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Gefährliches Wasser - Teil 1 bis 2

Gefährliches Wasser

Original [NC-16]

[lime]

Inhalt:
Mario und Jan waren Freunde, so lange sie denken konnten. Doch ohne es zu merken, war irgendwann ein Bruch durch ihre Bindung gegangen. Und als Jan eine Chlorallergie entwickelte und das Schwimmtraining aufgeben musste, hatten sie gar keine Gemeinsamkeiten mehr - oder?
Und welche Rolle spielt eigentlich Jans Freund Ronny in der ganzen Geschichte?

Teile: 4

Challenge-Antwort auf: Allergien und Phobien

Danksagung: unseren unermüdlichen Betas !!!





- 1 -


„Fehlstart!“

Ein gellender Pfiff erfüllte die Schwimmhalle und Mario, der eben ins Wasser gesprungen war, tauchte frustriert auf. Er strich sich Wasser aus dem Gesicht, als er prustend an die Oberfläche kam. „Mann! René! Zapple nicht erst noch ewig wie ein toter Fisch, sondern schlag an!“ Seit Wochen trainierten sie für die Landesmeisterschaften. Ihre Staffelzeiten im Freistil waren nicht schlecht, doch die Wechsel ließen zu wünschen übrig.

„Mario, was soll das? Du bist nicht bei der Sache!“ Trainer Tietze stellte die Uhr auf Null und ließ seinen besten Mann aus dem Wasser kommen. „Das ganze noch mal.“

„Was kann ich denn dafür, wenn René da noch einen auf Wasserballett macht, bevor er sich endlich bequemt, mal anzuschlagen. Mit Jan hat das geklappt. Bei dem wusste ich ganz genau, wann er anschlägt und ich konnte mich auch drauf verlassen. Seine Bewegungen kannte ich blind, aber der Eintänzer...“

„Ach halt doch die Schnauze, ey“, brüllte René zurück. „Ich kann deine miese Laune echt nicht mehr ertragen. Wo ist denn dein guter Jan, hm? Hat uns hängen lassen. So kurz vor der Meisterschaft.“ René zog sich am Beckenrand aus dem Wasser und schob sich die Badekappe von den schwarzen Haaren. Er hatte ausgesprochen, was alle dachten. Mario war seit ein paar Wochen nicht mehr zu ertragen, seit sein Gegenspieler im Team aufgehört hatte.

„Halt's Maul, okay Telöken?“, zischte Mario René an und strich sich über die raspelkurzen Haare. Eigentlich war er dunkelhaarig, doch das bisschen, was nicht dem Rasierer zum Opfer gefallen war und wie ein Vogelnest auf dem Oberkopf thronte, war platinblond gefärbt. „Es geht dich zwar nichts an, aber ich sag's dir trotzdem. Er hat das Wasser nicht mehr vertragen, Ausschlag bekommen, Probleme mit den Augen und sein Arzt hat ihm 'ne Chlor-Allergie bescheinigt. Deswegen hat er aufgehört, okay? Frag den Trainer, der hat es mir gesagt.“

Mario schnaubte. Das war wirklich das letzte, was sie hatten gebrauchen können. Jan war ihr bester Freistilschwimmer auf den Kurzstrecken, er hielt den Landesrekord und dann so was! Von gestern auf heute war er weg gewesen und Mario durfte sich jetzt auf neue Staffelschwimmer einstellen. Dass das mehr schlecht als recht gelang, merkte er gerade wieder.

„Ach so.“ René kratzte sich am Kopf und schnipste mit dem Gummi seiner Badehose. „Und ich dachte schon, die Prinzessin hätte einen auf Drama Queen gemacht, weil du ihn letztens in die Seite gekniffen und 'Specki' genannt hast.“ Verstanden hatte das ja keiner, denn Jan war alles andere als fett. Er war groß, trainiert, muskulös und für seine Liebhaber sicherlich eine Augenweide, denn Jan war schwul. Da machte der kein Geheimnis draus und schämte sich auch nicht dafür. Es galt die eiserne Regel: keine Liebeleien im Team - alles andere war den Jungs egal, schließlich war er nicht der einzige. Jan war gut, er brachte Leistung und Punkte. Das allein zählte.

Doch jetzt brachte er nichts mehr, denn er konnte nicht mehr ins gechlorte Wasser - und sie hatten das Problem.

Ohne es zu merken, musste Mario grinsen, als er an diesen Tag zurückdachte. Es war aber auch zu albern gewesen, wie Jan vor dem Spiegel in der Umkleidekabine gestanden hatte. Mit miesepetrigem Gesicht hatte er sich immer wieder in die nur für ihn sichtbare Speckrolle gekniffen und leise dabei geflucht. Mario hatte einfach nicht widerstehen können, ihn zu ärgern. Das war eine kleine Rache für den Müll, den Jan immer laberte und der oft wirklich nicht sehr nett war.

Manchmal hatte Mario das Gefühl, sein Teamkamerad mochte ihn nicht, weil er alle anderen völlig normal behandelte. Doch jedes Mal, wenn er Jan darauf angesprochen hatte, warum er ihn so dusselig anpflaumte, hatte der nur abgewiegelt und seine Witzchen gemacht. Schlussendlich war es damit geendet, dass dessen Telefon geklingelt und Jan lieber mit seinem aktuellen Lover Liebesflüstereien ausgetauscht hatte, als Mario zu sagen, wo sein Problem lag. Der Kerl kostete ihn wirklich Nerven. Mario strich sich durch die bereits trockenen Stoppeln auf seinem Kopf und rollte die Schultern.

