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Das Herz eines Herzogs - Teil 17 bis 20

17


Es rächte sich, wenn man im Frust die Hausbar überfiel und keine Gefangenen nahm sondern alle Geiseln leerte. Rum, Wodka, Whisky - auch wenn sie nur aus den besten Destillerien kamen - machten ab einem bestimmten Pegel ziemliche Probleme, die sich am Folgetag gern in mörderischen Kopfschmerzen niederschlugen. So wie bei William, der stöhnend in seinem Bett lag und versuchte, sich nicht zu bewegen, weil die Bilder vor den Augen schmolzen.

Seine Haushälterin hatte ihn morgens nur angesehen, ihm ein Glas mit Aspirin hin gestellt und die Schule benachrichtigt, dass er nicht kam, ansonsten ließ sie ihn in Ruhe. William war ihr dafür auch dankbar, denn reden und denken war gerade nicht seine Stärke, obwohl ihm immer wieder durch den Kopf geisterte, warum es überhaupt dazu gekommen war.

„Ruhe da drin“, knurrte er leise und verkroch sich wieder unter der Decke. Hier konnte er vielleicht die nervende Sonne und die ihn terrorisierenden Vögel vor dem Fenster aussperren, doch Robert und Peter brachte er nicht zum Schweigen. Eher im Gegenteil: je leiser die Vögel wurden, um so lauter wurde Peters Vorwurf und Roberts Nachschlag.

Die volle Packung.

So hatte er seine Freunde noch nie erlebt und jetzt noch, im Nachhinein, schmerzte es, wie Peter ihn angesehen hatte, als er ging. So enttäuscht und gleichzeitig wütend. William kam sich vor wie ein Schwein und das tat weh, denn bisher hatte er sich noch nie so hinreißen lassen. Was nur war an der Kirchenmaus, dass sie ihn so aus dem Gleichgewicht brachte?

Es konnte nicht mehr nur daran liegen, dass der Kerl bei ihrem ersten Treffen voreingenommen gegen William gewesen war. Objektiv betrachtet hatte er selber ja auch daneben gegriffen. Es konnte auch nicht nur daran liegen, dass Yves sich von ihm nicht einschüchtern ließ. Was also war es? Doch William kam nicht darauf, weil er sich mit einem lauten Stöhnen im Todeskampf auf die anders Seite wälzte.

Was allerdings keine gute Idee war, wie er sofort merkte, als bohrende Schmerzen durch seinen Kopf hämmerten. „Scheiße“, fluchte er gequält und atmete konzentriert, bis das Hämmern nachließ. „Könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich kann jetzt nicht einfach aufhören und nett zu Yves sein. Ich habe ein Gesicht zu verlieren. Aber das wollt ihr ja nicht sehen“, knurrte er und versuchte sich zu entspannen.

Doch aus der Entspannung wurde nicht viel, weil er wieder Peters anklagendes Gesicht vor sich sah und Roberts Drohung, er könne sich gleich noch eine weitere Tür an seinem Liebling richten lassen, wenn er so weiter machte. Wah! Allein der Gedanke schmerzte, mehr noch als der dröhnende Hammerschlag im Kopf. „Könnt ihr nicht nerven, wenn's mir besser geht?“, knurrte er die Blitzgedanken an. „Auf Tiere, die verletzt am Boden liegen, tritt man nicht ein.“

Der Gedanke, dass er mit Yves nichts anderes machte, half ihm auch nicht und machte zu seinem dröhnenden Kopf auch noch ein schlechtes Gewissen. „Argh“, knurrte er matt und raufte sich die Haare. So kam er einfach nicht weiter. Sein Hirn fühlte sich an wie Brei. „Lasst mich doch in Ruhe. Ich kann nicht denken.“

Es war, als würde er Peter: „weiß ich doch - konntest du noch nie!“, sagen hören. Doch das war Unsinn, denn Peter war gar nicht da. Nur William, ein rasender Schmerz und ein leeres Glas, dessen Aspirindosis noch keinerlei Wirkung zeigte.

„Arschlöcher - alle!“, knurrte William und starrte eisern die Decke an und wusste noch nicht genau, wen er eigentlich meinte. So wie er sich gerade fühlte, war er eins davon und das größte dazu. William sah immer wieder Peter vor sich und auf einmal hatte er Angst, dass er seine Freunde verlieren könnte, nur weil er sich in diese Straßenratte verbissen hatte. „Hör auf damit, das bringt doch nichts.“ Er rieb sich über die Augen und seufzte. Fühlte es sich so an, wenn einem das Leben aus den Händen glitt?

Langsam hoben sich seine Hände über seinen Kopf und er betrachtete sie sich - durch sie rann es hindurch. Stück für Stück, seit ihm dieser Kerl das erste Mal über den Weg gelaufen war. William machte den Ansatz, Yves dafür die Schuld zu geben, doch unter Peters wütendem Blick ließ er es bleiben. Es half nichts. Er musste - wenn er irgendwann wieder nüchtern war, was William stark bis ganz stark bezweifelte - mit Peter und Robert reden und seinen Fehler eingestehen. Wie es ihm gelingen sollte, vor der dämlichen Straßenratte sein Gesicht zu wahren, wusste er allerdings noch nicht. Wie auch? Sein Hirn war ein schmerzender Haufen Matsch, der Nadelstiche durch seinen ganzen Körper pulsieren ließ.

„Ihr habt gewonnen, also lasst mich endlich in Ruhe“, murmelte er matt. Er fühlte sich müde, unendlich müde und einsam. Wenn er es nicht mehr gekittet bekam, hatte er seine einzigen Freunde verloren, denn Yuki gehörte zu Yves, die konnte er ihm nicht wegnehmen und das würde die hübsche Japanerin auch nicht zulassen. Schutzsuchend schlang er seine Arme um sich und machte sich klein. „Lasst mich doch einfach in Ruhe.“ Und er konnte noch nicht einmal weglaufen, weil sein Körper ein einziger lähmender Schmerz war.

Doch was sollte er tun? Mit Yves würde er darüber ums Verrecken nicht reden! Aber mit Peter und Robert musste er einiges klar stellen. Am besten gleich, wenn da nur nicht diese Nadelstiche wären, die ihn daran hinderten, auch nur einen einzigen Gedanken bis zum Ende zu bringen.

Er schaffte es noch nicht einmal, sein Handy zu greifen und eine kurze Nachricht an Peter und Robert zu schicken, auch wenn er seinen Arm ein paar Mal danach ausstreckte. Immer wieder fiel seine Hand herunter. Was sollte er auch schreiben? 'Es tut mir Leid?' 'Wir müssen reden?' Auch wenn es stimmte, sperrte sich noch zu viel in ihm dagegen.

Es gab schon Dinge, die ihm Leid taten - doch es gab auch welche, für die würde er sich nicht rechtfertigen. Yves hatte sein Scherflein ebenso zu allem beigetragen wie William. Diese Jacke, die Peter ihm überziehen wollte, zog er sich nicht allein an.

Wieder wanderte sein Blick zum Handy. Selbst wenn er es greifen könnte: was sollte er also tippen? 'Könnt ihr vorbei kommen? Die Sache ist noch nicht geklärt.' Er zuckte die Schultern, auch wenn es im Nacken und hinter der Stirn stach. So leicht, wie Peter das wollte, kam Yves aus der Sache mit der Autotür nicht heraus, denn da hatte der Spinner wirklich übertrieben. Es war ja nicht so, als hätte William ihn unkeusch angefasst. Und nackt hatte er die Straßenratte schon vorher im Sportunterricht in der Dusche gesehen. Warum war der also so ausgeflippt?

„Aua.“ Nein, William wollte nicht denken.

Okay, Yves war ihm ausgeliefert gewesen, aber was hatte er schon Schlimmes gemacht? So sehr er sich auch bemühte, seine Gedanken ratterten weiter. Hätte Yves sich gegen ihn gewehrt, wie er gehofft hatte, hätte er seinen Job verloren und damit seine einzige Chance, das Geld für die Schule zusammen zu bekommen. So gesehen, war er wirklich ein Arschloch gewesen, das seine Macht demonstrieren wollte.

„Danke, Peter“, knurrte er wütend, aber es nutzte nichts. Sein schlechtes Gewissen hatte ihn im Knebelgriff und ließ nicht mehr locker. Es nutzte schad- und hemmungslos aus, dass William nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war und nun für Objektivität ziemlich empfänglich schien.

„Aber ich geb den nicht auf“, knurrte William, um es seinem übermütigen, schlechten Gewissen zu zeigen, doch es rächte sich mit einer weiteren Salve von Schmerzensschüssen in seinem malträtierten Kopf. Was für ein bekloppter Tag!

Es schien auf etwas hinzuarbeiten, nur hatte William noch keinen Schimmer, was das sein sollte. Zumindest fand er heraus, dass eine SMS an seine Freunde schreiben wohl dazu gehörte, denn nach dem Handy greifen konnte er, ohne dass ihm der Kopf platzte. Das Schreiben war schon schwieriger und dauerte mehrere Versuche, bis es Ruhe gab und ihn nicht mehr mit Schmerzen quälte. So schickte er knurrend ab, was ihm diktiert worden war.

<Ich bin ein Idiot! Lasst uns reden - bitte. Heute Nachmittag bei mir auf Long Island>

Dann fiel er wieder in sein Kissen und das Handy landete neben ihm auf der Matratze. Dafür hatte er sich nun die Hände auf das Gesicht gelegt. Nur gut, dass seine Mutter ihn so nicht sah - oder was fast noch schlimmer wäre: die Straßenratte. Und warum wanderten seine Gedanken schon wieder in diese ungesunde Richtung? Schließlich hatte ihm der Kerl den ganzen Ärger erst eingebrockt. Bockig wollte William sich erheben und seinem Gewissen erklären, wer hier der eigentliche Schuldige war, doch er ließ es bleiben - sein Gewissen hatte im Augenblick die wirksameren Waffen.

Lieber wollte er langsam versuchen sich am Leben zu beteiligen und da war duschen vielleicht ein guter Anfang.

Es dauerte mehrere Minuten, bis er überhaupt erst einmal saß. An gehen und duschen war da noch nicht zu denken, denn er musste sich an den Bettpfosten festhalten, damit das Drehen endlich aufhörte. „Scheiß Idee. Nie wieder Alkohol“, jammerte er leise und im Moment war ihm das vollkommen ernst. Sein Blick fiel auf die Attentäter der letzten Nacht - vier leere Flaschen kullerten harmlos auf dem Boden herum. Die konnte er doch unmöglich allein geleert haben! Wo waren die, die diese Flaschen auf den Kopf gestellt hatten?

Doch der stechende Schmerz in seinem Kopf machte ihm ziemlich schnell klar, dass er wohl allein der Bezwinger gewesen war. Heldenmut in allen Ehren, im Augenblick konnte er den nicht genießen.

Mit einem Fuß kickte er die Flaschen aus dem Weg, denn darüber auch noch zu stolpern, war das Letzte, was er heute wollte. Auf die folgende Schlagzeile konnte er gut verzichten. „Duke of Kendal nach sinnlosem Saufgelage wegen einer Straßenratte mit gebrochenen Beinen in Klinik eingeliefert“, murmelte er leise und lachte freudlos.

Warum war das Leben nur so beschissen?

Stimmte es wirklich, dass Gleiches mit Gleichem vergolten wurde und er jetzt einen Vorgeschmack dessen bekam, was er Yves hatte zumuten wollen? „Nää!“ William schüttelte energisch den Kopf und bereute es gleich in der Sekunde, wo er angesetzt hatte sich zu bewegen.

„Hm“, knurrte er nur noch leise und taumelte dann ohne Netz und doppelten Boden zum Bad. Ihm war vorher nie aufgefallen, wie verdammt weit dieser Weg sein konnte.

Es war nicht einfach, aber William schaffte ihn, auch wenn er sich völlig erschöpft am Türrahmen festhalten musste. Darum gab er auch schnell auf, würdevoll im Stehen zu duschen. Er setzte sich einfach auf den Boden und ließ das Wasser auf sich niederfallen, bis er sich in der Lage fühlte nach dem Duschgel zu greifen.

Wenn man den Trick erst einmal raus hatte, sich zu bewegen, ohne den Kopf größeren, rascheren Erschütterungen auszusetzen, dann kam man langsam zurück ins Leben. William wusch sich also bedächtig und rubbelte sich dann in Zeitlupe trocken. Doch dann stand der Weg zurück durch das Zimmer bis zum begehbaren Kleiderschrank am anderen Ende des Raumes an. Welcher Idiot hatte den dorthin gebaut?

Ein Handtuch war doch auch sehr kleidsam, legte er für sich fest und tapste vorsichtig wieder Richtung Bett. Bis seine Freunde kamen, war noch Zeit, denn die saßen noch in der Schule. So lange konnte er sich etwas hinlegen und die Tabletten wirken lassen, auch wenn bis jetzt nicht viel davon zu merken war.

In erster Intuition wollte er noch eine Packung davon vertilgen, hielt es dann auf nüchternen Magen aber für keine gute Idee. Da musste er jetzt eben durch und es tragen wie ein Mann. Oh wie heroisch er doch sein konnte und keiner war da, der es hätte bemerken können. Hatte er eigentlich heute schon festgestellt, wie ungerecht das Leben war?

Da lag William nun auf einem Berg aus Kissen, damit er halbwegs aufrecht war und sein Kreislauf nicht völlig absackte und immer wieder gepiesackt von seinem Gewissen, das seine Berufung gefunden hatte. „Herr Gott noch mal. Ich werde mich entschuldigen. Gib jetzt endlich Ruhe“, knurrte William schließlich und gab den Kampf verloren. Heute war er kein Gegner für einen unerbittlichen Feind, der zu jedem schmutzigen Trick griff, den er finden konnte.

Es reichte seinem Gewissen nicht, ihm zu erklären, wo er sich überall bei Yves benommen hatte wie ein Prolet, nein, es musste auch immer wieder Peters Gesicht annehmen und ihn enttäuscht ansehen. Eigentlich war es William egal, was Menschen von ihm dachten. Er hatte genügend Macht und Geld, sich deren Wohlwollen zu erkaufen, wenn es sein musste. Doch bei seinen beiden Freunden war das etwas anderes. Sie waren ihm ans Herz gewachsen - sie waren wichtig und sie wegen einer dahergelaufenen Straßenratte zu verlieren, war die Sache nicht wert.

Auch wenn William heute nicht gerade in seiner besten Form war, über seinen Schatten zu springen, sollte ihm noch gelingen. Zumindest in ein paar Stunden, wenn seine Beine nicht mehr so wackelten und sein Kopf aufhörte, ihn mit Schmerzen zu terrorisieren. Er hatte auf der ganzen Linie verloren, das musste er einsehen. Besiegt von seiner Kirchenmaus, die noch nicht einmal etwas davon wusste.

Schnell war auch eine Schuldige gefunden.

Seine Mutter!

Schließlich hatte sie ihn auf diese Schule gezwungen.

Schließlich hatte sie dafür gesorgt, dass ihm jemand die Bücher brachte und sie war es auch, die ihm früher asiatische Schwertkunst verwehrt hatte. Hätte er das früher lernen dürfen, hätte er keinen Dojo gesucht, wäre nicht noch mehr in den Kirchemausbereich eingedrungen und hätte sich nicht veranlasst gefühlt, Yves ausstechen zu wollen.

