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17

Catching Santa Claus [Ira]

Türchen 17

Niklas schlief unglaublich lange und traumlos. Es war schon verwunderlich, denn normalerweise erwachte er beim Sonnenaufgang, um Tobi noch ein wenig anzusehen und zu streicheln, bevor er dann zur Arbeit ging. Doch es war bereits kurz vor zehn, als er endlich die Augen aufschlug. Tobias lag schon nicht mehr neben ihm. Aber das war ja kein Wunder um diese Zeit. Wahrscheinlich hatte er unten mit gefrühstückt und war nun wieder in der Werkstatt oder half seiner Mutter.

Tobias hatte sich eben sehr schnell eingelebt und Aufgaben gefunden, die er früh tun konnte, wenn Nik noch schlief oder eben seinen Aufgaben nachging. Also rappelte sich der blonde Lockenkopf auf und blickte an sich runter, musste leise lachen. Er war genau wie Tobi in seiner Kleidung eingeschlafen.

Schnell zog er sich um und ging dann runter in die Küche, traf Luci und seine Mutter alleine dort an. "Hallo ihr zwei. Habt ihr meinen Schatz gesehen?"

*

Luci und Caroline schüttelten gleichzeitig ihren Kopf. "Nein. Ich hab ihn heute Morgen noch nicht einmal zum Frühstück gesehen. Er muss schon ziemlich früh etwas gegessen haben", erklärte die Blonde.

"Frag doch mal unsere Geschwister oder such ihn mal in der Werkstatt", schlug Luci vor und fragte dann im gleichen Atemzug, ob ihr großer Bruder etwas essen wollte.

*

"Naja dann ist er vielleicht bei Dad. Hunger hab ich aber, also nehme ich doch erst mal eine Scheibe Brot", lächelte Niklas und ließ sich am Tisch nieder. Kurz darauf brachte Luci ihm eine Schnitte, die Carol gerade fertig gemacht hatte und wurde dann auf den Schoß ihres großen Bruders gehoben, während dieser aß. "Wer hat denn gestern gewonnen?"

*

"Cloe hat gewonnen. Aber auch nur, weil Clemens und Danny früher schlafen gegangen sind, als üblich", erklärte die Jüngste und kuschelte sich an ihren Bruder. Sie saß gerne auf Nikis Schoß.


Nach ein paar Minuten stellte Caroline einen heißen Tee vor ihren Sohn und setzte sich dann mit an den Tisch. Was ihr komisch vorkam war - das Tobias nicht mehr im Bett lag, als Niklas aufgewacht war. Sonst lag er doch so lange im Bett, bis Niklas arbeiten musste.

*

Niklas bemerkte den besorgten Blicks einer Mutter und verstand auch weswegen sie besorgt war. "Hat Papa denn mit gefrühstückt? Vielleicht hat Tobi ja mit ihm gemeinsam gegessen und lässt sich nun alles zeigen und hilft ihm?!", versuchte er sie zu beruhigen, doch jetzt wo er näher darüber nachdachte wunderte er sich auch ein wenig.

*

Carol schüttelte den Kopf. "Nein, dein Vater hat mit mir zusammen gefrühstückt und da war Tobias nicht mit dabei", kam es leise von ihr, auch wenn sie es nicht wirklich aussprechen wollte.

Das machte es nämlich immer unwahrscheinlicher, das Tobi überhaupt gefrühstückt hatte. "Wir können die anderen Fragen. Die haben auch alle Gefrühstückt, aber ich hab Santa geholfen die Wünsche zu sortierten. Deswegen kann ich dir nicht sagen, wann die anderen alle gegessen haben und ob Tobi dabei war."

Jetzt betrat Michel die Küche, denn er wollte sich etwas zu trinken holen. "Morgen Niklas."

*

"Morgen Michel. Hast du Tobias heute schon gesehen? Vielleicht mit ihm zusammen gefrühstückt?"

Michel blickte ihn zuerst verdutzt an, lächelte dann aber und setzte sich seinem Bruder gegenüber. "Ja hab ich: Wir haben heute früh gemeinsam gegessen. Als wir dann fertig waren haben wir aufgewaschen und er ist raus in den Schnee, während ich wieder hoch bin zum Duschen."

*

Na bitte. Da hatte sich doch alles aufgeklärt. Also muss Tobi irgendwo hier in der näheren Umgebung sein, immerhin hatte man ihn heute Morgen schon gesehen. Uns außerdem wusste er ja, wie kalt es hier war - immerhin war er wegen den Temperaturen schon einmal erkältet gewesen.

"Dann fang ich langsam mit dem Mittagessen an. Heute gibt es Lasagne und das dauert ja ein bisschen wie ihr wisst", sprach die Hausfrau und stand dann wieder auf, um sich die Zutaten zusammen zu suchen.

*

Niklas lächelte. "Hm lecker. Aber ich lasse euch jetzt alleine, um meinen Süßen zu suchen!" Sanft küsste er Caroline auf die Wange, strich Luci über den Kopf und nickte Michel zu, bevor er sich dicke Kleidung überwarf und dabei auch Niks Sachen am Haken entdeckte. Hm... war er nicht mal in dicke Sachen gehüllt. Da würde Nik gleich mit ihm schimpfen, wenn er ihn denn gefunden hatte.

Schnell huschte Niklas nach draußen und ging erst mal in den Stall, betrachtete das kleine Rentierkalb und die Mutter, bevor er hinten im Heu suchte. Tobi aber nicht entdeckte. Dann eben die Werkstatt.

Es dauerte auch nicht lange, da war Niklas in der Weihnachtsmannwerkstatt, traf aber auch dort seinen Freund nicht an. Bei den Elfen würde er wohl kaum sein, blieb als doch nur noch sein Vater.

