles nur vom Feinsten. William stand nicht sehr weit von ihm entfernt, umringt von den Mädchen aus ihrer Klasse, die ihn über das Schiff ausfragten. Sie waren zwar alle reich, aber solch eine Yacht war auch für sie nicht alltäglich.

„Geldgieriges Pack“, murmelte Yves und sah sich weiter um, um ein Alibi dafür zu haben, dass sein Blick immer wieder einmal William streifte, der in seinem klassisch schlichten Anzug wie immer traumhaft aussah. Die langen, schwarzen Haare trug er wie meistens offen und sie umspielten das blasse Gesicht. Grinsend strich Yves mit dem Daumen über den Ring an seinem Finger und musterte weiter den großen Raum. Im Endeffekt sah er aus wie ein Restaurant. Tische und Stühle, Bar und eine kleine Tanzfläche. Aus den Lautsprechern drang unaufdringlich Musik.

Ob es hier wohl Schlafzimmer gab? Und ob die Betten dort auch so traumhaft groß waren? Yves schüttelte grinsend den Kopf. Er war unverbesserlich.

„Bin gleich wieder bei euch. Ich hole mir nur etwas zu trinken.“ William hielt es nicht mehr aus, er musste Yves einfach ein wenig näher sein, darum ging er zur Bar und bestellte sich eine Cola. Heute wollte er keinen Alkohol, denn als Gastgeber behielt er lieber einen klaren Kopf. Er nahm sein Glas entgegen und kam seinem Verlobten dabei so nahe, dass ihre Körper sich leicht berührten. Das war Himmel und Hölle zugleich und Yves ging es nicht besser.

„Liebe dich“, raunte Yves fast tonlos, ehe er sich abwandte, weil er wusste, dass die Blicke schon wieder forschend auf ihren Rücken lagen. Besser er ging William aus dem Weg, so wie sie es gehandhabt hatten, seit sein Fraggle nach New York gekommen war.

„Dich auch“, war die genauso leise Erwiderung und durch seine langen Haare verdeckt, blickte William Yves verliebt an. Warum war diese Party noch nicht vorbei? Er wollte endlich mit Yves alleine sein. Es war schwer, wieder zu gehen, ohne die weichen Lippen gekostet zu haben. Doch es war wohl besser, wenn sie sich nicht im selben Raum aufhielten. Das dachte sich wohl auch Yves, deswegen ging er ein wenig durch den Saal und durch die Gänge, um sich das Schiff anzusehen und hoffte, dass ihn niemand vermisste.

„Was mach ich hier eigentlich?“, murmelte er vor sich hin, als er den langen Gang durchschritt, von dem die Türen zu den Passagierkabinen abgingen. Es wäre sicher traumhaft, sich hier mit William zu verbarrikadieren und sich auf hohe See abzusetzen. Niemand würde sie finden oder stören. Allein der Gedanke, zusammen sein zu können, ohne Angst vor Entdeckung haben zu müssen, ließ ihn lächeln. Aber das war Illusion und besser er verbannte alle Gedanken daran.

Oben war die Party mittlerweile in vollem Gange. Alle Gäste waren eingetroffen und das Büffet eröffnet. Immer wieder hörte Yves lautes Lachen und die Musik wurde lauter, damit getanzt werden konnte. Doch ihn zog eigentlich nicht viel nach dort oben. Trinken konnte er nicht, weil er nach Hause fahren musste und gegessen hatte er eigentlich schon. Nur ab und an ein Blick auf William wäre es wert gewesen zurückzugehen, doch er wusste nicht, ob er die Kraft hatte, sich anzusehen, wie diese Geld-Geier William zu umgarnen versuchten, um ihn ins Bett zu kriegen.

Ekel erregend!

Wie hielt William das nur aus? Sein ganzes Leben umringt von Frauen, die ihm betörten, wie sehr sie ihn liebten, aber eigentlich nichts weiter wollten, als seinen Titel und sein Geld, damit sie ausgesorgt hatten.

Das war doch widerlich.

Ewig konnte Yves nicht durch die Gänge laufen, denn er war hier nicht mehr allein. Die ersten Pärchen streiften durch das Schiff auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen, aber so wie es aussah, hatte William vorgesorgt und die Kabinen abgeschlossen. Yves grinste. Es war nicht zu leugnen, dass William dieses Fest nur aus Prestige-Gründen gab, weil man das wohl vom Enkel des Schulgründers erwartete.

Dienst nach Vorschrift.

Eine Party und dann weg mit dem Pack. Ja, sein Schatz war ihm irgendwie sympathisch. Sichtlich besser gelaunt kam Yves zurück in den großen Raum, der Appetit trieb ihn, denn Yukis Vater hatte mit Sushi zum Büffet beigetragen. Das konnte er sich nicht entgehen lassen.

Er konnte sich gut vorstellen, wie Yuki durch die Yacht gelaufen war, denn diese Gelegenheit hatte sie bestimmt genutzt und Yves konnte sich später ihre Schwärmereien anhören. Mit einem Teller, gefüllt mit leckeren Häppchen, ging Yves auf das Sonnendeck. Hier war er fast allein, weil es trotz der Heizung und den aufgespannten Planen etwas zog, aber für ihn war das genau richtig. Nicht so stickig und vor allen Dingen wenig Trubel. Doch die Zeit verging nur kriechend.

Yves seufzte leise und hing seinen Gedanken nach. Dass Joel jetzt so weit von ihm entfernt war, nur damit er operiert werden konnte. Dass seine Großmutter zwar auf dem Weg der Besserung war, aber noch lange nicht über den Berg. Auch darüber, dass er weder seinen „Pflegeeltern“ noch seiner besten Freundin sagen durfte, dass er verliebt war und glücklich.

„Scheiß!“, knurrte er leise und steckte sich das letzte Nigiri mit Lachs in den Mund. Dabei starrte er auf das schwarze Wasser unter sich.

Er hörte nicht, wie die Tür zum Deck geöffnet wurde und leise Schritte sich auf ihn zu bewegten. Cameron hatte nur auf eine Gelegenheit wie diese gewartet. Ihr Hass auf Yves war jeden Tag gewachsen, weil sie nichts über ihn herausfinden konnte. Und heute war genau der richtige Moment, sich an ihm für all die Demütigungen zu rächen, die er ihr zugefügt hatte. Leise schlich sie sich hinter ihn, in der Hand eine kleine Spritze. Es war praktisch, wenn der eigene Vater ein Arzt war. So war es keine Schwierigkeit, etwas zu finden, das einen Rauschzustand auslöste, der leicht mit Betrunkenheit zu verwechseln war. Ohne jegliche Warnung rammte sie Yves die Kanüle in den Hals und sprang zurück, als er herumwirbelte.

„Was?“, schoss Yves zurück und hielt sich die Hand auf die Stelle am Hals an der er eben einen Stich gespürt hatte. Die andere klammerte sich um das Geländer. „Sag mal spinnst du? Kannst du mir nicht endlich von der Pelle weichen?“, knurrte er und wollte die junge Dame in ihrem blauen Ballkleid einfach ignorieren, doch er spürte plötzlich, wie ihm die Beine schwer wurden. Die Bilder verschwammen vor den Augen. „Was war das, du Miststück?“, fragte er ungläubig und lehnte nun mit dem Rücken an der Reling, weil er Halt suchte.

„Ist nicht wichtig, was es war, es erfüllt seinen Zweck.“ Cameron lachte gehässig und blieb vorläufig außerhalb von Yves' Reichweite. Das Mittel wirkte schnell, aber eine Minute brauchte es für seine volle Wirkung. Erst als ihr Opfer immer mehr schwankte, kam sie näher. „Verrecke, du Arsch“, zischte sie und gab Yves einen so festen Stoß, dass er sich nicht mehr halten konnte und über die Reling stürzte. Es war Yves wahrscheinlich nicht bewusst, dass er dabei laut schrie. William hörte es und zuckte herum.

Was war das gewesen?

Neugierig lief er auf das Sonnendeck und sah sich um, aber niemand war zu sehen. Er wollte schon wieder gehen, als er ein leises Rufen hörte und er blickte über die Reling. Was er sah, ließ ihn das Blut gefrieren. Weit unter ihm, im eisig kalten Wasser schwamm jemand und ging immer wieder unter.

„Yves“, schrie er, als er seinen Verlobten erkannte und ohne weiter nachzudenken sprang er über die Reling. Yves konnte doch nicht schwimmen! Er musste ihn retten. Aber Yves machte es ihm nicht leicht. In seiner Panik vor dem tiefen, schwarzen Wasser riss er die Arme nach oben und schlug um sich, sein Schwerpunkt verlagerte sich ungünstig und er ging immer wieder unter.

Nicht nur die Kälte, die in seine Haut schnitt wie Rasierklingen, auch das eisige Wasser in seiner Lunge setzte Yves zu. Er verlor die Orientierung.

Wo war oben?

Wo unten?

Und dann tat das Mittel seine Wirkung und um Yves wurde es schwarz, als er langsam unterging.

Im letzten Augenblick bekam William eine von Yves' Händen zu fassen und zog ihn an sich. Dass sein Verlobter sich nicht mehr rührte, war kein gutes Zeichen und er bekam Angst. Yves durfte nicht sterben! William merkte, wie das kalte Wasser ihn langsam lähmte. Sie mussten aus dem Wasser. Die Angst um Yves und das Adrenalin, das durch seinen Körper floss, gaben ihm Kraft, denn sonst wären sie beide schon lange untergegangen.

Mit fast übermenschlicher Anstrengung brachte er sie zu der kleinen Badeplattform am Heck des Schiffes und hievte Yves irgendwie dort hinauf. Die Crew des Schiffes hatte mitbekommen, was passiert war und sie waren auch die einzigen, die handelten. Alle anderen starrten nur und keiner kam auf die Idee zu helfen.

Zwei der Matrosen kamen zu der Plattform gelaufen und zogen William aus dem Wasser, der selber dafür nicht mehr die Kraft hatte und brachten ihn und Yves ins Schiff. „Aus dem Weg“, kommandierten sie die Gäste, denn das Leben des jungen Herrn war wichtiger als alles andere. Sofort wurde nach einem Arzt geschickt, denn dass der Blonde bewusstlos war, war kein gutes Zeichen.

