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Vampirzwillinge - Teil 1 bis 4

1.Kapitel - Discobesuch

„Marc! Nun komm schon... sag ja! Bitte...“

Mein bester Freund packte mich an meiner Jacke und schüttelte mich durch, als könne er so meine Zustimmung erzwingen. Genervt befreite ich mich aus seinem Griff.

„Man, Rick, warum willst du mich heute unbedingt in diese neue Disco schleppen? Ich hatte dir schon letztens gesagt das mich so etwas nicht interessiert...“

„Aber Marc, du kannst doch nicht die ganze Zeit nur zu Hause hocken. Junge Menschen wie wir sollten sich amüsieren. Wann warst du denn letztes Mal aus?“

Ui, da hatte er mich erwischt.
„Hm, keine Ahnung aber...“
„Nichts aber!“, unterbrach mich Rick: „ich hol dich um 20 Uhr ab. Bis dahin hast du dich discofertig angezogen und keine Ausreden!“

Er schnappte sich seine Jacke und verschwand aus der Haustür bevor ich überhaupt Widerworte geben konnte.

Na toll, jetzt musste ich mich auch noch darauf vorbereiten. Denn so wie ich ihn kenne lässt Rick nie Ausflüchte gelten.
Wirklich, ich hatte es mal ausprobiert. No Chance...

Dabei meinte er es aber nur gut mit mir. Nach seinem Geschmack bin ich viel zu oft allein und er meinte, auf Dauer könnte das doch nur Schaden.

Keine Ahnung ob er Recht hatte. Schließlich war ich es gewohnt allein zu sein. Und das war ich ständig, bevor ich Rick kennen lernte. Durch ihn lernte ich auch andere Menschen meinem Alters kennen.

Okay, ich geb’s zu.

Es ist ein schönes Gefühl, mit anderen Menschen zusammen zu sein, statt im Wohnzimmer vor dem Computer rum zu hocken.

Und dann kam die Steigerung. Rick fing vor 2 Wochen an darüber zu reden mich mal in eine Disco mit zu nehmen. An sich ja nichts weltbewegendes. Aber wenn man so viele Leute nicht gewohnt war, kann es schon unangenehm sein, glaube ich. Von allen Seiten von schwitzenden Leibern eingeschlossen, die laute Musik und die Hitze...

Stopp! Jetzt stellte ich es mir schon schlimmer vor als es wohl in Wahrheit ist.
Aber wie gesagt, ich hatte wohl keine andere Wahl als mitzumachen.

Als ich auf meine Armbanduhr sah, war es schon 19.10 Uhr. Es war wohl Zeit mein Outfit raus zu suchen.

Meine Wohnung war nicht besonders groß. Ein Schlaf-, Wohn-, Bad-, und Esszimmer. Vier Zimmer klingt nach wenig aber dafür sind die Zimmer schön, gemütlich und preiswert.

Ich ging in mein Schlafzimmer und steuerte direkt meinen dunkelbraunen Kleiderschrank an.
Trotz meiner zurückgezogene Lebensweise war der Schrank bis oben hin voll. Was nur zeigte, wie anstrengend eine Shoppingtour mit Rick war... Ja, auch Männer müssen mal einkaufen.

Ich wühlte in den ganzen Sachen und zog anschließend eine schwarze, enge Jeans mit Schlitzen in den Hosenbeinen und ein ärmelloses schwarz-weißes T-Shirt heraus.

Zufrieden mit der Wahl schmiss ich alles auf mein Bett, dann beugte ich mich über mein Nachttisch und öffnete die Schublade. Ein dunkelblaues, klitzerndes Halsband wurde sichtbar, was ich auch mit aufs Bett legte.

Als ich alles zusammen hatte, zog ich mich aus und ging duschen. Dabei rieb ich mich mit Shampoo ein, das köstlich nach Kirschen roch.
Frisch geduscht zog ich die neuen Sachen an und war bald ausgehfertig.

Es war jetzt kurz vor 20 Uhr und Rick müsste bald an der Tür stehen.
Jetzt erst kroch langsam Nervosität in mir hoch.
Wie würde es wohl in der Disco sein? Ich hatte schließlich keine Ahnung wie es in einer Schwulen-Disco aussah... Und ja: ich bin schwul!

Endlich klingelte es an der Tür und ich sprang schnell von meinen Sessel, ging zu selbiger und öffnete sie.

„Na, Marc. Bist du soweit? Können wir los?“, fragte Rick und musterte mich.
Grinsend meinte er: “Schlecht siehst du schon mal nicht aus. Wärst du mein Typ wäre ich nicht abgeneigt mit dir ins Bett zu steigen.“

„Idiot!“, sagte ich nur und blickte ihn nun meinerseits an.
Ricks lange Beine steckten in einer Lederhose und seine Bauchmuskeln wurden durch das Muskelshirt betont. Seine kurzen braune Haaren waren zu Stacheln aufgegeelt, wobei ich schwarze Strähnchen entdeckte.
Alles in Schwarz.

„Du siehst auch nicht schlecht aus, aber sag mal warum sollte ich unbedingt nur schwarze Sachen anziehen?“
„Weil von der Disco das Motto *Sonnenfinsternis* ist. Eh du fragst, ich war selbst noch nicht drin. Ist auch erst vor sieben Tagen neu eröffnet wurden und ein Freund von mir meinte, es wäre der Hammer dort. Und keine Sorge, wenn dir jemand zu nahe tretet werde ich mit ihm mal an die frische Luft gehen und...“

Ich hörte ihm nicht mehr zu, während wir zu seinem Wagen gingen und einstiegen. Wenn Rick mal ein Thema gefunden hatte, konnte er auch stundenlang davon erzählen ohne Luft zu holen.

Wir fuhren wohl so eine halbe Stunde als wir wieder hielten. Ich stieg aus und sah mir kritisch das herunter gekommene Gebäude an, das außerhalb der Stadt auf einsamen Geländer stand. Es war still.
„Sind wir hier richtig?“, fragte ich Rick zweifelnd.
Er lachte: „Lass dich nicht von dem Äußeren täuschen, Marc.“

Er öffnete die Eingangstür und wir gingen hinein. Sofort schlug uns laute Musik entgegen und ich hätte wohl schreien müssen, wenn ich Rick was sagen wollte.
Viele junge Menschen drängten auf der Tanzfläche, auf der ich mich plötzlich wieder fand. Es waren ausschließlich Männer die ich sah, oh ein Wunder.
Ich sah wie mein Freund schon anfing die Jungen in seiner Nähe zu beobachten um jemanden zum tanzen auszusuchen.

Als er kurz zu mir blickte, zeigte ich erst mit dem Fingern auf mich und dann auf die dunklen Nischen außerhalb der Tanzfläche. Mir wurde nämlich das Gedränge langsam zuviel und wollte mich deshalb in einer ruhigen Ecke, eine Etage weiter oben, wie ich sah, zurückziehen und erst mal alles beobachten.
Rick nickte. Er hatte verstanden.

Schnell drängte ich mich durch die Menge und schob mich durch die jungen Männer. Manche zwinkernden mir zu oder sprachen mich an. Ich tat aber so als hätte ich nichts mit bekommen, lief weiter und dann eine Treppe hoch.

Erleichtert erreichte ich eine leere, kleine, dunkle Sitzecke und ließ mich nieder. Ich bestellte mir von einer Frau mit knappen Rock eine Cola-Wodka, lehnte mich zurück und sah mich um.

Rick hatte recht gehabt, der Laden hier war nicht schlecht. Ich war zwar noch in keiner anderen gewesen, aber der Raum war groß.
Wer tanzen wollte, konnte auf die Tanzfläche und hier in den Nischen war es gemütlich und angenehm kühl. Gut fand ich, das die Musik nur gedämpft hier oben an kam.

Ich versuchte in den anderen Nischen zu spähen und als ich eng verschlungene Leiber erahnte, schaute ich schnell wieder weg. Meine Wangen färbten sich rot und ich versteckte mich schnell hinter meiner Cola-Wodka.

Hm, ich hatte zwar gesagt das ich schwul bin, aber hatte in diesen Dingen noch überhaupt keine Erfahrungen. Ich hatte nur gemerkt das ich mit Frauen nichts anfangen konnte und Rick meinte nur dazu, das ich mich doch bei dem eigenen Geschlecht mal um sehen sollte.
Anfangs zeigte ich ihm einen Vogel. Ich und schwul...? Nie im Leben!
Aber dann beobachte ich doch, gegen meinen Willen, Männer, die ich während meiner Besorgungen z.B. beim Einkaufen begegnete.

Und wirklich etwas regte sich in mir. Nicht das, was wohl manche jetzt dachten! Ich meinte damit Interesse.
Als ich den Mut fand und Rick dies beichtete, meinte er nur: „Cool, dann sind wir schon mal zu zweit.“
Und schon kurz danach kam er mit der Schwulen-Disco an.

