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18

Catching Santa Claus [Ira]

Türchen 18

Es war Montag der achtzehnte Dezember, ein Uhr morgens, als Niklas den Schlitten im Garten von Tobias' Eltern landete. Den ganzen Flug hierher hatte er überlegt wie er reagieren und Tobi zurückholen würde und er hatte sich mittlerweile dazu entschlossen ruhig zu sein und zu klingeln, anstatt durch den Kamin zu rutschen und Tobi aus dem Schlafzimmer zu zerren.

Also ging er eilig zur Tür und klingelte dann Sturm. Ihm war es egal ob es spät war oder ob Tobis Eltern ihren Schlaf brauchten - Niklas brauchte Tobias, und zwar JETZT!

*

Gähnend und sich die Augen reibend schlurfte Stefan nur im Schlafanzug die Treppe hinunter zur Eingangstür. "Welcher Idiot klingelt denn mitten in der Nacht", grummelte er leise vor sich hin, bevor er die Tür öffnete.

Völlig verwirrt blickte er Niklas an. "Was machst du denn um diese Zeit hier, Niklas? Ist was mit Tobi passiert?", wollte der Familienvater nur endgültig wach wissen.

Panik machte sich in ihm breit, denn er konnte seinen Sohn nirgends sehen und wenn Niklas um diese Zeit hier auftauchte, konnte nur was mit seinem Sohn sein.

*
"Was mit ihm passiert ist? Nun, das wüsste ich gerne von dir Stefan!" Seit dem Spaziergang duzten sie sich, doch dieses "du" seitens Niklas klang alles andere als freundlich. "Mein werter Gefährte hat mich verlassen, weil er der Meinung ist unsere Beziehung hätte keine Zukunft. Und ich denke, dass er hier ist!"

*

Tobias hier? Das wüsste der 44-Jährige aber.

"Komm rein und sieh dich um, Niklas. Aber ich hab Tobias seit eurem letzten Besuch nicht mehr gesehen", erklärte Stefan und trat zur Seite, damit der Blonde eintreten konnte.

Der Banker fuhr sich einmal durch seine Haare und murmelte dann: "Ich geh Leoni wecken. Vielleicht weiß sie ja was. Such ihn ruhig. Wir werden dann ihm Wohnzimmer warten."

Damit drehte sich der ältere Mann um und stieg die Treppe hinauf, um seine Frau zu wecken und sich einen Bademantel über zu werfen.

*

Niklas wollte Stefan glauben, war dieser doch sehr überzeugend, doch andererseits hatte er auch Tobi geglaubt, als dieser immer wieder beteuert hatte, dass sie für immer zusammenbleiben und sich lieben würden.

Also stürmte Niklas kurzerhand die Treppe rauf und blickte ins Gästezimmer, ging dann weiter und öffnete die umliegenden Türen, doch Tobi war tatsächlich nicht hier und nichts deutete darauf hin, dass es mal so gewesen war. Dann musste er zu Hause sein! Wo sonst konnte Tobias schon hin?

Aber zuerst musste der Blonde mit Leoni und Stefan reden, also ging er ins Wohnzimmer, legte den zusammengefalteten Brief Tobis auf den Stubentisch und setzte sich dessen Eltern dann gegenüber.

*

Relativ schnell hatte Stefan seine Frau wach bekommen, ihr erzählt was er selber wusste und war dann sich den Bademantel zubindend ins Wohnzimmer gegangen. Leoni war ihm keine Minute später gefolgt und hatte sich neben ihrem Mann auf dem Sofa niedergelassen.

Sie mussten gar nicht lange warten, da kam Niklas zu ihnen. "Hallo Niklas", grüßte sie und blickte dann verwirrt auf das gefaltete Stück Papier. "Was ist das denn?", wollte sie neugierig wissen "Und wie kommst du zu der Vermutung, das Tobias hier wäre? Ich weiß was er vorhatte, als ihr hier wart und dann würde er nicht einfach weglaufen und sagen, ihr habt keine gemeinsame Zukunft."

*

"Tja leider ist es so, dass es jemandem am Nordpol gibt, der Tobias dort nicht haben will, jedenfalls nicht an MEINER Seite. Und dieser jemand spielt Streiche, gemeine Streiche. Zum Beispiel sabotierte er unsere Maschinen und gaukelte allen Elfen vor, dass es Tobias gewesen wäre. Das war vorgestern. Da konnten wir Tobias noch überreden zu bleiben, weil er da schon weg wollte, um uns keinen Ärger mehr zu machen.

Doch gestern früh erwachte ich und Tobi war verschwunden. Und nachdem die ganze Familie mehrere Stunden gesucht und ich mit meinem Vater die ganze Umgebung abgeflogen hatte, entdeckte meine Mutter schließlich diesen Brief da auf meinem Nachttisch", erklärte Niklas und zeigte auf eben jenes Objekt auf dem Tisch.

*

Leoni hörte sich alles an und griff dann nach dem Zettel, faltete ihn auf und begann zu lesen.

Ein wenig hörte sich das schon wie Tobias an, aber eben nicht alles. Und was das Wichtigste war, das war nicht Tobias Schrift. Er konnte das gar nicht geschrieben haben.

Stumm legte Leoni den Brief wieder auf den Tisch, stand dann auf und trat zu dem großen Schrank, begann darin zu suchen.

Nach einer Weile hatte sie gefunden was sie suchte und trat mit der Postkarte wieder zu den beiden Männern, reichte Niklas die Karte.

"Hier, das ist eine Karte von Tobias, die er uns letztes Jahr geschickt hat, als er Urlaub in Italien gemacht hat. Den Brief den du da bekommen hast, kann nie und nimmer von Tobias sein. Die Schrift ist vollkommen anders", erklärte die Hausfrau und setzte sich wieder.

*

Niklas war milde gesagt geschockt. Wie, nicht Tobis Schrift?? Sofort überflog er die Postkarte, legte dann Brief und Karte nebeneinander und verglich Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe.
Das konnte nicht wahr sein! "W-wo ist er denn dann?", flüsterte er leise und spürte erneut die Tränen laufen. Er war doch sonst nicht so nah am Wasser gebaut, aber die Angst um Tobias wurde gerade übermächtig und Nik hatte sich so sehr daran geklammert ihn hier zu finden... .

*

Sofort stand Leoni wieder auf und setzte sich neben Niklas, zog ihn tröstend in seine Arme.

"Ich meine, wenn Tobi schon so viel Streiche gespielt wurden, wie du gesagt hast. Schreckt dann derjenige sicher auch nicht von Entführung zurück. Ihr habt am Nordpol wirklich alles abgesucht?"

Ihr Sohn würde nicht einfach davon laufen. Nicht wenn sie die Ringe angesteckt hatten und sich dabei ewige Treue geschworen hatten. Und das hatte Tobias ja vor gehabt.

*

"Ja, wir sind alles abgegangen, jeden Zentimeter auf dem Hof. Dann sind wir durch die Gegend geflogen und haben nirgendwo Spuren gesehen, geschweige denn ihn... ich hatte so gehofft er wäre hier! Mir wäre es tausendmal lieber, wenn er mich verließe und hierher ginge, als wenn er jetzt irgendwo ist, wo ich ihn nicht finden kann", schluchzte Niklas und lehnte sich zaghaft an Leoni. Sie kannten sich noch nicht sehr lange und deswegen war es ihm peinlich vor fast Fremden so loszuheulen.

*

So gut es ihr möglich war, tröstete Leoni den Freund ihres Sohnes.

"Ich nehme an, ihr seid die Einzigen die dort wohnen. Außer den Elfen natürlich. Und für die Elfen ist Tobias untendurch, wegen dieser angeblichen Manipulation der Maschinen. Aber ich gehe davon aus, dass sie ihm nichts antun würden. Also würde noch jemand aus deiner Familie in Frage kommen, so Leid es mir auch tun, Niklas", überlegte Stefan laut und rieb sich nachdenklich über sein Kinn.

"Hat bei euch irgendeiner etwas gegen Tobi?"

*

"Nein, eigentlich keiner, alle lieben ihn und freuen sich, dass er mein Partner wird und... ." Niklas brach ab. Klar, alle freuten sich, alle außer Michel.

Michel war von Anfang an der Meinung gewesen, dass es einen schwulen Weihnachtsmann nicht geben konnte. Er hatte zwar nie direkt gesagt, dass er etwas gegen Tobi hatte, doch er hatte immer und immer wieder gezeigt wie sehr er Niks Position haben wollte und so wie der Blonde seinen Bruder einschätzte war Michel auch zu allem bereit, um diese Position zu bekommen.

Jetzt wurde ihm alles klarer. Michel hatte mit ihm Tobi gesucht und ihn natürlich sofort gefunden - weil er wusste wo Tobi war. Michel hatte Zugang zu dem Elfenstaub und hätte sich verwandeln können. Er wusste wie die Maschinen funktionierten und wusste wie man sie am besten manipulieren konnte. Es war für ihn ein leichtes Tobi Streiche zu spielen. Das Spielzeug war leicht kaputt zu machen und einen Elfen zu befehlen Tobi in diese Kammer zu führen, das konnte auch nur einer aus der Weihnachtsmannfamilie.

