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Demon Coffee - Teil 9 bis 12

09


Das Frühstück verlief schweigend und alle fühlten sich ein wenig unbehaglich. Darum löste die Runde sich recht schnell wieder auf, als alle satt waren und auch Raven ging in sein Zimmer, um sich anzuziehen. Er ging nicht mit ins Café, weil er erst einmal seine Sachen holen wollte. Die anderen mussten los, in den Coffee-Shop, wenn sie pünktlich öffnen wollten. Viele Studenten kamen vor der Uni vorbei, um zu frühstücken und dann sollten die ersten Muffins schon fertig sein und ein paar belegte Brötchen.

Mit zwei Wagen machten sie sich auf und während sich Sick und Blade um die Backwaren kümmerten, war es an Doc und Kenneth, die Brötchen zu schmieren, während der Rest die verschiedenen Sorten Kaffee vorbereitete und das Teesortiment neu bestückte. Sie arbeiteten konzentriert und Kenneth fügte sich gut ins Team ein. Er schreckte auf, als Raven an die Hintertür klopfte, um eingelassen zu werden. Der Dämon stellte seinen Rucksack in eine Ecke und verschaffte sich einen Überblick. „Fein, wenn du da bist, kannst du mich ablösen und ich kümmere mich um das Lager“, rief Doc und wischte sich die Finger ab.

„Muss das sein?“, brummte Raven, aber er fügte sich, wenn auch widerwillig. Nur Sparky stromerte noch joblos durch die Räume und guckte immer mal danach, ob irgendwo noch etwas für sie abfiel.

Ziemlich lustlos und gereizt belegte Raven die Brötchen, aber er sagte nichts. Er hatte verstanden, was Powaqa ihm gesagt hatte. Allein deswegen ließ er sich auf so etwas ein. Er brauchte sie und da musste er Kompromisse schließen. Zumindest, bis sein Job erledigt war, danach würde er die Erde verlassen und nie wieder betreten.

„Mach noch ein bisschen Dekoration drauf, das sieht doch so steril und nichts sagend aus." Kenneth verteilte ein paar Scheiben Gemüse und Kräuterspitzen auf den Brötchen, denn er ging in seiner Aufgabe auf. Nicht dass es das war, was er ein Leben lang tun wollte, doch er war nützlich, stand nicht im Weg und konnte ein bisschen zum Einkommen beitragen. Das war doch nicht zu verachten.

Doch für Raven war das zuviel.

Das Brötchen, das Raven gerade in der Hand hielt, ging in Flammen auf und verwandelte sich Sekunden später in Asche. Seine Augen glühten rot und es schien, als wenn die Luft um den Dämon flimmerte, wie auf dem erhitzten Asphalt einer Straße. „Es reicht“, knurrte Raven mühsam beherrscht. „Treib es nicht zu weit.“

„Ich- wollte doch- nur", stammelte Kenneth und starrte auf den Haufen Asche. Er konnte seine Augen gar nicht davon lösen. „Geh, mach was du willst. Ich mach das alleine weiter." Der Typ war ja gemein gefährlich und mit dem sollten sie arbeiten? Kein angenehmer Gedanke, wirklich nicht. Mit zitternden Fingern zog Kenneth alles zu sich, was er fürs Belegen brauchte und rückte von Raven ab, strich sich mit dem Handgelenk noch einmal die Haare aus dem Gesicht und versuchte weiter zu arbeiten und zu vergessen, was eben passiert war.

Immer noch geladen griff Raven sich seinen Mantel und stürmte aus dem Coffee Shop. Er war wütend auf sich, weil er die Beherrschung verloren hatte, aber dieser Kenneth reizte ihn immer wieder bis aufs Blut. Es war noch nicht einmal das, was er sagte, sondern mehr das wie. Sick hatte ihm schon viel Unschöneres an den Kopf geworfen, was einfach an ihm abgeprallt war. Aber Kenneth hatte es geschafft, dass er seine gleichgültige Haltung nicht beibehalten konnte.

Vor dem Laden blieb Raven stehen und atmete tief durch. Nein, gegen einen Menschen verlor er nicht, darum ging er wieder hinein, stellte sich an seinen Platz und machte weiter mit der Dekoration.

„Tschuldigung", murmelte Kenneth leise, der das Verhalten des Dämons nicht einschätzen konnte. „Mach einfach so weiter, ich dekoriere dann", schlug er vor, wusste aber nicht, ob er nicht gleich wieder aneckte. Das Bild der Flammen ließ ihn einfach nicht los und wieder fingen seine Finger an zu zittern, als er das nächste Brötchen aufschnitt.

Raven nickte zum Zeichen, dass er die Entschuldigung annahm, sagte aber nichts weiter dazu. Sie wurden von allen Seiten beobachtet, was er gar nicht leiden konnte. Auf dem Boden waren noch Reste der Asche, weil sich keiner von der Stelle bewegt hatte, nur Sparky untersuchte das schwarze Zeug auf Essbarkeit und fiepste enttäuscht. Das löste den Bann und unauffällig ließ Sick etwas auf den Boden fallen, was die Ratte fressen konnte. Man musste nicht glauben, Blade hätte das nicht gesehen, doch er ließ es durchgehen. Sparky rannte genügend durch die Gegend, um die ganzen Leckerchen, die sie zugesteckt bekam, auch zu verbrennen.

„Noch einen Kaffee, ehe wir öffnen? Hab welchen mit Macadamia-Aroma", rief Powaqa vom Gästeraum her.

„Ja, bring her das Zeug." Sick schaltete das Rührgerät ab. Der Teig für die Muffins war fertig. Eine erste Charge verbreitete schon leckeren Duft in der Backstube. Er wischte sich die Hände an der Schürze ab und ging an Raven und Kenneth vorbei nach vorn. Die beiden waren echt merkwürdig drauf.

Wenn das mit denen so weiter ging, konnte man nur hoffen, dass nicht noch wertvollere Dinge als Brötchen zu Asche verwandelt wurden. Aber dadurch hatten sie wieder etwas über ihren unfreiwilligen Gast herausgefunden: Anscheinend beherrschte Raven auch eines der Elemente und zwar das Feuer. Nicht gerade eins der Dinge, die ihn vertrauenserweckender machten, denn das Feuer fürchteten alle von ihnen. Sie wussten, was ein Dämon damit anrichten konnte und das waren bisher nur die gewesen, die auf der Erde lebten und laut Raven schwach waren. Was konnte ein vollwertiger Dämon damit anrichten?

„Hör mal", wandte sich deswegen Powaqa an den Dämon, der ebenfalls aus dem Hinterzimmer gekommen war, denn für Kaffee war er immer zu haben. „Gekokelt wird bitte nur draußen. Hier drinnen haben wir zu viel, was in kürzester Zeit niederbrennen kann und das muss nicht sein." Jeder bekam noch eine Tasse Kaffee und der Blick auf die Uhr zeigte, dass sie nicht mehr viel Zeit bis zum Öffnen hatten.

„Wenn ich nicht will, dass etwas brennt, dann brennt es auch nicht.“ Raven nahm sich eine Tasse Kaffee und stellte sich etwas abseits. Nähe konnte er auf die Dauer nicht gut ertragen. Er war ein Einzelgänger. Darum war er auch in der Dämonenwelt meist alleine und traf mit den anderen nur zusammen, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Die einzige Ausnahme bildete Satan, aber das war seine Aufgabe.

„Na dann muss dich dieses fiese Brötchen ja ungemein aus der Fassung gebracht haben, damit es den bewussten Flammentod verdient hatte." Sick lachte frech und Kenneth, der eben erst zu ihnen gestoßen war, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, auch wenn er das eigentlich nicht gewollt hatte. Deswegen nahm er eilig den Kaffee und verbarg sein Gesicht hinter dem großen Pott.

„Sick", ermahnte einmal mehr Powaqa. Wie lange sollte das denn noch so gehen? Hatte sich ihr Jüngster auf den Dämon eingeschossen? Das war nicht gut.

„Besser als derjenige, der zu verantworten hatte, mich aus der Fassung gebracht zu haben.“ Ravens Stimme klang gleichgültig, aber seine Augen mahnten zur Vorsicht. Auch wenn Sick sich einiges erlauben konnte, so gab es eine Grenze und der näherte er sich gerade. Der Dämon nippte an seinem Kaffee und hob überrascht die Braue. Das war lecker, viel besser, als normaler Kaffee.

„Meine Güte, nur weil ich gesagt habe, dass etwas Deko nicht schaden könnte, ist das kein Grund, gleich auszuflippen!" Kenneth fühlte sich ungerecht behandelt und das mochte er nicht. Da konnten auch einmal Angst und Respekt in den Hintergrund treten, denn er war sich keiner Schuld bewusst. „Ein einfaches: Ich mag's ohne lieber!, hätte völlig gereicht." Er schnappte sich seine Tasse und ging zurück nach hinten, er war mit seiner Arbeit noch nicht ganz fertig.

Alle Augen lagen auf Raven, weil jeder gespannt war, wie der Dämon darauf reagierte, aber der zog es vor, so zu tun, als wenn er nichts gehört hätte, auch wenn es schon wieder in ihm brodelte. Er war es nicht gewohnt, dass er ständig kritisiert und alles, was er tat, in Frage gestellt wurde. Normalerweise gab er Befehle, die augenblicklich ausgeführt wurden. Sich unterzuordnen und Kritik an seiner Person kannte und tolerierte er nicht.

Um Fragen zu entgehen, ließ Raven sich von Powaqa die Kaffeemaschine erklären. Das lag ihm mehr als zu kellnern und in seiner Ecke hatte er gute Chancen, den anderen aus dem Weg zu gehen. Wenn er sich Mühe gab, konnte er zur Hälfte hinter dem Regal mit den Tassen und Tellern verschwinden.

„Na los. Es ist kurz vor neun. Machen wir die Türen auf", sagte Doc, der sich aus dem ganzen, so gut wie es ging, heraus gehalten hatte, denn ihm waren die Leute vor der Tür durchaus nicht entgangen. Die Kaffeemaschine nahm es auch nicht übel, wenn Raven übellaunig war, ganz anders als die Gäste, die es wahrscheinlich nicht so gut aufnahmen, angeknurrt zu werden.

Wie jeden Morgen wurde es voll und bald war der Coffee Shop von lautem Stimmengemurmel und Kaffeeduft erfüllt. Raven besah sich alles von seinem Posten aus und fragte sich, was Powaqa und die anderen sagen würden, wenn sie wüssten, dass so ziemlich jeder zweite ihrer Gäste dämonisches Blut in sich trug. Doch er behielt diese Information für sich, denn für ihn war es uninteressant. Sie waren nicht das, was er suchte und der Rest der Welt ging ihn nichts an.

Kenneth konnte die Brötchen gar nicht so schnell schmieren, wie sie gekauft wurden und außerdem waren die beiden Neuen in der Riege schon das Gesprächsthema Nummer eins am Tresen. Sowohl der Blonde mit der Brille als auch der Große mit den langen, weißen Haaren hatten schon für Aufsehen gesorgt und nun wurde gekichert, geredet, offen nachgefragt.

Die jungen Frauen waren neugierig, denn die beiden Männer gefielen ihnen. Der eine wirkte nett, besonders, wenn er lächelte und der Weißhaarige wirkte geheimnisvoll und verschlossen. Sogar ein wenig abweisend, was seinen Reiz noch um einiges erhöhte. Sie versuchten, ihn hinter der Kaffeemaschine hervor zu locken, was Sick immer wieder grinsen ließ, wenn der Dämon brummte und grummelte. Man merkte, dass er es nicht gewohnt war, sich nach anderen zu richten, aber es tat ihm gut, fand Sick. Er war ein arrogantes Arschloch, das es verdient hatte. Deswegen kam ihm auch keiner zu Hilfe, als eine kleine Gruppe Mädchen anfing mit ihm zu flirten. Schnell besetzte Sick die Position an der Kaffeemaschine und so war dem Dämon auch der Rückweg abgeschnitten.

„Woher kommst du denn? Wir haben dich hier noch gar nicht gesehen", redeten sie auf ihn ein und versuchten ihm ein paar persönliche Dinge zu entlocken.

„Von Außerhalb“, antwortete Raven ausweichend und seine Augen suchten einen Grund, warum er schnell weg musste. Solche Gespräche lagen ihm gar nicht und flirten war ihm suspekt. Wenn er Sex wollte, dann sagte er das geradeheraus oder er ließ es. Das hatte mit Zuneigung nichts zu tun. „Ich habe noch zu tun“, brummte er, aber die Mädchen ließen sich nicht entmutigen.

„Ach komm schon, die Jungs sind bis gestern gut ohne dich ausgekommen. Bleib doch ein bisschen bei uns", lachten sie und machten es sich nun auf den Hockern vor der Theke bequem. Sie hatten noch ein paar Minuten, bis der Bus zur Uni fuhr, die wollten sie noch sinnvoll nutzen.

„Aber jetzt bin ich hier und habe zu arbeiten.“ Raven wurde zunehmend frostiger und er baute sich zu seiner vollen Größe auf, um imposanter und einschüchternder zu wirken. Sick hinter seiner Maschine griente. Der Dämon kannte sich anscheinend mit jungen Erdenmädchen nicht aus. So schreckte er sie nicht ab, sondern lockte sie noch weiter, was sich daran zeigte, wie die Mädchen seufzten und weiterhin lächelnd zu ihm aufsahen.