Und schließlich und endlich war es doch seine werte Frau Mutter gewesen, die ihn übermorgen auf ein Fest zwingen wollte mit einer Pute an seiner Seite, die William schon die Galle überlaufen ließ, wenn er Laurens Namen nur las.

Sie war schuld an seinem Zustand!

Gleich ging es ihm besser, auch wenn es wohl nur Einbildung war. Zumindest konnte er sich sicher sein, dass seine Freunde mit seinem neuen Feind keinerlei Probleme hatten, denn seine Mutter war nicht unschuldig, wie die Kirchenmaus. Allerdings wollte er seinen Plan, Yves mit nach England zu nehmen, noch nicht aufgeben. Nur musste er das seinen Freunden anders verkaufen, damit sie mitmachten.

William rollte ein wenig die Schultern. Langsam schienen seine Lebensgeister aus ihrem wodkagetränkten Taumel aufzuwachen und sich die Augen zu reiben. „Vielleicht, wenn ich ihnen anbiete, dass Yves jederzeit aussteigen kann, wenn es ihm zu viel wird?“, überlegte William und holte tief Luft. War das möglich? Er hoffte darauf, dass Yves ein Mann von Ehre war und nicht einfach so ausstieg.

Seine Ehre war so ziemlich das einzige, was William ihm gelassen hatte, wie sein Gewissen ihm gerade hämisch mitteilte, weil es noch nicht einsah, wieder abgeschoben zu werden. „Ist ja gut“, seufzte er und zog die Decke um sich fester. Immer wenn er zuviel getrunken hatte, fror er am nächsten Tag erbärmlich. „Ich werde versuchen, den Schaden zu begrenzen.“

„Das will ich hoffen, sonst geh ich nämlich gleich wieder“, hörte er Roberts Stimme, der Peter vor sich her in den Raum schob. Beide jungen Männer wirkten nicht gerade froh gestimmt, doch William so zu sehen, machte sie nachdenklich.

Erschrocken zuckte William herum, sackte aber gleich darauf stöhnend zusammen und hielt sich den Kopf, durch den wieder ein stechender Schmerz pochte. Es war schon entwürdigend, wie er jammerte, aber heute war sowieso nicht sein Tag und sich vor seinen Freunden lächerlich zu machen, war so etwas wie die Kirsche auf der Torte seiner Fehltritte.

„Man, siehst du scheiße aus“, sagte Robert und schob Peter weiter, der sich sichtlich weigerte, überhaupt hier her gebracht worden zu sein. Es fehlte nur noch, dass er strampelte und schimpfte, doch er unterließ es, denn er wusste, was sich gehörte. „Lange Nacht gehabt? Deinen Entschluss gefeiert oder was?“ Robert zeigte kein Mitleid. Er war noch immer wütend und außerdem war er nur hier, weil ihm William nicht ganz egal war. Also wollte er sich anhören, was der noch zu sagen hatte.

„Oh man. Als mein schlechtes Gewissen wart ihr schon furchtbar. Real seid ihr noch besser. Die Kopfschmerzen sind schlimmer“, murmelte William, der die Hände wieder von seinen Schläfen nahm und seine Gäste schief angrinste. „Ich habe gar nichts gefeiert, sondern mich einfach nur sinnlos betrunken, weil ich ein Idiot bin.“

„Ja, Idioten pflegen derartiges zu tun. Idiotische Sachen, aber der Einwurf mit dem schlechten Gewissen hat mir gefallen - warum hast du es?“, fragte Robert neugierig. Das war bei William nämlich eher selten. Also schubste er den immer noch stocksteifen Peter auf die Couch, wo er knurrend hocken blieb und musterte nun William. Ja, er sah wirklich scheiße aus und man konnte Mitleid mit ihm bekommen.

Aber nur fast, denn Peter war noch genauso wütend wie den Abend vorher und wenn William ihm nicht zeigte, dass er kein solches machtgieriges, menschenverachtendes Arschloch war wie die letzten Wochen, dann hatte diese Freundschaft sich für ihn erledigt. Er ließ William nicht aus den Augen, der das Gesicht verzog. „Das weißt du doch genau, warum ich ein schlechtes Gewissen habe, schließlich quält ihr zwei mich schon den ganzen Tag damit, mir zu erklären, dass ich mich wie der letzte Arsch benommen habe. Ich bin zu weit gegangen bei Yves und muss sehen, wie ich das wieder gebogen kriege.“

„Das kann ja so schwer nicht sein“, knurrte Peter, „geh hin zu ihm. Sag ihm vergeben und vergessen. Ich gehe dir aus dem Weg und das Geld fürs Stipendium reiche ich an dich weiter, weil ich das nicht nötig habe. Wo ist das Problem?“

„Das Problem liegt darin, dass Will diesen Kerl wohl nicht einfach so gehen lassen kann“, überlegte Robert und Peter sah ihn fragend an.

„Warum denn nicht? Sie gehen sich aus dem Weg und gut.“

„Vielleicht will er ihm nicht aus dem Weg gehen?“, fragte Robert und sah William mit einem Blick an, der tiefer ging. Diese Besessenheit, die William an den Tag legte, war mehr als eine Machtprobe.

William sah zwischen seinen Freunden hin und her und verstand erst einmal gar nichts. „Häh?“, fragte er intelligent und rieb sich die Stirn. Wenn denken heute nur nicht so schwierig wäre. Was meinte Robert damit, dass er der Kirchenmaus nicht aus dem Weg gehen wollte? Peter schien es ähnlich zu gehen, nur dass er denken konnte und Fragen stellen. „Wie meinst du das?“

„So weit gehen, dass er verliebt ist, will ich nicht. Aber zwischen den beiden herrscht eine Anziehung, der sich Will nicht entziehen kann. Egal ob er das nun möchte oder nicht. Er sucht jede Chance, an ihn heran zu kommen und, Peter, du hast ihn doch erlebt, als die Kirchenmaus sich rar gemacht hatte. Er war wie ein Junkie auf Entzug.“ Robert nahm da kein Blatt vor den Mund. William musste nicht glauben, dass man ihn einfach so weiter machen ließ. Man musste sich seinen Dämonen stellen und heute war eben der junge Herzog dran.

Vier große, kugelrunde Augen sahen ihn an. Die einen verstehend, die anderen vollkommen entsetzt. „Verliebt?“, krächzte William und schüttelte den Kopf, egal wie sehr es schmerzte und wie schwindelig ihm danach war, so dass er sich wieder in seine Kissen fallen ließ. „Blödsinn.“ Er wollte wütend und bestimmt klingen, nur klappte das irgendwie nicht, denn seine Stimme hörte sich eindeutig zu hoch und panisch an.

„Also doch“, murmelte Peter. „Du hast Recht.“

„Tja“, grinste Robert. Wenn er da kein Auge für hatte, wer dann? „Und deswegen wird er nicht zur Ruhe kommen, bis er den Kerl an seiner Seite hat. In welcher Form auch immer. Nur ist unser kleiner Kotzbrocken bis jetzt den völlig falschen Weg gegangen und es wird schwer werden, Yves auf ihn einzuschwören. Der wird sich mit seinen kleinen Mäusefüßchen wehren wie ein Irrer, wenn Will nur in seine Nähe kommt. Vielleicht wäre es wirklich eine gute Idee, wenn er unter Aufsicht mit Yves zusammentreffen würde.“ Jetzt redete Robert nur noch für sich selbst, denn er überlegte.

William war vollkommen vergessen, aber das war nicht schlimm, denn er konnte sicher sein, dass es im Kopf seines Freundes hübsch rotierte, weil Robert gerade etwas in Gang gesetzt hatte, dem sich William nicht entziehen konnte.

„Du meinst, wie auf der Feier seiner Mutter?“ Peter tippte sich gegen die Lippen. Ob das so eine gute Idee war, konnte er nicht sagen, denn dort war Yves vollkommen allein, ohne Freunde. „Ich weiß nicht. Damit treiben wir ihn ziemlich in die Ecke.“

„Wir fahren mit und passen auf ihn auf. Außerdem muss er die Option haben zu gehen, wann immer er das möchte. Man weiß ja nie, wann in William“ - dabei sah er seinen Freund so lange unverhohlen an, bis er dessen ungeteilte Aufmerksamkeit hatte - „wieder der Macho durchbricht, der ihn dann Yves mit Sushi belegen und beknabbern lässt.“ Doch der Gedanke an sich war gar nicht so übel. William war nicht immer nur ein Kotzbrocken, vielleicht gelang es ihnen in London, Yves auch nette Seiten an William zu zeigen und wenn die Kirchenmaus wohlwollender war, vielleicht bekam sich William dann auch wieder ein? Einen Versuch war es wert, befand Robert.

„Weckt mich, wenn ihr mein Leben verplant habt und teilt es mir dann mit. Anscheinend habe ich dabei sowieso kein Mitspracherecht“, knurrte William, dem so langsam aufging, worum das Gespräch sich hier drehte. Die waren doch verrückt. Was sollte er denn bitteschön für ein Interesse an dieser Kirchenmaus haben? Er stand nicht auf Männer und schon gar nicht auf Kirchenmäuse, auch wenn sie noch so gut aussehend und gut gebaut waren.

William zuckte bei seinen Gedanken zusammen. Wo kamen die denn jetzt her? Machte Robert ihn schon so kirre, dass er doch ernsthaft…? Nein, so war das nicht und er schüttelte den Kopf. Nicht die Kirchenmaus. Das durfte einfach nicht sein. Er schob seine wirren Gedanken erst auf den Alkohol, der sowieso heute mit ihm machte, was er wollte, dann schob er sie auf Robert, der ihm Flausen in den Kopf setzte. Und zum Schluss schob er einfach alles auf sein schlechtes Gewissen, das ihn heute sowieso quälte und dazu nötigte, Abbitte bei der Kirchenmaus zu leisten. Sicher war das keine... nein, William weigerte sich, hier von Verliebtheit zu faseln. Das war höchstens der Drang nach Wiedergutmachung.

Mehr nicht.

„Sollen wir sie in ein Zimmer zusammen lassen?“, fragte Robert und war sich ziemlich sicher, dass er William so vom Schlafen abhalten konnte.

„Bitte?“ Wie erwartet schoss William sofort hoch, bereute es aber augenblicklich, weil sein Kopf hämmerte und er erst einmal tief atmen musste, damit der Schmerz weg ging. „Hört ihr mal bitte damit auf?“, brachte er gequält hervor.

„Unbedingt, aber wir sollten Überwachungskameras anbringen, damit wir, wenn nötig, eingreifen und Yves retten können“, sagte Peter ungerührt. Er mochte ein anständiger Kerl sein, aber das hieß nicht, dass er William nicht leiden ließ, für das, was er angerichtet hatte, denn das hatte dieser Snob eindeutig verdient.

„Eben. Nicht dass der noch in Bereichen herum fingert, die die Kirchenmaus nicht freigegeben hat“, überlegte auch Robert, lachte aber leise, zum Glück von William ungesehen, denn das Bett stand ihm im Rücken. „Und die Sache mit dem Geld sollten wir vorher klären. Ich habe kein gutes Gefühl dabei, wenn er sich verpflichtet fühlt, sich alles gefallen zu lassen, nur weil diese Schulden noch im Raum stehen.“ Dabei dachte Robert aber weniger an William als an dessen Mutter, die den Störenfried vielleicht anfing zu drangsalieren. Das hatte keine Kirchenmaus nötig, schon gar keine hübsche.

„Ich würd ihm das Geld ja sofort geben, wenn er gehen möchte. Die Frage ist nur, ob er es annimmt. So wie ich Will bisher verstanden habe, ist er sehr stolz und da glaube ich nicht, dass er von den Freunden seines Feindes etwas annimmt.“ Peter freundete sich langsam mit Roberts Idee an und sein Kopf schoss nun zu William herum, der sich erschreckte und wieder jammerte, weil er schon wieder Kopfschmerzen bekam. „Wenn du merkst, dass er es nicht mehr aushält – wir werden dir bei der Entscheidungsfindung natürlich helfen - lässt du ihn gehen, ohne dass er Nachteile hat. Verstanden?“

„Von mir aus“, kam es matt vom Bett. Was sollte William auch sonst sagen? Wenn er sich weigerte, verlor er seine Freunde und nicht nur seine Würde. Außerdem winkte ein kleiner Zipfel seines Verstandes mit dem Argument, dass er sich irgendwie darauf freute, die Kirchenmaus um sich zu haben - aber der Zipfel war vernachlässigbar klein.

„Gut.“ Peter wirkte sehr zufrieden. Er würde das Geld bereit legen und William in die Hand drücken, wenn Yves die Nase voll hatte. Wenn er das Wochenende durchstand, dann war er seine Schulden los. Ein guter Deal.

„Wann wirst du es ihm sagen und wie? Sei ja nett!“ Peters Augen blitzten.

„Gleich.“ Robert setzte sich neben Peter und sah William grinsend an. „Was unser kleiner Säufer braucht, ist etwas zu essen und bei einem angeschlagenen Magen wirkt eine kräftige und leckere Nudelsuppe Wunder. Wir rufen in diesem Restaurant an, wo Yves arbeitet und bestellen was und du, mein Freund, wirst ihm sagen, was du dir überlegt hast.“ Ja, so machten sie das. William war angeschlagen und noch formbar, das mussten sie ausnutzen.

„Was ich mir ausgedacht habe?“, knurrte William, aber nur halbherzig. Er hatte eh keine Chance, denn Peter streckte schon die Hand nach seinem Telefon aus, damit er anrufen konnte.

„Ja, mein Schatz. Was du dir ausgedacht hast und wenn du nicht lieb zu Yves bist, werde ich dich treten, bis du vor ihm auf die Knie fällst. Überlege dir also, wie du dem netten, jungen Mann entgegen treten wirst.“ Er ließ sich von William sein Telefon zuwerfen, denn dort war Chens Lieferservice - aus welchen Gründen auch immer - gespeichert. Schnell wurde gewählt, bestellt und darauf bestanden, dass Yves die Auslieferung machen sollte. Man würde ihn auch mit einem guten Trinkgeld belohnen, denn bis nach Long Island war es nicht der nächste Weg.

„Duschen und anziehen, aber flott. Mach dich vorzeigbar.“ Peter zerrte an Williams Arm, der schwach protestierte und Gegenwehr leistete. „Ist mir gleich, dass du schon geduscht hast heute. Du stinkst und darum bist du noch mal fällig.“ Peter zerrte weiter und wenn er nicht aus dem Bett fallen wollte, musste William aufstehen.

„Ich werde mich rächen, das ist ja wohl klar“, knurrte er ungnädig, schlurfte aber ins Bad. So bekam er nicht mehr mit, wie seine Freunde sich angrinsten und die Daumen hoch hielten.

„Mach dich fein, wenn dein Herzblatt hier aufschlägt“, rief ihm Robert noch hinterher, das hatte er sich einfach nicht verkneifen können.

„Ihr seid so blöd, dass euch die Schweine beißen“, knurrte William noch, als er die Tür hinter sich ins Schloss warf. So konnte er nicht sehen, wie zufrieden seine beiden Freunde waren. Vielleicht sollten sie William öfter abfüllen, denn dann war er entschieden leichter zu handhaben und außerdem waren sie total gespannt auf diese Kirchenmaus. Sie wollten auch wissen, was so besonderes an dem war, dass William jedes Mal durchdrehte.

„Er ist bestimmt groß und kräftig“, überlegte Peter.

