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Vampirzwillinge - Teil 5 bis 6

5.Kapitel
Ja oder Nein?

Umgeben von endlosen Bäumen fuhren wir mit dem Auto. Samir gab ziemlich viel Gas, aber er lenkte den Wagen geübt und sicher. Das, was ich in den letzten Stunden erfahren hatte, war zwar fantastisch, aber verdammt real.
Vampire, Blut, Vampirjäger, Morde, Zwillinge...
Mir schwirrte der Kopf, doch diesmal war nicht die Wunde schuld.
Die fing eher, unter dem Verband, an zu jucken und ich hob automatisch meine Hand um zu kratzen.
„Bitte, lass das“, sprach mich Samir von der Seite an. Er nahm nicht mal den Blick von der Straße, aber hatte es wohl aus dem Augenwinkel beobachtet.
„Das Jucken bedeutet nur, dass der Heilungsprozess beginnt und es wäre schlecht, wenn du alles wieder aufkratzen würdest.“
Ergeben ließ ich meine Hand wieder in den Schoß fallen.
„Schon gut, ich lasse es“, murmelte ich, noch in Gedanken.
„Ich dachte, Vampire können am Tag nicht überleben?“, fragte ich nebenbei.
„Wie ich schon sagte, die Sagen bestehen nur aus Unsinn“, war die amüsierte Antwort. „Nachts sind wir nur unauffälliger und das Jagen ist leichter.“
Vielleicht sollte ich das Thema erst mal sein lassen und selbst recherchieren, was man zum Thema ‚Vampir’ noch zusammen tragen könnte.

„Lorca tut es leid“, kam es auf einmal von Samir. Überrascht drehte ich meinen Kopf zu ihm. „Was tut deinem Bruder leid?“
„Dass du dich während deiner Flucht den Kopf gestoßen hattest. Schließlich war er der Auslöser. Aber ihm fällt es schwer sich zu entschuldigen, deswegen hat er mich darum gebeten es dir auszurichten.“
„Schon in Ordnung“, antwortete ich verblüfft. „Er scheint mir gegenüber manchmal irgendwie abweisend“, konnte ich mir nicht verkneifen zu erwähnen.
Nun sah er doch in meine Richtung und ich fragte mich, wann wir wohl einen Baum rammten. „Ja, das ist er wohl.“ Er seufzte: „Er hat Angst.“
„Vampire können Furcht verspüren? Vor was denn?“
Zum Glück sah Samir wieder auf die Straße vor sich.
„Vor dem erneuten Verlust eines geliebten Wesen“, mehr sagte er nicht, obwohl seine Antwort mehr Fragen entstehen ließ.
Scheint als hätte ich ein schmerzhaftes Thema getroffen, weswegen ich nicht weiter bohrte.

Die restliche Fahrzeit fuhren wir schweigend. Samir hielt am Straßenrand vor meiner Wohnung und ich stieg aus. Als ich mich von Samir verabschieden wollte, sah ich Rick. Er kam auf einmal um die Ecke, vielleicht noch 20 Meter entfernt. Er hatte einen besorgten Gesichtsausdruck. Sobald er mich sah, fuchtelte er wie wild mit den Armen und rief meinen Namen.
Auch Samir hatte es gesehen und zog beide Augenbrauen nach oben.
„Sieht so aus, als hätte sich dein Freund wirklich sorgen gemacht. Bitte pass auf, was du ihm erzählst“, warnte er und ließ den Motor aufheulen.
„Werde ich tun“, sagte ich noch und schon verschwand er mit seinem Flitzer.
Ich sah ihm nach, bis er an der nächsten Kreuzung verschwand und fragte mich, ob das vielleicht alles nur ein Traum war.
Doch mein lädierte Kopf war wohl Beweis genug das es nicht so war.

„Marc, da bist du ja endlich. Ich habe mir große Sorgen gemacht.“ Er umarmte mich überschwänglich, als er mich erreichte. Ich schnappte hörbar nach Luft und mein Freund ließ mich sofort los.
„Wieso denn das?“, fragte ich ihn, um herauszufinden, was ihn so aufregte. Es war doch unmöglich dass er was wusste, oder?
„Weißt du es denn noch nicht?“, fragte er mich. Fast gleichzeitig kam die nächste Frage, da ihm mein Verband erst jetzt auffiel.
„Was hast du denn angestellt?“ Ich seufzte: „Ich war ein bisschen ungeschickt und bin gegen ein Türrahmen gerannt. Wie wäre es, wenn wir erst in meine Wohnung gehen? Ich könnte einen Tee gebrauchen.“ Mein Freund nickte, auch ihm war das lieber. Schnell gingen wir in meine Wohnung, wobei Rick mir hibbelig folgte.
Was war nur los mit ihm?