Eine machte sogar ein Foto von dem Traumkerl, doch ehe Raven über den Tisch reichen und die Kamera in Flammen aufgehen lassen konnte, kam Kenneth eiligen Schrittes herbei und zerrte den Dämon mit sich. „Komm mal, ich brauch dich eben", sagte er laut genug, lächelte die jungen Damen entschuldigend an und schob Raven dann vor sich her. Er hatte sich das Treiben eine Weile angesehen und irgendwie hatte ihm der Dämon leid getan. Und ehe noch einer der Gäste in Rauch aufging und sie dann nur noch ein kleines Häuflein Asche fanden, war es besser, sie zu trennen.

„Ich werde sie in ihren Träumen heimsuchen und dann werden sie mich in Ruhe lassen“, knurrte der Dämon und er war wütend. Er hatte gewusst, dass es keine gute Idee war, im Coffee Shop zu arbeiten. Wütend schritt er in der Küche auf und ab. Seine Hände öffneten und schlossen sich immer wieder und schließlich schoss ein Feuerball aus einer der Handflächen und zerplatzte an der Wand, ohne Spuren zu hinterlassen.

„Na komm, so schlimm waren sie doch auch wieder nicht. Du bist eben nicht hässlich. Da versuchen sie zu flirten. Ist das denn so schlimm?" Kenneth starrte auf die Stelle an der Wand, an der eben der Feuerball aufgeschlagen war, doch es war nichts zu sehen. Nicht wie bei dem Brötchen heute Morgen, das Asche zurückgelassen hatte.

„Woran liegt's, dass du Dämonen jagen kannst, aber vor jungen Mädchen die Segel streichst?", wollte er grinsend wissen und lehnte mit der Hüfte an der Arbeitsfläche. Die Arme vor der Brust verschränkt, legte er den Kopf forschend schief.

„Ich weiß nicht, was sie von mir wollen und dieses ganze alberne Getue nervt.“ Raven war immer noch wütend. „Töten ist einfach, aber das darf ich ja mit denen da nicht machen.“ Er deutete mit dem Kopf in Richtung Gastraum und seufzte. „Ich bin nicht geduldig und leicht reizbar, also wenn ihr noch länger Gäste haben wollt, dann solltet ihr etwas für mich finden, wobei ich nicht da raus muss.“

„Ja, diese Befürchtung habe ich auch", murmelte Kenneth, musste aber grinsen. Der große Krieger hatte Angst vor Mädchen. Es machte ihn irgendwie menschlich, auch wenn Raven das nicht war und es für ihn sicher mehr einer Beleidigung gleichkam als einem Kompliment. Kenneth rückte sich die Brille zurecht und strich sich einmal durch die Haare.

„Auch wenn du es nicht hören willst: dass es Dinge gibt, die dich überfordern, macht dich irgendwie angenehmer."

Raven wollte das wirklich nicht hören und knurrte wütend. Reichte es nicht, wenn ihm diese bekloppten Weiber auf den Pelz rückten? Da musste er nicht auch noch von Kenneth verarscht werden.

„Hilf mir halt beim Backen. Das ist der einzige Job, bei dem du nicht nach vorne musst.“ Keiner von beiden hatte Blade bemerkt, der Teig knetete und beide herumwirbeln ließ.

„Backen? Ich?“ Raven wusste nicht, ob er lachen oder wüten sollte. Allein die Vorstellung war vollkommen absurd. Er war Krieger und kein Bäcker. Hier schien das konform zu gehen, aber da wo er herkam, war das vollkommen unmöglich. Egal ob er Kompromisse schließen musste, das kam nicht in Frage. „Ich – werde – ganz – bestimmt – nicht – backen“, sagte er mühsam beherrscht und seine Augen leuchteten rötlich. Erst Kenneths Spott und dann diese Zumutung. So langsam näherte sich Raven seinem Limit.

„War nur ein Vorschlag. Hast du eine andere Idee, was du machen kannst?“, fragte Blade, der sich nach außen hin nicht aus der Ruhe bringen ließ, auch wenn er innerlich in Alarmbereitschaft war. So wie es um den Dämon waberte und wogte, war das kein gutes Zeichen. Raven stand kurz davor durchzudrehen.

Ohne sich zu regen, sah Raven Blade eine Weile an und man konnte nicht sagen, ob dessen Worte ihn erreicht hatten. Nach und nach ließ das Wabern um den Dämon nach und er holte tief Luft. „Ich werde nach einem Ersatz für Phillip suchen“, sagte er schließlich. „Ich werde mir ein paar belebte Plätze suchen und dort anfangen. Je mehr Menschen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass einer dabei ist, der Zugang zum universalen Gedächtnis hat.“

Etwas anderes, womit er sich die Zeit vertreiben konnte, war Raven auf die Schnelle nicht eingefallen, aber es war nicht die schlechteste Idee. Ohne auf eine Antwort zu warten, schnappte er sich seinen Mantel und war auch schon aus der Tür, so dass Kenneth und Blade sich nur ansehen und mit den Schultern zucken konnten.

Es ging nicht nur Kenneth so, dass er sich erleichtert fühlte, als Raven weg war. Die Anspannung, die seit dem ersten Zwischenfall heute auf ihnen gelegen hatte, verflüchtigte sich und sie konnten ohne weitere Störungen ihrer Arbeit nachgehen. Sie hatten viel zu tun und so merkte erst einmal nur Blade, dass Raven ungefähr zwei Stunden vor Ladenschluss wieder zurückkam. Er hatte sich an mehreren Bahnhöfen postiert, aber nichts gefunden. Die Suche war doch langwieriger, als er gehofft hatte.

„Nichts“, murmelte er kurz angebunden, als er in die Küche kam und Blade ihn fragend ansah. Er nahm sich etwas zu trinken und lehnte sich an eine Arbeitsfläche. Die letzten Stunden hatte er genutzt, um nachzudenken. Er war in einer wichtigen Mission hier und die musste er unter allen Umständen erfolgreich abschließen. Dazu musste er sich anpassen und dieses Café und die Arbeit darin gehörten leider dazu. Im Krieg hatte er schon ganz andere Dinge getan, weil es notwendig war. Ein paar armselige Menschen führten ihn nicht vor.

„Ich werde hier arbeiten, aber unter der Bedingung, dass ich mich zurückziehen kann, wenn nötig. Es wird für alle das Beste sein, wenn ich dann auf die Suche gehe“, erklärte er schließlich und Blade nickte.

„Okay“, sagte er nur und widmete sich wieder den letzten Gebäckstücken für heute. Erst einmal war alles gesagt und sie mussten sehen, wie es funktionierte.

Der Dämon erledigte die letzten Arbeiten und nun gab es in der Küche nichts mehr zu tun und Raven musste wieder nach vorne. Die Mädchen vom Morgen waren wieder da und hatten schon nach ihm gefragt. Ohne sie zu beachten, verzog Raven sich wieder hinter der Kaffeemaschine, aber das nutzte ihm nichts.

„Hier“, Blade gab Raven drei Törtchen. „Wenn sie essen, reden sie meist nicht mehr so viel.“ Er zwinkerte kurz und verschwand wieder in die Küche, er musste noch sauber machen und der Dämon musste lernen, mit solchen Situationen klar zu kommen. Bis jetzt meisterte er das ganz gut, auch wenn ein kleines Lächeln nicht geschadet hätte.

Leise wurde gekichert, als Raven zu ihnen kam und als er die Törtchen auf den Tresen stellte, machten sie große Augen. „Hey, nicht gleich wieder gehen, großer Gönner", rief eine von ihnen dem Dämon hinterher, der schon wieder auf dem Weg in seine Ecke war. Kenneth, der das Geschirr von den Tischen einsammelte, grinste vor sich hin. Das würde noch eine Weile dauern, bis Raven sich daran gewöhnt hatte.

„Heißt du wirklich Raven?“, fragte eine neugierig und besah ihn mit schief gelegtem Kopf. „Du hast so gar nichts von diesem Vogel. Wenn deine Haare schwarz wären, dann vielleicht, aber so.“ Sie sah ihn hoffnungsvoll an und war wohl selber erstaunt, dass sie eine Antwort bekam, sogar ohne Geknurre.

„Nicht alles ist auf den ersten Blick ersichtlich“, erklärte der Dämon leichthin und zwinkerte sogar kurz, was die jungen Damen seufzen ließ.

„Groß und geheimnisvoll, genau meine Kragenweite", sagte eine andere und alle drei kicherten wieder. Zum Glück sah Raven nicht, wie Sick hinter seinem Rücken die schmachtenden Mädels nachmachte und Doc damit ziemlich amüsierte. Lu schüttelte den Kopf und von Powaqa bekam er schlussendlich eine hinter die Ohren, weil er seine Arbeit machen sollte. Schließlich hatten sie noch nicht geschlossen.

Der Schamane machte sich Sorgen. Mehr und mehr schienen seine Mitstreiter zu vergessen, wen sie vor sich hatten. Zwar war es nützlich, wenn sie sich näher kamen, aber der Dämon hatte heute mehr als einmal gezeigt, dass er eine tickende Zeitbombe war, die man nur mit äußerster Vorsicht behandeln sollte. Er musste das im Auge behalten, denn er war wahrscheinlich der einzige, der seine Freunde kurzzeitig schützen konnte.

„Hast du eigentlich schon eine Freundin?", wurde Raven gerade gefragt und selbst Kenneth konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. Schnell stellte er die Tassen ab und machte, dass er wieder zwischen die Tische kam, damit Raven es nicht sah. Auch die anderen hinter der Bar versuchten sich abzulenken. Wenn die junge Dame wüsste, wen oder was sie da anflirtete, sie wäre vorsichtiger mit dieser Frage gewesen.

„Nein habe ich nicht und ich bin auch nicht auf der Suche nach einer.“ Raven guckte so abweisend wie möglich. Er hoffte wohl, die Mädchen merkten, dass er an ihnen nicht interessiert war, aber er hatte definitiv nicht damit gerechnet, dass ihn sechs Augen groß ansahen und die jungen Damen seufzten.

„Hast du denn einen Freund?“, fragte eine und schaffte es, Raven kurz sprachlos zu machen. Aber dann zogen sich seine Augenbrauen zusammen.

„Wenn es hilft, dass ihr mir nicht ständig Fragen stellt und mich anhimmelt, dann hab ich einen“, brummte er, aber so langsam verstand er, wie die Frauen hier tickten und machte sich keine großen Hoffnungen.

„Sieht er gut aus?", wollte nämlich eine von den Damen wissen und selbst Sick und Doc, die die ganze Zeit ihren Heidenspaß mit Ravens Elend gehabt hatten, mussten kurz schlucken. Mal abgesehen von der Frage, wer sich überhaupt mit diesem Kerl einlassen würde, fragten sie sich gerade, ob es tatsächlich Kerle gäbe, die sich solch ein Tier ins Bett holten.

„Ist gut jetzt, ihr macht ihn ja ganz verlegen", sagte plötzlich jemand hinter den Mädchen und grinste. Kenneth hatte Sorge, dass gleich wieder etwas in Flammen aufging. Da war es besser, er schmiss sich mal zwischen die Fronten. Doch er hätte nicht damit gerechnet, nun als besagter Freund gehandelt zu werden und tauchte kopfschüttelnd wieder zwischen die Tische.

„Hast du ein Glück, der ist so süß“, schwärmte eine und sah Kenneth hinterher. „Hätten wir uns eigentlich denken können, schließlich habt ihr gleichzeitig hier angefangen.“ Nun sahen alle auf Kenneth und Raven war sprachlos. Nicht nur, weil der Blonde ihn ein weiteres Mal hatte retten wollen, sondern auch, weil es die Mädchen überhaupt nicht störte, dass er angeblich vergeben war und trotzdem weiter mit ihm flirteten. Er hatte das Prinzip wohl doch noch nicht so ganz verstanden.

Kenneth hatte seine Lehre daraus gezogen, er würde sich da sicher nicht noch einmal einmischen. Wer wusste schon, was ihm dann noch alles angedichtet wurde. Doch er hätte damit rechnen müssen, dass Sick die Chance nutzte und ihn ein bisschen aufzog, was er sich doch für einen biestigen Lover angelacht hatte.

Kinder, aber wirklich!

Zum Glück hörte Raven sie nicht, denn Blade hatte ihn erlöst und ins Lager geschickt, um die Bestände für morgen zu checken und aufzuschreiben, was fehlte.

„Übertreib es nicht. Raven ist gefährlich und wenn er sich veralbert vorkommt, möchte ich nicht in der Nähe sein, wenn der Vulkan hoch geht. Er wird die ganze Stadt in Schutt und Asche legen und dass er das kann, ist vollkommen klar.“ Powaqa hatte sich Sick zur Seite genommen und redete eindringlich auf ihn ein. „Vergiss nicht, wer er ist. Er ist Satans Stellvertreter. Das wird man nicht mit Nachsicht und Schwäche.“

„Ach komm schon“, murmelte Sick, „ich hab doch eben Ken geärgert und nicht ihn. Ich weiß schon, wo bei dem Flammenwerfer das Limit ist. Und dass der heute nicht mehr auf meiner Liste stehen sollte, wenn ich an meinem Leben hänge, weiß ich auch." Nein, Sick mochte es überhaupt nicht, gemaßregelt zu werden, auch wenn er dem Schamanen heimlich Recht geben musste. Dadurch, dass Raven aussah wie einer von ihnen und keiner ihn wie einen Dämon ansah oder gar behandelte, war es schwer, das nicht zu vergessen.

