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Das Herz eines Herzogs - Teil 29 bis 32

29


„Ich will das aber nicht mehr. Ich will, dass er mich mag. Mich als einen Freund sieht und gerne seine Zeit mit mir verbringt.“ William hatte sich die Antwort nicht leicht gemacht. „Ich mag ihn. Komisch nicht? Nach allem, was ich gemacht habe, um ihm das Leben schwer zu machen.“

„Komisch ist nicht das Wort, was mir spontan einfallen würde“, knurrte Robert und schüttelte den Kopf. „Ich kann nur hoffen, dass du ihm nicht schon zu lange das Leben schwer gemacht hast und er dich gegen eine Wand laufen lässt, die dich dann nur noch wütender macht und du ihm endgültig das Leben versaust.“ Er war sich selber nicht sicher, wie er Yves einschätzen sollte. Er hatte sich in den letzten beiden Tagen öfter von einer anderen Seite gezeigt. „Wär' schon cool, wenn ihr einen gemeinsamen Weg finden könntet, denn ihr habt eine Menge gemeinsam.“

„Nein, das glaube ich nicht. Yves ist eine ehrliche Haut und so wie er sich heute mir gegenüber verhalten hat, war nicht gespielt. Er beginnt langsam, mich zu mögen. Man sagt doch Betrunkene und Kinder sagen die Wahrheit und er hat vorhin gesagt, dass ich gar nicht so scheiße bin, wie er dachte und dass ich ganz okay wäre.“ Er musste lächeln, als er daran dachte, wie Yves sich im Schlaf an ihn gekuschelt hatte. „Ja, wir haben wirklich viel gemeinsam und ich denke, dass wir viel Spaß zusammen haben könnten, genauso wie mit dir und Peter.“

„Hey. Du bist okay und gar nicht so scheiße. Na wenn das mal kein Kompliment ist“, lachte Robert, der die Wortwahl einfach nur genial fand. Mehr aber noch Williams verträumtes Lächeln, das diese Worte hervorlockten. Die zwei waren schon ein merkwürdiges Paar - und heiß sahen sie zusammen aus, wenn sie sich in den Laken wälzten.

„Aber ich glaube, man kann wirklich mit ihm Spaß haben, schließlich kann er dich mit dem Queue besiegen.“ Robert ließ sich wieder auf das Bett fallen.

„Nicht nur damit. Als ich das erste Mal beim Kendo war, musste ich gegen ihn kämpfen und ich habe nicht sehr gut abgeschnitten. Er ist gut – nein, er ist sehr gut. Ein Meisterschüler.“ Es bedeutete schon etwas, wenn William einfach so zugab, dass jemand besser war als er, aber bei Yves war sowieso alles anders. „Ich werde mich wirklich anstrengen müssen, damit er vergisst, wie ich ihn behandelt habe.“

„Und ich wünsche dir alles Glück, was du bekommen kannst, dass er das wirklich tut, denn deine Liste ist nicht zu verachten. Aber ich glaube, wenn die Sache mit dem Stipendium geklärt ist, kommt einiges ins Reine“, sagte Robert und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Allerdings würde ich ihn immer noch gern mal als nacktes Büffet sehen wollen. Wer so viel trainiert, muss heiß aussehen“, sinnierte er dümmlich grinsend.

„Vergiss es. Du wirst meinen Verlobten nicht fast nackt mit leckerem Essen sehen, denn er sieht wirklich heiß aus.“ William stürzte sich auf Robert und versuchte ihn zu würgen. „Such dir jeden anderen in diesem Haus aus, aber nicht meinen Yves.“ Lachend kugelten sie über das Bett und schließlich hockte William auf seinem Freund. „Versprich es mir, denn ich glaube, das fände er nicht so toll.“

Robert lachte und wehrte sich nicht gegen den Besetzer. „So, so. Dein Yves ist also wirklich heiß. Warum sagst du solche Sachen, wenn du erwartest, dass ich ihn nicht buche? Dann musst du Dinge sagen wie: 'Das lohnt sich nicht', 'Da vergeht einem der Appetit'. Auch 'Hab schon erotischeres gesehen' könnte helfen, mich nicht neugierig zurückzulassen und mich zu zwingen, ihn doch einmal aufzusuchen.“ Nein, er konnte es nicht lassen, William zu ärgern.

„Weil er mein Yves ist.“ Die Worte kamen aus Williams Mund, bevor er sie zensieren konnte und er stutzte, aber nahm es nicht zurück, auch wenn sie garantiert wieder neue Fragen von Robert provozierten.

Aber sie wurden unterbrochen, als die Tür zu Roberts Zimmer aufgerissen wurde und eine wütende Jane ins Zimmer kam. Sie trug nur einen Morgenmantel über dem Nachthemd, ein Zeichen, dass sie in Eile war und sie kam auf das Bett zu, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen. Sie biss die Zähne aufeinander, gerade so, als würde sie eine große Wut zu verbergen versuchen, doch dann war es ihr egal. Die Hand zur Faust geballt, bekam William das erste Mal in seinem Leben von ihr eine verpasst.

„Ich wusste, dass du eine Ratte sein kannst, aber dass du so tief sinkst. Ich schäme mich, deine Schwester zu sein, Will!“

Völlig überrascht plumpste William nach hinten und hielt sich die Wange. Er verstand überhaupt nicht was los war, genauso wie Robert, der immer noch so lag wie vorher und die Schwester seines Freundes erschrocken ansah.

„Jane… was…?“, stammelte William und versuchte zu verstehen, was gerade passiert war. Er sah Hilfe suchend zu Robert und dann wieder zu Jane. „Was ist los? Ich habe nichts gemacht.“

„Nein, du hast ja nie was gemacht. Das waren immer die anderen, hm? So wie Yves, ja?“ Jane schäumte vor Wut und sie musste sich zwingen, William nicht noch einmal eine zu verpassen, so wütend und enttäuscht war sie. „Nur weil er dich nicht gleich gewürdigt hat, musst du ihn so fertig machen, ja? War notwenig für dein schmales Ego oder was?“ Sie schüttelte über so viel Unverfrorenheit den Kopf und trat ein paar Schritte zurück, denn sonst reichte sie ihm wohlmöglich gleich noch einmal eine dafür durch, dass er so tat, als wäre nichts gewesen.

„Yves?“ William sah seine Schwester an und sein Herz zog sich zusammen. „Was ist mit ihm?“, fragte er panisch und wollte losrennen, aber Robert hielt ihn fest, auch wenn er sich dafür anstrengen musste.

„Jane, was ist los? William hat sich Yves gegenüber wirklich scheiße verhalten, aber das war, bevor wir hierher geflogen sind.“ So wütend wie Jane auf ihren Bruder war, mischte er sich da lieber ein, denn er konnte es nicht verstehen.

„Ach, das war bevor du hier gekommen bist, ja? Bevor du dir in den Kopf gesetzt hast, ihn zu umgarnen, ihm etwas vorzumachen, ihn an dich zu binden und in dich verliebt zu machen, um ihn dann fallen zu lassen? Du bist das Letzte, William! Du bist wirklich der Sohn unserer Mutter!“ Jane wusste ganz genau, wie sehr sie William damit vielleicht verletzte, doch sie lernte Seiten an ihm kennen, die sie ängstigten. Wie konnte man so mit Menschen umgehen, wie William das mit Yves tat? Das war ein netter Junge und ihr Bruder wirklich das größte Arschloch, was hier herum kroch!

William wurde blass. „Woher weißt du das?“, fragte er tonlos und in seinem Kopf formte sich das schlimmstmögliche Szenario, das er sich vorstellen konnte. Er sah zu Robert und schluckte. „Er kann es nicht wissen. Er hat geschlafen“, stammelte er. Das konnte doch nicht sein, dass Yves sie gehört hatte und selbst wenn, dann hätte er gehört, dass er es bereute, so etwas jemals vorgehabt zu haben. „Ich wollte das nicht mehr. Es war ein Fehler.“

„Es stimmt also wirklich. Ich kann es nicht fassen, Will.“ Jane schüttelte nur immer wieder den Kopf und atmete tief durch, um sich selber ein wenig zu beruhigen. „Allerdings hat er es mir eben selbst erzählt, als er mich bat, mein Versprechen zu halten und ich habe es gehalten. Er ist jetzt auf dem Weg zum Flughafen und wird nach Hause fliegen und dir kann ich nur raten, deine Finger von ihm zu lassen, wenn du nicht willst, dass ich anfange, dir das Leben zur Hölle zu machen.“ Ihre grünen Augen funkelten und machten William klar, dass er das nicht wieder gut machen konnte - er war einen Schritt zu weit gegangen.

„In deinem Zimmer liegt das Geld für deine scheiß Autortür. Ihr seid quitt, lass ihn zufrieden!“ Das war keine Bitte sondern eine Warnung.

„Ich will dieses Geld nicht und ich hatte zwar diese Idee, aber da war ich wütend auf Yves und ich habe das nie in die Tat umgesetzt. Das ist schon so lange her, dass ich es wieder vergessen hatte, bis Robert es vorhin erwähnt hat.“ William sackte in sich zusammen.

„Yves ist eingeschlafen und Will kam zu mir rüber, weil er reden wollte. Yves hat nicht alles mitbekommen, wenn er uns gehört hat. Zwar hat dein Bruder gesagt, dass das mal so geplant war, aber auch, dass er das jetzt auf keinen Fall mehr möchte, weil er Yves mag und ihn lieber zum Freund hätte.“ Robert sprach leise und William tat ihm unendlich Leid, so wie er auf dem Bett hockte und nicht wusste, was er machen sollte.

„Allein für die Idee sollte ich dir noch eine hinter die Ohren geben“, knurrte Jane, auch wenn sie langsam zu verstehen schien. „Aber warum hat er nicht gehört, dass mein Fraggle-Bruder das nun doch nicht mehr ernst meint? Yves sagte, er hätte vor der Tür gestanden und darauf gewartet, dass du noch etwas sagst, was deine Idee entkräften könne, doch du hättest geschwiegen. Deswegen ist er gegangen. Dein Geld und dein Ring liegen wohl auf dem Bett.“ Jane war selber noch nicht gucken gewesen.

Sie sank auf die kleine Couch, die vor dem Bett stand und sah ihren Bruder an. Langsam schien sie zu verstehen und sie zog ihn an sich.

William wirkte wie eine Puppe, nichts regte sich an ihm, als er sich ziehen ließ. Deswegen übernahm Robert die Antwort. „Will kam zu mir, weil er verwirrt war. Verwirrt über seine eigenen Gefühle und als ich das mit dieser Idee erwähnte, da brauchte er etwas Zeit, um vor sich selber zuzugeben, wie wichtig Yves mittlerweile für ihn ist und er ihn mag und gerne mit ihm zusammen ist.“

William regte sich noch immer nicht, sondern starrte nur blicklos vor sich hin, aber plötzlich sprang er auf. „Ich muss ihm nach. Er darf nicht so gehen. Ich muss ihm das erklären.“

„Zu spät, Kleiner“, sagte Jane und das schlechte Gewissen plagte sie. „Warum konnte dir nicht schneller einfallen, dass du ihn vielleicht doch nicht in die Gosse treten willst, Willi. Er war so wütend und enttäuscht. Ich glaube auch, er hatte Tränen in den Augen und deswegen habe ich da unten so lange gewartet, bis ich sicher war, dass du ihm nicht mehr folgen kannst, um ihn zurück in seinen Job zu zwingen. Er hat mich darum gebeten, tut mir Leid.“ Ja, sie fühlte sich wirklich bescheiden - da hatte sie sich aber was geleistet.

„Zu spät?“ William sah seine Schwester an und er hoffte, dass er sich verhört hatte. „Das stimmt nicht, oder? Sag, dass er nicht weg ist.“ William riss sich von Jane los und sprang vom Bett. Ohne auf irgendjemanden zu achten, rannte er in sein Zimmer. Immer noch hoffend, dort Yves vorzufinden. Friedlich schlafend, wie er ihn verlassen hatte oder frech grinsend, weil er ihm eins ausgewischt hatte, für all das, was er getan hatte.

Aber Yves war nicht da.

Nur ein Bündel Geld lag auf dem Bett und der Ring. Vorsichtig nahm er ihn hoch und entdeckte den Zettel, der daneben lag. Nur zwei Worte, aber sie schnitten in seine Seele. „Nein!“, schrie er laut und Tränen liefen seine Wangen hinab. Die ersten Tränen seit dem Tod seines Vaters und sie zeigten Jane, wie falsch sie mit all dem gelegen hatte. Sie hatte an William gezweifelt, doch wer hätte das nicht getan, so wie er sich verändert hatte? Mit welcher Vehemenz er Yves nachgestellt hatte und was er alles mit dem jungen Mann angestellt hatte.

„Es tut mir leid, Willi“, sagte sie leise und schluckte hart. Vorsichtig zog sie ihn in eine Umarmung. „Ich konnte nicht anders. Er stand vor mir, zitterte vor Wut und Enttäuschung und die Tränen in seinen Augen machten mir klar, wie ernst es ihm war, von hier weg zu kommen. Er war nicht bereit zu reden.“ Sie wusste, dass es keine Entschuldigung war. „Ich rede mit ihm, wenn du willst. Ich erkläre es ihm“, bot sie deswegen an.

Aber William schüttelte den Kopf. „Er wird dir nicht glauben und er wird anfangen, dich zu hassen wie mich, weil er glauben wird, dass du ihn täuschen willst, weil du meine Schwester bist.“ Noch immer hielt er den Ring umklammert, so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. Dem Geld schenkte er keinen Blick, als er es einfach vom Bett fegte und sich hinlegte, dort wo vorhin Yves gelegen hatte.

Es war, als wenn alles Leben aus ihm geflossen wäre und er lag einfach nur da, sah blicklos auf einen imaginären Punkt und beachtete Robert und Jane gar nicht mehr.

„So eine verdammte Scheiße“, murmelte Robert, der den Geschwistern gefolgt war und nun neben Jane stand.

„Das kannst du laut sagen.“ Jane seufzte. Was brachte es jetzt noch, William zu sagen wie saudoof diese Idee gewesen war. Er hatte seine Rechnung bezahlt, sehr teuer, wie sie zugeben musste. Zu teuer. „Ich glaube Will hat sich verliebt“, murmelte sie leise und ihr mitleidiger Blick strich über ihren Bruder. Sie konnte ihn jetzt nicht allein lassen und setzte sich neben ihn auf das Bett. Sie fühlte sich elend. Warum hatte sie sich einmischen müssen? Aber sie mochte Yves und hatte ihm versprochen zu helfen, wenn er weg wollte, egal aus welchem Grund.