„Ist das nicht eher mein Part?“, kicherte Robert und sah Peter mit hochgezogener Augenbraue an. „Sollte von dir nicht eher was von Intelligenz, Integrität und solche Dinge kommen? Die körperlichen Vorzüge eines Mannes sind ja wohl eher mein Ressort.“ Jetzt, wo alles wieder halbwegs in geregelten Bahnen lief, brach bei Robert der Schalk durch und da William gerade duschte, war eben Peter dran.

„Ach, denk doch was du willst. Der interessiert mich auch nicht. Ich dachte nur, wenn er Kendo kann und ständig ausliefert und nackt herum liegt - außerdem wird er ja William nicht mit seinem Intellekt beeindruckt haben oder?“ Peter verzog das Gesicht, denn er fühlte sich auf unsaubere Art erwischt. Er hatte das jetzt wirklich nicht so gemeint, wie Robert das hier darstellte, aber je mehr er sich rechtfertigte, um so tiefer würde sein Freund ihn in den Sumpf zerren.

„Alles klar, Peter.“ Grinsend ließ Robert es gut sein. „Ich glaube aber, dass seine Intelligenz da auch mit reinspielt. Will ist ein Genie, dem alles nur so zufliegt. Er braucht nicht lernen und dieser Yves kann sich mit ihm messen und er ist nicht beeindruckt von Wills Können. Das ist ein Aspekt, den wir nicht vernachlässigen sollten. Dieser Yves ist intelligent, dem werden wir nicht lange etwas vormachen können.“

„Wir sollten also die Karten auf den Tisch legen und gar nicht erst versuchen ihn zu bescheißen. Was machen wir, wenn er sagt: bis morgen habt ihr das Geld, aber mit euch grenzdebilen Pfeifen sitze ich nicht im gleichen Flugzeug.“ Peter machte ein nachdenkliches Gesicht und lockte mit seinen etwas unkonventionell gewählten Worten Robert ein freches Grinsen auf die Lippen.

„Dann sagen wir ihm, dass Willma unsterblich verliebt ist und ein Honeymoon-Weekend in London geplant hat.“

„Idiot, ich meine das ernst. Was, wenn er Will so sehr hasst, dass er lieber das Geld, was er für die Schule zusammengespart hat, ausgibt, anstatt sich auf den Deal einzulassen. Dann haben wir den Salat.“

„Nein, das wird er nicht. Nicht nachdem er sich so die Beine ausgerissen hat, um auf der Schule zu bleiben. Er will einen guten Abschluss, um damit einen guten Job zu bekommen. Er wird nicht so blöd sein, wegen Will sein Leben wegzuwerfen.“ Robert wusste nicht wieso, aber so wie William Yves immer beschrieben hatte, musste es einfach so sein. Der Junge war kein Hitzkopf, sondern ein Denker, von gelegentlichen Ausfällen mal abgesehen und selbst die waren mit dem nötigen Hintergrundwissen teils verständlich.

„Na, dein Wort in Gottes Ohr“, murmelte Peter und machte sich nun auf zu Williams Kleiderschrank. Besser er überließ nichts dem Zufall. Wenn der junge Herzog gleich wieder nur im Handtuch herum saß, bekamen sie den nie verkauft. Wenn man doch nur wüsste, ob diese Kirchenmaus auf Männer stand? Ob man William also sexy oder lieber verhalten kleiden sollte?

Doch da kam William schon aus der Tür, entschieden frischer als eben noch.

„Jeans und Shirt. Ist nie verkehrt“, murmelte Peter und suchte genau das aus dem Schrank und weil er nicht gemein war, bekam William auch noch Socken und einen Slip. Den allerdings in sehr ansprechender Form und Farbe. Man wusste ja nie. So beladen kam er zu William und beäugte ihn kritisch. „Zähne geputzt? Auch alles gewaschen, was man nicht sieht?“, fragte er streng und machte sich daran, die Fingernägel zu kontrollieren, ob sie auch sauber waren.

„Sag mal spinnst du?“ William entriss Peter seine Hand und schnappte sich seine Kleidung. So langsam wurde er wieder munter und aufmüpfig. „Wir sind hier doch nicht auf der Pferdeauktion. Wir kriegen Suppe von der Straßenratte und wir werden ihm sagen, dass er übermorgen nicht zur Schule geht, sondern mit mir nach London fliegt. Mehr nicht.“ Irgendwie hatte William das ungute Gefühl verschachert zu werden. Abgesehen davon, dass er das an sich nicht mochte, war es ihm noch mehr zu wider, weil ihm klar war an wen. Er hatte zwar versprochen, Yves zufrieden zu lassen, das hieß aber noch lange nicht, dass er sich bei dem anbiedern musste.

„Füße stillhalten oder es gibt was auf den Dröhnschädel“, knurrte Peter, so ganz untypisch und nicht nur William hob eine Augenbraue.

„Ich will den nicht, egal wie, auch wenn ihr das zu glauben scheint. Soll er meinetwegen sein Leben leben, aber ich hab da nix mehr mit zu tun“, erklärte William hitzig, zuckte aber, als er einen Klaps auf den Hinterkopf bekam.

„Aber klar doch und darum wolltest du ihn in dich verliebt machen, hast an ihm rumgefummelt und willst ihn jetzt deiner Mutter als Lover vorstellen? Alles, weil er dir völlig egal ist und du ihn nicht willst.“ Peter klang spöttisch und William war viel zu perplex, um etwas zu sagen, denn die Worte hallten in seinem Kopf wieder und trieben ihm das Blut aus dem Gesicht. Das konnte nicht sein und das durfte nicht sein.

„Meine Güte, das waren ein paar Scherze. Okay, auf seine Kosten - na und?“, versuchte sich William rauszureden, doch es wurde nicht besser. Robert schüttelte den Kopf und Peter sah ihn mit einem nee-is-klar-Blick an, der deutlich machte, wie wenig er Williams Worten Glauben schenkte.

„Guckt bitte mal in mein schwarzes Buch. 879 Weiber, nicht ein Kerl. Ich steh nicht auf Kerle, ich messe mich nur gern mit denen und die Straßenratte ist ein guter Gegner!“ Je schneller der Minutenzeiger über das Ziffernblatt seines Weckers glitt, je näher Yves dem Haus kam, umso intensiver wurde das Gefühl, im Vorhof der Hölle zu stehen.

„Du weißt, dass man zu guten Gegnern immer fair ist, und das bist du eindeutig nicht. Denk darüber nach, bevor du noch mehr Mist erzählst. Yves reizt dich und nicht nur weil er gut ist, sondern weil er dir zeigt, wo deine Grenzen sind und dein schwarzes Buch sagt gar nix. Da steht nur, mit was du dir die Zeit vertrieben hast, bevor du Yves getroffen hast.“ Peter sah William kampflustig an, aber der verschränkte nur die Arme vor der Brust und sagte gar nichts mehr. Die waren doch vollkommen bekloppt. Allerdings hatte er sein Wort gegeben, also zog er es durch. Aber es hieß noch lange nicht, dass er weiter über das diskutieren musste, was seine Freunde sich zusammen spannen. Er wusste, dass es nicht so war und das reichte.

Robert auf der Couch lachte sich ein ums andere Mal ins Fäustchen, denn so heroisch wie sich Peter gerade ins Zeug legte, kannte er seinen Freund eigentlich nicht. Schon gar nicht als Kuppler, noch weniger bei zwei Kerlen. Doch er würde sich nicht weiter einmischen, sondern nur beobachten und leise lachen.

Langsam wurde es Zeit, so weit war der Weg von Chinatown nach Long Island ja nun auch wieder nicht. Hatte die Kirchenmaus kalte Füße bekommen und ließ sie verhungern? Aber eigentlich konnte das nicht sein, denn er hatte ja keine Ahnung, wem er das Essen bringen sollte.


18


„Er kommt“, rief Robert, als er das knatternde Geräusch eines Rollers hörte und flitzte aus dem Zimmer, damit er ihn an der Tür abfangen und nach oben schleifen konnte. Er achtete gar nicht auf William, der seine Finger in das Laken krallte und eine undurchsichtige Miene aufsetzte. Aber Peter bekam es mit und dachte sich seinen Teil. Sein Freund hatte Schiss und das nicht zu knapp. Wie ungewöhnlich bei dem Typen, der glaubte, ihm gehörte die Welt.

„Ich bringe die Bestellung“, erklärte Yves dem jungen Mann an der Tür und sah ihn erwartungsvoll an. Er reichte die Kiste mit den Suppen und suchte aus dem Portemonnaie die Rechnung. Der Weg hier raus hatte ihn ganz schön aus dem Zeitplan gebracht. Das war nicht gut.

Robert, ganz in die Betrachtung Yves' versunken, nahm die Kiste automatisch. „Lecker“, war alles, was er denken konnte und damit meinte er nicht die Suppen. Irgendwie konnte er jetzt verstehen, warum William sich in dieses Schnuckelchen verguckt hatte. Wenn er nicht Adam hätte, wäre er jetzt eindeutig auf der Jagd.

Er schreckte auf und blinzelte, als ein Stück Papier vor seiner Nase wedelte und zwei ungeduldige, schwarze Augen ihn anfunkelten, was ihn schon wieder kurzfristig wegtreten ließ. „Äh… Moment“, riss er sich dann aber doch los und lächelte entschuldigend. „Geld hab ich oben, komm einfach mit hoch, dann geht es schneller.“ Schon machte er auf dem Absatz kehrt und lief voraus.

„Aber“, versuchte Yves noch zu erklären, wie er das gerade fand, doch er folgte. Schließlich hatte er keine Lust, dass der Typ mit dem Essen verschwand und dann kein Geld rausrückte. Mit ausgreifenden Schritten folgte er also dem jungen Mann die Treppe nach oben und hatte ihn eingeholt, noch ehe er in einem der Zimmer hätte verschwinden können. Für die Flure und die Kostbarkeiten an den Wänden hatte Yves kein Auge, er hatte Weißgott andere Sorgen. Warum geriet er eigentlich immer an exzentrische Deppen?

„Essen ist da!“, rief Robert und Peter riss die Tür auf, weil er neugierig war. „Immer rein damit, Willma kann es gebrauchen“, lachte er und William knurrte. Nicht nur, dass man ihn zwang mit Yves zu reden, jetzt wurde er auch noch veralbert. Zum Glück war sein Bett nicht gegenüber der Tür, so dass Yves ihn nicht gleich sehen konnte, als er Robert in den Raum folgte.

„Ich würde nur schnell kassieren und dann wieder verschwinden. Ich habe noch ein paar Touren, wissen Sie?“, erklärte Yves sein Drängen und beobachtete den rothaarigen Typen, der immer noch die Suppe spazieren trug. Er folgte ihm und hob noch einmal an, sich zu erklären, als er stockte. William war in sein Blickfeld geraten und schlagartig änderte sich Yves' Ausstrahlung. Sie wurde dunkel, abweisend und auf seinem Gesicht konnte man deutlich Verachtung lesen.

„Sinken wir also auf einen neuen Tiefpunkt des Niveaus“, knurrte er leise und versuchte den Typen zu ignorieren, sonst trat er ihm dieses Mal vielleicht nicht nur die Autotür ein.

„War ganz bestimmt nicht meine Idee“, schoss William nicht weniger abweisend zurück, was Peter dazu veranlasste, die Tür hinter Yves zu schließen, damit der nicht gleich wieder abhaute.

„Ähm… also, Yves“, setzte er an und lächelte. Die Kirchenmaus war so vollkommen anders, als er gedacht hatte. „Ich bin Peter, ein Freund von diesem Knurrkopp. Tut uns Leid, dass wir dich so hierher gelockt haben, aber es war nötig. Es war wirklich nicht Wills Idee, sondern unsere, weil ihr dringend miteinander reden müsst.“

Mit einer Mischung aus Überraschung und Beherrschung sah Yves den blonden jungen Mann an und versuchte zu begreifen, was der gerade von sich gegeben hatte. Er sollte mit dem Fraggle reden? „Ums Verrecken nicht. Mit dem Fraggle habe ich nichts zu klären. Ich würde jetzt gern um das Geld für die Lieferung bitten und dann unbehelligt gehen“, erklärte er und sah Robert auffordernd an. Ihm war es ziemlich egal, wessen Idee das gewesen war und was die Fraggle-Freunde glaubten. Er hatte dem Mistkerl nichts mehr zu sagen - seit gestern waren sie endgültig fertig miteinander, denn tiefer als das konnte man nicht mehr sinken.

„Seht ihr, ich hab's doch gleich gesagt. Er will nicht“, warf William von der anderen Seite des Zimmers ein, was ihm wieder einen Schlag auf den Hinterkopf von Robert einbrachte, der die Suppen abgestellt hatte.

„Klappe, Willma, wenn du nichts Konstruktives beizusteuern hast“, knurrte er und ging zu Yves. Er streckte ihm lächelnd die Hand hin und ignorierte den zeternden und fluchenden William, der sich den Kopf hielt, vollkommen. „Ich bin Robert. Freut mich, dich kennen zu lernen.“

Irritiert von der Tatsache, dass es Menschen gab, die den Fraggle in die Schranken wiesen, ergriff Yves die Hand und stellte sich ebenfalls vor. Dieser Fraggle-Dompteur gefiel ihm irgendwie. Und auch die Tatsache, dass William ziemlich zu leiden schien. Hatte wohl Kopfweh, der Ärmste? „Okay, da ich mein Geld nicht kriege, ehe ihr euer Sprüchlein losgeworden seid, legt los. Ich habe nämlich wirklich noch zu tun.“ Abwartend sah er Robert an. Seine schwarzen Augen fixierten ihn.

„Also“, fing Robert an, wurde aber von Peter unterbrochen.

„Setzen wir uns.“ Er zeigte auf die Sitzgruppe und ließ sich auf einen Sessel fallen. „Nach gestern haben Robert und ich beschlossen, dass das mit euch nicht so weitergehen kann. Will hat eine Grenze überschritten, die er nicht hätte überschreiten sollen. Dass du dich dagegen gewehrt und ihm eine rein gehauen hast, war dein gutes Recht, nur das mit der Autotür war etwas übertrieben, aber um das aus der Welt zu schaffen, haben wir einen Vorschlag.“

„Danke, ich stehe“, murmelte Yves, denn wenn er sich setzte, hatte er den Fraggle im Rücken und außerdem hatte Yves gerade ein paar der Waffen an der Wand entdeckt. Er versuchte, nicht beeindruckt auszusehen und sich nicht davon ablenken zu lassen, als er erklärte, dass er für den Schaden aufkommen würde, es könnte nur eine Weile dauern. Was hatte er auch erwartet? Dass der dämliche Fraggle einsah, dass er zu weit gegangen war und sich selber um seine Autotür kümmerte? Der doch nicht. „Arschloch“, knurrte Yves, aber nur ganz leise, als er einen kurzen Blick zum Fraggle warf.