*

Der saß im Briefraum und sortierte die Briefe weiter aus. Immer wieder schüttelte er seinen Kopf, über diese unrealistischen Wünsche und die, die sie gar nicht erfüllen konnten, wanderten gleich in eine extra Kiste, die wurden nämlich vernichtet.

Der Weihnachtsmann konnte nämlich keinen Weltfrieden und Millionen bringen und das sich Menschen ineinander verliebten konnte er auch noch nicht.

Als er die Tür gehen hörte, hielt Santa inne, drehte seinen Kopf und lächelte dann seinen Sohn an, als er ihn erblickte. "Morgen du Schlafmütze. Ich hoffe du hast gut geschlafen."

Als Niklas in den Raum trat und die Tür hinter sich schloss, stutzte sein Vater. "Na nu, heute ohne Tobias? Ihr seid doch sonst kaum voneinander los zu bekommen."

*

"Ja, eigentlich schon. Bloß lag er heute früh nicht im Bett und im Haus war er auch nicht. Gefrühstückt hat er wohl mit Michel, aber dann ist Tobi raus in den Schnee, ohne Jacke. Ich hab schon im Stall geguckt und jetzt wo ich sehe, dass er auch nicht hier ist mache ich mir Sorgen!", meinte Niklas ehrlich und ging auf Santa zu. "Du hast ihn heute wirklich noch nicht gesehen?"

*

Der schüttelte verneinend den Kopf. "Ich hab ihn nicht mehr seit gestern Abend gesehen. Ich wollte vorhin kucken, ob er ein neues Spielzeug herstellt, aber ich hab ihn in der Werkstatt nicht gefunden. Dann hab ich mir gedacht, vielleicht schläft er ja noch, weil er gestern so müde war. Und seitdem bin ich hier und suche die unmöglichen Wünsche der Kinder raus, die nicht einmal der liebe Gott erfüllen könnte."

Aber es war wirklich merkwürdig. Erst gestern hatten sie doch gesagt, dass Tobias immer in Niklas Nähe bleiben sollte, wegen dem Saboteur, der hier herumlief. Und nun war er einfach nicht auffindbar?

"Hast du in dem Raum nachgeschaut, in den er schon mal eingesperrt wurde? Vielleicht ist es ja schon wieder passiert", grübelte der Weihnachtsmann.

*

"Nein, habe ich nicht, aber das werde ich gleich tun. Dad... nicht, dass ihm was passiert ist? Ich glaube mittlerweile an alles!", hauchte Niklas angstvoll und verließ dann wieder den Briefraum, um in den Keller runter zu gehen und dort jede Tür zu öffnen und jeden Winkel zu erkunden, doch sein Tobi war nirgends zu finden... .

*

}|{

Der wachte gerade Stöhnend auf und hielt sich den Kopf. Oh Mann, ihm tat jeder Knochen weh und Kopfschmerzen hatte er, als ob er die ganze Nacht nur Alkohol getrunken hätte.

Mühsam setzte Tobias sich auf und lehnte sich an die Wand, die hinter ihm stand. Mit großen Augen blickte er sich hier um. "Wo bin ich nur? Ich weiß, dass ich gestern Abend in Niklas Zimmer eingeschlafen bin. Aber was mach ich jetzt hier und vor allen Dingen, wie bin ich hier her gekommen", sprach er mit sich selber.

Der Schweizer ließ seinen Blick durch die Hütte gleiten - das war es augenscheinlich - und stellte bestürzt fest, dass die Fenster von außen vernagelt waren. Da war ohne Werkzeug kein Durchkommen. Man hatte ihn doch tatsächlich entführt. Jetzt war er nicht einmal mehr in Niklas Nähe sicher.

/Vielleicht war was im Tee. Schlafmittel oder so. Ich wäre doch sonst aufgewacht./

Aber Tobias wollte jetzt nicht denken, was genau passiert war. Er wollte nur noch hier raus und in die Arme seines Freundes. So sprang er auf die Beine, rannte zur Tür und drückte die Klinke nach unten.

Wie schon gedacht, bewegte sie sich keinen Millimeter. Und trotzdem rüttelte der Braunhaarige wie ein Verrückter an der Tür. Nichts geschah.

Dann fließ sein Blick auf die Scharniere der Tür. Wenn er die mit irgendeinem Werkzeug aus dem Türrahmen bekam, dann konnte er hier auch raus.

So machte sich Tobias im fahlen Licht erst einmal auf die Suche nach einer Lampe oder etwas in der Richtung. Denn das Licht das durch die Ritzen zwischen den Brettern rein kam, war nicht gerade hilfreich, wenn man Werkzeug suchte.

Nach langem Suchen fand er endlich eine Öllampe und in einer anderen Ecke eine Packung Streichhölzer, mit denen er gleich einmal die Lampe zum Brennen brachte.

Nun sah das doch schon viel besser aus und der 23-Jährige konnte sich auf die Suche machen.

Doch das Ergebnis war niederschmettern. Er hatte eine Decke gefunden, Lebensmittel für wohl mehrere Tage, aber weder Werkzeug noch Besteck, mit dem er es hätte auch versuchen können. Aber es gab genug Feuerholz und Papier damit er hier wohl nicht erfror. "Wie tröstlich. Ich will lieber hier raus, als all die Sachen zu haben."

*

Unterdessen hatte Niklas die Elfen zu sich gerufen und befragte sie erneut, doch keiner von ihnen wollte Tobias gesehen haben und Niklas wusste nun wirklich nicht mehr wo er suchen sollte. Nach einem zweiten Gang durch den Rentierstall stellte er fest, dass auch keines der Rentiere fehlte. Tobi konnte also gar nicht weg sein. Nicht zu Fuß und erst recht nicht ohne Sachen. Doch wo war er? Wo???

*

Tobias wurde langsam kalt und so griff er sich die Decke, die auf dem Bett lag und wickelte sich in sie.