Unter den neugierigen Augen der Massen wurden die beiden jungen Männer unter Deck getragen, nur Cameron stürzte vor und klammerte sich an William. „Warum hast du das getan? Du Idiot. In das kalte Wasser!“

„Lass mich los.“ William versuchte sich loszureißen, denn er wollte Yves hinterher, aber er schaffte es nicht, sich zu befreien. Er hatte keinen Blick für sie, denn er ließ Yves nicht aus den Augen. Warum regte der sich nicht mehr? „Schaffen sie mir diese Kuh vom Hals und schmeißen sie das ganze Pack vom Schiff“, schrie er schließlich wütend und zwei der Matrosen griffen ein und hielten Cameron fest. Ohne weiter auf sie zu achten, lief William weiter. Er wusste, dass seinen Befehlen Folge geleistet wurde.

Allerdings waren seine Mitschüler und selbsternannten Freunde von der Titulierung weniger amüsiert. Murrend und William beschimpfend ließen sie sich vom Personal langsam aus dem Flur drängen und der eine oder andere munkelte nun lauter als vorher, ob die beiden Männer nicht doch etwas miteinander hatten. Keiner hatte gesehen, was passiert war und so war dies ein trefflicher Nährboden für Gerüchte. Selbstmordtheorien und sonstiger Irrsinn wurden gestreut. Doch sollten sie - dafür hatte William jetzt wirklich keinen Nerv, er musste Yves hinterher und sehen, wie es ihm ging.

„Sichten sie die Überwachungsbänder, ich will wissen, was passiert ist“, rief er seinem Kapitän zu, der als einer der wenigen den Schlüssel zur Überwachungszentrale des Schiffes hatte. Yves hatte Angst vor tiefem Wasser, er würde niemals springen.

William war froh, dass alles für solch einen Notfall an Bord war und so gab es beheizbare Decken, die einen unterkühlten Körper langsam wieder auf Temperatur bringen konnten. Er ließ Yves in seine Kabine bringen und ließ es sich nicht nehmen, ihn persönlich aus dem nassen Anzug zu holen. Dafür benutzte er einfach eine Schere. Es musste schnell gehen.

Warum war Yves immer noch bewusstlos?

„Yves, was ist passiert?“, fragte William leise und horchte auf die Atmung seines Freundes. Soweit er das beurteilen konnte, ging sie regelmäßig, das beruhigte ihn ein wenig. „Alle raus und wenn der Arzt kommt, sofort hierher“, scheuchte William alle aus dem Zimmer, als Yves in den Wärmedecken lag und zog sich nun endlich selber aus. Seine Zähne klapperten und er zitterte wie Espenlaub, als er sich zu Yves legte und versuchte, ihn zu wärmen, auch wenn sein Körper selbst unterkühlt war.

„Yves, komm schon“, murmelte er immer wieder und legte sich dicht gegen seinen Verlobten. Er konnte gar nicht so schnell zittern wie er fror und war froh darüber, dass so viele Decken auf dem Bett lagen. Er zog sie alle über sie beide und stopfte sie gut fest. Dabei redete er immer wieder auf Yves ein, auch wenn der ihm nicht antworten konnte. Nicht einmal den sanften Kuss auf die kalten Lippen erwiderte er. Er lag einfach nur da.

„Bitte, Liebling, tu mir das nicht an.“ Langsam bekam William wirklich Panik. Immer wieder streichelten seine Finger über die kalten Wangen, aber Yves regte sich nicht. „Jetzt werd wach, ich will dich nicht verlieren!“ Er wollte gerade Yves' Schultern greifen und ihn schütteln, als die Tür sich öffnete und Dr. Parker durch die Tür kam. Erleichtert sah William ihm entgegen.

„Er ist bewusstlos und wird einfach nicht wach. Bitte tun sie was.“

„Natürlich, Herr Kendal“, sagte der Mediziner und einer der Matrosen nutzte die Gunst der offenen Tür, um zu erklären, dass alle Gäste das Schiff verlassen hatten und nur noch das Personal an Bord sei. Der Kapitän hätte etwas gefunden, was der junge Herr sich allerdings selbst ansehen sollte.

Dr. Parker war schon zum Bett gekommen und hatte die Decken zurückgezogen, um sich Yves genauer betrachten zu können. „Was ist passiert?“

„Er ist ins Wasser gefallen. Seit dem ist er bewusstlos.“ William zog sich einen Morgenmantel heran und zog ihn über. Er war im Weg bei der Untersuchung und wenn der Kapitän ihn sehen wollte, dann war es wichtig. „Vielleicht weiß ich gleich mehr.“ Er strich Yves noch einmal über die Schulter und stutzte. Am Hals war eine kleine, rote Stelle, fast wie ein Stich. „Sehen sie sich das an, ich bin gleich wieder da.“

Der Arzt nickte und zog sich die Jacke aus, während William über den Flur zur Sicherheitszentrale eilte. „Herr Kendal, gut, dass sie da sind. Das sollten sie sich selber ansehen“, sagte der Kapitän. Er hatte die Bänder gesichtet und war auf etwas gestoßen, was er schon bereit gespult hatte. Kaum dass der junge Herzog neben ihm Platz genommen hatte, ließ er das Band laufen. Es zeigte Yves, wie er am Heck des Schiffes stand und aß, bis jemand auf ihn zu lief, ihm etwas in den Hals rammte und wieder weg sprang.

„Cameron“, zischte William. Was hatte dieses Aas mit Yves gemacht? Entsetzt sah er weiter zu, wie Yves schwankte. Er wirkte wie betrunken. William zuckte zusammen, als er sehen musste, wie diese Irre seinen Verlobten über die Reling schubste. Er musste sich setzen, so sehr war er geschockt. Erst jetzt wurde ihm bewusst, was passiert wäre, wenn er den Schrei nicht gehört hätte.

Yves wäre jetzt tot!

„Schließen sie das Band weg. Vielleicht brauchen wir es noch“, wies er an und sprang auf. Er musste Doktor Parker berichten, was er herausgefunden hatte. Deswegen eilte er zurück über den Flur, versuchte sich aber zu fassen, ehe er die Kabine betrat. Der Arzt schien gerade fertig mit seinen Untersuchungen und winkte William zu sich. „Nimmt ihr Freund Drogen oder ähnliches? Diese Rötung ist der Einstich einer Kanüle. Ist zwar eine ungewöhnliche Stelle für Betäubungsmittel, weil sie so leicht zu sehen ist, aber man weiß ja nie.“

„Nein, nimmt er nicht, aber sie haben Recht, ihm ist etwas gespritzt worden. Die Überwachungsbänder zeigen, dass jemand ihm etwas injiziert hat.“ William war wütend. Warum war er so leichtsinnig gewesen? Cameron war nicht zu unterschätzen und er hatte ihr die perfekte Gelegenheit für ihre Rache gegeben.

Es klopfte an der Tür und einer der Matrosen kam herein. „Das haben wir auf dem Sonnendeck gefunden“, erklärte er und hielt eine kleine Spritze hoch, die in einer Plastiktüte lag. Der Kapitän hatte danach suchen lassen, falls sie Beweismaterial brauchten.

„Darf ich mal?“ Der Arzt nahm dem Mann die Spritze aus der Hand und schob sich die Brille auf die Nase. „Ah, ein Betäubungsmittel. Das erklärt, warum er noch nicht wach ist. Aber so wie es aussieht, wird das nicht geschadet haben. Diese Menge reicht nur für eine kurze Betäubung und er sollte bald wieder zu sich kommen.“ Abgesehen davon, dass der Körper noch unterkühlt war, hatte Dr. Parker nichts weiter feststellen können.

„Halten sie ihn warm und lassen sie ihn ausschlafen. Sollte er dann noch Beschwerden haben, rufen sie mich noch einmal.“ Dann erhob er sich.

„Machen wir.“ William war seine Erleichterung anzusehen. Yves war nichts Schlimmes passiert und jetzt, wo diese Anspannung von ihm abfiel, machte William schlapp und musste sich setzen, weil seine Beine zitterten. „Ich kümmere mich um ihn. Sie können gehen. Danke, Doktor.“ Es sollten endlich alle gehen, damit er sich wieder zu seinem Liebling legen konnte. Er brauchte ihn jetzt bei sich, damit William auch glauben konnte, dass Yves nichts weiter passiert war.

„Natürlich, Herr Kendal. Auch wenn die Umstände nicht die besten sind, so wünsche ich ihnen noch einen schönen Abend.“ Dr. Parker nahm seine Jacke und den Koffer, dann verließ er das Zimmer. Auch das Personal hatte sich zurückgezogen, weil William vom Kapitän gefordert hatte, nicht mehr gestört zu werden und sich um alle auftretenden Probleme gefälligst selbst zu kümmern. Er hatte jetzt wirklich andere Sorgen.


39

Kaum dass die Tür zu war, hatte William den Morgenmantel ausgezogen und schlüpfte zu Yves unter die Decke. Er zog ihn so, dass der Kopf seines Freundes auf seiner Schulter lag und er ihn mit den Armen umfassen konnte. „Ich hatte solche Angst um dich, Liebling“, flüsterte er leise und strich mit den Lippen über das geliebte Gesicht. Fast hätte er Yves verloren und niemand hätte gewusst, dass sie zusammen waren und Yves der Mensch war, den William über alles liebte. Der Gedanke tat ihm weh und er beschloss, dass das vorbei war. Er liebte Yves und das durfte ruhig jeder wissen.

So viel gab es nicht mehr, was seine Mutter ihm noch in den Weg legen könnte. Die Finanzen, die Yves noch zu begleichen hatte, waren geklärt.

Joel war auf einem Auge operiert worden und hatte es sehr gut überstanden. Die zweite Operation stand kurz bevor. Dieses Druckmittel war weg.

Ebenso war für die Großmutter gesorgt worden, auch dort konnte Abigail Kendal nicht mehr reinpfuschen.

Yves von der Schule zu werfen würde sie nicht wagen.

Nein, es gab keinen Grund mehr, warum sie sich noch verstecken sollten.

Was die so genannte feine Gesellschaft davon hielt, dass er einen Mann liebte, war ihm vollkommen egal. Er hatte sich schon viel zu lange von diesen Heuchlern steuern lassen. Yves hatte ihm gezeigt, wie verlogen diese Bande war und er mit denen nichts mehr zutun haben wollte.

„Endlich werden wir glücklich sein können“, murmelte er leise und streichelte über den sich langsam wieder erwärmenden Körper.