„Los, noch mal das ganze“, rief der Trainer, denn er hatte keine Lust auf weitere Diskussionen. Es war nicht leicht, Jan zu ersetzen, doch vom herum stehen wurde die Staffel nicht harmonischer. „René als Startschwimmer, Mario als zweiter, Ingo als dritter und wie gehabt Gerrit zum Schluss.“

„Ja Chef“, riefen die vier Jungs gleichzeitig und René stellte sich auf den Startblock. Spannung lag in der Luft, als der Startpfiff kam. Sie mussten das hinbekommen, denn sonst konnten sie die Meisterschaften vergessen. „Schlag vernünftig an, schlag vernünftig an“, murmelte Mario, als René näher kam und wie es schien, war ihr Timing jetzt besser.

Mario schnellte vom Startblock und dieses Mal wurde er nicht zurückgepfiffen. Mit kraftvollen Zügen pflügte er durch das Wasser und brachte seine Bahnen in einer passablen Zeit zu Ende. Er schien gut im Training und wenn er seinen Körper richtig einschätzte, war er genau zur Meisterschaft in Topform. Zwei Jahre lang waren sie die Nummer zwei gewesen, es wurde langsam Zeit für eine Goldmedaille. Mit Jan im Team wäre es um einiges leichter, aber da war eben nichts zu machen.

Obwohl der ja wirklich bis nach der Meisterschaft mit seiner Allergie hätte warten können, wie Mario fand.

Als er sich umsah, durchschnitt Ingo schon mit kräftigem Beinschlag das Wasser und Mario machte, dass er aus dem Wasser kam. Zufrieden mit den Zeiten nickte der Trainer, als auch Gerrit angeschlagen hatte. „Uns fehlen sieben Hundertstel zur Siegerzeit vom letzten Jahr. Wenn wir das noch hinkriegen, stehen unsere Chancen nicht schlecht“, rief er und wedelte mit den Händen.

Für heute war Schluss.

Sie hatten sowieso schon eine viertel Stunde überzogen, was aber nicht hieß, dass sie einfach in den Duschen verschwinden konnten. Ein paar ruhige Bahnen zum Ausschwimmen, damit die Muskeln von den eben gebrachten Höchstleistungen langsam runter kamen und keinen Schaden nahmen. Dass sie die auch gern nutzten um zu blödeln war selbstredend.

Sie waren alle guter Laune, als sie die Schwimmhalle verließen. Mario atmete tief durch, schwang sich seine Tasche über die Schulter und lief los. Jetzt schnell nach Hause, umziehen und dann war Wochenende. In einer Stunde wollte er sich mit seiner Clique treffen und ein wenig um die Häuser ziehen. Das hatten sie schon länger nicht mehr gemacht und er freute sich richtig darauf.

Seit er im Abi-Jahrgang war, hatte er nicht mehr so viel Zeit wie er gern gehabt hätte. Oft saß er in der Woche bis spät über seinen Büchern, denn die Noten waren ihm wichtig. Leider fiel ihm nicht alles zu und seine guten Zensuren waren hart erarbeitet worden. Wenn er im letzten Jahr nicht absacken wollte, dann musste er sich auch weiterhin ranhalten. Doch nicht heute. Heute hatten auch seine anderen Truppenteile beschlossen, die Bücher in die Ecke zu treten und sich einen lazy friday zu machen. Sogar Hannes, der mit seiner Gitte schon so gut wie verheiratet war, hatte Ausgang ohne Anhang.

„Armer Irrer“, lachte Mario und blieb an einer roten Fußgängerampel stehen. Normalerweise flitzte er hinüber, wenn nichts kam, aber neben ihm stand eine Mutter mit ihrem Kind. Da wollte er kein schlechtes Vorbild sein.

Zügig lief er den Weg nach Hause. Es war nicht sehr weit zu der kleinen Bergmannssiedlung, in der er wohnte. Die Häuser, die dort standen, waren von der Zeche in der Nähe gebaut worden, damit die Bergleute dort günstig und arbeitsnah wohnen konnten. Die Zeche existierte nicht mehr und die Häuser waren alle verkauft. Die neuen Besitzer hatten sie liebevoll umgebaut und erweitert, so wie seine Eltern.

Daher kannte Mario auch seine Freunde, sie wohnten alle in seiner Nähe.



„Jemand da?“, rief er in die Wohnung, als er die Tür hinter sich schloss, aber niemand antwortete. Seine Eltern waren wohl einkaufen und noch nicht wieder zurück. Das war Mario ganz recht, dann konnte er sich in Ruhe fertig machen und musste nicht ständig das Bad räumen, weil seine Mutter dort hinein wollte. Im Kopf hatte er seine Klamotten für den Abend schon zusammengestellt. Eine schwarze Jeans und das neue, enge rote T-Shirt, durch das man sein nettes Sixpack gut erkennen konnte.

