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09

Catching Santa Claus [Ira]

Türchen 9

Lange hatte Niklas geschlafen. Seitdem er mit seiner Mum geredet hatte, war er im Tiefschlaf gewesen. Erst am nächsten Morgen erwachte er wieder. Ausgeruht, so wie es sein sollte, doch die Welt sah keineswegs besser aus, so wie seine Mutter es gesagt hatte. Alles war grau und dunkel am Nordpol und ohne Tobi sowieso. Er war so einsam, vermisste seinen Freund, den er so sehr zu lieben gelernt hatte. Warum nur war sein Vater so eigensinnig? Konnte er denn nicht verstehen, dass es nicht aufs Geschlecht ankam, sondern auf die Liebe? Er liebte doch auch seine Frau. Jedenfalls glaubte Niklas das. Doch früher hatte er auch geglaubt, dass sein Vater IHN lieben würde, bis sich alles verändert hatte. Nur noch die Ausbildung stand im Vordergrund, was Nik dachte war egal. Ob er nun wollte oder nicht!

Traurig seufzend erhob sich Niklas aus dem Bett und zog sich frische Kleidung an. Er hatte Hunger und er würde jetzt da runter marschieren und sich mit den anderen an den Tisch setzen, doch er würde sich hüten auch nur ein Wort mit seinem Vater zu sprechen! Ohne Tobias wollte er nicht mehr sein und sein Leben würde nie wieder wie früher verlaufen. Die Zeit des "Ja-sagens", wenn sein Vater ihn wieder trietzte, war vorbei.

*
Caroline war gerade auf dem Weg in das Esszimmer, um mit ihrer Familie zu Frühstücken. Ob sie jedoch mit ihrem Mann sprechen würde, konnte sie jetzt noch nicht sagen.

Eben hatte sie eine Eule losgeschickt, mit einer Nachricht für Tobias. Im Augenblick konnte sie nicht von hier weg, da war einiges zu organisieren, auch damit Santa es nicht unbedingt mitbekam. Denn der würde das garantiert nicht gerne sehen. Sie hatte sich bei Tobias angekündigt und ihn gebeten, wenn er an einem Treffen Interesse hatte, Cassiopeia mit einer Nachricht zurück zu schicken. Sie würde solange warten.

Cass war ihre persönliche Schneeeule und ließ sich von sonst niemandem anfassen.

Sie betete und hoffte, das ihr Ältester ihnen Gesellschaft leisen würde.

Als sie in die Küche trat, waren ihre anderen Kinder schon alle da, begrüßten sie freudig. Nur Niklas fehlte und natürlich ihr Mann. Aber der war nicht ganz so wichtig.

*

Kurz darauf kam Niklas jedoch die Treppe herunter, ging zu seiner Mutter und küsste sie sanft auf die Wange, bevor er sich schweigend an den Tisch setzte.

Kurz war es still, dann fragte Michel leise, jedoch mit Hoffnung in der Stimme: "Bist du... jetzt wirklich schwul?"

Niklas blickte erschrocken auf. So was von Michel, das hätte er nicht gedacht, auch wenn er wusste, dass der Jüngere gerne seine Position einnehmen würde. "Ähm... ja... und nein. Ich liebe nur Tobias. Ob ich auch andere Männer mögen würde, weiß ich nicht!", antwortete er dann fest und griff sich ein Brötchen. Er hatte sich entschlossen jetzt nicht mehr zu weinen und stark zu sein. Er würde einen Weg finden für sie beide... .

*

Der Blonden fiel ein Stein vom Herzen, als Niklas in die Küche kam. Besonders freute sie sich über den Kuss, den er ihr auf die Wange hauchte.

Sie wollte sich gerade an ihren Platz setzten, um selbst mit dem Frühstück zu beginnen, als sie die ungebührliche Frage ihres Zweitältesten hörte.

Sofort trat sie hinter seinen Stuhl und gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. "Selbst wenn es so sein sollte, dann hat es dich nichts anzugehen, Michel. Es ist das Leben deines Bruders, da hältst du dich gefälligst raus."

*

"Aber wenn er schwul ist kann er nicht mehr Weihnachtsmann werden. Dann könnte ich ja...!", rief Michel sofort ernst und erhob sich, doch dann kam auch schon Santa Claus in die Küche. Er hatte die letzten Worte seines Zweitältesten gehört und blickte ihn streng an. "Nein kannst du nicht! Niklas wird der nächste Weihnachtsmann. Und er ist sicher NICHT schwul!"

*

Ihr Mann hatte also nichts gelernt und die Zeit nicht genutzt, um nachzudenken.

Sie hielt diese Sturheit ihres Mannes und die Verschlagenheit, mit der Michel sich das alles zu Nutzen machen wollte, nicht aus. "Michel Santal, dich hat das Leben und die Entscheidungen deines Bruders nicht zu interessieren", sprach sie streng und wandte sich dann ihrem Mann zu "Und du Santa Claus, ich dachte wir hätten gestern ausführlich darüber geredet, dass du auch Rücksicht auf die Bedürfnisse von Niklas nehmen musst", endete sie enttäuscht.

*

"Mache ich doch. Er ist nicht schwul, er mag eben gerade mal einen Mann. Das heißt doch nicht, dass er immer auf Männer steht", meinte der Weißhaarige kleinlaut und setzte sich an das Kopfende des Tisches, während alle mit offenem Mund dasaßen und sogar Niklas war erstaunt.

*

"Dann drück dich das nächste Mal gleich richtig aus, dann kann es zu keinen Missverständnissen kommen", erwiderte sie leicht lächelnd und küsste ihren Mann auf die Wange, bevor sie sich neben ihm nieder ließ.