„Ja, das erste Mal verliebt, dann noch in einen Kerl und dann noch der, den er angeblich nicht leiden kann. Wenn Will Scheiße baut, dann aber richtig.“ Robert meinte das nicht böse, aber genau so sah er es. Er schloss die Tür des Zimmers, nicht dass noch jemand mitbekam was hier passierte und bei der Hexe petzen ging. „Ich hoffe, er schafft es, das wieder zu kitten, auch wenn ich da im Moment keine Chance sehe.“ Er setzte sich auf die andere Seite seines Freundes, der sich immer noch nicht regte, sich dann aber unvermittelt zu Jane umsah. „Ich möchte heute um 10 Uhr fliegen. Das Flugzeug soll bereitstehen.“

„Willi, der Pilot ist gut, aber er ist nicht Gott. Jetzt bringt er erst einmal Yves nach New York das braucht seine Zeit. Vor heute Nachmittag wird die Maschine nicht wieder auf britischem Boden landen. Es sei denn, du willst es zurück beordern.“ Jane wurde das Gefühl nicht los, dass William genau das tun könnte.

„Suchen wir was last minute“, schlug Robert vor und zückte sein Handy aus der Hosentasche. Wenn er sonst kaum etwas mit sich führte, ohne seine kleine Spielerei war er nur ein halber Mensch. Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da war das Internet schon geladen.

„Geht nicht?“ Kaum hatte Jane ihm erklärt, dass das Flugzeug nicht da war und ihn weg bringen konnte, verlor William das Interesse und legte sich wieder hin.

Jane sah zu Robert, der von seinem Handy aufblickte und genauso ratlos wirkte wie Jane. Das war nicht William. Der nahm so etwas nicht einfach hin, sondern packte es an und organisierte ein Flugzeug, das ihn zu der Zeit hier weg brachte, wenn er das wollte. Langsam bekam er Angst um seinen Freund. Es konnte doch nicht sein, dass die Sache mit Yves ihn so aus der Bahn geworfen hatte.

„Seit wann haben die Worte 'geht nicht' für dich eine bremsende Wirkung?“, fragte Jane und schüttelte den Kopf, doch sie strich ihrem Bruder eine Strähne aus dem regungslosen Gesicht. Irgendwas lief hier gerade richtig schief. „Zieh dich lieber an, ich bring dich zum Flughafen und wir warten darauf, dass noch ein Sitz in einer Maschine nach New York frei ist.“ Im Gegensatz zu William wollte sie jetzt nicht aufgeben - nicht wenn ihrem kleinen Bruder so viel an dem Jungen lag und auch weil Yves ein anständiger Kerl war, der William nur gut tun konnte.

„Es ist egal, wann ich in New York bin. Er wird nicht mit mir reden und mir auch nicht zuhören. Ich kann auch gleich hier bleiben.“

Robert glaubte, sich verhört zu haben und dann platzte ihm der Kragen. „Sag mal, Will, spinnst du? Du wirst nicht kneifen. Du wirst dir den Schnuckel zurückholen. Los zieh dich an, ich wecke Peter und dann fahren wir alle zum Flughafen. Ich habe drei Plätze in einer Maschine gebucht, die in drei Stunden abfliegt, also hör auf, dich zu bedauern und komm in die Puschen. Durch Jammern kriegst du Yves nicht zurück.“

Wie aus einem Traum gerissen sah William seinen Freund an und es kam wieder etwas Leben in sein Gesicht. „Es wird nicht funktionieren, aber danke“, sagte er leise und setzte sich auf.

„Natürlich wird es nicht gleich funktionieren“, sagte Robert trocken. „Aber es wird ein Schritt sein, Yves zu zeigen dass du dich geändert hast und aus dem widerwärtigen Fraggle mit dem Drang zu vernichten ein netter Kerl geworden ist. Niemand wird ein netter Kerl über Nacht, Will, da muss man Arbeit rein stecken und mindestens so viel Energie, wie du vorher in seine Vernichtung gesteckt hast, wenn nicht mehr.“ Robert ließ sich von der Litanei seines Freundes nicht aufhalten und packte seine Sachen zusammen. Solch einen Menschen wie Yves würde er kein zweites Mal finden.

William aus seiner Lethargie zu reißen war gar nicht so einfach. Jane übernahm diese Aufgabe, während Robert Peter weckte, der gar nicht wusste, was los war und auch nach einer Kurzzusammenfassung noch nicht wirklich schlauer war. Robert atmete erst auf, als William unter der Dusche stand und Jane sich anziehen gegangen war.

„Das wird ein ganzes Stück Arbeit“, seufzte er und machte sich auf den Weg, Peter anzutreiben. Sie mussten in einer halben Stunde los, da sollten sie sich beeilen. Jane kümmerte sich um den Wagen und einen Chauffeur, während die drei jungen Männer sich abreisefertig machten. Peter - immer noch ziemlich im Halbschlaf, weil er das Beste verschlafen hatte - packte murrend und kroch aus seinem Schlafanzug in seine normalen Klamotten. Den konnte Robert also erst einmal sich selbst überlassen. Deswegen hetzte er wieder in Williams Zimmer und sah nach dem Rechten. Nicht das der lieber ins Bett ging, weil ja alles so ausweglos war.

Sein Freund schien sich aber wieder soweit gefangen zu haben, dass er sich fertig machte. Zwar sagte er kein Wort und reagierte kaum, wenn man ihn etwas fragte, aber er funktionierte. Wie ein Automat tat er, was getan werden musste, und sie machten sich pünktlich auf den Weg zum Flughafen.

Im Auto herrschte eine gedrückte Stimmung, so dass Peter nach einem Blick auf William lieber nicht nachfragte, was passiert war. Er wechselte nur einen Blick mit Robert, der ihm bedeutete, dass sie später redeten. Doch allein die Tatsache, dass Yves nicht mit ihnen fuhr und William seinen Ring wieder am eigenen Finger trug, ließ ihn Schlimmes ahnen. Was - um alles in der Welt - war denn bitteschön noch passiert, als er schon selig in seinem Bett gelegen hatte? Yves hatte den Eindruck gemacht, als würde er im Stehen einschlafen. Die Neugier nagte an Peter, doch nicht intensiv genug, denn er nickte immer wieder ein.

Alle vier waren ziemlich erleichtert, als sie den Flughafen erreicht hatten und das Auto verlassen konnten. Die jungen Männer gaben ihr Gepäck auf und konnten wieder nur warten, bis sie an Bord durften. Peter ließ sich endlich von Robert aufklären, was passiert war und seine Augen wurden immer größer.

„Armer Yves“, murmelte er leise. „Ich habe gleich gesagt, dass das eine Schnapsidee war, aber auf mich hört ja keiner.“

„Ja, klasse. Hinterher klugscheißen kann jeder. Wenn ich nur mein blödes Maul gehalten hätte, dann wäre das nie raus gekommen und anstatt durch die Nacht zu reisen, würden sich die beiden jetzt zusammen in den Laken wälzen“, knurrte Robert, dem langsam klar wurde, dass er an der ganzen Sache hier nicht unschuldig war. Warum hatte er diese alte Kamelle auch auskramen müssen, während William ihm erzählte, wie er dabei war sich zu verlieben und wie er sich gefreut hatte, dass Yves ihn auch zu mögen schien. Er war wirklich ein Idiot!

„So hab ich das doch gar nicht gemeint, Großer.“ Peter sah Robert betroffen an. Das sein Freund sich jetzt Vorwürfe machte, war nicht seine Absicht gewesen. Zwar sah er es nicht so wie Robert, dass sich alles wieder einrenken ließ, behielt es aber für sich. Er sah zu William, der unruhig und tief in Gedanken versunken hin und her lief und niemanden beachtete.

„Es ist passiert. Nun müssen wir das Beste draus machen.“

Was sollte Robert auf eine solch leere Worthülse noch sagen? Er zuckte die Schultern und wandte sich ebenfalls ab. Man, war das Wochenende beschissen gelaufen! Alles in allem ein totaler Reinfall und nun war es eigentlich schlimmer als vorher. Warum hatte William nicht einfach das Geld für die Autotür genommen, sondern diese Scharade spielen müssen? Ach verdammt.

Die restliche Zeit bis zum Einchecken verbrachten sie schweigend und es kam erst wieder Leben in sie, als sie sich von Jane verabschieden mussten. Sie drückte die beiden Freunde ihres Bruders und verkniff es sich, ihnen zu sagen, dass sie auf ihn aufpassen sollten. „Haltet mich auf dem Laufenden“, flüsterte sie Robert zu und zog William an sich. Sie wollte ihn jetzt nicht alleine lassen. Doch alles stehen und liegen lassen konnte sie auch nicht so einfach. Also nahm sie sich vor, ihn so bald wie möglich zu besuchen.

„Grüß Jack“, sagte William nur und küsste sie auf die Stirn. Er wollte nicht hören, dass alles schon wieder werden würde, darum machte er sich los und ging zum einchecken.

„Passt auf ihn auf und lasst ihn keinen Blödsinn machen, er tendiert zu so was“, murmelte Jane, als sie ihm nachsah. Robert nickte und lächelte sie noch einmal an. Das konnte jetzt was werden. Es waren nur noch drei Sitze in der Economy-Class frei gewesen. Hoffentlich kam ihnen niemand dumm, denn im Augenblick wusste er nicht, wie William reagieren würde. Er war ein schlummernder Vulkan. Der kleinste Anlass konnte ihn zum Ausrasten bringen und die vielen Menschen und quengelnden, übermüdeten Kinder in der Wartezone machten ihm Sorgen. Sie konnten eigentlich nur hoffen, dass William wieder in seine Grübeleien versank und nichts um sich herum mehr mitbekam.

Sie dirigierten ihren Freund in die Warteschlange, als das Boarding begann und dann zu seinem Sitz. Erst dort atmeten sie wieder auf, als sie es ohne Katastrophen bis hierhin geschafft hatten. Sie verfrachteten William sicherheitshalber ans Fenster, damit er weit weg von allem war und nicht aus Versehen etwas auf ihn fiel oder jemand an ihm hängen blieb, wenn er vorbei ging. Doch zum Glück kramte der junge Herzog schon wieder seinen MP3-Player hervor, um sich zu beschallen und von der Welt abzukapseln. Vielleicht war das das Beste für alle. So konnte Robert sich seit Stunden das erste Mal wieder ein wenig entspannen. Seit Jane in seinem Zimmer aufgetaucht war, hatte er sich wie unter Hochspannung gefühlt. Er beneidete Peter neben sich, der schon wieder dabei war einzuschlafen.

Wider aller Erwartungen verlief der Flug ruhig, die meisten Passagiere schliefen, genauso wie Robert und Peter, nur William blieb die ganze Zeit wach, blickte aus dem Fenster und nahm doch nichts wahr, was um ihn herum passierte. Er war ganz in seinen Gedanken versunken und er ließ den gestrigen Tag noch einmal in jeder Einzelheit ablaufen. Das Aufwachen - der Kuss - dann die Verlobung und noch mehr Küsse. Sie hatten sich so gut verstanden und dann kam so ein unbedacht daher gesagter Satz aus seiner Vergangenheit zurück und machte ihm alles kaputt. Das war nicht fair. Er konnte das so nicht hinnehmen. Er musste Yves zeigen, dass er immer noch der nette Kerl war.

In erster Intention hatte er den Drang nach der Landung gleich im Restaurant zu erscheinen und Yves zur Rede zu stellen. Doch er verwarf den Gedanken, weil es bestimmt laut werden würde und die Leute sich gestört fühlten. Noch einmal wollte er diesen Fehler nicht machen. Doch was sollte er dann tun? Die Entscheidung nahm ihm Robert kurzerhand ab, der ihn vom Flughafen aus ins Hotel brachte und einfach ins Bett steckte.

„Du schläfst jetzt. Du kannst dich ja kaum noch auf den Beinen halten“, bestimmte er und ließ keine Widerrede zu. „Wenn du übermüdet bist, kannst du nicht nachdenken und wenn du nicht nachdenkst, baust du Scheiße und Yves ist verloren.“ Diese Worte ließen William nachgeben und er legte sich hin. Er war sich sicher, dass er nicht schlafen konnte, aber wider erwarten dauerte es nicht lange und er driftete in einen unruhigen Schlaf.

Immer wieder kamen Bilder, sie mischten sich zu ungesunden verwirrenden Collagen. Yves auf dem Tisch im 'Haus der Sinne', sein Angriff mit dem Shinai bei ihrer ersten Begegnung im Dojo. Dann die Schläge vor der Tür und die weichen Lippen im Flugzeug - alles lief in Williams Kopf durcheinander und machte ihn nur noch mehr verrückt.

Was wusste er von Yves wirklich?

Gar nichts.


30

Schweißgebadet schreckte William nach ein paar Stunden hoch. Sein Herz klopfte, denn in der letzte Sequenz seines Traumes hatte Yves sich immer weiter von ihm entfernt und hatte ihm dabei wieder und wieder gesagt, dass er nichts mehr mit ihm zutun haben wollte.

„Nein, das lasse ich nicht zu“, murmelte er und stand auf. Er wusste nun, was er zu tun hatte. Er fuhr jetzt zum Restaurant der Lees und dort wollte er auf Yves warten. Egal, wie lange das dauerte. Heute war Sonntag, er hatte Zeit und er wusste, dass Yves die Chance sicher nutzte, um zu arbeiten. Er war niemand, der herum sitzen konnte. Das hatte er auch im Schloss nicht gekonnt.

Schnell war William geduscht und in ein paar bequeme Kleider gestiegen. Für eine kurze Sekunde hatte er überlegt, vielleicht nicht mit seinem eigenen Wagen zu fahren aus Sorge, wenn Yves den sah, würde er das Restaurant nicht betreten, doch dann schüttelte William den Kopf. Er musste sich nicht schämen, nur weil er Geld hatte. Der Wagen gehörte zu ihm und Yves durfte ruhig wissen, dass diese Sache noch ein Nachspiel hatte.

Sie mussten reden!

Und er konnte nur hoffen, dass Yves das genauso sah.

Je näher William dem Restaurant kam, desto nervöser wurde er und er wusste nicht, ob er enttäuscht oder erleichtert sein sollte, als er Yves nirgendwo sehen konnte. Er nickte Ling zu, die sofort an seinen Tisch kam und bestellte sich bei ihr einen Tee. Dann hatte er etwas, an dem er sich festhalten konnte, während er wartete.

„Wenn du Hong suchst, er ist im Dojo“, erklärte Ling. Auch ihr war bewusst, dass etwas passiert sein musste, denn als Yves plötzlich nach Hause kam und nur spärlich erzählt hatte, dass er nun seine Schulden los sei und sich wieder um das Schulgeld kümmern könne, hatte sie kein gutes Gefühl gehabt. Etwas bedrückte ihren Jungen und sicher hing es wieder mit Hongs neuem Schüler zusammen. Doch sie behandelte ihn trotzdem freundlich und zuvorkommend, nicht nur weil er ein Gast war, sondern auch, weil er sich ihr gegenüber noch nie ungebührlich verhalten hatte.