Warum er auf dem Boden gelegen hatte, wusste er allerdings nicht. Vielleicht war er seinem Entführter auch einfach nur zu schwer gewesen, als das dieser ihn hätte aufs Bett legen können.

Der Braunhaarige zuckte mit den Schultern und setzte sich dann aufs Bett. Ein Feuer würde er nur im äußersten Notfall machen, wenn es wirklich zu kalt wurde. Denn Tobi wusste ja nicht, wie lange er hier bleiben musste und für wie lange das Feuerholz reichte. "Niki, ich will zurück zu dir", murmelte er leise und konnte sich vorstellen, wie verzweifelt sein Freund sein musste, weil er ihn nicht fand.

*

Dieser war wirklich verzweifelt, hatte nun nochmal alle in der Familie zusammengerufen und mit deren Hilfe eine zweite Suche durchgeführt. Eine Stunde hatten sie jeden Stein umgedreht, doch Tobi war wie von Erdboden verschwunden. Nirgendwo eine Spur... gar nichts von ihm. Was war nur geschehen?? "Michel?"

Gerade hatten sie das Haus nochmals durchkämmt, aber auch nichts gefunden was noch fehlte. "Hat er dir irgendwas gesagt als er gegangen ist?"

*

Bei der Frage wurde Michel zunehmend nervöser. Er musste es sagen, bevor ihn sein großer Bruder noch windelweich schlug.

Der Zweitälteste schluckte, bevor er meinte: "Ich... ich hab nicht mit Tobias gefrühstückt. Ich hab nur gesehen, wie er aus dem Haus raus ist. Ich ... wollte dich nicht beunruhigen, Niklas, deswegen hab ich nicht die Wahrheit gesagt." Zum Ende hin war der Blonde immer leiser geworden und wartet nun auf das Donnerwetter seines Bruders.

*

"WAS? Das heißt Tobias ist schon seit heute früh weg? Warum hast du mich nicht geweckt oder ihn gefragt wo er hin will? Mann, er ist nur im Pulli da draußen, wenn nicht noch dünner angezogen. Er hat nicht mal Schuhe an. Was soll ihn denn da raus getrieben haben und warum VERDAMMT NOCHMAL HAST DU MICH NICHT GEWECKT?", brüllte Niklas schließlich nochmal, sackte dann aber zusammen und ließ sich auf den Boden sinken. "Wo ist er nur..."; flüsterte er dann leise und verzweifelt... .

*

Michel zog es vor zu gehen, solange Niklas ihn noch nicht verhaute. Er hatte ehrlich gesagt keine Lust, verprügelt zu werden, nur weil er nicht sofort die Wahrheit gesagt hatte. Aber wer konnte den schon ahnen, dass das Liebchen von Niklas ihm nicht Bescheid gab?

Cloe schüttelte über ihren Bruder nur den Kopf und kniete sich dann neben Niklas, nahm ihn in den Arm. "Wir werden deinen Freund schon finden, immerhin haben wir ihn alle ins Herz geschlossen und werden alles daran setzten, ihn zu finden. Das versprech ich dir", versuchte sie ihren Bruder zu trösten.

Ob das allerdings viel helfen würde, konnte sie nicht sagen.

*

Niklas nickte tapfer und erhob sich, ging erst mal in die Küche, um sich eine Tasse Tee zu machen. Kopfloses rum Gesuche würde ihnen nichts bringen, also musste er nachdenken.

Tobias war nicht hier im Haus, er hatte nichts weiter an. Das passte alles nicht zusammen. Er konnte doch nicht mit Socken losgegangen sein! Und wenn doch wäre das sein Tod.
Vielleicht hatte er nur schnell was holen wollen und er war irgendwie vom Weg abgekommen oder hatte was gesehen und war ihm gefolgt. Vielleicht sollten sie mit dem Schlitten rumfliegen und schauen, ob Tobi irgendwo in der Nähe war... .

*

Tobias hatte eigentlich vor gehabt, nichts von dem zu Essen oder zu Trinken, das hier stand. Bei seinem Glück das er zurzeit hatte, war es vielleicht auch noch vergiftet. Aber warum hatte man ihn dann nicht gleich umgebracht, anstatt hier einzusperren?

Außerdem wurde sein Magenknurren immer lauter, denn er hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Als er es nicht mehr aushielt, nahm sich Tobias eine Scheibe Brot und etwas Wasser uns aß es. Alles war besser als zu verhungern.

/Bitte Niklas, beeil dich. Ich will hier weg, warum kommst du denn nicht und rettest mich, wie schon das letzte Mal/, flehte der 23-Jährige stumm in seinen Gedanken.

Das Santa doch eine ganz schön weite Strecke weiter seinem Sohn gerade vorschlug, mit dem Schlitten eine Runde zu fliegen und ihn so zu suchen, ahnte Tobias nicht einmal im Entferntesten.

*

Hoffnungsvoll blickte Niklas bei den Worten seines Vaters auf und lächelte bitter. "Daran hab ich auch gerade gedacht. Es wäre schön, wenn wir zusammen fliegen würden. So übersehen wir ihn nicht!", hauchte der Blonde und trank schnell seinen Tee, bevor er sich ganz dick anzog und mit Santa zusammen ein Vierergespann fertig machte.

Dann ging es ab in die Lüfte.

*

Während der Rest besorgt in der Haustür stand und den beiden hinterher sah, schlich eine Gestalt in ihr Zimmer und begann auf einem weißen Blatt etwas zu schreiben.

Nach einer Weile, als sie fertig war, faltete sie den Zettel zusammen und machte sich auf in das Zimmer von Niklas. Dort wurde der Brief auf den Nachttisch gelegt und ein paar Sachen aus dem Rucksack genommen, der Tobias gehörte. Danach wurde noch der Schrank geöffnet und eine Hand griff sich ein paar Schuhe.