So in Gedanken, merkte ich nicht wie sich jemand mir gegenüber hinsetzte. Ich schrak erst auf als sich dieser jemand räusperte und hob meinen Blick.
Ich sah in ein gutgeschnittenes Gesicht mit schwarzen Augen.
Schwarze Augen?

Man der ging wohl voll mit dem Motto *Sonnenfinsternis*, dass er sich sogar schwarze Kontaktlinsen einsetzen ließ.
Ich ließ mein Blick weiter wandern. Lange, glatte Haare vielen bis zu dessen Hüfte. Gebändigt von einem Haarband. Er trug ein langärmeliges Oberteil auf dem ein Totenkopf abgebildet war und eine Hose mit Stiefeln. Erübrigt sich zu erwähnen das alles schwarz gehalten war, oder?

Lächelnd ließ er meine Musterung zu, bevor er fragte: „Gefällt dir was du siehst?“
Sofort lief ich rot an und das Lächeln wurde zum Grinsen.
Ich fing an zu stottern: „Ich... ich wollte nicht so starren.“
„Ach Kleiner, für sowas musst du dich nicht gleich schämen.“, sagte er amüsiert.
Sofort war mein Kampfgeist wieder da.
„Ich bin nicht klein! Und wer bist du überhaupt das du dich ohne zu fragen einfach zu mir setzt?“

Kurz sah er mich an, dann stand er auf.
„Hallo, hast du was dagegen wenn ich mich zu dir hin setze?“, fragte er als wäre er gerade erst angekommen.
Ich konnte nur verdattert mit dem Kopf schütteln.
Der junge Mann nahm es einfach als Antwort auf seine Frage und nahm Platz.

Jetzt hatte er wieder ein Grinsen drauf und ich war immer noch sprachlos.
Plötzlich lachte er los und mir wurde bewusst wie irritiert ich wohl im Moment aussehen musste. Langsam wurde ich wütend.

Ich wollte was sagen aber da kam er mir zuvor: „Entschuldigung, ich wollte dich nicht so verwirren. Ich sah dich nur so allein hier rum sitzen und wollte mal sehen ob du Gesellschaft brauchst.“, sagte er im sanften Ton und ich vergaß sofort meine Wut.
„Ähm... ja danke. Ich war wohl nur so überrascht plötzlich jemanden vor mir zu haben.“
„Kein Problem. Übrigens mein Name ist Samir und deiner?“
„Ich heiße Marc und bin eigentlich mit meinen Freund Rick hier, aber er flirtet wohl im Moment mit jemanden.“
„Und was ist mit dir? Warum suchst du dir niemanden?“, fragte er mich.
„Nun...“, ich blickte an ihm vorbei, denn seine klaren schwarzen Augen bohrten sich tief in meine.
Irgendwie war mir das unangenehm.
„Nun, eigentlich wollte ich mich erst mal umgucken, da ich zum ersten mal hier bin.“

„Hm, meinst du, du wärst zum ersten mal hier in dieser Disco oder meinst du, du bist zum ersten mal in einem homosexuellen Laden?“
Überrascht sah ich wieder in seine Augen und gegen meinen Willen rutschte die Antwort heraus: „Zum ersten mal in einer Schwulen-Disco...“

Entspannt lehnte sich Samir zurück, wobei er mich unverwandt ansah. Irgendwie erinnerte mich sein Blick an Raubtieraugen.
Unwirsch warf ich den Gedanken weg und konzentrierte mich auf das Gespräch. Samir lächelte wieder, als hätte er etwas gehört was ihm amüsierte.

„Irgendwann ist immer das erste mal. Sag mal, hast schon einen Freund oder schon mal einen gehabt?“
„Nein, ich habe und hatte noch keinen Freund. Ich wüsste auch nicht was es dich angehe!“, langsam gingen mir die Fragen doch auf die Nerven.
Entwaffnend hob er seine Hände.
„Sorry, wenn ich jetzt zu aufdringlich war.“, entschuldigte er sich sogleich.

Samir winkte der Disco-Kellnerin und bestellte für mich noch einen Cola-Wodka. Kurz sah ich auf meinen, der schon ausgetrunken war ohne das ich es bemerkte.
Lächelnd drehte er sich wieder zu mir um und winkte ab als ich bezahlen wollte.
„Geht auf meine Kosten.“, meinte er nur.
„Ähm... danke.“, und nahm einen kleinen Schluck.

Er beobachtete mich dabei, wobei man ihm deutlich ansah das er über etwas nach dachte. Plötzlich erhob er sich, ging paar Schritte und setzte sich dicht neben mich.
Überrascht verschluckte ich mich an den Alkohol und musste husten. Beruhigend klopfte er mir auf den Rücken und half mir somit wieder zum Atem zu kommen. Es brannte etwas in meiner Kehle.
Endlich schaffte ich es zu fragen: „Was wird denn das?“

Samir sah mich nur seltsam an und fragte nun seinerseits: „Würdest du gerne mal wissen, wie sich ein Kuss von einem anderen Mann anfühlt?“
Für dem ersten Moment sah ich ihn sprachlos an.
Einen zweiten Moment bekam ich nicht.

Aufeinmal war sein Gesicht sehr nah an meins und ich wusste nicht wie ich reagieren sollte.
Es zu lassen? Ihn weg schupsen? Zuschlagen?

Doch dann spürte ich seinen Mund auf meinem.
Ich nahm seine warmen Lippen wahr, wie sie sich mit sanften Druck gegen meine pressten.
Es war ein aufregendes Gefühl.
Plötzlich spürte ich wie sich mein Gegenüber versteifte und sich mit einer schnellen Bewegung von mir löste.
Er drehte sich um und spähte zum Eingangbereich. Ich war noch zu benommen von dem Kuss und bekam somit die Spannung in der Luft nicht mit, denn mir wurde gerade bewusst was passiert war.

„Hey, was sollte das denn? Wenn du das noch einmal machst, dann...“
Ich verstummte erschrocken als Samir sich mir zuwand. Seine Augen schienen zu glühen und ein gefährliches Flackern war zu erkennen.
Ich wusste nicht wie er es machte, aber von einen Moment zur anderen stand er wieder dicht vor mir und ich prallte vor Überraschung zurück und knallte dabei mit meinem Kopf an die Wand hinter mir.

„Wir werden uns wiedersehen!“, flüsterte er mir ins Ohr, wobei es mehr nach einer Drohung als Versprechen klang.
Ich spürte wie sich bei mir eine Gänsehaut bildete. Ich wollte was sagen, aber plötzlich konnte ich ihn nicht mehr sehen. Irritiert blinzelte ich und blickte mich um.
Ich konnte gerade noch erkennen wie Samir sich, elegant wie eine Raubkatze, durch die Menschenmenge bewegte, in Richtung Hinterausgang.

Ein Aufruhr im Eingangsbereich lenkte mich ab. Ein grauhaariger Mann, vielleicht Mitte 50. Lebensjahr, drängte sich unsanft durch die Menge. Die jungen Menschen, die weg gerempelt wurden, protestierten laut und bewarfen den Mann mit Schimpfwörter.
Kurz blieb der Grauhaarige stehen und schaute umher. Und ich war mir sicher das seine Augen vor Zorn blitzen als sein Blick am Hinterhausgang hängen blieb.

Als ich selbst in die Richtung blickte, sah ich wie Samir dem Mann einen spöttischen Handwink schenkte und dann aus dem Club verschwand.
Der Grauhaarige schrie vor Wut und versuchte nun noch schneller den Hinterausgang zu erreichen, aber die Discobesucher stellten sich ihn im Weg und ich glaubte nicht das er ganz ungeschoren raus kam.
Verwirrt hatte ich das zugesehen.
„Was geht hier vor?“, flüsterte ich.


2.Kapitel
Der Tag danach

Verschlafen lag ich im Bett. Es musste wohl schon auf die Mittagszeit zugehen, aber ich war im Moment zu faul um aufzustehen.

Rückblick

Gestern in der Disco wollte ich nicht mehr länger bleiben, obwohl dann in dem Eingangsbereich wirklich eine Prügelei entstand.
Ich hatte Rick gesucht und überredete ihn zu verschwinden. Erst war er gar nicht erfreut, da er sich gerade mit einem Braunhaarigen unterhielt, aber als wir draußen waren hörten wir Polizeisirenen, die schnell näher kam. Es hatte wohl jemand die 110 angerufen, weil durch die Prügelei auch die Einrichtung mit dran glauben musste.
Nun wir wollten nicht gerade die ganze Nacht hier fest sitzen, weshalb auch Rick sich nun beeilte. Eine Stunde später ließ ich mich geschafft auf mein Bett fallen und schlief sofort ein.