„Danke, aber ich warte auf Yves. Ist er da?“ William wusste nicht, was er lieber hören würde. Er hatte vor jeder Antwort Angst. Wie sehr, merkte man daran, dass seine Finger zitterten, als er sich aus der kleinen Kanne etwas in seine Schale goss. Was sollte er nur machen, wenn Yves nicht mit ihm reden wollte? Wie sollte er ihm dann erklären, dass alles ein großes Missverständnis gewesen war?

„Na ja“, Ling sah instinktiv zur Tür, hinter der die Treppe in die oberen Räume führte. Sie wusste, dass ihr Junge sich nur noch duschen und dann zur Arbeit fahren wollte. Er hatte mit Doro gesprochen und sie hatte in die Hände geklatscht vor Begeisterung, weil er doch einspringen konnte. Sie hätte schon Reservierungen speziell für seine Person.

„Er muss gleich los, halte ihn bitte nicht auf“, sagte sie und ging zurück in die Küche. Doch sie hatte immer die Tür im Auge, aus der Yves jeden Augenblick kommen musste. Sie hörte ihn schon die Treppe herunter hasten. Sie hatte ihn noch warnen wollen, als er sich verabschiedete, doch da war es schon zu spät gewesen, denn William war in sein Blickfeld geraten.

Kaum dass Yves den Raum betreten hatte, war William aufgesprungen und nun stand er da und starrte auf seinen Verlobten. Er sah müde aus, genauso wie er selbst, aber da war noch etwas anderes, dass William das Herz zusammen ziehen ließ. Yves wirkte wie ein verwundetes Tier und er wusste genau, dass er derjenige war, der das zu verantworten hatte. „Yves“, sagte er leise und suchte Yves' Blick. Er wusste nicht, was ihn erwarten sollte.

Ein hasserfüllter Blick?

Ein leises Zischen, sich hier nie wieder blicken zu lassen?

Vielleicht der Hinweis, dass man sich nichts mehr zu sagen hätte?

Doch nichts von alle dem geschah. Yves umarmte Ling und grüßte Chen in der Küche, dann wandte er sich um und ging. Als hätte er William gar nicht gesehen - sah einfach durch ihn hindurch.

Wie erstarrt sah William ihm hinterher, außerstande sich zu bewegen. Das war ein Schlag ins Gesicht gewesen, den er wohl verdient hatte. Dass er nach Minuten immer noch auf die Tür starrte, merkte er gar nicht, erst als Ling ihn leicht am Arm berührte, schreckte er auf und bemerkte, wie er von den anderen Gästen neugierig gemustert wurde.

„Ich muss gehen“, murmelte er und gab Ling das Geld für den Tee. Er musste raus, auch wenn er noch nicht wusste, was er jetzt machen sollte.

Was er nicht wissen konnte, war, dass es Yves eigentlich nicht viel anders ging als ihm auch. Er war unsicher und vor allem fühlte er sich verletzt. Er war wirklich bereit gewesen, William eine Chance zu geben, die noch niemand vor ihm bekommen hatte. So intensive Nähe und Verbundenheit, wie Yves sie noch nie zugelassen hatte und der Mistkerl hatte das alles nur geplant. War nett gewesen, charmant. Und Yves, der kleine Dummling, hatte sich einwickeln lassen, weil ihm dieser charmante William wirklich hätte gefallen können. Doch er schüttelte nur den Kopf und versuchte ihn frei zu bekommen. Er war mit dem Kerl durch - Verlobung hin oder her.

„Lass dich nie wieder hier blicken“, knurrte er leise, als er sich auf seinen Roller schwang und in Richtung Long Island verschwand. Und leicht war es nicht, der nagelneuen Tür des Bugattis nicht wieder eine Delle zu verpassen.

Die Fahrt zum 'Haus der Sinne' tat ihm gut. Der Fahrtwind kühlte seine Gedanken und er konnte sich innerlich von William trennen, denn das musste er, wenn er arbeitete. Dort konnte er rotierende Gedanken nicht gebrauchen, die sich nur immer wieder um ein und dasselbe Thema drehten. Der Fraggle war es nicht wert, dass man auch nur einen Gedanken an ihn verschwendete. Es war schon schlimm genug, dass Yves ihn jeden Tag in der Schule ertragen musste. Da konnte er es wirklich nicht gebrauchen, sich an die weichen Lippen zu erinnern oder die zärtlichen Hände, die drängenden Küsse und das Gefühl gemocht zu werden.

Das war doch alles nur eine große, fette Lüge, damit der sich das Ego streicheln kann, der Wichser!, erklärte sich Yves wütend und hupte gereizt, weil jemand vor ihm noch nicht begriffen hatte, dass es außer rot, gelb und grün keine anderen Farben auf der Ampel geben würde, egal wie lange er noch wartete.

Er war froh, als er endlich das 'Haus der Sinne' vor sich auftauchen sah. Es war ein wenig wie ein zweites Zuhause für ihn geworden. Ein Ort, an dem er sich wohl fühlte, wo die Leute ihn mochten und wo es egal war, wo er herkam. Von allen Seiten wurde er freundlich begrüßt, als er auf dem Weg durch die Flure zu dem Aufenthaltsraum der Büffetkräfte ging. Doro war sogar noch weiter gegangen und hatte ihm - neben ihrem Büro - einen kleinen Raum ganz für ihn allein herrichten lassen, weil sie wusste, dass Yves seine Kraft in der Ruhe und Entspannung der Meditation fand, die in einem vollen Pausenraum oft nicht zu finden war. Er hatte sogar die Erlaubnis, dort zu nächtigen, wenn er an einem Wochenende abends länger arbeiten wollte und morgens gleich wieder in den Schauraum für das Kendo sollte. Doro war es lieber, er schlief eine Stunde länger, als sinnlos durch die Stadt zu fahren.

Yves legte seinen Helm auf dem Tisch ab und sah sich um. Nichts hatte sich hier verändert, alles war so, wie er es verlassen hatte, nur er selber war das nicht mehr. Kurz hatte er das Gefühl, nicht mehr hier her zu gehören, aber das verging schnell, als es an seiner Tür klopfte und Doro lächelnd den Kopf hereinsteckte.

„Schön, dass du wieder da bist“, begrüßte sie ihn und kam in den Raum. „Ich hab drei Reservierungen für dich. Zweimal Büffet und einmal Kendo.“

„Wow!“ Yves grinste, denn er mochte die Vorstellung, dass er gern gebucht wurde. Nicht weil er es mochte, dass man ihn betrachtete oder er exhibitionistisch veranlagt wäre, nein, er mochte es, dass es Leute gab, die nur wegen ihm kamen. Vor allem, wenn man ihn für eine Kendo-Vorstellung buchte, was in den letzten Tagen öfter passiert war als erwartet. Am liebsten hätte Doro zwei Yves' - einen für die Tische und einen für den Schauraum, so gefragt war er. Sie konnte sich das Geheimnis des jungen Mannes nicht erklären.

„Wer hat mich gebucht?“, fragte er neugierig, um sich abzulenken, doch auch wenn er noch nicht lange hier war, so wusste er, dass es einen Mann gab - augenscheinlich ein Japaner, zumindest trug er einen japanischen Namen - der ihm gern beim Kendo zusah. Und zwei Damen mittleren Alters hatten ihn schon zweimal für das Nantaimori gebucht.

„Eine größere Gruppe Japaner, für das Kendo und deine beiden Verehrerinnen.“ Doro zwinkerte kichernd, denn sie fand das wirklich süß. Sie hatte einmal mitbekommen, wie die beiden Frauen aus dem Zimmer gekommen waren und geschwärmt hatten. Dabei hatten sie gekichert wie Schulmädchen. „Die letzte Reservierung heute ist eine Frau, aber ob sie allein kommt oder in Begleitung, wusste sie noch nicht.“

„Okay, dann weiß ich ja Bescheid.“ Yves lachte, denn er freute sich immer auf die beiden Damen. Nicht weil sie immer heimlich kicherten, wie niedlich er wäre und wie schade es sei, dass er so jung war. Sie hielten sich auch an die Regeln, sie behandelten ihn mit sehr viel Respekt. Nicht zu vergleichen mit der komischen Schnalle, die der Fraggle damals bei sich gehabt hatte. Damals - wie das schon klang. Verdammt, das waren doch nur ein paar lumpige Tage.

Einmal Wahnsinn und zurück - er war an dem Punkt, wo er angefangen hatte: William, das Arschloch. Nur dass er von dem versprochenen Dienstausfall nichts gesehen hatte, nicht einen Dollar. Doch was hatte er erwartet?

„Also, mach dich hübsch, deine Damen sind zuerst dran, danach Kendo und dann die Unbekannte.“ Doro fuhr Yves durch die Haare. „Lass Toni ein wenig nachschneiden. Du wächst langsam wieder zu. Dann sieht man dein hübsches Gesicht ja gar nicht mehr.“ Sie konnte es nicht lassen und wuschelte durch die hellen Haare. Das machte sie zu gerne, aber meist schaffte Yves es, sie daran zu hindern. Nur im Augenblick war er von diversen Gedanken abgelenkt, die er eigentlich hatte vor der Tür lassen wollen und das rächte sich jetzt. Er verzog das Gesicht, als er sich knurrend die Haare wieder richtete und grinste schief.

Auf in den Tag und sich ablenken lassen. Es war gut, dass sein Sonntag so voll gestopft war. Nicht auszudenken, was er heute alles in London gemacht hätte - und vor allen Dingen mit wem!

Es gelang Yves einfach nicht, den Kopf wirklich frei zu bekommen - weder beim Buffet noch beim Kendo, doch das hinderte ihn nicht daran, seine Arbeit zur vollen Zufriedenheit seiner Kunden zu absolvieren. Er war Profi, auch wenn er das noch nicht lange machte.

Jetzt nur noch eine Sitzung und es war geschafft. Wenn er danach Zuhause in sein Bett fiel, war er zu müde, um noch lange zu grübeln, das wusste er jetzt schon. Eigentlich wäre es besser, wenn er hier bliebe, aber er hatte seine Schulsachen nicht mit, also musste er nach Hause.

Wie gewohnt entspannte er sich, als er belegt wurde. Diesmal kein Fisch, sondern Fleisch und Obst und der Menge nach für eine Person. Er wusste nicht wieso, es machte ihn nervös mit dieser Frau alleine zu sein. Er kannte sie nicht und wusste nicht, was ihn erwartete. Zwar war ihm klar, dass die Räume alle videoüberwacht waren und das Sicherheitspersonal einschritt sobald sie glaubten, es wäre nötig, doch eine Fremde oder ein Fremder hieß auch immer, sich jemandem anzuvertrauen, den man nicht kannte. Er hatte immer noch die Sorge, dass William Yves' Arbeitsort an die anderen aus ihrer Schule verraten würde oder aus Versehen einer seiner Lehrer hier auftauchte. Es war eben jedes Mal heikel, einen neuen Kunden zu haben. Doch er versuchte sich zu entspannen und schloss wie üblich halb die Augen, als er merkte, wie das Personal aus dem Raum ging.

Sein Herz schlug automatisch schneller, er konnte es nicht vermeiden.

Er hörte, wie die Tür aufging und jemand in den Raum kam, stehen blieb, sich wohl umsah, wie es jeder tat und sich wieder in Bewegung setzte. Alles so wie immer. Er wurde umrundet und dabei betrachtet. In der Nähe seines Kopfes blieb die Person stehen und beugte sich vor. Das war auch normal, nur die Stimme, die kalt: „Hallo Yves, so sieht man sich wieder“, sagte, war nicht normal.

Auch wenn er sie erst einmal gehört und ihr dabei gar nicht richtig zugehört hatte, wusste er ganz genau, wer das war. Langsam öffneten sich Yves' Augen ganz und er sah seine angehende Schwiegermutter an. Ihm stockte der Atem, weil er nicht wusste, ob William auch hier war. Doch er verbot es sich, sich suchend umzusehen. Sicher hatte dieser Mistkerl Mama vorgeschickt, um Yves klarzumachen, dass man sich nicht einfach von der Familie Kendal abwendete.

Zwar schluckte Yves hart, doch er schwieg, als er der Frau in die kalten Augen blickte. Dabei erschauerte er leicht. Sie war unheimlich.

„Angst?“, fragte sie und sie wusste, dass es so war. „Das solltest du auch. Du hast dir in mir eindeutig die falsche Gegnerin ausgesucht.“ Abigail richtete sich wieder auf, nahm eines der bereitstehenden Champagnergläser und füllte es. „Mein Sohn dachte, er wäre schlau, aber er muss noch viel lernen. Zwar hat er mir das Versprechen abgetrotzt, dass ich dich und diese Lees in keinster Weise behelligen darf, aber er scheint nicht sehr viel über dich zu wissen, denn deinen Bruder Joel hat er in seine Forderungen nicht einbezogen. Ich gehe mal davon aus, dass er von ihm nichts wusste.“ Abigail nahm einen Schluck Champagner und lachte kalt.

„Das war sehr nachlässig von ihm, denn das gibt mir ein Druckmittel in die Hand. Halte dich von meinem Sohn fern oder kein Arzt wird deinen Bruder operieren, bevor es zu spät ist und er für immer erblindet.“ Sie stellte das Glas ab und umfasste Yves' Kinn mit festem Griff. „Es war ein schwerer Fehler, Yves, sich an meinen Sohn heranzumachen. Halte dich an meine Forderungen und alles wird gut. Ansonsten wird es dir und deinem Bruder schlecht ergehen.“ Sie ließ Yves los und ging ohne ein weiteres Wort aus dem Haus. Es war alles gesagt worden und mit einem feinen Hauch Genugtuung ließ sie einen schockierten Yves zurück.

„Das glaube ich jetzt nicht“, sagte er tonlos und schloss die Augen. Wie hatte diese Frau ihn so schnell gefunden? Doch er vergaß, ihr Sohn wusste doch ganz genau, wo er zu finden war. Hatte die Ratte ihn vorhin noch ausspioniert, ob er auch wirklich arbeiten ging und dann seine Mutter geschickt, um ihm die lästige Schwuchtel vom Hals zu halten oder was? „Feiger Drecksack, du findest immer jemanden, der sich die Finger für dich schmutzig macht!“, knurrte er und erhob sich langsam. Lebensmittel, die bei einer Sitzung übrig blieben, wurden sowieso kein zweites Mal verwendet. Es war egal, ob etwas auf den Boden fiel.

Yves war außer sich!

Verdammt noch mal. Der Scheißkerl hatte IHN angemacht, nicht umgekehrt und die Herzogin musste bestimmt keine Sorge haben, dass er sich dem widerlichen Fraggle auch nur noch ein einziges Mal nähern würde. Ihm war es egal, was sie davon faselte, sie dürfte Yves nichts tun, weil William ihr das Versprechen abgenommen hatte. Es war ihm schlicht egal, was dieser Spinner tat. Doch eines war ihm nicht egal - sein Liebstes war in Gefahr: Sein kleiner Bruder.

