Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Britta & Fich > Das Herz eines Herzogs > Das Herz eines Herzogs - Teil 13 bis 16

Das Herz eines Herzogs - Teil 13 bis 16

13


Gut und ausgeruht fühlte sich Yves, als er sich am nächsten Morgen zur Schule aufmachte. Wenn jetzt noch aus irgend einem Grund sein Fraggle nicht in der Schule war, dann war seine Pechsträhne wirklich vorbei, aber leider stand der protzige Bugatti genau vor der Schule, dort wo eigentlich die Lehrerparkplätze waren, aber natürlich wagte keiner den Fraggle dort zu vertreiben. Ganz im Gegenteil grüßten die Lehrer noch nett, als die Blitzbirne aus seiner Blechbüchse kroch. Yves schüttelte den Kopf und parkte seinen Roller. Der Typ ließ ihn ab jetzt kalt.

Schnell war der Helm abgenommen, die Haare noch einmal kurz gerichtet und schon konnte Yves sich auf den Weg in die Klasse machen - freilich mit einem verächtlichen Blick für den Fraggle, der sollte sich doch nicht vernachlässigt fühlen. Dass man ihm nachsah und hinter ihm getuschelt wurde, merkte Yves nicht, weil er auf derartiges sowieso eher selten achtete.

„Na, da fühlt sich aber jemand unbesiegbar“, knurrte William, dem die Blicke langsam wirklich auf die Nerven gingen. Was glaubte die Kirchenmaus eigentlich, sich ein Urteil über ihn bilden zu können? Aber erst einmal wurde er neugierig, denn er bekam mit, wie getuschelt wurde und wie die Mädchen - wohl zum ersten Mal - Yves wahrnahmen.

Nicht der Habenichts hinter seinem viel zu langen Pony. Nicht der Habenichts ohne Gesicht, durch den man gern hindurch sah, weil er hier nicht hingehörte. Plötzlich schien er jemand zu sein, denn die schwarzen Augen und der freche Schnitt machten ihn auf eine rebellische Art interessant. Vielleicht galt es auch bei den Damen der gehobenen Gesellschaft als aufwieglerisch, sich mit einem mittelosen aber gut aussehenden Kerl zu zeigen - ein bisschen gegen Mama und Papa zu rebellieren.

Yves jedenfalls verschwand im Schulhaus, er hatte andere Ziele als das Spielzeug einer gelangweilten Millionärstochter zu werden. Was die gelangweilten Millionärstöchter allerdings nicht davon abhielt, ihn zu beobachten und immer näher an ihn heranzurücken, damit man ihn besser betrachten konnte. Schließlich fasste eine sich ein Herz und kam zu ihm, als er in der Pause wie immer auf seinem Lieblingsplatz saß. „Hallo Yves“, sagte sie lächelnd und ließ sich neben ihm nieder. „Was liest du?“

Irritiert von dieser ungefragten Aufdringlichkeit sah Yves sie erst einmal an. Cameron - ja so hieß, die junge Dame - war ungefragt in seinen Sicherheitsbereich eingedrungen und Yves' Blick machte klar, was er davon hielt. „Höhere Mathematik“, sagte er trotzdem als Antwort auf ihre Frage und wenn sie ihr eigenes Buch öfter aufschlagen würde und nicht nur ihren Organizer, hätte sie ein paar der abgebildeten Dinge vielleicht wieder erkannt.

„Ah“, machte Cameron interessiert und sah in das Buch, auch wenn sie weder wusste, was sie dort sah, noch es wissen wollte. „Was machst du nach der Schule?“, kam sie nun zu dem eigentlichen Grund, warum sie sich neben Yves gesetzt hatte. „Sollen wir einen Kaffee zusammen trinken gehen?“

„Hör zu, Cameron“, sagte Yves langsam und versuchte nicht gleich zu explodieren, „ich habe keine Banknoten in der Tasche, du kannst aufhören mir nachzulaufen. Außerdem habe ich besseres zu tun, als dir einen Kaffee auszugeben, denn auf mich wartet bereits eine rassige Schönheit.“ Gelogen war das ja nicht, Doro war schließlich nicht hässlich und warten würde sie bestimmt auch. „Tu also dir und mir einen Gefallen und setz dich unauffällig ab, ehe es lächerlich wird.“ Und dann sah er wieder in sein Buch, wissend, dass ein paar, die rings herum saßen, ihn gehört haben durften.

Die Blonde war immer blasser geworden und schließlich verzog sich ihr Gesicht vor Wut. „Was bildest du dir eigentlich ein, du Arsch? Ich habe nur versucht nett zu dir zu sein, aber man ist ja was Besseres, nur weil man gute Noten schreibt, aber das ist ja Gott sei Dank bald vorbei, denn nach dem Halbjahr wirst du von der Schule gehen, weil du nicht mehr die Nummer Eins bist.“ So etwas konnte sie sich nicht gefallen lassen und auch wenn Yves es noch nicht wusste, das beliebteste Mädchen auf der Schule verärgern war nicht gut und er hatte einen neuen Feind.

„Ja, ich weiß. Geh und huldige deinem William an seinem Schrein, dass er euch von mir erlöst“, murmelte Yves halbherzig und versank wieder in seinem Buch. Was sollte er denen auf die Nase binden, dass er das Geld zusammen bekommen konnte? Dann schnüffelten die noch herum und fanden heraus wie - nichts da. Er ließ sie dumm sterben. Er fühlte sich sicher und hatte im Augenblick noch keinen Schimmer, wie ungesund es war, Cameron gegen sich zu haben. Bisher war er nur egal gewesen, ein Schandfleck in der Klasse. Doch jetzt hatte sie Blut geleckt - sein Blut und sie würde es fordern, zur Regeneration ihres Egos.

So würdevoll wie es ging stand sie auf und schenkte Yves noch einen giftigen Blick. Sie ließ sich von dem Pulk ihrer Freundinnen aufnehmen und trösten. William stand etwas weiter weg und musste anerkennend zugeben, dass Yves die kleine Schlampe gekonnt abgefertigt hatte. Nur wusste seine Kirchenmaus nicht, was er damit angerichtet hatte, sich mit Cameron anzulegen, denn sie war es nicht gewohnt, zu verlieren und sie war dafür bekannt, ihre Gegner zu vernichten. Er hätte fast ein bisschen Mitleid mit der kleinen Kirchenmaus bekommen - aber wirklich nur fast. Zu viel hatte der Kerl sich geleistet und so vermied es William, ihn darauf hinzuweisen, dass er besser nur noch mit dem Rücken zur Wand stand, wenn er nicht eines schönen Tages ein Messer im Rücken stecken haben wollte.

Yves allerdings war ziemlich zufrieden mit sich und der Welt, denn er hatte wieder seine Ruhe und das Klingeln zur Stunde hielt den Rest des Trupps davon ab, ihm noch einmal auf die Pelle zu kriechen.

William wartete erst einmal ab, was Cameron plante. Wenn es zu heftig wurde, griff er ein, denn die Kirchenmaus gehörte ihm – nur ihm allein. Wenn einer Yves das Leben schwer machte, dann er. Schließlich hatte er die älteren Rechte. Und Sorgen, dass sich die Blonde dann ihn zum Feind nahm, hatte er nicht, denn das wagte sie nicht. Im Verhältnis zu Yves mochte sie stinkreich sein, doch gegen die Kendals war ihre Familie ein kleines Licht einer Bankerfamilie. Ein paar Landhäuser in den USA, dazu zwei in Europa. Eine mickrige Ausbeute. Da hielt man sich lieber zurück, wenn man es nicht mit William Kendal zu tun haben wollte. Wenn die Kendals ihre Konten bei dieser Bank auflösten, dann ging alles den Bach runter.

Zum Glück hatte Yves keinen Schimmer, was sich über seinem frisch frisierten Kopf zusammenbraute und so widmete er sich den Stunden und schrieb fleißig mit, bedankte sich artig aber grinsend bei William, wenn der wieder mit seinem Zusatzwissen angab.

Aber ein Gutes hatte seine Abfuhr an Cameron. Er wurde wieder in Ruhe gelassen und keiner verirrte sich in den Pausen zu ihm und er konnte wieder ungestört lesen. Je näher der Schulschluss kam, umso unruhiger wurde Yves, was William mit hochgezogener Augenbraue beobachtete. Was war los? Das machte ihn neugierig, aber er wurde aufgehalten, als die Schule beendet war, so dass er ihm nicht folgen konnte.

Während William also ein paar der Jungs aus seiner Klasse darauf hinwies, dass er sicher keine Zeit hätte, sich bei einem Kaffee und Tratsch im Stammlokal der Truppe die Sonne aufs Hirn scheinen zu lassen, weil er Termine hätte, brauste Yves mit gemischten Gefühlen nach Long Island, ins Haus der Sinne. Er hatte immer einmal den Blick im Rückspiegel, doch ihm schien niemand weiter als zwei Straßen zu folgen.

Man hatte sich gestern noch darauf geeinigt, dass Bao - Chens Neffe, der für Yves einspringen sollte - die von Doro ersehnten Suppen liefern sollte, damit Yves nicht sinnlos stundenlang durch die Stadt fuhr, sondern sein Training absolvieren konnte. Es war Zufall, dass die beiden sich vor der Tür des Hauses trafen, als Bao seine Aufgabe erledigt hatte. Sie grüßten sich kurz, dann trennten sich ihre Wege wieder und Yves lief eilig durch das Haus auf der Suche nach Doro.

„In ihrem Büro“, war die knappe Antwort eines Stuckateurs, der gerade dabei war eine große Rosette an die Decke der Eingangshalle anzubringen. Hier war wirklich alles edel und teuer, genauso, wie es sein musste, wenn man die verwöhnte New Yorker Schickeria hierher locken wollte.

„Danke“, rief Yves schon im Laufen. Den Weg zum Büro kannte er und so klopfte er kurze Zeit später an die leicht geöffnete Tür und musste grinsen, weil Doro gerade einen Deckel nach dem anderen von den Suppen öffnete und genießerisch schnupperte. „Nicht jetzt, ich will was essen“, murmelte sie leise, guckte aber zur Tür und lachte. „Yves. Komm rein, schließ die Tür und lass uns die Köstlichkeiten essen, die gerade geliefert worden sind.“

„Willst du das alles alleine essen?“, fragte er skeptisch, denn wie gestern von Doro am Telefon gebeten, hatte er eine Bestellung von acht verschiedenen Suppen veranlasst. Er kannte Chens Portionen zur Genüge und er wusste, das Doro - auch wenn sie eine gute Esserin war, nicht mehr als zwei schaffen würde.

Eilig trat er näher und grinste, als er auf einem Deckel das Zeichen 'Feng' lesen konnte was so viel bedeutete wie Gipfel oder Spitze - das, wo Ling ihren 'Kleinen' immer sehen wollte und weswegen sie ihn manchmal so nannte. „Finger weg. Das gehört mir!“, erklärte Yves also und nahm seine Nudelsuppe mit Huhn und Tofu an sich, noch ehe Doro ihre Nase hätte in den Topf stecken können.

„Ey.“ Wie an einer Schnur gezogen, folgte Doro ihm, denn sie wollte wissen, was das war. Vielleicht war das ja lecker und darum wollte sie probieren. Mit einem Löffel bewaffnet lief sie der Suppenschale hinterher. „Du darfst gar nicht so viel essen, weil du ja nachher nicht einfach aufstehen und auf Toilette gehen kannst“, versuchte sie es und hüpfte vor Yves herum, damit sie etwas sehen und schnuppern konnte. Leider hatte sie mit ihrem Einwand auch Erfolg, denn Yves blieb stehen und verzog das Gesicht. Doro hatte Recht. Und sie hatte nicht nur Recht, sondern schon den Löffel in die nun offene Schüssel getunkt.

„Hey. Das hat Ling für mich mitgegeben!“, erklärte er knurrig, aber gutmütig und stellte die Schüssel ab. Vielleicht sollte er wirklich auf alles verzichten, was seinem Training schaden konnte. Sehnsüchtig sah er auf seine Suppe. Und sie roch so lecker.

Doro nahm noch einen Löffel, leckte sich die Lippen und schob die Schüssel dann zu Yves hinüber. „Iss ruhig, du kannst auch nicht mit knurrendem Magen dort liegen und was deine Frage von vorhin betrifft: Die Suppen sind nicht für mich alleine.“ Sie blickte auf, als es an der Tür klopfte. „Auch für die, die gerade kommen. Deine Kollegen, die anderen lebenden Servierteller.“ Sie öffnete die Tür und begrüßte die fünf anderen jungen Leute herzlich. Insgesamt waren sie nun drei Frauen und drei Männer. Yves sah sie sich etwas genauer an, als sie sich begrüßten und musste feststellen, dass sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, was das Aussehen anging. Es faszinierte ihn. Dieses Haus war wie ein Schmelztiegel. Mit seiner Suppe hockte er sich in einen der Sessel und beantwortete Fragen die man ihm stellte. Genauso hörte er neugierig zu, wenn andere etwas erzählten. In angenehmer Atmosphäre aßen sie also, ehe der Ernst des Lebens beginnen sollte. Doro erklärte, was sie gleich erwartete.

„Also, ihr Lieben, erst einmal möchte ich euch in meinem Team begrüßen. Ich freue mich, dass wir jetzt hier zusammenarbeiten und bin mir sicher, dass wir einen Superjob leisten werden.“ Sie sah einmal in die Runde und lächelte jeden an. „Jetzt zum Prozedere. Ihr wisst alle, dass wir uns auf sehr heiklem Grund bewegen und dass das Gesundheitsamt uns ständig im Nacken hängt. Darum sind einige Grundregeln zu beachten. Sobald ihr euch krank oder auch nur nicht gut fühlt, meldet euch, denn dann könnt ihr nicht als Büffet arbeiten. Wir finden dann etwas anderes für euch, wenn ihr nicht gerade richtig krank seid. Dann bleibt ihr Zuhause und kuriert euch aus.“

Einheitliches Zustimmen und Nicken. Außerdem hatte ja schon im Vertrag gestanden, was jemanden erwartete, der wider besseren Wissens krank zu dieser Art der Arbeit antrat. Die Summen, die dann als Strafen fällig waren, hatten gar kein Ende genommen in der Anzahl ihrer Nullen vor dem Komma. Doch sie begriffen alle, was auf dem Spiel stand. Es war also selbstverständlich, in regelmäßigen Abständen den ab nächste Woche im Haus verweilenden Arzt zu konsultieren.

„Fein, das zum Grundsätzlichen und jetzt zu eurer eigentlichen Arbeit.“ Doro klatschte wieder in die Hände und alle grinsten, denn jeder wusste, was das bedeutete. „Also Hygiene ist das A und O unserer Arbeit. Bevor ihr mit dem Essen belegt werdet, geht ihr gründlich duschen, aber nur mit dem Duschgel und Shampoo, das in den Duschen ausliegt. Keine Sorge, es ist mild und dermatologisch getestet, antiallergen und parfümfrei. Toni wird euch anschließend herrichten, je nach Kundenwunsch. Es kann also auch sein, dass ihr ein Bodypainting bekommt, mit Lebensmittelfarbe natürlich. Bevor ihr euch hinlegt, kommt ihr noch kurz in unsere Kältekammer, um euch ein wenig runterzukühlen.“

„Kältekammer?“, sprach eine der jungen Damen aus, was alle dachten. Auch Yves zuckte kurz zusammen, zumal er gerade seine warme Suppe löffelte. „Wird man da nicht erst recht krank?“ Eine Frage, die auch Yves sich stellte. Wenn es so kalt wurde, war es doch klar, dass auch der Körper reagierte. Das konnte peinlich werden und sein wärmendes Fell im kritischen Bereich hatte er gestern Abend rasiert.

„Hey, keine Panik. Ihr sollt da nicht Stunden verbringen. Dort herrschen 20 Grad unter Null. Hände, Füße und Intimbereich werden geschützt, damit nichts passiert, genauso, wie euer Gesicht. Das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme, denn ihr werdet nicht lange genug dort drinnen sein, um euch etwas abzufrieren. Seht es als eine Art verkehrte Sauna, denn es stärkt euer Immunsystem, wenn man es nicht übertreibt.“

Doro hatte mit diesem Einwand gerechnet und erklärte es darum sehr genau. „Aber wenn jemand das gar nicht verträgt, muss er das nicht machen. Der kommt dann einfach in ein eiskaltes Wasserbecken.“ Sie grinste, denn das war nur ein Scherz gewesen und der verfehlte seine Wirkung nicht. Doch als man sie grinsen sah, beruhigten sich auch die Anwärter auf das Büffet wieder.

„Wie lange wird so eine Sitzung eigentlich gehen?“, wollte Yves wissen. „Wird da eine Höchstzeit vorgegeben? Denn auch Muskeln, die trainiert sind, nehmen einem solch extreme Zwangshaltungen übel, egal wie bequem sie zum Anfang wirken sollten.“ Er kannte das vom Meditieren. Was zu Beginn noch locker und entspannt anmutete, war zum Ende hin eine Qual für den ganzen Körper.

„Gute Frage, Yves. Die Sitzungen sind auf zwei Stunden beschränkt, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass meistens nach anderthalb Stunden Schluss ist. Aber egal, wie lange die Sitzung geht, danach habt ihr immer eine Stunde für euch, zum aufwärmen, bewegen, was essen und andere Dinge. Je nachdem, was ihr braucht, um die zweite Sitzung auszuhalten und glaubt mir, ihr werdet mindestens zwei Sitzungen am Tag haben. Wir haben jetzt schon Reservierungen für die ersten acht Wochen.“ Doro sah man an, wie stolz sie war, weil ihre Abteilung den größten Teil der Einnahmen einbrachte.

„Bei Yves sieht das etwas anders aus, weil er noch eine zweite Aufgabe hat, darum wird er wohl nicht ganz so oft Büffet spielen.“ Sie überlegte, was noch zu sagen war und grinste. „Ach übrigens. Euer Gehalt ist kein Fixgehalt. Beliebtheit und viele Buchungen im Voraus steigern euren Wert und der wird belohnt.“

Leises Murmeln war zu hören. Ein Teil wollte wissen, was Yves denn noch zu tun hätte und sahen ihn an, andere fanden die Idee einer Gewinnbeteiligung extrem gut. Wenn man sich gut verkaufen konnte, sprang etwas dabei heraus. So hatten doch beide Seiten etwas davon.

