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Demon Coffee - Teil 13 bis 16

13


„Alles okay, er gehört zu uns“, flüsterte Doc Kenneth zu und setzte sich zu ihm und Raven in den Wagen. Sie behielten ihre kleine Scharade bei, bis sie das Flughafengelände verlassen hatten. Erst dann rüttelte er vorsichtig an Ravens Arm, um ihn aufzuwecken. Es dauerte auch nicht lange, bis der Dämon sich regte und einmal tief Luft holte.

„Wir sind in New York. Bleib aber noch liegen, bis wir angekommen sind“, sagte Doc schnell, damit Raven nicht gleich aufsprang. Sie sollten ihr Glück besser nicht herausfordern. Zwar rechnete keiner damit, dass ihnen jemand folgte oder sie noch einmal in eine Kontrolle geraten würden, doch man wusste ja nie.

Eine Bombendrohung hier, eine Terrorwarnung dort und schon wurde jeder Wagen auf der Straße gefilzt. Dann konnten sie es ganz bestimmt nicht gebrauchen, dass ihr kurz vor dem Sterben stehender Patient ein Liedchen pfiff und auf seiner Bahre tanzte.

Kenneth, der vorn neben dem Fahrer saß, blickte immer wieder unauffällig nach hinten und wusste selber nicht, warum er das eigentlich tat.

Der Fahrer war vom Fach, er hatte sich als Alan vorgestellt und stellte keine Fragen. Er war es gewohnt, dass Ungewöhnliches geschehen konnte und es war nicht an ihm, es zu hinterfragen. Er hatte seine Aufgabe und die erfüllt er. Er war ein Rädchen im Getriebe, wie jeder von ihnen.

Alan brachte die Neuankömmlinge ohne Umwege zu der Lagerhalle, in der sie die Wagen tauschen wollten und öffnete die hintere Tür. „Braucht ihr Hilfe?“, fragte er und deutete auf Raven, der sich gerade aufsetzte, aber Doc schüttelte den Kopf.

„Ich schneide die Verbände einfach auf, die brauchen wir nicht mehr.“ Und schon hatte er eine Schere in der Hand und legte los. Raven half ihm dabei, so gut er konnte. Er brauchte Bewegung und etwas zu trinken.

Kenneth lehnte nur an der Tür, die Arme vor der Brust verschränkt, und beobachtete das Treiben. Er wusste selber nicht, warum er den Dämon schon wieder so anstarrte oder was er zu sehen hoffte, wenn die Verbände ab waren. Vielleicht das selbe, was er gesehen hatte, als sie angelegt worden waren.

Seufzend schüttelte er über sich selber den Kopf und wandte sich ab. So notgeil konnte ein einzelner Mann doch gar nicht sein, dass man einen Widerling bespannte. Also machte Kenneth sich mit dem Wagen vertraut, in den sie umsteigen wollten, doch er wagte es nicht, sich hinter das Steuer zu setzen, schließlich war das auf der falschen Seite, mal davon abgesehen, dass die hier auch alle auf der falschen Straßenseite fuhren. Da mischte er besser nicht mit.

Doch er guckte nicht schlecht, als er die Türen der schwarzen Limousine öffnete und ein netter junger Mann ihm zunickte. Kenneth grüßte zurück und sah verwirrt zu Alan hinüber, der schon den Krankenwagen startete, weil Raven so gut wie fertig war und mit Doc den Wagen verließ. Er trug nur eine Hose, hatte Hemd und Schuhe in der Hand und Sparky schnüffelte sich gerade etwas durch die Lagerhalle.

„Ich bin dann weg", sagte Alan kurz und schon war das Fenster zu und der Wagen setzte sich in Bewegung. Doc winkte ihm und streckte sich.

„Du bist Paul?“, fragte er den Mann in der Limousine. Alan hatte ihm gesagt, dass sie zum Hauptquartier gebracht wurden.

„Japp“, war die knappe Antwort und Paul stieg aus, um allen die Hand zu reichen. Neugierig lag sein Blick dabei auf Raven. Er wusste nicht wieso, aber der große Kerl verursachte ihm eine Gänsehaut. Er gehörte auch nicht zu 'Hunter’, genauso wie der Blonde. Das war ungewöhnlich und machte ihn neugierig, aber er hielt sich zurück, denn meist war es besser, nichts zu wissen. Er öffnete eine der Fondtüren und machte eine einladende Handbewegung.

„Ken, du nach vorn", bestimmte Doc, denn er wusste, dass es auf die Dauer nicht gut ging, wenn seine beiden Sorgenkinder auf der Rückbank anfingen sich zu kabbeln. „Und nimm Blades Haustier mit", warf er noch hinterher, als er Sparky neben sich auf dem Beton sitzen sah, die erwartungsvoll zu ihm hoch guckte. Doch er hat aus dem unschuldigen Blick gelernt. Die kam nicht in seine Nähe, wenn es nicht sein musste!

„Na komm her, Süße", lockte Kenneth und Sparky sprang eilig in den Fußraum, wo sie sich erst zusammen rollte, doch dann war es zu langweilig und sie sprang ihm auf den Schoß, um etwas zu sehen. Wenn Paul von der Riesenratte beeindruckt war, ließ er sich das nicht anmerken, sondern schloss nur hinter Doc und Raven die Türen. Er startete den Wagen, um wieder auf die Straße zu fahren und den Weg zum Hauptquartier der Zelle anzutreten. Taylor wartete sicher schon auf seine Gäste.

Raven sah aus dem Fenster. Er hatte keine Lust zu reden und der lange Flug steckte ihm noch in den Knochen. Er brauchte nachher unbedingt Bewegung, damit sein Kreislauf wieder richtig in Schwung kam. Bisher war er doch recht beeindruckt, wie reibungslos alles geklappt hatte. Die 'Hunter' waren professioneller, als er gedacht hatte. „Wie geht es weiter?“, fragte er Doc neben sich. Er mochte es nicht, wenn er völlig im Dunkeln tappte.

„Im Hauptquartier treffen wie auf Beth, Taylor und Nathan. Sie werden uns helfen, die beiden Steine ausfindig zu machen. Der Rest der Truppe ist in Ohio im Einsatz. Sie werden uns also nicht helfen können, aber das war uns klar, ehe wir sie informiert haben. Wichtig ist nur, dass wir schnellstmöglich die Adressen der Steine finden, aber da vertraue ich auf Nathan."

„Wer ist dieser Nathan?", fragte Kenneth neugierig nach hinten, so hatte er wenigstens eine Entschuldigung, sich ständig umzuwenden und Raven mit seinen Blicken zu streifen.

„Nathan ist Sick sehr ähnlich, nur etwas jünger und etwas kleiner, aber man sollte ihn und seine Fähigkeiten nicht unterschätzen", sagte Doc und grinste. Jedes Mal, wenn die Jungs aufeinander trafen, brannte die Luft, aber eigentlich mochten sie sich sehr gern - nur wer verlor schon gern? Keiner von beiden. So war ihr Streben ein ständiger Wettstreit, den man ausnutzte, um schneller an Informationen zu kommen.

„Gut. Wenn er so gut ist wie Sick, sollte er uns helfen können.“ Mehr sagte Raven nicht. Er war froh, dass sie nicht mit so vielen Menschen zusammentrafen. Mit seinem Team kam er zwar klar, aber zu viele Menschen um sich herum konnte er nicht ertragen. Er sollte sich besser etwas im Hintergrund halten. „Gibt es dort auch einen Trainingsraum?“, fragte er, denn in dem konnte er sich auspowern und gleichzeitig Distanz wahren.

„Sicher. Hudson und Blade haben in der gleichen Einheit gedient und somit auch die gleichen Bedürfnisse, was ihren Drang nach Bewegung und Training angeht", erklärte Doc. Es war sowieso beängstigend, wie ähnlich sich die beiden Soldaten waren, nicht nur äußerlich. Dabei waren sie nicht einmal verwandt. Noch beängstigender war es, dass sie sich wortlos verstanden und selbst ohne sich zu sehen wussten, wie der andere handeln würde. Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes seelenverwandt.

Raven nickte und beugte sich etwas näher zu Doc. Er wollte nicht, dass ihr Fahrer seine nächsten Worte mithörte. Sie mussten noch etwas besprechen, bevor sie ankamen. „Werdet ihr ihnen sagen, wer ich bin? Mir ist es gleichgültig, solange es unsere Mission nicht behindert.“ Das mussten Doc und seine Freunde entscheiden, sie kannten die New Yorker und konnten sie einschätzen.

„Wir sollten mit offenen Karten spielen, wenn wir ihre Hilfe wollen. Nur weil wir alle einer einzigen Organisation angehören, heißt das noch lange nicht, dass einer dem anderen gegenüber zu bedingungsloser Hilfe verpflichtet ist", entgegnete Doc, doch das war nicht der Hauptgrund. Er wollte einfach nicht, dass etwas so Schwerwiegendes zwischen ihnen stand. Außerdem war er sich fast sicher, dass Blade und Powaqa, die von Taylor abgeholt worden waren, gewiss schon das eine oder andere geklärt hatten. Blade verlor ungern Zeit.

„Das überlasse ich euch.“ Das Thema war für Raven damit erledigt. Er setzte sich wieder richtig hin und sah aus dem Fenster. London war schon eine große Stadt, aber New York war ganz anders. Von seiner Welt kannte er diese Riesenstädte nicht und er mochte sie nicht. Hier war ihm alles zu eng und zu voll. Trotzdem war er neugierig. Je besser er sich auskannte, umso effektiver konnte er agieren.

Da war er einfach zu sehr Krieger. Er war jetzt unter Menschen und wollte die Verräter fassen. Er musste sich also anpassen und denken wie sie, handeln wie sie - er musste mit der Masse verschmelzen, um aus dem Hintergrund angreifen zu können. Es war sowieso Glück, dass Barul und seine Mitstreiter noch nicht wussten, wen Satan ihnen auf die Fersen gehetzt hatte.

Auch Kenneth und Sparky guckten neugierig aus dem Fenster. Kenneth etwas intensiver als die Ratte, denn im Gegensatz zu ihm, war die junge Dame schon ein paar Mal hier gewesen. Sie wollte lieber wieder zu Blade.

Sie fuhren noch eine Weile, bis Paul den Wagen durch ein Tor fuhr, das er mit einer Fernbedienung öffnete. Man residierte in einem großen Stadthaus, das ihnen von einem verstorbenen Mitglied von 'Hunter’ vererbt worden war. Das war etwas anders als in London, denn dort wohnten sie in ruhigen Zeiten über dem Café. Das war hier in New York aber nicht möglich.

Ansonsten gab es viele Parallelen, denn auch hier gab es ein Hauptquartier im Hafen, das für alle Eventualitäten ausgestattet war. „Die anderen sind schon da“, sagte Paul und deutete auf den Van, der auf einem der Parkplätze stand. Er ließ seine Passagiere aussteigen und verabschiedete sich, denn er wurde im Laden wieder gebraucht. Er war nur kurz abgestellt worden, um die Gäste zu holen. Der Rest ging ihn nichts an.

„Sehe schon", sagte Kenneth, denn Sparky sprang ihm vom Arm und lief schnurstracks auf die Tür zu, die Blade in dem Moment öffnete und seine Lady an sich hinauf krabbeln ließ, um sie zu begrüßen.

„Ihr habt gut auf sie aufgepasst", lobte er. Dass alles andere auch reibungslos gelaufen war, musste er nicht kommentieren, das konnte man sehen. Derweil trat Taylor, ein Mann mittleren Alters mit angegrauten Schläfen, neben ihn in die Tür und begrüßte die Neuankömmlinge.

„Hey, Alter“, rief Doc ihm grinsend zu und schlug Taylor auf die Schulter. Sie kannten sich schon ewig und hatten oft zusammen gearbeitet. Raven hielt sich im Hintergrund, beobachtete erst einmal und sondierte das Gelände.

Taylor schnaubte grinsend und begrüßte Doc. Er freute sich, den Arzt einmal wieder zu sehen, aber sein Blick wurde von dem großen Blonden abgelenkt. „Ist er wirklich einer von denen?“, fragte er leise und man konnte den Unglauben heraushören. Als Blade ihm kurz und knapp erzählt hatte, wen sie mitbrachten, hatte er sich alles Mögliche vorgestellt und gerade konnte er es nicht glauben.

„Ja, das ist Raven. Doch lasst uns erst einmal rein gehen, wir müssen ja nicht die ganze Nachbarschaft unterhalten, oder?" Blade schob Doc durch die Tür, Kenneth wurde gleich in die Begrüßungsrunde geschickt, denn im Flur standen nicht nur Doc und Taylor, sondern auch eine Frau und ein blonder Junge. Das musste dieser Nathan sein, den man nicht unterschätzen sollte.

Aha.

Niedlich, der Kleine.

Kenneth grinste und fragte sich gerade, ob der auch so eine große Klappe hatte wie der Londoner Junior, da hatte schon jemand seine Hand gegriffen. Eine blonde, junge Frau lächelte ihn an. „Ich bin Beth, willkommen in unserem bescheidenen Domizil, auch wenn wir nur die kläglichen Reste sind. Die Anderen sind im Einsatz." Kenneth konnte nur nicken und die Hand schütteln. Beth wirkte nett und erinnerte ihn von der Art an Lu.

„Hallo“, sagte Kenneth lächelnd und sah aus den Augenwinkeln Raven, der sich an ihnen vorbei ins Innere des Hauses drängte. Natürlich ohne jemanden zu begrüßen. Das wäre ja auch zuviel verlangt gewesen. Darum nickte er entschuldigend, weil Beth und der Kleine doch etwas irritiert wirkten. Anscheinend waren sie noch nicht eingeweiht worden.