Und schließlich, dieser Satz von Michel: "Ein Ring ist eben kein Garant dafür, dass man ewig zusammen bleibt"
Von dem Ring wusste niemand außer Niklas' Eltern und die hatten es selbst erst gestern erfahren und hätten es Michel niemals sagen können.
Michel wusste das von dem Ring weil er ihn an Tobis Finger gesehen hatte und als er den Ring wohl auch bei Niklas vorgefunden hatte, hatte Michel offenbar gewusst in welchem Zusammenhang die beiden Ringe standen.
Michel musste es gewesen sein, es passte alles zusammen!

"Michel war’s!", rief Niklas nochmal und sprang dann auf, wischte sich energisch die Tränen weg und sammelte den Brief wieder ein. "Leoni, Stefan. Es tut mir leid, dass ich euch so spät gestört habe und gedacht habe ihr hättet Tobias vor mir versteckt. Entschuldigt vielmals. Und wenn das alles vorbei ist, dann erhaltet ihr wie versprochen die Einladung zu uns nach Hause!"

Damit verabschiedete sich der Lockenkopf und verließ das Haus, um in den Schlitten zu springen und so schnell wie möglich nach Hause zu fliegen.

*

Michel schlich sich leise aus dem Haus und in den Stall. Dort lief er an den Boxen vorbei und blieb schließlich vor seinem Rentier stehen. Er war der Einzige, der ein eigenes Rentier hatte. Niklas wollte nie eines haben, weil ihm sowieso mal alle gehören würden. Da brauchte er kein eigenes.

"Sch... Rey. Wir machen einen kleinen Ausflug", murmelte er leise und öffnete die Stalltür, ließ sein Rentier heraus. Er nahm sich ein Halfter und den Sattel von den entsprechenden Haken und legte beides dem Tier an. Michel mochte es zu reiten und so hatte ihm sein Vater das Zeug besorgt.

Als er fertig war, führte der Dunkelhaarige Rey am Halfter nach draußen und schwang sich dann in den Sattel.

"Wir müssen wieder zur Hütte", murmelte er und schon flogen sie los.


}|{


Tobias schreckte auf, als er das Geräusch hörte, wie ein Schlüssel im Schloss umgedreht wurde. Sein Blick huschte zum Kamin, aber da klommen nur noch die Reste.

Also griff er fahrig nach der Öllampe und den Streichhölzern und schaffte es nach dem zweiten Versuch die Lampe zu entzünden.

Erstarrt blickte der 23-Jährige zur Tür, war sich nicht sicher ob das wirklich Niklas war.

Mit großen Augen blickte Tobi auf die Gestalt die da in der Tür stand. Die sah aus wie er... .

*

Langsam schritt Michel näher, schloss die Tür dann wieder hinter sich, denn immerhin sollte Tobias nicht fliehen können.
Unterwegs hatte er wieder Elfenstaub über sich gerieselt und sich gewünscht wie Tobias auszusehen. Das hatte er auch schon gemacht, als er die Maschinen manipuliert hatte. Und die Elfen hatten auch noch alle geglaubt, dass es der Freund des Weihnachtsmannes gewesen war, ganz wie es Michels Plan entsprach.

"Na, aufgewacht?"

*

Tobias ruckte soweit ans Bettende, wie es ging. Der Kerl war ihm nicht ganz koscher. "Wer bist du? Warum siehst du so aus wie ich und verdammt noch mal, warum bin ich hier?", wollte der Braunhaarige schreiend wissen.

Seine Nerven lagen blank und er wollte jetzt endlich Antworten haben.

*

"Wer ich bin? Na ich bin du. Dein Gewissen sozusagen!", kicherte Michel und setzte sich zu Tobias aufs Bett. "Du hast wohl Angst vor dir selbst?"

*

Verzweifelt schüttelte der Spielzeugmacher seinen Kopf. Dieser Verrückte da vor ihm konnte nie im Leben sein Gewissen sein.

"Du bist nicht ich. Du bist ein Betrüger. Du warst das, der die Maschinen manipuliert hat und es mir in die Schuhe geschoben hat. Wieso?"

*

"Sicher, dass es nicht du selbst warst, Tobias?", grinste Michel breit und strich über den Oberschenkel des Dunkelhaarigen.

*

Bei der Berührung zuckte Tobi zusammen und wäre gerne noch weiter weg gerutscht, wenn er nicht schon ganz an der Wand gesessen hätte.

"Fass mich nicht an. Das darf nur mein Freund", fauchte der Braunhaarige und schlug die Hand auf seinem Oberschenkel weg. "Und ich könnte niemals den Kindern ihr Weihnachten kaputt machen. Also musst du es gewesen sein. Und lass mich gefälligst hier raus."

*

"Wenn ich es war, dann musst auch du es gewesen sein, denn immerhin bin ich du. Du scheinst verwirrt zu sein, lieber Tobias! Und ich kann dich hier nicht raus lassen, da ich genau wie du hier gefangen bin. Du bildest dir nur ein, dass ich hier raus könnte."

*

Tobias schüttelte seinen Kopf und hielt sich die Ohren zu, damit er den Schwachsinn den der Typ da sagte, nicht mehr hören musste.

"Du lügst. Du bist nicht ich. Außerdem bist du durch die Tür rein gekommen und ich habe gehört, wie du die Tür aufgeschlossen hast", beharrte der Grauäugige.

*

"Oh Tobias, du bist wirklich schon zu lange hier draußen. Ich weiß nicht wer uns hier eingesperrt hat, aber jetzt wo ich mich dir endlich zeige behauptest du es gäbe mich nicht und ich wäre kein Teil von dir. Das enttäuscht mich!", seufzte Michel und ließ gespielt traurig den Kopf hängen.

*

"Nein", wimmerte der Schweizer. "ICH bin erst seit gestern hier und da warst du nicht da. Niki sucht sicher schon nach mir."

Nervös huschten seine grauen Augen immer wieder über seinen Gegenüber, suchte nach der Bestätigung, dass das nicht er selbst sein konnte. Das sich da irgendwer einen Spaß erlaubte.

Da. Da war kein Ring an dem Finger. "Du kannst nicht ich sein. Du trägst keinen Ring."

Verzweifelt klammerte er sich daran. Sonst hieß das ja, dass er verrückt war.

*

"Oh ich bin ja nicht exakt wie du. Ich bin deine zweite Hälfte. Schizophren würde man zu uns sagen. Und meine Hälfte ist ja wohl nicht mit diesem Niklas zusammen!", improvisierte Michel. Er hatte es sich leichter vorgestellt seinen Plan in die Tat umzusetzen. "Und ob Niklas kommen wird ist fraglich. Vielleicht habe ich ja während du schliefst einen Brief geschrieben in dem steht, dass wir ihn verlassen hätten."

*

Bei den Worten schossen ihm Tränen in die Augen, liefen unaufhaltsam über Tobias Wangen. "Nein... sag dass du das nicht gemacht hast", schluchzte der Brauhaarige. "Sag dass du das nicht gemacht hast." Jetzt bettelte der 23-Jährige sogar schon.

Er konnte das nicht glauben. Das würde bedeuten, dass Niklas nie kam um ihn zu holen und er hier sterben würde.

Schluchzend rollte er sich ganz klein auf dem Bett zusammen.

*

"Doch das habe ich! Und du wirst hier bei mir bleiben bis ich mir sicher bin, dass er uns in Ruhe lassen wird", lachte Michel und deckte Tobias zu. "Schlaf jetzt mein zweites ich. Ich werde wieder in deinen Kopf zurückkehren!"

*

Tobi kniff seinen Augen zusammen, wollte der Realität nicht mehr ins Auge sehen. Immer noch liefen die Tränen und leise wimmerte er.

Schließlich viel er wieder in unruhigen Schlaf, geplagt von Alpträumen.

*

Michel lachte in sich hinein und verließ dann die Hütte. Spürte dabei wie der Elfenstaub seine Wirkung verlor. Tobi war genau im richtigen Moment eingeschlafen und sein Plan war aufgegangen. Das war das Beste überhaupt!
Tobias davon zu überzeugen verrückt zu sein würde eben jenen kaputt machen und Niklas würde mit ihm kaputt gehen, wenn er ihn schließlich wiedersehen würde... .

*

Santa war schon wieder seit einer halben Stunde wach, weil er das Gefühl hatte, das sein Ältester wieder nach Hause kam. Aber das lag vielleicht auch daran, dass er die Rentiere die Niklas mitgenommen hatte, spüren konnte.

Dick eingemummelt trat er um acht aus dem Haus und blickte in den Himmel, hielt nach seinem Nachfolger Ausschau. Und wirklich, da war ein kleiner schwarzer Punkt, der stetig größer wurde.

*

Es dauerte nicht lange dann wurde aus dem Punkt die Umrisse eines Rentierschlittens und kurz darauf landete Niklas vor seinem Vater, blickte ihn erbost an, auch wenn er nicht böse auf seinen Vater war. "Gut, dass du da bist. Ich brauche deinen Rat."

*

Santa sah erstaunt seinen Sohn an. Er konnte sich gar nicht erklären, warum dieser so erbost kuckte.

"Ähm... wie kann ich dir denn helfen? Niklas? Was Tobi nicht bei seinen Eltern?", wollte er neugierig wissen.

*

"Nein, war er nicht. Er ist nicht weggelaufen. Dieser Brief ist nicht von ihm!", rief Niklas und stieg aus dem Schlitten, um die Rentiere dann in den Stall zu führen. So würde sie auch niemand beobachten oder belauschen können.