„Es geht nicht um das Geld, denn davon hab ich genug“, mischte sich nun William ein und stand vom Bett auf. Er versuchte ruhig zu bleiben, aber so wie Yves ihn musterte, ging ihm schon wieder die Galle hoch. „Aber genauso, wie ich für mein Verhalten dir gegenüber die Schläge verdient habe, geht es nicht, dass du dich an meinem Baby vergreifst. Dafür hast du zu zahlen, aber es muss nicht unbedingt Geld sein.“ Jetzt stand William Yves genau gegenüber und seine Augen fixierten ihn. „Am Freitag fliege ich zu meiner Mutter nach London zu einem Empfang und du wirst mich begleiten. Als mein Liebhaber.“

Wären Stecknadeln von Tischen gefallen, man hätte das Dröhnen des Aufschlages auf dem Parkett hören können, so still war es. Yves schien erst gar nicht zu begreifen, was der Fraggle sagte, doch als es einen Sinn ergab, verschmälerten sich seine Augen. „Wie tief willst du eigentlich noch sinken, du Mistkerl? Vergleichst deine Demütigungen mir gegenüber mit einem seelenlosen Gegenstand wie deiner scheiß Karre. Du bist echt das Letzte. Schick mir die Rechnung für die Tür und gib mir das Geld für die Suppen. Ich glaube nicht, dass wir uns noch etwas zu sagen haben.“

Er machte auf dem Absatz kehrt und lief genau in Robert hinein, der sich wohl wissend hinter Yves postiert hatte.

„Das hätte man anders formulieren können, Idiot“, knurrte sein Freund William an und hatte alle Hände voll damit zu tun, Yves am gehen zu hindern, der ihn als Fraggle-Freund beschimpfte und ihn mehr als einmal darauf hinwies, ihn besser loszulassen, wenn er an seiner Makellosigkeit hing.

„Yves, hör doch erst mal zu“, versuchte es Robert mit Logik und hätte William am liebsten in den Arsch getreten - so ein Gefühlstrampel. Wenn der sich immer so benahm, war es kein Wunder, dass Yves ihn nur sehen musste und sich das Fell sträubte.

„Du musst nichts tun, was du nicht willst. Es geht nur darum, seiner Mutter eine reinzuwürgen. Nicht dir! Verdammt, Will, sag auch was und wehe du provozierst gleich wieder.“ Robert hatte alle Hände voll zu tun. Der Kerl hatte aber auch eine Kraft! Genauso wie Peter, der William am Wickel hatte und ihm immer wieder abwechselnd in den Hintern trat und gegen den Hinterkopf schlug. Das war zwar gar nicht seine Art, aber so wie es aussah, verstand William nichts anderes. Er war klein und wendig und sein Freund immer noch angeschlagen, so dass er jedes Mal einen Treffer landete, ohne dass William ihn zu fassen bekam.

„Du wirst dich jetzt sofort bei Yves entschuldigen, Will, oder ich schwöre dir, ich rede nie wieder auch nur ein Wort mit dir, du Arschloch“, schimpfte er dabei und erstaunte nicht nur Robert mit seinen Worten, sondern auch William, der mitten in der Bewegung innehielt und seinen Freund geschockt ansah.

„Aber…“, setzte er an, bekam aber einen Schubs in den Rücken, sodass er gegen Yves stolperte.

„Mach, oder ich helfe Yves, dich zu kastrieren. Los!“ Peters Augen funkelten wütend und William konnte sehen, wie bitterernst sein Freund es meinte. Unschlüssig stand er da und kaute an seiner Unterlippe, aber als Yves Robert einen Schubs versetzte und der strauchelte, griff er nach Yves' Arm. „Bitte, Yves, lass ihn. Es tut mir Leid“, murmelte er leise und erntete einen undeutbaren Blick von seinem Gegenspieler.

„Es tut dir Leid?“, fragte Yves, doch er fühlte sich veralbert. Was war das denn hier für ein durchgeknalltes Spiel, was die drei mit ihm trieben? „Und was genau, hm?“, fragte er und sah gar nicht ein, auf Williams Tour reinzufallen. „Dass ich das Geld für das Essen noch nicht habe und ihr mir gerade meinen Job boykottiert?“ Oh nein, er war nicht so dumm. Dieser Mistkerl hatte doch was vor, was Yves noch mehr demütigte als seine Aktion gestern. Besser er sah zu, dass er hier weg kam - jetzt!

„Nein, es tut mir Leid, was ich gestern getan habe. Das war wirklich ohne Niveau und ich werde dich dort auch nicht mehr aufsuchen.“ Man sah William an, dass ihm die Worte nicht leicht fielen, aber er meinte es wirklich so, das sah man in seinen Augen. „Der Vorschlag, mich nach England zu begleiten, war ernst gemeint. Aber eben nur als mein angeblicher Geliebter, weil meine Mutter dann der Schlag trifft. Hoffentlich.“ William seufzte und ließ sich in einen Sessel fallen. „Wir verstehen uns nicht sehr gut und sie will über mein Leben bestimmen, allerdings lasse ich das nicht mehr zu.“

Aus dem Augenwinkel bemerkte Yves, wie Robert Geld auf den Couchtisch zwischen der Sitzgruppe legte und ein ordentliches Trinkgeld drauf legte. Yves hob eine Braue, doch dann sah er William wieder an. Nicht dass er wirklich neugierig wäre, doch dass der Fraggle mal zugab, Mist gebaut zu haben, musste man ihm honorieren. Sicherlich war er fast daran erstickt, das zugeben zu müssen. Also wollte Yves zumindest so lange bleiben, bis er sich den merkwürdigen Plan angehört hatte. Dann konnte er immer noch den Kopf schütteln und gehen. Außerdem konnte er sich so noch ein bisschen die wertvollen Waffen angucken und leuchtende Augen bekommen. Aber nur ein bisschen.

„Und warum braucht ihr da ausgerechnet mich?“, fragte er William, doch Robert antwortete ihm.

„Weil du perfekt dafür bist. Nicht hässlich, intelligent und nicht auf den Kopf gefallen. Alle anderen würden neben Will wie Dorfdeppen wirken, dich wird seine Mutter ernst nehmen. Oder Will?“

„Ja, ich denke schon. Sie weiß, dass ich wählerisch bei meinen Freunden bin – also Freunde so wie Robert und Peter, nicht so, wie wir es ihr weismachen wollen und sie wird es nie glauben, wenn ich da mit einer hässlichen Dumpfbacke ankomme.“ William rieb sich mit den Fingern über die Stirn. Er hatte noch immer Kopfschmerzen und bekam langsam Hunger. „Bleib hier zum Essen, dann erklär ich dir, was ich vorhabe.“

„Ich weiß nicht, ob ich das wissen will.“ Yves schnaubte. „Im Gegensatz zu dir muss ich mein Geld mit Arbeit verdienen und wenn ich da nicht auftauche, dann bekomme ich auch keine Kohle. Ich werde bestimmt nicht sinnlos mit deiner merkwürdigen Mutter Kaffeekränzchen machen und mit dir turteln, wenn ich dafür meine Sitzungen im 'Haus der Sinne' absagen muss. Such dir ein anderes Spielzeug, ich stehe für diesen Job nicht zur Verfügung.“ Yves schnaubte. Eigentlich wäre er jetzt aufgestanden, hätte das Geld genommen und wäre gegangen - würden da nicht diese Katanas an der Wand hängen. Zum Greifen nah. Sie waren wunderschön.

„Also, wenn es nur um das Geld geht.“ Peter sah William an und grinste. „Unsere Willma wird das mit deinem Arbeitgeber klären. Wenn nötig, wird er dich für die Zeit mieten. Nicht wahr?“ Er grinste sonnig und William knurrte, denn bei Yves' Ablehnung hatte er gehofft, dass seine Freunde aufgaben und er diese verrückte Idee aufgeben konnte.

„Ja, kann ich machen“, sagte er knapp und sah wieder Yves an, der mit leuchtenden Augen an einem Nodachi hing. „Du kannst es runter nehmen, wenn du möchtest, aber Vorsicht, es ist scharf“, sagte er und war gespannt, ob Yves das Angebot annahm.

„Es ist also im Endeffekt ein Job, ja? Verstehe ich das richtig?“, fragte Yves mit Interesse, denn das klang schon besser. Unschlüssig sah er zwischen dem Schwert und William hin und her, doch dann nutzte er die sich ihm bietende Chance. Wann bekam er schon einmal ein echtes Nodachi in die Finger? Diese Schwerter waren extrem selten und verließen Japan fast nie.

„Wird er mich wieder begrabbeln?“, fragte Yves herausfordernd, das japanische Langschwert sicher in seiner Hand und fixierte William. Robert neben ihm schluckte leise. Der Kerl hatte etwas Animalisches, wie ein Raubtier und William war die Beute. Hatte das nicht anders herum laufen sollen?

„Wenn es dir so leichter fällt, dann ist es ein Job. Einer, der gut bezahlt wird.“ William stand auf und kam zu Yves herüber, damit er ihn besser ansehen konnte. Er hatte keine Angst, auch wenn Yves' Ausstrahlung seine Haut kribbeln und seine Härchen an den Armen sich aufstellen ließ. „Also, begrabbeln würde ich das nicht nennen, aber wir sollten schon glaubhaft rüberbringen, dass wir ein Liebespaar sind und unwahrscheinlich verliebt.“

„Ich kotz gleich“, erklärte Yves trocken und ging einen Schritt zurück. Das Geld lockte, doch die Vorstellung, mit dem Fraggle einen auf glücklich verliebt zu machen, ließ ihn sich schütteln. Um keinen Schaden an dem wertvollen Schwert zu hinterlassen, hängte er es zurück und sah William wieder forschend an. „Knutschen fällt aus. Sex sowieso und wenn ich irgendwelche Körperteile von dir in meinen Klamotten wieder finde, hack ich sie ab. Klar?“ Provozierend hob Yves eine Braue. Er entdeckte gerade das Gefühl von Macht und genoss es sichtlich. Robert neben ihm konnte nur immer wieder schlucken - der Kerl war eine Klasse für sich. Ob William den wirklich gebändigt bekam?

„Also an Sex habe ich eh nicht gedacht, aber ums Knutschen“, William hob bei dem Wort die Augenbrauen, „wirst du nicht drum herum kommen, denn das gehört einfach mit dazu und wenn wir das nicht machen, dann sind wir nicht glaubwürdig.“ William hätte lieber Yves zugestimmt, aber das kam gar nicht in Frage, allein schon, weil seine Kirchenmaus darauf bestand. „Du kannst immer noch nein sagen. Dann regeln wir das mit der Autotür anders.“

„Und wie? Du weißt so gut wie ich, dass ich ohne das Stipendium jeden Cent für die Schule brauche. Tu also nicht so, als gäbe es einen anderen Ausweg.“ Yves knurrte über so viel Überheblichkeit und zuckte, als Peter sich zu Wort meldete. Er hatte doch allen Ernstes die beiden anderen im Raum vergessen.

„Ich würde dir das Geld überlassen“, sagte Peter und lächelte, doch Yves schüttelte den Kopf.

„Ist nett gemeint, aber ich nehme kein geschenktes Geld, nicht von Fraggle-Freunden und auch von sonst niemandem. Ich werde diesen dämlichen Job machen und wenn der Fraggle auf blöde Ideen kommt, wird er sein blaues Wunder erleben.“

„Hey, also irgendwie mag ich es nicht, als Fraggle-Freund bezeichnet zu werden. Das hat so was Negatives und das ist doch nicht gut, wo wir vier doch das Wochenende gemeinsam verbringen.“ Jetzt, wo Yves das Schwert wieder weggelegt hatte, kam Robert näher. „Du kannst mit diesen Schwertern echt umgehen? Also ich kämpfe mit einem Florett, wie Will und Peter. Aber Will hat es noch perfekt drauf mit diesen Breitschwertern, so wie diesem da, diesem Claymore.“ Er blubberte einfach, weil er die Stimmung, die gerade herrschte, nicht besonders mochte und damit brachte er Yves völlig aus der Fassung.

„Äh - ja. Ich trainiere seit ein paar Monaten mit scharfen Klingen“, erklärte er kurz angebunden und sah William wieder an. Warum sagte der eigentlich nichts mehr? Erst dachte er sich sinnlose Aktionen für seine Mutter aus und dann zog er den Schwanz ein, oder was? Allein die Vorstellung, mit dem Kerl knutschen zu müssen, war widerwärtig. „Was gehört außer knutschen noch zu meinem Job?“, wollte er also wissen.

„Anwesend sein und sich von meiner Mutter nicht einschüchtern lassen. Nett zu meiner Schwester sein, denn an ihr liegt mir viel und ich werde ungemütlich, wenn man ihr etwas tut. Ansonsten klären wir das vor Ort. Kannst du reiten?“ William hatte Yves beobachtet und er bedauerte, dass die Kirchenmaus das Schwert wieder weggelegt hatte, denn es passte zu ihm.

Allein die Frage empfand Yves als Frechheit, doch er sagte nichts, sondern schüttelte nur den Kopf. Sah er so aus, als könne er reiten? Machte er den Eindruck, als hätte er in seinem Leben Zeit und Geld für derartige Spielereien gehabt? Doch was brachte es, das zu sagen? Der Fraggle würde das ja sowieso nicht verstehen. „Ist das für den Job wichtig oder kann ich auch ohne diese Eigenschaft dein“ - Yves schüttelte sich kurz, denn der Gedanken hatte immer noch etwas Befremdliches - „Geliebter sein... spielen!“, verbesserte er sich noch, um hier auch ja nichts Falsches aufkeimen zu lassen.

„Nein, ist nicht wichtig, aber dann wären wir ohne Aufsehen weg gekommen und hätten ein wenig Zeit, meiner Mutter zu entkommen.“ William hakte es ab, auch wenn er selber das Reiten mochte. „Dann ist es also abgemacht, du kommst mit?“

„Reden wir noch über die Bezahlung, ehe du hier in Freudentänzen ausbrichst. Doro dürfte nicht erfreut sein, dass ich kurzfristig ausfalle. Ich bin das ganze Wochenende ausgebucht gewesen und an die Ausfälle für das Haus will ich gar nicht denken“, erklärte Yves offen und sah neben sich auf Robert mit seiner Suppenschüssel, der ein leises: „Kann ich verstehen, hätte dich auch gebucht“, vor sich hin brubbelte, sich aber lieber den Mund voll Nudeln stopfte, um nichts erklären zu müssen. William sah ihn schon wieder mit diesem Raubtierblick an, nur weil er das erwähnt hatte. Er war froh, als sein Freund sich wieder Yves widmete.

„Keine Sorge, das mit dem Haus krieg ich hin und es gibt immer Ersatz, falls einer ausfällt. Was hättest du für dieses Wochenende verdient? Ich zahle das Doppelte und werde dem Haus eine Entschädigung zahlen.“

„Ich war für fünf Sitzungen vorgesehen und zwei Einsätze mit dem Katana im Schauraum. Das macht siebenhundert“, sagte Yves trocken. Sicher, das waren keine Summen, die jemanden wie den Fraggle in den Ruin trieben, doch für ihn war das viel Geld für zwei Tage Arbeit.

„Nicht schlecht, für ein Wochenende“, nuschelte Peter, der sich auch eine der Suppen genommen hatte, weil er Hunger hatte.

„Okay, dann bekommst du tausendvierhundert Dollar, die Reparatur der Tür ist erledigt und das Haus wird auch eine Entschädigung bekommen.“ William überlegte, ob da noch etwas war, aber erst einmal war wohl das Wesentliche geklärt.

