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Demon Coffee - Teil 21 bis 24

21

Powaqa gähnte und schaltete den Wasserkocher aus, damit er Tee aufbrühen konnte. Er fühlte sich ein wenig verspannt von der Nacht, aber das verging wieder, wenn er gleich ein wenig trainierte. Noch war er alleine in der Küche, weil der Rest entweder noch schlief oder gerade dabei war aufzustehen. Er mochte die ruhige Zeit im Haus, wenn er seinen Gedanken nachhängen konnte und den Fernseher für sich hatte und sehen konnte, was ihm gefiel.

Sparky schnüffelte schon wieder durch die Küche, auf der Suche nach Futter, was so viel hieß wie: Blade war sicher schon trainieren oder joggen. Kurz sah sie zu Powaqa, doch da er keine Anstalten machte, ihr etwas Fressbares zu reichen, war ihr Interesse an ihm erloschen und schon war sie wieder auf der Pirsch. Der Indianer lachte leise und schüttelte den Kopf, als er die Fernbedienung in die Hand nahm und weiter durch zappte. Nach Teleshopping war ihm im Augenblick wirklich nicht.

„Morgen“, nuschelte Doc, als er in die Küche kam und sah momentan noch etwas verschlafen und zerknautscht aus. Der Morgen war nicht seine Zeit. „Kein Kaffee?“, brummte er und sah seinen Freund strafend an, machte sich aber gleich daran, seinen dringend benötigten Wachmacher zu kochen. „War was heute Nacht?“, fragte er dabei. Sein Hirn fuhr zwar erst langsam hoch, doch die wichtigsten Tools waren schon geladen.

„Nein, es blieb alles ruhig und er hat geschlafen. Mehr Sorgen macht mir, dass Raven noch nicht zurückgekommen ist. Weißt du da was? Hat er sich abgesetzt oder folgt er den Dämonen? Was läuft denn nun?" Powaqa hatte in den letzten Stunden viel Zeit gehabt und immer wieder gelauscht, was sich im Haus tat. Nebenbei nahm er sich seinen Tee.

„Raven ist immer noch nicht wieder da?“ Doc drehte sich zu Powaqa um und sein Gesicht war nachdenklich. „Shit! Der war heute Nacht so wütend, als er gegangen ist. Ich hoffe, er ist nicht alleine losgezogen, um nach den restlichen beiden zu suchen. Schalt mal die Nachrichten an.“ Er konnte nicht sagen wieso, aber er hatte kein gutes Gefühl. Der Dämon war einfach noch zu unberechenbar.

„Wie bitte?" Powaqa griff sich ungläubig die Fernbedienung und schaltete auf den News-Channel, nicht wissend, ob Doc das jetzt wirklich ernst gemeint hatte. Doch kaum hatten die Bilder gewechselt, wusste er nicht mehr, was er noch sagen sollte. Die Kamera-Einstellung zeigte eine Luftaufnahme vom Central Park und man sah eine kreisrunde, verbrannte Öde, die sich mindestens einen Kilometer ausdehnte.

„Nee, oder?" Er wusste nicht, ob er lachen oder heulen sollte. Das war doch nicht wahr, oder? Auch Doc klappte der Unterkiefer herunter, als die Nachrichtensprecherin erzählte, dass unter der Ascheschicht, die zu sehen war, der Sandboden zu einer großen Glasfläche von 15 cm Dicke geschmolzen war und niemand sich erklären konnte, wie es dazu gekommen sein mochte. Dort hatten unzählige Bäume gestanden, von denen nichts mehr zu finden war und die wohl den Großteil der Asche bildeten.

„Heilige Scheiße“, fluchte Doc und sah zu Powaqa. Um so etwas anzurichten waren unvorstellbar hohe Temperaturen nötig und da kam nur einer in Frage.

„Ich glaube, da war jemand etwas missgestimmt", sagte Powaqa und starrte auf die Bilder. Da stand nichts mehr - gar nichts! Kein Baum, kein Strauch. Zum Glück wurde nicht über Todesopfer berichtet oder Augenzeugen.

„Es wäre das Beste, wenn wir von hier verschwinden, ehe noch mehr passiert. Ich hole Blade, wir müssen das klären und zwar jetzt."

„Nicht nötig." Eben kam Blade über die Terrasse in die Küche und wischte sich mit einem Handtuch, was er um den Hals hängen hatte, den Schweiß von der Stirn. „Was ist los?", fragte er und lockte Sparky zu sich.

„Das!“, sagte Doc knapp und zeigte auf den Bildschirm, wo noch immer die Luftaufnahme zu sehen war und die Nachrichtensprecherin berichtete, dass der Ausgangspunkt des Phänomens wohl genau in der Mitte des Kreises lag, da dort die Glasdicke fast einen Meter betrug, wie Messungen gezeigt hatten. Man hatte dort auch merkwürdige Spuren entdeckt, die fast wie Fußspuren aussahen, was aber vollkommen unmöglich sein musste.

Blade erfasste schnell, was das alles zu bedeuten hatte. „Raven! Was ist passiert?“, fragte er und nahm sich eine Tasse Kaffee, gab aber auch eine an Doc weiter.

„Sag du es uns, Blade. Du verstehst ihn von uns allen noch am besten", sagte Doc und setzte sich neben ihn. Er starrte weiter auf die Bilder und konnte es noch immer nicht fassen. Es machte einmal mehr klar, welche Macht von diesem gefährlichen Kerl ausging und was passierte, wenn der einmal nicht mehr unter Kontrolle war. „Wo ist der Kerl jetzt?"

„Wo er ist, weiß ich nicht, hab ihn heute noch nicht gesehen.“ Blade zog die Stirn kraus und versuchte das, was er sah und das, was in der Nacht vorher geschehen war, in Einklang zu bringen. „Er war wütend, weil er sich hatte reinlegen lassen, aber nicht so, dass es das da“, er zeigte auf den Bildschirm, „rechtfertigen würde. Hat Ken was erzählt? Er ist gleich in ihr Zimmer, als wir angekommen sind.“

„Soweit Ken mit der Sprache rausrückt, kam Raven in die Dusche, hat die Wunden gesehen, die die Dämonen... na eben, das weißt du ja noch gar nicht." Doc stellte seine Tasse ab und sah Blade eindringlich an. „Die anderen beiden, die Raven die Falle gestellt haben, waren wieder bei Kenneth. Aber ich habe ihn schon geheilt. Nur ist er jetzt immer noch durcheinander", schob Doc gleich erklärend hinterher und schnickte Sparky gegen die Schnauze, die den neugierigen Riecher in seinen Kaffee tauchen wollte.

Damit es zwischen den beiden nicht wieder eskalierte, denn Sparky zischte aufgebracht, nahm Blade seine kleine Freundin hoch und streichelte sie. „Scheiße“, murmelte der Soldat und seufzte. Da hatten sie wohl auf kompletter Ebene versagt. „Das wird aber nicht alles gewesen sein, sonst wäre das da nicht passiert. Hat Ken noch was gesagt?“

„Abgesehen von den ganzen Flüchen und Verwünschungen?", überlegte Doc und schüttelte den Kopf. Er erzählte, was Kenneth ihm gesagt hatte. Doch außer ein paar netten Worten unter der Dusche war das nicht viel gewesen. Auch dass er selbst gesehen hatte, wie Raven abgerauscht war, ließ Doc nicht aus. „Gut möglich, dass da noch mehr ist. Aber Ken sagt es nicht. Ich glaube, sein größtes Problem ist seine Angst, die Biester kommen zurück und keiner ist da, der ihn schützen kann. Das nimmt er Raven wohl ziemlich übel."

Blade nickte. Etwas Ähnliches hatte er sich schon gedacht. „Wir müssen verhindern, dass derartiges noch einmal passiert. Raven sollte nachts bei Ken sein und wenn es nicht geht, übernimmt Pow das.“

Der Indianer nickte. Das hatte er schon von sich aus beschlossen. Zumindest so lange, bis Kenneth sich gegen die Dämonen wehren konnte. „Aber wo ist Raven? Ich hoffe, er macht sich nicht alleine auf die Suche.“ Sie guckten sich an und sahen sich um, als Taylors Stimme hinter ihnen erklärte, Raven sei im Trainingsraum, hätte aber dermaßen schlechte Laune, dass er lieber gegangen war, weil bald die Sandsäcke ausgingen und er nicht als Ersatz herhalten wollte.

„Der Typ ist echt anstrengend", knurrte Doc. Dank seines Kaffees war er zwar mittlerweile wach, doch das änderte nichts daran, dass seine Laune in den Keller sank. „Ich überlege schon eine Weile, ob wir uns nicht zurückziehen sollten", gab er offen zu und sah Powaqa und Blade an. „Unsere Freunde hier bringen wir in Gefahr. Denn wenn wir gehen und Raven mit uns geht, sind sie hier ohne Schutz. Es war schlicht Zufall und eine Menge Glück, dass die Dämonen sich ausgerechnet Ken gegriffen haben. Auch wenn er es noch nicht bewusst macht, so kann er sich doch schützen."

„Das ist das eine. Das andere Problem, was ich sehe", mischte sich nun auch der Indianer ein und starrte wieder auf den Bildschirm, „er muss sich beherrschen wie verrückt. Es zerrt an ihm. Wir sehen gerade überdeutlich, zu was er fähig ist. Ich will nicht auf dem gleichen Kontinent sein, wenn er wirklich ausrastet. Blade, wie machen wir weiter?"

Blade brummte nur, denn er musste nachdenken. Das entwickelte sich nicht so, wie er sich das wünschte. „Das mit Ken war kein Zufall, sie haben ihn bewusst ausgewählt“, sagte er schließlich und ballte die Fäuste. Hier passierte zu viel, von dem er nichts mitbekam. „Wir sollten wirklich hier verschwinden, je früher, desto besser. Wenn Nathan was von den anderen dreien hat, sollten wir los.“

Doc nickte zustimmend. „Wir sollten uns zusammensetzen und mit Beth reden. Taylor, kannst du sie wecken? Uns läuft die Zeit ein bisschen davon." Raven zu rufen wagte keiner, weil niemand wusste, wie er reagierte, wenn man ihn jetzt störte. Taylor nickte Blade zu und machte sich auf den Weg.

„Wie machen wir weiter?", murmelte Doc mehr zu sich selbst als zu irgendjemand im Raum. Doch dann schoss er hoch. „Ich hole Ken, ihn betrifft es schließlich auch." Und ging aus dem Raum. Powaqa sah ihm hinterher.

„Meinst du nicht, Raven solle auch hier sein?", fragte der Indianer Blade, der gerade mit seiner Herzensdame einen eingeweichten Keks teilte.

„Japp.“ Blade gab Sparky an Powaqa weiter und straffte sich. Bisher war er mit dem Dämon ganz gut zurecht gekommen und er hoffte, dass es jetzt immer noch so war. Sie brauchten ihn und das machte es nicht gerade einfacher. Sie konnten sich also nicht von ihm trennen und ihn alleine machen lassen. Was dabei heraus kam, hatten sie ja vorhin im Fernsehen gesehen. Im Augenblick war Blade noch nicht klar, ob diese Waffe, die sie suchten, nicht das kleinere Übel im Vergleich zu Raven wäre.

„Raven?", rief er schon von weitem, als er in die Katakomben kam. Er wusste, dass der Dämon ihn hören würde, auch wenn er sich nicht bemerkbar machte, doch er näherte sich lieber nur gefragt an. „Bist du hier?"

Es roch leicht angebrannt.

Raven sah ihm entgegen, als Blade den Trainingsraum betrat. Der sah aus wie ein Schlachtfeld. Die Wände zeigten Brandspuren und die Trainingsgeräte waren entweder verbogen oder komplett zerstört.

„Was?“, war alles, was der Dämon sagte. Allmählich verrauchte seine Wut, aber sie brodelte noch unter der Oberfläche, das konnte man daran sehen, dass die Kiefer fest aufeinander gepresst waren.

„Wir haben zu reden - oben. Also komm!" Auch Blade war nicht der Mann großer Worte und so wandte er sich um und ging wieder. Entweder wusste Raven, was auf dem Spiel stand und folgte oder er ließ es bleiben. Aber auch daran konnten sie dann nichts ändern.

Raven folgte nicht gleich, sondern wischte sich mit einem Handtuch den Schweiß von Gesicht und Körper. Erst dann machte er sich auf den Weg zu den anderen. Er sagte nichts, als er die Küche betrat, aber nickte kurz. Powaqa reichte ihm eine Tasse Kaffee und Raven setzte sich. „Ihr wolltet reden“, sagte er schließlich, sah dabei in die Runde und wusste ganz genau, dass er provozierte. Doc sprang augenblicklich darauf an.

„Da!", knurrte er und deutete auf den Bildschirm, wo der verunstaltete Central Park immer noch die Top Headline war.

„Keiner ist verletzt oder getötet worden. Das Grünzeug wächst nach.“ Raven verzog den Mund zu einem schmalen Lächeln, das nicht freundlich, sondern eher bedrohlich wirkte und wandte sich dann seinem Kaffee zu. Kenneth kam gerade in den Raum und mit dem wollte er sich im Augenblick nicht beschäftigen, denn dann flammte seine Wut nur wieder auf.