Nur noch ein halbes Jahr Schule, dann hatten sie ihren Abschluss. Dann konnten sie gehen, wohin sie wollten und Joel würden sie einfach mitnehmen. Niemand sollte es wagen, sich ihnen noch einmal in den Weg zu stellen. Außerdem konnte er auch endlich seinen Freunden das sagen, was die doch insgeheim schon lange vermuteten - vor allen Dingen Robert. Vor dem Derartiges geheim zu halten, war so gut wie unmöglich.

„Hm“, regte sich der Körper neben William sachte.

„Yves?“, fragte William leise und drehte sich ein wenig mehr seinem Freund zu. „Wach auf, Schatz“, sagte er liebevoll und küsste ihn sanft auf die Lippen. Sie waren nicht mehr kalt. Das war ein gutes Zeichen. Ganz vorsichtig, als könnte er etwas kaputt machen, strichen seine Finger durch das helle Haar. Er wollte nicht ungeduldig sein, weil der Arzt ja gesagt hatte, dass er Yves ausschlafen lassen sollte, aber es fiel ihm sehr schwer.

„Hm“, murmelte Yves noch einmal. Er fühlte sich elend. „Kalt, Kopfschmerzen.“ Das war der Zustand, in dem er sich im Augenblick befand. Seine Glieder waren schwer und er fror wie verrückt. Nur langsam kamen die Bilder zurück und die Empfindungen. Das kalte Wasser, das wie Rasierklingen in seine Haut geschnitten hatte, die schwarze Tiefe - mit einem Schrei schoss er hoch und riss die Augen auf. Sein Atem kam hektisch und kurz.

„Alles in Ordnung, Liebling.“ Erschrocken schloss William seine Arme um Yves und zog ihn an sich. „Es ist vorbei, du bist in Sicherheit.“ Der Körper in seinen Armen zitterte, darum zog William wieder die Decken um sie. „Alles wird wieder gut, ich bin bei dir.“ Er wusste nicht, ob die Worte seinen Freund erreichten, aber das war egal.

„Mir hämmert der Schädel“, murmelte Yves, der noch immer nicht wusste, wo er eigentlich war. Er war nackt, er fror und er lag unter einem Berg Decken. „Was ist passiert, verdammt noch mal.“ Langsam drehte er sich in Williams Armen, auch wenn es ihm schwer fiel. Sein Körper gehorchte ihm kaum. Es war gar nicht so leicht die Augen offen zu halten, doch dass William ihm so nah war, wie Yves es sich seit Stunden gewünscht hatte, machte es leichter.

„Du bist ins Wasser gefallen.“ William wusste, das war die Untertreibung des Jahrhunderts, aber er wollte Yves nicht gleich mit den harten Realitäten konfrontieren, denn der war noch nicht ganz bei sich. Er verteilte Küsse auf Yves' Gesicht und streichelte ihn sanft, damit sein Freund wusste, dass alles in Ordnung war. „Ich hab dich rausgeholt, alle anderen von Bord geschmissen und dich in mein Bett gelegt.“ Er lächelte. Das hörte sich so einfach an.

„Schön“, murmelte Yves und kuschelte sich dichter an den Körper neben ihm. Auch wenn er noch immer ein wenig das Gefühl hatte, betäubt zu sein, so spürte er die nackte Haut sehr wohl und ein merkwürdiges Brennen durchlief ihn. Es schmerzte, als Leben in die kalten Glieder zurück kehrte und er versuchte, es zu ignorieren. Lieber sah er William einfach nur an - sie waren allein. Keiner würde sie stören, keiner würde sie sehen.

„Du hast mich gerettet, oder?“, fragte er leise und küsste William kurz, „ich sollte dir danken.“

„Musst du nicht. Ich würde es jederzeit wieder tun, weil ich dich liebe.“ William legte sich wieder hin und zog Yves mit sich. So konnte er die Decken um sie herum fest stopfen. „Ruh dich noch etwas aus, du warst ziemlich lange bewusstlos. Ich pass auf dich auf.“

„Irgendwie schön“, flüsterte Yves und schloss wieder die Augen. Er kroch etwas weiter auf William und kuschelte sein Gesicht in dessen Halsbeuge. Er wollte seinen Verlobten mit allen Sinnen genießen, die ihm momentan zur Verfügung standen und so leckte er immer mal wieder vorsichtig über dessen Haut, während seine Hand sich über Williams Brust bewegte und auf dessen Seite liegen blieb. „So sollte es immer sein.“

„Ja, das sollte es und so wird es auch sein.“ William wollte nicht mehr darauf verzichten. Die letzten zwei Wochen hatten im gezeigt, dass Yves wirklich derjenige war, den er an seiner Seite haben wollte, den er liebte und begehrte, wie noch keinen Menschen bisher. Es war ihm schwer gefallen, sich zu beherrschen, wenn sie allein in Yves' Zimmer waren. Er wollte, dass sie endlich richtig zusammen gehörten, aber Yves war noch nicht soweit. Das hatte er deutlich gespürt. Immer wenn William versucht hatte, ihn intimer zu berühren, hatte sich Yves verspannt. Er hatte seinen Verlobten nicht drängen wollen, also hatte William sich dann immer wieder zurückgenommen.

Doch was er nicht wusste, auch Yves wusste langsam vor Lust nicht mehr, wo er sich verkriechen sollte. Er wollte mit William schlafen, er wollte es so sehr. Wenn da nur nicht die Angst wäre, dass er William enttäuschte. Ihre Vorkenntnisse waren leider nicht die gleichen.

„Ich liebe dich, Kleiner. So sehr“, murmelte William und vergrub sein Gesicht in Yves' Haaren. Er schämte sich, denn schon wieder baute sich Lust und Sehnsucht in ihm auf, obwohl Yves kaum etwas machte und sich eigentlich nur an ihn kuschelte. Er versuchte sich zu beruhigen, aber das gelang einfach nicht. Immer wieder sah er Yves vor sich, wenn er die Augen schloss. Die trainierte Brust, die schmalen Hüften und der knackige Hintern, auf den er gerade seine Hände legte, ohne es zu merken. Alles an Yves peitschte ihn auf und ließ ihn unterdrückt stöhnen.

„Ich weiß, Schatz“, sagte Yves darauf leise, denn er spürte Williams Begehren nur zu deutlich an seinem Schenkel und er war es leid wegzulaufen. Egal ob er sich dämlich anstellte oder nicht, er wollte William endlich spüren. Er konnte nicht mehr warten, denn sein Puls beschleunigte sich schon, ohne dass William viel mit ihm angestellt hätte. Ein paar Berührungen reichten. „Hast du was da?“, fragte er also schüchtern und um sich abzulenken, küsste er sich über Williams Brust.

„Was?“ So richtig verstand William die Frage erst nicht, weil er nicht damit gerechnet hatte, aber dann zuckte er zusammen und seine Augen wurden groß. „Ob ich was da hab? Du meinst… du… ich“, stotterte er und schob Yves ein wenig von sich, damit er ihn ansehen konnte. Sein Herz schlug wie verrückt und Yves' rotes Gesicht sagte mehr als Worte. „Bist du sicher?“, fragte er vorsichtig, aber voller Hoffnung, seinen Freund richtig verstanden zu haben.

„Nein, eigentlich nicht“, gestand Yves und richtete sich etwas auf. Langsam gehorchten ihm seine Muskeln wieder und die Kraft kam zurück. „Aber ich platze vor Spannung. Ich werd schon heiß, wenn ich dich nur küsse. Ich muss diese Energie loswerden und was gibt es Schöneres, als mit dir zu schlafen?“, sagte er offen das, was er dachte, auch wenn es ein wenig peinlich war. Dass er Angst hatte, weil es wehtun würde, behielt er lieber für sich.

William sah Yves an. Die Worte hatten ihn vollkommen überrascht und ließen sein Herz hüpfen. Unvermittelt beugte er sich vor und küsste Yves hungrig. „Ich liebe dich“, wisperte er in den Kuss und hielt seinen Freund fest an sich gedrückt. Er war selber nervös, denn auch wenn er schon Erfahrung mit Sex hatte, so war sein Wissen über schwulen Sex doch sehr begrenzt. Robert hatte er nicht fragen können und so musste er sich damit begnügen, was er mittels Internet herausgefunden hatte. Blieb zu hoffen, dass er das Wesentliche begriffen hatte und jetzt nichts falsch machte, denn Yves sollte es genießen.

„Ich dich auch“, nuschelte Yves und legte sich wieder auf seinen Verlobten. Doch allein der Gedanke daran, dass es jetzt kein zurück mehr geben sollte, machte ihn kirre. Die Haut prickelte unangenehm, doch das konnte genauso gut von der Unterkühlung sein. Seine Hände legten sich erst streichelnd auf Williams Wangen, doch dann wurden sie forscher. Sie wollten immer mehr nackte Haut berühren und so rutschten sie tiefer und tiefer, lagen irgendwann auf Williams Hüften.

William ließ ihn machen und genoss eine Weile einfach, aber so sollte das nicht laufen. Yves sollte sich vor Lust winden und alles um sich herum vergessen. Ganz besonders seine Angst. Darum drehte er sich unvermittelt mit ihm und hockte nun über seinem Verlobten. Mit leuchtenden Augen sah William auf Yves hinunter und strich ihm über die Brust. „Vertrau mir“, wisperte er leise und beugte sich vor, aber er küsste Yves nicht auf die Lippen, sondern ließ seine Lippen über den Hals tiefer zur Brust wandern und liebkoste dort die weiche Haut.

„Das tue ich“, sagte Yves und seine Finger gruben sich wieder in das schwarze Haar. Er war zerrissen, ob er die Lippen nicht wieder zu seinem Mund locken sollte oder nicht doch lieber fortführen lassen, was sie gerade taten. Es war wie Millionen kleiner Füßchen, die über seine Haut trippelten, überall da, wo Williams Lippen ihn berührten. Ein unglaubliches Gefühl. Sein Körper schob sich auf dem Laken hin und her und er drängte sich seinem Geliebten entgegen.

Immer wieder entlockte William ihm kleine Seufzer, von denen er gar nicht genug bekommen konnte. Langsam schob William sich an Yves' Körper tiefer, unzählige kleiner Küsse und Bisse verteilend. Es war einfach berauschend, wie sehr der Körper unter ihm auf diese Zärtlichkeiten reagierte und Yves sich in seiner Lust wand. Seine Hände strichen über die heiße Haut und schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er musste Yves berühren. Vorsichtig und ein wenig unsicher ließ er seine Finger über Yves' Schoß streichen und atmete tief ein. Das war der pure Wahnsinn.