Kaum in der Küche angekommen und Wasser aufgesetzt, konnte Rick nicht länger warten.
„Nun, ich habe heute die Zeitung aufgeschlagen und bin fast sofort hierher gerannt“, begann er. „Was stand denn drin? Ich hatte nämlich noch keine Gelegenheit rein zu schauen“, bohrte ich nach.
Das Wasser war endlich heiß genug und ich goss für uns beide ein.
Der Geruch von Jasmintee erfüllte langsam den Raum.
„Die alte Frau, bei der du doch gerne in der Bücherei bist, ist verschwunden.
Es gibt keinerlei Hinweise, wo sie ist oder wer es war. Und ich hatte mir Sorgen gemacht, da du ja oft abends dort bist und dir vielleicht was passiert wäre.“
Ich zuckte zusammen. An die Frau hatte ich gar nicht mehr gedacht.
Zum Glück missverstand Rick mein Zusammenzucken. „Keine Angst, Marc. Man wird sie bestimmt finden“, versuchte er mir zu versichern. Leider wusste ich es besser. „Das hoffe ich“, schauspielerte ich trotzdem.
Schnell wechselte Rick das Gesprächsthema, wohl um mich zu schonen.

„Wer war eigentlich der Typ in dem krassen Auto, vorhin?“
Ich lächelte leicht. „Das war Samir. Den hatte ich in der Disco kennen gelernt. Ich hatte es dir doch erzählt.“
„Der dich geküsste hatte? Sieht ja nicht schlecht aus.“
„Ja“, stimmte ich ihm zu und schwieg eine Weile.
„Hör zu, Rick, ich muss über eine Menge nach denken.“, versuchte ich ihn abzuwimmeln.
„Ja, das verstehe ich. Ruf mich nur an, wenn du reden willst oder was brauchst“, zeigte Rick Verständnis. Ich bedankte mich und begleitete ihn bis zur Tür. Jetzt endlich war ich alleine.

Seit mir klar wurde, dass ich vor Vampiren stand, wollte ich mehr davon wissen.
Was gibt’s besseres als das im Internet zu tun?
Ich ging in mein Schlafzimmer und durchwühlte meinen Kleiderschrank.
In der rechten Ecke stand mein zusammengeklappter Laptop.
Ich benutzte ihn nur selten und deshalb war er etwas staubbedeckt, was ich wegwischte. Ich machte mich mit dem elektrischen Gerät auf meinem Bett bequem, nachdem ich das Fenster weit aufgemacht hatte, da es doch etwas stickig war, und schaltete es an. Das Hochfahren und Anmelden ging schnell, sodass ich bald das Wort ‚Vampir’ in der Internetsuchmaschine eingeben konnte.
„Ein Vampir (auch Vampyr; von serbisch вампир/vampir) ist im Volksglauben und der Mythologie eine blutsaugende Nachtgestalt, und zwar meist ein wiederbelebter menschlicher Leichnam, der von menschlichem oder tierischem Blut lebt und übernatürliche Kräfte besitzt. Je nach Kultur und Mythos werden den Vampiren verschiedene Eigenschaften und magische Kräfte zugeschrieben. Manchmal handelt es sich auch um nichtmenschliche Gestalten wie Dämonen oder Tiere (z. B. Fledermäuse, Hunde, Spinnen)“, las ich leise.
Tja, aber was könnte davon wahr sein?

„Hi, was machst du da?“
Mit einem lauten Schrei sprang ich auf und blickte mit laut klopfenden Herzen zum offen stehenden Fenster. Eine Gestalt hockte auf der Fensterbank und sah neugierig herein. Der Wind zerzauste schwarze, lange Haare, woran ich ihn erkannte. „Samir?! Wo kommst du denn her?“, rief ich erschrocken.
Er rutschte von seinem Sitzplatz und schritt weiter in das Zimmer.
„Jep, Sorry, wenn ich dich so erschreckt habe. Ich bin durch das Fenster eingestiegen. Hoffe, dass du nichts dagegen hast.“
Ich atmete tief durch. „Nun, ich stehe kurz vor einen Herzstillstand, aber sonst alles in Ordnung“, meinte ich ironisch und ließ mich wieder auf das Bett fallen.
Samir kam von der andere Seite und ließ sich auch darauf nieder.
Als er näher zu mir gerückt kam, wusste ich nicht, was er vor hatte. Jedenfalls zog er mich zurück, bis ich mit meinen Oberkörper gestützt an ihn lehnte.
Ein ungewohnte Haltung, aber doch irgendwie schön und ich entspannte mich nach paar Sekunden.