*

Nicht weggelaufen? Und der Brief war nicht von Tobias? Verwirrt folgte Santa seinem Sohn und beobachtete ihn, wie er die Rentiere in den Stall führte und sie trockenrieb, damit sie nicht krank wurden.

"Kannst du mir mal erklären, wie du das genau meinst und was bei Tobias Eltern jetzt raus kam? Ich versteh jetzt nämlich gar nichts mehr. Von wem ist der Brief denn dann?"

*

"Aber ich verstehe jetzt dafür umso mehr. Derjenige, der hier die Streiche spielt und alle gegen Tobi aufwiegelt ist Michel! Er ist es und ich wette mit dir er hat Tobi entführt und hält ihn nun irgendwo gefangen", erklärte Niklas und blickte seinen Vater ernst an. "Und ich weiß nicht genau wie ich es aus ihm herausprügeln soll!"

*

Santa wurde ob der Anschuldigung weiß.

"Wie... wie kommst du darauf? Beschuldigst du ihn nicht nur aus dem Grund, weil er deine Stelle haben will?"

Der Weihnachtsmann konnte einfach nicht glauben, dass sein Zweitältester für all diese Sachen verantwortlich sein sollte.

*

"Nein, das tue ich nicht. Es passt alles zusammen", meinte Niklas und erzählte dann seine Vermutungen, wie ihm alles klar wurde und wie es zusammenhing. "Ich weiß nur nicht warum er das alles tut. Was bringt es Tobi zu verletzen? Dadurch wird er auch nicht der nächste Weihnachtsmann!", seufzte Niklas und ging dann zu seinem Dad, als die Rentiere wieder in ihren Boxen waren.

*

Nun wurde seine Gesichtsfarbe rot. Wenn das wirklich so war, dann war das unverzeihlich.

Leise seufzend nahm er Niklas in den Arm, als er bei ihm stand. "Ich auch nicht. Da kann ich nur vermuten. Nach dem wirklichen Grund musst du ihn wohl fragen. Ich kann nur vermuten, dass er darauf spekuliert, dass du ohne Tobias nicht mehre leben kannst oder nicht mehr Weihnachtsmann werden willst und er es werden kann. Ich hab mich ehrlich gesagt nie so viel mit Michel beschäftigt."

*

"Vielleicht war das unser Fehler Dad. Wir hätten irgendeinen Weg finden müssen ihn einzuspannen. Normalerweise würde er mir leidtun, doch gerade will ich ihm nur wehtun, so wie er mir und Tobi gerade weh tut!", knurrte der blonde Lockenkopf und löste sich von Santa. "Wir sollten jetzt gleich zu ihm gehen. Immerhin weiß ich nicht wie es Tobi geht und vielleicht haben wir kaum noch Zeit!"

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Santa akzeptierte es, dass sein Sohn sich wieder von ihm löste.

"Ja, gehen wir schnell zu Michel. Ich mach mir nämlich auch große Sorgen um Tobias. Wer weiß, was Michel mit ihm gemacht hat oder wo er ihn hingebracht hat."

Zusammen machte er sich mit seinem Ältesten auf den Weg zu Michels Zimmer. Dort musste der Jüngere jetzt noch sein.

*

Michel war kurz vorm Erwachen seines Vaters nach Hause gekommen und auf sein Zimmer geschlichen. Rey hatte er wieder in den Stall gesperrt, sodass Niklas das Rentier auch nicht vermissen würde, wenn er zurückkam und seine Rentiere in den Stall stellte. Wie es seinem Bruder wohl ergangen war? Tobias würde er jedenfalls nicht mitbringen.

In sich hinein lachend zog sich Michel wieder aus und stieg in seinen Schlafanzug, bevor er ins Bett kletterte. Wenn Mum ihn wecken kam sollte sie ja keinen Verdacht schöpfen.

Kaum hatte er die Decke über sich gezogen, als es klopfte. Caroline war wohl etwas früher erwacht als sonst. Sofort stellte Michel sich schlafend und bemerkte nicht wie Santa und Niklas das Zimmer betraten.

*

Als keine Antwort kam, öffnete Santa einfach die Tür und trat in das Zimmer von Michel, schaltete rigoros das Licht an. Auch wenn er dadurch seinen Sohn weckte.

Erstens war ihm das eh grad egal und zweites wollten sie das ja, damit sie reden konnten.

"Michel, wach auf. Wir müssen reden", erklärte der Weihnachtsmann laut und zog seinem Sohn die Decke weg. Das half immer.


Grummelig kauerte sich Michel zusammen, es sollte ja möglichst echt aussehen, als würde sein Vater ihn gerade wirklich wecken.

Träge brummte er um zu zeigen, dass er halbwegs wach war, auch wenn sein Herz bis zum Hals schlug, weil sein Vater sonst nie in sein Zimmer kam, um ihn zu wecken.

*

"Hallo werter Bruder", begrüßte auch Niklas den anderen und grinste ihn geheimnisvoll an. "Ich hoffe du hast gut geschlafen…?"

Michel hob verwundert die Augenbrauen und wurde sich bewusst, dass die beiden wegen Tobi bei ihm waren. Doch wieso? Woher wussten sein Vater und Bruder davon, dass Michel ihn entführt hatte??

"Ähm... ich hab gut geschlafen!", versuchte Michel dann aber ruhig zu bleiben und beantwortete somit die Frage Niks. Es war unmöglich, dass sie davon wussten und ihn verdächtigten.

*

"Ich hoffe auch lang genug", meinte Niklas weiter und Santa war kurz davor, seine gute Erziehung über Bord zu werfen und Michel mal genauer auf den Zahn zu fühlen.

Aber das war Niklas Sache, es ging immerhin um seinen Freund und sie wollten ihn ja lebend haben. Wenn Santa etwas Unüberlegtes tat, war es eher fraglich, ob Michel ihnen sagte, wo er Tobias gefangen hielt.

*

"Ja, eigentlich schon. Hast du Tobias gefunden?", fragte Michel und setzte sich nun auf, tat einen auf besorgt. "Wo ist er denn?"

Nun war es Niklas zu bunt. Wütend packte er Michel am Kragen von dessen Schlafanzug und blickte ihm in die Augen. "Nein, ich habe ihn nicht gefunden, weil er nicht weggelaufen ist. Aber ich werde ihn finden, weil du mir jetzt augenblicklich sagen wirst wo du ihn hingebracht hast, oder ich vergesse mich!"

*

Michel wimmerte ängstlich auf, was er ja sonst nicht tat. Aber in dem Augenblick machte sein großer Bruder ihm Angst.

/Am besten mit Unwissenheit bekämpfen/, schoss es dem Dunkelhaarigen durch den Kopf.

"Ich... ich weiß nicht, wovon du redest. Woher soll ich wissen, wo Tobias ist? Ich hab ihn seit gestern nicht mehr gesehen", beteuerte er.

*

"Ja klar. Gestern als du ihn verschleppt hast, da hast du ihn gesehen! Wo hast du ihn hingebracht, WAS hast du mit ihm gemacht?", brüllte Niklas nun fast und starrte Michel in Grund und Boden. "Ich weiß, dass der Brief nicht von Tobias ist und nach allem was passiert ist und deinem Streben nach meiner Position habe ich eins und eins zusammengezählt und herausgefunden, dass du hier diese Streiche spielst und dass auch nur DU weißt wo Tobias ist!"

*

Der Zweitälteste des Weihnachtsmannes begann unkontrolliert zu zittern, so viel Angst machte ihm sein Bruder.

Vielleicht sollte er doch lieber sagen wo Tobias war. Das würde seiner Gesundheit sehr zugute kommen.

Aber eigentlich wollte er immer noch die Position als Weihnachtsmann haben und so stritt er weiterhin ab, Tobias seit dem Morgen zu gesehen zu haben und ihn auch nicht entführt zu haben. Dass er sich nie am Freund seines Bruders vergreifen würde.

*

Das war zu viel. Wütend schrie Niklas auf und schlug Michel ins Gesicht, sodass dieser zurücktaumelte. "Ich warne dich jetzt ein letztes Mal. Sag mir wo Tobias ist! Wenn du dich weiter hier herausredest und Tobias in der Zeit etwas passiert wird das dein Ende sein. So können wir über deine Strafe verhandeln!", knurrte er mit tiefer Stimme und stand drohend vor seinem kleinen Bruder.

*

Michel schrie auf als sein Bruder ihn so einfach ins Gesicht schlug und rutschte ein Stück an der Wand in seinem Rücken hinab, an der er gelandet war.

Jetzt war es wohl doch besser, Niklas alles zu sagen.

"Er... er ist in der kleinen Hütte, d... drei Stunden von hier ... in südwestlicher Richtung", murmelte der Jüngere.

*

"Das ist die, die wir gestern gesehen haben", meinte Santa und setzte sich dann zu Michel. Auch wenn er gerade ebenfalls nicht sehr gut auf seinen Zweitältesten zu sprechen war, war er doch immer noch sein Sohn. "Warum Michel? Warum hast du das alles getan?"

