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Das Herz eines Herzogs - Teil 41 bis 44

41


Die Verabschiedung mit seiner Mutter war kurz und schmerzlos. Sie nickten einander zu und dann trennten sich ihre Wege. Abigail stieg in die für sie bereitstehende Limousine und ließ sich ins Hotel bringen. Sie musste noch die letzten Vorbereitungen für das Treffen mit dem Besitzer der Hotelanlage in den nächsten Tagen treffen.

William wurde zum Flughafengebäude gebracht, wo sein Mittelsmann auf ihn wartete, um ihn in Empfang zu nehmen.

„Herr Kendal, sie klangen gehetzt am Telefon“, sagte der Mann mittleren Alters, als er seinem Kunden die Tür des Wagens aufhielt. „Die Käufe liegen im Kofferraum, wollen sie einen Blick drauf werfen? Sie sind ihr Geld wirklich wert.“ Mister Bingham war ein Chamäleon und in der Welt zuhause. Er sprach sieben Sprachen fließend, fünf weitere rudimentär und wusste sich in jedem Kulturkreis zu bewegen. Er war der ideale Mittelsmann, wenn es um heikle Geschäfte ging.

Eigentlich hatte William gleich losfahren wollen, aber jetzt siegte seine Neugier. „Guten Tag, Mister Bingham. Ja, ich würde die Schwerter gerne sehen.“ Zwar vertraute er auf die Meinung seines Geschäftspartners, doch Schwerter waren nun einmal seine Leidenschaft und ein paar Minuten machten nichts.

„Sehr gern, wenn sie mir folgen wollen.“ Der Kofferraum öffnete sich, als auf einen Knopf auf der Fernbedienung gedrückt wurde und dort lag ein länglicher Holzkoffer. „Wunderschöne Stücke“, sagte Mister Bingham und öffnete den Deckel. In schwere Tücher gehüllt lagen dort die Schwerter.

William war aufgeregt, als er die Tücher aufschlug und das erste Schwert sehen konnte. „Ja, da kann ich ihnen nur zustimmen. Kein Vergleich zu den Bildern und dort sahen sie schon fantastisch aus.“ Ehrfürchtig ließ er seine Finger über die verzierte Saya gleiten.

„Ja, echte Handwerkskunst“, sagte auch sein Geschäftspartner. Er selbst hatte keine Hobbies, denen er frönen konnte, doch er konnte die Begeisterung des jungen Herzogs für diese Schwerter verstehen. Geld spielte keine Rolle, auch nicht zwischen ihnen. Er würde wie jedes Mal die Rechnung schreiben und William würde sie ohne Anstalten bezahlen. Sie waren ein gutes Team.

Vorsichtig legte William es wieder zurück und schlug das Tuch darum. Erst dann nahm er das nächste in die Hand. Dieser Kauf war wirklich etwas Besonderes. Solch ein Set gab es nur noch ganz selten. Ein Nodachi und das entsprechende Katana mit jeweils dazugehörigem Kurzschwert. „Wunderschön.“ William war aufgeregt, aber er berührte sie nicht. Das waren Geschenke für Yves und er sollte auch der erste sein, der sie berührte.

„Ich wünsche ihnen viel Spaß mit ihrem Neuerwerb und noch einen schönen Aufenthalt auf der Insel.“ Mister Bingham fragte nicht weiter, er war nicht neugierig. „Leben sie wohl, es war mir wie immer ein Vergnügen.“ Und schon war er verschwunden. William schloss den Kofferraum und setzte sich hinter das Steuer. Wie in England auch fuhr man hier auf der linken Straßenseite. Die Umgewöhnung war für ihn kein Problem und so hatte er sich ziemlich schnell in den Strom eingeordnet, der sich vom Flughafen weg bewegte.

Noch war es einfach, den Weg zu finden, denn die Verkehrsschilder waren neben Japanisch auch in Englisch beschriftet, so dass William ohne Schwierigkeiten die richtige Autobahn nach Kyoto fand. Dort wurde es dann etwas schwieriger. In der Stadt stand er vor einem Problem, denn er hatte keinen Schimmer, wo die Straße zu finden war, in der Yves' Vater wohnte.

Aber William ließ sich nicht entmutigen. Er suchte einen Taxistand und zeigte einem Fahrer den Zettel mit der Adresse und bat ihn vorzufahren. Und nun bestand seine einzige Aufgabe darin, den Wagen vor sich nicht aus den Augen zu verlieren. Es funktionierte besser als gedacht, denn es ging gesitteter zu als zu Hause. William grinste. Vielleicht war es auch Yves' japanisches Naturell, was ihn so handeln ließ, wie er es tat. Nicht zur Last zu fallen, nicht aufzufallen. Man sagte den Japanern ja das eine oder andere nach.

Irgendwann hielt der Wagen und der Fahrer deutete auf die andere Straßenseite - ein großes Tor umfasste zusammen mit einer hohen Mauer ein Anwesen. „Dort“, erklärte der Fahrer in gutem Englisch. Er war bestimmt ein Student, der sich sein Zubrot verdiente.

„Vielen Dank.“ William gab dem Fahrer sein Geld und sah über die Straße. Er war nervös. Irgendwo hinter den Mauern war Yves und erst jetzt fragte er sich, was er machen sollte, wenn sein Freund nicht mit ihm reden wollte. „Reiß dich zusammen, Will“, knurrte er sich selber an und ging über die Straße zu den Wachen am Eingangstor. „Guten Abend“, grüßte er und sah einen der großen Japaner an. „Ich bin William Kendal und ich möchte zu Yves Turner. Würden sie mich bitte anmelden“, erklärte er kühl, aber höflich.

„Der junge Herr wird sie nicht empfangen“, erklärte ihm der Mann in feinem Oxford-Englisch und machte mit seinem Blick klar, dass der Fremde gar nicht erst versuchen sollte, sich gegen ihn zu stellen. „Bitte gehen sie unauffällig und machen sie keinen Ärger.“

Die Worte waren wie ein Schlag ins Gesicht und William war ein paar Sekunden wie erstarrt, aber dann wallte Wut in ihm hoch. „Nein, das werde ich nicht, wenn Yves mich nicht sehen will, dann soll er mir das ins Gesicht sagen. Ich lass mich nicht hier einfach vor dem Tor abspeisen.“ Seine Stimme war lauter geworden und seine Hände zu Fäusten geballt. „Yves, verdammt noch mal, rede mit mir. Komm raus und sag mir ins Gesicht, dass du mich nicht sehen willst“, schrie er plötzlich und es war ihm egal, dass man ihn auf der ganzen Straße hören konnte.

„Selbst wenn der junge Herr sie sehen wollen würde, es ist uns untersagt einem Kendal die Türen zu öffnen“, stellten die beiden Männer jetzt etwas eindringlicher klar, doch eine junge Stimme herrschte sie auf Japanisch an. Zumindest hörte es sich in Williams Ohren so an, denn er verstand es nicht. Doch was er verstand, waren die kleinen, spitzen Krallen die sich plötzlich durch seine Hose in die Wade schlugen und gleichzeitig erkannte er Joel, der den Kopf aus der Tür steckte.

„Will!“, rief er wie von Sinnen und hing nun neben Socke an seinem Freund.

„Joel.“ Fest schlang William seine Arme um den kleinen Jungen und hob ihn hoch. Er freute sich unwahrscheinlich Yves' Bruder wieder zu sehen und drückte ihn zusammen mit Socke an sich. „Ich habe dich vermisst“, murmelte er dabei und sah ihn sich an. Das linke Auge trug einen Verband, aber das rechte strahlte ihn an. Die Trübung war verschwunden.

„Ich dich auch und auch wenn er es nie zugeben würde, Yves auch. Er ist scheiße drauf, seit er hier ist. Furchtbar“, murmelte Joel leise, der eigentlich nie schlecht über seinen Bruder reden wollte. Aber Yves war unausgeglichen. Er suchte die Einsamkeit, spielte kaum mit Joel. So hatte sich der Kleine das aber nicht vorgestellt, wenn sein Bruder endlich auch hier war.

„Kannst du mir helfen, damit ich Yves sehen kann? Vielleicht kann ich seine Laune ja bessern.“ William wuschelte Joel durch die Haare und schämte sich ein wenig, weil er Yves' Bruder für seine Zwecke benutzte, aber er sah sonst keine Möglichkeit, an den Wachen vorbei zu kommen und wenn er Erfolg hatte, kam das auch Joel zugute.

„Öhm“, überlegte der kurz und klammerte sich weiter an William, weil er nachdenken musste. „Wenn sie mir folgen, schleich dich rein“, flüsterte Joel ihm ganz leise ins Ohr und gab Socke ein Zeichen. Wohl erzogen wie sie war, lief sie plötzlich los die Straße hinunter und Joel setzte ihr schreiend und heulend hinterher. Als er dann auch noch stürzte, war es den Wachen wohl zu viel und sie liefen eilig, um dem jungen Herrn aufzuheben. Schließlich war er noch nicht lange aus dem Krankenhaus raus und ihrem Boss ebenso wichtig wie sein leiblicher Sohn.

„Kleiner Satansbraten“, kicherte William anerkennend, hielt sich aber nicht lange auf, sondern schlüpfte durch das Tor und lief gleich weiter. Für den herrlichen Park, durch den er lief, hatte er keinen Blick. Sein ganzes Denken war darauf fixiert, Yves zu finden. Normalerweise betrat er ein Haus nicht unaufgefordert, aber heute waren ihm Höflichkeit und Etikette egal. Kaum, dass er die Haustür geöffnet hatte, drehte er sich einmal um sich selbst.

Das Haus war riesig, weil es traditionell nur eine Etage hatte. Wo sollte er anfangen zu suchen? So viel Zeit hatte er nicht, denn die Wachen merkten bestimmt bald, was los war.

„Yves“, rief er darum laut. „Yves wo bist du?“

„Im Onsen[1]“, erklärte ihm eine junge Stimme in sauberem Englisch. Ein Japaner war ihm in den Weg getreten. Älter als Joel aber noch nicht so alt wie Yves. „Bist du sein Verlobter? Dad hat erzählt, dass er sich einen merkwürdigen Typen ausgesucht hat.“ Shuichi machte sich nicht die Mühe sich vorzustellen, lieber musterte er den fremden, jungen Mann. „Dad will dich hier nicht haben, haben dir das die Wachen nicht gesagt?“ Seine schwarzen Augen blitzten listig und amüsiert, als er sich lässig in den Türrahmen lehnte.

„Doch das haben sie, aber ich konnte mich an ihnen vorbei schleichen.“ William sah sich den Jungen an und wusste nicht, was er von dessen Worten halten sollte. Ganz nebenbei machte er sich darauf gefasst, gleich wieder rausgeschmissen zu werden. Dieser Junge musste nur die Wachen holen. „Ja, ich bin William, Yves' Verlobter. Kannst du mir den Weg zu diesem Onsen zeigen? Ich muss mit ihm reden.“

„Aber nur reden. Wenn mein Alter euch knutschend erwischt, kriegt er 'n Herzkasper“, konnte sich Shuichi nicht verkneifen und wirkte in dem Augenblick wie Robert, auch wenn sie sich äußerlich kein bisschen ähnlich waren. „Zieh aber die Schuhe aus, ehe du das Bad betrittst und eigentlich betritt man das auch nicht bekleidet. Aber lass die Klamotten lieber an, nicht dass man dich noch nackt auf die Straße wirft.“ Dann wandte er sich um und ging.

William hielt lieber die Klappe, denn sein Kommentar, sich ganz sicher nicht davon abhalten zu lassen, Yves zu küssen, wenn der das zuließe, brachte ihm bestimmt keine Pluspunkte. Er beeilte sich lieber, dem Jungen - offensichtlich Yves' Bruder - hinterher zu kommen. „Wie heißt du?“, fragte er, um sich ein wenig abzulenken. Immer wieder sah er sich um, ob ihn jemand entdeckt hatte und ihn kurz vor dem Ziel abfangen konnte.

„Nakamura Shuichi“, sagte der junge Japaner kurz angebunden und ging einen langen hölzernen Gang entlang. Es schien eine Art Terrasse zu sein, war überdacht aber an einer Seite zu einem Innenhof hin offen. Quer über den Hof konnte man zum Bad sehen. Es war verglast und jemand lag im Wasser - jemand mit rotblonden Haaren, das war hier eher selten.

„Yves“, flüsterte William leise und sein Herz schlug schneller. „Danke, Shuichi.“ So schnell er konnte, lief William auf das Bad zu, zog sich aber wie gewünscht die Schuhe aus, bevor er es betrat.

Yves hatte ihn noch nicht bemerkt, denn er lag mit geschlossenen Augen im Wasser. Lautlos ging William näher und hockte sich neben den Beckenrand. Er wollte eigentlich nichts weiter, als Yves an sich zu reißen und ihn bewusstlos zu küssen, aber er tat es nicht. Auf einmal fühlte er sich unsicher. Was, wenn Yves ihn wirklich nicht mehr sehen wollte? Darum streckte er nur seine Hand aus und fuhr seinem Verlobten leicht durch die Haare.

„Joel, ich hab doch gesagt, ich will nachdenken“, knurrte Yves und schüttelte den Kopf ein wenig. Doch als er neben den Fingern keine Pfoten spürte - denn ohne Socke gab es Joel ja schon gar nicht mehr - öffnete er kurz die Augen, um zu sehen, ob Shuichi ihn schon wieder belagerte. Er guckte nicht schlecht, als er William über seinem Gesicht erblickte und ein Lächeln schob sich auf seine Züge.

„Schatz“, sagte er sanft und wandte sich um, schlang einfach die Arme um ihn, egal ob William dabei nass wurde oder nicht. Er hatte ihn schrecklich vermisst und im Augenblick war es auch egal, dass es vielleicht wieder Ärger gab.

„Yves.“ Kurz ließ William sich nur halten, aber dann schlangen sich seine Arme um seinen Schatz und zogen ihn fest an sich. „Kannst du nicht mal damit aufhören, immer nachts heimlich zu verschwinden, Liebling?“, fragte er trocken, auch wenn sein Herz gerade Purzelbäume machte und fast zum zerspringen klopfte. Yves war wieder bei ihm, da war alles andere nebensächlich.

„Wenn du aufhörst, dein Leben wegen mir über den Haufen zu werfen“, grinste Yves schief, doch dann war ihm alles egal. Er erhob sich aus dem Wasser, so dass er William, der auf der Holzplattform, die das heiße Becken umgab, kniete, endlich küssen konnte. Das hatte ihm gefehlt und er konnte nicht genug bekommen. Immer harscher wurde der Kuss und seine Finger gruben sich fest in Williams Hemd.