„Es wäre wahrscheinlich nicht verkehrt, uns mit eigenen Augen anzusehen, wer er wirklich ist. Ich werde ihn bitten, uns einmal seine Dämonenform zu zeigen, damit wir uns das immer wieder vor Augen halten können.“

Sick sah Powaqa an und wirkte nicht begeistert. „Muss das sein? Du weißt, wie hässlich die Biester sind.“ Allein der Gedanke ließ den Jungen schaudern, aber es konnte wirklich helfen.

„Ganz genau das ist der Plan", bestätigte der Indianer und Doc, der nur mit halbem Ohr zugehört hatte, wollte wissen, was der Plan sei. Also wurde auch er aufgeklärt und er musste Powaqa zumindest zustimmen: sie alle hatten den Dämonen zu schnell und zu selbstverständlich integriert. Sie sollten reden, wenn sie im Hauptquartier waren.

Schlussendlich hatten alle dem Plan zugestimmt und als sie die Tür des Coffee-Shops abschlossen, wusste das ganze Team Bescheid, außer Raven, der die fünf anderen Männer musterte. Etwas lag in der Luft und weil immer wieder Blicke zu ihm geworfen wurden, nahm er an, dass es etwas mit ihm zu tun hatte. Er sagte nichts, aber er war spürbar knurrig, als sie in die hinteren Räume gingen. Blade verzichtete zwar auf das Extratraining, was aber nicht hieß, dass sie vergessen waren.

„Was ist los?“, knurrte Raven unfreundlich und sah Powaqa an.

„Wir möchten dich um etwas bitten", gestand der Schamane und sah dem Dämon offen ins Gesicht. „Wir würden dich gern in deiner eigentlichen Gestalt sehen wollen, damit wir nicht vergessen, wer du bist. Heute haben wir dich ziemlich getriezt. Eigentlich oft unabsichtlich, aber nur weil wir die Gefahr, die von dir ausgehen kann, unterschätzen. Würdest du uns diesen Gefallen tun?" Er sprach offen aus, was in seinen Augen das Problem war und Raven hatte ja immer noch die Chance 'nein' zu sagen.

„Ihr wollt meine Dämonengestalt sehen?“ Ravens Stimme war immer noch unfreundlich, aber der abweisende Gesichtsausdruck milderte sich ein wenig. „Was erhofft ihr euch davon? Angst vor mir? Ich glaube nicht, dass das klappen wird. Zumindest nicht bei allen.“ Dabei sah er zu Sick. Der Jüngste der Truppe würde seine spitze Zunge weiterhin an ihm wetzen. Davon ging er aus. Er zuckte mit den Schultern. „Von mir aus. Wann und wo?“

„Brauchst du viel Platz dafür? Wenn nicht, würde ich sagen gleich", schlug Doc vor, denn seine Neugier stieg mit jeder Minute.

„Meinst du nicht, es wäre besser, wir warten, bis wir im Lager sind?", schlug Kenneth vor, denn die Vorstellung, sich dann neben Raven zu setzen, wenn man wusste, was er wirklich war, war nicht berauschend. Im Lager konnten sie sich dann für eine Weile aus dem Weg gehen und ihren Gedanken nachhängen. Das wäre ihm lieber gewesen.

„Nehmen wir doch den Trainingsraum. Dort ist definitiv genug Platz“, warf Blade ein und alle nickten. Das war mehr oder weniger neutrales Gebiet. „Na, dann mal los, je eher wir da sind, desto früher kann die Show losgehen.“ Doc scheuchte alle hoch. Jetzt wollte er auch endlich etwas sehen. Sie verteilten sich auf die beiden Wagen und die Fahrt war ziemlich einsilbig. Es schien, als hinge jeder seinen eigenen Gedanken nach.



„So, ab ins Untergeschoss", kommandierte Sick, der ebenfalls vor Neugier fast starb, das aber nie zugeben würde und schob Doc aus dem Wagen. „Mein Gott, alter Mann. Heb deinen Arsch!" Und so kletterte er kurzerhand über Doc hinweg. Er hätte auch die Tür auf seiner Seite benutzen können, doch das wäre ja langweilig gewesen.

„Blödes Blag“, knurrte Doc, denn Sick hatte bei seiner Kletterei mit den Knien empfindliche Teile getroffen, die nun schmerzten. Aber entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit rauften sie nicht, sonders gingen hinunter in die Trainingshalle. Das, was sie jetzt vorhatten, war wichtiger und ein Streit würde das nur verzögern. Raven verstand die ganze Aufregung nicht, aber er ließ sich mitziehen.

Auf den Judomatten versammelten sich alle. Die Luft war wie elektrisiert, Anspannung legte sich auf jeden und man konnte das Gefühl haben, ein einziges Streichholz würde reichen, alles in die Luft gehen zu lassen. „Wirst du dich noch unter Kontrolle haben oder wirst du uns angreifen?", wollte Kenneth wissen, denn wenn das passieren sollte, war er derjenige, der am wenigsten vorbereitet war.

„Mein liebenswürdiges Wesen wird sich nicht ändern.“ Raven sah Kenneth an und grinste so, dass er seine länger gewordenen Eckzähne sehen konnte. Der Dämon öffnete seine Haare und zog Mantel und Shirt aus. Er schüttelte die Haare auf und stellte sich so, dass alle ihn sehen konnten.

Eigentlich war für ihn die Wandlung keine große Sache, die normalerweise mehr nebenbei passierte, aber bei all den gespannten Gesichtern konnte ein bisschen Show nicht schaden. Er hob seine Hände gegeneinander, zwischen denen er einen Feuerball bildete. Nach ein paar Sekunden entsprangen ihm Feuerstränge, die sich um Raven wickelten und ihn kurz vollkommen umschlossen. Als sie erloschen, konnten die Dämonenjäger ihren neuen Mitbewohner in seiner eigentlichen Gestalt sehen.

Sehr viel verändert hatte er sich nicht, was seine körperliche Gestalt anging. Allerdings war er auch nicht mehr menschlich. Die Augen hatten die Farbe gewechselt und glühten in einem Orange-Gold und die langen Haare waren auch noch da, nur dass sie jetzt aus Flammen bestanden, die um Ravens Kopf waberten. Die auffälligsten Veränderungen waren die großen, schwarzen Flügel, die sich öffneten und leicht geschüttelt wurden und die Hände mit den langen Klauen.

„Das war's“, erklärte Raven lakonisch und sah die anderen unbewegt an.

„Wow", konnte sich Kenneth nicht verkneifen, denn für ihn war dies wohl noch am neuesten. Doch er konnte nicht vermeiden, ein wenig zurückzuweichen und zusammen zu fahren, als Sparky fiepte, weil man ihr fast auf den Schwanz getreten wäre. Kenneth zuckte und schoss herum, strauchelte und musste sich an der Wand abfangen.

„Nicht so schlimm, wie ich dachte", kommentierte Sick. „Der erste mit Federflügeln, die anderen sahen immer aus wie mutierte Fledermäuse. Hat das was mit der Sorte zu tun oder mit dem Rang?", wollte er wissen und kam näher. Ebenso wie Doc, den vor allem die flammenden Haare interessierten. Sie flossen über den Rücken und Doc streckte die Hand aus, um sie zu berühren, zuckte kurz vorher aber zurück, weil er sich erinnerte, dass das keine gute Idee bei Flammen war.

„Federflügel sind recht selten bei uns. Normal sind Lederflügel.“ Raven bewegte einen Flügel so, dass Sick sie berühren konnte, wenn er wollte. „Sie sind artenspezifisch. Es ist eine Mutation, die ab und zu auftritt.“

„Ein Mutant", murmelte Powaqa, der ebenfalls näher kam. „Ich kann dich spüren, so wie gestern im Shop und es tut weh. Was ist das, was ich da spüre?", fragte er, weil er das nicht einordnen konnte. Die anderen Dämonen, die sie jagten, machten ihm keine Schmerzen, nicht ihn ihrer Aura. Skeptisch beobachtete er Sick, wie er eine der abstehenden Federn griff und drüber strich. Nur Kenneth drückte sich weiter an die Wand, während Lu und Blade lediglich die Informationen aufnahmen.

„Das ist eine Eigenart der Feuerdämonen. Wir haben eine Aura, die - wenn wir wollen - anderen Schmerzen bereiten kann. Ist recht nützlich im Kampf. Ich kann es unterdrücken.“ Raven veränderte seine Aura ein wenig und Powaqa nickte, weil die Schmerzen verschwunden waren.

„Sie sind weich“, murmelte Sick und vergrub seine Finger in den Federn. Das Gefühl gefiel ihm.

„Nur mit den langen Federn an den Enden solltest du vorsichtig sein, sie sind rasiermesserscharf, wenn ich das will.“ Raven deutete auf die Federn, die er meinte. Sie sahen erst nicht anders aus, aber dann veränderte sich ihr Glanz ein wenig und Sicks Neugier war von neuem geweckt.

„Ich glaube, er hat einen Freund gefunden", murmelte Doc und grinste, weil Sick das erste Mal etwas anderes als Gleichgültigkeit anderen gegenüber an den Tag legte. Er strich die äußeren Federn nach und spielte ein bisschen mit einem Finger an den Klingen. Er musste sie kaum berühren und hatte sich schon geschnitten, dass Blut lief. Doch anstatt sich zu beschweren, steckte er den Finger nur in den Mund und umrundete Raven weiter. Einen Dämon so aus der Nähe zu sehen war schon etwas anderes. Allerdings war der nicht so hässlich wie die Biester, die sie jagten.

„Ken? Alles okay?", fragte Lu leise, die ihren Neuen ein wenig beobachtet hatte. Kenneth nickte nur und versuchte, sich zu fassen. Er wusste ja selber nicht, was ihn so aus der Bahn geworfen hatte.

„Du bist also ein Feuerdämon?“, fragte Blade, der aber immer noch auf Abstand blieb. „Was kannst du noch machen, außer mit Feuerbällen zu werfen?“ Er fragte das nicht aus Neugier, wie die anderen, sondern weil es besser war zu wissen, was für Fähigkeiten ein Mitglied ihres Teams hatte.

„Ich beherrsche das Feuer allgemein. Dazu gehören auch die Vulkane. Ich kann sie ausbrechen lassen oder es verhindern, so wie ich es will.“

„Trägst du da nicht gerade ein bisschen dick auf?", fragte Sick skeptisch, seine Finger aber immer noch in den weichen, schwarzen Federn vergraben.

„Willst du es ausprobieren?", fragte Raven ungerührt. Er sah sich noch nicht einmal zu Sick um. „Im Gegensatz zu dir weiß ich, wie viele inaktive Vulkane unter dieser Insel liegen. Wollen wir mal sehen, wer recht hat und wer nicht?"

„Schon gut", murmelte Sick und streckte dem lachenden Doc die Zunge raus. Sick hatte seinen Meister gefunden.

„Hat es was gebracht?“ Raven sah zu Powaqa. Er selber hatte da seine Zweifel, denn so wie Sick und Doc um ihn herum schlichen, ihn beguckten und befingerten, hatten sie das Ziel wohl verfehlt. Besonders als Doc sich doch traute, die Flammenhaare zu berühren und feststellen konnte, dass sie überhaupt nicht heiß waren. Er ließ sie sich durch die Finger gleiten und kurz darauf gesellte sich auch noch Sicks Hand dazu.

„Cool“, murmelte der Junge und kicherte. Das traf es nämlich ganz genau. Die Flammen waren wirklich kühl.

„Na ja." Der Schamane lachte leise. Das Ziel, was sie mit Ravens Wandlung eigentlich hatten erreichen wollen, hatten sie wohl nur bei Kenneth erreicht, der immer noch etwas irritiert an der Wand klebte und Sparky streichelte, um sich abzulenken. Alle anderen - zumindest Doc und Sick - schienen ein neues Idol gefunden zu haben. Powaqa wusste noch nicht, ob er das gut oder schlecht finden sollte. Hoffentlich übertrieb es Sick nicht eines Tages mit seiner großen Klappe und zahlte dann eine hohe Rechnung.

„Lasst uns zu Abend essen", schlug Powaqa vor und es war wie ein Lockruf. Alle wandten sich dem Schamanen zu. Sie hatten Hunger, denn von den eigenen Backwaren aßen sie nur noch selten.

„Chinesisch“, bestimmte Sick und machte sich auf den Weg. Das ging schnell und war lecker. Powaqa übernahm es meist, das Gemüse zu schneiden. Er war der geschickteste und schnellste mit dem Messer.

„Ich dachte eher, dass Raven uns was grillen kann“, lachte Doc, ging aber lieber in Deckung, als ein flammender Blick ihn traf. Kochen war wohl nichts, was der Dämon gerne machte - so ähnlich wie backen.

So machten sie sich nach und nach auf den Weg zur Küche, nur Kenneth setzte sich ab. Er musste das hier erst einmal für sich selbst verarbeiten und entscheiden, wie er das fand. Ihm saß die Angst in den Knochen. Es war jetzt nicht so, dass Raven abstoßend ausgesehen hätte, doch seine Macht über das Feuer war beängstigend. Dinge, über die er früher gelacht hatte, wenn er sie nur hörte, waren plötzlich real.

Beängstigend real.

Lu sah ihm nach und gab Blade ein Zeichen, dass sie später in die Küche kam. „Er ist anders, als die, die wir bisher kennen. Normalerweise sind die, die menschlich aussehen, sehr schwach, aber das trifft auf Raven nicht zu.“ Lu hatte sich neben Kenneth gestellt und streichelte Sparky, die sich aber frei machte und hinter den anderen her flitzte.