„Gut, dann hole ich dich am Freitag um sieben Uhr ab, damit wir zum Flughafen kommen. Ich brauche deine Kleider- und Schuhgröße, damit ich dir einen Smoking für den Empfang besorgen kann. Das mit dem Direktor regle ich auch. Sonst noch was?“ William zog überlegend die Augenbrauen zusammen. Aber Yves schüttelte den Kopf. Ihm fiel leider vorerst nichts mehr ein, womit er William noch eine hätte rein würgen können. Der Kerl war ihm schon wieder viel zu selbstsicher, aber auf tausendvierhundert Dollar zu verzichten widerstrebte Yves. „Du weißt, wo du mich findest. Kann ich jetzt gehen?“, fragte er und griff sich endlich das Geld für die Lieferung. Chen machte sich sicher schon Sorgen, wo er abgeblieben war.

„Sicher kannst du gehen, wenn du nicht mehr bleiben möchtest, aber ich persönlich würde mich freuen, wenn du noch etwas bleibst.“ Es war Peter, der dies sagte und nun aufstand und zu Yves hinüber ging. „Es tut mir Leid, dass das heute erst so chaotisch war. Wir wollten dich kennen lernen und auch die Sache mit dir und Will ein wenig einrenken. Er kann nett sein und ein guter Freund, aber manchmal ist er einfach nur ein Idiot, aber das kriegen wir auch noch in den Griff.“

Dieser Kuschelkurs machte Yves schon wieder nervös. Es war ja nicht so, dass er dem kleinen Blonden keine Chance geben wollte zu zeigen, dass man mit ihm reden konnte. Aber in Fraggles Gegenwart konnte sich Yves einfach nicht entspannen. „Ich bin im Augenblick der einzige Fahrer. Die warten auf mich. Ich kann also nicht bleiben - sorry“, stellte er klar und sah William noch einmal mit diesem und-wir-sind-noch-nicht-fertig-Blick an, der klar machte, dass der junge Herzog sich nicht zu sicher sein sollte.

„Also, ich bin dann weg“, sagte er und griff die leere Kiste. „Fraggle kann ja die Schüsseln mitbringen, wenn er mich einsammelt.“ Damit war Yves fertig mit dem Trio.

„Okay, wir sehen uns Freitag“, rief Robert ihm noch hinterher und William knurrte nur leise was davon, dass er es hasste, wenn man über ihn redete, als wenn er nicht da wäre, obwohl er anwesend war.

„Über eure Angewohnheit, mich vor der Kirchenmaus zu blamieren und mich zu schlagen und zu beschimpfen, reden wir noch mal. Glaubt ja nicht, dass ich mir das ständig gefallen lasse.“ Er war ein wenig verstimmt, aber nicht genug, um Streit vom Zaum zu brechen, denn schließlich hatten seine Freunde ihm geholfen, seinen Plan durchzusetzen.

Doch Robert hatte eigentlich nur einen Gedanken, als die Tür zu war und wenig später der Motorroller vom Hof knatterte: „Scheiße, ist der lecker“, konnte er sich nicht verkneifen. „Langsam kann ich verstehen, warum du nicht willst, dass der Kerl sich von dir abwendet.“ Anerkennend hielt er beide Daumen nach oben. „Aber zickig und 'ne große Klappe. Hast du dich da nicht ein bisschen übernommen?“ Robert grinste dreckig.

William, der sich gerade Suppe nehmen wollte, sah langsam zu Robert und seine Augen sprühten Funken. „Ich bin nicht schwul, also hör auf, ständig zu betonen, dass er lecker ist, wenn du nicht möchtest, dass Adam das erfährt“, sagte er betont freundlich und deutlich. „Aber wenn ich es wäre, dann würde ich ihn schon gebändigt kriegen, keine Sorge.“

Robert zuckte die Schulter. „Man muss doch nicht schwul sein, um diesen Kerl lecker zu finden. außerdem: ein bisschen bi schadet nie.“ Er sah das jetzt nicht so problematisch wie William. „Außerdem wird Adam eh von ihm erfahren, weil ich ihn auch mal buchen werde, Fraggle“, lachte er und stellte die leere Schüssel auf den Tisch.

„Das wirst du nicht. Glaubst du, dass Yves das gefallen würde, als Animierjunge für eure Libido herzuhalten? Und nenn mich gefälligst nicht Fraggle.“ Das würde William nicht zulassen und die Vehemenz mit der er das bestimmte, ließ Peter schon wieder die Augenbrauen heben. Das war doch wirklich schon Besessenheit, wie William versuchte alles und jeden von Yves fern zu halten.

„Mach dir um das Wohl des Jünglings keine Sorgen. Ich werde mit Adam beschäftigt sein, da ist seine Jungfräulichkeit nicht in Gefahr.“ Robert genoss es zu sehr, William zu reizen und zu hoffen, dass er sich doch noch verriet. „Außerdem - warum so in Sorge um die Kirchenmaus? Er ist dir egal, nur Mittel zum Zweck. Dann lass ihn auch für mich mal Mittel zum guten Zweck sein.“

„Ach, bei dir ist das nicht niveaulos? Vergiss es, Rob. Yves gehört mir und ich teile nicht.“ So langsam wurde William wieder brummelig, denn er hatte immer noch Kopfschmerzen und jetzt auch noch Hunger. „Such dir jemand anderen, um dein Sexleben in Schwung zu bringen.“

„Warum sollte ich? Du willst ihn nicht, nur ein bisschen spielen und dann wieder ablegen. Da kann ich ihn auch ein bisschen genießen, wenn du fertig bist.“ Eilig griff sich Robert noch eine Suppe, ehe sie ganz kalt wurde und lümmelte sich wieder zurück in die Couchpolster.

„Du hast Recht, Robert“, mischte sich plötzlich Peter ein. „Wenn es um Yves geht, da wird er Besitz ergreifend. Faszinierend.“

„Ihr seid doch…“ William knurrte und nahm sich ebenfalls endlich etwas zu essen. „Lasst ihn in Ruhe. Ich sag das nicht noch mal.“ Um sich wieder zu beruhigen, fing er an Suppe zu essen. Die war lecker und zu schade, um sie verkommen zu lassen.

„Ja, nicht? Er will ihn noch nicht einmal teilen, wenn er mit ihm fertig ist, wobei ich nicht mehr sicher bin, ob er das jemals sein wird, denn so, wie er sich aufregt, will er ihn behalten, damit keiner seinem Schatz zu nahe kommt.“

William tat so, als würde er nichts hören, denn wenn Robert so drauf war, kam man nicht gegen ihn an. Er hatte die dümmeren Sprüche und die frecheren Bemerkungen auf Lager und so ging es noch eine ganze Weile zwischen Peter und Robert hin und her, die nun versuchten, die Anhaltspunkte für Williams Verliebtheit zu finden und wie schade es war, dass Yves arbeiten musste und nicht bleiben konnte.

Selten war William froher, dass seine Freunde endlich nach Hause gingen und er die Tür hinter ihnen schließen konnte. Er hatte sich nicht zu den Sticheleien geäußert, aber jetzt rotierten seine Gedanken wieder. War er wirklich besessen von Yves? Wollte er ihn für sich, weil er jeden verbellte, der ihm zu nahe kam?

„Hör auf zu spinnen“, brummte er, aber selbst in seinen Ohren hörte sich das lahm an, darum schüttelte er den Kopf. „Nie wieder Alkohol. Morgen bin ich wieder klar und die Kirchenmaus kann sich warm anziehen“, legte er fest und endlich gab sein Kopf Ruhe, so dass er sich ins Bett legen und ruhig schlafen konnte.


19


Noch einmal überprüfte Yves seine Habseligkeiten. Er reiste mit kleinem Gepäck. Mit Doro hatte er gestern gesprochen und festgestellt, dass der Fraggle Wort gehalten und sich bereits darum gekümmert hatte. Sie wünschte ihm also für seinen Job am Wochenende in London viel Spaß. Ling und Chen hielten von der Idee nicht so viel, doch sie hatten verstanden, dass Yves diese Summe unmöglich ablehnen konnte. Von den Schulden für die kaputte Autotür einmal völlig abgesehen.

Nur bei Yuki war er hin und her gerissen, ob sie nicht vielleicht auch hätte mitkommen sollen. Doch schlussendlich war es ihm lieber, dass sie hier blieb, denn seine Demütigung, die unweigerlich folgen dürfte, sollte sie nicht sehen. Sie hielt große Stücke auf den Fraggle, das sollte auch so bleiben.

„Ich warte dann draußen, ja?“, sagte er zu Ling, die schon in der Küche des Restaurants werkelte. Die ersten Gäste kamen auch am Wochenende bereits zum Frühstück.

Ling drückte Yves noch einmal und steckte ihm unbemerkt ein paar Dollar in die Tasche. Es würde nicht reichen, dass er damit wieder von London nach Hause kam, aber so hatte er wenigstens etwas Geld in der Tasche. Sie sah ihm hinterher, als er das Lokal verließ und hoffte, dass Yves unbeschadet zurück kam. William fuhr gerade um die Ecke, als Yves auf die Straße trat und hupte kurz, um auf sich aufmerksam zu machen.

Yves schüttelte den Kopf. Glaubte der Protzer-Fraggle allen Ernstes, man hätte ihn und sein komisches Fahrzeug übersehen können? „Idiot“, knurrte er, als er auf den Wagen zu kam und besah sich die neue Fahrertür. Schade, mit Delle hatte sie mehr hergemacht.

„Schon mal dran gedacht, dass es Leute gibt, die erst um vier von der Arbeit kommen und jetzt gern schlafen wollen? Arschloch?“, begrüßte Yves William, denn derartig unsoziales Verhalten ging ihm gegen den Strich.

„Dir auch einen schönen guten Morgen, Blödmann“, knurrte William zurück, der die Straßenratte jetzt am liebsten zum Flughafen laufen lassen würde, aber dann kam ihr ganzer Zeitplan durcheinander. Er hasste es, gemaßregelt zu werden, besonders wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. Was bitte war an einem kleinen Huper jetzt so schlimm? „Steig ein, wir haben nicht ewig Zeit“, sagte er darum knapp und sah Yves knurrig an. Der verdrehte noch einmal die Augen und ließ sich, samt Tasche, in den Beifahrersitz fallen. Das war eng, behinderte William, doch das war Yves ziemlich egal. Schließlich lautete die Order ja, dass er einzusteigen hätte.

„Na dann mal husch, mit der neuen Tür muss er ja noch besser fahren“, ätzte Yves und schnallte sich an.

„Sehr witzig.“ Mehr sagte William aber nicht, denn er hatte sich vorgenommen, sich nicht provozieren zu lassen, auch wenn es ihm schwer fiel, da Yves es darauf anlegte. Aber dass er verstimmt war, sah man daran, dass er etwas mehr Gas gab, als sie losfuhren und der Motor aufheulte. Wenn seine Kirchenmaus schon nervte, dann sollte sie auch einen Grund dazu haben.

„Weißt du eigentlich, dass Leute mit großen, schnellen Autos kleine, mickrige Schwänze haben?“, konnte sich Yves nicht verkneifen, doch er guckte aus dem Fenster. Im Nachhinein war es ihm nicht mehr ganz wohl bei dem Deal. Das Geld reizte. Keine Frage - doch der Preis dafür war wirklich angemessen.

„Wenn du das sagst. Glaub doch, was du willst.“ Innerlich knurrte William und wurde langsam wütend. Dabei umfasste er das Lenkrad so fest, bis seine Knöchel weiß wurden. Was hatte er sich eigentlich dabei gedacht, die Kirchenmaus mitzunehmen? Aber jetzt einen Rückzieher machen konnte er auch nicht. „Hast du noch mehr Dinge, mit denen du mich beleidigen möchtest oder war's das jetzt?“

„Ich habe schon noch ein paar Nettigkeiten, die ich dir gern mitteilen würde, aber vorerst reicht das. Fahr lieber zu, nicht dass wir noch zu spät kommen“, sagte Yves, auch wenn ihm das Tempo eigentlich schon reichte. Er war noch nie in einem solchen Wagen unterwegs gewesen und er zwang sich, diese teure, völlig unnötige Kiste nicht cool zu finden. War doch eh mit Geld bezahlt, für das William keinen Finger krumm gemacht hatte. Mit hart erarbeitetem Geld ging man nicht so verschwenderisch um. „Kurzschwanz-Fraggle“, murmelte er leise und musste unweigerlich kichern.

„Wie witzig.“ William atmete tief durch, denn er hatte gerade das Bedürfnis anzuhalten und sich mit Yves zu prügeln. Er wusste, dass der nur provozieren wollte, aber so langsam war sein Limit erreicht. Darum gab er Gas, damit sie schnell am Flughafen waren und wenn er Glück hatte, waren Peter und Robert schon da und er konnte Yves an die beiden abschieben. Im Augenblick saß der nämlich neben ihm, als wäre er gern überall anders nur nicht hier.

Vielleicht auf einem Nagelbrett, einem Bett aus glühenden Kohlen oder sonstigen Annehmlichkeiten. Denn immer wenn sich ihre Ellenbogen aus Versehen berührten, knurrte Yves. Wie sollte das nur werden, wenn William ihn wirklich anfasste? Wie ein Verliebter? Yves bekam ja jetzt schon das Würgen. Doch auch er versuchte seine Atmung zu drosseln, schließlich hatte er zugesagt. Und er hielt sein Wort.

„Herr Gott noch mal.“ So langsam reichte es William. „Kannst du mal sagen, was das soll? Glaubst du allen Ernstes, ich berühre dich absichtlich? Da kannst du mal von ausgehen, dass das ganz bestimmt nicht so ist. Das einzige, was ich will, ist dieses Wochenende hinter mich bringen und es meiner Mutter verderben.“ Jetzt hatte Yves es doch geschafft und William konnte nicht mehr einfach alles schlucken.

„Ich mag dich eben nicht. Ist das verboten?“, knurrte Yves. „Ich war es schließlich nicht, der bei unserem ersten Treffen pampig geworden ist, auch wenn du das gern so auslegst. Nicht wahr? Klingt ja auch besser, wenn man sich über jemanden beschweren kann, als wenn man zugeben muss, dass man selber den ersten Schritt in diesen Kleinkrieg hier gemacht hat.“ Er hatte nämlich durchaus nicht vergessen, wie William ihn abgefertigt hatte und auch nicht, was Yuki erzählte hatte.

„Was soll das denn jetzt heißen? Wenn, dann waren wir beide pampig. Nur weil ich vielleicht angefangen habe, heißt das noch nicht, dass ich mir von dir alles gefallen lassen muss. Du warst doch schon wütend darüber, dass du mir die Bücher bringen solltest. Nur, dass ich davon nichts wusste und ich kann es nicht leiden, wenn man mich einfach so in eine Schublade steckt, ohne mich zu kennen.“ William wollte sich eigentlich nicht rechtfertigen, aber dass er allein an ihrer Situation Schuld haben sollte, sah er nicht ein.

„Du hast aber auch bis heute nichts dafür getan, um aus dieser Schublade wieder raus zu kommen, Kurzschwanz-Fraggle.“ Yves war wütend über so viel Selbstherrlichkeit. Der Herr Herzog durfte nach Herzenslust austeilen und wenn Yves Gleiches mit Gleichem vergalt, dann fühlte man sich auf den Schlips getreten. „Und in welcher Schublade steckte ich, hm? Arm? Hat noch nie ein Luxushotel von innen gesehen? Wenn du wüsstest.“ Er lieferte nämlich relativ oft auch an solche Adressen. Die Leute wussten eben, was gut war.