Michel ließ nur den Kopf hängen und bevor Niklas ihn wieder schlug, würde er lieber alles sagen. "Weil ich der Weihnachtsmann sein will. Es ist so ungerecht, dass ich nach Niklas geboren wurde und immer wurde mir gesagt, dass Niklas es wird und ich keine Chance habe.

Und dann kreuzt dieser Tobias auf und es zeigt sich, dass mein werter Bruder ein schwuler Weihnachtsmann wird. Und ich dachte, dass du Vater ihm dann die Position aberkennen und endlich mir zusprechen würdest, aber nicht mal das hast du getan. Nein, du hast es ganz normal akzeptiert.

Das konnte ich nicht ertragen! Ich könnte ja damit leben, dass Niklas der Weihnachtsmann wird, wenn er eine Frau an seiner Seite hätte, aber einen Mann - das konnte ich nicht akzeptieren. Also habe ich angefangen diese Streiche zu spielen, um Tobias weg zu ekeln. Doch als ich Tobias von dem Elfen einsperren ließ - nicht mal da ist er abgehauen. So habe ich die Elfen gegen ihn aufgehetzt in der Hoffnung, dass du ihn dann wegschicken würdest, aber nein, du vertraust ihm bis ins Mark.

Also habe ich Schlafmittel in Niks und Tobias' Abendessen gemischt und habe den Kleinen in der Nacht entführt. Ich dachte, wenn Tobias weg wäre mit dieser Begründung würde Niklas vernünftig werden und endlich wenigstens ein Weihnachtsmann sein auf den ich als Bruder stolz sein und meine Position akzeptieren könnte... ."

*

Das war ja alles schön und gut und im Grunde auch noble Ziele, aber das rechtfertigte noch lange nicht die Streiche, die Verleumdung und die Entführung. Da hätte wer weiß was passieren können.

"Niklas, geh du Tobi holen, ich bleib hier und wasche meinem Sohn den Kopf. Ich fürchte, hier ist ein längst überfälliges Gespräch fällig", erklärte Santa und schenkte erst Niklas und dann Michel ein Lächeln. Er hatte sich viel zu sehr auf Niklas eingefahren und hatte seine anderen Kinder vollkommen vernachlässigt. Das musste sich für die Zukunft ändern.

*

Niklas hatte etwas Mitleid mit seinem Bruder bekommen und verstand nun warum Michel all das getan hatte, doch genau wie sein Vater, fand Niklas, dass das keineswegs solche Methoden rechtfertigte. Und wenn Nik mit Tobias zurückkam, würde er sich seinen Bruder gewiss nochmal vorknöpfen.

Jetzt aber galt es seinen Liebsten zu retten. Schnell schnappte sich Niklas in seinem Zimmer Tobias' Rucksack, packte dort noch warme Sachen hinein und flitzte dann runter, um sich selbst wieder fest anzukleiden, bevor er im Stall zwei schnelle Rentiere suchte und diese vor den Zweierschlitten spannte.

Dann flog er auch schon los.

*

}|{

Tobias hatte geweint bevor er endgültig eingeschlafen war und selbst im Schlaf waren die Tränen weiter geflossen, denn die Träume waren alles andere als schön.

Seit einer Stunde lag er schon mit offenen Augen da, starrte in Richtung der Tür, aber nahm nichts um sich herum war. Nicht einmal Niklas, der die Tür aufriss, sodass sie außen gegen die Wand knallte.

Der Schlüssel, der außen im Schloss gesteckt hatte, hatte es Niklas natürlich einfach gemacht, in die Hütte zu kommen. Er hatte sich so beeilt die Hütte erreichen und gebetet, dass sein Freund in Ordnung war.

Gehetzt huschte der Blick des Blonden durch den Raum, suchte alles ab - das Licht von hinten half ihm dabei ungemein, bis er Tobias auf dem Bett entdeckte.

*

Sofort stürmte Niklas zu seinem Liebsten und zog ihn in seine Arme. "Tobias? Tobi, Liebling? Geht’s dir gut. Rede mit mir!", flehte er voller Angst. Er machte sich wahnsinnige Sorgen, denn der Dunkelhaarige sah nicht gut aus.

*

Er fühlte sich auch nicht gut, denn inzwischen glaubte er wirklich, was ihm der Kerl erzählt hatte, der so ausgesehen hatte, wie er.

Leise murmelte er immer wieder: "Ich bin schuld, du hattest Recht, ich bin schuld."

Er merkte zwar, dass ihn jemand in den Arm nahm, aber er tat das als Einbildung ab. Denn immerhin war er eingesperrt, da konnte doch keiner in die Hütte kommen. Das von vorhin zählte ja nicht, denn immerhin war er es selbst gewesen, mit dem er geredet hatte.

*

"Woran bist du Schuld mein Eisbär? Woran bitte? An der Sabotage? Nein, das war Michel. Er hat alles zugegeben und dich auch hierher entführt", erzählte Niklas und merkte wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Was hatte Michel nur mit Tobi angestellt?

*

"Nein, ich war es", beharrte Tobias und schüttelte seinen Kopf.

"Das hat mir mein Gewissen gesagt. Ich war es und ich hab auch den Brief an Niklas geschrieben. Er ist nur grad nicht da, er ist in meinem Kopf. Aber ich weiß nicht, wie ich ihn da herausholen soll. Er sieht aus wie ich nur dass er keinen Ring hat und nicht mit Niki zusammen ist", erklärte der 23-Jährige fest von seinen Worten überzeugt.

*

"Oh Gott... Michel hat dich ja völlig verwirrt..,.", flüsterte Niklas entsetzt und handelte dann kurzentschlossen, brachte Tobis Gesicht zu seinem nach oben und küsste ihn dann langsam und voller Liebe.

*

Tobi ließ es geschehen, erwiderte sogar den Kuss, weil ihm diese Lippen so bekannt vorkamen - so lange vermisst.

Erst als die Luft knapp wurde, löste sich der Braunhaarige von Niklas und leckte sich über die Lippen.

"Schmeckt nach Niklas, aber der wird mich doch nie finden. Ich hab doch den Brief geschrieben", grübelte Tobias und versank im nächsten Augenblick in blauen Tiefen.

So ein Blau gab es nur einmal. Aber das konnte doch nicht möglich sein. Er würde sein Engelchen doch nie wieder sehen, weil der ihn hasste, für das was er geschrieben hatte.

Unsicher das er sich das doch nur alles einbildete murmelte er ein: "Engelchen?"

*

"Gott JA!", rief Niklas und umarmte Tobi fest, presste ihn an sich. "Ich bin es! Du hast keinen Brief geschrieben! Das war Michel. Ich dachte zuerst du hättest es, doch ich bin zu deinen Eltern geflogen, um dich zurückzuholen und sie sagten, es wäre nicht deine Handschrift!"

*

"Keinen Brief? Nicht meine Handschrift?", meinte Tobias verwirrt und ließ die Umarmung über sich ergehen. Sie füllte sich so gut an.

"Michel? Aber warum? Ich verstehe nicht. Wie hast du mich gefunden?" Tobi hatte so viele Frage die er nicht verstand.

Aber im Augenblick klammerte er sich viel lieber an seinen Freund. "Ich dachte, ich seh dich nie wieder. Ich dachte, ich müsste hier alleine sterben", kam es leise von ihm, schon wieder liefen Tränen.

*

"Nein musst du nicht. Wenn deine Zeit gekommen ist und du sterben musst - später, wenn du sehr sehr alt bist- werde ich an deiner Seite sein. Doch jetzt ist es noch lange nicht so weit!

Michel hat dir all die Streiche gespielt und dich hierher gebracht. Er hat sich als dich ausgegeben und die Elfen gegen dich aufgebracht. Er war das alles und als ich es endlich erkannte habe ich sofort herausbekommen wo du bist und bin gleich hierhergekommen."

*

Vorsichtig löste sich Tobi ein Stück von seinem Freund, blickte in blaue Augen. "Versprochen? Du verlässt mich nicht noch mal? Egal ob freiwillig oder nicht. Noch mal überleb ich das nämlich nicht", meinte der Braunhaarige und als Niklas nickte, küsste er ihn in Grund und Boden, so froh war er.

Nach einer Weile löste er sich aber wieder von seinem Engelchen. "Niki... können wir bitte gehen? Ich will nicht mehr hier sein. Ich hab dich jetzt zwar hier, aber ich mag den Ort immer noch nicht. Ich hab irgendwie Angst, dass sich das alles als Traum herausstellt und du wieder weg bist."

*

"Nein ich bleibe da, bei dir. Doch wir können gerne gehen, diesen schrecklichen Ort verlassen. Ich hab dir saubere Sachen mitgebracht und vielleicht magst du zu Hause ein Bad mit mir nehmen, um das alles zu vergessen. Um Michel kümmern wir uns dann später...", versicherte Niklas und drückte Tobi den Rucksack in die Hand, den er vorhin mit in die Hütte gebracht hatte.

*

Das mit den sauberen Sachen hörte sich fantastisch an und so riss sich Tobias die Kleidung beinahe vom Leib, weil es ihm einfach nicht schnell genug ging, aus diesen Sachen heraus zu kommen.

Erleichtert atmete er auf, als er sich den sauberen Pullover überzog.

"Gegen ein Bad hab ich nichts und schon gar nicht, wenn du mit dabei bist. Das wollte ich schon mal machen, als ich das erste Mal in euer Bad kam.

