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02

Catching Santa Claus [Ira]

Türchen 2


Gähnend streckte sich Tobi in seinem Bett, als er am Samstag Morgen aufwachte.

Es war dann gestern doch wieder spät geworden. Die beiden waren nach ihrer Rückfahrt zusammen einkaufen gewesen, weil Tobi nicht so viel im Kühlschrank hatte. Normalerweise war er ja auch alleine, da kaufte er nicht so viel ein.

Danach hatte er Niklas in seiner Wohnung rumgeführt und der Blonde hatte die Couch genommen. Er hatte ihn nicht darauf schlafen sehen, also konnte Tobi nicht sagen, ob sie lang genug war. Davor hatten sie irgendwas im Fernseher gesehen und noch eine Weile geredet, bevor sie so um Mitternacht in ihre Betten verschwunden waren.

Einen Blick auf seine Uhr sagte dem Braunhaarigen, das es kurz nach acht Uhr war. Er könnte also aufstehen und Brötchen für ein Frühstück kaufen gehen.

Müde stand er auf, sammelte seine Sachen die er anziehen würde zusammen und schlurfte in Boxershorts ins Bad, wo er erst einmal duschte, um wach zu werden.

*

Während Tobias noch unter dem warmen Wasserstrahl stand, schloss Niklas gerade die Wohnungstür auf. Er war heute Morgen wieder sehr zeitig erwacht, war er es doch gewöhnt früh aufzustehen und gleich mit der Arbeit zu beginnen. Also hatte er sich geduscht und war dann laufen gegangen. Unterwegs holte er Brötchen von dem Becker, den er gestern schon auf der Heimfahrt bemerkt hatte. Den Schlüssel von Tobias hatte er natürlich mitgenommen, weil er ihn nicht wecken wollte, sollte dieser noch schlafen. Schnell blickte Niklas auf die Küchenuhr und stellte fest, dass es bereits halb neun war und dann hörte er auch die Geräusche aus dem Bad. Alles klar, war Tobias also auch erwacht.

Lächelnd dachte Niklas an den gestrigen Abend zurück, während er beschloss Frühstück zu machen und begann erst mal die Schränke zu durchstöbern. Das mochte er nicht gerne, aber jetzt wo er einmal wusste wo alles war konnte er dann vielleicht jeden früh den Tisch vorbereiten, immerhin wollte er sich ja dankbar zeigen wegen der angebotenen Unterkunft. Auch gestern hatten sie darüber geredet und Tobias war natürlich der Meinung, dass sich Niklas nicht revanchieren musste, tat er es doch gerne, aber der Blonde würde es trotzdem tun, einfach so. Aus einer gewissen Schuldigkeit heraus und weil er Tobias einfach eine Freude bereiten wollte, mochte er ihn doch sehr.

*

Es war fast schon wieder schade, dass er das warme Wasser verlassen musste. Aber Tobi wollte ja einkaufen gehen. So drehte er nachdem er sich den Schaum vom Körper und aus den Haaren gewaschen hatte das Wasser ab und angelte nach einem Handtuch. Schnell trocknete er sich ab und schlüpfte dann in die mitgebrachte Shorts und den warmen Jogginganzug den er gerne am Wochenende trug.

Mit einem Handtuch auf dem Kopf weil er sich noch die Haare trocken rubbelte verließ er sein Bad und ließ die Türe offen, damit sie sich nicht wegen dem Wasserdampf verzog.

Überrascht wanderte eine Augenbraue in die Höhe, als er Geräusche aus der Küche hörte. War Niklas etwa schon wach?

Neugierig tigerte er in seine Küche und fand sich Niklas gegenüber, der munter vor sich hin wuselte und den Frühstückstisch deckte. Was wollten sie denn Essen, wenn er noch nicht beim Bäcker gewesen war?

Suchend schweifte sein Blick durch den Raum, nur um dann an der Tüte hängen zu bleiben, die ihm sagte, wo sie gekauft worden war. “Ja sag mal, bist du noch nicht ganz wach, Niklas? Ich hab dir das Geld doch gestern mit den Worten gegeben “für etwas Wichtiges“. Damit war nicht gemeint, dass du Brötchen kaufen musst.“

Denn der Braunhaarige war sich sicher, dass Niklas nicht an seinem Geldbeutel gewesen war, um sich das Geld daraus zu nehmen.

*

Niklas schreckte zusammen, denn er war so beschäftigt gewesen, dass er nicht mehr auf die Geräusche im Bad geachtet hatte. "Mensch hast du mich erschreckt", grinste er dann und blickte Tobias freundlich an. Hörte dann erst die kleine Standpauke. Ja, Tobias hatte ihm gestern noch Geld zugesteckt, falls Niklas was Wichtiges besorgen musste. "Naja ich hatte ja kein anderes Geld und die paar Rappen", winkte Niklas ab.

"Mir ist was viel schlimmeres heute früh beim anziehen aufgefallen", murmelte Niklas und ging dann auf Tobias zu, zog ihn an der Hand mit sich ins Wohnzimmer. Dort kramte er fix all seine Sachen aus dem Rucksack hervor und legte sich auf das Sofa. "Siehst du? Alles nur kurz. Ich habe wirklich mit Sonne und Äquatornähe gerechnet und jetzt brauche ich Wintersachen...", seufzte er tief.

*

Leise seufzte Tobi auf. "Du hättest an meinen Geldbeutel können", murmelte der Braunhaarige und ließ sich dann überrascht ziehen.

Dass die Hand sich gut in seiner anfühlte, verdrängte er gleich wieder.

Ja, das war wirklich ein Problem.

"Mist. Meine Sachen werden dir sicher nicht passen, wo du größer bist als ich." Was konnten sie nur machen? Gabi wohnte zwar grade gegenüber und war so groß wie Niklas, aber sie hatte eher Frauensachen. Sprich: figurbetont und knallige Farben.

Wen kannte er sonst noch der so groß war wie er und den er fragen konnte?

Uli. Aber der war noch auf Geschäftsreise und kam erst heute Abend wieder zurück. Phil war nicht groß genug und auch viel breiter und Doro hatte die Ausmaße von Phil.

Leise seufzte er auf.

*

"Also du hast auch keine Idee wer mir was borgen könnte oder? Also momentan habe ich dann nur die Sachen, die ich gestern anhatte, na ja und jetzt", meinte Niklas uns ließ sich aufs Sofa sinken. "Dann ist das jetzt hier das dritte Problem!"

*
Tobias ging vor dem Sofa in die Hocke und blickt zu Niklas hoch.

"Gabi und Doro scheiden schon mal aus, alleine weil beide Frauen sind. Gabi hat zwar deine Größe, aber nur figurbetont und knallige Farben. Doro ist klein und mollig, geht auch nicht.

Phil sieht genauso aus und Uli ist bis heute Abend auf Geschäftsreise. Aber er hat deine Größe und ungefähr deine Statur. Ich müsste ihn fragen. Er hat nur kein Handy dabei und ich weiß nicht genau, wann er heute Abend kommt", erklärte der Braunhaarige und fuhr sich mit einer Hand durch die nassen Haare nachdem er das Handtuch über seine Schultern gelegt hatte.

"Sonst fällt mir auch nichts ein. Tut mir leid." Traurig ließ er den Kopf hängen. Sonst brachte er doch immer Glück. Aber Niklas schien er nur Pech zu bringen.

*

"Denkst du er borgt mir was?", fragte Niklas nur leise. "Heute kann ich ja noch mit meinen Sachen rumlaufen, aber danach bräuchte ich wirklich was anderes", meinte Niklas fast flehend. "Weil ich aber auch wirklich nur an diesen einen Ort gedacht habe. Hätte ich das alles richtig geplant wären bestimmt auch warme Sachen bei mir im Rucksack gelandet."

*

Sanft legte er eine Hand auf Niklas Knie. Er wollte ihn irgendwie beruhigen und ihm Trost spenden.

"Uli und ich sind seit dem Kindergarten befreundet. Als ich hier raus gezogen bin, ist er mit gezogen. Er wohnt zwei Stockwerke über mir. Sicher leiht er dir was. Du bist ein Freund von mir und er ist der Auffassung: Freunde von mir wären auch seine Freunde", sprach Tobias sanft.

"Mach dir deswegen keine Sorgen."

*
"Ich hoffe du hast recht.", lächelte Niklas leicht und erhob sich dann. "Warten wir halt bis heute Abend und sollte er doch nichts haben werde ich mir wohl was kaufen müssen. Das Geld kriegst du selbstverständlich wieder, wenn du mir es denn leihst", lächelte er leicht und seine Augen strahlten dabei. "Du? Wollen wir nicht langsam frühstücken? Ich habe Hunger..."

*


*

"Sicher würde ich es dir leihen, wenn Uli wirklich nichts rausrücken will. Aber dafür kenn ich ihn schon zu lange", grinste Tobias und stand dann wieder auf.

"Ja, lass uns Essen. Da fällt mir ein, ich muss noch ganz dringend etwas machen. Du kannst ruhig schon mal vor in die Küche", murmelte Tobias und war schon aus dem Raum verschwunden, ohne auf Niklas zu achten. Sonst vergaß er es nur wieder und das gab Ärger mit Gabi.

Der 23-Jährige lief in seine Werkstatt, nahm sich die rote Tasche mit der grünen 2 und verließ seine Wohnung. Er trat über den Flur und hängte die Tasche an die Klinke, mit der Zahl nach vorne.

Zufrieden kehrte er dann wieder in seine Wohnung zurück und machte sich mit dem eingepackten Geschenk, das gestern vor seiner Wohnung gestanden hatte und eindeutig Gabis Handschrift aufwies auf in die Küche. Gestern hatte er es nach dem Einkaufen einfach nur auf die Ablage gestellt und dann nicht mehr daran gedacht.

*

Niklas hatte sich auf Tobis Bitte hin schon mal in die Küche gesetzt, wartete aber brav mit dem Essen. Das war einfach höflich und bei sich zu Hause machten sie das auch, bloß dass in letzter Zeit eben Vater nicht mit frühstückte.

*

Leicht lächelte Tobias als er bemerkte, dass der Größere auf ihn gewartet hatte.

Also ließ er sich auf seinen Platz fallen, wünschte Niklas einen guten Appetit und griff sich eines der Brötchen, für das er hatte gar nichts machen müssen.

"Ich muss heute auf alle Fälle noch das Holz Tic-Tac-Toe fertig machen. Was wirst du in der Zeit machen, Niklas?", wollte Tobi neugierig wissen.