„Okay, Touché.“ William seufzte. Es schmeckte ihm nicht, das zugeben zu müssen, aber Yves hatte Recht. „Ich war wütend, weil meine Mutter mir bei meiner Schulwahl dazwischengefunkt hatte. Ich wollte hier eigentlich nicht zur Schule gehen, aber sie hat mir keine Wahl gelassen. Sie hat einfach alle Schulen angerufen und unter Druck gesetzt, so dass sie mich nicht aufgenommen haben.“ Man hörte noch immer, wie wütend er darüber war. „So wie es aussieht, hat sie es diesmal sogar geschafft, nicht nur mir das Leben zu versauen.“

„Ja, dank deines egozentrischen Benehmens bin ich leider auch davon betroffen. Und als würde das nicht reichen, werde ich der netten Dame zum Abendessen serviert. Da kann ich ja von Glück reden, dass ich mein Stipendium schon los bin, sonst wäre ich es wohl spätestens nach diesem London-Aufenthalt. Aber vielen lieben Dank, lieber Fraggle, dass du dich so ungefragt in mein Leben mischst, mir auflauerst, wo es nur geht, mich demütigst, so oft es dir möglich ist und mich dann noch erpresst.“

Nein, diese Zusammenfassung hatte sich Yves jetzt nicht verkneifen können, auch wenn er eigentlich nicht so tief hatte sinken wollen, alles aufzurechnen. Doch so wie William sich selber bemitleidete, ohne zu merken, dass er selber nicht besser war als seine Mutter, ging Yves gegen den Strich. Lieber sah er wieder zum Fenster hinaus und hoffte, dass der Flughafen bald in Sicht kam. Er bekam langsam Platzangst.

William sah nur kurz zu Yves hinüber, denn die Worte hatten ihn getroffen. Er sah das Ganze zwar etwas anders, aber ganz war das, was Yves sagte, nicht von der Hand zu weisen. Er hatte sich auf die Kirchenmaus eingeschossen, auch wenn er nicht der Meinung war, dass er ihm auflauerte. „War klar, du bist die Unschuld, die von dem reichen Schnösel drangsaliert wird. Ich habe es nicht drauf angelegt, dass du das Stipendium verlierst, aber was sag ich, das glaubst du eh nicht.“

„Da sprichst du endlich mal ein wahres Wort gelassen aus: Ich glaube dir tatsächlich nicht.“ Mehr hatte Yves zu diesem Thema nicht mehr zu sagen. Auf eine sinnlose Diskussion á la: „du bist die Unschuld in Person“, hatte er keine Lust. Er war losgeworden, was er hatte loswerden wollen. Wirklich besser fühlte er sich nicht, vielleicht auch, weil er immer noch seine Tasche auf dem Schoß hatte, die ihn ziemlich einengte. Aber der Kofferraum war ja für die Klamotten eines Habenichts zu gut. Oder warum hatte William den Kofferraum nicht geöffnet?

Die Antwort hatte William knurren lassen, darum sagte er den Rest der Fahrt nichts mehr, auch wenn das Schweigen alles andere als angenehm war. Er war richtig froh, als sie den Flughafen erreichten und die Wache ihn durch das Tor in den Bereich mit den Privatflugzeugen ließ. Seine Freunde waren schon da, wie er an den Wagen sehen konnte, und warteten wohl in der Lounge.

Mit wenig Begeisterung folgte Yves William einfach, zeigte seinen Pass, ließ sich checken. War ja klar, dass man einem Unbekannten wieder weniger traute als William, von dem nicht einmal ein Pass verlangt wurde. Dabei lebte der doch, nach eigenen Worten, noch gar nicht so lange hier, dass man ihn so gut kennen musste. Doch egal. Yves schüttelte nur den Kopf, denn William war nicht einmal aufgefallen, dass er jemanden verloren hatte.

Das kam erst, als William in die Lounge kam und kein genervtes Gebrummel mehr neben sich hörte. Er sah sich um und runzelte die Stirn, als er sah, dass einer der Zöllner Yves' Tasche öffnen wollte. Darum ging er zurück und stellte sich neben ihn. „Wir haben nicht viel Zeit“, sagte er knapp und der Zöllner zuckte zusammen und nickte Yves durch.

„Aha, so spricht man also mit Kettenhunden“, frotzelte Yves. Er war schon wieder angepisst. Es störte ihn, dass ein einziges Wort von diesem Kurzschwanz-Fraggle so viel Macht hatte, dass es sich über geltende Gesetze hinweg setzte. Dabei war er ja nicht einmal amerikanischer Staatsbürger, soweit Yves das verstanden hatte. Merkwürdige Sitten. Doch er folgte seinem Gastgeber. Was hätte er auch sonst tun sollen?

Einem Angestellten wurde Yves' Tasche gegeben, dann sah William sich um. Es dauerte nicht lange, bis er Roberts roten Schopf entdeckt hatte und er stupste Yves an. „Rob und Pete sind da drüben. Trinken wir noch einen Kaffee, dann gehen wir an Bord“, erklärte er und ging auch schon los, denn Peter hatte sie entdeckt und winkte.

Yves nickte nur, denn ihm lagen zu viele blöde Kommentare auf der Zunge. Hätte er den Mund aufgemacht, wären wohl zwei oder drei ungefragt entkommen. Dabei hatte er keine Lust, das nun drei auf ihn losgingen. Besser er gab sich teilnahmslos. So sah er sich ein bisschen in der Lounge um. Nobel ging die Welt zu Grunde. Holz, Edelstahl und Leder. Riesige Fenster gaben den Blick auf das Rollfeld frei. Es juckte Yves in den Füßen, hinüber zu laufen und sich die Nase platt zu drücken, weil er das noch nie gesehen hatte. Doch er wollte nicht wie eine Landmaus wirken.

„Hast du Yves schon wieder geärgert?“, fragte Robert misstrauisch, als er Yves' Gesicht sah und guckte streng zu William, der sofort schnaubte.

„Glaub, was du willst“, knurrte er und orderte sich einen Kaffee. So langsam ging es ihm wirklich auf die Nerven, dass jeder glaubte, er hätte nichts weiter im Sinn, als Yves das Leben schwer zu machen. Auch wenn es phasenweise wirklich so gewesen war - doch das gehörte jetzt nicht hier her!

„Hat er bestimmt. Sein Liebling steht so weit weg und kommt gar nicht näher“, murmelte Peter, aber nur ganz leise, damit Yves ihn nicht gleich hörte und sich wieder darüber aufregte. „Komm doch zu uns“, rief er lauter zu Yves und lächelte auffordernd.

„Musst auch nicht neben Willma sitzen“, sagte Robert und lachte, als Yves sich wirklich zu ihnen in Bewegung setzte.

„Ihr solltet ihn adoptieren, so wie ihr euch um ihn sorgt. Er kämpft auch bestimmt gut mit dem Florett, wenn ihr ihm zeigt, wie es geht.“ William hatte wirklich langsam genug. Wieso erklärten sie nicht Yves zu ihrem neuen Freund? Demonstrativ drehte er ihnen den Rücken zu und beschäftigte sich mit seinem Kaffee, der gerade vor ihm abgestellt wurde.

„Ach, Willma, wir müssen ihn ein bisschen hätscheln, damit er deine Mutter besser überlebt“, sagte Robert und versuchte wieder Schönwetter bei William zu machen, während Peter Yves ein bisschen versorgte. Der wirkte so deplaziert hier, das musste ja nicht sein. „Hallo“, lächelte er und Yves grüßte steif zurück, sah sich aber den schmollenden William an. Was war denn mit dem schon wieder? War der Fraggle immer so anstrengend? Das konnte ja was werden. 50 Stunden solch einen Deppen auf dem Hals - na gute Nacht. Doch er setzte sich, um weniger Aufsehen zu erregen.

Weil Yves jetzt bei ihnen stand, enthielt sich William einer Antwort, schickte Robert nur einen wütenden Blick, danach wandte er sich wieder seinem Kaffee zu und nippte daran. Wenn die drei doch so dicke waren, dann konnten sie sich auch gut alleine beschäftigen.

„Magst du auch noch einen Kaffee oder etwas anderes?“, fragte Peter gerade und William verdrehte die Augen.

„Danke, ich hab gefrühstückt“, sagte Yves und versuchte zu lächeln. Es sollte nicht so aussehen, als würde er grundsätzlich alles ablehnen. Er hatte nur weder Lust sein Geld für viel zu teuren Kaffee auszugeben, noch war er erpicht darauf, sich einladen oder aushalten zu lassen. Also verzichtete er einfach. Tee war ihm sowieso lieber.

„Wann geht denn der Flieger?“, fragte er lieber, um abzulenken.

„Halbe Stunde“, gab William Auskunft, ohne sich umzudrehen und bekam deswegen von Robert unauffällig einen Ellenbogen in die Rippen. „Jetzt reiß dich mal zusammen. Wenn du ihn schon so scheiße behandelst, dann müssen wir nett zu ihm sein. Schließlich ist er nicht freiwillig hier und wenn du weiter so zickst, dann wird er nie glauben, dass du nett sein kannst.“ So langsam reichte Robert dieses Hickhack. William benahm sich wirklich wie ein verwöhntes Kind.

„Leck mich“, knurrte William und stand auf. Ihm wurde das wirklich langsam zu blöd und er hatte nicht übel Lust, die ganze Reise abzusagen, egal wie sehr seine Mutter auch toben würde.

„Das kann ja noch was werden. Dabei war es seine dämliche Idee“, murmelte Peter und sah Yves entschuldigend an. Doch der grinste nur und zuckte die Schultern. So kannte er William: Wenn's nicht nach seinem Kopf ging, dann eben Aufmerksamkeit auf sich ziehen. „Passiert“, sagte er also nur und achtete nicht weiter auf den Herzog. „Auch Fraggles müssen lernen, dass sie nicht allein auf der Welt sind“, flüsterte er frech zu Peter.

„Er kann wirklich nett sein, auch wenn du das nicht glauben wirst und eigentlich lässt er nicht den reichen Großkotz raushängen, aber bei dir knallen bei ihm wohl alle Sicherungen durch. Keine Ahnung wieso.“ Peter wusste das zwar ganz genau, denn je schlimmer sich William benahm, umso sicherer war er sich, dass sein Freund Yves für sich wollte. Das sagte er Yves allerdings nicht, denn der war sonst schneller weg, als sie gucken konnten.

„Na, ich fühle mich ja richtig geehrt, dass ich so eine Ausnahme bin. Yuki erzählt auch immer - voll nett und charmant und ich denke so: reden wir vom selben?“ Yves redete nur leise, denn auch wenn William nicht sein Busenfreund war, war es eigentlich nicht seine Art vor dessen Freunden zu lästern. Doch es war so verlockend! Und außerdem zeigte sich William ja auch gerade wieder von seiner besten Seite.

„Also ehrlich, wie kann man zu Yuki nicht nett sein?“ Robert hatte sich zu ihnen gestellt, weil er gerade auf William auch keinen Bock mehr hatte und der sowieso eisern auf das Rollfeld guckte. „Sie ist ein wirklicher Schatz und dass ich das von einer Frau sage, heißt schon was. Man muss sie einfach gern haben und mein Schatz guckt schon immer so komisch, wenn ich von ihr schwärme.“

„Von einer Frau? Dein Schatz?“, fragte Yves, weil er nicht richtig einordnen konnte oder wollte, was Robert da andeutete. „Nicht so dein Jagdbereich?“, fragte er verhalten und überlegte, ob er Robert jetzt anders sah. An sich war der rothaarige Kerl ziemlich cool und er bot dem Fraggle die Stirn. Man musste ihn mögen, egal wo er seine Präferenzen hatte. „War die Idee mit der Mutter-Schockerei also von dir?“ Das wollte er erst wissen, ehe er dem Kerl trotzdem mal in die Eier trat, dafür dass er jetzt den Fraggle am Bein hatte für die nächsten zwei Tage.

„Japp, das siehst du richtig. Mein Schatz heißt Adam und hat so gar nichts Weibliches an sich, aber dass du jetzt hier bist, ist nicht auf meinem Mist gewachsen.“ Robert hob abwehrend die Hände, denn Yves hatte gerade wieder diesen Raubtierblick drauf. „Das ist unserer Willma ganz von alleine eingefallen, wohl weil das etwas ist, was es in ihren Augen nicht geben darf.“

„Aha.“ Yves nickte verstehend. Eine konservative Britin, die es gar nicht mochte, wenn ein dahergelaufener Knabe von der Straße ihren Liebling verdarb. Na, wenn er sich da nicht gerade sein eigenes Grab schaufelte, dann wusste er aber auch nicht mehr. Ein wütender Blick ging zu William, der sie weiterhin mit Missachtung strafte, und er knurrte leise. „Danke, Kurzschwanz-Fraggle.“

„Also, wenn ich das mal so am Rande anmerken darf. Das stimmt so nicht. Eher das Gegenteil“, warf Robert ein. „Nicht, dass das wichtig wäre, aber so der Wahrheit halber.“ Die Stimmung gefiel ihm gar nicht und dass Yves immer wütender auf William wurde, war ihrer Mission nicht zuträglich.

„Zu viele Informationen!“, knurrte Yves. Hatte er in irgendeiner Form den Anschein erweckt, er hätte das wissen wollen? Er war nicht schwul und er hatte das auch nicht vor. Er machte hier seinen Job und konnte nur hoffen, dass der Fraggle sein Ding brav in der Hose behielt, denn sonst war es ab. „Ich ärgere ihn nur, weil er ’ne protzige Karre fährt und weil er sich drüber aufregt. Hat mit Realität nicht viel zu tun.“

„Ach so.“ Robert grinste und auch Peter kicherte. „Oh man, ihr zwei habt euch echt gesucht und gefunden, aber ich finde es gut, dass du dir nichts von ihm gefallen lässt. Manchmal kann er ein wirklicher Großkotz sein.“ Robert sah zu William hinüber und seufzte. „Ich schleife ihn jetzt in die Maschine. Geht schon mal vor.“

„Okay.“ Peter trank seinen Kaffee noch aus, der bereits kalt in seiner Tasse herum schwamm und erhob sich, um mit Yves vorzugehen.

„Ich hab ihn nicht gesucht, nur gefunden und der hat sich verbissen. Da kann ich mich schütteln wie ich will. Ich werde den Spinner nicht los“, sagte Yves leise, doch es hatte ja sowieso keinen Sinn. Der Kerl saß am längeren Hebel und Yves musste parieren. Das gefiel ihm nicht. Aber danach fragte keiner.



20


Robert ging zu William und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Will, lass uns an Bord gehen.“ William wollte wortlos gehen, aber sein Freund hielt ihn auf. „Bitte, Will, was soll das? Wenn du so genervt bist, warum sind wir dann hier?“ Erst jetzt drehte der junge Herzog sich um und sah Robert an.

„Warum ich hier bin, weiß ich. Bei Yves weiß ich es auch, aber warum seid ihr hier? Ich dachte, ihr seid meine Freunde, aber da habe ich mich wohl getäuscht. Ziehen wir das hier durch und dann werde ich euch nicht mehr belästigen und ihr könnt Yves verhätscheln.“ Eigentlich hatte er Robert die Worte wütend entgegen schleudern wollen, aber sie kamen kraft- und emotionslos aus seinem Mund. Die Vorstellung, seine Freunde zu verlieren, machte ihm Angst. Mehr als er je gedacht hatte.