Er hatte ihn gesucht!

William war um die halbe Welt gereist, um ihn zu finden!

Es schien ihm völlig ernst zu sein und das ließ Yves' Gedanken wild rotieren.

„Wenn dieses Leben bedeutet, dass ich dich nicht an meiner Seite haben kann, dann will ich es nicht haben und ich gebe es ohne Bedauern her, aber dich nicht. Dich gebe ich nie wieder her! Man müsste mich schon töten, um mich von dir fern zu halten.“ William hatte ihren Kuss unterbrochen und seine Hände um Yves' Gesicht gelegt, damit der ihn ansehen konnte und endlich verstand, wie ernst es ihm war. „Du bist mein Leben.“

Yves lächelte und legte William einen Finger auf die Lippen, er hatte genug gehört und es stand ihm nicht zu, Williams Entschluss noch einmal in Zweifel zu ziehen. Wenn sein Geliebter sich so sicher war, dass er die Welt umrundete, dann sollte es wohl so sein. Yves küsste ihn noch einmal, knurrte aber, als er Shuichi und Joel in der Tür stehen sah.

„Kaum kann der Viertel wieder sehen, da muss er so was ertragen. Guck da nicht so hin, Kleiner“, lachte der Japaner, während Socke schon wieder eine Pfote ins Wasser hängte und sie schüttelte, weil das Wasser immer noch eklig nass war. Daran hatte sich wohl nichts geändert seit ihrem letzten Versuch.

„Viertel?“ William lachte und winkte Joel zu ihnen. Schließlich hatte der Kleine großen Anteil daran, dass er Yves wieder hatte. „Hast du dich verletzt?“ Joel war ja gestürzt, als er die Wachen abgelenkt hatte. Eigentlich war der Kleine überhaupt dafür verantwortlich, dass sie zusammen waren. Yves hielt er fest umschlungen und nicht nur, damit er nicht fror. Ein wenig hatte William noch Angst, alles wäre nur ein Traum.

„Nein, nein. Mir geht’s gut. Ich war gut, hä?“, lachte Joel frech und er hatte den Wachen auch klar gemacht, dass er die ganze Verantwortung übernahm, weil nun doch ein Kendal auf dem Anwesen war. Aber er hoffte heimlich, dass lieber sein großer Bruder das seinem Vater erklärte.

„Na, wie niedlich“, frotzelte Shuichi, der sich das Gekuschel eine Weile angesehen hatte und Yves lachte leise.

„Neidisch, Halber?“, fragte er frech, denn er mochte es nicht, wenn der Joel als Viertel bezeichnete. Zwar hatte er rein rechnerisch recht, weil die Hälfte von der Hälfte ein Viertel war und der Halbbruder - Joel - vom Halbbruder - Yves - eben ein Viertelbruder. Doch es klang so ausgrenzend.

„Klar. Vor allem darauf, wie du Dad erklärst, was der hier macht und warum die Katze ihre dreckigen Pfoten ins Badewasser steckt.“ Doch da war Joel schon wieder auf dem Plan.

„Lass Socke ja zufrieden, ich warne dich!“ Auch wenn es so aussah, als würde Shuichi die beiden Turner-Jungs nicht mögen, so war es nicht. Er ärgerte sie nur gern, denn als Einzelkind hatte er das vorher nicht gekonnt.

Joel guckte böse zu Shuichi hinüber und Socke, die wohl eher das Naturell eines Hundes hatte, drehte sich zu dem jungen Japaner um und fauchte. William konnte nur den Kopf schütteln. Das war wirklich eine merkwürdige Katze, aber sie war klasse und hing an Joel.

„Okay, okay, ich tu ihr nichts“, lachte Shuichi und hob beide Arme. Mit Sockes Zähnen und Krallen hatte er schon Bekanntschaft gemacht. „Nette Brüder hast du. Sind da noch mehr?“ William ließ sich im Schneidersitz auf die Holzplattform nieder und zog Yves auf seinen Schoß. Dass der nackt war störte eigentlich keinen.

„Nich' dass ich wüsste“, lachte Yves und seine Arme lagen noch immer um William. Er war nicht bereit, ihn noch einmal herzugeben. „Die zwei reichen völlig.“

Ein Räuspern von der Tür ließ sie aufhorchen. „Master Yves, der Boss schickt nach euch und bitte bringen sie auch den Eindringling mit.“ Dann entfernten sich die Schritte, denn Widerspruch wurde weder erwartet noch geduldet.

„Man“, knurrte Yves. Eigentlich hatte er keine Lust, sich von seinem Verlobten zu lösen, doch er wusste, dass es besser war zu gehorchen.

„Das hört sich nach Ärger an.“ William duckte sich ein wenig und seufzte, wunderte sich nur still, dass jeder im Haus Englisch zu beherrschen schien. Er hatte heute so ziemlich gegen jede Anstandsregel verstoßen, die es gab und gerade in Japan wurde so etwas gar nicht gern gesehen. „Ich werde wohl gleich achtkantig aus dem Haus fliegen, denn eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein. Ich hab mich rein geschlichen.“

Überrascht von dem Geständnis hob Yves eine Braue. „Ich glaube nicht, dass er dich wirklich vor die Tür setzt. Und wenn doch, nehmen wir uns ein Hotelzimmer“, flüsterte er verschwörerisch, aber nicht leise genug. Shuichi grinste schon wieder dreckig.

„Und der Halbe hält die Klappe, weil sein Vater nämlich sonst erfährt, was er mit dem Zimmermädchen so treibt!“

„Ey.“ Shuichi blies die Backen auf, sagte aber nichts mehr.

William wartete, bis Yves sich erhoben hatte, dann stand er auch auf. Er war nass von oben bis unten, so konnte er doch nicht vor den Vater seines Verlobten treten. „Hast du was zum Anziehen für mich? Ich muss einen guten Eindruck machen.“

„Ich bin doch mit ein paar deiner Klamotten durchgebrannt. Die liegen gewaschen in meinem Schrank. Kommt mit“, sagte Yves, der sich umständlich mit einer Hand das Handtuch um die Hüften schlang, nur damit er William nicht loslassen musste. Shuichi lag schon wieder etwas auf der Zunge, doch er war erpressbar geworden. Besser, er hielt die Klappe, denn sein großer Bruder war ein nicht zu unterschätzender Gegner.

Yves warf sich noch den Yukata[2] über und schlüpfte in seine Schuhe, während Joel und Socke schon über die langen holzgetäfelten Gänge zu Yves' Zimmer tobten. Kam ja gar nicht in Frage, dass man ihn vielleicht nicht mitnahm. Er war nun einmal neugierig.

„Wie praktisch.“ Mit Yves im Arm ging William Joel hinterher und erst jetzt fand er die Zeit sich umzusehen. Das Haus war groß und edel eingerichtet. Arm war der Vater seines Verlobten auf jeden Fall nicht. „Wie ist dein Vater denn so? Was sollte ich dringend vermeiden?“ William war nervös, denn er wollte keine Fehler machen. Jetzt wo Yves wieder bei ihm war, ging er kein Risiko mehr ein.

„Deinen Namen“, schlug Shuichi vor und Yves zischte ihn an.

„Halt die Klappe, wenn du nichts Nützliches zu sagen hast.“

„Ist doch so. Dad ist auf seine alte Dame nicht sonderlich gut zu sprechen und schert alle aus der Familie über einen Kamm. Sie ist eben zu weit gegangen.“ Shuichi ließ sich nicht beirren.

„Kannst du mal deine Klappe halten? Meine Güte, das wissen wir alles selber.“ Und an William gewandt: „Dad ist nicht übel. Streng, traditionell. Das mit der Verlobung fand er nicht so genial, doch er hat es akzeptiert. Weiß der Geier woher der das wusste.“ Sein Kopf lag auf Williams Schulter.

„Wer ist auf meine Mutter schon gut zu sprechen? Ich glaube, die Menschen kannst du an einem Finger abzählen, wenn man sie mit einrechnet.“ William knurrte. Seine Mutter war nicht einmal hier, aber sie bestimmte schon wieder sein Leben und versaute ihm alles. „Na toll, wie soll ich das denn wieder gerade biegen? Meine Mutter ist ein Aas und dein Vater hält mich auch dafür und mein Eindringen hier wird das nicht gerade zu meinen Gunsten wenden. Ich hasse dieses Weib.“

„Ganz ruhig, Schatz. Du hast ein paar Fürsprecher, vergiss das bitte nicht.“ Übermütig küsste Yves seinen Verlobten auf den Hals und verdrehte die Augen, als Joel und Socke allen Ernstes auf seinem Futon[3] lagen und spielten. Der Fernseher lief schon wieder. Seit Joel sehen konnte, konsumierte er diese bewegten Bilder wie ein Schwamm, gerade so, als hätte er viel aufzuholen.

Shuichi schlängelte sich auch noch an den beiden vorbei in den Raum und warf sich auf eine Couch. Irgendwie wich er seinen Brüdern fast nie von der Seite. Auch er hatte wohl einiges nachzuholen.

„Ich hoffe, eine Katze zählt auch bei deinem Vater. Ich kann jede Stimme gebrauchen.“ William lachte leise, denn Yves hatte Recht. Nicht alle glaubten, dass er so war wie seine Mutter. Er hatte beschlossen, erst einmal abzuwarten was kam. Es brachte rein gar nichts, sich verrückt zu machen. Er sah sich in dem Zimmer um und hob die Augenbraue, bei dem Futon. „Ist das bequem?“, fragte er zweifelnd. Das sah nicht so aus, denn eigentlich war es nicht mehr als eine dicke Decke, die auf dem Boden ausgerollt war.

„Man gewöhnt sich dran. Ich habe schon öfter auf so was geschlafen, deswegen macht mir das nichts aus. Du kannst aber auch die Couch nehmen“, schlug Yves süßlich grinsend vor und ging zum großen Wandschrank. Da er sich über die ganze Wand erstreckte, war er erst nicht als Schrank wahrzunehmen, doch als die mit Reispapier bespannten Schiebetüren sich öffneten gab er seine Geheimnisse preis. Unter anderem auch Williams Kleider, die Yves seinem Schatz in die Hand drückte. Er selber hatte welche im Bad. Und dorthin ging er vor. William würde schon folgen.

„Die Couch?“ William wirbelte herum und setzte Yves hinterher. Das ging ja gar nicht. „Yves“, nölte er und Shuichi grinste. Da hatte jemand seinen Verlobten aber ziemlich im Griff. „Ich geh nicht auf die Couch“, brummte William und legte die Arme um Yves. Er mochte es gar nicht, auf dem Boden zu schlafen. Er bevorzugte weiche, große Betten, wo er sich in eine warme Decke einrollen konnte.

„Schatz, das ist ein traditioneller Haushalt. Also entweder Fußboden oder Couch. Sonst ist hier nicht viel zu machen.“ Yves küsste seinen Liebling versöhnlich und hörte noch Shuichi moppern, dass man hier nicht auf verwöhnte Luxus-Lover eingerichtet wäre, dann schloss er die Tür. Die Zwecke konnte aber auch nerven.

„Ich hab dir noch gar nicht richtig dafür gedankt, dass du mir nach geflogen bist, Schatz“, murmelte er und holte sich noch einen richtigen Kuss.

„Ich konnte doch gar nicht anders.“ William vertiefte den Kuss und seufzte leise. Jetzt endlich fiel die Spannung von ihm ab, die ihn seit Yves' Verschwinden gefangen gehalten hatte, aber er löste sich wieder und schob Yves von sich. „Dein Vater wartet. Ich möchte nicht auch noch Unpünktlichkeit auf meinem Minuskonto haben.“

„Okay, dann zieh dich schnell an und ich dreh mich um, sonst wird er uns in einer Stunde persönlich holen müssen, weil ich über dich hergefallen bin.“ Yves grinste schief, denn er meinte das völlig ernst. Deswegen suchte er sich geschäftig Klamotten zusammen und zog sich selber um, kämmte sich die Haare und vermied es, William im Spiegel zu beobachten.

„Wer auch immer wem was rein geschoben hat - zerrt raus, Dad wartet nicht ewig“, stichelte Shuichi und Yves holte tief Luft.

„Ignorieren, Schatz, einfach ignorieren.“ William lachte und schloss seine Jeans. Der Halbe war aber auch ein Lästermaul. Er zog Yves noch einmal an sich und küsste ihn. So viel Zeit musste sein. „Ich liebe dich, egal was kommt, vergiss das nicht.“ Entschlossen öffnete er die Tür und streckte dem grinsenden Shuichi die Zunge raus. „Los, mach dich nützlich und bring uns hin.“

„Bin ich hier der Touristen-Führer oder was?“ Von Joel war, außer den Füßen, nicht mehr viel zu sehen. Er war mit Socke unter der Zudecke von Yves' Futon verschwunden und guckte fern. Es war Yves sowieso lieber, wenn der Kleine jetzt nicht dabei war. Am liebsten wäre es ihm auch, wenn Shuichi nicht dabei war, doch das sollte ihr Vater entscheiden.


42


Sie gingen über die Flure durch das Nebenhaus zurück ins Haupthaus, wo die Räume des Hausherrn und seiner Frau lagen.

William hielt seine Finger mit Yves’ verschränkt und hatte seine neutrale Miene aufgesetzt, die er auch benutzte, wenn er zu seiner Mutter zitiert wurde. Das half ihm, ruhig zu bleiben. Er wollte sich nicht einschüchtern lassen. Er vertrat immer seine Meinung und das wollte er auch hier tun. Egal, was kommen sollte, von Yves trennte er sich auf keinen Fall.

„Da wären wir“, rief Shuichi in einen Raum und schob die Tür weiter auf. Yves zog seinen Verlobten mit sich und verbeugte ich vor seinem Vater, der an einem niedrigen Tisch saß und auf sie wartete. Auf dem Tisch stand Tee und er sah die drei jungen Männer erwartungsvoll an.

„Shuichi, hilf deiner Mutter im Garten“, sagte er und Yves dankte ihm lautlos, während sein Bruder erst maulte und dann wütend abdampfte. Man sprach Englisch, damit Yves und William sich nicht ausgeschlossen fühlten. Außerdem war die Sprache für seine Geschäfte unumgänglich. Er beherrschte sie wie seine eigene und das erwartete er von jedem im Haus.

William hatte es Yves nachgemacht und sich verneigt. Allerdings sagte er noch: „Guten Abend, Mister Nakamura.“ Er fühlte die dunklen Augen auf sich ruhen, die denen von Yves so glichen, aber sonst konnte er keine Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn feststellen. Der schon leicht ergraute Mann trug einen traditionellen Kimono und sah ihnen mit unbewegter Miene entgegen.

