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Demon Coffee - Teil 29 bis Ende

29

„Verdammt, warum lässt du ihn entkommen? Damit er mir wieder im Schlaf die Haut vom Leib reißen kann?“ Kenneth war aufgebracht. Das war die Chance gewesen, sie endlich zu erledigen. Doc zog vorsorglich den Kopf zwischen die Schultern, denn Raven war nicht begeistert, gleich so angefahren zu werden, aber zu seiner Verwunderung schoss der Dämon nicht zurück, sondern blieb ruhig. Allerdings kostete ihn das einiges, das konnte man sehen und auch hören, denn seine Stimme vibrierte leise.

„Urata ist tot und ich konnte nicht Barul verfolgen und gleichzeitig den Stein retten. Er ist viel zu wertvoll, als dass ich zulassen konnte, dass er zerstört wird. Besonders für dich. Mit ihm kann ich deine Kräfte trainieren, damit du deinen Schutzwall beherrschen kannst und auch Doc kann seine Heilkräfte damit steigern. Da gab es für mich keine Frage der Priorität.“

Kenneth, der schon während Raven redete, ansetzen wollte, ihm noch eine rein zu würgen, blieb mit offenem Mund einfach in der Bewegung erstarrt und blickte Raven fragend an.

Hatte er das gerade richtig verstanden?

Raven ließ lieber seinen Feind laufen, um den Stein zu retten, damit Kenneth seine Fähigkeiten lernen konnte? Das war doch alles nicht mehr wahr, oder?

Wer war dieser Kerl, verdammt?!

Das war doch nicht Raven!

Wo war Raven - der Raven, der ständig motzte, jeden anmachte, der sich lieber prügelte, als sich zu unterhalten - wo war der Kerl, denn mit dem konnte Kenneth umgehen. Der hier machte ihm Angst.

Es war Powaqa, der näher kam und den immer noch heißen Stein ansah, den Raven in seiner Hand kurz zeigte, dann aber wieder zum Abkühlen fest einschloss.

„Das macht Sinn“, sagte er. „Wir sind nicht reinrassig auf ein Element festgelegt wie Raven. Wir sind Mischlinge aus Verdünnungen und verschiedenen Strängen. Und der Katalysator verstärkt all die winzigen Kräfte, die unsere Gene innehaben. Vielleicht kannst du endlich dein Schutzschild steuern, vielleicht kann es Doc helfen, Wunden zu heilen, ohne selbst zu viel Energie zu verlieren. Die Idee ist nicht übel.“

„Das geht?“ Die Aussicht, noch besser heilen zu können, war unglaublich und wenn ihn das nicht mehr so anstrengte, war das einfach fantastisch. Der Arzt kam näher und versuchte noch einen Blick auf den Stein zu erhaschen, doch Raven öffnete seine Hand nicht noch einmal, beantwortete aber die Frage. „Wahrscheinlich können wir die Fähigkeiten von euch allen steigern. Aber erst einmal Kenneth und wir werden gleich damit anfangen.“

„Was?“ Die Erwähnung seines Namens ließ Kenneth wieder zu sich kommen und er sah sich etwas verschämt um, was er verpasst hatte. Der Rest sah ihn so komisch an und Doc grinste wissend. Doch Kenneth verbot sich zu fragen, das würde nur wieder Lacher geben, die er im Augenblick wirklich nicht gebrauchen konnte. Er versuchte gerade heraus zu kriegen, wer der Kerl mit den Flügeln war und wo der die flammende Kratzbürste gelassen hatte. Damit war er vollauf beschäftigt.

„Wir schlagen unser Lager hier auf.“ Blade übernahm wieder das Kommando, denn in der Nacht durch die Wüste zu fahren war nicht ratsam und das mussten sie unweigerlich, wenn sie nicht hier blieben. Jeder wusste, was zu tun war, nur Raven und Kenneth kamen sich überflüssig vor. Raven sah sich kurz um und zog Kenneth zu einem Felsen, unter dem sie etwas Schatten hatten. „Fangen wir gleich an. Je eher du deine Kraft beherrschst, umso besser.“

„Was?“, fragte Kenneth noch einmal sinnlos, doch er schämte sich dafür und senkte den Kopf. Dann holte er tief Luft und blickte wieder zu Raven auf. „Hast du den Stein wirklich nur wegen mir vor der Zerstörung bewahrt?“, stellte er die Frage, die ihn seit Ravens Rückkehr bewegte, weil er das Verhalten nicht mehr verstehen konnte. Er war Psychologe. Es sollte ihm ein leichtes sein, Raven zu durchschauen. Doch immer, wenn Kenneth glaubte, ihn zu kennen, öffnete sich eine neue Seite im Buch und alles, was er mühsam zusammen gepuzzelt hatte, zerfiel in seine Einzelteile.

„Natürlich“, war die prompte Antwort und kurz sah man Raven an, dass er etwas irritiert war. Sie waren ein Team und da war so etwas doch selbstverständlich. „Du brauchst ihn und darum war es keine Frage, dass er nicht zerstört werden durfte.“

„A... Ach so!“ Kenneth spielte den Verstehenden, auch wenn er innerlich plötzlich enttäuscht war. Hatte er wirklich allen Ernstes geglaubt, Raven würde etwas für ihn... Wie naiv! „Okay“, lenkte er also ab, „dieser Stein kann mir helfen, das zu machen, wovon die anderen behaupten, ich könnte es. Kann man diese Schutzfelder sehen? Woran werde ich merken, dass es da ist?“ Kenneth redete einfach drauf los und sah dabei weiter auf den Stein in Ravens Hand. Er wollte ihn nehmen, ließ aber gleich wieder los, er war noch ziemlich heiß. Leise zischend leckte er sich über die Hand, damit die Verdunstung kühlte.

„Du kannst es, da gibt es gar keine Frage.“ Raven nahm Kenneths Hand und besah sie sich, dann strich er mit seinen Fingern darüber und Kenneths Hand wurde von blauem Feuer umlodert. Dieses Feuer war kalt und sollte den Schmerz lindern.

„Ich habe zweimal gesehen, wie du deinen Wall benutzt hast. Einmal in London, bei dem ersten Angriff und dann in Schottland. Es ist ein leichtes Flirren, das dich umgibt. Man sieht es nur, wenn man weiß, worauf man achten muss.“

„In Schottland?“, fragte Kenneth irritiert, denn daran konnte er sich nicht erinnern und die anderen hatten auch nichts gesagt. Doch es verschwand im Hinterkopf, als er die Flammen auf seiner Hand beobachtete. Er sah sie deutlich, doch es kühlte. Das war wie eine optische Täuschung und es faszinierte ihn, er hob die Hand höher, strich mit der anderen durch die Flammen. „Unglaublich“. Vergessen war alles andere.

Da Kenneth Spaß daran zu haben schien, ließ Raven die Flammen nicht gleich verlöschen. Er ließ sie über Kenneths Arm wandern und schließlich unter dem Shirt verschwinden. Er wusste selber nicht so genau, warum er das tat, aber die Begeisterung in dem Gesicht des Menschen hatte ihn dazu verleitet. Streichelnden Fingern gleich, ließ er die Flammen über Kenneths Oberkörper wandern, denn er wusste, wie sehr dieser das mochte und Raven fühlte sich bestätigt, als Kenneth die Augen schloss und leise stöhnte.

Es war unglaublich!

„Das will ich auch können“, murmelte er leise und lehnte sich - die Augen immer noch genießend geschlossen - gegen den Felsen in seinem Rücken. Die Knie wurden langsam weich. Das wäre die Stelle gewesen, an der sein Hirn ihm hätte sagen müssen, wo er war und dass er sich zu benehmen hatte, doch sein Hirn schien weit weg.

„Du kannst das. Zwar nicht mit Feuer, aber mit deiner Kraft, wenn du sie einmal richtig beherrschst.“ Raven lehnte sich neben Kenneth an den Felsen und beobachtete ihn. Sein Mensch schien zu genießen, das war nicht zu übersehen und erinnerte ihn an ihre Nächte. Darum beugte Raven sich näher und flüsterte ihm leise: „Mehr?“, ins Ohr.

Kenneth wusste schon gar nicht mehr, was er sagte, als er fast tonlos: „Ja“, hauchte. Sein Leib stand buchstäblich in Flammen. Das Blut in seinen Adern kochte und pulsierte wie Lava in jeder Ecke seines ausgehungerten Körpers. Hatte er sich schon so sehr an die animalischen Triebe dieses Dämons gewöhnt, dass eine Nacht ohne ihn Kenneth so an die Substanz ging, dass er alles um sich herum vergaß?

Mehr musste Raven gar nicht hören. Er rückte ein wenig näher und seine Lippen wanderten liebkosend von Kenneths Ohr zu dessen Mund, damit er ihn küssen konnte und schließlich zog er den Menschen an sich und ließ die Flammen nun über den ganzen Körper wandern. Er sorgte auch dafür, dass eine weitere Wand aus feinen Flammen sie umgab und der Rest sie nicht beobachten konnte. Ihm selbst war es egal, doch er war sich sicher, Kenneth dürfte explodieren, wenn ihm bewusst wurde, was er vor Publikum getan hatte. Wenn er also ebenfalls auf seine Kosten kommen wollte, musste der Dämon vorbeugen. So gut kannte er Kenneth mittlerweile.

Doch im Augenblick machte Kenneth nicht den Eindruck, als würde er irgendetwas merken. Er war im Fühlen gänzlich gefangen. Alles, was er noch wahrnahm, war das unbeschreibliche Kribbeln auf seiner Haut, was ihn wahnsinnig werden ließ. Er wollte mehr, noch viel mehr - und drängte sich dichter an Raven. Der schien nur darauf gewartet zu haben. Seine Arme schlossen sich um den kleineren Körper und er drängte Kenneth gegen den Felsen. Sie wollten beide mehr, darum ließ Raven nicht nur seine Flammen um Kenneth streichen, sondern auch seine Hände, die schließlich den Reißverschluss von dessen Hose öffneten und hinein fuhren.

„Jaa-a“, stöhnte Kenneth ungehalten und seine Beine öffneten sich. Doch die Hose hinderte ihn daran, seine Beine Besitz ergreifend um Raven zu schlingen, deswegen streifte er sie hastig von den Beinen. Über die Schuhe wurde es schwierig, aber es genügte, einen Fuß zu befreien. Wie jedes Mal, wenn der Dämon ihn so liebkoste und ihm klar machte, dass es kein Entrinnen gab, schlangen sich Kenneths Arme fest um Ravens Nacken und der Kuss wurde leidenschaftlicher. Die wissenden Hände des Dämons spielten auf ihm wie auf einem gut gestimmten Instrument. Er ließ ihn betteln, wimmern, flehen - Kenneth war für seine Befriedigung bereit alles zu tun und Raven wusste das.

Leise grollend griff Raven Kenneth mit einem Arm fester. Dieser eindeutigen Aufforderung konnte und wollte er sich nicht entziehen. Dazu lockte ihn dieser Mensch einfach zu sehr. Der Sex mit Kenneth war vollkommen anders, als alles, was er bisher erlebt hatte. Dieser Mensch ließ sich dominieren, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Oftmals drehte Kenneth den Spieß einfach um, stürzte sich auf Raven und forderte sein Recht, so wie gerade, als er dem Dämon in die Lippe zwickte, weil es ihm nicht schnell genug ging.

Sie hatten beide nicht damit gerechnet, hier eine Gelegenheit zu finden und hatten nichts dabei. So musste sich Kenneth damit zufrieden geben, dass Ravens Hände ihn fast in den Wahnsinn trieben. Hart umfing er Kenneths Glied und massierte mit der anderen Damm und Hoden. Kenneth wusste kaum noch, wo ihm der Kopf stand. Er wand sich, riss sich an den Felsen Shirt und Rücken auf, doch er spürte es nicht. Er wollte nur, dass die Erlösung endlich kam.

„Mach!“, wimmerte er flehend, sein Atem floh nur noch aus seinen Lungen. Raven brauchte diese Aufforderung nicht. Je intensiver er sich um Kenneth kümmerte, umso mehr hatte er selbst davon, denn die Finger des Menschen gruben sich in seine Haut und rissen blutige Striemen. Das turnte ihn unwahrscheinlich an und er musste nicht selber kommen, um das hier intensiv zu genießen.

Raven hatte Macht über diesen Menschen und das reichte ihm vollkommen. Darum umfing er Kenneth fester und küsste ihn dabei ausgehungert, damit die anderen nicht noch durch sein Stöhnen auf sie aufmerksam wurden, denn Kenneth spürte, dass er der Erlösung nah war und wurde lauter.

Er hing nur noch an einem seidenen Faden und dann konnte er sich endlich fallen lassen. Die Energie, die seinen Körper unter Strom gesetzt hatte, floss aus ihm und sein zuckender Leib klammerte sich noch intensiver an Raven. Hastig rang er zwischen zwei Küssen immer wieder nach Atem, denn ihm wurde schwummerig vor Augen. Er wusste aber auch, dass Raven ihn nicht einfach fallen ließ, darum konnte er seinen Kopf an den Felsen lehnen und sich küssen lassen, bis der Schwindel sich wieder verflüchtigte.