„Wenn ich dich nicht so mögen würde, würde ich dir jetzt eine in die Fresse hauen. Nur damit du weißt, was dir gerade erspart geblieben ist“, sagte Robert, der keine Lust hatte, sich den Schwarzen Peter zuschieben zu lassen. „Wir sind hier, weil du alleine mit ihm frei drehst. Weil du kein Maß kennst, ihn dir untertan zu machen. Wir sind hier, um dafür zu sorgen, dass er sich vor dem Adel nicht blamiert und jemand ihn gegen deine Mutter verteidigt. Denn auch wenn ich dein Freund bin und dich wirklich schätze: ich glaube nicht, dass du objektiv sein kannst. Du siehst rot, wenn du ihn nur siehst und er provoziert dich, wo er nur kann. Wir stehen dazwischen und ebben die Flutwellen ab. Klar?“

„Nein, im Moment lenkt ihr die Flutwellen nur um – auf mich. Egal was auch ist, ich kriege es ab. Ihr seid meine Freunde, aber davon merke ich gerade nicht viel.“ William wirkte müde. Das alles machte ihm mehr zu schaffen, als er zugeben wollte. „Auch wenn du es nicht glaubst, ich werde nicht zulassen, dass meine Mutter an ihm ihre Zähne wetzt oder dass er sich blamiert.“

„Wie wäre es, wenn du ihm dieses Gefühl auch mal gibst?“, fragte Robert, doch es war kein Vorwurf. „Ich meine, ihr kommt schon mit einer Bombenstimmung hier an. Ich will auch gar nicht wissen, wer angefangen hat, Will. Ich weiß, dass er eine Kratzbürste sein kann. Aber du hast ihn hier rein gezerrt. Wenn wir uns auch noch auf deine Seite stellen, dann ist er ganz alleine. Willst du ihn wirklich so demütigen? Ist es das?“ Robert wollte das nicht glauben. „Deswegen sei ein bisschen großmütig und gönn ihm mal einen Punkt. Denn ein Gegner, der immer nur zu Boden gestreckt wird, verliert die Lust und das willst du doch nicht oder?“ Er stupste William versöhnlich mit der Schulter an.

„Er wird mir nicht zuhören und wenn er es doch tut, wird er mir nicht glauben. Ich weiß, dass ist nur verständlich, wie ich ihn bisher behandelt habe.“ William ließ sich wieder nach hinten an die Glasscheibe sinken und blickte kurz zur Seite, als Yves und Peter zur Maschine hinüber gingen. „Ich nehme mir immer wieder vor, mich zurückzunehmen, aber kaum steht er vor mir, geht das nicht. Aber in London, als Herzog, wird das nicht passieren. Dort bin ich ein anderer.“

„Das hoffe ich für dich, denn sonst fliegt dein Bluff nach sieben Minuten auf, weil er dich sicher nicht verliebt ansehen wird, wenn du ihn wieder demütigen willst. Und im Augenblick“, Robert kratzte sich am Kopf und wand sich ein bisschen mit seinen Worten. „Ich glaube, im Augenblick da erwartet er gar nichts anderes von dir und sieht jeden Satz und jede Tat als Herausforderung. Vielleicht hilft es, mal einfach zu schlucken, auch wenn er frech wird. Schieß nicht zurück, auch wenn es schwer wird und dein Ego Amok laufen will. Gib ihm mal das Gefühl, dass es dich interessiert, was er denkt und verbessere ihn nicht immer.“ Robert lehnte sich neben seinen Freund. Ein bisschen Zeit hatten sie ja noch. „Du musst noch viel über das verliebt sein lernen, Will.“

„Ich. Bin. Nicht. Verliebt!“ Williams Augen sprühten Funken und seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Hör auf, solch einen Scheiß zu erzählen. Was, wenn Yves das mitkriegt und es auch noch glaubt? Ich kriege das hin, weil ich mein Leben lang darauf gedrillt wurde, in der Gesellschaft zu funktionieren und sobald wir in England sind, wird das so sein. Soll er seine Genugtuung bekommen, denn sonst werde ich euch eh nicht los.“

„Boah, Will!“ Robert schüttelte den Kopf. „Keine Sau hat jetzt gesagt, dass du verliebt bist, nur dass du noch etwas darüber lernen solltest, wenn du es SPIELEN willst. Jetzt verstanden, was ich sage? Deine Phobie davor, doch vielleicht Gefühle zu haben, die dir nicht in den Kram passen, ist ja nervenaufreibend.“ Robert stieß sich ab und deutete William an, dass sie langsam gehen sollten, wenn der Jet nicht ohne sie starten sollte. Außerdem hatten sie das Interesse der anderen Passagiere geweckt, das mochte er gar nicht.

„Hmpf.“ William wusste nicht wieso, aber er wurde rot, als wenn man ihn bei etwas ertappt hätte. „Das kann ich, keine Sorge. Oder glaubst du, dass ich das auch nur bei einem der Mädchen ernst gemeint habe, wenn ich ihnen das Gefühl gegeben habe, dass sie mir etwas bedeuten?“, murmelte er leise und ging los zum Ausgang. „Sie waren nichts weiter als Einträge in meinem Buch, aber sie glaubten, dass sie für mich etwas Besonderes waren.“

„Diese Mädchen waren dir verfallen. Bei Yves sieht das etwas anders aus, aber du wirst das Kind schon schaukeln.“ Robert war sich da ziemlich sicher und so beeilte er sich zusammen mit William auch endlich im Jet zu verschwinden. Schade, dass er nicht erlebt hatte, wie Yves sich in der Maschine umsah. Das war sicher niedlich gewesen, denn Robert wahr sehr wohl schon öfter aufgefallen, wie Yves versuchte, William und seinen Besitz nicht gut zu finden, ab und an aber zugeben musste, dass der Kerl Geschmack hatte und vielleicht sogar den gleichen wie Yves. Die zwei waren - wenn man es mit Abstand betrachten konnte - gute Alleinunterhalter.

„Das werde ich ganz bestimmt.“ Jetzt befand sich William wieder auf bekanntem Gebiet und er grinste leicht. „Eigentlich ist es egal, wem ich etwas vorspiele. Kleinigkeiten sind anders, aber im Großen und Ganzen ist es bei Männern und Frauen das Gleiche. Solange meine Mutter uns glaubt, ist alles so, wie es sein sollte.“ Sie gingen den kurzen Weg zum Flugzeug, wo die Stewardess hinter ihnen die Tür verriegelte und sie bat, sich hinsetzen und anzuschnallen, weil sie starten mussten.

Robert verkniff sich seinen Kommentar, dass William vielleicht Yves' Einfluss auf ein mögliches Scheitern unterschätzte, weil er den nicht mit Geld und einem hübschen Gesicht und Süßholzgeraspel einwickeln konnte. Das würde der junge Herzog noch schnell genug merken. Und damit auch das Personal des Flugzeuges, das schließlich der Herzogin gehörte, der Lüge glauben schenkte, hinderte er William daran, sich einen eigenen Sitz auf der Couch zu suchen, sondern schubste ihn neben Yves. Sie waren ja ein glücklich verliebtes Paar - jetzt konnten sie schon einmal üben.

Yves schien zu verstehen und schluckte einen Kommentar runter, sondern lächelte William zu, auch wenn das nicht leicht war. William brauchte ein paar Sekunden länger, aber auch er verstand und beugte sich zu Yves. „Bist du schon angeschnallt oder soll ich dir helfen?“, fragte er und wirkte wie ausgewechselt. Er lächelte und man merkte nichts mehr von seiner vorherigen schlechten Laune. Yves' Lächeln hatte ihn verwirrt und er musste es einfach erwidern, Yves wirkte so verändert, wenn er ihn einmal nicht verächtlich ansah. Sein Gesicht wirkte richtig sympathisch.

„Danke, ich mach schon,... Schatz!“, würgte Yves das letzte Wort hervor. Es ging ihm nicht gerade leicht über die Lippen. Ein Schatz war etwas Besonderes und das war William ganz bestimmt nicht. Außerdem gefiel ihm die Vorstellung gar nicht, dass der Kerl sich über ihn beugte und ihn festband!

„Okay.“ William lehnte sich zurück und beschäftigte sich mit seinem Gurt. Yves' Worte hatten etwas in ihm anklingen lassen, aber er konnte es nicht greifen und er brauchte ein paar Sekunden, um sich zu fangen. Er lehnte sich neben Yves an und nahm dessen Hand, verschränkte ihre Finger und sah zu Robert, der leicht nickte. Das war ein guter Anfang. Ehrlich gesagt hätte er nicht erwartet, dass das so reibungslos ging, aber die beiden Sturköpfe hatten wohl jeder ihr Ziel vor Augen und wollten es unter allen Umständen erreichen.

In erster Intention wollte Yves William seine Hand entziehen, doch er beließ sie, wo sie war. Das war ungewohnt. Er hatte noch nie die Hand eines anderen gehalten. Nur oft die seines kleinen Bruders - aber das war ja etwas völlig anderes. Um sich abzulenken, sah er also aus dem Fenster und beobachtete das Geschehen auf dem Rollfeld, schließlich war das für ihn völlig neu.

William ließ ihn gucken, aber beugte sich ein wenig näher, als er ihm etwas sagen wollte, denn die Stewardess kam an ihnen vorbei. „Wir werden ungefähr acht Stunden fliegen. Nachher, wenn wir in der Luft sind, erzähle ich dir etwas über meine Familie, als mein Freund, solltest du sie zumindest vom Hören kennen.“

Sanft strichen seine Finger über Yves’ Finger bei seinen Worten und er bemerkte es noch nicht einmal. Yves dafür umso mehr, doch er blickte stoisch aus dem Fenster, weil man sonst seinen fragenden Blick auf die verbundenen Hände bemerkt hätte. Der Kerl ging aber auch wirklich den ganzen Weg. Blieb nur zu hoffen, dass er ihn nicht noch in den Arm nahm und ihm am Hintern herum grabbelte, dann wurde aus dem Kurzschwanz-Fraggle nämlich ein Ohne-Schwanz-Fraggle.

„Mach das“, sagte er aber, um zu zeigen, dass er William verstanden hatte. Das Rollfeld und die Startvorbereitungen waren entschieden spannender.

Peter und Robert beobachteten sie und wenn man nicht wusste, wie es in den beiden wirklich aussah, konnte man ihnen das Verliebtsein direkt abnehmen. Allerdings war auch noch nichts passiert, außer ein paar Berührungen. Es würde sich zeigen, ob beide das weiter so locker durchzogen.

„Nachher, guck dir erst einmal alles an.“ Damit er auch aus dem Fenster sehen konnte, legte William seinen Kopf auf Yves' Schulter. Er wusste zwar, was da draußen alles passierte, aber das machte nichts. Schließlich waren sie frisch verliebt, da suchte man auch grundlos die Nähe des anderen. Nur gut, dass er die Gedanken seines Lieblings dabei nicht lesen konnte, denn Yves hegte Mordgelüste. Wenn William es jetzt noch wagen sollte, unaufgefordert seinen Hals zu küssen, hatte der einen Ellenbogen im Magen und er könnte von Glück reden, wenn Yves gut zielte und nur den Magen traf, ohne tiefer zu gehen. Er fühlte sich unwohl und wusste nicht genau, woran es lag. So versuchte er mit tiefen Atemzügen sich wieder auf seinen Job einzuschwören.

William konnte die Anspannung spüren und komischerweise tat es ihm gut zu wissen, dass nicht alles so einfach an Yves abprallte und seine Kirchenmaus nicht so cool war, wie er immer versuchte zu wirken. Darum blieb er so, machte aber nichts weiter. Er streichelte nur beruhigend über Yves' Finger und seufzte leise und zufrieden, doch er erreichte nicht, dass Yves sich beruhigte.

Der versuchte sich einfach daran zu gewöhnen und wenn man den Fraggle nicht sah, sondern nur die langen, weichen Haare am Hals spürte, war es vielleicht leichter, ihn als Mädchen zu sehen und sich dann nicht ganz so merkwürdig zu fühlen. Es war ja nicht so, dass er etwas gegen Schwule hatte - sollte Robert mit seinem Adam glücklich werden, an sich war er ja ein netter Kerl. Doch für Yves kam so etwas nicht in Betracht und schon gar nicht mit dem Fraggle. Alles, was der wollte, war Macht und Yves war niemand, der sich unterordnete. Das würde nie eine Beziehung werden, das wäre offener Krieg.

Sie blieben so bis nach dem Start sitzen und William störte Yves nicht bei seinen Betrachtungen. Er hatte nur etwas gegrinst, als seine Hand beim Start gedrückt wurde. Yves war aufgeregt, das zeigte auch der schnelle Herzschlag, den William spüren konnte. Oft war seine Kirchenmaus sicherlich noch nicht geflogen, wenn überhaupt. Er nahm seinen Kopf von der Schulter, als sie Reiseflughöhe erreicht hatten und sah Yves wieder lächelnd an. „Möchtest du etwas trinken? Dann rufe ich die Stewardess.“

'Ist das inklusive oder kostet das was?', wollte Yves erst fragen, doch dann beschloss er dass sein „Geliebter“ ihn auch auszuhalten hatte und bestellte sich einen Tee. „Einen chinesischen“, sagte er noch dazu. Nicht dass man ihm mit Pfefferminze oder sonst etwas kam. Eigentlich war er auch hungrig, doch das konnte er verdrängen, schließlich hatte er vorhin erst gefrühstückt. Lieber sah er sich in der Maschine noch ein bisschen um, auch wenn er das in Williams Abwesenheit schon getan hatte.

„Wirst du bekommen.“ William drückte einen Knopf und augenblicklich kam die Stewardess zu ihnen und fragte nach den Wünschen. „Einen Chinesischen Tee, einen großen Kaffee und ein paar Sandwichs“, bestellte er und sah zu Peter und Robert hinüber, die waren aber in Bücher vertieft und bekamen das gar nicht mit. So schickte er die junge Frau mit einem Nicken wieder weg.

„Du kannst ruhig aufstehen und rumlaufen, wenn du nicht mehr sitzen kannst. Es gibt auch Computerspiele, wenn du magst.“

„Mit so was kenne ich mich nicht aus. Wenn ich mal ein bisschen frei hatte, war ich im Dojo“, erklärte Yves. Doch erstaunlicherweise war der schneidende Ton aus seiner Stimme gewichen. Hatte er sich an William gewöhnt oder war es, weil der ihm auch nett entgegen trat? Was auch immer es war, es ließ Yves sich entspannen.

„Dann weiß ich ja, was wir während des Fluges machen können. Ich weihe dich in die Geheimnisse der Computerspiele ein. Dabei vergeht die Zeit viel schneller und es macht Spaß.“ Es war ein ehrliches Lachen, das aus Williams Kehle perlte und seine Augen leuchten ließ. Kaum jemand wusste, wie sehr er solche Spiele liebte, nicht einmal seine Freunde, denn wenn er einmal anfing, fand er kein Ende.

Das Lachen war es auch, was Yves' rigoroses: „Nein, keinen Bock“, noch im Keim erstickte und ihn nicken ließ. „Okay“, gab er sich stattdessen geschlagen und holte tief Luft. Was war denn nur los? Eigentlich wollte er am Fenster stehen, hinaus gucken und seinen Gedanken nachhängen. Der Kerl verwirrte ihn mit seiner netten Art, kein Wunder, dass Yuki ihm dann, wenn er so war, nicht widerstehen konnte. Das war ja waffenscheinpflichtig. Wie konnte jemand solch verschiedene Seiten in seiner Person vereinen? Yves konnte das nicht verstehen.