„Setzt euch“, sagte er nach einer Weile und deutete mit einer Hand auf den Boden. „Wer bist du und warum dringst du in mein Haus ein ohne meine Erlaubnis?“

„Vater, das kann ich...“, wollte Yves eingreifen, doch Nakamura Satoshi schüttelte den Kopf.

„Ich habe ihn gefragt, also?“ Die Stimme war kräftig, aber ruhig.

William drückte Yves' Hand und ließ sie nur kurz los, um sich hinzusetzen. So auf seinen Fersen zu sitzen war ungewohnt und auch nicht sehr bequem, aber er machte es trotzdem, ohne zu murren. Sofort, als Yves neben ihm saß, griff er sich wieder die Hand seines Verlobten. Das gab ihm Ruhe.

„Dafür möchte ich mich als erstes entschuldigen. Normalerweise betrete ich keine Häuser, wenn ich dort nicht erwünscht bin, aber ich konnte einfach nicht anders, denn ich musste zu Yves. Mein Name ist William Matthew Duke of Kendal. Ich bin hierher gekommen, weil ich Yves liebe und endlich glücklich mit ihm werden möchte.“

„Sollte mich das in irgendeiner Form beeindrucken? Junger Duke? Sohn von Abigail Kendal?“, fragte Satoshi lauernd, denn er war es gewohnt, belogen und hintergangen zu werden. Ein freundliches Gesicht und ein paar offene erklärende Worte machten ihm nichts vor.

„Vater, bitte“, mischte sich nun Yves ein, denn so wollte er nicht mit seinem Verlobten reden lassen.

„Ich höre?“ Satoshis Stimme war lauernd, bereit, alles vom Tisch zu fegen, was ihm präsentiert werden sollte.

„Er hat mir das Stipendium überlassen und er liebt mich und ich liebe ihn“, versuchte es auch Yves, doch Satoshi hob nur eine Braue.

„Das Stipendium hat er dir ja wohl erst einmal streitig gemacht. Außerdem hat die Familie dir ständig nach dem Wohlergehen getrachtet und nicht einmal auf Joel Rücksicht genommen. Wie kannst du ihn lieben?“ Es war kein Vorwurf, sondern eine Frage. „Eure Verlobung war eine Farce.“

„Ich liebe ihn, mehr kann ich nicht sagen“, erklärte Yves resignierend.

„Schatz, schon okay. Dein Vater hat Recht. Erst habe ich dir das Leben zur Hölle gemacht und nachdem ich dich in die Aufmerksamkeit meiner Mutter gezerrt habe, hat sie sich auf Joel gestürzt. Ich konnte nichts verhindern, was sie getan hat, das werfe ich mir bis heute vor.“ William sah Yves lächelnd an, dann wandte er sich wieder an dessen Vater.

„Ich habe auch nicht verstanden, warum er mich liebt und ich weiß es bis heute nicht, aber ich bin glücklich, dass er es trotzdem tut. Ich hab in meinem Leben nichts geleistet, was mir das Recht gibt, meinen Titel mit Stolz zu tragen, aber ich bin noch jung und Yves wird mir dabei helfen, dass mein Vater stolz auf mich wäre.“ William holte tief Luft. „Ich habe keine Beweise, dass ich Yves liebe und ich anders durch ihn geworden bin, aber eins kann ich mit Sicherheit sagen: Unsere Verlobung mag am Anfang nur eine Farce gewesen sein, aber als ich Yves in New York meinen Ring angesteckt habe, war es das nicht mehr. Da haben wir diesen Bund auch in unserem Herzen geschlossen.“

Satoshi hatte sich das alles ungerührt angehört und trank nun einen Schluck Tee. Er musste darüber nachdenken. Immer wieder lag sein Blick auf seinem ältesten Sohn. Schon seit seiner Geburt hatte er immer ein Auge auf ihn gehabt, doch der Konflikt, den seine damalige Geliebte - Yves' Mutter - mit seiner Ehefrau gehabt hatte, wäre eskaliert. Es war wohl die einzig richtige Entscheidung gewesen, dass Ellen mit dem Kleinen bei Nacht und Nebel verschwunden war.

Sie hatte jede Hilfe seinerseits abgelehnt und auch, dass Yves seinen Vater kennen lernte. Das hatte Satoshi akzeptieren müssen, auch wenn es nicht leicht gewesen war. Doch nie hatte er seinen Jungen ganz aus den Augen verloren und als diese Kendal anfing, sich für ihn zu interessieren, war ihm klar gewesen, dass er handeln musste. Und nun saß der Sohn dieser Frau hier und war für seinen Jungen das Ein und Alles.

Das zu verstehen war nicht leicht, es zu akzeptieren noch schwerer. Wieder wanderte sein Blick zu William.

„Nun, Yves, William. Ihr seht mich nicht glücklich über diese Verbindung, sie wird mehr Sorgen bereiten, als ihr glaubt. Doch ich werde mich nicht dagegen stellen. Aber ich werde meine Augen nicht von dir nehmen, mein Junge.“

Yves lächelte. „Das möchte ich auch gar nicht, jetzt wo ich endlich weiß, dass es dich gibt.“

Es war ein Schock gewesen, als vor vierzehn Tagen diese Männer im Restaurant aufgetaucht waren und ihm erklärten, sein Vater wolle ihn sehen. Yves hatte sie zum Teufel jagen wollen, dafür, dass sie ihn so verarschten. Doch sie kamen mit Fakten, die keiner wissen konnte. Fakten über seine Mutter, die ihm nur seine Großmutter erzählt hatte. Da war er hellhörig geworden und als er Haare für einen Test ließ und der auch noch positiv war, hatte Yves es glauben müssen. Dieser leicht ergraute Japaner war also sein Vater gewesen. Sie hatten viel geredet und Yves war überrascht, was Herr Nakamura alles über ihn und Joel wusste. Auch über das Debakel mit der Operation und dass die Zeit langsam drängte.

So war eben eines zum anderen gekommen und das Versprechen, Joel zu folgen, wenn die Ferien begannen.

„Danke, Mister Nakamura.“ William verbeugte sich leicht und lächelte Yves an. „Ich danke ihnen für die Chance, die sie uns oder besser gesagt, die sie mir geben. Ich werde Yves, so gut ich es kann, vor allem beschützen. Vor meiner Mutter ist er es schon, dafür habe ich gesorgt und alles andere meistern wir auch – gemeinsam.“ Bisher war dieses Gespräch besser gelaufen als er befürchtet hatte und er konnte aufatmen. Yves blieb bei ihm und sie konnten ein gemeinsames Leben beginnen.

„Das heißt also auch, dass du mit ihm zusammen zurückkehren wirst?“, fragte Satoshi seinen Jungen und Yves wirkte in der ersten Sekunde etwas überfallen. „Ähm, also“, stammelte er und wusste nicht, was er sagen sollte. „Ich will doch die Schule fertig machen und im ‚Haus der Sinne’ warten sie auf mich.“ Er wurde gern gebucht und war ziemlich schnell zum Liebling der Gäste aufgestiegen. Doro hängen zu lassen kam für ihn nicht in Frage.

„Ich verstehe.“

Diese beiden Worte gingen Yves unter die Haut. Er fühlte sich undankbar und ziemlich erbärmlich.

„Hey, Schatz.“ William zog Yves an sich und strich ihm über die Wange, dann sah er zu dessen Vater hinüber. „Mister Nakamura, Yves hat fast Übermenschliches geleistet, um auf dieser Schule zu bleiben, bitte seien sie nicht enttäuscht, dass er dort seinen Abschluss machen will. Es ist doch nur noch ein halbes Jahr und sie können sich doch jederzeit sehen, wenn sie möchten. Nach unserem Abschluss steht uns alles offen, auch hierher zurückzukehren.“

„Ich glaube, ich weiß ganz gut, was er alles auf sich genommen hat, um auf der Schule bleiben zu können. Glaube nicht, ich hätte mich nicht darüber erkundigt“, erklärte Satoshi. Er wurde mit William irgendwie noch nicht warm, aber das lag wohl daran, dass er nicht nur ein Kendal war, sondern ihm auch noch seinen Sohn nehmen wollte, der eben erst zu ihm zurückgekehrt war.

„Aber deinen Geburtstag wirst du doch morgen noch hier verbringen oder?“, wandte er sich an Yves. Vielleicht war es auch wirklich besser, wenn sein Junge zurückkehrte. Er wusste nicht, in was für Geschäfte sein Vater verwickelt war und dass er ein paar Feinde hatte, die im ältesten Sohn vielleicht einen potentiellen Nachfolger sahen und Yves kurzerhand beseitigten.

„Ja sicher bin ich morgen noch da.“ Yves nickte hektisch, froh darüber, dass wohl doch wieder alles in die richtigen Bahnen geraten war.

William hatte die Zurechtweisung sehr wohl registriert und nahm sie hin. Er sah den Vater seines Verlobten kurz forschend an. Da war mehr, als man glauben sollte. Dieser Mann besaß Macht. Ihn zum Gegner zu haben, war nicht ratsam. Aber da im Augenblick keine Gefahr bestand, wandte er sich wieder an Yves und küsste ihn sanft. „Wir haben Ferien, Schatz, da können wir ruhig noch hier bleiben oder hast du die nächsten Wochen Termine im ‚Haus der Sinne’?“

„Na ja, diese Woche erst mal nicht, aber glücklich ist Doro nicht mit dem Zustand, dass ich neuerdings häufig fehle“, gestand Yves leise, doch er fühlte sich elend dabei. Im Augenblick war er für sein Umfeld eine einzige Enttäuschung.

„Werde dir über einiges klar, mein Junge. Morgen reden wir weiter.“ Damit war für Satoshi die Unterhaltung erledigt. „Allerdings würde ich es schätzen, wenn du mich morgen früh zu einem Termin begleiten könntest. Schließlich ist dein Geburtstag.“ Und er hatte ein Geschenk, was man wohl mit Geld nicht kaufen konnte.

„Sicher, gern, Vater.“ Yves nickte eifrig.

William versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass er enttäuscht war, aber er konnte seinen Schatz verstehen. Jetzt, wo er seinen Vater hatte, wollte er Zeit mit ihm verbringen und dass er dabei nicht unbedingt gerne gesehen war, war auch verständlich. Darum lächelte er, denn ein wenig Zeit zusammen konnten sie bestimmt verbringen.

„Glaube nicht, dass du um diesen Termin herum kommst, junger Herzog. Ihr seid verlobt. Mit gefangen - mit gehangen.“ Es war das erste Mal, dass man Satoshi grinsen sah und sowohl Yves als auch William wusste nicht, ob ihnen das gefiel. Es sah beängstigend aus.

„Doch mehr wird nicht verraten. Haltet euch um zehn Uhr bereit und nun geht.“

Die Überraschung war William deutlich anzusehen, aber dann nickte er lächelnd. „Das werden wir, Mister Nakamura.“ Er stand auf und verzog das Gesicht. Wie hielten Japaner das nur aus, stundenlang so zu sitzen. Ihm waren jetzt schon die Beine eingeschlafen und alles tat ihm weh. Ein wenig unbeholfen machte er ein paar Schritte und versuchte zu ignorieren, dass es hinter ihm leise gluckste.

„Schatz“, sagte Yves leise, auch er hatte sich im Saiza niedergelassen, doch er tat es schon seit Jahren im Training und war daran gewöhnt. „Männern ist es vorbehalten, auch im Schneidersitz zu sitzen. Nur fürs nächste Mal“, grinste er frech und erhob sich geschmeidig. „Wird’s gehen - alter Mann?“, flüsterte er leise, mit gesenktem Kopf, damit man ihn nicht lachen sah.

„Oh, du kleine Mistmade“, knurrte William und schnappte sich Yves. Seine Finger flogen über die Seiten seines Freundes, bis der nur noch quietschte, dann ließ er von ihm ab und legte einen Arm um ihn. „Bring deinen alten Mann in dein Zimmer, Joel wird schon auf uns warten.“ Noch immer tat ihm alles weh, aber langsam kam wieder Leben in seine Beine und gegen das Kribbeln half am besten Bewegung.

„Bis morgen“, verabschiedeten sie sich noch, dann traten sie aus dem Zimmer. Die Reispapiertüren schlossen sich hinter ihnen und sie standen wieder auf einem langen Flur mit Blick auf den Innenhof.

„Na ja, ich dachte, Yuki hätte dir das irgendwann mal gesagt, Schatz“, tat Yves ganz unschuldig und guckte William sehr schüchtern an. Vielleicht küsste der ihn ja zur Strafe?

Wie sollte man da noch böse sein? William konnte es auf jeden Fall nicht und zog Yves zu einem Kuss an sich. „Ich liebe dich…“, sanft strichen seine Lippen über das andere Paar und verzogen sich dann zu einem Grinsen, „… irgendwann, wenn ich meinen Unterkörper wieder spüre.“ Nun musste William kichern, denn die Anspannung fiel von ihm ab und jetzt küsste er Yves richtig.

„Soll das heißen, dass ich dich so hab leiden lassen, muss ich jetzt damit büßen, noch länger auf dich verzichten zu müssen?“, nuschelte Yves und grinste ebenfalls. Sie waren albern, extrem albern - doch das war schön so und es war überraschend, dass Shuichi nicht schon wieder in den Gängen herum lungerte, um seinen Bruder zu ärgern. Doch der war wohl wirklich bei seiner Mutter. Aber an die ging Yves nur heran, wenn es wirklich sein musste. Sie mochte ihn nicht und machte keinen Hehl daraus. Ihr Sohn sollte den Vater beerben, nicht der Bastard.

„Es sei denn, du weißt etwas, das mich schnell wieder munter macht.“ William sah auf den Innenhof und dann in diesen Onsen, wo er vorhin Yves gefunden hatte. In dem heißen Wasser zu liegen, mit Yves in seinen Armen, war bestimmt herrlich. Einfach relaxen und ein wenig schmusen. Yves folgte seinem Blick und grinste.

„Wie wäre es mit warmem Wasser? Aber vorher sollten wir etwas essen und Joel wird dich auch schon sehnsüchtig erwarten. Du scheinst sein persönlicher Held zu sein, weiß der Geier warum“, sagte Yves frech, küsste aber William lieber noch einmal, ehe er ihn mit sich zurück in sein Zimmer zog.

„Weil ich toll bin?“, gab William gerne Hilfestellung und lachte. „Ich mag den kleinen Schlawiner auch. Weißt du, was er gemacht hat, damit ich ins Haus komme? Er hat Socke dazu gebracht, wegzurennen und ist ihr dann schreiend hinterher und damit die Wachen ihm helfen müssen, ist er absichtlich gefallen. Das war absolut bühnenreif. Er ist mein Held und nicht umgekehrt.“

„Ja, ich stelle fest, dass Joel ein paar Talente hat, von denen ich keinen Schimmer habe“, sagte Yves, der eben die Tür zu seinem Zimmer aufgeschoben hatte und nun etwas irritiert auf seinen kleinen Bruder guckte. Faltete der wirklich gerade aus seiner Schlafdecke ein Origami?