Sie blieben eine Weile so stehen und Raven beobachtete Kenneth dabei. Der Mensch wirkte sichtlich zufriedener und ausgeglichener als vorhin. Jetzt konnten sie mit dem Training beginnen. Er hatte seinen wieder mit Kenneths Geist verbunden, damit er ihn gleich bei den Übungen führen konnte.

Allerdings musste Kenneth erst einmal träge begreifen, wo er war, was eben passiert war und dass er halb nackt mitten in der chinesischen Wüste stand. Die Flammenwand, die sie umgab wurde langsam durchlässiger und so beeilte er sich, sich nachlässig zu säubern und die Klamotten wieder überzustreifen. Peinlich berührt wagte er nicht, Raven anzusehen und wollte gerade los zu den anderen, als er gegen die Flammen lief, die ihn zurück zu Raven trieben.

„Was?“, fragte er irritiert.

Raven hielt grinsend den Obsidian hoch und zog Kenneth mit der anderen Hand zu sich, damit der Mensch mit dem Rücken an ihm lehnte. „Unterricht“, wisperte der Dämon in Kenneths Ohr und biss leicht hinein. Er war in Spiellaune und das merkte man auch. „Komm, wir setzen uns hin, das ist bequemer.“

„Ah, stimmt ja.“ Kenneth musste immer noch peinlich berührt zugeben, dass es ja eigentlich einen anderen Grund als Sex gegeben hatte, warum sie sich abgesetzt hatten. Aber sein Hirn war plötzlich wie frei geblasen und er grinste dreckig bei diesem Vergleich. Ihm war nicht mehr zu helfen - damit musste er sich abfinden. Dann wurde es bestimmt leichter.

„Also gut, was muss ich tun? Einen Zauberspruch sagen, oder so was?“

„Wenn es dir hilft, aber das wird es wohl eher nicht.“ Raven setzte sich auf den Boden und zog Kenneth mit hinunter. Er dirigierte ihn so, dass der Mensch zwischen seinen angewinkelten Beinen saß und sich mit dem Rücken bei ihm anlehnen konnte. „Leg deine Hand auf den Stein und entspann dich. Ich bin in deinem Geist und werde dich führen.“

„Okay“, willigte Kenneth ein und das war es für ihn wirklich. Er fühlte sich sicher, wenn er Raven spüren konnte und wusste, dass der Dämon auf ihn Acht gab. So schloss er die Augen und nahm den Stein in die Hände. Er legte ihn zwischen die Handflächen und spürte die restliche Wärme. Und eben, als er fragen wollte, was jetzt passieren würde, spürte er Raven deutlicher. Er ging durch seinen Geist und lenkte ihn. Er aktivierte etwas in Kenneth, was er selber vorher nicht gekannt hatte. Es fühlte sich merkwürdig an.

„Merk dir das, was du jetzt fühlst. Das ist deine Kraft. Am Anfang kannst du sie so rufen, später ist das dann nicht mehr nötig, wenn du Übung hast“, erklärte Raven ihm flüsternd. „Öffne deine Augen und stelle dir vor, die Flammenwand zu zerreißen. Spiel mit ihr, umschließe sie, bekämpfe sie. Mach, worauf die Lust hast, ich unterstütze dich dabei.“

Unsicher öffnete Kenneth die Augen und versuchte zu sehen, was sich verändert hatte. Doch alles, was er sah, war ein Flimmern zwischen ihm und der Flammenwand. Sie umloderte noch immer sie beide und Kenneth versuchte, was Raven geraten hatte, denn er wollte sowieso sehen, wie weit die anderen drei mit dem Lager waren. Also wollte er ein Loch in die Wand machen und konzentrierte sich darauf, den Stein fest umschlungen.

„Sachte“, lachte Raven, als die Feuerwand vor ihnen buchstäblich zerfetzt wurde. Kenneth konnte seine Kraft noch nicht richtig dosieren. „Stell dir vor, den Vorhang zu teilen, so wie du es mit deinen Händen tun würdest. Bildlich gesprochen hast du gerade auf die Wand eingeschlagen.“ Raven baute die Wand wieder auf und nickte leicht, damit Kenneth es noch einmal versuchen konnte.

„Hm“, machte Kenneth verstehend und versuchte es erneut, jetzt mit weniger Kraft. Das war schwieriger, als er gedacht hatte. Also streckte er die Hände aus, als wollte er den Vorhang teilen und schob langsam die Wand auseinander. Was er nicht erwartet hatte war Doc, der, von der ersten Explosion der Flammenwand angelockt, davor stand und neugierig hinein guckte, als die Wand sich öffnete.

Kenneth erschrak sich, schrie - alles geriet außer Kontrolle. Raven verhinderte Schlimmeres, weil er die Wand sofort verschwinden ließ, aber Doc bekam einen Stoß von Kenneths Kräften gegen die Brust.

„Uah“, rief der Arzt erschrocken und taumelte zurück, konnte sich aber schnell wieder fangen. „Ist ja krass, das war ein Gefühl, als hättest du mich geschubst.“

„Mensch, Doc!“ Kenneth schoss hoch, um zu sehen, ob dem Arzt etwas passiert war. „Was machst du denn hier? Deine Neugier bringt dich noch mal um. Was hast du denn geglaubt, was wir hier machen?“, versuchte er souverän zu lügen und holte ein paar Mal tief Luft. Dass sein Shirt völlig zerfetzt und blutig war, konnte Doc hoffentlich nicht sehen. Nervös kratzte er sich durch die verstrubbelten Haare.

Raven war sitzen geblieben und beobachtete, was passierte. Kenneth hatte sie beide noch immer mit seinem Schutzschild umgeben, was er selber aber wohl offensichtlich nicht bemerkte. Aber Doc merkte es, als er gegen die unsichtbare Wand lief, als er zu Kenneth wollte. Ungläubig hielt der Arzt sich den Kopf und grinste schief. Doch Kenneth war überfordert.

„Entschuldige, das... Scheiße, wie werde ich das Ding wieder los?“ Er ließ den Stein fallen, ohne es zu merken und sah immer wieder zwischen Raven und Doc hin und her. Das war ein Alptraum. Er hatte sich das einfacher vorgestellt. Wenn Doc seine Kräfte nutzte, sah das so einfach aus und bei ihm ging alles schief. „Raven! Mach doch was!“ Kenneth lief auf Doc zu.

„Halt, stopp“, rief Raven laut und schoss hoch. Er hielt Kenneth am Arm fest und drehte ihn zu sich um. „Du hättest Doc wieder von den Beinen gehauen, wenn du weiter gegangen wärst. Beruhige dich erst einmal und atme tief durch, dann kannst du den Wall verschwinden lassen. Ich helfe dir dabei.“

Es dauerte eine Weile, bis Kenneth sich wieder beruhigt hatte. Er holte noch einmal tief Luft und Doc nutzte die Zeit, in der er nur Zuschauer war, um ganz genau das zu machen: zuzuschauen. Es gab einiges, was er bemerkenswert fand. Den engen Körperkontakt, der ohne Streitigkeiten abging, dass Raven so viel redete, dass Kenneth ihm nicht über den Mund fuhr und zickte, dass beide blutige und zerfetzte Shirts trugen, was er auch sehr interessant fand, denn daraus konnte man eine Menge lesen. Aber da hakte er später noch einmal nach. Jetzt war das, was sich vor ihm abspielte, interessanter, denn Raven gab wieder Anweisungen.

„Lass den Wall einfach fallen und im Boden versinken, das ist erst einmal die einfachste Methode.“ Raven legte Kenneth die Hände auf die Schultern und massierte ihn leicht, damit er sich noch ein wenig mehr entspannte und so besser loslassen konnte. Aber das war für den Menschen leichter gesagt als getan. Er wollte immer zu viel auf einmal und so schoss die Wand immer wieder hoch und runter. Man sah deutlich, wie die Luft einmal flimmerte und dann wieder ruhig war, um im nächsten Moment wieder zu flimmern. Doch endlich gelang es ihm, dem Spuk ein Ende zu machen und er ließ sich erschöpft auf die Knie sinken. Sie zu errichten war einfacher gewesen - der Grund lag neben ihm, der Obsidian. Nachdenklich hob Kenneth ihn wieder auf.

„Das wird schon. Du brauchst nur viel Übung und Zeit. Für das erste Mal war das schon gut.“ Raven hockte sich neben Kenneth und zog ihn wieder mit sich hoch. „Machen wir Schluss für heute. Behalte den Stein. Ich dreh noch eine Runde.“ Und damit breitete er seine Flügel aus und hob ab. Jetzt kam Doc näher und sah seinen Freund forschend an.

„Alles klar? Brauchst du etwas?“, fragte er. „Du siehst fertig aus.“

„War anstrengend“, nuschelte Kenneth und verbot sich, Raven hinterher zu sehen. Doch weil sich die Sonne langsam hinter die Berge verzog, wurde es kühl und Kenneth fing an zu frösteln. Er schob den Stein in die Hosentasche und zog die Arme um sich fester. Doc anzusehen wagte er immer noch nicht.

„Ja, das kann ich nur bestätigen. Am Anfang fühlte ich mich schon nach der Heilung einer kleinen Schnittwunde wie nach einem Marathonlauf.“ Doc legte einen Arm um Kenneth und führte ihn zum Lager. Sie hatten ein Feuer gemacht, weil es nachts doch etwas kühl werden konnte. „Iss und trink was, dann geht es dir gleich besser.“

„Hier, zieh über.“ Powaqa warf ihm einen der Pullover zu, die Ho für sie alle eingepackt hatte. Er schien zu ahnen, dass die Mission in der Wüste länger dauern würde. Dankend zog Kenneth sich die Fetzen vom Leib und kroch in den Pullover. So hatten die anderen drei freien Blick auf seinen Rücken.

„Habt ihr gestritten? Ist er deswegen weg?“, wollte Blade wissen und sah sich suchend um.

„Hä?“ Kenneth sah ihn fragend an.

„Dein Rücken. Er ist vollkommen zerkratzt. Ich guck mir das gleich mal an, wenn du dich aufgewärmt hast.“ Doc gab Kenneth eine Tasse Tee und sah ihn neugierig an. Gerade so, als schien er auf etwas zu warten - eine Erklärung zum Beispiel. Die bekam er nicht, dafür hörte er bei Kenneth den Groschen fallen und sein Freund wurde rot.

Mist! Mist! Mist!, dachte Kenneth. Er war zu unvorsichtig gewesen. Zu schweigen machte ihn verdächtig, also fing er an zu stammeln, von dem Stein, dem Schutzwall und der Kraft. Dabei musste das wohl passiert sein.

„Ja, dass da ordentlich Kraft hinter steckt, hab ich gesehen. Ich hätte nur zu gern gesehen, wie du Raven gegen die Wand gedonnert hast.“ Doc grinste. Nach seinen Beobachtungen war da ganz was anderes passiert, aber das schien Kenneth nicht preisgeben zu wollen. „Der sah nämlich auch nicht besser aus. Ist unser Streichholz nicht gleich wieder sauer geworden?“, stichelte er trotzdem noch ein wenig. Er konnte eben auch nicht aus seiner Haut.

Kenneth ging ziemlich schnell auf, dass Doc zu wissen schien, was passiert war und funkelte ihn an. Zur Strafe bekam er keinerlei Antworten mehr, sondern nur noch ein Knurren, dass er es nicht zu weit treiben sollte, wenn er an seinen schönen Haaren hing. Die konnten sicherlich irgendwann mal in Flammen aufgehen. Dabei grinste er frech und ließ sich von Powaqa Wasser und frisches Brot reichen, was sie in Hohhut eingepackt hatten. „Raven ist auf Patrouille“, erklärte er Blade, der immer noch zu warten schien. So wie es aussah, baute der die Autos um, damit sie darinnen schlafen konnten. Das war Kenneth ganz recht, denn mitten in der Wüste in einem Zelt hätte er kein Auge zugemacht.

„Gut“, war dann auch die knappe Antwort und Blade machte weiter. Mehr musste er nicht wissen und wenn der Dämon auf Patrouille war, waren sie sicher. Er musste nachher mit Sick reden, denn jetzt mussten sie so schnell wie möglich nach Tansania.

„Zeig doch mal den Stein“, bat Powaqa. Er wollte testen, ob der Obsidian auch seine Fähigkeiten verstärken konnte.

„Ja, sicher.“ Sofort holte Kenneth den Stein aus der Hosentasche und übergab ihn Powaqa. Schließlich war er auch gespannt, wie die anderen damit umgingen und vor allen Dingen welche Auswirkungen das hatte. Das erste Mal hatte er heute seine Fähigkeit wahrgenommen, hatte die Mauer gesehen und gespürt, wie sie wirkte. Dieser Stein war wirklich ein kleines Wunder.

Powaqa sah sich den unscheinbaren Stein an. Er umschloss ihn dann mit den Händen und schloss die Augen. Er schickte seinen Geist auf Reisen und ihm stockte regelrecht der Atem. Das war phantastisch! Er hatte das Gefühl, bisher durch trübes Wasser geschwommen zu sein und jetzt bewegte er sich frei und ungehindert durch die Geistwelt. „Unglaublich“, flüsterte er, als er die Hand fester um den Stein schloss. Dieser Stein konnte ihnen so viel geben.