„Es ist das Beste, wenn man um den erst mal einen großen Bogen macht. Lasst ihn in den Trainingsraum, wenn ihr einen habt, hinterher ist er zu genießen." Das sagte Kenneth laut genug, Raven durfte ruhig hören, dass er dessen Art und Weise, sich Gastgebern und Helfern gegenüber so gleichgültig zu geben, nicht billigte.

„Okay. Die Treppe runter, bis ganz unten und dann rechts.“ Beth sah Raven nach, als er sich sofort auf den Weg machte und erst als er nicht mehr zu sehen war, wandte sie sich wieder an Kenneth. „Okay, was ist an ihm besonders?“, fragte sie direkt, denn dass da etwas war, was sie noch nicht wusste, war ihr klar und sie wollte vorbereitet sein, wenn es etwas in seinem Umgang zu beachten gab.

„Er ist ein Feuerdämon, aber nicht so was lumpiges, wie ihr sie jagt, sondern Satans Stellvertreter. Er ist hier, um drei Verräter zu stellen, die eine ultimative Waffe suchen", fing Kenneth an zu erklären und dann nickte Nathan plötzlich.

„Ja, Sick hat so was erzählt. Von einem Flattermann, der Steine sucht und so was." Nachdenklich kratzte er sich am Kopf und sah noch einmal Raven nach, auch wenn der schon lange weg war. Nathan hatte sich einen Dämon anders vorgestellt, denn er hatte schon genug gesehen, doch wie der hatte keiner ausgesehen.

„Wie bitte?“ Beth nahm die Informationen nicht so gleichgültig auf wie Nathan und es fiel ihr schwer zu glauben, dass sich gerade ein Dämon in ihrem Trainingsraum befand. „Ihr bringt einen Dämon hier her?“ Beth verspannte sich und Taylor kam zu ihr.

„Wenn es nicht sicher wäre, hätte Blade ihn nicht hierher gebracht. Wir müssen ihm helfen, weil die Erde auf dem Spiel steht“, erklärte er Beth und drückte ihre Schulter. Sie atmete tief durch, doch so zufrieden war sie mit der Antwort nicht. Die Erde stand täglich vor dem Kollaps und musste irgendwie gerettet werden, das erklärte aber noch nicht, warum einer von denen, die sie täglich jagten, hier in ihrem Haus herum lungerte, ohne sich vorzustellen.

Zwar war Blade ein guter Leumund, denn auf seine Einschätzung der Lage konnte man sich verlassen, doch es nahm ihr nicht die Sorge. Warum musste so etwas passieren, wenn Harry und die anderen nicht da waren?

„Er ist anders, als die, die wir kennen. Er ist kein blutrünstiges Monster, sondern ein Krieger. Gefährlicher und tödlicher, als alles, was wir bisher erlebt haben, aber er besitzt Ehre. Er hat uns sein Wort gegeben, dass er niemanden tötet, wenn es sich vermeiden lässt und bisher hat er uns keinen Anlass gegeben, daran zu zweifeln.“ Doc kam sich schon etwas merkwürdig vor, für Raven zu sprechen, aber es musste wohl sein.

„Wir werden ihn brauchen, wenn wir die Waffe finden und zerstören wollen", erklärte Blade knapp und folgte Raven in den Trainingsraum. Sparky blieb lieber hier oben, denn hier wusste sie, dass sie geknuddelt und verwöhnt wurde. Sie wäre dumm, wenn sie das nicht ausnutzen würde.

„Nathan, mach einen Tee. Unsere Gäste brauchen nach der langen Reise sicher etwas Ruhe", schlug Taylor vor und hoffte so, auch in seine Reihen wieder etwas Ruhe bringen zu können. Beth wirkte noch immer angeschlagen, das war nicht gut. Vielleicht half es ihr, wenn sie mehr Informationen bekam und das ging am entspanntesten bei einer Tasse Tee.

Taylor führte seine Gäste in die Küche, wo Nathan schon werkelte. Er war neugierig, denn viel hatte Sick in seiner E-Mail nicht verraten. Sparky wuselte sofort zu ihm hinüber und fiepste leise, ließ alle schmunzeln.

Die Süße änderte sich aber auch nie.

Verfressen wie immer und erfolgreich wie immer.

Mit einem Stück Keks flitzte sie unter den Tisch, um den sich die anderen schon versammelt hatten. Selbst Powaqa, den Kenneth bis jetzt noch nicht gesehen hatte, gesellte sich plötzlich zu ihnen. Er war unter dem Dach gewesen, wo Jerry einen Meditationsraum eingerichtet hatte und den er gern benutzte, wenn er hier war.

„Und der ist so ein richtiger Dämon?", fragte Nathan neugierig, als er die Kanne auf den Tisch stellte, auf dem Beth schon Tassen drapiert hatte. „Hat einen von Sicks Fernsehern zerstört, ganz schön blöd, sich den zum Feind zu machen", grinste er und ignorierte Beth, die einfach nicht verstehen konnte, wie locker das alle nahmen.

„Japp, unser Kurzer war extrem angepisst, aber das ging Raven ziemlich am Arsch vorbei.“ Doc lachte leise, denn Nathan verzog das Gesicht. Er hing genauso an seiner Technik wie Sick und wenn er wütend war, sollte man sich in Acht nehmen. „Also, Raven ist ein reinblütiger Dämon und er kommt aus einem parallelen Universum. Sie waren vor Jahrtausenden hier und die, die wir für Dämonen halten, sind Nachkommen von ihnen und haben nur Bruchteile der Kräfte. Wir haben sozusagen ihren Ausschuss abbekommen.“

„Na da fühlt man sich ja gleich richtig wichtig", knurrte Nathan und verzog angewidert das Gesicht. Er griff sich seinen Tee und legte die Hände um die Tasse, genauso wie Beth, die versuchte, ihre klammen Finger wieder aufzuwärmen. Sie konnte nicht vermeiden, dass ihr Blick immer wieder zur Treppe ging.

„Er wird dir nichts tun", versichte Kenneth, weil er irgendwie das Gefühl hatte, ihr die Angst nehmen zu müssen. Sie war ganz anders als Lu, die hatte das besser weggesteckt. Vielleicht weil sie ihn gleich intensiver kennen gelernt und Raven mit ihr geredet hatte. Beth hatte er einfach nur stehen lassen, der unhöfliche Sack. Kenneth knirschte mit den Zähnen und war kurz davor aufzustehen und den Idioten nach oben zu schleifen - wenn der nur nicht mit Feuerbällen nach ihm werfen würde.

„Wie könnt ihr euch da so sicher sein?“, fragte Beth und versuchte sich zu beruhigen. „Er ist ein Dämon, denen kann man nicht trauen.“ Sie atmete tief durch und sah ihre Freunde an. Sie wollte ihnen glauben, aber es fiel ihr schwer. „Okay, was ist geplant? Wie können wir euch helfen?“, versuchte sie sich von Raven abzulenken.

„Sick hat sich darum gekümmert, die fehlenden Steine ausfindig zu machen", nahm Powaqa dankend den Themenwechsel an und erklärte nun im Groben, was es mit den Steinen auf sich hatte. „Zwei davon waren mal - oder sind vielleicht immer noch - in New York. Er wollte die Namen noch herausfinden und alle Daten an Nathan schicken. Es liegt dann an uns, die Steine an uns zu bringen und dabei schneller zu sein als diese Verräter. Und diese drei sind nicht von schlechten Eltern. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Sick nur noch am Leben ist, weil Kenneth Schutzwälle bauen kann."

Dabei sah er zu ihrem Neuen und der wurde leicht verlegen. Er hatte doch keinen Schimmer, wie man das machte. Es war einfach passiert. Und richtig glauben konnte Kenneth das immer noch nicht.

„Schutzwälle. Das ist gut.“ Taylor nickte anerkennend. Das war eine wertvolle Fähigkeit, die im Kampf viele Leben retten konnte. „Nathan, sieh nach, ob Sick schon was geschickt hat und dann müssen wir planen. Raven sollte dabei sein. Doc, gehst du runter und sagst Blade Bescheid?“

„Ja sicher", entgegnete der Arzt und erhob sich mit seiner Tasse Tee in der Hand. Die konnte er ruhig mitnehmen, denn der große Pott lag gut in der Hand. Nur Kenneth maulte leise vor sich hin, dass man ihn nicht überschätzen sollte, weil er keinen Schimmer hatte, wie er seine Fähigkeit aktivieren konnte. Das wäre einfach passiert.

„Das wird schon. Jeder musste lernen, seine Fähigkeiten gezielt zu nutzen." Beth lächelte ihn an, versuchte aber damit auch nur zu überspielen, dass der Dämon gleich in der Küche stand und sie nichts dagegen tun konnte. Sie umklammerte fest ihre Tasse und atmete tief durch, als sie Schritte von unten hörte. Sie versuchte nicht zur Tür zu sehen und konzentrierte sich auf Kenneth.

„Du hast deinen Wall also unbewusst genutzt?“, fragte sie, weil es das erste war, was ihr einfiel. „Darauf kannst du aufbauen und Pow ist ein guter Lehrmeister. Er wird dir helfen.“

„Na ja, werden wir sehen. Ich hatte nur die Augen zu und eine scheiß Angst, als der Mistkerl unser Auto angegriffen hat. Ich habe mir Sick geschnappt und an mich gerafft. Was dann passiert ist, weiß ich nicht", musste Kenneth zugeben, doch er schämte sich nicht. So war das eben. War doch nur normal, dass man Angst hatte, wenn man von einem Dämon mit Feuerkugeln bombardiert wurde.

Und apropos Feuerdämon - der kam gerade mit einem Gesicht bis zum Fußboden hinter Blade in die Küche und schickte einen kurzen Gruß in die Runde. Sicher hatte ihm Blade ein paar kurze Takte erzählt, denn der Soldat war der einzige, von dem sich Raven etwas sagen ließ.

„Könnte ich Kaffee haben?“, fragte Raven und setzte sich auf einen Stuhl. Blade hatte ihm ziemlich den Kopf zurechtgerückt, genau wie von Kenneth vermutet. Danach hatte er sich ausgepowert und sich jetzt wieder soweit beruhigt, dass er reden konnte. An diese komischen Sitten und Bräuche der Menschen würde er sich nie gewöhnen, doch das musste er auch nicht, wenn sie effektiv arbeiteten und er hier schnell wieder verschwinden konnte.

„Sicher." Taylor erhob sich und schaltete die Maschine an. Sofort wurde eine Portion Bohnen gemahlen und der Duft von frischem Kaffeemehl lag in der Luft. Ein paar Sekunden später hatte Raven seine Tasse in den Händen und wusste die Blicke aller auf sich. Nur Beth war etwas abgerückt.

Raven nickte dankend und trank einen Schluck. Er verzog kurz das Gesicht und legte seine Hände um die Tasse. Er mochte seinen Kaffee lieber etwas heißer - so kurz vor dem Siedepunkt. Er wusste, dass er neugierig beobachtet wurde, aber das war ihm egal. „Fragt, wenn ihr was wissen wollt“, sagte er schließlich. In London hatte das ja auch funktioniert.

„Was willst du von uns? Ich habe gehört, du bist mächtig. Warum brauchst du uns? Als Köder oder als Kanonenfutter?", platzte es aus Beth heraus, die ihre Spannung irgendwie loswerden musste. Kenneth grinste schief, die Frage hatte er so ähnlich doch schon mal gehört.

„Ja, ich bin mächtig.“ Raven sah zu Beth hinüber und holte tief Luft. Er konnte die Angst riechen, die von dieser Frau ausging, darum reagierte er nicht gereizt auf die Fragen. „Das heißt aber nicht, dass ich keine Hilfe gebrauchen kann. Ich bin Krieger und kein Schlächter, darum trage ich meine Kämpfe selber aus. Euch brauche ich, um meine Zielpersonen schneller zu finden. Dass ihr erfahrene Jäger seid, macht es mir etwas leichter, denn ihr wisst, worauf es ankommt.“

Das klang fast wie ein Lob und das verwirrte Beth noch mehr. Besser sie sagte erst einmal nichts mehr. Sie wusste den Kerl nicht einzuschätzen. Zum Glück kam in diesem Moment Nathan die Treppe herunter, den Laptop unter den Arm geklemmt und ein breites Grinsen im Gesicht. Stumm baute er das Gerät auf und ließ es hochfahren, suchte sich die Verbindung zum Satelliten und schon sah man Sicks mürrisches Gesicht, weil man ihn wohl gerade aus dem Bett geholt hatte.

„Mann, du kleine Ratte", knurrte er, als er Nathan erkannte. „Kannst du deine E-Mails nicht lesen? Soll ich sie dir vorlesen? Analphabet."

Nathan blies die Backen auf und wollte gerade etwas sagen, als ein lautes: „Klappe, alle beide“, ihn zusammenzucken ließ, genauso wie Sick. Blade war genervt. Konnte das nicht einmal ohne die üblichen Balgereien gehen? „Ich weiß, du hast geschlafen, aber wir brauchen das, was du raus gefunden hast.“

„Hm", machte Sick. Bei jedem anderen wäre er jetzt explodiert und hätte ihm eine lange Nase gedreht, doch bei Blade ließ er das und holte seine Zettel, die er sich ausgedruckt hatte. „Anstatt mich zu wecken, hätte die Zwecke einfach seine E-Mail ausdrucken sollen, dann wüsstet ihr bereits genau soviel wie ich.

Die beiden Typen, die bei der Expedition dabei waren und in Amerika leben, heißen Foster und O'Rayley. Die Adressen stehen ebenfalls in der Mail. Allerdings lebt der eine ziemlich zurückgezogen. Über den ist nichts herauszufinden, außer seiner Anschrift und der andere ist tot. Was aus dem Stein geworden ist, ist noch nicht ganz klar, denn er hat einen Großteil seines Vermögens einer Stiftung vermacht, der kleinere Teil ist bei seinem Sohn gelandet."