Er hatte also doch nachgedacht. Santa schien nämlich erst ziemlich spät ins Bett gekommen zu sein, denn sie hatte schon geschlafen, es somit also nicht mitkommen.

Ein wenig war sie stolz auf ihn. Solange es jetzt so blieb und er nicht wieder starrköpfig nur an die Aufgabe als Weihnachtsmann dachte.

*

}|{

Währenddessen saßen Leoni und Tobias in der Schweiz ebenfalls am Frühstückstisch, doch bei ihnen gab es nur warmen Kakao und Plätzchen. Bis spät in die Nacht hatten sie gestern noch auf dem Sofa gekuschelt und geredet. Davor hatte Tobi zum Glück nochmal etwas Schlaf abbekommen, sodass sie Stefan hatte anrufen und ihm erzählen können was vorgefallen war. Natürlich war es klar, dass sie jetzt erst mal ihrem Sohn beistehen würde. Sie würde für ihn da sein und aufpassen, dass sich ihr Sohn nicht in der Trauer verlor. "Noch ein Plätzchen mein Schatz?"

*

Tobias schüttelte den Kopf. Das Schlafen hatte so leider nicht geholfen. Er hatte zwar nicht alleine geschlafen, aber seine Mutter war einfach kein Ersatz für sein Engelchen.

"Nein Danke, Mama. Mir ist nicht so wirklich nach Essen. Die Plätzchen erinnern mich an Niki, weil wir sie doch erst gestern zusammen gebacken haben", gab er wieder niedergeschlagen zu. "Ich vermisse ihn so doll, Mama. Hab ich es denn nicht verdient geliebt zu werden?", begann er doch langsam an sich zu zweifeln.

War es das was Niklas Vater erkannt hatte und wieso er dessen Sohn verboten hatte, das Tobi mit zum Nordpol durfte?

*

"Red nicht so einen Schwachsinn Tobias Walt! Du bist es sehr wohl wert geliebt zu werden und Niklas liebt dich ganz fest, das weiß ich. Wir haben gestern doch schon darüber gesprochen, dass er keine andere Wahl hatte, doch er wird sicher jetzt nicht untätig rumsitzen und sich mit seinem Schicksal abfinden. Sicher kämpft er für euch. Anders kann ich ihn mir gar nicht vorstellen!", lächelte Leoni und strich durch das dunkle Haar ihres Sohnes. "Wir sollten auch nicht untätig rumsitzen. Was hältst du davon wenn wir uns schlau machen wie man von hier aus zum Nordpol kommt?", fragte sie dann nach einer Blitzidee.

*

Tobias nickte nur. Ob ihm das was brachte, wusste er zwar nicht, aber es lenkte ihn hoffentlich von Niklas ab.

So beendeten Mutter und Sohn wenig später ihr Frühstück, räumten auf und verließen dann die Wohnung, klopften bei Gabi an.

Die brauchte eine Weile, bis sie zur Tür kam, war erfreut als sie sah, wer sie besuchte. Im nächsten Augenblick gefror ihr allerdings das Grinsen, denn sie sah die rot geweinten Augen.

Sofort winkte sie die beiden hinein und führte sie in ihr Wohnzimmer. "Was ist denn los, Herzchen?", wollte sie besorgt von ihrem fast Bruder wissen. Weil Tobi nicht wirklich reden konnte, ohne wieder weinen zu müssen, riss Leoni nur kurz an, warum sie da waren und Gabi nickte nur.

So schwang sie sich hinter ihren Computer und war schon dabei, das Netz abzusuchen, als sie meinte: "Erzählt es mir einfach nebenbei."

So wurde die Schwarzhaarige ins Bild gesetzt, während sie unzählige Seiten absuchte, wie man am besten und schnellsten zum Nordpol kam.


Nach zwei Stunden waren sie schließlich so schlau, dass es am Geschicktesten war, mit einem Helikopter, zu der am nächsten gelegen Forschungsstation zu fliegen und von dort aus dann mit einem Hundeschlitten weiter zu reisen.

Aber abgesehen davon, das Niklas nicht so viel Geld hatte, dauerte die Reise mit dem Hundeschlitten trotzdem noch an die vier Monate. Wenn nichts schief lief.

Todtraurig ließ Tobias seinen Kopf hängen, sackte in sich zusammen. Jeder schien was gegen ihn und Niklas zu haben. Das war einfach nicht fair. Wem hatte er denn etwas getan, das das Leben nun so gemein zu ihm war?

*

Mitleidig blickte Gabi traurig auf ihren Freund. "Und du bist sicher, dass Niklas dort ist? Vielleicht ist sein Vater nur ein kranker Typ, der gerne wie der Weihnachtsmann rumläuft?!", fragte sie unsicher. Sie konnte Tobi einfach nicht traurig sehen.

*

"Sind dir die Tatsache, dass Niklas alles über die Waisenkinder wusste, ohne dass ich ihm was gesagt habe, das er weiß wie die Steuerung eines Schlitten funktioniert, die Tatsache das sein Vater einfach so in meine Wohnung kam und die beiden auch wieder lautlos verschwunden sind nachdem sein Vater meinte, die Rentiere würden nervös werden, Beweis genug?", wollte der Braunhaarige schon wieder weinend wissen.

"Ich hab Niki darauf angesprochen, dass er der Weihnachtsmann oder vielmehr der Zukünftige ist und er hat nicht widersprochen. Der Alte kann ruhig verrückt sein, aber ich glaube meinem Freund."