„Es macht mir Sorgen, weil ich noch nie etwas Mächtigeres als ihn getroffen habe. Wir haben uns ihm ausgeliefert und wir sind von seinem Wort abhängig, denn besiegen können wir ihn nicht. Ich weiß noch nicht, was ich von ihm halten soll", gestand Kenneth und sah seine Teamleiterin offen an. „Ich weiß nicht, ob ich vor ihm Angst haben soll oder vor der Tatsache, dass ich vor ihm keine habe. Er sieht nicht aus wie das, was Sick mir an meinem ersten Tag hier offenbart hat. Dann das Feuer. Ich werd noch wahnsinnig. Ich bin völlig durch den Wind." Kenneth schloss die Augen und seufzte leise. Er fühlte sich so schwächlich.

„Sei ruhig vorsichtig. Das hat noch nie geschadet und dass du ihn nicht wirklich fürchtest, ist nicht unbedingt ein Nachteil, sondern kann durchaus von Vorteil sein. Dann ist es leichter, ihn um sich zu haben.“ Lu lehnte sich neben Kenneth an die Wand im Flur. „Wahrscheinlich ist es besser, dass er aussieht, wie er aussieht. Das macht die Arbeit mit ihm leichter und sieh das Feuer als etwas, das uns hilft, Dämonen zu töten.“

„Hm", machte Kenneth nur noch. Er war zu durcheinander und Lu machte es nicht einfacher. „Ich geh in mein Zimmer. Wartet mit dem Essen nicht auf mich." Er lächelte schüchtern und nahm die Brille ab. Schon automatisch strich eine Hand durch das Gesicht und die Haare, ehe er sich langsam aufmachte.

„Sicher. Einer von uns bringt dir nachher etwas.“ Nachdenklich ging Lu hoch in die Küche. Sie konnte Kenneth verstehen, für ihn war es nicht normal auf Dämonen zu treffen. Bis vor zwei Tagen war er sogar noch davon überzeugt, dass es sie überhaupt nicht gab. Nachher sollte Powaqa ihm das Essen bringen. Ihr Schamane hatte einen Draht zu Kenneth.


10


„Nanu, schöne Lady? So allein?" Doc, der zwar mit Nadel und Faden ein Künstler war, aber beim Gemüse schneiden nicht gebraucht werden konnte, saß an der Theke und musterte weiter Raven, der sich nun wieder gewandelt hatte. Die Haare waren wieder - noch immer mit dem gleichen Fetzen – zusammen gebunden. Er machte schon wieder Kaffee. Wie konnte man das Zeug nur literweise trinken?

„Wir müssen uns um Ken kümmern. Er ist verwirrt.“ Sie nahm sich ein wenig von den geschnittenen Paprika und setzte sich auf einen Hocker. „Seine ganze Weltsicht wurde auf den Kopf gestellt und er fühlt sich schwach und hilflos. Pow soll mit ihm reden. Unser Schamane wird ihm am ehesten helfen können, sich zu integrieren.“

„So schlimm?", fragte Doc und wurde ernst. „Er hat sich eigentlich ziemlich gut gehalten, den ganzen Tag." Er wirkte überrascht, doch Powaqa, der eben fertig war mit dem Gemüse, nickte.

„Klar, ich werde nach ihm sehen. Ich spüre ja, dass er nicht zufrieden ist, doch ich glaube, er hat einen Knoten in sich selbst, der erst noch platzen muss. Da kann ihm leider keiner helfen." Doch das hieß nicht, dass sie Kenneth allein lassen wollten, schließlich war er der Neue und gehörte irgendwie zum Team. Da war man für einander da. Ein kurzer Blick zu Raven - der hatte sich entschieden schneller integriert. Dabei hatte ihr unfreiwilliger Neuzugang es noch nicht einmal darauf angelegt, weil es ihm schlicht vollkommen egal war.

„Versuche ihm den Weg zu zeigen, wie er seinen Knoten lösen kann, Pow. Bring ihm nachher etwas zu essen, er ist in seinem Zimmer.“ Lu legte ihre Hand kurz auf die des Schamanen und lächelte. „Ich bin im Büro. Der Papierkram hört wirklich nie auf.“ Sehnsüchtig sah sie zu Sick, der in dem großen Wok rührte und dabei einen köstlichen Duft verbreitete, aber sie musste das endlich erledigen.

„Wir lassen dir was übrig", sagte Doc charmant. Sie würden es mit Lu genauso halten wie mit Kenneth. Sie brachten einfach etwas vorbei, denn regelmäßiges Essen war nun einmal das A und O, gesund zu bleiben.

Der Rest saß lauernd um den Tresen und ließ den Wok nicht aus den Augen. Schließlich kamen da nur gute Sachen rein und so wie es roch, wollte jeder schon einmal kosten. Sogar Raven konnte sich ein latentes Interesse an dem, was der Schamane da machte, nicht verkneifen. Eigentlich war Nahrungsaufnahme für ihn nur etwas notwendiges, was er im Vorbeigehen erledigte. Doch für die Menschen hatte essen eine rituelle Bedeutung, wie es ihm schien. Sie saßen zusammen, zelebrierten es geradezu. Allein die Zeit der Vorbereitung, der Zubereitung. Menschen waren und blieben merkwürdig.

„Nimmst du jetzt deine dreckigen Finger aus dem Wok?", knurrte Powaqa und schlug Sick nur nicht auf die Finger, weil der Junge ja gestern schon verletzt worden war. Doch er sah ihn strafend an.

„Is' ja gut", knurrte Sick und machte wieder den Fernseher an, vielleicht konnte er sich noch etwas beschallen lassen, dann ging die Zeit schneller vorbei und das Essen kam endlich auf den Tisch. Also warf er sich in die Couchlandschaft vor dem großen Plasmabildschirm, linste aber immer wieder über die Couch hinüber in die offene Küche zu Powaqa.

Ging das nicht schneller?

Nur mit halbem Ohr hörte er auf die Nachrichten, die gerade liefen. Viel interessanter war, was in der Küche passierte. Es sah so aus, als wäre das Essen bald fertig, denn Doc wurde dazu abgestellt, den Tisch zu decken. Raven ließ sich von alledem nicht stören, er trank seinen Kaffee und sah auf den Bildschirm. Fernsehen war eine wirklich merkwürdige Erfindung, aber nicht das Schlechteste, wenn man Zeit totschlagen wollte. Hier auf der Erde war vieles anders als in seiner Heimat. Menschen waren mit ihrer Zeit ziemlich freigebig, sie verschwendeten sie geradezu mit Sinnlosigkeiten.

Die Gedanken des Dämons drifteten ab, als er aufhorchte. Der Nachrichtensprecher berichtete gerade über einen Einbruch in einem Museum, wo ein Stab aus rotem Gold gestohlen worden war. „Shit“, fluchte Raven und seine Tasse landete mit einem lauten Knall auf der Arbeitsfläche. Sick zuckte hoch und hielt sich das Herz, Doc krallte die Teller fester, die ihm vor Schreck fast entglitten wären und Sparky machte lieber wieder kehrt und ging zurück zu Blade, da war es ruhiger für ihre empfindlichen Ohren.

„Was denn nun schon wieder? Kaffee alle?", knurrte Sick, als er sich langsam wieder erholte und tiefer in die Polster der Couch sank. Oder war es das Wetter, das den Feuerdämonen so aufregte? Mochte er keinen Regen?

„Sie haben die Waffe“, erklärte Raven knapp und zeigte auf den Bildschirm, wo gerade ein Bild des Stabes gezeigt wurde. Der Dämon hatte ihn erkannt, denn er war auf einem alten Gemälde in Satans Residenz abgebildet, das er jeden Tag vor Augen gehabt hatte. Es zeigte einen der Vorgänger seines Bosses, der eben diesen Stab in Händen hielt. Niemand hatte gewusst, dass es sich dabei um die gesuchte Waffe gehandelt hatte.

„Was?" Sick schrie und sprang auf, er stand auf der Couch und konnte Raven so direkt in die Augen sehen, ohne nach oben blicken zu müssen. „Und das wusstest du nicht vorher? Wo war das Problem zu sagen: Hallo, dieser hässliche alte Knüppel aus einem Grab in Persien ist die Waffe, habt da mal ein Auge drauf. Meine Güte, wie blöd muss man denn sein!" Sick war außer sich. So ein Anfängerfehler.

Doc und Powaqa mischten sich lieber nicht ein und schickten eine Kurznachricht in alle Zimmer, das man reden müsste und zwar - jetzt!

Sick sah die Hand nicht kommen, die sich um seinen Hals legte, zudrückte und ihn gleichzeitig nah an Raven zog. Der Dämon war wütend, das sah man an seinen Augen, die blutrot glühten. „Mensch“, zischte er und schleuderte Sick zurück auf die Couch. „Treib es nicht zu weit. Wenn ich gewusst hätte, wo die Waffe ist, hätte ich sie wohl schon geholt und wäre nicht hier.“

„Hey!" Doc war zur Couch gelaufen und zog den verwirrten Sick an sich. „Vielleicht war sein Ton nicht der beste, aber er hat durchaus Recht", sagt er und brachte sich und den Jungen aus Ravens Reichweite. Dieser Kerl war ja unberechenbar. „Wenn du wusstest, wie die Waffe aussieht, warum hast du es nicht gesagt? Es mag sein, dass wir in deinen Augen niedere Kreaturen sind, aber dafür kennen wir uns in unserer Welt etwas besser aus als du. Fragen kostet nichts, außer Überwindung."

„Was ist hier los?", wollte Blade wissen, der gerade den Raum betrat und die angespannte Atmosphäre spürte.

„Frag doch den Irren da!", knurrte Sick und machte sich wütend aus Docs Umklammerung los, um in sein Zimmer zu gehen.

„Jetzt noch einmal! Ich habe nicht gewusst, wie die Waffe aussieht, sondern es erst gerade erkannt, als ich die Bilder im Fernsehen gesehen habe. Sie ist auf einem Gemälde abgebildet, das ich kenne, nur wusste keiner, dass es sich dabei um die Waffe handelt.“ Raven war immer noch wütend, aber er versuchte sich zu beherrschen. Er musste mit den Menschen zusammen arbeiten. „Wir sollten besser überlegen, was wir jetzt tun.“

„Sick!", brüllte Blade, als der Junge wirklich den Raum verließ. Für Schmollereien war jetzt wirklich keine Zeit. „Klemm dich hinter deine Monitore, such die Meldung über den Diebstahl und krieg alles raus, was du kannst." Der Junge nickte nur und ging weiter. Er war sauer, da ließ man ihn lieber allein machen. Das gab sich wieder, wenn er runter gekühlt war.

„Schick ein Bild auf den großen Bildschirm hier, wenn du was gefunden hast", wollte Doc noch. Sie mussten jetzt überlegen, ob es wirklich das war, was Raven behauptete. Denn dann hatten sie mehr als nur ein Problem: die Feinde hatten die Waffe und brauchten nur noch jemanden, der wusste, wie man sie bediente. Sie waren gewaltig ins Hintertreffen geraten und das Essen wurde im Augenblick zur Nebensache, als auch Kenneth und Lu ankamen und noch einmal erklärt bekamen, was passiert war. Raven kümmerte sich nicht darum, er ging näher an den Bildschirm heran, auf dem gerade eine Abbildung des Stabes erschien. Irgendetwas war anders, als er es in Erinnerung hatte. Er versuchte sich zu erinnern.

„Da fehlt was“, murmelte er leise und versuchte sich an das Bild zu erinnern, das er schon lange nicht mehr richtig wahrgenommen hatte. „Die Steine“, rief er plötzlich und endlich wusste er, was anders war. Auf dem Stab mussten eigentlich fünf Steine sein, aber dort waren keine. Die Waffe war nicht vollständig. Es war also doch nicht so schlimm, wie er erst gedacht hatte. „Sick soll versuchen heraus zu finden, wo die Steine geblieben sind, die auf dem Stab waren“, rief er Blade zu. Der schien im Moment der Vernünftigste zu sein, denn alle anderen wirkten aufgelöst.

„Mach ich", murmelte Blade und tippte am Monitor in der Küche eine kurze Nachricht an ihren Jüngsten, dass er nach Steinen, die zu dem Stab gehören könnten, die Augen offen halten sollte. Dann kam auch er näher und betrachtete sich das Objekt auf dem Bildschirm etwas genauer: Ein Stab aus rotem Gold, sicherlich pures Gold, wie sich das gehörte. Er war also nicht so leicht, wie er auf dem Bild aussah. Blade bemerkte auch die Aussparungen auf der Oberfläche, in denen die Steine gesessen haben mussten.

„Vielleicht haben die Finder sie noch?", sagte Kenneth, denn es lag nun einmal in der Natur der Menschen, sich zu bereichern. Wer's findet, darf's behalten - so dachten doch die meisten, auch wenn das eigentlich nicht stimmte. Wer wusste das besser als ein Psychiater? Was er sich schon in seinem Leben als Ausreden hatte anhören müssen, warum sich jemand etwas angeeignet hatte!

„Wir müssen sie finden, denn erst mit den Steinen ist die Waffe komplett und gefährlich.“ Raven war gerade klar geworden, wie die Waffe funktionierte und er musste sagen, dass diese Waffe wirklich das Furcht erregendste war, was er bisher gesehen hatte. „Der Stab ist nur die Halterung, die Steine sind die eigentliche Waffe.“

„Die Steine sind die Waffe?", fragte Doc etwas dämlich, doch dann verzog er sich lieber wieder in die Küche, weil Blade ihn so komisch anguckte.

