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Das Herz eines Herzogs - Teil 25 bis 28

25

Yves befand sich in einem merkwürdigen Taumel aus Traum und Realität, als er an diesem Morgen langsam zu sich kam. Es irritierte ihn vielleicht, dass sein Wecker nicht geklingelt hatte und er noch keine Stimmen vor seiner Zimmertür hörte. Sollten die Lees nicht schon lange wach sein? Doch er gönnte sich noch ein paar Sekunden, denn im Augenblick fühlte er sich unwahrscheinlich wohl.

Unbewerkt hatte er sein Kissen gegen Williams Brust getauscht und somit war das, was er unter seiner Hand spüren konnte, nicht das Laken, über welches er langsam streichelte, sondern Williams Seite. Aber es fühlte sich gut an, zart und weich und so rieb er zufrieden seufzend seine Wange über das vermeintliche Kissen.

Doch eine Sekunde später war er hellwach, als ein Schrei von der Tür ihn aus seinem Taumel riss. Er zuckte hoch, genauso wie William. Die Arme automatisch um Yves legend, damit er nicht abrutschte, sah er sich um. Er hatte noch geschlafen, wenn auch nicht mehr so fest und nun raste sein Herz, weil er sich erschrocken hatte. Warum Yves auf ihm lag, fragte er sich erst einmal nicht, denn er hatte den Grund gefunden, der ihn aus seinen angenehmen Träumen gerissen hatte.

Das durfte doch nicht wahr sein!

Was machte diese dämliche Kuh unaufgefordert in seinem Zimmer?

„Lauren, verschwinde!“, zischte er sie wütend an und ließ sich wieder nach hinten fallen. Dabei hielt er Yves aber fest an sich gedrückt und das war gut, sonst wäre der nämlich panisch aufgesprungen und, entgegen seiner Rolle, im Bad verschwunden. Hatte er sich allen Ernstes doch zu William ins Bett gelegt? Schlimmer noch - es war so gekommen wie er es vorausgesagt hatte. Er hatte diesem Kerl nicht widerstehen können. Das war ihm so peinlich und sein Herz schlug wie wild. Er sah sich also gar nicht erst nach dieser kreischenden Person um, die wetternd ans Bett gelaufen kam und zeterte.

„Das glaube ich ja nicht!“, schrie sie immer wieder und Yves hoffte, dass sie einfach wieder ging, doch sie ging nicht. Sie riss die Decke vom Bett und wurde blass, denn im Gegensatz zu Yves sah sie, dass William wie üblich nackt schlief.

„Du, du!“, setzte sie immer wieder an, doch kein Satz verließ ihre Kehle. Rot im Gesicht starrte Lauren auf das Bett und das Pärchen darinnen. „Schmeiß die Schwuchtel raus und zieh dich an. Werd wieder normal, denn deine Mutter will mit uns frühstücken und das hier, wirst du uns erst einmal erklären, Idiot!“ Die brünette, junge Frau führte sich auf wie die Herrin des Schlosses und sicher gab ihr Abigail Kendal auch das Recht dazu.

Verächtlich sah sie auf Yves, der es immer noch nicht wagte, sie anzusehen. Er hatte mit sich selber genug zu tun. Und warum legte sich jetzt auch noch Williams Hand auf seinen Hintern? Was sollte das denn?

„Lauren, ich wiederhole es noch einmal. Verpiss dich und mach die Tür von außen zu.“ Williams Stimme war eiskalt, genau wie seine Augen, als er das Mädchen neben seinem Bett fixierte. Ganz entgegen dazu streichelte seine Hand liebevoll und sanft über Yves' Hintern und Rücken. „Wenn meine Mutter frühstücken möchte, dann soll sie das tun, aber weder ich noch Yves werden daran teilnehmen.“ Er riss ihr die Decke aus der Hand und breitete sie wieder auf dem Bett aus. Nicht aus Schamgefühl, ihm war einfach nur kalt.

„Los geh, normalerweise kannst du doch auch nicht schnell genug bei meiner Mutter petzen, wenn dir etwas nicht passt“, reizte er sie und setzte noch einen drauf. Er sah Yves an und küsste ihn sanft. „Guten Morgen, Liebling. Hast du gut geschlafen?“, murmelte er dabei und fing die Lippen zu einem richtigen Kuss ein, ohne sich daran zu stören, dass sie von ungläubigen Augen beobachtet wurden.

Nur gut, dass Yves die nervenaufreibende junge Dame im Rücken hatte, denn wenn sie seine weit aufgerissenen Augen gesehen hätte, wäre sie vielleicht ins Grübeln gekommen. Doch er beruhigte sich überraschend schnell, denn Williams geschickte Zunge lockte ihn wieder in ein Duell um Macht und Terrain, das Yves nicht verlieren wollte. Von dem warmen Gefühl, das ihn dabei durchlief, einmal völlig abgesehen.

„Sie weiß bereits von deiner merkwürdigen Phase“, knurrte Lauren, die das bis eben noch für einen bizarren Scherz gehalten hatte. Doch dieser Kuss - so etwas tauschte man nicht, um jemand anderes zu foppen. Schon gar nicht, wenn auch noch Hände zum Einsatz kamen.

„Ich an deiner Stelle würde mich doch mal bei deiner Mutter blicken lassen, sie hat dir nämlich etwas zu sagen, was für deine kleine Schwuchtel vielleicht auch von Interesse sein könnte.“ Ohne den letzten Trumpf zu spielen konnte sie ja schlecht gehen. Doch nun wandte sie sich um. Das war ja Ekel erregend, wie dieser blonde Kerl sich gegen William drückte und sich an ihm rieb.

Abartig!

So bekam sie nicht mehr mit, wie William sich mit Yves drehte, ohne den Kuss zu unterbrechen. Heute ließ er sich nicht dominieren. Halb auf ihm liegend, die Arme fest um Yves gelegt, küsste er ihn leidenschaftlich, ließ nicht zu, dass Yves ihn zurückdrängte. Dass er diesen Kuss nur begonnen hatte, um Lauren loszuwerden, war vergessen und er genoss es, dieses unbeschreibliche Gefühl wieder zu spüren. Dieses Kribbeln, das sich durch seinen Körper zog.

Als die Tür knallte, schreckte Yves kurz auf. Dies wäre der Punkt gewesen, an dem sie ihre kleine Scharade hätten stoppen können, doch er konnte nicht. Es war wie ein Wahn, William zurückzudrängen, ihm wieder seinen Willen aufzudrängen. Dabei merkte Yves nicht einmal, wie seine Hände über den nackten Rücken seines Gespielen glitten, auch nicht, wie sie sich Besitz ergreifend auf den nackten Hintern legten. Es war wie ein Fieber, das ihn glühen ließ. Er stöhnte ungehalten auf.

Genau dieses Stöhnen ließ William kurz innehalten und den Kopf heben. Was machte er hier? Ihm wurde bewusst, wen er im Arm hielt und worauf sie zusteuerten, aber es störte ihn nicht. Er konnte jetzt nicht aufhören, denn sein Körper wollte mehr. Mehr von dieser heißen Haut, diesem kräftigen Körper, der sich anfühlte, wie für ihn gemacht, mehr von diesen Küssen, auch mehr von diesen Lauten, die Yves von sich gab. Darum beugte er sich wieder hinunter und setzte den Kuss fort, der ihn alles um ihn herum vergessen ließ.

Auch Yves hatte die kurze Pause genutzt, um sich zu fragen, ob er noch zu retten war. Doch kaum dass die weichen Lippen ihn wieder eroberten, beschloss er, dass er ganz bestimmt nicht mehr zu retten wäre.

Scheiß drauf, dass die Person auf ihm ein Kerl war.

Scheiß drauf, dass es der blöde Fraggle war.

Wenn er nicht redete, sondern nur küsste, war er erträglich - mehr als erträglich! Ein Bein anwinkelnd ließ er William fester auf seinen Schoß gleiten und stöhnte auf, als er spürte, dass auch dort einiges im Argen lag.

Dieses heisere Stöhnen, das William erwiderte, war wie ein Zünder, der sie beide lichterloh in Flammen setzte. Wie in einem Fieber strichen Williams Hände über Yves' Körper. Seine Lippen liebkosten mittlerweile Yves' Hals und küssten sich tiefer. Er wollte mehr und er wollte immer wieder das leise Stöhnen hören, welches er seinem Gespielen entlockte. Schauer liefen über Williams Körper, als Yves' Finger sich in seinen Hintern gruben und sie so noch näher zueinander brachte, um sie beide die Erregung des anderen deutlicher spüren zu lassen.

„Hey, pennt ihr noch? Reagiert hier keiner auf dezentes Klo... ach du Scheiße!“ Robert, der bis eben noch versucht hatte, vor der Tür sanft auf sie aufmerksam zu machen, wie es Peter neben ihm verlangt hatte, stand wie angewurzelt in der Tür. Er konnte sich nicht bewegen - was ging denn da auf dem Bett ab? William war völlig nackt, Yves' Hose hing auch nicht mehr auf der Hüfte.

Und eine Sekunde später kam Stillstand in das Bild, denn Yves hatte die beiden genau im Blickfeld und erstarrte. Er konnte sich nicht mehr regen, lag wie ein Stein und erwiderte keine von Williams Liebkosungen. In seinem Kopf schossen sinnlose Gedanken hin und her und lähmten ihn völlig.

William brauchte ein paar Herzschläge länger, aber dann ruckte sein Kopf ebenfalls hoch und er sah auf seine Freunde, denn mittlerweile stand auch Peter im Zimmer. Er hatte sich an Robert vorbeigedrängt, als der nicht weitergehen wollte. Nun stand er da, leuchtete rot und hielt sich die Hände vor die Augen. In einer fließenden Bewegung zog William die Decke wieder hoch und über sie, dann ließ er sich neben Yves fallen. Sagen konnte er nichts, denn in seinem Kopf stritten sich Wut und Scham, aber ein schneller Blick zu Yves zeigte ihm, wie es in dem aussah, darum zog er ihn zu sich, damit er sein Gesicht verstecken konnte und niemanden ansehen musste.

„Ich wollte nicht stören, ich wollte nur frühstücken“, versuchte sich Robert gleich zu erklären. Er hatte aber auch immer ein Glück mit seinem Timing. Hoffentlich wurde William nicht gleich wieder wütend. „Wirklich, das war keine Absicht, ich...“, stammelte er vor sich hin und hielt sich am Türrahmen fest, bereit zu flüchten, sollten Kissen nach ihm fliegen.

Ein ähnliches Gefühl von Flucht hatte Yves, doch sein Körper weigerte sich. Gerade so, als wüsste er viel besser als sein Hirn, was gut für Yves war. Er blieb, wo er war und drückte sein Gesicht gegen Williams Hals und ließ sich von dem herben Duft betören. Er wollte sich selbst belügen.

„Wartet bitte in eurem Zimmer, wir machen uns fertig.“ William hatte seine Stimme wiedergefunden und sich auch an seine Erziehung erinnert.

„Alles klar.“ Erleichtert schob Robert Peter aus dem Raum und war froh, als er die Tür hinter sich schließen konnte. Das war noch mal gut gegangen. Er hatte sich schon tot gesehen, so wie William zuerst geguckt hatte.

„Sie sind weg“, sagte William leise und strich über Yves' Schulter. „Was für ein Morgen.“ Er ließ sich wieder in die Kissen sinken und legte einen Arm über seine Augen.

„Na, das kannst du aber laut sagen“, murmelte Yves, erhob sich aber wieder. Kurz sah er auf William hinab und es war schwer, die beiden Charaktere, die der junge Herzog immer wieder von sich zeigte, zu einer Person zusammenzufügen. Sicher war es schön von ihm gehalten zu werden und zu wissen, dass jemand auf einen Acht gab. Und verdammt, es war geil, den Kerl zu küssen. Aber da war auch der herrische Mistkerl, der über Yves' Leben bestimmte und der verbohrte egozentrische Spinner, der ihm eine Menge Ärger machte. Es war schwer zu entscheiden, wen er neben sich hatte.

„Ich geh erst mal duschen.“

„Mach das.“ William zwang sich, Yves nicht hinterher zu sehen, denn noch viel zu genau wusste er, wie sich der kräftige Körper unter ihm angefühlt hatte und wenn er sich nicht dazu zwang wegzusehen, dann konnte er für nichts garantieren. Viel zu gut hatte sich das eben angefühlt. Wie konnte das nur sein? Wieso reagierte er so auf einen Kerl? Das war doch nicht normal, vor allen Dingen, weil er es mehr genossen hatte, als mit einem Mädchen.

„Ach du Sch...“, murmelte Yves. Er lehnte mit dem Rücken an der geschlossenen Tür und starrte immer noch ungläubig auf seinen Schritt. Er war doch allen Ernstes erregt von William! Er reagierte auf einen Mann. Das konnte eine Menge Probleme nach sich ziehen. Vielleicht war es besser, er gab diesem Drängen in sich nicht nach. Vielleicht sollte er doch einmal mit Jenny ausgehen, wenn er zurück in New York war, um wieder auf die Spur zu kommen. Denn wenn er hier weiter machte, bedeutete das in mehrfacher Hinsicht Gefahr.

Es hätte ihm wahrscheinlich gefallen, wenn er gesehen hätte, wie William die Decke lupfte, darunter linste und seine Augenbraue sich hob. Allerdings war er nicht so geschockt wie Yves, sondern seufzte nur und ließ die Decke wieder fallen. Alles, was mit Yves zutun hatte, war nicht normal. Weder Williams Verhalten, noch seine Gefühle. Er musste sich wohl damit abfinden, dass Yves sein Leben vollkommen durcheinander brachte und dass dies bereits an dem Tag begonnen hatte, als sie sich den ersten Schlagabtausch gegönnt hatten.

Es dauerte noch eine Weile, dann hörte William das Rauschen der Dusche. Yves hatte beschlossen, seinen verwirrten Körper wieder auf Linie zu bringen und kaltes Wasser hielt er dabei für eine gute Idee. Er biss die Zähne zusammen, um keinen Mucks von sich zu geben und bereute gerade, dass sein Bademantel immer noch im Schlafzimmer lag. So hatte er wieder nur ein Handtuch, als er, sichtlich gefasster als eben noch, aus dem Bad zurückkam.