Es wäre gelogen, wenn man behaupten würde, Mario wäre nicht stolz auf seinen Körper - ganz im Gegenteil, er liebte es, ihn zu zeigen. In gewissem Maße versteht sich. Mit seinen ein Meter fünfundachtzig war er nicht gerade klein, mit seiner aktuellen Frisur fiel er auf und der ganze Rest war auch nicht zu verachten, wenn man seinen verflossenen Liebschaften glaubte. Doch im Augenblick war er Single, denn er hatte andere Sorgen. Warum die Kuh kaufen, wenn man nur Milch wollte? Das war sein Motto.

Allerdings hatte er schon eine Weile auch keine Milch mehr getrunken. Nicht, dass er keine diesbezüglichen Angebote bekommen hätte, aber irgendetwas hatte ihn immer gestört. Er nahm das nicht so ernst. Irgendwann war der oder die richtige dabei. Meistens klappte so etwas ja besser, wenn man nicht suchte. „Auf ins Getümmel“, grinste er seinem Spiegelbild zu und schnappte sich seine Jacke. Der Schlüssel für seine Kawasaki blieb am Haken, denn heute wollte sich Mario mal wieder die Kante geben. Sein letzter Rausch war auch schon eine Ewigkeit her, also musste heute der öffentliche Nahverkehr dran glauben, auch wenn es nicht weit war. Der Bus hielt gleich um die Ecke und kam zur gleichen Zeit wie Mario an der Haltestelle an.

Wenn das kein Timing war!

Der Abend konnte doch nur gut werden.



Er suchte sich einen freien Sitzplatz und begrüßte auf dem Weg dort hin ein paar Nachbarn. Anscheinend war er nicht der einzige, der sich einen feuchtfröhlichen Abend machen wollte, so voll wie der Bus war.

Seine Freunde standen schon vor ihrer Stammkneipe und begrüßten ihn mit großem Hallo, als er dort ankam. Hannes winkte ihn zu sich und schlug ihm auf die Schulter. „Na, Alter. Alles senkrecht? Heute wird gebechert“, wurde er begrüßt und alle lachten. Noch hatte Hannes eine große Klappe, aber wenn nachher sein Handy ging und seine Gitte nicht begeistert davon war, dass er betrunken nach Hause kam, gab es nur noch Cola.

„Wir werden sehen, wer nachher den Kopf in der Kloschüssel hat und wer noch aufrecht am Tisch sitzt“, lachte Mario und begrüßte seine Freunde. Sie hatten schon im Sandkasten zusammen Unsinn gemacht und waren später zusammen losgezogen. Hannes und Markus gingen mit ihm zusammen aufs Gymnasium. Felix hingegen ging wie Jan auf ein naturwissenschaftlich orientiertes Gymnasium. So wohnten sie zwar alle in der Nachbarschaft, sahen sich aber nicht so oft wie früher.

„Kommt Jan? Habt ihr was gehört?“, fragte Mario und sah sich um. Er hatte die stille Hoffnung, heute ohne Tiefschläge durch den Abend zu kommen.

„Er kommt etwas später. Ich habe heute Nachmittag mit ihm telefoniert und er sagte, dass er erst noch woanders hin muss.“ Felix grinste breit und man konnte deutlich sehen, woran er dachte, denn Jans ständig wechselnde Liebschaften waren kein Geheimnis. „Aber bis der sich bequemt hier aufzutauchen, warte ich nicht. Ich hab Durst“, lachte der Rotschopf und öffnete schon die Tür, damit sie hineingehen konnten.

„Eben. Selber schuld, wenn er dann in kürzester Zeit nachholen muss, was wir schon gekippt haben“, lachte Markus und zog sich den Reißverschluss seiner Jacke auf. Abgestandene Luft schlug ihnen entgegen, doch sie wussten aus Erfahrung, dass man das nur die ersten Minuten wahrnahm. Dann war man Teil dieses Organismus und genoss es. Ihr Tisch in der Ecke war noch frei und so ließen sie sich gleich auf die Stühle fallen. Es war, als würden die schon ihre Namen tragen, denn jeder lief blind auf seinen Stuhl zu.

„Keine Sorge, Thea, unsere Schönheit kommt noch“, lachte Markus. „Lass sein Bier ruhig hier. Wenn er nicht rechtzeitig da ist, wird sich schon jemand finden, der sich darum kümmert, nicht?“ Dabei sah er Mario an, der gerade an seinem Bier schlürfte.

Mann! Wie hatte er den Geschmack auf der Zunge vermisst. „Hä?“, machte er, als er merkte, dass Markus ihn so komisch anguckte, als würde er eine Antwort erwarten.

„Ja, typisch Mario. Sobald der Alkohol hat, vergisst er sogar seine Freunde. Thea, tröste mich.“ Dabei blinzelte er der Bedienung trostsuchend zu.

Thea kicherte und warf Markus einen Luftkuss zu. Wenn die Jungs da waren, war es immer lustig. „Dann sollte ich ihm wohl nichts mehr bringen“, lachte sie frech und ging wieder zur Theke. Sie hatte noch mehr Gäste und die wollten auch versorgt werden. „Mensch, Mario, warum fliegen alle Frauen eigentlich immer auf dich“, brummte Markus und stieß seinem Freund in die Seite. Er selber hätte nichts dagegen, wenn Thea ihn auch einmal so anschmachten würde.

„Tja, ich schätze, das liegt an meinem unglaublich guten Aussehen, meinem betörenden Charme...“

„Und deiner grenzdebilen Blödheit!“, vollendete jemand hinter Mario den Satz und er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, welcher Idiot gerade das Lokal betreten hatte.