Rückblick zuende

Unruhig wälzte ich mich im Bett herum, als die Sonne mein Fenster erreichte und mir voll ins Gesicht schien. Resigniert stand ich müde auf, machte mich im Badezimmer frisch und zog mich an.
Immer wieder musste ich an Samir und an den komischen grauhaarigen Mann denken. Warum war er so wütend und was wollte er von ihm?
Ich war mir sicher das er gezielt nach dem Jüngeren gesucht hatte. Aber was gingen mich schon Angelegenheiten von Fremden an?
„Wir werden uns wiedersehen!“
Ich schnaubte, als ob er das so bestimmen konnte. Und ich dachte nicht, dass das so einfach wäre. Schließlich war das hier eine Millionenstadt!
Es war ein kurzes kennen lernen, mehr nicht und ich sollte Samir einfach vergessen.
Und genau so machte ich es auch!

Langsam schlurfte ich ins Esszimmer und schaufelte etwas Pulver in die Kaffeemaschine. Mir genauso viel Zeit lassend, schob ich zwei gefrorene Brötchen in den Backofen und ließ sie warm werden.
Da diese Dinge etwas Zeit brauchten, schnappte ich mir meine Schuhe und verließ die Wohnung. Ein Stück den Treppenflur hinunter und ich stand vor den Briefkästen. Ich schloss meinen auf und wie erwartet lag die morgendliche Zeitung darin. Pfeifend nahm ich sie mir und ging zurück in meine Wohnung.

Zufrieden nahm ich die nun heiße Brötchen aus dem Ofen und legte sie auf einem Teller, neben dem Aufstrich. Auch der Kaffee war soweit. Während ich mein Frühstück genoss, schaltete ich das Radio an. Ich hatte gerade die Nachrichten erwischt und lauschte eher uninteressiert.

„Und nun eine wichtige Nachricht, wobei die Polizei dringend dazu aufruft das sich Zeugen melden. Gestern Abend wurde aufgrund einer Prügelei in der Disco, nahe östlicher Stadtrand, die Polizei herbestellt.
Erfolgreich wurde der Aufruhr beendet und man suchte auch außerhalb der Disco vorsichtshalber nach Streitenden. Doch als der, in der Nähe, liegende Park durchsucht wurde, machte man eine grausame Entdeckung.
Zwei Leichen lagen im Zentrum des Stadtparks. Beide sind auf ungewöhnlichem Weg umgebracht wurden. Dem beiden Opfern wurde ein silberner Pfahl durch das Herz gestoßen. Man vermutet den Todeszeitpunkt um 21 Uhr herum. Mehr Informationen gibt die Polizei nicht heraus, da man sonst befürchtet die Ermittlungen könnten behindert werden.
Ich wiederhole, man sucht dringend nach Zeugen und...“

Mitten im Satz schaltete ich das Radio aus. Ich war kreidebleich und hatte ein komisches Gefühl im Magen. Den Rest vom Frühstück rührte ich nicht mehr an. Ermordet?!
Und auch noch dort wo ich erst gestern war?
Wie leicht hätten Rick oder ich die Opfer sein können.
Bei der Vorstellung wurde mir schlecht. Schnell sprintete ich in den Flur und schnappte mir von der Kommode, wo das Telefon lag, den Hörer und wählte Ricks Nummer.

„Rick Morgan.“, erklang es schleppend am anderen Ende der Leitung.
„Rick, werd wach!“, brüllte ich und es klang als würde Rick aus dem Bett fallen. Zumindest dem Krach nach zu urteilen, der an mein Ohr drang.
„Verdammt, was ist denn los? Brennt es irgendwo?“
„Nein, aber zwei Menschen wurden ermordet.“
„Was? Wo?“
„In der Disco. Gestern wo wir dort waren. Ich habe es gerade in den Nachrichten gehört und was wenn es uns erwischt hätte. Was wenn...“
„Ganz ruhig, Kumpel.“, unterbrach mich Rick.
„Wir müssen das in Ruhe besprechen. Komm zu mir. Bis du hier bist werde ich mich erst mal anziehen. Ist das in Ordnung, Marc?“
„Ja, ich glaub schon. Aber Rick da wurden welche ermordet!“
„Nun beruhigt dich erst mal und komme dann rüber.“, sagte Rick und legte auf.

Geschafft ließ ich den Hörer sinken und setzte mich auf einen Sessel, der im Flur neben der Kommode stand. Nur langsam konnte ich mich beruhigen.
Jetzt schämte ich mich doch etwas für meine Überreaktion. Es ist ja schließlich nicht der erste Mord von dem ich hörte. Aber der Gedanke, das wir gestern vielleicht dem Mörder nahe waren, da man zum Parkplatz an dem Stadtpark vorbei laufen musste, versetzte mich schon etwas in Panik.

Nun etwas zum Atem gekommen, zog ich mir eine leichte Jacke an und verließ die Wohnung. Rick hatte seine Wohnung nur ein paar Straßen weiter unten. Es war angenehm ruhig und es herrschte kaum Verkehr.
Nun es war auch Sonntag.

Endlich kam das Miethaus in Sicht und ich drückte auf einem Knopf mit Ricks Namen darüber. Es summte und ich konnte die Haustür aufstoßen. Zwei Treppen weiter oben und rechts dem Flur rum, lehnte Rick im Türrahmen und blickte mir entgegen. Noch immer trug er die Frisur von gestern,
sah aber durch die Nacht im Bett reichlich platt gedrückt aus.

„Komm rein, ich habe gerade Kaffee aufgesetzt.“, sagte er und ließ mich durch, damit er die Tür schließen konnte.
Ich ging geradewegs in die Küche. Kaffee klang nicht schlecht, denn meinen eigenen hatte ich ganz vergessen. Ich hörte, dass das Radio eingeschalten war. „Haben sie es noch mal gebracht?“, fragte ich Rick, der mir gefolgt war und nun mir eine Tasse mit dampfender Flüssigkeit reichte.
„Ja, ich glaube es kommt alle 20 Minuten. Die Polizei sucht ziemlich dringend nach Zeugen.“
Er seufzte: „Es geschehen ja mal Morde wie Totschlag. Aber was die Polizei aufregt ist ja das es ziemlich ungewöhnliche Morde waren. Ich denke, sie fürchten das jetzt ein Ritualmörder sein Unwesen treibt.“

Ich schauderte: „Entschuldigung, wegen vorhin. Ich war wohl etwas in Panik geraten.“, ich lächelte unglücklich.
Rick sah mir in die Augen.
„Schon okay. Ich musste auch selbst daran denken, was hätte passieren können wenn wir dem Mörder in den Armen gelaufen wären.“

Ich nahm einen großen Schluck von dem Kaffee. Stark und heiß war er... wunderbar.
„Hm, wie wäre es wenn wir für die nächsten Discobesuche mehr im Stadtinneren bleiben.“
Rick lachte und klopfte mir auf die Schulter: „Ich fürchtete schon, das du gar nicht mehr raus kommst nach dem Erlebnis.“
Jetzt musste ich auch grinsen. „Nun deswegen meine Bedingung. Nein wirklich, mir hatte es trotz allem gestern gefallen.“
Seine Augen blitzten: „Ah, hast du jemanden kennen gelernt?“ „Eher nicht. Wir haben geredet oder eher er hatte mich ausgefragt, was ich hier so mache und...“, ich wurde rot, „... wie viel ich Erfahrung hätte.“
Wieder lachte Rick. „Oh, da war wohl wirklich jemand interessiert.“
„Er hat mich geküsst.“, sagte ich leise.
„Und wie war es?“
„Hm, aufregend und verwirrend. Es kam ja auch so plötzlich.“
„Seht ihr euch wieder?“, wurde ich gefragt.
Ich schüttelte den Kopf: „Eher nicht. Er hatte es plötzlich eilig und verschwand. Auch wenn er meinte, das wir uns wieder sehen. Aber wie will er mich bitte finden?“
„Da hast du recht. Der war wohl bisschen zu schnell.“, amüsierte sich Rick.

Ein schrillender Ton unterbrach unser Gespräch und ich sah Rick fragend an: „Erwartest du Besuch?“
Fluchend sprang er auf. „Oh, man. Andrew hatte ich ja ganz vergessen!“
Schnell ging er zu seiner Wohnungstür und drückte auf den Türöffner für die Haustür unten.
„Wer ist Andrew?“, rief ich ihm nach.
„Der junge Mann mit dem ich mich gestern in der Disco unterhielt, bevor du kamst und mich rausgezerrt hast. Wir hatten vorher unsere Handynummer getauscht und gestern noch rief er mich an, ob er mich mal besuchen könnte. Er wohnt auch nur paar Straßen von hier entfernt in einer WG. Und ach du scheiße, meine Haare sind doch total ruiniert“, kam es genauso laut zurück.