Allerdings tat es seiner Fassung nicht gerade gut, dass William immer noch nackt vor einem der Schränke stand und sich etwas zum Anziehen suchte. Der junge Herzog hatte sich wieder beruhigt, aber trotzdem vermied er es, Yves anzusehen, denn er traute sich nicht mehr. Erst einmal brauchte er Abstand, darum ging er gleich ins Bad. Eine Dusche konnte auf jeden Fall nicht schaden und Yves' Dank schlich ihm hinterher.

„Mann, Mann, Mann“, murmelte er selber und kramte sich ebenfalls etwas aus seiner Reisetasche. So viel hatte er ja nicht mit und der Anzug, der da so einladend neben seiner Tasche drapiert war, machte ihm klar, was von ihm erwartet wurde. Zum Glück hatte William aber auch für sich einen feinen Zwirn rausgesucht, so dass Yves wenigstens nicht allein in einem solchen Pinguinkostüm durch die Gegend laufen musste.

William duschte ausgiebig aber nicht so lange, denn schließlich wartete Robert auf sie und wenn dem das zu lange dauerte, konnte es sein, dass er wieder auf der Matte stand. Schlauerweise hatte er seine Kleidung mitgenommen, so, dass er schon fertig angezogen aus dem Bad kam. Jetzt erst sah er Yves wieder an.

„Sollen wir rüber gehen?“, fragte er, ohne weiter auf das, was geschehen war, einzugehen und Yves war nicht böse darüber.

„Gute Idee, ehe der wieder in der Tür steht“, sagte Yves und richtete sich noch einmal das Shirt. Er hatte sich wieder in seine Jeans gezwängt und den Anzug erst einmal ignoriert. So lange keine Pflicht bestand, bekam ihn da keiner rein. „Was war das eigentlich vorhin mit dieser Dame? War das deine... du weißt schon?“, fragte er trotzdem, weil ihm ihre Drohungen nicht ganz aus dem Kopf gingen.

„Ja, das war Lauren.“ William schüttelte sich, denn wenn ihm jemand zuwider war, dann war das diese Frau. „Ich bin froh, wenn ich sie nicht sehen muss. Lass dir von ihr nichts gefallen und wehre dich ruhig, wenn sie dich angreift. Du kannst sagen, was du willst, ich werde es bestätigen. Sie hat hier überhaupt nichts zu sagen, auch wenn sie das glaubt.“

„So wie ich das verstanden habe, sieht das sowohl deine Mutter als auch die junge Dame etwas anders“, sagte Yves, doch er nahm sich vor, sich ganz bestimmt nicht gegen sie zu stellen. Was nicht hieß, dass er für sie war, aber es sich mit der Kandidatin der Mutter zu verscherzen, konnte weitreichende Konsequenzen haben - unangenehme.

Sie traten auf den Flur und lachten, weil Yves direkt in Robert hinein lief, der mit Peter vor der Tür gelauert hatte und Yves nun musterte.

„Ihm scheint es gut zu gehen. Noch alles dran, wie es aussieht, auch wenn das meiste von ihm von Kleidung bedeckt ist, da wird es schwierig, Bissspuren und Knutschflecken zu erkennen. Autsch!“ Robert hatte seine Hand ausgestreckt, weil er mal das Shirt hochheben wollte und hatte von William was auf die Finger bekommen.

„Finger weg. Meins!“, knurrte der junge Herzog, aber er grinste. Nur Peter bemerkte, wie Yves für einen kurzen Augenblick rot wurde und irgendwie merkwürdig lächelte.

Meins, dachte der, das klang irgendwie angenehm. Zu jemandem zu gehören, nicht allein zu sein. Auch wenn es nur ein Spiel war, so machte es Yves doch eines klar: Seine Art zu leben wie bisher füllte ihn nicht aus. Er wusste, dass er keine Zeit hatte, das zu ändern, doch diese beiden Tage konnte er so tun als ob. Er konnte zu jemandem gehören, er konnte sich begehrt fühlen, auch wenn es nur eine Scharade war und er konnte sich trunken machen an Williams Küssen.

„Geizkragen“, knurrte Robert und sah nun ebenfalls Yves forschend an. „War er ein Gentleman oder war er ein Macho?“

Yves verstand nicht gleich, doch dann lachte er. „Er war der, der genießt und schweigt.“ Das konnte Robert jetzt interpretieren, wie er wollte.

„Kann es sein, dass die zwei sich gerade gegen uns verschwören?“, knurrte Robert und Peter grinste. Yves schien es gut zu gehen. Das hatte ihm die größte Sorge bereitet. „Lasst uns was essen, da kommt Robbie am ehesten über die Schmach hinweg.“ Bevor das noch ausartete, schob er seinen Freund den Korridor entlang. William würde ihm schon sagen, wenn er auf dem falschen Weg war.

So ging es über zwei Flure und eine Treppe in einen kleinen Saal, in dem für vier Personen gedeckt worden war. Sehr hübsch arrangiert. In der Mitte des riesigen Tisches war das Buffet aufgebaut und Yves’ Magen knurrte plötzlich auch.

„Was liegt denn heute alles an? Ist deine Frau Mama schon eingetroffen? Sollten wir uns ihr nicht einmal vorstellen?“, fragte Peter, der wie üblich immer drauf bedacht war, einen guten Eindruck zu hinterlassen.

William setzte sich neben Yves und nahm sich erst einmal einen Kaffee. „Du auch oder lieber Tee?“, fragte er Yves und goss ihm Tee ein, wie gewünscht, erst dann beantwortete er Peters Fragen.

„Meine Mutter ist da, hat schon nach mir verlangt und wir werden wohl nicht drum herum kommen, ihr unsere Aufwartung zu machen. Lauren ist übrigens auch schon da und wir hatten schon das Vergnügen. War nicht erfreulich, aber was soll's.“ Dass der Auftritt dieser Frau der Auslöser gewesen war, dass er sich mit Yves durch die Laken gewälzt hatte, verschwieg er lieber. Das gab nur wieder unschöne Fragen von Robert. „Ach übrigens, meine Mutter mag es, wenn man sie mit Hoheit anspricht.“

„Warum wundert mich das eigentlich gar nicht?“ Robert schüttelte den Kopf, verdrängte das aber. „Kann ich lieber hören, wie das mit Lauren gelaufen ist? Warum hat man es versäumt, uns zum Spiel zu holen? Ich will wenigstens jetzt jedes Detail! Was hat sie gesagt, was hast du gesagt, und was hat sie gesagt, nachdem du was gesagt hast - meine Güte, Will, nun mach doch mal den Mund auf!“ Er hatte ein Brötchen auf das Messer gepiekst und wedelte nun damit wie mit einem Zepter.

„Sie hat gesagt, dass ich zum Frühstück bei meiner Mutter erscheinen soll und ich habe darauf geantwortet, dass sie sich verpissen soll. Danach ist sie gegangen. Stimmt doch, oder Yves?“ Er grinste breit, als er zu Yves rüber sah. Mehr war er nicht bereit preiszugeben, denn das war etwas zwischen ihnen beiden, das musste kein anderer wissen.

„Ja, Schatz, du hast Recht, wie immer“, setzte Yves mit wild schlagendem Herzen noch einen drauf, denn mittlerweile war er so verwirrt von sich selbst, dass William ihn nur ansehen musste und eine Flut von Erinnerungen tobten über seine Haut. Wie es sich angefühlt hat, wie heiß es gewesen war.

„Und das soll ich glauben?“ Robert klang unzufrieden. „Die kommt, du sagst geh weg und sie geht weg? Wie öde ist das denn? Hat sie euch wenigstens zusammen im Bett erwischt? Und das hat sie kalt gelassen - ha da!“ Robert sprang auf und deutete auf den errötenden Yves, der verzweifelt versuchte, sein Gesicht durch den gesenkten Kopf zu verstecken. „Da war noch was, los raus!“

„Kein Kommentar. Du hast doch gehört, ich genieße und schweige.“ William beugte sich zu Yves hinüber und küsste ihn auf die heiße Wange. „Und nun ist gut, du musst nicht alles wissen. Nur so viel, dass sie recht wütend war und ein paar unschöne Sachen gesagt hat, die ich hier nicht wiederholen möchte.“

„Ui, Zickenterror“, murmelte Robert und schmollte, aber nur ein bisschen. Doch er konnte nicht leugnen, dass er endlich wissen wollte, was mit Yves und William nun war. Er wusste von Yves, dass der das nur als Job sah. Doch das war doch kein Job. Die bestiegen sich auch ohne Publikum. Wenn er bloß nicht so neugierig wäre.

„Wer wird heute Abend alles zu dem Empfang da sein?“, wollte Peter wissen, um endlich mal von dem unsäglichen Thema wegzukommen und wehe Robert kam wieder zurück.

William nahm den Themenwechsel gern an. „Eigentlich alles, was Rang und Namen hat. Verwandte von mir, Mitglieder der verschiedenen britischen Adelshäuser, Geschäftspartner meiner Mutter. Von der Königsfamilie niemand, also alles ganz relaxt.“ William grinste, denn relaxt war wohl nicht wirklich das richtige Wort. „Meine Schwester Jane, die auch hier ist. Leider ohne ihren Mann Jack.“ William überlegte, ob es noch jemanden gab, den er erwähnen musste. „Ein paar Diplomaten. Das war’s dann so ziemlich.“

„Na das wird ja eine illustre Runde werden“, murmelte Robert und er wusste jetzt schon, dass er versuchen würde, sich zeitig abzusetzen. Doch dann fiel ihm wieder ein, dass er eigentlich zu Yves' Schutz hier war und ihn nicht einfach allein lassen konnte. „Ist es förmlich mit einer langen Tafel oder ein Ball, wo wieder alles und jeder an einem herumzuppeln kann.“ Was Robert übrigens überhaupt nicht mochte. Vor allem die jungen Damen der Gesellschaft hatten die unschöne Angewohnheit, sich einem an den Arm zu hängen und dann nicht mehr loszulassen. Er kam sich dabei immer vor wie auf einer Treibjagd.

„So ein Mittelding davon. Erst gibt es ein festliches Bankett, danach löst sich die Runde auf und man verteilt sich im Schloss. Wer will, kann tanzen oder sich auf einen Drink und ein Gespräch in die Salons zurückziehen.“ William fand es jedes Mal sterbenslangweilig und nur dass er diesmal Freunde mitgebracht hatte, machte es erträglich. „Also, der Empfang fängt um 20 Uhr an. Bis dahin können wir machen, was wir wollen. Lust die Ställe anzusehen?“

„Klar, warum nicht. Ich habe schon lange nicht mehr auf einem großen Vieh gesessen. Adam hatte ja...“

„Robert, wenn du nicht gleich deine Klappe hältst, würge ich dich. Ich glaube, es hat jetzt so ziemlich jeder im Raum begriffen, dass du rattig bist. Tut mir Leid, aber trag's wie ein Mann!“, knurrte Peter, dem Roberts Anspielungen langsam zu viel wurden.

„Kann man sich nach dem Essen auch zurückziehen und ein bisschen Snooker spielen? Kannst du Billard, Yves? Das macht Spaß, ich bring es dir bei.“

„Weißt du, was man auf diesen großen Tischen noch alles machen kann?“, fragte Robert, noch ehe Yves etwas sagen konnte und guckte nicht schlecht, als er doch wirklich ein Buttermesser an der Kehle hatte und Peter ihn anfunkelte. Viel passieren konnte ihm ja nicht, denn das Messer war stumpf, aber Robert hatte die deutliche Warnung verstanden und brummelte. William schüttelte lachend den Kopf.

„Ja, wenn meine Mutter ihn nicht entfernt hat, gibt es einen Billardtisch. Vielleicht können wir uns unbemerkt absetzen.“ Viel Hoffnung hatte er nicht, denn meist war seine Mutter in der Nähe, um ihn vorzuzeigen und einmal mehr seinen Werdegang der nächsten Jahre offen zu legen, ohne auch nur einmal zu fragen, ob William sich das auch so vorgestellt hatte. Warum denn auch?

Yves lachte leise vor sich hin, denn irgendwie amüsierte ihn Robert auf seine triebhafte, unausgelastete Art. Ob er je so sein könnte, wenn er richtig verliebt wäre? Mal angenommen er hätte die Zeit und das Geld. Hätte er dann auch nur noch eines im Kopf? Kurz sah er zu William, doch dann widmete er sich endlich seinem Brötchen und dem Rührei, was er sich heran gezogen hatte.

Ein lautes „Willie“, ließ ihn wieder aufsehen und grinsen. Jane kam in den Raum und flog ihrem Bruder in die Arme, der schnell aufgesprungen war. Er drückte seine Schwester fest, denn er freute sich, sie zu sehen. Seine Freunde mussten erst einmal warten vorgestellt zu werden, was Robert wieder neugierig machte. Er mochte es gar nicht, nicht zu wissen, mit wem William da so schmuste.

„Schwester“, flüsterte Yves leise, überhörte aber die Frage, woher er das wüsste. Das wollte Yves nämlich nicht preisgeben. Hoffentlich hielt sich Jane an den Deal, dass sie William nicht erzählte, was sie besprochen hatten.

„Warum habt ihr mich nicht zu eurem Gelage eingeladen? Sollte ich etwa mit Lodder-Lauren und unserer Hexe essen oder was?“ Auch wenn Jane kleiner war als ihr Bruder, scheute sie sich nicht, ihm die Haare wild durcheinander zu wuscheln, als sie ihm einer Kopfnuss gleich über den Kopf rubbelte.