„Danke, Sick.“ Blade sah Nathan an, der ihm ein paar Ausdrucke in die Hand drückte. Also hatte der Kurze die Videoverbindung nur hergestellt, um Sick zu ärgern, aber er sagte nichts. Er überflog kurz die Daten und schob sie dann Taylor zu. „Leg dich wieder hin, Kleiner. Wir melden uns, wenn wir die Steine haben.“

„Macht das und irgendjemand latscht der kleinen Ratte mal feste in den... Oh, entschuldige Sparky", lachte Sick, als Sparky aufgebracht auf dem Tisch stand und fiepte.

So weit kam es noch, dass ihre Rasse hier deformiert wurde!

„Beiß Nathan zur Wiedergutmachung, Süße, du hast meine Erlaubnis. Aber pass auf, nicht dass du dir noch 'ne Krankheit holst!" Weiter kam er nicht, denn Nathan trennte die Verbindung und knurrte Sparky an, damit sie nicht auf dumme Gedanken kam.

„Loser“, murmelte er leise, weil er sich nicht wieder einen Rüffel von Blade einfangen wollte. „Braucht ihr mich noch? Sonst suche ich nach den anderen Steinen. Der Stümper hat ja nichts gefunden, da muss ich das machen.“ Nathan raffte sein Zeug wieder an sich und duckte sich unter dem strafenden Blick von Blade weg. Was hatte der nur immer, wenn man gegen Sick wetterte?

„Mach dich nützlich und wehe du weißt in zwei Stunden nicht mehr als jetzt, dann raucht's." Taylor schickte den Junior wieder nach oben und lachte leise. Selbst wenn die Jungs auf verschiedenen Kontinenten waren, rauchte es gewaltig.



14


„Und jetzt?", fragte Kenneth, denn er hatte das Zeitgefühl verloren, fühlte sich erschlagen und außerdem hätte er nichts dagegen, etwas zwischen die Zähne zu bekommen.

„Also, wir werden uns ansehen, was Sick geschickt hat und du solltest dich hinlegen.“ Powaqa grinste zu Kenneth hinüber, der gerade kräftig gähnen musste. Sie hatten in der letzten Nacht alle nicht viel geschlafen, aber sie waren es gewohnt, nicht regelmäßig zu schlafen. „Wir überlegen uns, welchen Stein wir zuerst holen und wenn du wieder wach bist, besprechen wir, wie wir das angehen.“

„Wegen mir", murmelte Kenneth noch und suchte sich im großzügigen Wohnzimmer ein Stückchen freien Platz auf der großen Couch. Sie sah weich und gemütlich aus und sie trug seinen Namen. Er hörte die weichen Kissen rufen und die Decke, die zusammengelegt über der Lehne lag. Noch im Laufen streifte er die Schuhe ab, griff sich die Decke und war schon eingeschlafen, als der Kopf das Kissen berührte.

Alle am Tisch hatten ihm hinterher gesehen und grinsten. Ihnen allen war es so gegangen, als sie zu 'Hunter’ gestoßen waren.

Beth zog sich die Ausdrucke heran und überflog sie. „Wir haben also zwei Ziele hier in New York. Dieser Foster verkauft ab und zu Steine, vielleicht sollten wir dort anfangen.“ Sie sah in die Runde, weil sie wissen wollte, was die anderen davon hielten. „Er lebt auch nicht so zurückgezogen, wie der andere.“

„Gib mal her." Doc zog die Papiere zu sich und bemerkte nur aus dem Augenwinkel, dass ein graues Tierchen auf flinken Füßchen durch die Küche ins Wohnzimmer wuselte und zu Kenneth unter die Decke schlüpfte. Die merkte aber auch immer, wo sie bekuschelt werden könnte. Doc schüttelte über Sparky den Kopf und las selber noch einmal alle Fakten durch.

Reginald Foster hatte die Edelsteinsammlung seines Vaters geerbt, alle anderen Besitztümer des Mannes waren einer Stiftung zugefallen. Es war also nahe liegend, dass auch der Feuerstein, den sein Vater damals unrechtmäßig an sich genommen hatte, noch in seinem Besitz war. „Ist nur die Frage, wie wir an die Klunker kommen. In der heutigen Zeit hat die keiner mehr einfach so herum liegen. Einsteigen bringt also nichts, wenn wir nicht wissen, wo wir suchen müssen und wie die Steine gesichert sind. Außerdem weiß keiner, ob er das Ding nicht schon verkauft hat", äußerte Doc all die Bedenken, die ihm gerade in den Kopf kamen.

„Dass wir darüber nichts in Erfahrung bringen konnten, ist echt blöd.“ Powaqa nickte Doc zu und runzelte die Stirn. Das waren zu viele Unbekannte, die sie bedenken sollten. „Wir müssen es wohl darauf ankommen lassen, dass er den Feuerstein noch hat und versuchen, ihm den abzukaufen. Ist nur die Frage, wie wir das anstellen.“

„Wozu haben wir eigentlich einen Dämon", piesackte Doc und sah Raven, der ihm gegenüber saß, offen an. „Wenn die lumpigen Bastarde, die wir jagen, schon in die Träume der Menschen eindringen können, warum machst du das nicht auch? Du suchst ihn heim, checkst alles ab und wir laufen nicht ins Ungewisse", überlegte Doc und lehnte sich zurück, zog seinen mittlerweile kalten Tee zu sich und leerte die Tasse.

„Es ist auch in meinem Interesse, die Steine zu bekommen, also werde ich tun, was immer notwendig ist.“ Raven ließ sich nicht provozieren. „Ich kann ihm auch gerne Angst verbreiten, wenn ihr das wollt. Vielleicht verkauft er den Stein eher, wenn er glaubt, ein Fluch läge darauf.“ Raven sah Doc an und zog leicht die Lippe hoch, bis seine spitzen Zähne zu sehen waren. „Ich denke, das kriege ich hin.“

„Gar keine schlechte Idee. Sorge einfach dafür, dass er den Stein loswerden will, wenn er ihn noch hat und dann sollten wir jemanden mit einem Kaufgebot hinterher schicken." Dabei sah Doc auf Beth und musterte sie. Frauen - vor allem hübschen Frauen - konnte man nur schwer etwas abschlagen. Kerle waren zum Glück ziemlich einfach gestrickt. Es war erstaunlich, was Männer beim Anblick einer schönen Frau alles vergaßen. Vorsicht war das erste, der Kopf das zweite.

Raven nickte und Beth zog eine Augenbraue hoch, als sie gemustert wurde. „Okay, was schwebt dir vor und welche Rolle spiele ich darin?“, fragte sie, denn diesen Blick bei Doc kannte sie. Dann heckte er wieder etwas aus.

„Schöne Frauen und schöne Steine, wenn das nicht zusammen gehört, dann weiß ich auch nicht", erklärte Doc und lächelte Beth gutmütig zu. „Nein, im Ernst. Wenn Raven ihm von dem Fluch erzählt und der Kerl den Stein unter Umständen loswerden will - was ich fest glaube, denn Raven kann sehr überzeugen sein", fügte er an und holte tief Luft. „Lange Rede kurzer Sinn: du solltest ihn aufsuchen, um etwas zu kaufen."

„Verkauft er seine Steine einfach so?", fragte Powaqa, der sich das beim besten Willen nicht vorstellen konnte.

„Nicht für jeden, aber wenn die richtige Summe ins Spiel kommt schon", knurrte Nathan, der wieder die Treppe herunter kam, weil ihn die Sucht nach Kaffee trieb.

„Wie ein großzügiger Ehemann, der seiner Frau etwas Besonderes zum Hochzeitstag schenken möchte. Was liegt da näher, als ein außergewöhnlicher Edelstein in ihrer Lieblingsfarbe rot“, spann Beth den Faden weiter und grinste in die Runde. „Wer meldet sich freiwillig, als mein Ehemann?“, fragte sie. „Taylor oder Doc? Wer von euch darf es sein?“

„Ach", frotzelte Nathan, „Pow und Blade sind dir wohl nicht gut genug, hä?" Raven ließ er mal lieber außen vor, der Typ machte nicht den Eindruck, als hätte er sonderlich viel Humor. Doch noch ehe jemand etwas sagen wollte, meldete sich der verschmähte Blade zu Wort.

„Doc macht das", legte er fest und damit war alles gesagt. Powaqa nickte. Er konnte mit diesem Entschluss leben und auch Taylor wirkte zufrieden.

„Kannst du den Kontakt herstellen, Kleiner?", fragte Doc Nathan, der wie auf Kommando knurrte und sich unauffällig etwas größer zu machen versuchte. „Meckere nicht, das beeinträchtigt das Wachstum. Glaub einem Mediziner."

„Und warum bist du dann so groß geworden? Du meckerst doch auch ständig. Also verarsch einen anderen“, brummte Nathan und warf Doc einen mörderischen Blick zu. Er mochte es gar nicht, wenn ständig betont wurde, dass er der jüngste und kleinste war. Am PC war das vollkommen egal. Er brach sich auf jeden Fall nicht gleich die Finger, wenn er etwas tippte, so wie manche andere hier anwesende, aber nicht namentlich erwähnt werden wollende!

„Ich war als Kind sehr lieb, deswegen bin ich so groß geworden", sagte Doc und überlegte halblaut weiter, warum einer wie Raven ebenfalls so groß war, das würde seiner Theorie völlig entgegen schlagen. Doch weiter kam er nicht, weil ein Schrei aus dem Wohnzimmer jedem das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Bis auf Raven sprangen alle sofort auf und Blade war der erste, der im Wohnzimmer ankam. Kenneth saß kreidebleich auf dem Sofa und sagte nichts, so dass Blade mit allem rechnete. Er sah sich um und suchte nach Eindringlingen. Doc ging vor Kenneth in die Hocke. „Was ist passiert?“, fragte er und legte Kenneth vorsichtig eine Hand aufs Bein. Doch Kenneth zuckte schlagartig zurück. Angst war ihm ins Gesicht geschrieben und als er versuchte, die Decke wieder um sich zu raffen, schob er die Ärmel über seinen Armen höher.

Powaqa entdeckte sie zuerst, die vier parallelen Kratzer auf jedem Unterarm. Zu gut kannte er sie selbst. Stumm stieß er Doc in die Seite, der sie ebenfalls entdeckt hatte. Vorsichtig kam der Indianer näher zu Kenneth und setzte sich neben ihn.

Wie hatte das passieren können?

Raven beobachtete alles von der Tür aus und seine Augen zogen sich wütend zusammen. Er hatte gedacht, dass ihre Gegner das Interesse an Kenneth verloren hatten, jetzt wo sie den Stab hatten, aber da hatte er sich wohl getäuscht.

„Erzähl, was passiert ist“, sagte Powaqa leise und versuchte Kenneths Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, damit der sich aus seiner Starre löste. Aber Kenneth schüttelte nur immer wieder den Kopf und zog die Decke um sich fester. Nur einmal sah er kurz hoch und sah Raven hasserfüllt an. Er konnte noch immer nicht glauben, was passiert war und schlagartig konnte er Phillip nur zu gut verstehen.

Diese Bestien waren nicht nur hässlich, sie waren skrupellos.

Warum hatten sie ihn erreichen können?

Wo war sein angeblicher Schutzwall gewesen?

In Kenneths Kopf liefen Gedanken Amok. Einer vergiftete den anderen und alles lief darauf hinaus, dass Raven ihn verraten hatte. Er hatte ihn mit seinem Blödsinn vom Schutzwall in Sicherheit gewiegt und die Monster zu ihm geführt. Wie sonst hätten sie ihn finden können? „Bastard", zischte er mit zusammengebissenen Zähnen und versuchte den Schmerz in den Wunden zu ignorieren.

Raven kommentierte die Beschimpfung nicht, aber er verschränkte die Arme vor der Brust und seine Augen glommen kurz rot auf. Doc sah zwischen ihnen hin und her und wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. „Was hast du gemacht?“, fragte er aber scharf, als ihm aufging, was Kenneth meinte.

„Nichts!“ Raven wurde langsam wütend, weil ihn jeder für Kenneths Zustand verantwortlich machte. „Sie haben ihn gefunden.“

„Sie haben ihn gefunden?", fragte Doc überflüssigerweise noch einmal und betrachte wieder Kenneth. Na ja, wie sonst sollte man die Kratzer erklären? Sparky dürfte das ganz bestimmt nicht gewesen sein. „Wie kann das sein? So schnell? Hast du sie gelockt? Hast du ihn als Köder benutzt?" Doc war aufgebracht und sein Puls wurde immer schneller. Er kam ein paar Schritte auf Raven zu, ehe er sich bremste. „Wo sind sie?", wollte er wissen, wütend darüber, dem Dämon auch nur eine Sekunde geglaubt zu haben.

„Sie können überall sein. Wenn wir Kontakt hatten, ist die Entfernung egal.“ Raven stieß sich vom Türstock ab und sah Doc wütend an. „Ich habe ihn auch nicht als Köder benutzt. Wenn ich so etwas vorgehabt hätte, hätte ich das mit euch abgesprochen. Ich habe nicht gedacht, dass sie es noch versuchen würden, das könnt ihr mir vorwerfen, aber nicht, dass ich euch hintergangen habe.“

„Und warum hast du Idiot mir nicht gesagt, dass sie mich überall heimsuchen können? Wenn du es doch gewusst hast?" Laut schreiend war Kenneth hochgeschossen und der Hass in seinen Augen ließ sie leuchten. Seine Brille, die irgendwo in der Decke verheddert gewesen war, fiel zu Boden und Powaqa hob sie lieber auf, ehe noch jemand darauf trat. „Du hast es gewusst und kein Wort gesagt. Kuckst in aller Seelenruhe zu, wie sie mich umbringen, so wie sie es mit Phil gemacht haben, du widerlicher Bastard!" Kenneth war außer sich, als er sich der Tragweite bewusst wurde. Nirgendwo auf dieser Welt war er noch sicher.