Und Michel hat ganz viel Zeit. Ich will ihn zumindest heute nicht mehr sehen. Dann sehen wir weiter.

Aber verzeihen werde ich ihm wohl nicht können", erklärte Tobi gleich mal. Die Fronten mussten geklärt sein, bevor sie noch versuchten, ihn mit Michel in ein Zimmer zu stecken.

*

Niklas lächelte sanft und schüttelte den Kopf. "Du wirst ihn heute gewiss nicht mehr sehen, und das mit dem verzeihen ist deine Sache. Momentan kann auch ich ihm noch nicht verzeihen. Wir werden sehen wie es nach einem kleinen Gespräch aussieht. Doch jetzt wollen wir rasch nach Hause und nur noch füreinander da sein!", hauchte der blonde Lockenkopf und ergriff Tobis Hand, zog ihn dann nach draußen zum Schlitten und wickelte ihn dort in warme Decken, bevor er sich selbst in den Schlitten setzte und den Weg nach Hause einschlug.

*

Tobias war froh, dass es seinem Engelchen auch so ging und er Michel erst einmal nicht sehen wollte. Gut, er war Niklas Bruder, aber das gab ihm noch immer nicht das Recht, solche gemeinen Sachen zu machen.

Die Zeit die sie flogen verging für Tobias dieses Mal so schnell wie nie. Aber das lag auch an Niklas, den er endlich wieder hatte und an den er sie den ganzen Flug über schmiegte, ihn nicht mehr los ließ. Natürlich nur so, dass es nicht beim Fliegen störte.


Als sie bei Niki zuhause ankamen, sagten sie nur schnell Santa Bescheid, damit er sich nicht noch mehr Sorgen machte und verschwanden dann nach oben, ins Bad.

Während Tobias das warme Wasser in die Badewanne laufen ließ, befreite er sich von seiner Kleidung. Ein schönes entspanntes Bad mit seinem Freund würde ihm jetzt sicher gut tun, das alles zu vergessen.

*

Niklas schloss die Badtür ab und zog sich dann selbst aus. Nackt ging er dann langsam zur Wanne, testete die Temperatur des Wassers und schüttete noch wohlriechende Badelotion hinzu, bevor er in die Wanne stieg und Tobi auffordernd ansah. "Komm mein Schatz!"

*

Der ließ sich das nicht zweimal sagen und stieg ebenfalls in die Badewanne, kuschelte sich sofort an Niklas Brust. Zu schön war es den geliebten Menschen wieder an sich zu spüren.

"Ich hab dich so vermisst", murmelte der Spielzeugmacher mit geschlossenen Augen und versuchte, Niklas mit all seinen übrigen Sinnen in sich aufzunehmen.

Viel zu lange hatte er auf ihn verzichten müssen, jetzt musste Tobias alles wieder aufholen.

*

"Ich hab dich auch vermisst. Und mir schreckliche Sorgen gemacht. Aber jetzt passe ich besser auf dich auf!", versprach Niklas und hob ihre Hände, betrachte die Ringe an ihren Fingern. "Wir gehören zusammen. Für immer!"

Eine Weile war er still, doch dann siegte seine Neugier. "Was ist in der Hütte passiert Tobi?"

*

Der Jüngere genoss die Stille und Niklas Nähe, rieb in regelmäßigen Abstanden seine Wange an der starken Brust.

"Ich... ich bin aufgewacht und hab erst mal etwas gesucht, damit ich Licht habe. Dann hab ich an der Tür gerüttelt, aber sie wollte nicht aufgehen.

Ich hab mich dann unter der Decke verkrochen, weil es doch kalt war. Da war Essen und ich hatte so einen Hunger, also hab ich was gegessen. Dann bin ich eingeschlafen und erst wieder wach geworden, als Michel rein gekommen ist.

Gut, er sah nicht aus wie Michel, sondern wie ich und hat erzählt er sei mein Gewissen und ich wäre es gewesen, der die Maschinen sabotiert hat. Und als er dann sagte, dass du nicht kommen würdest, weil er einen Brief geschrieben hat als ich geschlafen habe, da hab ich ihm geglaubt und bin weinend auf dem Bett zusammen gebrochen. Ich bin dann eingeschlafen.

Ich hab wirklich angefangen zu glauben, dass ich das war und das ich nur verrückt geworden bin", murmelte er zum Schluss leise.

Tobias erinnerte sich nicht gerne daran, aber bisher hatte er alles Niklas erzählt. Da sollte er das auch erfahren.

*

"Wow, er hat dich glauben lassen wollen du seist schizophren? Wieso das? Das verstehe ich nun gar nicht!", murmelte Niklas und schloss die Augen. Und so was war sein Bruder! Aber er würde erfahren warum der Jüngere das getan hatte!

*
"Ich weiß es auch nicht. Ich mein, ich kenn deinen Bruder gerade mal seit ein paar Tagen. Ich versteh ihn überhaupt nicht", antwortet Tobias und schlang dann seine Arme um den Blonden.

Nicht das er ihm noch einfach so verschwand, sich wieder in Luft auflöste und Tobias das Ganze nur geträumt hatte.

Nach einer Weile wurde er immer müder - die Entführung und das Auftreten von Michel der ausgesehen hatte wie er - hatte ganz schön an seiner Substanz gezehrt. Gut, er hatte in der Hütte geschlafen, aber da war irgendwie auch immer die Angst gewesen, dass er seinen Freund nicht wieder sah und beim zweiten Mal hatte er ja auch die Alpträume.

"Engelchen, ich bin müde. Können wir schlafen gehen? Ich mag mich in deine starken Arme kuscheln und alles um mich herum vergessen", bat er träge.

*

"Klar können wir das. Dann sollten wir aber rasch raus aus der Wanne, denn ich möchte nicht, dass du mir hier wegschläfst", lächelte Niklas und küsste Tobi auf der Stirn bevor er sich aufsetzte und aus der Wanne stieg, sich ein Handtuch griff und es für Tobias aufhielt.

*

Ob der Sorge die er in Niklas Stimme hören konnte, lächelte Tobias milde. Es tat einfach gut, so umsorgt zu werden.

Deswegen genoss er es auch, als der Ältere ihn in ein Handtuch wickelte und dann begann, ihn abzutrocknen. "Es war schön mit dir zu baden. Das können wir ruhig öfters machen", sprach Tobi und musste ein Gähnen unterdrücken. Nachdem die ganze Angst und Anspannung weg war, wurde er immer schläfriger.

Wenn das so weiter ging, musste ihn Niklas noch ins Bett tragen.

*

Dieser erkannte, dass Tobi nicht mehr lange durchhalten würde und wickelte sich kurzerhand ein Handtuch um die Hüfte und den Dunkelhaarigen vollkommen in ein Handtuch, nahm ihn dann auf die Arme und trug ihn rüber ins Zimmer.

Dort angekommen streifte er Tobias sanft einen warmen Schlafanzug über und schob ihn dann unter die Decke. "Ich räume schnell noch das Bad auf und kuschel mich dann zu dir. Schlaf du schon mal!"

*

Tobias war überrascht, dass Niki ihn so einfach auf seine Arme nahm. Hellsehen konnte der doch bestimmt nicht. Aber der 23-Jährige war schon zu müde, um sich dagegen zu wehren und ganz ehrlich - er wollte das auch gar nicht.

Er schlief schon beinahe, als Niklas ihn in den Schlafanzug steckte und dann unter die Decke. Er konnte sich gerade noch das Kissen von seinem Engelchen greifen und es an seine Brust drücken, da war er auch schon eingeschlafen, bemerkte nicht mehr, wie Niklas sich wenig später an ihn kuschelte.



Braune Blätter [Chaotizitaet]

18 – Josh



Die Laboruntersuchungen hatten zwar ergeben, dass nur in der Erde der Paradiesbäume diese besondere Legierung zu finden war und somit einen Fremdkörper in der hiesigen Erde darstellte, aber wirklich weiter half uns das nicht. Wir wussten nicht, ob die Bäume vielleicht aufgrund ihrer Natur bei der Aufnahme normaler Erde ein wenig dieser Quasikristalle ausschieden, oder ob es sich bei dem Fund um einen ersten Hinweis auf das, was die Blätter dazu brachte, sich braun zu färben, handelte. Und selbst im letzteren Fall hätten wir nichts mit dieser Erkenntnis anzufangen gewusst, wäre dann doch nach wie vor ungeklärt, woher die Legierung stammte und wie sie an die Wurzeln der Bäume kam.

Mit dergestalt gebundenen Händen, mussten wir zusehen, wie die Zahl der Gestrandeten geradezu exponentiell anstieg. Bis eines Tages Conrad unter den braunen Blättern war.

Er war das einzige braune Blatt, das bislang von alleine den Weg ins Twice gefunden hatte, aber das lag daran, dass er einfach alten Gewohnheiten gefolgt war. Ich hatte seine Anwesenheit zuerst gar nicht bemerkt, hatte er sich doch still an seinen – nach Joshuas Beschreibung – üblichen Tisch gesetzt und gewartet. Es war wohl reiner Zufall, dass niemand anderer auf dem Stuhl hatte Platz nehmen wollen, bis Cal zum Mittag vorbeikam, um den Schlüssel für das Theater abzuholen, und ihn entdeckte.