„Pah, warum sollte ich das tun, wenn du nicht sagst, dass du schon da bist.“ William versuchte seine Haare zu glätten, was aber nicht wirklich gelang. „Setz dich zu uns Kröte, ist noch genug da. Das sind Robert, Peter und Yves.“ Er hatte sich hinter Yves gestellt und legte ihm eine Hand auf die Schulter und strich ihm liebevoll durch die Haare. „Mein Freund.“

„Ich weiß. Ich war gestern Abend so frei, die junge Schönheit zu beehren, weil mein treuloser Bruder es für nötiger gehalten hat, sein Pferd zu besuchen als seine Schwester zu begrüßen. Schön, dich wieder zu sehen, Yves, auch wenn ich immer noch nicht weiß, was du an der kleinen Kakerlake findest“, lachte sie frech und Yves alberte zurück: „Er hat Vorzüge und einer besteht darin, seine Vorzüge geschickt zu verbergen.“

„Und warum weiß ich davon nichts, Liebling?“, fragte William Yves und er versuchte an Yves' Gesicht zu erkennen, was da gewesen war. „Hey“, schmollte er und ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen. „Wie gemein. Ich bin ein toller Kerl und man reißt sich um mich. Bin keine Kakerlake. Hab ich auch viel zu wenig Beine für.“

„Die versteckst du nur unter deinem Hemd. Ich kenn dich doch. Stimmt's, Yves? Wenn er das Hemd auszieht, kommen Kakerlakenbeine zum Vorschein.“ Jane lachte und ließ sich neben ihren Bruder auf einen freien Stuhl fallen. Ihr Lachen schallte glockenhell durch den ganzen Raum und steckte an. Nur Yves nicht, was sollte er denn jetzt sagen? Er sah William an und schüttelte den Kopf. „Also ich habe keine Kakerlakenbeine gespürt, als ich... ist ja auch egal.“

„Ist nicht egal. Als er nackt zwischen deinen Beinen lag und ihr euch die Seele aus dem Leib geknutscht habt. So sah's aus!“ Robert war dankend wieder in seinem Themenkomplex angekommen.

Jane prustete fast ihren Kaffee, den Peter ihr eingegossen hatte, über den Tisch. „Bitte?“, japste sie und sah schnell zu Yves. Was sollte sie davon halten, nach dem was Yves ihr gestern erzählt hatte? Schnell hob sie aber die Hände, als Robert ausführlicher werden wollte. „Keine Einzelheiten, bitte“, lachte sie und William funkelte Robert an. Der sollte doch endlich mal seine Klappe halten. Irgendwie war ihm das vor seiner Schwester peinlich.

„Schade, mir waren da ein paar sehr neckische Details aufgefallen“, brummelte Robert, aß aber weiter, während Peter den Kopf schüttelte und Yves das Gesicht ein bisschen verzog, als er Jane ansah, gerade so, als wollte er sagen: Weiß auch nicht, wie das passiert ist.

„Ach, ehe ich es vergesse: Lodder-Lauren hing schon wieder bei Mom rum. Ich warte auf den Tag, wo sie adoptiert wird. Schrecklich, das Weib. Ich hörte nur etwas von: 'Das wird er noch bereuen'. Kann es sein, dass die liebliche Maid dich meinte?“, wollte sie von William lieber wissen, sie stand doch so auf Tratsch.

„Ja, wir hatten schon die Ehre. Sie war nicht erfreut, als sie Yves bei mir im Bett gefunden hat. Wahrscheinlich hat es ihr auch nicht gefallen, dass ich ihr gesagt habe, dass sie sich verpissen soll.“ William bereute es nicht, Lauren so abgespeist zu haben. Vielleicht merkte sie dann endlich, dass er nicht an ihr interessiert war. „Zur Hexe müssen wir gleich auch noch, auch wenn ich nicht erfreut darüber bin.“

„Mach dich drauf gefasst, dass deine Abgewiesene auch dort herum lungern wird. Sie hat ja niemand anderen, dem sie auf die Nerven gehen kann und irgendwo muss sie Trost finden.“ Was noch lange nicht bedeutete, dass Jane sich das entgehen lassen würde. Schon allein, weil sie sehen wollte, wie ihre Mutter auf Yves reagierte. Der saß im Augenblick vor seinem Teller, hatte Eier und Brötchen kaum angerührt und schien angestrengt nachzudenken. Doch sie wollte ihn nicht vor allen Leuten fragen. Vielleicht ergab sich nachher noch einmal die Gelegenheit für ein paar stille Minuten.

„Das war mir schon klar, dass sie bei Mutter rumhängt.“ William zuckte mit den Schultern. „Machen wir das am besten gleich nach dem Frühstück, dann haben wir es hinter uns oder was meint ihr?“ Er wollte das nicht alleine entscheiden. Seine Mutter war heikel, auch wenn sie nie aus der Rolle fiel.

„Machen wir es gleich, dann kann ich hinterher wenigstens was essen“, murmelte Yves, denn sein Hals war wie zugeschnürt. Er wusste selber nicht, was ihn so aus der Bahn warf. Waren es Roberts Obszönitäten oder war es der Gedanke an diese junge Frau, die ihn und William heute Morgen gesehen hatte? Er verkrampfte sich und versuchte sich durch tiefes Durchatmen wieder zu beruhigen.

„Hey.“ William zog Yves an sich und sah ihn lächelnd an. „Du bist nicht alleine. Wir werden uns kurz bei meiner Mutter sehen lassen und verschwinden dann wieder. Sie hat eh genug mit dem Empfang zu tun.“ Er bekam nicht mit, dass seine Schwester ihn genau beobachtete und sich ihre eigenen Gedanken machte. So langsam klärte sich das Geheimnis um die merkwürdige Beziehung der beiden jungen Männer und sie lächelte wissend.

„Hoffen wir, dass diese Lauren ihr folgt wie ein Schatten und nicht plötzlich den Drang verspürt Konversation zu machen.“ Doch es war beschlossene Sache: man wollte überfallartig bei der Herrin des Hauses vorbei sehen und sie hoffentlich in einem unpassenden Augenblick erwischen, damit man die Pflicht der Vorstellung getan hatte und sich trotzdem wieder hastig verdrücken konnte.

So war es schlussendlich auch passiert. Abigail Kendal steckte gerade in einer unerfreulichen Diskussion mit dem Servicepersonal, weil sie mit der Gestaltung des Banketttisches nicht einverstanden war. So wirkte sie etwas überfahren, als William ihr seine Freunde vorstellte. Dabei ignorierte er rigoros Lauren, die immer wieder etwas sagen wollte, aber jedes Mal einfach von ihm unterbrochen wurde.

So waren sie nach fünf Minuten wieder auf dem Weg und William grinste Yves an. Nicht umsonst hatte er achtzehn Jahre Erfahrung im Umgang mit seiner Mutter. Jetzt hatten sie es hinter sich und sie konnten in Ruhe noch etwas essen und den restlichen Tag verbringen, wie sie wollten.



26


„Ich komm mir vor wie ein Pinguin. Ich hatte so was noch nie an“, murmelte Yves, als er sich die Anzugjacke über die Weste zog. Die Kleider waren überraschend bequem, aber doch sehr ungewohnt. Immer wieder drehte und wendete sich Yves vor dem Spiegel, während William amüsiert im Sessel saß und nur noch auf seinen „Geliebten“ zu warten schien. Doch der strubbelte sich gerade noch einmal die Haare in Form und war dabei ziemlich aufgeregt. Noch immer hing ihm die Begegnung mit der Herzogin in den Knochen. Sie hatte ihn eigentlich missachtet, ihn keines Blickes gewürdigt, was fast noch beleidigender gewesen war als eine spitze Bemerkung. Denn sie hatte ihm klar gemacht, dass er hier nicht erwünscht und für sie nicht existent war.

„Du siehst gut aus. Sehr gut sogar.“ William schmunzelte und kam zu Yves herüber. Er zupfte ein wenig an der Jacke und nickte. „Das ist perfekt und man merkt dir nicht an, dass du so etwas sonst nicht trägst.“ Er war selber erstaunt, wie gut der Anzug an Yves aussah. „So und jetzt Kopf hoch, ein unverbindliches Lächeln auf die Lippen und dann gehen wir runter.“

„Ich versuch's“, sagte Yves und nickte sich noch einmal zu. Sein Herz schlug wie wild. Er war total aufgeregt. Den ganzen Nachmittag waren William und seine Freunde ausgeritten und er selbst hatte Zeit gehabt, mit Jane zu reden, das Geld anzunehmen und es gut wegzupacken, hoffend dass er es nicht brauchen würde. Denn heute lief es geradezu erschreckend reibungslos zwischen ihm und William.

„Na los, gib Pfötchen“, murmelte er und griff Williams Hand, als sie aus der Tür in den langen Flur traten.

„Aber sicher doch, Darling.“ William nahm Yves' Hand und verschränkte ihre Finger. Es war für ihn schon so normal, dass er es vermisste, wenn sie einmal nur nebeneinander liefen. Robert und Peter gesellten sich zu ihnen, wobei sich Robert ähnlich unwohl fühlte wie Yves. Ständig zuppelte er an seinem Kragen herum und machte einen langen Hals. „Noch einen Drink, bevor es losgeht?“ William sah seine Freunde fragend an.

„Ja, füll mich ab. Das macht es erträglicher“, knurrte Robert und auch der Rest stimmte zu. Seit sie ihren Anstandsbesuch weg hatten, war keiner der vier wirklich wild auf den Empfang und alles, was sie länger davon fern hielt, kam ihnen nur recht. So bogen sie in einen der Salons ab und hatten Glück, sie waren allein. Man versammelte sich um die Bar und Robert verschwand dahinter.

„Nee, Robbie, das mixen übernehme ich. Nach deinen letzten Cocktails war ich fast tot.“ Peter schob Robert wieder vor die Bar und stellte sich selber dahinter. Er wollte nicht so viel Alkohol trinken und so wie er das verstanden hatte, trank Yves auch selten welchen. Was wäre das denn, wenn sie gleich betrunken bei dem Bankett ankamen.

„Mann, du kleiner Spielverderber.“ Robert knurrte, als er sich neben Yves auf einen der Barhocker setzte und sich auf die Bar lehnte. „Los, Bedienung, hab ich alles schon schneller gesehen“, moserte er grinsend und erklärte Peter, dass seine Sterbeszene von letztens nicht daran lag, das Robert so schlechte Drinks gemacht hätte, sondern daran, das der kleine Gierschlund nicht hatte aufhören können.

„Wie bitte? Noch ein Wort und du kriegst was Alkoholfreies. Ich habe nicht viel getrunken, weil du ja ständig mein volles Glas und mich gleich dazu in den Pool befördert hast.“ Peter ließ sich nicht beirren und mixte allen einen Tequila Sunrise, den konnten sie gut gebrauchen. Er hob sein Glas und prostete jedem zu. „Auf einen katastrophenfreien Abend.“

„Ja, das wäre mir auch ganz lieb. Tanzen oder so was muss ich nicht, oder?“ Yves drehte das Glas in seiner Hand und sah William fragend an. Wieder trafen sich ihre Blicke und er konnte nicht anders als zu lächeln. Es war merkwürdig. Noch vor zwei Tagen war er sich sicher gewesen, den Fraggle am liebsten von hinten und ganz weit weg zu sehen. Heute war das irgendwie anders. Da reichten Blicke und zarte Berührungen, um ihn zu entflammen.

„Nein, musst du nicht.“ William ließ sein Glas leicht gegen Yves' klingen und stellte sich neben ihn, so dass er seinen Arm um ihn legen konnte. „Erst einmal essen wir etwas. Und meine Mutter wird ihren ersten Schock erleiden.“ Er musste grinsen. „Ich habe, als du duschen warst, deine Platzkarte mit der von Lauren vertauscht. Du sitzt jetzt neben mir und Lauren neben einem uralten Onkel von mir, der dafür bekannt ist, seine Finger nicht bei sich behalten zu können.“

„Die wollte mich neben einen alten Grabscher setzen? Das glaube ich ja nicht.“ Yves wusste gar nicht, was er sagen sollte. Na hoffentlich war Williams Eingriff nicht aufgefallen und rückgängig gemacht worden. Auf perfide Ideen kam diese Frau, das war ja beängstigend.

„Da ich mir so etwas gedacht habe, war ich unten und habe die Karten getauscht. Ich bin ja auch nicht von gestern.“ William hatte einen diebischen Spaß daran, seiner Mutter eines auszuwischen und bei solchen Sachen hatte auch Jane kein Problem. Sie hatte sogar den Part übernommen, darauf zu achten, dass es vorher nicht auffiel.

„Ich glaube für diese Kreise ist Yves einfach nicht verdorben genug. Er ist zu rein und unbescholten“, sagte Peter und grinste, weil Yves die Backen aufblies. Was sollte das denn heißen? Dass er ein Sensibelchen war? Ein Weichei? Ein Mädchen?

„Stimmt, er ist zu ehrlich und zu wenig intrigant.“ Robert nickte zustimmend und lachte laut, als Yves wissen wollte, ob sie noch mehr so löbliche Eigenschaften an ihm entdeckt hätten. „Ich kann mich schon anpassen.“

„Nein, muss nicht sein, Ich bin verdorben genug für uns beide.“ William lächelte dünn, denn er wollte nicht, dass Yves sich änderte. „Glaub mir, die feine Gesellschaft ist verlogen und skrupellos. So willst du nicht werden.“

„Hatte ich auch nicht vor. Ich hoffe nicht, dass es so schnell abfärbt.“ Yves hatte noch anfügen wollen, dass er in New York mit derartigen Leuten sowieso keinen Kontakt mehr hatte, doch das hätte diese drei jungen Männer vor den Kopf gestoßen und das wollte er nicht. Also schwieg er sich aus und trank von seinem Cocktail. Der war nicht übel.