Bereitwillig erklärten Yves und Doro, was für Yves noch vorgesehen war und ein bisschen Neid glänzte schon in den Augen der anderen. Doch keiner sagte etwas.

Doro war stolz auf ihre Truppe, denn sie legte Wert auf gute Teamarbeit und dass sich ihre Mitarbeiter untereinander loyal verhielten. „Ich habe euren Job selber einmal gemacht und ich kann sagen, dass er sehr schwierig, aber auch sehr erfüllend sein kann und ich habe ihn gern gemacht. Also, wenn ihr Probleme oder Fragen habt, kommt zu mir, ich werde bestimmt eine Lösung finden und ich werde auch ab und zu selber mitarbeiten, wenn Not am Mann ist.“

Nach und nach leerten sich die Schüsseln und weil alles gesagt war, was im Augenblick zur Klärung beitragen konnte, kam Leben in die kleine Runde. Nun ging es an die Vorbereitungen für das erste Probeliegen - vor ein paar Mitarbeitern des Hauses. Doch das war nicht weniger heikel. Zusammen mit den beiden anderen Männern ging Yves also in die Umkleide. Sie duschten gründlich, weil alles so ablaufen sollte, wie bei einem richtigen Büffet.

„Ich bin ja mal auf diese Kältekammer gespannt“, meinte Alex, einer seiner Mitstreiter, ein großer, gut gebauter Latino, der immer zu lächeln schien. „Und du machst wirklich Kendo? So richtig mit Schwertern und all dem Zeug?“ Er war neugierig, aber nicht neidisch, das merkte man. Er wollte einfach nur etwas mehr über seine Mitstreiter erfahren.

„Ja, ich bin eigentlich schon, seit ich hier in New York bin, im Dojo vom Bruder meines Chefs und weil ich wohl Talent hatte, gab er mir nach dem Training mit den anderen Schülern immer noch privat ein paar Stunden. Und seit ein paar Monaten darf ich auch mit scharfen Klingen hantieren, allerdings noch ohne Partner“, erklärte Yves nicht ohne Stolz und rubbelte sich gut trocken. Auch die eben gewaschenen Haare, die Toni sowieso gleich wieder in Form bringen sollte.

„Ist ja cool.“ Greg, der dritte im Bunde, guckte aus der Duschkabine und grinste. Seine braunen Haare standen wirr in alle Richtungen, nachdem er sie gründlich trocken gerubbelt hatte und gaben ihm ein koboldhaftes Aussehen. „Das würde ich ja auch gern können, aber bei meinem Geschick schneide ich mir mit so etwas bestimmt wichtige Teile ab. Als ich klein war, hat meine Mutter immer einen Erste-Hilfe–Kasten mit sich rumgeschleppt, weil ich mir ständig irgendwo eine Schramme oder Beule eingefangen habe.“

„Dann ist es ja gut, dass du hier nur auf dem Tisch liegen musst und nichts anfassen darfst“, lachte Alex und schlug dem schmollenden Greg lachend auf die Schulter.

„Er darf nur nicht vom Tisch fallen“, konnte sich Yves nicht verkneifen und lachte leise, doch Greg nahm es ihm nicht übel.

„Wart's nur ab. Ich sperr dich in der Kältekammer ein, wenn du so vorlaut bist. Dann ist es vorbei mit der Schwertschwingerei“, murmelte dieser und trocknete sich über den Rücken. Sie waren nun fertig und mit einem Handtuch um die Hüften, um die Handwerker auf dem Flur nicht zu verstören, ging es zu Tonis heiligen Hallen. Sie fröstelten ein wenig, darum beeilten sie sich und als sie die Tür zu Tonis Reich öffneten empfing sie wohlige Wärme.

„Nur herein mit euch Hübschen“, rief der Stylist und lächelte ihnen zu, runzelte aber die Stirn. „Hingen in der Dusche keine Bademäntel?“, fragte er und schüttelte den Kopf. Da hatte die Organisation wohl noch nicht perfekt funktioniert und musste ein wenig üben. „Hier“, er nahm drei Mäntel aus dem Schrank und gab sie weiter.

„So, jeder von euch bekommt einen Stylisten, der sich immer um euch kümmert, das hat sich in den anderen Häusern bewährt, darum machen wir das auch so“, erklärte er und zeigte auf zwei Türen, die von dem Raum abgingen. „Yves zu mir, Greg zu Tina dort rechts und Alex ab zu Martin links.“

Einheitliches Nicken.

Es war davon auszugehen, wenn das Haus die Stylisten anheuerte, dann verstanden sie ihr Fach. Alex und Greg verschwanden hinter ihren Türen und Yves ließ sich - wesentlich entspannter als gestern - in den Stuhl fallen. „Na dann, mal los“, sagte er grinsend. Er hatte sich an seine neue Frisur gewöhnt und auch wenn sie ihn mehr ins Licht der Aufmerksamkeit schob, wollte er sich nicht mehr davon trennen.

„Na, wie bist du mit den Veränderungen klar gekommen? Hat das mit den Kontaktlinsen gut geklappt?“ Lächelnd sah Toni Yves über den Spiegel an und fuhr ihm durch die Haare. Viel brauchte er nicht zu machen, denn durch den Schnitt fielen die Haare schon fast alleine so, wie sie sollten. „Wenn ihr als Büffet arbeitet, beschränken wir uns nur auf das Nötigste, denn auch, wenn euer Kopf nicht mit dem Essen in Berührung kommt, so vermeiden wir so weit es geht Chemie. Wenn wir Farben nutzen, sind es Lebensmittelfarben, aber das wird Doro euch schon erklärt haben.“

„Ja, ja. Hat sie“, bestätigte Yves und schloss die Augen. Es fühlte sich gut an, wie Toni durch seine Haare strich und die Kopfhaut streifte. Fast hätte Yves geseufzt, doch er konnte sich beherrschen. Es gab kurze Augenblicke, in denen er das Gefühl hatte, ihm fehlte etwas. Doch wenn er versuchte, diesen Gedanken zu greifen und zu ergründen, verschwand er einfach, als wäre er nie da gewesen - so wie jetzt.

Als Yves die Augen wieder öffnete, war Toni schon dabei, die Haare mit Zuckerwasser in Form zu bringen. Dabei summte er leise vor sich hin und als ihre Blicke sich im Spiegel trafen, lächelte der Stylist. „Na, hast du gestern für Aufsehen gesorgt?“, fragte er grinsend, denn so eine Veränderung wie bei Yves musste einfach jedem sofort auffallen. „Ich werde deine Augen ein wenig betonen, aber nur ganz dezent mit Kajal. Du wirst dich wundern, was das für eine Wirkung hat.“

„Na ja. So viel nun auch wieder nicht“, milderte Yves ein wenig ab. Zwar waren die Gäste auch erst unsicher gewesen, ob sie es wirklich mit Yves zu tun hatten, aber es war jetzt nicht so gewesen, dass man ihn angestarrt hätte. „Heute in der Schule rückte mir eine der Damen plötzlich auf die Pelle. Aber das war's auch schon.“ Yves atmete tief durch. Was Yuki wohl gesagt hätte, die sich diese Veränderungen immer am meisten gewünscht hatte?

„So, so, eine der jungen Damen.“ Toni grinste. Es war doch immer wieder erstaunlich, was passierte, wenn man das Aussehen eines Menschen veränderte. „Du kannst davon ausgehen, dass sie nicht die einzige bleiben wird. Manche der Gäste werden auch versuchen, mit dir zu flirten oder sich mit dir zu verabreden. Es wird nicht unbedingt gerne gesehen, aber es ist auch nicht verboten. Es bleibt deine Entscheidung.“

„Muss ich nicht haben“, murmelte Yves. Verschwieg aber, dass er mit Frauen, die Geld hatten, nichts anfangen konnte. Die glaubten, alles kaufen zu können und waren doch nicht besser als ihre männlichen Gegenstücke. Im Allgemeinen war Yves der Meinung, dass Geld den Charakter ziemlich verderben konnte - das beste Beispiel war ja der Fraggle von und zu - doch leider regierte es die Welt und entschied über Erfolg und Misserfolg. „Ich will nur meinen Job machen und nicht noch belagert werden.“

„Ist, wie gesagt, deine Entscheidung.“ Toni war mit den Haaren fertig und zupfte noch die letzten Strähnen dahin, wo sie hin sollten. Schnell war auch der Kajal aufgetragen und zufrieden betrachtete der Stylist sein Werk. „Perfekt“, murmelte er und nickte. „Bei dir ist echt nicht viel zu tun. Nur etwas die natürliche Schönheit unterstreichen.“

„Hey, mach mich nicht verlegen“, lachte Yves und unterdrückte den Reflex, sich noch einmal durch die Haare streichen zu wollen, um sie hinter das Ohr zu klemmen - so wie er es immer tat, wenn er verlegen war und das überspielen wollte. Langsam erhob er sich und bedankte sich fürs herrichten, da war auch schon wieder Doro von der Partie, die ihre Schützlinge einsammelte, um sie ins Kühlhaus zu schicken, ihnen vorher aber noch das eine oder andere zu erklären.

Vor der Tür warteten schon die Mädels, die nun fertig gemacht werden sollten. Bei ihnen brauchten die Stylisten meist etwas länger. „Also, alle mir folgen“, rief Doro gut gelaunt und lief vor zu den Räumen, in denen die Büffets stattfinden sollten. „Wir haben sechs Räume, es können also sechs Büffets gleichzeitig stattfinden. Es ist aber auch möglich mehrere Räume zusammen zu legen, bei größeren Gesellschaften. Manchmal arbeitet ihr auch zu zweit oder zu dritt. Kommt drauf an, was gewünscht wird“, erklärte sie und ließ die drei Jungs in einen der Räume gucken.

„Da liegt man ja wie auf dem Präsentierteller“, lachte Greg und wurde von Alex in die Seite gestupst. Die Räume waren alle asiatisch ausgestattet, die Tische niedrig und ohne Stühle. Man musste also auf dem Boden sitzen oder knien. Das kannte Yves schon und er wusste auch, dass der Seiza[2] eine hochgradig anstrengende Tortur sein konnte. Er kannte das von Teezeremonien mit Yuki und ihren Eltern. Auch wenn es Männern gestattet war, im Schneidersitz zu sitzen, hatte er den Seiza einmal ausprobieren wollen.

Der ganze Boden war mit Tatami[3] ausgelegt und die Wände, wie sich das wohl klischeemäßig gehörte, mit Reispapier bespannt.

„So, wenn die Herren mir bitte folgen wollen. Es geht zur Folterkammer.“ Lachend scheuchte Doro ihre Schäfchen weiter in einen Raum.

„So, es gibt für jeden eigene Schutzkleidung, die mit eurem Namen versehen ist, damit ihr sie nicht verwechselt. Stiefel, Handschuhe, Intimschutz und Ohrenschützer“, zählte sie auf und hielt immer das Entsprechende hoch. „Wir fangen erst einmal ganz kurz an mit 20 Sekunden. Das werden wir steigern nach und nach, aber länger als 3 Minuten werdet ihr dort nicht drin bleiben.“

„Na wenn das nicht löblich ist“, murmelte Yves, lachte aber. Eilig legte er alles an und auch wenn die drei Jungs schon eine Weile keine Kinder mehr waren, so sorgte das Anlegen des Intimschutzes doch für ein wenig Erheiterung, schon allein weil Doro, die eigentlich mit diesem Körperteil nicht gesegnet war, Anweisungen gab, wie damit zu verfahren sei.

Ausstaffiert wie Nudistenpolarforscher verschwanden sie also einer nach dem anderen in dem Raum und Yves zog zischend die Luft in die Lungen. Das hatte er zu schnell getan, weil er sich erschrocken hatte, und nun stach die kalte Luft in den Lungen. Er hatte nie vorher wahrgenommen, wie lang zwanzig Sekunden sein konnten.

„Wah, wie soll man so was denn 3 Minuten aushalten?“, jammerte Greg und klapperte mit den Zähnen. Seine Augen klebten an der Anzeige, die langsam von 20 rückwärts lief und so anzeigte, wann sie fertig waren. Er war auch der erste, der aus der Tür stürmte und erleichtert aufseufzte, als er wieder Wärme um sich spürte. „Können wir über das Folterinstrument noch mal diskutieren?“, fragte er Doro lachend, die nur den Kopf schüttelte.

Auch wenn dieses Abkühlen nicht extrem viel brachte, so war die Haut doch etwas unterkühlt. Der Körper würde sie im Laufe der Zeit wieder temperieren und so mussten die Jungs auch daran arbeiten, diesen Vorgang so gut es ging hinaus zu zögern. „Mit innerer Ruhe und Meditation lässt sich das schon ertragen“, erklärte Yves und war einmal mehr froh, dass Hong ihn wirklich von der Pieke auf in die Kampfkunst eingeführt hatte und so viel Wert auf Geist und Einstellung gelegt hatte.

„Ja, Meister“, lachte Greg und streckte Yves die Zunge raus.

„So, raus aus den Klamotten und auf den Präsentierteller. Und keine Sorge, ihr liegt nicht auf kaltem Metall, sondern auf einem Gelkissen, das sich eurem Körper anpasst und es euch etwas leichter macht.“ Doro winkte ihnen zu und ging schon einmal in den Büffetraum vor. Die Tische, auf denen sie liegen sollten, waren zu einer angenehmen Höhe hochgefahren worden, damit sie bequemer aufsteigen konnten und es für die Köche leichter war, sie zu dekorieren. „Sucht euch aus, wo ihr liegen möchtet. Die Kissen sind neu und werden dann nur von euch benutzt.“

So ließ sich jeder auf einem der Tische nieder und Doro begann die Haltung noch ein bisschen zu korrigieren. Es war von Vorteil, die Beine an den Füßen leicht zu überschlagen, damit einem nicht irgendwann die Beine auseinander glitten. Ehe ein in Form geschnittenes Bananenblatt den Intimbereich abdeckte, steckte Yves sein Lieblingskörperteil lieber etwas fest. Nicht auszudenken, wenn alles ins Rutschen kam, weil sein Körper aus diversen Gründen Amok lief.

„Gut mitgedacht.“ Doro hob einen Daumen und gab es gleich an die anderen beiden Jungs weiter. Bisher war sie sehr zufrieden. Die drei machten sich gut auf ihren Tischen, besonders Yves, der in dieser Position ziemlich verführerisch wirkte. „So, wir werden jetzt anfangen euch zu belegen. Yves bekommt das Sushi, Greg das Obst und auf Alex kommt das Fleisch. Auch hier fangen wir erst einmal klein an, denn ihr müsst euch daran gewöhnen, dass etwas Kaltes auf euch drapiert wird.“

Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da kamen schon die Teller mit den Speisen. Die drei Küchenhilfen machten sich mit geschickten Werkzeugen daran, nach und nach erst einmal ein paar Sachen auf die nackte Haut zu legen. Sie ermutigten die Jungs auch, sich zu bewegen damit sie sahen, was passierte, wenn sie nicht still hielten, denn alles kam ins Rutschen.

Erst wurden nur Bauch und Beine belegt, damit man sich an das Gefühl gewöhnen konnte und nach einiger Zeit verspürte Yves den Drang, die Position zu wechseln. Aus gutem Grund gab es in diesem Raum keine Uhr, damit man nicht sklavisch an ihr klebte und dem Gast das Gefühl vermittelte, nur eine Störung zu sein.

„Hilfe, Hilfe! Greg in Not“, kam es von einem Tisch. Greg hatte unwillkürlich etwas heftiger eingeatmet und sein Obstdekor geriet ins Rutschen. Er versuchte es mit den Händen aufzuhalten, machte es dadurch aber nur noch schlimmer und gab es auf. „Tschuldigung“, murmelte er mit rotem Kopf und lächelte die junge Frau an, die gleich zu ihm kam und alles neu arrangierte. Doro kam dazu und tätschelt vorsichtig Gregs Arm „Nicht schlimm, dafür üben wir doch, damit ihr lernt, was ihr lieber nicht machen solltet.“

„Außerdem hat er ja auch die schwierigste Aufgabe. Das Fleisch und der Fisch kleben gut auf der Haut, da kann man auch mal etwas zappeln. Das Obst ist hinterhältig, deswegen dekorieren wir das eigentlich nur ein, wenn es wirklich ausdrücklich verlangt wird. Aber keine Sorge, ihr werdet das Obst alle mal ausprobieren“, sagte die junge Küchenhilfe, die den Latino auf dem letzten Tisch schon frech lachen gesehen hatte und der nun ein Gesicht zog, als hätte man ihm Lebertran eingeflößt.

Nur Yves lag entspannt, den Kopf leicht schief gelegt und die Augen auf Halbmast. Er wirkte wie hingegossen und selbst Doro, die den Anblick nackter Männer gewohnt war, musste schlucken. Yves war Verführung pur und sie wusste jetzt schon, dass sich die Buchungen für ihn überschlagen würden. Sie hatte wohl wirklich einen Glücksgriff getan. Die anderen beiden sahen ebenfalls sehr ansprechend und appetitlich aus, aber ihnen fehlte die Erotik, die Yves zu Eigen war, ohne dass er etwas davon wusste. Und gerade das war es, was ihn so unwiderstehlich machte: die Unschuld, die er irgendwie inne hatte, auch wenn es schwer zu glauben war, dass der junge Mann noch unschuldig war.

Immer wieder wurden die Körper dekoriert und man redete auf die Jungs ein, sich zu beruhigen, damit der Herzschlag ruhig war und die Körper sich nicht so schnell erwärmten. Man erlöste Greg von dem glitschigen Obst und bestückte ihn mit Sushi, während Yves nun zu einer Obstplatte garniert wurde. Es begann am Hals mit Bananenscheiben, die Brust entlang und um die Scham. Es war nun einmal der Reiz des Ganzen, dass man die Sinnlichkeit eines Essens mit der von nackter Haut und Erotik verband. Doch Yves lag ruhig, selbst die Trauben auf seiner Bauchdecke rollten nicht von der Stelle.