Wenig später lag das Zimmer wieder verlassen da, so als wäre die Gestalt nie hier gewesen.


Tobias inzwischen, drehte die Lampe aus, weil er nicht wusste wie viel Öl sie enthielt und wie lange er noch hier fest sitzen würde. Er rollte sich auf dem Bett, auf dem er schon die ganze Zeit gesessen hatte zusammen und dachte mit aller Macht an Niklas. Er wollte zu seinem Engelchen.

War das denn zu viel verlangt?

*

Tief unter den Decken vergraben, blickte Niklas immer wieder auf den weißen Boden über den sie flogen. Nicht einmal Fußspuren konnte er erkennen und egal in welche Richtung sie flogen, nie konnten sie etwas sehen, dass nur annähernd auf Tobi hinwies. "Dad, es ist als wäre er nie gegangen. Keine Spuren, nichts! Wo kann er nur sein?", fragte er verzweifelt.

*

Auch Santa war langsam mit seinem Latein am Ende. Die Hütte die sie eben überflogen, war zu Fuß vier Stunden weg und soweit schaffte es Tobias nicht. Nicht in seinem Zustand ohne Schuhe und ohne Jacke.

"Wir sollten umdrehen. So weit draußen kann er nicht sein und es wird auch langsam dunkel. Einen Schlitten hat er ja auch nicht genommen, es waren noch alle Rentiere und Schlitten im Stall. Er wird schon wieder auftauchen, Niklas", versuchte der Weihnachtsmann seinen Nachfolger zu beruhigen.

Auch wenn er innerlich alles andere als ruhig war, er musste seinen Sohn beruhigen und ihm Zuversicht schenken. Sie konnten den Spielzeugmacher nicht jetzt schon aufgeben.

*

Traurig lachte Niklas und seufzte leise. "Es wird auch bald dunkel...", hing er an und schloss traurig die Augen. "Wir müssen ihn finden! Unbedingt!"

Santa nickte und drückte sanft die Schulter seines Sohnes. "Das werden wir. Morgen früh fliegen wir gleich wieder los!", versprach er und drehte dann um, um nach Hause zu fliegen.

*

Dort saßen alle wie auf glühenden Kohlen, weil sie sich Sorgen um Tobias machten.

Caroline konnte sich noch mit Kochen ablenken, aber ihre Kinder klebten alle an den Fenstern die vors Haus führten und beobachteten den Himmel, ob sie Niklas und ihren Vater kommen sahen.

Carol hatte auch im Briefraum nachgeschaut, ob vielleicht wieder ein Wunsch von Tobi eingegangen war, irgendwas das ihnen sagte, was hier los war. Doch nichts. Der Braunhaarige blieb wie vom Erdboden verschluckt.

Heftig zuckte die Blonde zusammen, als sie Schritte hinter sich hörte. Sofort drehte sie sich um, blickte aber nur in die blauen Augen von Cloe. "Sind sie schon zurück?" Ihre Tochter schüttelte den Kopf. "Nein, noch nichts zu sehen. Ich helf dir, Mama. Ich muss mich ablenken."

Die Hausfrau nahm die Hilfe gerne entgegen.

*

Es dauerte noch ganze zwei Stunden bis Niklas und Santa Claus wieder den Schlitten in den Hof lenkten und dort hielten. Es war mittlerweile stockdunkel und nur der Mond und die Sterne erleuchteten die Umgebung.

Schnell brachten der Blonde und sein Vater die Rentiere in den Stall und stellten den Schlitten unter, bevor sie das Haus betraten, wo sie sofort von der ganzen Familie umringt und mit Fragen bombardiert wurden. Doch Niklas war nicht in Stimmung dafür, schüttelte nur den Kopf und trabte langsam in sein Zimmer hoch, ließ sich dort aufs Bett fallen und schniefte leise, betrachtete sehnsüchtig den Ring an seinem Finger. "Ach Tobi... ."

*

Carol wollte zwar auch wissen, wie es gelaufen war, aber sie hielt sich zurück und ließ ihre Kinder fragen. Leise seufzte sie auf, als ihr Sohn wortlos in sein Zimmer verschwand.

Die Blonde kehrte in ihre Küche zurück und richtete einen Teller mit dem Abendessen und etwas zu trinken für Niklas. Vorsichtig balancierte sie dem Tablett die Treppe nach oben zum Zimmer ihre Ältesten und klopfte dort an.

Als keine Antwort kam, drückte sie mit ihrem Ellenbogen vorsichtig die Klinke nach unten und betrat Niklas Zimmer. "Niklas, ich bring dir etwas zu Essen. Du musst dich stärken", erklärte sie ihr Hiersein und stellte das Tablett behutsam auf die Matratze.

Aufmunternd wuschelte sie ihrem Sohn durch die Haare. "Er wird schon wieder auftauchen."

*

Niklas blickte traurig zu seiner Mutter und schüttelte leicht den Kopf. "Ich habe keinen Hunger Mama, danke dir trotzdem. Ohne Tobi... will ich einfach gar nichts mehr...", flüsterte er und vergrub wieder seinen Kopf im Kissen. "Ich verstehe nicht wo er sein kann! Alles lief wunderbar und jetzt ist er weg... ."

*

Tief seufzte die Blonde auf und setzte sich auf die Bettkante. "Hat Tobias denn irgendwas gesagt? Dass es ihm hier nicht gefällt oder das er seine Familie vermisst? Und sind noch alle seine Sachen da oder fehlt etwas?"

Irgendwie mussten sie ja weiter kommen.

*

"Unten hängt alles und es war alles wundervoll. Wir haben uns doch erst vorgestern geschworen für immer zusammen zu bleiben. Wir haben uns die Verlobungsringe seiner Eltern angesteckt!", hauchte Niklas immer leiser werdend und sah auf seinen Finger hinab. "So was macht man doch nicht einfach so und verschwindet dann!"