Alle hielten die Luft an, weil keiner wusste, wie der Dämon auf diese Anschuldigungen reagierte. Jeder konnte Kenneth verstehen, denn das, was er erlebt hatte, musste furchtbar gewesen sein. Er schien vollkommen vergessen zu haben, wen er gerade beschuldigte. Jeder rechnete mit dem Schlimmsten, als der Dämon sich drohend aufrichtete und sein Gesicht einer versteinerten Maske glich. „Ich habe gerade gesagt, dass ich einen Fehler gemacht habe. Was willst du noch hören? Es wird nicht noch einmal passieren.“

„Dir glaub ich doch kein scheiß Wort mehr!" Kenneth war völlig aufgelöst. Die Wunden hatten aufgehört zu bluten. Einen Teil davon hatte Kenneth auf seiner blassen Haut verschmiert. Sein Blick lag auf Raven, doch er wandte sich immer wieder angeekelt ab. Er konnte diesen Kerl in seiner Nähe nicht ertragen. Deswegen ließ er plötzlich die Decke fallen und ging - barfuß wie er war - vor die Tür.

„Verdammt", murmelte Powaqa. Warum hatte das passieren müssen?

Alle sahen zu Raven und in jedem Gesicht konnte er die Schuldzuweisung sehen. „Was?“, fragte er knurrig, weil ihm das auf die Nerven ging. Diese Menschen vertrauten ihm nicht und er fragte sich, ob er nicht alleine besser dran wäre, aber noch fühlte er sich an sein Wort gebunden, das er den 'Huntern’ gegeben hatte.

Wie immer war es Blade, der sich vermittelnd dazwischen werfen musste. Zwar waren die großen Volksreden auch nicht gerade sein Ding, doch Raven schien nicht zu begreifen, was eigentlich passiert war und warum sich Kenneth so verhielt. Während der Indianer also langsam Kenneth folgte, um ein Auge darauf zu haben, dass der keinen Blödsinn machte, lotste Blade den Dämonen in die Küche und drückte ihm noch einen Kaffee in die Hand.

„Im Augenblick spricht die pure Angst aus ihm. Ihm ist gerade klar geworden, dass es keinen Ort auf dieser Welt gibt, an dem er sicher ist. Er hat Philip gesehen, als die Typen mit ihm fertig waren und er zieht Parallelen", versuchte Blade mit mehr Worten, als für ihn üblich, zu erklären. Das allein zeigte, wie wichtig es ihm war, dass Raven verstand.

Der Dämon hörte sich an, was Blade zu sagen hatte, regte sich aber erst einmal nicht. Es war für ihn neu, sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen, wenn es nicht gerade um einen Gegner ging, den er schlagen wollte. In seinem Leben waren die Strukturen eindeutig und ziemlich simpel. Entweder empfing er Befehle oder er gab welche. Gefühle spielten dabei keine Rolle.

„Du meinst also, ich bin der perfekte Sündenbock für ihn“, sagte er aber schließlich, als er die Lage analysiert hatte. „Dämonen haben ihn angegriffen und deswegen bin ich schuld, weil ich auch einer bin. Und er glaubt, ich würde das wieder zulassen?“

„Japp", fasste Blade kurz zusammen. „Vielleicht hat er gehofft, dass du ihn und uns vor ihnen schützen kannst. Dass sie sterben werden und nicht er.“ Er streichelte Sparky, die neugierig auf dem Tisch saß und zuzuhören schien. „Mit gefangen, mit gehangen. Dämon bleibt Dämon. Ich hoffe nur nicht, dass es noch eskaliert." Denn das war das letzte, was Blade gebrauchen konnte. Raven war wichtig für sie. Er war - trotz allem, was eben passiert war - ihr einziger Schutz. Ihn gegen sich zu haben oder von ihm im Stich gelassen zu werden, dürfte ihr Todesurteil sein.

„Er wird nicht sterben. So etwas wird nicht noch einmal passieren. Ich werde dafür sorgen, dass sie nicht mehr an ihn herankommen.“ Raven sah in seine Tasse und überlegte. So wie Blade die Situation geschildert hatte, war Kenneths Angst nicht gerade hilfreich, wenn er sein Versprechen halten wollte. „Ich brauche allerdings Körperkontakt, um ihn zu schützen. Ich muss seinen mit meinem Geist verbinden und das klappt nur so. Und damit ich ihn nicht verletze, muss er es zulassen. Das ist leider die einzige Möglichkeit, die wir haben, wenn unsere Feinde nicht mitbekommen sollen, dass ich hier bin und nach ihnen suche.“

„Gut. Kenneth wird es einsehen müssen. Entweder will er leben oder sterben", sagte Blade trocken und meinte das auch genau so, wie er es sagte. Für Zicken war keine Zeit und für Spielchen war die Lage zu ernst. Suchend sah er sich um, Kenneth war sicher noch mit Powaqa vor der Tür. So piekste er Sparky in die Seite und nickte Richtung Tür. Sie verstand und machte sich auf, würde holen, wer immer vor dieser Tür stand.

Ravens Skepsis zeigte sich nur im minimalen Anheben der linken Braue. Er kannte diese Menschen noch nicht sehr lange, aber dass Kenneth sich nicht einfach etwas befehlen ließ, wenn er nicht wollte, hatte er schon mitbekommen. „Hoffen wir, dass du Recht hast. Ich allerdings habe da so meine Zweifel.“ Er trank seinen Kaffee und sah zur Tür, hinter der er Powaqa und Kenneth hören konnte. Sie öffnete sich und mit einem Schwall Tageslicht traten der Indianer und Kenneth in den großen Flur. Sparky hockte auf Kenneths Schulter und ließ sich tragen, außerdem sah man ihr deutlich an, dass sie jetzt eine Belohnung erwartete, schließlich hatte sie ihre Aufgabe erfüllt, sich einen Weg nach draußen gesucht und die beiden zu Blade gebracht.

„Der schon wieder", ätzte Kenneth und machte deutlich einen Bogen um den Dämon, zuckte aber, als Blade ein kaltes: „Komm her!", hinterher schickte. Langsam sah Kenneth sich um und blickte von einem zum anderen. Powaqa hatte ihm geraten, von Doc die Wunden heilen zu lassen und zu dem wollte er gerade, hielt aber inne.

„Was ist", wollte er wissen, doch Blade blieb hart.

„Komm her", forderte er erneut und auch wenn es Kenneth gegen den Strich ging und er den Drang hatte, sich zu verkrümeln, folgte er, blieb aber weit von Raven stehen. Dabei ließ er den Dämon nicht aus den Augen.

Powaqa folgte ihm, denn Blade schlug nur selten diesen Ton an. Da sollte er lieber dabei bleiben und schlichtend eingreifen. Raven sah zu Blade, aber der schien nicht weiter erklären zu wollen, warum Kenneth hier war.

„Es gibt einen Weg, dich vor ihnen zu schützen. Nur wird der dir nicht gefallen“, übernahm er darum das Wort und Powaqa seufzte innerlich. So emotionslos, wie der Dämon das sagte, war Streit schon wieder vorprogrammiert. Und er sollte Recht behalten.

„Sobald dein Name fällt, bin ich draußen. Auf deinesgleichen habe ich keine gesteigerte Lust mehr. Was man davon hat, wenn man einem wie dir traut, habe ich gesehen - mehrfach! Phil ist tot und ich werde es auch bald sein, weil du sie zu mir gelockt hast. Tu jetzt nicht so, als würdest du mir etwas Gutes tun wollen. Alles, was du willst, ist, mich Phil folgen lassen, oder?" Kenneth gab sich nicht einmal Mühe, er hatte Schmerzen, er hatte Angst und er war wütend. Und da war Raven der richtige Adressat.

„Ohne mich wirst du sterben, wenn sie noch einmal kommen.“ Noch blieb Raven ruhig. Dies hier war nur eine Verhandlung, wie man sie in einem Krieg führte und damit bewahrte er Distanz. „Ich habe keinerlei Interesse an deinem Tod, denn er würde meiner Mission nicht helfen. Ich habe mich dieser Gruppe angeschlossen und darum werde ich Gefahren von ihr fernhalten. Du traust mir nicht, aber ich bin der einzige, der dir helfen kann.“

„Ganz recht, ich traue dir..."

„Ken!" Powaqa unterbrach Kenneth in seiner Tirade, denn es brachte nichts, wenn der sich noch weiter in Rage redete. Er merkte sehr wohl, dass drüben im Wohnzimmer Totenstille herrschte und jeder dem Disput hier folgte. Doch das änderte nichts daran, dass Kenneth von der Idee, dem Kerl noch einmal vertrauen zu müssen, nur minimalst begeistert war. Kurz musterte er den Indianer mit zu Schlitzen verengten Augen, doch dann sah er Raven an.

„Okay. Was ist zu tun!", fragte er provozierend und es war klar, dass es erneut laut würde, sollte Kenneth nicht gefallen, was er gleich hörte. Raven war das ebenso klar, darum blieb er neutral, auch wenn Kenneth ihn schon wieder ziemlich reizte.

„Mein Geist muss mit deinem verbunden werden, dazu müssen wir uns berühren. Wir werden also ab jetzt die Nächte zusammen verbringen. Nur so kann ich dir beistehen, wenn sie dich heimsuchen und gleichzeitig diesen Foster bearbeiten.“

„Wie bitte?" Kenneth klang hysterisch und seine Stimme überschlug sich bei den beiden Worten fast. Was sollte das denn jetzt bitte? Reichte es nicht, dass drei Ekelviecher ihn in seinem Schlaf heimsuchten, musste er sich jetzt auch noch einen ins Bett holen? Zugegeben, Raven war alles andere als eklig, genau genommen ziemlich lecker und ganz seine Kragenweite, doch das gehörte jetzt nicht hier hin! Wo kam der Scheiß her? Er hatte im Augenblick eine Stinkwut auf den Kerl und seine Geilheit... Kenneth schüttelte angewidert über sich selbst den Kopf. „Nie- niemals", flüsterte er.

„Ken?“ Powaqa war beunruhigt, denn so konnte das nicht weitergehen. Er legte seinem Freund eine Hand auf den Arm und versuchte ihn damit zu beruhigen. Sie mussten miteinander reden und zwar ohne Raven, denn solange der in der Nähe war, wurde das nichts. „Raven, Blade, wir werden darüber beraten und euch das Ergebnis mitteilen“, sagte er darum und hoffte, dass es klappte.

„Tu was du für richtig hältst", sagte Blade und erhob sich. Das war das Startsignal für Sparky, ihrem Herrchen überall dahin zu folgen, wo er hin ging. Raven erhob sich ebenfalls, für ihn war hier nichts mehr zu sagen und somit er auch nicht mehr von Nöten. Es war ihm auch ganz lieb, sich wieder verziehen zu können, denn Menschen waren einfach anstrengend. Kein bisschen logisch, kein bisschen rational und alle verschieden.

Grausam.


15


„Was gibt es da noch zu reden? Ich geh mit dem Kerl nicht ins Bett!", stellte Kenneth gleich klar. Daran sollte er nicht einmal im Traum denken.

Das endete mit einer mittelschweren Katastrophe!

Ganz sicher.

Powaqa seufzte lautlos und bedeutete Kenneth sich zu setzen. „Ken, ich weiß, dass es viel verlangt von dir ist, aber ich glaube nicht, dass Raven diesen Vorschlag gemacht hätte, wenn es noch eine andere Möglichkeit gäbe. Er ist nicht der Typ, der unnötige Dinge tut. Wir müssen ihm vertrauen, auch wenn dir das im Moment sehr schwer fällt. Er gehört zum Team und ich glaube ihm, dass er keinerlei Interesse daran hat, dass du stirbst.“

„Aber er hat auch kein Interesse daran, dass ich lebe", schoss Kenneth zurück, doch er war schon leiser geworden. Unbewusst spielte er mit Ravens leerer Tasse, die auf dem Tisch stehen geblieben war und obwohl sie leer war, war sie noch immer warm. Was hatte der Kerl nur damit gemacht? Er spürte, wie sich sein Körper allmählich beruhigte und sein Kopf wieder etwas klarer wurde, doch der Gedanke, neben Raven im Bett zu liegen und von ihm angefasst zu werden, war noch nicht angenehmer.

„Nein, das glaube ich nicht, denn dann hätte er nicht den Vorschlag gemacht.“ Powaqa hatte seine eigene Vorstellung und Ahnung, warum der Dämon sich Mühe gab und die versuchte er zu vermitteln. „Weißt du, Ken, jeder von uns würde sein Leben für den anderen geben, wenn es nötig ist. Wir sind ein Team und da sind wir ähnlich wie Soldaten. Raven ist Krieger und darum ist es bei ihm nicht anders. Das heißt nicht, dass er uns mag, aber er ist loyal gegenüber seinem Team. Ich habe selber noch meine Probleme mit ihm, aber ich vertraue ihm im Kampf und auch wenn er sagt, dass etwas notwendig ist.“

„Ich kann nicht, Powaqa", sagte Kenneth und senkte den Kopf. Er hatte das ungute Gefühl, der Indianer wusste genau, was ihn tatsächlich so in Panik versetzte. Doch er konnte es nicht aussprechen. Das ging einfach nicht. Das war doch peinlich! „Ich werde einfach nicht schlafen, dann werden sie mich nicht mehr erwischen. So einfach ist das. Soll der Kerl zu einem anderen ins Bett krauchen, wenn er kuscheln will. Ich stehe dafür nicht zur Verfügung."