Zum Glück ging es Kenneth nicht anders, so dass er den Stein des Anstoßes einfach ignorierte und sich mit einem Kaffee auf die Veranda verziehen wollte. Doch Powaqa pfiff ihn zurück und forderte ihn auf, sich neben ihn zu setzen, während alle auf den Augenblick warteten, in dem Doc explodierte. Der pumpte nämlich schon wie ein Maikäfer, um sich zu beruhigen, doch das ging nicht mehr. Diese flapsigen Antworten machten ihn ganz kirre und diese scheißegal Einstellung des Dämons trieb ihn zur Weißglut.

„Pass mal auf, du dahergelaufenes Federvieh. Wenn du glaubst, du kannst..."

„Schnauze - alle!", brüllte plötzlich Blade und schlagartig war Ruhe. Es passierte so selten, dass es immer wieder aufs Neue wie ein Orkan über alle hinweg fegte, wenn Blade einmal laut wurde. Jeder, der an seinem Leben hing - auch Doc - zog den Kopf ein und machte sich unsichtbar. „Wenn ich noch ein Wort höre, was nicht zur Mission gehört, dann knallt's und zwar gründlich. Doc, du reißt dich zusammen und Raven, du hältst dich etwas mehr an die Regeln. Ich weiß, dass es hieß, keiner dürfe sterben. Aber ein bisschen mehr Benehmen hätte ich von einem General schon erwartet. Dein Benehmen passt mehr zum Fußvolk als zur Befehlsebene. So kommen wir nicht weiter."

Alle blickten auf Raven und machten sich unbewusst auf einen schmerzhaften Tod gefasst. Verbrennen war nicht die schönste Art zu sterben, aber nichts passierte. Zwar glühten die Augen des Dämons dunkelrot, doch er bewegte sich nicht, sondern kämpfte ein stummes Augenduell mit Blade. Der Kaffee, den Raven zwischen seinen Fingern hielt, fing an zu brodeln, also ließ er die Tasse los und nickte leicht. Er gestand zwar nicht ein, dass er einen Fehler gemacht hatte, aber signalisierte Gesprächsbereitschaft, was auch seine Augen zeigten, die sich wieder normalisierten.

„Gut, jetzt wo das geklärt ist, werde ich ein paar Sachen klar stellen. Sagt mir, ob ihr damit einverstanden seid. Kurze Ansagen, keine sinnlosen Reibereien", sagte Blade und sah dabei auf Doc, der nur die Augen verdrehte und langsam wieder aus seiner Starre erwachte.

Schnell und knapp fasste Blade zusammen, was gestern Abend passiert war, berichtete von O'Rayley und von Fosters Haus, ließ den Part mit der Falle aber aus. Ebenfalls kam er nicht drum herum zu erklären, dass man hinter Kenneth her war, der nur schief grinste, als sich alle mitleidig zu ihm umsahen. Das konnte er ja gerade echt gebrauchen!

„Deswegen meine Entscheidung. Wir packen unsere Sachen und verschwinden. Wir haben euch schon zu tief mit rein gezogen und ich hoffe, dass es funktioniert und sie Raven und Kenneth folgen. Nathan würde ich bitten, mit Sick zusammen, uns jederzeit zur Verfügung zu stehen, wenn wir Infos brauchen und wir suchen weiter die Steine. Gegenargumente?" Blade sah in die Runde.

„Wir müssen uns beeilen, damit die anderen uns nicht zuvor kommen", nickte auch Powaqa. „Sie wissen, dass wir hinter ihnen her sind. Nathan, kümmere dich um die Flüge und um einen Pass für Raven, der allen Überprüfungen standhält.“

„Pass ist fertig", knurrte Nathan und verschränkte die Arme vor der Brust. Er deutete mit einem Kopfnicken auf den Küchentresen, wo seit gestern ein nagelneuer Pass lag. Sick hatte ihn in Auftrag gegeben und über die 'Hunter' an den richtigen Stellen hier her bringen lassen. Taylor hatte ihn gestern Abend noch aus dem Briefkasten gefischt.

„Gute Arbeit.“ Blade war zufrieden. Auf die beiden Jungs und ihre Zusammenarbeit konnte man sich verlassen, ganz im Gegensatz zu manch anderem. „Wir reisen so schnell wie möglich dorthin, wo Sick und Nathan am sichersten sagen können, dass wir jemanden antreffen. Raven wird weiterhin bei Kenneth bleiben, weil der ihn am effektivsten schützen kann und wenn er verhindert ist, übernimmt Pow das. Damit so etwas wie die letzten Tage nicht mehr passiert“, fasste der Soldat zusammen und sah in die Runde, aber er war sich sicher, dass keiner protestierte.

Zwar verzog Raven den Mund und Kenneth blies die Backen auf, aber damit hatte jeder gerechnet. Irgendwie stimmte bei den beiden die Chemie nicht. Allerdings konnte man auf diese nebensächlichen Belange nun wirklich keine Rücksicht nehmen.

„Ich check das mal", murmelte Nathan und erhob sich. Er wollte zusehen, dass er die Daten, die Blade ihm auf einem Zettel zugeschoben hatte, am PC verifizieren konnte.

„Gut. Damit wäre das geklärt.“ Nach Frühstück war Blade nicht mehr und da ging es ihm nicht alleine so. Abgesehen von ein paar Tassen, die vor den Leuten auf dem Tisch standen, blieb er leer und betretenes Schweigen machte sich breit. Raven, der das Gefühl hatte, nicht mehr gebraucht zu werden, erhob sich und ging, während Kenneth von Doc gezwickt wurde, ehe er schon wieder sein Gift verspritzen konnte. Sie hatten stillschweigend einen Frieden geschlossen, einen, der auf wackeligen Füßen stand. Es wäre unklug, diesen gleich wieder zu gefährden.

Nathan war so ziemlich der einzige, der seine Ruhe hatte. Dieses Glück hatten alle anderen nicht, denn sie wurden gnadenlos angetrieben, damit sie am nächsten Tag zeitig aufbrechen konnten. Sie kauften ein, packten die Taschen und gegen Mittag kannten sie ihr Ziel: Schottland. Über diesen Steven Mc Namara hatte Nathan am meisten herausfinden können, weil er eine eigene Homepage hatte, auf der er mit selbst gemachtem Schmuck handelte. Das war fast zu leicht gewesen.

Leider waren die nächsten Flüge auf die Insel erst für den folgenden Morgen zu buchen gewesen, also mussten sie sich noch etwas gedulden.

Den ganzen Tag über gingen sich Raven und Kenneth aus dem Weg, wenn auch nicht unbedingt willentlich. Der Dämon war immer noch schlecht gelaunt, aber er kümmerte sich um den Trainingsraum, den er verwüstet hatte. Das war etwas, was er nicht gewohnt war, aber Blade hatte ihm klar gemacht, dass so etwas nicht akzeptabel war.

Langsam kristallisierte sich heraus, dass der Soldat so ziemlich der einzige war, der Raven etwas sagen konnte, dessen er sich annahm. Vielleicht weil er ähnlich dachte wie Raven.

Kenneth hingegen hatte sich in sein Zimmer verkrochen und versuchte, sich mit allem die Zeit zu verreiben, was sich anbot. Er las, er sah fern, er suchte ein paar Leute im Haus, doch keiner hatte Zeit und so sah man sich erst zum Abendessen wieder, das letzte, was sie gemeinsam einnehmen würden für längere Zeit.

Nach und nach trafen alle in der Küche ein. Die Türen zur Terrasse waren geöffnet und auf dem großen Grill lagen die ersten Steaks. Ganz so, wie es sich für Amerika gehörte, feierten sie Abschied mit einem großen Barbecue. Aber ausgelassene Stimmung kam am Tisch nicht auf. Blade blickte über den Tisch und hoffte, dass bei ihrem nächsten Besuch alle wieder vollzählig zusammen saßen. Und den anderen ging es wohl ähnlich.

„Wenn ihr Hilfe braucht, sagt Bescheid. Sollen wir wirklich nicht mitkommen?" Taylor hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Doc beobachtete Kenneth und Raven, die sich immer noch nicht beachteten, selbst wenn sie aneinander vorbeigehen mussten.

„Je kleiner das Team, umso besser. Wenn wir Hilfe brauchen, melden wir uns“, sagte Blade, aber jeder wusste, das würde nur passieren, wenn er keine andere Wahl hatte. Nach dem Essen blieben sie nicht mehr lange sitzen, denn der Flug ging sehr früh am Morgen, so dass sich Blade und seine Gruppe recht zeitig auf ihre Zimmer begaben.


22

Nathan hastete die Treppen runter - im Haus herrschte Aufbruchsstimmung. Unten wurde er von Doc aufgefangen, der ihm lachend durch die Haare wuschelte. „Mach's gut, du kleine Landplage“, lachte der Arzt, weil Nathan wütend das Gesicht verzog. So eine Behandlung mochte er überhaupt nicht, denn auf seine Frisur legte er viel Wert.

„Lass das, Menno", knurrte er und richtete sich wieder die Haare. Dabei sah er Powaqa warnend an, der schon die Arme ausgebreitet hatte, um den Kleinen zu verabschieden. „Wehe", doch er ließ sich in die Arme ziehen und drücken. Eigentlich war es schade, dass ihre Freunde schon wieder abreisten, doch es war leider nicht zu ändern. Wenn sie die Steine in die Hände bekommen wollten, mussten sie schnell handeln. Ihre Gegner waren leider nicht von der dummen Sorte, wie die Dämonen, die sie bisher gejagt hatten.

Keiner von seinen Freunden ließ es sich nehmen, Nathan noch einmal zu knuddeln. Nachdem, was der im Central Park angerichtet hatte, war der Kleine ganz froh, dass Raven es ließ. Als letztes griff sich Blade den Blonden und drückte ihn. „Okay, macht's gut und meldet euch", sagte Taylor und lehnte an einem der Sessel.

„Machen wir", erklärte Blade. Dann schob er die anderen vor die Tür, denn Raven saß schon im Wagen und war ungeduldig. Mittlerweile hatte sich einiges summiert, was seinem Ego einen ordentlichen Dämpfer verpasst hatte. Nicht nur die Sache mit Kenneth und den Dämonen, mehr noch, dass ihre Gegner einen Stein hatten und den Stab. Es stand 1:2 - und Raven war jemand, der ungern verlor. Schon gar nicht gegen so mittelmäßige Dämonen wie ihre Gegner.

Das dauerte ihm eindeutig zu lange, bis sie hier wegkamen, darum knurrte er leise, als Blade die anderen in den Wagen schob, was ihm schon wieder böse Blicke einbrachte, aber das war ihm egal. „Wurde auch Zeit“, brummte er leise und sah grimmig zu den anderen.

„Wer was anderes von dem Kerl erwartet hat, hebe die Hand", frotzelte Kenneth, der es einmal mehr nicht lassen konnte. Er hatte gestern noch einen kleinen Zwist mit dem Dämon ausgetragen, der damit endete, dass Kenneth seine Nacht auf der Couch verbracht hatte, denn das Letzte, was er wollte, war von Raven angefasst zu werden. Zumindest redete er sich das mit mittelmäßigem Erfolg ein, weil er nicht wusste, was passieren würde, wenn er wieder in dessen Armen lag - wo er ihn doch eigentlich hassen wollte.

Raven sah Kenneth kurz wütend an, allerdings kommentierte er dessen Bemerkung nicht, weil sie dann gleich wieder Streit bekämen. So einen unnützen und unsinnigen Streit, wie gestern Abend. Vor allen Dingen, weil es im Kern darum ging, dass Raven in der Nacht davor nicht da gewesen war, um die Dämonen abzuwehren und Kenneth diese Nacht den Schutz nicht mehr wollte. Mit solch irrationalen Dingen konnte er nicht umgehen, was seine Wut wieder geschürt hatte. Jetzt ignorierte Kenneth ihn, stichelte aber, wo er konnte. Das fiel auch den anderen auf, weswegen Powaqa Kenneth leise rügte.

Dann war Ruhe im Wagen und Blade startete. Sie waren sowieso schon etwas eng mit der Zeit, also drückte er auf die Tube. Zum Glück hatten sie kaum Gepäck, weswegen sie gleich zum Check In konnten. Das sparte Zeit.

Am Flughafen klappte alles wie erwartet und Raven stellte sich an eines der Fenster, weil er sich die Flugzeuge ansehen wollte. Bei ihrem letzten Flug hatte er gar nichts mitbekommen. So etwas kannte er von seiner Welt nicht. Also betrachtete er die großen Maschinen und blendete seine Mitreisenden aus. Reden wollte sowieso keiner mit ihm, was ihm auch entgegen kam und er konnte Kenneth ignorieren.

Seit seiner Aktion im Park hatte sich das Verhältnis der Menschen zu ihm sowieso geändert. Blade war der einzige, der ihn noch normal behandelte. Die anderen liefen wie auf rohen Eiern, gerade so, als fürchteten sie um ihr Leben, sobald er sie bemerkte. Nur Kenneth war anders, aber das war nichts Erstrebenswertes. Nein, diese Menschen waren anstrengend, irrational und unglaublich langsam. Er hob eine Braue, als er im Spiegel der Scheibe bemerkte, wie Kenneth ihn beobachtete, doch er tat so, als würde er das nicht bemerken. Sicher suchte der Kerl nur wieder Streit. Warum eigentlich immer mit ihm? Das wusste Kenneth wohl selbst nicht so genau, doch Ravens pure Existenz machte ihn schon rasend.