Als Leoni sich neben ihn setzte, warf er sich schluchzend in ihre Arme. /Ich will doch nur Niki wieder. Warum erlaubt mir das keiner?/

*

Mitleidig seufzend versuchte Leoni ihn wieder zu trösten. Es war wirklich schwer ihrem Sohn nun beizustehen, denn die Situation schien einfach ausweglos. Diese Liebe hatte wohl kaum Chancen... da musste schon ein Wunder geschehen.

}|{

Unterdessen war der Morgen am Nordpol erstaunlich normal verlaufen. Beim Frühstück hatte keiner mehr Niks "Ausflug" angesprochen und auch sein Vater hatte erstaunlicherweise noch nicht von ihm verlangt wieder seinen Aufgaben nachzugehen. Caroline hatte nur gemeint, dass er wohl doch nochmal nachgedacht hatte.

Und so war Niklas den Tag über in der Küche geblieben, hatte seiner Mutter beim Essen geholfen und wieder mit ihr über Tobias gesprochen. Er vermisste seinen Liebsten gewaltig, doch wenn er mit seiner Mutter sprach half es wenigstens etwas. Doch eine Idee wie es mit ihnen beiden weitergehen konnte hatte er leider immer noch nicht.

Gerade war er beim Kartoffel schälen, als sein Vater die Küche betrat und ihn still ansah, dann näher kam und sich neben ihn stellte. "Ich würde gerne mit dir reden Niklas... ."

*

Verwirrt drehte Niklas seinen Kopf und blickte in die grauen Augen seines Vaters. Man konnte jetzt etwas mehr Emotionen als gestern erkennen.

/Wie lange ist das schon her, dass er mich ganz normal um etwas gebeten hat? Es müssen Jahre sein. Sonst heißt es immer nur Niklas mach mal oder du hilfst jetzt da./

Der Blonde blickte seine Mutter an, ob das in Ordnung ging, weil er ihr ja eigentlich helfen sollte. Auch bei ihr sah er Unglaube.

"Ähm... sicher, Vater. Wo willst du reden?"

*

"In der Werkstatt, da sind wir ungestört!", meinte Santa Claus und nickte seiner Frau zum Abschied zu, während er und sein Sohn das Haus verließen und zur Werkstatt rüber ging. Dort angekommen ließ er sich in einen der beiden Sessel nieder, die dort standen. Vor einer Stunde hatte er von den Elfen noch einen zweiten hinstellen lassen, denn normalerweise stand hier nur einer.

Erst als Niklas sich ebenfalls gesetzt hatte räusperte sein Vater sich und blickte zu ihm. "Wir haben lange nicht mehr geredet...", begann er dann unsicher und blickte zu Boden. Die letzten Stunden hatte er sich genau überlegt was er sagen wollte, doch jetzt fiel ihm das ganz schön schwer. "Weißt du... als du noch klein warst, da hast du es geliebt Spielzeuge zu basteln und immer hattest du dieses Leuchten in den Augen, wenn ich dich mit nahm und dir erklärte was ein Weihnachtsmann alles für Aufgaben hatte.

Als du dann alt genug warst und wir deine Ausbildung begannen schien es, als sei es der glücklichste Tag in deinem Leben. Du hattest immer sehr viel Freude an deiner Ausbildung und nie hast du gesagt, dass du nicht Weihnachtsmann werden willst. Doch dann ist was mit dir passiert und ich weiß nicht was. Und wir haben uns immer weiter voneinander entfernt Niklas.

Du bist mein erster Sohn, und mir der wichtigste und liebste, weil du mal meine Aufgabe bekommen sollst. Deswegen habe ich dich die letzten Jahre so hart ran genommen, um dich zu fordern, dich zu einem besseren Weihnachtsmann auszubilden wie ich es bin. Du würdest so ein toller Weihnachtsmann sein Nik. Niemand von uns macht so schöne Spielzeuge wie du, versteht sich so gut mit den Elfen und liebt die Kinder so sehr wie du. Ja, nicht mal ich.
Ich meine, ich liebe meine Aufgabe, aber irgendwann will auch ich nicht mehr und ich hatte schon öfter den Wunsch aufzuhören, doch dann sehe ich, dass du noch nicht so weit bist. Obwohl du alles hast was du bräuchtest. Ich weiß, dass du nicht der Weihnachtsmann sein willst, das war mir vorher nie so richtig bewusst gewesen, bis du dann weggegangen bist.

Doch du bist geschaffen dafür Niklas und es wäre so schade, wenn du deine Aufgabe ablehnen würdest. Nach all der Mühe, die wir hatten und auch... nachdem wir unsere gute Beziehung verloren haben. Das war wohl der Preis dafür, dich antrietzen zu müssen. Sicher hasst du mich...." Stockend brach Santa ab und sah wieder nach oben zu Niklas, der nicht fassen konnte, dass sein Vater so offen mit ihm sprach.

"Vater... ich!", begann er, wollte dann aber genau darüber nachdenken was er nun sagen würde. "Ich... hasse dich nicht. Was ich hasse ist Weihnachten... naja jedenfalls hasste ich es bevor ich weg ging.
Das ganze Jahr arbeiten für nur einen Tag, den ganzen Undank der Menschen, die ganze Kommerzmacherei. So viele Menschen haben den Sinn von Weihnachten vergessen. Es macht mich einfach traurig.
Ja, ich habe früher meine Ausbildung geliebt, doch dann erkannte ich, dass die Kinder immer gieriger wurden, je älter sie wurden. Es ging nur noch um Geschenke, nicht mehr um den Glauben. Das Fest der Liebe... so wird es nur noch von wenigen definiert!

Vater, das alles hat mich fertig gemacht und ich will nicht der Weihnachtsmann sein, derjenige, an den eh keiner glaubt. Nicht mal Tobias..."