„Doc, du kannst ihn auch gleich noch ausprobieren - an meinem Rücken“, grinste Kenneth. Wenn Doc wusste, was passiert war, konnte er sich bei der Beseitigung der Folgen nützlich machen.

„Klar.“ Doc konnte es kaum erwarten, mit dem Stein zu experimentieren. Er nahm ihn von Powaqa entgegen und wartete kurz, bis Kenneth sich den Pullover ausgezogen hatte. Er hatte gerade erst begonnen, sich auf den ersten Kratzer zu konzentrieren, da war er auch schon verschwunden und Doc hatte kaum Zeit es richtig zu realisieren, denn innerhalb weniger Sekunden war der Rücken wieder makellos. „Wow! Ich musste mich noch nicht einmal anstrengen. Es ging fast von selbst“, murmelte er überwältigt und strich mit den Fingern über Kenneths Rücken.

„Was denn? Schon repariert?“, fragte der irritiert, denn als er den Pullover übergezogen hatte, hatte er das Brennen der offenen Wunden deutlich gespürt, sich nur nichts anmerken lassen. Der Schmerz war weg und als er sich etwas drehte und wendete, spürte er auch keine Spannungen auf der Haut, gerade so, als wäre nie etwas gewesen.

„Und weil Dämonen mit dem Stein nichts anfangen können, können wir ihn behalten, ohne Schaden anzurichten, oder?“, fragte Powaqa, der noch nicht wusste, was mit dem Stein geschehen sollte.

„So habe ich das verstanden.“ Doc spielte mit dem Obsidian und nickte. „Falls es aber nicht so sein sollte, üben wir wohl besser so oft wir können.“ Er gab Kenneth den Stein wieder zurück und setzte sich neben Powaqa. „Aber wenn er zerstört werden muss, wäre das wirklich ein Verlust. Wir könnten mit ihm ‚Hunter’ in aller Welt stärker machen.“

„Wir werden mit Raven reden und hören, ob er es für ungefährlich hält“, sagte Powaqa und beobachtete grinsend, wie Kenneth den Stein wieder an sich nahm, weil er ohne Ravens Hilfe versuchen wollte, die Barriere aufzubauen. Damit konnte er sich so lange beschäftigen, wie der Dämon unterwegs war. Doc machte sich daran, noch einen Kaffee auf dem Feuer zu kochen.

Immer wieder flimmerte die Luft um Kenneth, wenn der Schutzwall sich um ihn aufbaute und mit dem Stein ging es auch besser, ihn wieder fallen zu lassen. Es war wirklich erstaunlich, was für Fortschritte Kenneth in dieser kurzen Zeit gemacht hatte. Aber so war es meistens. Wenn man einmal begriffen hatte, worauf man achten musste, dann ging es auf einmal viel leichter.

„Kann ich den Stein noch einmal haben?“, fragte plötzlich Powaqa und Kenneth nickte. Er ließ die Barriere wieder fallen und reichte dem Indianer den Stein.

„Was hast du vor?“, wollte er neugierig wissen, denn so wie Powaqa guckte, hatte er etwas Bestimmtes im Sinn.

„Ich will sehen, ob Jun Xao Pen noch hier ist und ihm den richtigen Weg weisen. Er sollte wissen, warum er gestoben ist“, antwortete der Indianer und ließ sich mit dem Stein zusammen in den Sand sinken. Seine Freunde beobachteten ihn dabei.

Sie konnten nicht erkennen, ob der Indianer mit dem Geist Kontakt aufnehmen konnte. Dafür mussten sie eine Weile warten, bis Powaqa wieder aus der Geistwelt zurückkam. „Und?“, fragte Doc.

„Er war noch da und ich habe ihm gezeigt, wo er hin muss. Er hat gar nicht mitbekommen, wer ihn getötet hat und ich habe ihm erklärt, was passiert ist. Er war ziemlich erschüttert, dass seine Gier solche Auswirkungen hatte.“

„Ob er noch leben würde, wenn wir erst seinen und dann erst Mc Namaras Stein geholt hätten?“, sprach Kenneth endlich das aus, was ihm seit dem Flug durch den Kopf ging. Wären sie erst hier gewesen und hätten den Mann überrascht, er hätte nur den Stein verloren, nicht sein Leben. Es hätte so nicht enden dürfen. Das war nicht richtig gewesen.

„Dann wäre jetzt vielleicht Mc Namara tot. Kenneth, du musst dich von diesem Gedanken frei machen, was gewesen wäre, wenn wir anders gehandelt hätten. Es bringt einfach nichts. Keiner von uns möchte, dass jemand stirbt, aber manchmal ist es einfach nicht zu verhindern. Wir entscheiden nach bestem Wissen und Gewissen und so wie wir es gemacht haben, war es richtig, als wir es beschlossen haben.“ Powaqa legte Kenneth eine Hand auf den Arm und gab ihm den Stein zurück.

„Hm, mag sein“, entgegnete Kenneth und wusste nicht, ob es das war, was er hatte hören wollen oder nicht. Er hatte die Absolution bekommen, doch er fühlte sich nicht besser, wenn er zu dem kleinen Hügel zurück sah, unter dem Jun Xao Pen begraben lag. Doch er wandte den Blick ab, als er Ravens Schwingen hörte. Suchend glitt sein Blick über den allmählich dunkel werdenden Himmel. Der Dämon war im fahlen Licht kaum noch auszumachen. Erst als er nah ans Feuer kam.

Es war immer wieder faszinierend zu beobachten, wie die schwarzen Schwingen nach einem kurzen Schütteln einfach verschwanden. „Barul ist weg“, sagte Raven knapp und nahm sich eine Tasse Kaffee. „Ist schon klar, wie es weitergeht?“, fragte er nach einem Schluck und sah zu Blade, der mit dem Umbau der Autos fertig war.

„Ich habe Sick alles berichtet, was passiert ist. Auch dass wir einen weiteren Stein haben. Er versucht Flüge von Hongkong oder Peking aus zu bekommen. Morgen früh wissen wir mehr.“ Das war alles, was Blade bis jetzt sagen konnte. Er wusste, dass Sick jetzt alle Hebel in Bewegung setzte. Der Flug über London wäre sicher reizvoll, schon weil er Sick gern für ein paar Stunden gesehen hätte, doch die Mission ging vor. Umwege waren nicht akzeptabel. „Schlaft zeitig, wir müssen früh zurück.“

„Gut. Wo schlafen wir?“ Raven hatte sich im Lager umgesehen und die umgebauten Wagen entdeckt. Das kam überhaupt nicht in Frage. Er quetschte sich nicht in diese Sardinenbüchsen. Da zog er eine Nacht unter freiem Himmel eindeutig vor. Zu Not kam er auch ohne Schlaf aus, das hatte er schon öfter gemacht.

Stumm deutete Blade auf die Wagen, wo er gerade die mitgebrachten Decken verteilte. Doc lag schon Probe und guckte zufrieden aus der offenen Heckklappe, während Kenneth neben ihm saß und versuchte zu deuten, was Raven gerade dachte. „Ich verschwinde mal hinter dem Felsen, der Kaffee verlangt sein Recht“, murmelte er und ging los. Ein Klo wäre ihm jetzt lieber gewesen als ein Steinhaufen.

„Ohne mich, ich bleibe draußen“, stellte Raven klar und sein Gesicht machte deutlich, dass er sich auch nicht umstimmen ließ. Kenneth konnte sich aussuchen, wo er schlafen wollte, denn, dass Barul ihn heimsuchte, war ziemlich unwahrscheinlich. Raven nahm sich ein Kissen und eine Decke, mehr brauchte er nicht.

Als Kenneth zurückkam, warf er noch einen letzten Blick auf Raven. Es behagte ihm nicht, auch diese Nacht wieder getrennt zu sein, doch es ging wohl nicht anders. Er musste sich wieder daran gewöhnen, denn in ein paar Tagen war Raven endgültig weg.

Mit schweren Gedanken war Kenneth der letzte, der unter seine Decke kroch. Nur das Knistern des Feuers war noch zu hören in der Stille der Weite.


30

Der nächste Morgen fing für sie schon vor Sonnenaufgang an. Blade hatte alle geweckt und jetzt saßen sie verschlafen am Lagerfeuer und fröstelten, aber so konnten sie den kühleren Morgen zum Fahren nutzen. Nur Raven war schon länger wach und hatte Kaffee gekocht, damit sich alle ein wenig aufwärmen konnten. Dazu verteilte er wortlos Brot und ein paar Scheiben Schinken, die sich Kenneth zum Braten auf einen der Steine am Feuer legte. Es war still, weil die meisten noch nicht bei klarem Verstand waren und erst nach und nach kam Leben in die Gruppe.

„Wenn wir zurück sind, wird der Bürgermeister fragen, ob wir erfolgreich waren. Was werden wir sagen?“, fragte Kenneth. Sein Blick fiel auf das Grab. Wer würde schon glauben, dass sie es nicht waren, die Jun Xao Pen ermordet hatten.

„Hm.“ Doc und Powaqa sahen sich an und dann zu Blade. „Wir bleiben bei der Wahrheit“, legte der Soldat fest. Sie hatten sich nichts vorzuwerfen und falls es nötig wurde, kümmerte sich ‚Hunter’ um die Angelegenheit.

„Was wäre, wenn wir einfach sagen, dass wir ihn nicht gefunden haben? Hier in der Wüste kann es sein, dass das Grab nie gefunden wird?“, fragte Doc, aber zu lügen widerstrebte ihm auch.

„Nein, das hat er nicht verdient. Auch wenn er gierig war und das mit dem Leben bezahlt hat, so war er doch ein Mensch“, sagte Powaqa und alle stimmten zu. Sie waren sich einig, dass die zweite Möglichkeit nicht in Frage kam. Denn dann müssten sie auch erklären, warum sie so zeitig wieder da waren.

„Wir wollen dem Mann allen Ernstes erzählen, dass Dämonen eine Waffe suchen und einer von denen Jun umgebracht hat? Der lässt uns einknasten, dafür verwette ich meinen Arsch!“ Kenneth schüttelte den Kopf und guckte zu, wie langsam das Fett um den Schinken schmolz.

„Also, das mit den Dämonen würde ich nicht erwähnen. Ich denke, es reicht, dass wir angeben, ihn tot in der Wüste gefunden zu haben.“ Doc sah in die Runde, denn er war sich wirklich unsicher. Natürlich konnte sich Raven dem Bürgermeister zeigen. Dann musste der ihnen glauben, dass es Dämonen gab, aber es war die Frage, ob das notwendig war oder ob das nicht mehr Ärger als Nutzen brachte.

„Sind wir mal ganz ehrlich: jemand, den ich kenne, kommt in der Wüste um, während Leute, die noch nie in meiner Stadt waren, ihn verfolgen. Die Fremden kommen wieder, mein Bekannter ist tot. Ich zähle da eins und eins zusammen, denn so groß ist die Wahrscheinlichkeit nicht, dass man mitten in der Wüste noch auf jemand anderen trifft, der einen umbringt.“

Kenneth konnte sich seinen Zynismus nicht verkneifen, denn er wusste doch am besten, wie die Menschen tickten. „Wenn wir Pech haben, sperrt er uns ein. Wenn wir uns den Weg frei machen, so wie ich das gerade aus Blades Augen lese, dann kann sich Ho da nie wieder blicken lassen. Also: nach uns die Sintflut ist nicht die Lösung.“

„Also, was schlägst du vor?“ Blade war für Vorschläge offen und Kenneth kannte die Menschen wahrscheinlich besser als sie alle. Schließlich war es sein Beruf, die Menschen zu analysieren. „Wir haben nur nicht so viele Möglichkeiten.“

„Nein, haben wir nicht“, überlegte auch Kenneth. Er spielte im Kopf einige Szenarien durch, doch sie hatten alle irgendwo mit einer Lüge zu tun und es ärgerte ihn, dass er nicht einmal nützlich sein konnte. Sein Blick ging von einem zum anderen. Sie sahen ihn erwartungsvoll an. „Egal was wir sagen, wir werden die Mörder sein. Kannst du Ho erreichen, ohne dass der Bürgermeister das mitbekommt? Vielleicht kann er uns entgegen kommen und hier abholen? Dann umgehen wir Hohhut, auch wenn das feige ist.“ Noch kannte dort keiner ihre Namen.

„Hm.“ Blade überlegte kurz und nickte. „Das müsste gehen. Ist zwar nicht unser Stil, aber es geht nicht anders. Wir dürfen nicht riskieren, eingesperrt zu werden.“ Damit war es beschlossen und Blade nahm Kontakt mit Ho auf, um einen Treffpunkt auszumachen.

Derweil machte sich Kenneth in seiner Decke noch etwas kleiner und angelte das Fleisch aus dem Feuer, ehe es ganz verkohlte. Ihm war der Appetit vergangen. Er musste Ho bitten, sich um Jun zu kümmern. Ihn hier allein liegen zu lassen, zu riskieren, dass er ausgegraben und gefressen wurde, das war doch widerlich! Und dass der nächste Weg nach Afrika führte, machte es nicht angenehmer. Am liebsten wäre Kenneth ausgestiegen, doch er konnte nicht. Jetzt, wo er seine Fähigkeiten beherrschte, konnte er endlich von Nutzen sein.