Am liebsten wäre Yves aufgesprungen und hätte Dinge durch die Gegend geworfen, doch es entsprach nicht seinem Naturel, sich in der Öffentlichkeit gehen zu lassen. Er musste nachdenken - schnell.

Aber erst einmal kam er nicht dazu, denn Doro kam ins Zimmer. Sie war sichtlich verwirrt. „Was ist passiert, Yves? Wo ist dein Gast? Ist sie gegangen? Hat ihr etwas nicht gefallen?“ Sie machte sich Sorgen, denn so etwas war bisher noch nie passiert und sie vermutete gleich, dass etwas nicht in Ordnung gewesen war. „Hat sie was gesagt?“ Dass es Yves' Schuld sein könnte, glaubte sie nicht, weil er doch explizit verlangt worden war.

„Nein, sie hat bekommen, was sie wollte“, sagte Yves leise und ließ sich wieder nach hinten sinken. Er schloss die Augen und legte einen Arm darüber. Das musste er erst einmal verdauen.

Doro sah ihn an, sagte aber nichts. Wenn Yves nichts sagte, war das seine Sache, aber sie hatte das Gefühl, dass da etwas gewesen war. „Geh dich duschen, dann hast du Feierabend. Es ist schon spät. Magst du noch einen Tee mit mir trinken, bevor du fährst?“ Sie wollte Yves damit die unverbindliche Möglichkeit geben zu reden, wenn er wollte. Irgendetwas war gerade passiert, da war sie sich sicher.

„Ja klar, auch wenn ich jetzt was Hochprozentiges vertragen könnte“, murmelte er, immer noch die Augen abgedeckt. Das durfte doch alles nur ein ganz schlechter Scherz sein! Richtig begriffen hatte er es noch nicht. Nur dass William Kendal eine neue Stufe der Widerwärtigkeit erreicht hatte und jetzt auch noch den kleinen Joel in die Sache mit rein zog. Doch Yves hatte keine Chance sich zu wehren, denn sonst war eine Operation für seinen Kleinen undenkbar. Irgendwie glaubte er, dass diese Frau auch in den USA genügend Macht hatte, diese Drohung wahr zu machen. Diese Frau machte keine leeren Versprechungen!

Langsam richtete Yves sich auf.

„Kannst du auch haben, aber dann schläfst du entweder hier oder wir schicken dich mit dem Taxi nach Hause.“ Jetzt war Doro sich wirklich sicher, dass etwas nicht stimmte. Sie kam zu Yves herüber und fuhr ihm durch die Haare. „Grünen, wie immer?“, fragte sie und lächelte. Yves war ihr in den letzten Wochen richtig ans Herz gewachsen.

„Ja, irgendetwas was mich jetzt wieder runter bringt“, sagte er leise und stand langsam von seinem Tisch auf. Dass dabei die Speisen einfach zu Boden fielen, störte ihn im Augenblick nicht. Er war wie gelähmt, denn er war naiv gewesen zu glauben, das würde keine Folgen nach sich ziehen. Er verließe einfach Land und Schloss und es wäre wie vor diesem unsäglichen Freitag. Doch so war es nicht, er hatte sich - angestiftet durch den dämlichen Fraggle - mit der falschen Frau angelegt.

„Ich geh duschen“, sagte er einsilbig und verschwand.

„Bis gleich.“ Doro ging in ihr Büro und bereitete alles vor. Sie holte noch ein paar Sandwichs, falls Yves Hunger haben sollte und stellte alles an der kleinen Sitzgruppe bereit. Sie war mit ihrer Arbeit auch fertig für heute, darum konnte sie sich Zeit nehmen und mit Yves zusammen sitzen. Allerdings war sie sich nicht sicher, ob er reden wollte, denn er erzählte nur selten, wenn ihn etwas bewegte.

Doch sie war noch gar nicht richtig fertig mit dem Herrichten, da stand Yves schon in der Tür. Die Brille auf der Nase, weil er die Linsen entsorgt hatte und die Haare noch feucht. Er hatte sich beeilt, gerade so, als wollte er jetzt nicht allein sein. Und das war es auch. Die wenigen Minuten in der Dusche hatten ihn Unmengen Horrorszenarien durchmachen lassen. Er wollte das nicht mehr. Er wollte nur noch seine Ruhe, war das denn so schlimm?

„Du warst aber schnell, komm rein.“ Doro stand gerade in der kleinen Küche und brühte den Tee auf. „Immer noch was Hochprozentiges? Wenn ja, im Schrank links steht was, such dir was aus.“ Mit zwei vollen Tassen balancierte sie zur Couch und ließ sich darauf sinken, zog die Beine an und seufzte leise. Sie war heute nur durch die Gegend gerannt und endlich hatten ihre Füße Ruhe.

„Nee, doch lieber nicht. Ich muss morgen in die Schule und wenn ich da meinem bekloppten Verlobten über den Weg laufe, dessen Mutter eben gerade bei mir war, um mir zu sagen, ich solle mich von ihm fern halten, sollte ich frisch aussehen und nicht so verbraucht“, ließ er die Bombe einfach platzen. Völlig untypisch für ihn. Dabei sah er Doro lauernd an, was sie wohl davon hielt.

Mit großen Augen sah sie ihn an und brachte keinen Ton heraus. „Verlobter? Mutter?“, stammelte sie und versuchte das zu verstehen, aber dann straffte sie sich. „Setz dich und erzähl. Wer war diese Frau, die vorhin hier war? Bei uns hat sie sich als Abigail Kendal angemeldet.“

„Na, so heißt sie ja auch“, sagte Yves und ließ sich wirklich in den Sessel sinken, vor dem er stand. „Letztens hatte mich ein Kerl gebucht mit einer Freundin, in meinem Alter - das war ihr Sohn. Dieser liebe Sohn hat mich auf dem Kieker, seit er diese Stadt betreten hat. Er kommt nämlich aus London. Weil er nichts besseres zu tun hat, als mir das Leben schwer zu machen und mich auch noch hier zu belästigen, habe ich ihm aus Wut die Autotür eingetreten.“ Yves zuckte die Schultern und berichtete nun nach und nach, wie das gewesen war, mit dem Deal, dem Flug, der Verlobung und der Wahrheit.

„Und als würde das nicht reichen, bedroht sie mich jetzt. Wenn ich dem lieben Sohnemann zu nahe komme, sorgt sie dafür, dass niemand meinen kleinen Bruder operiert, sollte ich das Geld zusammen haben. Der hat grauen Star, weißt du?“

Doro hatte Yves zugehört, ohne ihn zu unterbrechen und stellte nun ihre Tasse, die sie die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch. „Wow“, sagte sie leise. „Das ist Stoff für einen Roman. Das hast du die ganze Zeit ausgehalten? Ich kann dich echt nur bewundern und dieser Fraggle ist wirklich das letzte, wenn er seine Mutter auf dich gehetzt hat.“ Sie hatte solche Menschen durch ihren Job schon zur Genüge kennen gelernt. „Aber was ich nicht verstehe. Warum erzählt sie dir, dass ihr Sohn nichts von deinem Bruder wusste, wenn er sie doch geschickt hat?“

„Hey“, knurrte Yves. „Schlägst du dich jetzt auch noch auf seine Seite?“ Was sollte das denn werden? „Die alte Hexe kann doch viel erzählen, wenn der Tag lang ist. Ich glaube weder der, noch ihrem missratenen Balg etwas. Nur das mit meinem Bruder, das nehme ich ernst und werde dem Wichser aus dem Weg gehen, wo ich nur kann. Deswegen würde ich darum bitten, dass der mich nicht mehr buchen kann. Ließe sich Derartiges einrichten?“ Yves wusste selber, dass das Haus jeden Gast brauchte, doch konnte man da nicht eine Regelung finden?

„Yves, ich schlage mich nicht auf seine Seite und ich werde dafür sorgen, dass beide dich hier nicht mehr belästigen können. Ich habe nur das ausgesprochen, was mir durch den Kopf ging und was ich nicht logisch fand.“ Doro sah Yves an und atmete tief durch. „Wenn du auch keinen Alkohol willst, ich brauch jetzt einen.“ Sie holte sich aus dem Schrank eine Flasche Wodka und ein Glas. „Meinst du, sie hat bei den Ärzten schon etwas unternommen? Wenn du möchtest, frag ich nach, ob das Haus dir das Geld vorstreckt.“

„Ich...“ Yves sah sie an und man konnte in seinen Augen erkennen, dass er in einem handfesten Konflikt stand. Er nahm ungern Geld von anderen. Jane war die erste gewesen und es hatte eine Ausnahme sein sollen. Doch nun wurde er wieder in eine solche Situation getrieben. Doch wenn er ablehnte und Joel dann nicht... er senkte den Kopf und seufzte. „Ich glaube, wenn sie mich schon unter Druck setzt, hat sie vorher ihre Hausaufgaben gemacht. Diese Frau ist intrigant, aber nicht dumm. Wie ihr missratenes Balg auch.“ Den letzten Satz spuckte Yves nur noch aus, als wäre jedes Wort davon vergiftet.

„Ja, das ist leider zu befürchten.“ Doro kippte den Schnaps runter und schüttelte sich. Sie versuchte sich zu erinnern, wer dieser William gewesen war und da fiel ihr nur Yves' erster Kunde ein. „So wie du mir diese Mrs. Kendal beschrieben hast, überlässt sie nichts dem Zufall, aber trotzdem, das Angebot steht.“ Sie lächelte und musste dann ein Gähnen unterdrücken. „Lass uns Schluss machen, du bist bestimmt auch müde.“

„Ja, ich werd heimfahren und zusehen, dass ich ins Bett komme“, entgegnete Yves und trank seinen Tee, griff sich aber noch eines der Sandwichs. Er wollte sich noch gar nicht vorstellen, wie das werden sollte, wenn er morgen in die Schule ging. Eigentlich hatte er im Augenblick den Drang, dem Mistkerl zwischen die Beine zu treten, bis er seine Nüsse ausspuckte, doch die Hexe hatte ihm ja verboten, sich dem Fraggle noch einmal zu nähern. Was hatte er sich da nur eingetreten?

„Wir sehen uns morgen.“ Doro drückte Yves kurz und scheuchte ihn dann aus ihrem Büro, weil sie auch nach Hause wollte. Sie sah ihm hinterher, bis er hinter der nächsten Ecke verschwunden war und seufzte. Warum konnte in dem Leben ihres Freundes nicht einfach mal etwas ohne Probleme ablaufen? Aber sie nahm sich vor, Yves zu helfen, wo sie nur konnte.


+++


„Takeshi? Der Boss wollte informiert werden, wenn sich im Umkreis der Turner-Jungs etwas tut. Sag ihm, eine gewisse Kendal hat sich über Yves erkundigt und ihn aufgesucht. Was gesprochen wurde, weiß ich nicht, aber ich bleibe dran. Er soll mir Anweisungen für weitere Handlungen geben.“ Dann legte Hirose auf und verließ die Telefonzelle.



31

Genervt parkte Yves den Roller vor dem Lieferanteneingang des Plaza. Seit zwei Wochen - seit geschlagenen zwei Wochen! - bestellte der Fraggle nun täglich Suppen zu sich in die Wohnung und immer zu den Zeiten, wenn Yves noch nicht im 'Haus der Sinne' war, sondern Ausfahrten für die Lees machte. Das war doch langsam nicht mehr zum aushalten. Seit zwei Wochen Tag für Tag kam er nun hier her und jedes Mal versuchte der Fraggle ihm ein Gespräch an die Backe zu nageln. Das war so hinterhältig! Doch was hatte er erwartet?

Der Spinner wusste ganz genau, dass Yves ihm nicht nahe kommen sollte. Doch der Fraggle hatte dafür gesorgt, dass er nicht einmal eben den Liftboy darum bitten konnte, die Suppen zu liefern und das Geld zu holen. Nein, der Herr Oberwichser bestand auf persönlicher Bedienung.

Yves schnaubte, als er wie jeden Tag in den Lift trat. Er wusste, dass William ihn gleich wieder zutexten würde und stellte schon mal auf Durchzug.

William stand schon hinter der Tür und machte sie auf, als es klopfte. Yves war immer pünktlich, man konnte fast die Uhr nach ihm stellen. „Hallo Yves, komm rein“, sagte er und hielt die Tür auf. Seit zwei Wochen schon versuchte er, mit Yves zu reden, aber der sah immer noch durch ihn hindurch und beachtete ihn gar nicht. William wusste nicht, wie oft er schon versucht hatte, sich zu entschuldigen und zu erklären, was passiert war. Er kam einfach nicht durch und Yves drehte sich fast jedes Mal wortlos um, nachdem er das Geld für die Suppe bekommen hatte.

Und heute lief es auch nicht anders. Yves stellte die Suppen auf den Tresen in der Küche, nahm wortlos die leeren Schüsseln von gestern und legte William die Rechnung hin. Warum der das Geld immer noch nicht einfach abgezählt und griffbereit auf dem Tisch liegen hatte, war Yves ein Rätsel, denn er zahlte doch sowieso täglich das gleiche.

Wie jeden Tag stand er also wartend da, hörte sich an, was der Kerl heute wieder von sich geben wollte und hoffte, dass er sich beeilte. Doch er würdigte William keines Blickes. Er war zu wütend.

„Yves, bitte hör mir doch zu, ich muss mit dir reden.“ William war zu Yves gekommen und versuchte, ihn dazu zu bewegen, ihn anzusehen. Wäre er nicht so stur gewesen, hätte er schon längst aufgegeben, aber das kam gar nicht in Frage. Er blieb ein wenig entfernt stehen, denn Yves sollte sich nicht bedrängt fühlen. Er mochte Nähe nicht, dass hatte er ihm schon vor einigen Tagen gezeigt. Und am wenigsten mochte er sie von William. Es war schwer zu glauben, dass es zwischen ihnen - wenn auch nur für kurze Zeit - einmal anders gelaufen war.

Yves stand da, es arbeitete in seiner Kehle und plötzlich platzte es aus ihm heraus: „Du hast es geschafft, Will. Du hast dein Ziel erreicht!“ Seine schwarzen Augen glühten im Hass, als er sich dem Fraggle zuwandte. Vor zwei Tagen hatte er sich einmal nach einem Termin für Joel erkundigen wollen - rein informativ. Ihm war selber nicht klar gewesen, was er eigentlich erwartet hatte. Doch als man ihm erklärte, dass kein Termin für ihn frei wäre, hatte Yves geglaubt, sich verhört zu haben. Egal an wen er sich wandte, keiner war bereit, ihm einen Termin zu geben. Die Hexe hatte also ihre Drohung wahr gemacht und William, der Mistkerl, hatte ihn in diese Falle gelockt.