„Josh, du weißt, dass du ein braunes Blatt an Tisch Sieben sitzen hast?“, fragte er und sah mich forschend an.

Ich blinzelte irritiert und schüttelte dann den Kopf. „An Tisch Sieben? Der Tisch ist momentan leer... Vorhin saß da ein junges Pärchen...“

„Dann saß er entweder vorhin noch nicht da, oder aber du hattest verdammt großes Glück, dass dein Pärchen nicht kreischend aufgesprungen ist und dir das Mittagsgeschäft versaut hat.“ Damit ging Cal zu dem Tisch hinüber und setzte sich neben das braune Blatt, dessen Position ich nur deswegen ausmachen konnte, weil sich Cal zu ihm hinüberbeugte.

„Guten Tag, Sir.“

„Seit wann so förmlich, Caleb. Wir kennen uns seit Jahren. Auch wenn Joshua mich heute zu ignorieren scheint...“, sagte der alte Mann mit deutlicher Irritation in der Stimme.

Nun, wo er sprach, konnte ich ihn zumindest akustisch wahrnehmen.

„Sir, verzeihen Sie, aber kann es sein, dass heute noch mehr Menschen Sie ignoriert haben? Dass Sie selbst sich etwas merkwürdig fühlen?“, fragte Cal vorsichtig, höflich.

Der Mann schien ihn eine Weile stumm anzublicken, dann sagte er leise: „Bin ich tot?“

Ich grinste. Gerade ältere Menschen, die sich hierher verirrten, neigten zu dieser Annahme.

„Nein, Sie sind nicht tot“, erwiderte Cal. „So schön ich Sheffield manchmal finde, so hoffe ich doch sehr, dass der Himmel, das Paradies oder wo immer meine Seele nach meinem Ableben hinkommt, nicht soo aussieht.“

Der alte Mann lachte leise. „Gute Antwort. Wo aber bin ich dann, wenn ich nicht tot bin?“

„Sie haben sich einfach nur verirrt. Genauer, Ihre Seele hat sich in eine Parallelebene verirrt. In der es zufällig auch ein Twice gibt, weshalb Ihnen der Unterschied nicht aufgefallen ist. Denn ich gehe mal davon aus, dass Sie in Ihrem Twice ein Stammgast sind.“

Der Mann schien zu nicken, denn unwillkürlich wiederholte Cal dessen Kopfbewegung.

„Nun, wie das mit Parallelebenen ist, gibt es da manche Dinge quasi doppelt. So auch Josh und mich. Aber auf unsere Art sind wir gänzlich verschieden von dem Joshua und dem Caleb, den Sie kennen. Zum Beispiel bin ich nicht mit Josh zusammen. Und meines Wissens nach sind Joshuas Eltern immer noch glücklich miteinander verheiratet. Joshs Eltern hingegen sind schon seit Jahren geschieden.“

„Eine Parallel-Ebene?“ Unglaube spiegelte sich in der Stimme des Mannes wieder, aber auch Begreifen.

Ich kam zu ihnen hinüber. Es war offensichtlich, dass es Cal nicht so leicht fiel den Mann zu überzeugen und ich hatte langsam eine Ahnung wer dieser Mann sein konnte. Es lag an der Art wie er sprach, wie er sich ausdrückte. „Entschuldigen Sie“, mischte ich mich ein, „sind Sie vielleicht Conrad?“ Wenn ja, dann hatte ich eine Idee, wie wir ihn vielleicht überzeugen konnten.

Cal blickte überrascht auf, er hatte mich nicht kommen sehen. Ob Conrad es ihm gleich tat, wusste ich nicht, aber er schien zu reagieren. Leider konnte ich seine Reaktion nicht ausmachen, und ließ es ihn wissen. „Ich müsste Sie bitten, Ihre Antworten laut zu formulieren. Ich kann Sie zwar hören, aber nicht sehen. Nur Cal kann Sie sehen“, erklärte ich ihm.

Einen kurzen Moment herrschte Schweigen, dann hörte ich: „Ja, ich bin Conrad. Aber wenn Sie nicht Joshua sind, woher kennen Sie dann meinen Namen?“

Ich setzte mich auf den letzten freien Stuhl an dem Tisch. „Ich kenne Joshua. Wir reden jeden Tag miteinander und er hat mir von Ihnen erzählt. Auch davon, dass Sie nicht nur Geschichtenerzähler, sondern auch ein ernsthafter Autor sind.“

Cal hatte sich mittlerweile zurückgelehnt, um zu sehen, was ich vorhatte.

„Als Autor und Geschichtenerzähler haben Sie doch sicherlich sehr viel gelesen. Verschiedene Richtungen, verschiedene Autoren, verschiedene Epochen.“

Conrad bejahte.

„Darunter waren sicher auch Geschichten, bei denen Sie insgeheim wünschten, bestimmte Elemente wären wahr, und zugleich wussten, dass wenn diese Elemente existierten, sie zu fantastisch wären um wirklich wahr zu sein, oder?“

Wieder bejahte Conrad.

„Was wäre, wenn ich Ihnen sagte, dass Sie selbst gerade etwas erleben, das so fantastisch ist, dass niemand Ihnen glauben würde, wenn Sie die Geschichte aufschrieben und sie einem Verlag als Memoiren anbieten würden?“ Und ich begann Conrad die ganze Geschichte zu erzählen. Angefangen davon, dass Cal und ich an unserem fünften Geburtstag von dem Baum in unsere Aufgabe eingeweiht worden waren, von den Ebenen, wie wir Joshua und Caleb kennen gelernt hatten, Cassandra und Edgar, und von den momentanen Problemen.

Conrad hörte aufmerksam zu, und auch wenn Cal zuerst aussah als würde er mich unterbrechen wollen, ließ er mich ausreden.

Als ich mit der Erzählung geendet hatte, wandte ich mich ihm kurz zu, um Conrad ein paar Augenblicke zu gönnen, das gehörte zu verarbeiten. „Conrad ist für Joshua das, was für mich Catherine ist“, erklärte ich Cal leise. „Wenn also irgendwas in der Umgebung des Baumes faul ist – und das Twice liegt nun mal in unmittelbarer Umgebung – könnte es ihm aufgefallen sein. Außerdem wird er es nur dann zu einem Fantasy-Roman verarbeiten, wenn er sich sicher ist, damit einen ähnlichen Klassiker zu schaffen, wie Tolkien mit dem ‚Herrn der Ringe’.“

„Er ist also der ultimative Stammgast?“, wisperte Cal zurück.

Ich nickte. „Und Autor, der einen Klassiker à la Melville, Tolstoi und Co schreiben will. Solche Leute neigen dazu, ihre Umgebung mit noch mal anderen Augen wahrzunehmen als der übliche Gast. Ihm könnte wirklich etwas aufgefallen sein.“

In diesem Moment mischte sich Conrad wieder in das Gespräch. „Wenn etwas mit diesen Bäumen – handelt es sich zufällig um den toten Baum im Innenhof, den Joshua trotzdem jedes Jahr schmückt? – faul ist, und die Bäume mit euch sprechen können, wieso fragt ihr sie nicht einfach? Oder hindert die Krankheit, oder was auch immer es ist, die Bäume am sprechen?“

Ich grinste. So war das eben mit Autoren. Sie waren schlimmer als Polizisten beim Verhör, versuchten sie doch zugleich den Charakter, die Tat, die Folgen und den Auslöser zu ergründen und nicht bloß den Schuldigen zu finden. „Ja, der Baum im Innenhof ist ein solcher Baum. In meinem Fall der Baum der Sterbenden. Und es ist so: Die Bäume sprechen exakt zwei Mal im Leben zu einem Wächter und dem Scout. Einmal zum fünften Geburtstag und einmal am Tag vor ihrem Tod.“



Ich erinnerte mich noch wie heute an unseren fünften Geburtstag. Wie aufgeregt ich aufgewacht war, weil unsere Eltern uns versprochen hatten, dass Cal und ich zusammen eine große Party würden feiern dürfen. Wo wir doch am gleichen Tag Geburtstag hatten und noch dazu Nachbarn waren. Der Tag selbst verlief an und für sich normal was einen Kindergeburtstag betraf. Mit Geschenken, Kuchen, Freunden, Spielen im Garten und Würstchen zum Abendessen. Am Ende zu müde, um noch länger die Augen offen zu halten, aber zugleich zu aufgekratzt, um schon schlafen zu wollen. Natürlich war ich eingeschlafen, kaum dass mein Kopf das Kissen berührt hatte. Mitten in der Nacht aber wurde ich plötzlich wach. Im Haus war alles ruhig, also war es kein Geräusch gewesen, das mich geweckt hatte. Und doch war da dieses unbestimmte Gefühl, aufstehen zu müssen. Ein Drang, dem ich nicht widerstehen konnte. Ich wusste, dass meine Mutter einen recht leichten Schlaf hatte und gewiss wach würde, kaum dass ich einen Fuß aus meinem Zimmer gesetzt hätte. Doch wie durch ein Wunder gelang es mir, nicht nur unbemerkt mein Zimmer zu verlassen, sondern auch die Treppe hinunter und hinaus in den Garten zu schleichen.