„Joel?“, fragte er etwas verwundert und nahm Socke auf den Arm, die an ihm hoch klettern wollte.

„Das hat mir Shuichi beigebracht.“ Joel sah nicht auf, sondern faltete konzentriert weiter und klatschte schließlich in die Hände. „Was ist das?“, fragte er und William kam ein wenig näher.

„Ein Frosch“, sagte er schließlich und lachte. „Klasse, das sollte man in Luxushotels einführen. Die Gäste wären bestimmt begeistert, wenn immer verschiedene Tiere auf ihrem Bett thronen.“

Yves hob eine Braue und betrachtete die beiden. Sollte er jetzt heulen oder lachen? „Klar, wer will nicht den Hengst im Bett und den Tiger unter der Decke. Und Frösche, die man küsst, werden zu Prinzen. Sehr schön, und womit decke ich mich dann zu, wenn aus dem Frosch ein Prinz geworden ist?“ Er schüttelte lachend den Kopf und wuschelte Joel durch die Haare.

„Der Prinz wird dich schon wärmen.“ William legte die Arme von hinten um Yves und küsste ihn in den Nacken. „Na ja, die Bettdecke muss es ja nicht sein, aber ein Handtuch im Badezimmer. Das sieht ansprechend aus und die Gäste würden es mögen.“ Irgendwie konnte William nicht leugnen, dass seine Familie Luxushotels betrieb und er auch den Geschäftssinn seiner Mutter im Blut hatte.

„Tu was du nicht lassen kannst“, lachte Yves und legte seine Hände auf Williams. Er wandte sich um, als es klopfte und ließ die Bediensteten eintreten. Daran hatte er sich auch erst einmal gewöhnen müssen.

„Wir würden gern das Essen auftragen, wäre das genehm?“

Und noch ehe Yves antworten konnte, hatte Joel schon festgestellt, dass er schon gewartet und jede Menge Hunger hätte. Augenblicklich lief er zum Tisch hinüber und setzte sich - Socke folgte wie gewöhnlich.

Er bekam eine große Schüssel Nudelsuppe auf seinen Platz gestellt und Joel leckte sich über die Lippen. Zwar waren die Suppen nicht ganz so gut wie die der Lees, aber sie waren lecker. „Kommt schon, ich habe Hunger“, rief er, denn Yves und William hatten sich noch nicht bewegt und er durfte erst anfangen, wenn alle am Tisch saßen. Das hatte ihm seine Großmutter beigebracht.

Währendessen wurden auch Reis, Gemüse, Fisch und Fleisch aufgetragen. Dazu Getränke und Yves machte schon wieder große Augen. „So viele leckere Sachen. Hoffentlich gehe ich dann im Wasser nicht unter“, lachte er, doch Joel zerstreute seine Sorgen.

„Yvi, Fett schwimmt oben“, erklärte er und zum Beweis zeigte er auf die kleinen Fettaugen auf seiner Suppe. Yves wusste gar nicht, was er sagen sollte, und die Bediensteten zogen sich eilig zurück, um nicht zu kichern.

Auch William musste sich auf die Lippen beißen, um nicht loszuprusten. Der Kleine war wirklich der Knaller. Er war richtig aufgeblüht, seit er wieder sehen konnte. „Keine Sorge, du bist nicht fett, Schatz“, flüsterte William Yves ins Ohr und fuhr mit seiner Hand über den flachen Bauch. Er dirigierte seinen Freund zum Tisch, damit Joel endlich anfangen konnte, denn der klapperte schon ungeduldig mit dem Löffel und verstand nicht, wie man für die paar Schritte so lange brauchte.

„Freche Kröte, ich glaube, dir geht es zu gut, junger Mann“, knurrte Yves, immer noch entrüstet, wie selbstverständlich das gekommen war. Doch eigentlich war es ihm lieber, Joel war frech, als wenn er immer noch nicht sehen könnte und deswegen zurückhaltend war.

„Ja, ja“, murmelte Joel, denn er schlürfte schon Nudeln und wirkte sehr glücklich.

„Hast du Oma heute schon angerufen?“, wollte Yves wissen, als auch er sich seinen Teller voll packte. Er war ja mehr für den Fisch zu begeistern.

„Hmm“, Joel nickte heftig und schluckte runter. „Ja, habe ich und ich soll dich grüßen. Ihr geht es jeden Tag besser, sagt sie und sie kommt wohl bald aus dem Krankenhaus.“ William hörte zu und nahm sich auch etwas auf seinen Teller. Erst jetzt merkte er, wie groß der Hunger war. In seinem Kopf formte sich eine Idee, aber die musste er nachher noch mit Yves besprechen.

„Wenn sie weiß, wann sie entlassen wird, muss sie mir das unbedingt sagen, denn dann will ich da sein. Sie kann nicht gleich wieder alles allein machen. Sie wird Hilfe brauchen“, überlegte Yves und aß nachdenklich weiter. Leicht würde das nicht. Zum Glück waren an der Privatschule länger Ferien als an den öffentlichen, doch er musste arbeiten. Nein, er musste nicht mehr, er wollte, weil es ihm Spaß machte.

Sein Blick ging zu William. Yves wusste genau, dass es William nicht behagte, dass sein Verlobter nackt vor fremden Leuten herum lag, doch er sagte nichts, weil er wiederum genau wusste, wie viel Spaß Yves im Haus hatte. Es war verzwickt.

Man sah Yves die Sorgen um seine Großmutter an und das bestärkte William darin, ihm dabei zu helfen. „Das schaffen wir schon. Wir kümmern uns zusammen um deine Großmutter. Sie muss sich erholen.“ Er legte seine Hand auf Yves' Arm und drückte ihn beruhigend. „Wir gehören jetzt zusammen. Du musst nicht mehr alleine mit allem fertig werden.“

„Ich weiß, Schatz, aber“, wollte Yves gleich dagegen halten, doch er wusste nicht, welches Argument dagegen sprechen könnte, das William nicht wehtun würde. 'Es geht dich aber nichts an?' - nein, derartiges konnte er doch nicht sagen. 'Du hast viel zu tun.' - auch das klang deutlich nach Ablehnung.

Vielleicht sollte seine Großmutter umziehen, doch sie mochte die Stadt nicht. Dazu war sie nicht zu bewegen.

„Kein aber, Liebling. Deine Großmutter ist dir wichtig und du bist mir wichtig. Bitte lass mich helfen.“ William wollte nicht enttäuscht sein, denn Yves kannte es nicht anders und für ihn war es nicht leicht, Hilfe anzunehmen. „Denk einfach mal darüber nach, wie es wäre, wenn deine Großmutter nach dem Krankenhaus eine Weile nach Long Island kommt. Dort wäre sie nicht alleine. Kathy würde sich über Gesellschaft freuen und deine Granny könnte sich erholen. Du musst das nicht sofort entscheiden, aber denk bitte darüber nach.“

„Da muss ich nicht drüber nachdenken. Ich habe ja auch schon überlegt, ob sie nicht nach Chinatown kommt. Doch sie will ja nicht. Sie liebt ihr Häuschen und ihre Ruhe. Die Stadt ist ihr zu hektisch. In Maplewood geht sie zu Fuß einkaufen und quatscht ein bisschen mit den Nachbarn. Die Stadt macht ihr Angst.“ Das war ja auch der Grund, warum Yves allein nach New York gezogen war, als er das Stipendium bekommen hatte.

„Hm, dann wird es schwieriger, aber auch da wird sich eine Lösung finden.“ Für ihn war es neu, nicht einfach zu machen, sondern sich mit jemandem abzustimmen. Da war ja auch noch Joel, der zur Schule musste, sie mussten für ihn eine neue Schule finden, denn die Blindenschule brauchte er nicht mehr zu besuchen.

„Ich werde nach dem Zwischenfall und Joels Operation und Vaters Erscheinen noch einmal eindringlich mit ihr reden. Sie wird wollen, dass der Kurze in eine gute Schule kommt und vielleicht ist er ja clever genug, auch mal eine höhere Schule zu besuchen“, sagte Yves und zog die Augenbrauen zusammen. „Aber wenn man nur Frösche faltet und meinen leckeren Thunfisch an die Katze verfüttert, dann kann ja nicht viel bei rum kommen!“, knurrte er und nahm Joel den Teller mit seinem Leckerchen weg. „Wenn Socke unbedingt Fisch will, dann was anderes. Aber nicht meinen!“

„Hey, ich bin schlau!“ Joel vergaß Socke weiter zu füttern und so fing sie an zu hüpfen, um zu sehen, wo der Nachschub blieb.

„Ja, das bist du, aber anscheinend noch nicht schlau genug, um zu wissen, dass man sich nicht zwischen Yves und seinen Thunfisch stellt.“ William kicherte und fing Socke ein, die auf den Tisch klettern wollte. „Hier, gib ihr das.“ Er schob Joel einen Teller mit anderem Fisch zu und setzte Socke wieder auf den Boden.

„Verwöhn sie nicht zu dolle. Außerdem setzen Katzen schnell Fett an“, sagte Yves und rettete seinen Teller.

Nun konnte das Essen eigentlich erst einmal ohne größere Probleme über die Bühne gehen.

Sie waren gerade fertig und wollten abräumen, da kam Shuichi zurück, ein wenig angepisst, weil seine Mutter ihm auch jetzt noch mit ihrem komischen Steingarten auf die Nerven ging. Was waren das für Zeiten gewesen, als der Garten noch kein Flutlicht hatte und man aufhören musste, wenn es dunkelte!

„Hunger“, knurrte er und ließ sich neben Yves fallen, um den letzten Fisch zu hamstern.

„Alles deins, musst dich nur mit Socke arrangieren“, lachte William und sah Yves an. „Baden?“ So gern er Joel auch hatte, er wollte ein wenig allein mit seinem Schatz sein. Er musste ihn endlich wieder im Arm halten und bisher hatten sie nicht die Gelegenheit dazu gehabt, sich zu unterhalten.

„Au ja - baden!“ Joel war gleich begeistert von der Idee und Yves wurde blass. So war das jetzt aber nicht geplant. Doch es war ausnahmsweise mal Shuichi, der seinem großen Bruder Schützenhilfe gab. „Nichts da, Viertel, du hast gestern den halben Tag mit Yves geplanscht. Heute ist Will dran. Gleiches Recht für alle - morgen bin dann ich dran!“

Yves, der seinem Halbbruder erst dankend zunicken wollte, verdrehte die Augen. Was hatte er auch erwartet?

„Maus, ich bring dich noch ins Bett“, versuchte er einen Kompromiss und lehnte sich an William, der hoffentlich nicht böse war, wenn alles etwas nach hinten verschoben werden musste.

Joel brummelte nicht begeistert. „William liest was vor“, bestimmte er schließlich. Wenn er schon nicht baden durfte, dann wollte er eine Geschichte hören und William konnte das gut.

„Mach ich, Kleiner. Was soll es denn sein? Hast du ein bestimmtes Buch, das du vorgelesen haben möchtest?“

Joel wiegte den Kopf. „Den Ritter Adam hast du nicht mit, oder?“, fragte er und William schüttelte den Kopf. „Dann ist es egal, irgendwas.“

Damit war das auch geklärt und während Shuichi Nachschub bestellte, Socke den Origami-Frosch erkundete und William sich im Zimmer etwas umsah, verschwanden die Turner-Jungs im Bad von Joels Zimmer. Es war ein Tribut an die Moderne, denn eigentlich war in diesen traditionellen Häusern kein Bad in dem Sinne vorgesehen - dafür gab es ja den Onsen. Aber nun hatten ein paar Zimmer zumindest eine Dusche, das war ziemlich von Vorteil.

„Bin fertig“, rief Joel, als Yves ihn ins Bett gesteckt hatte und wartete schon mit einem Buch in der Hand auf William. Mit Socke auf dem Arm lief der zu Joel ins Zimmer und setzte sich zu ihm. „Na, zeig mal her, Kurzer, was du dir ausgesucht hast.“ Er sah sich das Buch an und grinste. Es war eine Sammlung japanischer Sagen - zum Glück auf Englisch. William schlug es auf und begann zu lesen.

Derweil hatte sich Yves wieder zu Shuichi gesetzt und bediente sich auch noch ein wenig vom Abendessen. „Falls du und deine Mutter Sorgen haben, wir nisten uns hier nicht ein. Wir werden nach New York zurückkehren“, sagte er, weil er das Gefühl hatte, das sagen zu müssen. Eigentlich war es ihm egal, was Menschen von ihm dachten, aber dass ihn jemand so schnitt wie Shuichis Mutter, verletzte ihn. Zumal er nichts getan hatte, außer geboren worden zu sein. Der eigene Beitrag daran war ziemlich gering.

„Wegen mir nicht. Nimmst du Joel mit?“ Shuichi klang gleichgültig, aber in ihm machte sich Traurigkeit breit. Er mochte seine Brüder, auch wenn es oft nicht so aussah. Endlich war jemand da, der ungefähr in seinem Alter war. Hier war er sonst mit seinen Eltern alleine und Freunde kamen auch nur sehr selten, weil sein Vater immer Sorgen hatte, dass etwas passieren konnte.

„Na ja. Jetzt wo er wieder sehen kann, wird er die Schule wechseln müssen. Ich würde die ganze Lauferei gern machen, solange ich selber noch Ferien habe. Und meine Großmutter kommt bald nach Hause. Sie wird ihn vermissen.“ Ein weiteres Mal kam sich Yves undankbar vor. Sie waren hier mit offenen Armen empfangen worden. Joel konnte endlich wieder sehen und schon verschwanden sie wieder. Aber im Augenblick müsste er sich vierteilen, um es allen recht machen zu können. Es zehrte an ihm.

„Ja, das kann ich verstehen.“ Shuichi konnte spüren, dass sein Bruder im Moment genug Probleme hatte, darum ließ er auch seine üblichen Spitzen sein. „Dad wird dir helfen, wo er kann. Er ist ziemlich stolz auf dich, weißt du das? So wie du dein Leben bisher gemeistert hast, hat er auch allen Grund dazu.“ Shuichi schob sich einen Happen Fisch in den Mund und grinste. „Hab ich nicht gesagt, klar!“

„Du hast was gesagt?“, fragte Yves grinsend. „Ich hab nichts gehört.“ Sie hatten sich verstanden. „Aber ich will ihn nicht ausnutzen. Ich werde schon weiter allein durch die Alltagssorgen kommen. Und Will ist ja auch noch da.“ Yves nahm sich noch etwas von dem Reis, den mochte er besonders gern. Vielleicht sollte er sich das Rezept geben lassen und sich selber mal dran versuchen.