„Freu dich drüber und jetzt bezahle die Rechnung. Ich habe noch was vor“, zischte Yves, ehe ihm die Hand erneut ausrutschte. Doch da man nie wusste, ob man dann nicht verklagt wurde oder Schlimmeres, beherrschte sich Yves. Leicht war das nicht, bei der Wut, die in ihm pulsierte.

Etwas erschrocken über den Ausbruch wich William ein wenig zurück und sein Herz klopfte. „Yves, ich weiß, dass du wütend auf mich bist und du hast auch allen Grund dazu, aber bitte hör mir zu.“ Auch wenn es unerwartet gekommen war, so musste er diese Chance nutzen. Wer wusste schon, wann er wieder eine Chance bekam? „Ich fand das Wochenende in London sehr schön und ich habe eingesehen, dass ich wirklich ein Arsch war, so wie ich dich behandelt habe.“

„Und weil dir das so gut gefallen hat, machst du gleich weiter. Ist doch schön, wenn man solch ein abendfüllendes Hobby hat. Kann ich bitte das Geld haben, ich habe noch ein paar erfreulichere Wege vor mir.“ Yves war zu keiner Diskussion bereit, noch weniger war er bereit, sich anzuhören, was William wollte. Er hatte Weißgott genug angerichtet und wenn er nur einen Funken Anstand in seinem Leib hätte, würde er wissen, wann Schluss war - doch was hatte er von einem missratenen Fraggle erwartet? So hielt er auffordernd die Rechnung hin, damit William aufhörte, auf ihn einzureden.

„Was mache ich weiter?“ William sah Yves fragend an, denn er verstand nicht, was er meinte. Er hatte doch nichts weiter getan, als ständig versucht mit Yves zu reden. Er hatte ihm auch das Geld für das Wochenende geben wollen, aber Yves hatte es abgelehnt, obwohl er es doch gut gebrauchen konnte. „Bitte, Yves, das, was du gehört hast, stimmt so nicht. Ich habe Robert zwar vor langer Zeit von dieser Idee erzählt, aber das war eine blöde Idee, die ich wieder vergessen hatte, bis Robert sie erwähnte.“

Man sah deutlich an Yves' Augen, wie er wütender und wütender wurde. Doch er presste seine Stimme zur Ruhe, um nicht zu schreien. „Hör zu, Fraggle. Tu dir und mir einen Gefallen und versuche mich bitte nicht für dumm zu verkaufen. Du weißt sehr wohl, was abgelaufen ist und wem ich das zu verdanken habe und jetzt rück die Kohle raus oder ich gehe. Dann wirst du deinem Sensei erklären, warum du seinem Bruder die Suppen nicht bezahlst.“

Er wollte weg hier, nur noch weg!

„Schon gut.“ William wusste, dass Yves es ernst meinte und zog das Geld aus der Hosentasche. Jetzt hatte er mit Yves geredet, aber überhaupt nichts erreicht. Aber heute hatte es keinen Sinn mehr. Nichts, was er zu sagen hatte, ließ Yves gelten oder glaubte es. Ihr Verhältnis wurde von mal zu mal schlimmer und so langsam wusste er nicht mehr weiter.

Wie jedes Mal hatte Yves das Wechselgeld abgezählt im Portemonnaie und legte es auf den Tisch. Wenn er von einem Menschen keine Almosen und kein Trinkgeld wollte, dann war das der missratene Fraggle. Von dem Kerl ließ er sich nicht kaufen, auch wenn dessen Verhalten auf weiter Strecke keinen Sinn machte. Es wirkte manchmal fast so, als würde er ein schlechtes Gewissen haben, doch dann war es Yves auch schon wieder egal. Neben dem Geld für die Schule und die OP für Joel brauchte er jetzt noch Geld für eine Reise ins Ausland, wenn hier keiner seinen Kleinen operieren konnte, ohne seinen Job zu verlieren. Von den Schulden bei Jane einmal völlig abgesehen.

Um nicht doch noch ausfallend zu werden, schnappte Yves sich die Kiste und rauschte ab.

William sah ihm hinterher und ließ sich auf einen der Hocker an der Theke nieder. Er fühlte sich echt beschissen. Da Yves nicht mit ihm hatte reden wollen, hatte er ihm sogar einen Brief geschrieben, aber den hatte er mit einer Lieferung Suppen ungeöffnet zurückbekommen. So langsam musste er wohl einsehen, dass Yves für ihn verloren war und wenn er ihn weiterhin ständig zu sich bestellte, wurde es nur schlimmer und nicht besser.

Aber er wollte doch, dass Yves endlich begriff, dass dieses blöde Missverständnis nicht ernst gemeint war. Warum wehrte sich Yves so gegen ihn? Er hatte doch selber gesagt, dass William gar nicht so übel war, wie er immer geglaubt hätte und er hatte ihn geküsst. Immer wieder! Das konnte doch nicht alles nur sein Job gewesen sein. William war sich sicher, dass auch Yves etwas empfunden hatte, sonst wäre er doch bei diesem blöden Missverständnis nicht so abgerauscht. Dann hätte ihn das doch kalt gelassen. Allein dieser Fakt, dass Yves ihn nur so leiden ließ, weil er selber litt, hielt William bei der Stange.

Seine Hand sank auf die Hosentasche, in der er eine kleine Schatulle trug. Er wusste selber nicht, warum er extra Verlobungsringe hatte fertigen lassen, vielleicht, weil die Hoffnung wirklich zuletzt starb.

„Nein“, sagte er schließlich und straffte sich. „Du wirst mir zuhören und du wirst mir glauben und auch wenn du nicht das gleiche empfinden solltest wie ich, dann werden wir doch wieder Freunde sein.“ William ballte seine Hand um das kleine Kästchen. Er war der Herzog von Kendal, er gab nicht auf. Zwar fühlte William sich nicht besser, aber doch zuversichtlicher. Und ab und an brauchte er es, sich selbst aufzubauen.

Er zuckte und sah zur Tür, als heftig dagegen geklopft wurde. „Hey, komm schon“, hörte er Robert, der grundsätzlich ungeduldig war. Türen waren ihm ein Gräuel, vor allem wenn sie ihm Wege versperrten. „Mach auf, ich habe eben die Kirchenmaus abrauschen sehen - was war los!“

„Hör auf, so einen Krach zu machen“, schrie William zurück, beeilte sich aber, die Tür zu öffnen. „Er hat die Suppe gebracht. Bedien dich.“ Er selber hatte keinen Hunger. Er dachte über Yves' Worte nach und konnte sie immer noch nicht verstehen. Es hatte sich so angehört…. William schüttelte den Kopf. Es brachte nichts. Solange Yves ihm nicht sagte, was er gemeint hatte, kam er nicht weiter.

„Was denn los, Alter, immer noch Funkstille?“ Robert ließ sich auf einen Hocker William gegenüber nieder und griff sich wirklich eine der Suppen. Seit er wusste, was sein Freund hier täglich veranstaltete, kam er hinterher immer zum Vertilgen der Reste und um zu hören, was passiert war. Er machte sich Sorgen um seinen Freund. Er ließ das Fechttraining schleifen und lauerte fast nur noch im Dojo, in der Hoffnung, Yves zu begegnen.

„Wie man's nimmt. Er hat heute geredet, aber weiter bin ich kein Stück. Wenn er mich nicht ignoriert, dann funkelt er mich wütend und verachtend an. Er glaubt nichts, was ich sage.“ William versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie er sich fühlte. Seine Nerven lagen langsam blank. Das merkte er daran, dass er schnell gereizt reagierte, wenn ihm etwas nicht passte.

„Was hat er denn gesagt?“ Robert hatte sich in den letzten Tagen seine blöden Witze ganz schön verkneifen müssen. Peter ließ sich schon kaum noch blicken, weil er das unsägliche Talent hatte, bei William immer anzuecken, weil er ihm Vorhaltungen über das machte, was nicht mehr zu ändern war. Ehe sie sich stritten, hatte Peter lieber etwas Abstand genommen. Die einzige, die immer mal die richtigen Worte fand, war Yuki. Aber sie war noch für drei Tage auf einer Studienreise ihrer Klasse. Es war zum verzweifeln. So konnte das ja schlecht weiter gehen.

Robert hatte ja den Verdacht, Yves nutzte es aus, dass es William so dreckig ging und hoffte darauf, er würde in der Schule schlechter. Doch er wusste, wenn er das laut äußerte, würde sein Freund ihn würgen. Für ihn war die Kirchenmaus plötzlich unfehlbar und das Maß aller Dinge. Erschreckend, wie sich das geändert hatte.

„Ich bin nicht wirklich draus schlau geworden. Er hat Andeutungen gemacht, dass ich etwas gemacht hätte, weil ich wissen sollte, was abgelaufen wäre und wem er das zu verdanken hätte.“ William seufzte, denn je länger er darüber nachdachte, umso weniger Sinn machten die Worte. „Ich weiß wirklich nicht, was er meint, aber wenn ich weitergebohrt hätte, hätte ich wohl wieder seine Hand um meine Kehle gehabt.“

„Uh - gruselig“, murmelte Robert und griff sich selbst instinktiv an den Hals. Er versuchte den Sinn in diesen Worten zu verstehen. „Klingt für mich so, als wäre noch was mit ihm passiert, von dem du keinen Schimmer hast. Hat Yuki nichts erzählt?“ Es konnte doch nicht sein, dass man hier gar nichts in Erfahrung bringen konnte. Yves mochte ein sturer Bock sein, doch er war eigentlich nicht ungerecht. „Und deine Mutter?“, fragte er deswegen, weil sie irgendwie die einzige war, die ihm einfiel, die Yves vielleicht doch schaden könnte.

„Ja, das war auch meine Idee, aber außer meiner Mutter gibt es niemanden, der ihm etwas wollen könnte. Aber das kann nicht sein, denn ich habe ihr ihr Wort abgenommen. Sie mag eine Hexe sein, aber sie hält ihr Wort. Argh!“ William raufte sich die Haare und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Yuki weiß nichts von dem, was in London passiert ist. Wir haben ihr beide nichts davon erzählt.“

„Ah. Okay“, nickte Robert, und schon waren sie wieder bei Null. Er setzte gerade an etwas zu sagen, als plötzlich Williams Handy klingelte. Es lag auf dem Tisch im Wohnzimmer und krakelte nun so lange, bis sich jemand erbarmte und lauschte, wer stören wollte.

„Willst du nicht rangehen?“, fragte er, als William sich nicht zuckte. William schreckte auf. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass sein Handy klingelte und sprintete nun los.

„Hallo Yuki“, rief er in den Hörer, nach einem kurzen Blick auf das Display. „Ist dir langweilig auf deiner Klassenfahrt?“, lachte er, denn sie sollte nicht mitbekommen, dass es ihm seit Wochen schon nicht mehr gut ging.

>Problem, Will, großes Problem!<, sagte sie gleich ohne Gruß und Vorwort und wer Yuki und ihre stets höfliche Art kannte, wusste, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. >Yves' Großmutter hatte einen Herzinfarkt. Sie liegt intensiv. Sein kleiner, blinder Bruder Joel ist jetzt ganz alleine und sie haben versucht Yves zu erreichen. Aber sein Handy ist aus. Ich weiß nur, dass er das ganze Wochenende im 'Haus der Sinne' sein wird. Die Lees haben den Laden voll und können nicht weg. Kannst du den Kleinen holen?< Sie redete wie ein Wasserfall, ehe sie der Mut verließ, William darum zu bitten. Doch sie hatte sich keinen anderen Ausweg gewusst. Yves war nicht zu erreichen, die Lees konnten nicht weg und Hong war auch nicht da. William war der einzige, der ihr eingefallen war, der den Jungen hätte holen können.

„Yves' Bruder?“ William war etwas verwirrt, aber er fasste sich schnell. Allein dass es um Yves ging, machte ihm die Entscheidung leicht. Seiner Großmutter und seinem Bruder durfte nichts passieren. „Ja, sicher kann ich ihn holen. Wie heißt der Bruder denn? Wie alt ist er? Wo soll ich ihn abholen? Kann ich sonst noch etwas tun? Wie geht es der Großmutter?“

>Seiner Granny geht es eben den Umständen entsprechend. Viel habe ich auch nicht mitbekommen. Weil sie Yves nicht erreicht haben und Joel wohl meine Nummer eingefallen ist, hat das zuständige Amt mich angerufen, um den Jungen zu Yves zu bringen. Ich habe denen gesagt, ich veranlasse das. Ich hoffe, sie geben dir den Jungen auch mit. Ach, man - muss so was passieren, wenn ich nicht da bin... eine Scheiße ist das alles und Yves ist freilich nicht zu erreichen. Man!< Yuki war genervt, das hörte man heraus, denn sie fluchte sonst eher selten.

„Ganz ruhig, Yuki, ich kümmere mich um alles. Sag mir nur, was ich wissen muss, dann bin ich sofort unterwegs.“ William musste trotz der ganzen Situation lächeln. „Joel wird in kein Heim kommen, sondern ich werde ihn holen. Ich werde mich auch nach der Großmutter erkundigen und alles Nötige veranlassen.“

>Oh man, Yves bringt mich um, wenn er das raus bekommt, aber es ging wirklich nicht anders<, betonte sie noch einmal und hoffte, dass William verstand, wie sie das wirklich meinte. Hastig gab sie die Adresse der Großmutter und des Krankenhauses durch und entschuldigte sich noch mindestens dreimal, bedankte sich und wirkte ein bisschen erleichtert.

„Keine Sorge, Süße, ich werde Yves' Zorn auf mich ziehen. Was solltest du denn machen? Vielleicht lässt er mich ja leben.“ William lachte, aber es war ihm bitterernst. Yves würde das gar nicht gefallen, aber diesmal wollte William nicht zulassen, dass Yuki etwas abbekam. Sie verabschiedeten sich und William steckte sein Handy ein und winkte Robert, der ihn neugierig ansah. „Ich muss weg. Yves' Großmutter ist im Krankenhaus und ich muss seinen kleinen Bruder holen. Kannst du im Anwesen Bescheid sagen, dass ich mit einem Gast komme?“

Robert, der ja am Telefon nur die Hälfte mitbekommen hatte, sah seinen Freund entgeistert an. „Yves' kleiner Bruder, seine Großmutter“, murmelte er und versuchte die Tragweite zu begreifen. „Machst du jetzt einen auf Verlobten und Familienzusammenführung?“ Das durfte doch nur ein schlechter Scherz sein, oder?