„Du mich auch“, knurrte er also und griff sich demonstrativ das Bier von Jans Platz. Das brauchte er jetzt, wenn er den Spinner nicht gleich unangespitzt durch den Tresen drücken wollte.

„Hey, Jan. Heute nur 'nen Quicky?“, wurde der Neuankömmling begrüßt, der den Spruch nur mit einem zweideutigen Grinsen quittierte. Er ließ sich auf seinen Platz neben Mario fallen und nahm diesem einfach das Glas aus der Hand. „Kannste deine Bazillen mal an deinem Glas lassen?“, brummte er und zog das Bier in einem Rutsch leer. „Nicht dass ich mich noch bei dir anstecke.“

„Was glaubst du denn, was du kriegst? Du Vogel“, knurrte Mario. Für ihn war der Tag schon wieder gelaufen, noch ehe der Abend hätte schön werden können. Warum war er eigentlich immer Jans Ziel? Und warum war der heute so zeitig da?

„Der ist frisch gechlort, der ist keimfrei. Kannst ihn also ungehemmt küssen, wenn du willst“, gab Felix gleich die nächste Steilvorlage und Mario schüttelte nur noch den Kopf, hob die Hand und orderte für sich die nächste Stufe: Gin Tonic.

„Nee, danke, auf Ausschlag auf meiner Zunge kann ich verzichten.“ Jan winkte ab und schnaubte. Es wirkte abfällig, aber eigentlich war es ein Laut der Frustration. Es lief wie immer. Mario war in seiner Nähe und aus seinem Mund kam nur noch Müll. Warum endete jedes Treffen damit, dass Mario wütend auf ihn war und ihn ignorierte?

Wenn es nach Jan ginge, dann würde es in Marios Bett enden, denn er war schon seit Jahr und Tag verschossen in seinen Kumpel. Doch sobald er näher als fünf Meter war, setzte es bei Jan einfach aus und er war noch nie dazu gekommen, das Mario zu erklären oder sich zu entschuldigen - es war zum Haare raufen! Doch er ließ sich nichts anmerken und Mario schüttelte nur den Kopf, als er sein Glas bekam. So wandte er sich nun doch der Kellnerin zu, die fertigte ihn wenigstens nicht mit solch frechen Bemerkungen ab und ihr Lächeln war Balsam für sein geschundenes Ego.

„Bacardi Cola, doppelt“, bestellte Jan bei Thea, nur damit sie aufhörte, Mario anzuschmachten. Dass die schon seit längerem an Mario herumbaggerte, war ihm ein gewaltiger Dorn im Auge. Wusste er doch, dass Mario auch den weiblichen Reizen nicht abgeneigt war. „Boah, Thea, der bringt's doch eh nicht. Verschwende mit dem nicht die Zeit, in der du mir was zu trinken bringen könntest“, knurrte er gereizt, damit die Tusse endlich verschwand.

Mario wandte sich langsam zu ihm um - sehr zum Amüsement der anderen drei am Tisch - und sah Jan aus verengten Augen an. Was bildete der Kerl sich ein? Wertete ihn hier vor Thea so ab? Was sollte das? Doch als Thea ging, merkte Mario, dass es ihm nicht darum ging, was Thea von ihm hielt, sondern was Jan von ihm dachte. Es war ihm eigentlich wichtiger, Jan seine Grenzen zu zeigen, als Thea zu beteuern, dass er eigentlich ganz passabel wäre. „Kommst du mal von deinem Trip wieder runter? Egal was du im Augenblick nimmst, nimm weniger davon, sonst hau ich dir irgendwann noch die Zähne nach hinten.“

„Uh… jetzt hab ich aber Angst“, spottete Jan und weil gleich die Fetzen flogen, wenn nicht jemand einen Riegel davor schob, mischte Markus sich ein.

„Ganz ruhig, Jungs. Jan, du hältst jetzt die Klappe, wenn du nichts Nettes zu Mario zu sagen hast und Mario, denk dir das gleiche wie immer: 'Jan ist ein Idiot' und nun lasst uns endlich trinken.“ Er hob sein Glas und Jan zeigte ihm den Stinkefinger, aber er grinste. Markus hatte ihm, ohne es zu wissen, wohl die Haut gerettet, sonst hätte er sich wieder um Kopf und Kragen geredet. Aber der Vorschlag zu trinken stieß bei allen auf Wohlwollen und so klirrten die Gläser über dem Tisch zusammen, ehe sie ihre Gläser auf ex leerten.

Mario widmete sich wieder der Kellnerin, um sein Ego ein bisschen zu puschen. Doch der Laden war voll und sie hatte kaum noch Zeit. Aber eigentlich war er ja sowieso hier, weil er mit seinen Freunden Spaß haben wollte und nicht, weil er auf Beutezug aus wäre.

Jan setzte sich so, dass er Mario nicht sehen konnte und fing ein Gespräch mit Hannes an, der, wie er, eine Vorliebe für Online Spiele hatte. Das war auch so ziemlich das einzige, was Jan derart fesseln konnte, dass er die Anwesenheit seines heimlichen Schwarms ausblenden konnte. Wie gerne würde er sich einfach so mit Mario unterhalten, aber er hatte es schon so oft probiert und nicht selten hatte es damit geendet, dass Mario einfach gegangen war, weil er genug von ihm hatte.

