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Demon Coffee - Teil 25 bis 28

25

„Damit hätte ich nie gerechnet.“ Doc gab die Kette an Kenneth weiter und lachte einmal laut, weil die Spannung von ihm abfiel. „Jetzt können wir schneller weiter, als wir dachten. Wir sollten Sick gleich die Daten schicken, die Mc Namara uns gegeben hat. Dann kriegen wir vielleicht schon morgen einen Flug.“

„Gute Idee", nickte Kenneth und sah sich den Stein in seiner Hand noch einmal an. Er wirkte so unschuldig, funkelte ein bisschen in der Sonne, die durch die Frontscheibe in den Wagen fiel. „Der Flamenwerfer wird echt scheiße drauf sein, wenn wir ihm den zeigen und den Zettel", konnte sich Kenneth nicht verkneifen. So häufig kam es schließlich auch nicht vor, dass man dem Kerl mal offen seine Unzulänglichkeit unter die Nase reiben konnte.

„Da sagst du was. Ist nur zu hoffen, dass er so was sportlich nimmt, denn einen gefrusteten Dämon habe ich nicht gerne in meiner Nähe. Der ist doch so schon unberechenbar genug.“ So verlockend die Vorstellung auch war, so sah Doc auch jede Menge Probleme darin. Er blickte zu Kenneth hinüber und grinste. „Aber so ein klein wenig kann bestimmt nicht schaden.“

„Außerdem musst du dir da sicher weniger Sorgen machen als ich, denn ich bin es, der mit dem Idioten das Bett teilen muss und ich will nicht wissen, wie der drauf ist, wenn er merkt, dass er mal wieder verloren hat", überlegte Kenneth, gab Doc aber den Stein zurück. Die Ware war ihm dann doch etwas zu heiß. Lieber zog er seinen Ring aus der Tasche und steckte ihn sich an, stellte die Schachtel mit dem zweiten Doc auf den Schenkel. Der steckte die Schachtel gleich in die Jackentasche, damit sie nicht herunter fiel.

„Ruf doch gleich mal Blade an, dass er wieder zurückkommen kann. Er muss nicht mehr durch die Gegend schleichen und Pläne schmieden.“ Das war ganz praktisch. Wenn sie gleich alle zusammen waren, konnten sie planen, wie und wohin es weitergehen sollte.

„Mach ich." Kenneth griff sich das Handy und wählte Blades Nummer. Schon hörte er die geflüsterte Stimme des Soldaten in seinem Headset.

„Wir haben, was wir brauchen - kommt zum Ausgangspunkt", fasste sich Kenneth kurz und legte auf. Dann schnallte er sich an, weil Doc den Wagen startete. Morgen waren sie vielleicht schon in Afrika oder in Asien. Die Vorstellung war merkwürdig.

Doc lenkte den Wagen auf die Straße, die direkt an der Küste entlang lief und sah ab und zu aufs Wasser. Das Meer war unruhig und schlug immer wieder gegen die Klippen, kam aber zum Glück nicht ganz nach oben, auch wenn er ab und zu die Scheibenwischer anmachen musste, weil etwas Gischt bis zu ihnen schlug.

„Schon irgendwie beeindruckend", musste Kenneth zugeben und rieb immer wieder mit seinem Daumen über den neuen Ring an seinem Finger. Er fühlte sich noch an wie ein Fremdkörper, doch das änderte sich bald, da war er sich sicher. „Pass auf", murmelte er, als eine Welle plötzlich etwas höher schlug und auf der Straße ein paar Pfützen zurück ließ. Dabei lag das Wasser sicherlich dreißig Meter unter ihnen. Wie viel Kraft dahinter steckte, damit es bis hier herauf schwappte, wollte sich Kenneth nicht vorstellen.

„Mist“, fluchte Doc und wich einer weiteren Welle aus, die die Straße überschwappt hatte. „Was ist denn nur los? Es ist doch gar nicht so viel Wind, um die Wellen so hoch zu türmen.“ Vorsorglich ging er vom Gas, damit er mehr Zeit zum reagieren hatte, wenn wieder eine Welle über die Klippe kam.

Kenneth, dem gerade ein dummer Spruch auf den Lippen lag, hatte keine Zeit mehr, ihn loszuwerden, denn schon im nächsten Moment baute sich eine Wasserwand vor ihnen auf, eine weitere hinter ihnen und schlug über dem Auto zusammen. Doc verlor die Kontrolle über den Wagen, weil das Wasser unter den Rädern die Bodenhaftung wegspülte.

Bildete sich Kenneth das nur ein oder bekam die Wasserwand ein Gesicht?

Und warum schaukelte der Wagen plötzlich so komisch?

Hilflos musste Doc hinnehmen, dass der Wagen auf keine seiner Lenkbewegungen reagierte und die Welle sie immer näher an den Klippenrand drückte. „Scheiße, wir müssen hier raus“, rief er und versuchte seinen Gurt zu lösen, aber so wie der Wagen schaukelte, gelang es ihm nicht. Er hielt sich fest, bis der Wagen zum Stillstand kam und hielt die Luft an. Sie hingen mit der Front über dem Klippenrand und schaukelten hin und her.

„Egal was du jetzt vorhast, Ken, nicht atmen, nicht bewegen und vor allen Dingen nicht nach vorn beugen", flüsterte Doc und schluckte hart. Sein Puls tourte langsam hoch, denn er sah direkt in den Abgrund. Unter sich sah er nur noch das weiß brandende Wasser und die Felsen - er hatte ihr Ende vor Augen.

„Würde mir nicht einfallen", flüsterte Kenneth zurück. Nur seine Augen suchten panisch in alle Richtungen. Wie kamen sie hier weg?

Und warum türmte sich da hinten eine weitere Monsterwelle auf?

Doc sah es auch und war wie gelähmt. Wenn die Welle sie traf, waren sie erledigt. Seine Hand tastete sich zu Kenneth hinüber und griff dessen Finger. „Wir müssen hier raus“, flüsterte er, wagte aber nicht, sich zu bewegen. Auch nicht, als er hinter ihnen Tumult hörte. Er konnte Rauch riechen und jemanden schreien hören, da wurde auch schon seine Tür aufgerissen. Eine große Hand zerfetzte den Gurt und zog ihn aus dem Wagen. Dabei geriet das Auto in Bewegung und alles, was Kenneth noch tun konnte, war die Augen zu schließen. Er wusste, dass er keine Chance hatte, als seine Finger hastig den Gurt aufzunesteln versuchten.

„Scheiße, scheiße, scheiße!", schrie er laut und die Welle kam unaufhaltsam, während der Wagen das Gleichgewicht verlor und in die Tiefe raste. Er wartete darauf, dass sein Leben im Schnelldurchlauf an ihm vorüber zog, doch das war ein Mythos, wie vieles andere auch. Hastig zerrte er an dem Gurt, aber das Mistding löst sich nicht - und die Klippen kamen immer näher.

Ein metallisches Knirschen ließ ihn panisch die Augen wieder öffnen und was er sah, war für ihn fast undenkbar. Raven hockte dort, wo eigentlich die Tür gewesen war und griff nach ihm. Ohne Mühe zerriss der Dämon den Gurt und packte ihn. Kenneth wurde praktisch in letzter Sekunde aus dem Auto gezogen, denn kaum dass er im Freien war, zerschellte das Wrack auf den Klippen. „Halt dich fest, ich bring dich nach oben“, rief Raven durch das Tosen des Meeres und schlug kräftig mit den Flügeln.

Es war der Instinkt zu überleben, der Kenneth machen ließ, was der Dämon von ihm verlangte. Er klammerte sich fest. In seinem Kopf herrschte eine nie da gewesene Leere. Er war dem Tod von der Schippe gesprungen und schien es noch nicht zu begreifen. Es wurde ihm erst klar, als er das immer lauter werdende Tosen der Riesenwelle hinter sich hörte, die Gischt spürte und plötzlich durch die Luft flog. Raven hatte ihn die letzten Meter geworfen und ihn ins Gras der Küste geschmissen, wo Kenneth hart aufschlug und im nächsten Moment nur noch sah, wie die Welle den Dämon aus der Luft fing und unter sich begrub. Er riss die Augen auf, rollte auf die Klippe zu, um ihm die Hand zu reichen.

Aber er kam zu spät.

Er konnte noch sehen, wie Raven von der Welle wieder von der Küste weggezogen wurde. Der Dämon wurde in der Welle hin und her gewirbelt und Kenneth bekam Angst um ihn. Raven war zwar stark, aber auch er musste atmen und er war schon ziemlich lange im Wasser. Kenneth atmete erst auf, als Raven sich aus der Welle befreite und ein Feuerball um ihn waberte, der ihn augenblicklich trocknete, damit er seine Flügel benutzen konnte.

„Idiot!", schrie plötzlich eine weibliche Stimme. „Pack dir den blonden Idioten! Der hat den Stein. Ich werd mit Satans Schoßhund schon fertig!" Wieder wogte das Wasser unnatürlich hoch und endlich ergab alles in Kenneths Kopf einen Sinn!

Sie waren hier!

Sie!

Sie wollten den Stein haben und die lästigen Menschen töten!

Hastig sah er sich um. Raven war nebensächlich geworden. „Doc!", schrie er, ohne zu wissen warum. Er konnte die Dämonen nicht sehen. Sein Kopf wirbelte herum - doch nirgends konnte er etwas sehen und das tosende Wasser riss ihm seine Schreie lautlos von den Lippen.

Er musste von der Klippe weg, denn dort war er zu angreifbar. Gegen den heulenden Wind robbte er los und sah sich dabei einmal kurz um. Raven hatte der Welle, die nach ihm greifen wollte, ausweichen können und ging zum Angriff über. Er schleuderte Feuerbälle in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war und legte dann einen großflächigen Feuerteppich, mit dem er Erfolg zu haben schien. Die Welle, die sich wieder auf ihn stürzen wollte, fiel in sich zusammen und ein gellender Schrei, der in einem Gurgeln endete, ließ Kenneth erschauern.

Was war hier los?

Wie paralysiert stand er einfach da. Der Instinkt versagte. Er rannte nicht los, um sich zu retten. Er stand an der Klippe und starrte mit einer merkwürdigen Faszination auf den Kampf zwischen Feuer und Wasser.

„Komm endlich, Ken!" Plötzlich riss jemand an Kenneths Schulter und brachte ihn fast zum Stürzen. Doch er erkannte Doc und Kenneths Puls, der eben Stakkato gehämmert hatte, ließ wieder etwas nach. „Komm mit zum Wagen. Blade ist da!", erklärte Doc, der, ohne ein Auge für Raven, den verstörten Kenneth hinter sich her zum zweiten Wagen zerrte.

„Steigt endlich ein“, rief Powaqa, der ihnen die Tür aufhielt und sie an den Jacken in den Wagen zerrte. Kaum war das geschehen, gab Blade Gas und brachte sie aus der Gefahrenzone. Doc sah sich um und was er durch die Heckscheibe sah, ließ ihn erschrocken aufschreien. Das, was hinter ihnen tobte, konnte man als Krieg bezeichnen. Raven schwebte über der Klippe und wurde von Wasser und Flammen attackiert, die er aber immer wieder abwehren konnte.

„Unglaublich", murmelte Doc und versuchte sich allmählich mit Powaqa zu arrangieren, der ihn auf den Rücksitz gezerrt hatte. Kenneth lag mehr als dass er saß auf dem Beifahrersitz und wusste gar nicht, wo er war, so schnell war das gegangen. Er zitterte und konnte es nicht vermeiden.

Immer wieder zuckten Flammenkugeln und die Gischt spülte über die Klippe. So dauerte es nicht lange und der Nebel, der aus dem verdampfenden Wasser entstand, war so dicht, dass Blade die Straße nicht mehr sehen konnte. Er konnte nur noch Schritt fahren, weil es sonst zu gefährlich wurde, aber er wollte nicht stehen bleiben. Sie waren noch nicht aus der Gefahrenzone. Blade blickte immer wieder kurz in den Rückspiegel und ihm, als erfahrenem Soldaten, war klar, welche Gewalten bei dem Kampf entfesselt wurden. Raven alleine war schon Furcht erregend, aber drei in einen Kampf verwickelt zu sehen, beängstigte selbst ihn.

Er hatte sich gefragt, warum sich beide Dämonen auf Raven konzentrierten, warum sich nicht einer den Stein holte, den Doc zu haben schien. Eigentlich war Raven nicht ihr Ziel. Doch dann war Blade schlagartig klar, warum sie fast ungeschoren davon kamen: Raven ließ keinen der beiden entkommen. Er hielt sie in Schach, lenkte all ihre Aufmerksamkeit auf sich und hinderte sie daran, den Menschen zu folgen. Das Inferno im Rückspiegel sprach Bände. Ohne ihn wären sie wohl schon nicht mehr am Leben. Blieb nur zu hoffen, dass Raven nicht verletzt wurde.

Blade knurrte leise, denn so tatenlos zuzusehen war für ihn fast unerträglich, aber er konnte sowieso nicht helfen. Er musste sein Team in Sicherheit bringen. Darum befahl er: „Doc, behalt sie im Auge, damit ich, wenn nötig, ausweichen kann.“

„Wird gemacht." Der Arzt hatte sich schon wieder etwas gefasst und kniete nun auf der Rückbank, um besser sehen zu können. Powaqa filmte das Geschehen, um die Angriffe hinterher auswerten zu können. Vielleicht auch, damit der Rest einmal ein Gefühl dafür bekam, wie mächtig diese Wesen waren.

Nur Kenneth saß blass in seinem Sitz, krallte die Finger in seine Schenkel und versuchte krampfhaft sich zu entspannen. Warum steckten die anderen drei das so gut weg? Sie reagierten rational, machten ihren Job - nur er war zu nichts zu gebrauchen. Er konnte noch nicht einmal nach hinten sehen, um den Kampf zu beobachten. Darum zuckte er auch zusammen, als Doc aufschrie.

„Feuerball direkt auf uns“, rief der Arzt und ging in Deckung. Der Sitz konnte ihm wahrscheinlich keine Sicherheit geben, denn die Kugel, die auf sie zuschoss, war riesig. „Blade, wenn du kannst, gib Gas“, rief er und linste nach draußen. Der Feuerball hatte sie fast erreicht und plötzlich zerbarst er in hunderte kleiner Splitter, die wie flüssiges Feuer zur Seite spritzten.

Ungläubig starrte Doc aus der Heckscheibe und dann auf Kenneth, der vor ihm im Sitz hockte, sich in das Leder presste und die Augen so fest schloss wie es nur ging. Der ganze Körper schien verkrampft und die Atmung ging hastig. Um Kenneth nicht zu erschrecken, sah er Powaqa an und deutete nur mit dem Finger auf den jungen Mann. Der Indianer nickte. Ihm war auch klar, was ihnen gerade die Haut gerettet hatte.

Powaqa legte Kenneth eine Hand auf die Schulter und drückte leicht. Sie hatten es wohl erst einmal geschafft, denn sie fuhren gerade um eine Kurve, so dass ein Felsen sie von dem Kampfplatz abschirmte.

Doc sah immer noch nach hinten und stutzte, als er keinen Feuerschein mehr sehen konnte. „Es scheint vorbei zu sein. Ist nur die Frage, wer gewonnen hat“, rief er und machte sich bereit, gleich wieder angegriffen zu werden.