„Hm!“ Yves grollte dunkel, denn es war ein merkwürdiges Gefühl von fremden Fingern an solch intimen Stellen berührt zu werden. Wie von selbst öffneten sich seine Beine weiter, denn er wollte mehr davon. Er hatte von etwas gekostet, was ihn trunken machen konnte und er wollte es auskosten bis zur Neige. So griff er sich Williams Handgelenk und legt dessen Hand dorthin zurück, wo er sie spüren wollte.

War das gut!

Doch ziemlich verwundert sah William Yves an, aber dann grinste er. So wie es aussah, schien er es richtig zu machen, darum wurde er mutiger. Er ließ seine Hand, wo sie war und umgriff das heiße Fleisch. Es war anders, als er sich das vorgestellt hatte – viel besser, besonders weil Yves dunkel stöhnte und sich ihm heftig entgegen brachte.

Sich selbst zu berühren war nichts Neues. Wer tat das nicht? Doch das hier war etwas völlig neues. Yves konnte nicht steuern, wie er berührt wurde, konnte nur hoffen und betteln. Immer wieder reckte sich Yves' Becken höher, damit der Druck fester wurde und er zog Williams Kopf wieder zu sich nach oben, um ihn ausgehungert zu küssen. In ihm tobte ein Sturm, dessen Energie Yves allein nicht ableiten konnte.

Seine Hände hatten sich in Williams Haaren verkrallt und so blieb diesem nichts weiter übrig, als sich auf Yves sinken zu lassen. Allerdings war er nicht darauf gefasst, wie es sich anfühlte, als ihre Schöße sich berührten. Es war wie eine Explosion und William stöhnte dunkel auf. Die Intensität, mit der er Yves fühlen konnte, hatte er so noch nicht erlebt.

„Küss mich“, forderte Yves immer wieder und seine Stimme drohte zu kippen. Ihm war klar, dass es heute kein zurück mehr gab. Er wollte William, wollte ihn spüren und deswegen öffneten sich seine Beine immer weiter, bis er sie um Williams Hüfte schließen konnte. Lüstern rieb er sich an seinem Verlobten so gut es ging und seine Hände strichen wirsch über Haare und Rücken. Die Anspannung wuchs unaufhaltsam und sein Puls raste. Es war als pulsiere sein ganzer Körper.

Wahnsinn!

Immer wieder trafen sich ihre Lippen und ihre Körper bewegten sich zunehmend unkontrollierter, so dass William es irgendwann nicht mehr aushielt. Er wollte Yves. Sie sollten endlich vereinigt sein. Ohne sich zu lösen, griff er in die Schublade neben dem Bett, wo er alles, was sie brauchten, deponiert hatte. Er trug Gel und Kondome schon einige Zeit immer mit sich herum, weil er vorbreitet sein wollte. Er war nervös, aber sein Wunsch, Yves zu besitzen, war größer. Darum löste er ihren Kuss und sah seinen Geliebten an. Er brauchte nicht fragen, ob Yves bereit war. „Liebe dich“, flüsterte er lächelnd und nahm sich die Tube. Er wusste, was zu tun war und bereitete sie vor, aber dann beugte er sich wieder vor. Er wollte Yves ablenken, von dem was gleich kommen würde und so trafen sich ihre Lippen wieder zu einem Sinne raubenden Kuss.

Immer wieder zuckte Yves zusammen, als er die fremden Finger an seinem Hintern spürte. Es war ungewohnt, dort berührt zu werden - noch viel ungewohnter war es aber, den feuchten Finger langsam in sich gleiten zu spüren. Instinktiv riss er keuchend die Augen auf und verengte sich um den Eindringling. Doch kaum hielt der Finger still und Williams Zunge gewann die Oberhand, kämpfte Yves wieder an einer anderen Front und entspannte sich.

Sanft und langsam bewegte William immer wieder seinen Finger, bis Yves sich daran gewöhnt hatte und sich nicht mehr verspannte. So wagte er es noch einen weiteren Finger hinzu zu nehmen. Dabei ließ er sich genauso viel Zeit. Yves sollte keine Schmerzen spüren, lieber ließ William es sein. Noch schaffte er es seinen Geliebten mit wilden Küssen abzulenken, aber er wollte auf Nummer sicher gehen und seine andere Hand umfasste das heiße Fleisch.

„Oh Gott!“, entrang es sich Yves' Kehle und er bog den Rücken durch. Die Gefühle, die ihn durchliefen, waren erschreckend, aber auf erregende Art und Weise. Wie von selbst zogen sich seine Knie an seine Brust. Sein Körper verlangte regelrecht nach Berührungen. Er musste die Küsse abbrechen, weil er kaum noch Luft bekam, er sah tanzende Lichtpunkte vor den Augen - was passierte denn mit ihm?

Kurz sog William den Anblick, den Yves bot, in sich ein. Es war einfach herrlich, ihn so voller Ekstase zu sehen und zu wissen, dass er dafür verantwortlich war. Er konnte nicht mehr warten. Er musste Yves besitzen - ihn als sein kennzeichnen. Ohne abzulassen, streifte William sich ein Kondom über und atmete tief durch. Er war aufgeregt, als er sich positionierte und leichten Druck ausübte. Der Widerstand war größer, als er gedacht hatte und er keuchte erschrocken auf, als er plötzlich eingelassen und heiß und fest umschlossen wurde. Das war so anders.

Intensiver.

„Hm!“ Yves verspannte sich fast augenblicklich. Das war doch noch etwas anderes. Harsch versuchte er, sich zu entspannen, doch er konnte sich dazu nicht zwingen. Das Gefühl war merkwürdig und doch gierte sein Körper danach, denn er schob William langsam mit seinen Füßen auf dessen Hintern tiefer. „Mein!“, keuchte er und lenkte sich wieder mit einem wilden Kuss ab. Er hatte das Gefühl zu zerspringen.

Dieses eine Wort löste einen Taumel in William aus, den er noch nie erlebt hatte. „Dein, nur dein“, keuchte er und hielt inne, als er vollständig in Yves gebettet war. Dieses Gefühl war unbeschreiblich. So viel intensiver und erfüllender, als alles, was er bisher erlebt hatte. Er konnte nicht anders und musste sich bewegen, denn er hatte das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Langsam zog er sich zurück und stöhnte auf, als er sich wieder in die heiße Enge schob, die ihn so perfekt umschloss. Als wäre dieser Körper nur für ihn gemacht, ihm auf den Leib geschneidert.

„Küs...“, brachte Yves keuchend hervor und seine Hände gruben sich wieder in Williams langes Haar. Mit jedem kraftvollen Stoß, mit dem sich sein Geliebter in ihn schob, rutschte Yves ein wenig über das Laken und die Haut auf seinem Rücken wurde von heißen und kalten Schauern geschüttelt. Yves wollte schreien, stöhnen, William um den Verstand küssen, nur um zu verhindern, dass er verrückt wurde.

„Mehr!“

Nur zu gerne kam William Yves' Wünschen nach, denn er selber hatte das Gefühl zu verbrennen. Mit jedem Stoß loderte das Feuer in ihm höher und immer, wenn er glaubte, es wäre nicht mehr zu steigern, wurde sein Feuer noch weiter geschürt. Nur noch kurz trafen sich ihre Lippen, ihnen fehlte einfach die Luft. Keuchend und stöhnend gaben sie sich einander hin. Mit kraftvollen Stößen trieb William Yves immer höher, ihm so viel Lust bereitend, wie er vermochte.

Ihre heißen Körper pressten sich aufeinander und rieben so Yves' Penis immer wieder zwischen sich, bis der Blonde fast wahnsinnig wurde. Yves wusste nicht mehr aus noch ein, alles, was er wollte, war endlich Erlösung. Wie wild warf er den Kopf auf dem Kissen hin und her und er klammerte sich an William wie ein Ertrinkender.

„Bitte, bitte, bitte“, winselte er immer wieder und schnappte nach Luft.

Die leisen Worte ließen bei William alle Schranken fallen. Immer wieder versenkte er sich, so tief er nur konnte, in Yves und versuchte ihm das zu geben, was er verlangte. Sein Atem floh nur noch und er brauchte alle seine Beherrschung, damit er sich nicht einfach gehen ließ. Lange konnte er es nicht mehr zurückhalten, darum schob er eine Hand zwischen sie und umfasste Yves, um ihn noch zusätzlich zu stimulieren.

„Komm. Komm für mich“, wisperte er atemlos und küsste Yves kurz, zu mehr hatte er einfach keine Luft.

„Oh Go... ah!“ Yves wusste mit seinen Gefühlen nicht mehr, wo hin. Es war, als würden sie sich türmen - höher und höher und mit einem lauten Getöse brachen sie über ihm zusammen. Erlösend ereilte ihn sein Höhepunkt und Yves konnte nur noch genießend stöhnen.

Das war gut!

So verdammt gut!

Seine Arme schlossen sich noch fester um William. Er konnte ihn nicht mehr gehen lassen. „Liebe dich“, raunte er atemlos.

William hatte sich auf Yves fallen lassen und klammerte sich an ihm fest. Er hatte fast gleichzeitig mit seinem Geliebten die Erlösung gefunden. Noch immer glühte sein Körper und sachte Wellen liefen durch seinen Leib. Derartiges hatte er noch nie erlebt und er hatte das Gefühl, vor Glück zerspringen zu müssen. Yves war sein. Nichts und niemand konnte sie mehr trennen. Sanft strich er seinem Geliebten eine verschwitzte Strähne aus dem Gesicht und lächelte. „Und ich liebe dich“, raunte er leise und nippte an den verlockenden Lippen.

Yves' Körper entspannte sich langsam, doch er hielt William noch immer fest umschlugen. „Das war... geil“, grinste er und nippte immer wieder über Williams Lippen. „Warum hab ich mich so lange davor gedrückt?“ Jetzt konnte er das nicht mehr verstehen, denn im Augenblick fühlte er sich einfach nur fantastisch. Ihm war heiß, sein Kopf wie Watte und er fühlte sich, als könnte er Sterne pflücken. Es gab nur ihn und William - sie beide.