*

"Verlobungsringe?", wollte Caroline überrascht wissen. "Ist das nicht ein bisschen früh?" Vorsichtig, weil sie ihrem Sohn ja nicht zu nahe treten wollte, stellte sie diese Frage.

Hier konnte sie wohl wirklich nicht viel ausrichten. Der Einzige der das konnte war Tobias und der war nun einmal unauffindbar.

Die Hausfrau nahm das Tablett wieder und stellte es mit den Worten "Falls du später doch noch Hunger bekommst" auf den Nachttisch. Gerade wollte sie sich umdrehen, als ihre Blick auf ein zusammengefaltetes weißes Papier viel.

"Schreibt ihr euch Liebesbriefe oder sind das da wichtige Notizen von dir? Die auf dem Nachttisch", setzte sie erklärend hinzu, weil sie den verwirrten Blick ihres Sohnes sah.

*

Sofort war Niklas hellauf. "Nein, wir schreiben uns nicht...", meinte er nur und riss das Papier förmlich an sich, faltete es auseinander und las die Zeilen:

*

Lieber Niklas,

ich sehe nun ein, dass es falsch war, mich in dich zu verlieben. Einen schwulen Weihnachtsmann hat es noch nie gegeben und wird es auch nie geben. Du brauchst eine Frau an deiner Seite, die dir Erben schenken kann und sich um die Erziehung der Kinder kümmert.

Das haben mir auch die Ereignisse in der letzten Zeit gezeigt, denn offensichtlich haben die Elfen etwas gegen einen schwulen Weihnachtsmann. Auch wenn sie dich nicht angegriffen haben, so haben sie ihren Hass an mir ausgelassen.

Ich bin dir da nur ein Klotz am Bein und deswegen gehe ich wieder nach Hause.

Der Entschluss weg zu gehen, kam mir letzte Nacht durch einen Traum, den ich hatte.

Vergiss mich einfach, so wie ich dich vergessen werde.

Und versuch nicht mich zu finden.

Tobias



Carol schlug sie die Hand vor den Mund und schluchzte leise auf. Dadurch, dass Niklas den Brief laut gelesen hatte, wusste sie nun auch was drin stand.

Das würde ihrem Sohn das Herz brechen. Wie konnte Tobias ihm nur so etwas antun? "Niklas", murmelte sie leise und machte Anstalten ihn in den Arm zu nehmen.

*

Doch Niklas zog sich zurück, las den Brief nochmal und nochmal, konnte nicht glauben was da stand. "Das... das ist jetzt nicht wahr...", lachte er und fuhr sich durchs Haar. Ihm standen Tränen in den Augen. "Wieso sollte er das machen, warum sollte er mir das nicht persönlich sagen? Und nur in Socken und ohne Kleidung kann er ja auch nicht verschwinden."

Hektisch stand er auf und kramte in Tobis Rucksack, stellte entsetzt fest, dass die Hälfte der Sachen fehlte. "O-okay... da hat er trotzdem noch lange keine Schuhe und wer würde schon ohne Schuhe gehen?"

*

Caroline wusste nicht wie sie ihren Sohn beruhigen sollte und so rannte sie aus dem Zimmer, versuchte es als erstes in ihrem Schlafzimmer, denn dort fand man Santa gerne mal mit einem Buch vor.

So auch dieses Mal. "Du musst mit zu Niklas. Er wird hysterisch, weil er einen Brief von Niklas gefunden hat. Bitte, du musst ihn beruhigen", erklärte sie mit ängstlicher Stimme und war froh, das ihr Mann das Buch einfach neben sich warf und aus dem Bett sprang, ihr mit schnellen Schritten zum Zimmer ihres Erstgeborenen folgte.

*

Als Santa mit seiner Frau Niks Zimmer erreichte stand dieser geschockt vor seinem Schrank und blickte langsam auf, als er die Tür hörte. "M-Mir fehlt ein Paar Schuhe... hahah er hat MEINE Schuhe genommen!", nun schallend lachend ließ sich Niklas wieder auf das Bett sinken und lehnte sich lachend nach hinten gegen die Wand. "So ist das also! Er hat einen Traum und schon haut er ab... alles was wir uns geschworen haben ist nichtig!"

*

Santa war bestürzt als er seinen Sohn so sah. Schnell trat er zum Bett, fasste Niklas bei den Schultern und schüttelte ihn. "Beruhig dich, Niklas. So wirst du Tobias auch nicht finden. Werd jetzt nicht hysterisch. Warum sollte er deine Schuhe nehmen, wenn seine unten im Flur stehen? Und mal so nebenbei, was habt ihr euch denn geschworen?"

Davon wusste der Weihnachtsmann ja noch gar nichts.

*

"Ah nur, dass wir für immer zusammen bleiben. Er hat mit mir die Ringe seiner Eltern ausgetauscht. Nicht als Verlobung, nur zum Zeichen, dass wir zusammengehören und uns nie wieder trennen. Und jetzt hat er einen Traum und verschwindet.
Und wisst ihr was das Tollste ist? Ich suche ihn den ganzen Tag und er sitzt vielleicht zu Hause bei seinen Eltern und ist froh mich endlich los zu sein... ."

*

Dem Weihnachtsmann reichte es, er verpasste seinem Sohn eine Ohrfeige. Er war ja sonst nicht gewalttätig, wurde eher mal laut, aber das musste jetzt sein.

"Verdammt Niklas, red nicht so einen Schwachsinn. Wenn ihr euch schon geschworen habt, ewig zusammen zu bleiben. Wieso sollte Tobi dann gehen? Flieg meinetwegen zu seinen Eltern und Freunden und frag da nach. Aber spiel hier nicht die gekränkte Eifersucht. Das kannst du immer noch machen, wenn du wieder da bist und er dich wirklich nicht mehr sehen will", knurrte Santa.