„Hey, Bruder, du nutzt ihn nicht aus. Er hat 18 Jahre aufzuholen. Sei nicht immer so verdammt selbstlos.“ Shuichi schob sich den restlichen Fisch in den Mund und stand auf. „So, ich bin weg und du weißt nicht, wo ich sein könnte. Meine Mutter hat irgendwas davon gesagt, dass der Garten noch nicht fertig ist. Bye, wir sehen uns.“ Shuichi tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn. Noch einmal tat er sich das nicht an.

„Alles klar, hab dich nicht gesehen, grüß Rei“, lachte Yves und erhob sich ebenfalls, um endlich den Tisch abzuräumen. „Aber dusch bitte vorher“, konnte er sich dann doch nicht verkneifen.

Der Gedanke, hier wieder zu verschwinden, machte ihn ein wenig wehmütig. Er genoss die Neckereien und Joel auch. Doch er beeilte sich und übergab das Geschirr den Bediensteten, ehe er für sich und William Handtücher raussuchte.


43

William sah hoch, als er hörte, wie Yves in Joels Zimmer kam und lächelte. Der Kleine war fast eingeschlafen, darum klappte er das Buch zu und küsste Joel auf die Stirn. „Schlaf gut, Maus“, flüsterte er leise und stand vom Boden auf, nachdem er Joel noch richtig zugedeckt hatte. „Alles bereit?“ Er hatte die Handtücher gesehen und gab Yves einen Kuss. „Muss ich was beachten, wenn ich hier baden will?“ Ihm war da so, als wenn er etwas über eine bestimmte Zeremonie gehört hätte, war sich aber nicht sicher.

„Ich zeig dir, wie es geht“, sagte Yves und nahm William bei der Hand. Schnell stahl er sich einen Kuss, dann gingen sie wieder die langen Flure um den Innenhof entlang. „Schuhe werden vor der Holzstufe ausgezogen, geduscht wird nur im Sitzen. Während des Duschens aufzustehen ist nicht schicklich. Und in den Onsen steigt man erst, wenn aller Schaum abgewaschen ist. Aber wir sind allein, ich werde nicht so streng mit dir sein“, sagte Yves, doch dann lachte er keck. „Oder doch. Dann muss ich dich für die Vergehen bestrafen und dich bewusstlos küssen.“

„Okay, ich habe schon wieder alles vergessen.“ William lachte und folgte seinem Schatz. Er zog sich die Schuhe aus, als sie an der Holzstufe angekommen waren, aber als Yves sich vor den Duschen ausziehen wollte, hielt er ihn auf. „Lass mich.“ Aber erst einmal zog er Yves an sich und küsste ihn. „Endlich habe ich dich wieder, ohne fürchten zu müssen, dass jemand dagegen ist“, nuschelte er leise in den Kuss und zog Yves so nah es ging an sich.

„Ja, ich kann immer noch nicht fassen, dass es so ist“, sagte Yves und schloss die Augen. Seine Finger machten sich hastig an Williams Hemd zu schaffen und ihre Lippen lösten sich. Er hörte Williams Keuchen in seinem Ohr und der heiße Atem schlug ihm entgegen. Wie von Sinnen fanden sich ihre Lippen doch wieder und ein harscher Kuss entbrannte zwischen ihnen, der sie schnell gieriger nach mehr werden ließ. Mit einem Hüftschwung drängte Yves seinen Verlobten gegen die Wand und drückte sich dagegen. Er wollte ihn spüren.

„Mehr“, keuchte William in den Kuss und ließ sein Hemd einfach fallen. Seine Hände waren aber auch nicht untätig und öffneten Knöpfe und Gürtel, damit Yves in kürzester Zeit aus seiner Jeans steigen konnte. „So vermisst“, murmelte William und drängte sich gegen seinen Verlobten, drehte sich mit ihm, damit er ihn nun seinerseits gegen die Wand drücken und sich an ihm reiben konnte.

„Gut!“ Yves schlang die Arme fester um seinen Schatz und legte noch mehr Leidenschaft in seinen Kuss. Sein Rücken bog sich immer wieder, damit sein Bauch William berühren konnte. Gierig zerrten seine Finger auch William den Stoff über den Hintern und ließ ihn fallen. Den brauchte hier keiner mehr!

„Yves“, stöhnte William und lehnte seinen Kopf schwer atmend an Yves’. „Nicht gut….“ Ein Kuss verschloss die Lippen seines Freundes. „Wenn jemand kommt.“ Er war vollkommen hin und her gerissen. Alles in ihm verlangte nach Yves, aber er wollte nicht, dass dessen Vater vielleicht Anstoß daran nahm, dass sie hier mehr machten als nur baden. Schließlich konnte er jederzeit durch die Tür kommen, die sich nicht abschließen ließ und außerdem hatte William auch nichts von dem da, was sie brauchten, denn all seine Sachen lagen noch im Auto.

„So lange sie nicht mitmachen wollen“, knurrte Yves, der über die plötzliche Unterbrechung nicht so amüsiert war. Mit glasigen Augen sah er seinen Schatz an. Doch als er sah, wie ernst es dem war, seufzte er und holte tief Luft. Er musste seinen Puls drosseln, wenn er sich wieder beruhigen wollte.

„Gut, duschen wir und werfen uns ins Wasser“, schlug er vor, gönnte sich aber noch ein paar genießende Blicke über Williams Körper.

„Nachher, wenn wir in deinem Zimmer sind. Ich habe alles, was wir brauchen, in meiner Tasche, aber die ist noch in meinem Auto.“ William versuchte Yves mit einem zärtlichen Kuss zu entschädigen. So sehr es ihn auch nach seinem Geliebten verlangte, so ging das nicht. „Wir bleiben nicht so lange hier“, lachte er leise und zog Yves unter die Dusche.

„Hinsetzen“, knurrte Yves, grinste aber und setzte sich ebenfalls auf einen der Schemel, ehe er das Wasser anstellte und sich einweichte. Seine Augen lagen dabei auf William. Er wollte jede noch so kleine Regung beobachten, das Muskelspiel unter der Haut, die Rinnsale, die seinen Körper hinab liefen und er war nicht genant, sondern sah ihnen nach, bis sie William zwischen die gespreizten Beine liefen und leckte sich die Lippen.

William war sich der Blicke durchaus bewusst, denn sie kreuzten sich mit seinen. Männliche Körper zogen ihn eigentlich überhaupt nicht an, aber Yves dort sitzen zu sehen, machte ihn unwahrscheinlich an, so dass er schließlich den Blick abwenden musste, damit er nicht doch noch über ihn herfiel. Er duschte sich ab und hielt Yves die Hand hin.

„Na los. Ertränken wir uns in unserem Schicksal“, lachte sein Verlobter und erhob sich ebenfalls. An der einen Hand hielt er William, in der anderen hatte er die Handtücher, die er mit zum Becken nahm. Er freute sich schon auf das warme Wasser. Das Baden würde ihm in New York wohl wirklich fehlen. Doch man konnte nicht alles haben.

Langsam stieg er in das Becken und seufzte.

„Nein, wir werden nur ein wunderbares Bad genießen und danach werde ich dich lieben, solange bis wir beide vollkommen erschöpft und sehr zufrieden sind.“ William ließ sich neben Yves ins Wasser gleiten und zog ihn an sich. „Das ist herrlich. Wenn wir beide einmal ein gemeinsames Haus haben, dann möchte ich auch so etwas.“

Yves hob eine Braue und drehte sich so, dass er bäuchlings im Wasser lag und William so in die Augen sehen konnte. Seine Hände hielten sich am Rand fest, damit er nicht abtrieb. „Du denkst ja weit“, lachte er leise und strich William mit einer Hand durch die Haare. „Solch ein Luxus ist irgendwie nichts, mit dem ich je gerechnet hätte“, gestand er leise und lehnte sich gegen seinen Schatz.

„Natürlich denke ich weit, denn ich gebe dich nicht wieder her und irgendwo müssen wir ja wohnen.“ William drehte sich ein wenig, damit er sich besser unterhalten konnte. Er legte einen Arm um Yves und strich ihm über die Seite. „Ich möchte ein Haus für uns beide, das nur uns gehört und mit dem meine Mutter nichts zu schaffen hat. Das Haus auf Long Island ist zwar schön, aber es wäre nicht unseres. Meinetwegen auch erst einmal eine Wohnung, aber irgendwann ein Haus, mit so einem Onsen wie hier. Wo deine Brüder, deine Großmutter und dein Vater und auch meine Schwester uns besuchen kommen können.“

„Onsen werden aus heißen Quellen gespeist, mein Schatz. Also musst du erst eine heiße Quelle finden, die noch niemand umbaut hat“, grinste Yves, doch es war ein unbeschreibliches Gefühl, wie intensiv William ihre Leben verflechten wollte. Allerdings hieß das auch, dass er Chinatown verlassen würde, die Lees, Yuki, Hong. Er wusste nicht, ob er für einen solchen Schritt schon bereit war oder ob er je dafür bereit sein würde. Er verließ eine Welt und betrat eine andere. „Lass uns die Schule zu Ende machen und dann weiter sehen, hm? Das heißt ja nicht, dass ich nicht bei dir nächtigen kann und das Plaza ist doch günstig gelegen.“

„Hm.“ William sah Yves an und küsste ihn. „Uns hetzt keiner, Schatz. Lass uns einfach abwarten und wenn wir etwas sehen, das uns gefällt, dann schlagen wir zu.“ Er hatte zwar auf eine andere Antwort gehofft, aber das war nicht weiter schlimm. Yves hatte sehr viel um die Ohren und da war eine Wohnung wirklich nicht so wichtig. „Wir können ja fallweise entscheiden, wo wir schlafen, ob bei mir oder dir.“

Lachend schüttelte Yves den Kopf. An was William alles dachte. So weit wäre er selbst nie bereit gewesen zu denken. „Ja, lassen wir uns überraschen - außerdem sollten wir uns etwas für Yuki einfallen lassen. Sie wird stinksauer sein. Sie war schon wütend, als ich ihr vor meiner Abreise alles im Schnelldurchlauf erklärt habe. Und da fällt mir gerade ein: wie hast du mich gefunden? Durch Yuki?“

„Ja, sie hat mir die Adresse gegeben, wo ich dich finden kann, aber erst nachdem sie mir klar gemacht hat, sie mag es überhaupt nicht, wenn man ihr nicht erzählt, dass wir zusammen sind. Ich sollte sie wohl besser anrufen und ihr erzählen, wie ich dich gefunden habe und jetzt alles wieder in Ordnung ist.“ William verzog grinsend das Gesicht. „Machen wir es jetzt, dann vergessen wir das nicht.“ Er löste sich von Yves und lief schnell zu seinen Sachen. In seiner Hosentasche war sein Handy, das er nur schnell schnappte und gleich wieder zu Yves ins Becken kam.

„Wenn sie dich anschnauzt, ich hab dich gewarnt. Bei ihr dürfte es jetzt acht Uhr morgens sein und sie muss zur zweiten Stunde. Wenn du sie aus dem Rhythmus bringst und sie zu spät kommt und nachsitzen musst, hoffe ich, sie lässt das an dir aus, mein Schatz, und nicht an ihrem Lieblingsyves“, säuselte Yves süß und grinste, schmiegte sich aber wieder an seinen Freund. Wenn er ihn schon bei sich hatte, wollte er ihn auch spüren. Im Augenblick ärgerte er sich nur, dass er weder Kondome noch Gleitmittel im Haus hatte. Er hatte nicht mit William gerechnet - das war ein Fehler, das wusste er jetzt. Bei seinem Verlobten musste man mit allem rechnen.

„Das Risiko muss ich wohl eingehen, aber schlimmer wäre es, wenn wir uns nicht melden und sie nicht weiß, was los ist.“ William suchte schon Yukis Nummer und stellte die Verbindung her. Während er wartete, küsste er Yves noch einmal. „Würdest du mich nicht vor ihr retten?“, fragte er schmollend, aber bevor Yves antworten konnte, meldete sich Yuki, wenn auch nur mit einem unbestimmbaren Knurrlaut. Davon ließ William sich aber nicht beirren. „Hallo Süße, hier ist Will, ich wollte auch nur Bescheid geben, dass ich Yves gefunden habe und es uns beiden sehr gut geht.“

>Schön für euch<, war die erste Reaktion, weil Yuki gerade aus dem Bett geworfen worden war und unter die Dusche musste. Sie war noch im Halbschlaf. >Oh, Will. Du ... ah...< Jetzt schien ihr Hirn verarbeitet zu haben, was sie eben gehört hatte. Sie rief ihrer Mutter noch ein: 'ja gleich, Yves und Will sind dran', zu und dann wurde sie schon freundlicher. >Und wie geht’s so?<

„Dank dir geht es uns beiden sehr gut. Wir liegen gerade in einem Onsen und entspannen uns.“ William lehnte sich an Yves, so dass er mithören konnte, was Yuki sagte. „Joel ist auch hier und er ist schon auf beiden Augen operiert worden.“

>Und? Alles gut gegangen bei dem Kurzen? Dann steht einer Karriere als Koch ja nichts mehr im Weg.< Yuki ließ sich noch einmal zurück aufs Bett fallen und streckte sich zufrieden. Das hörte man gern. >Und selber? Schon guten Sex gehabt?<, konnte sie sich einen Seitenhieb dann doch nicht verkneifen, der Yves pikiert: „Yuki“, rufen ließ, dann sank er unter Wasser, weil er rot wurde.

„Ja, dem Kleinen geht es prima, er ist richtig frech geworden.“ William lachte und sah Yves hinterher. „Nein, hatten wir noch nicht, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Hier ist schließlich schon Abend und wir werden gleich ins Bett gehen – um zu schlafen natürlich“, hängte er noch lachend an. Yves tauchte wieder auf und William zog ihn zu sich. „Aber du mach jetzt mal, dass du in die Schule kommst, wir rufen wieder an.“

>Bist du eigentlich noch ganz dicht!<, knurrte Yuki ins Telefon, damit ihre Mutter diese Wortwahl nicht vernahm, die schätzte es nämlich gar nicht, wenn ihre Tochter so vulgär klang. >Mir erst Bilder in den Kopf pflanzen, was in der nächsten Stunde noch passieren kann und mich dann damit in die Schule schicken? Geht’s dir eigentlich noch ganz gut? Und so was darf sich Freund nennen. Nee, nee. William. So nicht.<

„Ach Yuki-Schatz, du hast gefragt.“ William lachte. Ihre Freundin hatte sich kein bisschen geändert. Immer neugierig und sich dann beschweren, wenn sie eine ehrliche Antwort bekam. „Ich mache das wieder gut, Kleines, versprochen. Möchtest du noch kurz Yves sprechen?“

>Ja, gib mir den Spalter<, knurrte sie und Yves zog den Kopf zwischen die Schultern.