Etwas irritiert sah Kenneth auf und bemerkte die Hand auf seiner Schulter, wusste aber nicht, was das sollte. Er hatte nur Docs Worte gehört und sah sich träge um. „Hoffen wir, dass der Idiot gewonnen hat, denn sonst sind das unsere letzten Atemzüge", sagte er leise und wandte sich wieder um. Ihr Domizil kam in Sicht und so etwas wie Erleichterung machte sich breit, auch wenn Kenneth ganz genau wusste, dass ein Haus keinen Schutz vor diesen Bestien bot, denn sonst würde Phillip noch leben.

„Wir werden sehen.“ Blade wirkte äußerlich ruhig, aber er war angespannt. Kampflos würde er sich diesen Bestien nicht ergeben, auch wenn sie ohne Raven nicht gewinnen konnten. Er parkte den Wagen direkt neben der Tür. „Los raus und alle in einen Raum“, befahl er. Er selber ging nicht gleich mit, denn er hetzte zu seinen Sachen, um Waffen zu holen.

Nervös tigerte Kenneth am Fenster auf und ab und Doc zog ihn mit sich, tiefer in den Raum hinein. Sparky, die ebenfalls mit auf Spionagetour gewesen war, verschwand schon unter der Couch. „Ich glaube, wenn er verloren hätte, wären wir schon tot, oder?", fragte Doc, denn auch er konnte seine Nervosität langsam nicht mehr verbergen. Er war es, der den Stein in seiner Tasche trug und er war es sicher auch, der das Ziel sein dürfte.

„Ich stimme dir zu, aber solange Raven nicht hier ist, bleiben wir hier.“ Blade wollte kein Risiko eingehen. Er stellte sich so, dass er möglichst viel von der Umgebung sehen konnte, ohne selber gesehen zu werden. Er blickte in den Himmel, weil er den Dämon von dort erwartete, zuckte aber trotzdem leicht zusammen, als Raven direkt vor dem Haus etwas unsanft landete. „Shit“, fluchte der Soldat und war schon auf dem Weg nach draußen. Der Dämon sah nämlich ziemlich mitgenommen aus.

Der Zweite, der auf dem Weg nach draußen war, war Kenneth. Doc konnte ihn nicht davon abhalten und schüttelte nur den Kopf. Vorerst blieb er mit dem Stein im Haus, man wusste ja nie.

„Was ist mit ihm?", wollte Kenneth wissen, weil der Dämon unüblicherweise immer noch am Boden lag und sich nur wenig bewegte. Sein Körper war zerschunden, die Kleider zerrissen und aus ein paar kleineren Wunden blutete er sogar. Es war ungewohnt, ihn so zu sehen und so vergaß Kenneth alle Emotionen und kniete sich neben ihn.

Blade unterzog Raven einer kurzen Untersuchung und befand, dass keine Lebensgefahr bestand. Er gab Kenneth seine Waffe und hob den Dämon hoch. „Er wird es überleben“, beruhigte er Kenneth und trug seine Last ins Haus, damit Doc ihn sich ansehen konnte. Kenneth blieb zurück und sah auf Blades breiten Rücken, als er mit dem Dämon durch die Tür verschwand. Warum hatte er gerade das Gefühl, es steckte mehr in diesen Worten, als das, was sie sagen sollten? Wusste Blade etwas?

Doch dann zuckte Kenneth die Schultern, selbst wenn, er konnte es ja sowieso nicht ändern. Lieber ging er ebenfalls zurück ins Haus und beobachtete, was weiter mit Raven geschah. Ihn so hilflos zu sehen, war merkwürdig.

Doc dirigierte Blade zur Couch, damit er Raven dort ablegte und kaum dass er dort lag, war Doc schon bei ihm und fing an, ihn zu untersuchen. Allerdings kam er nicht weit, denn eine Hand hielt seine fest, als er Raven das zerfetzte Shirt ausziehen wollte. „Danke, aber nicht nötig, das heilt von alleine“, sagte Raven und setzte sich auf. „Ich brauche nur eine Dusche und etwas Ruhe.“

„Okay", sagte Doc und hob abwehrend die Hände. Wer war er denn, einem Dämon seine Hilfe aufzwingen zu wollen?

„Sind sie tot?", fragte nun allerdings Kenneth das, was jeder hier wissen wollte. Stand die Bedrohung noch oder konnten sie durchatmen?

„Tot nicht, aber verletzt. Barul hat weniger abbekommen, aber Urata wird wenigstens einige Tage ausfallen.“ Man hörte, dass der Dämon mit dem Ergebnis nicht zufrieden war. „Sie hat die Kraft des Wassersteins genutzt. Damit konnte sie ihre Kräfte vervielfachen.“

„Das erklärt die verdammt hohen Wellen", sagte Doc und erinnerte sich nur mit Schaudern an die Wasserwand, die ihn und Kenneth fast in den Tod gerissen hätte. Raven war wirklich zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen, das musste man dem Kerl zugute halten. Nachdenklich holte er den Stein aus der Tasche, den er von Mc Namara bekommen hatte.

„Und warum hast du nicht den Feuerstein benutzt? Der hätte deine Kräfte auch verstärken müssen, oder?", fragte Kenneth und lehnte an der Tür zum Flur.

„Ich habe ihn benutzt, aber da Barul auch ein Feuerdämon ist, hat er ebenfalls davon profitiert. Deswegen hab ich es, wenn es ging, vermieden.“ Es war wohl seinem momentanen Zustand geschuldet, dass Raven sich durch Kenneths Frage nicht angegriffen fühlte, denn er blieb ruhig.

„Ah, verstehe", sagte der und so war es wirklich. Kenneth schien eben etwas Entscheidendes über die Steine gelernt zu haben. Es reichte deren Nähe und nicht die direkte Berührung, um deren Macht zu nutzen. Das war nicht gut. Ganz bestimmt nicht. „Ist freilich nicht das Beste, dass ein Wasserdämon auch noch den Wasserstein hat", nuschelte er vor sich hin und spielte nervös an seinem Ring, während Doc schweigend den Stein und den Zettel an Blade übergab.

„Wenn er gegen einen Feuerdämon direkt an der Küste eines Meeres kämpft, ist es das denkbar Schlechteste.“ Raven lächelte schmal und erhob sich. Seine Kleider entblößten mehr von ihm, als dass sie verdeckten und er wollte sie nur noch loswerden. Aber bevor er sich duschen ging, wollte er noch wissen, ob sich sein Einsatz gelohnt hatte und sah zu Blade, der sich den Zettel durchlas.

„Was habt ihr angestellt, um das zu bekommen und was hat es gekostet?", wollte Blade wissen, als er den Zettel sinken ließ und auf den Stein in seiner Hand sah. Das Ergebnis war schlussendlich besser als er erwartet hatte.

„Gar nicht viel. Ich glaube, O'Rayley hat uns unbewusst in die Hände gespielt", sagte Doc und grinste, als Blade ungehalten knurrte. Warum musste es der Kerl auch immer so spannend machen? „Okay, okay", wehrte Doc ab und fasste kurz zusammen, wie das eigentlich gelaufen war. „Schlussendlich hatten wir den Stein und die Adressen."

„Sehr gut, ich schicke Sick die Daten. Anhand seiner Ergebnisse entscheiden wir, wo wir als nächstes hinfahren.“ Blade entspannte sich etwas und hoffte, dass Raven mit seinen Einschätzungen über ihre Gegner richtig lag und sie erst einmal außer Gefecht waren. Das brachte ihnen vielleicht einen kleinen Vorsprung.

„Mach das und grüß den Kurzen von uns. Ich brauche auf den Schreck in der Abendstunde erst einmal einen Kaffee. Noch wer?" Doc hatte schon Wasser in die Maschine geschüttet.

„Ich nehme einen", sagte Kenneth. Das konnte doch jetzt alles nicht wahr sein. Kaum war er wieder etwas besser drauf, weil er doch noch nicht hatte sterben müssen, da geiferte er schon wieder Raven hinterher, dessen Hose den prallen Hintern kaum noch verhüllen konnte. Er war doch echt das letzte! Kopfschüttelnd kam er zu Doc und sammelte unterwegs Sparky ein, die sich langweilte.

„Ich nehme auch einen“, rief Raven und verließ den Raum. Eigentlich hatte er für seinen Geschmack heute schon genug Wasser abbekommen, aber duschen musste sein. So dreckig fühlte er sich nicht wohl. Außerdem konnten seine Wunden schneller und besser heilen, wenn der Dreck weg war.

„Hätte mich auch gewundert, wenn der Flattermax keinen genommen hätte“, lachte Doc und machte die Kanne voll. Das wurde schon alle. Er sah Blade dabei zu, wie er den Rechner hoch fuhr und mit dem Internet Verbindung aufnahm, damit er Sick kontaktieren konnte. Er wollte ihn nicht nur hören, sondern sehen und wissen, dass es ihm gut ging und befand ihre neuen Informationen als einen guten Grund dafür. Powaqa sah ihm über die Schulter und Kenneth lungerte unschlüssig auf dem Flur herum, während er Sparky ärgerte. Er sah immer wieder zur Badezimmertür, aber eine ganze Weile war außer Wasserrauschen nichts zu hören.

Raven ließ sich Zeit.

Allein schon deswegen, weil er frustriert war und erst einmal wieder runter kommen musste, bevor sein Frust sich in Wut verwandelte. Diese Mission lief nicht so, wie sie sollte. Das war er nicht gewohnt und langsam zerrte es an seinen Nerven, weil so vieles schief ging. Aber er wusste auch, dass Streit sie nicht weiterbrachte, darum dauerte es eine Weile, bis er wieder in den Wohnraum kam.

Da stand immer noch Kenneth mit der Hamsterratte auf dem Arm und ging Raven langsam hinterher. Er wusste selber nicht, warum er den Dämon schon wieder piesacken wollte. Es war ein innerer Trieb, dem er folgen musste. „Saubere Landung, hm?", stichelte er also grinsend.

Raven tat ihm zwar nicht den Gefallen und wirbelte wütend zu ihm herum, aber er stockte kurz im Lauf und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Kenneths Spott war nicht gerade förderlich, aber noch konnte Raven ihn ignorieren. Er beachtete Kenneth nicht weiter und ging zur Kaffeemaschine, um sich einen Kaffee zu holen. So angestachelt holte Kenneth schon Luft, um noch einen Tiefschlag zu landen, doch da kam ihm Doc zuvor, der auf einen eskalierenden Streit keine gesteigerte Lust hatte.

„Danke noch mal, dass du uns den Hals gerettet hast. Ohne dich würden wir jetzt bei den Fischen schlafen", sagte er laut genug, dass auch Kenneth es hören musste und der klappte den offenen Mund wieder zu, denn Doc hatte Recht. Es war noch keine Stunde her, als er in dem fallenden Wagen seinem sicheren Ende auf den scharfen Klippen entgegen gesehen hatte.

Raven nickte und lächelte schmal. Die Anerkennung machte seine Niederlage zwar nicht wett, aber der schale Geschmack verging ein wenig. „Wenigstens haben wir den Stein bekommen und auch behalten“, sagte er noch und erkannte damit indirekt Docs und Kenneths Leistung an.

„Ohne O'Rayleys Vorarbeit hätte uns Mc Namara den Stein und die Infos nicht so bereitwillig gegeben", versuchte Doc diplomatisch ihre eigene Leistung zu schmälern, damit Raven sich nicht ganz so mies fühlte. Und selbst Kenneth hielt lieber die Klappe, denn ihn biss das schlechte Gewissen. Er sollte wohl etwas netter zu dem lädierten Dämon sein, denn ohne den wäre er jetzt Fischfutter der Qualitätsstufe A.

„Ist schon klar, wo wir als nächstes hin müssen? Wir sollten das schnell machen, weil wir wahrscheinlich nicht mehr als drei Tage Vorsprung haben werden. Urata hat zwar einiges abbekommen, aber das hält sie nicht lange auf. Sie ist zäh, ehrgeizig und ziemlich rücksichtslos, auch gegen sich selbst, genauso wie Barul.“ Raven wollte seinem Team keine Angst machen, aber es war besser, wenn sie wussten, wie ihre Feinde tickten. „Wenn es sein muss, zerstören sie alles, was sich ihnen in den Weg stellt und opfern auch ihre Verbündeten ohne Skrupel.“

Wie erwartet, verzogen sich die Gesichter, während Blade noch immer mit Sick telefonierte. Man vernahm noch ein paar Abschiedsworte, dann blickte der Soldat von seinem Bildschirm auf. „Sick bucht für Hongkong, da bekommt er eher was als für Tansania", erklärte er und lockte seine Lady wieder zu sich. Kenneth war ihrer sowieso nicht würdig, wie sie fand, denn der streichelte sie gar nicht, der hielt sie nur fest umklammert. Sie war eine Ratte und kein Wutball, also machte sie, dass sie weg kam.

„Gut, warten wir, bis er sich meldet oder machen wir uns gleich auf den Weg nach London?“, fragte Doc und sah in die Runde. Nachdem, was Raven erzählt hatte, sollten sie sich wohl beeilen.

„Wir machen uns auf den Weg“, legte Blade fest und klappte den Laptop zu. Hier konnten sie nicht schnell genug reagieren, wenn Probleme auftraten.

„Holt euer Zeug. In zehn Minuten am Wagen", kommandierte Blade, während er schon anfing, seine Klamotten zu raffen. Kenneth sah ihn verstört an, ihm ging das entschieden zu schnell. Doch es blieb ihm nichts übrig als zu folgen. Raven erhob sich kommentarlos und während Doc seine und Powaqas Klamotten raffte, suchte der Indianer noch schnell ein paar Sachen aus dem Kühlschrank, die sie vielleicht in den nächsten Stunden gebrauchen konnten.

Die vorgegebenen zehn Minuten waren noch nicht ganz um, als die ersten Taschen im Kofferraum landeten. Dabei war es durchaus von Vorteil, dass sie noch gar nicht zum Auspacken gekommen waren. Es war ein wenig eng im Wagen, aber bis nach Inverness war es auszuhalten.

„Wir fliegen erst mal nach London, wenn wir gelandet sind, rufen wir Sick an und er wird uns sagen, ob er gleich Flüge für uns bekommen hat oder ob wir eine Nacht in London bleiben", klärte Blade auf. Er saß mit Raven vorn, die drei Schmaleren saßen wie die Ölsardinen auf der Rückbank. Da lobte es sich Sparky doch, eine Ratte zu sein und sich unter dem Beifahrersitz verkriechen zu können.

Alle nickten nur, denn jetzt zu spekulieren brachte eh nichts. Sie mussten nehmen, was kam.


26

Die Fahrt über wurde wenig gesprochen, denn jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Bisher waren ihre Gegner für sie nicht greifbar gewesen, aber jetzt, durch den Kampf, war ihnen erst richtig klar geworden, in welcher Gefahr sie schwebten und daran hatte nicht nur Kenneth zu knabbern. Doch er war derjenige, dem man seine Gedanken am intensivsten ansah, gerade so, als wären sie ihm auf die Stirn geschrieben.

„Ich hatte ja keine Vorstellung davon, wie diese Steine wirken", sagte irgendwann Doc, als er sich an die hohen Wellen erinnerte, die über die Klippen schlugen. Sicher, die Natur war mächtig, sie hatte Kraft, doch das waren keine natürlichen Wellen gewesen, die sie hätten in den Tod reißen sollen. „Was kann der Erdstein. Kannst du ihn auch nutzen? Oder nur den Feuerstein?"