„Okay. Wir müssen also herausbekommen, wo die Steine sind und versuchen, sie an uns zu bringen. Ich glaube, die Dämonen sind nicht blöd und wissen, dass man mit dem Stab allein noch nicht viel anrichten kann, außer jemanden damit den Schädel einzuschlagen." Sie mussten jetzt aufs Sicks Spürsinn hoffen und darauf, dass sie dieses Mal vielleicht schneller waren als der Feind.

„Die Steine stellen die Verbindung zu den Elementen her und machen sie so nutzbar.“ Raven trat an den Bildschirm heran und zeigte auf die Einbuchtungen, die am Stab angebracht waren. „Feuer, Erde, Wasser und Luft und oben an der Spitze ein großer, schwarzer Seelenstein, der als Katalysator dient“, erklärte er. „Wir Dämonen beherrschen die Elemente. Die Steine bündeln die Kräfte der Elemente und verstärken sie noch.“

Die anderen sahen ihn ein wenig verständnislos an, darum erklärte er es näher. „Ich beherrsche das Element Feuer. Meine Kräfte reichen aus, um diese Welt in relativ kurzer Zeit zu zerstören. Der Stein für das Element Feuer bündelt die Kräfte aller Feuerdämonen. Wenn die Waffe eingesetzt würde, wäre eure Welt in Sekundenbruchteilen zerstört.“

„Schön zu wissen", murmelte Kenneth und suchte im Kühlschrank eine Dose Cola. Er brauchte jetzt etwas Kaltes, denn sein Mund wurde langsam trocken. Die Zunge klebte am Gaumen. Das war kein schönes Gefühl. Zischend öffnete er sie und trank, doch dann sah er Raven wieder an, weil kein anderer etwas sagte. „Und die Waffe funktioniert nur mit allen fünf Steinen, egal wie mächtig ein Stein daraus alleine ist, ja?" Nicht dass sie sich auf die Suche machten und plötzlich ging alles in Flammen auf, weil die Dämonen den Feuerstein vor ihnen gefunden hatten.

„Ja, zum Glück ist das so. Wer alle Steine hat, kann die Waffe benutzen, aber es ist gefährlich, darum wurde sie auch hierher gebracht. Nur Dämonen können die einzelnen Steine aktivieren. Hier gibt es keine mehr, seid wir das Tor geschlossen haben, also war sie sicher.“ Raven ließ es sich nicht anmerken, aber er war beunruhigt. Erst als er den Stab gesehen hatte, war ihm klar geworden, was für eine Waffe das war. Seit Jahrhunderten kursierten Geschichten und Gerüchte durch seine Welt, die nun einen Sinn ergaben. „Wenn ein Element durch diese Waffe genutzt wird, bleiben die anderen davon nicht unberührt und diese Kräfte sind nicht steuerbar und können Verwüstungen anrichten.“

„Na wenn das mal keine Aussichten für die Zukunft sind." Kenneth konnte sich seine flapsige Bemerkung nicht verkneifen, denn langsam nahm der Fall ein Ausmaß an, das er nicht mehr fassen konnte. Nicht allein, dass er nun das neue Ziel der Peiniger seines Patienten war, nein - die ganze Welt in ihren Grundzügen stand auf dem Spiel. Gierig leerte er seine Dose Cola und schwang sich auf die Theke, dabei den Bildschirm und Raven immer im Auge. Auch wenn er nicht wusste warum, denn er konnte damit auch nicht viel anfangen. Vielleicht suchte er Anzeichen von Unsicherheit oder Angst in Ravens Gesicht?

„Ich hoffe, die anderen kennen das Bild nicht so gut, wie ich und es dauert noch, bis sie merken, dass etwas fehlt“, murmelte der Dämon und ballte die Hände zur Faust. Die Entwicklung gefiel ihm gar nicht und dass er nichts machen konnte, passte ihm noch weniger. Er war ein Krieger und untätig herumzusitzen machte ihn verrückt. Das sah man ihm auch an und Blade wurde ein wenig unruhig. Der Dämon an sich war schon eine tickende Zeitbombe, ein gereizter Dämon war etwas, was er sich lieber nicht vorstellen wollte.

„Essen wir erst mal", schlug Powaqa deswegen vor. „Im Augenblick können wir nichts machen und wenn Sick etwas über die Steine gefunden hat, können wir immer noch herumstehen und beratschlagen, was zu tun ist. Mit einem vollen Magen ist das vielleicht alles etwas leichter zu ertragen."

Lu, die sich bis jetzt aus allem heraus gehalten hatte, nickte. Sie brauchten mehr Informationen, ehe sie weiter planen konnten.

„Ich bring dem Kleinen was", sagte sie und ließ sich eine große Portion für Sick in eine Schüssel machen, damit er seine Arbeit nicht unterbrechen musste.

„Ja, essen wir.“ Doc setzte sich an den Tisch. Oft brauchte man eine Ablenkung, um wieder neue Ideen zu bekommen und die brauchten sie ganz dringend, denn wenn nicht, konnten sie gleich einpacken. Er sah zu Raven, als dieser sich ebenfalls setzte und musste eine Frage loswerden. „Sag mal, du hast doch gesagt, dass diese Waffe auf die Kräfte von Dämonen zugreift, aber so wie es aussieht, gibt es hier doch nur vier, wenn ich das richtig sehe. Warum sind wir dann in Gefahr?“

Raven, der gerade etwas Reis nehmen wollte, ließ den Löffel sinken.

„Das stimmt schon, aber da wären immer noch die Wesen, die ihr bekämpft. Sie können die Waffe zwar nicht aktivieren, aber ihre Kräfte können von dieser benutzt werden. In fast jedem zweiten Menschen findet sich ein wenig dämonisches Blut. Du kannst dir sicher vorstellen, was das bedeutet.“

„In jedem zweiten?", hustete Kenneth und er konnte nicht anders, als sich am Tisch umzusehen. Raven fiel aus seiner Zählung raus, der fiel sowieso durch das Raster - doch von den vieren, die hier noch saßen, hatten mindestens zwei Dämonenblut in sich. War er einer davon? Kamen daher die Fähigkeiten, die sie hatten? Seine Augen wurden immer größer und größer, als er Raven fragend ansah. Doch er konnte nichts sagen, denn der Kloß in seinem Hals schnürte ihm alles zu und die Luft wurde knapp. Langsam wurde er blass.

„Jeder von euch. Das meiste in Powaqa und Doc. Ihre Kräfte sind die größten.“ Raven nahm sich jetzt etwas von dem Reis. Wie sehr er Kenneth mit seiner Aussage schockierte, bemerkte er nicht, denn es interessierte ihn gar nicht. „Anscheinend waren wir, als wir auf der Erde waren, recht fruchtbar.“

„Ha, ha", knurrte Kenneth und schüttelte den Kopf. Er hatte also wirklich dieses Zeug in seinem Körper und konnte nicht einmal etwas dagegen tun. Allein die Vorstellung war grausam Ekel erregend. „Und welche Folgen hat das für mich, für uns?", fragte er und besah sich seine Hände, die Arme. Konnte man es sehen? Hatte er sich jetzt irgendwie verändert?

„Es wird dich nicht umbringen, Ken", sagte Powaqa, der wie seine Kollegen derartiges schon vermutet hatte. Sie waren eben anders, so etwas kam nicht von ungefähr.

„Na du hast gut reden." Kenneth schüttelte sich, er konnte es nicht vermeiden, denn es lief ihm kalt den Rücken herunter. Aber nicht nur Kenneth schien mit Ravens Aussage ein Problem zu haben, auch Doc wirkte recht schockiert.

„Wir haben das Gleiche, wie diese Monster, die wir bekämpfen?“, fragte er tonlos und der Appetit war ihm vergangen. „Werden wir auch irgendwann Amok laufen und Menschen nur zum Spaß quälen und töten?“ Allein der Gedanke bewirkte, dass ihm schlecht wurde. Das durfte nicht sein.

Raven seufzte. „Das werdet ihr nicht. Durch unsere DNS habt ihr die Kräfte bekommen, aber dass aus manchen Monster werden, hat einen anderen Grund. Das ist kompliziert und relativ selten, sonst gäbe es auf der Erde mehr von diesen Kreaturen.“

Kenneth und Doc nickten, doch das änderte nichts daran, dass sie sich in ihrer Haut nicht mehr so wohl fühlten wie vorher. Zum Glück kam in dem Moment Lu in die Küche und griff sich die Fernbedienung vom großen Bildschirm im Wohnzimmer und schaltete auf Sicks Webcam um.



11


Es dauerte eine Sekunde bis Sick bemerkte, dass er nicht mehr allein war und erklärte kauend, Kenneth hätte vorhin nicht ganz unrecht gehabt. „Zwei Steine habe ich schon gefunden", erklärte er, „die sind im Privatbesitz der Finder. Das waren ein paar Typen aus Amerika. Einer von denen hat einen blauen mitgehen lassen, einer einen roten. Über die anderen weiß ich noch nichts." Dann blendete sich Sicks Bild aus und die Steine erschienen.

„Sind sie das?" fragte Blade.

„Ja, Feuer und Wasser.“ Raven nickte und stand auf. „Leben die Finder noch und wenn, wo wohnen sie? Ich würde mich gerne mit ihnen über den Verbleib der restlichen Steine unterhalten.“ Seinem Gesicht nach war es ihm egal, ob die beiden die Befragung überlebten oder nicht. Sie waren nur Mittel zum Zweck und deswegen war Sick unschlüssig, ob er das wirklich preisgeben sollte. Er hatte eben am eigenen Leib zu spüren bekommen, was passierte, wenn man den Idioten reizte. Leichen, die ihren Weg pflasterten, konnten sie in ihrem Job wirklich nicht gebrauchen - die lockten nur die Polizei auf ihre Fährte und es wurde schwer, das zu vertuschen.

„Muss ich sehen", sagte er also, um sich einen Plan auszudenken, wie er an die Info kam, ohne Ärger. „Ich melde mich, wenn ich was weiß." Er stöpselte sich aus, ehe noch einmal Rückfragen kamen.

„Er soll sich beeilen, wir brauchen diese Steine. Ich bin nicht der einzige, der die alten Legenden kennt und unsere Gegner werden bald wissen, dass die Steine fehlen, wenn sie es nicht schon wissen. Wir sollten sofort los.“ Raven knurrte, denn dass alle noch hier herum saßen und nichts vorbereiteten, um sofort aufbrechen zu können, sobald Sick die Informationen hatte, konnte er nicht verstehen.

„Mach deinen Mist doch alleine, wenn's dir nicht schnell genug geht", knurrte Kenneth, der mit der Attitüde dieses Kerls einfach nicht warm wurde. Ihm selbst war der Appetit sowieso vergangen, doch sollten wenigstens die etwas essen, die es noch konnten. Schließlich brauchten sie Kraft und einen wachen Verstand, wenn sie sich wieder ins Ziel der Aufmerksamkeit dieser Bestien stellten. Doch das war dem Kerl ja sowieso egal, Menschen waren Köder, mehr nicht. „Arsch", schob er noch knurrend hinterher, aber nur sehr leise und erhob sich, um nach Sick zu sehen, denn er hatte gemerkt, dass der ein Dilemma hatte.

„Genau das werde ich tun“, rief Raven Kenneth wütend hinterher und seine Faust landete krachend in dem großen Plasmabildschirm und zerstörte ihn vollkommen. Ohne auf seine Verletzungen und die 'Hunter' zu achten, ging er aus der Küche. In Docs Labor gab es einen Computer, das wusste er. Dann besorgte er sich seine Informationen eben selber. „Passwort“, blaffte er den Arzt an und knurrte, als Doc ihn erst nur verwirrt ansah. „Der Computer im Labor.“

„Ich denk nicht dran. Damit der auch noch eine drauf kriegt, wenn du nicht findest, was du willst!" Doc starrte ungläubig auf den Bildschirm, der noch ein paar Funken sprühte und kleine Rauchwölkchen ausstieß. War der Kerl eigentlich noch ganz dicht? Dämon hin oder her, wenn er so mit allen Dingen umging, egal wem sie gehörten, hatten sie aber bald ein Tänzchen!

„Was soll das?“ Raven war wütend und das sah man ihm auch an. Nicht nur an seinem Gesichtsausdruck, sondern auch an seinen Augen, die wie zwei rot glühende Kohlestückchen wirkten und an seinen Haaren, die sich wieder in Flammen verwandelt hatten. „Bin ich hier der einzige, der versteht, dass wir keine Zeit mehr haben? Wir brauchen die Steine, zumindest einen, damit wir die anderen aufhalten können.“

„Was das soll, werde ich dir gern erklären", sagte Doc und auch ihm ging langsam die Hutschnur hoch. „Wir verstehen sehr wohl, dass Eile geboten ist. Aber wir sind nur Menschen. Und wenn du einem Kind klar machst, dass die Leute sterben werden, wenn er ihre Namen Preis gibt, dann machst du es ihm nicht leichter, mit dir zu arbeiten. Pass dich unserem Stil an oder mach deinen Scheiß alleine. Da kann ich Kenneth nur zustimmen."

„Doc", sagte Blade, der Raven sehr gut verstehen konnte. Doch er musste auch an seine Leute denken, denn sie waren ein Team.

„Klar. Der da geht über Leichen, aber ich werde angestaucht", knurrte Doc und war der nächste, der den Raum verließ. Da waren es nur noch drei.