Mittlerweile ließ er sich auf Jan gar nicht mehr ein. Anfangs hatte Mario oft den Kontakt gesucht und wäre gern einmal mit Jan allein weggegangen. Der Kerl war ja nicht hässlich und wenn er den Mund hielt auch ganz angenehm. Doch sobald Jan den Mund aufmachte, war es vorbei. Da konnten auch die hübschen Augen und der leckere Rest nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein Arschloch vor dem Herrn war.

Skeptisch beäugte Mario, wie Jan schon die zweite doppelte Bacardi Cola in sich hinein schüttete. Lernte es der Kerl eigentlich nie? Selbst Mario hatte mittlerweile mitgekriegt, dass Jan nicht viel Alkohol vertrug, auch wenn er das gern wollte und es oft provozierte. Doch da nutzte auch Training nichts, wenn der Körper das Zeug nicht abbauen konnte. „Idiot“, knurrte er und ignorierte absichtlich Markus, der ihn so komisch anguckte. Das könnte daran liegen, dass er seit Minuten auf Jans Rücken starrte.

„Ey Mario, was macht das Wasserballett?“, holte Felix ihn aus seinen Gedanken. Seine Freunde hatten zwar nichts mit dem Verein zu tun, aber sie nahmen doch regen Anteil daran. Schließlich konnte nicht jeder behaupten, dass er einen Landesmeister und seinen Vize zum Freund hatte. „Ist nicht bald wieder 'ne Meisterschaft?“

„Hm?“ Als er seinen Namen hörte, wandte sich Mario wieder den anderen beiden am Tisch zu, die ihn merkwütig angrinsten. Doch er ging darüber hinweg, wer wusste schon, was die wieder dachten. Oft war es gut, das nicht zu wissen, sonst bekam man noch rote Ohren. „Ja, in ein paar Wochen sind die Landesmeisterschaften und wir müssen die Staffel noch umbauen. Der Herr Allergiker fällt ja jetzt aus.“ Er wusste selber nicht, warum er Jan schon wieder reizte. Anstatt froh zu sein, dass dessen Lästerzunge einmal schwieg, provozierte er aufs Neue.

„Glaubst du, ich habe mir das ausgesucht, oder was?“, sprang Jan sofort darauf an und drehte sich wütend zu Mario um. Er wollte noch etwas sagen, als Markus ihn unterbrach.

„Wie, Allergiker? Schwimmst du nicht mehr?“ Das war das erste, was er hörte. Er sah zwischen seinen Freunden hin und her. Warum war er eigentlich immer der letzte, der etwas erfuhr?

„Nein, hab 'ne Chlorallergie, musste aufhören“, brummte Jan einsilbig und nahm einen Schluck aus seinem Glas.

„Echt jetzt? Ach du Scheiße. Kann man da nichts machen? Ich meine, schwimmen war doch dein Leben und du hast so gute Chancen und...“ Doch Markus verstummte, als er sah, wie Jan ihm entgegen blickte. Eine Mischung aus Schmerz und Wut und dann war es vielleicht besser, nicht weiter zu bohren. Also war Mario wieder Mode, der immer noch Jan anfunkelte. Irgendwie wurden die beiden wirklich nicht grün miteinander.

Dabei waren sie als Kinder richtig dicke Freunde gewesen. Die zwei hatte es praktisch nur im Doppelpack gegeben. Doch mit der Zeit hatte sich das verlaufen - heute zickten sie sich nur noch an. Doch man traf sich immer noch, der alten Zeiten wegen und so lange beide freiwillig kamen, schienen sie die Treffen zu mögen - und sei es nur, um sich einmal wieder gepflegt die Augen auszukratzen. Es war sowieso erstaunlich gewesen, dass die beiden in einer Mannschaft perfekt harmoniert hatten, auch wenn es außerhalb des Beckens nur verbrannte Erde gab, wo sie aufeinander trafen.

Jan war wütend. War ja klar, dass Mario nicht die Klappe halten konnte. „Aber das kommt Mario schon ganz gelegen. Endlich ist er die Nummer eins im Verein“, stichelte er weiter, obwohl er wusste, dass es nicht so war. Er wollte Mario treffen, denn schließlich war der Schuld daran, dass Jan seinen Lieblingssport nicht mehr ausüben konnte.

„Na, da habe ich ja noch mal Glück, was?“, knurrte Mario. Als ob er das nicht auch aus eigener Kraft geschafft hätte, Jan eines Tages hinter sich zu lassen und im direkten Vergleich als erster anzuschlagen. Sein Ego war gerade ziemlich beleidigt und so nervte es ihn so lange, bis Mario Jan noch eine reinwürgte, um es zu rächen. „Aber seit Specki nicht mehr da ist, muss mehr Wasser ins Becken gelassen werden, damit wir nicht auf dem Grund herum eiern.“ Marios Augen wurden schmal, denn er wusste nur zu gut, dass er Jans wunden Punkt getroffen hatte. Renés Frage kam ihm wieder in den Sinn. Hatte Jan aufgehört, weil Mario ihn deswegen aufgezogen hatte?

