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Demon Coffee - Teil 17 bis 20

17


Raven war früh aufgestanden und gleich hinunter in den Trainingsraum gegangen. Er hatte Abstand zu Kenneth gebraucht, denn ihn die ganze Nacht so nahe bei sich zu haben, hatte den Dämon einiges abverlangt. Er brauchte Bewegung, um wieder ausgeglichener zu werden, denn Kenneth war nicht der einzige Mann diese Nacht gewesen. Dieser Reginald Forster, den er die halbe Nacht mental besucht hatte, war ein sturer, gieriger Kerl. Zwar war es Raven gelungen, in dessen Traum einzudringen und ihn heimzusuchen, doch ob sein Reden vom Fluch bei dem Mann wirklich auf fruchtbaren Boden gefallen war, vermochte der Dämon nicht zu sagen.

Da musste er noch eine Strategie entwickeln, damit sie den Stein bekamen. Das konnte er am besten, wenn er trainierte. Sein Körper machte die altbekannten Bewegungen und dabei entwickelte er Taktiken und Pläne. Er hatte auch schon bald eine Idee, die er nachher mit seinem Team besprechen wollte. Es sollte machbar sein, doch er war auf die Mithilfe derer angewiesen, die heute den Termin bei Foster wahrnehmen wollten. Soweit er sich erinnerte, waren das Beth und Doc, die allerdings noch schliefen. Deswegen machte Raven weiter, während der Zweite langsam und leise durch das Haus schlich.

Kenneth hatte es in dem Bett nicht mehr ausgehalten. So wie es roch, erinnerte es ihn an gestern Nacht. Schlimmer noch, die ganze Sauerei in der Bettwäsche musste ja echt keiner sehen! Er hatte schweigend frische Wäsche aus dem Schrank genommen und schleppte nun das Corpus delicti in die Waschküche. Dann brauchte er erst einmal einen Kaffee.

Die Küche war noch leer, als er von der Waschküche wieder nach oben kam und so setzte er eine große Kanne Kaffee auf. Die anderen tranken bestimmt auch welchen, denn langsam kam Leben ins Haus. Ab und zu hörte man eine Tür klappen und Duschen rauschen. Da war es nicht verkehrt, den Tisch zu decken. Und mit etwas netter Gesellschaft machte das gleich noch mehr Spaß. „Na Dicke? Keine Lust, mit Blade Runden zu laufen?", fragte er und lachte, weil Sparky - als hätte sie ihn genau verstanden - empört fiepste. Von wegen dick! Das war nur das Fell, das trug ungemein auf, vor allem an den Hüften!

Darum hockte sie mit vorwurfsvollen Augen vor Kenneth und erwartete eine Entschuldigung – nach Möglichkeit süß und lecker, denn Blade war nicht da, der darauf achtete, dass sie nicht zu viele Süßigkeiten aß. Nur hatte sie heute keinen Glückstag, denn von der Kellertreppe waren Stimmen zu hören. Raven und Blade hatten ihr Training beendet und da Kenneth nicht den Eindruck erweckte, als würde er schnell noch etwas Leckeres finden und ihr zustecken, trollte sie sich schmollend hinter die Schränke. Sie war mit ihrer Inspektion gestern nicht ganz fertig geworden.

Dafür taumelte Kenneth durch den Raum, weil ihn eine unerklärliche Unruhe ergriffen hatte. Er konnte keine Sekunde still stehen, lauerte auf die Tür und wusste nicht, ob er Raven sehen wollte oder nicht. Das Geschehene der letzten Nacht ließ ihn einfach nicht los.

Was er bestimmt nicht erwartet hatte, war die Tatsache, dass Raven ihn vollkommen ignorierte, als hätte die letzte Nacht nicht stattgefunden. Der Dämon nickte ihm nur kurz zu und unterhielt sich weiter mit Blade. Raven hatte ihm berichtet, wie es bei Foster gelaufen war und nun besprachen sie, wie sie weiter vorgehen sollten. Dabei griffen sie sich jeder einen frisch gebrühten Kaffee und gingen weiter an die Theke, ließen Kenneth und den gedeckten Tisch einfach links liegen. Der konnte das im ersten Moment gar nicht fassen, war auch ziemlich erleichtert, weil Raven das Geschehene nicht gegen ihn verwendete, doch dann kam sein Ego und es kam gewaltig, denn er fühlte sich missbraucht.

Was dachte der Arsch sich eigentlich?

Wütend blickte Kenneth zu Raven rüber, als Doc in die Küche kam. „Morgen“, grüßte der Arzt und sah Kenneth fragend an. Er war neugierig, was in der Nacht passiert war, aber er wollte nicht direkt danach fragen. Darum nahm er sich auch erst einmal Kaffee und stellte sich neben seinen Freund. Doch musste er verdutzt feststellen, dass Kenneth ihn nicht einmal bemerkte. Er grüßte nicht und er sah sich auch nicht um, als sich jemand neben ihn stellte. Wie fixiert starrte er auf Raven, der ihm den Rücken zuwandte. Kenneth biss die Zähne zusammen, so fest, dass seine Kiefermuskeln deutlich hervor traten. Aus seiner anfänglichen Erleichterung war Wut geworden - warum hatte er sich das von dem Arsch gefallen lassen? „Drecksack", fluchte er leise und nahm einen großen Schluck Kaffee.

Doc hob eine Augenbraue und folgte Kenneths Blick. Was hatte der Dämon gemacht, dass Kenneth so wütend auf ihn war und bei den Möglichkeiten, die ihm einfielen, zog sich sein Magen zusammen. Er musterte Kenneth, aber er konnte keinerlei Verletzungen finden, doch das hieß gar nichts.

Derweil knallte Kenneth die Tasse auf den Tisch hinter sich, denn dass der Dämon ihn weiter wie Luft behandelte, konnte er nur ganz schlecht ertragen. Doch abgesehen von einem kurzen, prüfenden Blick, erreichte er auch damit nicht viel, außer dass Sparky gucken kam, ob was zu Bruch gegangen war und sie Beute machen konnte. Aber als sie die Lage sondiert hatte, zog sie enttäuscht wieder ab.

So wie Kenneth.

Nun war Doc klar, dass in der Nacht irgendetwas passiert war und folgte Kenneth. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter, als sie aus der Küche raus waren und schob seinen Freund ins Arbeitszimmer. „Ken, was ist letzte Nacht passiert?“, fragte er geradeheraus und sah Kenneth besorgt an. „Hat er dir was getan? Bist du verletzt?“

„Was?" Kenneth hatte nicht damit gerechnet, dass ihm jemand folgte und so sah er Doc auch an. Eigentlich hatte er jetzt fluchen wollen, doch er musste sich beherrschen. „Nichts ist passiert. Nichts hat er gemacht", sagte er also zickig und verschränkte die Arme, konnte Doc aber nicht in die Augen sehen. Es war einfach zu peinlich, wie er sich in Ravens Armen gewunden und nach Erlösung gelechzt hatte. Wie eine dreckige Hure, nicht mehr!

„Ken!“ Doc sagte erst einmal nichts weiter, aber die Betonung und der Blick, mit dem Doc ihn bedachte, sagten alles. Es verletzte ihn, dass sein Freund ihn offensichtlich ausschloss. „Okay, wenn du darüber nicht reden willst, dann ist das eben so, aber bitte lüg mich nicht an.“ Doc konnte nicht verhindern, ein wenig enttäuscht zu klingen. Er machte sich doch nur Sorgen um Kenneth und bei einem Typ wie Raven war das wohl auch durchaus berechtigt.

„Was willst du hören?", knurrte Kenneth, denn nun steckte er in der Zwickmühle. Er hatte nicht um sonst den Job, den er hatte, denn sein Gefühl für Menschen war sehr sensibel. „Er hat mir einen runter geholt und guckt mich heute nicht mit dem Arsch an. Zufrieden?" Er konnte nicht verhindern, dass er wütend klang, denn Doc hatte ihn zu etwas getrieben, was er eigentlich nicht gewollt hatte: seine Unzulänglichkeit dem Dämon gegenüber, zur Sprache zu bringen. Deswegen wandte er sich ab.

„Nein Ken, ich bin nicht zufrieden, denn dir geht es nicht gut und ich kann dir dabei nicht wirklich helfen.“ Doc seufzte und drückte vorsichtig Kenneths Schulter. „Ich glaube, Raven kann gar nicht anders, denn Gefühle sind für ihn nur etwas, was man nicht haben oder zeigen darf.“

Kenneth hob eine Braue und sah erst Docs Hand und dann Doc an. Sein Blick wirkte entrückt. „Doc, ich verlange nicht, dass er mir das Blaue vom Himmel schwört. Ich bin kein kleines Mädchen, das die große Liebe sucht. Aber im Augenblick fühle ich mich benutzt, obwohl ich es war, der es gewollt hat. Und dass ich jetzt Luft bin, das..." Kenneth brach ab, er konnte das Gefühl in sich nicht in einfache Worte fassen.

„Hm.“ Doc blies die Wangen auf, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. „Ich kann dich verstehen, ich mag das auch nicht, aber ich fürchte, bevor Raven Gefühle zeigt, friert eher die Hölle ein. Ich glaube, er weiß gar nicht, wie er sich anders verhalten sollte, als gleichgültig.“ Der Arzt zuckte ein wenig überfordert mit den Schultern und sah Kenneth entschuldigend an.

„Doc", knurrte Kenneth wieder. „Versteh es doch. Ich will keine Gefühle von dem Kerl, ich will aber auch nicht der letzte Arsch sein. Ach scheiße, ich weiß auch nicht, was ich will und jetzt sollten wir frühstücken. Der Tag wird lang." Kenneth sah Doc herausfordernd an und hoffte, dass er verstand.

„Ja, aber…“, setzte Doc an, aber redete nicht zu Ende, denn er wusste sowieso nicht, was er sagen sollte. „Frühstück“, sagte er darum und grinste. Er sollte sich da nicht einmischen, aber er hoffte, Kenneth hatte verstanden, dass er jederzeit mit ihm reden konnte, wenn nötig.

„Ehe die Dicke alles auffrisst", sagte Kenneth und fing an zu lachen, als es vor der Tür ertappt fiepste! Da hatte wohl jemand gelauscht! So eine ausgefuchste kleine Ratte. Kenneth riss die Tür auf und sah um die Ecke nur noch den langen Schwanz verschwinden, der Rest von Sparky war schon nicht mehr zu sehen. Fragend sah er zu Doc.

„Das kleine Mistvieh darf definitiv viel zu viel. Keiner schimpft mit ihr“, brummte der Arzt, musste aber selber grinsen, als Sparky wieder in die Küche wuselte und hinter einem der Schränke verschwand. Das Leben ohne sie wäre nur halb so spaßig, aber das würde er nie laut von sich geben. Das schadete nur seinem Image.

„Na ja, sie ist ja auch nützlich", musste Kenneth zugeben, denn er hatte von Powaqa gehört, was diese Ratte alles drauf hatte und wie diszipliniert sie ihre Arbeit machte. Oft war sie Kamera-Ratte, wenn es darum ging, ein Territorium auszukundschaften. Oder sie zog Strippen, legte Bomben. Mit der kleinen Dicken war nicht zu spaßen.

„Wer ist nützlich?", gähnte Nathan, die Haare noch völlig verstrubbelt und das T-Shirt hing auch verdächtig falsch herum an ihm, denn hinten guckte die Waschanleitung.

„Du nicht", lachte Doc und machte, dass er weg kam, denn so etwas durfte man nur machen, wenn Nathan noch verschlafen war. Ein wacher Nathan hätte ihm schon das Knie in den Schenkel gerammt. Aber so grummelte der Kurze nur leise und ließ sich auf den nächsten Stuhl fallen. Doc bekam sein Fett schon noch weg, wenn er nicht mehr so müde war. Er hatte schließlich noch bis spät in die Nacht Informationen gesammelt. Mit kleinen Augen sah Nathan sich um und nickte Powaqa dankend zu, als der ihm seine Tasse Tee vor die Nase stellte. „Ihr habt um 11 Uhr den Termin bei Foster“, gähnte er hinter vorgehaltener Hand.

„Wo ist deine Herzensdame überhaupt?", stichelte nun der Indianer und strich sich die Haare über die Schulter zurück. Er hatte sich die langen Flechten noch nicht zusammengebunden und er sah für Kenneth irgendwie sehr ungewohnt aus. Die langen Haare, die vereinzelten Federn. Das war vorher kaum aufgefallen. „Wenn du schon so viel Geld für sie ausgibst."

„Wird hier über mich gelästert?" Beth kam gerade die Treppe herunter und machte die letzten Knöpfe der Bluse zu.

Doc pfiff durch die Zähne. Beth sah wirklich umwerfend aus. „Holde Gattin, das würde ich mir doch nie erlauben. So einer Schönheit muss gehuldigt werden.“ Er ging zu ihr und bot ihr seinen Arm an, um sie zum Tisch zu geleiten. Raven sah ihnen dabei zu, verzog aber keine Miene, weil er nichts damit anfangen konnte.

Frauen wurden bei ihnen anders behandelt, doch er wusste, dass es besser war, das nicht zu kommentieren, weil er nur wieder auf Unverständnis stoßen würde. Also schwieg er und sah kurz in die Runde. Doch wenn Kenneth erwartet hatte, dass ihm eine Sekunde mehr als den anderen vergönnt war, hatte er sich geschnitten und so holte er tief Luft und verschwand halb in seinem Kaffeebecher, dann musste er sich das blöde Gesicht nicht angucken!

„Komm.“ Blade stieß Raven an und deutete mit dem Kopf zu den anderen. „Wir sollten mit ihnen besprechen, was wir vorhin durchgesprochen haben.“ Der Dämon nickte und erhob sich sofort. Sie mussten bald los und bis dahin sollte jeder wissen, was er zu tun hatte.

Als die ersten ihren Löffel in den Cornflakes hatten, fing Blade an zu erklären. „Raven hat letzte Nacht diesen Foster heimgesucht. Doch er scheint ein ziemlicher Raffke zu sein und nicht leicht zu erschüttern. Wenn ihr also da auftaucht, wird er den Stein nicht rausrücken. Kurze Rede: Raven wird dort auftauchen, doch Beth und Doc, wehe ihr reagiert auf ihn."

„Was?" Doc verstand nicht, genauso wie der Rest. Deswegen holte Blade etwas weiter aus.

„Er wird da sein und wenn ihr so tut, als würdet ihr ihn weder sehen noch hören, wird Foster glauben, er wird von einem Geist heimgesucht. Da Raven nur in die Träume der Leute dringen kann und nicht in die Gedanken, wenn sie wach sind, müssen wir einen anderen Weg finden, Foster zum Verkauf zu zwingen. Sagt, wenn ihr eine bessere Idee habt." Die Aufforderung war ernst gemeint, denn es interessierte ihn, was der Rest dachte.

„Er hat sich nicht von dir einschüchtern lassen?“, fragte Beth ungläubig und sah Raven an. Der war doch ein mächtiger Dämon, da hätte das eigentlich kein Problem sein dürfen.

„Nein, leider nicht. Ich habe so viel Druck auf ihn ausgeübt wie möglich, ohne ihn zu verletzen. Deswegen ist mir die Idee gekommen, mit euch zu kommen und ihn weiter zu bearbeiten. Ich werde dabei meine Dämonengestalt haben, also nicht erschrecken, Beth.“ Doch die junge Frau konnte nicht vermeiden, dass ihr Löffel auf den Tisch fiel und klappernd zu Boden ging, während sie hart schluckte. Sie wusste genau, wie die Bestien aussahen. Und das sollte sie ignorieren? War das nicht etwas viel verlangt?

„Er sieht nicht so aus wie die anderen", sagte Doc, denn er konnte ihre offenen Gesichtszüge lesen wie ein Buch.

„Nicht?“, fragte sie ungläubig und schielte immer wieder zu Raven. Der seufzte nur und stand auf. Damit Beth sich nachher nicht erschreckte, sollte er ihr wohl zeigen, was sie erwartete. Darum wandelte er sich, allerdings ohne das ganze Brimborium vom letzten Mal. Keine Vorbereitungszeit für sein Publikum und so sah er Beth aus rot glühenden Augen an und schüttelte zu Nathan den Kopf, der wie Sick auch, in die weichen Federn greifen wollte. „Messer", sagte er kurz angebunden und deutete auf die sich verhärtenden Federn, die im Schein des Lichtes metallisch schimmerten.

„Oh", machte Beth, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Sie hatte Schlimmeres erwartet. Das war erträglich.


18


Doc und Beth fuhren durch das Tor des Fosterschen Anwesens, vor dem auch der Soldat Stellung bezogen hatte und hielten vor der großen Eingangstür, wo sie in Empfang genommen wurden. Der Butler des Hauses öffnete ihnen die Autotür und geleitete sie ins Haus. Es war ein großes Gebäude aus der Kolonialzeit und seit Generationen im Besitz der Fosters.

„Wenn die Herrschaften mir bitte in den Salon folgen möchten, der gnädige Herr erwartet sie bereits“, erklärte der Diener und ging vor, um dem Paar den Weg zu weisen. Doc und Beth sahen sich neugierig um, warum auch nicht? Sie waren ein vermögendes Ehepaar mit jeder Menge Langeweile. Warum sollte man sich da nicht die eine oder andere Anregung holen, wie man das Geld sinnvoll anlegen konnte?

„Ein wunderschönes Portrait", sagte Beth und blieb vor einem großen Bild in der Ahnenreihe stehen. „Wer ist sie?"

„Lady Helen, die Mutter des jetzigen Herrn. Sie ist leider schon vor vielen Jahren von uns gegangen“, sagte der Butler und öffnete die Tür zum Salon, damit sie eintreten konnten. „Setzen sie sich bitte, ich bringe gleich etwas zu trinken.“ Der Diener verbeugte sich leicht und wollte gerade noch etwas sagen, als ein weiterer Mann das Zimmer betrat.

„Guten Morgen. Reginald Foster“, stellte er sich vor und kam lächelnd auf Doc und Beth zu. Sie erhoben sich und erwiderten den Gruß.

„Sie haben ein wunderschönes Haus, Mister Foster. Ich beneide sie darum. Etwas in der Art fehlt uns noch", sagte Beth mit einem bewundernden Blick durch den alt-englisch angehauchten Salon. Schwere Ledermöbel und doch wirkten sie in dem großzügigen Raum nicht wuchtig. Er war gut gefüllt aber nicht überladen. Der Mann hatte Geschmack, das sah man.

„Oh bitte, nehmen sie doch wieder Platz.“ Reginald lächelte geschmeichelt und setzte sich zu Doc und Beth. „Das Haus ist schon lange im Besitz unserer Familie. Jede Generation hat etwas hinzugefügt, so ist es mit den Jahren gewachsen.“ Der Hausherr hielt kurz inne, als der Butler mit einem Tablett in den Raum kam, um Kaffee oder Tee anzubieten. „Danke, Peter, ich mache das schon“, sagte Reginald, als der Butler nach den Wünschen fragen wollte und erhob sich. So zog sich Peter wieder zurück und schloss die Türen hinter sich.

„Aber sie wissen ja, dass wir nicht nur wegen ihres schönen Hauses gekommen sind und dem einladenden Anwesen. Wir haben von ihrer Sammlung von Edelsteinen gehört und wollten gern einmal einen Blick darauf werfen." Auch wenn Beth gleich zur Sache kam, lächelte sie gewinnend, denn eigentlich wollte sie nicht mit der Tür ins Haus fallen, hielt ihre Hand aber so, dass man den großen Stein auf ihrem Ring gut sehen konnte.

„Ah, die Steine.“ Reginald lachte leise und gab Beth den Tee, den sie sich gewünscht hatte. „So sehr ich ihr Funkeln auch liebe, das Funkeln in den Augen einer Frau, die sie betrachtet, ist nicht zu übertreffen.“ Er gab auch Doc eine Tasse und setzte sich wieder in den Sessel. „Welche Farben interessieren sie denn besonders?“

Beth lag es schon auf der Zunge, doch gleich vorzupreschen und wie durch Zufall die richtige Farbe zu nennen, die Raven dem Mann im Schlaf indoktriniert hatte, hielt sie nicht für klug. Also lächelte sie verlegen. „Ich bin nicht ganz festgelegt, doch die warmen Farben wie orange oder rot finde ich ausgesprochen anziehend", begann sie, das Gespräch in die richtige Richtung zu lenken.

„Ich bevorzuge die kühleren Farben, blau, türkis und das reine Funkeln von Diamanten, aber wie auch meine Frau, bin ich da nicht festgelegt, denn erst der farblich passende Schmuck komplettiert ein Outfit“, erklärte Doc. Er lächelte flüchtig zu seiner Frau und griff sich kurz ihre Hand, um einen Kuss darauf zu hauchen. Er wollte die Farbpalette etwas erweitern, damit ihr Gastgeber nicht misstrauisch wurde.

„Ah, ich verstehe." Reginald ließ seinen Blick über seine Gäste schweifen und lächelte. Schon von hier sah er deutlich, dass Beth nur erstklassige Steine trug. Ohne Einschlüsse, ohne Fehler. Makellos wie sie selbst. Ihr durfte er nur die schönsten aus seiner Sammlung zeigen, das war ihm klar, denn schließlich wollte er sie beeindrucken. Auch wenn die Sammlung sein verstorbener Vater begonnen hatte, so hatte er selbst ebenfalls viel Zeit, Geld und Leidenschaft in sie gesteckt und zeigte sie gern her.

Zufrieden lächelnd nippte er an seinem Tee. Er wollte nicht gleich aufspringen und seine Gäste mit sich in den Ausstellungsraum nehmen. Sie saßen gerade so gemütlich.

Sie plauderten ein wenig, während sie ihre Tassen leer tranken und schließlich erhob sich Reginald und bat seine Gäste ihm zu folgen. Die Steine lagerten in einem gut gesicherten Tresorraum und an diesen schloss sich der Ausstellungsraum an, wo sie begutachtet werden konnten.

„Ich werde die schönsten Steine für sie heraussuchen.“

„Sie sind zu großzügig", lächelte Beth. Sie hatten schon gemerkt, dass ihr blondes Haar diesen Mann magisch anzuziehen schien. Männer waren eben doch alle gleich und so nutzte sie seine Schwäche und flirtete ein wenig. Warum auch nicht?

Sie folgten Reginald durch eine dicke Tür und hatten so den besten Blick auf beleuchtete Vitrinen. Sicher Panzerglas, alles andere wäre Leichtsinn und Reginald Foster machte nicht den Eindruck eines leichtsinnigen Mannes. Außerdem machte er auch nicht den Eindruck eines Mannes, der einen Stein unbedingt loswerden wollte. Raven hatte also Recht, sein Auftritt in der Nacht hatte nicht den gewünschten Effekt gehabt.

Dieser Mann wirkte ruhig, keineswegs eingeschüchtert. Sie beobachtete Reginald, während er von Vitrine zu Vitrine ging und Steine auf ein samtenes Tablett legte. Konzentriert suchte er die schönsten Steine heraus und wie sie sehen konnte, war auch der Feuerstein dabei. Raven hatten ihnen noch erklärt, worauf sie achten mussten und so oft gab es dreieckige Steine nicht.

Beth stieß Doc an, doch der hatte die gleichen Beobachtungen gemacht. Nun, sie hatte nicht erwartet, dass der Mann ihnen den Stein in die Hand drückte und sie damit weg schickte, keine Frage. Doch er sollte eigentlich aufgekratzter sein, schließlich saß ihm ein Feuerdämon im Nacken.

„Kommen sie bitte mit zum Tisch", sagte Reginald stattdessen und ging mit den Steinen voraus zu einer beleuchteten Arbeitsfläche, die die Steine auch von unten hinterleuchten konnte, damit man die Fehler in den Steinen sah oder eben, dass man keine Fehler sah, weil die Steine perfekt waren.

„Oh, wunderschön.“ Beth ließ ihren Blick über die Steine gleiten und ihre Begeisterung war nicht gespielt. Die Steine waren alle durchweg exquisit und groß. Es gab einige sehr schöne Saphire und Aquamarine, die ihr sofort ins Auge fielen. Die roten Steine streifte sie nur mit einem kurzen Blick, weil sie es nicht zu auffällig machen wollte, was sie eigentlich haben wollten. „Darf ich?“, fragte sie und deutete auf einen Saphir von mindestens zehn Karat.

„Sicher" Reginald lächelte und nahm den Stein auf, um ihn Beth in die Hand zu legen. „Er ist einer meiner neuen Steine. Ich habe ihn eher durch Zufall auf einer Versteigerung gesehen. Ich war dort wegen ein paar Diamanten, doch sie wurden bedeutungslos, als ich ihn sah." Er lächelte und legte den Stein vorsichtig ab.

„Ja, das glaube ich gerne, er ist einfach traumhaft. Dieses tiefe Blau ist eine wirkliche Rarität.“ Beth hielt den Stein hoch, damit sie besser sehen konnte und legte ihn sich dann auf ihren linken Ringfinger. „Da würde er perfekt hinpassen“, lachte sie leise und Reginald fiel darin ein. Solche Reaktionen auf seine Steine kannte er und auch das Glitzern in den Augen der Frauen. Sein Lächeln gefror allerdings, als er sah, wie ihr Ehemann ebenfalls einen Stein aufnahm und ihn sich eingehend betrachtete. Unwillkürlich musste er schlucken, denn er wurde an die letzte Nacht erinnert, wo ihn Alpträume heimgesucht hatten.

„Was für ein ausgefallenes Stück. Wo haben sie den denn her? Steine dieser Form sieht man selten." Doc war das Zucken nicht entgangen und nun hoffte er, dass Raven ihnen Beistand leistete. Sie mussten von zwei Seiten angreifen, ohne dass Foster etwas merkte. War nur zu hoffen, dass der Dämon unbemerkt ins Haus gekommen war, denn davon hing alles ab.

„Mein Vater…“, murmelte Reginald und kam nicht dazu, seinen Satz weiter zu sprechen, denn mit schreckgeweiteten Augen sah er, wie Flammen über den Boden züngelten und von der Tür aus zu ihnen herüber waberten. Es war nur Doc zu verdanken, dass Beth sich nicht auch erschreckte, sondern ruhig sitzen blieb, weil er ihr unauffällig ein Zeichen gab. Es kostete sie zwar große Anstrengung, das Feuer zu ignorieren, aber es gelang ihr und sie betrachtete weiter die Steine.

Selbst als die Flammen sie erreichten, blieb sie ruhig, denn sie spürte keine Hitze. Reginald war etwas abgerückt und sah zu seinen Gästen. Sie schienen nicht zu bemerken, wie die Flammen über sie züngelten. Bei ihm war das allerdings anders, als die Flammen ihn erreichten zuckte er weg, weil es höllisch wehtat.

'Alles, was du liebst wird zerstört, wenn du ihn nicht in die richtigen Hände gibst', wisperte eine Stimme hinter ihm und er konnte spüren, dass jemand in seinem Rücken stand, aber er wagte es nicht, sich umzudrehen.

'Feuer zu Feuer', hörte er leise und drehte sich nun doch um. Er bereute es gleich, denn hinter ihm stand sein Alptraum und ließ ihn bleich werden.

„Reginald, ist ihnen nicht gut?" Beth, sichtlich in Sorge, erhob sich und die Flammen, die sie umgaben, hüllten sie auch jetzt noch ein, als sie näher kam und ihre Hand nach ihm ausstreckte. „Sollen wir die Sitzung beenden und vielleicht an die Luft gehen?", schlug sie vor. Hoffentlich übertrieb es Raven nicht.

„Nein, nein, nicht nötig.“ Reginald zuckte ein wenig zurück, als Beth nach ihm greifen wollte. „Verzeihen sie, ich war gerade ein wenig abgelenkt“, entschuldigte er sich. Er versuchte ein Lächeln, was aber etwas verunglückte.

„Was für ein Feuer. Ein richtiges Feuerjuwel. Traumhaft“, schwärmte Doc, der den Stein gegen eine Lampe hielt.

'Gib ihr den Stein', drängte die Stimme, doch Reginald wehrte sich dagegen. Nein. Diesen Stein würde er nicht verkaufen. Er war der erste Stein seines Vaters gewesen - sozusagen die Keimzelle dieser Sammlung. Davon trennte man sich nicht wegen ein paar Halluzinationen!

Und wer sagte ihm denn, dass sein Besuch nicht der Grund für seine Halluzinationen war? Heutzutage war doch alles möglich. „Ja, ein schönes Stück, aber einer der wenigen Steine, von denen ich mich zu keinem Preis der Welt trennen werde."

„Oh, wie schade“, sagte Beth und versuchte nicht allzu enttäuscht zu wirken. Anscheinend hatte Raven versagt.

'Du Narr. Ist er es wirklich wert, dass du alles verlierst?', höhnte die Stimme und das Monster wandte sich gehässig lachend von ihm ab. Das Wesen legte eine Hand an die Scheibe einer Vitrine und nach wenigen Sekunden tropfte flüssiges Glas auf den Boden und der Dämon griff einen besonders großen Smaragd. Der Stein war selten und sehr wertvoll, weil er eine perfekte Farbe hatte und dieser ging gerade in der Hand des Monsters in Flammen auf.

'Ist er es wert, dass du alle deine Schätze verlierst und auch dein Leben?'

„Nicht das Auge des Dschungels!", schrie Reginald und lief auf die Vitrine zu, aus der der Geist den Smaragd genommen hatte. Fassungslos ging er in die Knie, denn der Stein war wirklich nicht mehr da. Wie im Wahn riss er die Tür auf und griff auf die Stelle - doch nichts.

'Du Narr', lachte die Stimme und de Geist griff sich den nächsten Stein, ließ den herrlichen Topas in seiner Hand zu einer hässlichen Pfütze schmelzen.

'Und der Nächste!' Es war ein Rubin.

Beth und Doc sahen erschauernd, wie ein Stein nach dem nächsten zerstört wurde. Es waren alles wunderschöne Stücke und äußerst wertvoll. Selbst wenn es nicht ihre waren, so tat es weh, mit ansehen zu müssen, wie die Edelsteine sich praktisch in Rauch auflösten. „Reginald“, rief Beth und kam zu dem Mann gelaufen, aber der wich vor ihr zurück.

„Nicht meine Steine“, winselte er förmlich.

'Du hast den Fluch missachtet', erklärte die Stimme wieder und ein weißer Stein ging in Flammen auf. 'Du kannst es abwenden, wenn du den verfluchten Stein aus dem Haus gibst und aus deiner Familie bringst, nur dann wirst du deine Schätze retten können.' Dem Diamant folgte ein Korund, dann ein Amethyst.

Bleich und zitternd sah Reginald zu, wie der Mann aus seinem Alptraum wütete und sprang schließlich auf. „Ich verkaufe ihn, wenn sie den Stein möchten, können sie ihn haben“, rief er Beth zu und augenblicklich waren sie wieder allein und der Opal, den der Geist in der Hand gehalten hatte, fiel auf den Boden. „Nehmen sie ihn, er steht ihnen bestimmt ausgezeichnet. Meinem Vater würde es gefallen, wenn er sie schmücken kann.“ Noch immer zitterte Reginald, aber langsam bekam er sich wieder in den Griff. Jetzt nur keinen Fehler machen.

Beth blinzelte und sah auf den Stein, der auf den Boden gefallen war. „Aber sagten sie nicht eben noch", begann sie, es musste ja nicht auffallen, das sie nur wegen diesem Stein hier waren. Reginald war so weit zu verkaufen, er wollte ihn loswerden. Nun konnte sie sich auch etwas zieren, ohne die Mission zu gefährden.

„Vergessen sie, was ich gesagt habe. Der Stein steht ihnen einfach perfekt und solch ein außergewöhnliches und seltenes Stück sollte getragen und bewundert werden.“ Reginald wischte sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und kam zum Tisch zurück, nachdem er den Opal aufgehoben und wieder in die Vitrine gelegt hatte. Noch immer zitterte er am ganzen Körper und konnte nicht fassen, was gerade passiert war. Steine im Wert von mindestens einer Million Dollar waren einfach in Rauch aufgegangen. Das war ein Alptraum!

„Gut, wenn sie sich doch davon trennen möchten, so bin ich sicher nicht böse darüber. Nennen sie mir den Preis", sagte Doc und konnte nur hoffen, dass der jetzt nicht durch die Decke schoss. Sie hatten zwar ein gut gefülltes Bankkonto, aber Geld für Steine zum Fenster hinaus zu werfen, die zerstört wurden, machte ihm Bauchschmerzen.

In Reginalds Kopf überschlug sich alles. Er musste den richtigen Preis nennen, nicht zu hoch, denn dass lehnten seine Besucher ab und wenn er zu wenig verlangte, glaubten sie noch, dass etwas damit nicht in Ordnung war. „75.000 Dollar“, sagte er schließlich. Ähnliche Steine mit der gleichen Karatzahl wurden mit ungefähr dem gleichen Preis gehandelt. Das war zwar kein Ersatz für seine Verluste, aber er konnte den Rest seiner Sammlung behalten und vor allen Dingen sein Leben. Er konnte nicht vermeiden, dass sein Blick immer wieder suchend durch den Raum strich, als würde er erwarten, etwas zu sehen.

„Ein fairer Preis", sagte Doc, auch wenn er mit etwas weniger gerechnet hatte. Aber jetzt zu handeln war nicht klug. „Wollen sie das Geld bar? Dann muss ich noch schnell auf die Bank. Ich bin heute nur mit dem Checkbuch unterwegs." Seine Finger glitten schon in die Jackentasche, wissend, dass Reginald den Stein nicht länger im Haus haben wollte als unbedingt nötig.

„Ein Scheck ist vollkommen ausreichend.“ Reginald lächelte ein wenig gequält, aber er fasste sich wieder. Er klingelte nach Peter und trug ihm auf, Champagner zu bringen. Schließlich musste dieser Verkauf ja gefeiert werden, auch wenn ihm nicht danach war, denn die Geschehnisse der letzten Minuten saßen ihm noch in den Knochen. Doch zumindest war der Geist verschwunden und kein weiterer seiner Steine hatte Schaden genommen.

„Gut." Doc nickte und holte das Scheckbuch aus der Tasche, trug die Summe ein und unterschrieb. Der Scheck war gedeckt, sie hatten nicht vor, den Mann um sein Geld zu betrügen, auch wenn er keinen Schimmer hatte, was er da eigentlich in seinem Besitz gehabt hatte. Vielleicht konnte er froh sein, dass sie die ersten waren, die ihn gefunden hatten. Die anderen Dämonen dürften nicht so nachsichtig sein wie Raven, der ja das Versprechen hatte geben müssen, niemanden zu töten.

Doc und Beth blieben noch so lange wie notwendig, um keinen Argwohn zu erregen und als sie sich verabschiedeten, hatten sie das, was sie gewollt hatten, in der Handtasche. „Alles klar, Jungs, wir fahren vom Gelände.“

„Gut, wir folgen euch in gebührendem Abstand. Keine Umwege", forderte Blade, doch auch seiner Stimme hörte man die Erleichterung an. Zum einen darüber, dass sie nicht hatten eingreifen müssen, zum anderen, dass nun zumindest einer der Steine in ihrem Besitz war.

Bis zurück zum Haus war dies der einzige Funkkontakt, den sie hatten und nach und nach fuhren die Wagen auf die Einfahrt.

„Puh.“ Beth streifte die hohen Schuhe von den Füßen und ließ sich in einen Sessel im Wohnzimmer fallen. Erst jetzt merkte sie, wie angespannt sie war und versuchte sich zu entspannen. Sie nahm den Stein aus ihrer Tasche und sah ihn sich an. Er sah so unschuldig aus, man mochte gar nicht glauben, dass er dazu verwendet wurde, Zerstörungen anzurichten. Doch lange hielt sie ihn nicht in der Hand, denn das erste, was Raven tat, als er nach dem 'Pärchen' das Wohnzimmer betrat, war den Stein an sich zu nehmen.

Beth sah ihn für einen Moment wütend an, doch dann nickte sie. Er hatte ja Recht. Das war kein Schmuckstück, es war eine Waffe. Wie das Äußere doch oft täuschen konnte.

„Haben wir jetzt etwas Luft? Ich meine, ohne diesen Stein bekommen die anderen doch die Waffe nicht zum laufen oder?", fragte Powaqa aus der offenen Küche.

„Ja, sie funktioniert nur mit allen Steinen zusammen.“ Raven blickte auf seine Hand und konzentrierte sich kurz, denn er wollte überprüfen, ob sie auch wirklich den richtigen Stein bekommen hatten. Der Edelstein fing an zu leuchten und somit war klar, dass sie die Karten erst einmal zu ihren Gunsten gewendet hatten.

„Sie werden aber trotzdem hinter den restlichen Steinen her sein, weil sie hoffen, die Waffe in meiner Welt, auch wenn sie nicht komplett bestückt ist, nutzen oder die fehlenden Steine ersetzen zu können.“

„Kann man das?", fragte Powaqa und legte das Messer weg. Er hatte gerade ein paar Scheiben Fleisch fürs Mittagessen klein geschnitten, weil er einen großen Eintopf kochen wollte. Nach Nathans Sushi-Desaster vom Vortag nahm er die Ernährung besser selbst in die Hand, ehe wieder etwas auf den Tisch kam, was dem Kurzen nicht schmeckte und er noch meuterte. Doch Nathan trat jetzt in den Hintergrund. „Ich meine die Steine. Kann man sie ersetzen? Funktioniert das mit jedem Stein dieser Art?"

„Theoretisch schon.“ Raven legte den Stein auf den Tisch und setzte sich. „Sie kommen nicht natürlich vor, sondern wurden künstlich hergestellt. Es hat mehrere hundert Jahre und mehrere explodierte Labore gedauert, bis alle zusammen waren. Ich kann dir nicht erklären, was genau so schwierig ist, aber je mehr Steine sie bekommen, umso günstiger für sie.“

„Das heißt: nichts mit Hawaii, sondern diesen O'Rayley aufsuchen. Ich kann nur hoffen, dass Nathan was gefunden hat", sagte Doc und ließ sich auf die Couch fallen.

„Es wäre noch besser, wenn er auch über den Verbleib der anderen drei Steine etwas sagen könnte", murmelte Blade und wandte sich zur Tür, weil er den Jungen auf der Treppe hörte.

„Na, mal nicht gierig werden. Kinderarbeit ist sowieso strafbar", lachte Powaqa und sah dem Jüngsten der New Yorker Zelle entgegen. So wie der guckte, sollte man wohl auch lieber nicht zu viel erwarten.

„Wo dieser O'Rayley wohnt, hab ich herausbekommen, aber von den anderen Steinen gibt es keine Spur“, knurrte Nathan, der mit dem Ergebnis nicht zufrieden war. Er hatte wirklich alles versucht, aber außer dem, was sie schon wussten, war nichts herauszubekommen.

„Dann muss dieser O'Rayley uns das eben sagen. Schließlich muss er wissen, an wen sie weitergegeben wurden.“ Raven formulierte es absichtlich neutral, nicht, dass wieder ein Aufschrei durch die Gruppe ging. Auch wenn sich jeder denken konnte, wie in etwa seine Art der Befragung ausfallen dürfte.

„Schon wieder da?" Kenneth war in das Wohnzimmer getreten, weil die Stimmen ihn gelockt hatten. Taylor war noch einmal losgefahren, um etwas zu besorgen, doch ihn hatte es auf unerklärliche Weise hier her getrieben und er versuchte sich einzureden, dass es nicht Ravens Stimme gewesen war.

„Ja, es lief ganz gut", sagte Beth und erzählte kurz - auch für die anderen - was eigentlich passiert war. Auch die Stelle mit den zerstörten Steinen ließ sie nicht aus und der Dämon erntete ein paar strafende Blicke von allen Seiten.

„Was?“ Raven knurrte, denn langsam ging ihm das zimperliche Gehabe dieser Menschen wirklich auf die Nerven. Sie mussten ihren Feinden zuvor kommen und es brachte nichts, wenn sie immer nur Rücksicht nahmen. „Das waren nur Steine. Niemand ist zu Schaden gekommen und es hat ja schließlich auch geholfen.“

„Tja, er hinterlässt gern eine Schneise der Verwüstung", hatte Kenneth gesagt, noch ehe er sich selbst hätte daran hindern können. Als ihm klar wurde, was ihm da über die Lippen gekommen war, machte er große Augen und sah zu, dass er in die Küche kam. Am besten nahm er sich eine Flasche Cola und hielt seine Klappe. Er erkannte sich selbst kaum noch wieder.

Raven hatte zwar zu Kenneth gesehen bei dessen Worten, sein Gesicht war aber ausdruckslos. Nur seine kurz aufglühenden Augen zeigten an, dass er etwas verstimmt war. „Wenn ich das tun würde, sähe das bestimmt anders aus“, knurrte er und wollte erst noch etwas sagen, beließ es dann aber dabei. „Wann holen wir den Wasserstein?“, fragte er stattdessen.

„Lass uns erst einmal klären, wo der Mann genau wohnt und wie wir an ihn heran kommen. So leicht wie mit Foster wird das nicht werden, weil O'Rayley die Außenwelt von sich fern hält. Da bekommen wir keinen Termin und spazieren durch die Vordertür", sagte Powaqa und setzte sich auf die Theke. Er grübelte schon den ganzen Tag, wie es weiter gehen konnte, wenn die erste Mission geglückt war, doch er war bisher zu keinem Ergebnis gekommen.

„Wir müssen ihn entweder vor die Tür und zu uns locken oder einbrechen. Mehr Wege sehe ich nicht", sagte Nathan trocken. Er war immer noch in seiner Ehre als Hacker gekränkt, weil es Dinge gab, die er nicht herausfinden konnte.

„Wenn ihr mir sagt, wo ich hin muss, hole ich ihn und den Stein. Ihr werdet doch bestimmt Möglichkeiten haben, herauszukriegen, was ihr wissen wollt.“ Powaqa hatte doch gerade gesagt, sie wussten, wo dieser O'Rayley wohnte. Wo war das Problem, da hin zu gehen und ihn zu holen?

„Und damit Aufsehen auf uns lenken?", fragte Powaqa nachdenklich, doch die Idee an sich war nicht übel. „Kannst du ihn so schnell holen, dass er gar nicht weiß, was los ist? Am besten mit dem Stein?"

„Warum den Kerl erst her holen und auf uns aufmerksam machen?", knurrte Nathan, der das nicht verstand. „Wenn Raven schon einbricht, dann soll er lieber den Stein holen als den Kerl."

„Aber wir brauchen Informationen, wo die anderen Steine sind", sagte Blade bestimmt und Nathan nickte verstehend.

„Fragt sich nur, ob er redet, wenn man ihn entführt. Was wollt ihr ihm sagen? Die Wahrheit?" Beth seufzte, denn das war eine schwere Frage. Dieser Mann war alt, da mussten sie vorsichtig sein, denn er sollte nicht zu Schaden kommen. „Es gäbe Drogen, die wir nutzen könnten, aber da müssen wir erst einmal Doc fragen und wir machen nicht auf uns aufmerksam, wenn er nicht weiß, wer ihn entführt hat. Vielleicht kann auch Raven…?“ Sie sah den Dämon an. „Kannst du etwas aus seinem Gedächtnis holen, ohne dass er Schaden nimmt?“, fragte sie und Raven nickte, wenn auch zögernd.

„Es könnte sein, wenn er schläft. Ich müsste es probieren. Wie bei Ken brauchte ich dazu Körperkontakt.“

Unmerklich zuckte Kenneth bei der Nennung seines Namens zusammen, noch mehr, als der Körperkontakt thematisiert wurde. Er musste sich nur daran erinnern und sein Körper fing an zu beben. Das war nicht gut. Besser er setzte sich wieder ab, denn zu etwas beitragen konnte er hier sowieso nicht. Also verschwand er heimlich, während Beth und Raven überlegten, ob es gut wäre, O'Rayley heute Nacht zu besuchen.

Einen Versuch war es wert.

Und leider hatten sie nur einen.

Sobald der Mann alarmiert war, wurde es schwerer.

„Machen wir es heute Nacht“, sagte Raven schließlich und beendete die Diskussion. Es wurde nicht einfacher, je länger sie warteten. Wieder einmal fiel es ihm schwer, sich unterzuordnen. Er war es gewohnt, Befehle zu geben, die befolgt wurden.

Der Dämon stellte sich an die Verandatür und blickte in den Garten und auf den Pool. Dabei klinkte er sich aus der Diskussion aus, weil es für ihn selber nichts mehr brachte. In seiner Hand hielt er den Stein und wieder einmal versuchte er Ruhe zu finden. Dieser langsame Stil der Menschen machte ihn wahnsinnig. Wenn es nach ihm ginge, hielt er jetzt schon den zweiten Stein in Händen.

Es war so schwer, sich anzupassen. Nein, mit jeder Minute, die er hier verbrachte, war es ihm klarer: das hier war nicht seine Welt. Am besten powerte er im Trainingsraum, dann kam er nicht auf dumme Gedanken. Der Rest hatte sich sowieso schon wieder anderen Themen zugewendet.

Wie schnell die Menschen doch von ihren Zielen abkamen.

Darum achtete er nicht weiter auf sie und ging trainieren. Egal was bei der Diskussion herauskam, er würde den Besitzer des Wassersteins heute Nacht holen und den Stein auch. Die Schultern rollend ging Raven die Treppe hinunter, in den Keller. Die Untätigkeit setzte ihm zu. Er war es gewohnt, Truppen zu befehligen und Schlachten zu schlagen. Hier lungerte er den ganzen Tag nur herum und wenn er sich doch einmal ein bisschen Spaß gönnte, wurde er von allen Seiten kritisiert. Wie hatte solch eine verweichlichte Rasse nur diesen Planeten bevölkern können?

„Was wird eigentlich, wenn die restlichen Steine nicht hier auf dem Kontinent liegen?", fragte Beth, die schon die stille Befürchtung hatte, dass ihre Freunde sich dann wieder absetzen mussten, weil sie ihre Mission hatten. Die Zeit, in der sie sich gesehen hatten, war einmal mehr viel zu kurz.

„Hoffen wir, dass es nicht so ist.“ Doc lächelte ein wenig wehmütig, denn er würde gerne noch etwas bei seinen Freunden bleiben, aber leider war das reines Wunschdenken. „Das werden wir hoffentlich heute Nacht erfahren, wenn Raven O'Rayley befragt. Ich hoffe nur, dass es den alten Mann nicht so sehr aufregt und er Schaden nimmt. Ich überlege, ob ich mitgehen soll.“

Beth strich sich durch die Haare und sah sich in der kleinen Runde um. Sie wechselte einen Blick mit Blade, der nickte. „Ich habe auf dem Weg zurück mit Blade gesprochen. Er hat ein Hotelzimmer gemietet, in das Raven diesen O'Rayley bringen soll. Allerdings machen wir uns Sorgen um dessen Gesundheit und wenn der mit Blade und Raven alleine ist, ist ein Herzkasper wahrscheinlich. Geh mit."

„Ja sicher“, sagte Doc. Für ihn war das keine Frage, dass er mitging, schließlich konnte man einen alten Mann mit diesen beiden nicht alleine lassen. Blade alleine war ja schon ziemlich Furcht erregend, aber noch einen ungeduldigen Dämon dabei, war garantiert zu viel. „Aber vorher brauch ich was zu essen. Was dauert denn da so lange, Pow?“

Der kam langsam hinter seinem Kochtopf vor. „Wenn du Fastfood willst, bestell was. Gutes Essen braucht seine Zeit", knurrte er und verschwand wieder hinter dem Topf, um weiter das Fleisch in Stücke zu schneiden. Dabei grummelte er leise und Halbsätze klangen so ähnlich wie: 'bin doch nicht der Koch hier', oder: 'hab auch noch andere Aufgaben'.

Doc lachte leise, aber so war das nun einmal, wenn man der einzige war, der wirklich kochen konnte oder wollte.

„Gut, dann mach ich noch ein wenig Augenpflege, denn heute Nacht werde ich nicht allzu viel Schlaf kriegen. Holt mich, wenn unser Gourmetkoch endlich fertig ist.“ Doc tippte sich grinsend an die Stirn und ging hoch in sein Zimmer.

„Gut, ich zieh mich auch um und dann kümmere ich mich solange um den Bürokram.“ Beth seufzte und erhob sich.

Und so dauerte es gar nicht mehr lange, da war Powaqa wieder allein mit seinem Kochtopf.


19

Lautlos landete Raven auf dem großen Balkon, hinter dem sich, wie sie recherchiert hatten, das Schlafzimmer ihres Opfers befand. Sie standen schon seit einiger Zeit in der Nähe des Anwesens und vor gut einer Stunde war das Licht gelöscht worden. Blade ging davon aus, dass Henry O'Rayley schlief. Um aber ganz sicher zu gehen, suchte Raven mit seinem Geist nach den Träumen des Hausherrn und beeinflusste ihn soweit, dass dieser nicht aufwachte, während er das Schloss der Balkontür knackte.

Es war ein Kompromiss gewesen, den Raven eingegangen war. Seine Art wäre es gewesen, die Tür einfach zu zerstören, aber das hätte die Nachbarn alarmiert. O'Rayley konnte er daran hindern zu erwachen, doch um die halbe Nachbarschaft konnte er sich im Augenblick nicht auch noch kümmern.

Im Zimmer war alles ruhig, als mit ihm der kühle Nachtwind durch die offene Tür drang. O'Rayley schlief tief und fest, so hatte Raven kein Problem, den alten Mann auf die Arme zu nehmen. Er würde auch nicht aufwachen, bis der Dämon ihm das erlaubte.

„Ich komme zurück“, meldete er kurz über das Headset, damit Blade schon den Wagen startete und sie gleich los konnten. Mit seiner Last trat er auf den Balkon und sprang auf die Brüstung. Dort breitete er seine Schwingen aus und flog lautlos, wie er gekommen war, zum Wagen. Sie konnten nur hoffen, kein wacher Nachbar sah gerade aus dem Fenster und alarmierte die Polizei.

„Los, fahr, nicht dass uns wirklich noch jemand gesehen hat", murmelte Doc. Er hatte sich zwar die ganze Zeit umgesehen, doch aufgefallen war ihm nichts. Zum Glück hatte ihr Fahrzeug eine Wendevorrichtung für das Nummernschild. Selbst wenn also jemand übereifrig notiert haben sollte, würde man sie nicht gleich finden.

Kaum dass O'Rayley neben ihm saß, fühlte er den Puls, doch der Mann schien bei guter Gesundheit zu sein. „Lass ihn schlafen bis wir da sind", sagte Doc. Das war sicher der einfachste Weg und machte das wenigste Aufsehen.

Raven nickte nur und hielt ihren Gast fest, damit er nicht nach vorne fiel, als Blade auf die Bremse treten musste, weil ihnen jemand die Vorfahrt genommen hatte. Der Fahrer konnte von Glück reden, dass Blade keine Zeit hatte, dem Idioten zu erklären, wofür Verkehrsregeln gut waren, zumindest für alle anderen, bei sich selber sah er das nicht so eng. Er gefährdete niemanden und er wusste, was er schaffen konnte und was nicht. Im Gegensatz zu vielen anderen war er sich seiner Grenzen im Schlaf bewusst und er reizte sie aus. Doch nicht heute Nacht, denn mit einem ohnmächtig schlafenden Mann im Wagen wollte er nicht von der Polizei aufgegriffen werden wegen irgendeines sinnlosen Vergehens.

Sie hatten sich ein zwielichtiges Hotel ausgesucht, das die Zimmer auch stundenweise an jeden vermietete, der gerade eines brauchte und nicht lange fragte, denn Daten zu hinterlassen, egal ob erlogen oder nicht, war nicht Blades Art. Er legte keine Spuren.

So betraten sie das Haus durch die Hintertür, damit der Portier sie nicht sah und schafften den schlafenden Mann hoch in ihr Zimmer. Zumindest oberflächlich machte es den Eindruck sauber zu sein und sie hatten nicht vor, lange genug hier zu bleiben, um das näher zu untersuchen.

„Leg ihn aufs Bett“, bat Doc Raven und wandte sich an Blade. „Wie machen wir das jetzt? Wecken wir ihn oder was?“, fragte er und sah zu dem Dämon. „Oder kannst du was von ihm erfahren, während er schläft? Kannst du sein Gedächtnis ausspionieren?“ Das wäre natürlich die einfachste Variante, aber Raven schüttelte den Kopf.

„Okay. Das ist ein Problem. Also müssen wir ihn wecken. Aber langsam", sagte Blade, weil er Docs warnenden Blick verstand. Der Mann hatte den Ruf, labil zu sein und seine Abgeschiedenheit würde auch nicht gerade dazu beitragen, dass er die Drei mitten in der Nacht in einem fremden Hotelzimmer mit großem Hallo begrüßte.

„Wir sollten ihm zumindest sagen, warum er hier ist und wo er hier ist und dass wir ihn nicht unter Drogen gesetzt haben oder so was. Er wird uns nicht trauen, das weiß ich auch", murmelte Doc überlegend, „doch einfach bedrängen und fordern ist nicht der Weg, ihn zum Sprechen zu bringen, glaube ich."

„Ich hätte da einen Vorschlag“, meldete sich Raven zu Wort. „Ich kann diesen O'Rayley in seinem Traum besuchen. Das könnte uns einige Erklärungen ersparen, weil ich ihm zeigen kann, wer ich bin, warum ich hier bin und was ich will. Das wäre vielleicht die schonendste Art, Informationen von ihm zu bekommen, wenn wir ihn geweckt haben.“

Doc verstand zwar nicht, was Raven in dem Traum anderes sagen konnte als zu einem wachen O'Rayley, doch der Dämon wusste das sicher besser, also nickte er zustimmend. Für alle Fälle stellte er seine Tasche bereit, in der er Kreislaufmittel und andere Erste-Hilfe-Medikamente bereithielt. Er setzte sich neben den Mann auf das Bett und beobachtete ihn genau. Er wollte eingreifen können, sollte der Traum ihn zu sehr aufregen. Deswegen hatte er auch den Puls ständig im Auge.

„Leg los.“ Blade hatte sich an der Tür postiert, damit sie von dort keine böse Überraschung erlebten und sah zu, wie Raven sich auf einen Stuhl setzte und die Augen schloss. Erst einmal passierte gar nichts, aber dann wurde ihr Gast etwas unruhig. Raven hatte sich Zugang zu Henry O'Rayleys Traum verschafft und orientierte sich kurz, ohne sich bemerkbar zu machen. Erst einmal studierte er den Mann, der ihnen weiterhelfen sollte.

Doch er träumte merkwürdige Sachen. Die Menschen, die Raven auf seiner Suche bis jetzt besucht hatte, hatten nicht so schwere Kost zu verdauen wie der Mann. Es schien, als würde er etwas mit sich herum tragen, was ihm die Luft zum Atmen nahm. Es war düster in diesem Traum, erdrückend. Von überall kamen Stimmen, Henry rannte. Immer wieder sah er sich panisch um, versuchte zu schreien, doch kein Ton kam über seine Lippen.

Panik.

Etwas schien ihn zu quälen und als Raven sich ihm zeigte, schrie Henry auf und wich zurück. „Was wollt ihr noch, ihr habt doch den Stein schon“, rief er panisch und stolperte gegen eine der Mauern. Er hob die Hände. „Ich hatte nur den einen“, jammerte der alte Mann und Raven knurrte. Hier waren sie wohl zu spät gekommen.

„Wo sind die anderen Steine“, fragte er darum und hoffte, dass ihre Gegner nicht danach gefragt hatten. Doch er wurde enttäuscht, als O'Rayley die Hände vor das Gesicht schlug und in die Knie sank. „Das habe ich euch doch schon gesagt", murmelte er leise, „wie lange wollt ihr mich noch quälen?" Der ausgemergelte Körper zitterte und er schlang schutzsuchend die Arme um sich.

Nein, sie hätten es damals nicht tun dürfen - sie hätten die Steine aus dem Grab niemals an sich nehmen dürfen!

„Beantworte meine Frage, wenn du nicht täglich gequält werden willst.“ Raven war wütend, das hörte man deutlich an seiner Stimme, aber er nahm sich zurück. Er konnte spüren, wie schnell das Herz des alten Mannes schlug und es sogar ab und zu ins Stolpern kam. „Sag mir, was ich wissen will und ich werde gehen.“

„Das habt ihr schon einmal gesagt und seid zurückgekommen. Verdammt noch mal!" O'Rayley sprang auf wie ein verletztes Tier. „Ich weiß nicht, wo der Schwarze und Steven hin sind. Ich weiß nur, dass Jun in Hongkong lebt. Wie oft muss ich euch das noch vorbeten, ehe ihr mich endlich in Ruhe lasst?" Seine Stimme war rau und seine Augen angstgeweitet. Er hatte immer gewusst, dass der Tag kommen würde, an dem der Fluch sie ereilte. Er hatte gehofft, dann tot zu sein und nach Fosters Anruf vorhin war ihm klar, dass ihm Gnade nicht zuteil werden konnte.

„Genauer“, knurrte Raven und ließ einen Feuerball in seiner Hand schweben. „Wenn uns deine kümmerlichen Worte was nützen würden, dann wäre ich nicht hier. Sag uns alles, was du weißt oder du wirst sterben.“ So langsam war es ihm egal, ob dieser Jammerlappen starb. Ihre Gegner hatten einen Vorsprung, den sie unbedingt aufholen mussten.

„Ich weiß nicht mehr, als ich euch gesagt habe. Lasst mich doch endlich zufrieden!" O'Rayley sprang auf und lief los, egal wo hin, Hauptsache weg von diesem Angst einflößenden Kerl! Diese glühenden Augen, die schwarzen Schwingen - das war nicht einfach nur ein Geist, das war noch mehr.

Viel mehr!

Gefährlicher.

Er musste weg - schnell!

„Wir brauchen die vollständigen Namen.“ Raven lief Henry hinterher und packte ihn schließlich am Kragen, aber als er den Mann zu sich umdrehen wollte, glitt er ihm aus den Händen und er selber wurde ziemlich schmerzhaft aus dem Traum gerissen.

„Verdammt, was soll das!“, knurrte er und blinzelte, weil er sich erst wieder orientieren musste. „Warum hast du ihn aufgeweckt? Jetzt wissen wir nicht mehr als vorher.“

„Das ist mir im Augenblick ziemlich egal. Ich weiß nicht, was du in seinem Traum mit ihm angestellt hast, aber dass du ihn um ein Haar umgebracht hättest, steht außer Frage." Doc hatte im Augenblick wirklich andere Sorgen, als diese blöden Steine. Sie hatten einen, die anderen waren nutzlos und wenn Raven so mächtig war, wie er immer tat, musste er den anderen Dämonen die Steine eben abjagen. Doch Menschenleben gingen für den Arzt vor.

„Der Deal lautete: keine Leichen, sei froh, dass ich dafür gesorgt habe, dein Versprechen zu halten!" Hastig spritzte er O'Rayley ein Mittel, denn der Mann war bewusstlos und stand kurz vor einem Kreislaufschock. „Komm schon, alter Mann", knurrte Doc leise.

„Ich habe gar nichts gemacht, das haben schon die erledigt, die jetzt seinen Stein haben und wissen, wie die anderen Männer heißen.“ Raven war wütend. Er versagte nicht und jeder, der ihn daran hinderte, seine Mission zu erfüllen, bereute das. „Weck ihn auf, damit ich die Namen aus ihm herausholen kann.“ Der Dämon stand auf und beugte sich über Henry, packte ihn am Kragen und schüttelte ihn. Es war ein Reflex, dass Doc ihn kräftig in die Seite stieß. War der Mistkerl noch zu retten? Es zeigte sich einmal mehr, dass man sich auf den Dämon nicht verlassen konnte. Er ging über Leichen, sein Wort war nichts wert.

„Blade! Wenn du zulässt, dass dieser Idiot den Mann hier umbringt, dann steige ich aus!", zischte Doc aufgebracht und der Soldat griff sich Raven und zog ihn zu sich. Er wusste ganz genau, dass Doc diese Drohung wahr machte, denn das Leben seiner Patienten ging ihm als Arzt über alles.

„Ich stabilisiere ihn und ihr bringt ihn zurück." Das hatte doch keinen Sinn.

Wütend machte sich Raven von Blade los, aber er blieb dem Bett fern. So langsam wurde ihm bewusst, dass er sich mit diesen Menschen Fesseln angelegt hatte, die sich nun rächten, aber er stand zu seinem Wort, wenn auch nur Zähne knirschend. „Dann lass ihn schlafen, denn wenn er mich sieht, wird das nicht dazu beitragen, dass er überlebt.“

„Was hat er dir gesagt und was ist mit den anderen?", fragte Blade, denn Doc widmete sich wieder ganz seinem Patienten. „Sie haben den Stein oder? Auch die Namen? Kannst du sie irgendwie erreichen?" Er wusste, dass er Fragen stellte, die Raven ihm nicht beantworten konnte, selbst wenn er wollte. Doch zu wissen, dass der Feind ihnen einen Schritt voraus war, weil sie schon zwei Teile der Waffe hatten, war ein beklemmendes Gefühl und er war niemand, der gern verlor.

„Sie haben seinen Stein und sie wissen, wer die anderen hat. Er hat nur etwas von einem Schwarzen und einem Steven geredet, von denen er nicht weiß, wo sie sind und von einem Jun in Hongkong. Er wollte gerade mehr sagen, als Doc ihn geweckt hat.“ Auch wenn er das nicht unbedingt beabsichtigte, klang die Stimme des Dämons vorwurfsvoll.

„Er hätte diese Information mit dem Leben bezahlt. Ich weiß, dass dir das nichts bedeutet, uns schon", knurrte Doc, der nicht einsah, dass er jetzt der Schuldige sein sollte.

„Doc, lass", sagte Blade und widmete sich wieder ganz Raven. „Wir müssen an die Informationen kommen. Kannst du ihn nur beobachten? In seinen Gedanken? Ich meine, anwesend sein, ohne dass er dich sieht oder hört. Vielleicht denkt er an die Leute oder sie melden sich bei ihm." Man merkte - und das war extrem selten - dass Blade verzweifelt war. Er wusste nicht weiter. Sein Blick fiel auf O'Rayley, doch Doc zischte ihn an, dass er nicht einmal daran denken sollte.

„Nein, kann ich nicht, das funktioniert nur, wenn er schläft. Wir müssen etwas anderes finden, wenn er überleben soll.“ Raven war frustriert und das machte ihn gereizt. Ihm war danach, etwas zu zerstören, aber er ließ es, damit sein Konflikt mit Doc nicht eskalierte. Das konnte er später noch machen, wenn niemand es mitbekam. „Sag Nathan, dass er in den Aufzeichnungen nach Ähnlichkeiten zu dem suchen soll, was O'Rayley uns gesagt hat.“ Er ballte die Fäuste und atmete tief durch. Er musste etwas tun, dieses Abwarten und Suchen war nichts für ihn.

„Und was ist, wenn wir den letzten Trumpf", dabei deutete Doc auf Raven, „ausspielen? Ich weiß, dass die anderen Dämonen eigentlich noch nicht wissen sollen, dass Raven hinter ihnen her ist. Aber sie sind die einzigen, die Bescheid wissen und wenn wir uns irgendwie an ihre Spur heften könnten, wäre das nicht ganz verkehrt, oder?" Es war ja nicht so, dass er sich keine Gedanken machte. Fragend sah er den Dämon an, fühlte dabei zufrieden O'Rayleys Puls, der wieder stabiler wurde und langsamer.

Jetzt, wo sie über etwas redeten, wobei Raven sich auskannte, wurde der Dämon ruhiger und kurz zeigte sich Anerkennung in seinem Blick. „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben. Sie haben die Informationen, die wir brauchen und wir müssen wissen, was sie wissen. Ich muss sie suchen und zur Strecke bringen. Wir sollten uns vielleicht aufteilen. Blade und ich jagen sie und ihr versorgt uns mit Informationen.“

„Wenn sie O'Rayley heimgesucht haben, wissen sie vielleicht noch nicht, dass Foster seinen Stein verkauft hat. Vielleicht sind sie noch in der Stadt." Docs Blick lag auf seinem Patienten, dem es wieder gut ging und so erhob sich Doc langsam. Vielleicht sollten sie ihn hier lassen und das Zimmer bezahlen. Wenn er zu sich kam, fand er schon nach Hause.

„Hm“, überlegte Raven. Das war etwas, was gut sein konnte und wahrscheinlich die beste Gelegenheit, auf die anderen Dämonen zu treffen und sie vielleicht zu töten. „Gut, aber wir müssen flexibel sein. Blade bleibt bei mir. Ich bin schneller in der Stadt unterwegs und Blade kann ich ohne Probleme mitnehmen.“

„Willst du jetzt gleich los?", fragte Doc etwas irritiert, weil der Dämon sich zum Gehen rüstete. „Dann lasst mir wenigstens den Wagen da, damit ich nach Hause komme." Er schloss seine Tasche und sah noch einmal auf O'Rayley hinab, der wieder ruhig lag. Der Mann tat ihm leid. Was würde ihn für Panik ergreifen, wenn er morgen früh hier zu sich kam? Doch das konnte jetzt nicht ihr Problem sein.

„Nimm den Wagen, wir brauchen ihn nicht. Wir fliegen vor.“ Raven wandte sich schon ab und bedeutete Blade, ihm zu folgen. Er wollte aufs Dach, von dort konnten sie am einfachsten starten.

Doc griff sich seine Tasche mit festen Händen und sah ein letztes Mal auf O'Rayley. „Verzeihen Sie uns", flüsterte er fast tonlos und verschwand mit dem Autoschlüssel, den Blade ihm zugeworfen hatte, ehe er dem davon stürmenden Raven folgte, dessen Laune nicht gerade die beste zu sein schien.

Doc stieg die Hintertreppe nach unten und ging zum Wagen, darauf achtend, dass keiner ihn sah. Kaum im Wagen telefonierte er mit dem Hauptquartier, während er den Weg nach Hause antrat.

Davon ausgehend, dass seine Anweisungen erfüllt wurden und Blade ihm folgte, lief Raven aufs Dach und drehte sich erst dort um. „Halt dich an mir fest, ich halte dich zusätzlich, dann funktioniert es am besten“, erklärte er dem Soldaten, der neben ihm stand. „Wir werden recht hoch fliegen, damit wir nicht durch die ganzen Häuser behindert werden.“

„Mach das, aber achte drauf, dass man uns nicht bemerkt", war alles, was Blade dazu zu sagen hatte. Er schlang seine Arme fest um den Dämon und nickte ihm kaum merklich zu.

„Sicher“, war die knappe Antwort und Raven ließ seine Flügel erscheinen. Er schüttelte sie einmal kurz durch, legte seine Arme um Blade und sprang vom Dach. Erst fielen sie ein paar Meter, dann hielten die Schwingen den Fall auf und mit kräftigen Flügelschlägen brachte Raven sie immer höher, bis sie die meisten der Hochhäuser unter sich gelassen hatten, erst dann nahm er Geschwindigkeit auf und flog in Richtung ihres Zieles.

Sie kamen schnell voran und nach gut zehn Minuten setzte Raven Blade auf dem Rasen vor ihrem Ziel ab. „Bleib hier. Ich überprüfe, ob sie schon da sind. Bleib in Deckung, egal, was passiert. Du hättest keine Chance gegen sie. Wenn ich deine Hilfe brauche, gebe ich dir ein Zeichen.“

„Okay." Blade nickte. Es war die logische Konsequenz dessen, was er bereits über Raven und die anderen Dämonen wusste. So schob er sich etwas weiter in den Schatten, den das Haus auf die Wiese warf. Er sorgte nur dafür, dass er nicht hinterrücks angegriffen wurde und in keine Falle laufen konnte. Den Rest überließ er Raven.

Der war schon losgelaufen und in der Dunkelheit war er kaum zu sehen. Noch war niemand da, das konnte er spüren, darum kletterte er auf einen Baum, von dem er einen guten Blick über das Haus und das Grundstück hatte. So kam niemand ungesehen an ihm vorbei. Er gab nur schnell Blade durch, wo er war und wartete dann ab. Hoffentlich waren ihre Gegner so berechenbar, wie er annahm.

Er wusste, dass er sich nicht verrechnet hatte, als eine Gestalt, die ganz bestimmt nicht hier her gehörte und auch nicht durch das Tor gekommen war, auf dem Dach des Hauses landete. Gerade dort, wo der private Bereich von Foster lag. Folglich wusste der Fremde ganz genau, was er wollte und wohin er wollte und wenn er nicht durch das Tor kam, hatte er etwas zu verbergen.

Langsam, ohne ein Geräusch zu machen, sprang Raven vom Baum und huschte im Schutz der Dunkelheit zum Haus. Er wusste, nach welchen Strategien Dämonen vorgingen und so war er vorbereitet, als jemand neben ihm landete. Der Andere hatte Raven nicht bemerkt, so war es ein Leichtes für ihn, ihn anzugreifen und erst einmal außer Gefecht zu setzen. Auch wenn er Rogan kannte und wusste, dass er nicht besonders stark war, war es besser, ihn erst zu fesseln, bevor er sich näher mit ihm beschäftigte.

Ein gezielter Griff in den Nacken und ein kleiner Ruck mit den Fingern nach oben und schon sank der Dämon in sich zusammen. Er hatte sicher noch nicht einmal begriffen, was passiert war, so schnell hatte Raven ihn überwältigt. Nun lag er zu dessen Füßen und rührte sich nicht mehr.

So konnte er allerdings nicht bleiben, denn sie brauchten Informationen. Dazu musste der Bewusstlose wieder geweckt werden, denn Raven konnte seinen Geist nur mit einem anderen verbinden, wenn dieser auch wach war. Routiniert, weil er das schon tausende Male gemacht hatte, fesselte Raven den anderen Dämon und winkte Blade.

Der Soldat beeilte sich zu Raven zu laufen und sah sich das alles von Nahem an. „Ist das einer von denen?", fragte er und auch wenn er es wollte, ganz konnte er die Abscheu aus seiner Stimme nicht verdrängen. Doch er wandte sich ab und blickte Raven an, schließlich hatte er ihn sicherlich nicht umsonst gerufen.

„Japp, wenn auch nur der Schwächste, aber das ist egal, denn ich will nicht mit ihm kämpfen, sondern erfahren, was er weiß.“ Raven zog den Bewusstlosen hoch. „Halt ihn fest, ich mach ihn wach“, gab er knapp Anweisung und drang dann ohne Vorwarnung in den anderen Geist ein. Das war schmerzhaft und müsste Rogan aufwecken. Dabei war es Raven egal, wenn er Schaden anrichtete, sein Opfer überlebte sowieso nicht und das verriet auch dessen Blick, als er die Augen aufschlug und schlagartig Raven vor sich sah. Doch er kam nicht dazu, zu schreien, er war wie gelähmt.

Blade hielt den Dämon fest und hatte mit mehr Widerstand gerechnet, doch Raven schien das Ding so fest in seiner Gewalt zu haben, dass der sich kaum noch wehrte. Er zitterte nur, die Muskeln krampften. Blade war klar, dass der Kerl Schmerzen litt. Doch er spürte kein Mitleid.

Genauso wenig wie Raven, der immer tiefer in den fremden Geist eindrang und jede Barriere, die sich ihm in den Weg stellte brutal einriss. Sein Opfer war ihm nicht gewachsen und so erfuhr Raven schon nach kürzester Zeit, was er wissen wollte. Alle Informationen, die ihre Gegner von O'Rayley erhalten hatten, lagen vor ihm und Raven lächelte schmal. Jetzt hatten sie wieder Gleichstand, aber etwas beschäftigte ihn noch. Warum war Rogan alleine hier und was machten die anderen? Irgendwo musste diese Information sein, er musste nur suchen.

„Komm schon", knurrte er leise und durchpflügte den fremden Geist ohne Rücksicht auf Verluste. „Wo sind die kleinen, miesen Ratten." Doch er fand einfach keine Lösung. Dass dieser Wicht etwas vor ihm verheimlichen konnte, wollte Raven nicht glauben - er wäre der erste, dem das gelänge. Aber Dämonen waren sich immer selbst die Nächsten. Man traute sich nur so weit, wie man spucken konnte. Es war also gut möglich, dass man Rogan nur vorgeschickt hatte, um zu testen, ob die Luft rein war. Es war also indirekt eine Falle gewesen, um zu sehen, ob man ihnen schon auf der Spur war und Raven war hineingetappt.

Verdammt!

Raven knurrte und zog Rogan an sich, so dass dieser ihm in die Augen sehen musste. Ihm war klar, dass die Drei miteinander verbunden waren und jetzt wussten, wen man hinter ihnen hergeschickt hatte. Das spielte keine Rolle mehr. „Ihr werdet sterben – alle“, sagte er mit einem wölfischen Grinsen auf den Lippen. Rogans Augen weiteten sich, als er das hörte und er versuchte sich zu wehren, aber er konnte sich nicht rühren. So konnte er nur untätig zusehen, wie Ravens Augen sich rot färbten, die ersten Flammen über dessen Körper züngelten und sie schließlich beide einhüllten.

Blade, der vor den Flammen zurückgeschreckt war, staunte, denn obwohl er den Dämon immer noch in seinem Griff fest hielt, spürte er weder Schmerz noch Hitze, obwohl die Flammen ihn berührten. Das war faszinierend und so war es ihm fast unmöglich, seinen Blick von den beiden Dämonen zu nehmen. Er ahnte, was folgen würde und er war sich nicht sicher, ob er das sehen wollte. Doch eines wurde ihm gerade klar: Raven war nicht wie sie und er hatte sich in den letzten Tagen sehr zurückgehalten.

Von Rogan war nicht mehr viel zu sehen, denn sein Leib stand in Flammen. Immer wieder krümmte sich der brennende Körper, so dass Blade ihn losließ. Er war froh, dass er nicht viel sehen konnte, da die Flammen sehr dicht waren und alles, was passierte, verbargen. Schneller, als bei normalen Bränden, fraßen sich die Flammen durch den Dämon und schon nach wenigen Minuten fiel das, was von ihm übrig war, auf den Boden, wo das erlöschende Feuer nur ein Häufchen Asche übrig ließ.

Blade warf einen fragenden Blick darauf, doch dann faste er sich wieder und nickte stumm. Langsam gingen sie nebeneinander her. Niemand hatte sie bemerkt, wie es schien und so fragte Blade leise: „Wer hat den Stein von O'Rayley? Der sicher nicht, hm?"

„Nein, den haben die anderen beiden und sie wissen nun, dass ich hinter ihnen her bin. Er war so etwas wie eine Falle und ich bin hineingetrampelt.“ Raven knirschte mit den Zähnen und ballte die Fäuste. „Aber das ist nicht mehr zu ändern. Zumindest wissen wir jetzt, was O'Rayley ihnen gesagt hat.“

„Und was hat er gesagt?", fragte Blade, als er hinter Raven zurück ins Dunkel ging, wo sie sich auf ihren Rückweg vorbereiten konnten, ohne gesehen zu werden. Auf die Falle, in die der Dämon getappt war, ging er nicht ein. Er konnte sich denken, dass es Raven schon unangenehm genug war, es zugeben zu müssen. „Werden wir Amerika verlassen müssen, wenn wir die anderen Steine finden wollen?"

„Wenn Hongkong nicht in Amerika liegt, dann schon.“ Raven grinste schmal und blieb stehen. Von hier konnten sie ungesehen starten, aber erst einmal lehnte er sich an einen Baum. Die Informationen, die er bekommen hatte, waren leider nicht so genau, wie er es gewünscht hätte. „Da gab es noch einen Schwarzen, von dem O'Rayley nicht viel wusste, nur den Vornamen Muntwene und das Land, in dem er geboren wurde. Tansania. Dann wäre da noch ein Schotte, Steve Mc Namara.“

„Ich würde fast sagen, Schottland wäre der nächste Weg, aber leben die Leute noch da, wo O'Rayley sie vermutet?" Blade rollte die Schultern und sah sich noch einmal in dem großzügigen Garten um. Das kleine Aschehäufchen neben der Hauswand fiel gar nicht auf, nicht einmal, wenn man genau wusste, wo man hinsehen musste.

Die Kids bekamen wieder Arbeit. Sie sollten sich hinter die Computer klemmen und mit den neuen Daten auf Suche gehen.

„Sie hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr und so konnte er das nicht mit Bestimmtheit sagen. Der einzige, bei dem er sich sicher war, ist bei dem Chinesen Jun Xao Pen. Er ist krank und lebt in seinem Haus in Hongkong. Sie hatten wohl ab und zu Kontakt.“ Frustriert schlug Raven gegen den Baumstamm, der bedrohlich knirschte und einen Riss bekam. „Fliegen wir zurück, hier können wir eh nichts mehr machen.“

„Ja, sollen die Jungs mal forschen, was sie unter diesem Namen in Hongkong alles finden." Blade klammerte sich wie vorhin an Raven fest, als der die Flügel ausbreitete und sich langsam erhob. Viel war es nicht, was sie in Erfahrung gebracht hatten, doch es waren nun nur noch zwei Dämonen, die sie jagten.

Sie sprachen nicht mehr während des Fluges und als sie am Hauptquartier angekommen waren, ging Raven gleich in sein Zimmer und überließ es Blade, zu berichten. Der Dämon wollte sich duschen und dann darüber nachdenken, wie sie am besten weiter vorgingen und was sich für sie geändert hatte, seit ihre Gegner wussten, wer hinter ihnen her war.

In seinem Zimmer angekommen, zog er sich aus und streifte kurz das leere Bett und erst jetzt hörte er die Dusche rauschen, was ihn aber nicht daran hinderte, das Badezimmer zu betreten und die Tür der Dusche zu öffnen. Dort war genug Platz für ihn und Kenneth, der sich schon von dem warmen Wasser berieseln ließ.

„Mach, dass du raus kommst, du Arschloch", knurrte Kenneth ihn plötzlich beängstigend ruhig an und man sah am Zittern seines Körpers, dass es ihn Unmengen Kraft kostete, nicht zu schreien. Er zog es vor, sich nicht umzusehen, denn er wusste ganz genau, wer es wagte, ungefragt zu ihm in die Dusche zu kommen. Kein anderer wäre so dreist. Kenneth schlang die Arme fest um sich und starrte stur an die Wand vor sich, während das warme Wasser in den Wunden brannte.

Raven hob nur eine Augenbraue über diese Begrüßung und schob Kenneth einfach ein wenig zur Seite, damit er sich unter das Wasser stellen konnte. Es war ihm doch egal, was sein Zimmergenosse zu meckern hatte. Schließlich war das hier auch seine Dusche und die hatte er jetzt dringend nötig.

„Fass mich noch einmal an und ich bring dich um", schrie Kenneth plötzlich aus heiterem Himmel und schubste Raven so weit von sich, dass der ihn nicht mehr berühren konnte. Angst sprach aus seinen Augen, als er Raven anblickte und die Wunden auf Brust und Armen bluteten noch immer. In dünnen, roten Rinnsalen liefen sie an seinem Körper hinab und das Wasser wusch sie immer wieder von neuem weg.

„Was?“ Langsam hatte Raven wirklich genug. Erst hatten ihre Gegner ihn reingelegt und nun zickte Kenneth, etwas, was er gar nicht mochte. Er setzte schon zu einer scharfen Erwiderung an, als er die blutenden Wunden sah. Seine Augen weiteten sich und plötzlich wusste er, womit die anderen beiden Dämonen beschäftigt waren, als er Rogan getötet hatte. „Shit“, fluchte er leise und sah Kenneth an. Er hatte das zweite Mal versagt.

„Ah, ist dir auch aufgefallen, dass du diese Nacht vielleicht etwas vergessen hast", zischte Kenneth, als er aus der Dusche trat. Er hatte genug und wollte nur noch Ruhe. Die Angst davor, wieder einzuschlafen, saß ihm im Nacken und doch verlangte sein ausgelaugter Körper nach Ruhe. Also griff er sich eines der Handtücher und drückte es auf die größten Schnitte.

Verdammt, das brannte wie die Hölle!

Doch er wollte Doc nicht stören.

Raven sah ihm hinterher und versuchte nichts kaputt zu machen, als er gegen die Fliesen schlug. Was sollte dieser Scheiß denn? Er war hier, um diese Dämonen zu finden und war kein Babysitter. „Wozu kannst du Barrieren bauen, wenn du sie nicht benutzt?“, knurrte er sauer und nur weil er versprochen hatte, niemanden zu töten, lebte Kenneth noch, denn niemand redete ungestraft so mit Satans Stellvertreter.

„Leck mich, du Wichser." Kenneth wusste nicht, was er noch sagen sollte. Er war fertig, er wollte seine Ruhe und ein paar Schmerztabletten wären auch nicht übel gewesen. Auf der einen Seite war Raven derjenige, nach dem er in seiner Panik gerufen und der ihm nicht geholfen hatte - auf der anderen Seite war der Dämon der letzte, den er sehen wollte. Also warf er sich schnell ein Shirt über und stieg in Shorts, ehe er auf eine Ecke vom Bett sank. Sein ganzer Körper pulsierte und die Augen schmerzten, weil sie langsam trocken wurden, doch er wagte nicht, sie zu schließen. Zu tief saß die Angst, dass diese Bestien wieder kamen. Und dieser Idiot Raven hatte nichts Besseres zu tun, als ihm zu erklären, er könne doch Barrieren bauen. So konnte man sich also auf das Wort eines Dämons verlassen. „Arschloch."

„Ganz bestimmt nicht, denn das würde dir ja gefallen.“ Ravens Stimme war eiskalt, denn er war wütend und wenn er sich nicht beherrschte, ging gleich das Zimmer in Flammen auf. Sein Körper dampfte, als er sich wieder anzog und dabei das Wasser auf seiner Haut trocknete. Ohne sich noch einmal umzusehen ging er aus dem Zimmer und aus dem Haus. Er musste etwas tun, damit er vor Wut nicht platzte und da reichte der Trainingsraum nicht aus.

Kenneth konnte ihm nur nachsehen und wusste nicht, was er noch sagen sollte. Er fühlte sich auf unerklärliche Weise durch Ravens Worte verletzt, doch das wollte er nicht zulassen. Also griff er sich die Fernbedienung und machte den Fernseher an. Es war zwei Uhr in der Nacht und die anderen Zimmer lagen still. Doch an Schlaf war nicht zu denken.


20

„Uups“, murmelte Doc, als Raven mit wütend verzogenem Gesicht an ihm vorbeirauschte und ihn beinahe umrannte. „Was hat der denn schon wieder?“ Da der Dämon aus Kens Zimmer gekommen war, konnte er sich denken, dass die beiden sich in die Wolle bekommen hatten. Er sollte besser einmal nach Kenneth sehen. Darum klopfte er an die Tür. „Alles in Ordnung, Ken? Kann ich reinkommen?“, rief er leise.

„Würde es dich abhalten, wenn ich nein sage?", knurrte Kenneth und griff sich ein Kissen, dass er sich gegen die Brust drückte, denn die Wunden hatten leichte Blutschlieren durch das Shirt gedrückt, was er trug. Wenn Doc das sah, war die Hölle los und er musste sich erklären und dabei war doch alles, was er wollte, das Geschehene so schnell wie möglich zu vergessen. Die Fratzen, die Krallen, die drängenden Fragen. Panik kratzte ihm langsam über das Rückgrat nach unten und ließ ihn erschauern.

„Du kennst mich doch“, lachte Doc leise und lugte durch die Tür. Er grinste und kam vollständig ins Zimmer. „Was ist unserem Dämon denn über die Leber gelaufen? Er hat ein Gesicht gemacht, als wenn er jeden in einen Haufen Asche verwandelt, der ihn nur anspricht.“ Doc setzte sich neben Kenneth und sah ihn an. „Was ist los?“, fragte er, denn sein Freund wirkte ein wenig verstört.

„Was weiß ich, was mit dem Flachwichser los ist. Ich bin doch nicht sein Kindermädchen. Wenn er Berserker spielen will, werde ich mich dem sicher nicht in den Weg stellen." Er war doch nicht lebensmüde. Kenneth drückte lieber das Kissen dichter gegen sich und versteifte sich auf die Talkshow, die er sich angestellt hatte, um sich zu berieseln. Vielleicht ging Doc ja wieder, ohne etwas zu bemerken, wenn man ihn nur intensiv genug ignorierte.

„Habt ihr euch gestritten?“ Doc ließ nicht locker, so wie Kenneth sich das wünschte und sah zu ihm hinüber. Dabei fielen ihm die Kratzer auf, die sich über die Arme seines Freundes zogen und er sog erschrocken die Luft ein. „War er das?“, fragte Doc und griff sich Kenneths Arm, damit er die Wunden besser sehen konnte. Doch er ahnte schon, was erneut passiert war, verdammt! Kenneth zog sich wieder zurück und verbarg sich nun noch mehr hinter dem Kissen.

„Nein, das war er nicht", sagte er gereizt. „Er kam rein, ich war in der Dusche. Das hat ihm nicht gepasst, weil er auch duschen wollte, es gab einen heftigen Wortwechsel und er ging wieder. Da war keine Zeit für Keilereien", knurrte Kenneth. Es wäre ein Leichtes gewesen zu lügen und zu sagen, das wäre Raven gewesen. Doch das hätte nur noch mehr Ärger gegeben.

„Kenneth, lass mich sehen, welche Verletzungen du hast und keine Widerrede. Ich bin Arzt! Die Wunden müssen versorgt werden, damit sie sich nicht entzünden.“ Doc blickte streng auf Kenneth und seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Da kannte er keinen Spaß. Er war für die Gesundheit aller Teammitglieder verantwortlich und Kenneth gehörte dazu, ob dem das nun passte oder nicht.

Erst wollte Kenneth stur sein, doch er hatte nicht die Kraft dazu, also ließ er das Kissen sinken und zog langsam das Shirt über den Kopf. Er blickte nicht mehr an sich hinab, das hatte er vorhin zur Genüge getan und es hatte sich nichts geändert.

„Geht's dir jetzt besser?", knurrte er leise und sah Doc herausfordernd an, obwohl der eigentlich der falsche Adressat für seine Wut war. Raven war der, der Versprechen gab und sie nicht hielt. Und Raven war auch derjenige, der ihm eben einen Spruch reingewürgt hatte, an dem Kenneth immer noch zu schlucken hatte.

„Heilige Scheiße“, murmelte Doc und drückte Kenneth gleich nach hinten auf das Bett. „Waren sie wieder da?“ Er verschaffte sich einen kurzen Überblick und murmelte leise dabei vor sich hin. Die Verletzungen waren zum Glück nicht sehr tief, aber dafür zahlreich und mit Sicherheit schmerzhaft. „Bleib liegen, das haben wir gleich wieder“, murmelte er leise und schloss die Augen, damit er sich konzentrieren konnte.

„Weiß nicht", sagte Kenneth nur und es tat ihm weh, Doc zu belügen. Die Jungs hatten ihn mit offenen Armen empfangen, sie sollten eigentlich wissen, dass die Dämonen ihn wieder heimgesucht hatten. Vielleicht waren noch mehr in Gefahr als er selber? Kenneth holte tief Luft und sah Doc hinterher, der schnell aus dem Raum hastete, um seine Tasche zu holen. Als er wieder kam und die Tür schloss, richtete sich Kenneth auf seine Unterarme auf und sah Doc offen an. „Sie waren zu zweit."

Doc wollte gerade einen Tupfer mit Desinfektionsmittel benetzen, hielt aber mitten in der Bewegung inne. „Du meinst…? Wieder Dämonen…?“, fragte er und wurde blass. „Verdammt und Raven war nicht da. Warum kommt eigentlich immer alles auf einmal?“ Doc legte den Tupfer weg. Die Verletzungen mussten so schnell wie möglich verschwinden - so wie vorgestern auch.

Verdammt, sie hatten es nicht verhindern können.

„Entspann dich, ich werde dich heilen“, sagte er darum und legte Kenneth die Hände auf die Brust, damit er seine Kräfte anwenden konnte.

„Was...", fragte Kenneth, doch da spürte er schon eine seltsame Wärme, die ihn durchströmte. Sie half ihm, sich zu entspannen, obwohl er das gar nicht wollte. „Sie waren einfach wieder da, haben die gleichen Fragen gestellt... und dann waren sie plötzlich weg." Kenneth redete leise und vermied es noch immer, die Augen zu schließen, auch wenn die Lider immer schwerer wurden.

„Sie wollten ständig wissen, was Phil mir erzählt hat." Kenneth redete weiter, damit er nicht einschlief. Sie sollten nicht zurückkommen. „Und Raven hat mich nur angeschnauzt, ich solle mein Schutzschild aufbauen. Dann ist er abgerauscht. Auf den Spinner kann man sich doch nicht verlassen." Es klang ziemlich verbittert.

Doc seufzte leise, denn jetzt verstand er, warum der Dämon so wütend das Haus verlassen hatte. „Das war wirklich nicht gerade das beste Timing. Sie waren wohl plötzlich weg, weil sie mitbekommen haben, dass Raven einen von ihnen getötet hat. Er war mit Blade am Haus von Foster.“ Die Stimme des Arztes klang etwas abwesend, weil er sich konzentrieren musste, aber da die Verletzungen nicht sehr schwer waren, konnte er sich unterhalten.

„Ist mir ziemlich egal, wo der... hast du noch die Koffeintabletten, die du mir gegeben hattest?" Kenneth sah Doc eindringlich an. Er spürte, wie der Schlaf an ihm zerrte, doch wenn er schlief, dann kamen sie wieder. Und wenn Raven, der Idiot, einen von denen getötet hatte, dürften sie noch etwas wütender sein als vorhin. Da hatte der Dämon gut reden, Kenneth solle sein Schutzschild aufbauen. Das hatte er doch versucht und es hatte nicht funktioniert. Sicher hatte der Kerl gelogen, so wie sein Versprechen, auf Kenneth aufzupassen. Dämon blieb Dämon.

Doc hielt kurz inne und sah Kenneth an. „Wenn ich dir jetzt was zum wach bleiben gebe, wäre das nicht gut. Ich schicke dir Pow, der wird heute Nacht über dich wachen. Du brauchst deinen Schlaf und ich werde dafür sorgen, dass Raven in der Nacht keine Aufgaben mehr bekommt, damit er bei dir bleiben kann. So etwas wie heute darf nicht mehr passieren und du solltest wirklich daran arbeiten, deinen Schild zu beherrschen, denn dass du es kannst, daran besteht kein Zweifel, das hat der Vorfall mit Sick gezeigt.“

„Ja, fang du auch noch an. Wenn ich es könnte, würde ich bestimmt nicht so aussehen", sagte Kenneth trotzig, denn die Vorstellung, sich wieder jede Nacht mit diesem übellaunigen Dämon herumzuschlagen, machte es nicht besser, ruhigen Schlaf finden zu wollen. „Kann ich nicht bei Pow schlafen? Auf diesen Flammenwerfer habe ich nämlich keine gesteigerte Lust. Das knallt doch sowieso jedes Mal und ich lege keinen Wert darauf, dass er wieder ausfallend wird." Dass er selber damit angefangen hatte, verschwieg Kenneth absichtlich.

„Ach Ken.“ Doc seufzte. Er konnte seinen Freund ja verstehen. Raven war bestimmt nicht der angenehmste Zimmergenosse. „Glaub mir, ich würde dir deinen Wunsch nur zu gern erfüllen, aber Pow wird dir gegen diese Monster nicht helfen können und wir möchten weder einen von euch noch alle beide verlieren. Pow kann dich auch nur bewachen, wenn er selber nicht schläft und das hält er nicht lange durch.“

„Ach so, verstehe." Kenneth gab sich nicht einmal Mühe, nicht enttäuscht zu klingen. „Warum hat der Spinner eigentlich nicht alle drei beseitigt? Er brüstet sich doch immer, was er für ein toller Hecht ist. Aber drei Dämonen waren selbst dem Protzer zu viel, oder was?" Er redete sich in Rage, auch wenn er selber nicht wusste warum. Raven war ihm so quer gekommen, dass er Kenneth völlig aus dem Konzept gerissen hatte und der suchte nun verzweifelt den Weg zurück in seine Fassung, die er irgendwo unterwegs verloren haben musste.

„Es war nur einer da. Blade hat erzählt, Raven war ziemlich sauer.“ Doc schüttelte den Kopf, weil er immer noch nicht wirklich glauben konnte, was er vorhin gehört hatte. „Das muss man sich mal vorstellen, die haben doch glatt den Schwächsten losgeschickt, um herauszufinden, ob ihnen jemand auf den Fersen ist und haben dabei eiskalt einkalkuliert, dass er getötet wird. Es war eigentlich eine Falle und wir, oder besser Raven, ist voll hineingetappt. Das hat gewaltig an seinem Ego gekratzt.“

„Ja. Und mich hat der Depp dann angemacht. Arschloch, geschieht ihm recht." Kenneth konnte sich ein latentes Grinsen dann doch nicht verkneifen, denn er konnte sich bildlich vorstellen, wie der perfekte Krieger mit Pauken und Trompeten in die Falle latschte und die Tür hinter ihm zuging. Mitleid mit dem toten Dämon konnte Kenneth nicht haben. Er hatte Phillip auf dem Gewissen, da war es doch nur fair.

„Na ja, besser wäre es gewesen, wenn er nicht hineingestolpert wäre, denn nun wissen sie, wer ihnen hinterhergeschickt wurde und werden dementsprechend vorsichtig sein. Aber ist jetzt nicht mehr zu ändern.“ Doc zuckte mit den Schultern und drückte Kenneth wieder aufs Bett. Die Wunden waren noch nicht vollkommen verheilt und das musste noch geändert werden.

„Ist eben ein Loser, unser kleiner Flammenwerfer." Nun hatte Kenneth etwas, was ihn wieder aufbaute und was Raven in seinen Augen ziemlich lächerlich erscheinen ließ. Das wog den Schmerz, den er erlitten hatte und der ihn fast wahnsinnig hatte werden lassen, etwas auf.

„Lass ihn das besser nicht hören, ich glaube, es wird uns nicht sehr gut bekommen, wenn wir Raven zu sehr reizen. So wütend wie er vorhin war, wünsche ich keinem, dass er ihm in die Quere kommt.“ Doc grinste schief und hoffte nicht, morgen in den Nachrichten von unzähligen, ungeklärten Morden zu hören.

„Pf", machte Kenneth und schloss doch kurz die Augen, weil sie anfingen zu brennen. „Vor dem hab ich keine Angst." Er entspannte sich langsam immer mehr, ohne es verhindern zu können. Zwar riss er noch ab und an die Augen auf, doch sie waren gereizt, es war besser, sie zuzulassen. „Wie trainiert man eigentlich seine Fähigkeiten, angenommen ich hätte so was wirklich. Ich weiß doch gar nicht, wie man das einsetzt. Schaltet man das an einem Knopf ein? Muss man einen Spruch sagen? An etwas Bestimmtes denken?" Denn dass er Fähigkeiten haben sollte, ließ ihm keine Ruhe.

„Nein, so ist das nicht.“ Doc lachte leise, denn viele reagierten so, wenn sie gesagt bekamen, sie hätten eine Fähigkeit. „Meist ist es so, dass wir unsere Fähigkeiten zu Anfang unbewusst einsetzen. Wie du, als dieser Dämon dich und Sick angegriffen hat. Es war eine Instinkthandlung. Aber man kann lernen, seine Fähigkeiten zu nutzen, wenn man sie braucht. Pow kann dir da am ehesten helfen.“

„Gut, dann soll er das bitte tun. Je schneller ich das kann, umso besser, denn dann muss ich das Zimmer nicht mehr mit diesem Feuersalamander teilen." Fahrig strichen Kenneths Finger über seine Brust, als er spürte, wie Doc sich zurückzog. Das Brennen der offenen Wunden war verschwunden und die Haut war wieder makellos. Kenneth lächelte dankbar und öffnete langsam die Augen.

„Das wird er, aber nicht heute Nacht, da sollst du schlafen.“ Doc lächelte kurz zu Kenneth und packte seine Sachen zusammen. Er sagte seinem Freund lieber nicht, dass es manchmal Wochen oder Monate dauerte, bis jemand seine Fähigkeiten willentlich beherrschte, aber Raven sollte das erfahren, damit er nicht wieder so etwas wie vorhin abzog. Der Dämon hatte es übernommen, auf Kenneth zu achten, da sollte er das auch ernst nehmen.

„Okay, ich schick dir unseren Schamanen, wir sehen uns morgen früh.“

„Hoffen wir, dass du mich nicht morgen früh erneut zusammenflicken musst." Kenneth grinste schief, als er sich das blutverschmierte Shirt wieder über zog. Der Fernseher flimmerte noch immer und so widmete sich Kenneth erneut den bewegten Bildern, als Doc die Tür hinter sich leise zugezogen hatte. Er sah auf seine Hände, auf seine Arme. Die Wunden waren verschwunden, doch das war es nicht, was er sehen wollte - er suchte seinen Schutzschild. Irgendwo musste es sein und er hatte keinen blassen Dunst, wo er suchen sollte. Er konnte sich das nicht einmal vorstellen. Es überstieg seinen Geist.

Es dauerte nicht lange und es klopfte leise an seiner Tür. Powaqa streckte seinen Kopf ins Zimmer. „Man verlangte nach mir?“, grinste er und kam in den Raum. „Wie geht es dir?“, fragte der Indianer und setzte sich aufs Bett. Er strich Kenneth mit einer Hand durch die Haare und sah ihn fragend an. Von diesen Monstern angegriffen zu werden, war beängstigend.

„Klein-Kenni mag nicht alleine schlafen", versuchte Kenneth zu blödeln, doch sein Lachen klang gekünstelt, also ließ er es ziemlich schnell bleiben. „Doc meinte, es wäre möglich, dass du ein Auge auf mich hast und sie mich nicht wieder anfallen können. War ein ziemlicher Schock, als sie plötzlich wieder da waren und die Schmerzen." Und das hatte Phillip über Wochen hinweg täglich ertragen. Plötzlich sah er den unscheinbaren Mann in einem völlig anderen Licht.

„Und er meinte, du kannst mir zeigen, wie ich den Schutzschild beherrschen kann", schob er leise hinterher und blickte Powaqa fragend an.

Der nickte erst einmal nur und setzte sich so neben Kenneth, dass er ihn in seine Arme ziehen konnte. „Ich bleibe heute Nacht bei dir und werde auf dich aufpassen und gleich morgen werden wir anfangen, deine Fähigkeiten zu trainieren.“ Der Indianer ruckelte ein wenig herum, bis Kenneth bequem zwischen seinen Beinen lag und strich ihm durch die Haare. „Es tut mir leid, dass wir dich einfach so alleine gelassen haben.“

„Konnte ja keiner ahnen, dass diese Plagen so schnell zurückkommen und diese Kreuzung aus Kugelblitz und Taube Recht behalten hat." Nein, selbst wenn Kenneth versucht hätte, seinen Frust über Raven zu dämpfen, es ging nicht. Dabei war ihm eigentlich bewusst, dass es im Augenblick mit der Waffe, die gefunden werden musste, wichtigeres gab. Vielleicht war es auch nur der Ärger über etwas völlig anderes, was Kenneth so hassen ließ.

Powaqa hob ein wenig überrascht eine Augenbraue, musste aber grinsen. „Sie bekommen nicht noch einmal Gelegenheit dazu“, sagte er leise und küsste Kenneth auf die Stirn. Aber so lustig die Bezeichnung für den Dämon auch war, man konnte spüren, dass zwischen Raven und Kenneth etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. „Was ist heute Nacht hier passiert. Hat Raven dir wehgetan?“

„Ach der!" Kenneth ließ verächtlich die Luft aus seinen Lungen, ehe er tief durchatmete. „Ich war schon wach, als er kam und war duschen, weil mir alles wehtat. Da kam die Flatter-Fackel rein gerauscht, schubste mich beiseite, ließ ein paar freche Sprüche ab und verschwand wieder. Ich glaube nicht, dass da Zeit gewesen wäre, mir was anzutun." Dass Raven ihn mit seinen Worten sehr wohl verletzt hatte, verschwieg Kenneth. Er war ein Mann und kein pubertäres Mädchen.

„Hm“, war alles, was Powaqa sagte. Dass Kenneth wütend auf Raven war, war deutlich zu hören und auch, dass da noch mehr im Argen lag, aber wenn sein Freund nicht darüber reden wollte, bohrte er nicht weiter. Wenn sein Freund dazu bereit war, würde er reden. „Versuch zu schlafen, ich bleibe bei dir und halte dich“, murmelte der Indianer und streichelte Kenneth, damit er sich entspannte. Doch das war nicht so leicht, denn das Erlebte kam zurück, ohne dass Kenneth etwas dagegen tun konnte. Kaum waren die Augen länger als ein paar Herzschläge geschlossen, waren die Gesichter da, die sich langsam zu dämonischen Fratzen verzogen, die Klauen, die immer länger wurden und ihm die Haut zerfetzten. Und so öffnete er die Augen wieder und saugte seinen Blick stumm am Fernseher fest.

Powaqa bemerkte das, aber er sagte nichts, denn er kannte das leider nur zu gut und wusste, dass alles reden gegen die Angst nicht half. Darum hielt er Kenneth nur weiter fest und streichelte ihm über den Rücken und die Arme. Dabei summte er die Melodie eines alten Wiegenliedes, das seine Mutter ihm als Kind immer vorgesungen hatte. Diese Jagd lief nicht so, wie es sein sollte und weil Raven bei ihnen war, machte er vieles komplizierter, wie man feststellen konnte.

Sicher, er war der einzige, der in der Lage war, diese Biester in Schach zu halten, doch wie der heutige Abend gezeigt hatte, konnte Raven nicht an allen Fronten gleichzeitig sein. Sich zu trennen war lebensgefährlich. Vielleicht war es Glück gewesen, dass die Bestien sich Kenneth ausgesucht hatten und nicht einen der anderen, denn auch wenn Kenneth sich im Kopf noch gegen die Vorstellung wehrte, er war in der Lage, sich zu schützen. Ruhe würden sie erst wieder haben, wenn die Dämonen vernichtet waren und die Waffe ebenfalls.

Bis dahin mussten sie doppelt aufmerksam und vorsichtig sein. Vielleicht war es besser, wenn sie so schnell wie möglich hier verschwanden, um zumindest ihre New Yorker Freunde aus dem Schussfeld zu bekommen. Powaqa wusste nicht, was richtig war. Darüber musste er mit den anderen reden.

Er lächelte, als es ihm doch endlich gelungen war, Kenneth zum Schlafen zu bringen und in dieser Nacht kamen die Dämonen nicht mehr zurück. Ob es daran lag, dass Kenneth ihnen nicht das geben konnte, was sie wollten oder daran, dass sie schon auf der Suche nach dem nächsten Stein waren, vermochte Powaqa nicht zu sagen. Er war einfach froh darüber, dass es für diese Nacht vorbei war.