Er würde bestimmt nichts dagegen haben, wenn der Blonde - dessen Haare ihn immer an einen Rauschegoldengel erinnerten - ihm zuschauen würde. Aber verlangen konnte er das nicht.

*

"Hm... ich bin es nicht gewohnt nichts zu machen und einfach nur rumzusitzen und vielleicht kann ich dir helfen?!", bot Niklas an.
Er hatte Tobias noch nicht darin eingeweiht, dass er selber schon Jahre lang Holzspielzeug herstellte, doch gestern ja schon gezeigt, dass er ganz bewandert in der Kunst der Spielzeugherstellung war.

*

"Du musst nicht", beeilte sich Tobias zu versichern und als ihm auffiel, dass das Gesagte wohl einem Rauschmiss gleich kam und dass er Niklas nicht dabei haben wollte, stahl sich ein schiefes Lächeln in sein Gesicht.

"Aber ich würde dich gerne dabei haben. Ich bin gespannt, wie deine Verarbeitung, deine Fähigkeiten so sind. Ich meine, du hast ja gestern von dem Schlitten erzählt, mit der funktionierenden Lenkung."

Hoffentlich fühlte der Ältere sich jetzt nicht abgeschoben und nur geduldet. Das war das letzte, was Tobias wollte.

*

"Ich helfe dir gerne! Spielzeugmachen, das kann ich. Wohl eines der wenigen Sachen, die ich kann", seufzte Niklas und musste an die dunklen Worte seines Vaters denken, der ihn immer wieder tadelte, weil er so viel falsch machte, nur bei seinen Spielzeugen hatte er nach einer Weile nichts mehr zu meckern gehabt. Da war Niklas seiner Meinung nach wohl ein Naturtalent gewesen.

*

Tobias beugte sich über den Tisch und snickte dem Blonden vor die Stirn.

"Keine trüben Gedanken in diesen vier Wänden. Das ist hier verboten", meinte Tobias ernst und nickte dazu.

"Wenn du selbst, aus tiefstem Herzen der Meinung bist, dass du nur Spielzeug gut machen kannst, dann kannst du das auch sagen. Aber nicht, wenn dir ein anderer versucht das einzureden."

*

"Du wärst ein gefundenes Fressen für meinen Vater. Der ist da nämlich ganz anderer Meinung. Er denkt, dass er mich von all seinen Kindern am härtesten rannehmen muss, weil ich ja mal seine... Aufgabe übernehme. Und da kritelt er eben an allem rum, was ich tue, um mich anzuspornen besser zu werden. Nur beim Spielzeug kann er immer nichts finden", erzählte Niklas und zuckte dann nur die Schultern, begann sich sein Brötchen mit Nutella zu beschmieren. Heute war ihm mal nach einem süßen Frühstück zumute.

*

Tobi zuckte mit den Schultern und bestrich sich sein Brötchen dann erst einmal mit Butter und Nutella.

Das Niklas sein heiß geliebtes Nutella aß, ignorierte er mal. Aber irgendwie war Niklas auch der Einzige, mit dem er ohne zu diskutieren das Nutella teilen würde. Tobi schüttelte den Kopf und aß dann erst einmal einen bissen.

"Eltern sollten stolz auf ihre Kinder sein und sie bei allem unterstützen. Sie mich an. Wenn es nach meinen Dad gegangen wäre, dann wäre ich Banker geworden. Das hat er damals schon bei meiner Geburt entschieden.

Als ich dann größer wurde und mein Holzspielzeug heiß und innig geliebt habe und ich dann in der Sekundarschule mit dem Wunsch kam, bei einem Spielzeugmacher herein zu schnuppern, ist er aus allen Wolken gefallen.

Aber er hat mich hingefahren und nach der Woche, hat er mich gefragt wie es mir gefallen hat. Als er meine leuchtenden Augen sah, war ihm schon alles klar und er gab sich damit einverstanden", erzählte Tobias.

*

"Ich denke schon, dass mein Vater stolz auf mich ist, aber er zeigt es wohl nicht, weil ich ja noch besser werden soll, um seine Arbeit mal voll und ganz übernehmen zu können. Tja, aber anders entscheiden darf ich mich nicht. Ich muss seine Aufgabe übernehmen ob ich will oder nicht. Ich versuche schon seit Jahren ihn dazu zu überreden doch einen meiner Brüder mit seiner Arbeit zu betreuen und lieber diese zu schulen aber das will er nicht. Es ist eben Tradition, dass der älteste Sohn die Aufgaben weiter führt", erklärte Niklas. "Ich hab mich damit abgefunden, denn mit ihm kann man einfach nicht darüber reden oder ihn gar zu etwas anderem zu überzeugen", erzählte Niklas und fuhr sich durch das kurze Haar, leckte sich die Schokolade von der Lippe.

*

Leise seufzte Tobias. "Bei uns in der Familie ist das auch Tradition, dass die Söhne Banker werden.

Aber mein Dad liebt mich mehr, als das er mich unglücklich sehen will, nur weil er mich zu etwas gezwungen hat, was ich absolut nicht will", nuschelte Tobias und musste dann schlucken, als er Niklas dabei beobachtete, wie er sich das Nutella von den Lippen leckte.

/Tobias Walt, hör auf da was rein zu interpretieren. Das einzige was Niklas im Augenblick gebrauchen kann, ist ein guter Freund, der ihm Unterschlupf gewährt und ihm zuhört, wenn er reden will/, rief sich der Braunhaarige in seinen Gedanken zu Ordnung.

"Was willst du denn werden?", wollte er wissen.

*

Niklas stutzte auf die Frage hin. Das hatte ihn noch niemand gefragt: "Ich... ich hab da eigentlich nie drüber nachgedacht. Für mich gab es immer nur meine Aufgabe und mein ganzes Leben lang wurde ich darauf geschult...", flüsterte Niklas. "Ich habe mich damit abgefunden, aber ich möchte wenigstens ein Mal einfach frei sein, ausspannen, mich nicht nach anderen richten und endlich mal die Welt selbst entdecken. Und deswegen bin ich hier."

*

Ein warmes Lächeln huschte über seine Züge. Tobias legte kurz eine Hand auf Niklas und drückte sie sanft, bevor er sich wieder zurück zog.

"Dann spann ein paar Tage aus, lass mal die Seele baumeln und mach nur das, wozu du Lust hast. Vielleicht fällt dir dann ein, was du gerne machen würdest oder du findest wieder Lust an der Tradition deiner Familie", schlug der Braunhaarige vor und nickte Niklas aufmuntern zu.

"Aber gehe ich recht in der Annahme, dass du Rauschegoldengel gegangen bist ohne deiner Familie was zu sagen? Auf den Gedanken kommt man nämlich." Leicht schmunzelte Tobias. Er war noch nie von zuhause weg gelaufen, aber seine Eltern unterstützen ja auch seinen Traum mit aufmunternden Worten.

*

Niklas riss die Augen auf und fuhr sich dann verlegen übers Kinn. "Also... naja... du hast mich erwischt. Ich bin abgehauen, ja!", lächelte Niklas schief. "Ist es nicht schlimm, dass man mit 26 abhauen muss, um mal Urlaub machen zu können? Und wahrscheinlich werde ich eh schon gesucht", murmelte Niklas.

*

Tobias legte seine Reste des Brötchens auf sein Brettchen, stand auf und lief zu Niklas.

Tröstend nahm er ihn in den Arm. Dem 23-Jährigen kam es so vor, als bräuchte der Größere das jetzt.

"Ich mach dir deswegen keine Vorschriften, das Recht habe ich dazu gar nicht. Aber wenn du davor noch nie Urlaub gemacht hast, dann ist das wirklich schlimm und mehr als nötig", sprach Tobi beruhigend und einfühlsam.

Da wäre ihm die Decke wohl auch auf den Kopf gefallen. Auch wenn sie drei Jahre trennten.

"Magst... magst du zuhause anrufen und zumindest sagen, dass es dir gut geht und sie sich keine Sorgen machen müssen? Du musst ihnen ja nicht sagen, wo du bist. Aber wenn ich dein Bruder wäre und schon verrückt vor Sorge werden würde, würde mich so ein Anruf beruhigen."

Fragend blickte er in die blauen Augen die ihn so sehr an Himmel und Freiheit erinnerten.

*

"Wir haben kein Telefon, und ich habe Angst, dass sie so rauskriegen wo ich bin." Für Niklas wäre es ganz einfach gewesen einfach die Augen zu schließen und aus tiefsten Herzen sich etwas vom Weihnachtsmann zu wünschen. Jeder Wunsch, der mit "Lieber Weihnachtsmann..." begann, ob nun laut ausgesprochen oder leise in Gedanken gesprochen, wurde aufgezeichnet und kam auf dem magischen Fax an. Doch leider stand dort, Name, Uhrzeit und Aufenthaltsort des Kindes sowie eine Aktennummer, damit man alles rasch schnell zuordnen konnte.

Also lehnte sich Niklas einfach in die Umarmung hinein, die ihm so gut tat. Es war unglaublich schön gehalten zu werden und Tobias schien das gerne zu tun, also machte er ihm obendrein damit noch eine Freude. "Ich bin dir wirklich dankbar, dass du mir hier die Gelegenheit gibst auszuspannen... ich hatte noch nie jemanden, der das einfach so für mich getan hätte..."

*

Tobi gab ein leises "mhm..." von sich und verstärkte die Umarmung.

"Und wenn wir einen Brief schreiben? Ich mein, ich schick ihn an einen Freund in Deutschland und er gibt ihn dann für uns auf. Dann wissen sie nicht, dass du in der Schweiz bist", überlegte Tobi und fragte dann leise, ob eine E-Mail auch nicht ging.

Gabi war ein Internet Krack. Die konnte alles verschlüsseln oder entschlüsseln.

"Auch", begann Tobias und musste all seinen Mut zusammen nehmen, den er finden konnte "Auch auf die Gefahr hin, dass ich dir jetzt zu nahe trete mit meiner Frage. Hast du keine Freunde? Ich... ich... der letzte Satz sagt sowas aus", stotterte der Spielzeugmacher vor sich hin. Hoffentlich hatte er Niklas jetzt nicht verletz.

*

Niklas schüttelte den Kopf und legte die Stirn dann auf Tobis Schulter, schloss die Augen. "Nein... du bist der einzige Freund den ich habe Tobi... wenn wir denn Freunde sind…", flüsterte er leise. "Ich habe doch gesagt wir sind ein ziemlich kleiner Ort, um genau zu sein leben dort nur ich und meine Familie. Wir sind ganz allein..."