„Trinken wir aus und gehen zum Essen“, schlug Peter vor, „nicht dass der Kartentausch noch auffällt, ehe wir da sind.“

„Warum nicht.“ Es wurde sowieso langsam Zeit, denn die Gäste mussten alle da sein und gleich wurde zum Essen gerufen. William beugte sich zu Yves. „Also mach es so, wie ich dir vorhin erklärt habe. Das Besteck von außen nach innen und wenn du nicht weiter weißt, achte einfach auf mich, dann kann nichts passieren.“

Nickend leerte Yves sein Glas und ließ es, wie die anderen auch, einfach auf der Bar stehen. Jemand würde sich schon darum kümmern. Daheim hätte er das nie getan. Es waren Kleinigkeiten, doch sie häuften sich. Egal. Er griff wie selbstverständlich Williams Hand und so gingen sie langsam durch die Flure, eine Treppe tiefer in einen riesigen Saal. Fast wäre Yves in der Tür stehen geblieben, so beeindruckt war er von der Größe, doch William zog ihn sanft mit sich.

Freilich hatte das Gerücht schon die Runde gemacht und alle Augen legten sich auf den jungen Herzog und seinen Geliebten. Getuschel brach los und Yves wusste ganz genau, wem das galt.

„Einfach ignorieren. Niemand wird es wagen uns direkt darauf anzusprechen. Sie werden tuscheln und uns beobachten, aber mehr wird nicht passieren. Dazu ist man sich zu fein. Aber du kannst sicher sein, dass die Gerüchteküche auf Hochtouren läuft. Darum geben wir ihr noch etwas Futter.“ William hob Yves' Hand an und hauchte einen Kuss darauf, dann beugte er sich hinüber und stahl sich einen sanften Kuss. Erst dann führte er ihn zum Tisch und grüßte dabei zu allen Seiten, als wäre nichts gewesen.

Jane auf ihrem Platz - Yves und William gegenüber - kicherte albern, denn sie hatte gerade ihre Mutter beobachtet. Ungläubig sah sie mit an, was ihr Sohn hier abzog. Sie schien etwas zu suchen, genauso wie Lauren, die gerade in den Saal kam und die Plätze neben William besetzt sah. Was machte diese Schwuchtel immer noch neben dem jungen Herzog? War der nicht verbannt worden? Hilfe suchend sah sie sich nach der Herzogin um. Was sollte denn jetzt geschehen?

William winkte ihr und sie kam näher. Hatte der also doch noch bemerkt, dass sich da wer auf ihren Platz gesetzt hatte. Zufrieden lächelnd kam sie näher, allerdings fror es ein, als sie neben William trat und er ihr mit einem boshaften Lächeln erklärte, dass sie am anderen Ende der Tafel, neben Onkel Archibald saß.

„Was soll das? Ich sitze neben dir“, zischte sie leise, aber nicht leise genug, denn die Blicke der Umsitzenden legten sich auf sie. „Warum denkst du das? Neben mir sitzt Yves. Schließlich sitzen Paare immer zusammen.“

„Du bist wirklich das letzte, aber genieße nur deine kleine Hure noch ein bisschen. Dir wird das hochnäsige Lachen noch vergehen“, zischte sie und wandte sich um. Es mochte sein, dass William sie unterschätzte und für eine dumme Gans hielt, doch es war gar nicht so übel, wenn man unterschätzt wurde, dann machte es einem der Gegner einfacher.

„Will, reize sie nicht so“, flüsterte Yves und sah ihr nach. Ihm gefielen die Blicke nicht, die sie mit der Herzogin wechselte.

„Sie hat was vor und wenn meine Mutter darin involviert ist, ist es bestimmt nichts Gutes, aber ich kriege das raus.“ William war beunruhigter, als er zugeben wollte. Seine Mutter war eine andere Gegnerin als Lauren. Erst einmal hatte er gewonnen, aber es war nur ein kleiner Sieg in einem Krieg, der gerade erst begonnen hatte. Und dieses Mal war er ja nicht für sich allein verantwortlich. Er hatte Yves in die ganze Sache mit hinein gezogen. Der saß gerade etwas zusammengesunken neben ihm und lächelte schief zu Jane rüber. Yves vermied es absichtlich, mit den anderen Gästen Blickkontakt einzugehen. Er fühlte sich so unwohl. Am liebsten würde er jetzt aufstehen und gehen. Doch er blieb, schon allein aus Neugier, was noch passierte und wenn schon über ihn geredet wurde, dann war er lieber da.

Jane sah Yves besorgt an und suchte dann Williams Blick. Schon seit ihrer Kindheit, konnten sie sich mit Blicken und kleinen Gesten verständigen und sie einigten sich darauf, beide die Augen und Ohren offen zu halten. Es lag etwas in der Luft. Es war fast greifbar. Mit Jane an seiner Seite fühlte William sich besser, aber trotzdem blieb er wachsam, auch wenn erst einmal nichts passierte.

Derweil sah Yves sich ein wenig um. Einen Tisch dieser Art hatte er noch nie gesehen. Bestimmt zwanzig Meter lang und zwei Meter breit. Ein aufwendiger und doch klassisch schlicht wirkender Schmuck stand in der Mitte und so bewunderte Yves lieber die feinen Arbeiten der Silberschmiede, als sich in die tratschenden, geifernden Gesichter der Anwesenden zu verirren. Nein, das hier war bestimmt nicht seine Welt und er war nicht böse darüber, sie morgen wieder verlassen zu können. Wie konnte man sich in einem solchen Korsett aus Regeln und Blicken überhaupt noch bewegen, ohne unter der Last zu zerbrechen? Er begann erneut, William neben sich mit anderen Augen zu sehen.

Bei William lief fast alles, was mit dem Essen zu tun hatte, automatisch ab. Er konzentrierte sich viel mehr auf Yves, damit er sich nicht so verloren vorkam und unterhielt ihn zwischendurch immer wieder mit kleinen Geschichten über die Anwesenden. Was sollte er sonst auch großartiges machen? Sie waren zum Warten verdammt, bis seine Mutter den nächsten Schritt unternahm.

Doch erst einmal begrüßte sie die Anwesenden und wie immer wäre es ihr eine ausgesprochene Freude - Yves schaltete ab, weil er von solchen Reden sowieso nichts hielt. Nur ab und an traf sich sein Blick mit dem vom Lauren, die ihn die ganze Zeit anzustarren schien. Jetzt wo es Yves aufgefallen war, spürte er die Blicke auch und sie fingen an, ihn nervös zu machen. Was wollte dieses Weib von ihm?

„Glotz wo anders hin, Schrulle“, knurrte Yves fast tonlos. Er fing an zu schwitzen. Das war die Hölle! Jeder lauerte nur darauf, dass er einen Fehler machte.

Zu seinem Glück achtete William neben ihm darauf, dass das nicht passierte und gab ihm unauffällig Zeichen. Er achtete auch darauf, dass Yves' Weinglas nicht ständig neu gefüllt wurde, genauso wie sein eigenes. Sie brauchten einen klaren Kopf. Es war ein Drahtseilakt, den sie hier vollführten, aber sie bekamen es hin, zwar nicht perfekt, aber durchaus annehmbar.

Der erste Gang wurde aufgetragen und Yves beobachtete unauffällig diejenigen, die ihren Teller mit ein paar Scheiben gedünstetem Gemüse - kunstvoll arrangiert mit einem Spritzer bunter Soße - schon vor sich stehen hatten und guckte neugierig, welches Werkzeug dafür von Nöten war. Jane, ihm gegenüber, grinste und deutete unauffällig auf ihrem Platz auf die Salatgabel. So nickte Yves und war vorbereitet, als der Teller vor ihm abgestellt wurde.

Gelangweilt, weil er diese Reden schon zur genüge kannte, wollte William es machen, wie Yves und sie ausblenden, aber irgendetwas war anders als sonst. Seine Mutter lächelte viel zu zufrieden und wechselte zu viele Blicke mit Lauren und als sie schließlich bekannt gab, dass es nach dem Bankett bei einem Glas Champagner noch eine Ankündigung gab, zuckte er zusammen und sein Blick ging automatisch zu Jane.

„Scheiße“, murmelte er leise, denn seine Schwester schien zu dem gleichen Schluss wie er gekommen zu sein und sah ihn entsetzt an. Dieser Blickwechsel entging auch Yves nicht und so sah er William forschend an. „Was denn? 'Ne Schnecke in deinem leckeren Grünfutter?“, fragte er und machte einen langen Hals auf den Teller seines Gastgebers, um zu sehen, was dort vielleicht nicht stimmte. Doch als auch Jane ein leidendes Gesicht machte und ein bisschen panisch um sich herum blickte und wütend die Augen verschmälerte, als ihr Blick Laurens selbstzufriedenem Grinsen begegnete, war ihm klar dass etwas nicht stimmte.

„Später“, flüsterte William nur, versuchte sich aber nicht anmerken zu lassen, dass er gerade ziemlich geschockt war. Seine Gedanken rasten und in seinem Kopf entstand ein Plan nach dem nächsten, den er sofort wieder verwarf. „So nicht, ihr Hexen“, murmelte er leise und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Wenn er in Panik geriet, konnte er nicht denken und das konnte er sich gerade nicht leisten.

„Na gut.“ Yves bohrte nicht weiter. Wenn es ihn nichts anging, dann war es eben so. Lieber widmete er sich mit Besteck dem wenigen Futter auf seinem Teller, ehe es ganz kalt wurde. Um ihn herum kamen wieder kleine Gespräche auf, meist Belangloses über Wetter und Pferderennen, über Einkäufe und unzuverlässiges Personal. Also schaltete Yves wieder ab, ehe er anfing sich aufzuregen.

Was er aß, davon bekam William nichts mit. Er leerte seinen Teller vollkommen automatisch, beteiligte sich - wenn nötig - an den Tischgesprächen und war dabei tief in Gedanken versunken, damit er eine Lösung für sein Problem fand. Seine Gedanken reichten von Flucht über strikte Weigerung bis offene Rebellion, was aber alles nicht machbar war.

Jane konnte ihm diesmal auch nicht helfen, seine Mutter hatte alles viel zu geschickt eingefädelt. Wie hatte das nur an ihnen vorbeigehen können? Doch auf der anderen Seite: wer von ihnen war denn noch in London? Lauren - sie war die einzige, die stetig und Speichel leckend um die alte Hexe herum kroch und der es gelang, nicht auf ihrer eigenen Schleimspur auszurutschen. Jane hatte sich schon vor ein paar Jahren abgesetzt und William hatte dieses Jahr endlich die Gelegenheit bekommen und genutzt.

Er hatte einen Fehler gemacht, er hatte sie unterschätzt. Nur weil tausende Meilen Wasser zwischen ihnen lagen, hieß das noch lange nicht, dass Abigail ihren Sohn einfach so aus ihren Klauen entließ. Dieser Irrglaube rächte sich jetzt bitter. Er hatte sich zu sicher gefühlt.

Aber er war niemand, der schnell aufgab und sich seinem Schicksal ergab. Er hatte von klein auf gelernt, sich durchzusetzen und schließlich war er der Herzog, seit er volljährig war, auch wenn seine Mutter im Geschäft immer noch die Fäden in der Hand hielt und er bis zu seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr offiziell nicht die Möglichkeit hatte, sie in die Schranken zu weisen. „So nicht“, knurrte er leise und er hatte eine Idee. Sie war verwegen und wahrscheinlich auch nicht sehr klug, aber das war ihm egal, solange seine Mutter nicht gewann.

Yves neben ihm versuchte es zu ignorieren. William hatte ihm zu verstehen gegeben, dass es noch nicht Zeit war, darüber zu sprechen, was mit ihm los war. Außerdem ging es Yves wahrscheinlich auch gar nichts an. Es war ein Job, morgen trennten sich ihre Wege, wenn sie zurück in Yves' Welt waren. Also versuchte er William auszublenden und musterte die Kellner, die eilig um den Tisch flitzten wie Wiesel.

Das ganze Bankett über feilte William an seinem Plan, auch wenn er das eigentlich nicht wirklich konnte, weil er nicht genau wusste, was seine Mutter vorhatte. Er musste nachher wohl oder übel improvisieren, was anderes blieb ihm nicht übrig. Er war fast erleichtert, als das Bankett beendet wurde und Abigail die Gäste in den Ballsaal bat. Lauren hielt sich nah bei ihr und blickte immer wieder triumphierend zu William hinüber.

„Man, die lässt aber auch nicht locker“, sagte Jane leise, die zusammen mit Robert und Peter zu William und seiner Begleitung getreten waren. Die jungen Leute waren immer noch der Mittelpunkt des ganzen Interesses, sehr zu Yves' Leidwesen. „Ich hoffe nicht, dass Mutter jetzt einen Fehler macht.“ Sie strich sich durch die Haare und seufzte leise. „Was willst du tun, wenn sie es wirklich tut?“

Sie sprach in Rätseln, doch keiner fragte nach.

„Nicht wenn, Jane. Sie wird es tun und ich werde es ihr versauen, aber gründlich.“ William wirkte entschlossen und da Jane nicht wusste, was ihr Bruder vorhatte, begann sie sich Sorgen zu machen.

„Tu nichts Unüberlegtes“, flüsterte sie und William schüttelte den Kopf. „Ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht. Unüberlegt ist es bestimmt nicht und jetzt sollten wir uns in ihrer Nähe postieren.“

„Worum geht’s?“, flüsterte Robert Yves zu und der schüttelte nur den Kopf.

„Keinen Schimmer“, musste er gestehen und hob immer wieder eine Braue, wenn er sah, was manche Leute wohl als chic ansahen. Der eine oder andere modische Fehltritt, vor allem der anwesenden Damen, amüsierte ihn. Die Herren in ihren Anzügen konnten da weniger falsch machen.

Langsam gingen sie Richtung Ballsaal und ließen sich von dem Diener ein Glas Champagner reichen.

„Yves, was auch immer gleich passiert, ich erkläre es dir später. Bitte vertrau mir“, flüsterte William Yves zu und sah ihn bittend an. Mehr konnte er nicht sagen und hoffte, dass es reichte. Sie stellten sich schräg neben Williams Mutter, die strahlend und zufrieden in der Mitte des Saales stand und schließlich in die Hände klatschte, damit Ruhe einkehrte. Sie sah in die Runde und winkte William zu sich, der sich nicht anmerken ließ, wie sehr es ihm widerstrebte zu folgen.

„Liebe Gäste, wie vorhin schon angedeutet, haben wir heute eine wichtige und erfreuliche Ankündigung zu machen.“ Sie machte eine Pause und sah in die Runde. Diese Gelegenheit nutzte William und erhob das Wort.