Raven drehte sich zu Doc um, denn so konnten sie besser reden. „Mit dem Stein kann man Erde formen. Grob gesagt, man kann Berge wachsen lassen, die Erde aufreißen oder Erdrutsche auslösen und auch die Struktur des Bodens verändern. Ich kann ihn nur in sehr begrenztem Umfang nutzen. Bei Vulkanen kann ich die umgebene Erde etwas verändern. Es ist eigentlich immer so, dass ein Dämon andere Steine nutzen kann, wenn ihre Kräfte nicht zu unterschiedlich sind. Ich kann mit dem Wasserstein also nichts anfangen, weil unsere Kräfte nicht kombinierbar sind. Je besser die Kombination passt, umso besser die Nutzung.“

„Ah, verstehe", nickte Doc und auch wenn er es nicht gern zugeben wollte, so fand er diese Vorstellung doch faszinierend. Die Erde formen können - ganz nach seinem Wunsch.

„Auch wenn du den Wasserstein nicht benutzen kannst, müssen wir ihn haben und vernichten, um endgültig zu verhindern, dass die Waffe benutzt werden kann?", wollte nun Powaqa wissen, denn die Dämonen hatten immer noch den Stab und den blauen Stein.

„Ja und das bringt uns zu der Frage, was wir mit unseren Steinen machen. Behalten wir sie oder zerstören wir sie am Besten gleich?“ Blade schlug sich mit dem Problem schon länger herum, war aber noch zu keinem Ergebnis gekommen. Als Soldat sah er durchaus die Vorteile, die sie aus den Steinen ziehen konnten, aber es gab auch viele Nachteile.

„Was weg ist, macht keinen Ärger mehr", murmelte Kenneth, doch er wollte sich nicht anmaßen, eine Entscheidung zu treffen.

„Bist du in der Lage, die Steine gegen unsere Gegner und den Wasserstein zu verteidigen, dann behalte sie noch. Man weiß nicht, wann man sie noch braucht. Wenn du dir nicht sicher bist, ob die beiden die Steine sich noch holen können, weg damit." Das war Blades Philosophie.

Raven nickte und dachte kurz nach. „Ich behalte sie. Wenn sie in Gefahr geraten, zerstör ich sie. Sie können verbrannt werden. Deswegen trage ich sie auch bei mir.“ Raven war sich sicher, dass er damit erst einmal die richtige Lösung gefunden hatte. „Sie können auch zerschlagen werden. Falls mir etwas passieren sollte, müsst ihr das übernehmen.“

Erst wollte Kenneth einwerfen, dass - wenn Raven etwas passierte - sie selbst wahrscheinlich auch nur noch einen Wimpernschlag zu leben hatten oder bereits tot waren, doch er biss sich auf die Zunge, während Blade versicherte, er würde das schon übernehmen. So fuhren sie die nächsten Kilometer bis zum Flughafen wieder schweigend, weil jeder seinen Gedanken nachhing.

Sie gaben am Flughafen den Wagen ab und Doc ging mit Powaqa zum Schalter der Fluglinie. Da mussten sie ja nicht alle aufschlagen. „Alles klar, wir fliegen in zwei Stunden“, rief Doc schon aus einiger Entfernung, als er und der Indianer wieder zum Rest zurückkamen.

Ungläubig guckte Kenneth auf die Uhr, denn insgeheim hatte er mit einer mittelschweren Katastrophe gerechnet. Schließlich hatten sie zwei Wagen gemietet und nur einen zurückgebracht. Also nahm er Doc beiseite und flüsterte: „Haben die nicht das zweite Auto vermisst?" Er hatte mit Mietwagenfirmen bisher nur überkritische Erfahrungen gemacht.

„Welches zweite Auto?“, grinste Doc und lachte, als Kenneth Luft holte. „Nee, ist alles in Ordnung. Sick hat das schon geklärt, aber wenn nicht, wäre auch nicht schlimm. ‚Hunter’ mietet seine Wagen fast immer bei dieser Firma, da kommt es öfter mal vor, dass einer fehlt oder beschädigt ist. Sie wissen, dass die Schäden ersetzt werden.“

„Ah, verstehe. So was wie ein Clubausweis, hm?" Kenneth grinste schief und schüttelte den Kopf. Unglaublich, wie weit diese Organisation ihre Finger ausstreckte. Doch eigentlich hätte ihn das kaum noch wundern sollen. Wer seine Mitglieder chipte und sie auf Dämonenjagd schickte, der hatte sicher noch mehr Asse im Ärmel. „Praktisch, das hätte ich mir auch schon mal gewünscht." So gingen sie zum Rest der Truppe, die, wie sollte es anders sein, mit Kaffee in Pappbechern um einen Imbisstisch herum standen.

„Na ja, je nachdem, wie du dich entscheidest, wenn diese Mission beendet ist, kannst du das auch haben.“ Doc klopfte Kenneth auf die Schulter und man hörte deutlich, dass er sich wünschte, dass Kenneth sich entschied in der Gruppe zu bleiben und das lag nicht nur an den Kräften, die sein Freund hatte.

„Schauen wir mal, ob ich dann noch lebe", lachte Kenneth, doch so zum Lachen war ihm nicht. Der heutige Tag hatte ihm einmal mehr gezeigt, in was für einer Situation er sich befand. Und der Gedanke, dass Raven - ausgerechnet Raven! - der einzige war, der ihn beschützen konnte, machte es nicht besser, wirklich nicht. Tief durchatmend ließ er sich auch einen Kaffee reichen und guckte nicht schlecht, als der Dämon ihn in seiner Hand noch einmal aufheizte, weil er bereits kalt geworden war. Ebenso der von Doc.

„Perfekt.“ Doc hob grinsend einen Daumen und nahm gleich noch einen Schluck. Raven war wohl immer für eine Überraschung gut. Das gab Doc wieder Futter für seine Dämonenstudien, die er noch nicht aufgegeben hatte. „Weißt du schon, wie es in London weitergeht?“, fragte er Blade, der gerade telefoniert hatte.

Nickend legte Blade auf und steckte das Telefon wieder in die Tasche. Sick war schnell, man sollte den Kleinen wohl nicht unterschätzen. „Wir werden wieder am Flughafen nächtigen, denn wenn wir nachher landen, geht für uns kein Flug mehr, es wird zu spät sein. Er hat für morgen gebucht, allerdings nichts Zusammenhängendes." Blade war der Meinung, alles wäre gesagt und so widmete er sich wieder dem kleinen PC.

„Mann! Muss man dir alles aus der Nase ziehen?", knurrte Doc und legte seine Hände um den warmen Becher. „Was heißt, nicht zusammenhängend? Wann geht es los? Ein paar Stichworte in die richtige Richtung würden schon reichen." Dabei grinste er frech, weil Blade schon wieder die Brauen tiefer zog, dass sogar die Tätowierungen auf den Wangen sich verzogen.

„Zwei Flüge, einmal zwei, einmal drei Plätze. Abflug fast gleich morgen ganz früh, aber einmal mit Umsteigen in Brüssel“, erklärte der Soldat aber dennoch. Er wusste, dass Doc sonst keine Ruhe gab. „Kenneth sollte mit Raven zusammen bleiben, darum fliegt er mit ihm zusammen über Brüssel.“

„Was?", fragte Kenneth, doch sein schlechtes Gewissen hinderte ihn daran, schon wieder lautstark zu protestieren. Sein Blick suchte den von Raven, um zu ergründen, was der Dämon davon hielt. Doch dessen verschlossene Miene ließ keine Regung zu und Kenneth seufzte leise. Ihm blieb aber auch gar nichts erspart. Da hatten sie einen Superhacker im Team und der konnte nicht einmal Passagierlisten fälschen, um sie alle zusammen reisen zu lassen. Doch das sagte er lieber nicht.

„Gut, obwohl es doch schön wäre, mal wieder im eigenen Bett zu schlafen. Aber wäre wohl wirklich zu umständlich.“ Doc seufzte leise und nahm noch einen Schluck Kaffee. Ihm fehlte nicht nur sein Bett, sondern auch Freizeit zu haben und ausgehen zu können. Tanzen gehen oder einfach nur etwas trinken. Allerdings musste das auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

So war das eben mit den Guten.

Er grinste bei dem Gedanken.

„Wem sagst du das", seufzte auch Powaqa, doch dann straffte er sich wieder. Mit einem letzten langen Schluck leerte er seinen Becher und guckte auf die Uhr. Besser, sie machten sich auf den Weg zum Check In, auch wenn es nur ein kleiner Flughafen war. Alles brauchte heutzutage seine Zeit.

Kurz darauf gingen sie zum Check In. Es dauerte auch nicht lange, bis sie ins Flugzeug steigen konnten. Viel Platz war nicht, aber für die kurze Strecke war es auszuhalten. Jeder richtete sich so gut es ging ein und Raven schloss die Augen. Er war noch recht angeschlagen vom Kampf, was er aber nie zugeben würde. Seine Wunden hatten sich noch nicht alle geschlossen, da einige recht tief gewesen waren, aber am nächsten Morgen sollte alles wieder verheilt sein.



„Die Kröte wird es sich doch nicht nehmen lassen, uns einzusammeln, hoffe ich", sagte Doc, als er London unter sich erkannte. Die Maschine befand sich schon im Sinkflug und wie jedes Mal war er erleichtert, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, als die Maschine endlich hart auf dem Asphalt aufsetzte.

„Sicher, Lu wird im Café sein. Wer sollte uns sonst empfangen?", entgegnete Powaqa, als er den Gurt löste und sich langsam erhob. Leben kam in die Maschine.

Er sollte Recht behalten.

Als sie in die Ankunftshalle kamen, stand Sick schon bereit, um sie in Empfang zu nehmen. Es lief fast genauso ab, wie am Tag vorher und auch die Zimmerverteilung war gleich. „Leute, ich bin müde“, verabschiedete Doc sich, als sie bei ihren Zimmern ankamen und gähnte zur Untermalung. Der Tag hatte ihm einiges abverlangt und das merkte er jetzt sehr deutlich.

„Im Restaurant habe ich eigentlich noch einen Tisch reserviert, wenn einer Interesse hat. Aber ihr könnt auch aufs Zimmer bestellen", sagte Sick, der wie gestern auch noch auf dem Flur stand. Er wusste nicht, wie die anderen darüber dachten, wenn er wie selbstverständlich zu Blade ins Zimmer ging und die Tür hinter sich zu machte.

„Was zu beißen könnte ich noch vertragen", sagte Kenneth, denn wieder allein mit Raven zu sein behagte ihm nicht.

„Macht ruhig, ich brauch heute nur noch Schlaf“, erklärte Doc, der nicht wollte, dass die anderen wegen ihm vielleicht nichts mehr aßen.

„Ja, gehen wir. Ich stelle nur meine Tasche ins Zimmer“, meinte Powaqa und auch Raven nickte. Er nahm seine und Kenneths Tasche, brachte sie in ihr Zimmer und war kurz darauf wieder bei Kenneth, der mit Sick auf dem Flur zurückgeblieben war. Zum Glück war ihm der fragende Blick von Kenneth entgangen, der Raven vielleicht dazu gebracht hätte, anders zu handeln. Und auch der Mensch straffte sich schnell, um nicht schon wieder Streit herauf zu beschwören. Nur Sick, der immer noch unschlüssig auf dem Flur stand und ab und an zu Blade schielte, der auf dem Bett saß und die aktuellen Fakten durchging, sah fragend auf Kenneth und den Dämon.

Was ging da ab?

Wurde der Kerl etwa menschlicher?

Eine Antwort darauf bekam Sick allerdings nicht, denn er konnte ja schlecht fragen, wenn der Dämon daneben stand. Da musste Sick warten, bis er Kenneth einmal allein erwischte. Darum piesackte er erst einmal Blade, der immer noch auf seinen Laptop starrte. „Blade, ich hab Hunger“, rief er knurrig.

„Und du weißt, was passiert, wenn die Plage Hunger hat. Dann pennt der die Nacht bei dir, damit du auch was davon hast!", lachte Doc noch, ehe er die Tür hinter sich zu machte, nicht wissend, was er da eigentlich gerade für ein überflüssiges Angebot gemacht hatte. Denn es war klar, dass Sick wieder in diesem Zimmer schlief, ob hungrig oder nicht. Er grinste schief zu Blade, der den PC zugeklappt hatte und sich hart das Grinsen verkneifen musste.

„Geh mit Doc spielen", sagte er noch zu Sparky, denn sie durfte nicht mit ins Restaurant.

Sparky flitzte auch gleich los und fast musste man Angst haben, dass sie sich den Schwanz in der Tür klemmte, aber sie schaffte es noch ohne Verletzungen. Nun konnten sie ins Restaurant und Sick sah seine Freunde an. Er wusste ja, was passiert war. „Wirklich keiner verletzt?“, fragte er Blade und versuchte durch die Kleidung etwas zu erkennen.

Der Soldat sah ihn an, lächelte dann und schüttelte den Kopf. Wie er es oft tat, wuschelte er Sick durch die Haare und zog ihn kurz an sich, während Kenneth überlegte, auf was er eigentlich Appetit hatte. Sein Magen rebellierte, flatterte aufgekratzt, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Und all das nur, weil er ganz genau wusste, was ihm heute noch blühte. Es war ja nicht so, dass er selber das nicht auch genoss, aber Ravens Dominanz war teilweise beängstigend.

Es war nicht so, dass er Kenneth zu etwas zwang, aber er machte recht deutlich, was er wollte. Wirkliche Chancen sich dagegen zu wehren, hatte Kenneth nicht. Raven, der neben Kenneth ging, sah zu ihm hinüber. Er konnte die Nervosität seines Zimmergenossen spüren, konnte sich das aber nicht erklären, außer dass jetzt die verspätete Reaktion auf den Angriff kam.

Nach einem kurzen Gespräch mit dem Kellner wurden sie zu ihrem Tisch geführt, wo schon ein paar kühle Getränke bereit standen. Sie nahmen Platz und ließen sich die Karte reichen, während Powaqa wissen wollte, wie das Café lief. Zwar hatten sie für Zeiten wie diese Aushilfen, aber sich ein bisschen Gedanken machen, konnte Powaqa einfach nicht verhindern.

„So weit läuft es gut, aber viele fragen nach euch und Blade backt deutlich besser. Paul gibt sich ja Mühe, aber so richtig klappt das nicht.“ Sick grinste kurz zu seinem Freund hinüber und legte seine Karte weg, weil er sich entschieden hatte. „Wird also Zeit, dass ihr wiederkommt. Ist auch ziemlich langweilig Zuhause.“

„Keiner, dem du auf den Nerv gehen kannst, hm?", lachte Powaqa und guckte über den Rand der Karte. Kenneth sah den beiden schweigend zu, als Sick die Backen aufblies.

Was sollte das denn heißen? Er war doch kein Kind mehr! Er musste nicht ständig mit Doc raufen, es bot sich nur einfach immer wieder an - das war doch etwas völlig anderes. Also lenkte er ab und sah den Dämon forschend an. „Und von dir krieg ich noch einen Fernseher."

Raven hob nur kurz eine Augenbraue und sah dann wieder in seine Speisekarte. Er ließ sich nicht provozieren, weil er genau wusste, dass Sick darauf aus war. Sick holte schon Luft, aber der Kellner kam und sie bestellten, danach war der Fernseher erst einmal vergessen.