Seine Finger tasteten nach dem Stein in seiner Tasche. Wann würde er den nicht mehr brauchen? Kenneth war hin und her gerissen, aber sein Pflichtgefühl hinderte ihn daran, alles hinzuschmeißen. Immer wieder blickte er zu Raven hinüber. Der Dämon war ein Rätsel für ihn. Heute hatte er Kenneth noch nicht einmal angesehen. Es hatte sich also nichts geändert. Der Dämon war handzahm, wenn er etwas wollte und wenn er nichts wollte, war Kenneth Luft, durch die man einfach hindurch sah. Vielleicht war es besser so. Lieber beobachtete er Blade, der in einem der Wagen saß und mit Ho sprach. Wortfetzen waren zu hören. Wie es klang, war auch Ho dafür, nach diesen Ereignissen das Dorf zu meiden. Er würde das regeln.

Nachdem das geklärt war, packten sie ihre Sachen zusammen. Die Stimmung war ein wenig gedrückt, weil das Grab sie immer wieder daran erinnerte, dass sie zu langsam gewesen waren. Blade kontrollierte noch einmal, ob sie auch nichts vergessen hatten, dann machten sie sich auf den Weg. Die Sonne war gerade erst am Horizont erschienen, so dass sie keine Probleme mit dem Weg hatten. Blade, der wieder voraus fuhr, hatte Hos Chipsignal auf seinem Navi und so konnte er sehen, ob sie sich annäherten oder verfehlten.

„Wie geht es jetzt weiter, hat Sick sich schon gezuckt?“, fragte irgendwann Doc, weil ihn das Schweigen mürbe machte. So hatte jeder von ihnen zu viel Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen und das war in der derzeitigen Situation nicht ratsam.

„Ja, wir fliegen ab Peking, aber erst am späten Nachmittag.“ Blade wusste auch noch nicht mehr, denn Sick hatte bisher nur einen kurzen Zwischenbericht gegeben. „Ho ist nicht mehr weit entfernt. Wir lassen die Wagen hier und es wäre zu überlegen, ob wir es so aussehen lassen, als wären wir auch umgekommen.“

„Und wo sind unsere Leichen?“, fragte Kenneth, für den derartiges völlig neu war.

„Die Idee hat was für sich“, sagte auch Doc, doch Powaqa schien dagegen, auch wenn er es nicht sagte. Erst als Doc ihn fragend anguckte und regelrecht lauernd darauf wartete, dass der Indianer aussprach, was er dachte, äußerte sich auch Powaqa.

„Das würde heißen, die Wagen in Brand zu stecken, um es auch nur ein bisschen glaubwürdig zu machen. Dabei haben die Leute hier draußen eh kaum was. Sie brauchen diese geländegängigen Fahrzeuge dringend. Sie nur deswegen zu zerstören widerstrebt mir.“

„’Hunter’ spendiert neue“, schlug Doc vor.

„Und das macht Jesh'Kent neugierig. Er wird nachforschen, warum ‚Hunter’ das tut. Der Mann ist nicht dumm.“

„Verdammt.“ Doc war nicht begeistert, aber er konnte sich auch nicht der Logik verschließen. Egal was sie auch überlegten, alles, was ihnen blieb, war, sich wie Diebe wegzuschleichen und das mochte er gar nicht. Aber jetzt mussten sie sich damit abfinden. Doc bremste seinen Wagen neben dem anderen und stieg aus. Der Hubschrauber brauchte nicht mehr lange, bis er bei ihnen landen konnte.

„Nicht so gut gelaufen, oder?“, fragte Ho, als seine Mitstreiter eingestiegen waren. Er selbst hatte erzählt, er wäre wieder auf dem Weg zurück nach Peking, was an sich nicht gelogen war. Nur den Umweg, um Blade und seine Leute einzuladen, verschwieg er.

„In ein paar Tagen werden sie die Wagen finden und man wird glauben, ihr seid in der Wüste umgekommen. Das Land ist rau“, sagte er. Nach Jun fragte er nicht. Er wusste bereits von Blade, wie es gelaufen war.

Da Ho die Menschen hier besser kannte, akzeptierten sie den Vorschlag des Chinesen. Es war unwahrscheinlich, dass sie noch einmal hierher kamen. Die Stimmung auf dem Rückweg nach Peking war ein wenig gedrückt und alle hingen ihren Gedanken nach.

Raven war langweilig und er stieß Kenneth an. „Noch ein wenig üben?“, fragte er, denn das war das einzig Sinnvolle, was ihm einfiel.

„Was?“, fragte Kenneth irritiert, begriff aber schnell und legte überlegend und unsicher den Kopf etwas schief. „Was wenn ich jemanden verletze, so wie gestern Doc?“, fragte er offen. Das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnten, war eine unkontrollierte Kraft, die den Piloten lahm legte.

„Ich pass schon auf, dass deine Kräfte nicht außer Kontrolle geraten.“ Raven sah da kein Problem, denn wenn sie miteinander verbunden waren, konnte er Kenneth auch helfen. „Du solltest üben, wann es nur geht, umso schneller kannst du sie richtig benutzen.“

Kenneth nickte verstehend, während sich Doc schon wieder seine eigenen Gedanken machte. Seit wann prügelte sich denn der Dämon darum, sich mit Kenneth zu verbinden? Doch er schwieg vorerst, nutzte nur die Chance, beobachten zu können.

„Geht das auch, wenn ich den Stein in der Tasche lasse?“, fragte Kenneth, weil es eines Tages auch ohne Stein gehen musste und so lange Raven noch da war, um es ihm zu zeigen, sollte er das auch nutzen.

„Ja, das geht auch. Du musst ihn nicht unbedingt in der Hand halten.“ Raven zog Kenneth zu sich und legte aus alter Gewohnheit die Arme um ihn. Ihre Geister verbanden sich fast schon von selbst und man konnte den Eindruck haben, dass der Mensch ihn bereits erwartete.

„Probieren wir mal etwas anderes. Ich forme eine Feuerkugel und du versuchst, sie zu umschließen“, schlug Raven vor und Kenneth nickte. Zum Antworten kam er gar nicht, weil er schon versuchte, sich zu konzentrieren. Er spürte, dass Raven da war und seine Gedanken lenkte und leitete. Aufgeregt betrachtete er den Feuerball, die anderen besahen sich das Ding eher mit Unbehagen.

Keiner hatte etwas gegen Kenneths Training, seine Fähigkeit nutzen zu können war immer gut. Aber in der Enge des Helikopters mit offenem Feuer zu hantieren, war weder Doc noch Powaqa geheuer und Sparky setzte sich nach vorne zu Blade ab. Aber keiner traute sich etwas zu sagen, wenn der Dämon sich schon einmal so zugänglich und zahm zeigte.

Es war nur zu hoffen, dass Raven das Feuer so gut beherrschte, wie er vorgab, sonst konnte es brenzlig werden. Sie beobachteten schweigend und neugierig, wie Kenneth sich abmühte, den Feuerball zu greifen und zu zerdrücken. „Ruhig ein bisschen mehr Druck, Ken“, gab der Dämon leise Ratschläge, damit der Mensch wusste, wie weit er gehen konnte.

„Okay.“ Hastig nickend versuchte Kenneth es weiter. Was er nicht merkte war, wie Raven die Wirkung des Steines unterdrückte, um zu sehen, was Kenneth wirklich konnte und wo er nachhelfen musste. So sah man dem Menschen die Anstrengung an, als er zufrieden grinsend in die Kissen sank, weil er den Feuerball immer kleiner gedrückt hatte, bis er nun auf seiner Hand lag.

„Gut gemacht.“ Raven nickte und ließ die Feuerkugel verschwinden. Kenneth sollte sich erst einmal ausruhen, bevor sie es erneut versuchten. Dafür, dass sie erst gestern mit dem Üben angefangen hatten, war der Mensch schon recht weit, aber er hatte sicher noch keine Ahnung, was er alles damit anfangen konnte.

„Weißt du eigentlich, wie vielseitig deine Kraft ist?“, fragte Raven deswegen und ließ es zu, als Kenneth den Kopf an seiner Schulter anlehnte. Doc beobachtete das alles ziemlich amüsiert und ohne dass die beiden es bemerkten, machte er ein paar Bilder für den daheim gebliebenen Junior, der das sonst nicht glauben würde.

„Na ja, so wie es aussah, kann ich es verhindern, dass die Dämonen mich anpacken können. Zumindest war das im Wagen so. Ist da noch was?“, fragte Kenneth, weil er sich eigentlich darüber noch keine Gedanken gemacht hatte.

„Ja, du kannst sie als Schutzschild benutzen, aber das ist noch nicht alles. Du kannst zum Beispiel auch jemanden festhalten und zusammendrücken, wie den Feuerball.“ Raven sah auf Kenneth hinunter und Doc schoss weiter Bilder, denn man konnte fast den Eindruck haben, der Dämon lächelte ein wenig. „Du kannst deine Mauer auch dazu nutzen, jemanden zu schubsen oder Stürze abfangen. Da gibt es bestimmt noch mehr, was mir gerade nicht einfällt.“

„Ich kann damit jemanden zusammendrücken?“, fragte Kenneth ungläubig. Das ging über die Grenzen seiner Vorstellungskraft hinaus. Sich damit zu schützen war das eine, aber jemanden zu verletzen widerstrebte ihm. Er wollte sich lieber darauf beschränken, Stürze abzufangen. Das konnte er mit seinem Gewissen vereinbaren. Um noch etwas zu üben, versuchte er nun, mit seiner Kraft Doc am Kragen zu greifen, denn er merkte sehr wohl, wie da wieder jemand Studien auf seine Kosten betrieb, doch er war zu faul, sich zu erheben oder von Raven abzurücken. Ihn einmal so bei sich zu haben war das, was Kenneth immer gewollt hatte. Für nichts auf der Welt würde er diesen Augenblick abbrechen.

„Hey“, brummte Doc, der etwas unsanft aus seinen Betrachtungen gerissen wurde, weil Kenneth seine Kraft noch nicht richtig im Griff hatte und er fast aus seinem Sitz rutschte. Raven ließ ihn einfach machen und griff nur lenkend ein, als der Kragen von Docs Jacke leise knirschte.

„Hast du nicht schon genug Studien betrieben?“, fragte Kenneth grinsend, hatte aber ganz schön zu kämpfen, bis er ein gesundes Maß für seine Kraft gefunden hatte. So hatte er Doc zwar an der Jacke, konnte ihm aber nicht schaden. Er versuchte sich die Intensität einzuprägen, damit ihm etwas wie eben nicht noch einmal passierte, vor allem nicht, wenn Raven nicht mehr da war, um rettend eingreifen zu können.

„Nein“, grinste Doc frech und streckte seinem Freund die Zunge heraus. „Ich muss studieren, so lange ich kann.“ Spielerisch versuchte er Kenneths Kräften auszuweichen und ihn so ein wenig zu fordern. Dabei ließ er seine beiden liebsten Studienobjekte nicht aus den Augen und er wurde damit belohnt, dass er nun wirklich ein Lächeln auf Ravens Gesicht sehen konnte, der die Arme um Kenneth gelegt hatte.

„Wenn du so weiter machst, kannst du bald gar nichts mehr“, knurrte Kenneth, denn Doc - auch wenn er sich nur ein bisschen hin und her bewegte mit dem Oberkörper - war für Kenneths Fähigkeiten noch zu schnell. Er war ja froh, seine Kräfte am stehenden Objekt benutzen zu können, das hier war schon höhere Schule. Doch Raven ließ ihn machen und griff nicht ein. Kenneth spürte zwar seine Präsenz und war dankbar dafür, nicht allein zu sein, aber Raven half ihm nicht, Doc zu greifen. Das war jetzt seine Aufgabe, auch ohne den Stein, dessen Kraft Raven immer noch unterdrückte.

Kenneth hatte Ehrgeiz, das war ganz deutlich, denn sonst hätte er seine Kräfte nicht so schnell und so weit unter Kontrolle bekommen. „Versuch ihn zu fesseln, ich helfe dir dabei. Stell dir einfach ein Seil vor, dass du um ihn wickelst“, flüsterte Raven in Kenneths Ohr und grinste leicht. Er merkte sehr wohl, dass Doc seinen Freund aufzog und ihm ging das irgendwie gegen den Strich, auch wenn er die Hintergründe dessen nicht kannte.

„Das geht?“, fragte Kenneth überflüssigerweise und versuchte sich augenblicklich daran. Erst stellte er sich ein Seil vor. Dazu musste er die Augen schließen. Doch um Doc zu fixieren, musste er sie wieder öffnen, nicht dass er seinen Freund noch aus Versehen mit einem imaginären Strick erdrosselte.

„Was gibt es da zu tuscheln?“, knurrte Doc. Er war gar nicht begeistert, dass er nichts verstehen konnte und so wie dieser Dämon guckte, versprach das nichts Gutes. Das merkte er auch, als er auf einmal seine Hände nicht mehr bewegen konnte. „Ey!“ Er versuchte sich zu befreien, aber es ging nicht, weil Raven Kenneth lenkte und ihn führte, damit der Mensch sich merken konnte, wie er es anstellen sollte.