Traurig brach Niklas ab und sah, wie sein Vater sich erhob und zu ihm kam, ihm sanft eine Hand auf die Schulter legte. "Ich weiß, dass es schwer ist. Dass das Wissen darüber, dass die Menschen den glauben verlieren, den Sinn dieses Tages und mich vergessen, einen fertig macht. Doch in der Welt gibt es auch noch Menschen, die an den Weihnachtsmann glauben, den es nicht nur um die Geschenke geht oder Christis Geburt. Für all diese Menschen da draußen mache ich das, arbeite ich so hart und ja, packe dich so hart an, damit auch du einmal all jene Menschen da draußen erfreuen kannst. Und es fällt mir nicht leicht dir das anzutun, zu sehen dass du so traurig bist.

Aber noch schwerer ist es für mich zu akzeptieren, dass du jetzt einen Mann liebst und mit ihm zusammen sein willst... ."

*

Niklas seufzte leise auf. Irgendwo verstand er seinen Vater ja wirklich. Es war nicht leicht, mit Freude zu arbeiten, wenn man für nicht existent gehalten wurde. Aber die Menschen, die an sie glaubten und sich freuten, denn Sinn von Weihnachten verstanden und das waren meistens die Kinder, die hatten es verdient, dass man sich für sie die Hände wund arbeitete.

Tobias gehörte ja auch dazu. Immerhin wollte er keine Geschenke. Für ihn war es ja schon genug, wenn er den Abend mit seiner Familie und seinen Freunden verbringen konnte. Das hatte der Braunhaarige ihm selbst erzählt.

"Weißt du Vater, auch wenn Tobias nicht wirklich an mich glaubt, so liebe ich ihn einfach. Er war so selbstlos, als mich Rupert einfach mitten in einem Feld abgesetzt hat und hat mir angeboten, mich in die Stadt zu fahren, damit ich Geld wechseln kann. Als der Automat kaputt war, hat er mir einfach angeboten bei ihm zu wohnen. Am Anfang war er wie ein Freund für mich, den ich nie hatte.

Nach und nach hab ich seine Freunde kennen gelernt und sogar seine Eltern mochten mich. Er hat mir die Freude an Weihnachten wieder gegeben, hat mich sogar das Weihnachtsmannkostüm tragen lassen, das er sonst jedes Jahr trägt, wenn er den Kindern im Waisenhaus ihre Holzspielsachen bringt, die er selbst gemacht hat.

Ich weiß nicht wie, aber nach und nach ist daraus mehr geworden und jetzt liebe ich ihn einfach. Ich weiß, dass das nicht der Norm entspricht, aber man kann nichts dagegen machen", versuchte der Blonde seinem Vater begreiflich zu machen, das Tobias ihm wirklich viel bedeutete und es nicht nur mal gerade eine Phase war, weil es das Erste war, was er in der Richtung ausprobiert hatte.

*

"Du scheinst diesen Tobias wirklich sehr zu lieben...", seufzte Niks Vater und blickte ihn warm an, wurde dann jedoch ernster. "Doch... du kannst nicht mit ihm zusammensein, wenn du der Weihnachtsmann wirst. Versteh doch, dass du Nachkommen zeugen musst, an denen du deine Aufgabe weitergeben kannst. Auch wenn du Tobias noch so sehr liebst, er wird dir niemals Kinder gebären können. Und auch wenn dir das unglaublich weh tut Niklas, es kann einfach nicht sein! Es tut mir wirklich leid!"

*

Das wusste Niklas ja. Hatte er von Anfang an gewusst und auch Tobias war sich dessen bewusst gewesen. Und trotzdem war es geschehen, keiner hatte es aufhalten können. Aber Liebe scherte sich ja nicht um irgendwelche Regeln.

"Das weiß ich doch und trotzdem tut es weh", murmelte der Blonde niedergeschlagen, ließ seinen Kopf hängen und versuchte so, die Tränen die sich langsam bildeten, vor dem Weihnachtsmann zu verbergen.

/Und was bedeutet: wenn du der Weihnachtsmann wirst? Ist das jetzt auf den Zeitpunkt bezogen oder darauf, das ich vielleicht doch nicht muss?/

Ein kleiner Hoffnungsschimmer machte sich in ihm breit. Auch wenn es wehtun würde, wenn er die falsche Antwort bekam, Niklas musste fragen. "Was... was bedeutet das: Wenn du der Weihnachtsmann wirst?!"

*

"Na wenn ich abtrete und dir meine Aufgabe übertrage, dann wirst du nicht mit deinem Tobias Zusammensein können!" stellte Santa das nochmal genauer dar und kam dann direkt vor seinen Sohn, zog ihn erst zögernd, dann fest in seine Arme. Er hatte ihn so lange nicht mehr umarmt. "Du wirst über ihn hinweg kommen müssen. Denn ich möchte keinen anderen als meinen Nachfolger bestimmen als dich! Du bist einfach der Beste dafür Nik... und du wirst deine Aufgabe lieben, das weiß ich. Auch wenn dir der Gedanke daran jetzt wiederstrebt."

*

Niklas nickte nur stumm, erwiderte die Umarmung halbherzig und stand dann auf. Sein Vater würde seine Meinung nicht mehr ändern. Sie stand schon fest. Da brauchte es schon ein Wunder.

Der Blonde sah ja ein, dass er ein guter Weihnachtsmann sein würde, wenn es mal so weit war. Daran war nicht zu Letzt Tobias und das Waisenhaus mit Schuld, weil er durch den Spielzeugmacher wieder die Freude am Fest der Liebe gefunden hatte und wegen den Waisenkindern, die ihn als Weihnachtsmann so gemocht hatten.