Doc schaute zwischen Raven und Kenneth hin und her. Zwischen den beiden stimmte es ganz und gar nicht, wie er am Abend vorher mitbekommen hatte. Er lauschte normalerweise nicht, aber sein Bett hatte genau an der Zwischenwand ihrer Zimmer gestanden, so dass er den Streit mitbekommen musste. Er hatte die Worte nicht verstehen können, aber das war auch nicht nötig, um mitzukriegen, wie wütend gestritten wurde. Er hatte schon befürchtet, dass Kenneth nicht unverletzt daraus hervorging. Aber jetzt war er neugierig und stupste Kenneth an. „Sag mal, was war denn gestern bei euch los?“

„Bei uns?" Kenneth wirkte pikiert. „Du meinst, bei ihm und mir", korrigierte er, weil er ungern mit dem Dämon in einen Topf geworfen wurde. „Ich habe ihm lediglich erklärt, dass er sich keine Mühe geben muss, ich kann allein auf mich aufpassen. Er solle nicht auf die Idee kommen, mich anzufassen. Mehr nicht." Gelogen war das nicht, nur nicht ganz die Wahrheit, denn warum Kenneth das nicht wollte, verriet er nicht. Das ging keinen etwas an. Am wenigsten Doc, der immer noch seine Dämonen-Feldforschung betrieb.

„Äh, Kenneth…“ Doc wirkte ein wenig irritiert über die Antwort. „Tut mir leid, wenn ich das sagen muss, aber solange du deinen Schutzschild nicht im Griff hast, solltest du schon auf unseren Dämonen zurückgreifen, damit du sicher bist. Ich kann zwar verstehen, wenn du nicht begeistert bist, aber mir wäre es lieber, wenn ich dich nicht noch einmal zusammenflicken muss.“

Darauf wusste Kenneth nichts zu sagen, deswegen schwieg er. Zu widersprechen gehörte sich nicht, denn er begriff sehr wohl, dass sein kindisches Verhalten auch den Anderen Kopfzerbrechen machte und sie Kraft kostete, die sie anderweitig brauchten. Doch allein die Vorstellung, noch einmal das mit Raven zu machen, was sie getan hatten, ließ ihn erschauern. Und er wusste noch nicht, ob das angenehme Schauer waren oder Ekel. „Hm", war also alles, was er von sich gab. Das konnte Doc jetzt werten, wie er wollte.

„Ey.“ Doc stupste Kenneth an und lächelte. „Wenn es gar nicht geht, dann sag Bescheid, dann müssen wir eine andere Lösung finden, aber wenn es sich irgendwie machen lässt, arrangiere dich mit Raven. Er ist nun mal derjenige, der dich schützen kann.“ Doc wusste schon, dass er von Kenneth viel verlangte, so wie es zwischen den beiden lief.

„Er muss mich dazu anfassen und das will ich nicht. Er sagt, das wäre der einfachste Weg. Aber ich ertrage das nicht." Kenneth sah Doc musternd an, doch er brachte es nicht über sich, ihm die Wahrheit zu sagen, also schob er es eilig darauf, dass er keinen Dämonen mehr um sich haben wollte.

„Hm“, machte nun Doc und runzelte die Stirn. Das konnte er durchaus verstehen, nachdem was Kenneth passiert war. „Ich rede mal mit Pow, ob sich da nichts machen lässt.“ Der Vorfall vor zwei Nächten hatte doch mehr Auswirkung, als er befürchtet hatte. „Vielleicht geht es ja, wenn unser Indianer mit dir Körperkontakt hält und Raven mit ihm. Das müssen wir ausprobieren.“

„Flotter Dreier, oder was?", hatte Kenneth gefragt, noch ehe es ihm bewusst war. Deswegen entschuldigte er sich gleich dafür. Das war unpassend gewesen. „Das Federvieh tut immer so cool. Warum bringt er die anderen beiden nicht auch einfach um, verdammt? Warum dieses Katz- und Mausspiel? Wir wissen, wo die Steine sind. Wir brauchen die Tränentiere nicht, damit sie uns das zeigen. Weg mit dem Gesindel und ich habe mein Bett wieder für mich alleine." Kenneth war immer leiser geworden und nuschelte zum Schluss nur noch, hatte dabei aber besagtes Federvieh im Auge.

„Ich denke, wenn er die Chance dazu hätte, wären die Zwei schneller tot, als wir gucken können. Aber da wir nicht wissen, wo sie sind und welchen der restlichen Steine sie sich holen wollen, wird das nicht so einfach.“ Bei Doc verhärtete sich der Eindruck, dass da mehr war, als Kenneth sagen wollte, so vehement wie er Raven loswerden wollte. Aber er fragte nicht.

„Ach, der hat doch immer Ausreden." Kenneth wurde das jetzt zu intensiv. Er mochte es nicht, wie Doc jedes Mal versuchte, Raven in Schutz zu nehmen. „Es geht los", sagte er und war froh, dass das Boarding endlich begann. Er hatte dafür gesorgt, von Raven so weit weg wie nur möglich zu sitzen und den Dämon in seinem Rücken zu haben, damit er nicht auf die Idee kam, ihn die ganze Reise über anzustarren.

Aber so konnte er auch nicht sehen, wie Raven sich in seinen Sitz falten musste, denn der Dämon war etwas größer als Standardgröße und passte nicht wirklich in die Economy Class. Aber so verlockend das auch war, besser er hatte Raven im Rücken.

Raven kämpfte indessen darum, seine Beine halbwegs bequem unterzubringen und nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu erregen, denn einige junge Damen hinter ihm kicherten und tuschelten schon, was ihm nicht besonders gefiel. Sie erinnerten ihn an die Frauen im Coffee Shop, die auch an ihm herumgebaggert hatten. Deswegen stellte er sich schlafend, um weiteren Flirtversuchen aus dem Weg zu gehen, zumindest im sprichwörtlichen Sinne, denn Flucht war hier unmöglich. Hier gab es kein Hinterzimmer, in das er verschwinden konnte.

Leider saßen sie nicht zusammen, sondern verstreut im Flugzeug. Sick hatte nur noch Restbestände erstehen können. Doch das war auch Kenneth ganz lieb, denn so konnte Doc ihn nicht weiter löchern.

Raven hatte nicht so viel Glück, die jungen Frauen hinter ihm ließen nicht locker. Sie ruckelten sogar an seinem Sitz, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Lange, für seine Verhältnisse, übte Raven sich in Geduld, aber die war eben nicht die Beste. Als wieder einmal ein Knie in seiner Rückenlehne landete und er nach vorne gestoßen wurde, hatte er genug. Mit einem Knurren drehte er sich um, kam aber nicht dazu, etwas zu sagen, weil beide Frauen gleich auf ihn einredeten.

„Reist du allein? Warum das denn?", wollte die eine wissen, während die andere versuchte, sich vorzustellen, von ihrer Freundin aber gleich abgewürgt wurde. Wer sie war, wusste sie schließlich, sie wollte wissen, wer er war. „Komm, sag schon. So ein schmucker Kerl hat doch sicher eine Freundin und wenn nicht..." Sie ließ den Satz offen, aber selbst die Passagiere in den Sitzen um sie herum wussten, was sie meinte und schüttelten über so viel Aufdringlichkeit den Kopf.

„Ich bin nicht interessiert“, erklärte Raven bestimmt und hatte das mit den Menschenfrauen wohl immer noch nicht begriffen. Die Zwei ließen ihn nämlich nicht in Ruhe, wie der Dämon gehofft hatte, sondern wurden durch seine Worte noch weiter angespornt. Denn eine Beute, die sich wehrte, war noch verlockender, als wenn sie sich bereitwillig einfangen ließ.

„Ach, das sagst du doch nur so“, kicherte die eine und klimperte mit den Wimpern. Und das war gar nicht so leicht durch die Lücke zwischen den Sitzen hindurch, denn es wurde das Signal zum Anschnallen gegeben. „Hat sie dich etwa verlassen? Ach, dann war sie es auch nicht wert. Ich würde solch einen Prachtjungen wie dich doch nicht alleine lassen", lachte sie und stieß ihre Freundin an, die zustimmend nickte.

So viel Dreistigkeit machte Raven im ersten Moment sprachlos, was aber nicht hieß, dass er nicht wütend wurde. Er drehte sich zu den jungen Frauen um und knurrte. „Ich hatte keine und werde auch keine haben, also lasst mich in Frieden.“ Dass er sich anschnallen sollte, kümmerte ihn nicht und er funkelte die Stewardess an, die an seinen Sitz kam.

Noch ehe die junge Dame aus der hinteren Reihe noch etwas sagen konnte, hatte sich Blade in die Situation geschoben, der mit ungutem Gefühl dem Disput von Raven mit den beiden Damen gelauscht hatte. Dem Dämon schien nicht bewusst zu sein, wie sehr er dem Ideal der Frauen entsprach und so mischte er sich knapp ein. „Darf ich mal", sagte er zur Stewardess und sah Raven auffordernd an. „Lass uns die Plätze tauschen, Powaqa braucht dich da vorn."

Raven knurrte etwas, dass sich entfernt wie: „Danke“, anhörte und stand auf. Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre explodiert und dass das nicht gut war, wusste er selber. Blade hatte also nicht nur ihn, sondern auch das Leben der anderen Passagiere gerettet. Er achtete nicht auf das enttäuschte Gemurmel der Frauen und setzte sich zu Powaqa. Dort schnallte er sich an, weil er nicht noch mehr Aufmerksamkeit erregen wollte.

Derweil hatte sich Blade auf seinen Platz gleiten lassen und schaltete sein Handy aus, ohne auf die zickigen Einwürfe hinter sich zu achten. Es war doch immer wieder erstaunlich, wie schnell jemand die simpelsten Regeln des guten Benehmens verlor, wenn es nicht nach seinem Kopf ging. Doch ihm konnte egal sein, was wildfremde Frauen von ihm dachten - er hatte andere Sorgen. Zum Beispiel seine Herzensdame unten im Frachtraum, von der er hoffte, dass sie einmal nicht ihrem Titel als Ausbrecherkönigin alle Ehre machte und blieb, wo sie war.

Blade hatte vor dem Flug noch auf sie eingeredet, aber ob etwas davon bei Sparky angekommen war, wusste man nie. Der Soldat konnte also nur hoffen, dass alles gut ging. Damit die beiden Frauen ihn nicht mehr nervten, holte er seinen MP3-Player heraus und hörte Musik. Er wollte ausspannen, denn er hatte es im Gefühl, dass er in der nächsten Zeit nicht wirklich dazu kam. Schon allein, weil er als Prellbock zwischen Kenneth und Raven fungierte, weil er selbst der einzige war, dem der Dämon so etwas Ähnliches wie Respekt entgegen brachte. Aus Kenneth allerdings wurde Blade auch nicht schlau. Er hetzte gegen Raven, wo er nur konnte und selbst jetzt ließ er den Dämon nicht aus den Augen. Irgendetwas lag da ganz schön im Argen und eigentlich konnten sie so etwas nicht gebrauchen.

Raven hatte sich wieder beruhigt und hatte die Augen geschlossen. Wahrscheinlich war es besser, wenn er den Flug wieder schlafend verbrachte, damit auch alles problemlos verlief. Die Enge im Flugzeug tat seiner Laune nicht besonders gut. Powaqa atmete etwas auf, als der Dämon die Augen schloss und nach kurzer Zeit regelmäßig atmete. Zwar wusste er genau, dass man nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, ob Raven wirklich schlief. Doch das Sicherheitsrisiko sank, wenn der sich etwas entspannte.



So verlief der Flug zum Glück ohne Probleme und als sie endlich ihr Gepäck und Sparky wieder hatten, die übrigens brav in ihrer Kiste gehockt hatte und dafür nun ausgiebig gestreichelt wurde, konnte das Abenteuer im eigenen Land losgehen. Raven wäre es am liebsten gewesen, sie wären gleich weiter geflogen, doch Blade hatte ihm erklärt, dass es ein Nachtflugverbot gab und sie heute hier nicht mehr weg kamen.

Um Zeit zu sparen und den gebuchten Lear-Jet morgen früh ausgeruht zu besteigen, hatte Sick für sie im Hotel direkt neben dem Flughafen Zimmer gebucht und genau der Sick stand nun am Ausgang, um sie zu empfangen. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, seine Freunde zu begrüßen. Er hatte sie vermisst und wollte mit eigenen Augen sehen, dass es ihnen gut ging.

„Na ihr“, rief er grinsend und ließ sich von Powaqa in den Arm nehmen. Er konnte aber nichts dagegen tun, dass sein Blick immer wieder zu Blade ging, der mit Raven zusammen etwas abseits stand. Ihre Blicke trafen sich kurz und Blade lächelte. Doch er blieb, wo er war, denn Raven wollte er lieber von den anderen separieren. Der Flug hatte an ihrer aller Nerven gezerrt.

„Na du, Zwecke?" Doc nahm ihren Jüngsten auch fest in den Arm und Kenneth bildete da keine Ausnahme.

„Ich habe die Zimmerschlüssel. Lasst uns gleich rüber gehen", schlug Sick vor und wartete darauf, dass Blade und Raven zu ihnen kamen. Er war neugierig und wenn die Jungs sich entspannt hatten und etwas zur Ruhe gekommen waren, dann wollte er unbedingt wissen, was alles passiert war und ob sie erfolgreich gewesen waren. Denn die Informationen, die Blade geschickt hatte, waren spärlich gewesen.

Das Hotel war schnell zu Fuß erreichbar und Sick verteilte die Schlüssel. Er guckte ein wenig komisch, als Raven den Kopf schüttelte und lapidar erklärte, dass er sich mit Kenneth ein Zimmer teilen wollte.