Verliebt strichen seine Hände über Williams feuchten Rücken und allmählich lösten sich seine Beine und gaben seinen Geliebten frei.

William war sehr erleichtert, dass es Yves gut ging. Er hatte Angst, ihm wehgetan zu haben, denn er hatte ziemlich die Beherrschung verloren. „Ich kann dir nur beipflichten und da du nun weißt, wie geil es ist…“, ein Kuss landete auf Yves' Lippen und William grinste frech, „gibt es doch keinen Grund, das nicht jederzeit zu wiederholen.“ Noch einmal beugte er sich vor und küsste seinen Geliebten ausgiebig. „Ich liebe dich, Yves Turner und ich will das nicht mehr verstecken müssen. Ich möchte dich an meiner Seite haben.“

Die Tragweite von Williams Worten war Yves noch nicht bewusst. Er war nur glücklich und das wollte er für ein paar Augenblicke genießen. Es war ihnen zu selten vergönnt. Langsam tourte sein Körper wieder runter, doch das unglaubliche Gefühl, was ihn eben geflutet hatte, blieb. Seine Finger spielten verliebt mit Williams Strähnen, die ihm über die Schultern bis auf Yves' Brust hingen. „Das wäre schön“, sagte er leise und stahl sich wieder einen Kuss.

„Das wäre nicht schön, das wird schön.“ William legte seinen Kopf auf Yves' Schulter ab. Er wollte noch ein paar Augenblicke genießen, dass sie verbunden waren, aber lange ging das nicht, dann musste er sich doch aus Yves zurückziehen. Er entsorgte das Kondom auf den Boden und legte sich neben seinen Verlobten, damit sie noch miteinander schmusen konnte, er Yves mit seinem Gewicht aber nicht die Luft abdrückte.

„Ja“, sagte Yves leise und legte einen Arm um William. Er lächelte, doch hinter seiner Stirn fing es nun langsam an zu arbeiten, weil das Blut allmählich wieder dort hin floss, wo es gebraucht wurde. William wirkte jetzt glücklich und zufrieden, wie Yves auch. Doch es war nun einmal nicht der Weg, der für sie beide bestimmt war. William war nicht irgendjemand, bei dem es keinen interessierte, ob er schwul oder hetero war - William war eine Person des öffentlichen Lebens und da konnte ein falscher Schritt wichtige Türen zuschlagen. Wollte er das nicht sehen?

Yves kam nicht drum herum, er musste wohl den letzten Schritt gehen, von dem er gehofft hatte, er würde nicht nötig sein. Ein wenig wehmütig sah er seinen Verlobten an.

William bekam davon nichts mit. Er genoss mit geschlossenen Augen, dass er Yves bei sich hatte und streichelte ihm sanft über die Seite. „Ich liebe dich“, murmelte er und gähnte. Die Rettungsaktion hatte ihn ziemlich erschöpft und jetzt holte sein Körper sich sein Recht. Er wurde müde und so kuschelte er sich näher an Yves und seufzte zufrieden. Endlich war alles gut. Yves war bei ihm und er ließ ihn nie wieder weg.

„Ich dich auch, Schatz, mehr als ich sagen kann“, flüsterte Yves und es schmerzte, denn es war die Wahrheit und es machte ihm das, was er tun musste noch schwerer. „Wenn du doch nur nicht so ein sturer Dickkopf wärst.“ Yves lachte leise und strich seinem Verlobten über den Rücken. Auch er wurde schläfrig, doch er durfte nicht einschlafen. Er hatte noch einen langen Weg vor sich.

„Aber dein Dickkopf“, nuschelte William undeutlich. Er schlief schon fast. Yves' Nähe und die Wärme unter der Decke lullten ihn ein, darum wehrte er sich nicht dagegen und schlief ein. Schließlich hatten sie noch ein ganzes Leben für sich.

Auch wenn es ihm schwer fiel, darauf hatte Yves nur gewartet. Langsam - Zentimeter für Zentimeter, um William nicht zu wecken - rutschte er unter seinem Schatz hervor und küsste ihn dann noch einmal, ehe er sich aus dem Bett stahl. „Es tut mir so leid, Liebling, aber du wirst verstehen, dass dies das Beste für uns beide ist“, murmelte er und suchte sich aus Williams Schrank ein paar Kleider. Immer wieder lag sein Blick auf William und jeder Zentimeter, der zwischen ihnen lag, schmerzte wie ein Stich ins Herz.

Schnell hatte er noch ein paar Zeilen geschrieben:

„Geliebter William,

Es tut mir Leid, dass ich es mit meinem schwachen Willen so weit habe kommen lassen. Doch ich konnte es auch nicht verhindern, dass ich mich verliebe. Es war unerträglich dieses Glück mit niemandem teilen zu können. Doch noch unerträglicher ist für mich der Gedanke, für dich ein Klotz am Bein zu sein, wenn du jedem sagst, wer ich wirklich für dich bin. Mach dich nicht unglücklich, Liebster.

In deiner Verliebtheit magst du es dir leicht vorstellen, das Leben an der Seite eines anderen Mannes zu meistern, doch das ist es nicht. Ich will dir nicht im Weg stehen, Schatz. Die Nacht mit dir war wunderschön und als das sollten wir sie in Erinnerung behalten.

In Liebe, Yves“

Er küsste seinen Ring und dann noch einmal William. „Vergiss nie, dass ich dich liebe“, sagte er mit tränenerstickter Stimme und ging leise aus dem Zimmer. Er griff seinen Mantel und holte sein Handy heraus. „Hirose, hol mich bei den Nagoyas ab“, sagte er und legte auf, als er langsam das Schiff verließ.


40

Lautes Möwengeschrei holte William aus seinen Träumen. Er hatte die ganze Nacht durchgeschlafen, ohne wach zu werden und fühlte sich wunderbar warm und ausgeruht. „Yves?“, murmelte er gähnend, als er seinen Verlobten nicht neben sich ertasten konnte. „Komm wieder ins Bett, Schatz.“ Noch immer hatte er seine Augen geschlossen, aber als er keine Antwort bekam, zwang er sich erst eins und dann auch das zweite Auge zu öffnen.

„Wo bist du?“, rief er etwas lauter und setzte sich auf. Er reckte und streckte sich und grinste. Wahrscheinlich war sein Schatz dabei, das Schiff zu erkunden. Darum ließ er sich noch einmal nach hinten fallen und guckte verwundert nach rechts, weil dort etwas unter seinem Arm geknistert hatte. „Was ist das denn?“, fragte er verwundert und nahm das kleine Stück Papier hoch, damit er sehen konnte, was es war. Er begann zu lesen und seine Augen wurden immer größer und er wurde blass. William verstand erst nicht, was da stand und musste es noch einmal lesen.

Was hatte das zu bedeuten? Das alles ergab keinen Sinn für ihn. Minutenlang starrte er auf die Zeilen und erst nach und nach kam die Erkenntnis, dass Yves nicht das Schiff besichtigte, sondern er nicht mehr da war. Er war gegangen, heimlich in der Nacht und hatte ihn zurückgelassen.

„Warum?“, wisperte William leise und seine Hand verkrampfte sich um das Stück Papier. „Warum tust du mir das an?“, schrie er plötzlich mit wütender Stimme. „Warum?“

Jedes Mal wenn er glaubte, Yves wieder näher zu kommen, war es sein Geliebter, der sich zurückzog. Warum tat er das? Hatte er nicht gestern noch glühend beteuert, er würde ihn lieben? Auch der Text auf dem Zettel sagte nichts anderes - doch wenn er ihn lieben würde, würde er William nicht einfach so zurücklassen. „Yves, das kannst du mit mir nicht machen!“, knurrte er und blätterte das Papier noch einmal auf. Er las es erneut und mit jedem Mal, dass er es las, wurde er wütender. Yves glaubte entscheiden zu müssen, was William tat.

„Du blöder Idiot. Es ist mein Leben und wenn ich das zerstören muss, um mit dir glücklich zu sein, dann ist das eben so. Du gehörst zu mir und ich lasse es nicht zu, dass du einfach aus meinem Leben verschwindest. Das habe ich schon nicht, als ich noch glaubte, dich zu hassen und jetzt, wo ich dich liebe, werde ich das erst recht nicht.“

Nein, so hatten sie nicht gewettet. Yves gehörte an seine Seite und damit Schluss, da gab es nichts zu diskutieren und das würde sein Schatz auch merken. Was ihm gehörte, gab er nicht mehr her. Entschlossen stand William auf und ging ins Bad. Sein Schatz würde sich noch wundern. Er holte sich jetzt seinen Liebling, egal ob aus dem ‚Haus der Sinne’ oder von den Lees und dann gingen sie zusammen essen - und zwar da, wo sie jeder sah. Wäre doch gelacht, wenn William seinem Verlobten nicht klarmachen konnte, dass ihm das Ganze Gerede nicht schadete. Mit Yves an seiner Seite war er unverwundbar.

William duschte eilig und zog sich an.

So schnell, wie der Verkehr es zuließ, fuhr er nach Chinatown. Er hatte sich überlegt, bei den Lees anzufangen, weil um diese Uhrzeit das ‚Haus der Sinne’ noch nicht geöffnet hatte. Seine Versuche, Yves anzurufen, waren fehlgeschlagen, weil immer nur die Ansage kam, dass der Teilnehmer nicht zu erreichen war. Aber das stachelte William nur noch mehr an und mit entschlossenem Gesicht stieg er vor dem Restaurant der Lees aus dem Auto.

Es sollte keiner wagen ihn aufzuhalten. Eiligen Schrittes, aber doch mit einem Gruß für die Gäste auf den Lippen, ging er in das Restaurant und kam gleich zu Ling an die Theke. „Hallo, ich suche Yves, ist er da oder macht er Lieferungen?“, fragte er und versuchte seine Wut dabei zu unterdrücken. Schließlich war Ling nicht das Ziel seiner Laune.

„Yves ist nicht da...“, druckste Ling und sah zu ihrem Mann, der eben zu ihr nach vorn getreten war.

„Hallo, Will. Yves ist - er hat das Land verlassen und ist zu seinem Vater gezogen. Joel ist ja schon seit einer Woche dort.“

„Bitte? Das ist ein Scherz oder? Yves' Vater ist tot. Also, wo ist er?“ William war von der Antwort so überrascht, dass seine Worte schärfer klangen als beabsichtigt. Er entschuldigte sich sofort, denn die Lees so anzufahren gehörte sich nicht. Aber nichtsdestotrotz wollte er wissen, wo Yves war und für Spielchen hatte er keine Nerven.