Während des Essens redeten sie eigentlich nur über das, was passiert war. Sie vermieden die einschlägig verräterischen Worte und blieben vage, doch das änderte nichts daran, dass Kenneth einmal mehr vor Augen gehalten wurde, was Raven für ihn getan hatte. Immer wieder glitt sein Blick zu dem Dämon ihm gegenüber und nervös drehte er seinen Ring am Finger. Er hatte lange keinen getragen, er musste sich an das Gefühl erst wieder gewöhnen.

Sick hätte den Kampf gern gesehen, sagte aber nichts, denn er wusste genau, was Blade davon hielt und auf eine Diskussion wollte er es nicht ankommen lassen, denn er wusste, dass er verlieren würde. Immer wieder schielte er zu Kenneth hinüber, der immer nervöser wurde. „Ist der neu?“, fragte er schließlich und deutete auf den Ring, denn den hatte Sick bisher noch nicht gesehen.

Kenneth nickte. „Wir hatten genügend Zeit, uns die Auslagen anzusehen und die breiten Ringe haben mir gefallen. Eines muss man diesem Mc Namara ja lassen: Er versteht sein Handwerk", sagte er und strich wieder über das warme Metall. Es hatte sich seinem Körper bereits angeglichen. Sollte er verraten, dass Sick auch einen bekam? Doch dann schüttelte er innerlich den Kopf. Wenn Doc ihm den noch nicht gegeben hatte, dann würde er schon seine Gründe dafür haben.

„Ja, das finde ich auch. Der Ring ist schön.“ Sick blickte ein wenig neidisch auf Kenneths Finger, aber dann grinste er wieder. Irgendwann holte er sich auch mal so einen Ring und vielleicht konnte er Blade…? Sick merkte gar nicht, wie sein Blick verträumt wurde, aber Powaqa merkte es und lachte leise. Bildeten die beiden sich wirklich immer noch ein, keiner wüsste, was los war? Doch er ließ sich nichts anmerken, sondern goss sich den Rest Cola in sein Glas. Das Gähnen konnte er kaum noch unterdrücken, denn auch ihm hing der Tag in den Knochen.

„Du sprichst mir aus der Seele", lachte Kenneth leise, der ebenfalls mit der Müdigkeit kämpfte. Das Essen wurde sowieso mit auf die Rechnung gesetzt, so erhoben sie sich langsam nach und nach, denn die Betten riefen - wenn auch die unterschiedlichen Leute aus unterschiedlichen Gründen.

Vor ihren Zimmern verabschiedeten sie sich voneinander und Blade guckte nicht schlecht, als sich Docs Tür kurz öffnete und eine schwer bepackte Sparky aus dem Zimmer kam. „Was hast du denn da, Süße?“, lachte Sick und hob das Tierchen hoch. Eins der Päckchen identifizierte er schnell als Videokassette, aber mit dem zweiten konnte er nichts anfangen.

„Was hast du denn da noch?“, fragte er die Ratte und sah Blade an, der aber auch nur mit den Schultern zuckte. Er hatte keinen Schimmer, was Doc schon wieder eingepackt hatte, also nahm er es erst einmal an sich, während Sick die Kassette in Händen drehte und Sparky unter der Decke vom Bett verschwand. Als Blade den Zettel anfing zu lesen, der an der kleinen Schachtel befestigt worden war, hob er kurz die Brauen. Der war für Sick und es zu ihm zu schicken war wohl Docs Art, ihm durch die Blume zu sagen, dass er wusste, dass Sick hier schlief, in seinem Bett.

„Für dich, von Doc.“ Blade gab das Päckchen an Sick und setzte sich auf das Bett, damit er ihn beim Auspacken beobachten konnte. Dabei konnte er darüber nachdenken, dass ihre Teamkameraden sie wohl durchschaut hatten. Es war ihm nicht unangenehm, aber trotzdem wollte er seine Beziehung zu Sick noch nicht publik machen. Dafür war sie einfach noch zu frisch und er wollte noch ein wenig egoistisch sein. Er hatte den jungen Mann sowieso viel zu selten ganz für sich allein.

„Für mich? Warum bringt das Sparky dann... oh", machte Sick, als der Groschen gefallen war und wurde rot. Er wusste nicht, was er sagen sollte, auch nicht, als er den Ring aus dem Kästchen nahm. „Der sieht ja fast so aus wie der von Kenneth. Und der soll für mich sein?" Er griff sich den Zettel noch einmal, doch da stand genau das drauf. Er schob ihn sich gleich auf den Finger und setzte sich neben Blade. Wenn es eh jeder wusste, warum dann noch bescheiden sein?

Blade nahm Sicks Hand in seine und strich mit dem Daumen über den Ring. „Er steht dir“, sagte er und zog seinen Freund dann zu sich. Endlich waren sie alleine und er konnte Sick küssen. Warum sollte er sich darüber Gedanken machen, was die anderen zu wissen glaubten. Er hatte Sick vermisst und die Nacht, die sie zusammen verbringen konnten, wollte er ganz bestimmt nicht mit Grübeleien verplempern. So zog er sich ans Kopfende des Bettes zurück, um sich bequemer zu setzen, zuckte nur kurz, als er aus Versehen Sparky erwischte, die protestierend fiepste.

Sick kroch ihm hinterher und lehnte sich wieder an Blade. Ihm fehlte die Nähe. Er war tapfer gewesen und fand, dass ein bisschen Lohn jetzt auch ihm zustünde. Er krabbelte auf Blades Schoß und grinste zufrieden in ihren Kuss. So sollte es sein. Den starken Körper unter sich und die kräftigen Arme um sich. Er wollte den Kuss gerade vertiefen, als er aus dem Nebenzimmer merkwürdige Geräusche hörte.

„Was machen die denn da?“, brummte er leise und schon hing er mit dem Ohr an der Wand, um besser hören zu können. Lächelnd schüttelte Blade den Kopf und legte sich bequemer.



+++



„Mist!" Fluchend hielt sich Kenneth den Zeh, denn er hatte nicht geguckt, wo er hin gelaufen war und hatte sich den Zeh am Bett gestoßen und zwar mit so viel Schwung, dass er das Bett quietschend über das Parkett geschoben hatte. Das tat höllisch weh und Kenneth konnte gar nichts dagegen tun, dass ihm Tränen in die Augen traten. Bei seinem Glück hatte er sich wahrscheinlich den Zeh gebrochen.

Fluchend hüpfte er herum und fand sich auf einmal auf einem der Betten wieder und Raven hatte seinen Fuß in der Hand. „Halt still, ich seh mir das an“, brummte der Dämon in seiner gewohnt liebenswürdigen Art und zog Kenneth den Strumpf aus. In seiner Perplexheit vergaß der Mensch sogar, sich zu wehren und ließ es geschehen, sah nur fasziniert zu, wie Raven ihn berührte. Nicht ruppig, sondern sehr vorsichtig.

„Was ist los mit dir? Seit wann bist du so fürsorglich?", fragte Kenneth also und biss die Zähne zusammen, denn der Zeh schmerzte bei der kleinsten Berührung.

Es war nicht zu sehen, ob Raven die Frage gehört hatte, denn er machte weiter, den Zeh zu untersuchen. „Kein Bruch“, sagte er schließlich und sah immer noch nicht auf, sondern betastete weiter den Fuß und massierte ihn vorsichtig. „Menschen legen Wert auf solche Dinge, wenn sie mit jemandem engeren Kontakt haben. Sie fühlen sich wohler und sind weniger gereizt. Ich passe mich an. Wir sind ein Team.“

Kenneth wusste im ersten Augenblick nicht, was er darauf sagen sollte. Er hatte eine Menge unterschiedlicher Informationen auf einmal bekommen, ein Teil davon ließ es ihm warm den Rücken hinunter laufen, ein anderer Teil wirkte eher ernüchternd. Also sagte er neutral: „Ach so, deswegen", konnte sich ein nervöses Zittern aber leider nicht ganz verkneifen. Er hätte nicht gedacht, dass ein Kerl wie Raven auch so sanft sein konnte wie gerade. Seine Finger strichen nur über die Haut, rieben etwas, massierten mal fester, mal weniger fest. Es war angenehm, das konnte Kenneth nicht leugnen. Und wenn es mehr solcher Augenblicke gäbe, würde er diesem Kerl wohl gänzlich verfallen.

Raven massierte so lange, bis Kenneth nicht mehr bei jeder Berührung zuckte und bewegte dann vorsichtig den Zeh. „Geht es so oder soll ich noch weitermachen?“, fragte er und sah nun zu Kenneth hoch. Es war merkwürdig. Bei keinem anderen hätte er das gemacht, aber bei Kenneth war das für ihn kein Problem.

„Nein, ist okay", sagte Kenneth leise. Es war das erste Mal, dass er nicht gleich den unbändigen Drang hatte, den Kerl zu würgen oder zu triezen. „Ich hätte ja auch gucken können, wo ich hin laufe", murmelte er, weil die plötzlich eintretende Stille ihm Unbehagen bereitete. Was war mit Raven passiert? War er zu sehr auf den Kopf gefallen? Hatte das sein Verhalten geändert? Oder war es noch etwas völlig anderes?

„Passiert.“ Raven zuckte mit den Schultern und erhob sich. Dabei verzog er leicht das Gesicht, weil einige seiner Wunden immer noch nicht verheilt waren und sich wieder öffneten. Das war nervig und er knurrte. „Mist“, fluchte er leise und zog sich das Shirt aus, damit es nicht festklebte.

Kenneth beobachtete ihn dabei und sprang plötzlich auf. Er wollte nicht in Ravens Schuld stehen und so griff er ihn vorsichtig am Handgelenk. „Komm mit", sagte er und zog leicht, damit der Dämon ihm ins Bad folgen konnte. Er selbst humpelte noch, denn der Zeh hatte ihm seine Kollision noch nicht verziehen, doch Kenneth biss die Zähne zusammen.

„Was hast du vor?“, fragte Raven ein wenig misstrauisch. Er konnte mit einem zahmen Kenneth genauso wenig anfangen, wie umgekehrt. Die Feindseligkeit des Menschen war bisher etwas, woran er sich orientieren konnte. Er folgte Kenneth ins Bad und wartete erst einmal ab, was jetzt kam.

„Du kommst an die Wunden auf dem Rücken selber nicht dran. Und ehe sich das entzündet und Ärger macht, will ich sie schnell auswaschen und desinfizieren", erklärte Kenneth, was er vor hatte und humpelte zu seiner Tasche zurück, in der er ein von Doc zusammengestelltes Täschchen mit dem Nötigsten hatte. So war er flink wieder im Bad und sah Raven fragend an. Noch hatte der Dämon die Chance, ihm einen Vogel zu zeigen und kopfschüttelnd das Bad wieder zu verlassen.

Doch der Dämon nickte nur und drehte Kenneth den Rücken zu. Jetzt bewegte er sich wieder auf bekanntem Terrain. Sich gegenseitig die Wunden versorgen war etwas, das er kannte und mit seinen Waffenbrüdern praktizierte. Zwar war eine Versorgung nicht mehr wirklich nötig, aber er wertete es als Dank für die Rettung.

Kenneth machte sich sogleich daran, die Pads mit Desinfektionsmittel zu tränken und tupfte erst einmal vorsichtig über eine der offenen Stellen. Er wollte sehen, ob Raven zusammenzuckte, doch der verzog keine Miene. Also machte Kenneth etwas intensiver weiter und wischte das Blut nach und nach weg. „Doc hat übrigens Recht gehabt", sagte er irgendwann und erst nach einer gefühlten Unendlichkeit redete er weiter. „Ohne dich wären wir jetzt Fischfutter. Danke noch mal." Nur gut, dass er Raven dabei nicht ansehen musste.

„Hm“, machte Raven nur, denn er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Den Menschen war Reden wichtig, aber Raven konnte sich einfach nicht daran gewöhnen. Er ließ lieber Taten sprechen. Ungeduldig wartete er darauf, dass Kenneth fertig wurde, dann drehte er sich um und hielt die Hand des Menschen fest.

Ohne noch etwas zu sagen, zog er Kenneth an sich und küsste ihn. So hinderte er den Menschen daran, noch mehr zu sagen, auf dass er nichts zu entgegnen wusste. Kenneth hingegen hatte im Augenblick andere Sorgen, als noch etwas sagen zu wollen. Da war es wieder, was ihn an Raven so reizte.

Die Dominanz.

Er wusste, was er wollte, und merkwürdigerweise schien er auch zu wissen, was Kenneth wollte. Zwingen musste er den Menschen jedenfalls nicht, dass er den Kuss vertiefte und ausgehungert mehr forderte. Die Flasche mit dem Desinfektionsmittel glitt Kenneth aus der Hand, doch zum Glück war sie verschraubt. Sie rollte nur leise über die Fliesen und selbst wenn sich das Desinfektionsmittel auf dem Boden verteilt hätte, wäre es den beiden noch nicht einmal aufgefallen. Raven raffte Kenneth an sich und seine Hände begannen ihn auszuziehen. Ungeduldig drängte er den Menschen gegen eine der Wände und grollte leise. So sehr ihn Kenneth mit ein paar Worten auf die Palme bringen konnte, so sehr heizte er durch seine Küsse die Lust des Dämons an.

Dabei ahnte das Kenneth noch nicht einmal. Er ließ Raven gewähren, denn er wusste nur zu gut, dass er am Ende reichlich zufrieden sein würde. Vielleicht war das der Grund, warum er es nie lange mit ein und demselben Mann ausgehalten hatte, sie waren ihm alle nicht herrisch genug gewesen, nicht bestimmend genug. Raven war ganz anders. Er zeigte, was er wollte und er nahm, was er wollte, schien aber das Gespür dafür zu haben, wann er davor war, zu weit zu gehen.

Und so raubte er Kenneth ein weiteres Mal gänzlich den Verstand. Er spürte noch nicht einmal mehr, wie er gegen die kalten Fliesen geschoben und sein nackter Rücken fest dagegen gepresst wurde. Er spürte nur die Hitze, die ihn durchwanderte. Angefangen in den Fingerspitzen, die auf Ravens Haut lagen, weiter die Arme entlang. Seine Körpermitte brannte und der Kopf setzte aus. Er war willenloses Wachs in Ravens Händen.

Kenneths Nachgeben war das Startsignal für Raven, dass der Mensch sich ihm unterwarf und er sich nehmen konnte, was er brauchte. Seine Hände griffen unter den festen Hintern und hoben seinen Gespielen hoch. Sex in der Dusche war zwar ganz okay, aber auch wenn man es nicht glauben mochte, zog der Dämon eine weiche Unterlage vor. Er hatte schon viel zu oft in seinem Leben unbequemen Sex gehabt. Darum ging er hinüber in ihr Zimmer und ließ sich mit Kenneth auf das Bett fallen.

Er hatte schon die Erfahrung gemacht, dass es nicht zu seinem Nachteil war, wenn er Kenneth die Zügel ein wenig locker ließ und so war es auch heute. Der Mensch, der nun auf ihm lag, rieb sich aufreizend an Ravens elektrisiertem Leib. Jede Berührung brachte ihn weiter und Kenneth ging es nicht anders. Wie im Rausch trieb er sich über Raven, küsste ihn. Mal spielten ihre Zungen verliebt, mal fochten sie ein unerbittliches Duell. Fest klammerten sich seine Hände um Ravens Oberarme. Kenneth suchte Halt, denn er verlor langsam die Kontrolle über sich selbst.