„Erklären wir dir gleich“, sagte Doc schnell und gab Blade den Schlüssel für das Einzelzimmer. „Los, Kurzer, zeig uns den Weg, ich will mich lang machen.“

„Du tust ja gerade so, als wärst du den Vogel selbst geflogen", frotzelte Sick und beobachtete Raven. „Würde allerdings erklären, warum ihr Verspätung hattet. Wenn du mit dem Wagen schon nicht nach dem Weg fragst, wie dann mit dem Flugzeug? Wieder verflogen, was? Aus Versehen in Dublin gelandet?" Sick hatte seine helle Freude und wenn er ganz ehrlich war, hatten ihm die Reibereien mit den anderen gefehlt, vor allem mit Doc.

Nach und nach verschwanden alle in ihren Zimmern und Sick stand allein auf dem Flur, unschlüssig, wo er hin sollte.

„Na, komm schon“, rief Blade und guckte noch einmal aus seiner Tür. Er hatte sie extra aufgelassen, damit Sick ihm folgen konnte. Er lächelte kurz und ging wieder ins Zimmer, denn er war sich sicher, dass Sick gleich nachkam. Blade setzte sich aufs Bett und sah Sick zu, wie er die Tür hinter sich schloss.

„War ganz schön einsam", nuschelte Sick, denn er fühlte sich unsicher. Eigentlich war es für ihn kein Problem, zu Blade zu gehen, in seine Arme zu sinken und sich halten zu lassen, doch im Augenblick schien alles anders und das machte es ihm nicht leichter. Die Hände tief in die Taschen geschoben, lehnte er an der geschlossenen Tür und beobachtete Blade.

„Ging aber leider nicht anders und wir werden wohl auch erst einmal nicht so schnell zurückkommen. Die Mission läuft leider nicht so, wie gehofft.“ Blade winkte Sick zu sich und klopfte neben sich auf das Bett. Er sagte zwar nicht laut, dass er ihren Jüngsten vermisst hatte, aber man sah es ihm an.

Immer noch unsicher kam Sick näher und öffnete seine Jacke. Die Zimmer waren gut geheizt und langsam wurde es ihm in seiner dicken Jacke warm. Er wollte nicht quengeln und betteln, damit er doch mitgenommen wurde. Er musste Blades Entscheidung akzeptieren. Was er davon hielt, war dann seine Sache, aber nur im Stillen.

„Was ist passiert?", fragte er also und sah sich im Zimmer etwas um. Wenn er sonst mit Blade alleine war, dann war er nicht so gehemmt, doch im Augenblick schien alles anders zu sein.

„Wir haben einen Stein, unsere Gegner allerdings auch. Raven konnte einen von ihnen töten, aber sie wissen nun, dass er ihnen folgt.“ Blade schloss kurz die Augen und atmete tief ein. Es passierte selten, dass er vor anderen Schwäche zeigte, aber bei Sick gönnte er sich den Luxus ab und zu. „Raven ist gereizt und ungeduldig. Ich weiß nicht, wie lange er sich noch im Griff hat. Das macht mir ziemlich Sorgen.“

„Und dann schläft er mit Kenneth in einem Zimmer?", fragte Sick irritiert, weil das für ihn keinen Sinn machte und als er Blade so sah, fiel er in sein altes Muster und zog ihn an sich. Sie machten es wie so oft: Sick lehnte am Kopfende des Bettes und Blades Kopf lag auf seinem Schoß. Seine schlanken Finger strichen dem Soldaten dabei beruhigend durch die Haare und ab und an bekam Sparky auch ein paar Streicheleinheiten, wenn sie nicht - wie gerade - bei Powaqa war.

„Raven ist der einzige, der Ken vor den Dämonen schützen kann. Sie haben ihn schon zweimal nachts heimgesucht und verletzt.“ Blade schloss die Augen und genoss das sanfte Streicheln. „Zwischen den beiden fetzt es ziemlich, aber es geht nicht anders. Sie müssen sich arrangieren.“

„Sie haben ihn... Ach du scheiße!" Sick zog den Kopf zwischen die Schultern. Darum beneidete er Kenneth ganz bestimmt nicht. Auch nicht darum, sich mit dem Flammenwerfer ein Zimmer teilen zu müssen. Nathan hatte ihm berichtet, wie der Trainingsraum ausgesehen hatte, nachdem der Idiot sich da ausgetobt hatte und der Glassee im Central Park war sogar hier in den Nachrichten gelaufen.

„Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser wäre, er macht seinen Job alleine. Er sieht uns nur als Klotz am Bein und als Bremse. Es geht ihm nie schnell genug und zufrieden ist er auch nicht. Warum bleibt er trotzdem?" Diese Frage beschäftigte Sick schon seit der Kerl aufgetaucht war. Und schließlich war er es doch gewesen, der den Kontakt gesucht hatte.

„Solange er nicht von alleine auf die Idee kommt, sich von uns zu trennen, werde ich alles tun, dass wir zusammen bleiben.“ Blade drehte sich etwas, damit er Sick ansehen konnte. „Ich habe gesehen, wozu er fähig ist und nur sein Wort an uns hält ihn davon ab, die halbe Welt in Schutt und Asche zu legen. Ich glaube aber nicht, dass er alleine los zieht, denn er weiß, dass er ohne uns mit ziemlichen Schwierigkeiten kämpfen muss und die behindern seine Pläne.“

„Und die übrigen Steine liegen in Schottland, Hongkong und irgendwo in Afrika?" Sick seufzte und versuchte das zu verbergen. Wie lange sollte das denn noch dauern und wie lange würde er allein sein? Er war es vor seiner Zeit bei ’Hunter’ oft gewesen, doch jetzt hatte er sich daran gewöhnt, in so etwas wie einer Familie zu leben. Doch er beschwerte sich nicht, denn er wusste, dass er es Blade und den anderen damit nicht leichter machte.

Blade kannte den Ausdruck in den dunklen Augen, darum hob er eine Hand und strich Sick sanft über die Wange. Gerne hätte er den jungen Japaner immer in seiner Nähe, aber das ging nicht. Diese Jagd war einfach zu gefährlich und wenn Blade wusste, dass Sick in Sicherheit war, konnte er beruhigter arbeiten. „Ich wäre auch lieber hier“, sagte er leise und danach noch leiser, so dass man es kaum verstehen konnte, „bei dir.“

Das erste Mal, seit sie sich wieder gesehen hatten, lächelte Sick ehrlich und auch ein bisschen schüchtern. Die anderen hatten keinen blassen Schimmer, was sich zwischen ihm und Blade entwickelt hatte. Doch Sick wollte die Nähe zu seinem Soldaten nicht missen. „Es werden andere Zeiten kommen", sagte er und holte tief Luft, seine Finger strichen durch die kurzen Haare und tiefer, die Wangen entlang über das Kinn, bis sein Daumen zart über Blades Lippen strich. Es war ein unglaublich warmes Gefühl zu wissen, dass Blade ihn vermisste und lieber hier bei ihm wäre.

Er konnte spüren, wie sich Blades Lippen unter seinem Finger bewegten, als der Soldat lächelte und schließlich einen Kuss darauf hauchte. Es war immer noch ungewohnt für Blade, kleine Zärtlichkeiten zu tauschen. Zuerst waren es eher zufällige Berührungen gewesen, aber nach und nach hatten sie beide es bewusst getan und Blade war sich mittlerweile sicher, dass seine Gefühle für Sick erwidert wurden. Trotzdem hatte er noch Hemmungen, den letzten Schritt zu wagen und Sick zu küssen.

Die Augen geschlossen, lehnte sich Sick entspannter zurück. „Ich kriege nachts kein Auge zu, wenn ich weiß, dass du unterwegs bist. Dieser Dämon hat eine Menge Ärger mit sich gebracht", murmelte er leise und legte seine zweite Hand auf Blades Schulter, gerade so, dass er mit dem Daumen über die Haut an Blades Hals streichen konnte, dort wo das T-Shirt sie nicht verbarg.

Blade antwortete nicht direkt auf die Worte, sondern legte seine Hand auf die seines Freundes und drückte sie kurz. „Er ist ein wandelndes Pulverfass, das stimmt schon, aber er versucht sich anzupassen. Er stellt die Mission über alles und dafür geht er jede Menge Kompromisse ein. Wir sind in seiner Nähe also sicher.“ Blade verschränkte seine Finger mit Sicks und musste wieder einmal feststellen, wie schlank und zart sie doch gegen seine eigenen waren. Sie verschwanden fast in den Zwischenräumen seiner eigenen Finger.

„Aber alles andere hat verloren", murmelte Sick gedankenverloren, denn dass einer seiner Fernseher das Lebenslicht ausgehaucht hatte, hatte er dem Dämon immer noch nicht verziehen, auch wenn Lu in der Zwischenzeit einen neuen gekauft hatte. „Und außerdem will ich die paar Stunden, die wir haben, ehe du weg musst, nicht damit verschwenden, mich über den Blödmann aufzuregen", sagte er leise und mit zitternder Stimme. Er war nicht mehr bereit, nur noch zu berühren. Er musste mehr haben. Zu wissen, dass Blade in den nächsten Tagen sterben könnte und ihn dann nicht ein einziges Mal gekostet zu haben, hielt Sicks Herz kaum aus.

Blade hob den Kopf an und sah Sick fragend und auch ein wenig unsicher an. Er wusste nicht, ob er die Worte richtig verstanden hatte und entschloss sich, alles auf eine Karte zu setzen. „Komm her“, sagte er leise und zog seinen Freund neben sich, so dass er ihn in den Arm nehmen und an sich drücken konnte. In der ersten Sekunde verspannte sich Sick, weil er nicht wusste, was jetzt passierte, doch kaum schlossen sich die kräftigen Arme um ihn, löste sich die Anspannung. Er versteckte sein Gesicht an Blades Arm und holte tief Luft.

„Ich weiß, dass es zu gefährlich ist, wenn ich mit komme und dass ich euch hier zusammen mit meiner Technik mehr nütze als vor Ort, aber ich hab mich lange nicht mehr so alleine gefühlt, Blade."

„Mir geht es nicht anders, Kleiner. Du fehlst mir.“ Es war das erste Mal, dass Blade es laut aussprach. Er war es nicht gewohnt, über Gefühle zu reden, weil er sie normalerweise gar nicht zuließ. Er war der perfekte Soldat und da waren Gefühle nur hinderlich, aber Sick hatte die Mauer durchbrochen. Sanft strich Blade durch die dunklen Haare. „Dir darf nichts passieren. Das würde ich nicht ertragen.“

„Ich weiß, Blade, aber es ist auch nicht fair, mich in Sicherheit zurück zu lassen, wenn du dich dann in Gefahr begibst und ich vor Sorge keine Ruhe finde. Den ganzen Tag läuft auf einem meiner Monitore die Ortung deines Chips, nur damit ich weiß, wo du bist und ob die anderen noch bei dir sind." Sick schämte sich, weil er seine Spionage eingestehen musste, doch so war es nun einmal. Er drängte sich dichter an Blade und kroch halb auf ihn, um ihn in die Augen sehen zu können.

„Ich kann besser arbeiten, wenn ich mir keine Sorgen um dich machen muss und es gefällt mir, dass du mich beobachtest, dann bist du irgendwie bei mir.“ Blade lächelte und hob seinen Kopf so weit an, dass er Sicks Lippen zart mit seinen berühren konnte. Er wirkte ruhig, wie immer, aber er war nervös, denn er wusste nicht, wie sein Freund darauf reagierte. Doch schon im nächsten Augenblick wurden seine Sorgen genommen, als sich Sicks Lippen fester auf seine pressten, gerade so, als hätte er nur darauf gewartet. Er sank tiefer auf Blade und nutzte es aus, dass der Soldat endlich den Schritt gemacht hatte, den Sick nicht wagen wollte. Es machte die vergangenen, einsamen Tage etwas weniger einsam und die leeren Räume in ihm etwas weniger leer. Es fühlte sich einfach richtig an und vertrieb die dunklen Schatten der letzten Tage.

Ein dumpfer Schlag gegen die Wand am Kopfende des Bettes ließ Sick aufschrecken. Fragend sah er die Wand an, blickte auf Blade hinunter und guckte wieder zur Wand. „Was war das?", fragte er und leckte sich zufrieden über die geschwollenen Lippen. „Ist das nicht Kens Zimmer?"

Und wieder schlug etwas gegen die Wand. Laute Stimmen waren zu hören und Sick wurde unsicher, klammerte sich fester an Blade.

„Hm.“ Blade musste sich erst einmal räuspern, bevor er reden konnte. Er war nicht erbaut über die Störung. Seine Arme immer noch um Sick gelegt, setzte er sich auf und nickte. „Ja, ist sein Zimmer.“ Der Soldat lauschte und interpretierte die Geräusche. Im anderen Zimmer war ein ziemlicher Streit im Gange. „Ich würde sagen, das war Ravens Faust, die gegen die Wand geschlagen wurde.“

„Wie bitte?" Sick, immer noch an Blade geschmiegt, starrte weiter die Wand an, als könnte er sie durchdringen, wenn er nur intensiv genug guckte. „Hat er versucht, Ken was anzutun? Sollten wir da nicht mal gucken und dem Idioten den Kopf zu Recht rücken? Der kann doch nicht einfach jedes Zimmer auseinander nehmen?" Warum musste der Idiot auch nebenan wohnen? Hätte der nicht in einer anderen Etage wohnen können? War das zu viel gewesen?