Powaqa, der neben Doc saß, schien zu begreifen, was passierte und beobachtete nun mit Neugier, wie Kenneth sich anstellte und wie Doc sich wehrte. Kenneth schien ziemlich schnell zu begreifen und selbst dem Indianer fiel auf, wie zutraulich der Dämon heute war. Irgendetwas stimmte da nicht, doch so lange es zu ihrem Vorteil war, empfand er das nicht als störend. Im Gegenteil, so war der Kerl richtig angenehm zu ertragen.

„Jetzt kannst du ihn immer mal wieder ruhig stellen, wenn er zu frech wird.“ Raven war mit Kenneth sehr zufrieden. Selbst mit seiner Hilfe war der Mensch schon weiter, als manch anderer, den er unterrichtet hatte. Und dabei wussten Dämonen, dass sie besondere Kräfte hatten und hatten es darum leichter, sich damit zu arrangieren.

„Du kannst auch den Dämon da ruhig stellen“, knurrte Doc und guckte nicht schlecht, als ihm auch noch etwas, was er spüren aber nicht sehen konnte, den Mund zu band. Jetzt konnte er sich gar nicht mehr regen und wagte es lieber nicht, Kenneth wütend anzufunkeln. Wer wusste schon, was mit seinen wunderschönen Augen noch passieren konnte.

Er hätte es wissen müssen, dass Sparky es immer ausnutzte, wenn Doc sich nicht wehren konnte. Sie kam angeflitzt und setzte sich frech auf Docs Schoß. Vorsichtig zwickte sie ihren Intimfeind in einen Finger und fiepste begeistert, weil Doc die Hand nicht wegziehen oder mit ihr schimpfen konnte. Aber Blade war damit nicht einverstanden, denn einen gefesselten Gegner zu piesacken, war nicht sein Stil, darum drehte er sich um und fixierte seine kleine Lady.

„Sparky“, sagte er nur, aber die Ratte wusste, dass sie zu weit gegangen war, denn ihr Herrchen gebrauchte ihren Namen eigentlich nur, wenn sie etwas ausgefressen hatte. Dann war es an der Zeit, die Ohren hängen zu lassen und reumütig zu Kreuze zu kriechen, wenn man in der nächsten Zeit ein Leckerchen abstauben wollte. Also machte sie, dass sie zu Blade zurückkam. Streicheleinheitenentzug war nicht mal ein gebissener Doc wert.

Kenneth lachte zufrieden und löste die Fesseln, vielleicht hatte Doc ja etwas daraus gelernt. Zumindest schimpfte er nicht gleich los, sondern schmollte leise vor sich hin. Mit ihm konnte man es ja machen!

Powaqa schüttelte amüsiert den Kopf. „Ach komm. Ken muss üben und besser, er fesselt dich, als Ho“, konnte er sich dann aber doch nicht verkneifen. Er konnte diese Gelegenheit, seinen Freund zu ärgern, nicht einfach verstreichen lassen.

„An deiner Stelle hätte ich auch eine große Klappe“, knurrte Doc und bewegte sich, jetzt wo er es wieder konnte und nicht daran gehindert wurde. „Aber nein, der Herr Schamane wird ja nicht misshandelt. Dafür muss ich immer her halten“, fing Doc an und brachte seine Freunde und sogar Ho zum Lachen.

Doch dann schlug die Stimmung schnell um, denn sie hatten Peking fast erreicht und ihre Wege würden sich trennen. Die Realität holte sie ein und das merkte man zu allererst daran, dass Blade sich mit Sick in Verbindung setzte und sich die Einzelheiten ihres Fluges holte.

Was würde sie in Tansania erwarten?

Hoffentlich nicht wieder so etwas wie in der Wüste. Es hatte schon viel zu viele Tote gegeben.

Während Blade sich also mit Laptop und Handy eine ruhige Ecke suchte, unterhielt sich der Rest noch ein wenig mit Ho, auch darüber, wie das mit Jun weiter gehen würde. Er versprach, sie darüber zu informieren, sollte sich deswegen noch etwas ergeben.

„Los, schwingt die Keulen. In einer Stunde geht unser Flug nach Hongkong, dann weiter nach Johannesburg, dann sind wir schon mal in Afrika. Mehr hat Sick so kurzfristig noch nicht erreichen können. Er bleibt dran. Spätestens, wenn wir in Johannesburg landen, kontaktieren wir ihn wieder“, gab Blade bekannt. Seine Lady war schon in den Lüftungsschächten unterwegs, damit sie sich an den Kontrollen vorbei in den richtigen Flieger schmuggeln konnte. Sie behielt von ihrem Versteck aus ihr Herrchen immer im Auge.

Routiniert ließen sie alle Kontrollen über sich ergehen. Sie waren in den letzten Tagen so oft geflogen, wie sonst in einem Jahr und das stumpfte eindeutig ab. Sie waren noch nicht einmal nervös, ob der gefälschte Pass des Dämons aufflog. Bisher war alles gut gegangen, warum dann jetzt nicht? Raven knurrte unwillig, als er sich wieder in einen der engen Sitze quetschen musste.

Das war etwas, was er an der Erde bestimmt nicht vermissen würde. Aber die Distanzen waren zu groß, um sie zeitnah bewältigen zu können und die Luftkorridore zu gut gesichert, als dass er nicht aufgefallen wäre. Sick hatte ihm im New Yorker Hauptquartier mal aus Interesse ein paar Überwachungskorridore gezeigt und was für kleine Gegenstände bereits Aufmerksamkeit erregten. Ein vogelähnliches Ding von seiner Größe wäre ein gefundenes Fressen, also hieß es, in den sauren Apfel beißen.

Auch Blade wurde erst ruhiger, als sich Sparkys kleiner Punkt auf dem GPS-Empfänger auf das Flugzeug zu bewegte. Sicher hockte sie zwischen den Käfigen der pelzigen Passagiere, die ins Flugzeug verladen werden mussten. Die Kleine hatte es bisher immer geschafft, unerkannt zu bleiben, aber trotzdem machte ihr Herrchen sich jedes Mal aufs neue Sorgen.

Raven versuchte sich zu entspannen, aber seine Beine und Arme eckten immer wieder an. Darum beschloss er zu schlafen, wie er es bei seinem ersten Flug gemacht hatte. Alle anderen lasen etwas, aber das war nicht sein Ding. Er war kein geduldiger Dämon und sich durch 300 Seiten zu wühlen, nur um zu wissen, wie es ausging, machte ihn völlig kirre, allein die Vorstellung reichte, um sich zu schütteln. Und zu schlafen hatte noch einen großen Vorteil: man wurde nicht wieder blöd von der Seite angequatscht.

Derweil spielte Kenneth mit dem Gedanken, noch etwas zu üben, doch ohne Raven als Schutz für die anderen kam er ziemlich schnell wieder von seiner Idee ab. Er fühlte sich für diese Enge noch nicht sicher genug. Aber wenn er nichts tat, dann nutzte Doc neben ihm seine Chance, Fragen zu stellen.

Er schielte immer wieder zwischen Doc und Raven hin und her. Er ging davon aus, dass der Dämon neben ihm schlief, aber das war noch nicht so. Raven merkte, dass Kenneth angespannt war, darum öffnete er die Augen wieder und sah ihn an.

„Lehn dich an, dann kannst du schlafen“, bot er an und hob seinen Arm, damit er ihn um Kenneth legen konnte und der wäre dumm gewesen, diese Chance nicht zu nutzen. Es tat weh zu wissen, dass Raven bald ging, ohne ihn zu vermissen, wo er doch langsam anfing, sich wie der Mann zu benehmen, den Kenneth suchte. Das Leben war reichlich ungerecht. Und so nutzte er wie erwartet seine Chance, schmiegte sich an und schloss die Augen. Doc hatte das Nachsehen, grinste aber und dachte sich seinen Teil.

Fast wie von selbst verbanden sich sein Geist mit dem von Kenneth und Raven spürte keinerlei Unwillen mehr, auf diesen Menschen aufzupassen. Es fiel ihm sogar viel leichter sich zu entspannen, wenn Kenneth bei ihm war. Das war eine Entwicklung, die er nicht erwartet hatte und er wusste nicht, wie er das bewerten wollte.

Das Symbol zum Anschnallen leuchtete mit einem dezenten Bing auf und die Stewardessen begannen mit der üblichen Security-Show. Kenneth schloss den Gurt, doch den Rest schenkte er sich. Er gönnte sich den kleinen Luxus, darauf zu vertrauen, dass Raven schon dafür sorgen würde, dass er nicht ums Leben kam. Irgendwann hob die Maschine ab, doch das nahm Kenneth nur noch am Rande wahr.

Ravens Geist hüllte ihn ein und ab und zu konnte er es spüren, wie der Dämon prüfte, ob auch alles in Ordnung war. So verging der Flug bis Hongkong schneller, als sie gedacht hatten. Alle waren erschöpft und eigentlich wollten sie nur noch nach Hause und ihren täglichen Arbeiten nachgehen.

Einmal wieder im Café arbeiten und glauben, dass die Welt in Sicherheit war.

Einmal wieder im eigenen Bett schlafen.

Einmal die Augen zu machen und sich einbilden, das Leben sei nicht in Gefahr.

Doch sie hatten diesen Weg gewählt und auch für Kenneth war es bereits nach diesen wenigen Tagen schon schwer vorzustellen, wieder in seiner Praxis zu sitzen und nicht mit den Jungs im Café zu stehen.

„Unser Anschluss geht in vier Stunden. Suchen wir etwas zu essen und ein ruhiges Plätzchen“, schlug Blade vor. Er wollte Sick kontaktieren.


31

„Doc, unser Ziel kommt in Sicht“, meldete Blade über das Headset, als sie über einen sanften Hügel fuhren und vor ihnen auf der Senke das Haus von Muntwene Lorangwa auftauchte. Es war im Stil einer Lodge gebaut, mit mehreren, weiter entfernten Nebengebäuden, in denen sicherlich die Bediensteten wohnten. „Wir fahren direkt rein“, gab Blade kurz Anweisung und trennte die Verbindung wieder.

Weil es sich bewährt hatte, wenn er zusammen mit Raven die Vorhut bildete, lief es auch dieses Mal so. Zügig fuhr er auf das Gelände und bremste vor dem Haupthaus. Es wunderte ihn, keine Stimmen zu hören. So viele Hütten wie hier standen, sollte die Lodge voller Leben sein. Kein Auto, nichts. Der Geruch von Diesel lag noch in der Luft.

„Hier stimmt was nicht, passt bloß auf!“, riet er seinen Kollegen, als er die Wagentür öffnete. Sie waren hier ziemlich weit ab von der nächsten Stadt.

„Verstanden“, antwortete Doc knapp und Powaqa übernahm die Sondierung des Geländes. Oft konnte er Angriffe spüren, bevor sie passierten. Er schüttelte den Kopf, weil er keinerlei Signale bekam und gab das auch an Blade weiter. Allerdings blieben sie alle wachsam, denn Blades feines Gespür hatte sie schon oft vor Schlimmem bewahrt.

Auch Kenneth sah sich neugierig um, zuckte aber, als er Raven in seinem Kopf spüren konnte. Er wusste nicht, was der Dämon wollte, doch es fühlte sich an, wie der drängende Hinweis, den Katalysator zu packen und vorbereitet zu sein, egal was passieren sollte. Verstehend nickte Kenneth und bereitete sich darauf vor, seinen Schutz zu errichten, sollte es nötig sein.

Der Dämon nahm Kenneths Nicken am Rande wahr und es beruhigte ihn. So konnte er sich darauf konzentrieren, was vor ihm passierte. Aus dem Haus kam ein alter Mann, der sich schwer auf einen Stock stützte. Er wollte gerade etwas sagen, als sich die Ereignisse überschlugen.

Ein Feuerball schoss auf sie zu, den Raven gerade noch soweit ablenken konnte, dass er nicht Blade traf. Innerhalb von Sekunden verwandelte er sich in seine Dämonenform und stieg auf.

Durch seinen Angriff hatte Barul sich verraten und Raven schoss in die Richtung, wo er seinen Feind vermutete.

Derweil hatte Kenneth den Schutzschild errichtet, den er nun tastend nach und nach bis zu dem alten Mann auf seiner Veranda ausbreitete. „Wieder eine Falle“, murmelte Doc, der ziemlich erleichtert darüber war, in Sicherheit zu sein. Derweil kam Blade und brachte den alten Mann mit sich, der sich verängstigt auf ihn stützte. Er stammelte in einem wilden Kauderwelsch aus Afrikaans und Englisch und sie verstanden nur so viel, dass er seine Leute weit weg geschickt hatte, als der Fremde den Stein geholt hatte. Blade wollte wissen warum, doch aus dem verstörten Mann war nichts mehr herauszubekommen.

„Raven?“, fragte Doc, der in dem ganzen Durcheinander nicht mitbekommen hatte, wo der Dämon war. Blade deutete nur nach oben und jetzt nahm der Arzt den Kampf, der über ihnen tobte, wahr. Der ganze Himmel war übersäht von Feuer, das sogar die Sonne verdeckte.