Doro beobachtete die Zeit, denn sie wollte ihre Mitarbeiter nicht übermäßig strapazieren. Darum beließ sie es bei einmal umdekorieren und öffnete die Zwischentüren zu dem Raum der Mädchen, die ebenfalls fertig dekoriert waren. „Okay Leute. Bisher habt ihr das wirklich prima gemacht, für das erste Mal“, rief sie in den Raum und klatschte wieder in die Hände. „Jetzt werden die Testgäste kommen. Es wird genauso ablaufen, wie bei eurer richtigen Arbeit. Ihr werdet nur von den Stäbchen berührt.“

„Okay.“ Ihre Delinquenten stimmten zu, nicken konnte sie ja nicht. Und weil die wichtigsten Teile sowieso verhüllt waren, störte man sich auch nicht daran, dass sich Frauen und Männer um den Tisch versammelten und ein belangloses Gespräch begannen.

Yves versuchte, keinem in die Augen zu sehen, sondern sah weiter in den Raum hinein, wie er es eben schon getan hatte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, gleichzeitig Mittelpunkt und völlig unsichtbar zu sein. Er war mit dem Tisch verschmolzen wie eine Silberplatte. Und als das erste Mal das Holz eines Essstäbchens seine Haut berührte, zuckte er kurz zusammen, lag aber dann wieder still. Berührungen waren ungewohnt für Yves, vor allem auf nackter Haut.

Doro huschte zwischen den Tischen umher und beruhigte, wo es nötig war. Bei den Jungs war eigentlich alles im grünen Bereich, aber eines der Mädchen fühlte sich augenscheinlich ziemlich unwohl, weil eines der Stäbchen ihre Brust gestreift hatte und Doro sprach leise mit ihr. Sie kannte das selber und so konnte sie Tipps geben, wie man sich leichter daran gewöhnen konnte, sich so offen zu präsentieren.

Es dauerte eben seine Zeit, bis man das Berufliche vom gänzlich Intimen trennen konnte und es gelang nicht jedem gleich gut. Nur am Rande nahm Yves das Geschehen am anderen Tisch wahr und selbst das Gespräch an seinem eigenen blendete er völlig aus. Er war schon dabei zu planen, was sie alles machen konnten, wenn Joel am Wochenende da war.

Hong hatte bereits vor einiger Zeit ein Kino entdeckt, in dem Filme für Sehgeschädigte gezeigt wurden. Diese wurden nicht nur durch Dialoge intoniert, sondern durch einen Erzähler ergänzt, der beschrieb was man sehen würde, wenn man es sehen könnte. Das hatte Joel ganz toll gefunden und deswegen wollte Yves dort mit ihm hin. Aber sicher geisterte der Kurze sowieso die meiste Zeit wieder in der Küche herum und schnupperte sich durch die Gewürze. Es war beachtlich, was der Kleine alles behalten konnte. Dinge, die Yves nicht einmal unterscheiden konnte, wenn er sie sah, erkannte Joel allein am Geruch.

Er war so versunken, dass er ein wenig zuckte, als Doro wieder in die Hände klatschte. „Vielen Dank, Leute, dass ihr uns geholfen habt. Morgen wiederholen wir das Ganze noch einmal“, rief sie und mit leisem Gemurmel leerte sich der Raum. „Bleibt noch kurz liegen, bis ihr von eurer Deko befreit seid, dann sind wir fürs erste fertig. Ich muss sagen, ihr habt das wirklich prima gemacht, besser als ich zu hoffen gewagt habe. Geht euch duschen und ruht euch aus.“

„Endlich“, konnte sich Greg nicht verkneifen, als er von seinem Dekor befreit worden war und winkelte erst einmal Arme und Beine an, ehe er sich auf die Seite drehte. Bei den anderen lief das ähnlich. Es war ungewohnt, wieder in Bewegung zu kommen und als sie sahen, dass sie mehr als eine Stunde gelegen hatten, mussten sie zugeben, dass die Zeit überraschend schnell vergangen war. Vielleicht weil so viel rings herum passiert war.

Mit einem Glas Saft ging Yves etwas durch den Raum und rollte die Schultern.

„Du hast es leichter, als die anderen. Du hast gelernt, deinen Körper zu beherrschen, aber das wird schon noch.“ Doro war neben ihn getreten und sah sich um. Greg und Alex standen bei den Mädchen und tauschten Erfahrungen aus. „Nachher zeig ich dir noch den Raum, wo du deine Übungen machen kannst. Er war eigentlich für etwas anderes vorgesehen, aber jetzt gehört er ganz allein dir.“

„Für was war er denn vorgesehen?“, fragte Yves neugierig und streckte sich noch ein wenig, damit seine Muskeln wieder weich und geschmeidig wurden. „Und wie ist das mit der Trainingsausstattung? Soll ich meine mitbringen?“ Er wirkte unsicher dabei, weil er noch nie vor Publikum trainiert hatte. Vor seinen Mitschülern schon, doch das war etwas anderes.

„Eigentlich war dort geplant, erotische Shows zu zeigen, aber Markus fand die Idee mit dem Kendo besser. Es ist etwas anderes, etwas, was die anderen Häuser nicht haben und für die Shows finden wir einen anderen Platz.“ Sie waren jetzt allein im Raum, denn die anderen waren zu den Duschen gegangen. „Bring erst einmal dein eigenes Trainingszeug mit, damit unsere Schneider es sich ansehen und dir dann für deine Auftritte etwas schneidern können.“

„Ja, okay. Kein Problem. Ich werde es morgen einpacken“, erklärte er. „Wollt ihr auch eine Rüstung sehen oder verhüllt die zu viel? Dann muss ich vor dem Training hier noch einmal nach Hause, denn die kann ich schlecht in die Schule mitnehmen.“ Seine normalen Trainingsklamotten konnte er sicher in den Rucksack zu den Büchern packen. Das ging schon.

„Nein, Rüstung ist nicht nötig.“ Doro überlegte und tippte sich auf die Lippen. „Du brauchst auch ein Schwert, also kein echtes, sondern eins von diesen Übungsdingern. Am besten, du besorgst eins und kriegst von uns das Geld dafür. Es sollte schon ein wenig was hermachen, also nicht nur so ein einfaches. Du wirst da schon was finden.“

Nun war Yves doch etwas irritiert. „Meinst du ein einfaches Shinai? Die sehen doch alle gleich aus. Da kann man nicht viel hermachen. Auch die Bokken sind eher unspektakulär. Sie sind eben einfach und zweckmäßig. Was verstehst du unter hermachen?“ Er guckte die Frau neben sich schief grinsend an, denn so wie sie guckte, konnte sie mit den Begriffen nicht viel anfangen.

„Ähm“, kam es auch gleich verwirrt, „hermachen eben.“ Sie lachte, denn so wie es aussah, konnte Yves mit ihren Worten genauso viel anfangen, wie sie mit seinen. „Gibt es nicht etwas aufwendiger gestaltete Übungsschwerter? Mit Verzierungen, Schnitzereien, Bändern, Metallbeschlägen oder was auch immer? Eben eine Luxusausführung?“

„Ich glaube, du missverstehst die Bedeutung des Kendos, vor allem der Übungsschwerter. Sie sind dazu gedacht, ihren Zweck zu erfüllen. Selbst die meisten Katanas, also die richtigen Schwerter, sind klassisch schlicht. Die einzigen, die ich kenne, die aufwendig gearbeitet waren, waren Nodachis. Aber die sind so selten und so teuer, dass die nicht in Frage kämen.“ Yves kratzte sich am Kopf. Etwas, was ein bisschen was her machte? Er fand da keine wirkliche Lösung für.

„Hmm, das ist blöd, aber wenn es nichts anderes gibt.“ Doro wollte noch nicht wirklich ihren Plan aufgeben, darum dachte sie weiter nach. „Sag mal, du wohnst doch in Chinatown. Gibt es da nicht jemanden, der diese Schwerter herstellt und der eins oder zwei nach unseren Wünschen machen kann? Sie müssen ja nicht so aufwendig sein. Ein paar Schnitzereien, oder ein besonderer Griff.“

„Ja, es gibt schon noch jemanden, der sich zumindest auf die Herstellung von Shinai und Bokken spezialisiert hat“, nickte Yves. Richtige Schwerter wurden hier allerdings nicht geschmiedet. Dafür gab es Händler, die die Schwerter aus der alten in die neue Welt brachten. „Ich kann dich gern mal zu ihm begleiten, so du willst.“ Denn Yves wusste, dass zumindest Xuan mit der Wahl seiner Kunden eigen war. Vielleicht konnte Yves, der ja eigentlich in der Szene einen guten Ruf hatte, etwas bewirken. Xuans Sohn Li war da schon etwas weniger eigen.

„Ja, das wäre toll und wenn es nicht geht, dann eben die normalen Schin-Dingsbums. Du weißt, was ich meine.“ Doro grinste und war wieder guter Dinge. Solange die Möglichkeit bestand, dass sie bekam, was sie wollte, war sie zufrieden. „So los, jetzt aber duschen und dann gehen wir deinen Raum angucken. Du musst uns noch Tipps geben, wie wir ihn dekorieren sollten.“

„Äh ... ja.“ Yves musste leise lachen. Doro hatte vom Kendo wirklich keinen Schimmer, doch er sah es ihr nach. Er erklärte gern und ihm war es lieber, wenn er vorher Tipps geben konnte, als hinterher in einer überkitschten Atmosphäre nicht zur Ruhe zu kommen. Er beeilte sich also ebenfalls zu duschen und sich den klebrigen Saft der Früchte vom Bauch zu waschen. Dass der langsam laufende Saft auf seiner Haut ein unbekanntes Kribbeln ausgelöst hatte, was er keinesfalls als unangenehm bezeichnen konnte, drängte Yves weit nach hinten - wo kam der Blödsinn denn jetzt her?

Nach der Dusche zeigte Doro Yves den Raum, der noch vollkommen kahl war und notierte, was alles gebraucht wurde, um hier die Illusion eines Dojos entstehen zu lassen. „Kannst du schon einmal bei dem Meister nachfragen, ob er uns behilflich sein möchte bei dem Schwert? Es eilt ein wenig, damit alles pünktlich fertig ist und wenn er es macht, dann gehen wir zusammen dort hin.“

„Ja, ich werde gleich bei ihm vorbeifahren“, nickte Yves und hoffte, dass er Li erwischen konnte. Mit dem war es leichter zu reden und der verstand vielleicht auch, was Doro haben wollte und fragte nicht lange nach Traditionen wie sein Vater. Der arbeitete nur, was sein Vater schon gefertigt hatte. Von neumodischen Verbesserungen hielt Xuan nichts. „Ich ruf dich an, sobald ich mehr weiß.“

Sie verabschiedeten sich und Yves beeilte sich, in sein Viertel zurückzukommen. Er nahm gleich noch die leeren Schüsseln mit, so musste keiner kommen und sie holen.


14


Argwöhnisch betrachtete William Yves, der in Gedanken versunken an seinem Lieblingsplatz für die Pause saß und still vor sich hinlächelte. Seit wann war der Kerl so zufrieden und offensichtlich glücklich? Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zu gehen und offensichtlich passierte etwas, was er nicht wusste und das ging gar nicht. Wie sollte er seiner Kirchenmaus alles vermasseln, wenn er keine Ahnung hatte, was hier vorging?

Schon den ganzen Morgen grinste der Typ wie auf Drogen, selbst Williams übliche Bemühungen, ihn mit Kritteleien zu verunsicherten, perlten an dem Kerl ab wie Wasser. Sollte der sich nicht Sorgen um sein Stipendium machen? Stattdessen hockte er hier, leistete sich einen neuen Haarschnitt, trug neuerdings Kontaktlinsen. Wenn William nicht von Yuki wüsste, wie strikt Yves dagegen war, sich aushalten zu lassen, würde er vermuten, der hatte sich eine reiche Tussi angelacht.

Wieder blätterte Yves um. Er hatte sich sein Geschichtsbuch gegriffen, um sich noch einmal ein paar der Daten in Erinnerung zu rufen, die er sich einfach nicht merken konnte, aber mit seinen Gedanken war er eigentlich ganz wo anders. Er hatte gestern noch mit Li gesprochen und der hatte noch nichts versprechen können, aber ihn und Doro gebeten, ihn zu besuchen, um zu besprechen, was die Dame eigentlich wollte.

„Mist.“ William war gerade eingefallen, dass er Yves nach der Schule nicht folgen konnte, weil er Fechttraining hatte. Er konnte es auch nicht ausfallen lassen, weil er schon zweimal abgesagt hatte und Robert und Peter wohl ernstlich böse wurden, wenn er sie wieder versetzte. Missmutig trat er einen Stein aus dem Weg und fauchte eines der Mädchen, das sich an ihn ran gemacht hatte, an, gefälligst zu verschwinden.

Je mehr Yves' Laune stieg, umso schlechter wurde seine eigene. Eigentlich sollte der Kerl in Angst leben, vor Sorge um sein Stipendium nicht mehr aus den Augen gucken können. Außerdem war es geplant, dass er William verfiel, damit der mit ihm spielen konnte, doch der Kerl schien ihn gar nicht mehr wahrzunehmen. Ab und an ein freches Grinsen, mehr bekam William nicht von seiner Kirchenmaus und das ärgerte ihn maßlos.

Aufgescheucht durch die junge Dame, die William eben verbellt hatte und die sich nun knurrend an ihm vorbei bewegte und ihn anbrüllte, was er so blöd glotzen würde, klappte Yves sein Buch zu und erhob sich langsam. Was war denn hier für eine Stimmung? Er zuckte also die Schultern und ging langsam zurück in die Klasse. Noch eine Stunde, dann war auch dieser Tag überstanden.

Er hatte sogar Glück, weil William so sehr in seine Grübeleien und in seiner schlechten Laune verfangen war, dass er nicht einmal mehr Lust hatte, Yves zu verbessern. Er saß einfach da und guckte böse, damit niemand es wagte, ihn anzusprechen.

Seine Miene hellte sich auch nicht auf, als Yves die Tasche runter fiel und der Inhalt sich auf dem Boden ausbreitete, denn was er dort sah, ließ seine Laune noch weiter sinken. Warum schleppte seine Straßenratte seine Trainingsklamotten mit?

Hatte er einen neuen Dojo gefunden?

Was bildete der Kerl sich eigentlich ein?

Er hatte sich nicht einfach ein neues Leben außerhalb von Williams Kreisen aufzubauen! Das gehörte sich nicht für eine wohl erzogene Kirchenmaus. Doch das schien Yves ziemlich egal. Er raffte nur schnell seine Tasche und die Sachen, die auf den Boden gefallen waren und stopfte alles zurück. Er hatte keine Zeit zu verlieren, denn er musste erst den Hausschneidern seine Trainingskluft geben und dann gleich mit Doro weiter zu Li. Das Training für das Still-Liegen fiel für Yves heute aus. Er war sowieso weiter als die anderen. Es würde nicht auffallen, wenn er morgen wieder mit einstieg. Doro war es wichtig, dass auch ihr zweites Projekt vorwärts ging.

„Ich finde raus, was hier abgeht und dann vermassle ich dir die Tour“, knurrte William, weil er gerade nichts weiter tun konnte. Erst einmal musste er heraus finden, wo die Straßenratte jetzt trainierte. Aber im Moment blieb ihm nichts weiter übrig, als Yves mit Blicken zu durchbohren und ihm hinterher zu sehen, als er mit dem Klingeln zum Schulschluss aus der Klasse stürmte.

Wie immer in den letzten Tagen hatte es Yves ziemlich eilig und so zog er sich noch im Laufen den Helm über den Kopf, schwang sich auf den Roller und machte, dass er vom Hof kam. Cameron folgte ihm mit den Augen. Sie hatte die Schmach noch nicht vergessen und wartete nur auf den Augenblick, in dem sie dem Kerl sein flegelhaftes Benehmen heimzahlen konnte. So wie Yves nicht merkte, dass er Cameron im Nacken hatte, ahnte die junge Dame nicht, dass William sie im Auge hatte. Sie sollte sich unterstehen und sich an seiner Straßenratte vergreifen. Sie sollte sich eine eigene suchen - diese hier gehörte ihm.

Doch dann musste auch William sich sputen, denn in einer halben Stunde begann das Training und wer zu spät kam, musste hinterher einen ausgeben.

So fuhr er kurz nach Yves vom Schulhof, allerdings in die andere Richtung. Seine Laune war immer noch schlecht, allerdings hob sie sich ein wenig bei der Aussicht, sich vollkommen auszupowern. Es war gut, dass seine Freunde nicht wussten, was auf sie zukam, denn sie waren diejenigen, die Williams Drang nach Bewegung ausbaden mussten und wahrscheinlich nach dem Training völlig erschöpft waren und als Wiedergutmachung Futter verlangten.

Lachend parkte William seinen Wagen und wie es aussah, waren auch Robert und Peter schon da. Sehr schön. Dann konnte der Spaß ja beginnen. Eilig lief er in die Umkleide und zog sich um. Alles in einer fließenden Bewegung, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließ und so griff er sich aus seinem Fach nur noch das Florett und die Maske und lief in die Halle.

„Ach nee. Guck mal, Peter, wer uns heute mit seiner Anwesenheit beehrt. Die Willma“, frotzelte Robert, der aber gleich hinter Peter Schutz suchte, denn Williams Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.

„Wenn du nicht gleich eine Roberta sein willst, dann rauf mit mir auf die Kampfbahn, du bist mein erstes Opfer heute“, knurrte William und grinste wölfisch.

„Oh, oh, armer Robby“, murmelte Robert, er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. „Warum kannst du nicht mal Petra bearbeiten. Warum immer ich?“, wollte er wissen und weigerte sich, noch freiwillig auf die Schlachtbank zu treten, sondern schob lieber Peter dichter an die Bahn.