„Stopp“, rief Blade laut und Doc hielt mitten in der Bewegung inne. Er wusste, es war nicht gut, dem Soldaten nicht zu gehorchen, wenn er so drauf war. „Alle an diesen Tisch – sofort!“, befahl er. „Das wird jetzt geklärt, denn sonst können wir das Ganze sofort vergessen.“

„Aber", setzte Doc an, doch als er Blades Blick sah, verstummte er und setzte sich wieder, während Blade von hier aus die Kamera in Sicks Arbeitszimmer aktivierte und ohne Rücksicht auf Verluste brüllte, die beiden hätte ihre Ärsche sofort hier her zu schwingen - doch er ließ die Leitung so lange offen, dass Sick und Kenneth hören konnten, wie auch Raven in dem gleichen Ton angefahren wurde und sie nicht die einzigen waren. Nur Lu kam ungeschoren davon, denn sie hatte sich aus allem heraus gehalten.

Merkwürdigerweise schienen Blades harsche Worte Raven nicht noch wütender zu machen, sondern ihn zu beruhigen, denn der Dämon setzte sich an den Tisch und sein Aussehen normalisierte sich wieder. Befehle war er gewohnt. Auch wenn meistens er sie gab, so war es etwas, dem man Folge zu leisten hatte. Ganz anders Sick, den man schon schimpfen hörte, als er noch nicht in der Küche war. Er mochte so etwas gar nicht und daran ließ er jeden teilhaben. Egal ob man es wissen wollte oder nicht.

„Meckere nicht, hock dich hin", knurrte Doc, der wegen seinem eigenen Anranzer ebenfalls noch etwas pikiert war. Blade schlug selten solche Töne an, aber wenn, dann brannte die Luft.

Als alle saßen, war es Blade, der sich erhob, damit jeder ihn sehen konnte und Sparky, die so etwas gern nutzte, hockte auf seiner Schulter. „Also, wenn das hier laufen soll, dann stellen wir hier jetzt zwei Dinge klar: Abgesehen von unseren drei Lieblingen wird keiner sterben, ist das klar, Raven? Und Sick: Absolute Weitergabe von Informationen!"

Raven nickte und Blade wirkte zufrieden. Der Dämon war Soldat und somit war das Nicken ausreichend, um zu wissen, dass Raven verstanden hatte und sich daran halten würde. Sick war da nicht von überzeugt. „Du glaubst dem doch nicht etwa?“, murrte er. „Der Kerl hat doch ein Rad ab.“ Anklagend deutete er auf den Bildschirm. Wer seine Technik zerstörte, dem konnte er nicht glauben.

„Sick, wir kaufen einen neuen", schlug Powaqa vor, denn er wusste nur zu gut, wie sehr der Junge an seinen Lieblingen hing. Vor allem an den Fernsehern, die gaben ihm Entspannung.

„Kaufen wir lieber einen neuen Dämon", knurrte Sick und ging langsam zu seinem toten Baby. Da war nichts mehr zu machen - hinüber.

„Sick!" Doc hatte die Nase voll. Es sollte endlich was passieren und so stand er auf und schleifte den kleinen Querulanten wieder zum Tisch. „Raven hat seinen Teil der Abmachung erfüllt. Jetzt du. Her mit den Daten und dann werden wir sehen, wie es weiter geht."

Der Kleine wollte noch einmal intervenieren, doch Blades wütender Blick ließ ihn schweigen. Er kramte die Ausdrucke aus seiner Tasche und warf sie auf den Tisch. Es war ja nicht so, als wäre er nicht vorbereitet.

Der Soldat nahm die Blätter und las sie sich durch. „Sie wohnen beide in New York. Na wenigstens etwas.“ Blade war nicht begeistert, denn das hieß, dass sie nach Amerika fliegen mussten. „Sick, du kümmerst dich um die Flüge. Doc, du packst alles zusammen, was wir an medizinischem Equipment dringend brauchen und alle anderen packen ihre persönlichen Sachen. Ich kümmere mich um Waffen.“ Damit war die Versammlung aufgehoben. Auch ohne explizite Erklärungen war klar, dass Sick und Lu hier blieben, um sich mit den Aushilfen um das Café zu kümmern und ihren Einsatz von hier aus zu koordinieren, wenn die anderen Hilfe brauchten.

„Darf ich noch... Ach!" Sick winkte ab, warf erst seinem toten Baby dann dem Dämon noch einen Blick zu, dann rauschte er, in wunderbarer Vielfalt fluchend, wieder ab. Kenneth konnte ihm nur nachsehen. Wie schnell doch aus einem Idol von gestern das Arschloch von heute werden konnte. Sicks Begeisterung für Raven war sichtlich abgekühlt.

„Moment“, hielt Powaqa Sick auf. „Was ist mit Raven? Er wird wohl kaum einen Reisepass haben.“ Das war dem Indianer gerade eingefallen. Ohne Papiere kam der Dämon nicht einmal in die Nähe eines Flugzeugs, geschweige denn in die USA.

„Und wozu hat er die lustigen, schwarzen Dinger auf seinem Rücken? Wer heißt wie ein Rabe und aussieht wie ein Rabe, soll sich fortbewegen wie ein Rabe. Zum Fälschen reicht die Zeit nicht, er hat es eilig", sagte Sick schon wieder etwas besser gelaunt, weil er dem Dämon eine kleine reinwürgen konnte.

„Ich habe versprochen niemanden zu töten, aber es war nicht die Rede davon, dass ich nicht verletzen darf. Du glaubst gar nicht, welche Schmerzen man jemandem zufügen kann, ohne ihn ernstlich zu beschädigen.“ Ravens Stimme war ruhig, aber es war die deutliche Warnung darin zu hören, seine Geduld und seinen guten Willen nicht überzustrapazieren. Sie hatten ein Abkommen, aber das war brüchig und genau solche Spitzen, wie Sick sie verteilte, verbesserte ihre Situation nicht gerade.

„Der Typ weiß nicht, was er will", sagte Sick leise murrend. „Wenn wir dir einen gefälschten Ausweis besorgen sollen, brauchen wir dafür mindestens zwei volle Tage. Dir eine falsche Identität zu geben dauert auch seine Zeit, denn der Abgleich des Ausweises sollte ja nicht ins Leere führen und Aufmerksamkeit erregen. Hast du so viel Zeit? Nein? Dann sollten wir uns was anderes einfallen lassen, als den offiziellen Transportweg!" Sick sah den Dämon offen an und dann Blade. Ihm fiel nichts ein, um diesen Kerl legal ins Land zu bringen ohne Papiere. Blieb eben wirklich nur der eigene Flug. Doch den Vorschlag ein weiteres Mal zu machen, verkniff er sich. Er hing an seinem jungen Leben.

„Wir sollten uns beeilen, aber selbst zu fliegen, ist ausgeschlossen. Ich bin zwar schnell, aber für die Strecke brauche ich länger als zwei Tage.“ Raven klang immer noch gereizt, aber nicht mehr wütend. „Welche Optionen haben wir noch, ohne diese Papiere? Wäre es möglich, mich unbemerkt ins Land zu schmuggeln?“

„Wenn ich welche wüsste, hätte ich sie vorgeschlagen", sagte Sick leise, aber mehr zu sich selber, denn nun arbeitete sein Hirn auf Hochtouren. Er kaute auf seinem Daumen und sah sich grübelnd um, übersah dabei absichtlich den kaputten Bildschirm, sonst wurde er nur wieder sauer. „Vielleicht in einer der Transportkisten. Aber die werden dreimal gesichert und kontrolliert und verplombt." Das war also keine Option.

„Einen Steward kidnappen und seinen Platz einnehmen? Die anderen würden es merken", machte nun auch Kenneth mit.

„Mist“, fluchte Doc und schlug auf den Tisch. „Was wäre, wenn wir einen Krankentransport machen? Wir haben doch die Papiere von einigen dieser Monster, die wir erledigt haben. Wenn wir einen dabei haben, der ungefähr Ravens Statur entspricht, dann müssen wir nur das Bild austauschen.“ Doc murmelte nur so vor sich hin, denn eine wirkliche Idee hatte er auch nicht.

„Bandagieren und als Brandopfer deklarieren. Dass er seinen Puls beeinflussen kann, hat er ja bewiesen." Sick gefiel die Idee. Wer kam schon auf den Gedanken, bei einem Schwerverletzten die Verbände abzunehmen? „Doc erstellt ein Krankenbild, das einem Brandopfer entspricht und macht einen falschen Überweisungsschein in eine Spezialklinik. Das müsste gehen." Sick hüpfte, weil es doch einen Weg gab und grinste den Dämon an. „Glück gehabt, musst doch nicht selber flattern." Das hatte er sich jetzt nicht verkneifen können.

Raven ließ sich nicht reizen, sondern sah zu Doc. „Wenn es so geht, von mir aus.“ Wie er nach Amerika kam, war ihm vollkommen egal. Doc hörte nur noch mit halbem Ohr hin, denn er hatte schon die Pläne im Kopf. Um einen Rettungswagen mussten sie sich nicht bemühen, sie waren im Besitz eines solchen Modells. Er musste nur Sick dazu bringen, ihre Leitung über die eines Krankenhauses zu führen und den Patienten dort im Computer auftauchen zu lassen. Die Tickets für sie konnte auch Lu buchen. Sie hatte sowieso die Verwaltung über die Finanzen. Er brauchte Sick jetzt dringender.

So waren die Aufgaben klar geregelt und Kenneth machte sich ebenfalls auf, ein paar Klamotten zu packen. Ihm schwirrte sowieso der Kopf.



Währenddessen erledigte im Hauptquartier jeder seinen Job. Doc und Kenneth, der kurzerhand als Fahrer und Pfleger eingeteilt worden war, bestückten den Wagen glaubwürdig und machten die Papiere fertig. Blade präparierte die Trage mit Waffen, die sie garantiert nicht durch den Zoll kriegen würden und Sparky übte, wie Handgepäck auszusehen. Sie würde sich einfach wie üblich durch Hintertürchen schleichen müssen, um durch den Zoll zu kommen, doch das war nicht das erste Mal. Sie wussten alle, was zu tun war. Sick hatte passende Papiere gefunden. Der ehemalige Besitzer hatte eine ähnliche Statur besessen wie Raven und wenn sie das Bild tauschten, dürfte es keine Probleme geben. Wie immer funktionierten sie wie ein Uhrwerk.

Sie hatten noch Zeit, ein paar Stunden zu schlafen, bis ihre Flüge gingen, denn frühere waren nicht möglich gewesen - nicht wenn noch ein Krankentransport organisiert werden musste. So versuchte jeder für sich noch ein wenig zur Ruhe zu kommen, ehe sie wieder unter Hochdruck standen. Die Überführung des Brandopfers war angemeldet und die Rückfrage vom Flughafen ans Krankenhaus hatte Sick abgefangen und Doc erledigen lassen. Da sollte vorerst einmal nichts mehr schief laufen.

Weil Kenneth sowieso nicht schlafen konnte, machte er sich daran, die Bandagen vorzubereiten und ein bisschen einzusauen, damit es echter aussah. Dafür hatte er von Powaqa Lebensmittelfarbe bekommen.

Zur verabredeten Zeit fand sich Raven bei Doc ein, damit er für den Flug vorbereitet werden konnte. „Was muss ich tun?“, fragte er, weil er keine Ahnung hatte, was gemacht werden musste. Bisher wusste er nur, dass er ein Brandopfer sein sollte und man ihn fast vollkommen in Bandagen hüllen wollte, damit die Unterschiede zum Pass nicht auffielen.

„Ruhig liegen bleiben, ab und an vor Schmerzen stöhnen und wenn möglich deine Lebensfunktionen ziemlich drosseln. Puls und so was", sagte Doc. „Wäre auch nicht übel, wenn du zum Bandagieren deine Klamotten abstreifen könntest. Die Bandagen müssen direkt auf die Haut. Deine Kleider legen wir unter die Bahre. Falls wir getrennt werden, kannst du ja nicht ohne Kleider herum laufen."

„Gut. Wie weit soll ich alles drosseln? Auf den Level eines Ohnmächtigen oder eher den eines Halbtoten. Wenn gewünscht, kann ich es auch unregelmäßig machen.“ Raven grinste schmal. Es war nicht so, dass er keinen Humor hatte, aber normalerweise war er ziemlich gut versteckt. Ohne zu zögern begann er sich auszuziehen und stand schließlich vollkommen nackt neben der Bahre. „Was nun?“

Nur gut, dass Kenneth in seinem Rücken saß, denn der schluckte nur immer wieder. Wenn der Kerl nicht so ein Charakter-Arsch wäre, dann wäre er genau seine Kragenweite! Das war nicht gut, gar nicht gut. Besser er wandte sich ab und Doc kommentierte das nur mit einer wissend gehobenen Augenbraue.

„Ich fang jetzt an, dich einzuwickeln. Sag, wenn's zu fest wird", sagte Doc und begann die Bandagen an den Beinen anzulegen. „Die Lebensfunktionen eines Halbtoten wären nicht übel. Aber nicht übertreiben, sonst bist du nicht transportfähig."

„Gut.“ Damit war alles gesagt und Raven hielt still. Doc machte so etwas nicht zum ersten Mal, das merkte man gleich. Die Verbände passten perfekt und auch die Kabel für die Überwachungsmonitore saßen dort, wo sie hingehörten. Trotzdem dauerte es eine Weile, bis alles fertig war und Raven auf der Bahre lag und alle Kabel angeschlossen waren.

„So, fahr deine Lebensfunktionen runter, ich sag dir, wenn es perfekt ist“, bat Doc und Raven konzentrierte sich. Nach und nach wurde der Puls langsamer, der Herzschlag schwächer und auch die Atmung wurde in Mitleidenschaft gezogen. Es war faszinierend auf eine erschreckende Weise. So hatte Raven sie getäuscht, um Kontakt mit ihnen aufzunehmen.

Kenneth sah den beiden vom Tisch aus zu und versuchte zu verdrängen, was er eben gesehen hatte. Lieber holte er sich die Bilder zurück, als der Kerl den Bildschirm demoliert hatte. Das war mehr der wahre Raven, nicht der breite Rücken und der feste Hintern. Kenneth schüttelte über sich selbst den Kopf, das war definitiv krank! „Ich zieh mich um." Und sein Abgang glich einer Flucht. Doc sah ihm fragend nach.

„Perfekt, so lassen“, sagte Doc schließlich. „Ab und zu ruhig etwas unregelmäßig, aber im Großen und Ganzen auf diesem Level bleiben. Ich sag den anderen Bescheid und komme wieder, wenn es losgeht.“ Doc klopfte Raven auf die Schulter und ging Kenneth nach, der alleine in der Küche saß und Wasser für einen Tee kochte. „Alles klar?“, fragte er. Vielleicht wollte Kenneth ja reden, denn ihr Neuer wirkte ein wenig durcheinander.

„Was?" Weil er nicht damit gerechnet hatte, dass ihm jemand folgte, schoss Kenneth herum und verschüttete das Wasser aus der Kanne. „Mist", fluchte er leise und stellte die Kanne weg, um aufzuwischen. „Ja, ja. Alles im grünen Bereich, wie immer", wiegelte er ab, konnte Doc dabei aber nicht in die Augen sehen. Wenn der wüsste was los war, dachte der doch, Kenneth wäre kein Psychiater, er bräuchte einen!

„Warte, ich helfe dir.“ Doc gab einige Blätter Küchenkrepp an Kenneth weiter und nahm selber auch welche. So war die kleine Pfütze schnell aufgewischt und der Arzt füllte die Kanne neu. „Lass uns noch eine große Kanne für den Flug machen. Wir werden nicht ständig von den Stewardessen versorgt.“ Er sah wieder zu Kenneth und stellte eine zweite Tasse neben die erste. „Was ist los? Du bist vorhin fast geflüchtet. Hat unser Hausdämon irgendwas gemacht, was dich erschreckt hat?“

„Was? Gemacht?" Kenneth gab sich absichtlich unverständlich, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, nein. Nichts passiert", sagte er viel zu hastig und sein Puls ging hoch. Wo kamen jetzt nur die Bilder von diesem Rücken wieder her? Und dem Hintern? Den Beinen? Und das, was man dazwischen hatte sehen können? Verdammt noch mal, das war nicht normal. „War alles etwas viel die Tage", sagte er also, um abzulenken und hatte damit ja auch nicht ganz gelogen.

„Okay, das ist wohl wahr. Wenn was ist, ich hör zu.“ Doc bohrte nicht weiter, aber er hoffte, Kenneth hatte verstanden, dass er zu ihm kommen konnte, wenn er jemanden zum Reden brauchte. Doc setzte sich an den Tisch und zog ein Bein an. „In einer Stunde fahren wir los, wir müssen eher am Flughafen sein als die anderen beiden.“

„Ja, klar. Kein Problem. Meine Tasche nimmt Powaqa mit und ich muss mich nur umziehen, dann bin ich fertig. Geht schnell", versichte Kenneth und war froh darüber, ein anderes Thema anschlagen zu können. Er schämte sich vor sich selber. War er denn wirklich so notgeil? Gut, seine letzte flüchtige Beziehung lag ein paar Monate zurück, aber das war doch kein Grund, über einen Kerl wie Raven herfallen zu wollen. Müde strich sich Kenneth durch das Gesicht.

Wieder lag Doc die Frage auf der Zunge, was los war, aber er ließ es. Er nahm die Teetasse entgegen und pustete, damit der Tee schneller abkühlte. „Der Flug wird lang, also nimm dir etwas zum Lesen mit. Sonst wird es recht langweilig, aber nicht so langweilig wie für unseren Flattermann. Der darf sich nämlich nicht bewegen.“ Doc grinste, denn er fand, das war die richtige Strafe für Ravens Verhalten von vorhin.

„Hm." Kenneth nickte. Das war keine schlechte Idee. Wenn er las, kam er nicht auf die Idee, Raven anzusehen und sich vorzustellen, wie der wohl von vorn aussah.

Da!

Schon wieder!

Perverse Gedanken und zwar reichlich davon! Hoffentlich gab sich das wieder. So konnte man mit ihm doch nichts anfangen. Er war eine Gefahr für alle. Lieber widmete er sich ebenfalls seinem Tee, das war Ablenkung.



12


Sie schwiegen ein paar Minuten und jeder hing seinen Gedanken nach. So zuckte Kenneth ein wenig zusammen, als Doc seine Tasse auf den Tisch stellte und aufstand. „Wir sehen uns gleich im Labor, ich pack nur schnell das Nötigste zusammen. Machst du uns noch eine große Thermoskanne Tee? Du findest welche im Schrank neben dem Kühlschrank.“

„Ja, sicher." Kenneth nickte und sprang auf. Ein bisschen zu hektisch, aber ohne etwas umzureißen. Bei seinem gegenwärtigen Zustand ein kleines Wunder. Er musste das in den Griff bekommen, egal wie!

Am besten noch einmal duschen - kalt!

Eilig war der Tee gebrüht und schon schoss Kenneth durch die Flure zu seinem Zimmer. Doc tat ungefähr das Gleiche, nur war sein Wasser warm und er fühlte sich erfrischt, als er in die weißen Arztsachen schlüpfte. Hoffentlich ging alles gut. Sonst waren sie ziemlich am Arsch, denn bei illegal Einreisenden verstanden die Amerikaner keinen Spaß. „Wird schon schief gehen“, sprach er sich selbst Mut zu und ging zum Labor. Er sollte besser nach seinem Patienten sehen, ob alles in Ordnung war.

Eigentlich hatte er bereits Kenneth dort erwartet, doch sein Fahrer war noch nicht da. Der stromerte extra langsam durch den Flur, damit er nach Doc ankam und nicht mit Raven alleine war. So wirkte er ziemlich erleichtert, als er ins Labor kam, wo Doc gerade den Dämon nach dem Befinden befragte, ehe sie ihn dann in den Rettungswagen schieben wollten.

„Alles klar. Kümmert euch nicht weiter um mich, packt mich in den Wagen, damit es endlich losgeht“, knurrte Raven. Ihm ging dieses Herumliegen jetzt schon auf die Nerven, aber er sagte nichts. Sie mussten nach Amerika. Er war ein Krieger und führte Schlachten. Diese passive Rolle ging gegen sein Naturell. Um das auszuhalten, musste er zu einem Trick greifen. „Ich werde mich in eine Art Tiefschlaf versetzen, also nicht wundern, wenn ich nicht antworte“, erklärte er darum. „Wenn was ist, rüttelt mich wach.“

„Ja, verstanden." Doc rollte die Bahre zum Wagen und Kenneth half ihm, sie in den Laderaum zu schieben. „Du fährst, ich bleibe bei unserem Patienten", sagte Doc und Kenneth nickte heftig. Mit der Aufteilung war er zufrieden, denn so bekam er diese merkwürdigen Gedanken, die auch nach dem Duschen nicht verschwunden waren, wieder aus seinem Kopf. Jetzt kam es darauf an, dass er funktionierte und auch bei den Kontrollen nicht in Panik geriet. Da war in seinem Kopf kein Platz für andere Dinge.

Blade sah noch einmal nach ihnen und nickte, damit sie endlich aus der Garage auf die Straße konnten - mit Blaulicht und Sirene, wie sich das gehörte.

Doc setzte sich zu Raven, der vollkommen ruhig lag. So hatte der Arzt Zeit, sich ihren Neuzugang genauer anzusehen. Er wusste immer noch nicht, ob es ein Segen oder ein Fluch war, dass der Dämon zu ihnen gestoßen war.

Einerseits konnte er im Kampf ein großartiger Verbündeter sein, aber dazu mussten sie sich bedingungslos auf Raven verlassen können und das war noch nicht möglich und würde es vielleicht nie sein. Andererseits war er der Feind. Na ja, nicht ganz. Aber er war einer von ihnen und wie weit man einem Dämon trauen konnte, war immer ein Glücksspiel.

Genauso wie ihr Unterfangen jetzt.

Sie hatten zwar eine gefälschte Unfallgeschichte in die Datenbank des Krankenhauses geleitet und dafür gesorgt, dass alles vorbereitet war, doch sicher, ob es funktionierte, konnten sie erst sein, wenn sie in New York das Flugzeug verließen. Die unglaublich strengen Sicherheitsbestimmungen, um in die Vereinigten Staaten einreisen zu dürfen, machten es einem nicht leichter. Angst vor ein paar Irren, die ein paar Bomben zündelten, aber keinen Schimmer von der wahren Bedrohung, die sich stumm ausbreitete. Doc schüttelte den Kopf und strich sich über die Schläfen. „Hoffen wir, dass es gut geht. Ich weiß nicht, was sie mit uns anstellen, wenn wir auffliegen", murmelte er leise.

Er sollte besser nicht dran denken und hoffen, dass alles funktionierte, sonst wurde er nervös und brachte ihre Mission damit in Gefahr. Sein Blick glitt über die Monitore der Überwachungsgeräte und kontrollierte noch einmal die Anzeigen, aber alles war so, wie es sein sollte. Wie gelang es Raven nur, selbst im Tiefschlaf seine Lebensfunktionen zu kontrollieren? Diese Dämonen waren aus wissenschaftlicher Sicht sicher faszinierend, wenn man die Gelegenheit bekam, sie zu untersuchen. Allerdings hatte er des lieben Friedens Willen die Proben, die er genommen hatte, unter Ravens Aufsicht vernichtet.

„Kommt ihr gut durch? Geht alles klar?", fragte Blade über das obligatorisch verteilte Headset und Doc konnte nichts Gegenteiliges behaupten. Die Werte waren, wie er sie wollte, der Wagen kam gut durch den Verkehr. „Wenn nichts mehr dazwischen kommt, sind wir zum vereinbarten Zeitpunkt am Flughafen."

Sie hatten Glück und schafften es wirklich, pünktlich am Flughafen zu sein. Bisher hatte alles reibungslos funktioniert und jetzt kam es darauf an, dass ihre Papiere der Überprüfung standhielten. Doc atmete erleichtert auf, als sie alle benötigten Stempel bekamen und mit dem Wagen auf das Rollfeld fahren durften, damit die Bahre in das Flugzeug geladen werden konnte. Ein Techniker wies sie an, wie sie zu parken hatten und wo. Kenneth konnte nicht verleugnen, dass sein Puls am Limit pumpte. Nur gut, dass er an keinen Apparat angeschlossen war wie Raven.

Mit Lu war vereinbart, dass ein 'Hunter' den Wagen wieder abholte, denn Kenneth war als zweite Begleitperson für den Verletzten in die Papiere eingetragen worden.

„Oh Mann!", murmelte er leise, als er endlich auf seinem Platz neben der Bahre saß und etwas relaxen konnte. Auch ihm war klar, dass sie erst aufatmen konnten, wenn sie gelandet und unbehelligt aus dem Flughafengebäude gekommen waren. Doch das würde schon gut gehen - es musste. Vorerst konnten sie nichts weiter machen. Zumindest hatten sie mit ihren Papieren die erste Hürde genommen und das ließ hoffen, dass sie auch in Amerika keine Schwierigkeiten bekamen.

Sick wollte dafür sorgen.

„Puh“, machte Doc, als er sich neben Kenneth fallen ließ. „Wenn der Hitzkopf jetzt den Flug über ruhig bleibt und nichts abfackelt, dürfte alles klar gehen“, lachte er und zwinkerte Kenneth vergnügt zu.

„Bring ihn nicht auf dumme Gedanken", scherzte der zurück und grinste schief. In seiner Tasche wühlte er nach einem Buch, was er Blade aus dem Regal geklaut hatte. Mal davon abgesehen, dass es nicht so leicht gewesen war, einen Roman zu finden zwischen all den Nachschlagewerken und Strategie-Büchern. Kenneth schlug es auf, um sich abzulenken, denn kaum konnte er zur Ruhe kommen, kehrten die Bilder zurück.

Ein nackter Dämon.

Ungeniert, groß, einladend lecker.

„Ah!", knurrte Kenneth selber und zwang sich zum Lesen.

„Ach, das Streichholz schläft.“ Doc kicherte, warf aber doch lieber einen Blick auf Raven, man wusste bei dem ja nie. Als sich auf der Liege nichts regte, lehnte der Arzt sich wieder zurück und sah zu Kenneth. „Was liest du denn da?“ Er beugte sich hinüber und las sich den Titel durch. „Ah, hast du dir was bei Blade geliehen? Ist es gut?“

„Weiß nicht, ich habe mir das vorhin einfach gegriffen. Mal sehen." Kenneth klappte das Buch wieder zu und sah es sich an. Woran erkannte Doc denn bitteschön, dass er das Buch aus Blades Regal genommen hatte? Wenn man Kenneth gefragt hätte, hätte er behauptet, in dem Zimmer gäbe es überhaupt keine Romane. Also fing er an, den Klappentext zu lesen - und wurde plötzlich erst rot, dann blass und sah Doc fragend an.