„Ach du Scheiße“, murmelte er leise und rückte etwas näher an Kenneth, der sie im Augenblick am effektivsten schützen konnte. Der hielt den Stein fest umklammert und wagte nicht nach oben zu sehen. Kenneth ahnte, dass jeder Treffer, den Raven vor seinen Augen einstecken musste, seine Konzentration schwächen konnte. Raven war der beste, er konnte auf sich selbst achten - zumindest redete Kenneth sich das ein. Er zitterte am ganzen Leib, weil jeder Muskel gespannt war. Schweiß trat ihm auf die Stirn, denn die Feuerbälle brachten immer wieder seine Barriere zum Beben.

„Pow, kannst du ihm helfen?“, fragte Blade, der besorgt auf Kenneths angespanntes Gesicht sah. Sie standen zwar vor dem Eingang zum Haus, aber das schützte sie nicht. Kenneth war noch zu untrainiert, um den Schild so lange aufrecht zu erhalten, wie der Kampf tobte. Und gerade sah es nicht so aus, als wenn er bald endete, denn die Feuerattacken nahmen noch zu. Schließlich waren nun alle Steine im Spiel. Zwei trug Raven, zwei trug Barul. Wer auch immer jetzt seinen Gegner in die Knie zwingen konnte, hatte gewonnen. Und so schenkten sie sich beide nichts. Flammenkugeln hüllten sie ein, versengten die Haut des anderen, denn auch Feuerdämonen waren gegen das spezielle Feuer des Feindes nicht immun.

Nach und nach mussten sie tiefer gehen, denn auch die Flügel wurden in Mitleidenschaft gezogen und sie konnten sich nicht mehr in der Luft halten. Schließlich standen sie sich auf dem Boden gegenüber. Keiner wollte aufgeben. Raven wusste, dass er nicht mehr lange durchhalten konnte, darum griff er zu einer List. Er bückte sich schnell und warf eine Handvoll Sand auf Barul, der reflexartig die Hände hochriss und unaufmerksam war.

Das nutzte Raven aus und warf sich auf ihn. Im Nahkampf war er dem anderen Feuerdämon überlegen, weil er einfach stärker und besser trainiert war. Durch eine Drehung brachte er sich hinter Barul und bekam ihn so zu packen, dass er ihm mit einer schnellen Drehung das Genick brechen konnte. Das Gesicht des Dämons versteinerte und dann sank er in sich zusammen.

Bewegungslos standen die Menschen unter Kenneths Barriere und starrten auf die beiden Dämonen. Barul ging in Flammen auf und wenige Augenblicke später sank Raven in sich zusammen, für Kenneth das Signal, alle Barrieren fallen zu lassen und zu Raven zu eilen. Er sah furchtbar aus.

Doc kam einen Herzschlag später hinter Kenneth bei Raven an und ihm wurde schlecht. Dabei hatte er schon so viele Verletzungen gesehen. Dass der Dämon noch lebte, konnte er sich fast nicht vorstellen, so wie er aussah, aber Raven war zäh. „Gib mir den Stein, Ken“, rief er und hockte schon auf dem Boden. Nur mit der Hilfe des Obsidians konnte er es schaffen, Raven zu retten, denn es sah nicht gut aus. Fast die ganze Haut des Dämons war verbrannt und schwarz verkohlt. Wäre er ein Mensch, wäre er schon tot.

Kenneth stand stocksteif und war blass wie die Kalkwand, die das kleine Anwesen teils umgab. Weil er nicht reagierte und ihn auch keiner dazu bewegen konnte, griff sich Powaqa seine Hand und löste vorsichtig den Stein. Die Berührung schien in Kenneth etwas ausgelöst zu haben und er verschwand erst einmal hinter einer dürren Hecke. Der Anblick des rohen Fleisches war ihm auf den Magen geschlagen. Das konnte jeder hören.

„Stirb mir jetzt bloß nicht weg, du Blödmann“, knurrte Doc und konzentrierte sich. Er wusste erst gar nicht, wo er bei der Vielzahl der Verletzungen anfangen sollte, schloss aber erst einmal die offenen, blutenden Wunden und kümmerte sich dann um die Verbrennungen. Selbst mit dem Stein war es ein fast unmögliches Unterfangen, alles auf einmal zu heilen.

Weil er nicht helfen konnte, kümmerte sich Blade um Kenneth, reichte ihm Wasser und ein Tuch und grinste ihn schief an. „Wird schon wieder“, sagte er, weil er sich denken konnte, wie es dem Mann im Augenblick ging. Egal ob Raven ein Dämon war oder nicht, Kenneth hing an ihm. Ihn so zu sehen, konnte verstörend sein, selbst für jemanden wie Blade.

„Hm“, murmelte Kenneth und beobachtete den alten Mann, der immer noch dort stand, wo sie ihn hatten stehen lassen. Er schien nicht zu begreifen, was passiert war.

Kenneth ruckte aber gleich wieder herum, als Raven leise stöhnte. Der Dämon sah immer noch schrecklich aus, aber so langsam sah man eine Besserung. Die alte, verbrannte Haut löste sich an einigen Stellen ab und darunter zeigte sich frische Haut. Doc arbeitete konzentriert und jetzt zeigte sich, was für eine Steigerung seine Kräfte durch den Stein bekommen hatten. Selbst nach Jahren des Praktizierens hätte er Wunden dieser Art ohne den Stein nicht heilen können - das Mineral war ein Geschenk des Himmels. Zwar kostete es ihn Kraft und er spürte förmlich, wie seine Energie in den lädierten Körper floss, doch zu wissen, was er damit bewirken konnte, war wie ein Rausch.

Derweil schlich Kenneth näher, den Mund frisch gespült. Der Kaugummi, den Blade ihm zusteckte, tat sein übriges. Powaqa war der einzige, der sich um ihren unfreiwilligen Gastgeber kümmerte und den alten Mann ins Haus geleitete.

Der Indianer würde ihm alle Fragen beantworten und dem alten Mann erklären, warum sie hier waren. Dafür hatte Kenneth keinen Nerv, obwohl es ja eigentlich als Psychologe eher seine Aufgabe war. Blade stand neben Kenneth und machte sich Sorgen. So wie Raven aussah, konnten sie ihn nicht transportieren und Doc kam langsam ans Ende seiner Kräfte. Sie mussten wohl hier bleiben, aber das sollten sie noch besprechen, schließlich waren sie hier auf Privatgelände und konnten sich nicht einfach einnisten.

„Er kann so nicht reisen, er braucht Ruhe“, erklärte ihnen plötzlich eine vom Alter gezeichnete Stimme. Muntwene, immer noch auf seinen Stock gestützt, stand in der Tür seines Hauses. Hinter ihm stand Powaqa und besah sich das Trauerspiel. Raven lag noch immer auf dem sandigen Boden, Kenneth sah aus, als würde er gleich aus den Latschen kippen, Doc war am Ende seiner Kraft, nur Sparky hatte reges Interesse an ihrer Umgebung, sie war schon zur Hälfte in einem selbst gegrabenen Loch verschwunden.

„Bringt ihn ins Haus.“ Muntwene fuchtelte mit seinem Stock und drehte sich wieder zum Haus. Er war noch immer verwirrt, aber er hatte verstanden, dass diese Männer sein Leben gerettet hatten, da war es seine Pflicht, ihnen Obdach zu gewähren. Blade war der erste, der sich rührte. Er hob Raven hoch und bedeutete Kenneth, sich um Doc zu kümmern. Schweigend ging der neben dem Arzt in die Knie und zog den ausgelaugten Körper gegen sich. „Danke“, flüsterte Kenneth Doc zu und holte tief Luft. Er hielt Doc fest und ließ ihm die Zeit, wieder auf die Füße zu kommen. Nur Sparky schien in ihrem Element und wühlte sich durch den Sand.

„Immer wieder gern“, grinste Doc schwach, was nur ein Abklatsch seines sonstigen Grinsens war. Aber trotzdem hörte man heraus, dass er wusste, wofür sich Kenneth bedankt hatte. Er blieb kurz so sitzen, dann ließ er sich aufhelfen. „Okay, geh zu Raven und tupfe ihn vorsichtig mit Wasser ab. Die alte, verbrannte Haut sollte runter oder zumindest etwas angefeuchtet werden, damit sie sich lösen kann.“

„Ich soll...?“, fing Kenneth an, doch dann nickte er. Schweigend geleitete er Doc ins Haus und sah sich dort überrascht um. Er wusste selbst nicht, was er erwartet hatte, doch die Einrichtung des mit Blättern und Ästen gedeckten Lehmhauses wirkte ziemlich kontinental. Als sie die Tür durchschritten, fanden sie sich in einem Empfangsraum mit einer kleinen Sitzgarnitur aus abgewetztem Leder wieder. Auf einem Beistelltisch stand eine grüne Topfpflanze. Stimmen kamen durch eine der abgehenden Türen und Kenneth folgte den Lauten, Doc immer noch im Arm, der sich auf ihn stützte.

„Setz mich hier hin, das reicht.“ Doc zeigte auf einen der Ledersessel und ließ sich darauf fallen, als sie dort waren. Er war vollkommen fertig und musste sich ausruhen, weil er später noch einmal zu Raven wollte. Nicht dass die großflächigen Wunden sich entzündeten. Sofort war Powaqa mit einer Flasche Wasser bei ihm, während Kenneth sich durch die Tür in eine Art Gästeraum schob. Auf Fellen am Boden lag Raven. Blade kniete neben ihm und Muntwene kniete neben dem Dämon, träufelte etwas aus einer suspekt aussehenden Flasche auf die Wunden auf der Brust und murmelte unverständliches. Sprachlos sah Kenneth dabei zu. Ob der Alte an das glaubte, was er da tat? Durch das Fenster im Rücken des Alten schien die Sonne und verpasste ihm einen unwirklichen Lichtkranz.

Auf jeden Fall schien es etwas zu bewirken, denn Raven wurde unruhig und stöhnte leise. Muntwene legte ihm eine Hand auf die Brust und der Dämon wurde wieder ruhiger. Es war faszinierend, das zu beobachten, aber auch beängstigend. „Was macht er da?“, flüsterte Kenneth zu Blade und kniete sich ebenfalls auf den Boden.

„Ein Heilungsritual seines Stammes“, entgegnete der Soldat und beobachtete ebenfalls. Es schien fast so, als hätte der Mann ähnliche Fähigkeiten wie Doc, nicht so trainiert und ausgeprägt, aber seine gebündelte Energie, zusammen mit den Kräutern und Essenzen, wirkte. Vielleicht half ihm auch die Nähe des Obsidians, der jede Fähigkeit - egal welcher Art - verstärkte.

„Ach so.“ Kenneth kroch etwas näher. Raven so zu sehen, war ungewohnt und schmerzte. Dieser Kampf hatte dem Dämon alles abverlangt und er wäre wohl lieber gestorben, als zu verlieren. Er hatte mehrmals das Feuer seines Gegners mit seinem eigenen Körper abgelenkt, damit er nicht die Menschen traf, denn Kenneth war einfach noch zu ungeübt. Wieder einmal bäumte Raven sich auf und schlug die Augen auf. Seine Augen blickten kurz in Kenneths, dann verlor er wieder das Bewusstsein.

Ungeschickt versuchte Kenneth seinen Geist mit Ravens zu verbinden. Wenn er auch nicht wusste warum, wollte er ihm doch zeigen, dass er ihn nicht allein ließ. Aber er scheiterte kläglich. Er war wirklich zu nichts zu gebrauchen. Er zuckte kurz, als Muntwene ihn plötzlich ansah und nickte, als hätte er gerade eine Erkenntnis gehabt. Was sollte das denn? Doch dann lag Kenneths Blick wieder ganz auf Raven.

„Bleib bei ihm. Ich hole das Gepäck!“ Blade erhob sich.

Kenneth nickte nur, denn er hoffte, dass Raven noch einmal die Augen aufschlug und das wollte er nicht verpassen. Doch Raven rührte sich nicht mehr. Er schien aber leichter zu atmen und nicht mehr ohnmächtig zu sein. Kenneth nahm eine von Ravens Händen und drückte sie leicht. Wenn er dem Dämon schon nicht anders zeigen konnte, dass er da war, dann wenigstens so, egal was der Rest dachte.

„Pass auf ihn auf, er braucht dich“, sagte Muntwene und erhob sich ächzend wieder. Auf seinen Stock gestützt verließ er das Zimmer und nun war Kenneth mit dem lädierten Dämon allein. Er fasste die Hand in seiner fester und seufzte leise.

„Verlass mich nicht“, murmelte er, auch wenn er wusste, dass der Tag kam und Raven ging. War es unfair, sich zu wünschen, dass der Tag noch nicht so bald kam?

Es war vielleicht gut, dass Raven seine Worte nicht gehört hatte, denn der Dämon hätte mit ein paar Worten alles zerstört. In Gedanken versunken, hockte Kenneth neben Raven und streichelte vorsichtig mit dem Daumen über den Handrücken. Er zuckte zusammen, als die Hand in seiner sich bewegte. Raven war wieder wach geworden und sah den Menschen neben sich an. Er wollte etwas sagen, aber er bekam nur ein paar unartikulierte Laute heraus.

„Pscht“, machte Kenneth wie bei einem Kind und lächelte Raven an. „Schlaf“, riet er und setzte sich bequemer, ließ Raven aber nicht los. „Hast du Durst? Hunger? Brauchst du was?“ Er redete leise, um sich abzulenken. Irgendwie musste er seine Nervosität überspielen. Wo kam die bloß her? Das war doch wirklich das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte.