„Ich vermisse deine Nähe. Wenn ich darf, würde ich gerne deine Wärme spüren“, flüsterte er mir ins Ohr. Ich bekam eine Gänsehaut, aber stimmte unsicher mit einem Nicken zu.
Mit einen Arm hangelte ich nach dem Laptop und zog mir das Gerät auf die Beine. Samir blickte mir über die Schulter und las den Text, den ich vorhin rausgesucht hatte. Er schnaubte amüsiert.
„Was ist so lustig?“, fragte ich
„Blutsaugende Nachtgestalt, das stimmt. Aber wir sind keine lebende Toten.“
„Kannst du es mir erklären?“ Ich spürte wie er tief einatmete. Sein Atem, der nicht kalt war, kitzelte in meinen Nacken.
„Ja, warum nicht? Der Vampirkeim wird nicht durch den Biss weitergegeben, sondern die Verwandlung wird durch das Vampirblut, was der Mensch trinkt, hervorgerufen. Ich weiß nicht, was genau da passiert, aber durch den Keim verändert sich der ganze menschliche Organismus und wird zu was anderem. Der Keim verleiht den Zellen Immunität gegenüber dem Zerfall, weswegen wir tatsächlich bis in die Ewigkeit leben können“, erzählte er mir.
„Wow“, konnte ich nur hauchen.
„Von den übernatürlichen Kräfte, kennst du ja unsere Schnelligkeit. Und das mit den magischen Kräften...“

„Ihr könnt hypnotisieren“, fiel ich ihm ins Wort und erinnerte mich daran, dass Lorca genau das bei mir tat, als ich in Panik geriete.
„Genau, aber das ist bei jedem Vampir anders. Ich kannte mal einen, dessen Fähigkeit bestand darin, sich in eine Fledermaus zu verwandeln. Es hat was mit dem Art des Keimes zu tun, denn es gibt viele Formvarianten. Unsere Hypnose ist aber auch abhängig vom Widerstandsgeist der Menschen. Je stärker desto schwieriger, je schwächer desto leichter ist es für uns.“
„Verstehe“, murmelte ich.
Samir lachte unterdrückt, aber ich spürte das Zucken. „Was ist?“
„Lorca ist bei dir fast an die Grenze gegangen“, verrät mir Samir.
„Hm, vielleicht war meine Panik etwas im Weg“, vermutete ich.
„Möglich. Die Hypnose macht es einfacher Opfer zu bekommen.“
„In der Disco hattest du nach Beute gesucht, oder?“, wollte ich wissen.
Er schwieg für einen kurzen Moment.
„Ja, das stimmt. Anfangs wollte ich dich nur raus locken und meinen Durst stillen. Doch je länger ich in deiner Nähe war, desto mehr hatte ich das Verlangen etwas anderes zu tun.“
Vergesslich und naiv, wie ich war, fragte ich: „Was denn?“
Ich drehte meinen Kopf, sodass ich ihm ins Gesicht sah. Samir grinste: „Ich kann es dir gerne nochmal zeigen.“
Er beugte sich nach vorne und küsste mich und ich erwiderte diesmal.

Nach einigen Sekunden lösten wir uns, ich betrachtete den Laptop erneut.
„So sollen Knoblauch und jedwede Darstellungen eines Kruzifix der Abschreckung dienen. Ferner soll geweihtes Wasser Vampiren Schaden zufügen. Vor allem Letzteres unterstreicht den Gegensatz der Idee des „dämonischen Charakter eines Vampirs“ zu der Idee der „heiligen Kirche“. Direkte Möglichkeiten, einen Vampir zu vernichten, seien das Köpfen und vor allem das Pfählen (Schlagen eines Holzpflocks mitten durchs Herz). In manchen Darstellungen führt das Pfählen allerdings lediglich zu einer Art Totenstarre, die durch das Hinausziehen des Pflocks wieder beendet werden kann. Auch eine kombinierte Methode aus diesen beiden Praktiken (Köpfen und Pfählen) soll verhindern, dass der Vampir als Untoter zurückkehrt. Bei dieser Methode wird der Vampir gepfählt und der Kopf der Kreatur mit dem Spaten eines Totengräbers abgetrennt. Daraufhin wird der Mund des Toten mit Knoblauch gefüllt. Letzteres ist die „sicherste“ Methode, da der Vampir durch das Entfernen des Pflockes wieder lebendig wird“, las ich im Text weiter.