„Du saublödes Arschloch“, zischte Jan und alle am Tisch hielten den Atem an. Die beiden zickten sich ständig an, aber das hier war etwas anderes. Das waren nicht die üblichen Nettigkeiten, die sie sonst austauschten. Jan war wütend – richtig wütend, das sah man an seinen geballten Fäusten. „Na ist doch toll zu wissen, was angebliche Freunde von einem halten. Weißt du was? Hohlfeld, diese Allergie ist das Beste, was mir hätte passieren können.“

„Klar, weil du wieder mehr Zeit für deine Stecher hast. Jeden Tag sieht man dich mit einem anderen. Was besseres, als das Training nicht mehr ernst nehmen zu müssen, hätte dir echt nicht passieren können!“, schoss nun Mario zurück und sprang von seinem Stuhl auf. Er hatte es provoziert, dass es Jan allerdings so an die Substanz ging, hätte Mario im Leben nicht erwartet. Doch nun war er zu weit gegangen, sich zu entschuldigen würde keinen Sinn haben. Sein Frust über Jans ständige Liebschaften hatte sich in den letzten Monaten aufgestaut. Ständig ein anderer und alle so völlig anders als Mario.

„Wenn du das sagst, muss es ja stimmen.“ Jan war ebenfalls aufgesprungen und so standen sie sich gegenüber. Wie gerne würde er Mario entgegenschleudern, warum er den Verein wirklich verlassen hatte, aber er konnte es nicht. Er machte sich damit zum Gespött aller, wenn er zugab, dass eine unbedachte Bemerkung Marios und eine Berührung ihn so aus der Fassung gebracht hatte, dass er dessen Nähe nicht mehr ertragen konnte, ohne das Gefühl zu haben, gleich durchzudrehen.

„Dann werde ich das jetzt mal tun“, sagte Jan nur noch und nickte in die Runde. Er griff sich seine Jacke und ging zur Theke, um seinen Deckel zu bezahlen. Mario würdigte er dabei keines weiteren Blickes. Und der stand nun da wie ein begossener Pudel, sah Jan hinterher und wusste nicht, was er sagen sollte.

„Also heute habt ihr es echt geschafft, ihr Idioten!“ Felix schüttelte den Kopf und erhob sich, während Mario immer noch verloren in der Gegend herum stand. Mittlerweile hatten auch ein paar Nachbartische Interesse an dem eben Geschehenen und so zog Markus seinen Freund zischend wieder auf seinen Stuhl. „Hock dich hin“, knurrte er leise, doch Mario hörte ihn gar nicht. Er fragte sich nur, was Jan vorhatte, zu wem er gehen würde, was er mit ihm machen würde - es war zum Verzweifeln.

Nur gedämpft hörte er Felix, der mit Jan redete und versuchte, ihn zum Bleiben zu überreden. Er schien Erfolg zu haben, denn beide kamen wieder zurück an den Tisch. Nur dieses Mal mit vertauschten Sitzplätzen. Man wollte wohl verhindern, dass die beiden Streithähne gleich wieder aufeinander losgingen. Markus sah die beiden an und seufzte. Wann kapierten die das endlich? Allen am Tisch war klar, was mit den beiden los war, aber die Volldeppen schnallten das einfach nicht. Felix und die anderen hatten es schon seit Jahren aufgegeben, lenkend einzugreifen, denn das war jedes Mal völlig in die Hose gegangen.

Während Hannes schon wieder damit begann, Jan auszufragen, wie er im siebzehnten Level weiter kam und den viel stärkeren Magier überwinden konnte, versuchte Markus sein Glück damit, Mario wieder ganz auf sich einzuschwören. Der sah nämlich immer noch neben sich auf Felix, wie auf ein fragwürdiges Insekt. Der hatte es schließlich gewagt, sich zwischen ihn und Jan zu setzen. Eine neue Runde wurde bestellt und langsam normalisierte sich alles.

So sah es zumindest nach außen hin aus, aber so war es ganz und gar nicht. Der Streit mit Mario hatte Jan schwer getroffen und er war mit seinen Gedanken ganz woanders, während er sich mit Hannes unterhielt. Es tat weh zu hören, was sein Schwarm wirklich von ihm dachte. Was würde der erst dazu sagen, wenn er wüsste, dass diese kurze Berührung ihm eine Erektion verschafft hatte, die ihresgleichen suchte. Wenn Mario heraus bekam, dass dieser eklige Fettsack auf ihn scharf war, dann lachte der sich doch kaputt.

Er musste hier weg, aber dafür brauchte er eine Ausrede. Unauffällig, damit niemand etwas davon mitbekam, drückte Jan in seiner Hosentasche eine Kurzwahltaste auf seinem Handy. Sein Freund Ronny, der ihn schon öfter retten musste, wenn er mit seiner Truppe unterwegs war, wusste was los war und holte ihn unter einem Vorwand ab. Ronny war sowieso Jans ein und alles, er war sein bester Freund, seit der schwule Tänzer nebenan eingezogen war. Wie der Wink des Schicksals war er genau zu der Zeit aufgetaucht, als Jan angefangen hatte zu begreifen, dass er mit Mädchen nicht viel anfangen konnte, Jungs ihm aber regelmäßig feuchte Träume bescherten.

Ronny war ein Unikum - er hatte lange violett-rote Haare mit hellen Strähnen. Allgemein sah er mit seiner zierlichen Gestalt und dem weichen Gesicht aus wie eine Frau. Man konnte ihn leicht verwechseln, bereute das aber meist hin auf dem Fuße, denn der junge Mann, der schon ein paar Jahre mehr auf dieser Erde wandelte als Jan, war nicht auf den Mund gefallen - ganz im Gegenteil. Und außerdem war er der einzige, der über Jans Problem Bescheid wusste, das Problem namens Mario. Und genau dieses Problem guckte sich gerade zur Tür um, als ein kühler Hauch zusammen mit einer zierlichen Gestalt in bunten Klamotten herein wehte.

„Boah - nicht der Vogel schon wieder. Den kann ich echt nicht gebrauchen“, knurrte er leise, denn wenn Ronny kam, hieß das, dass Jan ging. Er hatte noch nicht herausgefunden, was es mit den beiden auf sich hatte, denn ständig sah man Jan mit anderen Kerlen in Cafés oder Bars.

Schien das Ronny nicht zu stören?

Standen sie auf flotte Dreier?

Und was ging es ihn eigentlich an?

„Ich suche meine... Prinzessin, da bist du ja. Hast du nicht gesagt, du bist gegen elf da? Ich warte und warte und du ziehst dich hier mit Bacardi dicht. Du pennst ein und ich geh leer aus. So hatte ich mir die Nacht nicht vorgestellt“, begrüßte er seinen Freund grinsend. Strafe musste sein.

„Süßer!“, rief Jan strahlend und sprang auf. Er zog Ronny an sich und küsste ihn. „Tut mir leid, ich mach’s wieder gut“, grinste er anzüglich und kniff Ronny in den Hintern. Das war alles nur Show, aber das wusste keiner. Er liebte den Tänzer und er war ein Teil seines Lebens, aber sie schliefen nicht miteinander. Küssen, schmusen und kuscheln, das war bei ihnen normal, aber mehr wollten sie beide nicht. Dafür war ihnen ihre Freundschaft einfach zu wichtig.

„Das will ich aber auch schwer hoffen. Ich sitze... oh, entschuldigt.“ Ronny wandte sich in Jans Armen und sah die Truppenteile am Tisch an. „Hallo erst einmal, aber ich war wohl so in Fahrt.“ Er lächelte versöhnlich und blickte dabei unverhohlen Mario an, der mit knirschenden Zähnen am Tisch hockte und ihn demonstrativ ignorierte.

Im Gegensatz zu seiner blinden, tauben Prinzessin war Ronny schon lange aufgefallen, dass Mario von Eifersucht zerfressen wurde, sobald Ronny den Raum betrat und sich auf Jan zu bewegte. Und er fand, ein bisschen Strafe dafür, dass er nicht aus dem Muspott kam, war wohl verdient. Mit Genuss beobachtete er, wie Marios Kiefermuskeln arbeiteten. Der biss die Zähne zusammen, um nichts zu sagen oder auch nur eine einzige Regung zu zeigen - die beiden waren Idioten, das sagte Ronny ja schon lange.

„Du mich auch“, konnte sich Mario dann doch nicht verkneifen, aber nur ganz leise. Das ging im Hintergrundgeräusch der Kneipe unter.

„Jungs, ich mach mich dann vom Acker. Ich hab noch was gut zu machen“, lachte Jan zu seinen Freunden und alle schüttelten grinsend den Kopf. Die zwei waren das absolut schrägste Pärchen, das man sich vorstellen konnte. Jan sah zu Mario, aber der schien sich nicht dafür zu interessieren, ob er ging oder nicht, denn der trank seelenruhig aus seinem Glas und beachtete ihn nicht. Das tat weh und so drehte Jan sich etwas schroff um und bezahlte seine Zeche bei Thea.

„Ob's der Idiot mal schafft, nicht ständig seine Liebschaften hier anzuschleppen?“, knurrte Mario, während er Jan aus dem Augenwinkel nach sah, zuckte aber, als er merkte, wie Ronny jede noch so kleine Regung beobachtete und ihn so widerlich wissend angrinste. Was dachte der Arsch sich? Zog mit Jan los, verleitete ihn zu wer weiß nicht was und grinste dann auch noch herablassend. Was auch nur so herablassend wirken konnte, weil Mario saß und Ronny ausnahmsweise mal zu ihm hinab blicken konnte.

Und weil sein Ego das nicht vertrug, erhob sich Mario und blickte nun von oben auf Ronny. Gleich fühlte er sich besser, auch wenn er jetzt etwas sinnlos herum stand. Also verabschiedete er sich aufs Klo und Ronny sah ihm kopfschüttelnd nach, ehe er den latent wankenden Jan am Tresen einsammelte. Das würde ja eine heitere Nacht werden. Seine Prinzessin vertrug doch nichts. Eigentlich wusste Jan das genau und ließ die Finger vom Alkohol, aber das ging nicht, wenn Mario in der Nähe war.

Ronny legte einen Arm um Jan und stützte ihn auf dem Weg nach draußen. Dabei ließ er seine Hand in Jans Gesäßtasche gleiten. Einfach nur, um Mario zu ärgern, der sie von der Klotür aus beobachtete. Wenn er schon immer wieder Retter in der Not spielen musste, dann wollte er auch etwas Spaß dabei haben.

Und der Spaß dürfte noch weiter gehen, wenn er Jan nachher einmal mehr den Kopf wusch, denn das ließ sich Ronny nicht nehmen. Er war es leid, immer wieder die gleichen Leidensarien von seiner Prinzessin zu hören. Immer wieder Mario hier, Mario da. Doch zu Potte kamen beide nicht. Mario, weil er nicht begriff, was er eigentlich wollte, und Jan nicht, weil sein vorlautes Mundwerk ihm jedes Mal einen Strich durch die Geilheit machte. Es war zum Verzweifeln aber entbehrte nicht der Situationskomik.

„Zu mir oder zu dir, Liebling“, lachte Ronny und sah Jan verschmitzt an. Der Weg war ja der gleiche, sie wohnten Tür an Tür.

„Zu dir, da kommt uns wenigstens keiner stören.“ Jan streckte sich und zog Ronny dichter zu sich. Er brauchte jetzt ein wenig Nähe. Das ging besser bei Ronny. Seine Mutter hatte nämlich einen Narren an dem kleinen Tänzer gefressen und sie fand ständig irgendwelche Vorwände, um sich mit ihm zu unterhalten. Das war ihm heute definitiv zu nervenaufreibend.

„Wie Prinzessin wünschen. Ich bitte die Kutsche zu betreten“, lachte Ronny und hielt seinem Freund die Tür seines BWM auf. „Aber wenn du mir in die Karre kotzt, geraten wir aneinander, Liebling“, stellte er wie jedes Mal klar und ließ sich selber hinter das Steuer sinken. Der Weg nach Hause war nicht weit. Aber den hatte er nur ein einziges Mal mit einem wankenden Jan gemacht und dann nie wieder. Er war als Tänzer einiges gewohnt, was Ausdauer und Schmerz anging, aber der Muskelkater nachdem er den großen Kerl heim geschleppt hatte, war die Hölle gewesen.

Draus gelernt - und so waren sie nach fünf Minuten schon im Hausflur. Sie waren leise, damit Jans Familie ihn nicht bemerkte und erst als die Tür von Ronnys Wohnung hinter ihnen zu war, wagte Jan wieder zu Atmen.

„Okay Jana, raus damit. Was für Scheiße hast du heute gebaut?“, begann Ronny ihre Unterhaltung wie fast immer. Denn es war obligatorisch, dass Jan Mist baute, wenn Mario in der Nähe war.

„Das Übliche halt.“ Jan ließ sich auf Ronnys Bett fallen und rieb sich mit einer Hand über die Augen. „Ich sollte mir den Kerl echt aus dem Kopf schlagen. Der will so einen fetten Sack wie mich sowieso nicht haben.“ Er wusste, dass Ronny gerade die Augen verdrehte, aber ihm war einfach danach, sich zu bemitleiden. Er hob sein Shirt hoch und verzog das Gesicht. Die Speckrolle um seine Hüften war aber auch riesig. Kein Wunder, dass Mario ihn Specki nannte.

Eine Braue fast bis zum Haaransatz gezogen kam Ronny näher und konnte es sich nicht verkneifen auch noch mal rein zu kneifen. Zwar hatte er eigentlich nur Haut zwischen den Fingern, aber Jan machte das letzte bisschen Babyspeck um seine Hüften ziemlich zu schaffen. „Und anstatt mit der Hand die Gläser vom Tisch zu fegen und dich adrett zu drapieren, lässt du dich wieder auf einen Tiefschlag nach dem anderen ein, bis ihr euch wieder in Hitze geredet habt. Also ehrlich! Lass dich mal geschmeidig vögeln, Prinzessin, damit du wieder klar denken kannst. Lange mach ich diese Dramen in vier Akten nämlich echt nicht mehr mit. Du gehst daran kaputt.“ Entgegen seiner harten Worte strich er Jan sanft die langen Ponyfransen aus dem hübschen Gesicht und lächelte ihn an.

„Ich kann nicht, Ronny.“ Jan schmiegte sein Gesicht in Ronnys Hand und schloss die Augen. „Ist ja nicht so, dass ich das nicht probiert hätte, aber jedes Mal, wenn ich losziehe, um mir was zu suchen, dann…“ Jan ließ den Rest des Satzes offen, denn Ronny wusste auch so, was er sagen wollte. Er musste nicht noch großartig ausführen, wie er jedes Mal versagt hatte. Die Typen waren halt nicht Mario und somit für ihn vollkommen indiskutabel. Entweder verging ihm schon die Lust, wenn die Kerle nur den Mund auf machten oder er hatte keinen Bock mehr, sobald er sie nackt sah. Es war, als wäre er nur auf einen einzigen Mann fixiert und durch seine Unfähigkeit, mit ihm umzugehen, zur ewigen Enthaltsamkeit verdammt.

„Er will dich und das weißt du. Halt doch einfach mal deine vorlaute Klappe und lass deinen Körper den Rest erledigen und komm endlich von deinem Specki-Trip runter. Meine Güte. Ich halte es sowieso für ziemlich leichtfertig, ihm vorzulügen, du wärst allergisch, nur weil du glaubst, er hielte dich für fett.“

Ronny schüttelte den Kopf, legte sich aber neben Jan, um ihn an sich zu ziehen, was nicht so leicht war, denn Jan war locker 25 Zentimeter größer und bestimmt 30 Kilo schwerer, dafür aber acht Jahre jünger und das merkte man deutlich. Er würde nicht so weit gehen, