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Demon Coffee - Teil 5 bis 8

05


Langsam fuhren sie in Phillips Straße in Kensington und Kenneth atmete tief durch. Phillips Wagen stand noch da, sie hatten Glück. Kenneth und Powaqa stiegen aus und klingelten an der Tür. Der Schamane sah sich um und schauderte.

„Hier stimmt was nicht“, murmelte er leise. Er winkte Doc und schloss die Augen. Er ließ seinen Geist wandern und schwankte. „Tod“, keuchte er mit aufgerissenen Augen und hielt sich am Türrahmen fest.

„Scheiße“, fluchte Doc und zog ein Etui mit Dietrichen aus der Jacke. Er machte sich sofort daran, die Tür zu öffnen. Wenn Powaqa so reagierte, war Eile geboten, wenn es nicht sogar schon zu spät war.

„Was soll die Panik? Warum klingelt ihr nicht einfach?", fragte Kenneth. Unweigerlich ergriff die Hektik auch ihn und er wusste nicht, was er tun sollte. Er sah ungläubig zu, wie Doc die Tür öffnete und rufend in den Flur stürmte. Der Indianer folgte langsamer und so setzte Kenneth Doc hinterher, damit Phillip sich nicht erschrak. Doc lief durch die Wohnung und blieb in der Tür zum Schlafzimmer stehen.

„Verdammt“, fluchte er laut und rieb sich über die Augen. Musste das jetzt sein?

Sie waren zu spät.

Der Tote auf dem Bett musste Phillip sein und so wie er zugerichtet war, wussten sie auch, wer ihn getötet hatte. Der Körper war praktisch zerfetzt und das ganze Zimmer schwamm in Blut.

„Nicht, Kenneth“, hielt er den Therapeuten ab, der sich an ihm vorbeischieben wollte. „Das musst du dir nicht unbedingt ansehen. Pow und ich kümmern uns darum.“

„Was soll das. Er ist mein Patient. Ich will zu ihm, ich...", schrie Kenneth aufgebracht, doch dann schwieg er schlagartig, als er an Doc vorbei das Blut sehen konnte.

Das war nicht real, oder?

Das war es nicht!

Phillip war nicht tot!

„Verdammt, ruf doch einen Krankenwagen!" Er wurde hysterisch und wollte an Doc vorbei, doch der Kerl hatte mehr Kraft als Kenneth vermutet hätte.

„Sick", der Indianer hatte sein Handy gezückt, „schick die Cleaner. Das hier muss nicht publik werden." Dann steckte er das kleine Gerät wieder weg und schickte Doc und Kenneth ins Nebenzimmer. Er wollte dem Geist nachspüren, vielleicht war Phillip noch da und wollte ihnen etwas sagen.

Doc schob Kenneth ins Wohnzimmer und setzte ihn in einen Sessel. Der Therapeut zitterte am ganzen Leib, so dass der Arzt sich zu ihm setzte. „Er ist tot, Ken, da war nichts mehr zu machen. Pow versucht Phillips Geist zu finden. Oft irren sie nach so einem Angriff in der Zwischenwelt und wissen nicht, was sie tun sollen oder was mit ihnen passiert ist. Pow zeigt ihnen den Weg und oft haben sie wichtige Informationen für uns.“

„Er ist tot", sagte Kenneth und seine Lippen bebten. „Sie haben ihn umgebracht, weil ich zu blind war, um zu erkennen, was los ist." Er fühlte sich elend und der Drang, sich zu übergeben, war nur schwer zu bändigen. „Hätte ich euch früher getroffen, wäre er noch am Leben, verdammt. Dann wäre er jetzt nicht tot. Ich bin so ein Hornochse. Musste mir ja einbilden, dass ich ihm helfen kann!" Ohne Vorwarnung sprang er auf und ließ sich dann doch wieder fallen, als wäre alle Kraft aus ihm geflossen.

„Woher solltest du das wissen, Ken?“ Doc legte Kenneth eine Hand auf die Schulter und drückte leicht zu. „Niemand glaubt an Dämonen und du hast überhaupt keine Erfahrung damit. Aber das wird dir nie wieder passieren. Wenn du noch einmal solch einen Patienten wie Phillip hast, weißt du, was du tun musst.“

„Lass mich!" Wirsch schüttelte der Psychologe die Hand auf seiner Schulter ab. Er wollte keine Absolution! „Er war bei mir, weil er Hilfe brauchte. Ich war ja eine ganz tolle Hilfe, wirklich. Ich hätte mich an ein paar Spezialisten für so etwas wenden müssen. Vielleicht haben die ja Erfahrungen mit so was, ohne gleich damit zu hausieren, dass es mehr gibt, als die Schulweisheit vermittelt." So sah es aus, er konnte die Schuld an dem, was passiert war, nicht ganz von sich weisen.

„An welche Spezialisten hättest du dich wenden wollen? An die, die meinen Vater behandelt haben? Wir stehen nicht im Telefonbuch, niemand weiß von unserer Existenz. Nur ein paar ausgewählte Menschen.“ Doc konnte verstehen, dass Kenneth sich schlecht fühlte, aber das brachte sie nicht weiter. Damit konnten sie den Dämonen nicht Einhalt gebieten. „Wir werden diese Monster finden und wir werden sie töten, das sind wir Phillip schuldig.“

„Er wollte Hilfe, Doc, von mir! Er sagte, es wäre besser, wenn er bei mir gewesen ist. Ich hätte ihn gestern nicht gehen lassen sollen." Kenneth hatte dem Doktor gar nicht richtig zugehört. Er war in seiner eigenen Welt gefangen und die Schuldgefühle fingen an, ihn zu erdrücken. Er hätte so vieles anders machen sollen und hatte es nicht getan. Jetzt war Phillip tot und er war schuld. So einfach war das.

„Ihm geht es gut, Kenneth. Er ist befreit und er leidet nicht mehr.“ Powaqa war zu ihnen getreten und ließ sich in einen der Sessel fallen. Die Geistreise war immer recht anstrengend für ihn. „Er hat gekämpft, aber sich geschlagen geben müssen. Sie wollten, dass er ihnen hilft, etwas zu finden, aber er hat sich geweigert, deswegen haben sie ihn getötet.“ Powaqa schauderte. Phillip hatte ihm noch berichtet, dass die Dämonen ihn jederzeit hätten töten können. Sie waren unwahrscheinlich mächtig und hatten es nur nicht getan, weil sie ihn brauchten. Jetzt, nach seiner Weigerung, war er für sie wertlos und deswegen hatten sie ihn umgebracht.

„Danke", sagte Kenneth, auch wenn ihn diese Worte nicht milder gegen sich selbst stimmen konnten. „Und was wird jetzt passieren? Kümmert sich jemand um seine Leiche?" Die Vorstellung, dass der Mann hier einfach so lag oder dann verschwand, ohne dass jemand davon erfuhr, missfiel ihm. Auch wenn er nicht viel über Phillips Familie wusste, so war er sich doch sicher, dass es jemanden gab, der um ihn trauerte.

„Darum wird sich gekümmert. Er wird mit der Ehrerbietung behandelt, die ihm zusteht.“ Powaqa rieb sich über die Augen und Doc hob eine Augenbraue. Sein Freund war in Sorge und das war kein gutes Zeichen, aber er hielt sich zurück. Noch mehr wollte er Kenneth nicht zumuten. „Was hast du da?“, fragte er stattdessen, denn sein Freund hielt einige Blätter in den Händen.

„Ein ziemliches Problem", sagte der Indianer und kam näher. Er reichte eines der Blätter Doc, das andere Kenneth. „Ich glaube, er hat gewusst, dass er ihnen nicht mehr widerstehen kann und sie für uns hinterlassen. So sehen die aus, die unser nächstes Ziel sind."

Kenneth griff sich schnell das Bild und verzog das Gesicht. Die Striche der Bilder waren hastig geführt, mal mit viel Kraft, mal kaum sichtbar. Und die Wesen, die sich abzeichneten, waren hässlich und verwachsen. Große glühende Augen, Hände, die eher Klauen glichen. Flügel und Schwänze. Noch um einiges widerwärtiger als das Hologramm, das Sick ihm gestern präsentiert hatte. „Und so was gibt es wirklich?"

„Wir müssen wohl davon ausgehen. Sie sind neu für uns, aber wir haben gelernt, dass es sie in vielen verschiedenen Formen gibt.“ Doc gab sein Blatt an Kenneth weiter. „Vielleicht hat er sie ja vorher auch schon gezeichnet. Wir sollten uns umsehen, ob wir noch mehr Bilder finden. Vielleicht haben wir ja Glück.“ Dieser Morgen lief gar nicht so, wie sie es geplant hatten und wenn sie nun auch wussten, wie ihre Gegner aussahen, waren die Bilder nicht sehr hilfreich.

„Mir hat er von Abbildungen nichts erzählt", sagte Kenneth und versuchte sich zu erinnern, ob er je danach gefragt hatte. Doch er konnte sich im Augenblick nicht erinnern. Immer wieder starrte er auf die Monster und erschauerte. Wenn er sich vorstellte, davon tagtäglich bedroht und belagert zu werden? Welche Kraft musste ein Mensch aufbringen, um derartigem zu widerstehen? Ob er selbst die Kraft auch gehabt hätte? Kenneth fröstelte und sank im Sessel zusammen.

„Bleib sitzen, wir sehen uns um.“ Doc drückte einmal kurz Kenneths Schulter und erhob sich. Er sah sich um, aber auf den ersten Blick konnte er nichts finden, darum ging er aus dem Raum und sah sich weiter in der Wohnung um. Er fühlte sich nicht wohl dabei, weil er in die Privatsphäre eines Menschen eindrang, auch wenn der tot war, aber es musste sein. Vorsichtig sah er einige Mappen durch und wurde fündig. In einer befanden sich weitere Zeichnungen.

„Ich habe was gefunden“, rief er und kam zurück ins Wohnzimmer.

Powaqa, der sich ebenfalls auf die Suche gemacht hatte, kam aus dem Schlafzimmer zurück. „Zeig mal", murmelte er und nahm Doc die Bilder aus der Hand. „Die Sorte kenne ich noch nicht", musste er zugeben und das war nicht gut für ihr Unterfangen, sie erledigen zu wollen. „Ich weiß nur, dass sie sich, wie jeder andere Dämon, ein neues Opfer suchen werden und wir so nicht an sie heran kommen."

Und das war richtig schlecht!

Es war ein Glücksgriff, ihnen über Kenneth auf die Spur gekommen zu sein, doch nun war die Verbindung abgerissen.

„So eine Scheiße“, fluchte Doc, völlig untypisch für ihn und nahm Powaqa die Bilder aus der Hand. „Wir müssen versuchen, den Ort zu finden, an denen Phillip sie gezeichnet hat. Vielleicht sind sie noch dort und wir können sie ausfindig machen.“ Doc versuchte nicht so mutlos zu klingen, wie er sich gerade fühlte. „Ich gucke, ob ich noch mehr finde, was uns weiterhelfen kann.“

„Mach das." Der Indianer nickte ihm zu und machte sich auch wieder auf die Suche.

„Und wenn wir sie ködern? Sie suchen etwas. Wenn wir wüssten, was es ist, könnten wir sie doch ködern, diese Mistviecher", sagte Kenneth und schoss hoch. Er konnte hier nicht sitzen, wissend, dass er an Phillips Tod nicht ganz unschuldig war. Er wollte helfen, etwas wieder gut machen. „Die dürfen doch damit nicht durchkommen!"

„Nein, das dürfen sie nicht, aber wir haben keinen Anhaltspunkt, was sie suchen.“ Powaqa öffnete einen Schrank und schloss ihn gleich wieder, weil er nichts enthielt, was ihnen nutzte. „Es wäre auch viel zu gefährlich, jemanden als Köder zu nehmen. Wir können nicht garantieren, dass wir ihn retten können. Diese Dämonen sind so anders, viel mächtiger und gefährlicher.“

„Ich mach's trotzdem", sagte Kenneth, ohne nachzudenken. Vielleicht war es ganz gut, dass Doc ihn davon abgehalten hatte zu sehen, wie die Dämonen Phillip zugerichtet hatten. Denn sonst hätte er jetzt nicht den fragwürdigen Mut gehabt, diese Forderung zu stellen. „Findet, was sie suchen, und ich biete es ihnen an." Kenneths Atem ging schneller und eisige Hände strichen seinen Rücken auf und ab. Es war schon, als würde er etwas spüren, doch das war Einbildung. Es war nur die Angst, die ihn beschlich, aber er wollte von seinem Vorhaben nicht abgehen. Das war er Phillip schuldig.

„Das besprechen wir noch. Lu ist der Boss.“ Powaqa sah Kenneth an. „Denk darüber nach. Du weißt, wie sehr Phillip gelitten hat und auch wenn wir bei dir sein würden, können wir dir das nicht ersparen. Es ehrt dich, dass du das auf dich nehmen willst, aber es muss gut abgewogen werden.“

„Es ist mir egal, wer der Boss ist, Leute", sagte Kenneth und er wirkte trotzig. Er war nicht der Mensch, der sich gern Vorschriften machen ließ. „Jetzt, wo ich weiß, dass es diese Bastarde gibt, werde ich sie verfolgen, bis ich weiß, wofür Phillip gestorben ist. Ob mit oder ohne eure Hilfe ist eure Sache, aber ich lass mir von der kleinen Lady ganz bestimmt nicht verbieten zu erfahren, in was ich rein gezogen wurde." Seine Augen blitzten angriffslustig, er erkannte sich kaum wieder. Irgendetwas passierte mit ihm.

„Owou, da zeigt aber jemand seine Krallen.“ Doc stand in der Tür und grinste. Er hatte noch einen weiteren Ordner im Arm, in denen er Zeichnungen entdeckt hatte. „Ken, es sagt niemand, dass wir dein Angebot ablehnen, wir wollten dir nur aufzeigen, worauf du dich einlässt. Aber wenn, dann agieren wir als Team, weil es sonst nicht funktioniert. Wir alle wollen diese Monster zur Strecke bringen.“

„Ja, is' ja gut", murmelte Kenneth und beruhigte sich wieder ein wenig. „Nur liegt da drinnen mein Patient tot und ich werde das Gefühl nicht los, er könnte noch leben, wenn ich mich früher mal gezuckt und nicht nur an eine Psychose geglaubt hätte. Ich muss was tun, sonst werde ich wahnsinnig." Vielleicht war es wirklich das Beste für den Augenblick, er machte seine Praxis zu und schloss sich dem Team an, bis diese Sache geklärt war. Mit Phillip und den Dämonen im Hinterkopf war er sowieso nicht arbeitsfähig und bräuchte selbst einen Therapeuten. Aufgebracht strich er sich durch die Haare und nahm die Brille ab.

„Wir werden etwas tun, Kenneth.“ Powaqa lächelte dem Therapeuten zu. Er hatte das Herz am rechten Fleck und wäre eine Bereicherung für ihr Team. „Fahren wir zurück. Die Cleaner kommen gleich, sie werden sich um Phillip kümmern und auch noch einmal nach Hinweisen suchen, die für uns wichtig sind. Wir nehmen auf jeden Fall den Laptop mit, Sick wird ihn nach Spuren untersuchen.“

„Der Kurze hat nicht viele Freunde, hm?", murmelte Kenneth, denn so viel wie der hinter den PCs diverser Leute hockte, war da für Freunde nicht mehr viel Platz. Doch ihm sollte das eigentlich egal sein. „Ich rufe nur noch meine Sekretärin an, damit meine Kollegen meine Termine kompensieren können. Ich habe andere Sorgen", erklärte er und ging schon einmal vor und aus dem Haus, damit er ungestört telefonieren konnte.

„Er hat uns“, grinste Doc und stieß sich vom Türrahmen ab. „Ich hoffe, wir finden ihre Spur wieder, ohne dass Ken sich in Gefahr begibt.“ Sie folgten Kenneth und setzten sich schon einmal in den Wagen, damit sie starten konnten, wenn das Telefongespräch beendet war. Sie blätterten in den Bildern und Doc wies auf eines, das anders war. Es zeigte wieder drei Personen, aber diese waren menschlich. „Was meinst du, sind sie das? Sehen sie so in ihrer menschlichen Form aus?“

Powaqa zog das Blatt zu sich und betrachtete sich die Szene. Sie war weniger beängstigend als auf den anderen Bildern und so wusste er nicht, was er davon halten sollte. „Das ist gut möglich", sagte er und griff sich zum Vergleich eines der anderen. „Oder wir haben richtig Pech und der arme Kerl wurde von mehreren Gruppen wegen ein und demselben Ziel bedrängt."

Die menschlichen Darstellungen zeigten eine Frau und zwei Männer. Die anderen Dämonen machten immer den Eindruck von rein männlichen Gruppen. Das passte nicht ganz zusammen. Oder es war eine größere Gruppe, die abwechselnd den Mann bedrängten - oder - oder - oder.

Powaqa stöhnte leise.

„Oh man, allein die Vorstellung treibt einem den Schweiß auf die Stirn. Was muss der arme Mann durchgemacht haben? Von sechs Dämonen bedrängt zu werden, ist der reine Horror.“ Ein Schauer lief durch den großen Körper und er tippte auf das Bild mit den Menschen. „Vielleicht hilft uns das weiter, zumindest haben wir jetzt ein paar Anhaltspunkte.“

„Ja, wir könnten die Datenbanken durchlaufen lassen. Sick hat ein paar der Biester immerhin noch auf der Festplatte, auch wenn sie uns entkommen sind." Einen Versuch war es allemal wert. Sie sahen sich beide zur Rückbank um, als Kenneth die Tür öffnete und sich ins Polster fallen ließ. „Alles erledigt, so weit das möglich war", erklärte er und machte das Telefon aus. Er war ab jetzt nicht mehr erreichbar.

„Willkommen im Team.“ Powaqa klopfte Kenneth auf die Schulter und Doc fuhr los. Hier konnten sie nichts mehr machen und sie mussten ihre weitere Vorgehensweise besprechen. „Wie hast du dir das gedacht?“, fragte er Kenneth und drehte sich nun ganz zur Rückbank. „Willst du bei uns wohnen oder lieber in deiner Wohnung bleiben?“

„Ich werde bei euch bleiben, sofern das für euch in Ordnung ist. Ich kann mich allein versorgen, ich lebe von Tiefkühlessen, das macht mir nichts aus. Aber ich will über alles informiert werden. Ich habe keine Lust, das hinter meinem Rücken oder über meinem Kopf etwas passiert, was mich betrifft." Eigentlich war es nicht Kenneths Art, Forderungen zu stellen, doch im Augenblick war er aufgewühlt. Er wusste nicht mehr, was Recht und Unrecht war und in seinem Bauch wuchs eine ungesunde Wut heran, vor der er sich fürchtete. Da war es vielleicht gut, nicht allein zu sein.

„Nein, du kannst gerne bei uns bleiben und du bekommst auch ein Zimmer mit Fenster.“ Powaqa war mit der Antwort zufrieden. „Du musst dich auch nicht selbst versorgen. Für eine Person mehr zu kochen ist kein Aufwand und du gehörst dann mit zum Team und wirst in alle Entscheidungen eingeweiht. Sonst funktioniert es nicht. Aber eins musst du noch wissen.“ Der Schamane grinste und lachte leise. „Blade wird sich um deine Fitness kümmern. Das haben wir alle durch. Es macht das Überleben leichter, wenn man kämpfen kann.“

„Oh!" Das kam überraschend und zwar so sehr, dass Kenneth grinsen musste, auch wenn ihm eigentlich im Augenblick nicht zum Lachen war. „Dann wird er mit mir ja seine helle Freude haben." Das lag nämlich daran, dass Kenneth kaum einen Weg zu Fuß ging, er schon schnaufte, wenn er die drei Treppen zu seiner Wohnung hoch gelaufen war und er eigentlich Obst und Gemüse für ziemlich ungenießbar hielt. Er war ein Sozialisationsopfer erster Klasse.

„Je schwieriger, desto mehr hängt unser Perfect Soldier sich rein. Du hast keine Chance, dein Leben weiterhin unfit zu leben.“ Doc lachte, denn er konnte im Spiegel sehen, wie Kenneth das Gesicht verzog. „Und dieses kleine Mistvieh hilft ihm dabei. Sie zwickt einem gerne mal in den Hintern, wenn man den nicht schnell genug vom Boden hoch bekommt.“

„Was? So eine Verräterratte", knurrte Kenneth. Das hätte er ja nun nicht gedacht. „Was ist das eigentlich für ein Tier? Ich meine, ich kenne auch Ratten, aber die sind vielleicht halb so groß." Das interessierte ihn, seit er das Tier das erste Mal gesehen hatte. Doch bisher hatte er den Gedanken an das Tierchen immer nach hinten verdrängt.

„Das macht sie nur bei Doc, keine Sorge. Er ist Sparkys ganz persönlicher Intimfeind.“ Powaqa zwinkerte Kenneth zu und Doc brummte und murmelte unverständliches. „Eigentlich ist sie ein verschmuster Schatz. Sie ist eine Riesenhamsterratte, sie kommt aus Afrika und da hat unser Blade sie auch her. Sie werden dort als Minensuchratten eingesetzt. Sie sind intelligent und sehr lernfähig und sie sind klein und leicht genug, um die Minen nicht auszulösen.“

„Eine Minensuchratte. Ich glaub's ja nicht." Kenneth nickte anerkennend. Was es nicht alles gab?! „Na, ich werde mich überraschen lassen, wie es wird, mit euch zu arbeiten. Aber ich warne euch der Fairness wegen vor: ich bin ein Einzelgänger und das Leben in der Gruppe nicht gewohnt. Es könnte schwierig mit mir werden." Da machte Kenneth keinen Hehl draus. Es hatte Gründe, warum er Single war und nicht nur, weil er sich ganz auf die Arbeit beschränken wollte. Die meisten Männer hielten es mit ihm nicht lange aus.

„Da bist du nicht der einzige. Blade ist auch nicht gerade der gesellige Typ und Sick fühlt sich in der Nähe seiner Computer auch am wohlsten. Wir sind zwar ein Team, aber wir hocken nicht ständig zusammen. Jeder hat sein Zimmer als Rückzugesgebiet, das nicht ohne Aufforderung oder einen dringenden Grund betreten wird.“ Powaqa freute sich, weil Kenneth bei ihnen bleiben wollte. Das machte vieles leichter. „Das wird schon. Bisher haben wir uns noch nicht gegenseitig umgebracht und das soll was heißen, bei uns. Wir sind alle in irgendeiner Art und Weise Einzellgänger, aber wir funktionieren wunderbar als Team, wenn es darauf ankommt.“

„Aha." Kenneth nickte verstehend, auch wenn er noch nicht so recht wusste, was er von dieser Information halten sollte. Doch ihm war es nur recht, dass er die Möglichkeit hatte, sich zurückzuziehen, wenn das nötig war. Er lehnte sich also etwas zufriedener wieder zurück und schloss kurz die Augen. Doch nicht lange, denn sofort war Phillips Gesicht da, ein anklagender Blick, der Kenneth klar machte, dass er ihm nicht geholfen hatte. Das konnte er jetzt nicht ertragen.

„Das wird schon und wenn du mit uns nicht klarkommst, dann kannst du auch jederzeit in deine Wohnung zurück.“ Powaqa war sich aber ziemlich sicher, dass Kenneth bei ihnen blieb. Das hatte er im Gefühl und das trog ihn selten. Genauso wie seine Träume, die ihm eine Veränderung gezeigt hatten, aber nicht welche.

Jetzt, wo sie Kenneth getroffen hatten, ergaben sie Sinn.



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„So, wir sind da“, sagte Doc plötzlich und parkte den Wagen. „Home sweet Home“, lachte er und zeigte auf das Gebäude, vor dem sie standen. Doch das lag weder im Hafen, noch war es die Lagerhalle, die sie heute Morgen verlassen hatten.

„Wer wohnt hier? Holen wir noch jemanden ab?", fragte Kenneth irritiert und blickte aus dem Fenster auf den kleinen Coffee Shop. 'Demon Coffee' stand über der Tür und an den zwei Tischen vor der Tür saßen ein paar junge Leute. Er öffnete die Tür, weil Doc und Powaqa schon ausgestiegen waren und folgte ihnen unsicher. Immer wieder sah er sich um, denn sie waren in der Altstadt.

„Wir wohnen und arbeiten hier“, erklärte Powaqa und blieb mit Kenneth am Wagen stehen. Doc allerdings ging schon hinein und rief etwas, was sie aber nicht verstehen konnten. „Wir brauchen einen Ausgleich zu unseren Jagden und wir erwirtschaften hiermit einen Teil unseres Geldes, was wir brauchen. Der Großteil kommt aus einer Stiftung, aber wir möchten nicht vollkommen von ihr abhängig sein“, erklärte der Schamane und zeigte auf Sick, der durch die Scheibe zu sehen war und gerade Getränke an einen Tisch brachte.

„Aha - verstehe", sagte Kenneth zwar, doch so richtig hatte er das noch nicht verinnerlicht. Und was war mit dem Lager im Hafen? Wie viele solcher Unterschlüpfe hatten die denn noch? Doch er wollte nicht als Landei gelten und folgte den beiden anderen in den Shop. Kaum hatte er ihn betreten, umfing ihn der Duft von frisch geröstetem Kaffee - es war wie im Paradies und er sah sich erst einmal um. Tische und eine Bar, Kaffeemaschinen röchelten leise. Und wenn man nicht wusste, was die Jungs noch in Petto hatten, hätte man sie wirklich für Kellner halten können.

Lu und Sick winkten ihnen zu, als Powaqa Kenneth durch den Raum und in die Hinterräume führte, wo der nächste Schock auf den Therapeuten wartete. Denn dort stand Blade und buk Kuchen. Mit einem zufriedenen Gesicht rührte er Teig und füllte ihn in eine Form. Etwas, was man dem großen Mann bestimmt nicht zutraute.

„Sie sind köstlich“, flüsterte Powaqa ihm zu. „An unserem Soldaten ist echt ein Konditor verloren gegangen. Sein Käsekuchen ist nie lange in der Vitrine, der ist unheimlich beliebt.“

„Ich pack's nicht", nuschelte Kenneth, doch es wurde noch schlimmer. Eben flitzte an ihm eine gewisse Ratte vorbei. Sie hatte eine Bäckermütze auf und einen kleinen Wagen an einem Geschirr, den sie hinter sich her zog. So bediente sie die Kinder an den Tischen, die von Sparky gar nicht genug bekommen konnten. Na hoffentlich fand das nicht mal eines Tages das Gesundheitsamt heraus!

Das war ein ziemlich schräger Haufen, in den er hinein geraten war, aber wahrscheinlich brauchte man solch einen Ausgleich, wenn man sonst nur mit Dämonen, Schmerzen und Tod zutun hatte.

„Möchtest du was? Dann mach ich dir einen Kaffee und wir unterhalten uns noch ein wenig.“ Das Café war zwar voll, aber jetzt, wo Doc da war, brauchten sie Powaqa nicht unbedingt und er konnte Kenneth noch Fragen beantworten, die er bestimmt hatte.

„Ja, das wäre nicht übel. Aber lass uns erst mal mein Zimmer suchen, dann kann ich meine Tasche holen, alles aufs Bett werfen und mich dann damit abfinden, was für ein Doppelleben ihr führt."

Ein letzter Blick auf Sparky, die sich gerade den Wagen mit dem beladen ließ, was die Kinder auf ihre Zettel geschrieben hatten und dann folgte er dem Indianer in die Hinterräume, in denen sich die Wohneinheit befand.

Sie gingen durch einen Korridor und Powaqa erklärte ihm, woran sie vorbei kamen. „Hier unten sind das Wohnzimmer, die Küche, ein Bad und Lus Zimmer. Wir anderen sind oben. Dein Zimmer wurde bisher als Gästezimmer genutzt, wenn wir mal jemanden zur Beobachtung hier hatten. Wie wir das bei Phillip gemacht hätten. Oben sind auch noch zwei Bäder, dass also immer zwei oder drei sich eins teilen müssen. Bei dir wäre das Blade, aber das klappt schon.“

„Na ja. Ich glaube, er ist effektiv in allem, was er tut. Mit einem Teenie wie Sick oder Doc würde ich wohl länger warten", lachte er leise, auch wenn er eigentlich selten voreilige Schlüsse zog. Aber es gab nun einmal Klischees, die trafen fast immer zu. Als sie sein Zimmer betraten, sah sich Kenneth kurz um. Es war eingerichtet wie ein Hotelzimmer: Bett, Tisch, Schrank. Zweckmäßig eben, aber klassisch unaufdringlich.

„Ach, es ist erträglich, außer die beiden wollen auf die Piste, dann brauchen sie Stunden.“ Powaqa schmunzelte. „Na komm, gehen wir wieder hinunter. Schau dir an, wie es hier bei uns läuft, viel mehr kannst du heute sowieso noch nicht machen. Heute Abend, wenn geschlossen ist, werden wir besprechen, was wir weiter machen. Aber erst einmal kriegst du den versprochenen Kaffee und Blades Kuchen.“

Kenneth ließ seine Jacke fallen und nickte. Er hatte zwar noch nie gekellnert, doch es war für ihn selbstverständlich, hier mit anzupacken, so lange mit den Dämonen nichts erreicht werden konnte. Vielleicht lenkte ihn das auch ein bisschen von den letzten beiden Tagen ab und er bekam seine Gedanken wieder in realistische Bahnen, die ihm helfen konnten. „Und was hat es mit der Lagerhalle im Hafen auf sich?", fragte er, als er die Tür hinter sich schloss und sich kurz im breiten Flur umsah.

„Das ist unsere Operationszentrale. Dort hat Doc sein Labor und einen voll ausgerüsteten OP. Die meisten unserer Waffen sind ebenfalls dort, die wollten wir hier nicht haben. Dies ist unser Zuhause und die Lagerhalle ist der Job. Wir haben beschlossen, das zu trennen, weil es uns dann besser geht.“

„Verstehe", sagte Kenneth und sah sich noch einmal um. „Aber was genau ist das? Was macht ihr? Gibt es mehr wie euch?" Neugierig sah er den Indianer an. Powaqa nickte und lehnte sich an die Wand.

„Wir nennen uns ‚Hunter’. ‚Hunter’ ist eine weltweit agierende Organisation, die Dämonen jagt und zur Strecke bringt. Ihre Zellen operieren in jedem Land der Erde, getarnt durch 'Demon coffee', Cafés wie diese hier." Der Indianer machte eine einlandende Geste nach unten und lächelte, weil Kenneth fragend die Brauen verzog.

„'Demon coffee' ist eine Coffee-Shop-Kette. Der Name ist ein eingetragenes Markenzeichen und somit dürfen nur Mitglieder der Organisation Coffee Shops unter diesem Namen führen, was sicherstellt, dass jedes Mitglied einer Zelle in einem Coffee Shop dieses Namens Hilfe findet.“ Langsam gingen sie die Stufen hinunter und Powaqa erzählte weiter.

„Wie schon gesagt, in unseren Coffee Shops arbeiten nur ‚Hunter’, allerdings sind nicht alle in der Organisation wirklich Jäger. Wir arbeiten hier nur zwischen unseren Einsätzen. Es gibt eine Stammmannschaft, die sich um das Geschäft kümmert, wenn wir weg sind. Sonst könnten wir den Coffee Shop auch gar nicht halten, weil wir ihn oft für Wochen schließen müssten, wenn wir unterwegs sind. Sie kümmern sich auch um die Besucher oder Jäger aus anderen Zellen und helfen ihnen in allen Dingen, solange es nichts mit kämpfen zutun hat. Sie sind unsere nicht kämpfenden Mitglieder, aber nicht weniger wichtig.“

Kenneth nickte anerkennend. Simpel aber vollkommen logisch! „Coole Idee!", lobte er und hielt einen Daumen hoch. „Aber ihr habt doch sicher nicht nur Bäcker, oder?", fragte Kenneth, denn für eine funktionierende Organisation war mehr nötig als ein Unterschlupf.

Powaqa nickte wieder und erklärte geduldig weiter, denn Kenneth war jetzt unweigerlich einer von ihnen. „'Hunter' hat ihre Leute in allen wichtigen Behörden bis hin zu den Meldestellen und Passausgaben, im medizinischen Bereich und im Flugbereich, im Pressebereich und in den Medien. Sie machen publik, sie vertuschen, so wie wir es gerade brauchen."

Er musterte Kenneth eindringlich, weil er wissen wollte, was der darüber dachte und ob es ein Fehler gewesen war, ihm das zu sagen. Doch Powaqas Menschenkenntnis täuschte ihn nie und bei Kenneth hatte er ein gutes Gefühl. Deswegen zeigte er ihm auch seinen Oberarm und nahm Kenneths Hand, ließ ihn mit einem Finger über eine winzige Erhebung streichen. „Jedes Mitglied von 'Hunter' trägt einen Chip in seinem Körper und einen Scanner, getarnt als Uhr, am Handgelenk, um zu erkennen, ob das Gegenüber ein 'Hunter' ist oder nicht. Außerdem hat der Chip GPS-Funktion."

„Ich pack's nicht." Mit großen Augen sah Kenneth auf die Uhr, die nach Druck auf einen versteckten Knopf kurz blinkte, aber anzeigte, dass außer Powaqas Chip und denen im Café kein weiterer in der Nähe war. „Kriege ich so was auch?", fragte er deswegen und der Indianer zuckte die Schultern.

„Je nachdem, wie das hier ausgeht. Wenn du bei uns bleiben willst, ja. Wenn sich nach diesem Einsatz unsere Wege wieder trennen, wohl eher nicht." Alles war gesagt und unten wurde Hilfe gebraucht. Powaqa führte Kenneth also wieder nach unten und fing Sparky auf, die auf ihn zugelaufen kam.

„Na, genug bedient?“, fragte er und kraulte sie hinter den Ohren. Sie hatte ihre Dienstkluft abgelegt und wuselte nun ein bisschen durch die Gegend, auf der Suche nach Futter und Streicheleinheiten.

„Hier!" Kenneth erschrak sich, als Blade ihm plötzlich einen Teller unter die Nase hielt, darauf eine Teigtasche, die nicht verriet, was sie verbarg.

„Öh - danke!", konnte er gerade noch sagen, doch da war Blade schon wieder verschwunden und Kenneth folgte mit seiner Beute in den Coffee Shop. Neidisch lagen die Blicke der anderen auf ihm, genau genommen auf seinem Teller, denn Blades Teigüberraschungen waren immer heiß begehrt, weil besonders lecker, aber wurden nur sehr selten gemacht, denn sie waren aufwendig.

Sick kam näher und guckte, Doc schlich um den Teller und selbst Sparky stand neben ihm, machte fein Männchen und Kenneth wusste nicht, was los war.

„Das ist Blades Art, dich im Team willkommen zu heißen. Seine Teigüberraschungen macht er nur ganz selten und man weiß nie, was er rein getan hat, bis man sie geöffnet hat. Alle sind ganz wild darauf, wenn er welche macht.“ Powaqa schnupperte und leckte sich über die Lippen. „Diese hier scheint herzhaft zu sein und nicht süß. Los, mach auf, wir sind schon alle gespannt." Alle sahen ihm zu, als Kenneth die Gabel in das Päckchen steckte und ein würziger Duft von Hackfleisch, Käse und Gewürzen daraus entströmte.

„Hackfleisch, die esse ich am liebsten“, seufzte Doc und guckte neidisch.

„Ich auch." Kenneths Augen leuchteten, denn auf Kuchen hatte er gerade keinen gesteigerten Appetit gehabt. Es war im Allgemeinen nicht seine favorisierte Geschmacksrichtung. Doch er nahm lieber den Teller an sich und drehte sich ein bisschen weg, denn die neidischen Blicke machten es ihm nicht leicht, sein Geschenk zu genießen. Aber der Geschmack entschädigte für alles, auch wenn es noch sehr heiß war und Kenneth ziemlich nach kalter Luft hechelte. Sick murmelte was von: 'geschieht ihm recht', und kümmerte sich wieder um die Gäste.

„Ich weiß nicht, wie der Kerl das macht, dass er immer das Richtige rein macht. Er kennt dich doch gar nicht und hat doch gewusst, das du lieber herzhaft isst.“ Doc schüttelte den Kopf und ging zu einem der Tische, wo man wissen wollte, ob es noch mehr von den Teigüberraschungen gab.

„Siehst du, Blade hat auch eine Fähigkeit. Sie hilft ihm nicht nur beim Backen, sondern auch im Kampf. Er kann seine Gegner einschätzen.“ Powaqa hatte leise gesprochen, damit auch niemand außer Kenneth ihn hörte.

„Das will ich gern glauben." Kenneth ließ die Hitze aus seinem Leckerchen entweichen und setzte sich wieder an seinen Tisch gerade, weil ja nun alle wieder verschwunden waren. „Auch wenn er immer unbeteiligt wirkt, ich glaube, er ist ständig unter Strom und lässt keinen wirklich aus den Augen." Er wusste noch nicht, wie das werden sollte, wenn er selber einmal in einen Kampf verwickelt wurde und so weit wollte er auch noch gar nicht denken. Schritt für Schritt rein in dieses seltsame Leben.

„Ja, das kann man wohl sagen. Ich glaube, das hört noch nicht einmal auf, wenn er schläft.“ Powaqa lächelte, als Lu ihnen Kaffee und dazu für Kenneth ein Wasser brachte, damit er seinen Mund wieder abkühlen konnte. Ihr Blick lag kurz auf Kenneths Teller. „Lag Blade richtig?“, fragte sie und ein kleines Lächeln umspielte ihren Mund, als er nickte. Bisher hatte ihr Perfect Soldier noch nie daneben gelegen. Sie nickte noch einmal und machte sich gleich wieder auf den Weg, denn die Gäste wollten bedient werden.

„Ich hoffe, ich kann euch auch eine Hilfe sein und bin nicht nur ein Klotz am Bein", sagte Kenneth leise und nahm die Brille ab. Er rieb sich über die Schläfen und die Augen und versuchte sich ein bisschen zu entspannen. „Wie kann ich helfen? Oder besser noch: habt ihr Berichte über frühere Einsätze? Damit ich weiß, wie so was laufen wird. Ich habe immer noch keine Vorstellung davon und das macht mir langsam ein bisschen Angst." Er vermied die Schlüsselwörter, auch wenn er leise sprach. Man wusste nie, wer absichtlich oder auch unabsichtlich zuhörte.

„Ja, haben wir alles. Du kannst sie lesen, wenn du möchtest.“ Powaqa nahm sich Zucker und rührte seinen Kaffee um. „Du bist Therapeut, du kannst dich in Menschen hineinversetzen. Das kann sehr hilfreich sein. Manchmal brauchen wir auch jemanden zum reden, da werden wir wohl auf dich zukommen.“ Alles andere, was die Kämpfe anging, mussten sie erst einmal sehen. Da war Blade derjenige, der die Entscheidungen traf.

„Na ja, wenn ich mich so gut hinein versetzen könnte, hätte ich das mit Phillip früher ernst genommen", sagte Kenneth, korrigierte sich aber seufzend. „Oder es überhaupt ernst genommen. Die Anfrage kam nur ins Netz, weil ich nicht weiter wusste und alles aufgeschrieben habe, was ich im Kopf hatte. Ich suchte nach einer Hilfe für ihn. Doch ich war wohl zu spät dran." Nein, egal wie oft er sich das vor Augen hielt, er war da noch nicht drüber hinweg und er würde es wohl noch oft sagen müssen, ehe er alles begriff, auch seine Rolle in diesem Puzzle.

„Ken, du wirst ein guter Therapeut sein, sonst hättest du keine Patienten mehr. Du konntest nicht ahnen, worum es sich handelt und wir werden das wieder gut machen.“ Powaqa blieb ebenfalls allgemein, damit niemand merkte, worüber sie sich unterhielten. „Das mit dem Netz war ein Glück für uns, sonst hätten wir dich nicht gefunden. Sick hat seine Programme immer unterwegs, falls wir wieder etwas Ähnliches finden.“

Schlagartig ergaben sich für Kenneth ein Haufen Fragen, doch er schluckte sie alle herunter. Es war nicht die richtige Zeit und nicht der richtige Ort. Er lehnte sich nur zurück und aß in Ruhe weiter, denn eines musste man dem Soldaten lassen: er konnte kochen! Beneidenswert, das konnte Kenneth nämlich nicht. Ohne seine Mikrowelle und das Fertigfutter wäre er schon kläglich verhungert.

Er blieb eine Weile vorne im Café, damit er sehen konnte, wie es lief und wer alles kam. Es kamen viele Mütter mit Kindern oder Familien. Wahrscheinlich wegen Sparky, die bei allen Kindern beliebt war und immer wieder Auslieferungen machte. Ansonsten überwogen die Studenten, so dass es hier immer laut und fröhlich zuging.

Später ging er in die Küche, um Blade über die Schulter zu blicken und sich dort mit den Abläufen bekannt zu machen. Es war ihm ein Rätsel, wie ein Mann mit solch großen, kräftigen Händen derart filigrane Kunstwerke wie kleine Törtchen zaubern konnte. Der ganze Mann war für ihn ein Mysterium. Er sprach kaum, antwortete nur auf das Nötigste und doch gab er einem nie das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Es war schwer zu beschreiben.

„Hier, bring mal vor."

Kenneth schreckte auf und griff sich den Teller mit den kleinen Fettgebäck-Teilchen. Die letzte Bestellung für heute, denn langsam leerte sich der Laden und sie bereiteten sich aufs Schließen vor.



06


Als das Café etwa eine Stunde später geschlossen wurde, hatte Kenneth nichts zu tun, da die Aufgaben verteilt waren und er selber nur gestört hätte. Darum zog er sich in die hinteren Räume zurück und nahm sich den Ordner mit Phillips Zeichnungen, die hier lagen. Noch immer machte es ihn fertig, dass er seinem Patienten nicht hatte helfen können und er wollte unbedingt mehr über diese Dämonen wissen, die Phillip heimgesucht hatten.

Er blätterte die Zeichnungen durch. Sie waren sehr unterschiedlich. Einige waren sehr detailgetreu, andere nur schnell hingekritzelt und kaum erkennbar. Eines allerdings erregte seine Aufmerksamkeit. Es zeigte die Wesen in einem Zimmer, das selber nicht sehr interessant war, aber dort gab es auch einen Blick aus dem Fenster und das Gebäude, das er dort sehen konnte, kam ihm bekannt vor. Grübelnd blickte er auf das Bild und schließlich machte es Klick.

Das war Liverpool Street Station.

Die beiden Türme am Eingang und das alte Haus daneben - diese Ansicht war unverkennbar. Phillip war sogar so pedantisch gewesen die Uhrzeit einzutragen und laut seiner Worte, dass die Dämonen ihn meistens nachts bedrängt hatten, musste es irgendwann kurz nach zwei in der Früh sein.

Stöhnend strich sich Kenneth durch das Gesicht und schob den blonden Pony aus seinen Augen, wieder starrte er auf das Bild. Ob sie dort auf ihn gelauert hatten oder hatten sie ihn dort hin verschleppt? Warum hatte er das alles nicht vorher gewusst und hätte detaillierter fragen und helfen können, verdammt? Doch er drehte sich im Kreis und Selbstmitleid war das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Also sah er sich suchend um, doch er war allein. Darum nahm er sich eine der Zeichnungen und ging nach vorn. Er wollte wissen, was die anderen davon dachten.

Powaqa wischte gerade noch einmal über die Theke und sah dann Kenneth lächelnd entgegen. „Wir sind fertig“, sagte er und warf den Lappen in den Müll. Er streckte sich und ließ seine Gelenke knacken. „Ist was?“, fragte er, denn Kenneth wirkte etwas angespannt. Der Tod seines Patienten hatte ihn ziemlich mitgenommen.

„Vielleicht - vielleicht auch nicht", sagte er und legte die Zeichnung auf die Theke. Neugierig von Kenneths Worten kamen auch die anderen näher und scharten sich nun um das Papier. „Phil hat das gezeichnet und ich weiß, wo das ist. Was mich interessiert: Wie ortstreu sind diese Dämonen? Das Bild trägt das Datum von vor einer Woche. Ob sie noch da sind?" Und er konnte nicht vermeiden, dass seine Augen dabei wutentbrannt blitzten.

„Zeig mal her.“ Powaqa nahm sich das Bild und sah es sich an. „Sie müssen irgendwo wohnen, auch wenn sie Dämonen sind und ich denke, da sie ihr Ziel nicht erreicht haben, könnten sie noch dort sein.“ Er sah zu Blade, der nickte.

„Ist durchaus möglich. Sie wollten etwas von Phil, was sie aber nicht bekommen haben. Sie müssen sich jetzt neu orientieren und ich würde nicht gleich verschwinden, wenn ich kein neues Ziel habe.“

„Stimmt auffallend. Wenn sie nicht ganz verblödet sind, was ich leider annehmen muss, dann sind sie clever genug, im Stillen weiter zu planen", sagte auch Sick nickend. Es war doch gut gewesen, dass sie die Unterlagen vom Cleaner-Team noch bekommen hatten. Er starrte auf das Bild, auf die Türme, auch er wusste genau, wo das war. Das Hotel am Bahnhof musste ihr Quartier sein.

„Was hält uns auf? Können wir uns die nicht holen?", fragte Kenneth blind ins Blaue, er hatte ja keinen Schimmer, wie das hier lief. Aber nur sitzen und abwarten, während Phillips Mörder sich einen Bunten machten, das konnte er nicht.

„Aufhalten tut uns nichts, aber wir können nicht einfach losgehen.“ Blade hatte das Wort ergriffen, denn er war für die Planung ihrer Aktionen verantwortlich. „Wir müssen erst einmal die Lage checken. Normalerweise haben wir es mit einem von ihnen zu tun und nicht mit dreien. Das ist um einiges gefährlicher, allein schon, weil wir nicht wissen, wie stark sie sind und welche Fähigkeiten sie haben.“ Er wollte Kenneth nicht entmutigen, aber jetzt einfach loszustürmen, konnte tödlich enden.

„Aha", machte der verstehend, doch richtig einsichtig war Kenneth nicht. „Und wenn wir nur mal..." Doch er brach ab, weil er wusste, dass Blade entschieden mehr Ahnung davon hatte als er selber. Er war einfach nur ungeduldig und wütend, das waren beides keine guten Ratgeber, schon gar nicht bei einem Gegner, den er selber noch nicht kannte. Vielleicht hielt er sich jetzt einfach im Hintergrund und hörte nur zu, ehe er es sich mit den Jungs noch verscherzte, denn Doc musterte ihn bereits fragend.

Powaqa konnte spüren, wie es in Kenneth aussah und drückte ihm kurz die Schulter. „Es ist besser, den Gegner zu kennen. Ich wäre dafür, dass wir versuchen etwas herauszubekommen. Fahren wir dort hin. Vielleicht treffen wir durch Zufall auf einen von ihnen. Das ist recht ungefährlich, weil sie nichts von uns wissen.“ Der Indianer sah zu Blade, der nach kurzer Überlegung nickte. „Nur eine Aufklärungsmission. Näherer Kontakt ist zu vermeiden, wir brauchen unseren Überraschungseffekt noch.“

„Okay." Kenneth nickte heftig und er konnte nicht vermeiden, ein kleines bisschen grinsen zu müssen. Er wusste selbst nicht warum. Doch man hatte ihn ausdrücklich nicht ausgeschlossen, er durfte also mit. Im Augenblick fand er das noch sehr spannend, wie es werden würde, wenn er wirklich einen von den Kerlen sah, konnte er allerdings selber noch nicht sagen. „Was muss ich beachten, um eure Tarnung nicht auffliegen zu lassen?", fragte er also. Er wollte nichts falsch machen. Ein Menschenleben hatte es schon gekostet - das war eines zu viel.

„Du bleibst bei Sick, egal, was passiert. Er weiß, was zu tun ist und wird dir zeigen, worauf du achten musst.“

Sick nickte und damit war die Sache für ihn gegessen. Er war sogar ein wenig stolz, dass er für diese Aufgabe ausgewählt wurde, denn Blade war ein Sicherheitsfanatiker und würde einen Neuen, der dazu auch keinerlei Kampferfahrung hatte, nie jemandem anvertrauen, dem er das nicht zutraute. Kurz trafen sich ihre Blicke – undeutbar.

Kenneth sah ebenfalls zu dem Jungen und grinste schief. „Okay, dann werde ich dir nicht von der Seite weichen", sagte er, doch die Anspannung wuchs langsam. Er spürte ein Ziehen in den Schultern und im Nacken und der Drang, die Muskeln zu reiben, wurde fast unerträglich. Doch Kenneth rollte nur ein wenig die Schultern. „Glaubt ihr eigentlich, sie haben schon ein neues Opfer gefunden?", stellte er die Frage, die ihn schon eine ganze Weile beschäftigte.

„Ich weiß es nicht. Diese Typen sind anders, als alle, die wir bisher getroffen haben.“ Blade sagte das nicht gerne, aber leider war es so. „Die, die wir kennen, haben bisher nie in Gruppen agiert und sie haben die Menschen nur zum Spaß gequält. Diese drei haben ein Ziel und das ist auch uns vollkommen neu.“

„Ah, okay." Es war nicht die Antwort, die Kenneth sich erhofft hatte, doch es war die einzige, die er im Augenblick bekommen würde. Also fragte er an dieser Stelle nicht mehr weiter nach, sondern ließ die Jungs ihren Job machen. Lieber streichelte er Sparky, die gerade die Theke heimlich noch nach ein paar Krümeln absuchte, doch Powaqa hatte gründlich gearbeitet und sie ging leer aus.

Jeder wusste, was zu tun war und da Kenneth noch neu in der Gruppe war, hatte er noch keine Aufgaben. Sparky war da nicht böse drüber, denn sie mochte es, gekrault zu werden. Blade verteilte die kleinen Sprechgarnituren, die sie tragen konnten, ohne dass es auffiel. So konnten sie immer untereinander Kontakt halten. Der Soldat nahm auch zur Sicherheit ein paar Waffen mit. Man konnte bei diesen Monstern nie wissen.

Wirklich wohl war Blade bei der Sache auch nicht, doch Powaqa hatte nicht ganz Unrecht: sie brauchten Informationen und die fanden sie bestimmt nicht auf der Türschwelle. Sie mussten dort hin, auch wenn sie nicht wussten, was sie erwartete. Deswegen ließ es sich Blade, der sonst kein Wort zu viel verlor, nicht nehmen, alle noch einmal eindringlich darauf hinzuweisen, dass der Kontakt mit dem Zielobjekt um jeden Preis zu vermeiden war. Ihr Ziel war Informationsbeschaffung, kein Kampf.

Sie verteilten sich auf zwei Wagen. Lu steuerte den einen. Sie hatte Kenneth und Sick bei sich. Doc steuerte den anderen Wagen und hatte Blade und Powaqa bei sich. Selbst Sparky schien zu wissen, was auf dem Spiel stand, denn sie lag auf ihrem Platz, ohne Doc zu ärgern. Später, wenn sie unterwegs waren, trug Blade sie in einer bequemen Tasche seines Mantels, dann konnte er sie mit einer Minikamera ausgerüstet auf Spionagetour schicken.

Sie parkten die Wagen in der Nähe des Bahnhofs. Erst einmal blieben sie zusammen. Powaqa konnte die Anwesenheit der Dämonen spüren, wenn sie erwacht waren und somit war er wichtig für das Gelingen der Mission, denn er konnte feststellen, ob ihre Zielobjekte überhaupt vor Ort waren. Im Augenblick konnte er noch nichts spüren, doch das musste nichts heißen. Er sah sich kurz um, während er ausstieg.

Als Kenneth im anderen Wagen es ihm gleich tun wollte, hielt Sick ihn zurück. „Warte", sagte er leise. Sie stiegen nicht eher aus, bis Blade ihnen ein Zeichen gab. Er konnte am besten einschätzen, wie die Lage aussah.

Der Soldat sondierte die Gegend und als Powaqa den Kopf schüttelte, nickte Blade allen zu, dass sie aussteigen konnten. „Erst einmal gehen wir die Gegend ab und wenn Powaqa etwas spüren kann, wird entschieden, wie wir weiter vorgehen. Kommt drauf an, ob sie im Haus sind oder nicht.“ Sick erklärte Ken gerne alles, denn je schneller er mit ihren Vorgehensweisen vertraut war, umso schneller konnte er sich in die Gruppe integrieren. Eigentlich war es nicht sein Ding, Leute zu instruieren oder lange Erklärungen zu geben, doch Blade hatte endlich begonnen ihm so zu vertrauen, dass er das Wohl eines Menschen in Sicks Hände legte, da wollte er nichts falsch machen.

Kenneth hörte ihm zu und versuchte sich alles zu merken, auch wenn das zu viel war. Und unauffälliges Verhalten musste er auch erst noch üben, er hatte irgendwie das Gefühl, er stach als einziger aus der Gruppe heraus. Dabei war er nicht einmal auffällig gekleidet.

Die Gruppe zog sich etwas in die Länge, denn sechs Leute auf einem Haufen erregten immer Aufsehen. Doch selbst das schien nach einem Plan zu laufen. Kenneth war fasziniert. Es brauchte nicht vieler Worte, damit die Gruppe funktionierte. Jeder wusste, was zu tun war und da Kenneth keine besondere Aufgabe hatte, hielt er sich einfach bei Sick und versuchte sich so viel wie möglich zu merken.

Sie liefen gerade an dem Hotel vorbei, in dem sie die Dämonen vermuteten, als Powaqas Gesichtsausdruck sich veränderte. Es sah aus, als hätte er Schmerzen und Blade wurde sofort auf ihn aufmerksam. Ein paar unauffällige Zeichen genügten und die Gruppe teilte sich auf. Die einzelnen Teile hielten aber weiterhin Sichtkontakt.

Kenneth wurde von Sick weiter weg gedrängt. Wenn die Dämonen wirklich noch im Hotel waren, war es vielleicht gut, nicht in der Nähe zu sein. Also taten sie, als würden sie sich die Architektur des Bahnhofsportals betrachten, während sie die anderen nicht aus den Augen ließen. Powaqa ging langsam weiter, um kein Aufsehen zu erregen und Lu ging neben ihm. Blade und Doc folgten mit Abstand.

Kenneth versuchte sich nicht zu oft nach den anderen umzusehen und es fiel ihm unendlich schwer. Immer wieder wollte er nachsehen, was die anderen machten, bis Sick eingriff und Kenneth dorthin dirigierte, wo er den Rest des Teams im Auge behalten konnte, ohne dass es auffiel.

Doc und Blade hatten sich an einen Tisch in einem Café gesetzt und Powaqa und Lu standen nah beieinander, so dass man dachte, sie wären ein Liebespaar, das sich unterhielt. Sick - ganz entgegen seiner Art - tat so, als würde er sich für Architektur interessieren und redete nun auf Kenneth ein, um ihn abzulenken. Es war nicht leicht, sich selbst mit einem belanglosen Thema zu befassen und die anderen im Auge zu haben. Sick hatte diese Aufgabe ziemlich unterschätzt, doch er gab sein bestes.

„Sie scheinen hier zu sein, aber ich kann sie noch nicht orten", erklärte Powaqa über die Headsets seinen Leuten und so setzte er sich mit Lu wieder in Bewegung. Sie schritten die Fassade des Hotels entlang, der eine fest im Arm des anderen. Sie lachten und wenn man sie nicht kannte, hätte man sie wirklich für frisch Verliebte halten können. Kenneth grinste, widmete sich dann aber wieder dem Bahnhof und Sick.

Seit ungefähr einer halben Stunde waren sie nun schon am Bahnhof, als Powaqa seinen Kopf hob und zum Eingang des Hotels blickte. „Sie kommen“, gab er durch das Headset an die anderen weiter. Kenneth sah unauffällig zum Eingang und erschauderte. Aus der Tür kamen eine Frau und ein Mann, die er auf Philipps Zeichnungen gesehen hatte. Es war kein Zweifel, das mussten die Mörder seines Patienten sein. Sein Gesicht verfinsterte sich und er konnte sich von den beiden Gestalten nicht losreißen.

„Los, Sick", knurrte Blade, dem das gar nicht gefiel. „Pack Ken ins Auto und pass auf ihn auf. Lass den Motor laufen, damit ihr jederzeit weg könnt. Wir folgen den beiden", erklärte er über das Headset, damit jeder wusste, was los war. Doc lockte die Bedienung mit einem charmanten Lächeln zu sich, um zu zahlen, während Blade sich schon erhob.

„Geht klar“, war Sicks knappe Antwort. Er griff sich Kenneth am Ärmel und zog ihn zurück zum Auto. Es war immer besser, Blades Anweisungen unbedingt Folge zu leisten. Kenneth ließ sich ziehen, auch wenn er nicht damit einverstanden war. Warum sollte er im Wagen warten? Dort konnte er niemandem helfen, aber er sagte nichts, denn Blade hatte das Sagen.

„Scheißtypen", knurrte er leise und sah dem dubiosen Paar hinterher. Hatte er sich das eben eingebildet oder hatte sich die Frau nach ihm umgesehen? Doch er schüttelte den Kopf und ließ sich murrend in die Polster der Rückbank sinken.

„Dreh dich nicht so auffällig um", sagte Sick leise und machte den Wagen startklar. Hier vor dem Bahnhof standen oft Leute, die auf jemanden warteten, da fielen sie mit laufendem Motor kaum auf.

Zum Glück.

„Auf den Bildern waren immer drei. Spürt Powaqa den dritten nicht? Da fehlt doch noch einer", überlegte Kenneth. Er wurde nervös. Endlich hatte er das gesehen, von dem er bisher glaubte, es würde nur in Phillips Kopf existieren. Das machte ihm mehr zu schaffen, als er angenommen hatte.

„Vielleicht wollen sie sich treffen? Pow kann nur sagen, dass da einer ist, aber wenn mehrere zusammen sind, kann er das nicht differenzieren.“ Sick sah zu Kenneth nach hinten. Die anderen konnte er von hier aus nicht mehr sehen, darum waren sie auf die Funkverbindung angewiesen, über die einer seiner Freunde regelmäßig weitergab, wo sie waren, damit Sick im Notfall wusste, wohin er fahren musste. Außerdem hatte er jeden einzelnen von ihnen als kleinen Punkt auf dem Monitor, der präzise den Stadtplan wiedergab. Er konnte ihnen also auch mit der Navigation folgen, die er selbst noch ein bisschen modifiziert hatte.

„Ach so." Kenneth nickte. Er fühlte sich gerade wie in einem Käfig. Er konnte das beklemmende Gefühl nicht erklären, doch am liebsten wäre er aus dem Wagen gesprungen und den anderen gefolgt. Es war nicht leicht, sich wieder in das Polster zu drücken und er holte tief Luft. Er war angespannt bis in die letzte Haarwurzel.

Immer wieder lief ihm ein Schauer über den Rücken und er fühlte sich beobachtet. Unauffällig sah er sich um und erstarrte. Neben dem Wagen stand der dritte Dämon und sah ihn direkt an. Er hatte ihn sofort erkannt, denn eine rote Narbe zierte die linke Wange des Mannes. „Sick“, flüsterte Kenneth und rückte instinktiv von der Tür weg, nach der der Dämon seine Hand ausstreckte.

„Verriegeln, verdammte Scheiße, verriegeln!", brüllte Kenneth plötzlich und drückte sich an die andere Tür.

Was ging denn jetzt ab?

Sick begriff erst gar nicht, was eigentlich los war, weil er nur auf das Display gestarrt und zugesehen hatte, wie seine Freunde sich immer weiter entfernten, doch als er aufsah und reagieren wollte, war es schon zu spät. Seine Fahrertür war offen und der Fremde hatte den Jungen am Hals gepackt. Aus dem Headset hörte man Blades Stimme, der immer wieder wissen wollte, was los war. Aber Sick konnte ihm nicht antworten. Immer fester drückte die Hand um seinen Hals zu.

„Lass ihn los, du Monster“, schrie Kenneth und schlug auf den Arm ein, der Sick festhielt. Er wusste nicht, was er gegriffen hatte, als seine Hand suchend über die Polster geglitten war. Es war ein Stativ aus Metall, das nun auf den Arm niedersauste und den Dämon zwang, Sick loszulassen und sich zurückzuziehen. „Komm mit oder er stirbt“, knurrte der Dämon und in seiner Hand erschien ein Feuerball.

„Hau ab - hau ab - hau ab!", schrie Kenneth immer wieder wie von Sinnen. Doch nichts passierte. Weder Doc noch Blade kamen ihnen zur Hilfe, denn so wie es im Headset klang, hatten die mit den anderen beiden Dämonen gerade selbst genügend zu tun. Es schien, als wären sie den dreien in eine Falle gegangen, ohne es zu merken.

Bewusstlos lag Sick auf den Vordersitzen und regte sich nicht mehr. Kenneth rief ihn, schrie ihn an, doch der Junge bewegte sich nicht.

„Ich sage es nur noch einmal - komm mit oder der nutzlose Mensch stirbt. Was glaubst du, wie viele noch sterben werden, bis wir haben, was wir wollen. Glaubst du, ein lächerlicher Mensch mehr oder weniger stört uns?" Die schnarrende Stimme des Dämons schnitt Kenneth ins Fleisch. Seine Augen fixierten den Feuerball.

Er war wie erstarrt.

„Komm zu mir“, verlangte der Dämon, aber Kenneth konnte sich nicht rühren. Seine Muskeln gehorchten ihm nicht und er konnte seine Augen nicht von dem Feuerball lösen, der in der Hand schwebte. Ihrem Angreifer dauerte das offensichtlich zu lange, bis seinem Befehl Folge geleistet wurde und so wurde der Feuerball größer und Kenneth konnte nur noch: „Nein“, schreien, als der Ball auf Sick zuflog.

Er griff sich den Jungen am Arm und wollte ihn zu sich nach hinten ziehen, doch er war nicht schnell genug. Der Ball touchierte Sick am Schenkel, doch dann schien es, als würde er auseinander spritzen. Kenneth bemerkte es nicht, er zerrte nur Sick zu sich und schloss die Arme um ihn. So konnte er das verblüffte Gesicht des Dämons nicht sehen.

„Was!?", knurrte er und warf einen zweiten Ball, der wie von einer Wand einfach abprallte und verpuffte. „Das kann nicht sein!" Wieder und wieder flogen Feuerbälle, doch Kenneth war nur damit beschäftigt, auf Sick einzureden und nach den anderen zu rufen.

Die hatten inzwischen mitbekommen, was sich im Wagen abspielte und Doc und Blade rannten auf den Wagen zu. Der Dämon ließ von Kenneth und Sick ab und wandte sich den beiden zu. Er knurrte laut und wütend. So erregten sie zuviel Aufsehen und das war nicht in seinem Sinne. Zwar machte es ihm nichts aus, Menschen zu töten, aber sie konnten keine große Aufmerksamkeit gebrauchen.

„Fühl dich nicht zu sicher“, zischte er Kenneth zu und rannte weg. Doch auch das entging diesem. Er klammerte sich nur an Sick, der immer noch nicht wieder bei Bewusstsein war.

„Komm schon, Kleiner, ist doch nur 'ne Fleischwunde", murmelte er leise und bekam nichts mehr um sich herum mit. Das war alles zu viel für ihn. Er schrie panisch auf, als Doc plötzlich die Tür, an der er selbst lehnte, aufriss und ihm Kenneth fast in die Arme fiel.

„Was ist hier passiert, verdammt noch mal?" Doc schüttelte nur den Kopf.

„Ich... Der... Feuer..." Kenneth war völlig fertig.

„Oh Shit!“ Doc griff sich Sick, der ihm mit Kenneth entgegengepurzelt war und aus einer großflächigen Brandwunde am Bein blutete. „Ken, auf den Beifahrersitz, Blade du fährst und sagst den anderen Bescheid.“ Nichts war mehr von dem smarten Sonnyboy geblieben, jetzt war er Arzt und hatte einen Patienten, um den er sich kümmern musste. Er legte Sick bequem und holte seinen Notfallkoffer aus dem Kofferraum. Dann setzte Doc sich mit auf die Rückbank, damit er Sick versorgen konnte.

Kenneth hockte wie ein Schluck Wasser im Sitz und wusste noch immer nicht, ob er das eben geträumt hatte oder nicht. Doch er kam nicht dazu, sich weiter darüber Gedanken zu machen, wie lebhaft seine Fantasie war oder auch nicht, denn Blade löcherte ihn jetzt mit Fragen und der war nicht so nachgiebig.

„Was wollte er?", fragte der Soldat, den Blick auf Sick geheftet. Erst als Doc versicherte, dass das wieder wurde, fuhr er an, denn der Wagen lief immer noch. Sparky hatte sich unter den Sitz verkrochen, wo sie nicht störte und wo sie vielleicht noch was zu fressen fand, während Kenneth Blade fragend ansah.

„Verdammt, was wollte der Kerl von euch. Hat er was gesagt? Warum lebt ihr noch?" Immer wieder wanderte Blades Blick besorgt zum Rückspiegel und somit zu Sick.

Kenneth schüttelte den Kopf, das klang ja fast wie ein Vorwurf! „Weiß nicht", sagte er also stur und hatte nicht vor, sich für ihr Überleben zu entschuldigen. Er wusste doch sowieso nicht, was passiert war.

„Er hat Feuerbälle auf euch abgeschossen, warum seid ihr nur so wenig verletzt?“ Blade ließ nicht locker. Er musste wissen, was passiert war - auch wenn er insgeheim froh war. Doch er verließ sich ungern auf Glück, er brauchte Fakten.

„Hat er an euch vorbei gezielt, um euch einzuschüchtern? Was wollte er überhaupt?“ Blades Fragen waren scharf, denn er war wütend. Sie hatten sich wie Anfänger vorführen lassen. Jeder von ihnen hatte gewusst, dass es drei von der Sorte waren und doch waren sie so leichtsinnig gewesen, ihre beiden Schwächsten zurückzulassen, während sie nur zwei Dämonen gefolgt waren. Was Sick passiert war, war Blades Schuld und das musste er analysieren. Er hatte keine Zeit für Kenneths lückenhaftes Gedächtnis.

„Ich rede mit dir", knurrte er also, als der Blonde neben ihm sich nicht zuckte.

„Meine Güte, ich weiß es doch auch nicht. Er sagte, ich solle zu ihm kommen und solchen Mist. Ich war wohl nicht schnell genug, da schmiss der Depp mit seinen Feuerbällen und dann habe ich Sick zu mir gezogen, als er verletzt wurde. Mehr weiß ich nicht, weil ich dann versucht habe, mich um den Jungen zu kümmern - wie geht’s ihm?" Kenneth ignorierte Blade und wandte sich zu Doc um.

„Er wird wieder. Die Brandwunde ist nur oberflächlich. Er kommt gerade wieder zu sich“, beruhigte Doc Kenneth und war schon dabei, die Wunde zu versorgen. Dabei redete er mit dem Soldaten, der sichtlich verärgert war. „Blade, lass Ken erst einmal in Ruhe. Er muss verdauen, was passiert ist und du kannst ihn auch noch später befragen. Jetzt hat das eh keinen Sinn. Unser Neuer ist doch noch vollkommen daneben.“

Auch wenn die Formulierung vielleicht nicht die netteste war, die Kenneth je gehört hatte, so musste er Doc doch schweigend beipflichten. Er hatte noch immer nicht richtig verarbeitet, was eigentlich passiert war. Erst nachdem er selber die letzten Minuten grob zusammengefasst hatte, begriff er, dass der Kerl hinter ihm her war - hinter ihm! Kenneth wurde blass und sein Puls bescheunigte sich. Angst strich ihm langsam mit ihren kalten Händen das Rückgrat entlang.

Sie wollten ihn!

Weil er Phillip beigestanden hatte.

Der Gedanke hatte nichts Schönes an sich.

Blade sagte nichts, aber an der Art und Weise, wie er fuhr und schaltete, merkte man, dass er wütend war, doch er hielt sich an Docs Bitte. Genauso wie er das Sagen bei ihren Operationen hatte und sich nicht reinreden ließ, so hatte ihr Arzt nun einmal alles Medizinische unter sich und somit das letzte Wort.

„Was… los?“, murmelte Sick und verzog das Gesicht. Sein Hals schmerzte und sein Bein brannte wie die Hölle. Was war passiert? Da war doch dieser Typ, der mit Feuer um sich geworfen hatte. „Ken!“, schrie er plötzlich und versuchte sich aufzurichten. Doch Doc hielt ihn zurück und drückte ihn auf das Polster - beobachtet von Blade über den Rückspiegel, der jede Regung von Sick verfolgte.

„Ruhig doch, Kurzer. Ken ist nichts passiert. An ihm ist alles noch dran und jetzt bleib liegen, sonst kann ich mich nicht konzentrieren", knurrte der Arzt und legte seine Hände vorsichtig auf die Wundränder damit sie sich ein wenig schlossen. Er hatte schon früh herausgefunden, dass er anders war und Fähigkeiten besaß, die keiner hatte. Es hatte viele Jahre gedauert, bis er sie nach seinem Willen einsetzen konnte und er tat es selten. Doch jetzt hatte er keine andere Wahl. Das Heilen kostete ihn viel Kraft, aber Sick brauchte seine Hilfe, sonst fiel er für Wochen aus.

Wenn sie Zuhause waren, konnte er sich ausruhen und morgen war er wieder auf dem Posten.

Sick ließ sich wieder nach hinten fallen, aber seine Augen suchten Kenneth. „Alles klar?“, fragte er. „Was ist passiert? Bist du verletzt? Wo ist der Kerl hin?“

„Keine Sorge, mir geht es besser als dir", sagte Kenneth mit einem sichtlich schlechten Gewissen, weil er selbst nicht einen Kratzer abbekommen hatte. „Wo der Mistkerl hin ist, kann ich dir nicht sagen, ich habe es nicht gesehen. Aber im Augenblick könnte mir nichts gleichgültiger sein. Bin froh, dass das Vieh nicht mehr da ist." Er war immer leiser geworden und drückte sich fester in den Sitz. Er musste sich nur an das fiese Gesicht erinnern, die Narbe, die schnarrende Stimme. Ein Schauer ergriff Kenneth und ließ ihn sich schütteln. Selbst als Menschen waren die Biester hässlich wie die Nacht.

„Gut, dass du okay bist.“ Sick seufzte, denn schließlich war er für Kenneth verantwortlich gewesen. „Feuer?“, fragte er, weil er von dem Angriff nichts mitbekommen hatte, aber seine Brandwunde ließ eigentlich keinen anderen Schluss zu. „Wo kam der Kerl nur so plötzlich her? Er war verdammt schnell und stark. Ich habe seine Hand, die mich gegriffen hat, nicht gesehen.“

“Ich habe ihn auch nur durch Zufall bemerkt. Er stand neben dem Wagen und wollte meine Tür aufreißen. Ich habe ihn erkannt. Diese hässliche Visage und die Narbe auf der Wange. Das war einer von Philips Bildern. Er hat ihn gemalt. Und dann..."

Es war alles zu schnell gegangen. Viel zu schnell.

„Ich hätte gedacht, ich wäre besser darauf vorbereitet, die Dinger zu sehen, doch das war ich nicht. Ich glaube, ich habe dich in Gefahr gebracht. Wäre ich nicht dabei gewesen, sondern daheim geblieben, wäre vielleicht nichts passiert. Sie wollen mich, ich weiß nur nicht warum." Kenneth redete mehr mit sich selber als mit Sick. Er brauchte Antworten, um endlich zu begreifen.

„Quatsch.“ Sick winkte ab. „Keiner hat Schuld. So was passiert eben manchmal.“ Er grinste ein wenig verzerrt, denn das, was Doc im Augenblick machte, war nicht gerade schmerzfrei, aber es war auszuhalten. „Aber warum ist nicht mehr passiert? Warst du das?“

„Jetzt fängt du auch noch an", knurrte Kenneth wieder etwas verstimmt und sah Blade an. Hatte er sich das eben nur eingebildet oder hatten dessen Mundwinkel gezuckt? „Er hier fragte auch schon, warum wir eigentlich noch am Leben sind. Ich weiß es nicht, okay? Ich habe gar nichts gemacht. Ich habe dich nach hinten auf die Rückbank gezerrt und die Augen zugekniffen. Was dann passiert ist, weiß ich so gut wie ihr - nämlich gar nicht."

So, nun war es raus. Jeder konnte sich über seine Feigheit amüsieren, wenn er wollte und Kenneth streichelte Sparky, die sich unter dem Sitz gelangweilt hatte. Docs Wagen war immer viel zu aufgeräumt - wirklich nicht rattenfreundlich!

„Ey, Blondie, die Frage ist doch wohl berechtigt. Da steht ein Typ vorm Auto und lässt ununterbrochen Feuerbälle hinein fliegen und du hast nicht einen Kratzer.“ Blade schnaubte und sah kurz zu Kenneth, dann wieder zu Sick. „Keiner will dir was, aber so etwas ist nicht normal und da Sick ohnmächtig war, kannst nur du etwas gemacht haben, das euch gerettet hat, denn eigentlich müsstet ihr tot sein.“

„Ja, klasse. Jetzt war ich das wieder? Was - verdammt noch mal - soll ich denn gemacht haben? Ihm mit meinem bösen Blick oder meinem mädchenhaften Gekreische eingeschüchtert, oder was? Verdammt! Ich! Weiß! Es! Nicht!" Kenneth wurde noch wahnsinnig, was war an den wenigen Worten: 'ich weiß nicht, was passiert ist' so schwer zu verstehen, dass der Kerl keine Ruhe geben konnte? Ja, ihm selbst kam es auch spanisch vor, dass nicht mehr passiert war. Doch er wusste es nicht und gut! Also verschränkte Kenneth die Arme vor der Brust und sah betont abweisend aus dem Fenster, was Sparky schon eine Weile machte.

„Könntet ihr bitte aufhören zu streiten, ich muss eine Wunde heilen“, knurrte Doc und sah kurz nach vorne. Blade hob die Hand, dass er verstanden hatte und sagte nichts mehr. Seine Fragen konnten auch noch warten, zumindest so lange, bis Sick wieder halbwegs auf dem Posten war. Der hatte Vorrang - immer.

„Egal, was es war, ich bin froh, dass du es gemacht hast“, sagte Sick und lächelte Kenneth zu.

„Hm", machte der nur und betrachtete sein Gesicht in der Scheibe. Warum glaubte jeder, er hätte was gemacht? Was denn?! Er hatte den Kerl nicht einmal angefasst, die Schläge mit dem Stativ hatten den Typen kaum tangiert oder aus dem Rhythmus gebracht. Doch dann sickerte durch, was Doc eben gesagt hatte und Kenneth sah sich neugierig um. „Eine Wunde heilen?", fragte er und blickte auf Sicks Bein - tatsächlich. Sie war kleiner geworden. Wie konnte das sein? Mit großen Augen sah er Doc an. „Was machst du?"

Aber nicht Doc antwortete ihm, sondern Blade. „Lass ihn, es kostet ihn sehr viel Kraft. Ich beantworte dir die Fragen, soweit ich kann. Doc kann Wunden viel schneller heilen lassen. Wie genau das funktioniert, wissen wir auch nicht, aber es ist irgendwie so, als tauche er mit seinem Geist in die Wunde ein und repariert das, was defekt ist, sagt er. Es ist fürchterlich anstrengend für ihn, weil er sich sehr konzentrieren muss, aber er hat uns damit schon oft das Leben gerettet.“

„Echt?", fragte Kenneth etwas ungläubig, doch für ihn stand kein Zweifel an der Richtigkeit der Worte. Nicht nach dem, was er in den letzten Tagen erlebt hatte. Er sah wieder zu Doc nach hinten und auf die Wunde, die schon wieder kleiner geworden zu sein schien. Und dann verstand er - die drei glaubten, er hätte auch solche Kräfte und damit den Dämon vertrieben. Kenneth schüttelte sich den langen Pony vors Gesicht und sank wieder in seinen Sitz zurück. „Ich hab so was nicht, falls ihr das mit euerer Fragerei gemeint habt." Und so griff er sich wieder Sparky, die für Streicheleinheiten immer dankbar war.

„Das haben wir auch gedacht, aber es hat sich herausgestellt, dass wir alle eine besondere Begabung haben.“ Blade sah zu Kenneth hinüber und strich Sparky über das Köpfchen. „Ist aber im Moment nicht so wichtig. Wir werden schon noch rausbekommen, warum das Feuer euch nichts anhaben konnte. Erst einmal zurück ins Hauptquartier und zusehen, dass Sick wieder auf die Beine kommt.“ Sorge klang aus seiner Stimme, das war selten.

„Auf alle beide", murmelte der Junge und grinste schief. Es war schön zu wissen, dass Blade sich sorgte. Sick grinste, denn er kämpfte um dessen Anerkennung, seit er in die Gruppe gekommen war. Für ihn war Blade immer ein Vorbild gewesen, zu dem er aufgesehen hatte – mittlerweile war er mehr und eines Tages wollte Sick ihm ebenbürtig sein. Sie verbrachten viel Zeit zusammen und redeten manchmal ganze Nächte.„Pow, Lu?" Blade trug noch immer das Headset und war froh, als die beiden im zweiten Wagen sich meldeten. Die Dämonen schienen nicht bekommen zu haben, was sie wollten und ließen die Menschen ziehen. Diese Typen waren nicht zu unterschätzen und sie brauchten eine neue Strategie.

Blade musste sich nachher unbedingt mit Powaqa und Lu zusammensetzen, damit sie das besprechen konnten. Irgendwie verlief dieser Fall vollkommen anders als ihre bisherigen. Diese Gegner waren gefährlicher und unberechenbarer.

„Besprechung nachher“, sagte er knapp in das Headset und trennte die Verbindung, ohne auf Antwort zu warten. Er ging davon aus, dass niemand etwas dagegen hatte. So verging die nächste halbe Stunde schweigend. Keiner sagte mehr etwas und Blade steuerte den Wagen in die Lagerhallen am Hafen, dort wo sie ihr Hauptquartier hatten.

Er parkte den Wagen in der Garage und wartete nicht auf Lu, sondern nahm Doc den Jungen aus dem Arm und trug Sick ins Wohnzimmer. Blade wollte kurz mit ihm allein sein und sehen, wie es Sick ging. Es war seine Art, Sick um Verzeihung zu bitten. Er fühlte sich immer noch verantwortlich, weil er dem Jungen zu viel zugemutet und die Feinde unterschätzt hatte. Seine Hand strich Sick liebevoll Haare aus dem blassen Gesicht.

Das Wort "Entschuldigung" gab es in seinem Wortschatz nicht. Anfangs hatte Blade seine Fehler nicht einmal eingesehen - er war mit den Jahren menschlicher geworden. „Hast du starke Schmerzen?“, fragte er besorgt und strich Sick kurz durch die Haare. Ihm durfte nichts passieren, darum musste er besser auf ihn aufpassen. Sie fingen gerade an, sich besser kennen zu lernen und jetzt wusste er, wie Sick wirklich war, wenn er nicht gerade den Coolen spielte.

Doc ließ sich etwas später neben Sick auf die Couch fallen und rieb sich mit den Fingern über die Augen. Er war vollkommen erschlagen, aber er wollte an der Besprechung teilnehmen.

„Hier.“

Vor Docs Gesicht schwebte eine dampfende Tasse Tee, die Lu ihm hinhielt. Sie wirkte nicht gegen die Erschöpfung, aber sie tat einfach gut.

„Noch jemand?“, fragte sie und Sick hob die Hand. Tee war nie verkehrt.

„Ich nehme auch was, wenn noch was übrig ist", sagte Kenneth und ließ sich ebenfalls in eine Ecke der Couchlandschaft sinken. Die Schultern rollend, sah er sich langsam um, sah von Powaqa, dessen Fähigkeit er kannte, zu Doc, von dem er es nun auch wusste. Doch er wagte nicht zu fragen, was Lu, Blade oder Sick beherrschten. Vielleicht wollte er es auch gar nicht wissen. Das war besser für ihn.

„Die Kanne ist groß, die gibt viel her." Lu lächelte, denn sie konnte sich vorstellen, dass es für Kenneth, auch wenn er nicht verletzt worden war, am schlimmsten von allen gewesen sein musste. Für ihn war es das erste Mal gewesen.

„Und? Alles klar?", fragte sie deswegen, als sie ihm die Tasse reichte.

Kenneth sah durch den langen Pony und grinste schief.

„Geht schon."

„Wir haben das alle durch.“ Doc lächelte matt. „Jeder von uns, der sie das erste Mal getroffen hat, war hinterher geschockt, weil wir uns solche Wesen nicht vorstellen konnten. Ich selber habe einige Zeit gebraucht, bis ich nicht bei jedem Geräusch zusammengezuckt bin und überall Angreifer gesehen habe.“ Er schlürfte seinen Tee und grinste Kenneth an. „Also ist es okay, wenn du dich unwohl fühlst und wenn du mit jemandem reden möchtest, geht das klar.“

„Danke." Kenneth wusste nicht, was er sagen sollte. Er war ausgebildeter Psychologe, er war es, zu dem die Leute kamen. Aber im Augenblick fühlte er sich wie einer seiner Patienten und das angenehmste Gefühl war das nicht. „Gewöhnt man sich eines Tages daran? Ich meine, wie ist das mit den Alpträumen und wie wird das jetzt bei mir werden?", sprach er das aus, was ihn schon seit der Fahrt beschäftigte. „Ich sollte mitkommen, sie sind hinter mir her. Kommen sie mich jetzt auch heimsuchen, wie Phillip?" Unweigerlich zog Kenneth die Füße auf die Couch und machte sich klein, bot so weniger Angriffsfläche. Dabei sah er sich fragend um. Angst stieg in ihm auf.

Kenneths neue Freunde wechselten einen Blick und Doc seufzte. „Wir können es dir nicht sagen, aber wenn sie was von dir wollen, dann denke ich schon, dass sie versuchen werden, an dich ran zu kommen. Die Dämonen, die wir kennen, haben so etwas getan, aber bei diesen dreien wissen wir das nicht.“ Doc nippte an seinem Tee und sah Kenneth offen an. „Wir müssen einfach abwarten.“

„Was so viel heißt: Ken, das Versuchkaninchen, wird nachher ins Bett gehen und warten, ob die Mistviecher sich blicken lassen", sagte er ironisch, doch es war kein Vorwurf an die anderen in der Runde und das wussten sie auch. Er brauchte jetzt einfach einen Kanal, um das Erlebte zu verarbeiten. Jeder machte das auf eine andere Art. Doc riss seine Witze, Sick zockte einen Ego-Shooter, bis er einschlief und Blade schwieg sich aus, bis alles ausgestanden war. Kenneth schien der ironische Typ zu sein.

„Du musst heute Nacht nicht alleine bleiben, wenn dir das lieber ist. Ich bleibe gerne bei dir.“ Powaqa lächelte Kenneth an. Es war ein unverbindliches Angebot.

„Ich hab Hunger“, platzte Sick in die Situation und schreckte alle auf. „Lasst uns was bestellen, mir ist nach ungesunden, unnützen Kalorien, egal was Blade dazu sagt. Ich brauch das jetzt einfach.“ Seiner und Blades Blick trafen sich und kurz huschte von allen anderen unbemerkt ein Lächeln über Blades Lippen.

„Hey, er schreit schon wieder nach Fastfood, so schwer verletzt kann er nicht mehr sein", grinste Doc und lümmelte sich ein wenig in die Polster. Seine Kräfte konnten ebenfalls ein bisschen Nachschub gebrauchen und auch wenn er aus Nahrung keine Energie in dem Sinne ziehen konnte, so war es doch schön, sich das einreden zu können. „Pizza, fettig und heiß und dick belegt", schlug er vor und lachte, als sogar Sparky sich gegen den knurrenden Blade verschwor und zum Aussuchen zu Doc kam. Sonst waren sie ja eher keine Freunde, aber wenn es ums Essen ging und darum, etwas abzubekommen, dann konnte auch der größte Feind zum Freund werden.

Kenneth lachte über die beiden, denn es sah wirklich so aus, als würde Sparky die Speisekarte lesen und sich etwas aussuchen. Merkwürdiges Tier.

„Peperoni und Sardellen und viel Käse", knurrte Blade vom Tresen aus. So weit kam es noch, dass ihm dann jeder etwas vor aß!

Sparky schien mit der Wahl zufrieden zu sein, denn sie fiepste und kam wieder zu Blade gelaufen und kletterte an ihm hoch. „Peperoni, Schinken und auch viel Käse“, murmelte Doc und leckte sich über die Lippen. „Sick, wie immer?“ Der Jüngste der Gruppe nickte und nach und nach hatten alle ihre Wünsche geäußert, nur Kenneth noch nicht.

„Du auch?“, fragte Lu, die schon das Telefon in der Hand hatte.

Kenneth grinste. „Der Kurze ist mir sowieso noch eine Pizza schuldig, nicht wahr?", sagte er und erinnerte sich an den Abend, als man ihn gewaltsam hier her gebracht hatte. Sollte das wirklich erst gestern gewesen sein?

Sick verdrehte die Augen und schüttelte lachend den Kopf. „Okay, ich gebe einen aus. Schinken und Pilze wie gestern?"

Kenneth nickte zufrieden und alle mussten lachen. Langsam lockerte sich die gespannte Atmosphäre ein wenig. Blade ließ sie auch noch eine Weile in Ruhe, es musste sich bei jedem erst einmal setzen, was sie erlebt hatten. Darüber reden konnten sie auch nach dem Essen.

Schlussendlich blieben sie nicht mehr lange zusammen, nachdem die gelieferte Pizza verdrückt worden war. Sie hatten noch kurz besprochen, wie sie weiterhin vorgehen wollten, aber das nur recht halbherzig, denn sie waren erschöpft und müde von den Ereignissen des Tages. Kenneth nahm Powaqas Angebot an, die Nacht bei ihm zu verbringen, auch wenn das nicht nötig gewesen wäre, denn in dieser Nacht wurde keiner von ihnen heimgesucht.

07


Am nächsten Morgen schliefen sie alle etwas länger als gewöhnlich. Na ja - fast alle, denn Blade drehte schon wieder seine täglichen Runden im Untergeschoss, sodass Sparky auf der Suche nach etwas Wärme zu Powaqa und somit auch zu Kenneth kroch. Der hatte sich fest in seine Decke gehüllt und unter seinem Kissen vergraben, als könnten die Daunen ihn schützen.

Alles in allem aber lief der Morgen eher träge an. Doc sah noch einmal nach Sicks Wunde, doch es gelang ihm nicht, den Jungen davon zu überzeugen, heute einmal eine Auszeit zu nehmen. Sick wollte mit ins Café, davon ließ er sich nicht abbringen. Und da der Junge ziemlich stur war, beließ Doc es dabei. Vielleicht war die Ablenkung dort genau das, was er brauchte.

Nach einer Tasse Kaffee war Lu schon auf dem Sprung. Sie wollte ein paar Dinge in Erfahrung bringen und der Rest schlug sich die Zeit im 'Demon Coffee' um die Ohren. Sparky wuselte wie üblich zur Erheiterung der Kinder mit ihrem Wägelchen durch die Reihen der Tische und Doc und Sick sorgten zusammen mit Kenneth für ein bisschen Eye Candy für die größeren Mädchen.

Sie scherzten und flirteten, was das Zeug hielt, und so verging die Zeit wie im Flug. Es tat gut, nicht immer daran denken zu müssen, welche Monster auf der Erde herumliefen.

Blade hatte die letzten Gebäckstücke aus dem Ofen geholt und gab sie an Kenneth weiter, damit er sie nach vorne bringen konnte. Der stellte den Teller gerade auf dem Tisch ab, als die Eingangstür aufging und automatisch blickten alle dorthin, weil es selten war, dass so kurz vor Feierabend noch jemand kam.

Es wurde kurz still im Raum, weil der Mann, der durch die Tür kam, alle Blicke auf sich zog. Groß, mindestens zwei Meter, athletisch gebaut mit silberblonden, fast weißen Haaren, die bis weit über den Rücken reichten. Das ungewöhnlichste waren aber die hellen Augen, deren Farbe nicht wirklich zu beschreiben war, aber am ehesten einer Mischung aus grün und blau gleich kam. Dieser Augenblick währte aber nur einige Sekunden, dann wandte man sich wieder ab und der Mann setzte sich an einen der Tische.

„Wer ist das denn? Kommt der öfter?", fragte Kenneth leise, als er ein paar leere Tassen einsammelte und sie an Powaqa vorbei hinter den Tresen brachte. Doch er kam nicht umhin, sich immer wieder nach dem Mann umzusehen - er passte nicht hier hin. Das sagte jede einzelne seiner Körperzellen, jede Faser. Und doch war er hier. Kenneth drehte sich verwundert um, als der Indianer ihm nicht antwortete und sogar ein wenig abwesend wirkte.

„Gefahr“, murmelte Powaqa leise und sofort stand Blade neben ihm.

„Wer?“, fragte er und auch sein Blick ging zu dem großen Blonden hinüber. Der Soldat war alarmiert und besah sich den Mann näher. „Dämon?“, fragte er leise, aber der Schamane schüttelte den Kopf.

„Es ist anders als bei Dämonen, aber er hat irgendetwas an sich, was mir fast physische Schmerzen bereitet.“

„Sollen wir ihn im Auge behalten?", flüsterte Doc, als er ein paar Tassen einsammelte, die noch auf dem Tresen standen. Kurz nur ging sein Blick noch einmal zu dem Mann. „Kann ich ihnen etwas bringen? Wir schließen gleich", sagte er zu ihrem letzten Gast, denn er wollte nicht unhöflich erscheinen.

„Ein Wasser“, entgegnete der Mann und sah kurz zu Doc hoch, der unbehaglich schluckte, weil die hellen Augen ihn völlig ohne Gefühl ansahen. So nickte er nur und machte die Bestellung fertig. Lu schob Blade einen Zettel hin und nickte, blickte zu Sick und beide gingen nach hinten. Sie würden dem Fremden folgen und bei günstiger Gelegenheit versuchen zu betäuben.

„Alles klar, kann ich dann gleich kassieren? Wir würden gern den Kassenabschluss machen", sagte Doc und brachte seinem Gast das gewünschte. Eigentlich sah der Kerl gar nicht aus wie ein Wasser-Typ, eher wie jemand, der Espresso bestellte.

Wie man sich doch täuschen konnte.

Kenneth stand derweil etwas abseits. Ihm ging das abgehakte Gespräch durch den Kopf. Gefahr, aber kein Dämon. Was dann?

Ohne eine Regung bezahlte der Blonde das Wasser und trank es halb leer, stand auf und verließ ohne ein weiteres Wort das Café. Kenneth atmete auf, denn er hatte unwillkürlich die Luft angehalten und sah nun zu Doc, der sich das Glas vorsichtig nahm. Er schüttete es aus und steckte es in eine Tüte. Später nahmen sie Fingerabdrücke und von den Speichelresten machte er eine DNA Analyse. Die Maschinerie kam in Gang, als Blade und Sick sich auf den Weg machten, dem Fremden zu folgen.

Sie hatten Glück, denn der Mann schien zu Fuß unterwegs zu sein. Das machte es den beiden trainierten Jägern leicht, ihrem Opfer zu folgen. Sie sprachen kein Wort, schlichen von Schatten zu Schatten und ließen den merkwürdigen Mann, in dem Powaqa eine Gefahr gesehen hatte, nicht aus den Augen. Ihre Peilsender funktionierten, so dass Lu und der Indianer ihnen mit dem Wagen in einiger Entfernung folgen konnten. Wenn Sick und Blade den Mann ausgeschaltet hatten, mussten sie ihn auf schnellstem Weg ins Hauptquartier bringen.

Das Schicksal schien auf ihrer Seite zu sein, als der Mann in einen kleinen Park einbog, in dem sich um diese Zeit nicht mehr viele Leute aufhielten und als die Gelegenheit günstig war, schoss Blade mit einer kleinen Druckluftpistole einen Betäubungspfeil ab. Nun mussten sie nur noch warten.

Der Fremde hatte zwar bemerkt, dass ihn etwas gestochen hatte, aber da war es auch schon zu spät. Das Mittel begann zu wirken und der Mann schwankte.

„Kann losgehen“, gab Blade an Doc weiter und sprintete vor, um ihr Opfer aufzufangen, damit er sich beim Aufschlag nicht verletzte. Schnell war der Mann mit Handschellen gefesselt, denn der war groß und kräftig. Sollte er vor seiner Zeit wieder zu sich kommen und im Wagen Terror veranstalten, dann hatten sie ein Problem.

„Los, rein." Doc und Kenneth waren mit dem Lieferwagen ebenfalls gefolgt, der eigentlich ein getarnter Rettungswagen war. komplett mit Operationsbereich. Der bewusstlose Mann wurde auf die Trage geschnallt und Blade und Doc blieben bei ihm in der Kabine, während Powaqa sich hinter das Steuer setzte. Sick und Kenneth wurden von Lu eingeladen und nun konnte die kleine Karawane sich wieder in Bewegung setzen.

„Das ging ja schneller als gedacht", sagte Doc. Auch ihm gingen noch immer Powaqas Worte durch den Kopf. Etwas stimmte nicht mit dem Kerl. Doch er lag da, Puls und Atmung gingen stetig. Der schlief tief und fest. Sie konnten nur hoffen, dass Sick die Dosis Schlafmittel richtig berechnet hatte, denn auf ein tobendes Kraftpaket im Wagen hatte er keine Lust. Abgesehen von ihnen konnte die Einrichtung auch einiges abbekommen und beides war nicht wünschenswert.

„Pow, gib Gas und schalte Sirene und Blaulicht an, ich will schnell Zuhause sein. Dort habe ich ihn besser unter Kontrolle, wenn es sein muss.“ Der Kerl machte ihn nervös und das gefiel ihm gar nicht. Das war meist kein gutes Zeichen.

„Was hast du für ein Geheimnis, Kerl?", knurrte er leise und beobachtete weiter die Werte des Mannes. Er wollte sofort bereit sein, wenn sich sein Zustand einem Erwachen näherte. Kurz ruckte der Wagen, als Powaqa aufs Gas trat. Die Sirene war nicht nötig, denn sie kamen gut durch. Es erregte nur unnötiges Aufsehen, wenn sie nicht den Weg zum Krankenhaus einschlugen.

Doc besah sich den Kerl genauer. Er sah nicht außergewöhnlich aus. Gut, er war sehr groß, das war schon einmal nicht normal. Dann die langen, weißen Haare, auch eher ungewöhnlich, aber das war bestimmt nicht das, was Powaqa gemeint hatte. Äußerlich hatte er nichts Beängstigendes an sich, man konnte ihn sogar als ziemlich gut aussehend bezeichnen. Man musste sich überraschen lassen, was passierte, wenn der Kerl wach wurde und merkte, dass er nicht mehr im Park war.

„Sind da!", rief Powaqa nach hinten und drückte einen Knopf, der das Tor auffahren ließ, damit die beiden Wagen ungehindert und ohne zu halten in die Lagerhalle fahren konnten. Während der Transporter langsam ausrollte, machten sich Sick und Kenneth bereit: Sick hatte seine Giftpfeile parat und Kenneth versuchte, nicht im Weg zu stehen, als die Türen des Transporters sich öffneten und die Trage herausgerollt wurde.

„Ins Labor, auf die Liege! Und benutzt alle Schnallen und Bänder, die da sind!“, gab Doc Anweisungen und schnappte sich dabei mit Blade ihren Gast. Sie hatten die meiste Kraft und der Kerl wog nicht gerade wenig.

„Okay, wecken wir ihn auf“, keuchte Doc, als er das letzte Band geschlossen hatte, und wollte sich mit dem Arm über die Stirn wischen, als er mitten in der Bewegung anhielt und auf den Mann auf der Liege starrte.

„Nicht nötig, ich bin schon lange wach“, sagte der Gefesselte und sah Doc spöttisch an.

„Was?", kam es dem Arzt über die Lippen, doch noch ehe er hätte nach Sick und seinen Pfeilen rufen können, zerfetzte der Mann auf der Liege die Bänder, als wären sie aus Papier.

Was hatten sie getan?

Hatten sie etwa einen Feind in das Herzstück ihrer Organisation geschleust?

War das wieder eine Falle?

Blade neben ihm warf sich sofort auf den Mann auf der Liege, der sich in aller Seelenruhe aufsetzte, doch er wurde gepackt und ihm der Arm auf den Rücken gedreht, bis Blade fast die Augen aus den Höhlen traten. „Zugriff!", schrie er zu Powaqa und Sick.

„Leute, ganz ruhig, ich wollte mit euch reden und nicht kämpfen.“ Der Mann ließ Blade los, stieß ihn aber von sich weg und sprang von der Liege. Er bewegte seinen Kopf, bis die Wirbel knackten und sah zu Powaqa. „Ich weiß, was ihr sucht und auch, wer diesen Phillip umgebracht hat. Könntet ihr also aufhören, mich anzugreifen? Schließlich habt ihr mich hierher gebracht.“

„Wer bist du?", fragte der Indianer und gab den anderen ein Zeichen. Sie sollten hinter ihn treten. Vielleicht konnte er sie nicht beschützen, sollte der Kerl dort drüben doch noch auf die Idee kommen, hier wüten zu wollen, doch er konnte es ja erst einmal versuchen. „Was willst du hier?"

„Und was weiß der Kerl über Phillip!", warf Kenneth von der Tür her ein, denn die Neugier hatte ihn angelockt.

„Ich bin Raven, das muss reichen und ich verfolge das gleiche Ziel wie ihr. Ich will diejenigen, die diesen Phillip umgebracht haben, töten und gleichzeitig das finden, was sie suchen, um es zu zerstören.“ Der Mann wirkte gelassen und überhaupt nicht beeindruckt, dass er gerade einer Elitetruppe von Kämpfern gegenüber stand. Er zog seinen langen Ledermantel aus und setzte sich wieder auf die Liege. „Von diesem Phillip habe ich erst erfahren, als ich euch verfolgt habe, aber er ist nicht von Bedeutung für mich und meine Aufgabe.“

„Kaltschnäuziger Bastard", knurrte Kenneth leise, der diese Reden nicht ertragen konnte. Doch Doc schob ihn zurück aus der Tür, er wollte anderes wissen.

„Gut, Raven." So unmöglich, wie er den Namen betonte, war jedem klar, dass er von einem Fake ausging. „Was suchst du und für wen arbeitest du?" Es wäre Doc nämlich ziemlich neu, dass es eine zweite Organisation gab, die sich des Problems angenommen hatte. Und in ihren Reihen gab es keinen Raven - das wusste er genau. Sein lauernder Blick lag auf dem fremden Mann, der es sich in dem engen Labor gerade bequem zu machen schien. Der musste sich ja sehr sicher fühlen.

„Ich arbeite für niemanden, zumindest nicht in dem Sinne, den du meinst und ich suche genau das, was ich gerade gesagt habe. War das so schwer zu verstehen?" Raven wirkte leicht gereizt und seine Hände schlossen sich kurz zu Fäusten. „Ihr habt genau zwei Möglichkeiten. Wir arbeiten zusammen. Es sterben keine weiteren Menschen oder nur noch sehr wenige. Ich töte die Kerle und zerstöre die Waffe.

Die zweite Variante wird euch weniger gefallen. Ich mache das allein und ich habe kein Problem mit dem Töten von Menschen. Ihr werdet die ersten sein, die das erfahren. Ich finde sie auch alleine, allerdings dauert das länger und ich bin nicht sehr geduldig. Es könnten sehr viele Menschen sterben. Außerdem könnte es dann sein, dass die Waffe gefunden wird. Sie können sie benutzen und dann werden sie die Erde zerstören.“ Ravens Stimme war völlig emotionslos, als wäre es ihm egal, welche Variante es schlussendlich sein würde. Er bekam, was er wollte.

Stille herrschte in dem kleinen Labor, weil jeder erst einmal versuchte zu begreifen, was dieser Mann von sich gegeben hatte, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

„Was für eine Waffe?" Blade war der erste, der seine Sprache wieder fand. Ihm schmerzte noch immer die Schulter. Er hatte keinen Zweifel daran, dass dieser Kerl, der Sicks Betäubungsmitteln widerstehen konnte, sie alle um die Ecke bringen konnte, so er das wollte. Darüber mussten sie nicht diskutieren.

„Eine sehr alte Waffe, die irgendwo auf der Erde versteckt worden ist. Sie war bei den Meisten vergessen, aber einige haben sich an sie erinnert und sie als Chance angesehen, einen Krieg zu gewinnen. Sie hätte schon damals zerstört werden sollen, doch man hat es nicht getan, weil man die Waffe vielleicht noch einmal brauchen konnte. Aber sie ist einfach zu gefährlich, wenn sie in die falschen Hände kommt.“

Raven war aufgestanden und sah sich im Labor um. Immer mal wieder nahm er etwas auf und betrachtete es. Man merkte ihm und seiner ganzen Haltung nicht an, dass er gerade über die mögliche Waffe zur Vernichtung der Erde sprach. Es schien ihn nicht weiter zu beunruhigen oder zu stören. Seine Aufgabe war es vorrangig, diese Waffe in die Hand zu bekommen - Kolateralschaden war da eingeplant.

„Da du glaubst, wir können dir helfen, sag uns, wie unsere Hilfe aussehen würde", forschte Blade weiter. Er machte keine Verträge, ohne die Kosten zu kennen, schon gar nicht bei einem solchen Kerl. Es juckte ihn in den Fingern zu fragen, was genau dieser Raven war, doch er würde nicht die Antwort bekommen, die er wollte. Also war die Frage an sich schon Energieverschwendung.

„Ihr spürt die Kerle für mich auf, sagt mir, wo sie sind und ich werde sie dann übernehmen. Ich werde herausfinden, was sie wissen und sie dann töten. Das ist nichts anderes, als ihr bisher auch gemacht habt, nur dass ich die Drecksarbeit übernehme.“

Raven sah zu Blade, aber nur kurz. Sein Blick heftete sich auf Kenneth, der wieder in den Raum gekommen war. „Du fragst dich die ganze Zeit, was diese Monster von Phillip wollten, nicht wahr? Es gibt eine Art kollektives Gedächtnis der Menschheit. Dort ist alles gespeichert, was auf der Erde jemals passiert ist. Dieser Phillip hatte Zugang dazu. Er hätte ihnen sagen können, was sie wissen wollten. Nun werden sie einen anderen Menschen suchen, der das kann.“

„Hä?", war die erste Reaktion, die Kenneth von sich geben konnte. Kollektives Gedächtnis und Phillip konnte darauf zugreifen? „Wenn du von Phillip wusstest, warum hast du dich nicht ein paar Tage früher hier blicken lassen oder ihn gerettet? Warum hast du diese Biester entkommen lassen, hm?" Langsam kam die Wut wieder hoch.

„Ich habe von Phillip erst erfahren, als ich euch gestern gefolgt bin. Das habe ich gerade schon gesagt.“ Ravens Stimme wurde eine Spur schärfer, weil er es hasste, sich zu wiederholen. „Auf das Gedächtnis hat mich sein Geist gebracht, als ich ihn befragt habe, was seine Dämonen von ihm wollten. Da wurde es mir klar, wie sie ihre Suche beschleunigen wollten.“

„Hm." Um nichts Falsches zu sagen, wandte Kenneth sich ab und hielt sich lieber im Hintergrund. Er war bereit, dem Kerl den Hals umzudrehen und wusste nicht einmal wirklich warum. Vielleicht sollte er sich einen Ausgleich suchen, der ihn wieder auf ein normales Stresslevel schraubte. Er erkannte sich kaum noch wieder.

„Und jetzt?", wollte Powaqa wissen und versuchte etwas zu spüren. Doch nichts - nicht einmal mehr das schmerzende Gefühl von Gefahr, das er im Shop noch gehabt hatte. Gerade so, als wäre der Mann überhaupt nicht da. Das jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Was immer dieser Raven auch war, er war nicht weniger gefährlich als die Monster, die sie jagten.

„Woher weißt du von den Dämonen? Du triffst auch nicht das erste Mal auf sie, richtig?“, fragte er ins Blaue hinein. Sie brauchten mehr Informationen.

„Ich bin mit ihnen aufgewachsen und ich kämpfe mit ihnen seit meiner Jugend. Viele von ihnen habe ich getötet. Ihr könnt sie nicht besiegen. Sie sind für euch zu stark. Die, gegen die ihr bisher gekämpft habt, sind verweichlichte Kreaturen, mit wenig Dämonenblut in sich. Es wurde durch viele Generationen der Vermischung mit Menschen verdünnt.“ Raven sah Powaqa direkt in die Augen und er lächelte schmal. „Die, die ihr sucht, sind reinblütige Dämonen. Kampferprobt und tödlich.“

Es war der sprichwörtliche Schlag mit dem Fehdehandschuh ins Gesicht, gesagt zu bekommen, dass alles, was man bis jetzt erreicht hat, eigentlich nichts wert war, weil es minderwertige Schwächlinge waren, die man zur Strecke gebracht hätte. Doch keiner der Jäger wagte es, das auszusprechen. Eine beklemmende Atmosphäre bildete sich in dem kleinen Raum und waberte wie eine herausfordernde Aura von dem Fremden zu den Jägern.

„Und wir sind für diese reinrassigen Dämonen die Köder, damit du es leichter hast, oder was?", fasste Kenneth zusammen, weil kein anderer etwas sagen wollte oder konnte. Ihm gefiel der Gedanke nicht, Kanonenfutter zu werden, egal wie intensiv er sich gestern Morgen noch als Lockvogel angeboten hatte. Da hatten die Bedingungen noch etwas anders gestanden und es war nur um ihn gegangen. Doch hier waren ein paar Leute dabei, die ihr Leben noch vor sich hatten.

„Nein, eigentlich solltet ihr sie für mich nur aufspüren, aber das werdet ihr wohl nicht müssen.“ Raven drehte sich zu Kenneth und sah ihn durchdringend an. „Sie wissen, dass Phillip zu dir gekommen ist und dir von ihnen erzählt hat. Sie werden wissen wollen, wie viel du weißt. Ich schätze, du wirst, genau wie Phillip, nachts Besuch bekommen und das werden wir nutzen, um sie zu finden.“

„Wir rechnen bereits damit, denn wir sind heute auf sie getroffen", sagte Blade kurz angebunden. Diese Information sollte reichen.

Ravens Antwort verblüffte aber nicht nur ihn. „Ich weiß. Nur leider habt ihr sie verscheucht. Sie sind nicht wieder zum Hotel zurückgekommen. Darum musste ich mir ja was anderes einfallen lassen.“

„Du warst da?", fragte Blade scharf und seine Augen verschmälerten sich zu Schlitzen. Was war das für ein Typ? „Warum hast du sie dir nicht gegriffen und gekillt, wie du es vorhast? Willst du sie auf einem Silbertablett serviert?"

„Wenn es dir lieber gewesen wäre, mindestens die Hälfte der anwesenden Menschen dort wäre gestorben, dann werde ich das nächste Mal keine Rücksicht nehmen. Mir persönlich ist es vollkommen gleich, wenn alle umkommen, aber wenn euch das nicht stört…“ Raven zuckte mit den Schultern und sah Blade gleichgültig an.

„Bastard", zischte Blade, denn das war ein glattes Eigentor geworden. Dieser Raven war aalglatt und mit einer Kaltschnäuzigkeit gesegnet, die ihresgleichen suchte.

„Und warum hast du dich hier eingeschlichen?", lenkte Powaqa das Interesse auf sich - er hatte keine Lust, dass die beiden Kerle jetzt und hier aufeinander losgingen.

„Wegen Kenneth. Sie wollten ihn und sie werden es wieder versuchen, wie ich gerade schon sagte: Sie werden das nicht so schnell aufgeben, denn sonst müssen sie jemand anderen finden, der ihnen helfen kann und das kann langwierig werden.“ Raven war ein wenig genervt, weil er das vorhin schon einmal erklärt hatte, aber anscheinend hörte ihm hier keiner richtig zu.

„Ich?" Kenneth war überrascht darüber, was der Kerl alles wusste. Phillip hatte mit niemandem darüber gesprochen, woher hatte der Typ also seine Informationen? Der war wirklich unheimlich - anders als die Dämonen, die nun hinter ihm her zu sein schienen, aber unheimlich. Kenneth krochen langsam Schauer die Arme nach oben, legten sich in seinen Nacken wie eiskalte Hände und er ließ sich gegen den Türrahmen sinken, um Halt zu finden.

Diese Biester würden ihn also wirklich aufsuchen?

Ihn quälen?

So wie Phillip?

Es schien nur eine Frage der Zeit.

„Moment, wie soll das gehen?“ Doc gefiel der Gedanke überhaupt nicht, dass Kenneth sich diesen Monstern ausliefern sollte und noch weniger gefiel ihm, wie dieser Kerl einfach durch sein Labor stolzierte und meinte, alles anfassen zu dürfen. Doc war auf Krawall gebürstet, aber das ließ diesen Raven nur kurz eine Braue heben.

„Euer Schamane wird sich in Kenneths Traum einklinken. Ich könnte das zwar selber tun, aber dann wissen sie, dass ich hier bin und werden verschwinden. Damit wäre keinem geholfen. Noch gehen sie davon aus, unentdeckt geblieben zu sein.“

„Hm", knurrte Kenneth. Die redeten gerade über ihn wie über ein Badezimmer, man geht rein - man geht raus, alles kein Problem, oder was? Doch plötzlich kam das ungute Gefühl von gestern Morgen wieder, was er in Phillips Haus gespürt hatte. Die Wut, die er an sich nicht kannte, die Unruhe, die Kälte. Hatte es etwas damit zu tun, dass diese Monster schon ihre Klauen nach ihm ausgestreckt hatten? Kenneth zitterte leicht und versuchte es zu verbergen, indem er sich um den Türpfosten langsam aus dem Zimmer hinaus in den Flur drehte, wo Sparky ihn musterte.

„Werden sie mich bemerken? Muss ich besondere Vorsichtsmaßnahmen treffen?“ Powaqa brauchte mehr Informationen, damit er sich darauf vorbereiten konnte. Wenn diese Monster so gefährlich waren, ging er das Risiko ein, angegriffen zu werden. Raven kam zu ihm, denn endlich stellte jemand vernünftige Fragen, die halfen, ihr Unternehmen durchzuziehen.

„Nein, sie werden dich nicht bemerken, ich werde dich vor ihnen tarnen. Kannst du deinen Geist zu ihnen rüber gehen lassen, solange sie bei Kenneth sind und dich dort umsehen?“

„Ja", nickte der Indianer und die Federn in seinem Haar wippten leicht. „Ich habe das schon ein paar Mal getan. Einmal war ich unvorsichtig und sie haben mich bemerkt und angegriffen. Wie willst du mich tarnen?" Es war nicht nur Neugier, die ihn fragen ließ, auch Sorge, ob sie nicht gerade in eine ausgeklügelte Falle liefen. Dieser Kerl war kein Mensch, das stand außer Frage. Doch ein Dämon der Dämonen fing und tötete? Das machte für ihn keinen Sinn. „Und was bringt uns dazu, dir zu trauen?"

„Ihr lebt noch.“

Alle zuckten bei dieser Antwort zusammen und Blade knurrte, aber niemand sagte ein Wort.

„Es ist eure Entscheidung, mir zu trauen oder nicht, ich kann euch keine Sicherheiten geben. Ihr habt mein Wort, aber das ist auch alles.“ Raven zuckte mit den Schultern und damit war dieses Thema für ihn abgehakt. „Ich werde einen Schutzschild um dich legen, der dich für sie unsichtbar macht. Sie werden dich nicht bemerken.“

„Du bist einer von ihnen, oder?", fragte plötzlich Sick, dem das Rumgeeiere ziemlich auf den Nerv ging. Warum kam der Spinner nicht auf den Punkt? Durch die rahmenlose Brille hindurch sah der Junge den Fremden eindringlich an. „Was ist das für eine Waffe? Und wie willst du erfahren, wo sie ist, wenn die anderen Dämonen selber nicht wissen, wo sie ist? Das bringt doch nichts." Zumindest sah Sick keinerlei Sinn in der Aktion.

„Gut erkannt, kleiner Mensch. Ich bin einer von ihnen.“ Raven drehte sich zu Sick und sein Gesicht zeigte kurz Anerkennung, weil es endlich einer gewagt hatte zu fragen. „Es ist eine Waffe, die vor vielen tausend Jahren in meiner Welt gebaut wurde. Sie sollte die Entscheidung in einem Krieg bringen, aber sie war zu schwer zu beherrschen und zu gefährlich, um sie einzusetzen, darum wurde sie hierher gebracht und versteckt.“

„Wie bitte?" Sick war zwar kurz erschrocken, als der Fremde sich ihm so intensiv gewidmet hatte, doch hinter Blade fühlte er sich ziemlich sicher. „Weil ihr damit nicht umgehen könnt, bringt ihr das Ding hier her? Was, wenn sie einer gefunden und benutzt hätte? Und was macht euch so sicher, dass sie noch hier ist?" Vieles ergab für Sick noch keinen Sinn und ein paar seiner Kollegen stimmten ihm im Geiste zu. Auch Kenneth, der vor der Tür an der Wand hinab gerutscht war und immer noch zu begreifen versuchte, dass er vielleicht - höchst wahrscheinlich - das nächste Opfer war.

„Menschen können sie nicht aktivieren, auch nicht diese Mischwesen.“ Raven verzog angewidert das Gesicht und schnaubte. Diese Kreaturen waren eine Beleidigung für seine Rasse. „Für euch wäre sie nur ein merkwürdiger, alter Gegenstand, ohne jede Funktion. Darum brachten wir sie ja hierher. Wir hätten sie gleich zerstören sollen, aber hinterher ist man immer schlauer. Dann hätte ich nicht hierher kommen müssen, um ein paar Idioten zu suchen, die sie benutzen wollen.“

Der Dämon lächelte schmal. „Wenn ich die anderen Gegner getötet habe, suche ich, genauso wie sie, nach einem Menschen mit dem universalen Gedächtnis und hole mir die Informationen, die ich brauche.“

„Universales Gedächtnis", murmelte Sick, dem der Gedanke irgendwie gefiel. Das musste wie ein einziger Supercomputer sein, auf dem alles Wissen dieser Welt gespeichert und abrufbar war. Eine sehr interessante Vorstellung für jemanden wie ihn. „Und wie findet man so jemanden?", forschte er nach. Wie bei den meisten, war seine Angst gewichen, denn wenn der Kerl ihren Tod gewollt hätte, lägen sie jetzt schon am Boden. „Ich meine, man sieht es denen ja nicht an und diese Welt hat sechs Milliarden Individuen. Da suchst du 'ne Weile."

„Ich habe da so meine Methoden, aber du hast Recht, es wird eine Weile dauern, wenn auch nicht so lange, wie du glaubst.“ Raven setzte sich wieder auf die Liege und gähnte. „Jeder Mensch besitzt eine Aura, die ich sehen kann. Bestimmte Fähigkeiten bilden bestimmte Farben und Formen. So kann man sie unterscheiden. Vereinfacht gesprochen, durch Phillip weiß ich, wonach ich suchen muss, weil auch sein Geist diese Aura noch besessen hat. Ich werde meinen Geist auf die Reise schicken und danach suchen.“

„Einfach so?" Sick war es egal, dass er einen Dämon vor sich hatte, vielleicht sogar einen ziemlich mächtigen. Er konnte Dinge erfahren, die er vorher nicht kannte und das allein war für ihn Grund genug, Raven immer tiefer in ein Gespräch zu verwickeln. Die anderen hielten sich heraus. Selbst Lu, die sich eigentlich immer als den Kopf des Teams vorstellte, blieb dieses Mal im Hintergrund.

„Du meinst, jeder hat Fähigkeiten? Siehst du unsere?", fragte Sick und legte den Kopf lauernd schief. Denn ein paar von ihnen waren wirklich anders, ohne dass jemand es wusste.

„Ja, viele haben solche Fähigkeiten. Bei manchen sind sie offensichtlich, wie ein bestimmtes Talent. Musisch oder mathematisch begabte Menschen zum Beispiel. Bei dir ist es logisches Denken, dass dich technische Dinge besser verstehen lässt als andere. Blade hat leichte hellseherische Fähigkeiten. Dadurch ist er seinen Gegnern meist einen Schritt voraus, was ihn zum perfekten Soldaten macht. Bei Powaqa ist seine Fähigkeit klar, da braucht man nichts erklären. Doc ist ein hervorragender Arzt, der selber Heilkräfte in sich hat, die er unbewusst nutzt und Wunden besser heilen lässt. Lu ist ein Führer. Sie besitzt eine natürliche Autorität.“ Raven hatte jeden von ihnen kurz angesehen und nun lag sein Blick auf Kenneth. „Kenneth kann Schutzwälle aufbauen, andere damit beschützen.“

„Wusste ich es doch“, knurrte Blade. Kenneth hatte - wie sie alle - eine Fähigkeit und Schutzwälle aufbauen war nicht gerade die Schlechteste, denn sie konnte Leben retten im Kampf.

Während die Teammitglieder alle anerkennend nicken mussten, weil Raven innerhalb einer Minute das herausgefunden hatte, wofür sie ihr ganzes Leben gebraucht hatten, sah Kenneth fragend um die Ecke zurück in den Raum. Machte sich der Typ gerade lustig über ihn? Hatte der allen Ernstes behauptet, er hätte die Fähigkeit zu schützen? Seine Augen funkelten wutentbrannt, er fühlte sich verhöhnt. „Wäre es so gewesen, wäre Phillip nicht tot. Lass den Mist, Idiot."

„Wäre es nicht so gewesen, wäre Phillip schon lange tot gewesen. Er hätte ihnen keine zwei Nächte widerstehen können. Jedes Mal, wenn er bei dir war, hast du den Schutzwall um ihn wieder aufgebaut, so dass sie ihn sich nicht richtig greifen konnten.“ Raven war gleichgültig, ob Kenneth ihm glaubte oder nicht, das war für seine Mission nicht wichtig. Er wollte diesen Job endlich hinter sich bringen, damit er die Erde wieder verlassen konnte. Das war einfach nicht seine Welt.

„Ach so", sagte Kenneth nachdenklich und plötzlich gaben Phillips Worte, nur Kenneth könnte ihn beschützen, einen Sinn. Er war also doch nicht ganz so nutzlos gewesen, auch wenn er es nicht gemerkt hatte. Zu wissen, dass man eine Fähigkeit hatte, die andere nicht hatten, war irgendwie befremdlich. Es fühlte sich an, als wäre man nicht mehr derselbe. Unauffällig sah er an sich hinab, auf seine Hände, seine Beine. Unterschied er sich irgendwie?

„Mit dem, was ihr habt, gebt ihr ein gutes Jägerteam ab. Darum wart ihr bisher so erfolgreich. Nur gegen richtige Dämonen nutzen sie euch nichts.“ Raven gähnte wieder und sah zu Lu. „Wo kann ich schlafen? Ich werde müde.“

„Du willst hier...", fragte Sick, doch dann hielt er den Mund, als Lu ihn ansah.

„Wir werden etwas umsortieren müssen, denn das einzige Zimmer, das für die Übernachtung vorgesehen war, hat Kenneth", erklärte sie und merkte schon daran, wie der junge Mann vor der Tür zusammenzuckte, dass es nicht ratsam wäre, die beiden in ein Zimmer zu stecken. Die anderen Zimmer waren Verhör-Räume, die weder mit einem Bett noch sonstigen Annehmlichkeiten ausgestattet waren. Kalt und abweisend waren sie dazu da, den Willen zu brechen.

„Ich gehe zu Doc, der hat das breiteste Bett, dann kann Raven mein Zimmer haben“, meldete Powaqa sich zu Wort und ging schon los, um seine persönlichen Sachen zu holen und zu Doc zu bringen.

„Na prima, dann ist das geklärt.“ Raven wirkte zufrieden. „Heute Nacht wird nichts passieren. Um das Haus liegt ein Wall, der Kenneth vor ihnen verbirgt. Sie werden ihn nicht finden, erst wenn wir vorbereitet sind.“

„Na wenigstens was", murmelte Kenneth und strich sich über das müde Gesicht, schob dabei die Brille nach oben in die Haare und rappelte sich langsam an der Wand nach oben. Sie würden die Nacht wohl hier verbringen und nicht in den Räumen über dem Coffee Shop. Doch ihm war es gleich. Seine Gedanken wurde er hier wie dort nicht los, denn sie bekamen spitze Zähne und je mehr er versuchte sie abzuschütteln, umso tiefer gruben sie sich in sein Fleisch.

Sparky war die einzige, die im Augenblick wirklich Notiz von ihm nahm und so versuchte sie ihn zum Schmusen zu bewegen, damit er sich ablenken konnte. Sie kletterte an ihm hoch und stupste ihn mit der Schnauze an, als sie auf seiner Schulter saß. Das machte sie bei den anderen auch so, wenn sie deprimiert waren, außer bei Doc, der wurde geärgert. Blade sah zu ihnen hinüber und nickte leicht. Bei ihr war Kenneth in guten Händen.

„Morgen früh beginnen wir mit den Vorbereitungen. Dafür brauche ich Powaqa und Kenneth und jetzt zeigt mir mein Zimmer“, bestimmte Raven. Er war gewohnt, dass seinen Wünschen entsprochen wurde und es stellte sich ihm auch hier niemand in den Weg. Sick, der diesen Fremden auf seine bestimmende, allwissende Art interessant fand, suchte seine Nähe - was eigentlich eher selten passierte - und so ließ man den Jungen den Dämonen in die Wohneinheit bringen.

„Ich glaube, im Kühlschrank gibt’s noch was zu futtern. Isst du oder ernähren sich Dämonen anders?" Der Junge war wie ein Schwamm. Wenn es Wissen zu absorbieren gab, war er da und aufmerksam bis in die letzte Nervenfaser. Dabei sah er den großen Mann mit den langen, weißen Haaren immer wieder forschend an. Er sah so menschlich aus.

„Ich esse, aber ich brauche jetzt nichts.“ Raven bemerkte die Neugier des Menschen und sah ihn kurz an. Vielleicht sollte er darauf eingehen. Es machte das Miteinander einfacher, wenn diese Menschen wussten, wen sie vor sich hatten. „Frag, wenn du was wissen willst. Die anderen wollen sicher auch mehr erfahren.“

Sick blieb stehen, als sie die Tür des Zimmers erreicht hatten. Powaqa war noch darinnen und suchte ein paar Dinge für die Nacht und den Morgen zusammen. Dabei wollte Sick ihn nicht stören. „Ich glaube, ich habe viele Fragen, aber die sind nicht zwischen Tür und Angel zu beantworten", sagte er diplomatisch. Doc, der immer versuchte, Sick beizubringen, wie man sich anderen gegenüber verhielt, wäre stolz auf ihn gewesen, doch der kam aus Trotz nie in den Genuss von Sicks Benehmen. „Ich find's nur cool, dass ich die Chance habe, etwas über die Dämonen aus erster Hand zu erfahren. Auch wenn wir sie nicht besiegen können, so hilft es uns vielleicht trotzdem. Und Ken auch."

„Komm halt mit rein oder lass es.“ Raven zuckte mit den Schultern und ging in den Raum, als Powaqa herauskam. Er hatte sein Angebot gemacht und ob Sick es annahm, war seine Sache. Er legte seinen Mantel auf einen der Stühle und sah sich um. Es war annehmbar. Er hatte schon schlechter geschlafen in seinen letzten Wochen auf der Erde.

Unschlüssig stand Sick vor der Tür und zog die Ärmel seiner Jacke über die Hände, als würde er frösteln. Doch eigentlich war ihm nicht kalt, er wollte nur etwas tun, um sich zu beschäftigen. Dann nahm er all seinen Mut zusammen und folgte Raven, der sich gerade umsah. „Wo kommt ihr her?", wollte er wissen und lehnte nun in der offenen Tür. Sein Herz schlug schneller, denn er war aufgeregt. Er musste sich immer wieder klar machen, dass der Typ da drüben ein Dämon war. Er war so anders, als die Monster, die sie jagten.

„Ah, die schwierigste Frage zuerst.“ Raven drehte sich zu Sick um und ließ sich dann aufs Bett fallen. „Von einer Welt, die eurer im Aussehen gleicht. Vereinfacht gesagt, ist es die Erde in einem parallelen Universum. Es gibt eine Verbindung zwischen ihnen. Ein Tor, aber es wurde seit ewigen Zeiten nicht mehr benutzt.“

„Paralleluniversum", murmelte Sick. Heute hörte er Worte, die er schon oft gelesen und belächelt hatte. Aber in dieser Stunde bekamen sie plötzlich Substanz und Form. Er wusste nicht, warum er diesem Mann glaubte, wenn er von einem kollektiven Bewusstsein oder einem parallelen Universum sprach, er stellte es einfach nicht in Frage.

„Und warum wurde das Tor doch geöffnet? Nur weil welche die Waffe finden wollten oder hatte das noch einen anderen Sinn?"

„Das Tor wurde geöffnet, damit ich auf die Erde konnte.“ Raven sah zu Sick und seufzte. Da musste er wohl weiter ausholen. „Auf meiner Welt gibt es einen Herrscher. Ihr nennt ihn Satan. An sich funktioniert es prima, aber ihr kennt das ja auch. Manchmal gibt es Individuen, die selber an die Macht wollen. Sie wollen Satan stürzen und darum brauchen sie die Waffe. Sie sind nicht mächtig genug, offen gegen ihn zu kämpfen. Das sind die Dämonen, die zur Erde gekommen sind. Sie kamen durch ein Schlupfloch in der Barriere zwischen unseren Welten. Ich, als Satans Stellvertreter, wurde hierher geschickt, um das zu verhindern.“

„Satans Stellvertreter." Jetzt hob Sick doch einmal skeptisch die Braue. „Barriere zwischen den Welten. Das heißt also auch, sie brauchen das Tor nicht. Ihr habt Löcher im Zaun und so kommen sie ungehindert zu uns. Kann man das nicht unterbinden? Ich weiß zwar, dass euch Menschen nicht viel wert sind. Aber vielleicht wäre es trotzdem möglich dafür zu sorgen, dass euer Ausschuss auch bei euch bleibt." Die Vorstellung, dass diese Viecher kommen und gehen konnten, wie sie wollten, war nicht so berauschend und sorgte nicht gerade für süße Träume.

„Es wurde schon unterbunden. Die Barriere ist wieder dicht. Der einzige Weg ist jetzt noch das Tor und das wird bewacht.“ Raven ruckelte auf dem Bett herum, denn das war, wie alle Betten auf der Erde, in denen er bisher geschlafen hatte, einfach zu kurz. „Große Sorgen, das die Dämonen auf eure Erde kommen, müsst ihr nicht haben. Wir haben keinerlei Interesse an euch. Darum wurde das Tor auch nicht mehr benutzt. Vor Jahrtausenden waren wir hier, aber wir haben uns wieder zurückgezogen. Allerdings hatten sich einige von uns menschliche Geliebte genommen. Gegen deren Nachkommen kämpft ihr.“

„Aha." Sick drückte sich an den Türrahmen in seinem Rücken und schob die Hände in die Taschen seiner Jacke. Das machte für ihn keinen Sinn. Hatte der Kerl nicht gesagt, ein paar wären durch die Barriere gebrochen? Er kratzte sich am Hinterkopf und rollte die Schultern. Das lange Sitzen am PC verspannte ihn regelmäßig, dann massierte ihn Blade. Er sollte sich beeilen, wenn er noch in den Genuss kommen wollte.

„Dann schlaf erst mal. Wenn dir morgen früh nach Frühstück sein sollte, immer der Nase nach in die Küche... Und du verschwindest auch, los!" Neugierig wie Ratten nun einmal sind saß auch Sparky in der Tür. Sie hatte noch schnell eine Runde gemacht und wollte zurück zu Kenneth, beguckte sich aber vorher noch mal den Neuen. Sie fiepste, nicht begeistert so angefahren zu werden, flitzte aber los.

„Wir werden sehen, mit morgen.“ Raven stand auf und begann sich auszuziehen. Er brauchte eine Dusche. Seine Stiefel flogen in die Ecke und das Shirt landete auf einem Stuhl. Dass Sick noch immer in der Tür stand, störte ihn nicht dabei, nur dass er keine Kleidung mit hatte, aber darum kümmerte er sich morgen.

„Was passiert eigentlich, wenn du dein Ziel erreicht hast? Verschwinden dann alle von denen oder machen sie weiter?", wollte der Junge noch wissen. Eigentlich hatte er nur fieberhaft nach etwas gesucht, was er noch fragen konnte, um nicht gehen zu müssen. Er war nicht scharf darauf, den Mann nackt zu sehen - so einer war er nicht, aber etwas an Raven faszinierte Sick. Vielleicht die Gefahr, die er ausstrahlte.

Raven sah auf und kurz konnte man sehen, dass er nicht wusste, was Sick meinte. „Wenn ich mein Ziel erreicht habe, sind alle tot und ich gehe wieder zurück“, sagte er darum und sah Sick fragend an. „Oder was meinst du?“

„Du willst jeden einzelnen Dämon töten, ehe du zurückgehst? Hast du dir da nicht ein bisschen viel vorgenommen? Vielleicht gibt es welche, die nie in Erscheinung treten, die du gar nicht finden kannst. Große Worte", sagte Sick ungerührt und ging. Er war müde, der Tag hatte auch an ihm gezerrt. Den ganzen Tag im Shop unter Menschen, das war nicht sein Ding. So streckte er sich und suchte sich seinen Weg durch die Gänge, zurück in sein Zimmer.

Raven sah ihm mit gerunzelter Stirn hinterher, weil er den Sinn von Sicks Worten erst nicht ergründen konnte, aber dann schüttelte er mit einem geringschätzigen Schnauben den Kopf. „Um euren eigenen Abschaum kümmert euch mal schön selber, da hab ich nichts mit zu tun. Ich will die Verräter und die Waffe, mehr interessiert mich nicht“, murmelte er und schloss die Tür. So weit kam es noch, dass er sich an diesen Kreaturen die Hände schmutzig machte.


08


Die Nacht war eine mittlere Katastrophe gewesen. Völlig übermüdet drehte sich Kenneth auf die andere Seite, doch egal wie sehr er es auch versuchte, er konnte nicht mehr einschlafen. Es war, als würde sich sein Körper dagegen wehren, denn er konnte nicht gegen die Träume ankämpfen, die ihn dann heimsuchten. Alle Informationen des Tages stürzten auf ihn herein und verwoben sich zu einem undurchdringlichen Gespinst ohne Sinn.

Phillip - die Monster - der Shop - dieser Fremde.

Und immer umrahmt von der Angst, dass sie ihn suchen und finden würden, weil sie glaubten, er wüsste etwas.

Die hässlichen Fratzen - die Narben - die schnarrende Stimme.

Alles kam zurück und er konnte nicht fliehen.

Da es keinen Sinn mehr hatte, liegen zu bleiben, quälte sich Kenneth aus dem Bett und ging unter die Dusche. Viel besser fühlte er sich danach nicht, aber ein wenig erfrischt. Der Schweißfilm auf seiner Haut war verschwunden. Immer wieder gähnend suchte er sich den Weg hoch in die Küche. Er war wohl nicht der einzige Frühaufsteher, denn auf einem Stuhl in der Küche, mit einer großen Tasse Tee in der Hand, hockte Powaqa und sah ihn lächelnd entgegen.

„Morgen, Ken“, begrüßte ihn der Schamane. „Schlecht geschlafen?“

„Schlecht geschlafen ist noch geschmeichelt. Ich kann kaum aus den Augen gucken, weil ich die ganze Nacht im Bett rotiert bin. Alles Mögliche hat mich verfolgt", nuschelte er und ließ sich einen Kaffee reichen, den konnte er jetzt wirklich gebrauchen. „Das war gestern alles etwas viel. Ich bekomme es nicht sortiert. Dabei bin ich Therapeut und sollte damit umgehen können." Er schüttelte über seine eigene Unzulänglichkeit den Kopf, als er sich auf einen der Barhocker am Tresen sinken ließ. Sein Blick fiel auf Sparky, die untersuchte schon wieder den Schrank mit ihrem Futter. Doch sie bekam ihn nicht auf, dafür hatte Blade gesorgt.

„Ich glaube nicht, dass einer von uns ruhig geschlafen hat, außer diesem Raven vielleicht.“ Powaqa verzog leicht das Gesicht. Doc und er hatten sich noch eine Weile unterhalten, bevor sie schlafen gegangen waren und sie waren beide ein wenig beunruhigt darüber, dass ein Dämon sich unter ihrem Dach befand. „Wenn du heute wieder nicht schlafen kannst, dann sag Bescheid, ich werde dir helfen, die Alpträume loszuwerden.“

„Ich weiß nicht, ob es wirklich Alpträume sind. Ich glaube eher, mein Hirn versucht das, was passiert ist, in einen für ihn logischen Kontext zu bringen. Erst das mit Phillip und die Dämonen. Dann plötzlich ein Coffee Shop. Und dann steht ein Dämon vor der Tür und sagt, ich wäre das nächste Ziel. Ich bekomme das nicht sortiert. Es macht mich kirre. Ich weiß nicht, ob ich wütend sein soll oder ängstlich, ob ich schreien soll oder mich verkriechen. Ich erkenne mich selber nicht wieder." Kenneth redete einfach ohne Punkt und Komma. Alles was ihm in den Kopf kam, verließ auch seine Lippen, doch dann stoppte er den Redefluss mit einem großen Schluck Kaffee.

Powaqa nickte verstehend. Er strich Kenneth mit einem Finger über die Stirn und lächelte. „Du bist vollkommen verwirrt. Meditation könnte helfen, aber dazu bist du zu aufgedreht. Das würde nicht klappen. Als ich meine Ausbildung als Schamane begonnen habe, ging es mir ähnlich. Mein Großvater hat mich dann trainieren lassen, bis ich ausgepowert war. Dann ging es leichter, den Geist zu leeren und Gedanken wieder zu ordnen, wenn ich dann nicht eingeschlafen bin.“ Powaqa lachte leise. „Wenn du magst, helfe ich dir, es zu lernen.“

„Training?", fragte Kenneth und grinste schief. Er hatte noch die Worte im Ohr, dass Blade ihn sich vornehmen würde, um ihn fit zu machen. Vielleicht sollte er sich dagegen nicht wehren, denn selbst der übermüdetste Körper musste sich dann mal über das grübelnde Hirn hinweg setzen und es mundtot machen. „Vielleicht keine schlechte Idee, aber erst mal soll der Dämon das eine oder andere zum Besten geben." Auch wenn Kenneth sich noch nicht sicher war, ob er das wirklich hören wollte.

„Ein Dämon in unserem Haus“, murmelte Powaqa. Das war etwas, was nicht sein durfte, aber er stellte seine eigene Meinung hinten an. Solange er ihnen helfen konnte, Dämonen zu töten, konnte er sich mit ihm arrangieren. Nur hatte er die Befürchtung, dass es nicht damit getan war. Er konnte das Gefühl nicht richtig fassen, aber eins wusste er: es standen ihnen aufregende Zeiten bevor. Er kraulte Sparky, die es aufgegeben hatte, ihren Schrank zu öffnen und an ihm hoch geklettert war.

„Das schlimme ist, er weiß, wie ihr tickt", sagte Kenneth leise, als wollte er nicht, dass noch jemand sie hörte - egal wer es war. „Er wusste ganz genau, was ihr macht, wenn er sich euch zeigt. Er lockt euch in den Park, lässt euch in dem Glauben, er sei betäubt und dringt so in euer Hauptquartier ein. Der Kerl hat eine kriminelle Energie, die mir Sorge macht, aber mehr noch die Tatsache, dass er euch besser kennt als ihr euch selber."

„Ja, es ist erschreckend, wie leicht er uns überrumpelt hat. Wir sind zu nachlässig geworden. Wäre er einer dieser Dämonen gewesen, die er verfolgt, wären wir jetzt alle tot.“ Powaqa schüttelte sich, weil allein der Gedanke daran ihn bis tief ins Mark erschütterte.

„Es war einfach, wenn man einmal die Vorgehensweise einer Gruppe kennt.“ Ravens Stimme ließ beide herumfahren. Der Dämon trat gerade durch die Küchentür und sah sich um. „Kaffee“, murmelte er leise, ohne die zwei anderen weiter zu beachten und goss sich eine Tasse ein. Erst hatte er dieses schwarze Gebräu widerlich gefunden, aber mittlerweile mochte er es richtig gerne. Er brauchte es geradezu, um den neuen Tag in dieser merkwürdigen Welt einigermaßen erträglich zu gestalten. Vor allem die Fragestunde die heute sicher auf ihn zukam.

„Erzähl mir, wie du bis hier her gekommen bist. Wie du von Phillip erfahren hast, von mir, von der Truppe. Ich will wissen, wie du tickst, wenn ich mit dir arbeiten soll", sagte Kenneth, der dem fremden Mann nun gegenüber saß. Dass der nur eine Hose trug und nichts weiter, machte das Gespräch nicht leichter.

„Durch das Internet, genauso wie deine Freunde auch. Sick ist nicht der einzige, der Suchprogramme für sich laufen lässt. Dadurch wurde ich auf dich aufmerksam, aber die Dämonenjäger waren schneller und nun bin ich hier. So einfach ist das.“ Raven sah Kenneth an, dass er mit der Antwort nicht zufrieden war. „Ich hatte erst ein paar nicht sehr ergiebige Gespräche mit den hier ansässigen Kreaturen, die ihr Dämonen nennt. Eigentlich ist das eine Beleidigung für meine Rasse, denn das hier ist nur Abschaum, also habe ich mich der Technik bedient, was wesentlich bessere Erfolge brachte.“

„Man gestatte mir die Frage, wie es kommt, dass du damit umgehen kannst", sagte Kenneth. Er meinte damit nicht, dass er den Dämon für dumm hielt, sondern interessierte sich mehr dafür, ob es in dessen Welt derartiges auch gab. Ihm machte die Vorstellung Sorge, dass dieser Kerl alles konnte. Er war mächtig, stark... „Wie hast du das eigentlich mit deinem Puls gemacht? Doc hat doch deine Werte im Rettungswagen beobachtet und Powaqa konnte deine Aura nicht spüren." Wieder kamen Ideen über Ideen, brachten Fragen und Sorgen mit sich, die Kenneth einfach aussprach.

„Ich bin seit zwei Monaten auf der Erde. Ich bin es angegangen, wie die Vorbereitungen für einen Krieg. Auskundschaften, Schwächen suchen, Hilfsmittel finden und benutzen lernen, Verbündete suchen, wenn nötig. Ich bin Krieger, das ist vollkommen normal für mich.“ Raven zuckte mit den Schultern. Es war ungewohnt für ihn, so etwas zu erklären. Es war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er darüber nicht nachdenken musste. „Niemand sieht oder spürt mehr von mir, als ich zulasse. Wir können unsere Körperfunktionen beeinflussen oder verschleiern, je nachdem, was nötig ist.“

„Aha." Kenneth, immer noch die Kaffeetasse in seinen Händen umklammernd, sah den Dämon unwirsch an. Er hatte nicht mit einer so präzisen Antwort gerechnet und war jetzt etwas überrascht. „Ach so", sagte er also noch, doch das war auch nicht intelligenter und wirklich weiter brachte ihn das Wissen auch nicht. Doch er rechnete es dem Kerl an, dass er so bereitwillig Auskunft gab.

„Du hast gestern gesagt, ich wäre ihr nächstes Ziel. War das hoch gepokert oder dein Ernst?"

„Teils, teils. Ich kenne Barul, den Anführer der drei. Er hat nie Mitwisser am Leben gelassen. Allerdings kann ich nicht genau sagen, ob er dich als Gefahr ansieht oder nicht. Er steht ein wenig unter Druck, denn er muss die Waffe finden.“ Seine Worte würden Kenneth nicht helfen, dass wusste Raven auch, aber der Mensch hatte gefragt. „Er weiß auch, dass ihm jemand hinterher geschickt wurde, allerdings wird er nicht damit rechnen, es mit mir zutun zu haben. Das kann ein Vorteil für uns sein.“

„Du meinst, er unterschätzt seinen Gegner und macht einen Fehler?", kam unerwartet die Frage von der Tür und Sick schlurfte ziemlich verschlafen in die Küche Richtung seines Tees, den Powaqa jeden Morgen für ihn brühte. Er trug noch seinen Schlafanzug, doch das störte ihn nicht. Er gab nicht viel auf Äußeres und er mochte es selbst auch ziemlich gern, wenn man ihn unterschätzte. „'n Morgen", nuschelte er noch hinterher und setzte sich ebenfalls an die Theke.

„Morgen“, sagten alle drei, die schon saßen und Raven wartete mit seiner Antwort, bis Sick neben ihm saß. „Ja, so ungefähr hoffe ich das. Barul ist ziemlich von sich und seinen Kräften überzeugt. Er ist kein Schwächling, aber in unserer Welt eher Mittelmaß, was Kraft und Macht angeht. Solange er glaubt, dass er seinen Verfolger besiegen kann, wird er offensichtlicher agieren. Das macht es leichter, ihn zu finden.“

„Aha", sagte Sick einsilbig, er hatte verstanden und ärgerte lieber Sparky, die genau wusste, dass sie auf Tischen und Theken nichts verloren hatte, es aber immer wieder versuchte.

„Schlafen die anderen eigentlich noch?", fragte Kenneth, den es wunderte, dass sie noch allein waren. Doch der Indianer schüttelte den Kopf. „Blade trainiert und Doc forscht mit den Proben, die er von Raven genommen hat. Lu ist auf der Bank", klärte er auf. Kenneth grinste schief, was hatte er auch erwartet? Das jemand von denen ein Langschläfer war?

„Proben?“, knurrte Raven und seine Augen loderten auf. Sie veränderten die Farbe und wurden rot. Ein untrügliches Zeichen für seine Wut. „Was für Proben und was hat er damit vor?“, verlangte er zu wissen und seine Kaffeetasse landete mit einem lauten Knall auf der Theke und ließ alle zusammenzucken.

„Komm wieder runter." Sick ließ sich davon nicht beeindrucken. „Vielleicht hast du deine Komplizen auch ein bisschen unterschätzt, hm?" Er trank weiter seinen Tee und Kenneth kam ein ums andere mal nicht darüber hinweg, mit welcher Kaltschnäuzigkeit dieser Junge agierte.

„Speichelproben von deinem Wasserglas und ein paar Hautzellen von deinem Drang, die Lederriemen auf der Trage zerreißen zu müssen. Reine Neugier", schob Powaqa noch erklärend hinterher, weil ihm diese Augen Angst machten. Selbst Sparky hatte es vorgezogen, wieder unter dem Tisch zu verschwinden und sich um Futter zu bemühen.

„Sagt ihm, er sollte das lassen, wenn er an seiner Unversehrtheit hängt. Er soll mir die Proben aushändigen.“ Raven beruhigte sich wieder, was man an seinen Augen sah, aber trotzdem war er immer noch verstimmt. „Ihr seid meine Verbündeten, aber dieser Pakt kann jederzeit gelöst werden, wenn ich euch nicht trauen kann.“

„Oh, Vertrauen", ätzte Sick und schüttelte den Kopf. „Uns zu hintergehen und sich hier einzuschleichen ohne sich vorzustellen - große Vertrauensgeste, ja!" Irgendwie bröckelte sein Bild von dem Dämon. Sie waren eben doch alle gleich, egal wie sie aussahen.

„Sick", ermahnte ihn Powaqa, doch der Junge knurrte nur einsilbig, dass er ja wohl Recht hätte. Kenneth stimmte ihm da zu, doch er sagte lieber nichts.

„Ja klar, es wäre sicher besser gekommen, wenn ich hier an die Tür geklopft hätte.“ Raven schnaubte und lachte dann. „Guten Tag, ich bin Raven, der Stellvertreter Satans. Ich wollte mal fragen, ob ihr mir helft, ein paar Verräter von meiner Welt zu töten und eine Waffe zu finden, die die Erde zerstören kann“, spottete er. „Das hätte bestimmt euer Vertrauen gewonnen.“

„Lass deinen scheiß Sarkasmus", knurrte Sick und Kenneth schloss die Augen. War der Kurze denn lebensmüde? Er konnte sich Weißgott schönere Tode vorstellen, als von einem wütenden Dämon zerfetzt zu werden! Hier drinnen waren sie dem Kerl doch völlig ausgeliefert. Konnte der Kleine nicht einfach seine vorlaute Klappe halten? Er suchte Sicks Blick, doch der wandte sich nur ab und sah wieder Raven an. „Du traust uns nicht, wir trauen dir nicht. Wir sind quitt."

„Sick, es reicht. Er ist unser Gast", ging Powaqa wieder dazwischen, denn auch ihm wurde das langsam zu heikel.

„Okay.“ Raven sah Sick an und nickte. Damit konnte er was anfangen und er schätzte Ehrlichkeit. Er mochte ein Dämon sein, leicht reizbar, nicht zimperlich, was das Töten anging. Spaß an Schmerzen und Folter hatte er auch, aber er hasste Falschheit und Spielchen. Mit offener Feindseligkeit und offenen Worten konnte er umgehen. „Wir sind quitt. Trotzdem müssen wir miteinander arbeiten.“

„Es hat keiner gesagt, dass wir das nicht werden. Nur brauchen wir auch erst einmal eine Basis, auf der wir agieren", sagte nun Powaqa, ehe Sick gleich wieder zurück schoss. Doch er schien gehört zu haben, was er hören wollte, denn nun widmete der Junge sich wieder nur seiner großen Tasse Tee und schaltete den Fernseher ein.

„Mit Dämonen zu arbeiten ist etwas anderes, als gegen sie und", er stoppte und sah Raven offen an. „Vertrauen wächst nicht über Nacht", musste Powaqa zugeben, auch wenn er sich dabei nicht wohl fühlte. Er wollte dem Fremden nicht das Gefühl geben, hier nicht willkommen zu sein, doch so war es leider.

„Sicher, nur haben wir nicht unendlich Zeit, uns erst zu beschnuppern. Wie heißt noch einmal dieser Spruch? Learning by doing. Etwas anderes bleibt euch nicht.“ Raven gab sich Mühe, nicht gereizt zu klingen, aber langsam ging ihm das alles auf die Nerven. Er war ein Mann der Tat und nicht der Worte, aber selbst er sah ein, dass es nicht anders ging, wenn sie Erfolg haben wollten. „Was glaubt ihr, warum ich so bereitwillig Fragen beantworte?“

„Ist ja gut", knurrte Sick und rutschte vom Hocker. „Ich geh mit Blade trainieren." Dann war er aus der Küche verschwunden. Die anderen konnten ihm nur nachsehen.

„Okay", versuchte sich nun Kenneth doch einmal wieder ins Gespräch zu bringen und holte tief Luft. Seine Tasse war leer, er fühlte sich langsam etwas besser und so sah er Raven offen an. „Sehen wir das als unsere Basis an. Deinen guten Willen und ein bisschen von unserem gesunden Misstrauen. Denn blindes Vertrauen ist oft tödlich, egal in wen. Was wird jetzt also passieren und was ist unsere Aufgabe dabei?" Kenneth wedelte beschwichtigend mit den Händen, als Raven wieder die Augen verdrehte, weil er gestern schon seine Pläne umrissen hatte. „Gehen wir los und suchen? Meditieren wir? Warten wir bis sie kommen? Was?"

Raven zwang sich ruhig zu bleiben. Anscheinend waren seine Ausführungen gestern nicht verstanden worden. „Sie zu suchen verschieben wir auf später, wenn sie, wider Erwarten, nicht versuchen mit dir Kontakt aufzunehmen. Allerdings werden wir unsere Augen und Ohren offen halten. Ich habe festgestellt, dass eure Medien einem oft helfen, wenn sie über Ereignisse berichten. Ich wollte mit euch für die nächste Nacht die Abläufe üben, damit alle wissen, was zu tun ist, wenn sie kommen.“

„Na das ist doch mal 'ne Antwort, mit der man arbeiten kann", entschlüpfte es Kenneth und er senkte kurz den Blick. Doch dann grinste er schief. Er hatte gestern wirklich nicht sehr viel aufgenommen. „Wie wird das laufen mit dem Laden? Den werden wir ja nicht zu lassen." Und Kenneth ging schweigend davon aus, dass man den Dämon hier nicht allein ließ.

„Ich werde nicht Kellner spielen! Auf keinen Fall!“

So weit kam es noch, dass der mächtigste Dämon Menschen bediente. Das kam überhaupt nicht in Frage. Allein der Gedanke war lächerlich. Raven verschränkte die Arme vor der Brust und sah abweisend zu Kenneth.

„Und ob du das tun wirst, wie alle anderen auch." Da gab es doch für Kenneth keine Diskussion. Er selbst hatte das auch noch nie getan. Er würde sich dabei sicher anstellen wie der erste Mensch, doch das hinderte ihn nicht daran, in der Gemeinschaft seine Pflicht zu erfüllen. „Entweder gehörst du dazu und trägst dazu bei, die Tarnung aufrecht zu erhalten oder wir lassen das ganz." Doch er lächelte, auch wenn er wusste, dass das bei einem Dämon nicht viel nutzte und hatte Recht, denn Raven gab seine ablehnende Haltung nicht auf und versuchte Kenneth in Grund und Boden zu starren, was ihm aber zu seiner eigenen Überraschung nicht gelang.

Seine Verärgerung prallte an seinem Gegenüber ab und beeindruckte nicht im Geringsten. Das war neu für ihn und verwirrte ihn kurz. „Ich habe Hunger“, lenkte er darum ab, weil er nicht weiterkam und erst einmal analysieren musste, was gerade passiert war.

„Was willst du haben?", fragte Powaqa. „Eigentlich essen wir erst, wenn Blade mit dem Training durch ist, aber wir können ja schon mal was suchen. Kenneth hast du auch Hunger?"

Der Blonde nahm seinen Blick von Raven und nickte. „Ich helf dir", zog er sich aus der Affäre, denn der Dämon machte ihn immer noch nervös. Hastig strich er sich über die fröstelnden Arme und beeilte sich, dem Indianer zu folgen.

„Eier und Speck“, war die knappe Antwort, ohne dass Raven Powaqa ansah, denn sein Blick folgte Kenneth. Der Mensch hatte offensichtlich Angst vor ihm, aber warum nicht auch eben, als es um das Kellnern ging? Das musste er beobachten. Irgendwas an diesem Kenneth war anders, aber er konnte es nicht greifen.

„Gut. Dann mach ich das." Powaqa nickte und fing schon an zu suchen, was er brauchte, während Kenneth die Aufgabe bekam, sich um Obst und Gemüse zu kümmern, die Brötchen aufzubacken und den Rest zusammenzusuchen, den ein Frühstück benötigte, um vollwertig zu sein. Es war ganz gut, dass der Therapeut sich ablenken konnte, so war er nur selten versucht, sich nach dem Dämon umzusehen.

„Los, Süße. Sag Blade Bescheid, dann gibt es Futter für alle", schickte der Indianer die Ratte los, weil das Frühstück fertig war.

„Ich muss noch meine Sachen holen. Dass ihr was Passendes für mich zum anziehen habt, glaub ich eher nicht und längere Betten werdet ihr wohl auch nicht haben, oder?“ Raven saß noch immer an der Theke und beobachte Kenneth und Powaqa. Seine Kaffeetasse war leer und die Kanne auch, wie er mit einem schnellen Blick feststellte. Da aber keiner daran dachte, neuen zu kochen stand er auf und machte sich selbst daran. Er hatte zwangsläufig schnell gelernt, wie man Kaffee machte, wenn man sich an ihn gewöhnt hatte und zum Start in den Tag brauchte.

„Der Größte in unseren Reihen ist Blade. Ob dir seine Klamotten passen, weiß ich nicht. Aber ich glaub, dir wäre es sowieso lieber, wenn du deine eigenen hast." Powaqa verteilte noch die Tassen seiner Freunde an die entsprechenden Plätze und nickte, als er den Dämon mit dem Kaffee hantieren sah. Er schien sich ja doch integrieren zu können, wenn er nur wollte. „Das mit dem Bett lässt sich nur mit der Couch im Wohnzimmer lösen. Die kann man auch ausziehen und sie hat eine längere Liegefläche. Ist dann allerdings nicht so breit." Doch das musste gehen, sie waren hier schließlich nicht im Urlaub.

„Hm“, war die einsilbige, nichts sagende Antwort. Das musste Raven sich ansehen, aber eigentlich war es ihm egal, wo er schlief. „Wo trainiert ihr eigentlich? Ich könnte auch ein wenig Bewegung gebrauchen.“ Raven blieb neben der Kaffeemaschine stehen und lehnte sich an die Arbeitsfläche. Diese Suche dauerte schon viel zu lange und machte ihn langsam ungeduldig, da wäre es gut, sich einmal wieder richtig auszupowern.

„Die Lagerhalle ist in drei Ebenen unterbaut. In einer davon hat Blade sein Reich", sagte Powaqa und stellte gerade Sparkys Frühstück auf den Boden, als die Ratte auch schon um die Ecke gefegt kam. Sie hatte ihren Job erledigt, wenn der Rest nicht so schnell laufen konnte wie sie, war das nicht ihr Problem.

„Er wird dich dort sicher trainieren lassen, keine Frage." Abgesehen von einem Gegenstromkanal für ausdauerndes Schwimmen auf kleinstem Raum gab es dort auch Geräte für Krafttraining und einen sechshundert Meter langen Rundparcours zum Joggen. Ebenfalls einen kürzeren Hindernisparcours.

„Okay, ich werde es mir ansehen.“

Die anderen kamen in den Raum und Ravens Blick verfinsterte sich leicht, als er Doc sah. Da waren ja noch seine Proben, die er wiederhaben wollte. Er sollte dem Arzt besser klar machen, dass er solche Dinge überhaupt nicht schätzte, ohne gefragt worden zu sein.

Ein kurzer Gruß war alles, was die drei Neuankömmlinge für den Dämon übrig hatten. Sick hatte seinen Standpunkt schon klar gemacht, Blade war sowieso immer kurz angebunden und Doc war sich noch nicht recht schlüssig, was er von dem Kerl halten sollte. Also hielt er vorerst gar nichts von ihm, sondern widmete sich seinem Frühstück.

Ein leises Pling aus Richtung Fernseher lockte Sick näher. Eine Mail war eingegangen. „Wir sollen schon mal ohne Lu in den Shop fahren und öffnen. Sie kommt nach", gab Sick die kurze E-Mail weiter und lobte sich einmal mehr dafür, alles vernetzt und verkabelt zu haben, das verkürzte die Wege ungemein.