Wieder zuckte es hinter mir. Der Vampir hatte sein Spaß.
„Und?“, fragte ich neugierig.
„Nicht mal Herkules würde ohne Kopf weiter die Bösewichte schlagen können.
Sonst ist das was wir fürchten Silber.“
„Silber?“
Samir nickte: „Der Keim verträgt sich nicht mit Silber, weshalb es sofort abstirbt. Ohne den Keim, verwandelt sich der Körper in seinen ursprünglichen Zustand zurück. Doch eine zweite Umwandlung ist ein zu großer Schock für den Organismus, was der Tod zufolge wäre“, erklärte er ernst.
„Alles andere wie Knoblauch, Kreuze, geweihtes Wasser ist doch alles Blödsinn. Und die „sicherste“ Methode, stell ich mir doch recht eklig vor.“
Ich musste lachen. Nein, vorstellen wollte ich es mir bestimmt nicht.

„Und das wissen diese Jäger?“, wollte ich wissen.
„Ja, aber auf miese Wege haben sie es erfahren, als ihr Kodex ‚Nieder mit den dunklen, von Dämonen besessenen Bestien’ zu vermuten mag.“, sagte er angewidert.
„Glauben die das wirklich? Ich würde die Vampire eher als eine andere Gattung sehen, aber nicht als böse Wesen, denn das bist du bestimmt nicht.“
„Das freut mich zu hören, Marc.“ Ein Arm schlängelte sich an mir vorbei und umfasste meine Hand, die auf der Tastatur lag.
„Sie treffen seit Jahrhunderten schon auf Vampire und deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass sie nicht mal bemerkt haben sollen, dass wir gar nicht so ‚böse’ sind. Diesen Jägern ist es egal, ob wir Gefühle haben und nur in Frieden leben wollen. Die meisten sind zu Vampirjäger geworden, nur um töten zu können. Dabei protzen sie herum, nennen uns herzlos und selber sind sie erbarmungslos und nicht selten wird die Tötung herausgezögert und wahre Folterqualen hervorgerufen.“ Während seiner Rede wurde der Griff fester und ich zog schmerzhaft die Luft ein. Sofort war der Druck verschwunden.
„Entschuldigung“, murmelte Samir.
„Schon in Ordnung. Es ist ja nicht deine Schuld“, meinte ich nur.

Sind die Vampirjäger wirklich so grausam? Ich hatte nur die Worte von Samir, doch irgendwie glaubte ich ihm, aber vielleicht ist es aus der Sicht der Vampiren anders als bei den Menschen? Nein, Samir und Lorca sahen nicht anders, sie hatten nur mehr Erfahrungen als ich.

Ich schaltete den Laptop aus und legte ihn auf den Nachttischschrank. Langsam lehnte ich mich zurück und legte meinen Kopf auf seine Brust ab. Ich hörte es leicht und ruhig unter mir pochen, sein Herzschlag.
Es war beruhigend und zeugte davon, dass er bestimmt kein Untoter war. Sonst wäre wohl auch sein Leib eiskalt, aber er war warm und weich.
Es vibrierte an meiner Wange, als Samir eine Frage stellte: „Hast du entschieden?“ Ich schwieg.

Hatte ich entschieden? Jeder andere würde schreiend fort laufen. Er ist ein Mörder! Trinkt Blut. Ist kein Mensch, sondern ein Vampir, ein Raubtier.
Sollte da nicht jeder Instinkt zur Flucht raten?
Aber doch war er bei mir und ich suchte seine Nähe. Habe keine Angst und genieße es nicht alleine zu sein. Und... ich mag ihn, seit ich in seine wunderschöne schwarzen Augen gesehen hatte.