*

Ein warmes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus und während die eine Hand sanft begann, den anderen Rücken zu streicheln um ihm zu zeigen, das Niklas nicht alleine war, fuhr die andere leicht durch die blonden Locken.

Sie waren wirklich so weich wie sie aussahen.

"Sicher sind wir Freunde. Zumindest von mir aus und ich würde mich freuen, wenn du das so siehst. Ich würde dir gerne eine Schulter leihen, an die du dich anlehnen kannst und auch ein Ohr, wenn du wen zum Zuhören brauchst", wisperte Tobias leise.

"Solange ich es dann wieder zurück bekomme. Sonst bin ich irgendwann ganz in meine Einzelteile zerlegt", scherzte er und hoffte, dass er Niklas damit auf andere Gedanken bringen konnte.

*

Niklas musste tatsächlich lachen und erhob dann den Kopf von Tobis Schulter wieder, lächelte ihn mit strahlenden Augen an. "Danke Tobi...", flüsterte er dann und löste sich gänzlich aus der Umarmung. "Lass uns jetzt weiter essen und danach würde ich wirklich gerne mit dir etwas Spielzeug herstellen..."

*

Die strahlenden Augen waren ihm schon Danke genug.

"Ja, lass uns essen und dann muss ich das hier noch auspacken. Sonst geht mir Gabi an die Kehle, wenn ich das nicht mache. Ich hätte es gestern schon auspacken sollen. Aber dann bin ich ja dir begegnet", meinte Tobi und deutete mit einem Finger auf das Geschenk, das in grünem Papier eingepackt war und auf dem ein kleiner roter Smilie klebte, plus einer eins.

Der Spielzeugmacher setzte sich wieder an seinen Platz und nahm sich vor, später oder morgen noch einmal bei Niklas nachzufragen, ob seine Familie Internet besaß oder ob sie doch einen Brief schicken sollten.

Dann begann er wieder mit Essen. Sein Magen verlangte nämlich danach.

*

"Was ist denn da drin?", fragte Niklas und bemerkte dann, dass die Frage blöd formuliert gewesen war. Wenn Tobias das Geschenk noch nicht ausgepackt hatte, wusste der es auch noch nicht. "Ich meine, warum schenkt sie dir denn was?"

*

Tobi lachte leise.

"Mit Gabi bin ich sogar noch länger befreundet als mit Uli. Gabi kenn ich seit meiner Geburt. Sie ist zwei Jahre älter als ich und war bei der Taufe mit dabei. Sie hat früher auch immer auf mich aufgepasst. Quasi Babysitter", erklärte Tob und nahm dann das Geschenk in die Hand.

"Warum sie mir was schenkt? Weil ich ihr auch was schenke. Wir haben uns angewöhnt, nachdem ich hier her gezogen bin, uns gegenseitig einen Weihnachtskalender zu machen. Ich häng die Taschen mit ihren Geschenken immer an ihre Türklinge und sie stellt sie vor meine Türe.

Gabi ist damals vor mir hier her gezogen und als ich fertig war, hat sie für mich nach einer Wohnung hier geschaut. Ist schon klasse, das genau ihr gegenüber was frei geworden ist."

Gabi war sowas wie ne große Schwester für ihn, die er nie gehabt hatte und hatte natürlich auch einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Wenn ihr die Decke bei ihr auf den Kopf fiel, kam sie rüber.

*

"Das ist ja mal eine liebe Geste. Du kannst dich froh schätzen, so eine Freundin zu haben", lächelte Niklas ehrlich. "Machst du es auf? Ich bin neugierig muss ich gestehen und würde gerne wissen was drin ist..."

*

"Ja, ich hab einfach großartige Freunde", bestätigte Tobias und musste ein Lachen unterdrücken, als er den Blonden so neugierig und beinahe hibbelig sah.

Um den Älteren nicht weiter auf die Folter zu spannen und weil er auch wissen wollte, was drin war, packte er das Geschenk aus.

Zum Vorschein kam eine kleine graue Bank und etwas was wie ein kleiner grauer viereckiger Kasten aussah, der leer war. Dazu fiel ein kleiner Topf Farbe heraus, in braun.

Gabi hatte doch nicht?

Ohne auf Niklas zu achten, stand Tobi auf, stürmte aus der Küche und begann im Wohnzimmer zu kramen. Irgendwo hatte er doch...

*

Niklas betrachtete das Geschenk und wollte gerade fragen ob das irgendwie etwas bedeutete, denn so toll fand er das Geschenk nicht - und verstehen konnte er es schon gar nicht - als Tobias aufsprang und aus der Küche verschwand. Sofort fuhr ihm der Schrecken in die Glieder. Da war eindeutig was nicht in Ordnung. "Hey Tobi...", rief er und ging ihm nach. "Ist alles okay?"

*

Endlich fand der Braunhaarige auch das, was er gesucht hatte. Mit dem Katalog ließ er sich an Ort und Stelle auf den Boden sinken und begann wie wild zu blättern.

Niklas Frage bekam er nicht mit. Genauso wenig, das er ins Wohnzimmer kam.

Als er die passende Seite gefunden hatte, quietschte er ganz unmännlich auf.

"Sie hat es wirklich", hauchte er und starrte auf die Seite, auf der das fertige Haus abgebildet war.

"Geil."

*

"Wer hat was wirklich?", Niklas war nun ernstlich besorgt. Mit großen Augen ging er vor Tobias in die Hocke und legte ihm eine Hand auf die Stirn. Vielleicht Fieber? Nein, das nicht. Auch nach einem Blick in den Katalog verstand er nicht was hier los war.

*

Bei der Hand auf seiner Stirn zuckte er leicht zusammen. Er hatte Niklas wirklich vergessen.

"Gabi. Ich hab ihr Anfang des Jahre erzählt, das ich die Winterlandschaft der Eisenbahn ausbauen will", dabei zeigte er auf die besagte Stelle in seinem Wohnzimmer, wo sich vor dem Terrassenfenster seine bisherigen Errungenschaften befanden.

"Ich hab ihr von diesem Bahnhof vorgeschwärmt. Die Sachen, die in dem Geschenk waren, gehören dazu. Weil Gabi weiß, dass ich gerne meine Sachen für die Eisenbahn zusammen baue, scheint sie mir jetzt jeden Tag Bauteile zu schenken, damit ich es zusammen bauen kann", erklärte Tobias.

Gabi war einfach ein Engel.

*

"Das ist doch schön, auch wenn du jetzt täglich weißt was du bekommst. Also keine sonderliche Überraschung dann mehr.", meinte Niklas und zuckte die Schultern. "Aber wenigstens schenkt sie dir etwas, dass du dir wirklich wünschst und nicht einfach nur Süßigkeiten."

*

Tobias nickte nur. Er war noch immer sprachlos.

Langsam rappelte er sich auf, legte den Katalog zurück an den Ort wo er ihn her hatte und sah entschuldigend Niklas an.

"Entschuldige, wenn ich dir Angst gemacht habe", murmelte er schuldbewusst und tapste zurück in seine Küche.

Er hatte Niklas ungewollt Angst gemacht, weil er unbedingt hatte nachsehen müssen, ob seiner Vermutung richtig gewesen war. Ein bisschen Frustessen in Form von Nutella konnte da nicht schaden.

*

„Doch keine Angst, ich war nur besorgt weil du plötzlich so geschockt aufgesprungen bist", lächelte Niklas. "Aber du hast ja nur natürlich gehandelt, immerhin freust du dich riesig über das Geschenk."

*

"Ja, ich freu mich riesig", erwiderte Tobias und griff sich den Löffel, der wegen der Marmelade auf dem Tisch lag.

Niklas hatte also auch schon öfters den Tisch gedeckt.

Sofort tunkte er ihn in das Glas und leckte genüsslich die Schokolade vom Löffel.

Nach der Portion ging es ihm wieder besser und so frühstückte er in Ruhe weiter.

"Lieb dass du dir Sorgen um mich machst."

*

"Na hör mal... immerhin sind wir… Freunde", lächelte Niklas einfach nur und belegte sich ein zweites Brötchen mit Wurst und Käse. "Ich freu mich wenn ich dir dann helfen kann nachher mit dem Spielzeug. Sollst du eigentlich was Besonderes schnitzen?"

*

Tobias erwiderte das Lächeln auf tiefstem Herzen.

Dafür dass Niklas nie Freunde hatte, lernte er sehr schnell.

"Ich hab die Wunschliste in der Werkstatt hängen und was schon fertig ist, abgehakt. So viel fehlt nicht mehr", nuschelte der Braunhaarige und überlegte, wie viel er noch machen musste.

"Die fertigen liegen im Schlafzimmer. Weil ich sonst keinen Platz zum lagern habe. Ich muss sie noch alle einpacken. Oder ich lass sie so und kann dann gleich die leuchtenden Kinderaugen sehen, wenn ich es ihnen gebe", überlegte der Spielzeugmacher.

*

"Ich würde es einpacken. Das auspacken macht doch Spaß und erhöht die Spannung", lächelte Niklas und beschloss für sich, nachher die Wunschliste anzuschauen und das nötige zu schnitzen.

*

Tobias nickte zustimmend.

"Überredet. Ich werde sie einpacken. Das mag ich an Geschenken auch immer. Das auspacken", verriet der Braunhaarige und lehnte sich dann zurück.

Er war satt.

Jetzt müsste er nur noch auf Niklas warten, abräumen und sie konnten mit der Arbeit anfangen.

Ein großer Teil - eigentlich ein sehr großer - in Tobias freute sich sehr, dass der Blonde ihm helfen wollte.

*

Niklas ließ nicht lange auf sich warten und kurz nach dem letzten Bissen des Brötchens fingen sie auch schon an gemeinsam den Tisch abzuräumen, um anschließend in die Werkstatt zu gehen.

Dort nahm sich der Blonde die Wunschliste von der Wand und las sich die ausbleibenden Spielsachen durch, bevor er sich für eine Modelleisenbahn entschied, die sich ein kleiner Junge wünschte.

"Ich würde gerne die hier machen", rief er zu Tobias und ließ den Finger auf dem Punkt auf der Liste.


*

Neugierig blickte Tobi auf die Liste und nickte dann. "Sicher, ist überhaupt kein Problem. Dann fange ich mit dem Tic Tac Toe an", entschied der Braunhaarige.

Aus der Ecke holte er einen Hocker, der dort stand wenn Gabi mal wieder vorbeischneite, um ihn zu zusehen. In letzter Zeit war ihr jedoch weniger die Decke auf den Kopf gefallen, weswegen sie nicht so oft da war.