Suchend blickte sich Kenneth um und sein Blick blieb an der Kaffeemaschine hängen. Er hatte zwar keinen Appetit darauf, aber er brauchte Ablenkung. Außerdem zog er die Ärmel endlich wieder über die Wunden. Er konnte diesen Anblick nicht mehr ertragen.

„Ach, Ken.“ Powaqa kam Kenneth hinterher und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Wenn ich könnte, würde ich es machen, aber das übersteigt meine Kräfte. Bitte versuche es, denn wir möchten dich nicht verlieren. Du bist uns wichtig.“ Er drehte Kenneth vorsichtig zu sich um und sah ihn ernst an. „Ich weiß, dass es viel von dir verlangt ist, aber bitte lass es zu.“

„Das wird die Hölle, Pow", sagte Kenneth leise und holte tief Luft. Doch wenn er dabei bleiben wollte und Phillips sinnlosen Tod rächen, dann musste er sich dem Gefüge unterordnen. Er war nur ein Teil des Ganzen und er musste funktionieren. Die anderen hatten weder die Kraft noch die Zeit, sich auch noch um ihn Sorgen zu machen. Also senkte er den Kopf und lachte leise, doch es klang eher hysterisch als amüsiert. „Wenn es des Nächtens poltert, hat er mich die Treppe runter gefeuert." Mehr als diese Worte würde der Indianer als Zusage nicht bekommen.

„Okay“, grinste Powaqa und drückte kurz Kenneths Schulter. Leider konnte er seinem Freund bei diesem Problem nicht helfen. War nur zu hoffen, dass Raven Kenneth nicht wirklich aus dem Bett schmiss. „Es tut mir leid, dass wir dir das zumuten müssen.“

„Na ja, hätte schlimmer kommen können", versuchte Kenneth zu scherzen und grinste schief, als die Maschine eine Portion Kaffeebohnen mahlte, ehe sie duftend aufgebrüht wurden. Er zuckte herum, als er plötzlich noch jemanden in seiner Nähe spürte. Doc war zu ihnen getreten und sah Kenneth besorgt an, deutete dabei auf dessen verborgene Wunden.

„Soll ich?", fragte er und nickte in Richtung des ausgestreckten Armes. Die Wunden lugten unter dem hoch gerutschten Bund hervor.

„Ah gut, das hatten wir gerade sowieso vorgehabt.“ Powaqa lächelte seinem Teamkameraden zu. Er hoffte, dass es Kenneth leichter fiel, sich wieder zu beruhigen, wenn die Verletzungen verheilt waren und er sie nicht die nächsten Tage ständig vor Augen hatte. Das Gespräch mit Raven hatte zwar schon etwas geholfen, aber nicht genug, dazu saß das Misstrauen in Kenneth zu tief.

„Wird es weh tun?", fragte Kenneth und nahm seine Tasse wieder fester in die klammen Finger. Die Hitze schmerzte, doch er konnte nicht loslassen. Es war wie ein Krampf.

„Nicht mehr als jetzt und dir nicht mehr als mir", grinste Doc und stieß ihren Neuen aufmunternd an. „Na komm. Wir hauen uns wieder auf die Couch. Der Flammenwerfer ist trainieren", versuchte er die Atmosphäre etwas zu lockern und wo er schon einmal hier war, konnte er sich auch noch einen Kaffee genehmigen.

„Ist wirklich nicht schlimm. Es zieht und kribbelt ein wenig, aber es tut nicht wirklich weh.“ Powaqa machte Doc eine Tasse Kaffee und bedeutete den beiden schon einmal ins Wohnzimmer zu gehen. Er hoffte, dass Kenneth wieder etwas ruhiger und ausgeglichener wurde, wenn die Verletzungen nicht mehr zu sehen und zu spüren waren.

Der Weg zur Couch kam Kenneth unglaublich lang vor. Dort saßen noch immer die drei aus der New Yorker Zelle und sahen ihn mitleidig an. Er wusste nicht, ob er das mögen sollte oder nicht, denn Mitleid war das letzte, was er wollte. Er brauchte Hilfe und Schutz und das konnten die drei ihm nicht geben. So gern sie das sicher wollten. Doch schützen konnte ihn leider nur einer und schon waren Kenneths Gedanken wieder da, wo sie ganz bestimmt nicht hin gehörten, nämlich zwischen Ravens Beinen, als er sich aus den Bandagen geschält hatte. Seufzend ließ sich Kenneth fallen. Das Schweigen, was ihn umgab, war unerträglich. So hob er gar nicht erst den Kopf. Er wollte die mitleidgefüllten Blicke nicht sehen.

Darum ließ Doc ihn auch in Ruhe, nahm nur Kenneths Arme in seine Hände und erklärte ihm dabei, was er machte. Wie immer konzentrierte er sich und spürte nach ein paar Augenblicken, dass er mit der Heilung beginnen konnte. Einen Striemen nach dem anderen nahm er sich vor und ließ ihn verschwinden. Die neue Haut war noch etwas empfindlich, wie er wusste, aber dafür hatte er eine Salbe, die das schnell wieder behob. Kenneth saß steif auf der Couch und weil Taylor die Anspannung zu spüren schien, scheuchte er Nathan wieder durch die Gegend und widmete sich erneut Beth.

„Ist das jetzt geklärt? Nathan macht den Termin. Wer wird dich begleiten?", lenkte er das Interesse auf ihr altes Thema und sah sich noch einmal in der Runde um. Sie hatten sich zwar kurz auf Doc verständigt, doch noch nicht ausdiskutiert. Raven und Blade fielen aus. Er selbst war auch nicht sehr glaubwürdig, obwohl es ja genügend Männer mittleren Alters gab, die ihren zweiten Frühling mit einer jungen Frau erlebten. Aber er wollte sich auch nicht für ihr höheres Ziel dieses Image zulegen, wenn es nicht wirklich notwendig war.

„Ja, Doc wird es machen. Er hat nicht protestiert, das bedeutet Zustimmung“, lachte Beth und sah zur Couch hinüber. Doc konnte ihr gerade nicht widersprechen, aber sie rechnete auch nicht damit. „Hoffen wir, dass Foster den Stein noch hat, aber das wird... Raven hoffentlich heraus finden.“ Beth hatte ein wenig gezögert, den Namen des Dämons auszusprechen und man merkte, dass es ihr unbehaglich war, einem dieser Wesen die Erlaubnis zu geben, einen Menschen zu quälen.

Es war kein Geheimnis, dass ein Leben für diesen Kerl nicht zählte. Egal welcher Art es war. Ihm jetzt die Wege zu ebnen schmeckte ihr nicht und sie hatte überlegt, wie sie anders an den Stein kämen. Doch ohne inneren Druck zu verkaufen, würde niemand einen solchen Stein hergeben. Nicht wenn man sowieso genug Geld hatte und auf die Summe nicht angewiesen war. Es führte leider kein Weg an dessen Träumen vorbei und Raven war der einzige, der das konnte.

Kenneth war derweil bei dem Namen zusammengezuckt und machte halblaut seinem Unmut Luft, warum der Kerl überhaupt die gleiche Luft atmete wie er. Hätten der und Satan ihr Gefolge besser im Griff, wäre das alles nicht passiert, er wäre jetzt zu Hause und würde bei einem Tee seine Patientenakten bearbeiten. Stattdessen hockte er hier neben einem Mann, der Wunden heilen konnte und versuchte zu begreifen, dass Wesen, die in seinen Träumen vorkamen, ihn wirklich töten konnten.

Powaqa legte Kenneth eine Hand auf die Schulter und drückte leicht zu. Doc war ein wenig aus seiner Konzentration gekommen und nahm das als Anlass, eine kurze Pause einzulegen. Der erste Arm war geheilt und er atmete tief durch und nahm einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse. „Alles klar?“, fragte er Kenneth dabei. Schließlich war es für ihn das erste Mal, geheilt zu werden.

„Geht schon", sagte Kenneth. Er war gar nicht richtig bei der Sache gewesen, denn seine Gedanken fingen an, ihn zu überfordern. „Ich bin nur immer noch müde und könnte gleich einschlafen, aber dann schießt mir das Adrenalin in den Körper und ich habe das Gefühl nicht stillsitzen zu können. Ich möchte wahnsinnig werden", redete er einfach drauf los. Denn so war es leider nun einmal. Er war hundemüde und hatte Angst zu schlafen.

„Keine gute Kombination.“ Powaqa konnte Kenneth nachfühlen und wusste nicht, ob er vorschlagen sollte, dass Raven auf ihn aufpasste. Dafür war sein Freund noch zu aufgewühlt, aber bevor er sich dazu durchringen konnte zu fragen, kam Doc ihm zu vor. „Hast du Lust, mit mir zusammen die Medizinvorräte zu überprüfen? Das mache ich immer, wenn ich hier bin.“

„Klar, warum nicht. So lange ich mich dabei bewegen muss und etwas frische Luft bekomme, bin ich für alles zu haben, was mich wach hält", nickte Kenneth heftig und war von der Idee spontan begeistert. Ablenkung kam ihm sehr entgegen. „Müssen wir das, was fehlt, kaufen?" Dann kam er aus dem Haus und raus aus Ravens Reichweite. Diese Hoffnung ließ seine Laune wieder um ein paar Punkte steigen.

„Wenn du Lust dazu hast, können wir das, was gebraucht wird, auch gleich besorgen. Dann haben wir es hinter uns. Nathan wird uns eine Bestellliste drucken. Im nächsten Krankenhaus bekommen wir dann alles. Dort arbeiten auch 'Hunter'-Mitglieder. Sie übernehmen normalerweise in schwierigen Fällen die medizinische Versorgung der hiesigen Gruppe. Es gibt hier keinen Arzt, allerdings ist Taylor ausgebildeter Sanitäter.“

Doc stellte seine Tasse wieder hin und rieb sich mit den Zeigefingern über die Schläfen. Kenneths zweiter Arm musste geheilt werden und das wollte er noch in Angriff nehmen, ehe sie sich auf den Weg machten.

Sein Patient versuchte sich zu entspannen und schloss die Augen. Doch weil das Kenneth ans Schlafen erinnerte, durchfuhr ihn ein Stromstoß, kaum dass die Lider die Wangen berührten und er riss die Augen wieder auf. Sein Atem ging schneller, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.

Das war nervig!

So konnte das doch nicht bleiben.

Powaqa hatte das Zucken bemerkt und setzte sich hinter Kenneth. „Entspann dich, dann hat Doc es leichter“, wisperte der Indianer ihm ins Ohr und begann sanft die verspannten Schultern seines Freundes zu massieren. „Wenn du die Augen zumachen willst, tu es. Ich schirme dich ab und wecke dich, wenn nötig.“

„Der Flammenwerfer hatte gesagt, dass, wenn du mich schützt, du auch in Gefahr bist. Das werde ich nicht riskieren", stellte Kenneth klar. Ein Mann war wegen seiner Unfähigkeit bereits gestorben, einen zweiten Toten wollte er nicht in seiner Bilanz haben. Vor allem, weil er Powaqa mochte, genauso wie er Phillip gemocht hatte. „Ich werde mich mit der laufenden Fackel arrangieren. Es geht nicht anders. Er hat es angeboten. Da muss er dann durch." Doch so leichtfertig, wie Kenneth es aussprach, fühlte er sich gar nicht.

Powaqa nickte und beugte sich ein wenig näher zu Kenneth, damit Doc die nächsten Worte nicht unbedingt mitbekam. „Und was dein Problem mit der Nacht angeht, denke ich, Ehrlichkeit ist der beste Weg. Raven ist gradlinig und mag keine Spielchen. Er schätzt Direktheit und Ehrlichkeit.“ Nach den Worten lehnte der Indianer sich wieder zurück und massierte weiter.

Wenn Powaqa geglaubt hatte, es so für Kenneth einfacher zu machen, musste der ihn leider enttäuschen. Was sollte das denn bitte heißen? Direkt und ehrlich? Sollte er sich Raven greifen und ihm sagen: Hör zu, du Flammenwerfer, wenn ich dich nur nackt sehe, werde ich geil - besorg's mir! - wie stellte sich Powaqa das vor? Den Kopf schüttelnd holte Kenneth tief Luft und lachte leise. Wenn er sich in die Scheiße ritt, dann richtig und bis zum Hals. Alles andere wäre wohl verschwendete Zeit.

„Du machst das schon.“ Powaqa beließ es dabei, denn Doc runzelte kurz die Stirn. Wenn Kenneth wollte, konnten sie später noch reden, so massierte der Indianer weiter, bis alle Wunden verheilt waren und zog sich dann zurück. Er klopfte Kenneth auf die Schulter und stand auf. „Ich geh zu Nathan und guck ihm über die Schulter. Ihr geht ja jetzt Medikamente zählen.“

„Ich schau noch mal im Café vorbei", sagte Beth, die sich ebenfalls erhoben hatte. Taylor war schon gegangen und keiner wusste wohin. Nun ging auch Powaqa die Treppe nach oben und obwohl sie alt und morsch aussah, war sie doch perfekt gewartet, denn sie quietschte nicht ein einziges Mal.

Was hatte Kenneth auch erwartet? „Perfektionisten", grinste er schief und zog sich die Ärmel wieder über die Arme. Doch es war Instinkt, über die frische Haut zu fahren, als wären die Wunden noch da.

„Ich geb dir gleich eine Creme, die ein wenig die Empfindlichkeit nimmt.“ Doc streckte sich ausgiebig und ließ sich dann noch einmal lang auf das Sofa fallen. Er brauchte ein paar Minuten Ruhe und danach war er wieder ganz der Alte. Die leichten Kopfschmerzen und die Müdigkeit waren dann weg und er konnte sich wieder seinen Aufgaben widmen.