„Ja, ich habe entschieden“, sagte ich wage.
„Und?“ Nach außen hin zeigte er nichts, doch ich spürte, wie angespannt er war und meine Antwort fast fürchtete.
Ich lächelte, was er von hinten nicht sehen konnte. „Ich würde mich freuen, dein Partner zu werden“, sagte ich nach paar, für ihn, quälende Sekunden.
Plötzlich wurde ich von hinten fest umarmt und noch näher an den Körper hinter mir herangezogen.
„Ich danke dir“, flüsterte Samir in mein Ohr und ich konnte deutlich die Erleichterung in seiner Stimme hören.


6.Kapitel
Verdacht

Es war Nacht und helles Vollmondlicht erfüllte das Schlafzimmer. Ich konnte nicht schlafen, denn ich war noch zu aufgewühlt. Vieles war passiert.
Ich hatte Vampire kennen gelernt und von gefährliche Vampirjägern erfahren.
Und das komplizierteste, ein Blutsauger wollte mit mir zusammen sein!
Ich als Mensch, wie sollte das gehen? Könnten sie sowas wie Blutdurst haben und dabei jeden anfallen, egal ob Freund oder Feind? Wie sind die anderen Vampire? Ihre Fähigkeiten? Gefährlich? Tödlich?
Diese Fragen ließen mich einfach nicht los und ich regte mich unruhig.

Samir, auf dem ich halb lag und von dem ich dachte, er schliefe schon, richtete sich auf und beugte sich über mich.
„Marc, was ist mit dir?“, fragte er sanft und eine Hand legte sich an meine Wange. „Mir geht so vieles durch den Kopf“, antwortete ich
Beruhigend strich er über meine Haut. „Das kann ich mir vorstellen. Würde mich sogar wundern, wenn du alles so wegstecken könntest.“
Er legte sich hin und zog mich wieder auf sich.
„Also, was hast du auf den Herzen?“
Es war schön in seinem Armen liegen zu können. War das vielleicht zu schnell für eine erste Beziehung? Aber ich fühlte mich wohl und sah deshalb kein Problem darin.

Ich zögerte kurz: „Habt ihr sowas wie Blutdurst? Ich meine... könntest du unberechenbar werden?“, wagte ich doch zu fragen.
Eine Weile war Stille und ich wollte mich schon aufrichten um in sein Gesicht sehen zu können, doch seine Arme hielten mich davon ab. Sein Kopf schob sich an meiner Seite und stützte sich auf meine rechte Schulter, die Nase nah an meiner Halsschlagader. Schnupperte er wirklich an meinen Hals?
„Hm, ja Blutdurst kann wohl jeder Vampir haben, doch vor mir brauchst du keine Angst zu haben. Ich habe lange trainiert um dieses Bedürfnis, sollte es unerwartet auftauchen, unterdrücken zu können. Zwar nicht für Stunden, doch lange genug um zu verschwinden und mir ein geeignetes Opfer zu holen.
Dir wird nichts geschehen. Darauf werde ich achten, obwohl dein Blut sehr lecker riecht und bestimmt auch so gut schmeckt.“

Bei dem Wort ‚Opfer’ lief es mir kalt den Rücken herunter. Aber war da wirklich so ein großer Unterschied, wie wenn ein Mensch ein Tier schlachtet um sich an dem Fleisch zu laben?
Ich gab einen erschrockenen Laut von mir, als eine feuchte Zunge an mein Hals entlang fuhr.
„Hey!“ Die Zunge verschwand.
„Sorry, aber ich konnte nicht widerstehen“, lachte der Vampir und ich konnte nicht anders als mit zu lachen. Komischerweise vertraute ich ihm, dass er nicht plötzlich zubiss. Schließlich hatte er mehr als eine Gelegenheit dazu gehabt, oder? Plötzlich kam mir ein Gedanke.
„Samir, wird man nicht bei einem Biss zum Vampir?“ Ich spürte, dass er die Frage sehr ernst nahm, wohl weil er dies in der Hand hatte.
„Im Prinzip ist das möglich, auch wenn bestimmte Regeln beachtet werden müssen. Sonst wird der Mensch nicht zum Geschöpf der Nacht sondern zu einer blutleeren Leiche.“
„Könntest du es?“
„Ja. Warum fragst du? Willst du, dass ich dich wandle?“
„Nein, ich war nur neugierig“, versicherte ich schnell.