Das war Raven nur Recht, darum tat er alles, um Kenneth so weit zu bringen. Der Mensch gebärdete sich dann wild und aufreizend und das versprach eine lustvolle Nacht. Seine Finger krallten sich in den festen Hintern und ließen Kenneth aufstöhnen, als er ihn fest gegen seinen Schoß drückte. Er war ungeduldig und das zeigte er auch. Zeit konnten sie sich auch später noch nehmen. Im Augenblick gierte er nach Befriedigung und dem Gefühl, nicht zu versagen. Die letzten Tage steckten ihm noch in den Knochen und Kenneth war das Beste, was ihm passieren konnte, um sich abzureagieren.

„Hm!", entrang es sich Kenneths Kehle, als Raven ihn plötzlich unter sich brachte und so öffnete er willig die Schenkel. Nur zu gut wusste sein Körper, was er bekam, wenn er sich anbot.

Raven grollte leise und zufrieden, als Kenneth sich ihm entgegen hob und sacht biss er in den überstreckten Hals, allerdings ohne Blut zu fordern. Die Schauer, die dabei durch den Körper des Menschen liefen, machten ihn an und lockten seine Leidenschaft hervor. Kenneth war bereit und darum verlor Raven keine Zeit und nahm den Körper seines Gespielen in Besitz. Raven war groß und doch überwog die Lust über dem Schmerz.

Ungehalten stöhnte Kenneth und seine Nägel gruben sich tiefer in Ravens Rücken, kratzten darüber. Dass er dabei ein paar der eben erst versorgten Wunden wieder aufriss, merkte er noch nicht einmal. Er hörte nur noch das Blut in seinen Ohren rauschen und Ravens donnernden Herzschlag, der über ihre Verbindung durch seinen eigenen Leib brandete.

Immer wieder wurde Kenneth durch die kräftigen Stöße über das Bett geschoben, das dabei gegen die Wand knallte, aber das störte sie nicht. Sie waren Gefangene ihrer Lust und bekamen gar nicht mit, dass man sie gut im Raum nebenan hören konnte.



+++



„Machen die das eigentlich jede Nacht? Meine Güte!" Sick, der in Blades Armen lag und ein wenig fernsah, um die Geräusche von nebenan auszublenden, rollte genervt mit den Augen. Er spürte sehr wohl, dass Blade derartigen Aktivitäten nicht abgeneigt wäre, doch Sick fühlte sich noch nicht bereit dazu. Es wäre ein zu großer Schritt für ihn und er war froh, weil Blade ihn nicht drängte. Aber die zwei Idioten nebenan machten es wirklich nicht einfacher!

„Soll ich darauf achten und dir berichten?“, lachte Blade leise und küsste Sick auf die Schläfe. Das war so typisch für den kleinen Wirbelwind und auch ein Grund, warum er sich in ihn verliebt hatte. Er zog Sick auf sich und küsste ihn sanft. Schmusen war eigentlich nicht sein Ding, aber mit seinem Freund war es genau richtig.

„Lieber nicht. Wie soll ich denen noch in die Augen gucken, wenn ich dann jedes Mal diese Geräuschkulisse im Ohr habe", knurrte Sick, doch dann hatte er keine Lust mehr zu reden. Er stupste Sparky verspielt, die nebenan auf einem Kissen lag und fernsah. Er selber genoss die wenigen Stunden, die ihm mit Blade noch blieben. Er konnte es nicht vermeiden, dass er in Sorge war, sobald sich ihre Wege trennten. Morgen früh würde das nicht anders sein.

„Du wirst schon einen Weg finden, sie damit aufzuziehen, Schatz.“ Blade zwinkerte Sick zu und kniff ihn sanft in den Hintern. „Ich glaube, bei den beiden bahnt sich etwas an. Zumindest für Kenneth. Er ist dabei sich zu verlieben.“ Diese Entwicklung machte ihm ein wenig Sorgen, denn der Dämon war unberechenbar. Sick hob eine Braue und guckte auf die Wand, als könnte er durch sie hindurch sehen. Dann sah er wieder auf Blade, denn wie jeder Soldat, war er ein guter Beobachter und hatte ein Gespür für sein Umfeld. Was er sagte hatte Hand und Fuß. Sick sagte lieber nicht, was er von der Vermutung hielt. Er mochte Kenneth eigentlich, auch wenn sie nicht viel mit einander zu tun hatten. Und ihn dann verletzt zu sehen, machte ihm keinen Spaß. Doch der Mann war alt genug und die Nacht viel zu kurz, als dass Sick sie mit den Gedanken an andere verplempern wollte. So streckte er sich wieder auf Blade aus.

Blade hob seinen Kopf, damit er Sicks Lippen zu einem Kuss einfangen konnte. Zwar ließ er seinem Freund Zeit, den letzten Schritt zu gehen, aber das hieß ja nicht, dass er sich nicht nehmen konnte, was sein Freund bereit war zu geben. Seine Hände schmuggelten sich unter das Shirt und strichen über die warme Haut. Und so gelang es ihm, nur mit ein paar zarten Berührungen, dass Sick sich bog und wand wie eine Katze und sich immer fester an ihn schmiegte. Der Fernseher war uninteressant, Sparky war bald die einzige, die noch ab und zu ein Auge darauf warf. Aber nur so lange, bis sie quiekend das Feld räumte, weil Blade sich vorsichtig mit seinem Liebling in den Amen drehte. So konnten sie die ganze Nacht verbringen.


27

Die untergehende Sonne färbte den Himmel, als sie am nächsten Tag den Flughafen Hongkong verließen. Raven sah sich um und atmete tief durch. Er sah zwar die Notwendigkeit der Flüge ein, aber sie behagten ihm immer noch nicht. Es war eng und laut, eine Kombination, die ihn gereizt machte.

Die Luft war voller unbekannter Gerüche und das machte ihn neugierig. Diese Erde war vielseitiger und interessanter, als er gedacht hatte. Und auch wenn es völlig gegen seine Art war, sich seiner Neugier hinzugeben, musste er wissen, was hier so anziehend roch. Also folgte er unauffällig seiner Nase und fand sich vor einem Schnellimbiss mit landestypischen Spezialitäten wieder, während Kenneth schon den Mund verzog. Er war derjenige, der sich auf die Reise hier her am wenigsten gefreut hatte und der hoffte, dass sie hier so schnell weg waren wie aus Schottland. Dieses Essen war nichts für ihn. Zum einen hatte er schon zu viel darüber gehört, zum anderen aß er grundsätzlich nichts, von dem er nicht wusste, was es war oder was er nicht aussprechen konnte. „Wer so was isst, der frisst auch kleine Kinder", murmelte er angewidert.

Raven ließ sich davon nicht abhalten. Er schnupperte und zeigte auf das, was für ihn am köstlichsten roch. Diese Spieße musste er probieren. „Ken, kannst du das mal bezahlen?“, rief er zu dem Menschen hinüber. Er hatte kein Geld dabei, weil er es nicht mehr gebraucht hatte, seit er mit der Gruppe unterwegs war.

„Was?" Kenneth guckte angewidert auf die Tüte, in der sieben von den Merkwürdigkeiten verschwanden. Dafür sollte er sein sauer verdientes Geld opfern? Doch als Raven ihn finster anblickte, zückte er lieber einen Schein aus der Tasche, den er eben aus dem Geldautomaten am Flughafen gezogen hatte - seiner Kreditkarte sei Dank.

„Als ob der noch was Potenzsteigendes nötig hätte", hörte er plötzlich hinter sich jemanden leise murmeln und guckte nicht schlecht, als er Blade erkannte.

„Was?", fragte er erneut und der Soldat deutete breit grinsend auf die Spieße.

„Schlange ist ziemlich gut für die Libido, sagt man."

Und Kenneth wurde erst blass, dann übel.

„Schlange?“ Raven sah sich einen Spieß kurz an und biss dann hinein. Er konnte sich darunter nichts vorstellen, aber das war auch egal. „Lecker“, murmelte er kauend und hielt Kenneth die Tüte hin, schließlich hatte der bezahlt. „Hattet ihr schon Kontakt mit unserer Zielperson?“, fragte er Blade, denn die anderen waren schon seit zwei Stunden in Hongkong.

Während Kenneth dankend ablehnte und würgende Geräusche machte, hob Blade eine Braue. „Hast du dir eine Vorstellung von den Ausmaßen dieser Stadt gemacht? Es war schlauer, auf euch zu warten und gemeinsam in das Viertel zu fahren, wo er wohnen soll." Sie hatten alle nur Handgepäck und nun konnten sie sich ihren Mietwagen holen und sich auf die Suche machen. Sick hatte ihr Navigationsgerät gefüttert.

„Okay.“ Raven nahm seine Tasche auf und signalisierte, dass sie gehen konnten. Essen konnte er auch im Laufen. Sie gingen zu dem Parkplatz der Autovermietung, wo die anderen schon warteten. Alle waren angespannt, denn keiner wusste, was die nächsten Stunden brachten. Wenn sie Pech hatten, waren ihre Gegner auch hier und es kam zum Kampf. Doch erst einmal genossen sie die Landschaft und vor allem das Meer, denn der Flughafen lag mitten im Wasser. Kenneth hatte etwas in der Art noch nicht gesehen und so war er die ganze Zeit dabei, sich an der Scheibe des Mietwagens die Nase platt zu drücken. Sie hatten wieder zwei Wagen, damit sie flexibler waren und bequemer voran kamen und so saß er neben Doc, der fuhr.

Vom Chek Lap Kok ging es über die Schnellstraße nach Kowloon, was sie nach fast einer Stunde erreicht hatten. Doc folgte einfach immer Blades Wagen, der würde sie schon leiten.

Dieser Jun Xao Pen lebte in den New Territories, das lag in der Nähe von Kowloon. Dort war es viel ruhiger, als im sonstigen Hongkong. Es gab Wälder und Seen, an denen schöne Häuser standen. Während der Fahrt sagte kaum jemand etwas, denn in Gedanken waren die meisten dabei sich zu überlegen, wie sie am besten vorgingen, um den Stein zu bekommen. Für sie stand schon einmal fest, dass der Mann gewarnt sein könnte. Mc Namara mochte ihnen die Adresse gegeben haben, doch das Hemd war einem näher als die Jacke. Es war davon auszugehen, dass er sofort telefoniert hatte, kaum dass die komischen Vögel aus dem Haus gewesen waren.

Was konnte also im schlimmsten Fall passieren?

Daran, dass sie den Stein so leicht bekamen wie den letzten, glaubte keiner. Nur war die Frage, zu welchen Mitteln sie greifen mussten, um ihn an sich zu bringen. Blade ging grundsätzlich von Problemen aus, aber das behielt er für sich. Sich jetzt bereits den Kopf zu zerbrechen brachte nichts, solange er die Fakten nicht kannte.

„Da isst der Schlangenspieße", platzte es irgendwann aus Kenneth heraus, der zusammen mit Doc und Powaqa im zweiten Wagen hockte und das Auto vor sich nicht aus den Augen ließ. Das hatte jetzt so lange in ihm gearbeitet, dass er den Gedanken aussprechen und loswerden musste. Powaqa lachte leise und Doc schüttelte nur den Kopf. Na wenn der keine anderen Sorgen hatte, dann war doch die Welt in Ordnung.

Das hieß aber auch, dass man Kenneth damit ein wenig aufziehen konnte. „Ach komm, Schlange muss lecker sein, so schnell, wie der Dämon die verputzt hat. Du solltest vielleicht auch mal probieren.“ Doc konnte es einfach nicht lassen, wenn er eine Gelegenheit hatte und Kenneth war gerade ein dankbares Opfer.

„Wer so was in sich rein stopft, der frisst auch kleine Kinder", knurrte Kenneth, der das immer noch nicht verstehen konnte. Er war nun einmal ein zivilisationsgeschädigtes Kind. Er liebte sein anonymes Fastfood und am liebsten dann, wenn er nicht wusste, woraus es gemacht war. Alles was von seiner Linie abwich, damit konnte er nicht richtig umgehen. Es war nicht so, dass er intolerant war, ihm fehlte einfach die Neugier auf das Neue.

„Hm, da sollten wir Raven mal fragen, ob der so was macht“, grinste Doc und lachte laut, als Kenneth knurrte. „Ach komm, so schlimm ist das doch nicht. Ich würde das zwar auch nicht essen, aber wenn es ihm doch schmeckt. Blade isst so was auch und der frisst ganz bestimmt keine kleinen Kinder.“ Kurz nur landete sein Gedanke bei Sick, doch er sprach es nicht aus. Es war deren Sache, wie sie zu einander standen. Und so lange sie sich mochten und einander ein ruhiger Pol sein konnten, war das doch nicht schlecht.

„Blade ist Söldner. Das ist noch was anderes. In Notsituationen okay - aber das eben war keine Not!" Kenneth schüttelte sich immer noch. Also, ihn musste der Kerl jetzt nicht mehr küssen! Da war er eigen. Und es wunderte ihn nicht einmal mehr, wie leicht ihm der Gedanke kam, Raven zu küssen.

„Okay.“ Doc gab auf, denn das schien ein Reizthema für Kenneth zu sein und auf eine Grundsatzdiskussion über Essen hatte er keine Lust, dazu war es ihm nicht wichtig genug. So kehrte wieder Ruhe im Wagen ein und jeder hing seinen Gedanken nach. Die Landschaft flog an ihnen vorbei und langsam machte sich bei Doc ein wenig Nervosität breit, wie vor jedem Einsatz. Mehr noch in den letzten Tagen, denn ihre Gegner waren nicht zu unterschätzen.

Noch einmal suchte er Kenneths Blickkontakt und musterte ihn eine Weile, bis Kenneth es bemerkte und fragend zurück blickte. „Haben sie dich eigentlich noch mal heimgesucht?", fragte er und Kenneth verstand nicht gleich, doch dann fiel der Groschen und er schüttelte den Kopf. „Nein. Seit Raven bei mir ist nicht mehr", musste er zugeben.

„Hm, jetzt ist nur die Frage, ob das Zufall ist oder ob sie wissen, dass er auf dich aufpasst“, murmelte Doc und tippte sich gegen die Oberlippe. Das konnten sie jetzt nicht klären. Er wurde aber aus seinen Überlegungen gerissen, weil er abbiegen musste. Blade war auf ein Grundstück eingebogen. Sie hatten wohl ihr Ziel erreicht.

„Mir egal", sagte Kenneth. Denn warum sie ihn in Ruhe ließen, spielte für ihn keine Rolle. Für ihn zählte nur die Tatsache. Anders als Raven und Blade, die schon aus dem Wagen gestiegen waren, blieb Kenneth erst einmal sitzen und sah sich in alle Richtungen um.

Hier wohnte der Kerl also? Nicht übel.

Das alte, traditionelle Haus aus Holz war von einem kleinen Hain umringt. Bambus wuchs wild hinter dem Haus und überwucherte es.

Kenneth sah noch kurz nach hinten, zu dem geschnitzten Tor, durch das sie gerade gefahren waren und stieg ebenfalls aus. Er wollte gerade zu den anderen gehen, als die Haustür sich öffnete und ein alter Asiate herausschaute. Sich immer wieder verbeugend kam er ihnen entgegen und rief irgendetwas auf Chinesisch, was leider keiner von ihnen verstand. Kenneth beguckte sich den Mann genauer. War das der Gesuchte, dessen Namen er sich nicht merken konnte? Er war entschieden älter als die anderen, die sie bis jetzt besucht hatten.

Schlagartig wandte er sich zu Raven um, als der Dämon knurrte. Er musste sich schwer beherrschen, als er durch zusammen gebissene Zähne erklärte, dass er den Stein nicht spüren konnte.