„Na?“, fragte er vorsichtig. Weil er nasse Hände hatte, musste William das Handy halten.

>Was? Na?<, lachte Yuki. >Kannst du der Landplage, die du dir ans Bein gebunden hast, mal bitte den Sex verweigern? Den hat er sich nämlich nicht verdient und fair finde ich es auch nicht, dass du an deinem achtzehnten Geburtstag nicht da bist.< Doch dann wechselte sie gleich wieder das Thema, weil sie Yves kein schlechtes Gewissen machen wollte. >Ertränke William, der hat das verdient.<

„Ey, was soll das denn? Ich hab nix gemacht, das rechtfertigt, mich zu ersäufen und das mit der Sexverweigerung kannst du auch gleich mal vergessen.“ William hatte sein Ohr in der Nähe des Handys gelassen und knurrte nun leise. Wehe Yuki setzte Yves irgendwelche Flöhe ins Ohr.

>Ach heul nicht, du bist doch schon groß<, lachte Yuki und kicherte dann wie eine alte Hexe. >Aber jetzt muss ich wirklich los. Lasst es euch gut gehen und gute Nacht. Bleibt sauber, auch wenn ich da nicht viel Hoffnung habe. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.<

Sie verabschiedeten sich, dann war sie weg.

„Tja, und jetzt?“, grinste Yves.

„Jetzt?“ William legte das Handy weg und zog Yves wieder an sich. „Jetzt möchte ich ganz viele Küsse, dann möchte ich, dass du dabei deine Beine um mich legst, denn du bist viel zu weit weg.“ Dass sie hier im Wasser lagen, hieß ja nicht, dass sie nicht ein wenig schmusen konnten. Bisher waren sie ja noch nicht wirklich dazu gekommen.

„Das heißt, du wirst mich gleich wieder bremsen müssen, weil ich dir nicht mehr widerstehen kann“, gestand Yves leise und grinste schief, um die Scham zu überspielen. Ehe er William kennen gelernt hatte, war er nie so gewesen. Er hatte keine Gedanken an Körperliches verschwendet. Doch mit William war das anders, völlig anders. Und so kam er, wie an Fäden gezogen, näher und tat, was immer William von ihm verlangte, um ihm so nah zu sein wie nur möglich.

„Dann sollten wir wohl so schnell wie möglich in dein Zimmer gehen, denn mir geht es nicht anders.“ William nippte immer wieder an Yves' Lippen und legte die Arme um ihn. Es war herrlich, seinen Geliebten endlich wieder so nahe zu spüren. „Ich will dich, am besten jetzt sofort“, murmelte er und ließ seine Lippen über Yves’ Hals tiefer gleiten.

„Ich muss dir was gestehen. Ich hab nichts da. Ich habe nicht mit dir gerechnet“, murmelte Yves. Dabei drückte er sein rotes Gesicht gegen Williams Hals und küsste ihn dort versöhnlich. „Wir können höchstens noch mal in einen 24-Stunden-Supermarkt fahren.“ Auch wenn er darauf keine Lust hatte. Doch was tat er nicht alles, um seinen Schatz endlich wieder so zu spüren wie auf der Yacht - das war der Hammer gewesen. Er musste das noch einmal erleben!

„Hast du wirklich gedacht, ich würde dich einfach so gehen lassen?“, murmelte William, aber dann schüttelte er den Gedanken ab, denn er war hier und Yves lag in seinen Armen. „Wir müssen nur an meinen Wagen kommen. In meiner Tasche habe ich alles, was wir brauchen.“ Er strich Yves über die heißen Wangen und musste ihn einfach küssen. „Los, baden können wir auch morgen noch.“

„Du hast...“ Yves grinste und küsste seinen Schatz noch einmal. „Hab ich dir schon mal gesagt, wie nützlich du bist?“, lachte er und glitt zur Treppe, sah sich aber noch einmal nach William um. „Na komm schon, auf was wartest du denn?“ Er konnte nicht vermeiden, dass die Vorfreude von ihm Besitz ergriffen hatte und vielleicht auch ein bisschen Lust und Leidenschaft. Ach, was machte er sich vor - er war spitz wie ein Rettich!

Lachend kam William ihm hinterher und legte von hinten einen Arm um ihn. „Hast du was, was ich anziehen kann, damit ich nicht wegen anstößigem Verhalten doch noch rausgeworfen werde?“ Er küsste Yves in den Nacken, aber er löste sich gleich wieder von ihm, weil er sonst auch für nichts garantieren konnte. Er sammelte darum sein Handy wieder ein und suchte den Autoschlüssel.

„Da, mach mal die Tür auf“, murmelte Yves und verbot sich, sich umzublicken. Sonst endete das nur wieder so wie vorhin und das wollten sie ja beide nicht. Hinter der Tür verbargen sich Yukatas und William gab für jeden einen raus. Kaum war der leichte Baumwollstoff übergeworfen, stahl sich Yves auch schon wieder einen Kuss, ehe er ihre übrigen Klamotten raffte und aus der Tür trat.

„Na? Wasser eingesaut?“

Klar, was hatten sie auch erwartet? Shuichi fegte an ihnen vorbei und schien auf dem Weg in die Küche, nahm sich allerdings die Zeit, einmal dreckig zu grinsen. Aber er war so schnell, dass es sich nicht lohnte ihm etwas hinterher zu rufen. William schüttelte nur den Kopf und ging mit Yves wieder Richtung seines Zimmers. Auf dem Weg dorthin gab er den Wagenschlüssel einem der Dienstmädchen mit der Anweisung, eine der Wachen vor dem Tor zu bitten, den Wagen auf das Grundstück zu fahren und die Tasche und die Kisten in Yves' Zimmer zu bringen.

Sie selbst gingen durch den Flur zu ihren Räumen zurück. Ein kurzer Blick in Joels Zimmer, doch da tat sich nicht mehr viel. Der Kleine schlief, Socke auch. Morgen durfte er den Verband abnehmen. Dann wussten sie, ob die zweite Operation auch geklappt hatte. Langsam kam Yves' Leben wohl wirklich in geordnete Bahnen.

„Na komm“, sagte er zu William, als er die Tür wieder zu schob und zog seinen Schatz hinter sich her.

„Ein schönes Geschenk zu deinem Geburtstag, wenn dein Bruder wieder richtig sehen kann.“ William zog Yves an sich, aber er kam nicht dazu, ihn zu küssen, weil es leicht klopfte und seine Sachen gebracht wurden. Eine der Wachen stellte alles ab und nickte leicht, dann waren sie auch schon wieder alleine.

„Ja, dann kann er endlich wieder ein normales Leben führen. Das wünscht er sich von allem doch am meisten.“ Yves sah sich in seinem Zimmer um und sein Blick fiel auf den Futon. „Soll ich dir die Couch ausklappen?“, fragte er und meinte das völlig ernst, denn William hatte ja klar gemacht, dass er nicht auf dem Boden schlafen wollte.

„Nein, nein, Schatz, ich probiere dann doch mal den Boden. Du sagst ja, dass das nicht so schlimm ist, wie es aussieht.“ William zwinkerte Yves grinsend zu und ging rückwärts Richtung Futon. „Mach's dir schon mal bequem, ich komm gleich zu dir.“ Sein Verlobter bekam noch einen Kuss, dann löste William sich von ihm und ging zu seiner Tasche, um zu holen, was sie brauchten.

„Wenn's nicht geht, sag's mir trotzdem. Nicht dass du morgen nicht kriechen kannst, weil du dich verlegen hast.“ Yves ließ sich auf die Decken sinken und drapierte sich ein wenig. Ein Bein winkelte er an, den Gürtel des Yukata löste er, doch er schlug den Stoff nicht auf. Das sollte William schon alleine machen, wenn er sehen wollte, was darunter war.

William blieb ein paar Augenblicke vor dem Futon stehen und ließ seinen Blick über Yves gleiten. So wie sein Schatz dort lag, konnte er gar nicht anders. Er kniete sich neben Yves und strich langsam mit einer Hand vom Bein aus höher und schlug schließlich den Stoff zur Seite. „Schön“, murmelte er leise und beugte sich vor, damit er Yves küssen konnte.

„Und alles dein“, wisperte Yves gegen Williams Lippen. Endlich waren sie wieder allein, konnten die Verpflichtungen bis morgen vergessen, die schweren Gedanken vor der Tür lassen. William hatte eine Wirkung auf ihn, die Yves leicht machte und schweben ließ. Seine Sorgen blieben auf dem Boden zurück und deswegen lächelte er gegen Williams Lippen. „Hab ich dir schon gesagt, wie sehr ich dich liebe?“

„Heute noch nicht.“ William beugte sich über Yves und drückte ihn somit nach hinten in die Laken. Nun hockte er über seinem Verlobten und seine Hände legten sich auf Yves’ Brust. „Aber das ist nicht schlimm, denn ich bin mir sicher, dass du mir das gleich zeigen wirst, genauso wie ich dir zeigen werde, wie sehr ich dich liebe.“ Endlich waren sie wieder so zusammen, wie es sein sollte und bis zum nächsten Morgen würde sie auch niemand stören.



44

„Boah! Socke, du bist so fies!“, knurrte Joel beleidigt. Er hatte der erste seine wollen, der Yves gratulierte. Er war extra zeitig aufgestanden und was machte diese gemeine Katze? Flitzte durch die noch nicht ganz geöffnete Tür und sprang auf Yves, um ihn zu wecken. Das war so gemein!

„Socke, du alter Verräter!“ Joel war deprimiert und das merkte auch Yves in seinem Halbschlaf. Er stellte sich also schlafend anstatt zu gucken, warum Joel mit seiner Herzensdame in Zwistigkeiten geraten war. Er kuschelte sich lieber weiter in Williams Arm, das war schön.

Auch William, der ebenfalls wach geworden war, verhielt sich still und wartete, was jetzt kommen würde. Er hörte, wie sich Joel näher schlich und weiter leise mit Socke schimpfte, die sich daran aber gar nicht störte und sich auf einem Eckchen der Decke nieder ließ. „Yves?“, fragte Joel als er neben dem Futon stand und als keine Reaktion kam, grinste er frech und schmiss sich auf seinen Bruder oder besser auf seinen Bruder und William, denn Yves lag zum großen Teil auf seinem Verlobten. „Ich bin erster“, rief er lachend. „Herzlichen Glückwunsch, Yves.“

„Hey, Rabauke“, keuchte Yves, der damit nicht gerechnet hatte, und lachte. Er zog seinen Bruder zu sich und bedankte sich für die netten Wünsche. Auch bei Socke. Er ließ sich nach einem kurzen Kuss - den Joel mit lautem Kichern bedachte - von William gleiten und hatte den Kleinen nun auf seinem Bauch sitzen. „Und wo ist mein Geburtstagskuchen, hm?“

„Ich kann doch nicht backen, das hat immer Granny gemacht.“ Joel machte ein zerknirschtes Gesicht, damit sein Bruder nicht merkte, dass er flunkerte. Gestern hatte er nämlich mit dem Koch zusammen einen Kuchen gebacken, aber den gab es erst zum Frühstück, wenn sie mit Yves' Vater und Shuichi zusammen etwas aßen. Darum hibbelte er auch schon herum, denn er wollte endlich zeigen, was er gebacken hatte.

„Ach wie schade, ich dachte, du backst einen Kuchen für mich, aber so? Da muss ich ja auch nicht aufstehen“, sagte Yves gespielt deprimiert. Er verkroch sich unter seiner Decke und versuchte zu verbergen, wie stark er sich das Lachen verkneifen musste, denn Joel holte schon zum verbalen Gegenschlag aus. Er hatte sich wirklich verändert.

William sah den beiden Turner Brüdern zu und lächelte. „Hey“, brummte er schließlich und hob die Decke ein wenig an, damit er mit drunter konnte. „Herzlichen Glückwunsch, Liebling“, flüsterte er Yves ins Ohr und zog ihn wieder an sich. „Ich liebe dich. Magst du denn als Entschädigung von mir ein Geschenk haben?“

„Hab ich doch schon“, sagte Yves und lächelte. „Du bist mir gefolgt, du hast mir einen Ring geschenkt. Was will ich noch mehr, Schatz?“ Er stahl sich einen Kuss und grinste, weil gerade die Decke von ihnen gerissen wurde, Joel Luft schnappte und dann wieder den Stoff über die nackten Körper warf. Er hatte wohl mehr gesehen, als ihm lieb war und flitzte aus dem Zimmer und erklärte, sie sollten ins Esszimmer kommen.

Dann war die Tür zu und Yves lachte.

„Das hast du alles bekommen, weil ich dich liebe und weil ich dich an meiner Seite möchte und auch brauche.“ William zog Yves auf sich und setzte sich mit ihm auf. „Ich komme doch nicht zu deinem 18. Geburtstag ohne Geschenk, aber wenn du nicht möchtest…“ Grinsend zog William die größere der beiden Kisten zu ihnen. „Was mach ich denn nun damit?“

Yves' Augen waren ihm gefolgt und starrten nun auf die Kiste. „Die ist aber groß. Was ist da drinnen?“, wollte er neugierig wissen. Sein Kinn lag auf Williams Schulter und so konnte er ein bisschen an seinem Schatz knabbern. Vielleicht verriet der ihm ja etwas. Auch wenn Yves es nicht gern zugab, aber er war neugierig, er wusste, dass William keine einfachen Geschenke machte. „Sag schon, Liebling.“

„Und mir dein Gesicht entgehen lassen, wenn du dein Geschenk öffnest? Nein, mein Schatz, wenn du wissen möchtest, was in der Kiste ist, musst du es auspacken.“ Allein schon, weil Yves neugierig war, wollte William nichts verraten, denn seine Augen leuchteten und er war so anschmiegsam, weil er einen Tipp haben wollte.

„Ach Schatz, komm schon“, murmelte Yves und küsste sich über Williams Hals. „Die Kiste sieht aus, als wäre es Frevel, sie zu öffnen. Sag mir was es ist, dann darf es in seinem heimeligen Kästchen bleiben und wird nicht böse auf mich.“ Er wusste, dass das albern war, doch er genoss dieses Spielchen. Und deswegen strichen seine Hände über Williams Rücken, um ihn zu überreden.