Zu meinem Erstaunen war ich nicht allein. Aus dem Nachbargarten kam gerade Cal hinüber. Wir brauchten nichts zu sagen. Es genügte Blicke zu tauschen, um zu wissen, dass wir beide von dem gleichen Gefühl geleitet wurden. Ein Gefühl, das uns nun in den hinteren Teil des Gartens lockte, wo wir mit einem Mal einen Baum sahen, der uns noch nie aufgefallen war. Dabei war das so gut wie unmöglich, war der Baum doch unglaublich hoch, mit vielen Ästen und noch mehr Blättern. Es war der einzige Tag gewesen, an dem auch Cal die Blätter hatte sehen können.

Und dann hatte der Baum zu uns gesprochen. Eher, er hatte uns dazu angehalten, unsere Hände auf seinen Stamm zu legen und er hatte uns so unsere Aufgabe gezeigt. Die Ebenen erklärt, die braunen Blätter und wie wir sie erkennen konnten. Die Engelszeichen und das Ritual. Die Spiegelkommunikation. Zuletzt hatte er uns die Botschaft der vorangegangenen Scouts und Wächter zukommen lassen. Denn das war es, weshalb der Baum ein zweites Mal mit einem sprach: Damit man seinem Nachfolger Ratschläge und andere wichtige Dinge mit auf den Weg geben konnte.

Der Baum wusste genau, wie lange ein Mensch lebte. Und im Falle von Wächter und Scout wusste er es fünf Jahre im Voraus. Der Zeitpunkt, an dem die neuen gläsernen Blätter zu keimen begannen. Und wenn die Zeit reif war, verspürte man wohl wieder diesen Drang. Zumindest stellte ich es mir so vor. Zugleich aber glaubte ich nach wie vor, dass jeder Mensch sein Schicksal selbst in der Hand hatte. Dass, wenn sich Wächter und Scouts beider Ebenen einig waren, sie selbst bestimmen konnten, wann sie starben. Dass sie in diesem Wissen die Kommunikation mit dem Baum wieder aufleben lassen konnten. Es wäre vermutlich eine Möglichkeit, herauszufinden, was mit den Bäumen los war. Aber ehrlich gesagt, sah ich darin allenfalls einen allerletzten Ausweg, eine Lösung, wenn alles andere versagt hatte. Denn, so meine weiteren Überlegungen, wenn wir von den Bäumen erfuhren, was los war und uns die Erlangung dieses Wissens das Leben kostete, wir also nur unseren Nachfolgern unser Wissen hinterlassen konnten, nicht aber die bedrohliche Situation selbst beseitigen konnten, verdammten wir, bei einem selbstgewählten, zu frühen Tod, die Welt vielleicht zu einem fünfjährigen Stillstand. Nämlich in dem Fall, dass noch keine neuen, gläsernen Blätter gekeimt waren und unsere Nachfolger erst am Tag unseres Todes geboren wurden. Keine verlockende Vorstellung, abgesehen von der Tatsache, dass keiner von uns daran dachte, so schnell aufzugeben oder gar sterben zu wollen.



Das sah natürlich auch Conrad ein und verfolgte diesen Gedankengang nicht weiter.

„Conrad, normalerweise haben wir die braunen Blätter im Crucible Theatre untergebracht, einfach weil es langsam so viele werden, dass die Gäste sonst aufmerksam würden...“, fing ich an.

„Und wir sind schlecht fürs Geschäft?“, fragte dieser mit hörbar hochgezogener Augenbraue.

„Nur, wenn nicht gerade Halloween ist. An Halloween wärt ihr sogar umsatzfördernd.“ Ich lachte bei dem Gedanken, damit Werbung zu machen, dass wir im Twice das perfekte Zombie-Feeling bieten könnten. Zur Adventszeit aber war den Leuten mehr nach Engeln, sanft rieselndem Schnee und Ruhe. Also keine Stimmung, die durch die braunen Blätter hervorgerufen werden konnte. „Allerdings“, fuhr ich jetzt fort, „würde ich es vorziehen, wenn Sie hier im Twice bleiben könnten. Das hieße zwar, dass Sie nicht mit den anderen braunen Blättern zusammen sein könnten und ich Sie zudem bitten müsste, aufzupassen, keinen der normalen Gäste zu berühren, aber Sie würden mir damit sehr helfen. Denn vielleicht fällt Ihnen hier etwas auf, das wir noch nicht bemerkt haben.“

„Mit anderen Worten: Sie brauchen meine Hilfe?“

Ich nickte.

„Was machen denn die anderen braunen Blätter so den ganzen Tag?“, fragte Conrad neugierig.

Es war Cal, der antwortete. „Ein paar helfen uns bei der Suche nach den neuen braunen Blättern. Die meisten anderen aber unterhalten sich nur, warten und erkunden vielleicht das Theater.“

„Mit anderen Worten, sie tun nichts!“ Es war Conrad anzuhören, wie wenig er davon hielt, untätig herumzulungern und darauf zu warten, bei der Lotterie einen Ritualplatz zu ziehen.

„So könnte man es ausdrücken“, meinte Cal.

„Wenn Sie bereit wären, uns zu helfen, würde das aber auch bedeuten, dass Sie einwilligten, erst dann per Ritual heimzukehren, wenn die Sache überstanden ist“, warnte ich.

Conrad schnaubte. „So wie ich das sehe, wären meine Chancen in der Lotterie sowieso eher gering und würden mit jedem Tag weiter schwinden. Da verzichte ich doch lieber freiwillig und tue stattdessen etwas Nützliches. Wenn Sie dafür bereit wären, Joshua zu informieren, damit er dafür sorgt, dass mein Körper entsprechende Versorgung erhält und auf mich wartet, wenn ich zurückkehre...“

Ich grinste. „Das ist doch Ehrensache. Zumal Sie der erste sind, bei dem wir das Privileg haben, selbst dafür sorgen zu können, dass es Ihrem Körper an nichts mangelt!“ Ich wusste, wie viel Sorge Joshua und Caleb wegen der gestrandeten Sekten-Kinder gehabt hatten, die sie erst nach bangen Tagen des Wartens endlich hatten zurückschicken können.

Plötzlich straffte sich Cal neben mir, und als Conrad dann aufgeregt zu sprechen begann, wusste ich, dass Cals Reaktion die des braunen Blattes einmal mehr unbewusst imitiert hatte. „Da!“ Offenbar zeigte Conrad auf jemanden im Gastraum. „Der Typ da! Den hab ich schon mal hier gesehen.“

Im ersten Moment war ich irritiert ob dieser Aussage. Wen sollte Conrad hier schon mal gesehen haben, wo er doch heute erst hier angekommen war? Doch dann dämmerte es mir. Conrad meinte mit ‚hier’ das andere Twice. Eine düstere Vermutung drängte sich mir auf. „Cal, sag mir, dass er nicht auf Neil zeigt.“ Selbiger hatte nämlich gerade die Bar betreten.

„Doch“, nickte Cal ein wenig beklommen. „Woher...?“ Fragend sah er mich an.

„Ich hatte es für ein Missverständnis gehalten, gedacht, ich hätte ihn vielleicht im Trubel übersehen, als er tags darauf meinte, er wäre am Vortag wie verabredet hier gewesen. Aber gleichzeitig hat er auch Dinge beschrieben, die nach Joshua und Caleb und nicht nach dir und mir klangen. Ich hab es damals erst mal auf sich beruhen lassen, später aber mit Cassandra darüber gesprochen.“ Ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme ganz niedergeschlagen klang. Denn alles, was momentan von der Norm abwich, konnte irgendwie nichts Gutes verheißen.

„Und was hat Cassandra gesagt?“

„Dass es im Grunde nur eine Möglichkeit gibt, wie er in beiden Twice sein kann: wenn er unsterblich wäre. Denn für Unsterbliche gibt es keinen Unterschied zwischen Lebenden und Sterbenden. Weshalb ja Edgar und Cassandra für beide Ebenen per Spiegel erreichbar sind. Ihre Spiegelexistenz ist auch eine Art Unsterblichkeit.“

Cal nickte. Soweit machte es für ihn Sinn. Aber wie konnte es sein, dass Neil unsterblich war? Er sah nicht aus wie ein Geist oder ein unsterblicher Alien oder sonst eine übernatürliche Gestalt. Er sah aus wie ein normaler Mensch.

„Vielleicht sollten Sie Inspektor Jones bitten, einmal unauffällig Nachforschungen über diesen Neil zu anzustellen?“, schlug Conrad vor.

„Inspektor Jones?“, fragte ich ein wenig irritiert.

„Ach ja, ich habe schon wieder vergessen, dass ich im falschen Twice bin. Joshua hat gute Kontakte zu einem Inspektor Jones, der auch häufiger nach Dienstschluss in der Bar vorbeischaut. Vielleicht könnten Sie dann also Joshua bitten, das in die Wege zu leiten...“, erklärte Conrad.

Cal und ich nickten. So schmerzhaft es auch war, Neil zu verdächtigen, war eine Überprüfung durch die Polizei gar keine so üble Idee.