„Erzähl nicht so einen Scheiß. Ich mach das nicht nur, weil es um Yves geht. Ich würde das auch für deinen kleinen Bruder machen, wenn du einen hättest.“ William sah Robert ärgerlich an, denn diese Unterstellungen gefielen ihm gar nicht. „Weder Joel, noch die Großmutter werden etwas von dieser Verlobung erfahren und ich glaube auch nicht, dass es mir Pluspunkte bei Yves bringen wird.“

„Nein, glaube ich allerdings auch nicht“, murmelte Robert und beeilte sich, seine Suppe zu essen. „Wie ist das jetzt? Holst du den Jungen nur ab und bringst ihn zu den Lees oder wie wird das laufen? Ich glaube nicht, dass Yves Luftsprünge macht, wenn er erfährt, wo sein kleiner Bruder ist.“ Hoffentlich stolperte William in seinem Wahn nicht in die nächste Katastrophe, er war aus dieser hier noch nicht einmal richtig raus.

„Ich werde ihn abholen, danach mit ihm ins Krankenhaus fahren. Die Lees haben das Haus voll, darum nehme ich den Kleinen erst einmal mit zu mir und abends bringe ich ihn dann zu den Lees. Er kennt sie, dort wird er sich wohl fühlen.“ William hatte, wie es seine Art war, schon alles so weit es ging geplant. Er mochte es nicht, bei so etwas überrascht zu werden. „Beeil dich, ich muss los.“

„Is' ja gut!“ Robert erhob sich ebenfalls und ging vor William zur Tür. Seinen Verdacht, dass William vielleicht auch ein bisschen auf die Lebensumstände gespannt war, unter denen seine Kirchenmaus aufgewachsen war, behielt er lieber für sich. William war dünnfellig geworden und reagierte ziemlich gereizt auf solche Verdächtigungen.

Sie fuhren noch zusammen im Lift bis in die Tiefgarage, wo die Wagen standen. Dort trennten sich ihre Wege.


32

Der Weg bis zum Haus der Großmutter in Maplewood war relativ weit und so brauchte William länger, als er gedacht hatte, bis er in die kleine Straße fuhr. Es war schön hier. Ruhig und sauber. Einfache, kleine Holzhäuser säumten die Straße mit ihren gepflegten Vorgärten und man konnte sich wirklich wohl hier fühlen. Er hielt vor der richtigen Adresse und stieg aus.

Schon jetzt sorgte sein Wagen für Aufregung, aber er kümmerte sich nicht darum. Schnell lief er zur Haustür und klopfte. Es dauerte ein wenig, bis geöffnet wurde. Eine ältere Frau öffnete ihm und er stellte sich vor. „Ich bin ein Freund von Yves Turner, dem Bruder von Joel. Ich bin hier, um den Jungen abzuholen, damit er nicht alleine ist.“

„Yves?“ Ein blonder Junge - vielleicht elf Jahre - kam zur Tür gelaufen. Wenn William nicht die Information bekommen hätte, dass der Kleine blind war, man hätte es ihm nicht angemerkt. Er bewegte sich völlig sicher. „Yves?“ fragte er noch einmal und drehte sich ein bisschen, sicher um zu hören, ob er seinen Bruder erspähen konnte.

„Nein, leider nicht Yves. Hallo Joel. Mein Name ist Will, ich gehe mit deinem Bruder in eine Klasse. Yuki hat mich angerufen, damit ich dich abhole.“ William betrachtete Joel und musste lächeln. Yves hatte in dem Alter wohl ähnlich ausgesehen. Nur dass Joel keine schwarzen, sondern hellbraune Augen hatte. „Wir versuchen Yves zu erreichen und wenn wir das haben, wird er dich holen.“

Unsicher drückte sich der Junge hinter der Tür an die ältere Dame und war plötzlich ganz still. „Eigentlich machen wir das ja nicht“, wendete sie sich an William, „dass wir die Kinder Wildfremden mitgeben. Aber da Yves' beste Freundin sie angekündigt hat. Ich würde sie allerdings noch um ihren Führerschein bitten, damit ich mir ihre Personalien notieren kann.“ Eine gesunde Portion Misstrauen war nie verkehrt.

„Aber natürlich, das kann ich verstehen.“ William reichte der Frau seinen Führerschein und wartete auf die Reaktion, die immer kam, wenn man seinen Namen und Titel las. Er sah zu Joel und wusste nicht, was er tun sollte. Der Kleine hatte Angst, das war deutlich zu sehen. Seine Großmutter war nicht da und keiner wusste, ob sie sterben würde. „Sollen wir gleich ins Krankenhaus fahren?“, fragte er darum, denn er in Joels Situation wollte bestimmt dort hin.

Joel nickte, als er hinter der älteren Dame hervorgesehen hatte. Die allerdings musterte den jungen Mann mit den langen schwarzen Haaren nur mit einem Hauch von Ehrfurcht. Eilig notierte sie sich die Daten, die sie brauchte und gab das Dokument zurück, ehe sie sich neben Joel hockte. „Herr Kendal wird dich zu deinem Bruder bringen, ja?“, fragte sie und Joel wirkte unsicher. Er kannte den doch gar nicht.

„Bist du ein Freund von Yves?“, fragte er also auf den Kopf zu.

„Du bist wirklich Yves' Bruder. Immer direkt.“ William grinste schief. „Das ist nicht so einfach zu sagen. Wenn du mich fragst, dann würde ich sagen ja, aber ich glaube dein Bruder wird da nicht zustimmen.“ William beugte sich zu Joel vor und flüsterte verschwörerisch. „Er ist grad nicht sehr gut auf mich zu sprechen.“

„Aber wenigsten bist du ehrlich“, sagte Joel, denn er hatte gelernt, die Stimmen der Leute, die mit ihm sprachen, zu lesen. Die meisten glaubten, nur weil er blind war, würde er nicht merken, wenn er belogen wurde. Doch das stimmte nicht, er hörte das Zögern oder das Zittern in einer Stimme. Aber ihm war es lieber, wenn er unterschätzt wurde, das machte es leichter. Und da sich William schon zu ihm herunter gebeugt hatte, nutzte Joel die Chance ihn „anzusehen“ - er benutzte seine Finger, die er über das Gesicht des Fremden gleiten ließ, um es zu erfassen.

Im ersten Moment wollte William zurückzucken, aber dann hielt er doch still. Wenn er die Augen schloss, konnte er sich einbilden, dass es Yves' Finger waren, die über seine Haut strichen, aber er schüttelte den Gedanken ab. „Danke“, sagte er leise und blieb so gebeugt, bis Joel die Hände sinken ließ. „Haben sie schon die Sachen von Joel gepackt?“, wandte er sich an die Dame. „Wenn ja, wäre ich dafür, dass wir alles in meinen Wagen bringen. Wir möchten ins Krankenhaus.“

„So viel wird er für die nächsten Tage ja nicht brauchen. Da die Tasche“, sagte sie und öffnete die Tür weiter, damit William die Reisetasche sehen konnte. Ganz obenauf saß ein abgegriffenes Plüschtier - wie es aussah ein Tiger. Sie wollte die Tasche anheben, doch William kam ihr zuvor. Sie lächelte über so viel Anstand. So verabschiedete sie sich von Joel und schloss hinter ihnen ab, während Joel mit seinem weißen Stock den Weg vor dem Haus ertastete. Er kannte ihn, doch er wusste nicht, wo der Wagen stand.

„Nach rechts, etwa 10 Meter“, dirigierte William ihn und öffnete als erstes die Beifahrertür, damit Joel einsteigen konnte. Er half dem Jungen hinein und musste grinsen, als Joel gleich wieder seine Hände auf Wanderschaft schickte und alles um sich herum ertastete. William verstaute die Tasche, aber nahm den Tiger mit in den Wagen und legte ihn Joel in den Schoß. „Nicht erschrecken, ich schnall dich nur an“, erklärte er, was er machte, als er sich zur Seite beugte.

„Ganz schön flach. Ist das ein Sportwagen?“, fragte Joel neugierig, er taute langsam auf. Irgendwie war der Kleine offener als sein Bruder und ihr Einstieg war um einiges harmonischer als der mit Yves. Während eine Hand den Tiger umklammerte, wanderte die andere weiter über Sitz und Tür und Armaturenbrett. Joel war neugierig.

„Gut erkannt. Es ist ein Bugatti. Schwarz wie die Nacht und mit sehr vielen Pferdestärken.“ William musste grinsen, denn er fand den Wagen immer noch toll. „Es ist der erste Wagen, den ich selber gekauft habe. Meine Mutter war gar nicht begeistert, aber sie ist weit weg in London.“ Nun lachte William. Er mochte den Kleinen und da spielte es keine Rolle, dass er Yves' Bruder war.

„Bist du reich?“, fragte Joel und wandte sich William zu, zuckte aber kurz zusammen, als der Wagen gestartet wurde und aufheulte. Aufgeregt drückte sich der Junge tiefer in den Sitz und suchte nach der Sonnenbrille, die er immer trug, um seine trüben Augen zu verbergen.

„Ein wenig“, sagte William lapidar, denn vor Joel kam er sich wie ein Angeber vor, wenn er ihm sagte, wie reich er wirklich war. Es juckte ihm in den Fingern und schließlich gab er nach und wuschelte durch Joels Haare. Er wollte einfach wissen, ob sie sich anfühlten wie Yves'. Damit er sich aber selbst ein wenig anschwindeln konnte, strich er auch dem Tiger über den Kopf und grinste, denn Joel mochte das genauso wenig, wie sein Bruder.

„Hey“, knurrte der Kleine erschrocken. Er hatte zwar das Rascheln gehört, aber nicht damit gerechnet, dass er unvermittelt angefasst wurde. Lieber wollte er noch mehr über den Fremden herausfinden. „Und warum mag Yves dich nicht?“, fragte er also, denn diese Information war dem Jungen gut im Gedächtnis geblieben. Eigentlich passierte es gar nicht, dass Yves jemanden nicht mochte. Meistens hielt er sich aus allem heraus und kümmerte sich nicht darum, was andere taten.

„Tja, warum mag dein Bruder mich nicht?“ William fuhr los und sah kurz zu Joel hinüber, der ihm das Gesicht zugewandt hatte und sehr aufmerksam wirkte. Er wollte den Kleinen nicht belügen, aber auch nicht preisgeben, warum Yves ihn hasste. „Um es einfach auszudrücken, weil ich ein Arsch sein kann. Ich habe mich deinem Bruder gegenüber ziemlich mies benommen, als wir uns kennen gelernt haben. Ich habe versucht das zu ändern, aber es hat alles nur noch schlimmer gemacht. Dein Bruder ist böse auf mich, aber ich hoffe, dass er eines Tages wieder mit mir redet.“

„Ach so.“ Joel nickte verstehend, auch wenn er das eigentlich nicht verstanden hatte. Er spürte deutlich, dass William ihm etwas verheimlichte, denn seine Stimme verriet mehr, als der junge Mann zu ahnen schien. Doch Joel bohrte nicht weiter, das hatte ihm Yves beigebracht. Wenn jemand etwas nicht sagen wollte, durfte man ihn nicht drängen.

„Ich liebe Yves“, sagte er stattdessen und atmete tief durch. „Und bald, wenn er mit der Schule fertig ist und arbeitet, darf ich zu ihm ziehen und ich werde endlich operiert und kann vielleicht wieder sehen.“ Warum er das diesem Mann erzählte, wusste Joe nicht.

William antwortete nicht sofort, denn er musste erst einmal verdauen, was er gerade gehört hatte. Jetzt wusste er, warum Yves das Geld so dringend brauchte und William hatte ihm das Leben zur Hölle gemacht, nur weil er ein verletztes Ego hatte. „Was ist denn mit deinen Augen?“, fragte William, um etwas zu sagen und Joel lächelte. Er spürte, dass William sich plötzlich unbehaglich fühlte, doch er fragte nicht nach.

„Ich habe grauen Star und bin nach und nach erblindet, weil die Linse sich eingetrübt hat. Aber das kann operiert werden und Yves hat versprochen, dass es passiert, sobald er das Geld zusammen hat.“ Man hörte in seiner kindlichen Stimme die Ungeduld, aber auch die Dankbarkeit für seinen Bruder.

„Ja, wenn dein Bruder das versprochen hat, dann wird das auch passieren. Yves hält seine Versprechen immer.“ Es konnte jetzt nur etwas länger dauern, bis es passierte, weil so ein dämlicher Fraggle ihm das Leben schwer machte. William fühlte sich mies und sein erster Impuls war, Yves das Geld für die Operation anzubieten, aber das kam bestimmt einer Beleidigung gleich. Das war alles so verzwickt und William musste sich eingestehen, dass er mehr als nur en wenig Mist gebaut hatte. Ganz im Gegenteil, er hatte ganz tief ins Klo gegriffen.

„Ja, und dann werde ich Koch“, erzählte Joel weiter. „Chen hat gesagt, dass ich Talent habe und bei ihm lernen kann und dann mach ich die besten Nudelsuppen, die es nur geben kann.“ Das war sein kleiner Traum. Auch wenn er gern bei seiner Großmutter war und sie sich um ihn sorgte und ihn liebte, es drängte ihn irgendwie mehr zu seinem Bruder und seinen Freunden. Er sagte das nicht, weil er sich undankbar dabei fühlte, doch so war es nun einmal. Dieser Vorort hier, das war nicht seine Welt und er konnte den Tag nicht erwarten, an dem er ihn endlich verlassen konnte.

Froh über die Wendung lachte William leise. „Wenn Chen dir das Kochen beibringt, dann können es nur die leckersten Suppen der Welt sein. Sie sind wirklich superklasse. Seitdem ich sie das erste Mal probiert habe, esse ich sie immer wieder gerne. Ich trainiere auch in Hongs Dojo, aber noch nicht sehr lange.“ William wusste nicht so genau, warum er das erzählte, aber er wollte wohl, dass Joel glaubte, dass er zu Yves' Leben gehörte. „Ich hatte mir das heute so gedacht. Nach dem Krankenhaus fahren wir zu mir und später bring ich dich dann zu den Lees, wenn du möchtest.“

„Und Yves?“, fragte Joel und wirkte irritiert. „Warum fahren wir zu dir und nicht zu Yves?“ Das verwirrte ihn. Er wusste zwar, dass das Telefon seines Bruders nicht zu erreichen war, weil er vielleicht im Laden beschäftigt war und nicht gestört werden wollte. Aber deswegen konnte Joel doch trotzdem zu ihm gebracht werden. Er blieb doch auch allein, wenn Yves in der Schule war oder eine Auslieferung machte. Warum ging das denn heute nicht?

„Dein Bruder ist nicht erreichbar, weil er arbeitet und er kommt wohl erst morgen wieder und bei den Lees wärst du den ganzen Tag alleine. Ich kann dich auch dort hinbringen, wenn du möchtest, aber ich dachte, wir unternehmen zusammen noch etwas.“ Dass William es nicht gut fand, Joel mit der Ungewissheit über seine Großmutter alleine zu lassen, sagte er nicht, aber er wusste, wie verloren er sich gefühlt hatte, als sein Vater starb und nur Jane hatte ihm etwas Halt gegeben, auch wenn sie selber noch klein gewesen war.