„Nein, nein. Das, was in der Kiste ist, möchte gerne raus, denn es ist nicht dafür gemacht, vor unseren Blicken verborgen zu sein und da der Inhalt dir gehört, musst du das machen.“ William war wirklich versucht nachzugeben, denn sein Verlobter griff zu sehr unfairen Mitteln. Die Hände auf seinem Körper fühlten sich wunderbar an. Sie erinnerten ihn immer wieder an die letzte Nacht und ließen ihn seufzen.

„Wirklich?“, raunte Yves dunkel, doch weil er merkte, wie kurz William davor stand, sich doch zu verraten und er seinem Schatz dessen Überraschung nicht verderben wollte, löste er sich von William und krabbelte näher zu der Kiste. „Danke“, sagte er und lächelte, denn schon allein dass William da war, bedeutete ihm sehr viel.

Seine Finger strichen über das edle Holz und er hatte einen Verdacht. Solche Kisten kannte er aus dem Zimmer seines Vaters und sie enthielten wunderschöne Schwerter. Deswegen nestelten seine Finger aufgeregt am Verschluss und öffneten den Deckel. Tücher verhüllten den Inhalt noch immer und so nahm er auch die beiseite. Dann schluckte Yves.

„Wow“, konnte er nur sagen, als er auf die vier Schwerter sah. „Das“, er sah zu William und starrte ihn an, „das ist nicht dein Ernst oder?“, fragte er fassungslos.

„Aber natürlich ist das mein Ernst.“ William hatte Yves beobachtet und allein wie dessen Augen leuchteten, hatte ihm gezeigt, dass er das richtige Geschenk gefunden hatte. „Du bist Hongs Meisterschüler und kannst mit diesen Schönheiten umgehen. Da ist es doch nur richtig, dass sie dir gehören, damit sie endlich wieder einen Zweck haben und nicht in irgendwelchen Kisten versteckt werden und niemand sich an ihrer Schönheit erfreuen kann.“

„Will, die müssen ein Vermögen gekostet haben. Das ist ein komplettes Set!“ Yves konnte es noch immer nicht fassen. Zwar juckte es ihn in den Fingern, die Schwerter heraus zu nehmen, doch er war nackt. Er fühlte sich im Augenblick einfach unwürdig. „Sie sind wunderschön und makellos“, flüsterte er leise und beugte sich tiefer, doch dann wandte er sich zu William um und zerrte ihn zu sich, um ihn zu küssen. Er war ganz kribbelig!

William ließ sich erobern und genoss den wilden Kuss, den sie erst beendeten, als sie keine Luft mehr hatten. „Wunderschön und makellos, genauso wie du“, wisperte er leise und legte seine Arme um Yves. „Jahrhunderte lang lagen sie in ihrer Kiste und niemand hat sie berührt. Sie waren nichts weiter, als ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Als sie zum Kauf angeboten wurden, konnte ich nicht widerstehen und seit ich sie gekauft habe, freue ich mich darauf, dich damit zu sehen.“

„Ich werde dich nicht enttäuschen, Schatz. Vielleicht sollten wir heute Abend, wenn alles vorbei ist, rüber in den Dojo gehen“, sagte er leise und sah noch einmal auf sein Geschenk. Da lagen sie - als wären sie eben erst von Meisterhand geschmiedet. „Vielleicht sollten wir erst einmal zum Frühstück gehen und dann zu dem Termin. Außerdem will Joel mich dabei haben, wenn ihm heute Nachmittag beim Arzt der Verband abgenommen wird.“ Er hatte viel vor und das tat ihm irgendwie Leid.

„Joel bekommt den Verband ab? Da müssen wir unbedingt dabei sein.“ Für William war es keine Frage, Joels Wunsch zu erfüllen und dass ihr Tag ausgefüllt war, daran war nichts zu ändern, denn schließlich hatte Yves nicht mit ihm gerechnet. „Ja, gehen wir ins Esszimmer, wo ja kein Kuchen auf dich wartet“, lachte er und freute sich schon auf den Abend, wenn Yves seine Geschenke ausprobierte.

„Na komm hoch, Schatz. Geh schon mal duschen, ich hänge die Futons zum lüften auf“, sagte Yves, als er sich erhob und William an der Hand zu sich hoch zog. Er nutzte den Schwung zu einem letzten Kuss und grinste. Er hatte wirklich Glück mit seinem Fraggle und das nicht nur wegen seiner Geschenke - sondern weil William war wie er war. Eigensinnig, stur und unheimlich lieb. Yves lachte leise. Er hörte sich so albern an - selbst für sich selbst.

„Ja, lüften wäre nicht schlecht.“ William grinste und klapste Yves auf den Hintern. Sie sollten sich beeilen, wenn sie nicht wollten, dass ein ungeduldiger Joel kam, um sie zu holen, wahrscheinlich noch mit Shuichi im Schlepptau, der keine Gelegenheit ausließ, seinen großen Bruder zu ärgern.

Noch ein schneller Kuss, dann ging er ins Bad und Yves kümmerte sich um die Schlafstatt. Doch sein Blick wanderte immer wieder zu den Schwertern, die in ihrem Kasten auf den Tatami standen. Schnell trug er sie zum Tisch.

„Will, du bist ein absolut verrückter Kerl“, murmelte er leise und grinste schief. Er wusste, dass er hier Schmiedekunst im Wert von mehreren hunderttausend Dollar vor sich hatte. Der Kerl war verrückt - aber die Schwerter waren wunderschön.

Er stand immer noch so, als William aus dem Bad kam und das ließ ihn lächeln. „Ich bin fertig“, flüsterte er seinem Schatz ins Ohr und legte von hinten einen Arm um ihn. Aber er löste sich nach einem kurzen Kuss in den Nacken wieder, weil sie sonst nicht ins Esszimmer kamen, denn der nackte Körper lockte ihn schon wieder.

„Ich dusch auch schnell“, sagte Yves und war im Bad verschwunden. Es dauerte keine fünf Minuten, da war er wieder zurück. Dank seiner Jobs und der notorischen Zeitnot, unter der er litt, wusste er, wie man auch im Bad Zeit effektiv nutzte.

„Komm, auf zur Familie. Aber ich glaube, Shuichis Mutter dürfte auch da sein.“ Man sah an Yves' Gesicht, was er davon hielt, denn sie mochte ihn nicht und gab sich keine Mühe, das zu verbergen.

„Lass dir von ihr nicht den Tag verderben.“ William nahm Yves an die Hand und zog ihn aus dem Zimmer. „Alle anderen mögen dich. Wir bleiben nur so lange wie wir müssen und bald hast du ja auch deinen Termin mit deinem Vater.“ William sah das ein wenig entspannter, denn durch seine Mutter war er diese frostige Atmosphäre gewohnt und konnte sie erfolgreich ignorieren.

„Ich hoffe, sie kann ihre Klappe halten. Sie hat 'ne ziemlich spitze Zunge.“ Doch dann zuckte Yves die Schultern, vielleicht hatte William Recht. Er sollte ihr nicht die Chance geben, ihm den Tag zu vererben - das war sein Tag.

Weil die offiziellen Räume auch im Haupthaus lagen, war es ein Stückchen Weg, doch dann klopften sie und traten ein. „Ohayoo“, sagte er und grinste, als er den Kuchen auf dem Tisch sah und Joel, der Socke anschnauzte, weil sie schon verräterisch die Sahne um die Schnauze hatte.

„Wie ein altes Ehepaar“, lachte William leise und drückte noch einmal aufmunternd Yves’ Hand. „Guten Morgen“, grüßte er und verneigte sich leicht in Richtung des Hausherrn und seiner Gattin. Frau Nakamura war zierlich und eigentlich immer noch eine schöne Frau, wäre da nicht dieser harte Zug um den Mund gewesen, der ihr Gesicht nicht sehr ansehnlich machte und das besserte sich auch nicht, als sie den Erstgeborenen ihres Mannes mit seinem Verlobten sah.

„Na? Brüderchen?“, sagte Shuichi, weil er wusste, dass es seine Mutter störte, wie kompromisslos er und sein Vater die Turner-Jungs in die Familie aufgenommen hatten. „Lass dich beglückwünschen, altes Haus.“ Er hob seinen Kaffeebecher seinem Bruder entgegen und lockte ihn näher zum Tisch.

„Yves, schnell. Schneid den Kuchen an, Socke tut sich schon dran gütlich“, sagte Joel und ließ die Ohren hängen. Er hatte sichtlich Mühe, die kleine Katze fest zu halten, die immer wieder auf den Tisch wollte. Ihr schien der Kuchen auf alle Fälle zu schmecken. William half ihm, gab aber noch vorher das Messer an Yves weiter, damit er den Kuchen anschneiden konnte.

„Der Kuchen ist toll“, wisperte er dem kleinen Jungen ins Ohr und das meinte er wirklich ernst. Er war nicht perfekt, aber für einen 11-jährigen Jungen, der noch nie gebacken hatte, war es super geworden. Ein wenig schief aber liebevoll verziert.

„Guten Morgen, mein Junge.“ Satoshi sah seinen Sohn lächelnd an und kam sogar zu ihm und umarmte ihn. „Herzlichen Glückwunsch“, sagte er und hielt seinen Sohn kurz fest, auch wenn er sehen konnte, wie sich das Gesicht seiner Frau noch mehr verschloss. Sein Sohn wurde schließlich 18, da musste er das einfach tun. Er hatte zu viele seiner Geburtstage nicht miterlebt, als dass er sich diesen auch zerstören lassen wollte.

„Danke, Vater“, sagte Yves und lächelte. Er hätte nicht gedacht, dass er diesen Satz noch einmal sagen würde - zu einem Mann, den er kaum kannte, der aber seine Mutter umso mehr kannte und sie wohl auch heute noch im Herzen trug. Yves hatte bei ihren Gesprächen sehr wohl zwischen den Zeilen lesen können.

„So, aber jetzt schneid den Kuchen an, nicht dass die Katze alles kriegt.“ Satoshi legte Yves eine Hand auf die Schulter und blieb bei ihm stehen. Er hatte Joel ermuntert, einen Kuchen zu backen, als der ihm erzählt hatte, wie schade er es fand, dass ihre Granny nicht da war. Der Kleine war ihm mit der Zeit so sehr ans Herz gewachsen, dass er ihn praktisch als seinen dritten Sohn ansah.

„Ja, wir sollten vermeiden, dass Socke platzt. Das wäre sicher kein schönes Bild“, lachte Yves. Eilig schnitt er den Kuchen an und verteilte die Stücken auf den Tellern, die ihm nach und nach gereicht wurden. Freilich wurde Joel gleich gelobt, denn der Teig war lecker - genauso wie die Cremefüllung und der Kleine gestand mit roten Ohren, dass eigentlich mehr Füllung rein gehört hätte, aber er und Socke... dann brach er ab und alle lachten, na ja, fast alle.

Die einzige, die weder den Kuchen probiert hatte, noch an der allgemeinen Heiterkeit teilnahm, war Frau Nakamura, aber das hatte auch niemand erwartet.

„Hier, Bruder, ich habe ein Geschenk für dich“, erklärte Shuichi unvermittelt und ließ sich nicht durch den wütenden Blick seiner Mutter beirren. Er schob ein kleines Päckchen über den Tisch und grinste. Mal schauen, ob er es wieder schaffte, dass Yves rot wurde. Doch erst einmal sah der ihn forschend an. Wenn Shuichi so grinste, dann war irgendwas im Busch. Sollte er das Päckchen aufmachen? Nicht dass ihm was entgegen sprang?

Doch dann bemerkte er die forschenden Blicke der anderen, die konnte er ja schlecht enttäuschen. Also piddelte er den Klebestreifen auf und löste das Papier und packte es gleich wieder ein, als er sah, was drinnen lag.

„Danke, nett!“, sagte er mit roten Schatten auf den Wangen und ließ es ungesehen unter dem Tisch verschwinden. Dabei sah er Shuichi warnend an.

William hob eine Augenbraue und konnte sich ungefähr denken, was in dem Päckchen war, allein schon, weil Yves rot wurde. Das war aber auch eine freche Made, allerdings machte das den Halben auch wieder sehr sympathisch, denn es passte einfach zu dem jungen Japaner, der seine Brüder ärgerte, wo er nur konnte. Eigentlich hatte Yves es mit seiner neuen Familie doch gar nicht schlecht getroffen. Nur dass sie so weit von New York und damit von seiner Großmutter entfernt lebten, die in der nächsten Zeit seine Hilfe brauchte, das war noch etwas, was Kopfzerbrechen bereitete.

Sie aßen mehr oder weniger schweigend zu Ende und Shuichis Mutter war die erste, die sich erhob und mit der Erklärung ging, sie hätte noch zu tun. Als sie die Tür hinter sich schloss, atmete auch Joel deutlich auf. Er hatte das Gefühl, sie mochte Socke nicht. Was daran liegen konnte, dass die kleine Katze den Steingarten etwas umgestaltet hatte, weil sie Mäuse gerochen hatte.

„Nach dem Frühstück möchte ich los. Seid ihr so weit?“, fragte Satoshi und Yves nickte eifrig, sah aber William fragend an.

„Ich bin bereit.“ William nickte und legte seine Serviette auf den Tisch. Das japanische Frühstück war gewöhnungsbedürftig, aber er hatte es probiert, auch wenn es alles für ein westliches Frühstück gab. Wenn man sich erst einmal dran gewöhnt hatte, war es richtig lecker. Nur der Kaffee sagte ihm nicht so zu. In einem Land der Teetrinker war das aber zu verzeihen.

„Gut, ich hole nur meine Jacke. Dann können wir los.“ Yves erhob sich und wuschelte Joel noch einmal durch die Haare.

„Ihr geht weg? Kann ich mit?“, fragte er und Yves schüttelte den Kopf.

„Nein, kleine Maus. Das ist geschäftlich. Aber wir sind bald wieder zurück, hm? Lass dich von Shuichi nicht ärgern.“ Und eigentlich ging die Warnung an Shuichi, dass der Joel nicht triezen sollte. Der war ja schon nervös genug, weil heute der zweite Verband runter kam.

William wuschelte Joel durch die Haare. Das machte wohl jeder und die weichen Haare luden auch dazu ein. Socke bekam ebenfalls noch ein paar Streicheleinheiten, dann war Yves auch schon wieder da und es konnte losgehen.

„Fahren wir selbst oder bei deinem Vater mit?“, fragte er, als sie aus dem Haus traten.

„Ich hab gesehen, vor der Tür steht eine große, schwarze Limousine. Ich glaube, wir werden dort mit fahren“, sagte Yves. „Ist mir auch lieber.“ So liefen sie nicht Gefahr, abgehängt zu werden oder sich zu verfahren. Sein Vater hatte ihm ja noch immer nicht gesagt, wohin es gehen sollte.