„Was?“, fragte Doc irritiert und wandte sich dem alten Mann zu, um Schlimmeres zu vermeiden, weil man sehen konnte, wie Raven einen Schritt vorging. „Wir möchten zu Jun Xao Pen, ist er da?“, fragte er darum und der alte Mann hielt in seinem Redeschwall inne und fing an mit den Händen zu wedeln.

„Nix da! Gehen! Weg, weg! Privatbesitz!“, rief er nun in gebrochenem Englisch und Kenneth zog den Kopf ein. Er wusste nur zu gut, dass das für Raven geradezu eine Einladung war, sich den Kerl an den Füßen zu greifen und so lange kopfüber hängen zu lassen, bis er hatte, was er wollte.

„Wo ist Jun Xao Pen?", versuchte es also Blade eindringlich und brachte sich erst einmal zwischen den Chinesen und Raven. Sollte der Mann nicht begreifen, dass es besser war, mit ihm zu reden, konnte Blade immer noch Raven den Vortritt lassen.

Der Mann wollte gerade wieder anfangen zu zetern, kam aber nicht dazu, weil Raven eindeutig die Geduld verlor und einfach über Blade sprang. Als er hinter dem Chinesen aufkam, leuchteten seine Augen rot und seine Flammenhaare umwaberten ihn. „Wo ist Jun Xao Pen?“, knurrte er gefährlich und packte den alten Mann am Kragen. Der war wie erstarrt und ohne es wirklich zu wollen, hatte Raven den wunden Punkt der Chinesen gefunden - ihr Aberglaube. Wissend, dass ein Dämon ihn heimgesucht hatte und sein Seelenheil in Gefahr war, fing er an, in seiner Sprache zu plappern. Hastig und laut, gestikulierte mit den Händen und versuchte sich aus Ravens Reichweite zu bringen. Immer wieder wiederholte er ein Wort, das ein Ortsname sein konnte. Kenneth war sich da nicht sicher.

„Raven, lass ihn sich beruhigen - er wird jetzt bereit sein zu reden", schlug er vor. Er hatte das so im Gespür.

Kenneth musste seine Worte noch einmal wiederholen, bis der Dämon sie wahrnahm und ihn anblickte. Erst sah es so aus, als wollte Raven es einfach ignorieren, aber dann löste er seine Finger aus der Kleidung des Alten. Er neigte kurz den Kopf und trat einen Schritt zurück. Sollte der Mann glauben, dass Kenneth sein Herr war, das war bestimmt nützlich bei der Befragung.

Kenneth guckte selber nicht schlecht, als der Dämon zurück trat und als Doc ihn ebenfalls fragend anblickte, konnte er nur die Schultern zucken. Doch es war Blade, der den alten Chinesen an der Schulter langsam zu sich umwandte und in einfachen Worten wissen wollte, wo der Herr des Hauses zu finden war. Und es bestand kein Zweifel mehr daran, dass er in der Hölle schmorte, wenn er mit den Fremden nicht kooperierte.

„Herr in Hohhot“, wiederholte der Mann immer wieder und seine Augen schweiften jedes Mal zu Raven. Er bibberte vor Angst, konnte sich aber nicht bewegen. „Wüste Gobi“, stammelte er noch und warf sich schließlich auf die Knie. Der Blick, mit dem ihn Raven bedacht hatte, war dann doch zuviel gewesen. Der Alte schlotterte vor Angst und brachte kein Wort mehr heraus.

„Raven, kannst du im Wagen warten?", fragte Doc, der sich langsam um die Gesundheit des Mannes sorgte. Das konnte nicht mehr lange gut gehen, er war steif vor Angst. So beugte er sich vorsichtig zu ihm, um ihm aufzuhelfen, während Blade in Sicks Navi versuchte Hohhot zu suchen. Doch schnell gab er resigniert auf und zückte das Telefon. Sick musste helfen - und zwar zeitnah.

Doc wartete, bis Raven sich ein paar Schritte entfernt hatte, dann untersuchte er den Mann kurz und war relativ zufrieden. Der Herzschlag hatte sich beruhigt und als der Dämon sich ins Auto setzte, war der Alte nicht mehr so verspannt. Zwar wussten sie jetzt, wo ihre Zielperson war, aber so wie Blade guckte, war er nicht sehr zufrieden. „Wir rücken ab“, knurrte der Soldat knapp und machte auf dem Absatz kehrt.

Ohne ein weiteres Wort setzte er sich neben Raven und startete den Wagen. Kenneth glaubte sich verguckt zu haben, doch wirklich wendete Blade bereits. Also hasteten auch Doc und seine Begleiter zum Wagen, ein letzter Blick auf den Mann, der erleichtert wirkte und dann folgten sie dem ersten Wagen.

Kenneth kam der Weg bekannt vor. Das konnte nur bedeuten, dass es zurück zum Flughafen ging und wirklich meldete sich nach einer ungewissen Viertelstunde Blade über das Headset. Wie immer fasste er sich kurz. „Sick hat eine Passagierliste manipuliert. Wir fliegen in zwei Stunden nach Peking. Dort wartet ein Helikopter von ‚Hunter’ auf uns. Alles weitere vor Ort." Dann war wieder Ruhe und Doc und Powaqa sahen sich fragend an.

„Peking? Das liegt doch am ganz anderen Ende von China?“, murmelte Doc und da war ihm auch klar, warum Blade so gereizt war. Das bedeutete, dass sie schon wieder fliegen mussten und langsam zerrte das bei allen an den Nerven. „So ein Mist. Hat der nichts von Wüste Gobi gesagt? Dann müssen wir ja noch weiter.“

„Na ja", mischte sich nun auch Kenneth ein und lehnte sich wieder in seinem Sitz zurück. Auch wenn er, wie die anderen, nicht begeistert davon war, dass der nächste Weg wieder über die Wolken führte, wusste er aber nun wenigstens wo es hin ging und entspannte sich ein wenig. „Der Kerl hat zwei Tage Vorsprung. Wenn der sich in die Wüste abgesetzt hat, dann kenne ich einen Dämon, der sie entweder pflügt oder verglast", murmelte er leise und hatte wieder die Bilder vom Central Park vor Augen.

„Da sagst du was“, seufzte Powaqa. „Ich werde aus Raven im Moment sowieso nicht schlau. Was hatte das denn gerade zu bedeuten, als er den Mann losgelassen hat?“ Er sah zu Kenneth und Doc sprang gleich auf den Zug auf.

„Ja, Kenni, was hat das zu bedeuten und auch, dass er dir etwas von seinem Essen abgeben wollte. Das ist ganz bestimmt nicht der Sonnenschein, den wir bisher kennen gelernt haben?“, fragte er neugierig und sah Kenneth über den Spiegel immer wieder kurz an.

Der knurrte verhalten und verschränkte die Arme vor der Brust. Woher sollte er das denn wissen? Er wurde aus dem Kerl doch genauso wenig schlau wie der Rest der Menschheit. Nur weil sie das Bett teilten, hieß das ja noch lange nicht, dass er den Kerl besser verstehen musste. Den konnte man doch gar nicht verstehen! Doch es abzustreiten lockte nur Docs Neugier auf den Plan. Je mehr Kenneth leugnete, umso tiefer ritt er sich rein. Also äußerte er nur ein belangloses: „Gute Frage", und guckte weiter aus dem Fenster.

„Och, Kenni.“ Doc war ein wenig enttäuscht von der Antwort, aber er grinste. Wenn sein Freund so wortkarg war, dann war da was im Busch und er hatte etwas, wo er bohren konnte. „Hat unser Streichholz sich noch öfter anders verhalten als sonst?“, fragte er neugierig.

„Doc", knurrte Kenneth und blickte in den Rückspiegel, über den der Arzt ihn immer wieder wissend grinsend ansah. „Du wolltest Feldstudien betreiben, nicht ich. Also pirsch du dich an ihn ran und frage. Ich mache das sicher nicht." So weit kam es noch, dass er von der Fußmassage von gestern Abend erzählte, von anderen Dingen gänzlich zu schweigen. Auch wenn Doc schon mehr wusste, als Kenneth lieb war.

„Spielverderber.“ Doc machte ein enttäuschtes Gesicht, aber er bohrte nicht weiter. Seine Studien würde er allerdings weiter betreiben und das intensiver als vorher. Diese Veränderung war zu krass, als dass das einfaches Kalkül sein konnte oder eine reine Anpassung. Der Kerl sprang über seinen Schatten, etwas, was für einen Dämonen nicht gerade üblich war. Doch vorerst sträubten sich die Forschungsobjekte.

„Hm." Kenneth grummelte noch immer vor sich hin, denn Doc hatte in ihm etwas angestoßen, was er selbst verdrängt hatte. Es war ihm ebenso wenig entgangen, dass Raven sich veränderte. Auch er hatte sich gefragt warum und keine Antwort gefunden. Nun drehte er sich wieder im Kreis und fragte sich, was das war und wie das werden würde, wenn Raven zurückging. Der Gedanke tat irgendwie weh.

Powaqa sah zu ihm hinüber. So wie Kenneth guckte, machte ihm das Sorgen. Man konnte deutlich sehen, dass etwas in dem Psychologen gärte, was sie gerade aufgebracht hatten. Doc war wieder wie ein Elefant im Porzellanladen vorgegangen und hatte mehr angerichtet, als er gedacht hatte. Er sollte einmal mit seinem Freund reden und hoffen, dass Kenneth sich von seinem Problem ablenken ließ.

Ihr Weg führte sie zurück zum Flughafen und während Blade und Raven die Wagen abgaben, machten sich Doc und die anderen beiden schon daran, ihre Tickets abzuholen. „Wer hätte gedacht, dass wir so schnell wieder hier her kommen?", sagte Kenneth und grinste schief, als er auch noch einmal an dem Stand vorbei kam, an dem sich Raven vorhin die Schlangenspießchen geholt hatte. Ihm war es nur recht, dass sie diese Gegend schnell verließen. Wie das allerdings in der Wüste wurde, wollte er sich noch gar nicht vorstellen. Da gab es nicht mal eben einen Pizza-Service oder einen Fastfood-Laden. Leidend griff er sich an den Bauch und suchte mit den Augen, ob er vor dem Start noch etwas zwischen die Zähne bekam, was er kannte.

„Hunger?“, fragte Powaqa und zeigte auf einen Burger King, als sie in der Schlange standen. Er selber konnte auch etwas essen und ein Burger war da nicht das Schlechteste. Es half auch, rotierende Gedanken zu beruhigen, wie es gerade bei Kenneth der Fall war. „Doc, mach das allein mit den Tickets. Ken und ich holen noch was zu beißen“, sagte er darum und zog Kenneth sofort mit sich, damit Doc gar nicht erst protestieren konnte.

„Da weiß man doch wenigstens, was man bekommt", erklärte Kenneth schon wieder zufriedener, als auch er die alt vertraute Reklame zwischen all den anderen Schildern erkannt hatte. Das war es, was er an diesen Ketten so liebte. Egal ob New York, London oder Hongkong, der Geschmack war immer gleich, immer vertraut.

„Und jetzt allen Ernstes in die Wüste?", fragte er den Indianer, der mit seinen Federn in den Haaren schon wieder Aufsehen erregte.

„Ja, wenn ich das richtig verstanden habe, machen wir genau das.“ Powaqa guckte auch nicht sehr glücklich, denn er hatte immer noch im Hinterkopf, dass Raven schnell ungeduldig werden konnte, wenn sie länger suchen mussten. „Wir sollten uns etwas überlegen, wie wir Raven beschäftigen“, murmelte er leise und sah zu Kenneth hinüber. Doch der hob gleich abwehrend die Hände.

„Vergesst es. Es reicht, dass ich den nachts hüten darf. Macht sich bitte einer von euch tagsüber zum Dämonensitter, ich stehe dafür nicht zur Verfügung." So weit kam es noch. Kenneth brauchte seinen Abstand, damit er bei klarem Verstand bleiben konnte, denn in Ravens Nähe war das nicht möglich.

„Ist er so anstrengend?“, lachte Powaqa leise. „Okay, wir werden uns darum kümmern.“ Er hatte sowieso nicht gemeint, dass Kenneth das machen sollte. „Aber ich muss schon sagen, dass Raven sich ein wenig auf dich fixiert. Du und Blade, ihr seid die einzigen, von denen er sich etwas sagen lässt.“

Was daran liegen könnte, dass er sonst nichts zum vögeln hat!, dachte Kenneth so bei sich, doch das sprach er lieber nicht aus. Es reichte, dass Doc ständig merkwürdige Fragen stellte und Andeutungen machte. Von zwei Seiten konnte das Kenneth nur schwer ertragen. Sein sonst so dickes Fell war dünn geworden, weil es ein ganz bestimmter Dämon immer wieder ausgerupft hatte. Und egal um was es ging, schlussendlich landeten Kenneths Gedanken immer wieder bei Raven - es war zum aus der Haut fahren. Er überlegte ja sogar, ihm etwas zu essen mitzubringen! Und schon aus Trotz beschloss er das zu lassen.

Blödes Unterbewusstsein.

Powaqa sah Kenneth kurz forschend an, sagte aber nichts. Wenn sein Freund über Raven reden mochte, dann kam er von sich aus. Jetzt wurde seine Aufmerksamkeit von den Anzeigetafeln des Fastfood-Ladens in Anspruch genommen und Powaqa bestellte wahllos, alles was er las.

Das wurde schon nicht schlecht, denn seine Freunde ähnelten manchmal erschreckend einem Schwarm Heuschrecken, die alles aßen, was nicht weglief und aus dem Grund ließ er sich zwei unscheinbare Burger in eine separate Tüte packen. Dann konnte er das große Paket in die Runde werfen und sich mit seinem Anteil ungesehen absetzen. Es sollte keiner sagen, er hätte nicht aus den letzten Jahren gelernt. Kenneth wurde gleich mit abgefrühstückt und während Powaqa zahlte, hatte der die Tüten unter Aufsicht. Aber nur so lange, bis Blade und Raven sie entdeckt hatten und ihn um seine Beute erleichtern wollten.

Die Tüten waren schnell geleert und dann wurde auch schon ihr Flug aufgerufen. Blade hatte alle noch auf den neuesten Stand gebracht und die Stimmung war etwas gedrückt, weil das bedeutete, ihr Vorsprung schrumpfte immer mehr und die Wahrscheinlichkeit wurde immer größer, dass ihre Feinde auch wieder auf dem Weg waren.

Und so war es nicht verwunderlich, dass außer Blade jetzt keiner neben Raven sitzen wollte, dessen Gesicht man leider nur zu deutlich ansah, was er dachte. Es ging ihm alles nicht schnell genug und die ganzen Menschen um ihn herum gingen ihm auf den Keks. Damit er sich beruhigte, bekam er von Blade einen MP3-Player. So konnte er die Augen schließen, in seinen Sitz sinken und alles um sich herum ausblenden. Kenneth beobachtete ihn eindringlich dabei, ebenso die beiden Damen, die den Dämon beobachteten und tuschelten.

Es war gut, dass Raven davon nichts mitbekam, denn in seinem derzeitigen Gemütszustand konnte das böse enden. Den Frauen der Erde konnte er nichts abgewinnen und ging ihnen so weit wie möglich aus dem Weg. Es wurde kurz brenzlig, als eine der Frauen sich eine der langen Strähnen griff, die über den Sitz hingen. Raven hatte das gespürt und war gleich knurrend herumgeschossen, so dass die junge Frau erschrocken losließ und sich verschüchtert in ihrem Sitz verkroch.