„Japan“, erklärte Ling und wirkte betrübt, denn nun waren ihre beiden Jungs erst einmal weg. „Am besten fragst du Yuki. Ich glaube, er hat heute Nacht noch mit ihr geredet, ehe er abgeholt wurde.“ Ganz sicher war sich Ling da auch nicht, doch sie wollte William so viele Informationen geben, wie sie nur konnte, weil sie hoffte, wenn einer ihre Jungs vielleicht eines Tages zurückbringen konnte, dann er. Es war ja nicht so, als würde sie sich nicht darüber freuen, dass Yves doch keine Waise war, aber sie vermisste ihn und auch Joel.

„Sein Vater lebt und ist in Japan und Yves ist dort?“ William wusste nicht, ob er das richtig verstanden hatte und fragte lieber noch einmal nach. Er konnte nichts dagegen tun, dass sich sein Magen zusammenkrampfte. Was sollte das? Warum hatte Yves ihm das nicht erzählt? Hatte er nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet, ihm alles heimzuzahlen? Hatte er den Spieß umgedreht und William in sich verliebt gemacht, damit er ihn dann fallen lassen konnte? Aber warum dann dieser Zettel, auf dem Yves beteuerte, wie sehr er ihn liebte. Nein, das wollte er nicht glauben. So einer war Yves nicht. Er liebte William wirklich. „Seit wann weiß er das?“, fragte er und er hatte Angst vor der Antwort.

„Vielleicht zwei Wochen“, sagte Ling und führte William zu einem der Tische. „Sie waren hier. Der Herr und ein paar seiner Angestellten. Sie haben mit Yves geredet. Aber so, dass wir nichts gehört haben. Ich weiß nur, dass Yves ihm eine Haarprobe gegeben hat und mir sagte, der Spinner würde behaupten, er wäre sein Vater. Doch als er am nächsten Tag wieder kam und es beweisen konnte, musste Yves ihm zuhören. Ich weiß nur, dass er wohl Joel mit ihm hat fahren lassen, weil der Kleine endlich operiert werden musste. Eines seiner Augen ist auch schon fertig und es gab keine Probleme. Ich glaube, Yves will ihn sehen und...“ Ling zuckte die Schultern.

„Zwei Wochen?“ Das tat weh. William schloss die Augen und wusste nicht, was er denken sollte. Warum hatte Yves das vor ihm geheim gehalten? Ganz automatisch fuhr seine Hand zu seiner Hosentasche, in der Yves' Zettel steckte. „Ich werde zu Yuki gehen. Danke, dass sie mir alles erzählt haben.“ William erhob sich, denn er hatte das Gefühl, schreien und etwas kaputt machen zu müssen und das sollten die Lees auf keinen Fall mitbekommen.

„Will“, sagte Ling, die sehr wohl spüren konnte, was in dem jungen Mann jetzt vorging. „Ich weiß nicht, warum er es dir nicht gesagt hat. Aber Yves war es immer gewohnt, sein Leben allein in den Griff zu kriegen. Dass er nichts gesagt hat, heißt nicht, dass er dir nicht traut. Es ist eben Yves' Art“, versuchte sie zu erklären. William sollte nicht schlecht von ihrem Jungen denken.

„Schon gut, Mrs. Lee. Er wird es mir selber sagen, wenn ich ihn gefunden habe.“ William lächelte, aber es erreichte nicht seine Augen. Er war wütend und enttäuscht und er fühlte sich verarscht. Vielleicht, wenn sie sich gestern nicht geliebt hätten, würde er anders fühlen, aber jetzt gerade war ihm, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. „Auf Wiedersehen und vielen Dank.“ Nach einer kurzen Verbeugung drehte er sich um und ging zum Ausgang. Er musste hier raus.

Auch wenn das Restaurant von Yukis Familie nur zwei Querstraßen weiter lag, so stieg William in seinen Wagen. Er musste das, was er gehört hatte, verdauen. Yves war in Japan - war ja auch der nächste Weg. Was hatte sich sein Freund eigentlich dabei gedacht? „Du wirst mir einiges zu erklären haben, Schatz“, knurrte er und ließ den Motor aufheulen. Es war wie der Aufschrei seiner Wut.

Keine Minute später stand er in der Tür der Sushi-Bar und staunte nicht schlecht, als er Yuki und Peter zusammen beim Tee vorfand.

„Will“, winkte ihm Yuki und die dritte Schale auf dem leeren Platz machte klar, dass man jemanden erwartet hatte. Robert konnte es nicht sein, denn der schleppte sich mit seinem Babe irgendwo durch eine Wüste und Yves konnte es auch nicht sein. Yuki wusste, dass er nicht mehr da war. Also konnten sie folglich nur auf ihn gewartet haben.

Ohne das Lächeln seiner Freunde zu erwidern, kam William zum Tisch. Er setzte sich auch nicht, denn er hatte nicht vor zu bleiben. „Wo ist Yves?“, fragte er nur, ohne eine Begrüßung, als er vor dem Tisch stand. Er wusste, dass er unhöflich war, aber seine Wut wurde immer größer und er wollte nur wissen, was er wissen musste und dann ein Flugzeug besteigen, um nach Japan zu fliegen.

Doch Yuki ließ sich nicht beirren. Sie hatte auch ihre Gründe sauer zu sein. „Auch dir einen schönen Tag, William. Du fragst, wie meine Woche war? Herrlich, einmal davon abgesehen, dass meine angeblichen Freunde mich nicht für würdig befanden, mir zu sagen, dass sie verlobt sind.“ Es hatte sie ein wenig gewurmt, als Yves das gestern alles erzählt hatte und dann einfach verschwunden war. Und dann kam der nächste, der sie behandelte wie einen Waschlappen. Aber nicht mit ihr.

„Yuki, bitte, ich muss wissen, wo er ist.“ William versuchte seinen Ärger zu unterdrücken, denn sonst schaltete Yuki auf stur und er bekam nichts heraus. „Das war keine Absicht, wenn wir dich gesehen hätten, hätten wir dir davon erzählt.“

„Na, ganz klasse. Wenn ihr mich gesehen hättet. Und auf die Idee, mal anzurufen, kamt ihr nicht?“ Nein, sie sah gar nicht ein, ihren Trumpf schon auszuspielen. Erst einmal wollte sie hier noch ein paar Sachen geklärt haben, ehe der zweite auch noch verschwand. „Was ist das zwischen euch? Und die Ringe? Liebst du ihn wirklich?“

„Ja, ich liebe ihn und darum muss ich wissen, wo er ist.“ William zögerte nicht eine Sekunde mit der Antwort. Schließlich wollte er seine Liebe nicht mehr verstecken. Egal, ob Yves das verhindern wollte. Jeder sollte wissen, wie er fühlte. Der erste, der das mitbekam, war Peter, der laut röchelte, weil er sich an seinem Tee verschluckt hatte und nun mit rotem Gesicht William anstarrte.

„Sag das noch mal“, verlangte er japsend.

„Ich liebe Yves“, war die knappe Antwort, denn William fixierte Yuki, weil nur sie allein ihm die Antworten geben konnte, die er brauchte.

„Hock dich erst mal hin“, sagte sie allerdings und goss William Tee ein. Irgendwie hatte sie keine andere Antwort erwartet. „Er dich auch, aber das weißt du ja“, murmelte sie und Peter machte nur noch große Augen. Konnte es sein, dass hier einiges an ihnen vorbei gegangen war? Wenn Robert das erfuhr!

„Er ist heute Nacht zu seinem Vater geflogen. War wohl ziemlich spontan. Eigentlich hatte er das wohl nicht vorgehabt, aber er meinte, er müsste dich von einer Dummheit abhalten und das ging wohl in seinen Augen am besten, wenn der Grund sich einfach absetzte. Deswegen ist er zu seinem Vater geflogen. Der wollte ihn schon länger zu sich holen, aber er wollte nicht weg von dir.“ Ein bisschen tat es weh, weil William der einzige Grund war, warum Yves nicht weg gewollt hatte und ihr Name gar nicht gefallen war. Doch damit musste sie wohl leben.

„So ein Idiot“, knurrte William, setzte sich aber. „Was denkt er sich dabei, einfach zu verschwinden und dann auch noch aus so einem bescheuerten Grund? Warum hat er nicht mit mir geredet?“ Er wurde immer hitziger, denn er musste das loswerden, sonst würde er noch ersticken, so wütend war er. „Hier, das hat er mir da gelassen.“ Er kramte den Zettel aus seiner Hosentasche und schob ihn Yuki rüber. „Warum sollte es mir schaden, wenn wir zusammen sind? Das ist doch völliger Blödsinn.“

„Weil sich ja auch alle darum reißen mit Schwulen zu tun zu haben“, knurrte Yuki etwas leise und las kurz den Zettel. Na ja, eine Glanzleistung war die Notiz nicht gerade, doch wenn Yves es so empfand, war das seine Sache. „Ich weiß, jetzt kommt wieder dein Todschlagargument: mir egal, ich habe genug Macht, ich bin auf die nicht angewiesen. Yves hat mir das alles erzählt.“ Sie nickte bestätigend und sah William forschend an.

„Du hast ihn nicht gefragt, wie er das findet, in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Du machst es einfach. Denk mal drüber nach. Er wird dein Schwachpunkt werden und für deine Gegner das Druckmittel.“

„Herr Gott noch mal!“ William fuhr sich in die Haare und schlug dann auf den Tisch. „Ich hätte Yves gestern fast verloren und mir ist klar geworden, dass niemand von unserer Liebe gewusst hätte, wenn er ertrunken wäre. Es stimmt, ich möchte nicht mehr verstecken, dass ich ihn liebe, aber er hätte nur sagen müssen, dass er das nicht will, dann wäre alles so geblieben, wie es war. Es wäre mir schwer gefallen, das gebe ich zu, denn ich liebe diesen Idioten über alles und möchte ihn immer bei mir haben. Aber er vertraut mir nicht. Er sagt mir nicht, dass sein Vater noch lebt und glaubt, gehen zu müssen, damit ich mein Ansehen nicht verliere. Dabei ist es mir wirklich egal, was man von mir denkt und auch wenn ihr das nicht glauben wollt. Geld und Macht machen es gleichgültig, wen ich liebe.“

„Wenn du dich dann besser fühlst: von seinem Vater habe ich auch nur durch Joel erfahren, weil der mich aus Japan angerufen hat und mir von seiner Operation erzählt hat, während mein bester Freund Tag und Nacht arbeitete und sich nicht blicken ließ. Glaube also nicht, du wärst der einzige, der leer ausgegangen ist“, knurrte Yuki und das schlimme war, sie konnte Yves ja irgendwie auch verstehen. Erst machte er ein riesiges Fass auf wegen dem Fraggle und dann ging er mit ihm ins Bett, weil er sich verliebt hatte. Er war eben völlig durch den Wind und alles wuchs ihm über den Kopf und die Sorge um seinen Bruder kam noch dazu. Nur gut, dass seine Großmutter wenigstens über den Berg war.