„Fein.“ William strahlte und seine Finger öffneten schon Yves' Gurt. „Gehen wir dort rüber, da können wir bequemer auf den Bildschirm gucken.“ Er stand auf und nahm Yves' Hand, gerade so als hätte er Angst, dass die Kirchenmaus sich das noch einmal überlegen könnte und nicht mitkam. Er zog Yves zum anderen Ende des Flugzeugs und setzte ihn dort wieder ab, während er selber alles vorbereitete. Ihm war in seinem Eifer nicht einmal aufgefallen, wie Peter auf seinem Sitz kniete und ihm hinterher sah.

„Sag mal, Rob, macht das die Höhenluft oder haben sie die beiden an der Schleuse ausgetauscht?“, murmelte er leise, weil er nicht glaubte, was er sah. Kein Murren, kein Knurren, keine frechen Bemerkungen, keine Provokationen? Verdammt - wer waren die beiden da hinten? Kannte er die?

„Keine Ahnung, aber was es auch ist, ich bin froh darüber.“ Robert sah über Peters Schulter. William erklärte Yves gerade die einzelnen Knöpfe auf dem Kontroller und beide sahen vollkommen entspannt aus. „Jetzt wissen wir zumindest, was wir machen müssen, wenn sie sich wieder gegenseitig die Augen auskratzen.“

„Was denn? Sie an Flugzeugsitze schnallen und warten, bis die Anfälle vorüber sind oder was?“, grinste Peter und schüttelte den Kopf. Wenn man nicht die Vorgeschichte kennen würde, konnte man die beiden für Freunde halten. „Wenn Yves keinen Job bekommt, soll er Schauspieler werden. Ich hätte nicht gedacht, dass er das so locker nimmt, wenn der Kurzschwanz-Fraggle“, Peter lachte, denn er mochte das Wort, „ihm aufs Fell rückt.“

„Ach komm, bisher hat Will sich doch zurückgehalten, außer ein wenig Händchen halten ist nichts passiert.“ Robert ließ sich wieder in seinen Sitz fallen, denn er wollte nicht, dass die zwei sich beobachtet vorkamen. „Aber es stimmt schon, es ist erstaunlich, wie locker Yves damit umgeht und Will auch. Man hat fast den Eindruck, als hätten sie so etwas schon öfter gemacht.“

„Vielleicht haben sie ja.“ Auch Peter ließ sich mit einem Plumpsen wieder auf seinen Sitz zurückfallen. „Ich frage mich nur, wie das wird, wenn wir auf dem Landsitz in London sind. Sie haben ja eine gemeinsame Suite und die hat nur ein Bett. Schließlich erwartet man William dort mit einer Freundin - einer, die seine Mutter für ihn ausgesucht hatte.“ Soweit William das erzählt hatte, versuchte seine Mutter schon lange, ihm diese Lauren anzudrehen und sah sie wohl bereits als Schwiegertochter. Was auch hieß, dass sie ebenfalls dort auftauchen dürfte, wenn auch nicht an Williams Seite. Wie würde sie auf Yves reagieren?

„Da müssen sie durch, wenn sie glaubhaft sein wollen“, sagte Robert lapidar, „und irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass das Bett so klein ist, dass man sich nicht aus dem Weg gehen kann, wenn man möchte. Bei dieser Freundin sieht die Sache schon anders aus, da sollten wir wachsam sein, damit sie Yves nicht alleine erwischt. Ich habe zwar nicht viel mit Frauen am Hut, aber ich hatte vor Adam auch Freundinnen und die konnten ziemlich biestig werden, wenn sie sich abgeschoben fühlten und nicht das bekamen, was sie wollten.“ Robert kaute auf seiner Unterlippe herum. Wenn Williams Mutter sie wirklich als Schwiegertochter haben wollte, hatten sie ein großes Problem.

„Vielleicht sollten wir William dazu noch einmal interviewen“, überlegte Peter. Sein Buch war vergessen, denn nun war er in Sorge. Er kannte diese Lauren nicht. Er wusste nur, dass sie in Williams alter Schule eine Klassenstufe unter ihm war und William ständig - mehr oder weniger erfolgreich - versuchte, ihr au dem Weg zu gehen. Nicht um sonst war seine Handynummer geheim und für sämtliche von Laurens Telefonnummern gesperrt.

„So ungern ich es sage: wir haben die Sache nicht bis zu Ende geplant.“

„Ich hoffe, William hat das gemacht, schließlich kennt er diese Lauren besser. Zumindest wäre es besser für ihn, wenn er nicht wieder Ärger haben möchte. Ich lasse nicht zu, dass er Yves da vollkommen unvorbereitet reinstolpern lässt.“ Robert sah noch einmal zu William und Yves, die ganz in ein Spiel vertieft waren. „Aber lassen wir sie sich erst einmal aneinander gewöhnen. Wir haben noch Zeit.“

„Na so viel nun auch wieder nicht. Nur weil die alte Hex... Tschuldigung.“ Peter war es sichtlich peinlich, einfach Williams Sprachgebrauch übernommen zu haben und setzte noch einmal neu an. „Also, was ich sagen wollte, nur weil seine Mutter heute noch nicht da sein wird, sondern erst morgen zum Empfang eintrifft, heißt das ja noch lange nicht, dass ihre selbsternannte Stellvertreterin dort nicht schon herum scharwenzeln wird. Wir sollten Yves jetzt davon berichten und nicht, wenn alles zu spät ist. Wir können ihm nicht Tag und Nacht auf die Pelle kriechen und ihm alles fern halten.“ Nein, das ging nicht und das würde auffallen. Peter wurde ganz nervös.

„Jetzt sofort? Sie sind gerade so friedlich und ich glaube nicht, dass das noch so sein wird, wenn wir Yves von Lauren erzählen. Ich wollte ihnen eigentlich noch ein wenig Zeit geben, sich zu beschnuppern. Es reicht doch, wenn wir uns in zwei oder drei Stunden um das Problem kümmern.“ Robert sah Peter bittend an. Es lief doch gerade so gut, das sollte man nicht einfach kaputt machen.

„Okay. Mach wie du denkst. Aber wenn Yves dann unvorbereitet in die Hölle steigt und er mit einem Messer im Rücken oder einem gebrochenen Genick irgendwo herum liegt, weil er nicht vorbereitet war, geht das auf deine Kappe.“ Nun glaubte Peter ja nicht, dass diese Frau zu solch subtilen Mitteln greifen würde, doch man sagte ja immer, man solle niemals nie sagen. Verschmähte Frauen taten sich untereinander schon bösartige Sachen an. Wie sollte das erst werden, wenn man einsehen musste, dass man für eine glückliche Zukunft mit dem Auserwählten das falsche Geschlecht hatte?

„Beschimpfungen und Verunglimpfungen mal noch nicht mit gezählt.“

„Er wird nicht unvorbereitet sein, keine Sorge und ich werde Will schon klar machen, dass er sich zu kümmern hat, damit Yves nicht unnötig auf dieses Weib trifft.“ Er nahm sein Buch wieder auf, aber sein Blick glitt immer wieder zu den beiden jungen Männern. Ab und zu war Lachen zu hören, so wie gerade, als Yves Williams Durst ausgenutzt hatte und er ihm so ein Leben stehlen konnte.

„Hast du immer noch nicht begriffen, dass ich mit einem Schwert besser umgehe als du?“, provozierte er frech und verbiss sich wieder in das Spiel. Wenn man es erst einmal begriffen hatte, war das gar nicht so übel. Vielleicht - wenn das mit dem Job klappte und Joel endlich seine Operation bekam und genügend Schulgeld für eine gute Ausbildung - würde er sich auch so was zulegen. Im Augenblick aber nutzte er seine Chance hier, William zu zeigen, wo der Frosch die Locken hatte.

„Mit dem Katana vielleicht, aber nicht mit dem Breitschwert.“ William knurrte leise und funkelte einmal zu Yves hinüber und war schon wieder tot, denn er hatte sich kurzzeitig in dem Anblick verloren, der sich ihm bot. Die Zungenspitze zwischen die Lippen geklemmt, starrte Yves auf den Bildschirm und es war, als würde William das erste Mal feststellen, wie gut seine Kirchenmaus aussah. „Revange“, sagte er, um sich abzulenken und ließ sich von Yves’ Grinsen nicht provozieren.

„Es macht keinen Spaß, dich ständig zu besiegen“, lachte Yves und legte den Kontroller kurz weg. Sein Tee war mittlerweile kalt und sicher bitter, weil er viel zu lange gezogen war, doch das störte ihn nicht. Sein Mund war trocken, da war er nicht wählerisch.

„Außerdem kämpfe ich nicht mit solch klobigen Schwertern, ich bevorzuge leichte, wendige Waffen.“ Dabei funkelte er William herausfordernd an. Wenn der nicht immer den reichen, machtgierigen Spinner raushängen ließ, konnte man mit ihm Spaß haben.

„Mein Claymore ist nicht klobig, wenn man es richtig zu gebrauchen weiß. Zwar nicht so elegant wie ein Katana, aber durchaus effektiv für das, wofür es gemacht wurde. Es sollte Rüstungen durchbrechen.“ William biss in eines der Sandwichs und bot sie auch Yves an. „Ich mag es, sein Gewicht zu spüren und die Kraft, wenn man es durch die Luft sausen lässt.“

„Ich weiß nicht, ob ich mich mit so was anfreunden könnte. Ein paar Stücke aus deiner Sammlung sind optisch nicht übel und sicher wertvoll, aber nicht das, mit dem ich trainieren will. Eleganz und Effektivität spielen bei mir mehr eine Rolle“, sagte Yves nachdenklich und nahm sich eines der Brote. Ein kurzer Blick auf den Belag und er biss zu. Mit Schinken und Salat konnte er gut leben. Doch er vermied es, William näher anzusehen, sonst fand er ihn am Ende ihrer Reise noch richtig sympathisch und sie wurden Freunde. Das wollten sie sicher beide nicht.

„Wertvoll sind sie eigentlich alle, aber deswegen sammle ich sie nicht. Ich finde Schwerter einfach faszinierend und sie sollten erhalten werden. Sie sollen nicht in irgendwelchen Kisten oder an Wänden verstauben. Sie sollen benutzt werden, darum habe ich gelernt ein Breitschwert zu führen und darum lerne ich jetzt Kendo.“ William legte den Kontroller weg, denn er wollte sich lieber mit Yves unterhalten, ihn besser kennen lernen. „Meine Mutter hat das bisher verhindert, aber jetzt bin ich 18 und sie muss es akzeptieren.“

„Muss ja ein richtiges Herzblatt sein, meine Schwiegermutter in spe, hm?“, konnte sich Yves nicht verkneifen. Er konnte es einfach nicht lassen. Doch er schob ein „tschuldigung“, hinterher und biss schnell noch einmal von seinem Sandwich ab, ehe er noch mehr solcher Sachen sagte.

„Sag mir lieber, warum du mich jagst wie ein Tier“, fragte er plötzlich und sah William dabei offen an. „Egal wo ich hin gehe, du folgst mir. Auf dem Schulhof, in den Dojo, ins ‚Haus der Sinne’. Warum?“ Yves wollte es endlich begreifen, vielleicht konnte er das leichter verarbeiten.

„Weißt du, wie ich sie nenne? Alte Hexe. Du musst dich also bei mir nicht entschuldigen. Sie hat mich geboren, das war es auch schon.“ William hoffte, Yves so ablenken zu können, weil er auf dessen andere Frage keine wirkliche Antwort hatte, denn dass er es nur tat, weil Yves ihm dumm gekommen war, nahm er sich nicht einmal mehr selber ab.

„Ich weiß nicht“, sagte er trotzdem, ohne es wirklich zu wollen. „Du machst mich verrückt. Du verachtest mich, lässt dich nicht beeindrucken. Man könnte wohl sagen, mir sträubt sich das Fell, wenn du in meiner Nähe bist und mein Verstand schaltet sich ab. Wie sagte Rob so schön? Ich drehe frei, wenn du in meiner Nähe bist.“

Skeptisch hob Yves die Brauen und ließ sein Sandwich wieder sinken, von dem er eigentlich gerade noch einen großen Happen hatte nehmen wollen. Die Soße, die verwendet wurde, war überraschend lecker, aber im Augenblick vergessen. „War das jetzt eine Kriegserklärung oder ein Kompliment?“, fragte er etwas verwirrt. „Und wenn ich dich verrückt mache, wenn ich in deiner Nähe bin, warum läufst du mir dann nach? Ich meine, ich versuche doch schon alles, dir aus dem Weg zu gehen und mir nicht noch mehr von deinem Unmut zuzuziehen. Ich habe andere Sorgen als einen... na ja, du weißt, was ich von dir halte.“ Yves wirkte etwas beschämt, deswegen konzentrierte er sich doch wieder auf das Essen. Warum hatte er nur mit diesem blöden Thema anfangen müssen, das drückte die Stimmung und machte es nicht leichter, das Wochenende zu ertragen.

„Fraggle?“, half William grinsend aus und seufzte. „Ich weiß, dass sich das bekloppt anhört, aber am Anfang war ich wütend auf dich und wollte dir schaden, doch nach und nach wurde es anders. Du wurdest zu einer Obsession. Ich musste wissen, was du tust, damit ich reagieren konnte, falls du etwas gegen mich planen würdest und ich wollte dir einfach auf die Nerven gehen, indem ich überall dort auftauchte, wo du gerne warst, allerdings, das mit dem Dojo war wirklich Zufall.“

„Ja, das weiß ich heute auch. Yuki hat mir alles erzählt“, sagte Yves und atmete tief durch. Was sollte er von Williams Worten halten? Sie klangen ehrlich und das war der Punkt. Aber die Obsession eines solchen Mannes zu sein, war nicht das, was Yves erstrebt hatte. Alles, was er wollte, war seine Ruhe und ein Abschluss und dass sein kleiner Bruder bald wieder sehen konnte. Er hatte doch nicht im Traum daran gedacht, etwas gegen William zu unternehmen, er war doch nicht lebensmüde.

„Gut, dass ihr euch wieder vertragen habt. Das war auch ein Grund, warum ich auf dich wütend war. Yuki hat sehr darunter gelitten, aber sie hat mir verboten etwas zu unternehmen. Sie ist ein Schatz und ich lasse nicht zu, dass sie jemand verletzt. Etwas, was wir wohl gemeinsam haben.“ William fühlte sich komisch, weil Yves nun wusste, warum das alles passiert war, aber es war merkwürdig, irgendwie fühlte er sich auch erleichtert. Es war, als wenn der Druck von ihm genommen worden war.

„Ja. Da habe ich wohl Mist gebaut. Schwamm drüber.“ Yves wollte das hier nicht weiter vertiefen, ihm wurde das zu privat und das war irgendwie nicht gut, wie er glaubte. „Lust, noch mal zu verlieren?“, fragte er also grinsend und leckte sich die Finger sauber, als er fertig war mit essen.

„Aber immer doch.“ Yves hatte Williams Ehrgeiz geweckt, schließlich ging es ja nicht an, dass er noch einmal gegen einen Anfänger verlor, auch wenn der sehr gut das Schwert beherrschte. Schließlich spielte er schon seit Jahren mit Leidenschaft. Er knuffte Yves gegen die Schulter und lachte. „Du bist anders, als ich gedacht habe.“