Ich hatte bis jetzt noch gar nicht darüber nachgedacht. Samir wäre also dazu in der Lage, aber war es wirklich nötig? Gute Gründe gab es ja.
Zum Beispiel wurde ich immer älter und Samir blieb jung. Würde er mich deswegen bald verlassen? Der Gedanke schmerzte, da ich ihn wirklich mochte. War dies schon eine Art der Liebe? Selbst wenn, ich war jung und hatte bestimmt noch Jahre um das entscheiden zu können. Zumindest hoffte ich das.
Doch ich würde meinen Status als Mensch verlieren und Blut trinken müssen.
War es das wirklich wert oder eher: Wäre das wirklich so schlimm?
Ich wusste es nicht.

„Ich mache mir Sorgen, Marc“, durchdrang wie weit weg die Stimme meine Gedanken.
„Was hattest du gesagt?“, fragte ich sogleich.
„Ich habe Angst um dich“, wiederholte Samir noch einmal.
„Wieso das?“, fragte ich verwirrt. Mir ging es doch gut, außer der kleinen Kopfwunde, die, während ich still lag, kaum schmerzte.
„Ich rede von den Vampirjägern. Wenn sie doch eine Spur zu dir finden, wäre das schlecht.“
Ich gab mich zuversichtlich: „Ich glaube nicht, dass sie mich finden. Wie auch?“
„Sie haben so ihre Methoden“, sagte Samir.
„Na und? Ich habe die Polizei und einen starken Vampirfreund“, entgegnete ich siegessicher. Er seufzte lautlos.
„Nun gut, du sturer Esel. Versprich mir nur vorsichtig zu sein.“
„Ich verspreche, ich werde vorsichtig sein und mich in acht nehmen“, versprach ich halb im Scherz und Samir nahm es hin.
Irgendwie konnte ich es einfach nicht ernst nehmen. Schließlich war er doch ein übermenschliches Wesen, ausgestattet mit Sinnen, die jedem Menschen überlegen sind.
Wenn ich später auf diesen Moment zurückblickte, fragte ich mich immer, warum, wenn man nicht hören wollte, es auf so brutale Weise zu fühlen bekam.
Warum musste das Schicksal immer so grausam sein?

Ich war wohl dann eingeschlafen, denn als ich das nächste mal die Augen aufschlug, fing es draußen an zu dämmern. Während der Nacht bin ich von dem Vampir runtergerutscht und lag nun neben ihm.
Sein Gesicht war direkt vor mir und die Lider waren geschlossen, die Gesichtszüge entspannt.
Ich drehte mich auf die Seite und betrachtete fasziniert wie bei jedem Atemzug sein Brustkorb, unter der Decke, sich leicht senkte und wieder nach oben wölbte.
„Guten Morgen“, flüsterte eine tiefe Stimme und mein Blick wanderte zurück zu seinem Gesicht. Schwarze, klare Augen sahen mich an, ohne Anzeichnen der morgendlichen Benommenheit wie ich es von mir kannte.
„Morgen“, erwiderte ich lächelnd. „Habe ich dich geweckt?“
Samir schüttelte den Kopf, beugte sich nach vorne und gab mir einen leichten Kuss. „Nein, ich bin schon seit Stunden wach. Aber ich wollte noch nicht aufstehen, sondern lieber deine Nähe und Wärme genießen“, schnurrte er fast.
Ich konnte nichts dagegen tun, doch meine Wangen fingen an zu glühen.
Um die Verlegenheit zu überspielen, schwang ich nun selbst meine Beine aus dem Bett und stand auf. Wir beiden hatten immer noch die Sachen vom Vortag an. Mir es machte nichts aus, dass Samir bei mir schläft. Ich hatte es sogar genossen. Aber die Kleider anfangs fallen zu lassen, das wäre mir definitiv zu weit gegangen. Auch Samir hielt sich zurück.
Er ließ mir Zeit und ließ mich bestimmen, wie weit ich mich traute und das war mir sehr wichtig.