Aufgeben wenn man noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft hatte. Das kam ja gar nicht in Frage!

*

Niklas blickte geschockt zu seinem Vater hoch und dann liefen die Tränen. Schluchzend warf er sich an den Hals seines Vaters und weinte bitterlich. "Wieso Dad? Es war doch alles schön zwischen uns...", schniefte er und zitterte dabei.

*

Überfordert ließ sich Santa auf dem Bett nieder und strich mit einer Hand beruhigend über den Rücken seines Sohnes. Er war noch nie gut darin gewesen, jemanden zu trösten und bei Niklas war das so verdammt lange her, dass er sich mal so richtig in seinen Armen ausgeweint hatte.

"Ich weiß es doch auch nicht, mein Großer. Ich kenne den Brief nicht. Aber vielleicht solltest du wirklich zu seinen Eltern und mal mit ihnen reden. Vielleicht wissen wie was. Oder seine Freunde. Aber wie soll er eigentlich ohne Schlitten von hier weg kommen? Und im Stall hat keiner gefehlt. Außerdem war er gestern doch so müde. Da wird er doch nicht mitten in der Nacht aufstehen und sich hier wegschleichen."

*

"Ich weiß es nicht, Dad. Aber wie erklärst du denn sonst das?", fragte Niklas und löste sich kurz, um den Brief in die Hand seines Vaters zu drücken, bevor er seine Mutter umarmte, die sich mittlerweile mit aufs Bett gesetzt hatte.

*

Der Familienvater wuschelte seinem Sohn durch die Haare und besah sich dann den Brief genauer. Verwirrt runzelte er die Stirn.

"Das hört sich so gar nicht nach Tobias an", nuschelte er in seinen Bart und strich sich mit der freien Hand einmal drüber.

Wenn er seinem Sohn die ewige Liebe geschworen hatte und sie Pläne für die Zukunft geschmiedet hatte, wieso sollte er dann gehen und so einen dämlichen Brief da lassen?

Warum sollte der Braunhaarige auf einmal erkennen, dass Niklas mit einer Frau besser dran war, wo er doch so darum gekämpft hatte, dass sie zusammen bleiben konnten. Das ergab doch alles keinen Sinn.

*

"Ich weiß, aber ich kann dir auch nicht sagen ob es seine Handschrift ist. Wir haben uns noch nie Briefe geschrieben", flüsterte Niklas und versuchte tapfer zu sein. Er musste jetzt logisch denken, vernünftig sein. Schnell rieb er sich die Tränen aus den Augen. "Ich werde jetzt zu seinen Eltern fliegen und ihm in den Hintern treten, was ihm einfällt!"

*

"Mach das mein Sohn und zur Not schleifst du ihn wieder hier her, wir wollen doch unseren Schwiegersohn in spe wieder haben", erklärte Santa lächelnd und fuhr Niklas noch einmal durch die Haare.

"Flieg vorsichtig und pass auf dich auf. Und lass Tobias sich zuerst erklären, bevor du ihn niederschreist", lautete der gut gemeinte Rat seine Mutter, die ihm einen Kuss auf die Stirn hauchte.

*

"Mach ich! Aber auch wenn die Erklärung gut ist, schleife ich ihn trotzdem her!", versuchte Niklas zu grinsen und wischte sich nochmal über die Augen, steckte dann den Brief als Beweismittel ein und zog sich ganz dicke Kleidung an, bevor er runter in den Flur eilte, um sich in Jacke und Stiefel zu schmeißen.

Sofort wurde er dort von seinen Geschwistern umringt, denn immerhin machten sich alle Sorgen und Niklas war ja vorhin nicht sonderlich gesprächig gewesen. "Wo gehst du hin?", fragte Cloe und Niklas wandte sich zu ihr um, erblickte Michel neben ihr. "Tobi ist zurück nach Hause wegen den ganzen Vorfällen hier und ich hole ihn jetzt. Immerhin sind wir füreinander bestimmt!", lächelte er und küsste seine größte Schwester auf die Stirn.

*

Michel der vor dem Kühlschrank stand und sich eine Flasche Mineralwasser herausholte, schnaubte nur als er die Antwort seines Bruders hörte.

Nur kurz warf er einen Blick auf Niklas, bevor er sich auf den Weg aus der Küche machte. Als er an dem Blonden vorbei kam, murmelte er ein: "Ein Ring ist eben kein Garant dafür, dass man ewig zusammen bleibt", bevor er den Raum endgültig verließ und in sein Zimmer verschwand.

*

Niklas hob verwirrt die Augenbrauen und verstand nicht so recht was Michel jetzt wollte, doch seine Gedanken waren schon längst bei Tobis Eltern, so verließ er das Haus ohne noch etwas zu sagen, schnallte vier Rentiere vor einen Schlitten und innerhalb weniger Minuten hob er schon ab.

Es würde zwar ein unplanmäßiger Besuch bei Stefan und Leoni werden, aber die wussten ja eh schon alles, wenn Tobi bei ihnen war.



Braune Blätter [Chaotizitaet]

17 – Cal



Als Cal zur Mittagszeit ein paar braune Blätter ablieferte, die ihm auf dem Weg durch die Innenstadt zufällig begegnet waren, staunte er nicht schlecht, im Twice nur Gäste und keine gestrandeten Seelen vorzufinden.