„Vielleicht, weil ich nicht so eine große Klappe habe?“, knurrte Peter und stemmte sich gegen Robert. Er wollte auch nicht gleich das Training mit einer haushohen Niederlage beginnen.

„Petra ist gleich nach dir dran“, war die lakonische Antwort und Peter wurde blass. „Ich glaube, ich muss schnell nach Hause“, murmelte er und stemmte sich weiter gegen Robert.

„Los, trag es wie ein Mann, auch wenn du bei euch die Frau bist“, stichelte er, denn er konnte es auch nicht lassen.

„So, das reicht, Willma!“, knurrte Robert und trat hinter Peter hervor. Dass der dabei den Halt verlor, weil er sich immer noch nach hinten stemmte und dabei auf dem Hosenboden landete, bemerkte Robert nicht einmal. Er hatte nur noch den Feind im Auge, denn wenn er sich eines von der halben Portion nicht sagen ließ, dann, dass er eine Frau wäre. „Komm her, du halbes Hähnchen“, knurrte er und fuchtelte mit dem Florett herum. So hatten sie nämlich nicht gewettet.

„Geht doch.“ Zufrieden setzte William seinen Helm auf und hakte sich in das Kabel ein. So wie Robert gerade drauf war, würde er verbissen und bis zum letzten kämpfen und genau das brauchte er. Frech stieß er Roberts Florett mit seinem an und stellte sich in Grundposition, allerdings etwas abgewandelt, denn er lockte Robert mit einer Hand zu sich.

„Verzogenes Balg“, knurrte Robert. Er war wirklich sauer, denn er mochte es gar nicht, herabgesetzt zu werden. Es mochte sein, dass Adam bei ihnen im Bett die Hosen an hatte oder auch nicht, je nachdem, wie man das gern sehen wollte, doch das gab William noch lange nicht das Recht, das gegen ihn zu verwenden. Er parierte Williams Schläge und griff immer wieder an. Er wollte den Kerl in seine Grenzen weisen.

So einen Kampf hatte hier auch noch niemand gesehen, darum wurde es still in der Halle und alle anderen stellten ihre Kämpfe ein, damit sie beobachten konnten, was auf der Bahn passierte. Robert und William waren, zusammen mit Peter, die besten Kämpfer, aber so einen erbitterten Kampf hatten sich die zwei noch nie geliefert. Die Florette bewegten sich so schnell, dass man sie kaum verfolgen konnte, nur die elektronische Anzeige ließ erkennen, wer einen Punkt gemacht hatte.

Angriffe und Scheinangriffe wechselten sich ab. Stahl schlug auf Stahl und Robert hatte das Gefühl, den Kampf seines Lebens zu absolvieren. Jede Parade saß und er landete Punkt um Punkt. Er musste auch einstecken, doch das hielt ihn nicht davon ab, immer wieder in den Angriff zu gehen und nach dem Kampf, als beide Kontrahenten fertig auf die Knie sanken, stand der Sieger fest. Robert grinste von einem Ohr zum anderen als er die Maske abnahm. „Du Loser!“

„Sieht so aus“, keuchte William und grinste. Er fühlte sich besser und dass Robert heute dem Kampf seines Lebens gefochten hatte, musste er neidlos zugeben. Etwas schwerfällig kämpfte er sich auf die Füße und ging zu seinem Freund hinüber. Er bot ihm seine Hand an, um ihm aufzuhelfen. „Super gekämpft, Rob. Es tut mir Leid wegen vorhin. Ich war wütend.“

„Ja, kann passieren. Aber da musst du nicht solche Sprüche ablassen“, knurrte Robert. Im Nachhinein war er ganz froh, dass es gekommen war, wie es gekommen war, denn so hatte er vor aller Augen den großen Kendal besiegt und das versöhnte. Noch mehr, als die Umstehenden ihm applaudierten, denn er hatte etwas geschafft, was noch keiner geschafft hatte. Er hatte William eine über gebraten und das schlachtete Robert jetzt natürlich aus. „Man, du bist so eine Memme. Hast du nicht mehr auf dem Kasten?“, grinste er frech.

„Du fiese Ratte“, knurrte William und stürzte sich lachend auf Robert. Gut, er hatte verloren, aber das hieß noch lange nicht, dass das noch einmal vorkam. Er hatte so viel Schwung in seinen Angriff gelegt, dass sie beide auf die Matte fielen und weil sein Freund nicht damit gerechnet hatte, hatte William leichtes Spiel, als er Robert erst durch die Haare wuschelte und dann auskitzelte.

„Jungs“, sagte Peter und räusperte sich, doch ihn schien keiner der beiden zu bemerken. Er machte sich also noch etwas lauter bemerkbar. „Hey, Jungs. Denkt doch an die Etikette. Könnt ihr euch nicht einmal benehmen?“ Doch auch jetzt hatte er noch keinen Erfolg, außer dass ein paar Mädchen hinter ihm kicherten. Diese Girlies trieben sich hier irgendwie immer herum ohne zu trainieren - nur zum Gucken. Wer kaufte sich denn Mitgliedschaften nur zum Gucken? Das hatte Peter sowieso nie verstanden, doch im Augenblick hatte er andere Sorgen.

„Wenn ihr nicht aufhört, euch da auf der Matte zu paaren wie Straßenhunde, dann gibt’s zum Abendessen nur trocknes Toastbrot!“ Er schien die richtige Wortwahl gefunden zu haben, denn zwei Köpfe ruckten zu ihm herum.

„Oh, oh“, murmelte Peter leise und ging ein paar Schritte zurück. „Ist doch wahr“, versuchte er sich zu verteidigen und senkte den Kopf. Dieses Grinsen auf dem Gesicht seiner Freunde kannte er schon. „Okay, das Essen geht auf mich, wenn ihr mich verschont. Ich möchte heute nicht zweimal verlieren.“

Doch leider konnte er seine Freunde damit nicht locken. „Ich zahle gern, wenn ich der frechen Kröte da drüben den Slip bis zu den Ohren hochziehen darf“, erklärte Robert und ließ von William ab. Der war uninteressant geworden. Schließlich hatte er den schon besiegt. Der Reiz war weg. Aber diese freche Laus da...

„Ich bin in Sicherheit, denn ich habe gar keinen an“, versuchte Peter sich zu retten, aber er wusste genau, dass er in der Falle saß. „Darf ich dann wenigstens gegen den Verlierer verlieren? Ich habe Angst, in Grund und Boden gestampft zu werden, so wie du gerade drauf bist. Ich bin doch noch so jung.“

„Du hast genug Mädels gevögelt und dein Leben in vollen Zügen genossen hast du auch. Heute ist mein Tag“, knurrte Robert und grinste dreckig. „Gegen den Loser kannst du noch antreten, wenn ich mit dir fertig bin. Man bringe mir den Delinquenten auf die Bahn.“ Mit dem Florett wieder in der Hand deutete Robert wie ein Kaiser auf Peter. „Komm, Unwürdiger. Hol dir deine Strafe ab.“ Er lachte gehässig.

Peter ließ den Kopf hängen und schlich zur Kampfbahn. William hakte ihn ein und gab ihm Helm und Florett. „Gib dein Bestes. Heute ist er nicht zu schlagen.“ Noch ein letzter Klopfer auf Peters Schulter, dann stand er alleine einem grinsenden Robert gegenüber. „Sagt ihr meinen Eltern bitte, dass ich sie geliebt habe“, murmelte er, dann setzte er den Kopfschutz auf und stellte sich Robert.

„Japp, machen wir, wenn wir ihnen deine Leiche bringen“, lachte Robert und schon ging es los. William saß am Rand und beobachtete Robert. Vielleicht fand er ja heraus, was der heute anders machte, dass er William hatte schlagen können.

Peter schlug sich wacker, parierte und griff an, doch gegen Robert hatte auch er heute keine Chance. Schneller als bei William war der Kampf entschieden und Robert jubelte wie ein kleines Kind.

„Mach dir nichts draus, das nächste Mal werde ich dich retten.“ William legte einen Arm um Peter und sah zu Robert, der dazu übergegangen war zu tanzen. Das war einfach ansteckend, so musste auch Peter lachen.

„Was für ein Riesenbaby“, giggelte er leise, damit Robert das auch nicht mitbekam.

„Wir sollten uns merken, ihn nie wieder als Frau zu bezeichnen, wenn wir nicht erneut so eingestampft werden wollen“, lachte William genauso leise zurück.

„Ja, da ist er empfindlich“, murmelte Peter. Er wusste nur zu gut, wie Robert zu diesen Klischees stand, die immer wieder gedroschen wurden. William mochte es im Scherz gesagt haben, aber er hatte einen Nerv getroffen. „Und so weit ich weiß, ist er auch nicht immer... die Frau“, flüsterte Peter und strich sich den laufenden Schweiß von der Stirn. Um sie herum hatten die anderen wieder begonnen ihr Training fortzuführen. Nur Robert tanzte noch wie ein Regenmacher im Kreis und lobpreiste sich selbst. Es tat ja sonst keiner.

„Aha.“ Wirklich erpicht auf diese Information war William nicht, aber er speicherte sie einfach mal ab. „Komm, fangen wir ihn ein, bevor er sich noch richtig lächerlich macht.“ Robert war nämlich dazu übergegangen, jedem, an dem er vorbeikam, zu erzählen, dass er William besiegt hatte und was für ein Loser das war. Alles nur heiße Luft.

„Hast du mehr Angst um seinen oder um deinen Ruf?“, grinste Peter frech. Er hatte seine Packung ja heute schon bekommen. Doch er machte sich zusammen mit William daran, den durchgedrehten Sieger einzufangen und auf eine Bank zu setzen, damit er von seinem Höhenflug runter kommen konnte.

„Hier, trinken, damit dein Mund beschäftigt ist.“ William schob Robert die Trinkflasche zwischen die Lippen und setzte sich neben ihn. „Glaub ja nicht, dass du das nächste Mal wieder gewinnst. Heute war ich einfach nicht gut drauf und mit meinen Gedanken woanders.“ Das war zwar nicht ganz die Wahrheit, aber auch nicht gelogen. Seine Straßenratte hatte ihm ordentlich die Laune verdorben.

„Bei ihr oder bei ihm“, grinste Robert und trank noch einen Schluck, aber er beruhigte sich langsam wieder. „Hat sie dir einen Korb gegeben oder hat er sich noch nicht in dich verliebt?“ Nein, er hatte Williams hochgreifende Pläne noch nicht vergessen.

„Hör bloß auf.“ William schnaubte. „Ich sehe den Kerl kaum noch und wenn, dann ignoriert er mich oder grinst nur frech.“ William wurde hitziger und seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen. „Der Kerl sollte zittern vor Angst, weil er von der Schule fliegt, aber nein, er hat sich sogar ein neues Dojo gesucht, eine neue Frisur und Kontaktlinsen zugelegt. Der Typ macht mich echt rasend.“

„Hey, langsam.“ Robert legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. Es war ungewöhnlich, dass William sich so auf die Palme bringen ließ. „Vielleicht weiß er ja, dass er nicht von der Schule fliegt und nimmt es deswegen locker. Schon mal auf die Idee gekommen?“, fragte er, weil er sonst nicht wüsste, warum der Kerl so gelassen sein konnte.

„Was ärgert dich eigentlich am meisten?“, wollte Peter wissen und setzte sich auf Williams andere Seite. „Dass er es locker nimmt, dass er sich rausputzt oder dass er sich deinem Einzugskreis entzieht?“

„Wo soll er denn das Geld herkriegen? Um in der kurzen Zeit die dreißigtausend aufzubringen, müsste er schon auf den Strich gehen, aber das wird er definitiv nicht tun.“ William starrte auf den Boden und dachte über Peters Frage nach. „Ich weiß es nicht, was mich am meisten stört. Er soll nicht gut gelaunt sein und er soll auch nicht woanders glücklich sein, das werde ich zu verhindern wissen.“

„Meine Güte, Will! Hör dir doch mal zu! Du bist ja völlig besessen von dem Kerl. Was soll denn das? Gut, er hat dich angemacht, ein bisschen blöd - aber das ist doch kein Verbrechen!“ Peter schüttelte den Kopf, weil er die Vehemenz, mit der William diesem Yves das Leben schwer machen wollte, einfach nicht verstehen konnte. „Außerdem muss man nicht auf dem Strich gehen - eine reiche Freundin tut's auch“, murmelte er und ließ sich von Robert die Wasserflasche reichen. Sein Mund wurde irgendwie trocken.

„Er hat keine Freundin, dass wüsste ich“, widersprach William sofort, auch wenn er sich da nicht mehr so sicher war. „Du solltest ihn mal erleben. Er sieht mich an, als wäre ich ein ekliges Insekt, das keinen Wert hat und am besten zertreten werden sollte. Ich verbessere ihn in der Schule und der Arsch bedankt sich auch noch.“ William wurde immer hitziger und schließlich schlug er mit der Faust auf die Bank. „Nenn es besessen, aber die Straßenratte kauf ich mir.“

Peter und Robert wechselten einen Blick. Das sah langsam nicht mehr gut aus. Vielleicht sollten sie sich den jungen Mann einmal ansehen und das eine oder andere in Erfahrung bringen. Vielleicht konnten sie Williams Besessenheit dann besser verstehen. Robert legte seinem Freund einen Arm um die Schultern und holte tief Luft.

„Hör zu, Will. So wie du ihn beschreibst, ist er eben genau wie du: ein Sturschädel, der sich von dir nicht kleinkriegen lässt. Das kannst du jetzt akzeptieren oder nicht. Aber du wirst ihn nicht geändert kriegen.“ Und dass er William in den Arsch treten würde, wenn er wirklich etwas Unüberlegtes tat und die Straßenratte Schaden nahm, war so gut wie sicher. Rivalen in allen Ehren - aber offener Krieg war definitiv das letzte und eines William Kendals nicht würdig. „Lass dich nicht provozieren. Ich glaube, das will er.“

„Ich werde es nicht einfach hinnehmen. Ich kriege ihn, so oder so.“ William wollte nicht mehr diskutieren. Sich einmal bei seinen Freunden alles von der Seele zu reden, hatte ihm gut getan und den Kopf frei gemacht. Er atmete tief durch und lächelte schief. „Ich werde meine Vorgehensweise neu überdenken und erst einmal rausfinden, wo er seit kurzem seine Zeit verbringt. Dann werde ich weiter sehen.“

Wieder wechselten Peter und Robert einen kurzen Blick. Sie wussten nicht, was sie davon noch halten sollten, denn Williams Drang nach diesem Kerl war obsessiv.

War das Eifersucht?

War es Neid?

Was trieb William wie einen Wahnsinnigen zu diesem Mann?

„Los, trainieren wir weiter. Schließlich warten Adam und Yuki im 'Chez Pierre' auf uns.“ Robert erhob sich und grinste. Die kleine Japanerin hatte sich ziemlich schnell bei ihnen integriert, denn sie war nett. Man konnte mit ihr reden, mit ihr Spaß haben, mit ihr schweigen, ohne dass es unangenehm war. Vielleicht sollte er sie einmal beiseite nehmen und forschen, was dieser Yves für einer war. Robert musste mehr über ihn wissen, um das hier einordnen zu können.

„Nein, Yuki wird nicht dort auf uns warten, denn ich werde sie abholen und mit ihr zusammen ins Restaurant kommen.“ William hatte gestern noch mit Yuki telefoniert und da sie ihren Eltern noch ein wenig im Restaurant helfen wollte, hatte er sich angeboten sie abzuholen, damit sie nicht hetzen musste.

„Der Kerl ist echt furchtbar“, grinste Robert und reichte Peter seine Maske, weil er ihn noch einmal herausfordern wollte. William war ihm wegen seiner Straßenratte zu aufgeputscht. „Da setzt er sich mit der jungen Dame einfach ab. Lustmolch.“ Erst lag Robert noch ein blöder Kommentar wegen dieses Yves’ auf der Zunge, doch den verkniff er sich wohlweislich. Lieber wollte er noch trainieren. Er musste ausnutzen, dass er so gut drauf war.

„Sagt mal, könnt ihr euch vielleicht ein anderes Opfer suchen? Schon mal dran gedacht, dass das meinem Selbstwertgefühl nicht gut tut? Ich werde euch die Rechnung meines Psychiaters schicken.“ Aber seinen Worten zum Trotz erhob sich Peter, denn trotz allem machten die Kämpfe, die sie sich lieferten, Spaß und er wurde immer besser und irgendwann hoffte er, konnte er einen von seinen Freunden schlagen.

„Du bist eben so klein und süß und niedlich. Man möchte dich jagen wie ein kleines Hasi“, lachte Robert und nun ging der Kampf von neuem los. Ihr eigentlicher Trainer ließ sie oft allein machen, denn viel konnte er ihnen nicht mehr beibringen. Sie konnten nur noch ihre Bewegungen optimieren. William kämpfte heute nicht mehr, aber er half Peter wo er konnte, auch wenn es nicht viel nutzte.

Gemeinsam gingen sie zu den Duschen und trennten sich erst einmal, weil das 'Chez Pierre' in der entgegengesetzten Richtung von Chinatown lag. Er hatte dieses Restaurant vorgeschlagen, weil Yuki einmal davon in einer Zeitung gelesen und so sehnsüchtig geseufzt hatte, ohne es zu merken. Er wollte ihr eine Freude machen, weil sie immer noch darunter litt, dass Yves sie nicht mehr beachtete.

Wie immer parkte er den Wagen vor dem Restaurant und öffnete die Tür, verbeugte sich leicht, als Yukis Mutter ihn begrüßte.

„Willkommen“, sagte Frau Nagoya und lächelte, rief dann aber verhalten nach Yuki, die noch im Kimono die letzten Tische bediente. Eigentlich hatte sie schon vor einer Stunde Schluss machen wollen, doch heute waren überraschend viele Gäste im Lokal gewesen, weswegen sie noch immer lächelnd bediente.

„William“, sagte sie erfreut, als sie den jungen Mann erblickte, senkte aber beschämt den Kopf, weil sie die Zeit vergessen hatte.