Tobias trat zu dem einzigen Schrank der hier im Raum stand und öffnete die Türen. Zum Vorschein kamen Holzstücke.

"Such dir das passende raus", meinte der 23-Jährige und suchte sich dann selbst das richtige Stück heraus. Zuerst einmal würde er die Platte mit den Kästchen machen und dann die Spielsteine.

*

Niklas begutachtete die Holzklötze und wählte dann einen passenden aus für eine Eisenbahn. Er hatte schon viele der kleinen Loks geschnitzt und den Elfen gezeigt wie sie diese auch mit den Maschinen herstellen konnten. Doch diese Eisenbahn sollte nicht aussehen wie die gewöhnlichen aus den Maschinen. Er würde sich für diesen kleinen Waisenjungen besonders anstrengen. "Wo hast du denn die Werkzeuge?"

*

Tobias, der sich mit seinem Stück schon wieder an eine Ecke des Tisches gesetzt hatte und am ausmessen war, wie groß das Stück war - damit er ein passendes Quadrat daraus machen konnte, zog ohne hinzusehen, die Schublade in der Mitte des Tisches auf.

Zum Vorschein kamen all seine Werkzeuge, sauber und ordentlich aufgereiht. Bei seinen Arbeitssachen verstand er keinen Spaß. Da war er pingelig, das glaubte man sonst kaum.

Der Spielzeugmacher ließ sich dann nicht weiter stören und kritzelte auf ein Blatt die Maße.

Wenn Niklas sonst noch was brauchte, würde er schon Bescheid sagen.

*

Ohne vorher Maße zu nehmen begann Niklas zu arbeiten. Er hatte in seiner Ausbildung gelernt nach Augenmaß zu arbeiten und besaß noch ein gutes zudem.
Er wusste auch genau welche Werkzeuge er brauchen würde, und nahm sich eben jene aus der Schublade bevor er sich auf den dargebotenen Hocker setzte und das Schnitzmesser ansetzte, begann die großen Teile abzutragen.

Stundenlang schnitzte er vor sich hin und sowohl Tobias, als auch er waren ganz in ihrem Element, sodass keiner die schwindende Zeit bemerkte. Erst als Niklas' Magen laut knurrte, blickte dieser das erste Mal wieder von seiner Arbeit hoch, entdeckte eine Uhr im Raum und stellte fest, dass es schon bald wieder Abendbrotzeit war. "Hey Tobi... schau mal wie spät es ist..."

*

Tobi war hochkonzentriert und voll in seinem Element.

Er zeichnete, nachdem er das richtige Maß herausgefunden hatte, das Quadrat ein, sägte den Rest ab und schliff die Kanten, damit sich niemand verletzten konnte. Dann unterteilte er das Quadrat in neun gleich große Kästchen.

Es dauerte eine Weile, bis der Braunhaarige mit dem nächsten Handgriff fertig war, weil er extrem aufpassen musste, nicht daneben zu schlagen und eine Rille an der Stelle zu entlassen, an der keine was zu suchen hatte.

Während das Spielbrett, das er mit Klarlack bestrichen hatte, trocknete, schnitze er aus kleinen Holstücken Kreise und Kreuze. Denn mit irgendwas musste man ja spielen.

Gerade hatte er das letzte mit Klarlack bestrichen, da holte ihn Niklas aus seiner Arbeitswut.

Verwirrt blickte er erst auf den Blonden und dann zur Uhr. Tatsache. Es war schon wieder so spät.

Seufzend streckte sich Tobias und wieder knackten seine Wirbel. "Soll ich und was kochen oder essen wir wieder Brot und Wurst?", wollte der Hausherr wissen. Ihm war es gleich, ob er was Warmes aß oder nicht. Er richtete sich da ganz nach Niklas.

*

"Naja wir haben das Mittagessen ja ausgelassen. Wollen wir gemeinsam was kochen?", schlug Niklas lächelnd vor und jetzt wo er die Aufmerksamkeit Tobis hatte, legte er auch erst mal die Holzeisenbahn neben sich auf das Fensterbrett, um später weiter zu machen.

*

Tobias streckte sich noch einmal und stand dann auf. Immer wenn er arbeitete, vergaß er Pausen zu machen.

"Was hältst du von Nudeln und dazu Geschnetzeltes mit einer Pilz-Rahmsoße? Dazu haben wir alles da und es geht noch schnell", schlug Tobias vor.

Er selbst aß das gerne.

*

"Klingt gut und lecker. Vor allem das "schnell" reizt mich", grinste Niklas und sein Bauch grummelte erneut protestierend. "Dann fangen wir mal an."

Lächelnd verließ er die Werkstatt und ging in die kleine Küche, stellte sich erwartungsvoll neben den Herd und wartete auf Tobias.

*

Tobi schaffte es nur mit Müh und Not das Lachen zu unterdrücken. Es wurde langsam wirklich Zeit, das sie was zu Essen bekamen.

Das Letzte was das Frühstück gewesen.

Aber zuerst wollte er sich noch ansehen, was Niklas in der Zeit gemacht hatte.

Langsam trat der Braunhaarige zum Fensterbrett und hob behutsam den Zug hoch.

Fachmännisch und auch eine Spur kritisch schaute er sich das Holzspielzeug ganz genau von allen Seiten an. Aber er musste neidlos zugestehen, dass es einfach perfekt war.

So stellte er den Zug wieder vorsichtig auf das Fensterbrett und wollte gerade das Zimmer verlassen, als das Telefon klingelte. Er hatte es immer in der Werkstatt stehen, weil er sich hier die meiste Zeit des Tages aufhielt.

So schnappte sich Tobias das Telefon, nahm im Laufen ab und meldete sich mit einem "Walt", gerade als er die Küche betrat.

Ein erfreutes Lächeln bildete sich auf seinen Lippen, als seine Mutter hörte.

"Hallo Mum", erwiderte Tobi erfreut den Gruß und suchte mit der anderen Hand das Fleisch und die Pilze aus dem Schrank.

"Wart mal kurz, ja?", bat er und wandte sich dann Niklas zu.

"Magst du die Pilze schneiden oder das Fleisch?"

*



"Telefonier du und setz dich, dann mach ich beides", versicherte Niklas und nahm sich ein Brett und ein scharfes Messer, von denen er ja seit dem Frühstück wusste wo sie sich befanden, packte zuerst das Fleisch und dann die Pilze drauf, um sie alle klein zu schneiden und dann eine Pfanne aus dem Schrank zu nehmen, etwas Öl hinein zu geben und das Ganze auf den Herd setzte und einschaltete.

Während der ganzen Vorbereitungen versuchte er nicht auf das Telefonat zu hören, er wollte nun mal nicht neugierig sein, weil Tobias das sicher nicht mochte und Niklas schon gar nicht.

*

Tobias nickte, aber hinsetzten tat er sich nicht.

Stattdessen füllte er heißes Wasser in einen Topf - das brauchte nicht ganz so lange wie kaltes Wasser um zu kochen - und während er den Herd anschaltete und den Topf darauf stellte, durfte er sich die Frage seiner Mutter anhören, ob er denn Besuch hätte.

"Ja, Mum, ich habe Besuch. Er heißt Niklas, ist soweit ich das verstanden habe 26 und eigentlich auf der Durchreise.

Aber bei euch in der Stadt ist die Maschine kaputt, um Geld zu untersuchen, ob es echt ist. Und weil Niklas keine Franken hat, sich somit kein Zimmer in einer Pension leisten kann, schläft er bei mir auf der Couch. Weil ich ihn gestern auch gefunden habe und mit in die Stadt genommen habe.

Außerdem hätte ich ihn nie und nimmer auf der Straße schlafen lassen", meinte er grinsend und warf einen kurzen Blick auf Niklas, aber den schien das nicht zu interessieren. Er lauschte also nicht. Das rechnete er dem Blonden hoch an. Nicht jeder würde das machen.

Als das Wasser kochte, gab Tobi erst Salz und dann die Nudeln hinzu.

Auf die Frage seiner Mutter hin, starrte Tobias erst undgläubig auf sein Telefon, bevor er meinte: "Ich frag mal."

Dann wandte er sich Niklas zu.

"Du, Niki, morgen ist doch erster Advent. Ich bin jedes Jahr bei meinen Eltern eingeladen, zu Kaffee und Kuchen. Meine Mutter möchte nicht, dass du alleine in der Wohnung hockst und lässt deshalb fragen, ob du mitkommen möchtest", wollte der Braunhaarige wissen.

*

"Zu deinen Eltern?", fragte Niklas nochmal nach. Es reizte ihn andere Familien kennen zu lernen und besonders Tobis Familie, aber durfte er denn wirklich? Immerhin kannten Tobias' Eltern ihn gar nicht.

"Meinst du wirklich ich soll mitkommen? Ich habe keine Probleme damit hier zu bleiben. Deine Eltern laden ja einen Fremden zu sich ein..."

*

Tobias nickte bestätigend. "Ja, zu meinen Eltern."

Er sprach ein "Wart mal kurz Mum", in den Hörer, legte sie auf Warteschleife und legte das Telefon dann aus der Hand.

Dann trat er zu Niklas und blickte im in die blauen Augen.

"Du bist ein Freund von mir und meine Eltern lernen meine Freunde nun einmal gerne kennen", erklärte Tobi sanft und stupste ihn mit dem Finger auf die Nase.

"Außerdem kennst du meine Mutter schlecht. Wenn ich ihr sage, das du nicht mitkommst oder morgen ohne dich auftauche, dann bringt sie es fertig sich in das Auto zu setzten und dich persönlich zu holen.

Meine Eltern sind ganz lieb. Bisher haben sie noch keinem den Kopf abgerissen und zur Not versteckst du dich einfach hinter mir, wenn es dir zu viel wird", gluckste der 23-Jährige. Sah bestimmt lustig aus, wenn sich der Größere hinter ihm versteckte.

"Außerdem würdest du mir damit eine Freude machen", nuschelte der Spielzeugmacher leise und war sich nicht sicher, ob Niklas das hörte oder ob er selbst das wollte, dass Niklas es hörte.

*

Niklas hatte schon wegen der Argumente vorher innerlich zugestimmt nun doch zu kommen, aber der letzte Satz ließ ihn einfach nur sanft lächeln, die Entscheidung war somit getroffen.

"Dir eine Freude machen zu können ist das schönste überhaupt für mich, also komme ich mit", meinte er sanft und fuhr durch Tobis kurzes Haar. "Zumal ich nicht gerade wild darauf bin von deiner Mutter abgeholt zu werden."