Plötzlich wurde ich von hinten umarmt und fest an einen Männerkörper gepresst.
„Wie gerne ich noch länger bleiben würde, aber ich muss leider zu Arbeit.“
„Du hast einen Job?“, fragte ich erstaunt und lehnte mich an ihm.
„Tja, ob Mensch oder Vampir, es schadet nie etwas Geld im Haus zu haben“, war die amüsierte Antwort.
„Außerhalb der vier Wänden gebe ich mich trotz allem als Mensch aus.“
Ich brummte nur zur Antwort. Ich wollte nicht alleine sein. Nie hatte ich mich so wohl gefühlt. Als hätte Samir meine Gedanken erraten, meinte er: „Ist ja nicht für lange. Wie wäre es, wenn wir Abends was unternehmen?“
Ich wurde hellhörig. „Ausgehen?“
„Ja, ich lade dich dazu ein, mit mir heute Nacht in der Disco abzuhängen und dich ordentlich zu amüsieren. Wie sieht es aus, Kleiner?“, flüsterte er in mein Ohr. Disco? Obwohl, warum nicht.
„Aber bitte nicht in die Disco vom letzten Mal“, bat ich.
„Okay, du denkst bestimmt an die Vampirjäger. Keine Angst, selbst wenn wir dorthin gegangen wären, sind sie bestimmt nicht an dem Ort. Ihr Ziel war erreicht.“ Schon wieder lief es mir kalt dem Rücken runter. Ja, ihre Aufgabe hatten sie sehr genau erfüllt. Konnte ihnen keiner das Handwerk legen?

Nachdem ein Zeitpunkt ausgemacht wurde, konnte sich Samir endlich lösen und verschwand aus der Wohnung. Ich machte mir Kaffee und ein großes Frühstück, da ich mich schon etwas ausgehungert fühlte. Wen wundert es bei solche kräfteraubende Ereignisse? Es war still in der Küche. Ich konnte nicht anders als ständig an Samir zu denken. An seinen warmen Körper und seiner beschützerischen Art. Um mich abzulenken, schaltete ich das Radio an und versuchte mich auf die Lieder zu konzentrieren. Doch vergeblich.
Nach dem Frühstück hatte ich das Gefühl, dass meine Wohnung fast einengend und erdrückend auf mich wirkte und beschloss etwas spazieren zu gehen.

Befreiend atmete ich die kalte Luft ein, froh aus meiner Wohnung zu sein.
Es war noch früh am morgen und leichter Bodennebel hing über dem Straßen. Ein wunderschöne Anblick beim Aufgehen der Sonne.
Ich hatte ein paar Straßen hinter mir gelassen und war an unzählige Gassen vorbeigegangen, als aus einer plötzlich eine menschliche Gestalt heraus trat.
Sie war von hohem Wuchs und ich drehte mich auf der Stelle um und ging mit schnellen Schritten in die entgegengesetzte Richtung. Wer wusste schon, wer sich so früh hier draußen rum trieb?
Doch eine bekannte Stimme hielt mich auf.

„Marc? Bist du das?“
Verblüfft blieb ich mitten im Schritt stehen und wandte mich zu der Gestalt.
Es war Andrew, Ricks neuer Freund.
Andrew kam auf mich zu und blieb unmittelbar vor mir stehen.
Jetzt sah ich, dass er einen langen Ledermantel und Hose trug mit den passenden Schuhen. Die gleichen Sachen wie er sie letztens in der Disco an hatte.
„Oh, hallo Andrew. Kommst du gerade von einer Feier?“, war daraufhin meine schlussfolgende Frage. Für den ersten Moment sah er mich verwirrt an, bevor er meinen Blick folgte.
„Wie... achso, ja, ich komme gerade von einer Geburtstagsfeier. Wir haben die ganze Nacht durch gemacht.“ Er fing an zu lachen.
Ich lächelte nur. Etwas seltsam fand ich seine Aufmachung schon. Irgendwie kommt mir seine Kleiderwahl nicht wie für eine Feier, sondern eher wie abenteuerliches Kampfmontur vor. Als ich dies zum ersten Mal sah, dachte ich es wäre einfach ein Gag. Aber scheinbar lief er öfter so rum.
Obwohl, warum nicht? Es hatte doch jeder so seine Macken.