Ich verkniff ein Lachen und versuchte mich zu erinnern.
Na, klar. Der Braunhaarige, der mit hochgezogenen aber amüsierten Blick zu sah, wie ich Rick überredete zu verschwinden. Würde sagen, von der Statur her wie Rick. Nur seine Augenfarbe war, im Gegensatz zu meinen Freund, graublau und seine Haare fielen lockig bis in den Nacken.

Als ich eine fremde Stimme Rick begrüßen hörte, ging ich zum Türrahmen und lehnte mich an diese.
Rick zeigte auf mich: „Also, Andrew. Das ist mein Kumpel Marc. Du hattest ihn gestern gesehen. Erinnerst du dich?“
Andrew kam auf mich zu und gab mir seine Hand.
„Na klar, erinnere ich mich.“ Seine Stimme klang etwas rauchig.
„Freud mich dich kennen zu lernen. Warum hattest du es denn so eilig mir mein Gesprächspartner zu entführen?“
Verlegen lächelte ich: „Ich war zum ersten mal in so einen Laden und irgendwann hatte ich erst mal genug.“
„Ja, das kann ich verstehen. Beim ersten mal kann so eine spezielle Disco schon etwas exotisch erscheinen.“, neckte er mich.

Nun zumindest schien Andrew nett zu sein. Plötzlich wurde
Andrews Gesichtsausdruck ernst.
„Hattet ihr schon die Nachrichten gehört?“
Ich wusste sofort von welchen Nachrichten er sprach. „Du meinst die zwei Morde?“, fragte ich trotzdem vorsichtshalber nach.
Rick stöhnte auf: „Können wir nicht bitte über etwas anderes reden? Marc und ich hatten das, schon bevor du kamst, durchgekaut. Mein Freund macht sich sowieso schon einen Kopf, was uns hätte passieren können. Schließlich mussten wir ja an den Park vorbei laufen um zum Auto zu gelangen.“
Andrew sah mich an. „Nun, da hattet ihr wohl Glück.“
„Sieht so aus.“, antwortete ich leise.

Lange blieb ich dann nicht mehr. Schließlich war Andrew gekommen um Rick zu besuchen und ich kam mir bald überflüssig vor, als sie zu flirten begannen.
Ich verabschiedete mich von den beiden und ging hinaus.

So, was nun?
Ich hatte keine Lust jetzt in meine Wohnung zurück zu kehren.
Da fiel mir die Bibliothek ein.
Es ist zwar Sonntag, aber ich kannte eine kleine Bücherei, wo eine alte Frau arbeitete und wohnte.
Sie wusste, wie sehr ich mich gerne in Bücher vergrub und bot mir auch mal an, an Feiertage zu kommen. Es würde ihr nichts ausmachen, so einen belesenen jungen Mann, wie mich, einzulassen.
So beschrieb mich die Frau. Nicht ich!

Ich lief zu einer Bushaltestelle und sah mir den Plan an. Gut, in 10 Minuten müsste einer kommen. Während ich wartete, beobachtete ich die wenigen Autos die vorbei fuhren. Die Sonne schien und wärmte mich.
Endlich kam der Bus in Sicht und ich kramte in meinen Taschen nach Kleingeld.
Ich stieg ein, bezahlte und setzte mich hinten hin. Plätze waren genug frei.

Als ich mein Ziel erreichte, hielt ich kurz bei einem Dönerladen und bestellte mir einen Fladen mit extra viel Fleisch, weil sich langsam mein Magen meldete.
Nachdem der Hunger gestillt war, stand ich vor einem kleinen, unscheinbaren Haus.
Niemand, der es nicht wusste, würde darin eine Bücherei vermuten.
Klein aber fein, hieß das nicht immer so?

Die Tür hatte keine Klingel, weswegen ich laut gegen das alte Holz pochte.
Es dauerte eine Weile, bevor die Tür einen Spalt breit aufgemacht wurde.
„Guten Tag, Frau Churbach. Darf ich hinein kommen? Sie versprachen mir einmal das ich auch außerhalb der Öffnungszeiten anklopfen könnte.“, begrüßte ich die alte Frau freundlich. Die dürre Frau trug einen altmodisches Kleid und ein Dutt fehlte auch nicht.

„Aber natürlich können Sie herein kommen, junger Mann. So ein freundliches Gesicht vergesse ich nicht. Kommen Sie nur.“, sagte sie erfreut und zog mich fast ins Haus.
„Gehen Sie nur und schmökern Sie in den Büchern. Ich habe nichts dagegen. Ich bringe im Moment die Räume in Ordnung und sortiere die Bücher. Sie wissen nicht, wie unmöglich manche Leute sind und Bücher nicht dort zurück stellen wo man sie her hat. Denken nicht daran das sie auch jemand in Ordnung halten muss. Schlimm, schlimm.“
Lächelnd bedankte ich mich und ging in den ersten Raum. Insgesamt waren es drei große Räume, wo die Bücher standen, wobei sich der größte Raum sich ein Stockwerk weiter oben befand. In jeder Ecke standen breite, bequeme Sessel, indem man sich mit seinem Buch gemütlich hinsetzen konnte.

Interessiert musterte ich die Buchrücken und zog mir anschließend zwei dicke, spannend klingende Bücher heraus. Ich verließ den ersten Raum und ging einen Stockwerk höher. In dem größten Zimmer war ein riesiges Fenster, woraus man eine wundervolle Aussicht auf die Stadt hatte. Hinten in dem Zimmer war eine Ecke mit Sessel und einem kleinen Tisch ausgestattet. Und dort ließ ich mich nieder. Bevor ich mich in mein Buch vertiefen konnte, das andere hatte ich auf den Tisch gelegt, tauchte noch einmal Frau Churbach vor mir auf.

„Ah, hier sind Sie. Ich habe für Ihnen eine Kanne Tee aufgekocht und etwas Gebäck mitgebracht.“
Sie stellte die große Kanne und einen Teller mit Plätzchen auf dem Tisch.
„Oh, vielen Dank. Das ist wirklich nett von Ihnen.“
„Keine Ursache, junger Mann. Lassen Sie es sich schmecken. Ich bin dann mal weg. Will Sie beim lesen ja nicht stören.“
Und schwups war die Großmütterchen auch schon weg.
Schmunzelnd schüttete ich mir etwas Pfefferminztee in eine Tasse, die schon da stand und knapperte an einen Vanillekeks. Hm, lecker.

Nun, konnte ich mich auf das Buch konzentrieren und eh ich mich versah, riss es mich in eine andere Welt und ich vergaß die meine.
Es war wirklich mitreißend und so bekam ich nicht mit, wie die Zeit verging und draußen es anfing zu dämmern. Erst als die Lampen automatisch angingen, schreckte ich aus dem Abenteuer und sah mich um. Draußen war es schon dunkel und ich musste wohl sehen, ob ich noch den letzten Bus bekam. Ich hatte die Zeit völlig vergessen.

Seufzend stand ich auf und nahm die beiden Bücher mit. Ich wollte die alte Frau bitten, sie mir auszuleihen. Als ich die Treppe erreichte, blieb ich irritiert stehen. Im ersten Stockwerk, wo ich war, brannte Licht. Aber als ich die Treppe runter spähte, sah ich in der unteren Etage nichts, da kein Licht brannte. War die Frau einfach gegangen und hatte mich vergessen? Nein, das glaubte ich nicht.
„Frau Churbach?“, rief ich aber ich bekam keine Antwort.
Was jetzt? Vielleicht hatte sie sich gestoßen und lag jetzt irgendwo bewusstlos da.

Vorsichtig stieg ich die Treppen hinab und hielt mich am Geländer fest, damit ich nicht stürzte. Unten war es stockfinster und es brauchte eine Weile bis sich meine Augen daran gewöhnten. Nur langsam konnte ich Umrisse von Türen und Gegenstände wahrnehmen. Mein Gehör schien sich zu verschärfen und ich hörte plötzlich ein leises Stöhnen.
„Frau Churbach?“, fragte ich nochmal und bewegte mich auf die Quelle des Geräusches hin. Das Stöhnen wurde lauter und endete in ein hilfloses Röcheln. Nun doch etwas besorgt, wurden meine Schritte schneller und ich erreichte den ersten Raum. Noch hatten sich meine Augen nicht ganz an die Dunkelheit gewöhnt und ich sah mich. Langsam erahnte ich eine liegende Gestalt auf dem Boden. Ich ging langsam auf die, am Boden Liegende, zu und hockte mich daneben hin.

„Frau Churbach, geht es Ihnen nicht gut? Soll ich einen Krankenwagen ruf-“, erschrocken hielt ich inne. Während ich sprach, berührte ich die alte Frau vorsichtig und spürte plötzlich eine Flüssigkeit an meine Fingerspitzen. Langsam stand ich auf und starrte auf das Bild, was sich mir präsentierte.
Meine Augen hatten sich nun vollständig an die Dunkelheit angepasst und auch etwas Licht von draußen, die von den Straßenlaternen herrührten, machten das Geschehen noch deutlicher. Ein dunkler Kreis umgab die Frau, der immer größer wurde. Blut!
Ich sah die aufgerissene Wunde an ihren Hals und wusste gleichzeitig das dies nicht durch einen Unfall passieren konnte. Kein Röcheln hörte ich mehr und auch keine Bewegung nahm ich wahr. War sie tot?

Bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, hörte ich ein Rascheln hinter mir und fuhr mit einem Schrei um meine eigene Achse. Eine hochgewachsene, schwarze Gestalt baute sich vor mir auf und kam mit schleichenden Schritten immer näher.
Vor Panik drehte ich mich wieder um und rannte davon, die Gestalt dicht an meinen Fersen. Bevor ich die Tür erreichen konnte, bekam ich einen Tritt in die Kniekehlen und ging zu Boden. Mit dem Kopf krachte ich auf dem harten Boden und blieb benommen liegen. Mit großer Anstrengung hob ich meinen Kopf und sah die Gestalt, wie sie bedrohlich über mir aufragte. Dann wurde es schwarz vor meinen Augen und ich spürte nichts mehr.


3.Kapitel
Überraschung

Nur langsam kam ich wieder zu mir. Das erste, was mir auffiel, war, dass mir sehr übel war und ich glaubte, mein Kopf müsste bald vor Schmerzen zerspringen.
Dann fühlte ich, dass ich meine Arme und Beine gar nicht bewegen konnte. Deutlich spürte ich den Druck von Seilen, die fest um meine Gelenke geschlungen waren. Verdammt, was war passiert?
Ich hörte gedämpfte Musik und... Verkehrslärm. Erst jetzt bemerkte ich die Fliehkräfte, die mich nach rechts und mal nach links drückten und ich wusste plötzlich, das ich in einen Wagen auf dem Rücksitz lag. Bevor ich das richtig verarbeiten konnte, bog der unbekannte Fahrer scharf nach rechts und ich krachte auf die verletzte Stelle meines Schädels.
Schon wieder verlor ich in kürzester Zeit mein Bewusstsein.

Diesmal ging das Aufwachen leichter und schneller vonstatten.
Ich lag auf etwas bequemes und mein Kopf schmerzte fürchterlich, aber nicht so explosionsartig wie vorhin. Ich stöhnte, als ich mich regte und vorsichtig meine Augen öffnete. Es ging unheimlich schwer.
Und es war auch unnötig, da es stockfinster war. Entweder es war noch Nacht oder ich lag in einem fensterlosen Raum.

Ohne Warnung kamen meine Erinnerungen zurück und ich schreckte auf. Nun laut stöhnend, wollte ich mich an meinem plötzlich laut pochenden Kopf greifen, denn gefesselt war ich nicht mehr. Kurz spürte ich einen Verband, dann packte mich etwas und drückte meine Hände zurück auf die weiche Unterlage. Mit angehaltenen Atem hielt ich still.
„Ganz ruhig“, flüsterte eine tiefe, sanfte Männerstimme.
„Du bist verletzt und solltest liegen bleiben.“
Die fremde Hände entfernten sich und ich versuchte, die Finsternis zu durch dringen, um die Person zu sehen. Aber es ging nicht.
Der Mann hatte wohl keine Probleme damit.
„Deine Augen fokussieren nicht richtig. Das zeigt auf eine Gehirnerschütterung. Aber ich glaube nicht, das sie schwerwiegend ist“, diagnosierte er und eine Hand strich leicht über meine Stirn. Sie war wundervoll kühl.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und öffnete mein Mund, aber es kam nur sinnloses Gekrächze heraus. Ich versuchte die Lippen zu befeuchten, doch mein Mund war zu trocken. Etwas Kaltes, ich glaubte ein Glasrand, drückte sich gegen meinen Lippen, aber ich weigerte mich.
„Komm trink. Es ist wird dir gut tun.“
Ich war misstrauisch, aber leider war mein Durst ziemlich groß.
Nun, er würde sich wohl nicht so viel Mühe machen, nur um mich am Ende zu vergiften. Mit dem Gedanken gab ich meinen Widerstand auf.
Erfrischend rann die Flüssigkeit durch meine Kehle.
Plötzlich verschluckte ich mich und das Glas wurde sofort weg gezogen.
„Wo... wo bin ich?“, fragte ich heißer.
„Wer sind Sie und was...“
Finger legten sich auf meine Lippen und ich verstummte.
„Du solltest etwas schlafen. Antworten gibt es später... vielleicht.“

Schlafen? Wie sollte ich in so einer Situation schlafen können?
Komischerweise spürte ich wie sich ein Taubheitsgefühl in meinem Körper sich ausbreitete. Was war im Wasser gewesen?
Panisch wollte ich mich aufrichten, aber schon wieder hielten mich Hände, die mich zurück auf mein Lager drückten.
„Ruhig“, erklang die sanfte Stimme. Ich wollte nicht, konnte aber die aufkommende Müdigkeit nicht abwehren.
Alles verschwamm und meine Augenlider fielen zu...

Als ich erwachte, fühlte sich mein Körper ausgeruht und matt an. Müde öffnete ich die Augen und versuchte so gut wie möglich zu sehen. Die weiche Unterlage, auf der ich lag, war ein fremdes, breites Bett mit schwarzem Bezug aus Seide. Ich befand mich in einen großen Schlafzimmer, war aber diesmal allein. In der Mitte war ein Glastisch, auf der eine Flasche und ein Becher stand. Es gab nur eine geschlossene Tür und zwar auf der anderen Zimmerseite, wo das Bett stand.
Schwerfällig setzte ich mich auf. Mein Kopf schmerzte zwar, aber es war erträglich. Nur das Schwindelgefühl, was plötzlich kam, war unangenehm.
Ich schob die Decke zur Seite und schwang meine Beine aus dem Bett. Obwohl, schwingen konnte man es nicht nennen. Fast fiel ich wieder zurück als der Schwindel für einen Moment stärker wurde, aber ich biss die Zähne zusammen.

Für paar Minuten blieb ich sitzen und mein Herzschlag beruhigte sich langsam.
Es war schwierig, aber irgendwie schaffte ich es aufzustehen und auf zittrigen Beinen zu einem Fenster zu wanken. Es befand sich gleich neben dem Bett und zum Glück nur zwei Meter entfernt. Ich klammerte mich an dem Fensterrahmen und blickte hinaus. Wald, soweit das Auge reichte.
Verdammt, wo hatte man mich hingebracht?
Und wohl die wichtigste Frage: Warum?

„Du bist wach. Sehr schön.“
Erschrocken drehte ich mich zu der Stimme um. Durch die ruckhafte Bewegung wurde mir kurz schwarz vor den Augen und ich stützte mich auf das Fensterbrett, damit ich nicht umfiel.
Ein schlanker doch kräftig wirkender Mann, kaum älter als ich, stand mit verschränkten Armen an der jetzt offene Tür. Auffallend waren die weißen Haare, die glatt bis unter den Achselhöhle reichten und die schwarzen Augen.
Irgendwie erinnerten sie mich an Samirs Raubtieraugen, die das Wort Gefahr aussendeten. Bei dem hier war es nicht anders.

„Wer sind Sie?“
Meine Stimme zitterte etwas, aber bei wem würde das nicht, wenn er vor einem Mörder stände?
Schweigend kam er auf mich zu und packte mich an den Armen, stützte mich. Ich wollte mich los reißen, doch der Griff war zu fest.
„Ich bin Lorca und du solltest dich noch nicht so anstrengen. Und rede mich bitte nicht mit Sie an, sonst fühl ich mich so alt“, antwortete er mir nun doch, zog mich zum Bett und wies mich an, mich darauf nieder zu lassen. Ich musste gehorchen, da ich gegen den Druck seiner Hände nicht ankam. Sobald er los ließ, rutschte ich von selbst weiter auf das Bett.
Weg von ihm.

Lorca beobachtete dies aus ausdruckslosen Augen. Mit leichten Schritten ging er auf den Tisch zu und öffnete die Flasche. Er goss etwas von dem Inhalt in den Becher und kam wieder auf mich zu.
„Hier trink.“
Er hielt mir das Getränk direkt vor die Nase, aber ich machte keine Anstalten es entgegen zu nehmen. Möglich, dass ja wieder was beigemischt wurde.
So, als könnte er meine Gedanken lesen, grinste er mich an.
Er hob den Becher an die Lippen und trank einen Schluck.
„Da ist nur Wasser drin. Mein Wort drauf.“
Was auch immer sein Wort wert war.
Trotz meines immer noch vorhanden Misstrauens, nahm ich es und trank. Wohl hauptsächlich weil mein Körper es brauchte. Ich fühlte mich entsetzlich ausgetrocknet. Lorca entfernte sich ein paar Schritte und setzte sich auf einen Stuhl, der an der Wand lehnte.