Josh stand an der Theke und unterhielt sich lachend mit einem Mann, der vielleicht Mitte Dreißig sein mochte. Als er Cal entdeckte, entschuldigte er sich kurz bei seinem Bekannten und kam zum anderen Ende des Tresens, um sich ungestört mit Cal auszutauschen. „Ich hab die Blätter im Crucible Theatre untergebracht“, erzählte er, noch ehe Cal die Frage hätte stellen können. „Sonst wäre es bestimmt bald zu unliebsamen Zwischenfällen gekommen. Und ehrlich, ich hatte keine Lust, dass meine Gäste glauben, es wären Zombies unter ihnen, bloß weil sie versehentlich mit einem Blatt in Berührung gekommen sind.“

Cal nickte verstehend. Zombies, das war die allgemein übliche erste Reaktion Nichteingeweihter, wenn sie versehentlich ein braunes Blatt streiften. „Okay... wie ist es, soll ich die vier hier“, er nickte in Richtung der kleinen Gruppe, die wartend in einer Ecke stand, „gleich noch zum Theater bringen, oder machst du das nach dem Mittagsrummel?“

Josh zögerte kurz. „Wenn du sie dorthin bringen könntest, wäre es super. Ich muss nämlich nach dem Mittag rüber nach Lancashire.“

„Lancashire?“, fragte Cal verdutzt. „Was willst du in Lancashire?“

„Ich hab dir doch vom Myerscough College und der Probe, die ich dorthin geschickt habe, erzählt. Und jetzt muss ich noch eine Vergleichsprobe hinbringen.“

„Myerscough?“, überlegte Cal. „Das liegt doch gleich bei Preston.“

Josh nickte.

„Ich hab heute Nachmittag in Preston einen Geschäftstermin. Da könnte ich doch genauso gut die Probe im College abgeben. Wo ich doch eh dorthin muss... Dann müsstest du nicht extra los.“

Josh warf einen kurzen Blick zum anderen Ende der Theke, von wo ihm sein Bekannter lächelnd zuwinkte. „Verlockendes Angebot“, sagte er dann schließlich mit einem breiten Lächeln. „Dann bringe ich also die Blätter ins Theater und du die Erde ins College? Wenn du nach dem Termin noch mal bei dem zuständigen Laboringenieur anklingeln könntest, um zu fragen, ob die Ergebnisse vorliegen, wäre ich dir echt dankbar.“

Cal winkte ab. „Ist doch selbstverständlich. Schließlich bist du nicht allein dafür zuständig, die Welt vor dem Untergang zu retten.“ Er grinste, wurde dann aber Ernst. „Wenn du im Gegenzug dafür unter den Gestrandeten schauen könntest, ob du noch ein paar für die Suchtrupps rekrutieren könntest... Sonst fürchte ich, werde ich heute nicht alle Blätter finden.“ Sie hatten bislang gerade mal sechs Blätter ausfindig machen können, die bereit waren, bei der Suche zu helfen. Das war eben das Problem, wenn man es mit Lebenden zu tun hatte. Dinge wie Weltuntergang und ähnliche Szenarien wiesen diese lebenslustigen Seelen immer ganz weit von sich. Da hatten es Joshua und Caleb mit den Sterbenden einfacher. Diese waren von Natur aus ernster veranlagt und eher geneigt auch unerfreulichen Darstellungen Glauben zu schenken.

„Geht klar. Wenn du kurz wartest, hole ich dir rasch die zweite Probe.“ Damit verschwand Josh in den rückwärtigen Teil des Twice.

Cal ließ derweil seinen Blick zu dem anderen Mann an der Theke schweifen. Irrte er sich, oder hatte es für einen Moment so ausgesehen, als sei dieser wütend, als er sah, dass Josh aus der Bar verschwand? Doch gleich darauf schien dieser Eindruck einer Erleichterung zu weichen, als er sah, dass Cal ihm nicht folgte. Wenn Cal es nicht besser gewusst hätte, hätte er schwören können, dass dieser andere eifersüchtig auf ihn war und Josh für sich wollte. Doch Josh hatte bislang nie auch nur irgendein Anzeichen dafür gezeigt, Interesse an einem anderem außer ihm – Cal Brown – zu haben. Andererseits hatte er Josh aber auch noch nie so frei mit jemand anderem lachen sehen, wie mit diesem Mann als Cal das Twice betreten hatte. Jetzt erkannte Cal den anderen auch. Es war der gleiche Mann – Neil, wenn er sich recht erinnerte –, mit dem Josh ihn und Catrice an Nikolaus aus dem Peak abgeholt hatte. Konnte es sein...? War es möglich, dass Josh sich endlich, nach all den Jahren, dazu durchgerungen hatte, auch mal mit einem anderen zu flirten? Vielleicht sogar mehr als nur einen Flirt einzugehen?



Die gleichen Gedanken verfolgten Cal noch, als er wenig später in seinem Wagen die Stadt in Richtung Nordwesten verließ. Zuletzt hatte er während der Studentenzeit Josh mit einem anderen Mann flirten sehen. Und wenn er ehrlich war, hatte er bei jener Begegnung auf der Studentenparty seine Finger mit im Spiel gehabt. Nicht so sehr, dass es ein abgekartetes Spiel gewesen wäre und er sich mit dem Kommilitonen, mit dem Josh den Abend verbracht hatte, verbündet hätte. Nein, er hatte Josh einfach nur so lange aufgestachelt, bis dieser in die lächerliche Wette, dass es ihm nicht gelingen würde, auf der Party den Erstbesten aufzureißen, eingeschlagen hatte. Dabei hatte es sich Cal zunutze gemacht, dass er um Joshs Wettkampfsgeist wusste. Schon als Kind hatte Josh sich ungern beim Mau-Mau-Spielen schlagen lassen und mit List und Strategie alles daran gesetzt, zu gewinnen. Cal hatte also genau gewusst, dass Josh an jenem Abend alles daran setzen würde, die dämliche Wette zu gewinnen.