„Nicht gut? Bei Blade wirst du nichts anderes finden, außer vielleicht Bedienungsanleitungen für alle möglichen Arten von Waffen.“ Der Arzt kicherte und stupste Kenneth an. „Tja, der große Krieger kann mit weiblichen Wesen so überhaupt nichts anfangen, genau wie du, oder? Zumindest nicht, was das zwischenmenschliche anbelangt.“

„Öh!" Kenneth wusste im ersten Augenblick nicht, was er sagen sollte und er brauchte keinen Spiegel, um zu wissen, wie dämlich er gerade aussah. „Äh- ja", sagte er zögerlich und sah wieder auf das Buch, dann auf Doc. „Ich hätte bei Blade vieles erwartet. Das nicht", musste er gestehen und grinste. Wie man sich in Menschen doch täuschen konnte. Langsam kam wieder Farbe in sein Gesicht und er holte einmal ganz tief Luft.

„Tja, unser Soldat hat so manche Überraschung auf Lager. Die einzige Frau in seinem Herzen ist Sparky und den Platz verteidigt sie sehr bissig.“ Nun musste Doc lachen und wuschelte Kenneth durch die Haare. „Keine Sorge, es stört niemanden bei uns. Jetzt guck nicht so verschreckt. Was du bevorzugst ist ganz allein deine Sache.“

„Hm", machte Kenneth und konnte nicht vermeiden, dass sein Blick wieder auf Raven fiel. Selbst durch die Verbände und unter dem Laken, wusste Kenneth ganz genau, was dort war. Zu gut hatte sich jedes noch so kleine Detail eingebrannt. „Bin nicht davon ausgegangen, dass es ein Problem ist. Ich war nur fasziniert von der Tatsache, dass ein... ist ja eigentlich auch egal. Ich merke nur gerade, dass ich euch, ohne euch zu kennen, in Schubladen gesteckt habe und gerade anfangen muss umzusortieren."

„Mich lass bitte in der Frauenliebhaberschublade, mit den anderen mach, was du willst“, lachte Doc und angelte nach der Thermoskanne mit dem Tee. Jetzt, wo der erste Stress vorbei war, brauchte er etwas zu trinken und auch wenn er kein Engländer war, so liebte er Tee mindestens genauso wie diese. „Du auch?“

„Ja, warum nicht." Nickend ließ sich Kenneth eine Tasse voll Tee reichen und drehte sie erst einmal in den klammen Händen. Ihm war nicht kalt, aber die Aufregung hatte seine Hände kalt und feucht werden lassen. Ein unangenehmes Gefühl. Sein Blick ging zum Fenster, wo er sehen konnte, wie nach und nach die Vorbereitungen liefen, um die Passagiere an Bord zu lassen. Da fiepste es leise und ein Schatten verschwand unter der Bahre. Sparky hatte also ihren Weg gefunden - wie sie das nur gemacht hatte?

„Schlaues, kleines Biest“, knurrte Doc, der ja bekanntlich nicht Sparkys Freund war, aber doch anerkennen musste, dass die Ratte sich wirklich immer durchwuschelte und oft auch nützlich war. Wenn sie eine Mission hatte, war absolut auf sie Verlass. Darum ging Doc auch zur Liege und gab ihr ein Stück Gurke, die Blade ihm für seine kleine Lady zur Belohnung mitgegeben hatte. Die hatte sie sich schließlich wirklich verdient.

„Ja, clever ist sie tatsächlich. Man muss sie einfach lieben", lachte Kenneth und hätte Sparky gern gestreichelt. Doch da Tiere an Bord nicht gern gesehen waren, schon gar nicht von der Sorte und frei laufend, beließ er die Süße, wo sie war. Sie wusste selbst am besten, was zu tun war. „Boarding geht los", teilte Kenneth mit, der wieder aus dem Fenster starrte, das Buch noch in der Hand.

„Na, dann geht’s ja bald los. Trink aus, nachher kommen die Stewardessen vorbei und kontrollieren, ob alles in Ordnung ist und dann sollten wir angeschnallt sein.“ Doc kannte das schon, da er vor Jahren, als er noch für ein Krankenhaus gearbeitet hatte, öfter solche Überführungen begleitet hatte. „Danach sind wir so ziemlich unter uns.“

„Na ja, solange sie noch was zu essen raus rücken", murmelte Kenneth, denn dank der erklärenden Worte von Raven über sein Blut und die Dämonen-DNA und den eskalierenden Streit hinterher hatte er kaum etwas gegessen. Das rächte sich jetzt. Sein Magen fing an zu knurren. Also nahm er sich endlich das Buch und fing an zu lesen. Vielleicht verging dann die Zeit schneller.

„Werden sie schon, aber ich habe vorgesorgt. Wir haben Sandwichs rattensicher verpackt.“ Doc klopfte sich auf die Schulter und grinste. Er war schon schlau, denn auf Flügen bekam er immer Hunger und das, was gereicht wurde, füllte doch nur den hohlen Zahn und Hunger war etwas, was der Arzt überhaupt nicht haben konnte. Und auch niemand in seinem Umfeld wünschte sich, dass er hungerte, denn dann war er unausstehlich. Das konnten sie im Augenblick wirklich nicht gebrauchen.

So gingen es beide etwas entspannter an und als das Flugzeug endlich gestartet war und Höhe erreicht hatte, kam die Stewardess nach ihnen sehen. Sie hörte sich die Wünsche an und brachte beiden eine Kleinigkeit nach hinten, erkundigte sich nach dem Patienten, dann waren sie wieder allein.

Um den Schein zu wahren, ging Doc immer wieder zu Raven hinüber, prüfte dessen Vitalwerte und trug alles gewissenhaft ein, so dass niemand diesen von einem wirklichen Krankentransport unterscheiden konnte. Sie konnten es sich nicht erlauben, dass vielleicht eine der Stewardessen bei einer Befragung das Falsche aussagte.

So verging der Flug relativ eintönig und langweilig, weil sie beide auch nicht schlafen konnten. Doc kümmerte sich um den Patienten und Kenneth las. Er verschlang das Buch geradezu, auch wenn er ab und an ein bisschen rot wurde. Nicht dass es seinem sowieso schon angespannten Hormonhaushalt gut getan hätte, delikate Einzelheiten zu lesen, doch er konnte auch nicht aufhören. Das Buch war spannend geschrieben und so fraß er die Seiten. Er musste unbedingt in Blades Regal suchen, ob der noch mehr von dieser Sorte hatte.

Darum erschreckte er sich, als Doc mit dem Finger gegen den Einband schnickte. Doc langweilte sich und wollte sich mit Kenneth unterhalten. Nur hatte der bisher überhaupt nicht auf seine Versuche reagiert, auf sich aufmerksam zu machen. Er hatte gehüstelt, sich geräuspert, aber nichts hatte geholfen. Nun musste er etwas anderes versuchen, auch wenn er nicht sofort vom Glück gezeichnet war. Er brauchte noch drei Versuche, bis Kenneth begriff, dass nicht seine Augen flimmerten, sondern sich das Buch bewegte und so sah er auf. „Ist was?", wollte er wissen und hatte schon wieder die Nase im Buch vergraben. Es war doch gerade so spannend!

„Och Mensch, mir ist langweilig“, maulte Doc. Langeweile war bei ihm fast so schlimm wie Hunger. „Die Fackel ist stumm wie ein Fisch und du ignorierst mich auch vollkommen. Das ist nicht nett.“ Doc machte ein leidendes Gesicht und sah Kenneth mit großen Augen an. „Bespaß mich“, bettelte er.

„Ich denk, du stehst auf Frauen", war das erste, was Kenneth sagte, noch ehe er richtig darüber nachgedacht hatte, doch dann lief er wieder rot an, schob sich die Brille weiter auf die Nase und ließ den Pony weit ins Gesicht fallen. „Schon gut, vergiss es. Was willst du machen?", murmelte er leise. Er hatte sich wohl zu sehr in seinem Buch verloren. Mann, war das peinlich!

Erst kicherte Doc nur leise, aber schließlich prustete er los, hielt sich aber gleich die Hand vor den Mund, damit die Stewardessen ihn nicht hörten. „Du bist mir ja einer.“ Er musste Kenneth einfach ärgern, denn die roten Schatten auf dessen Gesicht waren göttlich. „Eigentlich wollte ich mich nur unterhalten, aber wenn du es schon anbietest, zeig mir, warum ich Männer an mich ran lassen sollte.“

„Blödmann", knurrte Kenneth. Man musste kein Abitur haben, um zu merken, dass er gerade extrem verschaukelt wurde. „Du reißt mich aus meinem Buch und sagst so einen Satz. Da habe ich eben die Assoziationen falsch gesetzt", versuchte er sich zu erklären, doch Docs Erheiterung tat das keinen Abbruch. „Also, was willst du machen? Farbenraten spielen?"

„Ey, ich will mich nicht psychologisch untersuchen lassen, sondern mich nicht mehr langweilen. Du bist hier nicht in deiner Praxis und ich befürchte, wenn du mich erst einmal auf deiner Couch hast, komme ich nicht so schnell wieder runter.“ Docs Lächeln wirkte ein wenig gequält, denn über solche Dinge wollte er dann doch nicht reden. „Ein wenig Smalltalk würde mir schon reichen.“

„Okay." Kenneth nickte und klappte das Buch zu. Er war ja kein Unmensch. Er setzte sich etwas bequemer, nahm sich noch eines der Sandwichs, welche die Stewardess gebracht hatte und sah Doc herausfordernd an. „Willst du was loswerden? Oder einfach nur so? Fang an, ich höre zu und gebe Replik", sagte Kenneth. Er war auch etwas unsicher, weil er nicht wusste, ob Doc das Gespräch aus der Küche beginnen wollte, was Kenneth abgewürgt hatte oder wirklich nur ein bisschen Zeit totschlagen.

„Nein, loswerden will ich eigentlich nichts. Aber ich fände es nicht schlecht, dich näher kennen zu lernen.“ Doc sah noch einmal zu den Überwachungsmonitoren, aber dort war alles wie es sein sollte, also wandte er sich wieder Kenneth zu. „Ich denke nämlich, dass sich unsere Wege so schnell nicht wieder trennen werden und ich bin einfach neugierig. Du kannst auch ruhig fragen, wenn du etwas wissen möchtest.“

Kenneth blies die Backen auf, das kam jetzt etwas überraschend. Eigentlich erzählte er selten über sich und wusste nicht, wo er anfangen sollte. „Ich bin studierter Psychologe und 35 Jahre. Aber da erzähle ich dir wohl nichts Neues? Ich weiß doch auch nicht, was dich interessieren könnte?" Kenneth wirkte etwas unbeholfen und sank in sich zusammen. „Dass ich schwul bin, weißt du und ich bin nicht liiert. Tja, was noch?"

„Hey, Ken, das ist kein Verhör.“ Doc stupste Kenneth an und lächelte. Er wollte sich einfach nur ein wenig ablenken und das sagte er auch. Zwischen ihnen entstand ein lockeres Gespräch, das von einem Thema zum anderen wechselte und so konnten sie sich gegenseitig kennen lernen, genau so, wie Doc sich das erhofft hatte und außerdem verging die Zeit beachtlich schnell.

Kenneth guckte nicht schlecht, als die Zeichen zum Anschnallen kamen und tatsächlich war unter ihnen Land zu erkennen. Sein Blick ging zu Raven, doch der lag wie er lag, seine Werte gingen einmal regelmäßig, einmal unregelmäßig, damit Doc aufsprang. Gerade so, als wollte der Dämon sie daran erinnern, dass sie den Schein wahren sollten und sich nicht verquatschen. Ob er zugehört hatte? Möglich war bei Raven alles, aber eigentlich war es auch egal. Sie hatten über nichts gesprochen, was der Dämon nicht wissen durfte.

„Jetzt kommt es darauf an“, murmelte Doc und schielte unter die Bahre, ob auch Sparky gut verborgen war. Sie sollte bei ihnen bleiben, bis sie sich alle wieder trafen. Der Arzt schnallte sich gerade an, als die Stewardess kam, um das Geschirr abzuräumen und nach dem Rechten zu sehen. Ihr Blick ging mit einer mitleidigen Miene zu dem Patienten, doch dann lächelte sie, prüfte noch einmal die Verriegelung der Bahre, damit Raven nichts passieren konnte, dann ging auch sie, um sich anzuschnallen und auf die Landung vorzubereiten.

Wie abgesprochen hatte Sick die Hunter-Zelle in New York darum gebeten, mit einem Rettungswagen vorzufahren. Die Papiere hatte der Hunter gemailt bekommen und ausgedruckt und weil der Wagen auf das Rollfeld kam, als die Maschine angedockt hatte, ging Kenneth schweigend davon aus, dass es keine größeren Probleme gegeben hatte.

„Perfekt“, murmelte Doc nach dem Blick aus dem Fenster. Er wartete nur so lange, bis das Flugzeug gelandet war, dann machte er sich los und ging zu Raven hinüber, wie es bei einem richtigen Patienten auch gewesen wäre. Jetzt nur nichts falsch machen und auffallen. Die Amerikaner waren nicht zimperlich, wenn sie etwas Illegales witterten, aber sie schienen weiterhin Glück zu haben.

Nach Prüfung aller Papiere konnten sie Raven in den bereitgestellten Krankentransporter laden. Doc kannte den Mann nicht, der mit anpackte, doch der Scanner an seinem Handgelenk, der lautlos anschlug, als der Mann in den weißen Klamotten ihm nahe kam, ließ ihn wissen, dass er einer von ihnen war.