*

Tobias erwiderte das sanfte Lächeln und seine grauen Augen strahlten wie Silber.

Genießend lehnte er sich kurz in die Hand.

"Danke, Niki. Das bedeutet mir wirklich viel", murmelte er und konnte es nicht lassen, den Älteren kurz dankbar zu umarmen.

Dann nahm er das Telefon wieder an sich, erlöste seine Mutter von dem Lied das sie nicht mochte. Aber er hatte noch nicht rausgefunden, wie er das ändern konnte.

Während er seiner Mutter also mitteilte, das Niklas mitkommen würde, rührte er die Nudeln um, damit sie nicht am Boden festklebten und blickte ab und zu Niklas bei der Arbeit zu.

*

Der briet sowohl die Pilze als auch das Fleisch ordentlich an, goss schließlich noch Sahne hinzu und begann das ganze abzuschmecken. Kochen hatte er von seiner Mutter gelernt, immer dann wenn ihn sein Vater gnädiger weise mal eine Pause gegönnt hatte. Somit konnte er einiges, aber nicht alles. Geschnetzeltes beherrsche er aber glücklicherweise.

Als er fertig war stellte er die Herdplatte aus und drehte sich abwartend zu Tobias, der immer noch telefonierte und in dem Topf rührte. Die Nudeln müssten ja auch bald gut sein.

*

Der verdrehte die Augen, als seiner Mutter immer noch redete. Sie meinte gerade, ihm mitteilen zu müssen, welche Sorten Plätzchen es morgen gab.

Er würde es doch morgen eh sehen. Ab und zu verstand er sie einfach nicht.

Tobias fischte mit dem Löffel eine Nudel aus dem Wasser, pustete ein bisschen und probierte sie dann. Ja, die waren gut.

"Hör mal Mama, bei uns gibt es jetzt essen. Wir haben vor lauter Arbeiten die Zeit vergessen. Wir sehen uns dann morgen um drei. Ich hab euch lieb. Grüß mir Papa", leierte der Braunhaarige runter und noch bevor seine Mutter ihm eine Strafpredigt wegen dem ausgefallenen Mittagessen geben konnte, hatte er aufgelegt.

"Ich liebe sie wirklich, aber manchmal kann sie ganz schön nerven", seufzte der 23-Jährige und suchte sich einen Sieb aus dem Schrank. Den stellte er in die Spüle und schüttete die Nudeln ab.

Danach kam der Topf auf den Tisch und Tobi sucht in seinem Eisschrank, was er zu trinken da hatte. "Ich kann dir Cola, Apfelsaft, Mineralwasser, Bier oder Tee bieten. Was willst du denn, Niki?"

*

"Apfelsaft wäre gut.", lächelte Niklas und hatte in der Zeit bereits den Tisch gedeckt, stellte nun die Pfanne mit einem Untersetzer ebenso auf den Tisch. "Mütter sind nun mal so, wie sie eben sind: besorgt und wollen alles genau wissen, um noch mehr über einen wachen zu können. Vor meiner Mutter konnte ich nie was geheim halten, naja... außer diesen kleinen Urlaub hier."

*

Also holte Tobias eine Flasche Apfelsaft und eine Flasche Mineral aus dem Eisschrank und kam dann mit zwei Gläsern zum Tisch, stellte alles darauf.

"Ich liebe meine Mutter wirklich. Aber sie will immer alles wissen und erzählt wild fremden Leuten meine halbe Lebensgeschichte. Sie kann wirklich peinlich sein", lächelte der Braunhaarige schief und ließ sich dann auf seinem Platz nieder.

"Ich muss sagen, wenn das so lecker schmeckt wie es aussieht, dann sind wir ein super Team", lobte der 23-Jährige und tat sich dann etwas von den Nudeln und dem Geschnetzelten auf.

Dann wünschte er einen guten Appetit und als Niklas sich auch den Teller gefüllt hatte, begann er mit Essen.

*

"Wenn sie Wildfremden deine Lebensgeschichte erzählt, werde ich wohl morgen in den Genuss kommen, wie?", kicherte Niklas und begann ebenso zu essen, seufzte auf, das war lecker und tat gut. Sein Bauch beruhigte sich gleich wieder, wurde sein Magen doch nun endlich gefüllt. "Ich hoffe es schmeckt dir?!"

*

Leise seufzte Tobias.

"Ich sehe es schon auf mich zukommen, ja. Aber wenn du nicht mehr möchtest können wir auch jederzeit wieder gehen. Oder meinem Vater platzt der Kragen und er ruft seine Frau zu Recht", kicherte Tobi. Das eine oder andere Mal war das schon vorgekommen.

Genießend nahm der Braunhaarige die nächste Gabel zu sich.

"Einfach nur lecker. Hätte meine Mutter auch nicht besser hinbekommen", lobte der 23-Jährige.

"Kann man dich anstellen? Bisweilen vergesse ich nämlich, das Kochen und Essen, wenn ich arbeite."

*

“Mir geht es genauso, aber mein Bauch erinnert mich dann immer wieder dran, dass ich doch bitte was essen soll", lachte Niklas. "Und anstellen brauchst du mich nicht. Solange ich mit von dem essen darf, was ich gekocht habe, ist mir das schon Lohn genug."

*

Tobias lachte leise.

"Sicher darf du dein selbstgemachtes Essen auch essen. Ich will ja nicht, dass du mir wegen nicht genügend Nährstoffen zusammen brichst.

Das könnte ich mir nicht verzeihen. Dafür hab ich dich schon zu gerne", gab der Braunhaarige offen und ehrlich zu.

Das Essen schmeckte so lecker, das er sich noch ein zweites Mal nahm und ab und an einen Schluck seines Wassers nahm.

*

Niklas musste schmunzeln und nahm sich selbst noch eine Portion, blickte dann erneut auf die Uhr. "Es ist jetzt schon reichlich spät. Wollen wir die Arbeiten heute noch fertig machen oder lümmeln wir uns aufs Sofa so wie gestern?"

*

Auch Tobias Blick ging zur Uhr.

"Lass uns uns auf Sofa schmeißen und reden oder fernsehschauen. Mir ist das gleich was von beidem. Aber ich will heut nicht schon wieder die ganze Nacht durcharbeiten. Also musst du mich davon abhalten", erklärte der Braunhaarige und lehnte sich dann satt zurück. Mehr als zwei Portionen schaffte er nie.

Nicht das er zunehmen oder gar abnehmen müsste. Tobi nahm einfach nicht zu. Da konnte er essen was er wollte. Oder er merkte es nicht, weil er ja jeden Tag joggen ging. Obwohl, heute Morgen hatte er es vergessen. Er hatte eben nicht oft einen Schlafensgast bei sich.

*

"Notfalls fessle ich dich ans Sofa, versprochen!", grinste Niklas und erhob sich dann, stellte ihre Teller zusammen und trug sie zum Geschirrspüler, um dort alles hinein zu stellen. Dann blickte er wieder zu Tobias. "Dann wollen wir mal aufs Sofa!", beschloss er und zog Tobi hinter sich her, hatte dabei einfach seine Hand genommen. Es war schön den Kleineren zu berühren. So musste es sich anfühlen einen Freund zu haben!

*

"Aber an das Sofa kann man niemanden binden", kicherte der Braunhaarige und half ebenfalls mit, abzuräumen. Immerhin war das ja seine Wohnung.

Er konnte gar nicht so schnell reagieren, da spürte er auch schon die Hand von Niklas die nach seiner Griff und ihn hinter sich her ins Wohnzimmer zog.

/Als würde ich mich in Luft auflösen, wenn er mich nicht festhält/, ging es dem 23-Jährigen durch den Kopf.

"Ich lauf dir schon nicht weg, Niki", erklärte er Lächelnd.

Aber Tobi hatte nichts dagegen. Zu gut fühlte sich das einfach an.

*

"Wieso solltest du mir weglaufen?", fragte Niklas verwirrt und ließ sich aufs Sofa fallen, zog Tobias mit sich und grinste ihn dann an. "Da sind wir schon. Jetzt müssen wir uns nur noch auf einen Film einigen."

*

Der Braunhaarige versank einen Augenblick in den Himmel Augen.

"Na, weil du mich hinter dir her gezogen hast und dabei die ganze Zeit meine Hand hieltest. Ich wäre dir schon nicht weggelaufen, wenn du mich los gelassen hättest", erklärte Tobias und nuschelte ein leises: "Es hat sich nämlich viel zu gut angefühlt."

Um nicht länger darüber nach zu denken, stand er auf, trat zu seinem Fernseher und nahm sich den Zettel sowie das Fernsehehft, die dort lagen. Damit kehrte er zu seinem Sofa zurück.

Er ließ sich wieder in die Polster fallen und blätterte geschäftig auf die richtige Seite in dem Heft, nur um nicht Niklas ansehen zu müssen.

*

"Naja wir sind Freunde und ich dachte so kriege ich dich schnellstmöglich ins Wohnzimmer. Du sagtest außerdem ich soll dich vom arbeiten abhalten und wenn ich dich nicht gehalten hätte, wärst du bestimmt einfach in die Werkstatt gelaufen", behauptete Niklas einfach, auch wenn er wusste, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Er hatte gehört was Tobias gesagt hatte und sah nun ebenso, dass es diesem unangenehm und peinlich war so etwas gesagt zu haben. Zwar konnte der Blonde nicht verstehen warum ihm dieser Satz peinlich sein musste, aber er hatte ja noch nicht viel Erfahrung in diesen Freundschaftsdingen. Seiner Meinung nach war es gut, wenn eine Berührung unter Freunden sich gut anfühlte.

*

Lautlos seufzte Tobias.

/Ja, wir sind Freunde. Aber leider die falschen Freunde/, stellte er betrübt fest und gab sich dann mental eine Ohrfeige.

/Verdammt, lass die Gedanken Tobias. Mehr als Freundschaft wirst du von Niklas eh nicht bekommen und in ein paar Tagen ist er schon wieder weg. Ob ihr euch dann jemals wieder sehen werdet, ist fraglich. Also sei ein guter Freund./

"Du hast vielleicht recht", murmelte der Braunhaarige und war endlich auf der richtigen Seite angekommen.

Seufzend stellte er fest, dass nichts Gescheites kam. Aber trotzdem reichte er Niklas die Zeitung. "Ich bin der Meinung, dass nichts Anständiges kommt. Vielleicht findest du ja was, was du unbedingt sehen willst. Sonst können wir auch noch schauen, was ich an DVDs hier habe."