„Hm, vielleicht hast du ja doch Recht.“ Joel sank etwas in sich zusammen, er war zwar enttäuscht, weil Yves keine Zeit hatte, doch er wusste ganz genau, warum sein großer Bruder Tag und Nacht schuftete und deswegen wollte er sich wie ein großer Junge benehmen und tapfer sein. „Wo wohnst du denn? Auch in Chinatown?“

„Hey, Joel, wenn dein Bruder wüsste, dass du kommst, könnte ihn niemand aufhalten bei dir zu sein und sobald wir ihn erreicht haben, wird er kommen und dich abholen.“ William fuhr auf den Parkplatz des Krankenhauses und parkte.

„Nein, ich wohne nicht in Chinatown. Wenn ich in der Stadt bin, wohne ich im Plaza, dort habe ich eine Wohnung. Das Hotel gehört meiner Familie. Viel lieber bin ich allerdings in unserem Haus auf Long Island. Dort ist es ruhiger.“ William stieg aus und hielt Joel die Tür auf.

„Boah“, machte der Kleine, „im Plaza. Ist das nicht so ein teurer Schuppen? Yves hat mal davon erzählt, weil immer mal jemand bei Chen bestellt hat. Aber wozu braucht man zwei Wohnungen, wenn man doch sowieso immer nur in einer sein kann?“ Das war zu hoch für Joel. Ihm reichten eigentlich ein Bett und ein bisschen Gesellschaft, er war da nicht so ortstreu. Doch er ließ den Stofftiger auf den Sitz fallen und nahm seinen Stock, damit er sich orientieren konnte.

„Ist eigentlich unnütz, das stimmt, aber es ist auch praktisch. Wenn ich morgens zur Schule muss und länger schlafen möchte, wohne ich im Hotel, ansonsten auf dem Land.“ William schmunzelte, Joel war wirklich sehr direkt und das gefiel ihm. „Wo sollen wir denn nachher hinfahren? Stadt oder Land?“ Er lief neben dem Jungen her und bewunderte ihn wirklich dafür, wie sicher er sich bewegte. Er gab immer nur kurze Richtungsangaben, weil er nicht wusste, ob Joel es mochte, wenn man ihn führte.

„Na ja, da ich wohl im Hotel die Aussicht sowieso nicht genießen kann“, grinste Joel schief, „lass uns doch aufs Land fahren. Habt ihr Tiere?“ Er mochte Tiere, doch er hatte nie welche halten dürfen. Seine Großmutter hatte eine Allergie und als Joel begann, nichts mehr zu sehen, hatte er sich um ein Tier dann auch nicht mehr richtig kümmern können, meinte sie. Deswegen blieb er bei seinem Stofftiger.

„Gut, fahren wir aufs Land. Dort gibt es Katzen. Nicht direkt Hauskatzen, aber sie stromern schon ab und zu durchs Haus, wenn sie eine Chance haben, rein zu kommen, besonders im Winter.“ William hatte nichts dagegen, denn sie hielten Ratten und Mäuse fern, darum tat er auch so, als wenn er nicht wüsste, dass seine Haushälterin einen warmen Schlafplatz für die Katzen im Keller eingerichtet hatte. Wenn seine Mutter es erfahren würde, würde sie die Tiere wohl rauswerfen oder vergiften lassen. So wie sie es immer tat, wenn etwas sie störte. Deswegen wusste sie auch nichts davon, denn die Tiere spürten auch, wenn sie nicht erwünscht waren und blieben dem Haus fern, wenn die Herzogin da war.

„Ui - Katzen. Ich mag Katzen!“ Joel nickte heftig. „Kann man sie auch mal streicheln oder sind sie ganz scheu?“ Joel hatte fast vergessen, wo er war, doch als ihm der Desinfektionsgeruch in die Nase stieg, verspannte sich der Junge schlagartig.

„Wir können es probieren. Einige lassen sich streicheln.“ Automatisch, als sie das Krankenhaus betraten, legte William einen Arm um Joels Schulter und drückte sie leicht. Er wusste, wie schwer es war, hier zu sein und nicht zu wissen, was mit seiner Großmutter war. Er beugte sich zu Joel runter und flüsterte leise: „Ich werde nachfragen, wie es deiner Großmutter geht, dazu werde ich sagen, dass wir verwandt sind, weil ich sonst keine Antwort bekomme. Ich bin also ein entfernter Cousin von dir, okay?“

„Ja, okay.“ Joel nickte hastig, er fühlte sich hier nicht wohl. Auch wenn er William nicht gut kannte, so war es doch Instinkt, sich gegen ihn zu pressen und sein Herz schlug schneller. Es war nicht nur die Sorge um seine Großmutter, auch die Unsicherheit, weil er nicht wusste, wo er war. Wenn William ihn stehen ließ, war er ganz allein. Er mochte dieses Gefühl nicht, weil er sich dann unbeholfen fühlte.

„Gut.“ William ging mit Joel zur Information und erklärte sein Anliegen, dass seine Tante Laura Turner mit einem Herzinfarkt eingeliefert worden sei und er gern mit dem behandelnden Arzt sprechen wollte. Sein Auftreten ließ keinen Zweifel daran, dass er es gewohnt war, dass seinen Wünschen entsprochen wurde, auch wenn er höflich blieb.

Deswegen beeilte sich die Dame am Empfang auch ihm zu erklären, wo er Laura finden konnte und wer sich um sie kümmerte. „Am besten erkundigen sie sich auf der Station noch einmal, kann gut sein, dass sich da noch etwas geändert hat“, sagte sie und wies auf den Fahrstuhl, der die beiden jungen Herren in die entsprechende Etage bringen konnte.

„Vielen Dank.“ Zufrieden mit dem Ergebnis nickte William und führte Joel zu den Fahrstühlen, die sie in den vierten Stock bringen sollten, wo sich die Intensivstation befand. Orientierend sah er sich um, berichtete Joel leise, wo sie waren und wohin sie gingen. Er hatte immer noch seinen Arm um die Schulter des Jungen gelegt und hatte auch nicht vor, das zu ändern. An einem Schwesternzimmer klopfte er an und brachte sein Anliegen erneut vor, erklärte, wer sie waren und hoffte, dass es reichte, um Auskunft zu bekommen.

„Frau Turner geht es momentan den Umständen entsprechend“, erklärte die Schwester und kam zu ihnen auf den Flur. „Sie ist zurzeit nicht ansprechbar und schläft.“

„Kann ich wenigstens zu ihr?“, fragte Joel, für den die Worte bereits wie eine Absage klangen. Er blickte in ihre Richtung, doch die Brille behielt er lieber auf. Auch wenn er hier in einem Krankenhaus war, wusste er ja nicht, wie man auf seine Augen reagierte. Das war verschieden und ein Teil der Erfahrungen waren nicht schön gewesen.

„Aber nur sehr kurz“, sagte die Schwester eindringlich. Joel nickte heftig.

„Danke, ich werde den Jungen begleiten.“ William ließ gar nicht erst Zweifel aufkommen, dass er mitging. Er dirigierte Joel zu dem Raum, in dem sie sich sterile Kleidung überziehen mussten und half Yves' Bruder dabei, den Kittel zu schließen und die Haube aufzusetzen. Danach nahm er ihn einfach an die Hand und brachte ihn zu seiner Großmutter, die an viele Apparate angeschlossen in einem Bett lag. William wusste nicht, was sie bedeuteten, aber so weit schien alles in Ordnung zu sein, denn keines piepste hektisch.

„Granny?“ Joel tastete sich am Bett entlang und suchte die Hand seiner Großmutter. „Granny, du musst ganz schnell wieder gesund werden“, sagte er leise und setzte sich auf den Stuhl, der neben dem Bett stand. In William zog sich alles zusammen, denn Joel erinnerte ihn gerade sehr an sich selbst, als er bei seinem Vater im Krankenhaus gewesen war. Nur hatten sich seine Wünsche damals nicht erfüllt, aber Joel würde das nicht passieren, dafür wollte er schon sorgen.

„Joel, ich gehe kurz zum Arzt und spreche mit ihm. Ich hole dich gleich ab, bleib so lange hier“, erklärte er leise. Er hatte einen Arzt gesehen, der sich mit der Schwester von vorhin unterhielt und nun in ihre Richtung sah. „Doktor, kann ich sie kurz, wegen meiner Tante sprechen?“, fragte er, denn Ärzte hatten wenig Zeit.

„Ja, sicher“, entgegnete der Mann. Er sah müde aus, doch seine Augen waren hellwach und aufnahmebereit. „Wollen wir im Zimmer sprechen oder in meinem Büro?“, fragte er, weil er nicht wusste, ob es der Junge auch wissen sollte.

„In ihrem Büro, bitte.“ William sah noch einmal zu Joel, aber der sprach mit seiner Großmutter. Die Schwester gab bestimmt Acht auf ihn, so dass er dem Arzt folgte. „William Kendal“, stellte er sich vor, als er vor dem Schreibtisch saß. „Wie geht es meiner Tante?“, fragte er geradeheraus.

„Herr Kendal“, sagte der Arzt und wusste sofort, mit wem er es zu tun hatte. „Legen wir die Karten auf den Tisch, wir wissen beide, dass Frau Turner nicht ihre Tante ist“, sagte er offen, doch er war nicht erbost. Auch wenn es gegen die Regeln verstieß, so machte er doch hier einmal eine Ausnahme. Nicht, weil ihm der Name des jungen Mannes Respekt einflößte, sondern weil der kleine Joel sonst niemanden hatte.

„Frau Turner geht es den Umständen entsprechend. Doch ihr Körper ist schwach und vom vielen Raubbau der letzten Jahre angegriffen.“

„Entschuldigen sie die kleine Scharade, aber ich hatte die Befürchtung, dass ich sonst keine Auskunft bekomme.“ William nickte und rechnete dem Arzt seine Offenheit hoch an. „Wie hoch ist die Gefahr, dass sie stirbt und was kann ich tun, um das zu verhindern? Wenn es finanzielle Hindernisse gibt, sehen sie diese als gegenstandslos an. Ich werde alle Kosten übernehmen, wenn nötig.“

Der Mediziner fragte lieber nicht, warum der Herzog für die Kosten aufkommen wollte. Es ging ihn nichts an. Ihn interessierte nur, ob seine Patientin wieder auf die Beine kam und die Rechnung beglichen wurde. Denn auch ein Krankenhaus war leider heutzutage nicht mehr die Wohlfahrt. „Nun, die Behandlung wird sich etwas ziehen, weil der ganze Körper in Mitleidenschaft gezogen wurde. Sie ist ziemlich schwach, doch noch nicht lebensbedrohlich. Was nicht heißen soll, dass es nicht noch kippen kann. Im Augenblick aber mag ich mich auf keine Aussage festnageln lassen.“ Zu oft war es passiert, dass Patienten, die kurz vor einer Genesung standen noch einen schweren Rückfall bekommen hatten - gerade bei Herzpatienten.

William biss sich kurz auf die Lippe. Dass es so schlimm stand, hatte er nicht erwartet. Er mochte sich gar nicht ausmalen, wie es Yves und Joel gehen würde, wenn ihre Großmutter wirklich starb. „Unternehmen sie alles, was nötig ist. Die Kosten spielen keine Rolle. Ich möchte sie nur um eines bitten.“ William sah den Arzt an und lächelte gequält. „Bitte sagen sie niemandem, dass ich bezahle. Besonders nicht Joels Bruder Yves. Unser Verhältnis ist etwas angespannt im Moment und er wird meine Hilfe nicht annehmen.“

„Ich weiß nicht, ob ich dem einfach so gegen den Willen der Angehörigen zustimmen kann“, sagte der Mediziner und befand sich nun selber in einer Zwickmühle. Doch sie würden schon zusehen, dass sie eine Lösung dafür fanden. Vielleicht über den Weg einer Spende.

„Aber wir werden alles für Frau Turner tun“, versicherte er und machte somit auch klar, dass sie die Finanzierung schon irgendwie regeln würden.

„Das reicht mir.“ William hatte verstanden und lächelte. „Reden sie mit dem Krankenhaus-Manager und er soll sich einfach an mich wenden. Wir werden bestimmt eine für alle Seiten befriedigende und auch profitable Lösung finden.“ Das war besser gelaufen, als er gedacht hatte. „Vielen Dank, Doktor. Ich werde Joel abholen und wenn wir seinen Bruder bis morgen früh nicht erreicht haben, werde ich morgen mit dem Jungen noch einmal vorbeikommen.“

„Tun sie das, Herr Kendal, und ich danke ihnen für ihre Fürsorge.“ Der Arzt erhob sich aus seinem Stuhl und reichte William die Hand, ehe er ihn zur Tür begleitete. Dort trennten sich ihre Wege, denn er wurde bereits in einem der Behandlungsräume erwartet, während William zurück zu Joel ging. Der Junge saß immer noch auf dem Stuhl neben dem Bett seiner Großmutter und hielt einfach ihre Hand. Das Bild schmerzte.

„Ich bin wieder da“, sagte William leise, damit Joel sich nicht erschreckte und hockte sich neben ihn. „Deiner Großmutter geht es soweit gut. Sie braucht sehr viel Ruhe und Erholung, damit sie wieder gesund werden kann. Darum sollten wir sie in Ruhe schlafen lassen. Wir fahren morgen früh wieder hierher, um sie zu besuchen.“ Joel wirkte so verloren, so dass William ihn einfach an sich zog und fest hielt. Er konnte leider nicht mehr für ihn tun.

„Müssen wir wirklich schon gehen? Dann ist sie doch ganz alleine“, sagte Joel leise und er wirkte eigentlich genauso allein. Er wollte hier nicht weg. Höchstens zu Yves, aber der war nicht zu erreichen. So klammerte sich Joel in Ermangelung seines Bruders an William fest und schluchzte leise. Es war einfach zu viel für ihn.

„Nein, mein Kleiner, wir können noch ein wenig bleiben, aber nicht mehr so lange. Deine Großmutter ist hier gut aufgehoben und wenn es dich beruhigt, gebe ich der Schwester meine Telefonnummer, so dass sie uns anrufen kann, wenn deine Grandma aufwacht.“ Tröstend strich William durch Joels Haare. Er konnte den Jungen gut verstehen, aber sie durften nicht so lange bleiben.

„Na gut“, sagte Joel und wischte sich unter der Brille beschämt über die Augen. Langsam erhob er sich aus dem Stuhl. Doch er griff noch einmal die Hand seiner Großmutter und verabschiedete sich, versprach aber wiederzukommen. Langsam ging er rückwärts aus dem Zimmer und blieb dann auf dem Flur etwas verloren stehen. Ihm war wohl erst jetzt richtig bewusst, dass er allein war.

Aber William war bei ihm und ließ ihn nicht allein. Er half Joel wieder beim Umziehen und gab der Schwester seine Karte, wie er es versprochen hatte. Schweigend gingen sie zum Auto und Joel drückte seinen Tiger an sich, als er saß. „Hast du Hunger, Joel? Sollen wir unterwegs einen Hamburger essen, oder gleich zu mir und wir lassen uns überraschen, was die Köchin Leckeres gekocht hat?“

„Weiß nicht“, sagte Joel leise und drückte sich tiefer in den Sportsitz. Eigentlich wollte er nur zu Yves, doch das sagte er nicht. William gab sich solche Mühe. „Fahren wir doch zu den Katzen“, schlug er also vor und straffte sich wieder.

„Zu den Katzen, alles klar.“ William ließ den Wagen an und fuhr los. Für die Strecke nach Long Island brauchten sie eine ganze Zeit. „Welche Katzen gefallen dir denn am besten? Die mit langem oder kurzem Fell? Oder die gestreiften, wie dein Tiger?“ Er plauderte einfach los, um Joel abzulenken und machte leise Musik an.

„Weiß nicht. Kenne keine mit langem Fell, wie soll das denn aussehen?“, murmelte Joel und versuchte sich das vorzustellen. „Ich mag eigentlich alle Katzen, wenn sie nicht kratzen.“ So viele hatte er ja auch noch nicht gestreichelt, denn die Streuner in den Straßen ließen sich nicht anfassen und bei Freunden war Joel kaum gewesen.

„Bei uns gibt es beides. Ich meine, dass Kathy, meine Haushälterin, erzählt hat, dass eine der Katzen Junge bekommen hat. Sie weiß bestimmt, wo wir die finden können.“ Kleine Katzen waren niedlich und das würde Joel bestimmt gefallen. „Was machst du denn noch gerne?“ Die üblichen Beschäftigungen kleiner Jungs fielen wohl aus, das konnte Joel nicht, aber bestimmt hatte er Hobbys.

„Kleine Katzen? Oh wie niedlich. Die muss ich streicheln - kann man die auch anfassen?“ Joel war ganz aufgeregt und rutschte in seinem Sitz hin und her und vergaß erst einmal die zweite Frage. Doch nicht für lange, denn dann erklärte er, dass Oma ihm oft vorgelesen hätte und er ja auch Bücher lesen konnte, weil er eine Schule besuchte, in der er Braille lernte.

„Wird schon klappen mit dem streicheln, denke ich.“ William lachte leise und nahm sich vor, das möglich zu machen, egal wie. „Bücher in Brailleschrift habe ich leider nicht, aber ich kann dir vorlesen, wenn du möchtest. Hörst du auch gerne Musik. Ich habe ganz viele CDs und es gibt auch ein Klavier, auf dem könnte ich dir etwas vorspielen.“

„Du kannst Klavier spielen? So richtig mit Fingern und Noten und so?“ Joel war sichtlich beeindruckt und wollte natürlich gleich, dass William etwas vorspielte, darauf war er gespannt, denn er kannte eigentlich niemanden, der spielen konnte. Vorlesen klang auch gut, es würde also bestimmt nicht langweilig mit Yves' Freund werden.

„Ja, so richtig mit Noten. Ich habe meine ersten Klavierstunden mit drei Jahren bekommen und ich beherrsche es ganz ordentlich. Bin vielleicht nur etwas eingerostet, denn seit ich in Amerika bin, habe ich nicht mehr gespielt.“ William freute sich, dass Joel so aufgeschlossen und neugierig war. „Es gibt auch einen Pool im Haus. Wir können also auch schwimmen gehen.“

„Na ja“, Joel kratzte sich am Ohr und legte den Kopf schief. „Ich kann nicht schwimmen“, gab er zu, „nur ein bisschen paddeln und Yves ist auch kein guter Schwimmer.“ Es gab eben nicht viele Möglichkeiten in der Umgebung, um es zu lernen. „Aber du bist cool“, lenkte er ab, „schade, dass Yves dich nicht so mag. Vielleicht kommt das ja noch!“

„Hoffe lieber nicht zu sehr darauf.“ William seufzte. „Aber ich werde es weiter versuchen und ich kann dir das Schwimmen beibringen, wenn du möchtest.“ Er musste schmunzeln, denn so wie Joel ihn als cool bezeichnet hatte, musste das was tolles sein und er freute sich, weil Joel ihn wenigstens zu mögen schien. „Wir werden uns den Tag schon schön machen.“

„Hm, schaffen wir bestimmt“, sagte Joel und wurde plötzlich rot, denn sein Magen knurrte fürchterlich. Der Tag war so aufregend gewesen, dass Joel nicht dazu gekommen war, etwas zu essen. Er war völlig aus seinem Rhythmus gerissen. Beschämt senkte er den Kopf und drückte das Stofftier an sich. „Tschuldigung.“

„Kein Problem, ich habe auch Hunger. Weißt du was? Wir holen uns jetzt ungesundes Fastfood, das aber schrecklich lecker ist und verraten es keinem.“ William lachte und wuschelte Joel durch die Haare. „Das bleibt unser Geheimnis.“

„Ja, gut. Das machen wir!“ Joel stimmte zu und suchte in seiner Tasche. Er hatte irgendwo noch ein bisschen Geld, was ihm Yves zugesteckt hatte. Sein Bruder war sicher nicht böse, wenn sich Joel davon etwas zu essen kaufte. „Können wir Pizza kaufen gehen?“ Die mochte er nämlich besonders gern.

„Klar, Pizza ist toll.“ William fuhr die nächste Ausfahrt vom Highway und suchte eine Pizzeria. „Im Auto essen, oder möchtest du dich rein setzen?“, fragte er nebenbei und hielt Ausschau. Pizza gab es doch überall, da mussten sie bestimmt nicht lange suchen und kaum hatte er das gedacht, kam ein Pizza-Hut in Sicht. Die schmeckten ziemlich gut.

„Lass uns drinnen essen. Nicht, dass ich hier noch alles voll kleckere“, sagte Joel. Zwar war er eigentlich ziemlich sicher, doch ab und an ging doch etwas daneben und gerade solche fettigen Sachen machten ganz gemeine Flecken. Lieber nicht, wenn das hier so ein teures Auto war.

So gingen sie hinein und gönnten sich beide eine leckere Pizza. William erzählte Joel dabei etwas über sich und kleine, lustige Geschichten aus seiner Kindheit, damit Yves' Bruder ihn besser kennen lernte und sich ein Bild von ihm machte. Es hatte aber auch noch den Zweck, Joel abzulenken, damit er nicht ständig an seine Grandma dachte. Den Rest der Fahrt nach New York hörten sie Musik und unterhielten sich. Sie hatten beschlossen, erst zu den Lees zu fahren, damit sie sich keine Sorgen machten und danach erst zum Landhaus, damit Joel mit den Katzen spielen konnte.

Wie üblich parkte William vor dem Haus und kaum dass die Tür des Wagens sich öffnete, schnupperte Joel schon und strahlte. „Chen macht Schrimps“, hatte er erklärt und war aus dem Auto geklettert. Hier kannte sich Joel aus und da kam er mit seinem Stock und seinem Tiger ziemlich flink voran. Geschickt wich er den Tischen vor dem Laden aus und William konnte immer wieder nur staunen.

„Ling, Chen - ich bin da-ha!“, rief er noch von der Tür, grüßte aber dann höflich, weil er hörte, dass Gäste im Restaurant waren.

„Joel.“ Ling kam zu ihm gelaufen und umarmte ihn. Sie strich Joel durch die Haare und küsste ihn auf die Stirn, wie sie es immer machte. Sie liebte diesen kleinen Jungen, genauso wie seinen Bruder, wie eigene Kinder und gerade Joel, mit seinem Handicap hatte sie in ihr Herz geschlossen. „Wie geht es dir und wie geht es deiner Grandma?“, fragte sie besorgt und schob Joel zu einem der Tische, damit sie sich setzen konnten. William blieb im Hintergrund, weil er nicht stören wollte.

„Na ja, mir geht's ganz gut und Granny“, Joel machte eine Pause und hob die Schultern. „Die sagen den Umständen entsprechend, was immer das heißen soll. Sie liegt im Krankenhaus und Will hat mich hingefahren, damit ich bei ihr sein kann und... Will?“, fragte Joel und sah sich um. Er hatte nicht bemerkt, wie sein neuer Freund sich gesetzt hätte.

„Ich bin hier.“ William kam näher und begrüßte Ling. „Ich habe mit dem Arzt gesprochen. Mrs. Turner schwebt nicht in Lebensgefahr, aber trotzdem geht es ihr nicht besonders gut. Als wir gefahren sind, war sie noch bewusstlos, aber man ruft mich an, wenn sie aufwacht“, beantwortete er für Joel die Fragen der Chinesin. „Haben sie Yves schon erreicht?“

„Nein, leider nicht.“ Ling musterte William, sie wusste sehr wohl um das gespaltene Verhältnis und rechnete es dem jungen Mann hoch an, dass er sich trotzdem Joels angenommen hatte. „Sein Handy liegt in seinem Zimmer zum Laden. Der Akku war wohl runter, ehe er zur Arbeit gegangen ist. Ich werde ihm eine kurze Nachricht auf einem Zettel verfassen und ihm in die Garderobe legen lassen, habe ich mir überlegt. Ist wohl der diskreteste Weg. Ich möchte nicht anrufen und ihm was ausrichten lassen, was dann jeder im Haus weiß.“

„Ich kann den Zettel dort abgeben, wenn ich nach Hause fahre“, bot William an und sah zu Joel, der schon wieder schnupperte und sich über die Lippen leckte. Es war doch noch gar nicht so lange her, dass sie was gegessen hatten. „Joel möchte noch mit zu mir nach Long Island, wenn sie nichts dagegen haben. Er kann dort auch schlafen, denn ich wollte mit ihm ins Krankenhaus, wenn Yves bis morgen noch nicht da ist.“

„Oh“, machte Ling. Sie wirkte hin und her gerissen. Was sollte sie darauf sagen? Sie wusste, dass Yves das nie zulassen würde, doch Joel blinkerte sie an, grinste schief und fing schon an von den Katzen zu erzählen und dass er die streicheln wollte und mit ihnen spielen. Wie sollte sie da nein sagen? Sie würde das Yves schonend beibringen und William vorwarnen.

„Na gut. Willst du deine Suppe hier essen oder mitnehmen?“, fragte sie lächelnd und wuschelte Joel wieder durch die Haare. „Ich hätte nur gern eine Kontaktmöglichkeit, für den Fall, dass Yves heim kommt.“

„Natürlich, ich gebe ihnen meine Karte, da stehen alle wichtigen Nummern drauf.“ William übergab das kleine Kärtchen sofort und lächelte. „In die Nachricht für Yves schreibe ich auch gleich, wo Joel ist, damit er weiß, wo er ihn abholen kann.“ Der junge Herzog grinste schief, denn er wusste ganz genau, was Yves davon halten würde und dass es höchstwahrscheinlich zum Streit kam.

„Wenn sie das für gut halten?“, fragte Ling, die ähnliche Gedanken hegte. Nur Joel verstand diese Frage nicht, doch er forschte nicht nach, sondern erklärte ausschweifend, dass er vielleicht die Suppe gern mitnehmen würde, wenn das ginge, weil er doch schon so gespannt auf die Katzen war.

Ling lachte leise. Sie ließ ihn nicht gern gehen, denn sie hatte Joel gern um sich. Aber für ihn - wie für Yves - tat sie alles und so stimmte sie zu.

„Ich passe gut auf ihn auf.“ William beugte sich zu Joel und flüsterte ihm ins Ohr, ob er nicht auch eine Suppe für ihn organisieren könnte und schon flitzte Joel zu Chen in die Küche. „Seine Großmutter wird so schnell nicht aus dem Krankenhaus entlassen werden und es kann immer sein, dass sie einen Rückfall bekommt. Sie ist körperlich sehr geschwächt, aber sie kann wieder gesund werden. Die Ärzte tun alles dafür, dass sie wieder gesund wird. Joel wird also einige Zeit hier bleiben müssen.“ William wollte nicht, dass Joel das hörte, darum nutzte er die Chance, dass der Kleine in der Küche war.

„Ach so.“ Ling machte ein bestürztes Gesicht. Nicht dass sie etwas dagegen hätte, beide Jungs hier im Haus zu haben, doch um die Großmutter machte sie sich sorgen. „Yves wird nicht wissen, woher er das Geld...“ doch sie brach ab, das musste nicht vor William erläutert werden. „Ich danke ihnen noch einmal vielmals. Ich war erleichtert, als Yuki anrief und sagte, dass jemand den Jungen holen könnte. Wir konnten wirklich nicht weg.“

„Ich habe es gerne gemacht und wenn sie Hilfe brauchen, können sie sich jederzeit an mich wenden. Ich beschäftige mich gern mit Joel und mit Yves werde ich versuchen, das zu klären.“ Sie wussten beide, dass das kein leichtes Unterfangen war, aber William war niemand, der sich leicht entmutigen ließ. Irgendwann musste er mit Yves reden und vielleicht war das die beste Gelegenheit.

„Chen hat die Schüsseln ganz dolle voll gemacht!“, rief Joel, als er aus der Küche kam. Der Koch folgte ihm, um William ebenfalls dafür zu danken, dass er sich selbstlos gemeldet hatte, um ihnen zu helfen. Während Joel also seine Beute in einer Transportbox verstaute, damit nichts ins Auto schwappern konnte, drückte der Chinese William die Hand.

„Ich schreibe schnell ein paar Zeilen an Yves. Sie können ja noch drunter schreiben, was sie für richtig halten“, sagte Ling hastig und verschwand, während Joel schon mit dem Kopf halb im Transportbehälter hing und schnüffelte und die anwesenden Gäste sehr erheiterte.

„Ja, das werde ich machen, damit Yves weiß, wo er Joel abholen kann.“ Auch er musste über Joel schmunzeln. Der Kleine war einfach niedlich. „Gib mir die Kiste, ich trag sie zum Auto. Dann können wir los zu den Katzen.“ William wollte aufbrechen. So nett die Lees auch waren, hier war Yves' Zuhause und er fühlte sich wie ein Eindringling. Sein Verlobter hatte keine Ahnung, dass er hier war und so lange der das nicht wollte, hielt sich William daran, ihre Wege nicht unnötig zu kreuzen.

„Na gut.“ Joel gab sich geschlagen, knuddelte noch einmal Chen und Ling, ehe er seinen Tiger in die Hand gedrückt bekam und seinen Stock. Dann folgte er William zurück zum Wagen. Er hatte heimlich gehofft, dass Yves vielleicht schon da wäre, doch er musste eben arbeiten. Joel verstand das.