„Vielleicht könnten wir auch ein paar von den braunen Blättern bitten, ein Auge auf Neil zu haben“, schlug ich schließlich zögernd vor. Mir war zwar bei dem Gedanken, Neil, den ich mittlerweile als einen Freund betrachtete, zusätzlich derart beschatten zu lassen, nicht wohl, aber in unserer Situation konnten wir es uns nicht leisten, irgendeine Unregelmäßigkeit nicht zu untersuchen. Und Neil stellte wohl eindeutig eine Unregelmäßigkeit dar. Ihn darauf ansprechen, was eigentlich die logischste und wohl Neil gegenüber die fairste Vorgehensweise wäre, konnte ich aber nicht, solange ich nicht wusste, wie viel ich ihm meinerseits offenbaren konnte. Denn wie sollte ich ihm seine mit Sicherheit auftauchenden Fragen plausibel erklären, wenn ich ihm nichts von der Ebene der Sterbenden und der Ebene der Lebenden erzählen konnte?



Das Warten war das Schlimmste an der ganzen Sache. Erst hatten wir auf die Laborergebnisse gewartet. Dann das Warten darauf, ob Joshuas Polizist irgendetwas über Neil herausfand, wobei ich hoffte, dass nur das übliche wie Anschrift, Beschäftigung und ein leeres Vorstrafenregister zu Tage kamen. Zumindest in diesem Punkte wurde meiner Hoffnung stattgegeben, aber wirklich weiter brachte uns das nicht. Denn so eine Polizeiüberprüfung erklärte nicht, weshalb Neil offenbar unsterblich war.

Nun, da wir wussten, dass Neil in beiden Twice auftauchen konnten, hatte ich Joshua gebeten, darauf zu achten, wann Neil versehentlich bei ihm aufschlug. Denn vielleicht gab uns das weitere Hinweise auf das Rätsel, das sich uns in ihm stellte. Ich war sogar soweit gegangen, ihn zu bitten, auch auf seiner Seite ein paar braune Blätter auf Neil anzusetzen.

Und während der ganzen Zeit durfte ich Neil nicht merken lassen, dass sich etwas in unserer Beziehung – so man denn von unserer Bekanntschaft als Beziehung sprechen konnte – geändert hatte. Es war aber auch wie verhext. Wenn ich mit Neil zusammen war, fühlte ich mich vollkommen entspannt, sicher, locker wie noch nie, lebenslustig, bereit für alle Schandtaten. Diesbezüglich war er genau das, was der Arzt mir als Entziehungskur von meiner Cal-Sucht empfohlen hätte, hätte ich einen Arzt hierzu konsultiert, und noch besser. Diesbezüglich war ich wirklich versucht, mich ernsthaft mit Neil einzulassen. Doch wenn ich mich dann wieder von ihm verabschiedet hatte, brach die Realität mit all ihren unschönen Vermutungen und nervigen Beweisen auf mich ein.

Selbstzermarterung gehörte in jenen Tagen zu meinen liebsten Beschäftigungen und verliehen meinem Zusammensein mit Neil eine gewisse verzweifelte Würze. Wer wusste schon, wie lange es mir noch vergönnt wäre, so mit ihm zusammen zu sein? Wer wusste schon, was Neil seinerseits vielleicht für ein Spiel mit mir spielte? Wer wusste schon, wann die Welt stehen blieb.

Dummerweise war Neil obendrein auch noch die einzige Ungereimtheit, der wir momentan mehr oder weniger aktiv nachgehen konnten. Denn bezüglich der Legierung konnten wir ja schlecht die Paradiesbäume ausgraben und nachsehen, wie es um die Wurzeln bestellt war. Nicht nur, dass die Bäume zu groß waren, um ohne schweres Gerät dort etwas ausrichten zu können; zum anderen durften und wollten wir sie ja auch nicht verletzen.



Ein Tag nach dem anderen verstrich und Weihnachten rückte immer näher. Zumindest für den Rest der Welt. Für uns, die wir direkt mit den braunen Blättern befasst waren, hätte es genauso gut Januar oder November sein können. Eben ein trostloser Wintermonat mit durchwachsenem Wetter, durchwachsener Laune und früher Dunkelheit am Abend. Lydia musste mich sogar in der letzten Woche daran erinnern, dass es langsam Zeit wurde, den obligatorischen Weihnachtsbaum im Twice aufzustellen. Zum Glück hatte ich bereits im Sommer in einem Tannenbaumfeld ein entsprechendes Exemplar für die Bar reserviert, so dass dieser nun nur noch frisch geschlagen abgeholt werden musste. Doch während ich in den vergangenen Jahren den Akt des Schmückens regelrecht zelebriert hatte, ließ ich dieses Jahr meinen Angestellten freie Hand. Erstaunlicherweise sah der Baum hinterher sogar richtig gut aus, auch wenn ich sonst immer felsenfest davon überzeugt gewesen war, dass niemand außer mir in der Lage wäre, den Baum mit der gebührenden Sorgfalt in dieses weihnachtliche Kunstwerk zu verwandeln. Von diesem Erfolg überrascht, überließ ich es dann auch gleich Heather, Lydia und Jenny die Weihnachtsfeier für den Heiligabend zu organisieren. Gut, viele Dinge waren schon seit Wochen geplant, aber es gab immer noch jede Menge Kleinigkeiten, die bedacht werden wollten und für die ich im Moment wirklich keinen Draht hatte. Ich hatte ja noch nicht einmal Draht Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Also zumindest diejenigen, die ich nicht schon seit September organisiert hatte und die oben in meiner Wohnung darauf warteten, in hübsches Papier geschlagen zu werden. Aber es ließen sich eben nicht alle Geschenke wie Bücher oder ähnliches schon weit im Voraus kaufen. Schließlich liebte ich es für gewöhnlich, meine Lieben noch mit einer weihnachtlichen Kleinigkeit zu überraschen, die ich bei einem der zahllosen Streifzüge durch die Einkaufszentren und über den Weihnachtsmarkt sonst unweigerlich fand. Auch die Kleinigkeiten für liebe Stammgäste besorgte ich meist erst im Dezember.

Wenn ich ehrlich zu mir war, dann rührte meine Shopping-Unlust weniger daher, dass es mir an Zeit gemangelt hätte – die Vormittage oder frühen Nachmittage waren nach wie vor ruhig genug, um mir ein paar derartig gestaltete Stunden zu erlauben –, sondern mehr daran, dass ich die Entscheidung, ob ich Neil auch ein Geschenk besorgen sollte oder nicht, vor mir herschob. Wäre es nicht Neil gewesen, oder wäre Neil nicht Neil gewesen, der Mann, den wir von einer kleinen Armee brauner Blätter observieren ließen, dann hätte ich ihm ohne zu Zögern eine kleine Aufmerksamkeit besorgt. Egal, ob es bei dem Flirt blieb oder ob daraus mehr wurde. Und die Signale, die ich von ihm aufzufangen glaubte, deuteten zumindest darauf hin, dass er durchaus daran interessiert war, den Flirt zu einer Beziehung wachsen zu lassen. So aber...

Einmal mehr seufzte ich, als ich auf den blankpolierten Tresen starrte.



18. Dezember [Laila]
Zwei Engel gehen einkaufen
Castiel und Elisaar

Seit geraumer Zeit fragte sich Castiel was er hier eigentlich tat. Er war ein Engel des Herrn und sollte sich um Dean kümmern, aber nun stand er zusammen mit Elisaar in einem Sachenladen.
So recht wusste der Engel nicht was er hier sollte. Diese Welt war ihm einfach zu fremd.
Aber er konnte Elisaar auch keinen Wunsch abschlagen.
Für Castiel war Liebe nur ein Wort gewesen. Nichts weiter als ein Gefühl was den Menschen vorbehalten war, bis Elisaar kam.
Dieser war ebenfalls ein Engel, aber noch jung und unerfahren. Recht schnell hatten beide ihre Zuneigung zueinander erkannt.
Auch wenn es verboten war, teilten sie mehr als das Bett miteinander.
Castiel seufzte leise, als er Elisaar nachsah. Der junge Mann hatte bereits zwei Hosen auf dem Arm und suchte nun nach einem passenden Hemd. Sein Freund war ihm dabei keine große Filme. Castiel hatte keinen Sinn für Mode.
„Ich probiere das schnell an und du musst mir dann sagen was dir besser gefällt,“ rief Elisaar und war auch schon verschwunden.
Der Engel konnte nur den Kopf schütteln, blieb aber brav stehen.
Es dauerte auch nicht lange, bis Elisaar aus der Kabine trat. Er sah unglaublich aus.
Unfähig etwas zu sagen, starrte Castiel ihn einfach nur an. Der andere Engel war wunderschön.
Die Hose war eng und saß perfekt, genau wie das Hemd.
„Lecker. Du siehst toll aus. Das möchte ich dir am liebsten wieder vom Leib reisen.“
Das man ihn hörte, störte Castiel nicht. Sollten die Menschen doch denken was sie wollten.
Elisaar grinste breit.
„Findest du? Das ist toll. In diesen Genuss wirst du nachher kommen.“
Damit stahl er sich einen langen Kuss und verschwand wieder um sich umzuziehen.



Spekulatius [Laila]

1 Päckchen Backpulver
500 g Mehl
250 g Zucker
2 Eier
250 g kalte Butter
100 g gemahlene Mandeln
1 Tl Zimt
2 Msp. Nelken, Kardamom, Muskatnusspulver

Alle Zutaten zu einem glatten Teig verkneten und ca. 2 Stunden kalt stellen.
Den Teig auf einer bemehlten Fläche ausrollen und ausstechen.
Bei ca. 150 Grad etwa 15 Minuten backen.
Nach Belieben verzieren.