Raven schüttelte den Kopf und schloss kurz die Augen. Er hatte höllische Schmerzen, aber das war nicht zu ändern. Das konnte er aushalten. „Alle okay?“, flüsterte er leise. Er hatte zum Schluss nicht mehr darauf achten können. Sie waren schließlich ein Team und da hatte er als Stärkster die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sie überlebten.

„Ja, mir und dem Rest geht’s bestens. Der Alte hat dich mit irgendwas eingerieben, ich hoffe das hilft. Doc hat auch schon sein bestes gegeben und dich geflickt und...“ Kenneth fing einfach an zu plappern, um sich abzulenken. Er konnte doch seine Gedanken voller Angst um Raven nicht aussprechen. Also lachte er leise, als er Blade mit seiner Herzensdame schimpfen hörte, weil er mit den Taschen in der Hand fast in ihrem Loch gestrauchelt wäre.

„Gut.“ Raven schloss kurz die Augen, weil alles vor ihnen verschwamm. Erst jetzt nahm er wahr, dass Kenneth seine Hand hielt und ganz unerwartet störte es ihn nicht, sondern wirkte beruhigend auf ihn und er konnte die Schmerzen besser zurückdrängen. „Wird schon“, murmelte er noch, dann dämmerte er wieder weg. Kenneth blieb, wo er war, und hielt weiter die Hand des Dämons. Er lockte Sparky zu sich, die gerade lieber stiften ging, ehe ihr Herrchen sie noch zwang, das Loch wieder zuzuschaufeln. Dazu hatte die junge Dame nämlich gar keine Lust. Lieber ließ sie sich neben Kenneth fallen und kraulen. Das tat er gedankenverloren, denn in seinem Kopf lief alles durcheinander. Er konnte keinen klaren Gedanken packen und zu Ende bringen.

Nach einer Weile kam Powaqa mit einer Schale Wasser und Leinentüchern, so konnte Kenneth endlich etwas tun und seine Gedanken ausschalten. Vorsichtig betupfte er Raven mit einem feuchten Tuch und überrascht stellte er fest, dass schon viel mehr Haut verheilt war, als er gedacht hatte. Die verkohlten Schichten ließen sich gut lösen und langsam schöpfte er neue Hoffnung, dass Raven wieder gesund wurde.

„Lass das“, zischte er Sparky an, die neugierig ihre Schnauze in das Wasser stecken wollte. Doch das wollte Kenneth nicht. „Wenn du Durst hast, geh zu Blade, das ist nichts für dich“, erklärte er ihr und hob die Schale an. Das letzte, was er wollte, war noch mehr Keime auf Ravens Wunden zu bringen.

Kenneth ging in seiner Beschäftigung auf. Nach und nach legte er immer mehr neue Haut frei, nur das Gesicht ließ er aus. Er wollte nicht, dass Raven davon vielleicht aufwachte. Er brauchte seinen Schlaf.

Es war schon merkwürdig, noch vor ein paar Tagen hatte Kenneth sich aufgeregt, überhaupt mit dem Dämon in einem Zimmer sein zu müssen und jetzt hoffte er, Raven ginge nicht wieder zurück. „Das ist doch völlig verrückt“, murmelte Kenneth leise und schreckte auf, als er Schritte hörte, die ins Zimmer kamen. Der Alte hatte Tee zubereitet und Powaqa brachte ihm eine Tasse.

„Wir können hier bleiben, bis es ihm besser geht. Also hetzt euch nicht. Er braucht Ruhe.“ Dann war der Indianer wieder verschwunden. Kenneth konnte sich gar nicht mehr bedanken. Der Tee roch stark nach Kräutern und Kenneth machte sich darauf gefasst, dass er bitter schmeckte, aber er war überrascht. Der Kräutertee schmeckte lecker.

„Möchtest du auch?“, fragte er Raven, obwohl der ihm nicht antworten konnte. Er tauchte einen Zipfel sauberen Tuchs in seinen Tee und strich damit vorsichtig über die Lippen des Dämons. „Wusste ich's doch“, murmelte Kenneth leise, als er sah, wie die Lippen sich leicht um den Zipfel schlossen, als würden sie den Tee aus den Fasern pressen wollen. Also zog er das Tuch vorsichtig zurück und tränkte es erneut.

Diese paar Tropfen, die Raven jedes Mal dadurch bekam, reichten bei weitem nicht aus, aber es war besser als gar nichts und Kenneth kam sich nicht mehr so hilflos vor. So konnte er Raven ein wenig von dem zurückgeben, was dieser für ihn und die anderen getan hatte. Doch als der Dämon gieriger an dem Tuch zu saugen begann, kam Kenneth nicht mehr mit dem Tränken des Tuches hinterher. So musste er in den sauren Apfel beißen und Raven füttern. Er nahm also einen Schluck Tee in den Mund und legte seinen Lippen auf Ravens. Hoffentlich konnte er sich beherrschen, denn leicht war es für Kenneth nicht.

Er wiederholte die Prozedur einige Male und als er sich wieder über den Dämon beugte und ihre Lippen verband, öffneten sich diese leicht. Dazu spürte er eine Hand in seinem Nacken, die ihn daran hinderte, wieder zu gehen. Der Kuss dauerte allerdings nicht lange, dazu fehlte Raven die Kraft. Aber Kenneth wirkte zufrieden, als er sich wieder löste.

„Schlaf“, riet er Raven und nahm sich wieder das Tuch, um weiter über die abgestorbene Haut zu fahren. „Du brauchst Ruhe. Wenn Doc wieder bei Kräften ist, wird er sich noch einmal um dich kümmern. Alles wird gut.“ Warum er das sagte, wusste er selber nicht. Er wollte einfach reden, denn die Stille im Raum war erdrückend.

„Hm.“ Raven folgte Kenneth mit den Augen. Er fühlte sich vollkommen erschlagen, aber gleichzeitig rastlos. „Die Steine und der Stab sind vernichtet“, murmelte er leise und hielt Kenneths Hand fest, als dieser das Tuch wieder tränken wollte. „Leg dich zu mir“, bat er und sein Geist tastete nach Kenneths. Er wollte, dass sie verbunden waren, denn das machte ihn ruhiger.

„Ja, sicher“, sagte Kenneth hastig und ließ das Tuch ins Wasser fallen. Dann streckte er sich eilig aus. Zu spüren, dass Raven ihn suchte und ihn brauchte, war ein warmes Gefühl. Kenneth lächelte. „Du hast deine Mission erfüllt. Die Steine sind... Den Katalysator musst du noch zerstören“, sagte Kenneth leise und nachdenklich. Vorsichtig schmiegte er sich an den Dämon und versuchte, ihm nicht weh zu tun.

Raven wartete, bis Kenneth richtig neben ihm lag und legte dann einen Arm um ihn. „Nein, den sollt ihr behalten. Er kommt auf meiner Welt natürlich vor und wurde nicht synthetisch hergestellt, wie die anderen. Er wird euch helfen, eure Kräfte besser zu beherrschen.“

„Ach so.“ Nickend schloss sich immer wieder Kenneths Hand, gerade so, als hätte er den Stein noch bei sich. Aber den hatte Doc. „Wann wirst du aufbrechen?“, fragte er plötzlich - ohne dass er es hätte verhindern können - das, was ihn schon eine Weile bewegte. Angst beschlich ihn und er drängte sie zurück. Raven sollte das nicht spüren, doch er tat es und runzelte die Stirn. Er konnte diese Angst nicht einordnen, aber jetzt fragte er nicht nach. „Wenn wir wieder in London sind. Dort befindet sich das Tor. Mein Boss wartet auf Nachricht von mir. Die Mission hat länger gedauert, als ich gedacht hatte.“

„Ah, gut.“ Kenneth nickte eifrig und konnte nicht vermeiden, dass ein paar Tränen ihm aus den Augenwinkeln in die Haare liefen. Raven ging wirklich, ohne mit der Wimper zu zucken. „Ich werde dann wohl auch wieder versuchen, in mein normales Leben zurückzufinden.“ Ob er das noch konnte, war fraglich. Er hatte sich an die Jungs gewöhnt und daran, nicht mehr allein zu sein.

„Du solltest bei der Truppe bleiben. Sie brauchen dich.“ Für Raven war das gar keine Frage, wo Kenneth hingehörte. Er hatte der Gruppe mehr als einmal die Haut gerettet. „Du solltest dann aber anfangen zu trainieren, das macht es leichter.“ Immer wieder schlossen sich Ravens Augen, auch wenn er das nicht wollte. Sein Körper brauchte den Schlaf, um sich zu regenerieren.

„Schlaf“, sagte Kenneth wieder. Er wollte darauf jetzt nicht antworten, vielleicht auch, weil er selber noch nicht wusste, was er eigentlich wollte. Er wusste nicht einmal mehr, wo er hin gehörte. Klar, bei Doc und den anderen zu bleiben bedeutete Spaß und Verantwortung. Doch sein Beruf würde ihm fehlen und seine Kollegen auch. Sie zählten auf ihn. Einfach zu verschwinden war nicht die feine Art gewesen.

Raven protestierte nicht mehr, denn er dämmerte schon weg. Die Verbindung mit Kenneth behielt er aufrecht, auch wenn nun keine Gefahr mehr bestand, dass ein Dämon ihn angriff. Jetzt diente diese Verbindung einzig und allein dazu, ihn zu beruhigen und seinem Körper zu helfen, sich zu regenerieren.

Kenneth lag schweigend neben ihm und atmete tief durch. Er malte sich aus, wie es war, wenn er zurück in sein altes Leben ging und je mehr er es versuchte, umso blasser wurden die Bilder.

Es ging nicht mehr.

„Alles wegen dir“, nuschelte er leise und beobachtete Raven beim Schlafen - noch konnte er es.


Epilog


„Ken!“

Es klang genervt, wie Sick nach seinem Freund rief. Es war schließlich nicht das erste Mal. „Wir wollen los. Könntest du dich bitte konzentrieren?“ Der Jüngste der Truppe sprach das aus, was alle dachten, aber aus Rücksicht auf ihren Freund nicht laut aussprachen.

Kenneth war unkonzentriert und schlecht gelaunt, seit Raven sie verlassen hatte. Selbst im Coffee Shop war er so gut wie nicht zu gebrauchen und verbrachte die meiste Zeit im Lager oder bei Einkäufen. Vier Wochen ging das jetzt schon so und, anstatt dass es irgendwann wieder besser wurde und sich normalisierte, wurde Kenneth von Tag zu Tag unausgeglichener.

Selbst Sparky, die Furchtlose, hatte schon begriffen, dass man um den im Augenblick lieber einen Bogen machte, wenn man nicht angeknurrt werden wollte und das wollte sie ganz bestimmt nicht.

„Is' ja gut“, knurrte Kenneth wie gewohnt und erhob sich. Bis eben hatte er auf den großen Bildschirm gestarrt, auf dem Nachrichten liefen, doch es war nichts ungewöhnliches erwähnt worden, das irgendwie hätte darauf hindeuten können, dass er doch noch zurückgekommen war.

Das Team stiegen schweigend ins Auto. Sie hatten Hinweise auf ungewöhnliche Ereignisse in einem Londoner Vorort erhalten und wollten prüfen, ob ein Dämon der Ursprung war. Die Stimmung im Team war gespannt, denn alle liefen mehr oder weniger wie auf rohen Eiern und das wirkte sich auch langsam auf ihre Einsätze aus.

Kenneth war nur noch schwer einzuschätzen und sie konnten von Glück reden, dass es die letzten Wochen relativ ruhig geblieben war. Mehr als einmal hatte Doc versucht mit ihm zu reden, doch Kenneth hatte jegliche Unterhaltung abgeblockt.

Es herrschte Schweigen.

Aber auf Dauer konnte das nicht gut gehen. Eigentlich rechneten sie jeden Tag mit einer großen Explosion - es war wie das sprichwörtliche Damokles-Schwert, das über einem schwebte und man wusste nicht, wann es fiel und wen es traf.

Sie begaben sich in Position, wobei Kenneth etwas außerhalb postiert wurde. In dem Lagerhaus vor ihnen sollten die merkwürdigen Dinge vorgegangen sein und sie wollten erst einmal Sparky mit einer Kamera hineinschicken, um die Lage zu sondieren. Also huschte die Ratte los und schlich sich durch ein Loch in der Wand, während Blade auf einem Mini-Bildschirm, der mit einem Brillengestell direkt vor seinem linken Auge gehalten wurde, beobachtete, was sie ihm zeigte.

„Da sind zwei“, knurrte er und straffte sich. „Ken und Sick, wie üblich. Doc und Pow mit mir“, bestimmte er leise und ging davon aus, dass jeder wusste, was zu tun war.

Er bekam drei knappe Antworten, nur von Kenneth kam mal wieder nichts. Alle drehten sich zu ihm um und hielten den Atem an, als ein Feuerball auf Kenneth zugeschossen kam und ihn einhüllte. Es geschah so schnell, dass sie ihn noch nicht einmal warnen konnten. Doc hetzte sofort los, um seinem Freund zu helfen, als die Flammen weniger wurden, aber er blieb erschrocken stehen, als eine Gestalt neben Kenneth landete.