*

"Oh, ich kenne mich nicht so mit Filmen aus. Zu Hause habe ich keine Zeit dazu fernzusehen und Kino oder wo ihr alle so hingeht gibt es bei uns nicht. Wenn du also sagst das sind schlechte Filme dann zeig mir doch bitte eine DVD", bat Niklas und lächelte Tobias aufmunternd zu.

*

Tobi konnte nicht anders, er erwiderte das Lächeln.

Also stand er wieder auf, legte die Zeitung und das Blatt zurück an ihren Platz, denn er wusste was sie sich ansehen konnten.

Nach kurzem Suchen hatte er auch schon die gesuchte gefunden.

So schaltete er seinen DVD-Recorder an, legte die DVD ein und kehrte dann mit beiden Fernbedienungen zum Sofa zurück.

Während er Fernseher und Recorder einschaltete, schnappte er sich eines der Kissen und als der Film dann anfing, rollte er sich auf der Couch zusammen und lag jetzt mit dem Kopf auf dem Kissen. Hoffentlich nahm er Niklas nicht zu viel Platz.

Aber der würde sich sicherlich beschweren, wenn das der Fall war.

"Ich hoffe, dir wird Patch Adams gefallen", murmelte der Braunhaarige.

*

"Bestimmt, wenn er dir ja auch schon gefällt", lächelte Niklas und blickte hinab auf den zusammengerollten Tobias, lachte leise. "Ist das bequem so? Kann ich mir gar nicht vorstellen", murmelte er und lehnte sich einfach an die Sofalehne an, blickte auf den Fernseher. Er war gespannt, was Tobi für sie ausgesucht hatte.

*

"Ja, ist sehr bequem. Ich kann stundenlang so liegen. Ich muss in meinem früheren Leben ein Kater gewesen sein. Denn wenn man mich im Nacken krault, fange ich an mit schnurren", murmelte Tobias gedankenverloren als der Titel angezeigt wurde.

Im nächsten Augenblick biss sich der Braunhaarige auf die Unterlippen. Hatte er das gerade sagen müssen? Das war sowas von peinlich.

Robin Williams würde ihn hoffentlich wieder ablenken.

*

Niklas achtete gar nicht darauf, dass der Film begann, er hatte nur die Worte Tobis gehört und war nun einfach nur neugierig, starrte lange auf den eingerollten Jüngeren hinab, bevor er sich endlich traute, die Hand in Tobis Nacken legte und sanft zu streicheln begann.

*

Sein Herz setzte einen Schlag aus, nur um dann in doppelter Geschwindigkeit weiter zu schlagen.

Verdammt, warum musste Niklas auch neugierig werden und ihn im Nacken streicheln, nur um seine Aussage zu überprüfen?

Er hatte wohl gerade sein eigenes Todesurteil unterschrieben.

Aber es fühlte sich so gut an.

Ein Schnurren arbeitete sich seine Kehle hoch und Tobias schaffte es einfach nicht mehr, es zu unterdrücken.

Schließlich schnurrte er laut vor sich hin und schloss genießend seine grauen Augen.

Zu lange war es schon her, dass ihn jemand im Nacken gekrault hatte. Um genau zu sein, seit seinem ersten Freund, den er mit 16 gehabt hatte. Lange waren sie nicht zusammen geblieben, den Michael ging es nur um den Sex.

Seit dem war Tobias alleine. Dabei wünschte er sich doch nichts sehnlicher als einen festen Freund.

*

Niklas musste leise schmunzeln als er das leise Schnurren vernahm, welches melodisch zwischen Tobias' Lippen hervor klang. Es klang lustig. Doch es ließ auch einen Schauer über seinen Rücken laufen.

Warum wusste Niklas nicht, es klang nur einfach wahnsinnig süß was Tobi da von sich gab. Und da es Niklas genauso gefiel wie Tobias, machte er einfach weiter, kraulte und streichelte den Nacken und Hals des Kleineren, während er sich auf den Film konzentrierte.

*

Ein Schauer nach dem Anderen rann über Tobias Rücken und trotzdem konnte er es nicht verhindern, dass er sich der Hand entgegen drückte, ihr sogar mehr Spielraum bot.

Sein Schnurren wurde noch lauter und er musste aufpassen, dass er sich nicht wie ein Kater auf den Rücken drehte, damit man ihm auch noch den Bauch kraulte. Das wäre ganz schön peinlich.

Vergessen war der Film, den er eh schon zu oft gesehen hatte - praktisch auswendig kannte.

Das was Niklas da macht, fühlte sich viel besser an.

Sein Verstand schien es aufgegeben zu haben, gegen ihn zu reden. Ihm war wohl klar, das Tobi sein Herz schon zu einem kleinen Stück an Niklas gehängt hatte und einfach nur genoss, was er da so freiwillig bekam.

*

Niklas ließ sich ganz und gar nicht beirren, streichelte und kraulte den ganzen Film über weiter, während er über die Scherze des Patch Adams lachte oder auch traurig war über den weiteren Verlauf des Films. Ohne Tobi ansehen zu müssen, wusste er, dass er nicht aufhören sollte, denn das Schnurren und Seufzen des Anderen war unüberhörbar und machte Nik innerlich glücklich und zufrieden.

Erst als der Film zu Ende war löste Niklas die Hand von Tobis Nacken, hob sie einfach und wischte sich die Tränen weg, die am Ende über seine Wangen gelaufen waren. "Ein... schöner Film." schnüffelte er leise und rieb sich die Augen.

*

Der 23-Jährige bekam gar nicht mit, wie die Zeit verging.

Erst als die Hand so einfach verschwand, fand er ins Hier und Jetzt zurück und stellte überrascht fest, dass der Film schon zu Ende war. Er hatte wirklich den ganzen Film verpasst, nur weil Niklas so genial gekrault hatte?

"Ja, ich kann ihn nicht oft genug sehen", wisperte Tobi leise. Er wollte die angenehme Atmosphäre nicht zerstören. Die Melancholie die wegen einiger Stellen im Raum hing.

Es war unbestritten einer seiner Lieblingsfilme und er liebte Robin Williams einfach. In "Hinter dem Horizont" war er auch so genial.

*

Niklas räusperte sich leise und kramte sich dann ein Taschentuch aus der Packung, die auf dem Tisch lag, putzte sich erst mal die Nase und zog dann die Beine aufs Sofa hoch, umarmte sie. "Dein Lieblingsfilm?"

*

"Ja", antwortete Tobias und legte seinen Kopf in den Nacken, damit er Niklas ansehen konnte.

"Einer meiner Lieblingsfilme. Ich liebe Robin Williams einfach. Er ist ein begnadeter Schauspieler. Ich hab alle Filme da, in denen er mitgespielt hat."

Die Haltung hatte für den Grauäugigen irgendwie etwas Hilfloses - das beschützt werden musste.

"Niki, alles in Ordnung? Du siehst irgendwie so aus, als hätte er dir nicht gefallen. So, als hättest du vor irgendwas Angst", wollte Tobi leise und behutsam wissen.

Gut, der Blonde hatte zwar gesagt das er den Film schön fand, aber der Körper und die Mimik sagten meist mehr als 1000 Worte.

*

"Hm? Was meinst du?", fragte Niklas verwirrt und wischte sich nochmal über die Augen, stellte die Beine dann wieder auf den Boden. "Die Haltung oder wie?" fragte er dann nochmal nach und schüttelte den Kopf. "Mir geht’s gut. Ich hab nur lange nicht mehr geweint, das ist alles."

*

Der Spielzeugmacher richtete sich langsam auf seinen Ellenbogen auf und blickte in die blauen Augen des Älteren.

Auch wenn noch ein paar Tränen in ihnen glitzerten, sah er unglaublich schön aus.

Langsam hob er eine Hand und strich die verirrten Tränen weg, die sich ihren Weg schon halb über die Wange gebahnt hatten.

"Es ist nicht schlimm und auch keine Schande zu weinen. Es macht einen menschlich. Also du kannst so lange und so oft weinen, wie du möchtest. Ich werde sicher nichts dagegen sagen", versicherte er liebevoll.

In Tobi machte sich nämlich der Gedanke breit, das Niklas Vater bestimmt etwas dagegen hatte das sein Sohn weinte und Niklas es genau deswegen schon lange nicht mehr gemacht hatte. Wie konnte ein Vater nur so etwas tun?

*

"Ich werde sicher nicht grundlos weinen, aber danke", lächelte Niklas und legte den Kopf in die Hand, grinste Tobias dann an. "Sag mir jetzt nicht, dass du die Pose immer noch bequem findest?!"

Tobias lag total verdreht vor ihm, immer noch leicht in der Pose wie vorhin doch nun den Kopf zu ihm gewandt und eine Hand hochstreckend. "Eine falsche Bewegung und du fällst vom Sofa!", prophezeite Nik.

*

Und kaum hatte Niki ausgesprochen, da verlor Tobias auch schon das Gleichgewicht und landete auf dem Boden.

Verdutzt blickte er zu dem Blonden auf und sah ihn auf dem Kopf.

Seine Augen wurden immer großer, seine Unterlippe schob sich leicht vor und er ließ ein fragendes "Miau?" erklingen.

Vielleicht würde Niklas ja Mitleid haben und ihm aufhelfen.

Es war das erste Mal, dass er so reagierte. Aber wenn Niki das Kraulen genauso gut wie ihm gefallen hatte - sonst hätte der Ältere ja nicht weiter gemacht - dann würde er jetzt sicher nicht lachen.

Oder?

*

Doch Niklas konnte nicht an sich halten. Nicht zu lachen wäre zu viel verlangt gewesen bei dem Anblick, den Tobias ihm bot. Laut prustete Niklas los, beugte sich aber dabei vor, griff den Jüngeren unter die Achseln und zog ihn nach oben, zu sich auf den Schoß und hielt ihn fest, während er immer noch lachen musste, das Gesicht dabei gegen Tobis Schulter drückte.

*

Tobias schmollte und war auch geneigt dazu, den ganzen Abend weiter zu schmollen.

Aber er musste zugeben, Niklas sah schön süß aus wenn er lachte.

Die Augen des Braunhaarigen wurden groß, als Niki ihm aufhalf und ihn so einfach auf seinen Schoss zog.

Bisher hatte er nur bei seinem Vater oder seiner Mutter so gesessen als er kleiner war und ab und zu mal bei Michael. Das aber eher selten.

Warum tat Niki das?

Sie wollten doch einfach nur Freunde sein. Der Blonde machte es ihm so verdammt schwer.