„Wie es in unserer Familie Brauch ist, werden solche Familienereignisse mit unseren Freunden geteilt, darum ist es mir eine große Freude, sie alle hier noch einmal zu begrüßen. Eigentlich sollte es mein Vater sein, der diese ehrenvolle Aufgabe übernimmt, aber leider ist ihm dies nicht mehr vergönnt gewesen, darum werde ich das stellvertretend für ihn übernehmen. Liebe Freunde, es ist mir eine Ehre, ihnen heute meine Verlobung mit Yves Turner bekannt zu geben.“

William sah lächelnd zu Yves und ging zu ihm hinüber, nahm ihn an die Hand und zog ihn mit zu seiner Mutter. Und ziehen war das richtige Wort. Eben noch in einer Traube aus Vertrauten, wurde Yves nun über das Parkett geschleift und den Augen aller preisgegeben. Jeden einzelnen fragenden, missbilligenden oder angewiderten Blick spürte er auf seiner Haut. Hatte er sich eben verhört? William verlobte sich mit ihm? War der Kerl eigentlich noch zu retten?

Yves war so perplex, dass er kein Wort heraus brachte, er starrte nur auf William neben sich und versuchte für die Scharade ein Lächeln. Leicht war das nicht, ganz bestimmt nicht, vor allem, weil er die Blicke der Herzogin nicht ignorieren konnte, die ihn gern getötet hätte. Genauso wie die von Lauren, die aussah, als wenn sie gleich in Ohnmacht fallen würde.

William zog Yves an sich und küsste ihn leicht auf die Wange. „Es tut mir Leid, aber es ging nicht anders“, wisperte er dabei schnell. Er nahm Yves' linke Hand und wandte sich wieder an ihr Publikum, dass mucksmäuschenstill geworden war, damit sie auch nichts verpassten. „Ich danke ihnen, dass sie mir die Ehre erweisen, bei diesem wundervollen Augenblick zugegen zu sein“, sagte er und zog sich den Siegelring mit dem Wappen seiner Familie vom Finger und streifte ihn Yves über.

Ein Raunen ging durch die Reihen der Anwesenden und Yves starrte auf seine Hand. Sie lag in Williams und der alte Ring prangte nun auf seiner Haut. Das war nicht real, oder? Er hatte sich nicht gerade mit dem Fraggle verlobt? Der Kerl war doch nicht ganz dicht. Panik beschlich Yves. Auf was hatte er sich da nur eingelassen? Doch er wagte nicht aufzusehen und Hilfe suchend nach Jane Ausschau zu halten. Es hätte William sicher an Glaubwürdigkeit genommen.

Dafür war es jetzt Abigail, die langsam ihre Stimme wieder fand. „William“, sagte sie leise und betont zurückhaltend, „ich wünsche eine Erklärung. Warum habe ich nicht früher erfahren, was du für heute geplant hast?“, fragte sie. Es hätte nach einer Überraschung klingen können, wären ihre Augen nicht so kalt gewesen. „Folge mir“, verlangte sie also und ging. Mit einer Handbewegung wies sie die Musiker an zu spielen, damit die ohrenbetäubende Stille endlich gebrochen wurde.

„Mutter, ich werde gleich zu dir kommen, wenn ich die Glückwünsche entgegen genommen habe. Alles andere wäre unhöflich“, erklärte William genauso leise. „Außerdem sieht es so aus, als wenn du dich um Lauren kümmern solltest. Sie sieht ein wenig mitgenommen aus. Nicht dass sie noch in Ohnmacht fällt.“ Immer noch mit Yves an der Hand, ging er zu seiner Schwester und ließ seine Mutter stehen. Er würde es bereuen, das wusste er, aber einmal wollte er das Gefühl haben, sie geschlagen zu haben.

Was er vielleicht dabei vergaß, war die Tatsache, dass er nicht der einzige Beteiligte war und es seiner Mutter ein leichtes wäre, Yves das Leben nachhaltiger zu verderben als William dies je gekonnt hätte. Dem Jungen aus Chinatown hingegen war das sehr wohl bewusst und er senkte den Kopf, das Lächeln auf seinen Lippen eingefroren.

„Was für eine Überraschung“, spielte Jane die Scharade mit und beglückwünschte ihren Bruder. Robert und Peter schlossen sich verwirrt an. William hatte ihnen einiges zu erklären. Aber erst einmal kamen sie nicht dazu zu fragen, weil von allen Seiten Glückwünsche auf das junge Paar niederprasselten, auch wenn die wenigsten davon wirklich ehrlich gemeint waren. Schließlich gehörte sich das so und man wollte nicht sein Gesicht verlieren.


27

Es dauerte eine ganze Weile, bis es sich wieder beruhigt hatte und endlich sah William die Chance, Yves alles zu erklären. „Wir sind gleich wieder da“, sagte er und zog Yves zu einer verborgenen Tür, die in einen kleinen Salon führte, wo sie ungestört sein konnten. „Wenn du mir eine verpassen willst, kann ich es verstehen, aber es ging nicht anders, nachdem ich rausbekommen hatte, was meine Mutter plante. Einweihen konnte ich dich auch nicht, das wäre zu auffällig gewesen und ich habe befürchtet, dass du dann flüchtest.“ William sah Yves bei seinen Worten nicht an, denn er fühlte sich unwohl dabei. Lieber ging er tiefer in den kleinen Raum. Der war nur spärlich beleuchtet. Kerzen verströmten ein waberndes Licht und machten es Yves nicht leichter, sich zu konzentrieren. Er stand noch immer an der schweren Holztür und starrte auf den Steinfußboden, weil er seine Gedanken sammeln wollte. Eben noch hatte er William alles vor den Latz knallen wollen, ihn windelweich prügeln für seine Unbedachtheit. Doch jetzt, wo der junge Herzog es ihm so freimütig anbot, war der Reiz weg.

„Arsch“, knurrte Yves und holte tief Luft. „Ist dieser Blödsinn hier bindend? Ich meine, bin ich jetzt wirklich mit dir verlobt? Das ist doch kein richtiger Verlobungsring, oder?“ Denn das letzte, was er wollte, war sich Familie Fraggle auf Lebenszeit ans Bein zu binden. Es ließ ihn Böses ahnen, als William sich zu ihm umdrehte und ihm mit einem entschuldigenden Blick ansah.

„Sag, dass das nicht wahr ist“, japste Yves und William seufzte.

„Tut mir Leid, Yves, wir sind wirklich verlobt. Es spielt eigentlich keine Rolle, was für einen Ring ich dir gegeben hätte, aber gerade der, den du bekommen hast, ist schon seit Generationen in der Familie und wurde schon öfter für diesen Zweck hergenommen.“

Fassungslos starrte Yves auf seine Hand. „Das“, begann er, doch er wusste gar nicht welchen seiner Gedanken er als erstes aussprechen wollte. Sie überfielen ihn wie ein Rudel und jeder zerrte an ihm. „Ich habe doch gar nicht gesagt, dass ich deinen Antrag annehme. Ich kann doch gar nicht mit einem Kerl verlobt sein, das geht nicht. Nein das geht einfach nicht.“ Wie eine Katze auf dem Sprung verspannte sich Yves. Das war ein Albtraum. Er hatte den Drang, William zu würgen und zu schlagen, doch was brachte das? Besser würde er sich dann auch nicht fühlen.

„Lässt sich das nicht mehr lösen, wenn ich dir den Ring zurückgebe?“

„Na ja, du hast den Ring angenommen und das war's leider. Wir sind verlobt.“ William konnte förmlich spüren, wie die Panik in Yves anstieg, darum ging er zu ihm und legte die Arme um ihn. „Yves, ganz ruhig. Wir sind jetzt zwar verlobt, aber das kann man lösen. Nur noch nicht jetzt, aber nach einer angemessenen Zeit ist das kein Problem.“ Beruhigend strichen seine Hände über Yves' Rücken und schließlich beugte er sich vor und fing dessen Lippen zu einem Kuss ein. Damit hatte er vielleicht am ehesten Erfolg, Yves abzulenken. Aber nicht dieses Mal. Yves wusste nur zu gut, wie Williams Lippen auf ihn wirkten und er wollte sich nicht betäuben. Er wollte Klarheit.

„Hätte ich den Ring nicht an meinen Finger stecken lassen, wäre ich jetzt noch Single, könnte gehen, ohne dass diese kalte Frau da draußen mir und meinem... Scheiße!“ Yves schlug Williams Arme von sich und lief durch das Zimmer. Horrorszenarien malten sich in seinem Kopf. Es war kaum auszuhalten.

Überrascht von der Heftigkeit sah William Yves stumm zu, wie er durch den Raum ging, aber nicht lange, da nahm er ihn am Arm und bugsierte ihn zu einem der Sessel, schüttete ihm etwas aus der Bar in ein Glas und reichte es ihm. „Trink das, dann fühlst du dich vielleicht etwas besser und dann reden wir.“

„Ich“, wollte Yves sich wehren, doch er nickte schlussendlich. Er musste sich wieder beruhigen und sich dort draußen wieder blicken lassen. Eigentlich war es ihm egal, was dieser aufgeblasene Pöbel von ihm dachte, doch das hier war immer noch sein Job und er hatte den Ehrgeiz, ihn durchzuziehen. Also stürzte er das scharfe Getränk hinter und schüttelte sich kurz. „Ist ja widerlich“, murmelte er und stellte das Glas auf den Tisch neben sich.

„Na, das wird die Whiskybrenner aber nicht erfreuen, wenn du so was sagst.“ William grinste und ließ sich in den Sessel Yves gegenüber fallen. „Das hier war wirklich nicht geplant gewesen und ich hatte auch kaum Zeit, darüber nachzudenken, was das für Auswirkungen haben wird. Aber als mir klar wurde, dass meine Mutter mich mit dieser Schlampe Lauren verloben wollte, musste ich etwas tun. Noch einen?“ Er wedelte mit der Flasche und goss sich selbst etwas ein.

„Füll mich bloß nicht ab. Ich weiß jetzt schon nicht, wo mir der Kopf steht. Noch zwei Gläser und ich blamiere dich da draußen in Grund und Boden.“ Yves lehnte lieber ab und ließ den Kopf in den Nacken gegen das Polster des Sessels sinken. Das war doch alles nicht mehr wahr.

„Jetzt hab ich dich am Bein“, murmelte er und grinste schief. Er schien es immer noch nicht wirklich begreifen zu können. „Was wird sich jetzt alles ändern? Kann sie mir Vorschriften über mein Leben machen?“ Denn wenn das so war, stand sein Job im 'Haus der Sinne’ auf dem Spiel. Darauf legte Yves keinen Wert.

„Sieht so aus und verändern wird sich für dich eigentlich nichts. Hier in England vielleicht, aber in Amerika interessiert es keinen, wenn ein britischer Duke sich mit einem Mann verlobt. Ich habe auch nicht vor, das groß breit zu treten.“ William nippte an seinem Whisky. Dass seine Mutter die Verlobung wahrscheinlich nicht einfach so hinnehmen würde, sagte er lieber nicht, denn dann bekam Yves wieder Panik und es konnte sein, dass er etwas Unüberlegtes tat.

„Ich bin jetzt aber nicht dazu verpflichtet, bei dir zu wohnen oder dich regelmäßig zu sehen oder sonst was?“, wollte Yves wissen und streckte ein wenig den Rücken durch. Er löste die Krawatte etwas, denn ihm wurde warm. Vielleicht bildete er sich das auch nur ein, weil ihm immer noch der Schreck im Nacken saß. „Ich werde jetzt auch nicht dazu genötigt, meinen lukrativen Job aufzugeben, oder? Und sie wird mich nicht aus Rache und Wut von der Schule werfen lassen?“ Immer wieder sah er William dabei lauernd an.

„Also verpflichtet bist du nicht, mich regelmäßig zu sehen, obwohl wir das zwangsläufig in der Schule tun werden und du kannst weiter arbeiten.“ William war froh, dass er es sehr gut beherrschte, nichts von seinen Emotionen nach außen dringen zu lassen, denn auch wenn er Yves jetzt beruhigte, so konnte er nur hoffen, dass es auch wirklich so war. „Du wirst dein Leben weiterhin so leben können, wie bisher.“

„Na wenigstens etwas.“ Yves klang erleichtert und so stahl sich auch wieder ein Grinsen auf seine Züge. Der erste Schock schien langsam zu weichen. „Mal sehen, was Yuki dazu sagen wird.“ Er glaubte nicht, dass seine beste Freundin damit ein Problem haben würde, vor allem wenn sie erfuhr, wie das alles gekommen war. Aber lachen würde sie wohl schon über die merkwürdigen Wege des Schicksals.

„Yuki?“ William war bei Yves' Gedankensprung jetzt nicht hinterher gekommen, aber dann musste er auch grinsen. „Ich denke, erst einmal wird sie aus den Latschen kippen, dann alles genau wissen wollen und schließlich auf dem Boden liegen vor Lachen und uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufziehen.“ Ja, so ungefähr stellte er sich das vor und bei der Gelegenheit fielen ihm seine Schwester und seine Freunde ein, die auch noch eine Erklärung erwarteten. Doch Yves griff ihm vor.

„Wir sollten da draußen auch noch das eine oder andere klarstellen und wenn uns jemand von den Gästen hat hier verschwinden sehen, will ich gar nicht wissen, was die denken, was wir gerade“, Yves machte eine Pause und grinste dreckig, „treiben“, schob er dann noch hinterher und erhob sich. „Und deine Mutter verlangt schließlich auch noch nach dir. Lass uns wieder gehen.“ Er reichte seinem Verlobten die Hand und lächelte.

„So, so?“, grinste William und ließ sich hochziehen. Er fuhr Yves in die Haare und brachte sie ein wenig durcheinander, genauso wie seine eigenen und er lockerte ebenfalls seine Krawatte. „Perfekt“, lachte er und nickte. So konnten sie nach draußen gehen. „Showtime.“ Er legte einen Arm um Yves, öffnete die Tür und trat wieder in den Ballsaal.