William kam zu ihr herüber, aber drückte sie nicht so, wie er es sonst immer tat. Wenn sie einen Kimono trug, wirkte sie so zerbrechlich und auch ein wenig unnahbar, auch wenn er wusste, dass das nur Einbildung war. „Hallo Yuki“, begrüßte er sie und sah sie forschend an. Sie wirkte ein wenig traurig, auch wenn sie versuchte es nicht zu zeigen. „Was ist los, Kleines? Geht es dir nicht gut?“, fragte er leise, damit die Gäste das nicht mitbekamen.

„Wärst du sehr wütend, wenn ich nicht mit komme? Ich weiß, ihr wolltet extra wegen mir in das Lokal. Aber mir ist heute irgendwie nicht nach Leuten und...“, stammelte sie leise und senkte schüchtern den Blick. Ihre Mutter hatte sie vom Servierdienst befreit und so ging sie mit William zu einem der niedrigen Tische, bot ihm einen Platz an.

William setzte sich und griff sich Yukis Hand. „Wir müssen uns nicht mit den anderen treffen, wenn dir nicht danach ist, auch wenn die drei traurig sein werden. Was ist denn passiert? Hast du wieder Yves getroffen?“, fragte er einmal so ins Blaue, denn dass Yuki sehr an dessen Ablehnung zu knabbern hatte, wusste er.

„Wenn ich doch nur die Chance hätte ihn zu treffen“, murmelte sie. „Er macht ja nicht einmal den Ansatz mir entgegen zu kommen. Ich finde das nicht fair, was er da macht. Ich habe ihm nichts getan und er hört mir nicht einmal zu. Das ist nicht fair, einfach nicht fair!“ Yuki senkte den Kopf, als sie sich im Seiza nieder ließ. „Ich war im Restaurant und dachte, ich nehme allen Mut zusammen und sage, dass ich das nicht in Ordnung finde und wir reden müssen. Doch er war nie da. Ling meinte, er hätte einen anderen Job gefunden und da wäre er viel außer Haus.“

„Ein neuer Job?“ William speicherte die Information ab, aber er stellte dazu keine Fragen mehr. „Du konntest immer noch nicht mit ihm reden? So ein verbohrter Idiot.“ William knirschte mit den Zähnen. Und so jemand hatte behauptet, ihr bester Freund zu sein? Was das für eine Freundschaft war, konnte er jetzt sehen. Kaum passte dem Herrn etwas nicht, ließ er Yuki fallen.

„Nein, ich erwische ihn einfach nicht und anzurufen wage ich nicht, weil ich Angst habe, dass er einfach auflegt. Meine Eltern fragen auch schon, warum Yves gar nicht kommt. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Yuki seufzte und sah William fragend an. Doch sie lächelte tapfer, denn sie hielt immer noch zu Yves. Sie mochte ihn. Das ließ sich nicht einfach so wegwischen.

„Du kannst es wohl nur immer wieder versuchen und wenn es gar nicht klappt, dann rede ich mit ihm. Du sollst nicht darunter leiden müssen, dass Yves und ich uns nicht ab können.“ Es juckte William in den Fingern, seiner Straßenratte einmal die Meinung zu geigen, doch Yuki hatte Angst, dass es dadurch nur noch schlimmer wurde, also tat er es nicht. „Aber solange er nicht da ist, werde ich versuchen, dich von trüben Gedanken abzulenken.“

„Und ich werde für das Abendessen sorgen, denn du kommst ja vom Training und hast sicher noch nicht gegessen.“ Yuki lächelte sanft und erhob sich langsam. Sie war froh, dass William sie noch nicht beiseite geschoben hatte, sondern immer weiter versuchte sie auf die Füße zu stellen. Er war ein netter Kerl und sie begriff immer weniger, warum Yves solch ein Problem mit ihm hatte. Doch den Gedanken schob sie beiseite und holte die Teller, die sie für sich und William hatte vorbereiten lassen in der stillen Hoffnung, dass er mit ihr hier blieb.



15


„Yves, alles in Ordnung?“, fragte Doro leise. Heute war es endlich soweit und das Haus der Sinne öffnete das erste Mal seine Tore für Gäste. Sie hatte bei all ihren Mitarbeitern nachgesehen und ihnen alles Gute gewünscht. Sie waren nervös, das war verständlich, aber alle waren guter Dinge, denn sie hatten ja geübt. Schon fertig belegt, weil es gleich soweit war, lag Yves auf dem Tisch und sah einfach perfekt aus. „Deine Gäste kommen gleich. Ein Pärchen hat dich gebucht, darum glaube ich, dass es nicht so furchtbar lange dauern wird. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sie schnell wieder gehen.“

„Na, wollen wir es hoffen. Ich bin total aufgeregt“, sagte Yves leise und sein Atem ging langsam und stetig. Vor den Mitarbeitern zu liegen war noch etwas anderes als vor Fremden. Er wusste zwar, dass man den Gästen einschärfte, dass die Angestellten tabu waren, doch hielt sich auch jeder daran? Die Leute bezahlten viel Geld für einen Besuch hier. Wollten sie dann nicht mehr als nur ein bisschen Fisch und Reis?

„Du machst das schon.“ Doro war sich da bei Yves ganz sicher, denn er hatte es am schnellsten geschafft, die Anforderungen zu bewältigen. „So, ich muss wieder weg.“ Ganz vorsichtig strich sie Yves eine Strähne aus dem Gesicht und lächelte. „Toi, toi, toi“, murmelte sie noch und ging durch den Personalausgang hinaus, denn vor der Tür waren Stimmen zu hören. Der Hausboy hatte die Gäste zur Tür gebracht und öffnete sie nun.

„Ich bin ja schon so aufgeregt“, hörte man die Stimme einer jungen Frau und Yves holte noch einmal tief Luft, aber nicht so tief, dass der Fisch und die Sushi-Rollen ins Rutschen hätten geraten könnten. „Dass du mich in solch einen Laden einlädst. Man, ich bin ja total gespannt. Da liegt einer!“ Die Stimme kam langsam näher und in Yves' Kopf formte sich das Bild einer blonden Frau, bestückt mit Diamanten. Natürlich lag da einer, wenn sie das bestellt hatten - was für eine sinnbefreite Feststellung. Doch dann fing er an auszublenden.

Allerdings blieb er aufmerksam, denn es war besser zu wissen, wo der Gast sich befand, weil die Wahrscheinlichkeit, dass er sich doch erschreckte, wenn der erste Fisch von seinem Körper geangelt wurde, dann kleiner war.

Die Schritte kamen um ihn herum und ein paar Mal hatte Yves den Eindruck, dass sich ihm etwas näherte, aber es passierte nichts. Er konnte ja nicht wissen, dass die junge Frau immer wieder versucht hatte Yves zu berühren, von ihrem Begleiter aber davon abgehalten wurde.

„Was denn? Eifersüchtig?“, fragte sie neckend. „Sieht doch keiner.“

Yves schluckte. Was war das denn für eine? Und verdammt noch mal - was hatte die vor? Was sah doch keiner? Doch er wagte nicht den Kopf zu drehen oder die Augen weiter zu öffnen. Leider stand das junge Paar so, dass er nur ihre Schatten wahrnehmen konnte. Das Licht im Raum war auch nicht besonders hell. Das Paar hatte nach Romantik verlangt. Warum wollte die dann an einem fremden Kerl herumfingern? Brauchten die beiden etwa schon Anreiz von Außen? Lief da nichts mehr?

„Lass es einfach, Cindy. Du weißt, dass das verboten ist“, antwortete der Begleiter der jungen Frau leise und fast hatte man den Eindruck, er wollte nicht, dass jemand außer Cindy ihn hörte. „Wir sind hier, um zu essen und nicht dafür, an irgendwem herumzufingern.“

„Will, du bist so ein Miesepeter!“, lachte die junge Dame, doch sie schien zu akzeptieren, dass sie ihre Finger vorerst bei sich zu behalten hatte. Dafür wurde Yves gerade schlecht. Erst hatte er nur geglaubt, er hätte sich bei der Stimme getäuscht. Doch als der Name fiel, stockte ihm der Atem: Will - das konnte doch nicht wahr sein, oder? Das konnte nicht der bekloppte Fraggle sein, der mit irgendeiner Schlampe hier essen ging! Warum hatte er nicht in die Listen gesehen? Doro hatte ihm angeboten zu erfahren, wer ihn gebucht hatte - warum verdammt noch einmal - hatte er nicht geguckt?

Doch er ließ sich nichts anmerken. Vielleicht erkannte ihn der Kerl ja nicht und er kam mit heiler Haut davon.

„Ich bin kein Miesepeter, ich möchte nur nicht, dass du dich daneben benimmst.“ William war deutlich anzuhören, dass er nicht begeistert war, denn er knurrte ein wenig. Er bereute es, Cindy mitgenommen zu haben, denn sie war nicht nur launisch, sie glaubte auch noch, sich alles erlauben zu können, nur weil ihr Vater in irgendeinem Aufsichtsrat saß.

Außerdem wollte er nicht, dass sie seine Straßenratte berührte. Yves gehörte ihm.

Er ließ seinen Blick über den ausgestreckten Körper gleiten. Es war merkwürdig, Yves so zu sehen und William war etwas durcheinander, weil er sich Gedanken darüber machte, wie seine Kirchenmaus sich wohl fühlte.

„Klar bist du ein Miesepeter. Ich will den Schnuckel doch nur mal anfassen. Ich meine, es muss doch einen Grund haben, warum du mit mir essen gehst und solch einen süßen Kerl bestellst.“

Yves seufzte innerlich. Mit solch dummen Weibern umgab sich William? Das war sein Niveau? Für solch eine Tussi hatte der Mistkerl Yuki verlassen? Es war merkwürdig, doch das war immer noch sein erster Gedanke. Nicht dass der Kerl ihn nackt vor sich liegen hatte und das morgen vielleicht die ganze Schule wusste. Nein, nicht vielleicht! Das wusste definitiv die ganze Schule, denn der Kerl konnte doch seine Klappe nicht halten.

Doch Yves ermahnte sich, sich zu beruhigen, denn sonst stiegen sein Puls und die Körpertemperatur und das war unprofessionell. Also versuchte er, alle beide auszublenden. Er konnte ja doch nicht beeinflussen, was der Mistkerl tat.

„Es hatte ganz bestimmt nicht den Grund, dass du ihn befingerst.“ William wurde langsam ungehalten. „Du weißt, dass es in diesen Häusern strenge Regeln gibt, also halte dich dran.“ Aber erst einmal blendete er Cindy aus, denn er wollte sich Yves einmal genau ansehen. Er ging um den Tisch herum und nahm sich ein Paar der Essstäbchen. Mit undeutbarem Gesicht beugte sich William über Yves' Kopf und grinste. „Wen haben wir denn da?“, raunte er ganz leise und jagte seiner Kirchemaus damit einen Schauer über den Körper. Er konnte nicht vermeiden, dass sich die Brustwarzen verhärteten.

Verdammt, was tat der Bastard! Das war doch pure Absicht. Woher wusste der Mistkerl nur, dass Yves hier arbeitete? Er hatte Ling darum gebeten, es Yuki nicht zu sagen, wenn sie fragen sollte - woher wusste der Scheißkerl das also? Yves aber regte sich nicht, versuchte nur den Kerl auszublenden. Er konnte nicht vermeiden, dass seine Haut kribbelte, weil William nachlässig seine langen, schwarzen Haare über Yves' Arm streichen ließ.

Mit Genugtuung sah William, was diese doch eher zarte Berührung bei Yves auslöste und machte weiter. Er schob sich die Strähne hinter das Ohr und fuhr hauchzart mit den Stäbchen über die Haut. Dabei sah es so aus, als wenn er sich nicht entscheiden konnte, was er von den Köstlichkeiten nehmen sollte.

„Was machst du da eigentlich? Ich darf ihn nicht anfassen, aber du gaffst ihn an wie ein Kunstwerk. Darf ich dich vielleicht daran erinnern, dass du mit mir hier bist? Oder bin ich nur dein Alibi, während du den Kerl hier vernaschen willst?“ Cindy bekam langsam üble Laune. Was bildete William sich ein? Schleppte sie hier her, maßregelte sie am laufenden Band und dann ließ er sie auch noch links liegen. Mürrisch strich ihr Finger über Yves’ Haut und ließ ihn zusammenzucken.

Das war die Hölle - die Hölle!

„Hör auf peinlich zu sein und ich beachte dich wieder“, zischte William. Sein Arm war vorgeschossen und hielt nun den Arm des Mädchens fest. „Fass ihn noch einmal an und du kannst gehen.“ Unwirsch schob er sie von Yves weg und sah sie wütend an. „Es geht dich nichts an, warum ich hier bin, aber ich werde nicht zulassen, dass du mit deinem Verhalten meinen Ruf ruinierst.“

„Deinen Ruf? Als was denn? Als Homo?“, zischte Cindy, die nicht glauben konnte, was hier eben passierte. Sie hatte sich den Abend aber ein bisschen anders vorgestellt. Essen gehen und dann im Hotel verschwinden und ein bisschen Spaß haben. Stattdessen begaffte William einen nackten Kerl und ließ sie links liegen. Sie war wütend. Ihrer Stimme war das deutlich anzumerken.

Yves hingegen war stocksteif geworden - ein Homo? Was dachte dieses Weib denn! Er machte das hier nur als Job und das der Mistkerl ihn gebucht hatte, hatte auch nichts mit Anziehung zu tun sondern mit Hass.

„Cindy, es reicht. Du gehst jetzt, sofort.“ William hatte endgültig die Nase voll. Er griff sich Cindy am Arm und zog sie zur Tür. Dort bekam sie ihre Jacke in die Hand gedrückt und wurde aus dem Raum geschoben. „Meine Begleiterin möchte gehen. Bringen sie die Dame bitte zur Tür und bestellen sie ihr ein Taxi“, sagte er knapp zu dem neben der Tür stehenden Pagen und schloss die Tür wieder, so dass Cindy verdattert auf dem Flur stand. Doch als sie versuchte, die Tür wieder zu öffnen, wurde sie von dem Pagen freundlich aber bestimmt daran gehindert und zur Treppe geleitet. Da konnte sie schimpfen wie sie wollte.

Yves hörte sie noch durch die Tür und er wusste nicht, ob er froh darüber sein sollte, dass sie weg war oder nicht. Denn nun war er mit dem Idioten-Fraggle allein und das war definitiv nicht gut.

Gar nicht gut.

„Dämliches Weib“, murmelte William, der neben der Tür stehen geblieben war, um Cindy daran zu hindern, wieder ins Zimmer zu kommen. Erst als er ihre Stimme sich entfernen hörte, ging er wieder zu Yves und grinste. Jetzt nahm er sich Zeit und begutachtete, was vor ihm lag. „So sieht man sich wieder, Yves. Da will man einfach nur etwas essen und was findet man da? Solltest du nicht lieber lernen?“, spottete er leise und nahm sich wieder die Stäbchen. Aber Yves beschloss - koste es was es wolle - sich nicht provozieren zu lassen. Er würde seinen Job machen, hier liegen, bis der Idiot fertig war mit essen und keinen Mucks von sich geben. Nur einen kurzen, funkelnden Blick schenkte er William und im flackernden Licht der Kerzen schienen die schwarzen Augen zu glühen.

„Oh, reden scheint nicht im Preis inbegriffen zu sein. Macht aber nichts, ich kann mich durchaus auch selbst unterhalten.“ Wieder fuhren die Stäbchen über die nackte Haut und um das Spiel nicht zu übertreiben, nahm er sich eine der Sushi-Rollen und tunkte sie in die bereitstehende Sojasoße, bevor er es in den Mund steckte. „Nicht übel, aber bei Yukis Eltern schmeckt es viel besser“, murmelte er, nachdem er runtergeschluckt hatte und beugte sich wieder runter zu Yves. „Auch hungrig?“

Doch Yves ignorierte ihn. Nein, dieser Mist-Fraggle würde ihn nicht dazu bringen, sich gleich an seinem ersten Abend zu blamieren. Glaub doch, was du willst, dachte er sich und schloss die Augen wieder zur Hälfte. So wie immer. Schon allein dass der scheinheilige Mistkerl es wagte, Yukis Namen in den Mund zu nehmen, während er hier mit einer anderen Tussi unterwegs war, zeigte doch, wie billig der Typ war. Hoffentlich hatte Yukis Herz nicht an diesem Bastard gehangen.

„Okay, mehr für mich. Ich habe auch richtig Hunger. Ich hatte heute Training.“ Wieder verschwand etwas Sushi in Williams Mund und er grinste. Auch wenn Yves ihn ignorierte und stumm einfach da lag, so sprach sein Körper umso mehr. Immer wieder liefen Schauer durch den starken Körper, wenn die Stäbchen oder Williams Haare ihn berührten. „Weißt du eigentlich, wie ich dich hier gefunden habe?“, fragte er nebenbei und zwickte so ganz aus Versehen mit den Stäbchen die linke Brustwarze.

Yves zuckte und sein Leib verspannte sich. Doch sein Herz schlug schneller, gerade so, als würde sein Körper das irgendwie mögen - das war abartig! Was machte dieser Mistkerl? Wie sehr wollte er ihn noch demütigen? Doch er würde es bereuen. Da war sich Yves sicher. Der Kerl würde sich wünschen, nie hier aufgetaucht zu sein.

„Oh, entschuldige.“ William tat gespielt erschrocken. Sie beide wussten, dass es volle Absicht gewesen war, was aber nicht hieß, dass William das je zugeben würde. „Warte“, murmelte er leise und pustete ganz sacht. „Du hast mich echt vor eine harte Nuss gestellt, weil du dich so rar gemacht hast, aber mit etwas Beharrlichkeit habe ich rausgefunden, wo du seit Wochen deine Zeit verbringst.“

Yves schloss die Augen ganz und sein Kiefer zitterte, weil er die Zähne zusammenbiss. Er durfte nicht reagieren, egal wie sehr ihn dies alles verwirrte. Nicht nur was der Kerl sagte, nein. Schlimmer war, was er tat! Warum suchte William ihn? Um ihn weiter zu demütigen? Was sollte das? Mit seinen verwirrten Gedanken versuchte er sich davon abzulenken, dass sein Körper auf widerliche Art und Weise genoss, was William mit ihm tat. Das war doch krank!

Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn und Yves hatte den unbändigen Drang aufzuspringen, dem Kerl in die Fresse zu treten und dann einfach zu gehen. Doch das machte keinen guten Eindruck für das Haus - das konnte er nicht tun. Er musste nur seine Zeit absitzen und dann würde dieser Spinner wieder gehen und wenn Yves Glück hatte, überstand er das hier ohne Peinlichkeiten.

„Es war mehr Zufall, dass ich dich in Chinatown in dem Waffenladen gesehen habe, denn ich war gerade selbst dort hin auf dem Weg, weil ich mir ein antikes Schwert ansehen wollte, das mir angeboten worden war. Es machte mich einfach neugierig, was du dort wolltest und so fing ich an, dich zu beobachten und als ich dich hier her kommen sah, wurde es richtig schlimm. Was macht jemand wie du in solch einem Haus. Das musste ich unbedingt erfahren.“ Während er sprach, ging William weiter um Yves und nahm sich immer mal wieder ein Häppchen, denn dass er Hunger hatte, war nicht gelogen.

Hast du keinen Friseur, der sich diesen Mist anhört?, knurrte Yves stumm und schüttelte innerlich den Kopf. Der Typ war ihm echt hinterher geschlichen - der war doch kaputt im Kopf. Und da hieß es immer, Geld verdarb den Charakter? Das verdarb auch das Hirn, das wurde matschig und labberig und dann fing man an, Männern nachzusteigen!

Iss schnell! Werd fertig! Labere nicht, sondern stopf rein das Zeug!, ging es Yves durch den Kopf, doch seine Lippen blieben verschlossen - er gab sich weiter teilnahmslos. Manchmal half tot stellen ja, damit die wilden Bestien von einem abließen.

„Ich glaube, ich werde öfter hierher kommen um zu essen. Es wird hier alles wirklich sehr ansprechend angerichtet“, erzählte William weiter, weil er ja immer noch keine Antwort bekam und anscheinend die ganze Konversation alleine führen musste. So langsam sollte er wohl auch zum Ende kommen, denn Yves versteifte sich immer mehr und auch wenn er es versuchte zu verbergen, wurde die Anspannung in Yves immer größer. Er war zwar ein Mistkerl, aber kein Unmensch. Er hatte bekommen, was er wollte, denn er wusste nun, wo sich seine Straßenratte herum trieb und vor allen Dingen, woher der Kerl die Ruhe nahm, dass er nicht von der Schule flog.

Ihn piesackte nur der Gedanke daran, dass auch andere es wagen könnten Yves zu buchen und sich vielleicht - wie Cindy vorhin - nicht an die Regeln hielten. Für jeden der bezahlte, würde Yves so angerichtet werden. Der makellose Körper. Die Muskeln zitterten leicht, denn Yves verspannte sich noch immer.

„Okay, so langsam wird es langweilig, immer nur alleine zu reden und alles, was ich gerne esse, habe ich schon verdrückt.“ William legte die Stäbchen beiseite und nahm einen Schluck Wasser. Dann kam er zur Kopfseite und hockte sich so hin, dass er Yves genau ins Gesicht sehen konnte. „Ich werde wiederkommen, Yves. Hier kannst du mir nicht weglaufen.“

Der Drang, dem arroganten Fraggle ins Gesicht zu spucken, war enorm, doch Yves schloss nur die Augen. Sollte der Kerl doch wiederkommen, er würde Doro schon erklären, was los war und dafür sorgen, dass er nicht mehr der Tisch war für diesen Psychopaten.

Ein letztes Mal öffnete er die Augen und funkelte William an und wenn der lesen konnte, war ihm eines klar: verpiss dich, perverses Arschloch!

„Ich weiß, was du glaubst, aber niemand wird verhindern können, dass du hier liegst, wenn ich das will. Glaub mir, dieses Haus ist auf Gäste angewiesen und wenn keiner mehr kommt, dann ist es auch mit deinem Job vorbei.“ Abrupt stand William auf, warf noch einen Blick auf Yves, der sich immer noch nicht rührte. Ohne ein weiteres Wort verließ er den Raum und ließ die Tür hinter sich zufallen.

„Wichser“, knurrte Yves und entspannte sich langsam. Er rollte sich ein wenig hin und her und versuchte seine verkrampften Muskeln wieder zu lockern. Was bildete der Mistkerl sich eigentlich ein? Glaubte der allen Ernstes, er bekam immer, was er wollte? „Perverser Arsch!“

Langsam erhob sich Yves. Er wollte nicht warten, bis jemand kam und ihn abdeckte. Er wollte nur noch duschen und dann diesem Fraggle die Fresse polieren, bis das Blut lief. Was bildete der Kerl sich ein, ihn so anzufassen? Egal womit!



+++



Äußerlich völlig gelassen ging William durch die Gänge des Hauses zu seinem Wagen, aber wie vorgehabt, stieg er nicht ein, sondern blieb vor dem Wagen stehen und lehnte sich an. Was war gerade nur in ihn gefahren? Warum hatte er sich benommen wie ein Arsch und Yves sogar offen gedroht? Sie mochten sich nicht, aber das war einfach nicht sein Niveau. William arbeitete im Hintergrund und nicht so. Also was hatte ihn dazu gebracht, sich so daneben zu benehmen?

Okay, er konnte ein Arsch sein, wenn er nur wollte und das wollte er oft. Er intrigierte, er ließ gern seine Macht und sein Geld spielen, aber auf das Niveau von sexuellen Demütigungen hatte er sich noch nie begeben. Was war an dieser Straßenratte, dass er ihn so aus der Reserve lockte? Auch wenn Peter und Robert geglaubt hatten, William würde ihre Blicke nicht bemerken. Er hatte sehr wohl gemerkt, dass seine Freunde seine Besessenheit von diesem Kerl für nicht mehr normal hielten.

William schüttelte den Kopf. Jetzt gab er schon selber zu, dass er von diesem Kerl besessen war. Das konnte doch nicht wahr sein. Da war so ein Habenichts und brachte sein komplettes Leben durcheinander. Aber das änderte nichts daran, dass er sich vollkommen daneben benommen hatte und sich entschuldigen sollte, auch wenn er sich an den Worten höchstwahrscheinlich verschlucken würde. Er musste sich ja nicht direkt entschuldigen, aber er sollte Yves vielleicht erklären, dass es nicht in Ordnung gewesen war.

William hatte in den Plan für heute gesehen und auch erfahren, dass Yves nach diesem Essen erst einmal fertig war. Das hieß auch, dass er gleich das Haus verlassen würde und sicher noch ins Restaurant fuhr. Er sollte ihn abpassen, sich erklären und sich dann mit Robert und Peter treffen, die auf ihn im Club Malibu warteten.

Also setzte sich der junge Herzog in seinen Wagen und wartete.

Tief in Gedanken versunken saß er da, denn das, was er gerade gesehen und gefühlt hatte, verwirrte ihn doch ziemlich. Immer wieder geisterte der Anblick des fast nackten Yves’ durch seinen Kopf und ließ sich nicht vertreiben. Was war das nur, dass diese Straßenratte ihn so aus dem Gleichgewicht brachte?

Doch er kam nicht dazu, sich noch weiter in diesen Gedanken zu verstricken, denn ein herber Schlag gegen die Autotür riss ihn aus seinen Gedanken. Er konnte gar nicht so schnell gucken, wie die Tür aufgerissen und er von einem wutschnaubenden Yves heraus gezerrt wurde. Geladen wie eine Katze unter einer Wolldecke war Yves aus dem Haus gestürzt, doch als er den prolligen Bugatti vor der Tür hatte stehen sehen, war es bei ihm ausgeklinkt. Ein gezielter Tritt gegen die Tür und das Blech hatte eine ansehnliche Delle.

Nun drückte er mit hasssprühenden Augen William, den er am Hals gepackt hatte, gegen dessen Wagen. „Du perverses Schwein“, zischte er aufgebracht und wollte sich gar nicht beruhigen. Er wollte diesem Mistkerl endlich das geben, was er verdiente.

Es dauerte ein paar Herzschläge, bis William wusste, was gerade passierte und wer ihn da so rüde an das Auto drückte. „Yves?“, krächzte er, weil der Arm gegen seinen Hals ihm das Reden erschwerte und genau das ließ seine Wut aufflammen. Mit einer großen Kraftanstrengung schob er Yves etwas von sich und schubste ihn weg. „Sag mal, hast du sie noch alle, du Arsch?“, zischte er und rieb sich über den Hals, griff nach Yves und drückte ihn nun seinerseits gegen das Auto.

„Ich hab sie noch alle? Ich!“, schrie Yves, der nun zappelte wie ein Wurm. Leider hatte der Kerl mehr Kraft als Yves ihm hatte zugestehen wollen. Er sah mit seiner schmalen Gestalt nicht danach aus. Doch dann wurde es Yves zu viel. Er hatte nicht umsonst bei Hong gelernt und so reichte ein gezielter Schlag in Williams Seite, um ihn einknicken zu lassen. Mit Schwung schubste Yves William nach hinten und schnaubte wie ein Stier. „Wer war denn hier der Perverse, der da drinnen ’ne Show abziehen musste, du Homo!“ Ein Schlag ging auf William nieder und er verlor das Gleichgewicht. So stürzten sie beide zu Boden.

Im ersten Moment war William vollkommen sprachlos, aber dann übermannte ihn seine Wut und er schlug nun seinerseits auf Yves ein. So etwas sagte niemand ungestraft über ihn. Immer wieder rollten sie über den Boden, versuchten sich gegenseitig zu treffen und niederzuringen. „Sag so etwas noch einmal und ich mach dich fertig, dann kann selbst Yuki mich nicht mehr davon abhalten, dein erbärmliches Leben zu zerstören“, zischte er mit wutsprühenden Augen.

„Lass Yuki da aus dem Spiel, du hinterhältige Ratte. Du hast sie doch nur benutzt und jetzt einfach fallen lassen. Ich kann nur hoffen, das sie was Besseres als dich findet. Du Wichser.“ Yves keuchte, denn William konnte öfter als geplant einen gezielten Hieb setzen. „Buchst Kerle, schleppst dumme Gänse mit dir herum - du bist echt das Letzte, perverser Arsch.“ Yves gelang es, sich nach oben zu rollen und hielt nun William in seinem Griff. Seinen Hintern presste er fest auf das Becken des Fraggles, damit der ihm nicht gleich wieder entkommen konnte.

„Wie bitte?“ William kämpfte verbissen gegen Yves, aber jetzt war er eindeutig in der unterlegenen Position, so dass er kurz seine Gegenwehr einstellte und seinen Gegner verächtlich ansah. „Im Gegensatz zu dir hab ich Yuki nicht fallen lassen, du Arsch. Weißt du eigentlich, wie oft ich sie trösten musste, weil du nicht mit ihr reden wolltest? Sie hat es immer wieder versucht, aber du stures, beleidigtes Arschloch warst dir ja zu fein dafür. Du hast behauptet ihr Freund zu sein und lässt sie fallen wie eine heiße Kartoffel für etwas, was sie nicht wissen konnte. Yuki ist ein tolles Mädchen und ich bin stolz darauf, dass ich mit ihr befreundet sein darf. Warum sie das allerdings mit dir auch noch möchte, ist mir ein Rätsel, denn so einen Wichser wie dich, der ihre Freundschaft gar nicht zu schätzen weiß, braucht niemand.“

Yves holte schon Luft für eine erneute Tirade doch dann fingen die Worte an Sinn zu ergeben. Yuki hatte versucht mit ihm zu reden? Skeptisch sah er auf den Kerl, auf dem er saß und erhob sich langsam. Auch wenn er noch nicht alles begriff, so doch das eine: er musste endlich mit Yuki reden. „Buch mich noch einmal, du Wichser und jeder wird erfahren, was der Herr Herzog für ein Homo ist“, zischte er und wandte sich ab. Mit dem Spinner war er hoffentlich erst einmal fertig.

Sicher, der konnte ihm jetzt in der Schule das Leben noch weiter zur Hölle machen und ausplaudern, wie Yves sein Geld verdiente. Vielleicht hatte er dann regelmäßig seine Klassenkammeraden im Haus. Doch das traute er William nicht zu. Er würde sein eigenes Gesicht damit verlieren.

„Glaubst du wirklich, das wird mich davon abhalten, dich weiter zu buchen?“ William lachte geringschätzig. „Versuch es, es wird nicht klappen, denn niemanden interessiert, was ich angeblich sein soll, solange ich ihm oder ihr meine Aufmerksamkeit schenke und sie sich einen Vorteil daraus versprechen.“ Er rappelte sich hoch und klopfte sich den Straßendreck von Jacke und Hose. Er war immer noch wütend und als er die eingetretene Tür seines Autos sah, knirschte er mit den Zähnen. „Das wirst du bitterlich bereuen“, zischte er leise und sah Yves mit flammenden Augen hinterher. Das hatte diese Ratte nicht umsonst gemacht.

Doch Yves hatte ihn nicht mehr gehört. Er saß schon auf seinem Roller - ein riesiges, schlechtes Gewissen auf dem Sozius und wusste, was er jetzt zu tun hatte.



16


Der Weg von Long Island nach Chinatown war nicht lang genug, um Yves klar zu machen, was er eigentlich sagen wollte. Er wollte nur mit Yuki reden und sich entschuldigen. Er hatte in seiner Verbohrtheit wohl ziemlich tief ins Klo gegriffen. „Verdammt!“, fluchte er immer wieder. Wie hatte er nur so blind in seinem Hass sein können, dass er alles um sich herum einfach ausschloss? Er war Yuki aus dem Weg gegangen, wo es nur ging - aber hatte es nicht doch so ausgesehen, als wären die beiden ein Paar?

Er versuchte sich an die Gelegenheiten zu erinnern, wo er sie zusammen gesehen hatte. Sie hatten sehr vertraut gewirkt, aber bis auf gelegentliches gegenseitiges Umarmen und ab und zu Händchen halten hatte er nichts gesehen, was darauf hingedeutet hätte, dass sie zusammen waren. Anders war es mit ihm und Yuki auch nicht gewesen. Da hatte er wohl in seiner Wut mehr hineininterpretiert als da gewesen war und er hatte seine Freundin damit sehr ungerecht behandelt.

Er musste das erklären und konnte nur hoffen, dass sie Gnade vor Recht ergehen ließ und ihm wenigstens zuhörte. Er konnte verstehen, wenn sie nun auch die Nase voll hatte und von einem solch ehrlosen Kerl wie ihm nichts mehr wissen wollte, doch er durfte es nicht unversucht lassen. Sie würde bestimmt schimpfen, ihm schlimme Worte an den Kopf werfen - darauf war er vorbereitet. Womit er nicht umgehen könnte, wäre ihr gleichgültiges Schweigen, so wie er selbst es getan hatte.

Seine einzige Hoffnung war, dass William nicht gelogen hatte, als er sagte, dass Yuki noch immer an ihm hing und mit ihm befreundet sein wollte. Das war sein Strohhalm, an den er sich klammerte, als er schließlich seinen Roller vor dem Restaurant ihrer Eltern abstellte. Hoffentlich war sie da.

Das Restaurant lag dunkel. Kein Wunder. Es war bereits kurz vor Mitternacht. Klingeln wollte er nicht, so blieb ihm nur der Weg, den er immer nahm, wenn er Yuki heimlich besuchen wollte. Über das Dach des Nachbarhauses direkt vor Yukis Fenster. Yves sah noch einmal nach oben, dann schwang er sich den Weg entlang, den er schon lange nicht mehr genommen hatte. Seine Füße fanden die Stützen blind und so saß er ein paar Sekunden später auf dem Dach vor Yukis Fenster und klopfte leise. Unentschlossen, ob er wirklich gehört werden wollte.



Yuki hatte sich zum schlafen hingelegt, aber sie war noch wach, wie so oft in den letzten Wochen. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um diesen einen schicksalhaften Tag, an dem sie Yves verloren hatte und heute war es besonders schlimm, denn nicht einmal William war da gewesen, um sie von ihren schweren Gedanken tagsüber abzulenken.

Sie zuckte zusammen, als sie das nur zu bekannte Klopfen hörte und fuhr auf. „Yves“, murmelte sie und schon war sie aufgesprungen und zum Fenster gelaufen. Sie riss es förmlich auf, aber dann verließ sie der Mut und sie sah die Gestalt vor ihrem Fenster einfach nur an.

„Tut mir Leid, Kleines, ich habe wohl richtigen Mist gebaut“, murmelte Yves und wischte sich über die Lippe. William hatte ihn dort erwischt, doch das war ihm erst aufgefallen, als das Adrenalin in seinem Körper aufgehört hatte zu wirken und nun das leichte Brennen zeigte, das seine Lippe geblutet hatte.

In Yuki arbeitete es, das konnte man deutlich an ihrem Gesicht sehen. Überraschung, Unglaube, Freude, Wut, Enttäuschung, Hoffnung, all das huschte über ihr Gesicht und schließlich warf sie sich mit einem Schluchzen auf Yves, krallte sich an ihm fest, so gut es durch das Fenster ging und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. „Du dämlicher Idiot“, schluchzte sie. „Du dämlicher, dämlicher Idiot.“

„Ja, ich weiß, Süße“, murmelte Yves leise, doch mit einem Funken Erleichterung in seiner Stimme. Seine Nase vergrub sich in Yukis langem, schwarzem Haar und er holte tief Luft. Sie schrie ihn an, das war gut. Yves lächelte und schlang die Arme fest um sie. „Ich habe immer noch das Bild vor Augen, wie ihr beide im Dojo standet. Ich war so wütend und verletzt“, sagte er leise und holte sich bewusst diesen Augenblick zurück in Erinnerung.