„Hab ich dir nicht gesagt, du sollst trainieren?“, knurrte diese.

„Was?“ Kenneth, dem das alles ebenfalls zu schnell gegangen war, zog eine Blockade um sich herum hoch, doch er war nicht schnell genug und die Flammen brachen sie immer wieder auf. Panik stieg ihm das Rückgrat hoch und er wollte die Barriere verstärken, doch da spürte er eine vertraute Präsenz in seinem Geist. Das unglaublich warme Gefühl von Ausgeglichenheit machte sich breit, gerade so, als wäre ein Teil, der ihm gefehlt hatte, zurückgekehrt.

„Raven?“, fragte er leise und versuchte durch die Flammen zu sehen.

„Wer sonst? Oder kennst du noch mehr Dämonen?“ Raven klang ein wenig amüsiert und ließ die Flammen verlöschen. Er war vor ein paar Stunden wieder auf der Erde angekommen und hatte gerade noch gesehen, wie die Truppe losgefahren war. Er war ihnen bis hier her gefolgt und als Kenneth so völlig abwesend an dem Baum gelehnt hatte, war er ein wenig ärgerlich geworden und hatte beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen.

„Musst du mir deswegen das Genick verbrennen, sage mal?“, blaffte Kenneth. Er konnte noch nicht glauben, was er sah. Und dass Raven dann nur hier war, um ihn zu maßregeln und ihn nicht einmal in den Arm nahm oder küsste, machte ihn ärgerlich. Wochenlang hatte er auf diesen Idioten gewartet und dann so was?

„Sei froh, dass es nur das Genick ist“, knurrte Raven zurück und bevor das jetzt eskalierte, mischte Sick sich ein, der langsam die Schnauze voll hatte.

„Raven, tu uns einen Gefallen und popp ihn bewusstlos, wenn du nicht willst, dass ich ihm irgendwann den Hals umdrehe. Der ist echt nicht zu ertragen, seit du weg bist.“ Normalerweise mischte er sich ja nicht in solche Dinge ein, aber so ging das definitiv nicht weiter.

„Ist das so?“, grinste Raven und griff sich Kenneth blitzschnell, um ihn zu küssen. So hatte der Mensch nicht einmal die Chance, sich zu wehren, Sick schmerzliche Rache zu schwören oder Raven zu erklären, dass seine schlechte Laune ganz bestimmt nichts mit diesem dämonischen Idioten zu tun hätte. Doch so wie er den Kuss erwiderte und sich an Raven klammerte, war es gut, dass er nichts sagen konnte - sein Körper strafte ihn Lügen.

„Geht doch. Da muss nur der Richtige kommen und Ken wird handzahm“, murmelte Doc grinsend und besah sich das knutschende Pärchen. Anders konnte man das nicht bezeichnen, denn es sah schon ziemlich gierig aus, wie die zwei da aneinander hingen. Es war nur zu hoffen, dass der Dämon blieb.

„Wo steckt ihr? Verdammt noch mal!“, hörten plötzlich alle Mann Blade aus dem Headset fauchen, denn der war mit Powaqa in die Lagerhalle eingedrungen und vermisste seine Leute.

„Komme!“ Doc machte, dass er hinterher kam und Sick stand nun etwas verloren in der Gegend herum. Das konnte sich ja keiner mit angucken, ohne dass einem heiß wurde. Knurrend lehnte er sich also an einen Baum und beobachtete das Gelände, während sich Kenneth zufrieden seufzend ebenfalls gegen einen Baum drücken ließ, um nicht den Halt zu verlieren und sich Ravens fordernden Lippen besser entgegen bringen zu können.

Es dauerte eine Weile, bis Raven sich wieder von Kenneth löste. Er hatte alles daran gesetzt, wieder auf die Erde kommen zu können und jetzt war er sich sicher, genau das Richtige getan zu haben. Seine innere Unruhe war verschwunden und er fühlte sich wieder ausgeglichen. Er löste sich von Kenneth und grinste. „Ich gehe Blade und den anderen helfen und du passt mit Sick zusammen hier auf“, sagte er und war auch schon verschwunden.

„Arsch“, knurrte Kenneth leise, musste aber grinsen, als er sich über die geschwollenen Lippen leckte. Raven war wirklich zurückgekommen! Schon wieder versöhnt mit der Welt sah Kenneth sich um, ob sich etwas Verdächtiges tat, doch alles, was er ungläubig betrachtete, war Sick, der ein dankendes Stoßgebet gen Himmel schickte.

Na er konnte Freunde haben!

Doch er lachte leise, denn er wusste nur zu gut, was für eine Nervensäge er die letzten Wochen gewesen war. Seine Freunde hatten allen Grund dafür.

Mit Ravens Hilfe war das Problem in der Lagerhalle schnell erledigt, denn der Dämon tötete die beiden Angreifer mit einem gezielten Feuerball, als sie auf Doc und Powaqa los wollten. „War wohl 'ne gute Idee, wieder zurückzukommen“, brummte Raven, der nicht gerade begeistert darüber war, wie unaufmerksam die Menschen oft waren.

„Scheint wohl so“, sagte Doc, der sich ziemlich erschrocken hatte. Ihm war immer noch Ravens Rückkehr durch den Kopf gegangen und so hatte er die Mission auf die leichte Schulter genommen. Das war unverzeihlich, auch wenn sie noch den Stein des Dämons hatten, der ihm half zu heilen. Doch Tote zum Leben erwecken konnte er nicht. Besser, er war das nächste Mal wieder voll bei der Sache.

„Wirst du bleiben?“, war die einzige Frage, die Blade hatte.

„Ja“, war die genauso knappe Antwort und das war alles, was Blade wissen musste. Alles andere würde sich mit der Zeit ergeben. „Wir rücken ab“, sprach er ins Headset und ging davon aus, dass Kenneth und Sick sich gleich zu den Autos begaben. Raven griff im Laufen in seine Hosentasche und warf Doc ein kleines Säckchen zu. „Hier“, sagte er nur und war sich sicher, dass der Arzt wusste, was er mit den Obsidianen, die Raven mitgebracht hatte, machen sollte.

Neugierig sah Doc in den Beutel und grinste. Wenn es das war, was er dachte, dann müssten sie ihren Katalysator nicht mehr teilen und jeder konnte einen bei sich tragen. Vielleicht konnten sie sogar an ein paar der anderen Zellen von ‚Hunter’ welche verteilen.

Doch erst einmal steckte Doc sie weg und nahm sich vor, wieder Kenneth zu beobachten. Mal sehen, ob der jetzt immer noch so scheiße drauf war oder wieder erträglich wurde. Wäre doch gelacht, wenn der Dämon nicht für alle von Nutzen sein konnte. Zumindest war Kenneths Gesicht beim Einsteigen schon wesendlich freundlicher, als noch vor einer Stunde. Das war doch schon einmal ein Anfang.

„Sag mal, warum bist du wieder da?“, fragte Sick, der zwar immer noch etwas verstimmt wegen seines Fernsehers war, aber darüber großzügig hinwegsehen wollte, wenn wieder Ruhe in die Gruppe einkehrte.

„Irgendjemand muss doch auf euch aufpassen und da wir Dämonen dafür verantwortlich sind, dass diese Kreaturen auf der Erde leben, fand ich, wir sollten bei deren Bekämpfung helfen“, war die prompte Antwort und Sick wollte schon einwerfen, dass das sicherlich nicht alles war, doch da sprach Raven schon weiter. „Außerdem habe ich mich an euch gewöhnt und ich lasse meine Truppe nicht einfach im Stich.“

„Ah ja. Und das liegt nicht daran, dass man sich an regelmäßigen Sex mit... aua!“ Doc guckte nicht schlecht, als ihm jemand gegen das Schienbein kickte und Kenneth ihn aus zu Schlitzen verengten Augen ansah.

„Noch so ein Spruch und du läufst nach Hause“, knurrte er und sah zu Raven. Sicher, Doc hatte ausgesprochen, was Kenneth gern hören wollte, doch er war Realist, er wusste, dass er von Raven nichts zu erwarten hatte. Selbst der Abschied war damals leidenschaftslos gelaufen - tschüss und weg.

So war Raven eben.

„Doc, wenn du ihn wieder vergraulst, dann läufst du nicht nur“, knurrte Sick leise und Doc hielt lieber den Mund, denn der Kleine machte seine Drohungen durchaus wahr. Nur Raven sagte gar nichts dazu, aber er guckte kurz zu Kenneth und der wusste, dass sie darüber noch reden mussten, allerdings wenn sie alleine waren. Gefühle zu zeigen war nicht Ravens Ding, besonders nicht vor anderen.

„Steigt ihr heute noch ein oder wartet ihr auf eine Einladung?“, fragte Blade etwas gereizt. Zwar war er zufrieden, dass Raven wieder da war, aber dass seine Truppe deswegen kopflos und vor allen Dingen unvorsichtig wurde, ging ihm gegen den Strich. Er setzte sich hinter das Steuer und startete den Wagen. Was keiner sah, war sein zufriedenes Grinsen, als er Sick und Raven die Türen zuknallen hörte, ehe die Gurte einrasteten. Dann fuhr er auch schon los und hoffte, dass die übrigen drei in Docs Wagen folgten.

Heute war ein Anschiss fällig!

Er hatte die letzten Wochen viel zu viel Nachsicht wegen Kenneth gehabt, das war jetzt endgültig vorbei. Darum wurden auch alle in die Küche beordert, als sie im Hauptquartier ankamen, nur Kenneth und Raven scheuchte er wieder weg. Die sollten erst einmal ihre eigenen Angelegenheiten klären, sonst endete das hier noch in Mordattacken.

Derweil schlich Kenneth durch die Gänge des Hauptquartiers in seine Räume, denn seit er sich entschlossen hatte, in der Praxis aufzuhören, hatte er auch seine Wohnung aufgegeben und seinen Lebensmittelpunkt in die Gruppe verlegt.

Raven folgte ihm und lehnte sich an die Tür, als er sie geschlossen hatte. Er war nervös, versuchte sich das aber nicht anmerken zu lassen. Er wusste, was Kenneth von ihm erwartete, aber er war sich nicht sicher, ob er das konnte. Er war ein Einzelgänger und bisher hatte er nur für den Kampf und seinen Herrn gelebt. Eine Partnerschaft kannte er nicht und er hatte Angst davor, aber trotz allem war er wieder auf die Erde gekommen.

„Bist du wirklich nur wieder hier, weil du das Team nicht im Stich lassen willst? Wenn ja, würde ich dich nämlich bitten wieder zu gehen und mir am besten aus dem Weg zu gehen. Wenn du hier bist, brauchen sie mich nicht. Ich würde mich dann elegant zurückziehen, aber so wie vor deiner Abreise wird das nicht mehr laufen, dafür habe ich schlicht nicht mehr die Kraft“, redete Kenneth ohne Punkt und Komma. Er musste das jetzt loswerden und damit ihn nichts daran hinderte, hatte er Raven den Rücken zugedreht.

„Nein, ich bin wegen dir wieder hier.“ Raven stieß sich von der Tür ab und kam zu Kenneth hinüber. Er legte von hinten den Arm um ihn und zog ihn leicht an sich. „Ich bin es nicht gewohnt, Gefühle zu haben und sie zu zeigen und das wird sich wohl auch nicht ändern. Das bedeutet auch, dass dieser Kuss vor den anderen wohl der einzige bleiben wird. Du kannst allerdings sicher sein, dass sich das etwas ändert, wenn wir alleine sind. Zwar werde ich wohl nie kuscheln und all diese Dinge tun, die ihr in einer Partnerschaft erwartet, aber du kannst dir sicher sein, dass ich mir Mühe geben werde, dass es funktioniert.“

Starr blieb Kenneth stehen und wagte kaum zu atmen. Er musste sortieren, was er gehört hatte. Raven war wegen ihm zurückgekommen? Das Team war nur ein Vorwand oder wie sollte er das verstehen? Leicht würde es nicht, mit dem Dämon als Partner, doch Kenneth lächelte und sein Körper entspannte sich, als er sich gegen Raven sinken ließ. „Damit kann ich leben“, gab er zu und drehte sich in dessen Armen, „und da wir gerade allein sind...“

Raven hob eine Augenbraue und grinste. Da war es wieder, was ihn an Kenneth so anzog. Dieser Mensch schaffte es immer wieder, dass er sich völlig entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten verhielt. Sie würden sich noch oft streiten und es würde zu Missverständnissen zwischen ihnen kommen, aber das war der Reiz an dieser besonderen Beziehung, die sie hatten. Sie war einmalig und deswegen war sie es wert, dafür zu kämpfen.

Das hatte aber später noch Zeit.

Jetzt musste Raven Kenneth erst einmal zeigen, dass er sich richtig entschieden hatte. Mit einem Schubs landete Kenneth auf dem Bett und Raven auf ihm. „Und was schwebt dir da so vor?“, fragte er dunkel, gab seinem Geliebten aber keine Chance zu antworten, denn seine Lippen verschlossen Kenneths. Er würde ihm schon zeigen, was er wollte, so wie noch hoffentlich viele Male.



Ende