"Warum... warum machst du das?", wollte Tobi heißer wissen.

Er konnte nicht verhindern dass sich ein warmes Gefühl erst in seinem Bauch und dann in seinem ganzen Körper ausbreitete.

*

Niklas beruhigte sich langsam, atmete tief ein und aus, zwischendurch immer wieder kichernd, bevor er sich die Lachtränen aus den Augen strich und Tobias ansah. "Wa-was mach ich?", kicherte er wieder leise.

*

"Warum hast du mich auf deinen Schoß gezogen?", formulierte er die Frage, die auch Niklas verstehen würde.

"Meine Freunde machen das nie. Also... mich auf ihren Schoß ziehen", murmelte Tobias und spürte, wie er rot wurde.

*

"Oh... entschuldige. Ich wollte nur nicht, dass du wieder vom Sofa fällst", meinte Niklas ernst und ließ die Hände von Tobias Hüfte. "So da kannst du wieder wegrutschen. Tut mir leid, ich hab nicht nachgedacht", lächelte Niklas.

*

Doch zu Niklas und auch Tobias Überraschung, kuschelte sich sein Körper näher an den Blonden und er versteckte sein Gesicht in dessen Halsbeuge

"Viel zu gut. Wurde schon lange nicht mehr so gehalten", nuschelte er leise.

Er tat sich gerade selber weh, aber es war die Wahrheit. Tobias vermisste es einfach, so im Arm gehalten zu werden.

"Nur ein bisschen", bettelte er.

*

"Okay...", hauchte Niklas nur und lehnte sich nach hinten gegen die Lehne, zog Tobi einfach mit sich und an seinen Körper ran. Dann betetet er den Kopf auf der Sofalehne und schloss die Augen. Er war müde und es war auch wieder so spät, aber er würde sich hüten Tobias jetzt ins Bett zu schicken, denn er mochte dessen Nähe. Wahrscheinlich weil sie eben Freunde waren...

*

Ein leises Seufzen entkam dem Spielzeugmacher, als Niki es ihm gestattete und ihn noch ein Stück an seinen Körper zog.

In seinem Innern hatte er sich schon darauf gefasst gemacht, eine Abfuhr zu bekommen und dann die halbe Nacht nicht schlafen zu können, weil er zu enttäuscht war.

"Nur zehn Minuten", nuschelte er. "Dann komm ich auch die nächsten sieben Jahre wieder ohne aus."

*

"Mhmm...", murmelte Niklas nur noch verschlafen und war dann auch schon weggetreten.

*

Tobias genoss die Nähe und Gegenwart des Älteren.

Behutsam hob er seinen Kopf, als er das regelmäßige Heben und Senken des Brustkorbes spürte.

Ein warmes, weiches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

Vorsichtig, um Niklas nicht zu wecken, stand Tobi auf, legte den Älteren so sanft wie möglich auf die Couch und deckte ihn zu.

Im Sitzen zu schlafen wäre sicherlich unbequem.

Er murmelte ein leises "danke" und hauchte den Blonden selbstvergessen einen Kuss auf die Lippen. Wenn Niki wach gewesen wäre, hätte er das nicht gemacht.

Dann schaltete Tobi das Licht aus und machte sich auf den Weg in sein Zimmer. Wenn er bei Niklas schlafen würde, wäre das alles andere als gut für sein Seelenheil.

So zog er sich in seinem Schlafzimmer seine Schlafshorts an und krabbelte unter die Decke. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck schlief der Spielzeugmacher schließlich ein.




Braune Blätter [Chaotizitaet]

02 – Josh



Der Tag, an dem das Gleichgewicht auseinander zu brechen begann, war der Tag, an dem Jenny zum Mittagessen auf dem Flügel Variationen zu dem Thema der Rhapsody in Blue vortrug. Ich wüsste nicht zu sagen, wieso mir dies so genau im Gedächtnis blieb, aber das menschliche Erinnerungsvermögen ist diesbezüglich den merkwürdigsten Zufällen unterworfen. Für die meisten anderen Menschen war dieser Tag einfach nur der erste Dezember. Für mich war es mal wieder einer der Tage, an denen mir beim Aufwachen bereits schmerzlich bewusst wurde, was in meinem Leben fehlte.

Das festzustellen, war eigentlich ganz einfach. Ich brauchte nur die Hand auszustrecken und dabei auf die leere Hälfte des breiten Doppelbettes, das ich mein Eigen nannte, zu treffen.

Es war nicht nur so, dass mir jemand Besonderes in meinem Leben fehlte, ein Partner, oder auch nur ein Bettgefährte. Letzteren hätte ich leicht finden können. Schließlich war ich Barbesitzer, gab hinter der Theke eine gute Figur ab, und wie es sich gehörte, besaß ich ein Talent jenen Menschen zuzuhören, die den Barkeeper mit ihrem Psychiater verwechselten. Vielleicht taten sie dies aber auch nur, weil Whiskey und andere Drinks letztlich billiger waren als der Seelendoc. Aber ich war nicht an einer flüchtigen Bekanntschaft interessiert, die mir genauso leicht ein halbleeres Bett bescheren konnte – schließlich war es der Klassiker schlechthin, sich früh morgens, vor dem Aufwachen des anderen, aus der Wohnung zu schleichen und drei Tage später eine ‚War nett mit dir’-SMS zu schicken –, sondern ich wollte eine feste, dauerhafte Beziehung, die beiden etwas bedeutete. Und das nicht mit irgendjemandem, sondern mit einem gewissen Cal Brown, meinem Scout. Meinem Seelengefährten auf dem Weg zum universellen Gleichgewicht der Welt.



Allein die Tatsache, dass er der Scout war und ich der Wächter, hätte Cal eigentlich Beweis genug sein müssen, dass wir zwei zusammen gehörten. Aber nein, Cal wollte davon nichts wissen. Am liebsten hätte er vermutlich sogar die Bekanntschaft zu mir geleugnet. Aber das, war nun mal nicht möglich. Schließlich waren wir in der selben Straße groß geworden, hatten die selben Schulen besucht und waren, verflixt noch eins, vom Schicksal dazu auserkoren, zusammen zu arbeiten, um das ewigwährende Gleichgewicht der Welt zu wahren. Letzteres war leider jedoch der einzige Grund, weshalb mir Cal überhaupt seine Handynummer überlassen hatte. Natürlich mit dem strikten Zusatz, diese Nummer nur in wirklich wichtigen Fällen zu wählen.

Woher bitte sollte ich ahnen, dass er damit nur Fälle meinte, wo es um braune Blätter ging? Und nicht um Paradiesbäume im Allgemeinen? Ganz zu schweigen von dem äußerst wichtigen Schmücken selbigen Baumes mit Lichterketten? Hallo? Heute war schließlich der erste Dezember, da konnte mein Paradiesbaum nicht so nackt und kahl dastehen! Da gehörten schöne, kleine Lichter in die Zweige, die auch dem Baum der Sterbenden zeigten, dass Weihnachten wurde. Zumal der gesamte Innenhof dann gleich viel schöner und friedlicher aussah. Sogar Joshua schmückte seinen Baum der Lebenden, und Joshua machte weiß Gott nicht so ein Brimborium um die Weihnachtsdeko. Aber gut, Joshua hatte ja auch Caleb, der ihm mit der Lichterkette half. Wieso also konnte Cal das nicht auch tun? Bloß weil wir nicht zusammen, kein Paar waren, wie die beiden auf der Ebene der Lebenden? Wessen Schuld war das wohl? Gewiss nicht meine! Bloß weil Cal steif und fest behauptete, auf Frauen zu stehen und doch spätestens alle drei Monate eine Neue an seiner Seite hatte? So häufig wie dessen Freundinnen wechselten, war es doch wohl nicht zu viel verlangt, dass er mal einen Abend mir opferte und mir mit der Lichterkette half!



Im Nachhinein war klar, dass es eine blöde Idee gewesen war, ihm vorzuschlagen, seiner derzeitigen Flamme abzusagen, um mit mir den Baum zu schmücken. Wann hatte Cal je so etwas für mich getan? Ich hätte es mir also schon denken können, noch ehe ich die Schnellwahltaste betätigt hatte.

Weshalb ich mich also alleine mit der Lichterkette abgemüht hatte, dreimal beinahe von der Leiter gefallen wäre und mir hinterher nicht nur ein heißes Bad sondern auch einen heißen Kakao mit ordentlich Schuss gegönnt hatte. Und immerhin selig wie ein kleines Kind bis zum nächsten Morgen geschlafen hatte. Nur um dann mit leichtem Brummschädel und der Erkenntnis, dass Cal einmal mehr nicht bei mir im Bett lag, aufzuwachen.



Ich beschloss es an diesem Tag etwas ruhiger anzugehen, schließlich hatten mein Körper und mein Ego genug blaue Flecke aufzuweisen, um nicht noch durch Hast weitere Katastrophen heraufbeschwören zu müssen, und schaffte es gerade noch pünktlich vor dem Mittagsansturm im Twice aufzuschlagen. Immerhin bestätigte mir ein flüchtiger Blick in den Spiegel, dass man mir meinen Kummer nicht ansah. Dann aber hatte ich auch schon keine Zeit mehr, noch weiter im Mitleid zu baden. All die hungrigen Mittagsgäste wollten bedient werden. Und so wie ich sie einschätzte, lechzten sie alle schon nach Heathers genialen Mince Pies mit Brandybutter.



Auf alle Fälle konnte ich mir bei Catherine da ganz sicher sein. Catherine war vielleicht mein liebster Stammgast. Sie versuchte immer ein wenig wie eine der großen, alten Filmdiven zu wirken, aber natürlich mit ihrem eigenen Flair. Was nicht immer geschmackstechnisch harmonierte, aber Catherine hatte von ihrem verstorbenen Mann ausreichend geerbt, um als exzentrische alte Dame zu gelten, und so ließ man es ihr durchgehen, wenn sie zu dem klassischen Kostüm einen giftgrünen, überlangen Strickschal mit Radieschenmuster in Himmelblau trug. Definitiv gewöhnungsbedürftig, aber zugleich war Catherine auch eine Seele von Mensch. Nicht ohne Fehler, nicht ohne auch schwere Zeiten durchgemacht zu haben, aber sie tat das für mich, was andere Leute von mir erwarteten: Sie war bereit, auch mal zur Abwechselung zuzuhören. Was vielleicht damit zusammenhing, dass sie bis vor wenigen Jahren als Kinderärztin tätig gewesen war. Ebenfalls ein Beruf, in dem man Zuhören können musste. Immerhin gehörte sie nicht zu jenen älteren Damen, die solche frisurtechnischen Sünden begingen, einen Kurzhaarschnitt Marke ‚gerupfter Feuerpapagei’ auf dem Kopf zu tragen, oder die berühmte, blaustichige Dauerwelle. Stattdessen trug sie ihr Haar in natürlichem, würdevollen Grau, zu einem eleganten Bob geschnitten.