„Nein, er hat ihm nichts getan. Das hätte anders geklungen. Sie streiten und Raven reagiert sich an der Wand ab.“ Blade gefiel das, was im Nebenzimmer passierte, auch nicht, aber noch sah er es entspannt. So lange niemand verletzt wurde, griff er auch nicht ein. Kenneth konnte sich ganz gut gegen den Dämon wehren, das hatte er mehr als einmal bewiesen. Allerdings würde er ab jetzt darauf achten, was dort passierte. Er zog Sick so, dass er sich bei ihm anlehnen konnte und strich ihm über die Wange.

„Der Kerl kostet einen echt Nerven", murmelte Sick und ließ seine Lippen wieder wandern. Entlang an Blades Hals und zu dessen Ohr. „Eine Menge Nerven." Er versuchte sich zu entspannen, doch eben schlug wieder eine Faust gegen die Wand. So versuchte Sick sich völlig abzulenken und knabberte sich weiter über Blades Hals. Diese Nacht gehörte nur ihnen. Ab morgen trennten sich wieder ihre Wege mit unsicherem Ausgang.

Blade brummte nur zustimmend. Er wollte nicht reden, denn das, was Sick gerade machte, war viel zu angenehm. Solange er keine Schmerzenslaute aus dem Nebenzimmer hörte, sollten sie sich streiten, er wollte es genießen, jetzt wo er wusste, dass Sick das gleiche fühlte wie er. „Küss mich“, bat er leise, denn er wollte die weichen Lippen wieder auf seinen spüren.

„Sooft du willst", flüsterte Sick und ließ die Laute aus dem anderen Zimmer an sich abprallen. Sie wurden sowieso langsam weniger.

Eine ganze Weile tauschten sie Küsse und kleine Zärtlichkeiten aus. Dabei ließen sie sich Zeit, denn es jetzt zu überstürzen kam ihnen einem Frevel gleich. Es würde etwas Kostbares zerstören und das wollten sie nicht. Beide hatten die Geräusche aus dem anderen Zimmer ausgeblendet und erst als sie deutlich lustvolles Stöhnen vernahmen, merkten sie wieder auf.

„Das hört sich aber nicht mehr nach Streit an“, grinste Blade und hob amüsiert eine Augenbraue. Dass sich das zwischen Kenneth und Raven so entwickelte, hätte er nicht gedacht.

„Nein, definitiv nicht. Was treiben die... man, was die treiben, weiß ich. Aber warum? Ach Mist, warum kann ich mir auch denken - ach scheiße!" Sick war völlig aus der Fassung und konnte nicht vermeiden, dass ihm die Laute aus dem Nachbarzimmer die Konzentration raubten. Bilder setzten sich in seinem Kopf fest, die er so schnell nicht wieder loswerden würde und dass die Laute immer intensiver wurden, machte es nicht besser.

Blade lachte leise, denn Sick war einfach nur süß in seiner Verwirrung. Allerdings laut sagen würde er das nicht, denn selbst Blade durfte sich so etwas nicht erlauben. Da war der Kleine eigen.


23

Die Sonne kroch gerade erst über den Horizont, als sich wieder etwas in den Zimmern regte. Powaqa war der erste, der seine Zimmertür öffnete und an alle Türen klopfte. Sie wollten in zwei Stunden fliegen, da wurde es langsam Zeit, wenn sie noch frühstücken wollten. Zufrieden registrierte er, dass alle wach waren und ging zurück in sein Zimmer, um sich fertig zu machen.

Im Gegensatz zu ihm war Doc noch nicht der frische Morgen persönlich, denn ohne seinen Kaffee kam er nur schwer in den Tag, vor allem um diese Uhrzeit. Doch es nutzte nichts. Er musste duschen und sich anziehen. Dann flogen seine Klamotten wieder in die kleine Tasche. Die wollte er Sick mitgeben und die mit den frischen Klamotten mitnehmen.

Wo war der Kurze eigentlich abgeblieben? Eigentlich hatte er erwartet, dass die kleine Zwecke noch einmal bei ihm vorbeigeschaut hätte, aber noch war er nicht fähig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Nachdem er wieder vorzeigbar war, machte Doc sich auf den Weg hinunter in den Frühstücksraum, um sich einen Kaffee zu holen. Er nickte Powaqa zu, der schon eine Tasse Tee in den Händen hielt und setzte sich zu ihm.

„Fünf Uhr - ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so früh aus dem Bett gekrochen bin", knurrte Doc als Begrüßung und grinste schief. Der Jetlag steckte ihm noch ein bisschen in den Knochen und der nächste Flug stand schon bevor. Doch zum Glück nur ein Inlandsflug nach Skye, wo der alte Mc Namara noch immer seinen Schmuck fertigte und vertrieb. Blieb zu hoffen, dass das nicht wieder solch ein Reinfall wurde wie ihr Einsatz bei O'Rayley.

„Trink deinen Kaffee, dann sieht die Welt schon nicht mehr so grau aus“, schmunzelte der Indianer und sah kurz auf, als er Raven den Raum betreten sah. Der Dämon wirkte relativ entspannt, als er mit seiner Tasse Kaffee zu ihnen kam und sich neben Doc niederließ.

„Morgen“, nuschelte er undeutlich, weil er wusste, dass das von ihm erwartet wurde. Allerdings erntete er ein paar forschende Blicke, die gleich einen ganzen Katalog an Fragen beinhalteten. Doch keiner der beiden wagte sie auszusprechen. Sie sahen sich nur suchend um, doch Kenneth war nicht zu sehen. Und warum war der Kerl so ausgeglichen? Zumindest für einen von seiner Art.

„Alles klar? War was die Nacht?", fragte Doc, weil er nicht wusste, ob Kenneth nun begriffen hatte, dass nur Raven ihn schützen konnte oder ob er wieder angegriffen worden war und nun oben lag und seine Hilfe brauchte.

„Nein“, war die einsilbige Antwort und bevor Doc noch weiter nachfragen konnte, warum Kenneth noch nicht da war, kam dieser ebenfalls in den Frühstücksraum. Eine kurze Inspektion zeigte keine neuen Verletzungen, zumindest da, wo Doc Haut sehen konnte. Allerdings wirkte sein Freund nicht besonders wach.

„Sie waren heute Nacht also nicht da?“, fragte Powaqa noch einmal nach und war nicht überrascht, dass das Nein diesmal schon etwas knurriger klang.

„Wollte nur noch mal nachgefragt haben", erklärte der Indianer schnell, um den Dämon nicht gleich wieder aus seiner Entspannung zu holen. Sie betrachteten Kenneth, der kleinlaut einen guten Morgen wünschte und sich mit seinem Kaffee und seinem Rührei neben den Dämon setzte.

Ein ganz neues Bild.

Hatte Kenneth eingesehen, wo er Schutz fand oder war er noch zu müde? Doc musste das im Auge behalten.

„Fehlt nur noch Blade - warum eigentlich?" Denn das war ungewöhnlich.

„Und Sick“, warf Powaqa ein. „Er wollte doch heute Nacht hier bleiben und alles, was wir nicht brauchen, wieder mit ins Hauptquartier nehmen. Vielleicht hat Blade es übernommen, ihn zu wecken. Das ist ja nicht gerade einfach.“ Wenn ihr Kurzer die halbe Nacht im Netz gesurft hatte, war er morgens nicht leicht dazu zu bewegen aufzustehen.

„Na um den Job beneide ich Blade sicher nicht", lachte Doc und erinnerte sich an die geworfenen Hauslatschen, als er es einmal gewagt hatte, Sick vor seiner Zeit zu wecken und zu allem übel auch noch etwas wissen zu wollen. Es war ihm eine Lehre fürs Leben gewesen. „Mal sehen, ob Blade heute der mit den Kratzern ist... oh, 'tschuldige, Ken", sagte er zerknirscht, weil er gerade das Gefühl hatte, etwas daneben gegriffen zu haben.

„Schon okay", nuschelte Kenneth leise zurück. Nicht auszudenken, wenn die beiden wüssten, dass er schon wieder Dämonenkratzer am ganzen Leib hatte und dieses Mal hatte er die auch noch freiwillig bekommen! Die mussten ihn doch für völlig meschugge halten.

„Warten wir noch ein paar Minuten, bevor wir sie suchen gehen.“ Powaqa hatte das Gefühl, dass sie nicht mehr lange auf den Rest der Truppe warten mussten. Er lehnte sich zurück und stellte seine leere Tasse auf den Tisch, als er auch schon die Stimme ihres jüngsten Mitglieds hörte, die auf jemanden einredete.

„Ich hab doch gesagt, du sollst schon mal vorgehen. Jetzt bist du der letzte am Tisch. Da werden die doch gleich misstrauisch. Die sind doch nicht doof", zischte Sick leise, als er neben Blade zum Tisch kam mit roten Schatten unter den Augen. Das wurde auch nicht besser, als er Kenneth und Raven einträglich nebeneinander sitzen sah. Er hatte doch gehört, was die beiden gemacht hatten.

Blade konnte zwar nicht mehr antworten, weil sonst alle es mitbekommen hätten, aber er kniff Sick, von ihren Freunden ungesehen, in den Hintern. „Morgen“, brummte er nur einsilbig wie immer und setzte sich.

„Gut geschlafen?“, nuschelte Sick und musste wieder zu Kenneth hinüber sehen. Der sah noch müder aus als er selbst und das brachte ihn zum Grinsen. Wie konnte man sich nur mit einem wie Raven einlassen? Doch ihm sollte es egal sein. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und Blade setzte sich neben ihn. Nun waren sie vollzählig.

Nach und nach holte sich der eine oder andere etwas vom kleinen Buffet, dass extra für die Gäste aufgebaut worden war, die vor den regulären Zeiten einen Flieger kriegen mussten. Das war eben der Service von Hotels direkt neben den Flughäfen.

„Eure Maschine steht im Hangar bereit. Boarding ist sechs Uhr und ein Kleinbus wird euch zur Maschine bringen. Seid pünktlich, denn wenn halb sieben der ganze Linienverkehr losgeht, solltet ihr die Rollbahn geräumt haben, sonst ist das Zeitfenster hin. In Inverness stehen zwei Wagen für euch bereit und auf Skye habe ich ein Ferienhaus in der Nähe von diesem Mc Namara gebucht. Die Daten sind alle noch mal hier drauf. Auch Karten und alles, was ihr braucht." Sick legte einen Mini-PC auf den Tisch. „Fragen?", wollte er wissen und sah in die Runde.

„Wenn alles in dem kleinen Ding ist, dann reicht das erst einmal.“ Blade schob den Mini-PC zu Powaqa hinüber. Blade beschäftigte sich mit diesen Dingern nur, wenn unbedingt nötig.

„Wir sollten uns langsam auf den Weg machen.“ Doc hatte auf die Uhr gesehen. Bis zum Boarding hatten sie noch zwanzig Minuten und er wusste, dass sie die auch brauchen würden, einschließlich der Verabschiedung von Sick.

Zustimmendes Gemurmel, dann klirrten noch einmal die Tassen, als sie auf den Tisch gestellt wurden. Einer nach dem anderen erhob sich und griff sich seine Tasche, die an der Tür in einem Regal verstaut worden war, weil sie am Tisch nur gestört hätte. Den großen Seesack mit dem Zeug, was Sick wieder mit heim nehmen sollte, hatten sie schon einem wartenden Taxi-Fahrer in den Kofferraum geschmissen. Der Mann, der unweit an einem Tisch ebenfalls noch einen Kaffee getrunken hatte, sah ihnen hinterher, las aber noch in seiner Zeitung. Sick würde ihn hier einsammeln, wenn er los wollte, so war es vereinbart.

Blade lief neben Sick her und ließ sich mit ihm zusammen unauffällig hinter die anderen fallen. Kurz nahm er die Hand seines Freundes und verschränkte ihre Finger. Er musste das einfach noch einmal tun, weil sie sich gleich für unbestimmte Zeit trennen mussten. Aber lange war ihnen diese Zweisamkeit nicht vergönnt, denn sie kamen zum Schalter, an dem sie einchecken sollten.

Um nicht aufzufallen zog Blade Sick gleich in seine Arme, um sich zu verabschieden, kurz und schmerzlos und auch wenn ein letzter Kuss verlockend war, so ließ er es bleiben und schob Sick mit einem wehmütigen Lächeln weiter zu Doc. Es war besser so. „Halt die Hütte sauber und die Ohren steif."

Die Verabschiedung lief hastig, denn die Zeit rann ihnen durch die Finger. Ein letzter Blick nach dem Boarding zurück - Blade winkte unauffällig. Dann war er zusammen mit den anderen durch die großen Glastüren verschwunden.

Er verbot sich, weiter an Sick zu denken und straffte sich. Er war der Leiter dieser Mission und da musste er hundertprozentig bei der Sache sein. Schweigend folgte er seinen Freunden in den Bus und nachher ins Flugzeug. Erst dort gönnte er sich eine kleine Schwäche und suchte die große Glasfläche des Flughafengebäudes nach Sick ab, aber leider konnte er von seinem Sitz aus nichts erkennen. So lehnte er sich zurück, schnallte sich an und warf noch einmal einen Blick über seine Truppe.

Doc und Powaqa machten ihm keine Sorgen. Was er von Raven und Kenneth halten sollte, nach dem, was er letzte Nacht gehört hatte, wusste er noch nicht, denn die beiden gingen sich aus dem Weg, wo es nur ging. Eigentlich hatte sich bei den beiden nichts verändert, nur der Dämon wirkte ausgeglichener. Was ja erst einmal nicht das schlechteste war in ihrer Situation.

Sie waren alle noch etwas müde auf dem Flug und so dösten die meisten oder lasen. Keiner von ihnen wusste, was die nächsten Tage brachten und so versuchte jeder auf seine Weise noch etwas Ruhe zu tanken. Blade hatte sich von Powaqa den PC geben lassen, weil er sich einen Überblick verschaffen wollte und war dabei auf eine kleine Datei gestoßen, die mit einem Passwort geschützt war.

Sie war für ihn, weil sie seinen Namen trug und er war neugierig, was sie enthielt, nur hatte er keine Ahnung, wie er dran kommen sollte. So sah er Rat suchend zu Sparky, die neben ihm auf dem Platz lag und schlief. Die konnte ihm also nicht helfen. Und weil er nicht wusste, was Sick darinnen verborgen hatte, man aber davon ausgehen konnte, dass es die anderen nichts anging, konnte er auch keinen fragen. Blieb es nur, alle Passwörter zu versuchen, die ihm gerade einfielen.

So fing er an: Waffe - Kommando - Sparky - Mission. Doch nichts brachte den gewünschten Erfolg. Er konnte von Glück reden, dass die Datei nicht nach drei falschen Versuchen gesperrt war, so versuchte er es weiter.

Seine Finger flogen über die Tasten, aber alles, was ihm einfiel, funktionierte nicht. Er wollte schon frustriert knurren und den PC weglegen, als Sicks lächelndes Gesicht in seinem Kopf auftauchte und ihm einen Kuss zuwarf. Er hatte doch nicht…?

Allein der Gedanke, dass Sick gerade dieses Wort genommen hatte, ließ ihn kurz lächeln. Gespannt, ob er richtig lag, tippte er langsam K-I-S-S und hatte plötzlich Zugang. Die Nachricht, die sich öffnete, war nicht lang: „Ich warte auf dich, also pass gefälligst auf dich auf!“, stand dort und trieb Blade ein wenig Röte ins Gesicht. Darunter erschien kurz Sicks Konterfei und verblasste wieder. Dann schloss sich die Datei und löschte sich selbsttätig, nur für den Fall, dass doch jemand Langeweile hatte und sich daran zu schaffen machte.

So strich er Sparky über den Rücken und las sich noch einmal durch die Daten, die für die nächsten Tage wichtig waren. Er studierte die Karten und die Luftaufnahmen des Anwesens. Er erkundete Versteckmöglichkeiten und Wege in das Castle, in dem der Mann lebte und arbeitete. Auch den Stein prägte er sich ganz genau ein - ein kleiner Smaragd. Nicht so auffällig wie der Feuerstein, den Raven schon in seinem Besitz hatte und er suchte auf dem Bild des Zepters die Stelle, an der der kleine Stein allem Anschein nach gesessen hatte.

Blade erinnerte sich, wie Raven den Feuerstein zum Leuchten gebracht hatte. Vielleicht konnte er das bei allen Steinen. So hatten sie die Gewissheit, auch den richtigen Stein erwischt zu haben. Das musste er unbedingt später in Erfahrung bringen. Darum stellte er die Frage erst einmal zurück und fing an, sich den Weg von Inverness zu ihrer Unterkunft einzuprägen, damit er nachher bei der Fahrt nicht nachschauen musste. Außerdem hatte es sich Sick nicht nehmen lassen, ein paar Bilder ihrer Unterkunft einzustellen. Ein solides Haus mit ausreichend Zimmern und einem riesigen Kühlschrank. Blade musste wider Willen grinsen.

„Und?", fragte Doc, der sich langweilte, weil Raven alles und jeden ignorierte und zum Fenster hinaus guckte, während Powaqa sich Kenneth gegriffen hatte.

„Wenn wir gelandet sind, sind es noch ungefähr 150 km. Das sollten wir in etwas mehr als einer Stunde schaffen.“ Blade zeigte Doc, was Sick für sie zusammengestellt hatte und der Arzt nickte. „Wir haben dann noch Zeit, erste Erkundungen einzuziehen und uns das Anwesen anzusehen.“ Blade war schon mitten in der Planung, darum sah er zu Raven. Er sollte den Dämon einbeziehen. Nicht dass der wieder das Gefühl hatte, das alles zu langsam ging.

„Raven?", sagte er also, wissend, dass der Dämon ihn hören würde. Auch Kenneth sah sich kurz um, was passierte, doch er wandte sich wieder ab und ärgerte sich darüber, so neugierig zu sein. Der Dämon setzte sich neben Blade, als dieser ihn zu sich winkte und augenblicklich vertieften sie sich in die Planung. Doc hörte ein wenig zu, aber bald wurde ihm das zu langweilig und er musste gähnen. Fliegen machte ihn immer müde und so schloss er die Augen, um ein wenig zu dösen. Er hörte nur noch mit halbem Ohr hin und ärgerte Sparky, die sich mindestens so langweilte wie er selber. Und da Leid ja bekanntlich zusammen schweißte, hatten sie einen der seltenen Momente, wo sie sich gegenseitig bedauerten anstatt sich zu piesacken.

„Kannst du Mc Namara heute Nacht besuchen? In seinem Traum meine ich, damit wir wissen, wo der Stein ist?" Schließlich hatten sie noch keinen Anhaltspunkt, ob der Stein noch auf der Insel war oder nicht.

„Ja, mach ich.“ Damit war für Raven alles gesagt. Ihn beschäftigte mehr, dass er nicht wusste, wo ihre Gegner waren. So wichtig die Suche nach den Steinen auch war, eigentlich wollte er lieber jagen. Wenn die beiden anderen Dämonen tot waren, hatten sie keine Zeitprobleme mehr.

„Gut", nickte Blade und machte sich mental eine Notiz, dass er sich darum vorerst nicht kümmern musste. Es war ungewohnt, nicht mehr allein die Lenkung zu übernehmen. Auch wenn Raven ihn zu akzeptieren schien, hieß das noch lange nicht, dass der Dämon nicht im Endeffekt seinen Kopf durchsetzte. „Soll sich Powaqa dann so lange um Kenneth kümmern?"

„Nein, nicht nötig, das geht schon. Wenn sie wirklich hier sind und Ken wieder angreifen, wäre Powaqa nur in Gefahr und wir könnten beide verlieren.“ Das war zwar alles richtig, aber nicht Ravens vorrangige Überlegung. Der Sex mit Kenneth gefiel ihm und machte ihn ruhiger, da wollte er nicht darauf verzichten. Und der Mensch hatte sich auch nur anfangs dagegen gewehrt, danach hingegen die Lust und die Leidenschaft des Dämons durchaus zu schätzen gewusst.

„Soll mir recht sein", sagte Blade und tippte sich noch ein paar Notizen in den Mini-PC. „Das Ferienhaus hat drei Schlafzimmer. Du und Kenneth bekommt eines. Über die anderen beiden werde ich mich mit Doc und Powaqa schon einig." Zur Not schlief er selbst eben im Wohnzimmer.

Damit war erst einmal alles gesagt und Raven wandte sich wieder dem Fenster zu. Die Landschaft interessierte ihn nicht wirklich, aber das war immer noch besser, als untätig herum zu sitzen. Dabei hatte er immer ein Ohr bei den Gesprächen seiner Teammitglieder. So verging der Flug ziemlich schnell und bei leichtem Nieselregen stiegen sie in Inverness aus dem Flieger.

Formalitäten waren nicht nötig und so verließen sie schnell den Flughafen, nahmen die beiden Autos in Empfang, die Sick für sie hatte bereitstellen lassen und keine zehn Minuten später waren sie auf dem Weg nach Skye. Doc, Powaqa und Kenneth hatten sich für den einen Wagen entschieden. So blieb der zweite für Raven und Blade. Außer Sparky wollte da wohl niemand bei sein. Der Dämon hatte schon wieder einen solch mürrischen Gesichtsausdruck, dass man um alles fürchten musste, was in Flammen aufgehen konnte. Und bei Ravens Fähigkeiten war das alles. Er hatte es eindrucksvoll bewiesen.

Was ihm schon wieder über die Leber gelaufen war, wusste keiner, aber so wichtig war es keinem, dass einer wagte zu fragen. Sie hingen alle an ihrer Unversehrtheit, denn Raven legte das Tötungsverbot durchaus großzügig aus, wenn ihm danach war. Blade hatte da zwar weniger Skrupel, aber er ließ den Dämon in Ruhe, weil er sich auf die Fahrt konzentrieren musste. Sick hatte die Route auf einen Stick geladen und so konnte das Navi im Wagen ihnen den Weg weisen, die einzige Stimme, die bis zu ihrem Ziel zu hören war.

Es war schon nach Mittag, als sie endlich den Schlüssel für das Ferienhaus in Händen hielten und sich auf die letzten paar Kilometer machten.

„Home, sweet home", sagte Doc, als er aus dem Wagen stieg und sich umsah. Das Haus stand malerisch in der Nähe einer Klippe, hatte bestimmt schon 100 Jahre auf dem Buckel, sollte aber nach der Beschreibung von innen vollkommen modernisiert sein. Für einen romantischen Urlaub war es genau das richtige, aber für ihre Zwecke reichte es natürlich auch. Besonders weil es nicht weit vom Wohnort dieses Mc Namara entfernt lag. Aber abgelegen genug, sollten sie auf die anderen Dämonen treffen. Der nächste Nachbar war ihr Vermieter und der wohnte hinter dem Hügel. Das Castle, in dem der Goldschmied lebte und arbeitete, konnte man von hier aus sehen. Auch das Castle lag an einer Klippe.

Die Küste war zerfressen von der rohen Gewalt des Meeres und fiel überall steil und schroff viele Meter tief ab. Die Gegend war nichts für Badeurlauber, doch Kenneth verliebte sich fast sofort in die Landschaft und die ungebändigte Kraft des Wassers, dessen Branden man bis hier her hören konnte. Die Luft schmeckte salzig von der Gischt.

„Schön hier."

„Zuviel Wasser“, brummte Raven und alle sahen ihn etwas verständnislos an. „Feuer und Wasser vertragen sich nicht“, erklärte er darum, wenn auch widerwillig und drehte sich von der Küste weg. Es war nicht so, dass Wasser ihm wirklich gefährlich werden konnte, aber er mochte es einfach nicht, zumindest nicht in diesen Massen. Er dehnte sich ein wenig und sah sich um. Zu lange hatte er nichts getan und musste sich bewegen.

„Ich erkunde die Gegend“, sagte er deswegen und lief los. Der Rest sah ihm nach, doch dann folgten sie Blade, der als erstes das Haus betrat. „Sick hat einkaufen lassen, darum muss sich keiner kümmern. Wir haben andere Sorgen", erklärte er und orientierte sich kurz.

„Schlafzimmer oben, Wohnbereich unten. Sucht euch Zimmer. Ken pennt bei Raven wie gehabt. Bringt euer Zeug hoch. In zehn Minuten im Wohnzimmer."

Alle nickten nur und suchten sich Zimmer. Doc und Powaqa teilten sich wieder eins, wie immer und somit hatte Blade einen Raum für sich alleine.

Ganz wie der Soldat es angeordnet hatte, trafen sie sich ungefähr zehn Minuten später unten. Blade saß am Tisch und studierte noch einmal, was Sick über diesen Mc Namara herausgefunden hatte.

„Für Interessierte hat der Meister seine Werkstatt geöffnet. Wie es aussieht, als eine Art Museum und Schauraum für den Verkauf. Ich würde mal sagen, wir gucken uns die Bude etwas genauer an", empfing Blade seine Truppe, noch ehe sie richtig saßen.

„Meinst du nicht, wir fallen auf, wenn da vier Kerle anrücken? Da muss doch einer misstrauisch werden. Welcher Kegelclub geht schon geschlossen in eine Goldschmiede", gab Doc zu bedenken.

„Okay, dann gehst du mit Ken, weil ihr euch in den Kopf gesetzt habt, eure Liebe mit selbst geschmiedeten Ringen zu besiegeln.“ Blade grinste breit und wie erwartet, holte Doc erst einmal tief Luft, um zu protestieren, aber ein scharfer Blick ließ den Arzt verstummen. „Weißt du einen besseren Grund, warum zwei Männer in eine Schmiede wollen und nach Steinen fragen?“

„Und was sagt meine Frau dazu, die in New York sitzt und auf mich wartet, während ich mir in Schottland mit meinem Geliebten ein Nest baue?" Doc sah Kenneth an, der auch nicht gerade den Eindruck machte, als wäre er sein Geschmack.

Hatte Doc nur den Eindruck oder musste er immer für Liebeleien herhalten? Kurz lag es ihm auf der Zunge, Raven und Kenneth zu schicken, schließlich war der Flammenwerfer ganz Kenneths Kragenweite, doch das ließ er lieber bleiben. Der Kerl war unberechenbar und hatte das Einfühlungsvermögen einer Dampfwalze.

„Sie wird sich damit anfreunden müssen, dass du erst einmal nicht nach Hause kommst.“ Für Blade war dieses Thema damit beendet, denn seine Anweisung wurde befolgt. Zur Not würde er auch mit Kenneth gehen, aber das war nicht sehr glaubwürdig. „Pow und ich werden uns mal den Rest des Schlosses vornehmen und versuchen, so viel wie möglich herauszufinden. Raven sollte sich zurückhalten, denn er wird unser Joker sein, wenn er Mc Namara im Schlaf besucht.“

„Okay." Einheitliches Gemurmel wurde laut, doch keiner sprach mehr dagegen. Doc und Kenneth sollten noch in Ruhe etwas essen und sich einen Kaffee kochen, Powaqa und Blade wollten vor fahren, damit sie nicht alle zur gleichen Zeit dort aufschlugen. Auf dem Bildschirm des kleinen PCs öffnete der Soldat das Bild eines Smaragds und das Bild des Zepters, damit sie noch einmal sehen konnten, wie groß der Stein in etwa sein sollte.