Aber was hätte Cal sonst machen sollen? Er und Josh kannten sich seit dem Krabbelalter und waren, seit sie fünf Jahre alt gewesen waren, als Scout und Wächter miteinander verbunden. Doch das hieß noch lange nicht, dass sie deswegen unzertrennlich waren. Gewiss, sie hatten als Kinder zusammen gespielt und selbst heute wäre Cal noch bereit, Josh als einen Freund zu bezeichnen. Vielleicht sogar als seinen besten Freund, war Josh doch der einzige Mensch, vor dem er nichts verheimlichen konnte. Und es störte ihn nicht, dass er für den Wächter wie ein offenes Buch war, oder dass er in Josh wie in einem Buch lesen konnte.

Aber irgendwann hatte sich alles verändert. Erst indem Josh mit seiner Mutter in einen anderen, wenngleich nahegelegenen Stadtteil gezogen war und sie sich nur noch in der Schule gesehen hatten. So eine Scheidung hinterließ immer Spuren und man konnte kaum erwarten, dass Josh nach diesem einschneidenden Erlebnis sich nicht verändert hätte. Er war misstrauischer und zugleich anhänglicher geworden. Misstrauisch gegenüber allem Neuem und anhänglich bei allem Vertrautem. Und je älter sie geworden waren, desto mehr hatte sich Cal von dieser Anhänglichkeit eingeengt gefühlt. Gesteigert wurde das Ganze noch, als sie in die Pubertät kamen, und sich Josh plötzlich der Tatsache bewusst wurde, dass er nicht auf Mädchen stand. Dass er stattdessen in Cal verliebt war. Oh ja, sie hatten sich geküsst. Einmal. Da waren sie vierzehn gewesen und Cal hatte einfach mal ausprobieren wollen, wie es war, einen Jungen zu küssen. Vielleicht konnte man es wissenschaftliche Neugierde nennen. Auf jeden Fall stand danach für ihn fest, dass ein Kuss zwar prinzipiell ein Kuss war – Lippen, Zunge, mit etwas Ungeschick auch aufeinanderstoßende Zähne –, aber es sich ganz anders anfühlte, wenn sich dabei ein Mädchenkörper an ihn schmiegte. Und nicht die flache Brust seines besten Freundes. Das hatte er Josh dann auch mit all dem Taktgefühl eines Teenagers beigebracht. Was dazu geführt hatte, dass Josh erst ihn ignoriert hatte und Cal dann Josh ignoriert hatte, wobei er es, im Gegensatz zu Josh, nicht tat, um Josh mit der Schweigebehandlung zu strafen, sondern, um sicher zu gehen, dass dieser verstand, dass zwischen ihnen nie mehr als Wächter und Scout laufen würde. Egal was Joshua und Caleb auf der anderen Ebene trieben. Die hatten nämlich nichts besseres zu tun gehabt, als sich nach dem Schulabschluss eine gemeinsame Studentenbleibe zu suchen. Glücklich, zu zweit, verliebt... all der Quark eben, um den Josh sie beneidete und von dem er behauptete, dass er und Cal es auch haben müssten. Weil es Bestimmung sei. Blödsinn! Denn wäre es ihnen bestimmt, identische Leben zu leben, hätte Joshs Vater nicht das Weite gesucht, die Familie nicht das Haus verloren, es hätte keine Scheidung gegeben und am wichtigsten: Cal würde es nicht so absolut göttlich finden, eine Frau in seinem Bett zu haben.

Irgendwann hatte Josh eingesehen, dass Cal auf Frauen stand. Zumindest soweit, dass er nicht mehr versuchte, sie mit Blicken zu erdolchen, wenn er sie an seiner Seite sah. Von Cals Heterosexualität war er deswegen noch lange nicht überzeugt. Und schmachtete ihn somit weiter an. Versuchte ihn immer wieder zu gemeinsamen Aktivitäten zu überreden, wie sie für Paare üblich waren. Wie zuletzt das Aufhängen dieser dusseligen Lichterkette. Hätte Josh nicht verlangt, dass Cal deswegen seiner Freundin absagte, hätte Cal ihm vielleicht sogar am nächsten Morgen vor der Arbeit noch geholfen. Von Freund zu Freund, von Scout zu Wächter. So aber...

Umso erfreulicher war es jetzt zu sehen, dass Josh sich tatsächlich gut mit dem Mann verstand, von dem Cal ursprünglich geglaubt hatte, er diene Josh nur als Alibi, um die Abholaktion aus dem Peak glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Er kannte diesen Neil zwar nicht, aber wenn Josh auch nur eine winzige Chance auf Glück mit diesem hätte, würde er sich mehr als nur freuen. Und vielleicht fand er dann auch endlich jemanden, der es länger als ein paar Wochen mit ihm aushielt.



17. Dezember [Laila]
Ägypten
Gawain und Ardeth

Es hatte sich so viel in den letzten Jahren verändert. Ägypten war nicht mehr das Land was es einmal war. Vor langer Zeit herrschten hier die Pharaonen. Sie bauten die prächtigsten Pyramiden und sperrte das Böse darin ein.
Ardeth war ein Wächter. Ein unsterblicher Mann, dessen Aufgabe es war eines der Gräber mit seinem Leben zu bewachen. Das tat er auch, bis die Römer und damit Gawain kam.
Die römischen Soldaten waren überall und mächtig. Aber viel interessante war Gawain gewesen.
Ein junger Mann mit den kurzen Haaren und einer Vorliebe für Falken. Eines dieser wunderschönen Tiere war immer bei ihm.
Ihre erste Begegnung hatte nichts mit Frieden zu tun. Ardeth tat nur seine Pflicht und die Soldaten auch. Dennoch war Gawain so anders gewesen.
Sie hätten Feinden sein sollen, aber sie konnten es nicht.
Ein Lächeln huschte über Ardeths Züge, als er neben sich blickte. Sein geliebter Römer lag friedlich schlafend neben ihm.
Morgen würden sie einen Kontrollgang durch die Pyramiden machen. Sie hatten so unendlich viel Zeit. Jeder von ihnen war unsterblich.