„Ich wusste doch gar nicht, wer er ist und ich wäre auch nie darauf gekommen, weil Will so anders war, als du ihn beschrieben hattest. Er war… einfach nett und höflich“, murmelte Yuki und fühlte sich seit Wochen endlich wieder wohl. Yves hatte ihr so sehr gefehlt. Sie hob ihr Gesicht und lächelte. „Komm rein und mach das Fenster zu. Es wird kalt.“

„Danke.“ Yves lächelte und holte tief Luft. Der erste Schritt war gemacht und erst jetzt wurde ihm richtig bewusst, was ihm eigentlich gefehlt hatte und wie weh es jedes Mal getan hatte, die beiden zusammen zu sehen. „Ich will dir gern glauben, dass der Kerl sich bei dir anders benimmt. Aber glaube mir, er ist ein Drecksack“, murmelte Yves, als er sich durch den Fensterrahmen ins Zimmer schwang. Hier hatte sich nichts verändert und so ließ sich Yves auf eines der Sitzkissen fallen.

„Das glaub ich dir, aber ich mag ihn und mir gegenüber benimmt er sich tadellos. Das ist auch nicht gespielt, das hätte ich gemerkt.“ Yuki seufzte, denn gerade wurde ihr bewusst, in was für einer Situation sie war. Wie sollte das nur werden, denn sie wollte keine der beiden Freundschaften aufgeben. „Warte kurz, ich hol uns was zu trinken“, sagte sie darum schnell und lief aus ihrem Zimmer in die Küche. Sie konnte nicht ahnen, dass Yves ähnliche Gedanken hatte. Yuki saß zwischen den Stühlen und so war es schwer für ihn mit ihr über das zu sprechen, was ihn bewegte. Er wollte nicht, dass Yuki ihren neuen Freund mit anderen Augen sah. Auch wenn er den Fraggle nicht mochte, so wollte er doch, dass Yuki da so wenig wie möglich mit hinein gezogen wurde.

Da saß er nun und fühlte sich auf merkwürdige Weise so, als hätte er Yuki ein weiteres Mal verloren.

„Blöder Mist, alles“, sagte Yuki, als sie wieder in ihr Zimmer kam. Sie kannte Yves gut genug, um sein Gesicht deuten zu können. Sie stellte die Flasche Cola und die Gläser auf dem Boden ab und setzte sich zu Yves, lehnte sich an ihn und umarmte ihn. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihr Freund dreckig war und sein Shirt einen Riss hatte. Sie sah ihn an und fuhr vorsichtig mit einem Finger über die verletzte Lippe. „Was ist passiert?“

„Nichts weiter“, sagte Yves und lächelte. Was sollte er auch sagen? Dein neuer Freund hat mich gedemütigt und von mir eine auf die Nase bekommen? Das konnte er ihr nicht erklären. Noch weniger, dass sie sich wie Straßenkater über den Parkplatz vor seinem neuen Arbeitsort gerollt hatten.

Yuki nickte nur. Sie konnte sich denken, was passiert war, wenn Yves darüber nichts sagen wollte. „Ich hab dich so sehr vermisst“, sagte sie und vergrub ihr Gesicht an Yves' Halsbeuge. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, jetzt wo sie ihren Freund endlich wieder hatte. „Mach so etwas nie wieder. Schrei mich an, wenn ich etwas falsch gemacht habe, aber ignorier mich nicht einfach.“

„Ja“, sagte Yves automatisch und zog die Arme um sie fester. Sie trug nur ein dünnes Nachthemd und schien langsam zu frieren. „Aber glaube mir, Kleines, wenn ich dir in dem Moment ins Geicht geschleudert hätte, was mir im Kopf herum ging, ich hätte dich mehr verletzt als jetzt. Ich konnte nicht begreifen, warum du mein Glück zerstörst, um deines zu bauen. Ich konnte es nicht begreifen und das machte mich blind für alles.“ Es war peinlich, diese Dummheit zuzugeben.

„Ach Yves, du weißt, dass ich nie absichtlich etwas tun würde, was dich verletzt.“ Yuki sah zu ihm auf und wirkte ein wenig verwirrt, denn das mit dem Glück hatte sie nicht verstanden und ihre Augen weiteten sich, als der Groschen doch endlich fiel. „Du dachtest… Will und ich?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wir sind nur Freunde und er hat es mir die letzten Wochen etwas erträglicher gemacht.“

„Es tut mir so Leid, dass ich dich in die Arme von dem Fraggle... von Will“, verbesserte Yves sich schnell, „getrieben habe. Aber ich dachte. Mensch, Yuki, der Kerl ist genau deine Kragenweite. Und da dachte ich eben... aber ich dachte... ich glaube, ich habe gar nicht gedacht“, gestand Yves nach seinem Gestammel und senkte den Kopf. Ihm hätte auch klar sein müssen, dass Yuki das nie getan hätte, doch bei William setzte bei ihm alles aus. Dieser manipulative Bastard benutzte doch alles und jeden, um Yves in die Parade zu fahren.

Ganz zart hauchte sie Yves einen Kuss auf die Wange. „Vorbei und vergessen. Ich will nicht mehr an die letzten Wochen denken.“ Yuki sah Yves an und seufzte. „Was ist das eigentlich zwischen euch? Will wollte nichts sagen, nur dass du ihm wohl bei eurer ersten Begegnung ziemlich auf die Füße getreten bist.“

Yves legte den Kopf schief. Wie bitte? Er sei dem Fraggle auf die Füße gestiegen? „Ich war in Eile und hatte andere Sorgen als diesem Spinner seinen Arsch nachzutragen. Ich war eben nicht sonderlich erbaut darüber, dass ich noch den Umweg über das Plaza machen musste und er war auch nicht gerade nett, mit dem was er von sich gegeben hat. Kann eben nicht jeder so viel Geld in den Arsch geschoben kriegen wie... ach ist ja auch egal.“ Ein bisschen angefressen war Yves schon, dass er als miese Ratte dastand und Superman-Fraggle sich wieder keiner Schuld bewusst war.

„Ach so war das. Das meinte er damit, dass du ihn einfach in eine Schublade gepackt hast, ohne ihn zu kennen. Das hat ihn wütend gemacht.“ Yuki murmelte leise und sah Yves nachdenklich an. Zwischen den beiden war aber auch von Anfang an der Wurm drin, dabei hätten sie wirklich Freunde werden können. Sie hatten gleiche Interessen, waren intelligent und nett, aber jeder sah nur sein verletztes Ego. „Aber jetzt genug davon, sag mir lieber, was du die letzten Wochen gemacht hast und wieso du endlich deine Brille abgelegt hast und warum du auf einmal so einen geilen Haarschnitt hast.“

Yves lachte leise und so tat er seiner Freundin den Gefallen, erzählte ihr vom 'Haus der Sinne' und von Doro und von seinem Job. Nur den Fraggle, den ließ er lieber aus.



+++



„Man, Alter. Wo bleibst du denn!“ Robert lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schüttelte den Kopf. Mit Peter saß er auf der Terrasse des Clubs und guckte an William vorbei auf den Wagen, mit dem er vorgefahren war. Er lupfte eine Braue. „Und seit wann fährst du Mamas Bentley.“

„Meiner hat eine Beule in der Tür“, erklärte William knapp und ließ sich in einen der freien Sessel fallen. Er war noch kurz ins Hotel gefahren, um zu duschen und sich umzuziehen und hatte seinen Wagen in die Werkstatt bringen lassen. „Einen Whiskey, einen doppelten“, bestellte er und knurrte bedrohlich, als der Kellner ihn darauf hinweisen wollte, dass er erst seinen Ausweis sehen wollte. „Sofort oder ich werde ungemütlich“, schrie er schon fast und der Kellner suchte verschreckt das Weite.

„Hallo? Kommst du mal wieder runter? Eine Beule in der Tür ist noch lange kein Grund das Personal zu terrorisieren. Die wird rausgemacht, die Versicherung des anderen bezahlt und gut.“ Peter schüttelte den Kopf. „Außerdem wirst du bestimmt nicht trinken und dich dann hinter das Steuer setzen! Du kannst davon ausgehen, dass ich das nicht zulassen werde.“ Und er hatte nicht vor, sich von Williams wütendem Blick aus der Fassung bringen oder gar einschüchtern zu lassen.

„Dann nehme ich mir ein Taxi.“ William war jetzt so richtig schön geladen, denn er hatte bei seinem Kampf mit Yves einiges abbekommen. Seine linke Seite wurde langsam blau und seine Rippen taten weh. Yves hatte ziemlich zugelangt und ihm auch noch eine blutende Lippe verpasst. „Diese dämliche Straßenratte hat mir vor die Tür getreten, da kann ich lange warten, bis er den Schaden bezahlt“, knurrte er und kippte den Whiskey runter, den der Kellner ihm brachte, bevor Peter eingreifen konnte und bestellte sich, die Lippe haltend, gleich noch einen. Das brannte höllisch.

„Bringen sie dem Kindskopf 'ne Cola!“, rief Robert noch hinterher und guckte sich seinen Freund eindringlich an. Seit wann wurde diese Straßenratte denn handgreiflich? „Und nachdem er mit deiner Tür fertig war, hat er bei dir weiter gemacht, oder was?“, fragte er und griff sich Williams Kinn, damit er sich das genauer angucken konnte.

„Was hast du mit ihm gemacht?“, fragte nun Peter. Er war in Sorge, der Kerl lag noch irgendwo ohnmächtig herum. Denn so wie William in den letzten Wochen drauf gewesen war, traute er ihm durchaus zu, dass er diesen Yves zerlegt hatte.

„Ich?“ William funkelte Peter an und riss sich von Robert los. „Ich saß in meinem Wagen, um mich bei ihm zu entschuldigen und er kommt, tritt mir gegen die Tür, zerrt mich aus dem Wagen und fängt an, auf mich einzuprügeln. Dieser Wichser! Aber glaub mir, das wird er bereuen.“ Die ersten Gäste drehten sich zu ihnen um, denn William war ein wenig heftig geworden, darum nahm er sich etwas zurück. „Niemand macht so etwas mit mir und kommt ungeschoren davon.“

„Moment mal!“ Robert ließ sich nicht beirren, auch wenn der arme Peter eigentlich in Williams Interesse stand. „Ehe du dich entschuldigst, friert die Hölle zu. Und ehe du dich bei der Kirchenmaus entschuldigst, da müssen die Teufel schon bis zum Hals im Schnee stehen. Erzähle mir also nicht, du hast nichts gemacht, um ihn dazu zu bringen, sich zu vergessen.“ Er ließ sich von William nicht beirren. Der konnte ihm doch nicht erzählen, er hätte wie das unschuldige Lämmlein am Wegesrand ein Blümchen geknabbert und der böse Wolf hatte ihm einfach ohne Grund in den Bürzel gebissen! „Los, spuck's aus!“

„Was wird das? Packst du dich jetzt auf seine Seite?“ Peter war vergessen und Robert war wieder Mode. „Ich gebe zu, was ich im 'Haus der Sinne' gemacht habe, war nicht sehr nett, aber es rechtfertigt nicht, dass er wie ein Berserker über mich herfällt. Wenn er sich nackt mit Essen belegen lässt, dann muss er damit rechnen, dass man es auch isst. Wenn er dafür zuviel Schamgefühl hat, dann ist es eindeutig der falsche Job für ihn.“

„Moment!“ Das schien zu Roberts Lieblingswort zu werden. „Mal davon abgesehen, dass ich das mit seinem Job ziemlich interessant finde und ich später die Adresse von dir haben will: ich glaube nicht, dass du nur von ihm gegessen hast. Dann müsste er ja auch alle anderen Gäste vermöbelt haben und hätte seinen Job nicht mehr. Also noch mal, Will - was hast du mit ihm gemacht.“ Langsam gefiel es Robert nicht mehr, was er hörte. „Hast du ihn... Will, sei ehrlich!“, sagte er eindringlich.

„Was ich mit ihm gemacht habe? Du glaubst allen Ernstes, ich hätte…? Vielen Dank auch!“ Schöne Freunde hatte er, die glaubten, dass er sich an jemandem vergehen würde. „Ich habe nicht!“ Wütend stand William auf und sah auf Robert runter. „Ich habe ihn ein wenig angemacht, aber ich habe ihn nicht angefasst, oder gar belästigt. Es war nicht nett, sondern ziemlich fies, was mich auch dazu gebracht hat, mich zu entschuldigen. Denn entgegen eurer Meinung habe ich noch ein Gewissen und bin durchaus in der Lage Fehler zuzugeben.“

„Hock dich wieder hin“, knurrte Robert, dem man ansehen konnte, dass es ihm Leid tat, William verdächtigt zu haben. „Aber geh mal in dich, William. Würdest du freudestrahlend jemandem entgegen treten, der dich gedemütigt hat? Und das hast du. Du wusstest, was er dort für einen Job macht. Aber anstatt ihm Auge in Auge entgegen zu treten, nutzt du solche Chancen, um ihn zu demütigen. Ich hätte dir die Tür auch eingetreten, das darfst du wissen und ich zahle seine Rechnung, wenn der Schaden repariert ist.“

„Das wirst du nicht tun, das hat die Straßenratte allein auszubaden.“ William war immer noch wütend, aber langsam setzte sein Verstand wieder ein. „Was macht er diesen Job, wenn er sich dadurch gedemütigt fühlt? Vielleicht habe ich ihm ja sogar einen Gefallen getan, schließlich werden sich nicht alle Gäste damit begnügen, nur von ihm zu essen, sondern ihn begrabbeln, was ich nicht getan habe. Besser, er merkt gleich beim ersten Mal, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist und man für viel Geld auch nicht zimperlich sein darf.“

„Man, bist du bekloppt“, knurrte jetzt Peter. Er hatte dem Schlagabtausch schweigend zugehört, doch jetzt konnte auch er nicht länger schweigen. „Hast du immer noch nicht begriffen, dass es nicht darum ging, dass jemand von ihm gegessen hat, sondern DU? Dass DU das Problem - beziehungsweise sein Problem - bist?“ Er schüttelte den Kopf. Also, wenn es um diesen Kerl ging, hakte es bei William wirklich aus. „Ich will nicht wissen, was du alles zu ihm gesagt hast“, nuschelte er leise, denn derartig primitives Verhalten auf sexueller Ebene hätte er William nicht zugetraut.

„Na toll, hackt doch auf mir rum. Vielleicht solltet ihr lieber mit Yves befreundet sein, als mit mir, denn es ist klar zu erkennen, wo eure Sympathien liegen.“ William ließ sich wieder in den Sessel fallen und sah seine Freunde böse an. „Frag ihn doch, wenn du wissen willst, was ich Schreckliches gesagt und getan habe.“

„Du kannst aber auch echt ein verbohrter Arsch sein. Wenn du nicht reden willst, dann lass es. Aber wundere dich nicht, wenn Leute anfangen, sich gegen dich zu wehren.“ Peter war die Lust vergangen und Robert sah nur zu deutlich, dass der jetzt sein Geld suchte und gehen wollte.

„Ey, sagt mal, ihr Idioten!? Kriegt ihr euch wieder ein? Will, du hast Scheiße gebaut auf einem Niveau, über das wir nicht reden. Und Peter, bohr nicht noch in Wunden rum. Gebt euch das Patschehändchen und dann lachen wir über Wills aktuellen Wagen, okay?“, grinste er frech. So konnte das doch nicht weiter gehen.

„Ha, ha“, machte William, aber Roberts Einwand hatte ihn wieder etwas abgekühlt. Er schielte zu Peter rüber, der unschlüssig da saß und zu ihm rüber sah. „Es tut mir Leid“, sagte er leise. „Ich habe ihm eigentlich nur erzählt, wie ich ihn dort gefunden habe. Dabei habe ich Sushi von ihm gegessen. Ich gebe zu, dass ich ein wenig mit ihm gespielt habe, indem ich ihn sanft mit den Stäbchen oder meinen Haaren berührt habe, aber mehr war wirklich nicht.“

„Na, reicht das nicht für einen Kerl?“, fragte Robert, doch er grinste. „Ich selber hätte damit vielleicht kein Problem. Er schon. Lass ihn dort einfach in Ruhe, Will. Er braucht die Kohle. Mach es ihm nicht noch schwerer. Du hast ihm genug weggenommen... ganz nebenbei: wenn er da schon nackt herum lag, sieht er gut aus? Dann sollte ich mir ihn auch mal mieten“, überlegte Robert, denn so konnte er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erwischen: leckeres Futter und ein ansehnlicher Kerl. Ein eifersüchtiger Adam und anschließend eine Menge Spaß. Er grinste dreckig.

„Das wirst du nicht tun. Such dir einen anderen dafür, Adam heiß zu machen.“ Allein der Gedanke, dass Robert Yves so sah, ließ Williams Puls hochschnellen. „Nimm dir einen anderen dafür. Du stehst doch eh nicht auf blond. Es gibt da noch zwei andere durchaus ansehnliche Kerle.“

Roberts Braue wanderte wieder Richtung Haaransatz und er grinste. „Jetzt erst recht. Er gehört ja schließlich nicht dir und ich will auch wissen, was an ihm dran ist, dass du ihn so gefressen hast“, stichelte er und beobachtete William genau. Er konnte sich geirrt haben, aber langsam kam ihm da eine Ahnung für diese Besessenheit. Doch er sagte nichts, lachte nur leise, als endlich die vorhin bestellte Cola und der Whisky gebracht wurden.

Peter nahm den Whiskey gleich zur Seite und gab ihn wieder an den Kellner zurück. „Ihr seid fürchterlich. Lasst ihn beide in Ruhe.“ Er hatte sich entschlossen zu bleiben, weil William jetzt wohl langsam mit sich reden ließ. „Was hast du eigentlich mit ihm vor, wegen der Tür? Er hat kein Geld für die Reparatur.“

William nahm einen Schluck Cola, denn der Geschmack nach Whiskey lag ihm heute nicht so, aber bevor er antworten konnte, meldete sein Handy, dass er eine SMS bekommen hatte und er rief sie auf. „Die alte Hexe“, zischte er wieder wütend und schmiss das Handy auf den Tisch. „Was denkt die sich eigentlich?“

„Was denn nun schon wieder?“ Robert nahm das Handy an sich und las selber, grinste breit. „Oh, Mama ruft den verlorenen Sohn in den liebenden Schoß der Familie. Wenn das nicht niedlich ist. Und eine Begleitung hat sie dir auch schon gesucht. Das finde ich nett. Spart eine Menge Zeit“, lachte Robert und lenkte von der Frage nach Yves ab. Er blieb dabei, er würde die Tür für die Kirchenmaus bezahlen, das war kein Hit.