„Du kannst es aber auch echt nicht lassen“, knurrte Yves, tat aber so, als müsste er sich die Weste noch zu Ende zu knöpfen. Er wirkte entschieden lockerer als noch vor ein paar Minuten und winkte Jane gutgelaunt zu. Natürlich kam sie zusammen mit Robert und Peter gleich zu ihnen gelaufen und die anderen Gäste wurden enenfalls auf sie aufmerksam. Zwar hatte sich die Atmosphäre normalisiert, ein paar tanzten und die Themen im Raum hatten auch andere Bereiche tangiert, doch nun war das junge Paar wieder der Mittelpunkt und unauffällig kam man näher, um nichts zu verpassen.

„Eine Runde Billard?“, fragte William und Jane nickte. Dort waren sie ungestört, denn der Billardraum gehörte zu den privaten Räumen und sie konnten reden.

„Du Schlimmer“, lachte sie tadelnd und richtete Yves' Haare, zog ihnen die Krawatten gerade und hakte sich dann bei Yves ein. „Lasst uns gehen, ich bin schrecklich neugierig.“

„Moment mal“, murmelte Yves. „Solltest du nicht erst einmal mit deiner Mutter reden? Sie zu ärgern in allen Ehren, aber ihren Zorn so zu nähren, ist nicht gut. Denk bitte dran, dass sie nicht nur dir schaden wird, sondern auch mir und das finde ich nicht lustig. Ich habe nicht das Geld, mich freizukaufen. Vergiss das bitte nicht.“ Yves sprach leise. Keiner musste sie hören. Und um abzulenken sah er sich zu Robert und Peter um. „Was denn?“, rief er, „wollt ihr nicht mit?“

„Gut, dann mach ich das jetzt.“ William fuhr sich durch die Haare, wie er es immer tat, wenn er nervös war und Jane nickte ihm aufmunternd zu. „Es muss ja sein“, murmelte er leise und küsste Yves. Er brauchte das jetzt, darum dehnte er den Kuss noch ein wenig aus. „Wünsch mir Glück, Darling, bin gleich wieder da.“ Sich straffend, ging er los und niemand hätte vermutet, dass er Angst hatte.

„Gehen wir vor“, sagte Jane und wechselte noch einen Blick mit Robert. Yves sah William einen Augenblick nach, dann ließ auch er sich ziehen und folgte dem sanften Druck der Dame an seinem Arm. „Los, erst mal weg hier, dann können wir das klar stellen. Ich habe da noch ein paar Fragen an dich, Schwager.“ Jane platzte fast vor Neugier und sie war nicht die einzige. Nur wusste Yves nicht, ob er ihre Neugier befriedigen konnte. So viel mehr als die drei wusste er ja auch noch nicht.

Ihr Weg war nicht weit und Jane lehnte sich kurz an die Tür und atmete durch. „Ich brauche einen Drink, was Starkes. Robert, das scheint dein Metier zu sein, mach was fertig“, rief sie und lachte los. Sie musste die Spannung in sich einfach loswerden. „Dass William das vorhatte, hätte ich nicht erwartet. Eher dass er meiner Mutter vor versammelter Mannschaft eine Szene macht, die ihres Gleichen sucht. Wie geht es dir, Yves? Du wirktest ziemlich geschockt.“

„Ach? Wirkte ich so?“, grinste er schief und ließ sich - sich die Krawatte wieder lockernd - in einen der Sessel fallen. Das Interieur des Raumes schien alt zu sein. Es wirkte wie einer dieser alten Billardräume, die man in Filmen sah. Zumindest fand Yves es ziemlich klischeehaft. Doch egal. „Na ja, hätte ich einen Grund gehabt geschockt zu sein? Er schiebt mir einen Ring an die Hand und meint wir wären verlobt und nun habe ich den am Hacken.“ Yves versuchte es locker zu nehmen, doch eigentlich konnte er das noch nicht. Er war mit den Gedanken bei William und fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, er hätte ihn begleitet.

„Na ja, musst du halt das Beste draus machen.“ Jane war erleichtert, dass Yves sich wieder gefangen hatte, aber zu fragen, was ihr unter den Nägeln brannte, wagte sie nicht. Die beiden waren heute so vertraut miteinander gewesen und sie wollte gern wissen, ob Yves’ gestriger Ärger über William verflogen war. „Hier, trink was, oder möchtest du noch mal da raus?“ Sie hielt Yves einen der Cocktails hin, die Peter gemacht hatte, weil Robert ja nur die härteren Drinks machen durfte.

„Na ums verrecken nicht“, antwortete Yves. Das Essen war überstanden, tanzen gehörte nicht zur Pflicht und so lange William ihm nicht erklärte, das noch etwas Wichtiges da draußen zu erledigen war, führte der einzige Weg aus diesem Zimmer noch in sein Bett. Er griff sich sein Glas und stürzte es hinunter, schüttelte sich und stellte es zum neu Befüllen hin. „Hoffen wir nur, das mein Verlobter noch einen Kopf hat, wenn er wieder kommt“, murmelte er leise und man hätte fast glauben können, er machte sich wirklich Sorgen.

„Langsam, langsam“, lachte Robert. „Auch wenn Peter Mädchencocktails mixt, so ist doch einiges an Alkohol drin“, aber er gab Peter ein Zeichen, Yves noch einmal dasselbe zu mixen. Jane sah Yves an und setzte sich zu ihm auf die Sessellehne. „Keine Sorge, mein Bruder ist zäh, der wird noch intakt sein, wenn er wiederkommt. Kannst dich ja selber nachher davon überzeugen.“

„Wird er bestimmt“, stichelte Robert, er war nachtragend und war immer noch nicht erbaut darüber, dass man ihm heute Morgen das eine oder andere verschwiegen hatte. Er fand, ihm stand eine Auskunft diesbezüglich zu. Yves sah das aber anders. Er grinste nur dreckig. „Du bist der letzte, dem ich erzähle, wovon ich mich überzeugen werde.“

„Hey! Ich teile meine Erlebnisse auch mit euch“, knurrte Robert wegen der Abfuhr.

„Ja, sogar ungefragt!“ Peter schüttelte den Kopf.

Jane musste einfach lachen, die drei jungen Männer waren aber auch zu schräg. Sie waren genau das, was ihr Bruder gebraucht hatte. Einfache, nette Jungs, denen es egal war, wer er war und die ihn um seiner selbst willen mochten. Wobei das bei Yves noch nicht ganz klar war, aber Jane glaubte fest daran. „Lassen wir Yves seine kleinen Geheimnisse, wir müssen nicht alles wissen, auch wenn wir es gerne wissen würden.“

„Ja, genau! Wenn wir es gern wissen würden, Yves. Wenn dir etwas an meinem Seelenheil liegt und an meinem gerechten Nachtschlaf, dann wirst du mir sagen, was da heute Morgen los war. Bitte!“ Robert lag mittlerweile auf der Bar, um Yves besser ansehen zu können - das Licht sollte die Verzweiflung in seinen Augen zeigen. „Das sah so heiß aus! Deine Hände auf seinem nackten Hintern!“

Yves, der bis eben noch überlegen gegrinst hatte, verschluckte sich an seinem Cocktail und hustete qualvoll, schüttete ihn dann aber ganz hinab. „Klappe!“

Jane hob nur eine Augenbraue, aber sagte nichts, denn anscheinend war es Yves ziemlich peinlich. Peter hatte sich Robert gegriffen und zog ihm die Ohren lang. Das war das einzige Mittel, was half, denn körperlich kam er sonst nicht gegen seinen Freund an.

Der kleine Tumult wurde vom Öffnen der Tür unterbrochen. „Willie“, rief Jane und lief ihrem Bruder entgegen. Sie kannte diesen Gesichtsausdruck. Er versuchte sich zu beherrschen, war aber kurz davor zu explodieren.

„Irgendwann bring ich sie um“, zischte er leise und seinem Gesichtsausdruck nach meinte er das vollkommen ernst.

Auch Yves hatte sich instinktiv erhoben und kam langsam auf ihn zu. Vor drei Tagen noch undenkbar strich er ihm jetzt sanft durch die Haare und sah ihn an. „Was ist passiert?“, wollte er wissen, denn schließlich fühlte er sich nicht ganz unschuldig an der Sache, auch wenn es ja eigentlich nicht seine Idee gewesen war. Seine Hand blieb in Williams Nacken liegen und niemand sagte auch nur ein Wort. Nicht einmal Robert, der seine Klappe eigentlich nie halten konnte.

„Das Übliche. Sie hat Forderungen gestellt und ich habe mich dagegen gewehrt.“ William lehnte seinen Kopf gegen Yves und es schien, als wenn alle die Luft anhielten, um nicht zu verpassen, was passierte. „Lauren war noch unerfreulicher und ich glaube, sogar meine Mutter war von ihrem Verhalten nicht sehr angetan, denn sie hat verlangt, mit mir verlobt zu werden. So etwas kommt gar nicht gut bei der alten Hexe an und man verliert schnell ihre Gunst.“ Seine Stimme klang ruhig, aber sie vibrierte, als wenn er sich nur mit Mühe beherrschen konnte.

„Na ja, wenigstens was“, murmelte Yves und holte tief Luft. Irgendwie konnte Williams Geruch ihn beruhigen. Das hatte er gestern im Wagen schon festgestellt, aber nicht verstanden. „Wenn sie in der Gunst etwas sinkt, kann sie weniger Schaden anrichten“, versuchte er das Gute zu sehen und lächelte matt. Sein Daumen strich über Williams Wange, auch wenn die übrigen Finger noch in dessen Nacken lagen. „Sollen wir abreisen?“

„Nein, ich werde nicht vor ihr kapitulieren.“ William hatte seine Augen geschlossen und genoss die sanften Berührungen, sie nahmen ein wenig seiner Wut. Er hob den Kopf und lächelte. „Schließlich haben wir eine Verlobung zu feiern. So was gibt es hier auch nicht alle Tage.“ Er wollte das Gespräch mit seiner Mutter vergessen und den Abend mit seiner Schwester und seinen Freunden verbringen.

„Ja, feiern wir die Verlobung!“ Robert war von der Idee gleich begeistert, denn sie hatte das Potential, die trübe Stimmung zu vertreiben. Und vielleicht bekam er ja doch noch ein paar seiner heiß ersehnten Informationen. Bei den beiden ging es doch schon wieder gut los.

„Komm.“ Mit der anderen Hand löste Yves Williams Krawatte. Dann griff er ihn bei der Hand und zog ihn langsam zur Bar. „Robert macht sich zur Abwechslung mal nützlich und dann wird’s besser.“

„Ich weiß nicht. Nach den letzten Drinks, die Robert gemixt hat, ging es mir schlechter und nicht besser.“ William lachte leise und straffte sich. Er hatte das Unerfreuliche hinter sich, jetzt wollte er sich amüsieren. „Kannst du Billard spielen?“, fragte er Yves, um sich endlich auf andere Gedanken zu bringen.

„So gut wie ich reiten kann“, sagte er frech und band sich selber die Krawatte auf. So bequem der Anzug war, er war diese Art Kleidung nicht gewohnt und sie hinderte ihn. Der Krawatte folgte die Jacke, dann die Weste. Dann fühlte er sich besser und hob eine Braue, als Robert verlangte, der Strip müsse weiter gehen. Erst wollte Yves ihn fragen, ob er noch ganz richtig im Schädel wäre, doch dann grinste er und zog das Hemd aus der Hose, um die untersten Knöpfe zu öffnen.

„Fies, fies, fies“, murmelte Robert und seine Augen klebten an Yves' Fingern, bis William ihm einfach die Augen zuhielt. „Könntest du mal bitte aufhören, meinem Verlobten nachzusabbern?“, sagte er amüsiert und zog Yves zu sich. „Siehst du, nur ich darf dies.“ Seine Finger strichen über den freiliegenden Bauch. Er wusste, dass er fies war, aber Robert hatte es irgendwie verdient, so nervig, wie er die letzten Tage gewesen war. Auch wenn William bewusst war, dass er ihn damit nur noch mehr reizte und provozierte.

Yves in seinem Arm holte tief Luft, denn die weichen Fingerspitzen auf seiner Haut ließen seine Bauchmuskeln zittern. Das Gefühl, so sanft die Berührung auch war, machte ihn verrückt. Er wollte mehr und konnte das doch nicht sagen. Also legte er seine Hand auf Williams, um sie festzuhalten und er hoffte sehnlichst, dass William verstand, warum er das tat.

Ein wenig erstaunt sah William auf Yves' Hand und ein kleines Lächeln bildete sich auf seinen Lippen. Er zog Yves so vor sich, dass er ihm weiterhin über den Bauch streicheln und ihn am Hals küssen konnte. Er wusste, dass alle sie erstaunt beobachteten, aber das war ihm gleich. Er hatte bei seiner Mutter für Yves gekämpft und gewonnen. Da hatte er sich ein paar Zärtlichkeiten verdient.

„Wird das jetzt Taschenbillard oder willst du anderweitig einlochen!“ Es war klar, dass Robert sein loses Mundwerk nicht halten konnte und wenn er schon nicht bei William punkten konnte, so gelang es ihm doch wenigstens, dass Yves wieder rote Wangen bekam. Das entschädigte ein bisschen.

„Nein, mein Lieber, wir werden Billard spielen und alles weitere wird wenn, ohne deine Anwesenheit passieren.“ William sah Yves an und grinste. „Wir brauchen Drinks und einen Queue. Los, Robert, komm in die Puschen, wir verdursten.“ Er küsste Yves noch einmal und stand auf. „Komm, wir bauen den Tisch auf und dabei erkläre ich dir das Wichtigste. Wir werden zusammen spielen.“

„Wenn du das sagst.“ Yves ließ sich einen der Queues reichen und beguckte sich das Gerät. Doch anstatt es artgerecht zu halten, prüfte er den Schwerpunkt, wie es in der Hand lag, und machte ein, zwei Schläge damit und dann einen Angriff ohne Gegner. „Ein Shinai wäre besser“, murmelte er und schwang den Stab noch einmal.