Während er traurig die Tür ansteuerte, festigte sich ein Gedanke in seinem Kopf. Er würde schon einen Weg finden, damit er mit Tobias zusammen sein konnte. Sein Vater hatte bisher ja nur immer von Kindern gesprochen. Nie davon, dass es die eigenen sein mussten. Er könnte ebenso gut einen Jungen adoptieren.

Er musste sich mal Gedanken darüber machen.

Bei der Tür angekommen, drehte er sich noch einmal um und blickte zu seinem Vater, der noch immer an derselben Stelle stand. "Ich hab dich lieb, Vater und du hast wohl Recht."

Aber in der Sache, war das letzte Wort noch nicht eindeutig gesprochen... .

*

"Ich hab dich auch lieb Niklas...", murmelte Santa Claus und ließ sich wieder im Sessel nieder. Er wusste, dass er Niklas gerade sehr wehgetan hatte, doch es gab keine andere Möglichkeit. Santa wollte seinem Sohn nicht wehtun und wollte auch nur das Beste für ihn. Unter anderen Umständen hätte er ihm wohl doch diese Beziehung zu Tobias erlaubt, wenn Nik nicht seine Aufgabe hätte... es tat Santa Claus unendlich leid... doch es gab keinen anderen Weg... .

*

}|{

Tobias saß währenddessen alleine in seinem Wohnzimmer. Leoni hatte zwar für sie beide gekocht und unter normalen Umständen schmeckte es auch hervorragend, aber Tobias hatte einfach keinen Hunger.

Verständlich wenn man Liebeskummer hatte und nicht wirklich Chancen auf ein Happy End bestanden.

Der Spielzeugmacher hatte sich ganz klein auf der Couch zusammen gerollte und blickte trübe vor sich hin. Tränen hatte er schon keine mehr, die Letzten hatte er vergossen, als seine Mutter wieder gefahren war - weil sie ihren Mann nicht so lange alleine zuhause lassen konnte. Zumindest nach ihrer Auffassung, weil er ja noch was in der Küche anstellen konnte.

Träge dümpelte Tobias also vor sich hin und schreckte zusammen, als er ein leises Klopfen hörte. Das hörte sich aber nicht so an, als würde jemand auf Holz schlagen. Verwirrt hob der 23-Jährige seinen Kopf und glaubte an Halluzinationen, als er eine Eule vor seiner Balkontür herumfliegen sah, die immer mal wieder mit ihrem Schnabel an das Glass hackte.

/Eine Eule? Mitten am Tag und was hat sie da am Bein/, fragte sich Tobi verwundert.

Neugierig stand er auf, lief zum Balkon und öffnete die Tür. Die weiße Eule flog prompt in die Wohnung, zog einen Kreis im Raum und ließ sich dann elegant auf seiner Schulter nieder.

"Na meine Schöne, zu wem gehörst du denn? Es ist ziemlich ungewöhnlich, dass Eulen Post austragen. Tauben ja, aber Eulen", sprach der Braunhaarige mit dem Tier. Er war sich klar, dass sie ihn nicht verstehen konnte. Aber es wollte den Vogel beruhigen.

Deswegen löse er auch langsam die Nachricht vom Bein und begann sie zu lesen. Mit jedem Wort wurden seine Augen größer und Hoffnung breitete sich in ihnen aus.

Niklas Mama wollte mit ihm reden. Vielleicht konnte sie ihren Mann umstimmen. Schnell lief er in seine Werkstatt, hatte Cassiopeia schon wieder vergessen.

Schnell kritzelte er eine positive Antwort auf den Zettel und schrieb dazu, dass er morgen an der Stelle warten würde, an der Rupert Niklas abgesetzt hatte. Caroline hatte nämlich darauf bestanden, dass die Unterhaltung am Nordpol geführt wurde.

Behutsam band Tobias die Nachricht an den Fuß der Eule, kehre mit ihr ins Wohnzimmer zurück. Zart strich er ihr über das Brustgefieder und sprach: "Flieg schnell, aber vorsichtig. Die Nachricht ist dringend."

Damit ließ er die Schneeeule fliegen. Der Schweizer sah ihr noch so lange nach, bis der schwarze Punkt verschwunden war, bevor er die Tür schloss und in sein Zimmer hetzte.

Dort riss er den Rucksack vom Schrank und begann mit Packen. Weil Niklas Mutter nicht wusste, wie lange die Unterhaltung dauern würde, sollte er Sachen um Schlafen mitnehmen.

So packte er fleißig.

Vielleicht gab es ja doch noch Hoffnung, dass er mit der Liebe seines Lebens zusammen sein konnte... .



Braune Blätter [Chaotizitaet]

09 – Josh



Was zum Henker tat ich da? Wieso ließ ich zu, dass dieser Typ mich erst förmlich zur Rede stellte, nur um sich dann zu entschuldigen, und mich jetzt schamlos anflirtete? Wieso entzog ich ihm nicht meine Hand? Und was war mit Cal? Dem Mann meiner Träume?

‚Aber ein Mann aus Fleisch und Blut ist doch viel interessanter als immer nur von einem zu träumen’, flüsterte mir ein inneres Stimmchen zu. Und das war vermutlich der Grund, weshalb ich den Blick sogar mit einem etwas unsicheren Lächeln erwiderte. Denn was konnte schon gegen einen harmlosen Flirt sprechen? Darüber hinaus... ich wusste nicht, wie ich es genau beschreiben sollte, aber an diesem Typ – verdammt, ich kannte ja noch nicht einmal seinen Namen – war etwas, das sagte, dass er nicht das übliche 08/15-Gesocks war, das einen nur mit dem einen Ziel schief von der Seite anblickte. Nein, diesem Mann schien es momentan nur um einen Flirt zu gehen. Nicht darum, mich herumzukriegen und nach Feierabend möglichst schnell in die Horizontale zu bringen. Ein Mann, der die Kunst des Flirtens um des Flirtens willen bemühte? Das war schon fast zu verlockend...