„Ich werde da nicht hingehen und schon gar nicht mit dieser Kuh. Was denkt dieses Weib sich eigentlich?“ William war schon wieder auf 180, wo er sich doch grade erst abgeregt hatte. Sehnsüchtig sah er zur Bar, wo der Kellner gerade seinen Whiskey entsorgte. Jetzt konnte er ihn wieder gebrauchen. „Was denkt sie sich? Dass ich springe, wenn sie mit dem Finger schnippt und mal eben nach England fliege?“

„Ja, so wie ich die SMS verstanden habe, glaubt sie genau das“, erklärte Robert und lehnte sich zurück. Nein, um diese Mutter war William wirklich nicht zu beneiden. „Und vielleicht solltest du folgen. Nicht dass sie dir noch mehr Ärger macht. Ich meine ja nur.“ Er kratzte sich am Kopf und sah William forschend an.

„Das Blöde ist, dass du wahrscheinlich Recht hast. Sie kann mir Ärger machen, auch wenn es weniger ist, als sie glaubt, denn mein Vater hat vorgesorgt vor seinem Tod. Er wusste, dass ich für sie nur ein Mittel zum Zweck bin und nichts weiter.“ William seufzte und musste grinsen, als er daran dachte, wie er den Brief vom Notar bekommen hatte. „Ich werde wohl hin müssen, aber dann nach meinen Regeln.“

„Nach deinen Regeln?“, fragte Robert nach, denn William hatte schon wieder dieses wölfische Grinsen. „Was soll das heißen? Wäre es vielleicht besser, ich begleite dich und passe auf, dass du dich nicht um Kopf und Kragen bringst? Du siehst so aus, als hättest du was vor.“ Und dass das bei William nie was Gutes bedeutete, war ihm völlig klar.

„Ich weiß noch nicht genau, aber ich finde etwas, was ihr die Tour vermasselt.“ William lehnte sich schon wesentlich entspannter wieder zurück und tippte die Zeigefinger zusammen. Ihm war da plötzlich ein Gedanke durch den Kopf geschossen, den er noch nicht ausgereift war, aber er war eine Überlegung wert.

„Will, du machst mir Angst. Ich werde dich begleiten.“ Robert rollte die Schultern und versuchte seinen Freund einzuschätzen. Irgendwie war er neugierig, was der vorhatte. Aber wollte er wirklich dabei sein, wenn eine Bombe platzte? Er kannte Abigail Kendal nur vom Hörensagen. Er selbst hatte sie noch nie persönlich erlebt und eigentlich, wenn er es sich recht bedachte, würde er es vielleicht doch gern dabei belassen.

„Tu, was du nicht lassen kannst.“ William grinste breit, was Robert noch mehr in der Meinung bestätigte, dass er seinen Freund da auf keinen Fall alleine hinlassen sollte.

„Peter, du kommst auch mit“, bestimmte er und der Blonde lupfte eine Augenbraue.

„Wieso das denn?“, fragte er und Robert deutete auf William. „Guck ihn dir an, dann weißt du warum. Der hat was vor und ich will wissen, was es ist und ihn - wenn nötig - davon abhalten.“

Nun besah sich auch Peter seinen Freund noch einmal eindringlich und konnte sehen, was Robert meinte. Da war ein Glitzern in den Augen, das auf Krawall deutete. Nicht gut - definitiv ganz und gar nicht gut. „Du vögelst dich aber nicht das ganze Wochenende durch die weibliche Gästeliste unter 30, bis deine Mutter ohne Geschäftspartner da steht, oder?“, fragte er, weil er keinen Schimmer hatte, was der Herzog schon wieder hinter seiner Stirn ausbrütete.

„Mal schauen. Hatte ich eigentlich nicht vor, aber ich kann das ja als Plan B im Kopf behalten.“ William grinste immer noch, denn langsam nahm seine Idee von vorhin Form an und mit jeder Minute gefiel sie ihm besser. Aber verraten würde er noch nichts, denn dass seine Freunde ihm - bis es soweit war - in den Ohren lagen und versuchten ihn abzuhalten, darauf hatte er so gar keine Lust.

„Und was ist Plan A?“, fragte Robert, der von der Tatsache, dass sie außen vor gehalten werden sollten, keinen Schimmer hatte. „Was kannst du denn noch anstellen, was deiner Mutter den kalten Fußschweiß auf die Stirn treibt und dich amüsiert?“ Es war ja nicht so, als würden ihm da nicht tausend und eins Ideen kommen. Doch keine war Williams würdig.

„Och, meine Mutter regt so ziemlich alles auf, was nicht nach ihrer Nase geht oder ihrer Meinung nach dem guten Ruf unserer Familie schadet.“ William zuckte mit den Schultern. Denn die meisten konnten sich das nicht wirklich vorstellen, wenn sie seine Mutter nicht kannten. „Ich tüftle noch ein wenig an meiner Idee. Mal sehen, ob ich das so durchziehen kann.“

„William Matthew - rede!“, knurrte Robert, der diese Geheimnistuerei gar nicht schätzte.

„Oder hast du vor, jemanden da mit rein zu ziehen?“, fragte Peter und man musste den Namen nicht erwähnen, um zu wissen, an wen der junge Mann gerade dachte.

„Ach, auf einmal nicht mehr Willma?“, stichelte William, weil er sich so schnell nicht breitschlagen lassen wollte preiszugeben, was ihm durch den Kopf schwirrte. Bei Peters Andeutung allerdings grinste er breit und wiegte den Kopf hin und her. „Mal schauen, kann sein, dass wir nicht nur zu dritt nach England fliegen.“

„William Matthew Duke of Kendal“, zischte Peter, der das ganze nicht so amüsant fand wie William. „Deine kleine Rache in allen Ehren, aber so läuft das nicht. Zerr ihn nicht in Sachen rein, die du selber noch nicht überschauen kannst.“

„Nee, oder? Du willst nicht die Kirchenmaus mitnehmen und ihn da in der feinen Gesellschaft voller Etikette und gutem Benehmen auflaufen lassen? Das wäre echt niederträchtig, Will“, sagte auch Robert, winkte aber dem Kellner, denn er brauchte jetzt noch etwas zu trinken.

„Was denkt ihr eigentlich von mir? Ich bin zwar ein Arschloch, aber so etwas würde ich Yves nicht antun.“ Ein wenig angepisst war er schon, weil seine Freunde derartiges vermuteten. „Ich denke daran ihn mitzunehmen, aber nicht, um ihn irgendwelchen versnobten Idioten zum Fraß vorzuwerfen, sondern um meiner Mutter den Schock ihres Lebens zu verpassen, damit sie mich nicht mehr drängt, zu solch bescheuerten Veranstaltungen zu erscheinen.“

„Na komm. In letzter Zeit war jeder zweite Satz von dir, du willst dich rächen. Du willst ihn vernichten, ihm schaden, ihm zeigen, wo der Frosch die Locken hat. Da kann man schon mal auf blöde Gedanken kommen, Will“, murmelte Peter, dem das nun alles gleich wieder Leid tat. Er war eben doch zu anständig für diese Welt. Zwar war ihm immer noch nicht klar, wie William seiner Mutter den Schock ihres Lebens mit dem jungen Mann zufügen wollte, doch er schwieg lieber. William schien bei dem Thema ziemlich zart besaitet - warum auch immer.

„Na, wenn das mal gut geht“, knurrte Robert nur.

„Ich weiß, was ich gesagt habe, und du darfst das nicht so ernst nehmen. Wenn ich wütend bin, dann sag ich schon Dinge, die ich so nie durchziehen würde. Ihm Steine in den Weg legen wo ich kann, ja. Ihm wirklich schaden, nein. Wobei das alles dehnbar ist. Ich möchte ihm zeigen, dass er sich mit mir den falschen Gegner ausgesucht hat.“ William wusste selbst nicht so genau, wie er das mit Yves erklären sollte. Er mochte ihn nicht, aber bewunderte ihn gleichzeitig, weil er sich nicht einschüchtern ließ und sich gegen William wehrte.

„Soweit ich weiß, hat er sich dich nicht ausgesucht. Du hast...“

„Peter, halt die Klappe“, knurrte Robert, der jetzt wirklich keine gesteigerte Lust auf eine Grundsatzdiskussion darüber hatte, wer nun wem als erstes und warum und sowieso und überhaupt. Er wollte einfach William im Auge behalten und wenn der mit Yves zu weit ging, würde er ihm gepflegt eine hinter die Löffel hauen und die Kirchenmaus retten. Er sah das jetzt nicht so streng wie Peter, der beleidigt die Arme verschränkte und sich in seinem Sessel zurückfallen ließ.

William lenkte auch ein. „Vielleicht nehme ich ihn ja auch nicht mit. Ich muss da noch mal gründlich drüber nachdenken und wenn er mitkommt, dann seid ihr auch dabei, so dass ihm nichts passieren kann. Ihr seid dann so was wie mein gutes Gewissen.“ William lachte und stupste Peter an, denn langsam freute er sich sogar ein wenig darauf, mit seinen Freunden zu verreisen.

„Wenn du mich fragst - was du natürlich nicht tust“, murmelte Peter grinsend, „lass ihn hier und lass uns dort lieber was anderes finden, um deiner Mutter graue Haare zu machen. Ich glaube, Yves kann es sich nicht leisten, ein ganzes Wochenende zum Geldverdienen zu verlieren und wenn du nicht in der Stadt bist, kommt er auch nicht in die Verlegenheit, deine Autotüren zu demolieren.“ Er gab sich versöhnt und spendierte eine Runde Cola.

„Neeee“, lachte William, nachdem er Peter erst nachdenklich angesehen und mit dem Kopf gewackelt hatte. „Ich glaube schon, dass ich ihn mitnehme und wenn es sein muss, werde ich mich bei seinem Arbeitgeber darum kümmern, dass er keinen Verdienstausfall hat.“ Er wusste selbst, dass sich das alles ein wenig verworren und etwas merkwürdig anhörte, aber das war ihm egal. Diese Kirchenmaus ging ihm einfach unter die Haut.

Das schien auch Robert zu bemerken, der sich erst zu einem Kommentar hinreißen lassen wollte, es dann aber doch dabei beließ zu grinsen. Nein, wenn es um diesen Yves ging, wurde man aus William nicht schlau. Sie herzten und sie schlugen sich - das traf es wohl am besten. Wobei er immer noch nicht wusste, wie der Kerl eigentlich aussah. Aber das würde sich ja zum Wochenende geben.

„Ja, sorge dafür, dass er keine Nachteile davon hat. Dann hast du meinen Segen“, sagte er und trank einen großen Schluck. Vielleicht half das Koffein, Williams Ambitionen besser zu verstehen.

„Für ihn reicht es schon, dass er mit muss, das wird ihn am meisten anstinken. Er geht mir nämlich aus dem Weg, wo er nur kann, und im Moment ist er sowieso ziemlich wütend auf mich.“ Williams Augen glitzerten wieder gefährlich und obwohl er mit einer Mordswut hierher gekommen war, fühlte er sich gerade sehr zufrieden. Wenn alles klappte, konnte er nicht nur Yves, sondern auch seiner Mutter einen Dämpfer verpassen.

„Mal abgesehen davon, wie sehr es dir gefällt, die Kirchenmaus mal wieder zu pieksen: Was macht dich so sicher, dass er mitkommen wird?“, stellte Robert die Frage, die ihm schon eine Weile durch den kopf geisterte. „Ich meine, wenn er dich meidet, wo er nur kann, warum sollte er mit dir ein Flugzeug teilen oder ein Herrenhaus?“

„Die Autotür. Er hat zwei Möglichkeiten. Die Reparatur meines Autos zu bezahlen, oder mitzukommen.“ William lachte, weil Peter schon wieder geschockt guckte. „Ich bin mir fast sicher, dass er mitkommen wird, denn er kann diesen Betrag nicht aufbringen und ihr werdet ihm das Geld nicht geben. Das ist eine Sache zwischen uns beiden.“

Eine ganze Weile sah Peter seinen Freund schweigend an und wer ihn gut genug kannte, der wusste, dass er mindestens sieben Einwürfe gehabt hätte, aber alles hinunter schluckte. Es hatte ja bei diesem Kerl sowieso keinen Sinn, mit Logik oder Würde an diese Sache heran zu gehen. William hatte sich eben diesen Kerl in den Kopf gesetzt - egal auf welch abartigem Niveau er zum Ziel kam. „Armselig“, war alles, was er von sich gab, ehe er sich seiner Cola widmete.

„Pff“, machte William nur, denn er sah das gar nicht so, aber darüber mit Peter zu diskutieren verdarb ihm bestimmt nur wieder die Laune. „Soll ich ihn so davon kommen lassen, dass er seine Wut an meinem kleinen Liebling ausgelassen hat? Du wärst auch ziemlich sauer, wenn dein Schatz eine Delle hätte.“ Schließlich hing Peter an seinem Wagen noch mehr, als er selber.

„Wenn ich vorher einen Kerl begrabbelt habe, der das nicht will und von Job wegen sich nicht wehren kann, dann wäre ich zwar nicht amüsiert über die Delle, aber zähneknirschend würde ich das richten lassen, weil ich mich daran erinnere, dass ich mich wie ein Depp aufgeführt habe“, erklärte Peter mit der Ruhe, die ihm immer dann zueigen wurde, wenn er wusste, dass Toben sich nicht lohnte. „Ich weiß nicht, ob ich mich dann noch auf das fragwürdige Niveau eines Erpressers hinab begeben muss“, schob er noch frech grinsend nach. Jetzt war William fällig.

„Erpresser?“ William knurrte, aber seine Augen sprühten gut gelaunt. „Ich habe ihn nicht begrabbelt, denn ich stehe nicht auf Jungs und ich erpresse ihn nicht. Wenn er das Geld bezahlen will, bitte, dann soll er das tun.“ So schnell ließ er sich nicht mehr aus der Reserve locken, wo er für sich entschieden hatte, was er als Strafe für seine Kirchmaus nahm. „Wir sind halt unterschiedlich. Ich begebe mich gern auf dieses Niveau, wenn ich damit meine Straßenratte ärgern kann.“

„Hopfen und Malz verloren - machtgieriges Arschloch“, sagte Peter trocken und legte Geld auf den Tisch. „Das sollte für meinen Anteil reichen. Ich verschwinde, ehe ich noch etwas sage, was ich vielleicht hinterher noch nicht einmal bereue“, erklärte er, denn diese Sache ging ihm zu weit. Bewusst das Leben eines anderen zu zerstören, der sich nicht wehren kann und schutzlos ausgeliefert war, das konnte er weder gut heißen noch wollte er Teil dessen sein. Viel eher würde er diesen Yves suchen und ihn warnen. Vielleicht nahm er das Geld von ihm an.

Als Peter sich erhob, verschloss sich Williams Gesicht und wieder wütend, wollte er Peter was hinterher rufen, aber Robert fuhr ihm in die Parade. „Ein Wort noch und du kannst dir noch eine zweite Tür bestellen, weil ich dir Arschloch dann nämlich auch wo hin trete“, zischte er und funkelte William an. „Hörst du dir eigentlich auch mal zu? Ich kann verstehen, dass Peter gegangen ist. Das wieder einzurenken wird nicht einfach sein, aber ich rate dir, es zu versuchen, weil ich dir so lange auf den Sack gehen werde, bis du es tust.“ So wütend hatte William Robert noch nie gesehen und ihm ging auf, dass er ziemlichen Mist gebaut hatte.

„Er muss ja nicht gleich beleidigt abhauen, sondern soll sagen, was er meint, denn mit so was kann ich nichts anfangen. Wenn man mir die Meinung sagt, dann können wir reden, aber so nicht.“

„Du hast es wirklich nicht begriffen, William“, sagte Robert und erhob sich ebenfalls. „Peter ist zu wohl erzogen, um sich auf dein augenblickliches Niveau zu begeben. Er ist zu nett, um dir zu sagen, dass du dir vielleicht mal wieder was zum vögeln suchen solltest, wenn du es nötig hast, einem armen Kerl, der seinen Weg im Leben sucht, das Leben zu versauen, nur weil du es kannst. Mit machtgeil lag er wirklich gar nicht so schlecht, denn anders kannst du diesem Yves nicht beikommen. Aber gehe davon aus, William, er wird jetzt zwei nicht minder einflussreiche Schatten haben. Wage es, ihm das Leben zu versauen und du hast ein großes Problem.“

Robert wusste, dass er dick auftrug, doch so konnte das hier nicht weiter gehen. „Deinen Frust in allen Ehren, aber im Augenblick muss man tief blicken, um dein Niveau zu finden. Darauf begebe ich mich nicht. Melde dich, wenn du aus der Gosse wieder aufgetaucht bist.“

„Dann hau doch auch ab.“ Jetzt schaltete William auf stur und sah Robert noch nicht einmal nach, als der ging. Er wusste, dass er Mist gebaut hatte, aber im Moment war er zu wütend, das zuzugeben. Erst trat ihm die Straßenratte vors Auto und dann hielten ihm seine Freunde auch noch Vorträge und machten ihn nieder. Als wenn er heute nicht schon Tiefschläge genug erlebt hatte.

„Alles Arschlöcher“, knurrte er und schmiss eine Hand voll Scheine auf den Tisch, dann stürmte er aus dem Lokal zum Auto. Er wollte jetzt einfach nur nach Hause und diesen Scheißtag in Alkohol ertränken, damit er nicht darüber nachdenken musste, was er heute alles verbockt hatte.




[2] Kniesitz, bei denen man auf den Fersen sitzt

[3] Reisstrohmatten