„Kann mal jemand dem jungen Samurai zeigen, wie man den Knüppel hält, ehe er noch jemanden verletzt?“, lachte Robert, war aber ziemlich beeindruckt.

„Aber ein Shinai macht so hässliche Kratzer in das Tuch.“ William nahm sich auch einen Queue und stellte sich Yves entgegen, wie bei einem Florettkampf. Schließlich war er auch ein Kämpfer und da sie beide die gleichen, ungewohnten Waffen trugen, fand er es ziemlich ausgeglichen. Er wollte Spaß haben und kämpfen machte immer Spaß.

„Hast du das letzte Mal nicht begriffen, dass du gegen mich keine Chance hast?“, lachte Yves überheblich und hielt den Queue wie ein Shinai mit beiden Händen. Er ging in die Grundposition und verbeugte sich. „Noch einmal werde ich nicht so nachlässig mit dir sein, kleiner Herzog“, provozierte er und wusste doch selber nicht genau warum. Vielleicht weil er das Feuer in Williams Augen lodern sehen konnte. Es war, als hätten sie alles um sich herum vergessen.

„Ich bin ein Fraggle, was erwartest du?“, lachte William und machte einen Ausfall, zog sich aber schnell wieder zurück. Er musste sich erst an seine Waffe gewöhnen und sie richtig ausbalancieren. Ihm war es egal, wenn er verlor, aber er würde nicht so schnell aufgeben, das kam für ihn nicht in Frage. Er ließ den Queue probehalber durch die Luft sausen und verbeugte sich ebenfalls. „Fang an.“

„Zapple hier nicht so herum, das macht einen ja ganz kirre“, murmelte Yves, der mit den Gepflogenheiten des Floretts nichts anfangen konnte. Lieber sammelte er sich und plante einen Angriff auf Williams Arm. Ohne die Rüstung musste er Kraft aus seinen Schlägen nehmen und der Kopf war tabu, genauso wie die Kehle. Er wollte dem Fraggle eine Lehre erteilen, ihn aber nicht verletzen. William konnte seinen Schlag parieren und so wich Yves wieder zurück. Das Schlagen des Holzes war immer wieder zu hören, wenn sich einer der beiden vor wagte und ihre Zuschauer amüsierten sich köstlich.

„Ob die im Bett auch erst auskämpfen, wer unten liegt?“, murmelte Robert, denn für ihn waren beide dominante Charaktere, jeder auf seine Art.

„Will keiner wissen“, murmelte Peter schon aus Prinzip, sah Robert dabei aber nicht an, sondern beobachtete den Kampf. Yves war gut. William musste wesentlich mehr einstecken als er und das sollte schon was heißen. „Wo hat der Kerl so kämpfen gelernt?“, flüsterte er leise und zuckte, als William wieder einmal einen Schlag gegen den Arm bekam.

„Gnade“, murmelte William und zeigte an, dass er aufgab. Die Schläge hatten zwar nicht sehr wehgetan, aber trotzdem hatte er genug. Schließlich war es nur ein Spaß gewesen.

„Was bietest du mir?“, fragte Yves und hielt das Queue noch einmal, als wolle er William bedrohen. „Wenn es sich lohnt, dich am Leben zu lassen, bin ich dabei.“ Der Kampf hatte Spaß gemacht und vor allem hatte er ihn das eine oder andere vergessen lassen. Wegen ihm hätte das noch nicht enden müssen, denn es war eines der wenigen Dinge, in dem William ihm noch nicht das Wasser reichen konnte und das Gefühl kostete Yves gern aus.

„Hmm, was könnte ich dir anbieten?“ William wiegte überlegend den Kopf und grinste. Er kam ganz nah an Yves heran und flüsterte ihm ins Ohr. „Was hättest du denn gerne? Ich kann dir einen schönen Abend anbieten, mit so vielen Cocktails, wie du möchtest und einem aufmerksamen Verlobten, der dir jeden Wunsch erfüllt, soweit es in seiner Macht liegt.“ William hatte so leise gesprochen, dass keiner der anderen ihn hören konnte und grinste, als Robert schon wieder maulte.

„Gut, du hast mich überzeugt“, lachte Yves und grinste anzüglich in Roberts Richtung. Sollte der doch denken, was er wollte. „Fangen wir mit einem Cocktail an und dann will ich lernen, wie man das Ding hier richtig benutzt.“ Nur ab und an sah er noch zur Tür weil er unsicher war, ob sie hier wirklich nicht gestört wurden. Aber William hatte ein Talent dafür ihn abzulenken und es fiel Yves nicht schwer, sich in dessen Hände zu begeben. Aus welchem Grund William auch nett zu ihm war, Yves wollte es genießen, so lange wie es dauerte. Diese Tage waren sowieso schneller vorbei als ihm lieb war.

„Ganz wie der Herr wünschen.“ William verbeugte sich leicht und begab sich persönlich hinter die Bar und mixte Cocktails. „Komm her, ich zeig dir, wie das geht.“ William stellte Yves' Drink auf den Rand des Billardtisches und zeigte ihm erst einmal, wie er den Queue halten musste und ein paar einfache Stöße. „Jetzt du, ich korrigiere dich, wenn nötig.“

„Schön wie wir hier zu Statisten werden. Nichts zu trinken, nichts zu spielen.“ Robert knurrte leise, denn er kam sich schon ein bisschen wie ein Statist vor. Er saß mit seinem leeren Glas im Sessel, denn an spielen war nicht zu denken, weil William gerade Privatstunden gab. Lediglich die Tatsache, dass die frisch Verlobten sich wieder sehr nahe kommen mussten, weil William hinter Yves seine Armposition korrigierte, ließ ihn ein bisschen dreckig grinsen, doch wirklich aufheitern konnte ihn das auch nicht.

„Nicht schmollen, Großer.“ Jane stellte sich neben Robert. „Ich bin froh, dass sie sich so gut verstehen und sich nicht zoffen.“ Sie wuschelte dem Rotschopf durch die Haare. „Möchtest du auch noch einen Long Island Icetea? Ich mach uns welche und dann entern wir den Tisch.“ So ging das ja nicht, dass sie hier nur herum saßen. Sie wollten auch Spaß haben.

„Zur Not treiben wir die beiden zurück ins Bett. Sollen sie sich dort begrabbeln. Ich will jetzt jedenfalls einlochen und das erfolgreich!“ Robert war motiviert, weil er jetzt Rückendeckung hatte und schlenderte mit zur Bar, konnte es sich aber nicht verkneifen, William, der immer noch hinter Yves mit ihm zusammen über den Tisch gebeugt stand, einen Schubs zu geben, sodass er den Halt verlor und Yves unter sich auf den Tisch drückte. Der keuchte überrascht, als er sich auf dem grünen Tuch wieder fand und drehte langsam den Kopf. Doch er grinste, er wusste selber nicht warum und so sah er sich fragend zu seinem Verlobten um. „Ist das ein unmoralisches Angebot?“, hatte er gefragt, noch ehe ihm bewusst war, was das bedeutete und in welches Höllenfeuer er gerade Öl goss. Eigentlich hätte ihm das hier unangenehm sein sollen.

„Soll es denn eines sein?“ William ging auf das Spiel ein und blieb so wie er war. Eigentlich hatte er aufspringen wollen, weil er befürchtete, dass Yves das gar nicht witzig fand, aber da hatte er sich wohl getäuscht. „Aber günstiger wäre es, wenn du anders herum liegen würdest, dann könnte ich dich nämlich besser küssen.“

„Könnt ihr eure Anzüglichkeiten vielleicht da drüben im Sessel machen, wir wollen nämlich spielen - Pool. Du weißt schon“, Robert ließ sich von dem Geturtel nicht stören. Langsam schienen die beiden zu wissen, was sie wollten und waren gegen Störungen nicht mehr so anfällig. „Du weißt doch, was Pool ist? Man nimmt die Knüppel und schubst kleine, bunte Bällchen in lustige Löcher. Dazu brauchen wir leider den Tisch, auf dem ihr euch gerade verlustiert. Also entweder spielt ihr mit uns Pool oder ihr bespaßt euch im Sessel.“ Und so schob Robert die beiden ein bisschen zur Seite und lockte Yves' Trotz hervor. Schon um Robert zu ärgern, drehte er sich in Williams Armen und schlang seine eigenen um den Hals seines Verlobten, um ihn zu sich zu dirigieren.

William ließ sich ziehen und auch wenn es ihm gut gefiel, wie sie gerade lagen, dehnte er den Kuss nicht so lange aus, sondern erhob sich und zog Yves mit. Sie waren nicht alleine und er hatte versprochen, dass sie spielten. „Später“, sagte er leise und fing die weichen Lippen noch einmal ein, als er Yves vom Tisch hob. „Für jede eingelochte Kugel bekommst du einen.“

„Und was kriege ich, wenn ich die Kugeln versenke?“, fragte Robert, der noch einmal über den Tisch bürstete und die Kugeln richtete.

„Prügel und Schmährufe“, bot Peter an, der sich noch einen Cocktail nahm und sich einen guten Platz suchte. Er wollte nur zusehen, denn zu fünft konnte man ja schlecht spielen. Außerdem war das nicht so sein Sport. Er wollte lieber William beobachten und versuchen, ihn zu verstehen. Ihn und seinen Verlobten.

„Na los, Yves fängt an.“ William klatschte in die Hände und dirigierte Yves zum Anstoßpunkt. „Einfach feste drauf. Nachher helf ich dir, wenn es darum geht einzulochen.“ Noch war es einfach, weil die Kugeln erst ins Rollen gebracht werden mussten. Er hatte schon lange nicht mehr gespielt, weil er mit seinem anderen Sport einfach zu beschäftigt war, aber so wie es aussah, hatte er nichts verlernt.



28


Schlussendlich hatten sie ein Spiel nach dem anderen gespielt. Im wechselnden Strom, damit Peter nicht als einziger herum saß. Yves hatte die Pausen genutzt, um sich noch ein paar Cocktails zu mischen, denn die waren richtig lecker. Süß und süffig und sie machten den Kopf so herrlich leicht. Weg waren all die Gedanken, die ihn belastet hatten, einfach weg. Er fühlte sich gut und lächelte, wenn William an ihm vorbei ging und ihn jedes Mal küsste, als wäre das der Zoll für den Weg. Eigentlich sollte das nie enden. Es war schön, wie es zwischen ihnen war. Vielleicht konnten sie das Gefühl ja auch nach New York hinüber retten?

„Hey, Süßer, nicht so stürmisch.“ William fing Yves auf, der ins Straucheln gekommen war und hielt ihn fest. „Wir sollten schlafen gehen. Du hast einen Schwips.“ Das war leicht untertrieben, denn Yves hatte recht viel getrunken und war das nicht gewohnt.

„Ja, gehen wir schlafen.“ Robert gähnte und hängte die Queues wieder an die Wand. Jane war schon vor einer Stunde gegangen und der Empfang war auch längst vorbei, so dass sie ohne Probleme in ihre Zimmer kamen.

„Hm, war grad so schön“, murmelte Yves, den William in seinem Arm hatte, um ihn zu stützen. So nutzte er die Chance und legte seinen Kopf auf Williams Schulter. Doch auch er gähnte verhalten. Sein Kopf fühlte sich an wie Watte und ihm war die ganze Zeit danach, dümmlich zu kichern.

„Mit dem haste heute keinen Spaß mehr“, grinste Robert und überlegte, ob es vielleicht Absicht von Yves gewesen war, sich zu betrinken, um Williams Zudringlichkeiten zu entkommen. Doch er verwarf die Idee. Dafür hatte Yves doch viel zu bereitwillig alles mitgemacht, was sein frisch Verlobter mit ihm angestellt hatte.

William ignorierte Roberts Einwand einfach und lief mit Yves los. Der musste wirklich ins Bett, auch wenn es ihm gefiel, wie sein Verlobter sich an ihn schmiegte. Er konnte nicht sagen ob es Zufall oder Absicht war, dass Yves' Lippen immer wieder die Haut an seinem Hals streiften, aber das war egal, das Gefühl war gleich und sehr angenehm. Sie brauchten etwas länger für den Weg als sonst und Peter übernahm es, Robert in sein Zimmer zu schieben, bevor der wieder Dinge von sich gab, die niemand hören wollte.

„Gute Nacht und bleibt sauber“, rief Robert noch, ehe die Tür zu war. Sein Hinweis oder wenigstens hinterher zu duschen, ging hinter der geschlossenen Tür unter.

Yves stolperte in ihr eigenes Zimmer und ließ sich als erstes aufs Bett fallen. Es war nicht so schlimm, dass sich alles drehte oder ihm schlecht war - er fühlte sich einfach nur schwer und leicht zugleich. Verrückt. „Komm her“, sagte er und sah William herausfordernd an. Eine Hand streckte sich nach seinem Verlobten aus. „Bitte.“

William hatte eigentlich etwas sagen wollen, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken und er musste schlucken. So wie Yves dort lag, das Hemd leicht hoch gerutscht, mit diesem Funkeln in den Augen, war es unbeschreiblich lockend, so dass er die wenigen Schritte zum Bett kam. Er nahm Yves’ Hand und ließ sich neben ihm aufs Bett sinken. „Da bin ich.“ Seine Stimme war rau und er hielt die dunklen Augen mit seinen gefangen, als er sich zu Yves beugte. Wie schon vorhin im Billardzimmer fuhren seine Finger über dem entblößten Bauch und zeichneten zart die deutlich spürbaren Muskeln nach.

„Ja, da bist du“, nuschelte Yves. Seine Zunge wurde langsam schwer, doch das störte ihn nicht. Lieber schob er, wie schon so oft zuvor, eine Hand in Williams Haare und strich ihm über den Kopf. Dabei lächelte Yves. „Du bist gar nicht so scheiße, wie ich immer dachte“, lachte er und dann hielt auch er die Spannung nicht mehr aus, die die blitzenden Augen in ihm auslösten. Er zog William zu sich, um ihn zu küssen - er war mittlerweile süchtig nach diesem Kribbeln, das sein Verlobter in ihm auslösen konnte.