„Sag mal, Schatz, hast du eigentlich auch einen Führerschein?“, fragte William, weil ihm gerade einfiel, dass er das gar nicht wusste. Bisher hatte er Yves immer nur mit dem Roller fahren sehen. Es war nicht unbedingt wichtig, in einer Stadt wie New York, denn eigentlich gab es dort viel zu viele Autos, um richtig fahren zu können.

„Ja, sage mal“, lachte Yves, „glaubst du, ich fahre meinen Roller schwarz? So einer bin ich ja nun wirklich nicht“, erklärte er seinem Verlobten, während sie von Satoshi und zwei Leibwächtern begleitet vor das Haus traten. Die beiden Männer stiegen vorne ein, Satoshi und seine Gäste im Fahrgastraum.

„Gut, dann fährst du demnächst, wenn ich was getrunken habe“, lachte William frech und nahm Yves' Hand, als sie im Fond des Wagens Platz genommen hatten. „Bisher musste ich dann immer ein Taxi nehmen.“ Machen würde er so etwas nicht, aber um Yves zu ärgern, war es genau richtig. Das machte Spaß, denn hinterher konnte er sich entsprechend für seine Frechheiten entschuldigen.

„War klar, dass du mich nur genommen hast, um das Geld für einen Fahrer zu sparen. Tz.“ Yves wandte sich gespielt ab und wurde rot, als ihm bewusst wurde, dass ihnen ja sein Vater gegenüber saß. Doch Satoshi lachte nur herzhaft über die kleinen Rangeleien, um Yves zu zeigen, dass ihm das nicht peinlich sein musste.

„Ach Schatz, das ist aber blöd, dass du mir da jetzt so schnell drauf gekommen bist.“ William blickte zerknirscht. „Das klappt jetzt nicht mehr, oder? Kannst du das nicht ganz schnell wieder vergessen?“ Er zog Yves zu sich und küsste ihn auf die Innenfläche der Hand. Seit Satoshi gelacht hatte, fühlte William sich etwas wohler.

„Wie soll ich diese Schmach vergessen?“ Yves schüttelte traurig den Kopf. „Hast du eine Idee, wie ich es... ach schon gut.“ Yves würgte seinen Gedanken schnell ab, denn auch wenn sein Vater sehr tolerant war und ihm alles durchgehen ließ, sollte er jetzt wirklich keine ausufernde Knutscherei ertragen müssen. Lieber strich Yves seinem Schatz versöhnlich durch die Haare und wandte sich an seinen Vater. „Sagst du mir nun, was uns erwarten wird?“

Aber Satoshi schüttelte nur schmunzelnd den Kopf. „So ungeduldig, mein Junge? Du solltest doch Ruhe und Ausgeglichenheit beim Kendo gelernt haben.“ Noch wollte Yves' Vater nicht preisgeben, wo sie hin fuhren und was sie dort vor hatten. „Nicht mehr lange, Yves, dann wirst du erfahren worum es geht.“

„Du bist wie Will“, knurrte Yves leise, der hatte ihn heute morgen auch hingehalten und als der ihn anstupste und das Gesicht verzog, beeilte er sich gleich zu beteuern, dass das ganz bestimmt nicht negativ gemeint war sondern sehr positiv, weil sie ihn zu gut kannten und ihn so ärgern konnten. Was man mit Geburtstagskindern eigentlich ja nicht machen sollte.

„Och komm, wir können dich nur ärgern, weil wir dich lieben.“ William küsste Yves auf die Wange und sah kurz zu dessen Vater, der nur leicht nickte. Er liebte seinen Sohn in der Tat. Das hatte er schon immer und endlich hatte er die Gelegenheit, es Yves auch zu zeigen. „Halte nur noch ein wenig aus, dann wirst du erfahren, wohin wir fahren und was wir dort machen.“ Satoshi war versucht, seinem Sohn einen Tipp zu geben, entschied sich aber doch dagegen.

„Hm!“ Zufrieden war Yves nicht, doch er grinste schief. Was blieb ihm auch anderes übrig, als sich in Geduld zu üben? Also griff er Williams Hand, verschränkte ihre Finger und sah neugierig aus den dunkel getönten Fenstern. Zwar hatte er sich gestern schon ein wenig umgesehen, als er mit Shuichi und Joel unterwegs gewesen war, doch sie waren nicht weit gekommen, weil ihnen die Beschattung durch die Leibwächter auf den Nerv gegangen war - den Turner-Jungs mehr als ihrem Halbbruder.

William sah ebenfalls aus dem Fenster und strich dabei über Yves' Hand. In Japan war er noch nie gewesen und er fragte sich, ob sie nicht einfach hierher auf eine Schule wechseln sollten, aber das ging ja nicht wegen Yves' Großmutter. Also verwarf er den Plan wieder. Langsam wurde er auch neugierig, weil sie so gar nicht wussten, was sie erwartete.

„Ich kannte Kyoto nur aus der Schule. Die alte Kaiserstadt. Aber das jetzt zu sehen. Die vielen traditionellen Bauten. Sie ist wunderschön“, sagte Yves leise und lächelte. Das hier war genau sein Geschmack und langsam begriff er auch, woher sein Faible für alles Asiatische gekommen war - es waren schlicht seine Gene gewesen, die ihr Recht verlangt hatten. Kurz wanderte sein Blick zu seinem Vater, der ihn die ganze Zeit beobachtete, als wollte er jede Regung in sich aufnehmen. Yves lächelte.

Satoshi wollte wirklich sehen, wie Yves auf all die neuen Eindrücke reagierte und es freute ihn, weil sein Sohn Interesse an dem Land seines Vaters zeigte, aber er sagte nichts, weil er Yves nicht in seinen Betrachtungen stören wollte.

„Es ist so vollkommen anders als in Europa oder Amerika.“ William hatte sich etwas zu seinem Verlobten hinübergebeugt, damit er mit ihm zusammen aus dem Fenster sehen konnte. „Man sollte sich Zeit nehmen und sich alles näher ansehen.“

„Das sollten wir wirklich. Ich glaube, Joel hätte da auch seine helle Freude“, stimmte Yves zu und versuchte die Eindrücke in sich aufzunehmen. Schon mehrfach hatte Yuki versucht ihn einzuladen, wenn sie mit ihren Eltern die Großeltern in Osaka besuchen fuhr, doch Yves hatte eigentlich immer abgelehnt und hatte die mangelnde Zeit vorgeschoben.

Doch dann verließen sie den alten Stadtkern der Kaiserstadt. Die Häuser wurden moderner.

„Dann machen wir das doch einfach, so häufig wir Zeit dazu haben, hm?“ William küsste Yves auf die Wange und lächelte. „Du hast einen guten Grund, hier zu sein. Das solltest du nutzen, so oft du kannst.“ Es war doch schon ein Wunder, dass Yves und sein Vater sich nach so vielen Jahren wieder gefunden hatten. Was würde er dafür geben, wenn er diese Chance mit seinem Vater auch hätte. „Dann würde es sich auch lohnen, nach einem Haus mit einem Onsen zu suchen.“ William grinste, denn diese Badehäuser über den heißen Quellen gefielen ihm außerordentlich gut.

„Ja, ja“, lachte Yves. „Ständig auf der Suche nach den Annehmlichkeiten des Lebens.“ Er strich seinem Verlobten durch die Haare und dabei kam ihm wieder sein Ring in den Blick. Er trug ihn schon so selbstverständlich, dass er ihn nicht mehr bemerkte. Er war ein Teil von ihm geworden - so wie William auch.

„Werden wir eigentlich rechtzeitig zurück sein, um mit Joel ins Krankenhaus zu fahren?“, wollte Yves plötzlich wissen, denn sie waren schon eine ganze Weile unterwegs und den Weg mussten sie dann auch wieder zurück. Der Verkehr wurde immer dichter.

„Aber sicher werden wir das. Das haben wir Joel doch versprochen.“ Satoshi lächelte. Er hatte sein Wort gegeben und das hielt er immer. „Wir sind auch gleich da und unser Termin wird nicht allzu lange dauern. Wir könnten danach noch zusammen etwas essen und sind pünktlich wieder Zuhause. Wenn es dir recht ist, mein Sohn, ansonsten fahren wir gleich nach dem Termin wieder zurück.“

„Nein, lass uns essen gehen“, lenkte Yves gleich ein, denn er war neugierig darauf, was es hier noch alles gab. Yuki hatte immer von Gerichten erzählt, die ihr Vater nicht zubereiten konnte und die es deswegen in seiner Sushi-Bar auch nicht zu essen gab. „So lange ich hier bin, möchte ich so viel sehen und lernen wie nur möglich. Joel hat ja schon angefangen Japanisch zu lernen. Ich habe mich irgendwie immer gedrückt“, gestand Yves, denn Yuki hatte es oft versucht.

„Dann hat er die Wachen wirklich in Japanisch angeschrieen, als ich vor dem Tor stand?“ William grinste. Hatte er sich doch nicht verhört. „Der Kleine ist immer für eine Überraschung gut. Er ist wirklich aufgeblüht, seit er wieder sehen kann.“ Er sah zu Yves' Vater hinüber und nickte ihm zu. „Allein dafür bin ich ihnen sehr dankbar, Herr Nakamura. Ich habe es leider versäumt, ihn vor meiner Mutter zu beschützen.“

„Ich hab dir nichts von ihm erzählt, Schatz. Woher solltest du wissen, dass ich Geschwister habe?“ Yves wollte nicht, dass William sich deswegen Vorwürfe machte. Das Schicksal hatte gewollt, dass Joel wieder sehen kann und ihnen einen Weg gezeigt. Zurückzublicken machte keinen Sinn mehr. „Außerdem hätte die Zicke doch einen anderen Weg gefunden, mir und meinen Leuten das Leben schwer zu machen. Es ist eben ihr Charakter.“ Yves lächelte seinen Verlobten an.

„Wahrscheinlich stimmt das sogar. Die Hexe findet immer etwas.“ William seufzte, aber dann schüttelte er den Gedanken an seine Mutter wieder ab, denn er wollte sich den Tag nicht verderben lassen. Kurz überlegte er, ob er erzählen sollte, dass sie auch in Japan war, aber das war nicht wichtig. Viel lieber zog er Yves an sich und legte ihm das Kinn auf die Schulter, damit sie gemeinsam aus dem Fenster sehen konnten.

„Wir sind da“, sagte Yves' Vater plötzlich und riss die beiden jungen Männer aus ihrer Zweisamkeit. Sie fuhren auf ein großes Gebäude zu, das ein Hotel zu sein schien. Es wirkte klassisch schlicht, schien aber neu gebaut worden zu sein. Die Fassaden waren sauber, nicht so hoch wie man das in New York gewohnt war, aber schon allein das Personal, das um die Eingänge wuselte wie Ameisen, zeigte, dass es von der gehobeneren Sorte war.

„Und hier treffen wir jemanden oder was passiert?“ Yves verstand nicht ganz. Doch er stieg neugierig aus.

„Ja, wir treffen hier jemanden zu einem geschäftlichen Termin.“ Satoshi blieb weiterhin vage, denn er gab nicht gern zu früh etwas preis und er hatte auch einen guten Grund, nicht mehr zu sagen. Sicher, dass sein Sohn und sein Verlobter ihm folgten, betrat er das Hotel, wo sie von freundlichen Bediensteten mit einer tiefen Verbeugung begrüßt wurden. „Willkommen, Nakamura-Sama. Es ist alles vorbereitet“, erklärte ein Mann, offensichtlich einer der Manager, mit einer tiefen Verbeugung.

Yves beobachtete den Mann und sah dann seinem Vater hinterher. Er schien hier schon bekannt zu sein und respektiert. „Gehört dir das Haus oder bist du hier öfter zu Terminen?“, fragte er deswegen neugierig, aber leise, damit man ihn nicht hörte. Er wusste, dass Japaner sehr eigen waren, was ihr Ansehen vor anderen anging und er wusste nicht, womit man jemanden unbewusst schädigen konnte.

„Ich bin öfter hier, wenn ich geschäftliche Termine habe. Das Haus ist ideal dafür, denn es ist zentral gelegen und es besitzt alle Annehmlichkeiten, die ich schätze.“ Satoshi ließ sich von einem Angestellten zu der angemieteten Suite begleiten und bestellte Tee, als sie dort angekommen waren. „Ihr bleibt erst einmal hier und ich lasse euch später dazuholen“, erklärte er den weiteren Verlauf.

Yves und William nickten. Sie verstanden zwar nicht recht, was das alles zu bedeuten hatte, doch sie waren sich ziemlich sicher, dass Yves' Vater wusste, was er tat.

Das Zimmer war in modernem, westlichem Stil eingerichtet. Stühle und Tische in einer Ecke, eine Couchlandschaft in der anderen. Hübsch und unaufdringlich, auch was die Farben anging.

Satoshi sah auf seine Uhr und nickte zufrieden. Sie lagen gut in der Zeit und hatten noch Zeit für einen Tee, der gerade gebracht wurde. „Ich lasse euch holen, wenn es soweit ist.“ Satoshi setzte sich und William zog Yves neben sich auf die Couch.

„Wir werden einfach hier warten.“ Was sollten sie auch sonst machen. Sie tranken noch gemeinsam den Tee, dann klopfte es an die Tür und einer der Angestellten berichtete, dass der erwartete Gast im Hotel eingetroffen war.

„Gut, ich komme!“ Satoshi nickte dankend, doch er erhob sich nicht gleich. Er mochte es nicht, auf jemanden zu warten - er betrat ein Zimmer erst, wenn seine Gesprächspartner da waren. Es war eine Art Macht, die man über die Zeit des anderen hatte und er genoss es. Also leerte er in Ruhe seine Schale und erhob sich langsam. Er wusste, dass der Gast ungeduldig war, schließlich ging es um viel Geld.

„So, bis später“, sagte er schließlich und verließ das Zimmer.





[1] Bezeichnet eine heiße Quelle. Im allgemeinen versteht man unter Onsen ein öffentliches Bad, das von einer natürlichen heißen Quelle gespeist wird

[2] „Badekleidung“, ein traditionelles japanisches Kleidungsstück aus Baumwolle. Es dient vor allem als unkomplizierte, leichtere und alltäglichere Variante der Kimonos

[3] japanisches Wort für „Decke“.
Das Shikibuton ist eine Schlafunterlage, die direkt auf den Fußboden gelegt wird - besteht aus drei bis sechs Schichten reiner Baumwolle (optional mit härterem Kern). Tagsüber werden diese Futons zusammengelegt und in einem Schrank verstaut