„Warum hast du die alte Frau umgebracht?“, fragte ich vorsichtig. Er sah mich seltsam an. „Aus Gründen, die du nicht zu kennen brauchst.“
War das ein gutes Zeichen, dass er sein Mordmotiv nicht darlegen wollte? Denn ich befürchtete, dass er auch mich töten wollte. Auch wenn ich nicht wusste, warum er es nicht schon in der Bibliothek tat.
„Ich lasse Zeugen nie lebend zurück.“
Erschrocken hob ich meinen Kopf und sah in seine schwarzen, kalten Augen.
„Und wa... warum lebe ich noch?“, wagte ich zu fragen.
„Weil der Geruch meines Bruders an dir haftet. Das sagt mir, dass er erst vor kurzem mit dir zusammen war und ich wollte ihn nicht verärgern, indem ich dich töte. Da ich mir nicht sicher sein konnte, was er von dir wollte.“
„Geruch? Dein Bruder? Wer soll das sein?“ Ich verstand das alles nicht.
„Ja, mein Bruder. Er wird wohl bald hier sein. Ich hatte ihn vorhin am Handy erwischt, bevor du erwacht bist. Er weiß zwar nicht, um was es geht, aber ich sagte ihm, ich hätte eine Überraschung für ihn.“ Er lächelte unheilvoll.
„Er liebt Überraschungen. Also wird es nicht lange dauern, bis er sich mit dir befasst.“

Ein eiskalter Schauer rann mir den Rücken hinunter. Bin ich jetzt zwei Mördern in den Händen gefallen? Zwei Brüder, wobei einer von ihnen mich schon als Opfer ausgesucht hatte. Zumindest entnahm ich das dem Worten, die ich gehört hatte. Ich musste hier weg!

Schnell rutschte ich an der Seite vom Bett runter, der am weitesten weg von diesem Irren war und sprintete zu der Tür. Es war zwar eher ein Torkeln, aber das Adrenalin gab mir unwahrscheinlich Kraft und Schnelligkeit.
Auf einmal stand der Weißhaarige vor mir und ich prallte gegen ihn.
Woher kam der so plötzlich?
Er schlang seine Arme um mich und presste dabei meine eigene an den Körper.
Ich wehrte mich, versuchte mich los zu reißen, aber er hatte unmenschliche Kräfte.
„Lass mich los!“, schrie ich voller Panik.
„Nein“, antwortete er einfach und hielt mich weiter in einem fast schmerzhaften Griff gefangen, wobei er sich sichtbar nicht anstrengte.

„Beruhige dich.“
„Wie soll ich mich beruhigen, wenn ich doch bald umgebracht werde?!“
„Das hatte ich doch nicht gesagt.“
„Ach nein? Was sollte denn sonst das ganze Gespräch bedeuten? Du sagtest selbst, dass dein Bruder mich ausgesucht hätte und sich nun um mich kümmern will!“ Ich war mit den Nerven am Ende und Tränen bildeten sich in meinen Augenwinkeln. Noch immer wehrte ich mich, aber meine Kraft erlahmte rasch.
Eine Hand griff nach meinen Kinn und zwang mich in seine Augen zu starren. Es war als blickte ich in den unendlichen Nachthimmel. Ich versank in ihnen.
Eine unerklärliche Ruhe überkam mich und ich blieb bewegungslos stehen.
„So ist es gut“, sprach er leise, entließ mich aber nicht aus den Bann seiner Augen. Ich wollte weg gucken, aber es war unmöglich.

„Wollte mein Bruder dich töten, hätte er es schon längst getan. Aber du lebst und hast seinen Geruch an dir. Er scheint Interesse an dir zu haben. Ich meine das ernst. Und keine Angst, wir spielen nie mit unseren Opfern. So grausam sind wir nicht, obwohl es für unsere Rasse gewöhnlich so ist. Wir töten, ohne Schmerzen zu verursachen.“ Endlich sah er weg.
„Soll mich das beruhigen?“, kam es fast schüchtern von mir. Ich verstand immer noch nicht, von was er sprach.
Mag sein, dass seine Augen mich irgendwie hypnotisierten, aber mein Denken schalteten sie nicht ab.
Er lächelte: „Nun, es war ein Versuch.“

Plötzlich hob er mich hoch. Eine Hand unter die Kniekehlen und die andere stützte meinen Rücken.
„Hey, was soll das?“, protestierte ich.
Schweigend trug er mich zum Bett und ließ mich vorsichtig darauf nieder.
„Du bleibst jetzt hier und wartest bis mein Bruder kommt. Ich habe zu tun und keine Lust dich wieder einzufangen.“
Er begutachtete meinen Kopfverband und überzeugte sich, dass er fest saß.
„In deinen Zustand kommst du nicht weit. Der nächste bewohnte Ort ist 50 Kilometer von hier entfernt. Also nützt abhauen auch nichts.“
Er ging zu der offenen Tür.
„Ich werde trotzdem vorsichtshalber abschließen, da ich nicht weiß, wie dumm du bist.“ Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und schloss die Tür. Deutlich konnte ich hören, wie das Schloss zuschnappte. Ich war eingeschlossen.

Seufzend lehnte ich mich an das Kopfkissen hinter mir. Jetzt, wo ich die schwarzen Augen nicht mehr vor mir hatte, wollte die Panik wieder kommen. Ich unterdrückte das Gefühl. Schließlich sagte Lorca, dass man mich nicht ermorden wollte. Kann ich seinen Worten vertrauen? Denn einen Tick hatte dieser Typ sicher, wenn er sich schon als eine andere ‚Rasse’ sieht.

Es war ziemlich ruhig in meinem Gefängnis. Das Fenster war angekippt und so bekam ich die Autogeräusche mit. Schnell stand ich auf und lief zum Fenster. Zufrieden bemerkte ich, dass das Laufen diesmal besser ging. Ich sah hinaus, aber sah das Auto nicht. Fuhr wahrscheinlich von der anderen Seite des Hauses heran. Die Geräusche wurden lauter und ich hörte auch jetzt Musik. Was plötzlich abbrach als der Fahrer wohl das Ziel erreichte und ausstieg. Ich hörte eine Wagentür zuknallen. Dann war Ruhe.

Der Fahrer müsste jetzt im Haus sein und wie auf Signal hörte ich irgendwo zwei Stimmen im Haus. Sie waren zu gedämpft, als dass ich was verstehen könnte. Die eine Stimme klang nach meinem ‚Gastgeber’, auch die andere kam mir bekannt vor. Wo hatte ich diese Stimme schon mal gehört? Ich wusste es nicht. Ich versteifte mich als ein Schlüssel im Türschloss knirschte und langsam geöffnet wurde. Mein Mund klappte vor Überraschung auf als ein junger Mann mit langen, schwarzen Haaren, zusammengehalten durch einen Haarband, eintrat. Schwarze Augen, wie die von Lorca, sahen neugierig zu mir und blitzten verstehend auf. Der Mann trat nun endgültig ein und warf die Tür hinter sich wieder zu.

„Samir?“, krächzte ich voller Erstaunen. Samir kam näher auf mich zu und lächelte.
„Hallo Marc. Also das ist nun wirklich eine schöne Überraschung. Mit dir hatte ich überhaupt nicht gerechnet.“
Samir? Samir war der Bruder von Lorca? Nun, ähnlich sahen sie sich schon, aber er wäre somit der zweite Mörder! Ich fing an zu zittern.
Sein Lächeln wurde breiter. Lange Eckzähne, die ich vorher nicht an ihm gesehen hatte, blitzen wie zwei Dolche hervor und seine Augen schienen plötzlich rot zu leuchten. Ich blinzelte ungläublich und konnte einfach nicht glauben, was ich sah.

„Wie?!“
Ich wusste einfach nicht, wie ich reagieren sollte. Ich sah genauer hin. Die Augen waren wieder schwarz. Vielleicht hatte ich mir das Rot eingebildet. Doch die beiden spitzen Eckzähne waren immer noch vorhanden.
„Ich hoffe, Lorca hat dich nicht zu sehr geängstigt“, sagte Samir und setzte sich auf den Stuhl, wo zuvor sein Bruder saß. Er blickte mir ruhig in den Augen, während ich immer noch erstarrt im Bett saß.
„Was ist denn mit dir los? Du wirkst so steif.“

Ich sah ihn ungläublich an. Meinte er die Frage ernst?
„Nun, erstens habe ich mitbekommen, wie dein Bruder jemand umgebracht hatte. Zweitens wollte er dann mich ermorden, aber dein ‚Geruch’ an mir hatte ihn abgehalten. Und drittens habe ich mich während meiner Flucht verletzt und wurde entführt. Also verzeih mir, wenn ich jetzt ein bisschen angespannt wirke.“
Ich weiß, Sarkasmus pur. „Und kannst du bitte die falschen Zähne raus nehmen? Halloween ist doch schon längst vorbei.“
Meine Rede klang zwar mutig, war aber nur dazu da meine Angst zu überspielen. Im Prinzip kannte ich Samir gar nicht und konnte nicht wissen, wie er so ‚drauf’ war. Doch er lachte nur.
„Das Schicksal mag dich wohl nicht sehr.“ Er hob die rechte Hand und führte sie zu seinem Mund, betastete seine Eckzähne.
„Wegen der Zähne muss ich leider Widerworte geben, da sie echt sind.“
Samir lächelte raubtierhaft.
„Wie sonst sollten wir jagen können, um unseren Durst zu stillen?“


4.Kapitel

Echte Zähne?! Durst?!
Samir und Lorca waren definitiv verrückt. „Was meinst du mit Durst?“
Von einer Sekunde zu anderen saß er plötzlich neben mir im Bett. Wie machten die das nur?