„Das ist schön“, murmelte William noch, bevor er sich von Yves erobern ließ. Die Worte bedeuteten ihm viel und sie lösten ein warmes Gefühl in ihm aus. Wann hatte er angefangen, sich in Yves' Nähe wohl zu fühlen und es sogar zu genießen? So sehr dass er es nicht mehr missen wollte? Aber eigentlich war ihm das egal, er wollte nur ihre Nähe und den Kuss genießen. Er hielt ihn sanft und zärtlich, denn er wollte nicht mehr kämpfen. Er wollte Yves genießen, darum nestelten seine Finger die letzten Knöpfe des Hemdes auf und fuhren sanft über die entblößte Brust. So brachte er Yves unter sich zum seufzen und der trainierte Körper hob sich immer wieder leicht von der Matratze.

Noch nie vorher hatte Yves derartige Gefühle gehabt, noch nie begriffen, wie viel eine einzige Berührung auslösen konnte. Doch nun war es ihm völlig klar. Fahrig strichen seine Hände über Williams Nacken, den Hals, auf die Wangen und er kämpfte dagegen an, nicht den Kopf zu verlieren - doch das war nicht leicht nach all den Cocktails.

All die kleinen Seufzer und die geröteten Wangen, ließen William lächeln und er wollte mehr davon haben. Er löste sich kurz von Yves und sah ihn an, dabei strich er ihm über die Wange. „Ich mag dich“, sagte er leise und das war schon mehr als jemals eine seiner Eroberungen von ihm gehört hatte. Er beugte sich wieder vor, aber er küsste Yves nicht auf den Mund, sondern zog eine Spur kleiner Küsse über Yves’ Hals, runter zur Brust.

„Du bist auch ganz okay“, murmelte Yves. Immer wieder fielen ihm die Augen zu. Sein Kopf war so schön leer, dass er kaum begriff, was William ihm eigentlich gesagt hatte und er die Tragweite dessen kaum ermessen konnte. Für ihn war es einfach schön, so behandelt zu werden, so verwöhnt und liebkost. Seine Hände gruben sich noch einmal in das lange, schwarze Haar und streichelten den Nacken, bis sie langsam erschlafften.

Es dauerte ein wenig, bis William merkte, dass Yves ruhig geworden war und sah auf. Irritiert sah er auf das friedliche Gesicht, das ein kleines Lächeln zeigte und musste grinsen. „War wohl doch ein wenig viel Alkohol, Süßer“, lachte er leise und löste sich von Yves. Er strich ihm noch einmal über die Wange. So konnte er Yves nicht lassen, das war zu unbequem, darum zog er ihm Schuhe, Strümpfe und Hose aus und legte sich neben ihn, nachdem er sich seiner Kleidung entledigt hatte. Vorsichtig streichelte er Yves über die Brust und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Schlaf gut“, murmelte er und zog die Decke über sie beide, damit sie nicht froren.

Es war instinktiv, dass Yves sich auf die Seite rollte und dichter an William schmiegte. Er schob eine Hand suchend über das Laken, bis sie auf Williams Brust liegen blieb und Yves seinen Kopf gegen dessen Schulter lehnen konnte. So blieb er ruhig liegen.

William hielt Yves fest und streichelte ihm über den Arm. Er konnte nicht schlafen, viel zu viel ging ihm durch den Kopf. Der heutige Tag hatte so viel verändert und er war unruhig. Er wollte Yves aber nicht wecken, darum löste er sich vorsichtig von ihm, deckte ihn wieder zu und ging hinüber zu Robert, nachdem er sich angezogen hatte. Hoffentlich war sein Freund noch wach.

„Hm“, kam es, als William klopfte und er war unsicher ob er Robert nun geweckt hatte oder nicht. Doch als er ein lautes: „was denn nun?“, hörte, das kein bisschen müde oder verschlafen klang, trat er ein und fand seinen Freund bäuchlings auf dem Bett mit der Fernbedienung für den Fernseher in der Hand.

„Will, was machst du denn hier? Ich dachte, du würdest dich gerade mit deinem Verlobten verlustieren“, grinste Robert und erhob sich, um im Schneidersitz auf dem Bett zu sitzen.

„Ist eingeschlafen“, murmelte William und grinste. Er wusste, dass gleich wieder etwas Freches kam, aber genau das brauchte er jetzt. Er brauchte Ablenkung von all den merkwürdigen Gedanken, die durch seinen Kopf schwirrten und Robert war ein Garant dafür. Darum ließ er sich auch neben seinem Freund auf das Bett fallen und streckte sich.

„Meine Güte, warst du echt so einfallslos, dass er dir wegpennt? Du solltest mehr üben“, grinste Robert auf ihn hinab und machte den Fernseher aus. Es kam ja sowieso nichts Brauchbares. „Aber weswegen bist du wirklich hier? Willst du üben?“ Er wippte frech mit den Augenbrauen.

„Blödmann. Ich bin verlobt“, empörte sich William gespielt und lachte. Genau das hatte er gebraucht. „Üben ist nicht notwendig, denn es hat ihm gefallen, bis der Alkohol ihn ausgeknockt hat. Ich brauch jemanden zum reden.“ William seufzte, denn er wusste nicht, wie er anfangen sollte. „Es ist so viel passiert und ich weiß einfach nicht, was es zu bedeuten hat.“

„Na, fangen wir doch erst einmal damit an, dir darüber Klarheit zu verschaffen, dass du wirklich verlobt bist und wie du auf diese merkwürdige Idee gekommen bist“, schlug Robert vor. „Und wenn du damit fertig bist, erzählst du mir, wie er ist.“ Er lachte und sah William forschend an.

„Ja, die Verlobung.“ William legte sich bequem hin und verschränkte seine Hände hinter seinem Kopf. „Während des Banketts ist Jane und mir klar geworden, dass meine Mutter mich mit Lauren verloben wollte. Ich habe alle möglichen Szenarien durchgespielt, aber wirklich brauchbar war für mich nur, mich mit jemand anderem zu verloben und da blieb eigentlich nur noch Yves übrig, weil ich ihn ja als meinen Geliebten hierher mitgenommen hatte.“ Wenn er jetzt daran zurückdachte, war es wirklich ein Glück gewesen, dass Yves da mitgemacht hatte.

„Und was hält er von der ganzen Sache? Ich meine, wie wird das laufen, wenn ihr zurück seid? Du machst ihm das Stipendium streitig. Er muss schuften wie ein Tier, um seinen Abschluss zu packen - ich weiß nicht, ob das die richtigen Voraussetzungen sind. Deine Mutter wird ziemlich schnell sehen, dass es nur Fake war.“ Robert zuckte die Schultern, so richtig sah er für alles noch keine Zukunft.

„Na ja, das mit der Verlobung hat er recht locker genommen, nachdem ich ihm gesagt habe, dass man sie auch wieder lösen kann und über das Stipendium wollte ich mit dem Direktor reden, wenn wir wieder Zuhause sind. Ich kann ihm nicht mehr das Leben schwer machen. Er ist nett und ich mag ihn.“ Allein der Gedanke, wie wütend er auf Yves gewesen war wegen nichts, konnte er nicht mehr verstehen. „Wir werden uns in New York weiterhin sehen, da wird sie nichts mitkriegen. Mom hat erst einmal eine Weile zu knabbern und sie kann nichts gegen Yves unternehmen.“

„Was macht dich so sicher, dass sie nichts gegen ihn unternehmen wird? Er ist ein Schandfleck auf deiner Weste. Du kannst aber mal sicher sein, dass sie den so schnell wie nur möglich tilgen wird!“ Robert verstand nie, wie William so selbstsicher derartige Behauptungen in den Raum stellen konnte. Er mochte Macht haben, aber Abigail Kendal hatte entschieden mehr davon.

„Weil sie alles verliert, wenn sie das tut. Alles, für das sie gearbeitet hat, seit sie meinen Vater geheiratet hat.“ William setzte sich auf und sah Robert an, dem man praktisch die Fragezeichen von den Augen ablesen konnte. „Ich habe ihr gesagt, wenn sie etwas gegen Yves und die Lees unternimmt, gebe ich meinen Titel zurück. Ich werde als Herzog abdanken und das Geschlecht der Kendals wird aussterben und der Besitz fällt nach ihrem Tod zurück ans Königshaus.“

„Na holla, die Waldfee!“ Robert machte große Augen und wusste im ersten Augenblick nicht, ob er entsetzt sein sollte oder lachen. William schien das völlig ernst zu meinen. „Du hast ihr ja richtig die Hände gebunden, hm? Hoffen wir nur, dass sie so viel auf das Image einer Herzogin gibt, dass sie Yves wirklich in Ruhe lässt.“ Nachdenklich kratzte er sich hinter dem Ohr und holte tief Luft. Wenn da nicht noch eine Menge Ärger ins Haus stand.

„Sie ist ein Miststück, aber sie hält ihre Versprechen und das habe ich ihr abgenommen.“ William ließ sich wieder nach hinten fallen. „Aber das ist mein kleinstes Problem. Ich weiß einfach nicht, was sich da entwickelt zwischen Yves und mir. Er ist hier vollkommen anders als in New York. Welches ist der echte Yves?“

„Na entschuldige mal, Mister ich-mach-dem-Kerl-das-Leben-zur-Hölle“, sagte Robert und schnickte seinem Freund mit dem Finger gegen die Stirn. „Du bist hier ja wohl auch völlig anders als in New York. Welcher ist denn der wahre Will? Die Frage hat die gleiche Antwort würde ich sagen.“ Robert grinste frech.

„Ey.“ William rieb sich über die Stirn und grinste schief. „Also ist der anschmiegsame, nette Yves der echte, weil ich ja auch ein netter Kerl bin“, lachte er schließlich, „aber wird er das in New York auch noch sein? Das hier ist ein Job, den er bezahlt bekommt. Vielleicht ist er nur ein guter Schauspieler.“ William wusste einfach nicht, was er glauben sollte und das nagte mehr an ihm, als er zugeben wollte.



Derweil kam wieder etwas Leben in sein eigenes Zimmer, denn Yves wurde wach und rieb sich über die Augen. Es schmerzte und ihm war klar, dass er vergessen hatte, die Linsen raus zu nehmen. Die erste Intention bestand darin, es ausnahmsweise zu lassen, doch er wusste aus leidlicher Erfahrung, dass das mit Schmerzen und roten Augen endete. Also erhob er sich stöhnend und sah sich um.

„Nanu?“, murmelte er und legte die Hand auf Williams Seite vom Bett. Sie war kalt. Wo war er? War er wieder wütend? Ach, er wurde aus dem Kerl einfach nicht schlau. So verschwand Yves erst einmal im Bad und entsorgte die Linsen, ehe er sich etwas überzog. Er fühlte sich plötzlich nicht mehr, als wäre er müde, sondern hatte den merkwürdigen Drang William zu suchen, was in diesem großen Schloss ein aussichtsloses Unterfangen sein konnte. Gekleidet in Jeans und Shirt trat er auf den Flur und sah sich um. Ein Lichtschein, der auf den Boden des sonst dämmrigen Flures fiel, lockte ihn an - ebenso die Stimmen. Das war doch Roberts Zimmer. Ob William noch bei ihm war?

Er schlich langsam näher und nach und nach konnte er die Stimmen erkennen. Das war Williams Lachen, also war er bei Robert und so wie es sich anhörte, war sein Verlobter nicht wütend. Das ließ Yves lächeln und er kam näher. Er streckte seine Hand nach der Türklinke aus und wollte schon einen frechen Spruch loslassen, als er mitten in der Bewegung erstarrte.

Was hatte Robert gerade gesagt?

Das durfte doch nicht wahr sein. William wollte ihn in sich verliebt machen und dann fallen lassen?

Etwas zog sich in ihm zusammen. Vielleicht hatte er sich verhört und William klärte es auf, aber die nächsten Worte ließen diese Hoffnung zerplatzen.

„Ja sicher war das so geplant gewesen“, hörte er William sagen.

Yves ließ die Hand sinken und lehnte sich mit gesenktem Kopf gegen die Wand neben der Tür. Warum sagte William so etwas? Und warum redete er nicht weiter? Warum sagte er nicht etwas wie: ‚aber jetzt mag ich ihn!’ Warum nicht? Es blieb still und so zog sich Yves plötzlich zurück. Die watteweiche Füllung in seinem Kopf, die ihn die letzten Stunden so schön hatte schweben lassen, ballte sich zu harten Gedanken, die gegen seine Schädelwand hämmerten.

Weg hier!

Weg!

Weg!

Weg!

Sich den Ring vom Finger reißend, lief er zurück in sein Zimmer. In seiner ersten Wut über seine eigene Dummheit, diesem Mistkerl auch nur ein Wort geglaubt zu haben, wollte er etwas zerstören. Doch das machte nur neue Schulden - so weit konnte er noch denken.

Also griff er sich all seine Klamotten, die verstreut herum lagen und warf sie in die Tasche. Der bescheuerte Verlobungsring landete auf dem Bett, zusammen mit dem Geld von Jane. Er griff seine Tasche und wollte gehen, doch dann sah er auf den Block und den Stifthalter auf dem Schreibtisch. Schnell waren zwei Worte geschrieben und das Blatt Papier mit seiner bitterbösen Nachricht flog auf das Bett zu dem Ring und dem Geld. 'Verreck dran!'

Er war so dumm gewesen, so unsagbar dumm. Der Scheißkerl lachte sich sicher schon über den naiven Yves kaputt, der so leicht zu beeindrucken gewesen war.

Yves lief durch die Korridore zu Janes Zimmer, schließlich hatte er ihr Wort, er könne jederzeit zu ihr kommen, wenn er weg wollte und das wollte er unbedingt. Nicht eine Sekunde länger als nötig wollte er mit dem Fraggle unter einem Dach bleiben. Er konnte ja nicht ahnen, dass er die erhofften Worte zu hören bekommen könnte, wenn er nur ein paar Sekunden länger gewartet hätte.