„Das wäre nett, danke." Weil Kenneth nicht lauernd neben Doc sitzen wollte, griff er sich alle leeren Tassen, die er finden konnte und trug sie zurück in die Küche, wo er sie in den Spüler packte. So konnte er ein paar Minuten überbrücken. Er zwang sich, sich nicht suchend umzusehen und lachte leise, als er hinter einem Schrank Sparkys Schwanz verschwinden sah. Sicher war die Süße auf der Suche nach etwas Fressbarem. Also blieb er in der Tür stehen und beobachtete sie. Das lenkte ungemein ab.

Geschäftig huschte das agile Tier durch den Raum, nahm immer wieder etwas auf und prüfte es auf Essbarkeit. „Na, was macht das kleine Monster?“, fragte Doc, der sich wieder erholt hatte und nun hinter Kenneth stand. Ihm gefiel es nicht wirklich, dass seine Feindin durch das ganze Haus laufen konnte, denn dann hatte sie es leichter, ihn zu erschrecken. Was sie auch reichlich ausnutzte.

„Das, was Ratten wohl am meisten machen: Futter suchen", lachte Kenneth, weil Sparky sitzen geblieben war, um sich nach ihnen umzusehen, gerade so, als hätte sie nur auf Doc gewartet. Sie schien zu überlegen, ob sie weiter suchen sollte oder lieber Doc beißen. Doch der Magen war einem wohl näher als ein bisschen Spaß, weswegen sie wieder hinter dem Schrank verschwand. Es war unglaublich, durch was für enge Spalten sich das große Tier quetschen konnte.

„Dann stören wir sie besser nicht.“ Doc deutete mit dem Kopf auf die Treppe. „Der Medizinraum ist oben. Fangen wir an, dann kann Nathan die Medikamentenliste noch mailen und wir müssen nur alles einladen und herbringen.“ Die Liste wurde bestimmt lang, denn es war schon eine Weile her, seit Doc hier gewesen war. 'Hunter’ sollte sich vielleicht doch einmal um einen Arzt bemühen, der sich um die New Yorker Gruppe kümmerte.

„Okay. Hast du Listen, die wir mit den Beständen vergleichen oder wie wird das jetzt laufen?" Kenneth stieß sich vom Türrahmen ab und folgte Doc die Treppe nach oben. So kam er wenigstens auf andere Gedanken, denn er erwischte sich schon wieder dabei, dass seine Gedanken nur um den dämlichen Dämon kreisten. Mehr noch um die Nacht, die er mit dem in einem Bett... er schüttelte den Kopf. Denn je öfter er darüber nachdachte, umso unmöglicher wurde das Ganze.

„Japp, ich habe Listen erstellt, damit ich nicht jedes Mal alles von neuem machen muss.“ Doc ging neben Kenneth die Treppe hoch und hielt ihm die Tür auf. Selber ging er gleich zum Giftschrank. Er wollte dort anfangen, denn das hatte er gerne hinter sich. „Die Listen müssten im obersten Schubfach des Schreibtisches liegen.“

„Okay. Dann kann ich mir ja auch eine nehmen und gucken, was davon da ist und was fehlt." Das war gut. Dann musste Kenneth nicht immer fragen und konnte sich ganz auf etwas versteifen. „Sind auch ein paar Wachmacher dabei? Koffeintabletten oder so was? Ich bezahle die auch, keine Frage. Nur..." Kenneth seufzte. Er wusste selber nicht, warum er das gefragt hatte. Doch, er wusste es schon, nur hätte er es vielleicht für sich behalten sollen.

„Koffeintabletten?“ Doc drehte sich zu Kenneth um und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Kann es sein, dass du nicht begeistert bist, mit der Fackel in einem Bett zu schlafen?“, grinste er. Dabei griff er in eines der Regale und warf Kenneth eine kleine Packung zu. „Ich würde dir das nur nicht empfehlen, weil du sonst völlig aus dem Tritt kommst.“

„Danke." Kenneth drehte die Packung in seiner Hand und sah nun doch zu Doc. „Ich kann mit dem Kerl nicht in einem Bett schlafen. Dann lieber von den Dämonen zerfetzt, als von dem Kerl in der Luft zerrissen. Ich hoffe, die anderen drei sind schneller." Die Worte kamen Kenneth einfach so über die Lippen und als er sie hörte, klangen sie jämmerlich. Also holte er tief Luft und versuchte sich zu straffen. „Ach vergiss es, lass uns anfangen", lenkte er ab und suchte die Listen.

„Warte, Ken. Die Medikamente laufen uns nicht weg, du aber scheinst ein ziemliches Problem zu haben. Ich höre dir zu, wenn du magst und alles fällt unter meine ärztliche Schweigepflicht.“ Doc setzte sich auf den Schreibtischstuhl und sah seinen Freund an. „Warum glaubst du, dass Raven dich in der Luft zerreißt?“

Kenneth sah sich verschwörerisch um. Einerseits wollte er reden, er musste das loswerden und diese wirren Gedanken, die ihn gefangen hielten, endlich einmal raus lassen. Doch das musste ja nicht jeder hören. Also schloss er die Tür hinter sich und kam näher, damit er nicht so laut reden musste. „Dass ich mit Mädels nichts anfangen kann, weißt du ja", begann er und setzte einfach mal voraus, dass Doc das spätestens auf dem Flug mitbekommen hatte. Sie hatten ja genug Zeit gehabt, sich zu unterhalten. „Und auch wenn er ein Oberarschloch deluxe in der Premium-Gold-Edition ist, so ist der Kerl einfach mal nur geil. Außerdem hatte ich lange keinen", fasste Kenneth also sein Problem zusammen und holte tief Luft. Sollte Doc daraus schließen, was er wollte.

„Okay.“ Doc sah Kenneth nachdenklich an und holte dann tief Luft. Er konnte zwar nicht nachvollziehen, was sein Freund in dem Dämon sah, aber das machte nichts. „Das ist natürlich ein Problem, wenn du ihn dann auch noch die ganze Nacht vor der Nase hast.“

„Vor der Nase ging ja noch. Der Idiot sagte was von anfassen. Dann platzt mir die Hose und der kickt mich aus dem Bett. Und ich werde von Glück reden können, wenn er das nur ignoriert und mich den anderen dreien überlässt. Wenn ich Pech habe, ist er wütend vor Ekel und macht mich kalt. Ein bisschen Ärger weniger." Müde strich sich Kenneth durch die Haare und blickte wieder auf die Tabletten in seiner Hand. Sie waren eine willkommene Einladung. Sie konnten ihm viel Ärger ersparen.

„Also, ich bin ja kein großer Dämonenfan, aber ich glaube nicht, dass er dir etwas tut.“ Doc stupste Kenneth an und lächelte aufmunternd. „Zum einen hat er versprochen, niemanden zu töten oder zu verletzen und das schließt dich mit ein.“ Das half seinem Freund nicht wirklich, darum murmelte er einfach weiter, was ihm gerade im Kopf herum ging. „Zum anderen sagt er doch immer, er ist ein Krieger und bei den Dämonen wird es doch nicht anders sein, als bei den Menschen, wenn sie keine Frauen greifbar haben.“

„Hä?", machte Kenneth etwas unbeholfen. Wo kam denn jetzt dieser Gedanke von Doc her? Sie waren doch hier nicht im Krieg oder sonst was. Außerdem gab es hier und in der näheren Umgebung sehr wohl Frauen, die einem Kerl wie Raven für ein paar Stunden bestimmt nicht abgeneigt wären. „Wie auch immer. Ich hänge an meinem Fell und werde bestimmt nicht in dieses Bett steigen." Stur schüttelte er den Kopf und setzte sich auf den Schreibtisch. Sein Blick wanderte das erste Mal durch den eher dämmrigen Raum. Er hatte nur ein Fenster an der Stirnfront und war nicht sehr breit, dafür lang und an beiden Seiten fast bis unter die Decke mit Regalen und Apothekerschränken voll gestellt.

„Wie lange willst du das durchhalten?“ Doc konnte Kenneth zwar verstehen, aber aus ärztlicher Sicht war es ziemlich bedenklich, was er da vorhatte. „Was stärkeres, als diese Koffeinpillen, wirst du von mir nicht kriegen und ich werde nicht einfach zusehen, wie du dich kaputt machst.“ Nichts mehr war von dem fröhlichen Doc zu merken. Jetzt war er ganz Arzt, der sich um einen Patienten sorgte. Sein wütender Blick ruhte auf Kenneth und der fühlte sich wie auf einem Seziertisch.

„Du hast leicht reden. Dir wird nicht in ein paar Stunden ein Dämon den Kopf abreißen, weil du geil auf ihn bist und der das eklig findet!" Die Hand um die Tabletten drückte sich fester zusammen. „Dann besorg mir eine Badehose, die so straff sitzt, dass da kein Platz mehr ist, um etwas auszubeulen. Vielleicht habe ich dann den latenten Hauch einer Chance, dass diese Nacht nicht letal für mich endet." Um die Packung nicht zu zerstören, legte Kenneth sie neben sich auf den Tisch.

„Ken, ich weiß, ich habe leicht Reden, aber Raven wird dich nicht töten oder verletzen. Er hat sein Wort gegeben und das wird er halten. Es war seine Entscheidung, dass er dich überwacht und dann muss er damit zurechtkommen.“ Doc hatte gar kein Mitleid mit dem Dämon, aber er sorgte sich um Kenneth. „Wenn du es gar nicht aushältst, dann komm zu mir. Ich werde dich schon wach halten.“

Kenneth lachte und stellte sich das vor, wie sie beide nach drei Tagen und Nächten ohne Schlaf auf der Couch hingen, die achttausendste Runde Domino spielten mit Streichhölzern in den Augen, den Kaffee direkt von der Maschine intravenös in die Blutbahn getröpfelt und Augenringen, die Augenringe hatten. „Wir wären dem Rest wirklich eine große Hilfe, wenn wir im Delirium durch New Yorks Straßen taumeln."

Doc grinste und torkelte durch den Raum wie ein Zombie und ließ sich dann neben Kenneth auf dem Schreibtisch nieder. „Versuch einfach an etwas Ekliges zu denken. Ich schaffe das zwar auch nie, aber vielleicht ist Angst eine gute Fantasiehilfe.“ Er stupste Kenneth noch einmal mit der Schulter an und gab ihm eins der Blätter in die Hand, damit sie fertig wurden. Dankend nahm Kenneth die Ablenkung an und so ging es los. Sie zogen Kästen auf, räumten Schubladen aus, schichteten das, was da war neu ein und notierten, was fehlte und was angelaufen war. Es dauerte länger als gedacht , doch dann hatten sie die Listen alle durch, die Schränke neu sortiert und schon Platz für das geschaffen, was Nathan bestellen und sie dann holen wollten.

Doc gab Nathan die Listen und der scannte sie ein. „Bringt auf dem Heimweg Essen mit. Ich glaube nicht, dass heute noch einer kocht. Sind mal wieder alle ausgeflogen, ohne sich Gedanken um im Wachstum befindliche Jugendliche zu machen“, sagte er dabei, ohne aufzusehen.

„Ja, war klar. Verfressen wie Sick. Die zwei nehmen sich echt nicht viel", stichelte Doc, denn er wusste, dass Nathan es hasste wie die Pest, wenn man sie beide verglich. Gerade deswegen tat es jeder - vor allem, weil Sick da ja kein bisschen anders war. Wie Nathan auch, fauchte der immer und schimpfte, ließ dabei kein gutes Haar am jeweils anderen. Doch wenn sie zusammen hingen und fertig waren mit zanken, waren sie ein Herz und eine Seele.

„Verpiss dich, alter Mann“, knurrte Nathan nur, ohne sich die Mühe zu machen, Doc dabei anzusehen, aber der ließ sich das nicht gefallen. Nathan war wie Sick und darum wurde er auch so behandelt. „Kein Essen für unverschämte Zwerge“, legte der Arzt fest und guckte böse.

„Pass bloß auf, alter Mann", knurrte Nathan, „sonst kannst du gar nicht so schnell gucken, wie ich deinen Namen auf schwulen Pornoseiten hoste, deine Bankkonten leer räume und dir ein Führungszeugnis verpasse, von dem selbst Schwerstkriminelle nur träumen. Denk mal drüber nach."

Kenneth musste sich das Lachen verkneifen. Der Kleine hatte das Gesicht eines Engels, doch er hatte die schwarze Seele Satans. Und bei dem Gedanken lief es ihm kalt den Rücken herunter, denn dessen rechte Hand war ja sein Problem.

Weil Doc wusste, dass Nathan seine Drohungen durchaus wahr machte, schnaubte er nur und ermordete diesen mit Blicken. „Komm, wir fahren los, wenn wir im Krankenhaus sind, wird alles fertig sein.“ Er wusste, dass Nathan das als Sieg wertete, doch das war nicht mehr zu ändern.

Als kleine Rache gab es, nicht wie von Nathan bevorzugt, chinesisches Essen, sondern Sushi, das aß er nicht wirklich gerne. Am besten die Maki-Rollen, die mochte er am wenigsten, weil er mit dem merkwürdigen Geschmack von Algen nichts anfangen konnte. Frustriert rollte der Kurze dann immer das Innere nach außen, entsorgte das merkwürdige nasse Laub und ersäufte alles in Sojasoße. Doc freute sich schon auf das lange Gesicht und Nathans anschließende Schleichrunde um die Kühlschränke und Gefrierfächer, ob nicht noch etwas Essbares zu finden war.

Doc und Kenneth machten sich in einem der Wagen der 'Hunter’-Zelle in die Spur und Doc nutzte die Chance, Kenneth ein bisschen die Stadt zu zeigen. Zum einen, weil er den Leuten im Krankenhaus die Zeit geben wollte, alles zusammenzusuchen. Zum anderen aber auch, um Kenneth abzulenken.