„Keinerlei Benehmen", knurrte Kenneth, meinte damit aber nicht Raven, sondern die Frau, die es gewagt hatte, jemanden anzufassen, ohne dessen Erlaubnis. Wie konnte jemand nur so aufdringlich sein? Doch dann kam der Start und dann lenkten die Stewardessen alle Aufmerksamkeit auf sich. Auch Kenneth ließ sich ablenken und für sein leibliches Wohl sorgen und so verging die Zeit überraschend schnell.


28

Peking war eine Enttäuschung.

Laut, mit verpesteter Luft, präsentierte sich ihnen die chinesische Hauptstadt und nicht nur Raven, mit seiner feinen Nase, fand es unerträglich. So war niemand wirklich dagegen, als der Dämon gleich weiter wollte, obwohl jeder von ihnen eine Pause gut gebrauchen konnten. Eine Nacht im Flieger brachte nicht die Entspannung und den Schlaf, den man sich wünschte. Schon gar nicht, wenn man wusste, dass einem die Feinde schon wieder auf den Fersen sein konnten. Eigentlich konnten die Dämonen überall lauern. Das war ihnen bewusst. Vielleicht war das der Grund, warum man sich immer wieder umsah.

„Einer von ‚Hunter’ soll uns hier abholen“, murmelte Blade und ließ seinen Blick schweifen, aktivierte den Scanner in seiner Uhr und schritt nun die Reihen der wartenden Menschen ab, um zu sehen, wen er ansprechen musste.

Nach ein paar Metern bekam er ein Signal und Powaqa stieß ihn unauffällig an. Etwa drei Meter von ihnen entfernt stand ein Mann, der ebenfalls auf seine Uhr blickte und nun zu ihnen sah. Er nickte knapp und ging ohne Erklärung los. Er wusste, dass man ihm folgen würde.

Der Hubschrauber stand bereit, so konnten sie ohne Verzögerungen weiter.

Alles lief ohne ein einziges Wort, ohne sich zu kennen und langsam wurde Kenneth klar, was für eine ausgeklügelte Organisation ‚Hunter’ eigentlich war. Also raffte er seine Tasche fester und machte, dass er den anderen hinterher kam. Selbst als die Taschen eingeladen wurden und man Platz nahm, wurde nicht ein Wort gewechselt. Das änderte sich erst, als sie die Türen schlossen, die Ohrenschützer und Sprechgarnituren aufsetzten und der Motor startete. Sicher war das System im Inneren abhörsicher.

In sauberem Englisch begrüßte der Chinese seine Passagiere und Blade erklärte - wenn auch in seiner üblich knappen Art - worum es ging, damit der Mann darauf gefasst war, dass ihnen zwei Dämonen den Rotor absengen konnten oder schlimmeres.

Der Mann nickte nur. Sie sollten keine Zeit verlieren, denn sie brauchten ein paar Stunden, bis sie an ihrem Bestimmungsort ankamen. Sie flogen aus der Stadt und die Landschaft veränderte sich nach und nach zu einer Geröllwüste, die sich bis zum Horizont erstreckte. Kenneth, der einmal mehr Sparky beim Wickel hatte, weil Blade, der neben dem Piloten saß, sie gerade nicht gebrauchen konnte, beguckte sich die unwirkliche Landschaft. Hier verloren zu gehen war sicherlich nicht angenehm. Langsam zu verdursten oder zu verhungern? Wenn sie hier abstürzten, was dann? In der toten Gegend fand sie doch niemand.

Er musste in seiner Angst Sparky etwas heftig gedrückt haben, sie fiepte protestierend und Doc, der neben ihm saß, stieß ihn an und grinste. „Geh davon aus, dass Sick unserem Signal an seinem Monitor folgt und sobald wir uns nicht mehr bewegen, ohne das Zielgebiet erreicht zu haben, ist ‚Hunter’ unterwegs, uns einzusammeln.“

Kenneth sah ihn ungläubig an. Konnte der Kerl auch noch Gedanken lesen?

„Manche Dinge kann man in deinem Gesicht lesen“, lachte Doc und Kenneth verzog schief grinsend das Gesicht.

„Ich frage mich manchmal, was Menschen dazu veranlasst, in so einer Gegend zu leben. Man muss ständig um sein Überleben kämpfen. Das wäre nichts für mich. Dazu bin ich zu zivilisationsgeschädigt.“ Doc zuckte grinsend die Schultern und lehnte sich in seinem Sitz zurück.

„Aber um sich zu finden gibt es keine besseren Orte auf der Welt“, mischte sich nun Powaqa ein, weil er über die Sprechgarnitur zuhören konnte. „Du lässt alles hinter dir, was dich einengt, und du findest den eigentlichen Sinn deiner Existenz.“ Sein Blick wurde verklärt und ein warmes Lächeln erschien auf seinen Lippen. Kenneth spürte, dass der Indianer ganz genau wusste, wovon er da sprach. Doch wenn er selbst sich vorstellte, ohne die Annehmlichkeiten des Lebens auskommen zu müssen, behagte ihm das nicht.

„Glaub ihm das nicht. Das hat er mir auch weiß machen wollen und mich in die Wüste verschleppt. Ich habe bald aufgehört zu existieren, weil ich ausgetrocknet und halb verhungert war, aber mehr auch nicht“, lachte Doc und stieß Kenneth an. Powaqa seufzte nur und schüttelte den Kopf. Das war schon seit Jahren ein Diskussionsgrund zwischen ihnen, aber er gab nicht auf. Irgendwann würde auch Doc begreifen, dass der Weg zur inneren Ruhe nur über Entbehrungen führte. Alles hinter sich zu lassen und zu spüren, mit wie wenig man auskommen konnte, war eine Erfahrung, auf die man sich einlassen musste. Doc war dazu einfach noch nicht bereit gewesen.

„Wenn man länger darüber nachdenkt, finde ich den Gedanken nicht so abwegig“, sagte Kenneth nachdenklich und sah wieder nach draußen. So entging ihm Docs dummes Gesicht.

„Ist er auch nicht. Ich mache so etwas vor Schlachten. Man kann seinen Geist leeren und für das Wesentliche öffnen. Alles Störende und Hinderliche wird abgelegt, der Blick geschärft“, meldete sich nun Raven zu Wort. Etwas, womit wohl niemand gerechnet hatte, wenn man die Blicke, die auf ihm lagen, richtig deutete. „Wir trainieren so auch unsere geistigen Fähigkeiten.“

„Wer hätte das gedacht“, murmelte nun auch Doc. Es war jetzt nicht so, dass er ab sofort auch ein Wüsten-Meditierer werden wollte, aber einmal darüber nachzudenken, dass vielleicht mehr dran war, als er bis jetzt geglaubt hatte, war es sicherlich wert.

Auch Kenneth guckte den Dämon noch eine Weile an und wunderte sich einmal mehr, weil der Kerl sich von sich aus an einem - für ihn sicherlich - belanglosen Gespräch beteiligte. Sonst antwortete der nicht einmal, wenn man ihn etwas fragte und nun so etwas. Aber wie hatte Raven gesagt? Sie wären ein Team, Menschen würden diese Art Benehmen erwarten. Der perfekte Krieger bediente sich also dessen, was nötig war, um ans Ziel zu kommen.

Oder doch nicht?

Es kam einem fast so vor, als hätte dieser Kerl mehr Facetten als ein Diamant, was es nicht gerade einfacher machte, ihn einzuschätzen. Immer, wenn man glaubte, etwas über ihn herausgefunden zu haben, machte er es wieder zunichte. Einmal angenommen, Raven versuchte nicht nur, sich anzupassen, damit die Teamarbeit besser klappte, was hatte der Dämon dann davon?

Wenn seine Aufgabe hier erfüllt war, ging er wieder und kam auch nicht mehr zurück auf die Erde. Also warum das alles? Welchen Nutzen hatte er davon? Kenneth wusste es nicht und so schob er es wieder auf das, was er wusste: Alles, was zählt, war der Auftrag!

Eine Weile herrschte wieder Ruhe im Helikopter. Doc und Kenneth hatten die Plätze getauscht, damit der Arzt für ihren Jüngsten ein paar Bilder machen konnte. Er wusste so gut wie jeder andere, dass Sick nur zu gern mit gekommen wäre, doch er war hinter seinen Monitoren Gold wert und das war ihm selbst auch bewusst. Ihm war klar, wo sein Platz war, deswegen hatte er auch nicht gemeutert.

„Wie wird es weiter gehen, wenn wir in Hohhut gelandet sind?“, wollte Kenneth irgendwann wissen, weil er sich langweilte. Über Raven zu grübeln, brachte ihn einfach nicht weiter und so wollte er seine Gedanken eben ablenken.

„Wir suchen unseren Freund mit dem Stein. Wir sollten uns aufteilen, damit wir jemanden finden, der uns versteht“, meldete sich Blade von vorne, wurde aber von dem Piloten unterbrochen, der seine Hilfe anbot. Er sollte bei ihnen bleiben, bis sie wieder zurück wollten. „Die Stadt ist recht klein. Es dürfte nicht schwierig sein, den Mann zu finden.“

„Sofern er noch da ist und sich nicht in die Weiten der Wüste abgesetzt hat“, gab Doc zu bedenken, der schon wieder dazu übergegangen war, mit Sparky zu raufen. Keine gute Idee, wenn man irgendwo zwischen Himmel und Erde schwebte und keine Chance hatte, wegzulaufen, sollte die Riesenhamsterratte sich wehren.

„Das wäre schlecht. Mit einem Auto und genügend Proviant und Ausrüstung könnte er dann überall sein und im ungünstigsten Fall brauchen wir Tage, bis wir eine Spur entdecken.“ Blade knurrte leise. Diese Mission hatte zu viele Unbekannte, weil sie nicht genügend Zeit zur Vorbereitung hatten. „Unsere einzige Chance wäre es, jemanden zu finden, der weiß, wo er hin wollte, denn normalerweise geht niemand in die Wüste, ohne diese Absicherung.“

„Wir fragen Jesh'Kent“, schlug der Pilot vor. Er war der Bürgermeister und er hatte seine Augen und Ohren überall. Er war kein ‚Hunter’, er wusste nicht einmal, dass es eine solche Organisation oder Dämonen gab, doch er hielt seine Stadt sauber und jeder Fremde, der kam, wurde argwöhnisch beobachtet.

Damit war alles gesagt und der restliche Flug verlief schweigend. Man hörte nur Doc ab und zu fluchen, wenn Sparky ihn erwischt hatte.

Sie landeten etwas außerhalb der kleinen Ansiedlung, die kaum die Bezeichnung Stadt verdient hatte und Doc legte die Hand über die Augen, um sie gegen die Sonne zu schützen. Hoffentlich brauchten sie nicht lange hier zu bleiben.

Der Helikopter wurde an dem kleinen Landeplatz, auf dem er stand, von den Mechanikern gecheckt und frisch betankt, während ein Mann mit mongolischen Zügen ihnen schon entgegen kam. Wie es schien, hatte auch hier schon jemand dafür gesorgt, dass sie einen Wagen bekamen und einen Einheimischen, der sich auskannte.

Schnell wechselten der Mann und ihr Pilot, der sich übrigens als Ho vorgestellt hatte, ein paar Worte, die keiner der ‚Hunter’ verstand, dann winkte Ho ihnen wieder. Es ging weiter zu dem Wagen. Nicht das, was Kenneth erwartet hatte, aber beim zweiten Gedanken genau das richtige Gefährt für diese Gegend, denn Straßen schienen hier nur angedeutet, nicht asphaltiert. Da war der hohe Militärwagen mit den riesigen Reifen ideal.

Als sie einstiegen, berichtete Ho, was der Mechaniker ihm gesagt hatte. Ein Fremder war vor zwei Tagen angekommen und hatte die Stadt schon wieder in Richtung Norden verlassen. Dort gab es wenige Häuser und Siedlungen, also war anzunehmen, dass ihre Zielperson in der Wüste übernachtete, was die Suche nicht einfacher machte.

„War klar, dass der Vogel es uns nicht einfach macht. Hoffen wir für seine gierige Seele, dass wir ihn vor den anderen finden, denn dort wird keiner seine Todesschreie hören“, sagte Powaqa mit latenter Wut in der Stimme. Wie kleingeistig musste man sein, um wegen eines Steins, der einem nicht einmal gehörte, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Aber meist brachte die Gier den Menschen um - blieb zu hoffen, dass es dieses Mal eine Ausnahme gab, er hatte in seinem Leben schon zu viel Blut gesehen.

„Wir gehen zu diesem Jesh'Kent, wenn einer uns weiterhelfen kann, dann er“, legte Doc fest und Ho nickte. Sie fuhren in die Stadt und hielten vor einem Haus, das nicht viel anders aussah, als die restlichen in der Stadt. „Das Rathaus. Hoffen wir, dass er auch da ist.“ Ho wollte noch etwas sagen, aber da öffnete sich die Tür und ein älterer Mann kam zu ihnen.

Jesh’Kent hatte den Wagen vom Hubschrauber-Landeplatz erkannt und wollte die Gäste, die in die Stadt kamen, begrüßen. Er war rundlich und sonnengebräunt, die Haut wirkte verwittert von der rauen Luft und der Sonne. Doch seine Augen strahlten freundlich. Er hatte eine Hand in der Hosentasche, die andere streckte er Ho entgegen, sie schienen sich gut zu kennen, denn der Mann zog den Piloten gleich an sein Herz. Wieder sprachen sie Worte, die keiner der Gäste verstand, aber man konnte es so deuten, dass Ho die Fremden vorstellte, denn aufmerksam beobachtete der Bürgermeister einen nach dem anderen.

Er deutete ins Haus und Ho erklärte, dass sie zu einem Tee eingeladen waren. Die Menschen in der Wüste waren sehr gastfreundlich und es schickte sich nicht, Fremdem nicht wenigstens einen Tee anzubieten. Jesh'Kent führte sie ins Haus und eine ältere Frau brachte ein Tablett mit Tassen, verbeugte sich leicht und ließ sie wieder allein. Nun saßen sie am Tisch und der Bürgermeister fragte Ho, was ihn herführte.

Überraschenderweise sprach er englisch, holprig aber verständlich und lachte leise in sich hinein, als er die Fremden die Brauen heben sah. „Ich habe studiert, Wirtschaft. An der Universität habe ich auch Englisch-Kurse genommen. Das kann man immer brauchen“, erklärte er sich und Blade nickte. „Also, was führt euch von Peking in dieses unwirkliche Land?“, wollte er wissen, denn ihm war bewusst, dass niemand hier her kam, der nicht musste. Schon gar nicht solche wie die Fremden.

„Wir suchen jemanden, der von hier aus in die Wüste gestartet sein soll“, sagte Blade und die anderen murmelten zustimmend. Doch weil Jesh'Kent sich noch nicht zuckte, ihnen etwas zu sagen, sondern auf mehr Informationen zu lauern schien, fügte er hinzu: „Er hat etwas entwendet, was uns gehört. Genau genommen ihm.“ Dabei deutete er auf Raven.

Jesh'Kent sah zu Raven und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Dieser Mann war ihm unheimlich und unauffällig machte er ein Zeichen gegen böse Geister. „Er hat etwas gestohlen?“, fragte er nach. Er kannte Jun Xao Pen und dass dieser Mann etwas gestohlen hatte, konnte er sich fast nicht vorstellen. Aber er war kein guter Schauspieler, zumindest nicht um seine Gedanken vor Blade zu verbergen, deswegen versuchte der es diplomatisch.