24


„Ich hoffe, Raven stellt nix an, während wir weg sind. Wir sollten ihm einen Zettel schreiben“, murmelte Doc leise, weil er nicht wusste, ob das eine gute Idee war. Aber sich vorzustellen, dass die Hütte hier lichterloh brannte, weil es dem Dämon nicht passte, zurückgelassen worden zu sein, behagte ihm nicht.

„Einen Zettel?", fragte Blade irritiert und deutete auf das Headset, das jeder von ihnen trug. Fast schien es, als wären sie damit verwachsen, denn Doc hatte wohl vergessen, dass auch Raven eines trug. „Ich sag ihm Bescheid." Schnell war die Nummer gewählt und die Handys in der Hosentasche waren so eingestellt, dass sie keinen Mucks von sich gaben, nur den Hörer im Ohr aktivierten. So informierte Blade den Dämon und legte auf. Dann erhob er sich selbst, denn er wollte los. Es juckte in den Fingern und langes Nichtstun machte ihn hibbelig. Da war er Raven ziemlich ähnlich.

„Weiß ich, ob die Flatterfackel damit umgehen kann“, brummte Doc leise, beließ es aber dabei. Egal was er sagte, er kam dabei nicht gut weg. Darum grinste er Kenneth an, als sie aus dem Haus gingen. „Was für Ringe schweben dir denn vor, Schatz? Schlichte oder doch etwas opulenter? Gold oder Weißgold? Das sollten wir klären, wenn wir uns nicht lächerlich machen wollen.“

„Als erstes wäre ich dir ziemlich verbunden, wenn du mich nicht Schatz oder Liebling nennen würdest", knurrte Kenneth leise, grinste aber schief, weil er wusste, dass es für ihre Maskerade unumgänglich war. „Aber wenn schon Ringe, dann was schlichtes. Vielleicht mit Gravur. Gelbgold ist nicht mein Ding. Rot oder weiß, da überlasse ich dir die Wahl." Kurz sah er sich um, als grußlos die Tür zuging und Sekunden später vor der Tür der Wagen startete. Jetzt konnte Kenneth etwas in sich zusammen sinken, denn Doc war derjenige, der noch am ehesten Bescheid wusste und seine Fassade durchschaut hatte.

„Okay, ich werde versuchen daran zu denken. Aber bei den Ringen sind wir einer Meinung, kein Gold.“ Doc setzte sich auf die Couch, weil sie noch Zeit hatten und sah Kenneth an. „Was ist los? Dir scheint es gerade nicht sehr gut zu gehen. Das liegt aber, glaube ich, nicht daran, dass du mit mir Ringe kaufen sollst.“

Ohne es zu wollen, musste Kenneth grinsen und lehnte sich in seinem Stuhl etwas zurück. Sein Blick ging zur Kaffeemaschine und zu den zwei Päckchen Kaffee, die Sick vorsorglich für seine Truppenteile hatte deponieren lassen. Doch er war zu faul, aufzustehen und sich einen Kaffee zu machen. Aber er fixierte weiter die Maschine, so musste er Doc nicht ansehen. „Du weißt doch, was mir täglich aufs Neue die Petersilie verhagelt", sagte er und atmete tief durch, als müsste er sich zur Ruhe zwingen.

„Ja, das weiß ich, aber er ist jetzt nicht hier, also solltest du nicht so niedergeschlagen sein.“ Doc seufzte leise, denn er hatte gehofft, dass sich die Spannungen zwischen Kenneth und Raven langsam legten, aber das war leider nicht so. „Es muss also etwas Schwerwiegendes vorgefallen sein und das macht mir ziemlich Sorgen.“

Nun sah sich Kenneth doch um. Sollte er es sagen? Abschätzend musterte er Doc und entschied sich dafür. „Wir haben letzte Nacht gevögelt bis in den Morgen. Und als er aufstand, tut er so, als würde er mich nicht mal kennen." Er wusste nicht genau, was ihm so zu schaffen machte, vielleicht, dass er sich benutzt vorkam. Doch das stimmte auch nicht, denn er hatte es genauso gewollt wie Raven.

Wenn Doc über diese Eröffnung geschockt war, hatte er sich ziemlich gut im Griff, denn außer einer gehobenen Augenbraue ließ er sich nichts anmerken. Dass er doch ein wenig von der Rolle war, merkte man aber spätestens, als er etwas sagen wollte, denn er musste sich räuspern. „Die ganze Nacht…? Du und…?“ Das musste der Arzt erst einmal verdauen, aber weil Kenneth etwas gequält grinste, nahm er sich zusammen.

„Er ist halt ein ziemliches Arschloch und dass dich das stört, versteh ich voll und ganz, aber vielleicht hilft es dir, wenn du dir vor Augen hältst, wer er ist. Ich weiß nicht mal, ob er überhaupt weiß, was Gefühle sind und deswegen kommt ihm auch nicht in den Sinn, dass er etwas falsch macht.“

„Hey", sagte Kenneth gleich abwehrend und erhob sich nun doch. Er konnte nicht mehr still sitzen, war allerdings erstaunt, dass er heute überhaupt sitzen konnte. „Ich will weder Gefühl noch die große Liebe. Der Sex war gut und mir geht’s besser, weil ich ausgeglichener bin. Aber das ich hinterher wieder Luft bin, kotzt mich an. Ich meine, wir teilen was. Wir sind ein Team - zumindest... ach du weißt, was ich sagen will."

Doc ließ Kenneth reden, denn es war gut, wenn der sich alles von der Seele redete. „Ken, niemand mag es, nach so einer Nacht einfach nicht beachtet zu werden. Das ist vollkommen normal und ich verstehe, dass es nicht einfach für dich ist. Bei einem One Night wäre das was anderes, da erwartet man oft nicht mehr, aber wie du schon sagtest, wir sind ein Team, da liegt der Fall anders.“

„Na ihr mehr als ich. Ich bin nur zufällig in die Sache rein gerutscht", nuschelte Kenneth leise, weil er wusste, dass der Rest darüber etwas anders dachte. „Wenn er mir wenigstens zeigen würde, wie ich meine Fähigkeiten, die ich haben soll, nutzen kann. Stattdessen benutzt er mich, um seinen Frust abzubauen... wah!" Kenneth stieß sich vom Schrank ab, an den er sich eben erst gelehnt hatte und lief durch die Wohnküche wieder hinüber zur Couch. Es war zum aus der Haut fahren und je länger er darüber nachdachte, umso schlimmer wurde es.

„Nein, du gehörst mit zum Team, da gibt es nichts dran zu rütteln.“ Doc fing Kenneth, der an ihm vorbeiging, ein und zog ihn zu sich auf die Couch. „Ken, fordere einfach von ihm, dass er dich trainiert. Wenn er dich für seine Zwecke benutzt, dann hast du auch das Recht. Ich weiß, das ist nicht gerade leicht, aber er wird es tun und vielleicht bewirkt es, dass er dich wahrnimmt.“

„Hey", lachte Kenneth plötzlich, weil er sich gerade wie einer seiner Patienten fühlte und das war nicht das angenehmste Gefühl auf der Welt. „Das sind meine Tipps." Aber so falsch lag Doc nicht. Er sollte nicht schmollen und in die Ecke kriechen, sondern sich zeigen und fordern. Zumindest machte das vor sich selbst einen ziemlich guten Eindruck, wenn er sich das vornahm. „Lass uns auch langsam aufbrechen. Ich will was tun und außerdem will ich hier weg sein, wenn der Flammenwerfer doch früher heim kommt als geplant."

„Na, dann los, Liebling“, lachte Doc, der ganz zufrieden war. Kenneth war sein Freund und da konnte er nicht haben, wenn es dem nicht gut ging. Er legte einen Arm um Kenneth und verzog sein Gesicht zu einem Grinsen. „Also, so gern ich dich ja habe, aber für meinen Geschmack hast du einfach nicht genug Rundungen. Wobei ich sagen muss, von der Größe her bist du perfekt.“

„Ich weiß nicht, ob ich jetzt gekränkt oder zufrieden sein soll", gab Kenneth zu und löste sich langsam wieder. Er griff sich noch eine Flasche Wasser aus dem gut gefüllten Kühlschrank und sein Portemonnaie, dann folgte er Doc aus der Tür. Eilig schloss er hinter sich ab, steckte den Schlüssel in die Tasche und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. „Ich gehe davon aus, dass du die Ringe bezahlst", sagte er keck und genoss die sie umgebende Landschaft. Wenn alles vorbei war, sollte er sich vielleicht ein paar Tage Zeit nehmen. Er brauchte Urlaub.

Sie fuhren nur ein paar Minuten, bis sie am Schloss ankamen und Doc suchte einen Parkplatz für den Wagen. Der Anzahl der Wagen nach, waren sie nicht die einzigen Besucher, was gar nicht so schlecht war, dann fielen sie nicht gleich auf. Doc drehte sich zu Kenneth und deutete auf den Shop. „Okay, ich würde sagen, wir gehen gleich rein und sehen uns da um.“

Nickend schloss Kenneth die Tür des Autos und lauschte auf das leise Piepen, als Doc es verriegeln ließ. Kurz sah er seinen Freund an, doch als der keine Anstalten machte, ihn bei der Hand nehmen zu wollen, atmete er erleichtert aus und folgte Doc, der schon den kleinen Kiesweg vom unbefestigten Parkplatz bis zur Treppe gelaufen war und am Fuße des Castles auf ihn wartete.

Gemeinsam betraten sie den Laden und Doc sah sich um. Das Angebot war breit gefächert. Es gab Silber- und Goldschmuck. Teilweise industriell gefertigt, aber ein großer Teil war handgefertigt. „Da drüben, Ken.“ Doc deutete auf eine Vitrine, in der Eheringe lagen und zog seinen Freund dort hin, damit sie sich diese ansehen konnten. Dabei hatte er Kenneths Hand gegriffen und zog so auch die Aufmerksamkeit einiger anderer Kunden auf sie. Doch dann war der Schmuck wieder interessanter als das Pärchen.

In einer ruhigen Ecke saß eine junge Frau und arbeitete an einem Schmuckstück, erklärte gern auch die Fragen der Besucher und zeigte das eine oder andere bereitwillig noch einmal, wenn jemand sie darum bat. Kenneth beobachtete sie eine Weile und suchte mit den Augen alle Anwesenden im Raum ab, doch sie waren zu jung, um mit Foster und O'Rayley zusammen ein Grab geplündert zu haben.

„Echt hübsch, die Sachen“, murmelte Doc und nahm eine Kette in die Hand, kam aber nicht dazu, sie sich näher anzusehen, weil gerade ein alter Mann aus einer Tür hinter dem Tresen kam. Er hatte das richtige Alter, um Mc Namara zu sein und unauffällig stieß Doc Ken an. „Lass uns mal zu dem rüber gehen“, flüsterte er ihm zu.

Wieder nickte Kenneth und wandte den Blick von der Schmiedemeisterin ab. Er wollte auch sehen, wen Doc entdeckt hatte und kurz trafen sich sein und der Blick des älteren Mannes. Er hatte lichtes Haar am Oberkopf, doch im Nacken waren die weißen Haare in einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Das bunte Hemd und die lässige Hose ließen ihn eher wie einen alternden Beach-Boy aussehen als nach einem Goldschmied, dessen Kunden aus der ganzen Welt kamen, nur um seine Werke zu sehen und zu kaufen. Zumindest verrieten das die Referenzen auf seiner Homepage.

Langsam schlenderten sie zu dem Mann hinter dem Tresen und kurz bevor sie ihn erreichten, drehte der sich zu ihnen und so konnten sie die Kette um dessen Hals sehen. In der Mitte eines wunderschön verzierten Amuletts prangte ein großer Smaragd. Das konnte eigentlich nur ihr Stein sein. „Ken, der Stein in der Kette“, wisperte Doc und Kenneth sah zwangsläufig da hin, wo er Ketten vermutete. Das grün, umrahmt von kaltem Silber, auf der braun gebrannten Haut. Bildete sich Kenneth das nur ein, oder wirkte der Mann mit einem mal verspannt? Ob ihre Tarnung als schwules Pärchen auf der Suche nach Ringen nach hinten losgegangen war? Gerade in den letzten Ecken des Landes, weit ab von den großen, toleranten Metropolen, hielt sich der alte Glaube länger und intensiver. Kenneth fühlte sich nicht wohl, als er sich gemustert fühlte.

Die hellen Augen des alten Mannes lagen auf ihm und Doc. „Guten Tag“, sagte er, als die beiden Freunde vor ihm am Tresen standen. Die Augen waren etwas zusammengekniffen und er wirkte ängstlich oder nervös. „Kann ich ihnen helfen?“, fragte er und Doc schreckte leicht auf, weil er sich auf den Stein konzentriert hatte. Im Nachhinein war es ihm peinlich, Mc Namara so angestarrt zu haben und er sah dem Goldschmied nun offen ins Gesicht, ein Lächeln umspielte seine Lippen.

„Ich, nein wir", verbesserte sich Doc und griff offen Kenneths Hand und lächelte seinen Freund dabei verliebt an, dass Kenneth nicht wusste, was er machen sollte und einfach mit grinste. „Wir suchen Ringe. Wenn möglich kein Gelbgold. Hätten sie da etwas für uns?"

„Ringe?“ Der Mann hinter dem Tresen wirkte ein wenig verwirrt, denn damit hatte er nicht gerechnet. So wie die beiden Männer auf sein Amulett gestarrt hatten, war er sich sicher gewesen, sie wollten ihn nach dem Stein in seiner Kette fragen. „Aber sicher doch. Wir haben dort drüben Ringe in allen Ausfertigungen. Wenn sie mir folgen wollen.“ Er deutete mit der Hand auf einen Tresen am anderen Ende des Raumes.

„Sicher. Ihr Haus ist bekannt für klassische Schönheiten. Da kommt man gern auch mal den langen Weg aus London", erklärte Doc, den stummen Kenneth immer noch an seiner Hand. Der Psychologe wirkte etwas verspannt, besser Doc übernahm die Führung. „Wir suchen etwas Schlichtes. Vielleicht Bänderringe mit Gravur oder winzigen Steinsplittern. Nichts Auffälliges. Passend zu jeder Gelegenheit." Er plapperte nun einfach darauf los, um Mc Namara ein bisschen aufzulockern. Der wirkte nämlich nicht weniger angespannt als Kenneth.

„Was Schlichtes. Ja, da kann ich ihnen bestimmt etwas anbieten.“ Mc Namara zog eine Schublade aus dem Tresen und legte sie darauf ab. „Das dürfte wahrscheinlich ihren Vorstellungen entsprechen.“ Er sah hoch und wieder starrte der kleinere seiner Kunden auf den Stein an seinem Hals und so langsam fühlte Mc Namara sich unwohl.

Wahrscheinlich hätte er es noch nicht einmal bemerkt, wenn sein alter Freund O'Rayley ihn nicht gestern angerufen hätte. Erst hatte er es für einen Scherz gehalten, als Henry von einem Dämon gesprochen hatte, doch sein Freund war so klar im Kopf gewesen wie früher. Es gab einfach keinen Grund daran zu zweifeln. Und dann kamen heute zwei Typen, die einfach nicht in sein Klientel passten und betrachteten immer wieder seinen Stein. Irgendetwas war hier faul.

Vielleicht hatte Henry mit dem Dämon übertrieben - doch dass an dem Stein ein Fluch hing, das war auch Steven klar.

„Sehr schöne Ringe", musste Doc zugeben und ließ seine Finger über die aufgereihten Schönheiten gleiten.

„Dieser hier gefällt mir.“ Vorsichtig nahm Doc einen Ring hoch und zeigte ihn Kenneth. Er war schlicht, etwas breiter und mit einer Rille, in der ein kleiner Stein saß. So etwas hatte ihm schon immer gefallen und nun war die Gelegenheit günstig. „Was sagst du, Schatz?“ Er hielt Kenneth den Ring hin und stupste ihn unauffällig an, weil der ihn wahrscheinlich gar nicht gehört hatte.

„Hä?" Kenneth riss sich von dem Stein um Mc Namaras Hals los und versuchte wieder in seine Rolle zu kommen. Nickend nahm auch er den Ring in die Hand und probierte ihn auf. Auch wenn er eigentlich keine Ringe trug, gefiel ihm das kühle Metall auf seiner Haut ziemlich gut. Sogar die Größe war perfekt. „Ein schönes Stück", lächelte er und hielt den Ring so, dass der Stein das Licht der Lampe über dem Tresen brechen konnte und wie ein winziger Stern funkelte.

„Er steht ihnen gut“, sagte Steven und suchte den Blick mit Kenneth. Er war sich immer sicherer, dass das Pärchen vor ihm überhaupt nicht an Ringen interessiert war, sondern eher an dem Stein in seinem Amulett. Er musste wissen, ob er richtig lag, aber der Verkaufsraum war nicht der richtige Ort. „Ich würde ihnen gerne noch ein paar andere Ringe zeigen, die sind aber noch in meiner Werkstatt. Wenn sie mir folgen, zeige ich sie ihnen gerne“, sagte er darum.

„Gern", willigte Doc ein und Kenneth streifte den Ring wieder von seinem Finger, damit er ihn nicht aus Versehen noch mitgehen ließ, wenn etwas Unvorhergesehenes passieren sollte.

Er war vieles, aber er war kein Dieb!

Eilig folgte er Doc und Mc Namara und verschwand hinter ihnen durch eine Tür, die hinter einem alten Gobelin verborgen war. Er fand es unvorsichtig, einfach so zu folgen, denn der Kerl kam ihm immer noch so vor, als wüsste er mehr als ihnen lieb war. Deswegen schubste er mit dem Fuß ein Steinchen so, dass die Tür nicht ins Schloss fallen konnte. Vorsicht war besser als Nachsicht.

Steven ging vor zu seiner Werkstatt und lehnte sich dort an seine Werkbank. Er war nervös, denn er konnte ja auch vollkommen falsch liegen, aber er musste das jetzt wissen. „Warum seid ihr wirklich hier? Ringe sind es auf jeden Fall nicht. Habt ihr etwas damit zu tun, dass mein Freund Henry O'Rayley mich angerufen hat, um mir von einem Dämon zu erzählen, der ihn bedroht hat?“, fragte er darum geradeheraus.

„Oh", sagte Doc und lachte leise. Zu leugnen hätte keinen Sinn. Also nickte er. „Ja, wir sammeln die Steine zusammen, die damals aus dem Grab entwendet worden. Mit dem Fluch, der darauf liegt, ist nicht zu spaßen, denn der Dämon, von dem O'Rayley erzählt hat, ist real. Wir hoffen, dass wir ihm zuvor kommen können und die Steine mit dem Zepter vereinen, um den Dämon zurück in die Hölle zu schicken."

Kenneth, der über die nicht ganz reine Wahrheit nur staunen konnte, blieb stumm. Doc konnte in unglaublich schneller Zeit die tollsten Geschichten erfinden. Ob er so was schon oft gemacht hatte?

„Bei Foster waren wir zu spät. Der Dämon hat den Stein. Und bei O'Rayley waren wir auch zu spät. War er bei ihnen auch schon?", fragte Doc weiter. Es musste doch keiner wissen, dass sie den Feuerstein hatten und mit dem Dämon, von dem O'Rayley gesprochen hatte, zusammenarbeiteten.

Unwillkürlich griff Steven an sein Amulett und schüttelte den Kopf. Er hatte schon immer gewusst, dass auf den Steinen ein Fluch lag, aber es jetzt zu hören, ließ ihn erschauern. Damals, als sie die Steine aus dem Stab gebrochen hatten, hatten diese kurz geleuchtet, aber außer ihm hatte das keiner gesehen. „Also gibt es den Fluch doch“, murmelte er leise und seine Hand verkrampfte sich um das Schmuckstück. „Nein, hier war er noch nicht.“

„Er folgt den Steinen und egal was ihnen ihr Freund erzählt hat, es ist schlimmer. Dieser Kerl hat nur ein Ziel und Menschen zählen für ihn nicht. Dass die anderen beiden noch leben, lag wohl daran, dass sie irgendwann die Steine rausgerückt haben. Danach waren sie wertlos", erzählte Doc weiter und Kenneth schluckte. Also, wenn jemand so über seine eigenen Freunde reden würde, er würde dem Kerl den Mund verbieten. Auch Mc Namara machte Anstalten, doch er schwieg. Es war nicht gelogen. Ein Grab zu plündern und etwas an sich zu nehmen, was einem anderen gehörte - sie waren wertlos!

In Stevens Gesicht arbeitete es und er wusste nicht, was er tun sollte. Er hatte gehofft, dass sein Amulett den Fluch neutralisieren würde, aber da hatte er sich wohl getäuscht. „Also, wenn ich euch den Stein gebe, lässt er mich in Ruhe?“, fragte er und sah Doc an. Er hatte genug Lebenserfahrung, um zu bemerken, wenn man ihn anlog.

„Wir würden den Stein nehmen, auch kaufen. Dann verschwinden wir und er wird sich auf unsere Fährte heften und sie verschonen. Das ist alles, was ich anbieten kann." Doc hielt dem Blick stand und Kenneth beobachtete die beiden von einer geringen Distanz. Er konnte spüren, wie angespannt beide waren. Nur konnte Doc es wesendlich besser verbergen als Mc Namara.

Steven sah Doc eine Weile an, ohne etwas zu sagen. Erst dann nahm er seine Kette ab und gab sie ihm in die Hand. „Nehmt sie. Ich habe sie gestohlen und wenn sie helfen kann, den Dämon zu besiegen, gebe ich sie gern her.“ Schon jetzt fehlte ihm das gewohnte Gewicht, denn seit Jahrzehnten hatte er die Kette getragen und nur sehr selten abgelegt.

„Danke", sagte Doc und sah auf den Stein, der nun an einer silbernen Kette langsam in seine ausgestreckte Hand gelegt wurde. „Aber ich weiß nicht, wie viel Vorsprung wir haben oder ob er nicht gerade hinter einem der anderen beiden Steine her ist, die ihre Freunde noch haben. Allerdings haben wir über diese nichts herausfinden können und wollten uns erst einmal den Stein sichern, von dem wir wussten, wo er ist", versuchte Doc nun einen Trick. Vielleicht hatten sie dem Goldschmied so viel Angst gemacht, dass er in Sorge um seine Freunde ein paar Anhaltspunkte springen ließ, wo sie die restlichen Steine finden konnten.

Steven sah Doc an und kämpfte mit sich. Sollte er ihnen sagen, wo sich die beiden letzten Steine befanden? Wenn diese beiden nicht wussten, wo sie suchen mussten, konnte es ja sein, dass der Dämon sie auch nicht fand. Man sah ihm an, dass er sich uneinig war, aber schließlich beschloss er für sich, auf Nummer sicher zu gehen und griff sich einen Zettel und einen Stift. Er schrieb etwas auf und reichte ihn dann hinüber. „Das ist das, was ich über die beiden letzten weiß.“

Doc griff zu und ließ den Zettel nach einem kurzen Blick in seiner Tasche verschwinden, genauso wie den Stein an der Kette. Dafür griff er in seine andere Tasche und zog eine Visitenkarte heraus. Sie enthielt nur eine Nummer, nicht mehr. „Sollte doch noch etwas passieren, rufen sie dort an. Wir werden es erfahren", sagte er mit ernster Stimme und hoffte insgeheim, dass die beiden anderen Dämonen mitbekamen, dass sie den Stein hatten und Mc Namara in Ruhe ließen.

„Gut, danke.“ Steven steckte die Karte in seine Hosentasche und sah Doc und Kenneth an. „Ich hoffe, dass die Geschichte damit erledigt ist. Es war Unrecht, was wir damals getan haben und es ist auch nicht mit unserer Jugend zu entschuldigen. Schnappt euch den Dämon. Hoffentlich kann ich durch meine Mithilfe das Unrecht wieder gut machen.“

„Wir werden unser bestes geben", sagte Doc und lächelte. Wer hätte gedacht, dass das so einfach werden würde. Er konnte es noch gar nicht glauben und er malte sich schon aus, wie das wurde, wenn sie wieder in der Ferienwohnung waren. Wenn jeder was erzählte und sie dann den Zettel und den Stein auf den Tisch legten.

„Den Ring von eben hätte ich trotzdem gern", sagte plötzlich Kenneth, denn der hatte ihm wirklich gefallen.

Steven war im ersten Augenblick etwas irritiert, aber dann grinste er. „Nur den einen?“, fragte er und sah zu Doc hinüber. „Wenn sie zwei nehmen, dann mache ich einen guten Preis.“ Jetzt befand Steven sich wieder auf bekanntem Terrain und zwinkerte einmal kurz. „Die Ringe sind Einzelanfertigungen aus Weißgold, also wirklich etwas Solides und Haltbares.“

„Sie sind auch schlicht und klassisch schön", sagte Doc und war kurz entschlossen, den zweiten Ring zu nehmen. Er wusste, dass ihr Jüngster gerne mal Silber trug, nicht viel, nicht auffällig, aber für Ringe war er zu begeistern. Blieb nur zu hoffen, dass die Ringe nicht viel zu groß waren. Aber meistens waren Paar-Ringe für einen Mann und eine Frau gemacht, also für etwas stärkere und schlankere Finger.

„Na dann, gehen wir doch wieder nach vorne.“ Steven ging vor und war sich sicher, dass seine Gäste ihm folgten. Er holte die Ringe wieder aus der Vitrine und ließ Kenneth seinen noch einmal anprobieren. „Da haben sie sich wirklich was Schönes ausgesucht.“ Steven überreichte Kenneth die kleine Schachtel und nahm die Kreditkarte entgegen, damit er sie abrechnen konnte.

Die kleine Schachtel fest in der Hand, nahm Kenneth seine Karte wieder an sich und steckte sie weg. „Ich wünsche ihnen viel Glück und noch viele Erfolge", sagte er und verabschiedete sich. Ein letzter Blick ging zu der geschickten, jungen Frau in der Ecke, die ihr Schmuckstück so eben beendet hatte und die kleine Runde, die darum stand, ihre Begeisterung kundtat.

So verließen Doc und Kenneth den Laden und erst als sie im Wagen saßen, sahen sie sich eben an. Doc hielt den Stein in der Hand und den Zettel mit den Adressen - sie konnten es beide nicht glauben.