Das Beste aber an Catherine war, dass sie es immer schaffte, mir in Bezug auf Cal neuen Mut zu vermitteln. Mir zu sagen, dass ich nicht der letzte verliebte Trottel auf Erden war. Und ich glaubte ihr das. Denn es hatte fast ein ganzes Leben gedauert, ehe sie ihren Mann davon überzeugt hatte, eine Beziehung mit ihr auch nur in Erwägung zu ziehen und noch weitere fünf Jahre ihr einen Heiratsantrag zu machen. Gut, die Folge war gewesen, dass ihnen gerade mal zwei gemeinsame Ehejahre vergönnt gewesen waren, aber es waren die zwei glücklichsten Jahre ihres Lebens gewesen und Catherine bereute bis heute nicht, so lange auf ihn gewartet zu haben. Wenn ich also nur warten musste, um Cal eines Tages zu bekommen... dann würde ich warten können.

„Josh, Darling“, begrüßte sie mich theatralisch. Auch das gehörte zu Catherine. Insbesondere seit sie einer Amateurtheatergruppe angehörte. „Schlechte Nacht gehabt?“

Ich wusste nie, wie Catherine das machte. Aber sie sah mir jedes Mal an, wenn ich mit Cal Streit gehabt hatte, während sonst niemand etwas derartiges an mir oder meinem Benehmen bemerkte. „Die Nacht an sich war nicht schlecht“, erwiderte ich jetzt mit einem kleinen Lächeln. Das war noch nicht einmal gelogen, schließlich hatte ich tief und fest geschlafen. Traumlos zwar, was bedeutete, dass es mir nicht vergönnt gewesen war, Cal wenigstens im Schlaf als meinen Gefährten zu wähnen, aber immerhin hatte mich der Streit somit auch nicht in Form eines Albtraums verfolgen können. „Nur das Aufwachen war etwas unschön. Zu viel Schuss im Kakao gestern Abend“, fügte ich mit einem Zwinkern hinzu, während ich die Flasche Chardonnay entkorkte, um Catherine ihr übliches Glas Wein einzuschenken. „Was machen die Bretter, die die Welt bedeuten?“, wollte ich nun im Gegenzug von ihr wissen.

„Wir studieren Dickens ‚Weihnachtslied’ ein“, entgegnete sie. Das war keine Überraschung, gab es doch kaum eine Gruppe von Hobbyschauspielern, die sich zu dieser Jahreszeit nicht an diesem Stück versuchte. Doch Catherines Gesicht hatte sich ein wenig verdüstert, was bedeutete, dass sie vermutlich nicht die Rolle bekommen hatte, die ihr ihrer Meinung nach wie auf den Leib geschnitten war. „Weshalb muss Scrooge immer von einem Mann gespielt werden?“, fragte sie jetzt auch entsprechend vorwurfsvoll. „Ian, der die Rolle bekommen hat, spielt längst nicht so gut. Er hätte vielleicht einen passablen Bob Cratchit abgegeben, aber doch nicht Scrooge!“

Ich lächelte und entspannte mich. Ich kannte zwar die Mitglieder von Catherines Gruppe nur aus ihren Erzählungen, aber ich erinnerte mich lebhaft an die Anekdote, in der besagter Mr. Ian Woon bei einer Kurzfassung von Hamlet anstelle ‚Yorrick’ ‚York’ in der berühmten Szene mit dem Totenschädel gesagt hatte. Aber aus irgendeinem Grund war der Gruppenleiter von Ians Talent überzeugt, weshalb selbiger meist die männliche Hauptrolle übernehmen durfte.

„Und, welche Rolle hat man dir gnädigerweise überlassen, in der Hoffnung, dass du damit nicht wieder einmal den Rest der Truppe an die Wand spielst?“ Ich hätte nicht zu sagen gewusst, wie es tatsächlich um Catherines Schauspielkünste bestellt war, und es war natürlich davon auszugehen, dass sie bei der Darstellung ihrer eigenen Fähigkeiten ein wenig übertrieb, aber Engagement und Begeisterung konnten einiges wett machen und es schadete in keinem Fall, ein wenig ihr Ego zu streicheln. Dennoch konnte ich mir einen Scherz nicht verkneifen. „Doch nicht etwa Tiny Tim, oder?“

Sie lachte wider Willen. „Nein. Nicht Tiny Tim. Aber ob Sie es glauben oder nicht, Josh, Beatrice hat doch tatsächlich vorgeschlagen, dass ich den Geist der zukünftigen Weihnacht spielen solle.“

Nun war es an mir zu lachen. Ich hatte mich mit Catherine häufig genug über ihre Theatergruppe unterhalten, um schon diverse Male in den Genuss einer Imitation von Beatrices Stimme gekommen zu sein. Hoch, quietschig, schrill, mit einem Anklang von Raucherhusten. Eine Horrorstimme für einen jeden Theaterzuschauer. „Du weißt genau, dass sie das nur gesagt hat, um sicher zu stellen, dass die anderen nicht ihr die Rolle aufdrücken und so verhindern, dass die Zuschauer hinterher ihr Eintrittsgeld wegen Hörschäden zurückverlangen.“

Catherine grinste ein wenig selbstgefällig. „Da hatte sich Beatrice allerdings verrechnet. Denn offenbar hat sie diesen Wunsch noch schriller vorgetragen als sonst – ich persönlich höre da langsam keine Unterschiede mehr –, weshalb der Gruppenleiter ihr spontan die Rolle gab und der Rest der Truppe dem zustimmte. Ich darf immerhin Marley spielen. Da hat es der Gruppenleiter plötzlich nicht mehr so genau mit der Dickens’schen Geschlechterverteilung genommen. Wenigstens kriege ich gruselige Ketten und eine herrliche Holztruhe zum hinterher ziehen.“

„Eine gute Rolle“, entschied ich. Tatsächlich fand ich Marleys Auftritt in dem ganzen Stück am gruseligsten, gruseliger sogar noch als den des Geists der zukünftigen Weihnacht.

Leider hinderte mich nach diesem kurzen Plausch der stete Gästestrom daran, mich weiter mit Catherine zu unterhalten.



Erst zwei Stunden später kam ich ein wenig zum Durchschnaufen. Aber so war es immer in der Vorweihnachtszeit – der Laden war noch voller als sonst. Doch ehrlich gesagt hätte ich es auch nicht anders haben wollen. Es tat gut, durch die Arbeit von seinen eigenen Dummheiten abgelenkt zu werden und durch eine gute Portion Vorweihnachtsstimmung, die man mit Gleichgesinnten teilen konnte, sein inneres Gleichgewicht wiederzuerlangen.

Entsprechend war ich auch nicht mehr ganz so frustriert, als ich plötzlich Cassandra im Spiegel entdeckte, die mir erzählte, Joshua habe bereits den ganzen Morgen über versucht mich zu erreichen. Was mich zugleich daran erinnerte, dass ich heute noch gar nicht meinen eigenen Baum kontrolliert hatte.

Es war eigentlich nicht meine Art, mich vor dieser Arbeit zu drücken, aber heute früh war mir einfach nicht danach gewesen, den Baum der Sterbenden zu betrachten und von den Lichterketten in dessen Zweigen an den katastrophalen Vorabend erinnert zu werden.

„Ist gut“, sagte ich zu Cassandra. „Ich bin dann mal draußen am Baum“, rief ich in die Küche, wo die meisten der Mittagsschicht sich jetzt ihr eigenes Mittagessen gönnten. Ich selbst hatte aufgrund des späten Frühstücks, das meiner Aufstehzeit geschuldet war, noch keinen Hunger.

Die frische Luft tat mir gut. Sie trug dazu bei, auch noch die letzten Spinnweben vom gestrigen Abend aus meinem Kopf zu vertreiben und die Welt wieder mit realistischen Augen zu sehen. Rasch waren die wenigen abgestorbenen Blätter zusammengefegt und entsorgt. Dann holte ich meinen Taschenspiegel hervor. Ich klopfte dreimal kurz mit dem Fingerknöchel gegen das Glas und hoffte, dass ich Joshua nicht gerade beim Zungentango mit Caleb störte. Denn so sehr ich mich für den Moment auch wieder mit mir im Reinen fühlte, legte ich doch keinen gesteigerten Wert darauf, die traute Zweisamkeit der anderen Ebene vor Augen geführt zu bekommen.



2. Dezember [Laila]
Blut
Stefan und Damon Salvator

Nackt wie Gott ihn geschaffen hat, stand Stefan Salvator auf dem großen Balkon der an ihrem Schlafzimmer grenzte.
Kleine weiße Flocken fielen auf die Erde und der Vampir sah ihnen einen Monat zu. Es war so ruhig und friedlich. Die Kälter störte Stefan nicht. Vampire waren unempfindlich. Er musste nur aufpassen, dass sein Blut nicht gefror. Aber dafür würde sein Gatte Damon schon sorgen.
Ein Lächeln stahl sich auf seine Züge, als er an ihre letzte gemeinsame Nacht dachte. Damon war ein kleiner Wildfang, aber er liebte ihn über alles. Nur mit ihm wollte er die Ewigkeit teilen.
Sein Kopf ruckte nach oben, als er die bekannte Aura seines Mannes spürte. Kurz Zeit später, stand Damon hinter ihm und schlang seine Arme um den schlanken Leib.
Heiße Finger fuhren über seine kalte Haut und ließen ihn stöhnen.
Die Kälte um sie herum war vergessen. Nur allein diese Küsse zählten.



Schmandgebäck [Laila]

250 g Mehl
1 Prise Salz
250 g Butter
100 g Schmand
50 g Zucker
100 g Puderzucker
2-3 EL Zitronensaft


Alle Zutaten bis auf den Puderzucker und den Zitronensaft zu einem glatten Teig verkneten und ca. 2 Stunden kalt stellen.
Den Teig auf einer bemehlten Fläche ausrollen und ausstechen.
Ofen auf 180 Grad vorheizen.
Ca. 12-15 Minuten backen.
Puderzucker und mit Zitronensaft verrühren und nach dem Erkalten über die Plätzchen streichen.