So fuhr er einige der Sehenswürdigkeiten New Yorks ab und hatte sichtlich Spaß dabei, wie Kenneth an der Scheibe hing und alles mit leuchtenden Augen in sich aufnahm. Die Runde wurde darum etwas größer als ursprünglich geplant, aber das war auch ganz gut, denn ihre Medikamentenbestellung war gerade erst fertig geworden, als sie am Krankenhaus ankamen. Schnell wie immer ging alles über die Bühne und so waren sie schon wieder verschwunden, noch ehe jemand sie hätte bemerken können. Die Rechnung wurde sowieso elektronisch über die Konten von 'Hunter’ beglichen.

Schnell war noch das Sushi geholt und schon waren sie auf dem Heimweg.

Wie erwartet, stieß ihre Essenswahl bei Nathan auf keine große Gegenliebe, aber als Beth ihm erlaubte, sich noch ein paar Pommes zu machen, weil sie sein Gemecker nicht mehr ertragen konnte, war das jüngste 'Hunter’-Mitglied wieder halbwegs versöhnt. Kenneth konnte sein Essen auch genießen, weil Raven unten im Trainingsraum geblieben war und Blade nahm ihm seine Portion mit hinunter. So hatte Kenneth noch eine Galgenfrist. Doch als auch ihm langsam die Augen zu fielen und der Rest sich einer nach dem anderen zum Schlafen verabschiedete, war sein Problem wieder greifbar.

Er und Raven in einem Bett.

Doch es nutzte nichts. Der Höflichkeit wegen war Beth noch wach, doch auch ihr wurden die Augen schwer. So erlöste Kenneth sie, als er gähnte und eine gute Nacht wünschte, um nach oben zu gehen. Im Halbdunkel des Flurs stand Doc, der ihn anlächelte und eigentlich nur wissen wollte, ob Kenneth wirklich hoch ging oder nicht doch heimlich auf der Couch schlief. Zuzutrauen wäre es ihm, bei seinem Problem. „Ist das Beste so", sagte er und schlug Kenneth auf die Schulter, als sie nebeneinander die Treppe hoch stiegen.

„Ich weiß", seufzte Kenneth und schloss die Augen. Warum reagierte er nicht auf Doc? Er war auch ein Mann. Und kein hässlicher - doch der konnte ihn berühren, ihn ansehen. Das machte ihm nichts aus.

Merkwürdig.

„Drück die Daumen, dass ich mich beherrschen kann und er mich nicht morgen Früh kastriert hat." Er grinste schief und ließ sich die Treppe hoch schieben. Zum Glück war er der erste im Zimmer. Vielleicht trainierte Raven ja auch die ganze Nacht?

Konnte doch sein.


16


Wünschen konnte man sich bekanntlich viel, auch wenn die Erfüllung eher unwahrscheinlich war. Von Raven konnte man ja vieles sagen, aber er hielt seine Versprechen. Lange war Kenneth auch nicht vergönnt, das Zimmer für sich alleine zu haben. Keine zehn Minuten später öffnete sich die Tür und der Dämon trat ins Zimmer. Er sah kurz zu Kenneth hinüber und ging gleich weiter zur Dusche. Sein Oberkörper glänzte vor Schweiß und den wollte er loswerden.

Kenneth tat einfach so, als hätte er das nicht gesehen und kroch ins Bett. Er legte sich dicht an den Rand, behielt all seine Klamotten an und rollte sich auf den Bauch, vielleicht kam er so nicht auf die Idee, sich irgendwo ankuscheln zu wollen. Und doch lauschte er auf das rauschende Wasser der Dusche, konzentrierte sich so sehr, dass er sich erschrak, als die Tür wieder auf ging. Doch er stellte sich schlafend. Das machte vielleicht den wenigsten Ärger.

Er hörte, wie Raven durch das Zimmer ging und spürte, wie sich die Matratze senkte, als der Dämon sich auf das Bett setzte. „Ken?“, fragte Raven leise und berührte seinen Bettnachbarn an der Schulter. „Schläfst du schon?“ Er beugte sich über Kenneth und versuchte ihm ins Gesicht zu sehen. „Wir sollten noch besprechen, wie wir das heute Nacht machen.“

Kenneth, der versucht hatte, sich tot zu stellen, erschrak sich, als das Gesicht des Dämons plötzlich vor seinem war. Instinktiv versuchte er zu entkommen, doch das war die falsche Richtung. Er plumpste auf den Boden und konnte aus seiner etwas misslichen Lage nur noch verwirrt zu Raven hoch blicken.

„Was?", fragte er und versuchte den Haaren, die über das Bett hingen, auszuweichen. Sie fühlten sich auf seinem Hals einfach unglaublich an, machten ihn dabei aber noch nervöser. Sein Puls wurde schneller - nicht gut. Das kleine, spöttische Lächeln, das kurz Ravens Lippen kräuselte, machte es auch nicht gerade leichter, dass Kenneth wieder ruhiger wurde.

„Habe ich dich erschreckt?“, fragte der Dämon und hielt Kenneth eine Hand hin, um ihm wieder ins Bett zu helfen. „Du willst doch nicht etwa in deinen Kleidern schlafen? Glaub mir, das ist keine gute Idee. Ich habe das oft genug machen müssen, um zu wissen, dass das ziemlich unbequem ist.“

„Ich", setzte Kenneth an, eine gehörige Replik zurückzuschicken, doch er schwieg. Die Augen des Dämons fesselten ihn. Mehr instinktiv griff er die Hand und ließ sich auf die Füße ziehen, plumpste dabei zurück ins Bett. Sein Blick fiel auf seine Beine, auf die Hose und er sah Raven wieder an. „Du bist ja nackt", murmelte Kenneth und ein kleiner Funken Panik in der Stimme ließ sich nicht vermeiden.

„Äh… ja. Und?“ Raven hob eine Augenbraue, denn er verstand nicht, warum das erwähnt werden musste. „Ich schlafe immer so.“ Er sah an sich hinunter und dann Kenneth an, der an ihm vorbei sah. „Wir brauchen Körperkontakt, heute Nacht, also warum sollte ich mir dann was anziehen? Du solltest dich auch ausziehen.“

„Ich sollte mich..." Kenneth schüttelte den Kopf. Aber sonst war dem Kerl noch zu helfen, oder was? Doch dann schüttelte er über sich selbst den Kopf. Er führte sich auf wie ein schüchternes Mädchen. Was sollte der ganze Terz denn? Der Kerl würde sich schon wehren, wenn ihm etwas nicht passte und so wandte sich Kenneth ab und fing an, sich aus seinen Kleidern zu schälen. Seine Finger zitterten unruhig dabei. Doch seine Unterhose behielt er an. Sicher war sicher.

Raven hatte ihm dabei zugesehen und kam nun etwas näher. Er schnupperte leicht und sah Kenneth fragend an.

„Du hast Angst“, murmelte er leise und es fiel ihm nur ein Grund ein, warum das so sein konnte. „Brauchst du nicht, sie werden dir nichts tun, ich schütze dich.“ Raven schlüpfte unter die Decke und lag nun auf der Seite, so dass er Kenneth ansehen konnte und es kratzte an seiner Ehre, dass der Mensch ihm wohl nicht glaubte. „Ich halte meine Versprechen.“

Ein sehr unintelligentes: „hä", konnte Kenneth nicht vermeiden, ehe ihm klar war, was Raven eigentlich meinte. Am liebsten hätte er sich selbst vor die Stirn geklatscht, weil er über seiner Geilheit die eigentliche Gefahr vergessen hatte und seufzte. „Okay", schob er also noch erklärend hinterher, als Zeichen, dass er Raven Glauben schenken wollte. „Kannst du Gedanken lesen, oder so was? In Träumen? Oder wie läuft das?", fragte er, um zu wissen, auf was er vorbereitet sein musste.

„In gewisser Weise ist es schon wie Gedanken lesen. Ich werde unseren Geist miteinander verbinden. So kann ich spüren, wenn nachts jemand eindringt.“ Raven sah Kenneth zu, wie er sich hinlegte und zog ihn dann vor sich, bis der Rücken des Therapeuten gegen seine Brust stieß. „Ich werde dich heute Nacht festhalten, da kann ich sicher sein, dass wir den Kontakt nicht verlieren, denn die Verbindung unseres Geistes funktioniert am besten, wenn wir so viel Kontakt wie möglich haben und ihn auch nicht verlieren.“

Es war die Hölle!

Kenneth versuchte den Kopf leer zu bekommen, um sich nicht zu verraten, wenn Raven sich ihm näherte, doch je intensiver er das versuchte, um so mehr sinnlose Gedanken strömten auf ihn ein. Zum Beispiel, das Eindringen schon ein gutes Stichwort wäre und vor allem, dass der Kerl extrem gut bestückt war.

Sich auf die Lippe beißend schloss Kenneth die Augen und begann im Kopf Liedtexte zu zitieren, sich an Rezepte zu erinnern oder daran, was er letzte Woche zum Mittag hatte. Jede Form der Ablenkung kam ihm entgegen, denn die große Hand auf seinem Bauch machte Lust auf mehr.

Ganz steif und starr lag Kenneth da und Raven runzelte die Stirn, denn er hatte Probleme, ihre Verbindung herzustellen, weil Kenneth begann, eine Mauer um sich zu bauen. „Entspann dich, es wird nicht wehtun und ich werde unseren Geist nur locker verbinden. Du wirst davon nichts merken und ich kann deine Gedanken nicht lesen oder etwas sehen, was du nicht möchtest“, flüsterte der Dämon leise und strich leicht über Kenneths Bauch, in der Hoffnung, ihn so zu entspannen. Doch das Gegenteil war der Fall, jeder Muskel in Kenneths Körper spannte sich an und seine Hand griff Ravens, um sie festzuhalten und sie daran zu hindern, was sie tat.

„Wenn du willst, dass ich mich entspanne, tu das bitte nicht." Seine Stimme war heiser und brüchig und er schämte sich dafür. Raven hielt in der Bewegung inne und sah auf Kenneth hinunter. Ihm ging langsam auf, dass dessen Problem eher etwas mit ihm zu tun hatte, als mit dem, was in der Nacht passieren konnte. Er drehte Kenneth zu sich um. „Was ist los? Magst du es nicht, dass ich dich berühre“, fragte er. Die Situation war merkwürdig, denn so etwas kannte er nicht.

Kenneth schluckte hart und sah Raven in die Augen. Selbst jetzt im Dunkel des Raumes funkelten sie noch. Wahnsinn. „Eher das Gegenteil", hatte er gesagt, noch ehe er in seinem Kopf hätte aufhören können seine Einkaufsliste für nächste Woche zusammen zu stellen und einmal nachzudenken, was er antworten sollte.

„Wie?“ Raven war eindeutig überrascht und das sah man ihm auch an. Er sah Kenneth an und erst nach und nach dämmerte ihm, was damit gemeint gewesen war. „Du magst es, wenn ich dich berühre?“, fragte er ungläubig. „Aber wieso?“ Es passierte nicht oft, aber Kenneth hatte es geschafft, dass Raven verwirrt war und nicht wusste, was gerade passierte.

„Stell nicht so viele Fragen, schlaf!", knurrte Kenneth. Er war im Augenblick nicht in der Stimmung, dem Kerl zu erklären, was los war. „Halt die Finger still, dann passiert nichts und gut", knurrte er noch und wandte sich um. Das war so peinlich! Also zog er sich die Decke bis über die Ohren und hoffte, dass der Dämon begriff, was das bedeutete. Schließlich war er doch ein Krieger. Die hatten mit Emotionen und anderem unnützen Zeug doch sowieso nicht so viel am Hut.

„Wenn das so wäre, hätte ich nicht gefragt. Du sperrst mich aus.“ Raven versuchte, nicht gereizt zu klingen, denn so wie Kenneth im Augenblick drauf war, war es sicher nicht förderlich, wenn der sich bedroht fühlte. „Dafür muss es einen Grund geben und es wäre besser, wenn wir das klären, denn sonst kann ich dich nicht beschützen.“

„Dann lass es", zischte Kenneth. Konnte sich der Kerl nicht einfach hinlegen und schlafen? War das denn zu viel verlangt? Absichtlich rückte er ab, sodass sie sich nicht mehr berührten und zog die Decke noch etwas höher.

„Ken“, knurrte Raven und pinnte ihn mit den Händen an den Schultern auf dem Bett fest. „Reiz mich nicht. Ich habe mein Wort gegeben und das werde ich halten.“ Der Dämon beugte sich über Kenneth und sah ihm deutlich verärgert in die Augen. „Warum nimmst du lieber in kauf, dass unsere Gegner dich töten, als mir zu sagen, warum du gegen mich eine Mauer aufbaust. Wenn ich dir so dermaßen zuwider bin, dann sag es. Damit kann ich umgehen, aber mit deinem jetzigen Verhalten nicht.“

„Okay, du bist mir zuwider. Zufrieden?", knurrte Kenneth, doch selbst er konnte hören, wie dünn seine Stimme war und hätte sich selbst nicht geglaubt. Aber vielleicht gab der Dämon ja jetzt Ruhe und sie konnten schlafen - jeder für sich und auf keinen Fall mit einander. Verdammt, wo kam der Gedanke schon wieder her? Der Kerl machte ihn noch ganz meschugge, wie er da über ihm war, zum greifen nah. Kenneth schluckte hart. Das war Folter und die war verboten!

„Gut, dann solltest du zusehen, heute Nacht nicht zu schlafen, denn das ist der einzige Weg für dich, deine Monster aus deinem Kopf fernzuhalten.“ Der Dämon war sauer, das merkte man auch daran, dass er Kenneth losließ, als hätte er sich verbrannt. Seine Augen flammten auf, aber Kenneth konnte es nur kurz sehen, denn Raven schmiss sich neben ihm aufs Bett und drehte ihm den Rücken zu.