Das versuchte sie auch William zu erklären.

„Es tut mir wirklich Leid, Yuki, weil wir dir nichts erzählt haben, aber keiner wusste von uns, nicht einmal Joel, weil es einfach zu gefährlich war, dass meine Mutter dahinter kommt. Deswegen war ich doch auch so froh. Jetzt gab es nichts mehr, mit dem sie Yves schaden konnte, weil Joel ja operiert wurde und dann verschwindet er einfach und lässt mich zurück. Das ist nicht fair.“ William stützte sein Gesicht auf seine Hände und atmete tief durch.

„Nein, das ist es nicht“, sagte Yuki leise und wechselte einen Blick mit Peter, der sich lieber raus hielt. Sie strich William durch die Haare und holte tief Luft. „Er ist durcheinander und er hat Angst, dass er deinen Ansprüchen nicht genügen kann. Was, wenn du in ein paar Wochen das Interesse verlierst, weil Frauen eben doch eher das sind, was du suchst, Will?“ Es war kein Vorwurf, nur ein weiterer Punkt, der Yves vielleicht zu schaffen machte.

„Hat er das gesagt?“ Williams Stimme war brüchig, weil es ihm gerade die Luft abdrückte.

Das tat weh! Das tat verdammt weh!

Er war bereit, alles für Yves aufzugeben und der zweifelte an ihm? Auch noch nach der letzten Nacht. Automatisch fuhren seine Finger über den Ring. Waren die letzten Wochen nur eine große Illusion gewesen?

„Will“, sagte Yuki und legte ihm die Hand auf den Arm. Sie hatte wohl das völlig falsche gesagt. Besser sie sagte ihm nicht, dass er Hunderte Mädels gevögelt hatte und keine von denen je wieder gesehen hatte und dass ihre Verlobung ja eigentlich als aller erstes nur eine Show gewesen war. Das würde ihn zu sehr treffen.

„Er hat nur gesagt, dass er Angst hat, dass du eines Tages doch die Nase davon voll hast, weil er keine Frau ist.“ Das war nun einmal die Wahrheit.

„Yuki, ich muss mit ihm reden. Bitte sag mir, wo er ist.“ William war in sich zusammengesunken. In ihm stritten Wut und Angst gerade um die Vorherrschaft und hielten sich die Waage. „So lasse ich das nicht enden. Wir sind immer noch verlobt, denn er hat mir meinen Ring nicht zurückgegeben. Ich bekomme Yves zurück, egal wie lange es dauern sollte.“ William richtete sich auf und seine Augen blitzten kampfeslustig. Ein Kendal gab nie auf.

„Ja, ich hab's befürchtet“, sagte Yuki und griff in die Tasche ihrer Strickjacke. Sie legte einen Zettel auf den Tisch auf dem nur japanische Schriftzeichen und Zahlen zu sehen waren. „Da wohnt sein Vater, da lebt sein Bruder gerade und dort wird Yves auch aufschlagen, wenn er gelandet ist“, sagte sie dazu und drehte den Zettel um, ehe William ihr fuchtig erklärte, er könne das nicht lesen. Dort stand noch einmal alles in lateinischen Buchstaben, nur würden die ihm vor Ort nicht viel nutzen.

„Kein Name“, murmelte William und steckte den Zettel zusammen mit dem von Yves in seine Hosentasche. Aber das hielt ihn nicht auf. Wenn es sein musste, klingelte er jeden in dem Haus raus, bis er Yves gefunden hatte. „Danke, Yuki.“ Er zog die Japanerin an sich und drückte sie fest. „Ich bringe ihn wieder zurück“, flüsterte er ihr leise ins Ohr und küsste sie auf die Wange.

„Will“, sagte sie und hielt ihn noch einmal zurück. „Es kann sein, dass die Türen des Hauses sich nicht für dich öffnen werden. Sein Vater steht eurer Verbindung nicht gerade glücklich gegenüber, was weniger an dir oder der Tatsache liegt, dass du ein Mann bist, sondern daran, dass Abigail Kendal deine Mutter ist und sie Yves und Joel ziemlich viel Ärger gemacht hat. Dein Name wird dir keine Türen öffnen.“

„Diese alte Hexe. Warum kann sie nicht einfach aus meinem Leben verschwinden?“ William ließ sich seine Angst nicht anmerken. Die Angst, Yves nie wieder zu sehen, aber er schüttelte das schnell wieder ab. „Ich werde nicht aufgeben und irgendwann wird Yves mit mir reden müssen. Ich gebe ihn nicht auf.“

„Will, er ist nicht dein Gegner. Er liebt dich. Er wird mit dir reden, doch er hat seinem Vater gegenüber Verpflichtungen, wie er glaubt. Schließlich hat der die Operation für Joel bezahlt und deiner Schwester die 18.000 $ zurückgegeben. Du kennst Yves. Er will keine Schulden. Behalte das bitte im Hinterkopf, wenn du schon wieder so anfängst zu reden.“ Der Ton und die Wortwahl hatten Yuki gar nicht gefallen, doch vielleicht war sie im Augenblick auch einfach zu sensibel.

„So habe ich das doch gar nicht gemeint.“ William strich sich mit der Hand über das Gesicht und rieb sich die Augen. „Yves soll glücklich werden, mit mir. Es kann doch nicht sein, dass wir wegen anderer Menschen auf unsere Liebe verzichten sollen. Es muss doch einen Weg geben.“

„Vielleicht kannst du seinen alten Herrn ja davon überzeugen, dass du gar nicht so eklig bist, wie er glauben mag. Nicht immer kommen die Kinder nach den Müttern. Ich drück dir die Daumen.“ Yuki holte tief Luft und sank ein bisschen in sich zusammen. Seit William in Yves' Leben getreten war, fühlte sie sich ausgeschlossen. Und nur weil sie mit William befreundet war und Yves sie nicht in Dilemmas stürzen wollte, hatte er vieles mit sich allein ausgemacht. Doch wozu war sie seine beste Freundin, wenn er nicht zu ihr kommen konnte, wenn er Sorgen hatte?

„Das schaff ich schon. Eine härtere Nuss als Yves wird er ja wohl nicht sein.“ William grinste, denn da war wirklich etwas Wahres dran. „Hoffe ich zumindest. Von einem Elternteil muss er das ja geerbt haben. Hoffentlich war es die Mutter.“ Endlich trank er seinen Tee, auch wenn er schon kalt war und goss sich noch etwas ein. „Wenn alles wieder so ist, wie es sein sollte, unternehmen wir alle etwas zusammen, was haltet ihr davon?“ William sah seine Freunde an und grinste. Das hatten sie ewig schon nicht mehr gemacht und Yves würde das erste Mal dabei sein.

„Ja, warum nicht“, nickte Peter. Er hatte den beiden nur zugehört, denn zu dem Thema Yves konnte er sowieso nichts beitragen. Nur war er sich gerade ziemlich sicher, wie schwarz sich Robert ärgern würde, wenn er erfuhr, was er hier verpasst hatte. Er musste ihn heute Abend mal anrufen und ihm ein paar Brocken hinwerfen, damit er vor Neugier fast starb. Peter lachte leise, nein, das würde seinem Freund nur den Urlaub verderben. Lieber sagte er ihm alles.

„Hol ihn wieder und wir gehen aus“, sagte auch Yuki und lächelte. „Das wird schon.“

„Es muss einfach, Yuki. Es hat so lange gedauert, bis wir erkannt haben, was wir uns bedeuten und es hat Yves so viel gekostet, das kann man so nicht enden lassen.“ William atmete tief durch und stand auf. „Darum muss ich jetzt auch los und alles vorbereiten. Ich muss meiner Mutter nämlich den Jet aus dem Kreuz leiern.“ Das war etwas, was ihm gar nicht behagte, aber da musste er durch.

„Na dann, wünsch ich mal maximale Erfolge“, sagte Peter und konnte nur hoffen, dessen Mutter ahnte nicht, was William eigentlich vorhatte. Außer die alte Hexe war so gut informiert und wusste bereits, wo Yves sich aufhielt. Yuki hatte nicht umsonst erzählt, dass Yves' Vater wusste, wie die Herzogin hinter ihm her war.

„Na los, hau ab!“ Er schlug seinem Freund auf die Schulter.

„Wir sehen uns.“ William drückte seine Freunde und lief dann los. Er fühlte sich ein wenig zuversichtlicher, jetzt wo er zumindest eine Ahnung hatte, wo ungefähr sich sein Liebling aufhielt.

In Kyoto.

Er versuchte sich zu erinnern, was er über die Stadt wusste. Sie lag im Süden Japans, auf der Insel Honshu und war einmal Hauptstadt Japans gewesen. Endlich wusste er, warum er das einmal gelernt hatte. Jetzt brauchte er nur noch einen Grund, warum er dort hin wollte. Er überlegte, was seine Mutter nicht misstrauisch werden ließ und sein Gesicht hellte sich auf.

Vor gar nicht langer Zeit hatte ein Mittelsmann ihm ein Angebot für ein altes Katana gemacht, das von Williams bevorzugtem Schmied hergestellt worden war. Wenn er sich nicht täuschte, war damals Osaka als Standort gefallen. Das war doch perfekt und gab ihm eine glaubwürdige Ablenkung. Seine Mutter kannte mittlerweile seine Leidenschaft und wusste, dass er dafür um die halbe Welt reiste, um sich diese Schwerter selber anzusehen.

Er war schon auf dem Weg zum Flughafen, als er mit der Bodencrew des Jets telefonierte, um ihnen zu sagen sie sollten alles für einen Interkontinentalflug nach Japan fertig machen.