Endlich fand ich meine Stimme wieder. „Für gewöhnlich weiß ich aber zumindest den Namen desjenigen, mit dem ich mich unterhalte“, sagte ich so leicht dahin, wie ich nur konnte. Einmal nur... einmal nur wollte ich draufgängerisch sein, für einen Abend vergessen, was für ein bitterer Haufen Selbstmitleid mein Leben doch eigentlich war. Was für ein Haufen Selbstmitleid ich selbst war.

Ein Schmunzeln huschte über das andere Gesicht. „Neil Smith. Leider nichts, was man abkürzen könnte...“, sagte dieser mit Anspielung darauf, dass ich ja nicht Joshua sondern Josh genannt werden wollte.

„Neil...“ Ich ließ den Namen über meine Zunge rollen, wollte ein Gefühl dafür kriegen, schmeckte förmlich jeden einzelnen Buchstaben. „Ein hübscher Name.“ Ich schickte ihm noch ein kurzes Lächeln zu, dann entzog ich ihm aber doch die Hand. Nicht so sehr, weil mir der Kontakt langsam unangenehm wurde, sondern weil ich mit Bedauern aus den Augenwinkeln gesehen hatte, dass einer der anderen Gäste noch etwas zu trinken bestellen wollte. „Bin gleich wieder da.“

„Ich warte hier. Versprochen“, kam es lausbübisch zurück.

Ich atmete einmal tief durch, dann wandte ich mich dem anderen Gast zu und beschäftigte mich die nächsten kurzen Minuten damit, das perfekte Bier zu zapfen. Wie lange war es her, seit ich das letzte Mal geflirtet hatte? Das musste an der Uni gewesen sein. Zumindest war ich nach einer der etwas wilderen Partys am nächsten Morgen ausnahmsweise nicht alleine mit höchstens einem gestiefelten Kater als Begleiterscheinung aufgewacht, sondern hatte tatsächlich einen lebendigen, warmen, männlichen Körper neben mir gehabt. Ich war mir sicher, damals nicht so zu gewesen zu sein, dass ich am nächsten Morgen einen Filmriss gehabt hätte, bestimmt hatte ich an jenem Morgen noch den Namen des Kerls gewusst, mit dem ich die Nacht verbracht hatte, aber eine wirklich bleibende Erinnerung hatte er nicht hinterlassen. Das Gefühl, ja, daran konnte ich mich erinnern. Nicht aber an Details wie etwa den Namen oder das genauere Aussehen. So viel zu meinen Flirterfahrungen. Natürlich gab es immer mal wieder Gäste, die mich an der Theke anflirteten, aber bislang hatte es keiner geschafft, den Schutzpanzer, der mich diesbezüglich umgab, und den ich eigenhändig mit den schönsten und größten CAL-Graffitis besprüht hatte, zu durchbrechen.

Endlich war das Bier mit der perfekten Schaumkrone fertig, die Gäste für die nächsten Minuten versorgt und ich konnte wieder zu Neil hinüber. Ich lächelte, tat dann aber geschäftsmäßig und räumte das leere Glas weg, wegen dem ich ursprünglich in Neils Flirtradius getreten war. Als ich mich umdrehte, sah ich so etwas wie Enttäuschung kurz über Neils Gesicht flackern. Ich grinste. Dann beugte ich mich vor, so dass niemand außer ihm meine nächsten Worte hören konnte: „Wir wollen doch nicht, dass einer von uns versehentlich das Glas mit einer unbedachten Bewegung auf den Boden befördert, oder?“ Ich zwinkerte ihm zu.

Das leise Lachen war mir Antwort genug. Das Spiel konnte weitergehen.



Oder auch nicht. Denn gerade, als ich Neil wieder meine volle Aufmerksamkeit widmen wollte, fiel mein Blick auf einen der vielen Spiegel, mit denen das Twice dekoriert war. Doch statt Neil und mich zu sehen, erblickte ich Edgar, der mir unmissverständlich bedeutete, dass er mich sprechen musste und, nein, es konnte nicht bis morgen früh warten. Ich warf ihm einen finsteren Blick zu, ehe ich mich Neil zuwandte. Leider aber war es so selten, dass Edgar mich sprechen wollte, dass ich ahnte, dass es etwas Wichtiges sein musste. Zumindest wäre es keine Lappalie. Ich seufzte.

„Hey, was ist los?“, fragte Neil auch prompt und legte mir einen Finger unters Kinn, um mich aufzufordern, ihn anzusehen.

Mir war nicht bewusst gewesen, dass ich laut geseufzt hatte... „Mein Handy“, schwindelte ich. „Anruf... nur ganz wenige Leute kennen diese Nummer, und diejenigen, die sie haben, wissen, dass ich um diese Uhrzeit arbeite. Wenn mich also jetzt jemand anruft, ist es was Wichtiges... Wenn du mich kurz entschuldigst...“ Ich ging zur Seitentür, die auf den Innenhof hinausführte, in dem der Baum der Sterbenden stand. Schließlich konnte ich kaum zulassen, dass Neil erkannte, dass mein angebliches Handy in Wirklichkeit ein Taschenspiegel war.