„Ja, vor langer Zeit schon. Zusammen mit ein paar Freunden hat er vor vielen Jahren ein Grab entdeckt und ein Zepter, was ebenfalls zum Schatz gehörte, an sich gebracht. Das Zepter haben sie dem Museum später übergeben, doch die fünf Edelsteine, die daran befestigt waren, haben sie mitgehen lassen. Zwei haben wir bereits.“ Mit überraschend vielen Worten erklärte sich Blade, was die anderen in ihre Teetassen schmunzeln ließ.

„Ein Edelstein?“ Jesh'Kent wiegte den Kopf ein wenig und sein Blick ging wieder zu Raven. „Warum sind diese Steine so wichtig für dich?“, fragte er direkt und alle hielten die Luft an, weil keiner einschätzen konnte, was der Dämon sagte.

„Sie gehörten meiner Familie und sie zu bekommen, hat viele Opfer gefordert. Ich bin es ihnen schuldig, sie wieder in meinen Besitz zu bringen.“ Das war nicht einmal gelogen, die Herstellung der Steine hatte Opfer gefordert, auch bei seiner Familie.

Zufrieden nickte der Bürgermeister, er hatte gehört, was er hören wollte. Jemand, der seine Familie ehrte, war kein schlechter Mensch. Der erste Eindruck konnte eben auch täuschen. Zum Glück sah er nicht, wie fassungslos Kenneth auf den Dämon starrte. Nur gut, dass hier keiner Gedanken lesen konnte.

Powaqa überlegte, ob er die Sache mit dem Fluch noch hinterher schicken sollte, doch Jesh'Kent schien zufrieden, dann musste man ihm nicht mehr Informationen geben, als nötig waren. Das provozierte nur weitere Fragen.

„Er ist nördlich gefahren, Richtung mongolische Grenze. Mehr weiß ich auch nicht. Aber ich denke, er wird sich nicht sehr weit von der Straße entfernen, weil er sich nicht besonders gut in der Wüste auskennt. Aber trotzdem wird es schwer, ihn einzuholen, außer er hat für eine längere Zeit ein Lager aufgeschlagen.“ Jesh'Kent erhob sich, denn für ihn war alles gesagt und seine Gäste sollten aufbrechen.

„Ho wird euch zeigen, wo ihr Wagen und Verpflegung bekommt. Ich wünsche euch viel Glück“, sagte er und lächelte, ehe er langsam den Raum verließ. Leise war erleichtertes Aufatmen zu hören und Kenneth konnte endlich seine Tasse leeren. Die Anspannung hatte ihm im Nacken gesessen. Doch Blade hatte sich zusammen mit Raven schon erhoben. Das war wieder typisch Dämon, so kannte man ihn und damit konnte Kenneth umgehen. Er grinste schief und folgte, als die Gruppe ebenfalls den Raum verließ.

Ho fuhr mit ihnen zu einer Lagerhalle, in der sie sich mit allem, was sie noch brauchten, eindecken konnten. Eine Stunde später waren sie soweit und brachen auf. Es gab einen Weg, dem sie folgen konnten, allerdings diesen als Straße zu bezeichnen, wäre übertrieben. Es waren eher Spuren im Boden, die sich über die Jahre eingegraben hatten. Sie unterschieden sich kaum von dem angrenzenden Gelände. Ho blieb zurück, er wollte darauf achten, dass der Helikopter gewartet wurde und die ‚Hunter’ dann zurück fliegen. Derweil konnte er sich im Örtchen etwas nützlich machen. Ein Elektriker wie er wurde immer gebraucht, wenn die Leitungen alt und marode waren.

Derweil waren Blade und seine Truppe in zwei Wagen unterwegs und sie kamen überraschend gut voran. Die Wege sahen schlimmer aus als sie waren, was auch daran liegen konnte, dass sie mit so hoher Geschwindigkeit fuhren, dass die Räder kaum noch Kontakt zum Boden hatten und sie über die Dellen mehr flogen als fuhren.

Sie hatten wieder die übliche Verteilung. Raven fuhr mit Blade, dafür hatten sie einen großen Teil der Ausrüstung und die anderen drei folgten ihnen. Dabei hielten sie etwas Abstand, damit sie nicht den ganzen Staub abbekamen. Verbindung hielten sie über Funk, so dass sie sich ohne Probleme verständigen konnten.

„Wie soll man denn hier jemanden finden, der nicht gefunden werden will?“, knurrte Powaqa und sah sich um. Um sie herum gab es nur eine flache Ebene mit Geröll übersät, die jemandem, der es darauf anlegte, Sichtschutz gab. Er konnte sprichwörtlich hinter jedem Stein lauern und sich ins Fäustchen lachen, weil sie in die Wüste fuhren, tiefer und tiefer. Immer weiter weg von der Zivilisation. „Seht ihr Spuren von ihm?“, wollte Doc vom vorneweg fahrenden Wagen wissen, vielleicht sah man ja frische Fahrrillen. Doch der aufgefrischte Wind blies so viel Sand vor sich her, dass er solche Spuren schnell verwischte.

„Negativ“, war Blades knappe Antwort. Es war schon schwierig, den Weg nicht zu verlieren. Raven neben ihm blickte mit grimmigem Gesicht aus dem Fenster und man sah ihm an, wie wütend er war, denn seine Hände schlossen sich immer wieder zu Fäusten. „Ich kann nicht einfach hier rum sitzen. Lass mich raus und ich fliege die Gegend ab, von oben kann ich eher jemanden entdecken. Hier von der Straße aus haben wir doch kaum Chancen.“

„Gut.“ Blade war damit einverstanden. Raven war ein Krieger, er wusste, was er sich zumuten konnte und was nicht. Und wenn er bei diesem Sturm fliegen wollte, sollte er das. Es konnte ihnen nur helfen.

„Doc, brems - ich bremse auch!“, erklärte er, damit der nachfolgende Wagen ihm nicht hinten drauf fuhr und ihre Suche schneller zu Ende war, als ihnen lieb wäre.

„Was ist denn los? Habt ihr was gefunden?“, fragte Doc sofort, als die Wagen standen.

„Nein, Raven macht die Luftaufklärung, um unsere Chancen zu verbessern. Durch die Sprechgarnitur halten wir Kontakt und er kann uns leiten, wenn er was findet. Wir fahren weiter Richtung Norden, damit er uns wieder findet.“ Blade suchte Klebeband, um den Kopfhörer am Dämon zu fixieren, damit der Wind ihn nicht abreißen konnte. Dann war Raven auch schon in der Luft und ein paar Augenblicke später hatte ihn der Sand fast gänzlich verschluckt. Blade und Doc saßen ebenfalls wieder im Wagen, denn der Sand schmerzte und kroch in jede Körperöffnung. Was aus der Nase noch leicht zu entfernen war, schmerzte in den Augen.

„Wie will der von da oben was sehen, wenn wir hier unten kaum was sehen?“, fragte Kenneth und suchte den schwarzen Fleck mit den Augen, doch Raven war nicht mehr zu sehen.

„Egal, ob er was sehen kann oder nicht, ich glaube, er brauchte was zu tun.“ Powaqa folgte Kenneths Blick, auch wenn nichts zu sehen war. „Ein unausgeglichener Dämon ist schlimmer, als einer, der vom Wind durchgeschüttelt wurde und das Gefühl hat, etwas getan zu haben. Außerdem denke ich, dass Raven nicht den Vorschlag gemacht hätte, wenn er nichts erkennen könnte.“

Na ihr habt das sandige Vieh nicht heute Nacht im Bett!, überlegte Kenneth, musste sich dann aber korrigieren. Heute Nacht hatten sie ganz bestimmt kein Bett und er und Raven wohl demzufolge auch keinen... er brach den Gedanken ab und schüttelte den Kopf. Ihm war wirklich nicht mehr zu helfen.

Unermüdlich fuhren sie durch den Sandsturm weiter, nicht mehr so schnell wie am Anfang ihrer Reise. Ab und zu gab Raven kurze Berichte, allerdings war er bisher genauso erfolglos wie sie selber.

Nach ein paar Stunden meldete sich der Dämon erneut. „Haltet an, ich komme zu euch. Ich habe eine Möglichkeit gefunden, wie wir ihn finden können“, hörten sie etwas verzerrt.

„Was hat der gesagt?“, fragte Kenneth, der sich glaubte verhört zu haben. Raven wusste, wie sie den Kerl finden konnten? Der Dämon war ja richtig nützlich, wenn er Recht hatte. Doc wurde langsamer und bremste hinter Blade. Zum Glück hatte der Sandsturm nachgelassen, so konnten sie Raven sehen, wie er wieder zu ihnen kam. Die mächtigen Schwingen ließen ihn lautlos zu Boden gleiten.

Der Dämon sah etwas zerzaust aus, als er neben den Wagen landete und schüttelte sich erst einmal, um den gröbsten Sand loszuwerden. Er öffnete seine Hand, in der der Feuerstein lag und hielt ihn hoch. „Mir ist aufgefallen, dass er ab und zu angefangen hat zu vibrieren. Das passierte immer, wenn ich in eine bestimmte Richtung geflogen bin. Ich nehme an, er reagiert mit dem schwarzen Stein, wenn wir ihm näher kommen.“

„Das macht Sinn“, sagte Powaqa nachdenklich und betrachtete noch einmal den Rubin in Ravens Hand. „Du hast ja gesagt, dass der Obsidian als Katalysator wirkt, um die Macht der anderen Steine zu bündeln und zu verstärken. Vielleicht macht er gerade das gleiche, ohne dass Jun Xao Pen das merkt?“ Möglich wäre es. Sie konnten ihn also finden, ohne dass der Mann wusste, dass sich die anderen Steine ihm näherten.

„Ja, das denke ich.“ Raven nahm einen Schluck Wasser und etwas zu essen, das Powaqa ihm reichte. „Wir müssen die Straße verlassen und in Richtung Nord-Ost. Ich fliege am besten voraus und ihr folgt mir. Wir können über Funk Kontakt halten und ich sage euch, wenn ihr zurückbleiben sollt, damit ich unauffällig auskundschaften kann.“

Damit waren alle einverstanden und so setzte sich der Konvoi wieder in Bewegung. Raven schwang sich in die Luft, wie das letzte Mal schon von Kenneth beobachtet und die Wagen folgten querfeldein. Zum Glück war der Untergrund fest, so mussten sie nur großen Steinen ausweichen, aber keine Sorge haben, im Sand stecken zu bleiben. Powaqa aber sah sich immer wieder um. Er hatte ein ungutes Gefühl und wusste, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte. Sicherlich waren sie schon lange nicht mehr allein auf Jun Xao Pens Fährte.

„Irgendetwas ist im Busch“, sagte Powaqa schließlich in die Sprechgarnitur, denn sein Gefühl wurde immer drängender und er wollte nicht, dass sie eventuell in eine Falle liefen.

„Verstanden, ich fliege vor“, kam die knappe Antwort von Raven. Er nahm die Ahnungen des Indianers sehr ernst und ihre Zielperson war wohl auch nicht mehr weit entfernt, denn der Stein in seiner Hand vibrierte immer heftiger. Er fing an zu glühen, wurde wärmer und wärmer und plötzlich sah er etwas, was er von hier oben nicht deuten konnte. Wie ein Pfeil schoss er nach unten und fluchte laut und ungehalten. Damit machte er seine Gefährten neugierig, die immer wieder panisch fragten, was eigentlich los wäre.

„Der Chinese ist tot und der Stein ist weg“, knurrte der Dämon und war schon wieder in der Luft. Der Mann war noch nicht lange tot und diese Niederlage nahm er nicht hin. Der Stein war in der Nähe und er musste ihn haben. Er schoss in den Himmel und suchte ihn ab.

Da!

Ohne nachzudenken flog er los und holte alles aus sich heraus.

Derweil hielten die beiden Wagen auf die Stelle zu, an der Raven den toten Körper gesehen hatte. Sie hielten etwas entfernt und Doc sprang aus dem Wagen. Doch er kam zu spät. Das Genick des Mannes war gebrochen. Er war tot und konnte nicht mehr zurückgeholt werden. „Scheiße, verdammte! So sollte das nicht laufen“, knurrte er und schloss dem Toten die Augen.

Derweil starrten die anderen stumm zum Horizont, wo ein riesiger Feuerball zu explodieren schien - Raven hatte die anderen Dämonen also gefunden.

Es war ein Glück, dass sie zurückgeblieben waren, denn so konnte Raven seiner Wut freien Lauf lassen, ohne Angst haben zu müssen, sein Team zu verletzen. Er nutzte den Feuerstein, obwohl dann auch Barul stärker wurde. Das war ihm vollkommen egal. Seine Wut steigerte seine Kraft noch um einiges und als erstes bekam sie Urata zu spüren, die ihm am nächsten war. Hier in der Wüste war sie als Wasserdämon sowieso im Nachteil. Sie starb schnell in dem riesigen Feuerball, den Blade und die anderen gesehen hatten und jetzt wandte Raven sich Barul zu.

Sie sahen sich in die glühenden Augen.

In seiner äußeren Erscheinung stand er Raven in nichts nach. Er sah nicht so menschlich aus, doch die Attribute waren deutlich. Die Flammenhaare, die roten Augen, die schwarzen Schwingen. Sie beide umhüllte ein Feuerball, der den Boden berührte. Spielend schmolz er den Sand.

Man konnte sehen, dass Barul überlegte. Er musste weg hier, doch sobald er sich bewegte, war er auch tot. Raven wartete doch nur darauf. Er hielt den Obsidian in seiner Hand und starrte darauf. Auf dieses Ding konnte er verzichten. Er war nur ein Verstärker. Im Gegensatz zu den wertvollen Elementsteinen war er leicht zu ersetzen.

Und im nächsten Augenblick ging er in Flammen auf. Der Katalysator brannte, als Barul ihn fallen ließ, hoffend, dass Raven ihn an sich bringen wollte, weil Satan alle fünf Steine verlangte, um sie selbst zu vernichten. „Bring ihn deinem Herrn, du Knecht!“, schrie er und flog los, mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte.

Wie er gehofft hatte, stürzte Raven dem Stein hinterher und fing ihn auf, bevor er auf dem Boden aufschlagen und zerspringen konnte. Er brauchte den Stein, aber nicht weil er ihn Satan bringen sollte, sondern für etwas anderes. Hoffentlich war der Obsidian nicht beschädigt, denn dann war er wertlos. Aber zum Glück hatte er ihn noch rechtzeitig fangen und löschen können.

Barul zu folgen hatte keinen Sinn mehr, dazu war er zu weit entfernt und Raven machte sich auf den Weg zurück zu den anderen, allerdings konnte er sich nicht anmelden, weil sein Headset bei dem Kampf kaputt gegangen war. Stattdessen hatte er die Faust immer noch um den Stein geschlossen, denn wenn er zu schnell auskühlte reichte die kleinste Erschütterung und er zersprang in tausende Splitter. Dann war er wertlos. Langsam musste er in seiner Hand abkühlen.

Sein Flügelschlag schreckte sein Team auf, die den Toten eben begraben hatten. Der Windhauch ließ sie herum fahren und am Horizont verschwand etwas Schwarzes - Fliegendes. Ungläubig sah Kenneth erst auf den lädierten Raven, dann auf den kleiner werdenden Punkt.