„Sicher doch, junger Herr, die Hoheit hat die Order nach Osaka schon geben.“

„Wie bitte? Wie das denn?“ Die Frage entschlüpfte William, ohne dass er sie zurückhalten konnte. Woher wusste seine Mutter von seiner Reise nach Japan und sein Herz schlug schneller. Wusste sie, dass Yves dort war?

„Die Hoheit hat die Maschine nach unserer Inspektion in New York nach London beordert, weil sie einen geschäftlichen Termin in Japan hat. Möchten sie mitfliegen, Hoheit? Wir starten in einer Stunde. Dann melde ich sie als Passagier an.“

Noch etwas durcheinander sagte William ein paar Sekunden nichts. „Ja, melden sie mich an, ich bin gleich da“, sagte er schließlich doch noch und legte auf.

Die alte Hexe hatte einen Termin in Osaka? Bestand diese Welt wirklich aus Zufällen oder führte sie schon wieder etwas im Schilde? War sie vielleicht wieder der Grund dafür Yves’ Verschwinden? Schließlich hatte sie doch keine Skrupel gehabt, ihn im ‚Haus der Sinne’ aufzusuchen - was sollte sie daran hindern, ihr eigenes Boot zu betreten und den Kerl aus Williams Bett zu werfen? Verdammt, je länger er darüber nachdachte, um so mehr verstrickte er sich in seinen Wahnvorstellungen!

Er musste das heraus finden, damit er etwas unternehmen konnte. Noch einmal ließ er es nicht zu, dass sie Yves das Leben schwer machte. „Argh“, knurrte er wütend und schlug auf das Lenkrad. Das war zum verrückt werden. Vielleicht war es wirklich das Beste, mit dieser Mutter zu brechen. Sie brachte nichts als Ärger und Zwänge. Aber erst einmal brauchte er Yves zurück und dann entschieden sie das gemeinsam.

Um nicht doch noch angehalten zu werden, zügelte sich William und hielt sich an die Geschwindigkeiten, die vorgegeben waren. Das letzte, was er jetzt noch brauchen konnte, war eine Diskussion mit einem übereifrigen Polizisten, der gern mal den Namen Kendal auf einem seiner Strafzettel stehen sehen wollte und dann ging der Jet ohne William. Nicht akzeptabel.

Endlich kam der Flughafen in Sicht und William suchte sich seinen Weg durch die Kontrollen bis zum Hangar des Jets. Er wurde gerade betankt.

Er übergab den Wagen einem Angestellten und ging sofort ins Flugzeug. Drinnen ließ er sich in einen der Sessel fallen und holte sein Handy heraus. Er musste an seinem Alibi arbeiten, damit seine Mutter nicht misstrauisch wurde. Darum rief er seinen Mittelsmann an und fragte nach dem Schwert. Es wurde immer noch angeboten und William wollte mehr Informationen. Auch wenn es nur ein Alibi war, so kaufte er nicht die Katze im Sack. „Schicken sie mir die Bilder und die Expertisen an meine E-Mail Adresse, auch die des Nodachi und des anderen Schwertes. Ich melde mich wieder.“ William legte auf und lehnte sich zurück.

Er hatte das perfekte Geburtstagsgeschenk für seinen Schatz.



Wer hätte gedacht, dass Yves japanische Wurzeln hatte? Doch das erklärte vielleicht sein Talent mit den Schwertern umzugehen. Seine schwarzen Augen waren schon etwas Einmaliges gewesen und einer der Gründe, warum William sich schlussendlich Hals über Kopf verliebt hatte.

„Wenn ich dich wieder habe, werde ich dir mal gehörigen den Kopf waschen, mein Liebling“, knurrte William gutmütig, denn im Gegensatz zur letzten Funkstille wusste er jetzt, wie Yves fühlte und das gab ihm die Kraft, für sie beide stark zu sein - er hatte ein Ziel vor Augen.

„Wünschen sie eine Erfrischung?“, fragte die Stewardess, die sich gerade um die Überprüfung des Innenraumes kümmerte.

„Nein, danke. Ich melde mich, wenn ich etwas möchte.“ William lächelte kurz, aber die junge Frau war schon aus seinen Gedanken verschwunden, bevor es erloschen war. Viel lieber dachte er an seine letzten Stunden mit Yves. Sie waren sich so nah gewesen. Er schloss die Augen und holte sich Yves' Bild vor Augen, wie er die Gangway zum Schiff hoch gekommen war. Ein wenig durchgefroren und nicht besonders gut gelaunt, aber allein sein Anblick hatte Williams Herz hüpfen lassen.

Yves hatte sich nicht wohl gefühlt, er hatte ihm vorher schon zu verstehen gegeben, dass er auf die ganzen Idioten keine Lust hatte. William zuliebe war er doch gekommen und dann musste so etwas passieren. William knurrte. Cameron sollte nicht glauben, sie würde ungeschoren aus der Sache heraus kommen. Doch das wollte er mit Yves besprechen, um nicht hinter seinem Rücken und in seinem Namen eine Anzeige zu schalten.

„Erst muss ich dich wieder haben“, sagte er leise und schloss die Augen erneut. Er wollte Yves vor sich sehen und sich darauf vorbereiten, dass seine Mutter in ein paar Stunden zustieg.

Er nutzte die Zeit, um Verschiedenes zu organisieren. Er brauchte einen Wagen in Japan und auch Klamotten. Er war überstürzt zum Flughafen gefahren, ohne daran zu denken. Da war es praktisch, einfach jemanden beauftragen zu können, der ihm das Nötigste in London zum Flugzeug brachte. Er hatte über die Schwerter alle Informationen bekommen, die er brauchte und ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit gab er seinem Mittelsmann den Auftrag sie zu kaufen.

Normalerweise machte er so etwas selbst, aber ungewöhnliche Situationen verlangten ungewöhnliche Maßnahmen. Er nahm sie nachher in Osaka nur in Empfang, damit er gleich weiter nach Kyoto konnte. Der Flug kostete ihn schon genug Zeit, die er nicht bei Yves verbringen konnte, da wollte er jede weitere unnötige Minute vermeiden.

Vertieft in ein paar Berichte der Firmen, die sein Vater ihm vererbt hatte, verging die Zeit nach London sprichwörtlich wie im Fluge und vorbei war es mit der Ruhe, kaum dass die Maschine Parkposition erreicht hatte.

„Junge, was willst du hier?“, fragte die Herzogin. Es war nicht so, als hätte man sie nicht bereits darüber informiert, dass William sie begleiten würde, doch das hieß noch lange nicht, dass Abigail keine Erklärung verlangte, als sie sich ihm gegenüber in die Polster sinken ließ.

„Schwerter kaufen“, war die knappe Antwort. William sah seine Mutter an und konnte immer noch nicht fassen, wie eine so schöne Frau, die sie immer noch war, so hässlich von innen sein konnte. „Und du?“ Seine Stimme klang gleichgültig, als wenn es ihn nicht interessierte, aber innerlich war er gespannt wie ein Flitzebogen.

„Verhandlungen über eine Hotelanlage“, gab sie eben so knapp zurück. Mehr als Informationen hatten sie noch nie ausgetauscht. „Lauren lässt grüßen“, sagte sie noch, weil sie dieses Thema - auch wenn William das glaubte - noch lange nicht abgehakt hatte. Ihr fiel schon etwas ein, diese Scharade endlich zu lösen und William auf den rechten Pfad zurück zu führen.

William würdigte diese Worte keiner Antwort, aber seine Augen machten deutlich, wie sehr er diese Frau verabscheute, die seine Mutter für ihn ausgesucht hatte. Abigail Kendal wollte also Hotels in Japan kaufen. Das war nichts Ungewöhnliches, denn sie kaufte oft alte, heruntergekommene Hotels und baute sie zu Luxusherbergen um.

„Viel Erfolg.“

Damit war ihre Konversation beendet und William vertiefte sich wieder in seine Papiere. Abigail tat ein gleiches. Sie antwortete nicht auf den fadenscheinigen Wunsch. Sie wusste, dass sie Erfolg hatte, denn sie hatte immer Erfolg. Man wagte es nicht, sich ihr in den Weg zu stellen.

Der Start verlief ohne Probleme, ebenso der Flug. Um fit zu sein, wenn er landete, und um gleich weiter reisen zu können, musste William schlafen und es hatte den Vorteil, dass er seine Mutter dann nicht sehen konnte.

Es wäre ein leichtes gewesen, sich einen anderen Sitz zu suchen. Das Flugzeug war groß genug. Doch wer ging, hatte verloren - es war immer das Gerangel um die Macht. Und William war nicht mehr bereit, seine Mutter gewinnen zu lassen. Nicht mehr, seit sie versucht hatte, Yves' Leben und damit auch sein eigenes zu zerstören. Es war eine stille Kampfansage, die auch durchaus registriert wurde.

Es wurden während des Fluges kaum mehr Worte zwischen ihnen gewechselt. Man hätte meinen können, sie wären Fremde und das waren sie irgendwie auch. Abgesehen von den Genen teilten sie nicht viel.

Vielleicht noch den Namen - doch dann?

Interessen?

Hatte seine Mutter Hobbys?

Richtige Freunde?

William wusste es nicht und es interessierte ihn nicht. Er wusste nur, dass er so nicht werden wollte.

Ein leichtes Dinner wurde gereicht, dann döste William wieder vor sich hin - die Stunden vergingen ihm viel zu langsam.

Er wurde erst wieder munter, als die Ansage für den Anflug auf Osaka kam. War Yves auch hier gelandet? Sofort waren seine Gedanken wieder bei seinem Liebling. Jetzt waren sie nur noch ungefähr hundert Kilometer voneinander entfernt. William blickte aus dem Fenster. Es war früher Abend, gerade Dämmerung, aber der junge Herzog hatte keinen Blick dafür, er wollte nur so schnell wie möglich nach Kyoto.

Er hatte der Einfachheit halber seinen Mittelsmann gebeten, einen Wagen für ihn anzumieten und wie üblich alles auf die Rechnung zu setzen. Er wollte nur raus aus dem Flugzeug, die Schwerter in Empfang nehmen und dann weiter. Mitten in der Nacht in Kyoto aufzuschlagen, machte bestimmt nicht den besten Eindruck bei Yves' Vater.