Die kalte Luft war beißend und doch angenehm erfrischend zugleich. Es roch sogar ein wenig nach Schnee. Kurz blickte ich in den nächtlichen Himmel hinauf. Vielleicht hatte ich ja Glück und der Abend würde mit leisen herabsinkenden Schneeflocken und vielleicht einem Gute-Nacht-Kuss von Neil enden. So ich mich denn soweit wagte... Mir war bewusst, wie kitschig das Bild war, das ich vor meinem geistigen Auge heraufbeschwor, aber ich brauchte nun mal Kitsch in meinem Leben. Einschließlich Schneekugelromantik.

Ich trat zu dem Baum und zog im schwachen Licht der Lichterketten den Spiegel aus der Tasche. „Was gibt es, Edgar? Wo brennt es, dass du dich meldest?“, fragte ich ohne Umschweife.

Man sah Edgar an, dass er nur mühsam ein Augenrollen unterdrückte als er mir antwortete. „Cal braucht deine Hilfe.“

„Bitte was? Wiederhole das noch mal...“

„Du hast richtig gehört... Cal steckt in der Klemme und du bist sein einziger Ausweg. Genauer gesagt sitzt er mit seiner Aktuellen im Peak fest, der Reifen ist platt, die letzte Schraube will sich nicht lösen und Handys haben sie keine dabei“, fasste Edgar knapp zusammen.

„Willst du damit sagen, dass dieser verantwortungslose Mistkerl mich erst mit einem knappen Dutzend brauner Blätter sitzen lässt, um sich zu vergnügen, und jetzt auch noch von mir in der Pampa abgeholt werden will? Während da drin ein wirklich netter Mann darauf wartet, mit mir zu Flirten, ohne mich gleich mit hungrigen Bettaugen anzustarren? Ein Mann, bei dem ich endlich mal bereit bin, mich auf einen Flirt einzulassen, und mal nicht an Cal zu denken, vielleicht sogar endlich über diese Obsession hinwegzukommen – wie ihr es mir alle schon seit Jahren ratet – und dann kommt ausgerechnet Cal daher und macht alles kaputt?“ Ich gab mir nicht einmal die Mühe nach Fassung zu ringen. Mir war nicht danach, die Beherrschung zu bewahren. Ich hatte schlicht keinen Bock, mich jetzt schon von Neil verabschieden zu müssen, nur um den Herrn Naturburschen von seinem nächtlichen Aufflug ins Nirgendwo abzuholen. Um mir dann auf dem Rückweg womöglich noch im Rückspiegel ansehen zu müssen, wie er fürsorglich seine Angesüßte aufwärmte... Es war doch zum k.....

„Ich kann ihnen wohl nicht einfach ein Taxi in den Peak schicken?“, fragte ich mürrisch.

„Wie soll Cal erklären, wie ohne Handy plötzlich ein Taxi auftaucht, um sie abzuholen?“, konterte Edgar mit unbestechlicher Logik.

„Wie will Cal dann mein Auftauchen erklären?“, erwiderte ich. Wenn ich keine Lust hatte, dann hatte ich keine Lust.

Diese Frage schien Edgar für einen Moment zu denken zu geben. Dann aber hellte sich sein Gesicht auf und er lächelte mich triumphierend und auch ein wenig verschwörerisch an. „Indem du diesen Mann von der Theke mitnimmst.“

Ich verstand nur Bahnhof.

„Ganz einfach: Soweit ich weiß, ist Cal mit der Dame in den Peak gefahren, um ungestört ein wenig Sternenromantik zu genießen. Könnte ja sein, dass er nicht der einzige ist, der diese Idee hat, sondern du in Bezug auf den Herrn da drin auf denselben Gedanken gekommen wärst. Und ihr dann auf dem Weg zu der besten Aussichtsstelle zufällig an den beiden Gestrandeten vorbeikommt“, meinte Edgar.

Ich verzog das Gesicht. Zugegeben, diese Geschichte wäre annehmbar glaubwürdig. Zusätzlich würde sie Cal zeigen, dass sich nicht mein ganzes Leben um ihn drehte. Dass ich auch gut ohne ihn auskam. Etwas, von dem ich nicht wirklich überzeugt war, aber wer wusste schon, vielleicht wurde er ja sogar eifersüchtig? Oder vielleicht kurierte mich Neil tatsächlich von meiner Cal-Sucht? Aber Neil jetzt schon auf eine romantische, nächtliche Fahrt über Land einzuladen? Wobei, wer sagte, dass ich Neil nicht die Wahrheit erzählen konnte? Soweit ich diesen bislang einschätzen konnte, würde er mit Begeisterung mitspielen. Weil er wohl gerne spielte... Einen Versuch war es zumindest wert... „Also gut. Dennoch wird mir Cal was schulden!“, erklärte ich und ging zur Tür zurück.

Beinahe wie ich es erwartet hatte, blickte Neil in meine Richtung, als ich die Tür öffnete. Ich winkte ihm, zu mir zu kommen.

Eine hochgezogene Augenbraue von ihm, eine bestätigendes Nicken meinerseits und schließlich ließ er sich von dem Barhocker gleiten und kam auf mich zu. Ich hielt ihm die Tür auf und ließ ihn ins Freie treten.

„Ich wollte nicht durch den ganzen Raum rufen“, erklärte ich mit einem leicht entschuldigenden Schulterzucken. „Der Anruf gerade eben... Cal, mein Projektpartner, sitzt im Peak mit plattem Reifen fest. Und er kriegt den Reifen nicht gelöst, um das Ersatzrad aufzuziehen.“

„Im Peak? Um diese Uhrzeit?“ Leicht ungläubig musterte mich Neil, während seine Nase sich ein wenig krauste.