Erschrocken japste ich auf und wollte mich von ihm entfernen. Doch Samir lehnte sich nach vorn und drückte seine Arme gegen meine Brust. Er schob mich nach hinten, bis ich ganz im Bett lag und er über mir. Ich war eingeklemmt. Ich versuchte ihn von mir zu stoßen, aber genauso gut hätte ich auch Berge versetzen können.
Mühsam atmete ich ein und presste hervor: „Geh von mir runter!“
Sein Gesicht befand sich, nur paar Zentimeter entfernt, direkt vor mir.
Er tat so als würde er angestrengt überlegen, dann grinste er.
„Ich denke nicht. Schließlich habe ich dich gerade in so einer schönen Position.“
Trotz meiner Angst wurde ich rot.
„Süß“, war gleich die Reaktion darauf.
„Ich bin nicht süß!“, antwortete ich verärgert.
„Sicher? Ich könnte dich ja mal probieren. Denn das meinte ich mit Durst, durstig nach Blut.“
Er bleckte die Zähne.

Ich spürte, wie das Blut aus meinem Gesicht wich.
„Du bist wirklich ein Vampir?“
Konnte es möglich sein? Bei der Frau Churbach hatte ich gesehen, dass ihr Hals verletzt, regelrecht zerfetzt war. Aber vielleicht denken die beiden Irren ja ‚Vampire’ zu sein und nahmen Hilfsmittel, damit es wie die Tat von einer solchen Bestie aussah.
„Ja, das bin ich. Ein Kind der Nacht.“
Sein Gesicht kam näher. Er wird doch nicht...?
Seine Lippen berührten plötzlich die meinen und mir kam die Situation verdammt vertraut vor. Nur dass ich diesmal den Kuss unterbrach, indem ich mein Kopf zur Seite drehte. Samir sah mich irritiert an.
„Was ist denn los? Letztes Mal hatte es dir doch auch gefallen, auch wenn du am Ende ziemlich biestig warst.“
„Du bist ein Mörder. Und was willst du von mir? Mit mir spielen und dann töten?“ Meine Stimme zitterte und ich traute mich nicht in seiner Richtung zu blicken.
Ich zuckte unwillkürlich zusammen, als kräftige Finger meinen Kinn umfassten und so den Blickkontakt zwanghaft herstellten.

Es überraschte mich zu sehen, dass ein sanfter Zug auf seinem Gesicht lag.
„Hab keine Angst, Marc. Ich tu dir nichts, versprochen.“
Samir seufzte: „Mörder klingt so hart. Dabei töten wir nur um zu leben. Ihr Menschen seid doch nicht anders.“
„Wie meinst du das?“
„So wie ich es sage. Wir töten Menschen und trinken deren Blut. Ihr jagt Tiere, tötet und bereichert euch an ihr Fleisch. Wo ist da der Unterschied?“
„Aber es sind nur Tiere...“
„Die genauso Gefühle und Schmerzen verspüren können wie die Menschen. Es gibt Momente, da glaube ich fast, dass die Menschen die größten Bestien auf Erden sind, wenn ich da so an die Massentierhaltung denke.“
Samir lachte kurz auf.
„Aber ich will dir hier nicht einen Vortrag aufzwingen. Ich wollte dir nur zeigen, dass du vor mir keine Angst zu haben brauchst.“

„Aber Vampire gibt es doch nicht! Kann es einfach nicht geben!“, brachte ich selbst nicht gerade überzeugt heraus.
„Warum denn nicht? ‚Es gibt viel mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Weisheit träumen lässt.’“, rezitierte er von William Shakespeare.
„Oder wie willst du dir unsere enorme Schnelligkeit erklären?“, fragte mich Samir und wedelte so schnell mit seiner Hand vor meiner Nase, dass ich nicht mal einen verschwommenen Schatten erahnen konnte.
Punkt für seine Vampirseite.

Ich seufzte: „Okay, du bist ein Vampir. Und was nun? Warum hatte dein Bruder mich verschleppt?“
„Ich denke, Lorca wird dir gesagt haben, dass wir keine Zeugen zurücklassen und die Leichen auch verschwinden lassen?“
Das Thema war mir unangenehm.
„Ja, nur das mit den Leichen ist mir neu. Aber warum macht ihr euch solche Mühe? Die Polizei...?“
Er lachte leise: „Die Polizei kann uns nichts anhaben. Aber auch wir haben Feinde, die Vampirjäger.“
„Vampirjäger?!“ Obwohl, wenn es wirklich Vampire gab, warum auch nicht Vampirjäger? Mir schwirrte der Kopf.
„Ja, dumme Vampirjäger, aber doch gefährlich, weil sie die Waffen kennen, die uns vernichten können. Und du bist hier, weil ich dich gezeichnet hatte.“
„Was soll das heißen?“ Nicht, dass ich irgendwo am Körper bemalt wäre.
Langsam fuhr er mit dem Daumen über meinem Kieferknochen.
„Das ist passiert, als ich dich küsste und ich dir so nah war. Jeder andere Vampir würde den Geruch von mir an dir wahrnehmen und sich hüten, dir was zu tun. Da sie nicht sicher sein können, wie stark ich bin und eventuell kräftig genug sie, aus Rache, zu vernichten. Normalerweise werden so die menschlichen Partner von Vampiren geschützt.“

Mir entfuhr ein erstaunter Laut.
„Partner? Aber wir sind doch keine Partner.“, sagte ich verwirrt.
Er sah mich seltsam an.
„Nun, da hast du recht. Aber ich wäre nicht abgeneigt, wenn du es werden willst. Ich mag dich und du faszinierst mich. Nur deswegen bin ich gestern zu dir gekommen.“
Ich starrte ihn an: „Aber wieso ich? Ich bin doch nichts besonderes.“
Samir beugte sich näher, bis seine Stirn vorsichtig meine eigene berührte.
„Ich gehe auch nicht nach den Schönheitsmaßstab der Menschen.“ Er lächelte.
„Vampire sehen anders, blicken tiefer hinein. Ich spüre dein reines Wesen. Bei vielen Menschen ist dies verdorben, doch bei dir nicht. Wir, die Vampire, sind dazu verdammt zu töten, um so den Hunger zu stillen. Als dunkle Geschöpfe des Satans verachtet. Doch du bist rein. Dies ist etwas besonderes in dieser Welt und zieht uns Vampire an wie das Licht die Motte.“

Wieder berührten sich unsere Lippen, doch diesmal ließ ich es zu und genoss es.
Wie Letztens war es aufregend, als sich seine Lippen an meine schmiegten. Und ich bekam so ein komisches Kribbeln im Bauch. In dem Moment fühlte ich mich wohl und in Sicherheit. Meine Angst war vollständig verschwunden. Ich war fast enttäuscht, als er den Kontakt unterbrach. Er blickte mir wieder tief in die Augen.

„Wie gesagt, ich hätte nichts dagegen dich als Partner zu haben. Das sollst du entscheiden. Ich möchte dich zu nichts zwingen.“ Er schwieg ein paar Sekunden und ließ mich die Worte bearbeiten, aber ich konnte nicht antworten. Was sollte ich sagen? Ich musste darüber nachdenken.

Samir schien es zu ahnen, dass ich Zeit brauchte. „Keine Angst, ich will dich nicht drängen.“ Er stand auf und zog mich mit auf die Beine.
„Hast du Hunger?“
Wie auf Stichwort fing mein Magen laut an zu knurren. „Ein bisschen“, antwortete ich verlegen. Samir lächelte. Er hatte ein schönes Lächeln. Allgemein sah er gut aus. Neben ihm müsste ich doch wie das hässliche Entlein aussehen und doch wollte er mich? Ja, ich weiß das ich übertreibte. Ich konnte es immer noch nicht glauben, aber wollte ich denn auch?