„Und du kannst noch auf beiden Beinen stehen und in zusammenhängende Sätze sprechen?“, fragte ich scherzend.
Andrew nickte: „Ich trinke prinzipiell keinen Alkohol. Wusstest du nicht, das bei jedem Rausch über Millionen von Gehirnzellen absterben? Ich möchte lieber alle behalten“, scherzte er zurück.
„Nein, wirklich. Ich wollte noch etwas mit dem Motorrad fahren und dafür brauche ich einen klaren Kopf“, beeilte er sich zu erklären.
„Vernünftig, mit Alkohol am Steuer hat man nie gute Karten“, stimmte ich zu.
Andrew blickte sich um und kam plötzlich etwas näher an mich heran.
„Gut, dass wir uns treffen. Ich wollte mich mit dir mal dringend unterhalten.“
„Über was denn?“
Er blickte mir in die Augen. „Ich habe mitbekommen das eine alte Bekannte von dir ermordet wurde.“ Unwillkürlich versteifte ich mich.
„Ja, ich weiß. Ich hatte es gestern Nachmittag erfahren“, erwiderte ich etwas bedrückt. Andrew beobachtete mich genau und ihm entging keine Regung meinerseits. Was sollte dieser prüfende Blick?
„Wo warst du denn als der Mord geschah?“

Hatte ich mich verhört oder fragte er mich tatsächlich aus?
Ich sah ihn irritiert und wahrscheinlich etwas empört an. „Ich war bei einem Freund. Aber warum interessiert es dich?“
Sein Blick blieb weiterhin bohrend. Irgendetwas war im Busch.
„Weißt du, ich war zufällig in der Nähe der Bücherei essen und sah, wie du hinein gingst. Deshalb dachte ich schon, es hätte dich mit erwischt.“
Oh, Scheiße! Ich bemühte mich meine Gesichtszüge nicht entgleisen zu lassen und überlegte mir fieberhaft eine plausible Ausrede.

„Stimmt, ich habe mir paar Bücher ausgeliehen und bin dann wieder weg.“
Andrew schaute verwundert. „Aber ich hatte dich doch nicht rausgehen sehen.“
„Ich musste den Hinterausgang nehmen, da Frau Churbach dummerweise ihren Schlüssel verlegt hatte. Sie ist ja schon etwas älter und sehr vergesslich. Ich bin dann durch die Gassen und auf einer andere Straße raus gekommen“, versuchte ich logisch vorzutragen. Hoffentlich logisch genug.
Andrew grinste: „Achso, so war das. Und ich hatte mir schon das schlimmste ausgemalt. Schließlich war keine Rede von einer zweiten Person und ich dachte schon, du wärst entführt worden oder so.“
Ich lachte etwas verkrampft. Der kam der Wahrheit ja ziemlich nahe!
„Nun, wie gesagt. Ich war bei einem Freund und hatte wohl Glück, dass ich nicht länger geblieben war.“
Er schmunzelte: „Ja, davon hast du wirklich viel.“ In Anspielung auf die Disconacht mit dem zwei ermordeten jungen Männer.

Andrew blickte auf sein Handgelenk, wo eine Uhr dran befestigt war.
„Oje, schon so spät? Ich komme zu spät zu meinem Termin.“
Sein Blick wanderte zu mir.
„Zumindest bin ich, was dich anbelangt, beruhigt. Und es tut mir wirklich Leid, was mit der alten Frau passiert ist. Ich hoffe, man findet bald den Mörder.“
„Das hoffe ich auch“, murmelte ich leise. Was sollte ich auch sonst sagen?
Der Mörder war ein Vampir, der mein Partner war und ich mochte ihn?
Schnell gab er mir seine Hand und verabschiedete sich. Mir fiel ein Tatoo auf seinem rechten Unterarm auf. Ein großes, weißes Kreuz.

Betäubt sah ich ihm nach. Ob er mein erschrockenes Zusammenzucken bemerkt hatte? Ich glaubte nicht.
Waren das nicht zu viele Zufälle?
Diese ganzen Fragen und die Kleidung als wäre er geradewegs aus einem Van Helsing Film entsprungen? Und Samirs Warnung, sie hätten ihre eigene Methoden um Spuren zu folgen.
War Andrew vermutlich ein Vampirjäger?!
Ich schüttelte energisch mit dem Kopf. Stopp, ich durfte mich nicht verrückt machen. Andrew hatte nur Klarheit haben wollen, da ihm manches Suspekt war und er sich Sorgen gemacht hatte. Ich hätte doch nicht anders gehandelt, oder? Konnte wohl noch froh sein dass er nicht sofort die Polizei benachrichtigt hatte.
Ja, genau! Ich sollte aufhören, hinter jedem Schatten eine Bedrohung zu erahnen.
Ich war einfach von den Ereignissen überfordert.

Ich machte mich auf dem Weg nach Hause. Meine Gedanken auf den bevorstehenden Discobesuch gerichtet. Ich werde mit Samir hingehen.
Oh, Gott, was sollte ich denn nur anziehen?