„Er hatte wohl die Idee, dort mit seiner Angesüßten romantisch die Sterne anzugucken.“ Meine Stimme troff förmlich vor Sarkasmus.

Neil lachte. Es war ein angenehmes Lachen. Keines, das einem wohlige Schauder über den Rücken jagte, aber eines, das man gerne öfter hörte. „Na, das hat ja hervorragend geklappt.“

Ich nickte, nicht ohne eine Grinsen. „Natürlich ist es ihm ultra-peinlich, dass er das Rad nicht gewechselt bekommt. Du weißt schon – starker Mann, der die Frau beeindrucken will. Als ob wir uns seit der letzten Eiszeit nicht weiterentwickelt hätten. Früher hätte er wohl versucht ein Mammut eigenhändig zu erlegen... Na ja, das ist jedenfalls auch der Grund, weshalb er auch nicht den Pannendienst rufen will. Weil er dann ja seine Unfähigkeit eingestehen müsste. Stattdessen hofft er, dass ich bereit wäre, zufällig vorbeizukommen und die beiden einzusammeln.“

„Zufällig...“ Neil klang sichtlich amüsiert, doch im nächsten Moment wurde er von einem heftigen Jucken in der Nase zum Niesen gebracht. „Entschuldige...“

Ich nickte und fuhr dann fort: „Er hofft wohl, dass ich unsere Pianistin oder die Köchin frage, ob sie für die Aktion meine Alibi-Freundin mimt, damit es so aussieht, als hätten wir ebenfalls die Idee mit den Sternen gehabt. Aber ehrlich...“, ich warf Neil ein verschwörerisches Grinsen zu, „wärst du mir als mein Alibi-Sterngucker-Date viel lieber.“

„Ich...“ Erneut musste Neil niesen. „Sorry. Allergische Reaktion.“

„Allergische Reak... aber es blüht doch momentan gar nichts.“ Ich kannte solche Reaktionen nur in Zusammenhang mit Heuschnupfen und dazu brauchte es Pollen in der Luft. Die frühesten Pollen waren aber die von der Haselnuss, und dafür war es noch ein ganzes Vierteljahr zu früh.

Neil blickte sich suchend um und entdeckte in einem nahegelegenen Steinkübel, der den Hof zierte, die üblichen Verdächtigen – Efeu, Tuja, Moos. „Efeu. Ich bin allergisch gegen Efeu. Wird im Winter immer besonders schlimm, weil dann die Luft klarer ist. Weniger Blätter an Büschen und Bäumen, die das Efeu abschirmen könnten.“

„Oh je, das ist natürlich bitter“, erklärte ich mitfühlend. Efeu traf man schließlich fast überall als Bodendecker an. Ich hatte zwar noch nie von einer Efeuallergie gehört, aber da es ja auch bekanntlich Menschen gab, die gegen Tannenbäume allergisch waren, hatte ich keinen Grund an Neils Aussage zu zweifeln.

„Lass uns hineingehen“, bat Neil. „Sonst wird das mit dem Niesen immer schlimmer.“

Ich nickte. „Ich muss sowieso meine Autoschlüssel holen.“ Fragend sah ich ihn an.

„Ach ja“, sagte Neil, der sich wieder erholte, nachdem seine empfindliche Nase nicht länger dem Efeu ausgesetzt war. „Ich komme gerne mit und diene als dein Alibi-Date.“ Er grinste mich an. Und endlich erlaubte ich mir, dass mir bei dem Grinsen innerlich ganz warm wurde. Denn es war kein Grinsen mit Hintergedanken, sondern schlicht ein Grinsen, das besagte, dass er sich freute, mir bei diesem Streich helfen zu können, und mehr noch, dass er so noch etwas Zeit mit mir allein verbringen konnte. Vor allem war es aber ein Grinsen, in dem nicht die geringste sexuelle Absicht lag, wenngleich in seinen Augen durchaus Interesse zu lesen war, das bei näherer Bekanntschaft Sex nicht ausschloss.




9. Dezember [Laila]
Ein gemütlicher Abend nach einem langen Arbeitstag
Katsuya und Charlie

Gähnend stieg Spezial Agent Charlie Frances die Treppen zu seinem Apartment nach oben. Der Arbeitstag war lang und anstrengend gewesen. Aber er liebte seinen Job beim FBI.
Jetzt sehnte er sich nach nichts anderem als etwas Ruhe und einem Kuss von seinem Geliebten.
Er hoffte nur, dass dieser auch zu Hause war.
Es war Dezember [Laila] [Laila]und im neuen Jahr, würden sie endlich ihr eigenes Haus beziehen können. Bis dahin mussten sie sich mit der kleinen Wohnung arrangieren.
Als er die Haustür aufschloss, wehte ihm der Duft nach gebratenem Fleisch und Kräutern um die Nase. Für einen Moment blieb er stehen und schloss die Augen.
Erst als sein Magen knurrte, betrat er den Flur.
„Hallo Schatz, ich bin wieder da“, rief er.
In der Küche hörte er es klappern und im nächsten Moment stand Katsuya neben ihm. Der Feuerdämon grinste.
„Da bist du ja endlich. Habe schon auf dich gewartet,“ sagte er.
Harsch zog er Charlie in seine Arme und küsste ihn. Ohne zu zögern schlang dieser seine Arme um Katsuya und gab sich ganz diesem Kuss hin.
Endlich war er zu Hause und konnte den Tag hinter sich lassen.
Im Wohnzimmer wartete bereits ein leckeres Mal auf ihn.
Katsuya zuckte nur die Schultern, als er den fragenden Blick sah. Er kochte eben gern.
Den Abend verbrachten sie zusammen gekuschelt auf dem Sofa.