Samir führte mich aus dem Schlafzimmer, den Flur entlang und brachte mich ins Esszimmer. Es war mit einem großen Eichenholztisch und gepolsterten Stühlen ausgestattet. Sanft bugsierte er mich am Kopfende des Tisches auf einen Stuhl. „Was hättest du denn gerne?“, fragte er mich.
„Ist mir im Prinzip egal, solange es essbar ist.“, antwortete ich. Als er gerade aus dem Raum verschwinden wollte, rief ich ihm noch nach: „Aber bitte kein Blut.“
Ich glaubte, das war so eine Art Vampirhumor, oder?

Ich hörte ihn noch lachen, dann sah ich ihn nicht mehr.

„Er mag dich sehr.“ Ich zuckte zusammen und sah Lorca aus einer dunklen Ecke kommen. „Wie meinst du das?“, fragte ich ihn.
„So wie ich es sage.“ Diese Antwort schien bei den beiden Brüder Standard zu sein. Er kam näher und setzte sich mir gegenüber, am Fußende des Tisches.
„Nein, wirklich. Er ist glücklicher und aufgeweckter als sonst.“
Unsicher sah ich ihn an. „Wie ist er denn normalerweise?“
„Still, ernst, kaum zum Lachen zu bewegen. Ich denke mal, es ist deine Anwesenheit, die ihm so gut tut. Er sehnt sich nach die Wärme eines Partners.“

Ehe ich etwas sagen konnte, kam Samir mit zwei gefüllte Teller zurück. Ich konnte den köstlichen Geruch von Lasagne bis hierher riechen.
„Hallo, Lorca. Willst du mit was essen?“, fragte er sogleich seinen Bruder und stellte nebenbei ein Teller vor mir ab.
„Nein danke, ich habe schon gegessen“, lehnte Lorca ab. Dann stand er auf und holte aus einem hellen Schrank, der in der Ecke stand, Besteck für uns.
Samir setzte sich rechts neben mich und nahm dankend das Besteck entgegen.
Auch ich bedankte mich und fing an zu essen. Ich aß mit Appetit, da ich seit gestern Nachmittag nichts zu mir genommen hatte. Wie denn auch?
Ein Blick auf die große Wanduhr sagte mir, dass es schon 14 Uhr war. Hatte ich wirklich solange geschlafen?

Satt ließ ich die Gabel sinken. Ich hatte nicht alles aufgegessen, aber es war auch eine ziemlich große Portion. Erstaunt sah ich zu, wie Samir genüsslich die gewaltige Lasagne restlos tilgte. Auch Lorca, der wieder auf sein Platz saß, sah interessiert zu.
„Und ich dachte Vampire trinken nur Blut?“, fragte ich erstaunt.
„Ach, die alten Sagen taugen sowieso zu nichts. Blut hält uns nur bei Kräften. Trotzdem müssen wir nicht auf menschliche Nahrung verzichten“, erwiderte er zufrieden und kaute weiter.

Schließlich schob er doch seinen Teller beiseite und wischte sich mit einer Serviette den Mund ab. Lorca war immer noch da und langsam wurde mir klar, dass wohl jetzt ein wichtiges Gespräch bevorstand.
Samir unterbrach zuerst die Stille: „So, wir müssen uns darüber unterhalten, wie es mit dir weiter gehen soll, Marc.“
„Aha, und was habt ihr entschieden?“ Trotz Samirs Versprechen, dass man mir nichts tat, fing ich an schwitzen. Er lächelte beruhigend.
„Keine Panik, dich einsperren wäre das letzte, was wir machen würden. Wir wollen dich sogar gehen lassen.“ Ich überlegte. Einfach so?
„Aber habt ihr denn keine Angst, dass ich euch verrate?“
Lorca meldete sich zu Wort: „Nun, das ist möglich, aber wer würde dir glauben? Doch wäre es vielleicht gesünder den Maul zu halten.“
Manchmal war der Kerl echt unfreundlich.
„Lorca, lass das“, tadelte ihn sein Bruder und er schwieg tatsächlich.
Samir seufzte: „Leider hat Lorca damit recht. Du würdest dir nur schaden.“
Verständnislos sah ich ihn an. Würde er also doch sein Versprechen brechen?
„Möglich, dass man dich als Verrückten abstempelt, aber andere würden es nicht tun.“ „Ach, du meinst die Vampirjäger?“, fragte ich erleichtert.
„Genau.“ Samir sah mich nachdenklich an.

„Hast du von den zwei Ermordungen im Stadtpark gehört?“
Ich zuckte zusammen und fragte vorsichtig: „Habt ihr was damit zu tun?“
„Unsinn!“, antwortete Lorca fast empört. „Warum sollten wir so ein Aufsehen erregen und was sollte uns das nützen? Denk doch mal nach!“
„Lorca“, sagte wieder Samir. „Woher soll Marc das wissen? Er kennt uns ja noch nicht mal richtig.“ Er wandte sich wieder zu mir und lächelte beruhigend.
„Entschuldigung, Lorca ist ein bisschen hitzköpfig.“ Lorca sah ihn darauf hin böse an, doch Samir tat so, als würde er es nicht bemerken. Ich musste mir ein Grinsen verkneifen, was aber schnell wieder verschwand.
„Nun, wir haben sie nicht umgebracht. Doch erinnere dich, ich sprach vorhin von Vampirjägern...“, erzählte Samir weiter.
„Das waren sie?!“, unterbrach ich ihn überrascht.
Lorca zog eine Augenbraue nach oben. „Silberne Pfahl mitten ins Herz gebohrt, klingt ganz nach ihnen. Würde ich meinen“, stichelte er. Diesmal schenkte ich ihm einen bösen Blick, doch er grinste mich nur frech an.

Samir ignorierte unser Blickduell. „Ja, und sie haben keine Menschen umgebracht, sondern Vampire.“ „Wie?!“
Er nickte: „Ich denke mal, dass man sie gejagt hatte und anschließend im Park gestellt. Im Augenblick unseres Todes verlässt uns der Vampirkeim und wir werden zu dem, was wir vorhin waren, Menschen. Sie müssen relativ jung gewesen sein, da manche Körper auch so alt sein können, dass sie bei der Tötung zu Staub zerfallen.“
Plötzlich umfasste er fest meine linke Hand, die ich auf dem Tisch liegen hatte.
„Vampirjäger“, sagte er langsam.
„Sind grausam und hartnäckig. Bezeichnen uns als Monster, die man unbedingt vernichten muss, obwohl kein Vampir gleich ist. Es gibt gute sowie auch böse Vampire, nicht anders als bei den Menschen. Trotzdem tun sie alles um uns zu erwischen. Ich weiß nicht, wie weit sie bei dir gehen würden nur um Informationen zu bekommen. Sie sind unberechenbar, für Vampire und den Menschen. Ich hatte mal mitbekommen, wie welche sogar einen Menschen als Köder geopfert hatten, ohne Gewissensbisse.“
Sein Griff wurde fester, aber nicht schmerzhaft.
„Marc, ich will nicht, dass dir was passiert.“
Seine Augen zeigten tiefe Besorgnis.

„Ich verstehe, danke. Ich werde schweigen. Was anderes hatte ich auch nicht vor“, versprach ich. Fühlt er schon soviel für mich? Aber was fühlte ich?
Er nickte. Mein Versprechen reichte ihm.
„Gut, ich bringe dich jetzt nach Hause. Ich denke mal, dein Freund fragt sich schon, wo du bleibst.“
Ich stöhnte auf und sprang auf: „Oh man, Rick hatte ich ja ganz vergessen.“
Samir lachte und stand ebenfalls auf. „Na dann los. Denk dir am besten was aus.“ Lorca erhob sich und kam auf mich zu. Er reichte mir seine Hand und ich griff zu. „Na dann, wünsch ich dir viel Glück. Ich glaube, wir sehen uns mal wieder“, verabschiedete er sich. Ich schüttelte zögernd seine Hand. „Ja, das denke ich schon“, antwortete ich vorsichtig.
Er nickte und verschwand irgendwo im Haus.

Samir und ich verließen das Haus und steuerten sein Auto an, ein modernes rotes Sportauto. Ich pfiff anerkennend. „Wenn man so lange lebt, sammelt sich so manches Geld an“, erklärte Samir. Das machte mich neugierig: „Wie alt seid ihr denn?“ „Wir beide sind 154 Jahre alt.“
Schon wieder pfiff ich anerkennend. „Ihr beide?“
„Ja, schließlich sind wir Zwillinge.“
Ich musterte ihn verwirrt. „Zwillinge? Ihr seht euch zwar ähnlich, aber doch nicht sehr.“ „Das stimmt. Aber wenn man in ein Vampir verwandelt wird, dann verändert man sich nicht nur innerlich sondern auch äußerlich, unabhängig von der Herkunft. Man wird attraktiver und das zum Zwecke der Jagd. Die Natur denkt an ziemlich vieles. Geboren wurden wir als Zwillinge. Auch wenn uns die Verwandlung verändert hat, so bleiben wir doch Brüder.“