Eigentlich hätte Kenneth jetzt zufrieden sein sollen. Er hatte, was er wollte. Raven ließ ihn in Ruhe und wühlte nicht in seinen Gedanken herum. Doch er war im Augenblick unzufriedener denn je. Er schielte neben sich, doch abgesehen von Ravens Rücken und den langen, weißen Haaren sah er nicht sehr viel. Es war zum aus der Haut fahren. Er wusste doch selber nicht, was er wollte.

„Ich steh nicht auf Frauen", sagte er leise und hoffte, dass das als Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten reichte. Dann legte auch er seinen Kopf wieder aufs Kissen. Kurz war er sich nicht sicher, ob der Dämon ihn gehört hatte, denn der regte sich nicht, aber nach einer Weile drehte Raven sich um und sah ihn eine Weile schweigend an.

„Wo ist das Problem?“, fragte der schließlich doch und schüttelte den Kopf. „Es ist eben so und gut. Ich kenne so was, wenn wir monatelang auf einem Schlachtfeld waren.“

Nun hob Kenneth doch wieder sein Gesicht aus dem Kissen und wandte sich um. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit. „Aha", sagte er also, um überhaupt etwas zu sagen und richtete sich ein bisschen auf. „Das Problem liegt darin, dass du mich geil machst. Wenn du verstehst, was ich meine. Wenn du hinter mir liegst und mir den Bauch streichelst, dann...", weiter sprach er nicht. Er hoffte, dass Raven auch so eins und eins zusammenzählen konnte. Er war ja kein Dummer.

„Ich mache…?“ Raven sah Kenneth völlig überrascht an, was bei ihm ein wenig komisch wirkte, denn er riss die Augen auf und sein Mund klappte auf. Mit vielem hatte der Dämon gerechnet, aber nicht damit. „Du stehst auf mich?“, fragte er ungläubig, denn das war ihm noch nie passiert. Er entsprach nun einmal nicht dem Schönheitsideal der Dämonen und er war es gewohnt, nicht beachtet zu werden.

„Es wird nicht unpeinlicher, je öfter es zur Sprache kommt", knurrte Kenneth und wandte sich ab. Er hatte den persönlichen Tiefpunkt für heute erreicht, entschied er. Das reichte für die nächsten Stunden. „Also reden wir nicht mehr darüber und schlafen. Du da. Ich hier. Und alles wird gut." Es war der dritte oder vierte Anlauf, endlich in den Schlaf zu kommen, doch irgendwie hatte Kenneth das Gefühl, es war noch nicht der letzte. Raven war nicht dafür bekannt, einfach aufzugeben.

„Wir schlafen, aber so, wie vorhin.“ Raven zog Kenneth wieder zu sich und lachte. Er legte sich hin und hielt Kenneth wieder so umfangen wie vorhin. „Leg dich so, wie es dir am angenehmsten ist, aber meine Arme werden dich umschlingen und du solltest versuchen, mich nicht mehr auszusperren. Wenn ich dir dabei helfen kann, sag es.“

Kenneth gab auf, es hatte ja doch keinen Sinn, sich gegen den sturen Kerl zu wehren. „Mach, was du für richtig hältst und sag mir, wenn du die Verbindung herstellen kannst", nuschelte er in das Kissen und holte tief Luft. Erst war er versucht wie vorhin Ablenkung zu suchen, doch dann ging der Tanz von vorn los. Also versuchte er sich nicht zu wehren und dabei wurde ihm ziemlich heiß.

„Entspann dich, du bist immer noch viel zu angespannt. Zwar nicht mehr so sehr wie vorhin, aber wenn ich jetzt versuchen würde, uns zu verbinden, würde ich dir wehtun.“ Raven seufzte und überlegte kurz. Ihm blieb wohl nichts anderes übrig. Kenneth war einfach noch zu kopflastig, das musste er ausschalten. Da Kenneth wie vorhin vor ihm lag, begann er sanft an dessen Nacken zu knabbern und streichelte ihm über den Bauch und genau das passierte, was Raven erwartet hatte. Kenneth ließ die Mauer fallen und ließ ihn ein, auch wenn das keine Absicht gewesen war. Er war schlicht zu überrascht, doch als er die fremde Präsenz spürte, schloss er die Augen. Es war nicht zu beschreiben, als würden fremde Hände seinen Geist umfangen und ihn einschließen.

„Mach mit mir, was du willst", murmelte er nur noch und ließ sich gegen Raven sinken, dessen breite Brust gegen seinen Rücken gedrückt. Es war gut, warum sich noch dagegen wehren? Raven wusste Bescheid, sollte er entscheiden, wann Kenneth zu weit ging.

Raven war wirklich überrascht, als sich Kenneth praktisch in seine Hände begab. Zuerst wollte der Dämon sich erschrocken zurückziehen, zog ihn dann aber doch näher zu sich. Kenneth musste weiterhin entspannt bleiben, weil es sonst für sie beide sehr schmerzhaft werden konnte, wenn die Barriere unvermittelt wieder aufgebaut wurde. Darum streichelte Raven weiter über Kenneths Bauch und auch hoch zur Brust und erntete ein zufriedenes Stöhnen. Kenneth entspannte sich immer mehr und langsam lösten sich auch die verkrampften Muskeln wieder. Der Kerl verstand aber auch sein Handwerk! Wo hatte der Dämon das nur gelernt? In den Nächten auf dem Schlachtfeld? Egal.

Kenneths Kopf sank weiter nach vorn, denn die Zähne in seinem Nacken waren herrlich. Er hatte Zärtlichkeiten dieser Art so vermisst. Er gierte regelrecht danach und dachte nicht weiter darüber nach, von wem er sie bekam und was Raven eigentlich war.

Damit hatte Raven nicht gerechnet und das berührte etwas, ganz tief in ihm drin. Körperliche Nähe war etwas, was der Dämon bisher vermieden hatte, aber hier mit Kenneth war das sehr angenehm. Der Körper in seinen Armen fühlte sich richtig an und er setzte seine Liebkosungen fort, knabberte sich vom Nacken über den Hals und leckte über die gereizte Haut.

„Ich glaube nicht, dass wir viel schlaf- hm... wenn wir- weiter..." Kenneth konnte nur noch bruchstückhaft seinen Gedanken Ausdruck verleihen. Er konnte nicht länger passiv sein. Die Lust in ihm staute sich in ungesundem Maße. So drehte er sich in Ravens Armen, auch wenn er damit die neckenden Zähne aus seinem Nacken vertrieb. Doch mit den wissenden Lippen hatte er besseres vor, denn er drückte seine eigenen darauf, um einen harschen Kuss zu fordern.

Es dauerte ein paar Herzschläge, bis Raven diesen Kuss erwiderte, denn es hatte ihn überrascht. Es war das erste Mal, dass ein Mann ihn küsste, aber das war ihm im Moment völlig egal. Ihm ging es nicht anders als Kenneth, langsam aber sicher baute sich Lust in ihm auf und darum schreckte er nicht zurück. Er drückte Kenneth sogar auf den Rücken und übernahm die Führung.

Als es ihm erlaubt wurde, eroberte Raven die fremde Mundhöhle und küsste Kenneth feurig. Der stöhnte zufrieden. Harsch gruben sich seine Finger in die langen Haare und hielten Raven davon ab, sich einfach wieder zurückzuziehen. Er merkte nicht einmal, wie sein Becken begann, sich zu bewegen, wie er sich an Raven rieb und langsam aber sicher nicht mehr verbergen konnte, was er eigentlich wollte.

Verdammt, war das gut!

Wie von Sinnen jagte seine Zunge ihr Pendant und seine Lippen rieben über Ravens. Der Dämon hatte keinen Bartwuchs, deswegen fehlte das typische Brennen der aufgescheuerten Lippen, was Kenneth nur noch wilder werden ließ.

So wie Kenneth sich gebärdete, stachelte er Raven immer weiter an. Es war fast ein Kampf, den sie führten, keiner wollte nachgeben. Schließlich riss Raven sich los und sah Kenneth kurz mit flammenden Augen an. Für eine Umkehr war es längst zu spät. Er wollte Kenneth und darum versiegelte er dessen Lippen gleich wieder mit einem flammenden Kuss. Dieser Mensch hatte etwas geweckt, was jahrelang in Raven geschlummert hatte und sich jetzt, einer Explosion gleich, Bahn brach. Immer wilder wurde ihr Kuss und Ravens Hände strichen fest über Kenneths Körper. Die Brust hoch, die Seiten hinab, die Hüften entlang und schoben sich unter ihm auf dessen Hintern.

„Hm!" Kenneth konnte nicht mehr an sich halten. Er riss sich los, um seiner Lust Luft zu machen. Seine Beine öffneten sich weiter und er spürte deutlich, dass er zu lange gedarbt hatte. Sein Körper brannte, alles gierte nach schneller Erlösung. Deswegen griffen seine Finger fest in Ravens muskulösen Hintern und rückten dessen Becken hart gegen das seine.

Nur noch ein bisschen!

Kenneths Kopf fand keine Ruhe, warf sich auf dem Kissen von einer Seite auf die andere. Raven grollte leise, denn das abrupte Unterbrechen des Kusses hatte ihm nicht gefallen, aber die Hände auf seinem Hintern, die sich in das feste Fleisch gruben, lenkten ihn davon ab und zeigten ihm deutlich, was Kenneth wollte. Das war der letzte Anstoß, den Raven noch brauchte. Er stürzte sich förmlich auf Kenneth und erhöhte die Spannung zwischen ihnen noch. Eng an Kenneth gedrückt, rieb er sich ebenfalls an ihm und stöhnte dunkel, weil die Gefühle, die das in ihm auslöste, unbeschreiblich erregend waren.

Immer schneller trieb er Kenneth vor sich her. Der Mensch unter ihm hatte bei weitem nicht so viel Kraft und Ausdauer, doch er spürte kaum, dass sich von Ravens festem Griff auf seiner Haut Blutergüsse bildeten. Ganz im Gegenteil - der dumpfe Schmerz des festen Griffes trieb ihn noch schneller. „Mach", forderte Kenneth dunkel, ohne zu wissen, was er eigentlich wollte und küsste Raven wieder, sonst wurde er vor Lust noch wachsinnig.

So beraubte er Raven der Möglichkeit einer Antwort, aber das machte nichts, denn reden wollte der Dämon nicht. Er wollte Befriedigung und dieser näherte er sich mit großen Schritten. Immer heftiger rieb er sich an dem anderen Körper und immer wieder stöhnte er in ihren Kuss. Sein Griff hielt Kenneth unbarmherzig fest. Er wollte auch nichts hinauszögern, denn viel zu lange hatte er gedarbt und nun brannte er lichterloh. Das Zimmer hätte in Flammen stehen müssen.

„Mh!" Kenneth konnte ihm kaum noch folgen. Die Luft flimmerte, war wie elektrisiert. Jede noch so kleine Bewegung schlug Funken in der Nacht. Der Dämon rieb sich so geschickt an ihm, dass Kenneth nur noch die Augen verdrehen konnte, als die Erlösung endlich nahte.

Gemeinsam trieben sie sich höher und ließen sich schließlich fallen. Laut stöhnte Raven und ließ sich auf Kenneth sinken, genoss dabei die Wellen, die durch seinen Körper liefen. Erst jetzt merkte der Dämon, wie sehr er dieses Gefühl vermisst hatte. Es war immer ein gutes Ventil für Stress gewesen, doch in letzter Zeit hatte er nicht den Drang danach gehabt.

„Gut", murmelte Kenneth und wirkte zufriedener. Die Augen geschlossen und ein Lächeln auf den Lippen lag er matt in den Laken. Träge strichen seine Finger Raven durch die Haare im Nacken. Noch immer konnte er dessen Präsenz in seinem Geist spüren. Das war merkwürdig.

„Hm“, brummte Raven und blieb einfach so liegen, wie er war. Wenn er Kenneth zu schwer wurde, sagte der bestimmt was. Er fühlte sich gut, das erste Mal, seit er auf der Erde war. Langsam beruhigte sich seine Atmung wieder und jetzt ließ er sich doch von Kenneth gleiten und legte sich neben ihn. Raven mochte kuscheln überhaupt nicht, aber er musste Kenneth weiterhin an sich halten, darum blieb er liegen.

„Besser", murmelte Kenneth. Die Unterhose konnte er zwar entsorgen, weil das penetrante Gefühl der Nässe wirklich unangenehm wurde, doch alles in allem fühlte er sich ausgeglichener. „Jetzt können wir schlafen. Morgen wird ein langer Tag", erklärte er und wusste nicht so recht, ob er näher rücken sollte oder nicht. Also wurstelte er sich aus der Unterhose, ließ sie aus dem Bett fallen und rollte sich ein wenig zusammen. „Gute Nacht."

„Nacht“, murmelte Raven und zog Kenneth wieder vor sich. Ihre Verbindung war so, wie sie sein sollte. Wenn jetzt etwas war, bekam er das mit. Aber im Gegensatz zu Kenneth konnte er nicht schlafen. Er musste den Besitzer des Steins suchen und ihm Angst machen.

Das war nichts, was ihm Schwierigkeiten bereitete und wenn er Glück hatte und dieser Mensch sich genug beeinflussen ließ, konnte er den Stein gleich an sich bringen und Beth und Doc hatten morgen leichtes Spiel mit dem eingeschüchterten Besitzer. Vielleicht wollte er das Steinchen ja ganz plötzlich loswerden. Wer - wenn er kein Freak war - hortete schon Dinge, auf denen ein Fluch lastete. Zum Glück war der Mensch von Natur aus feige und brachte Dinge, die ihm gefährlich werden konnten, gern weit von sich. Blieb nur zu hoffen, dass der Besitzer wirklich labil genug war...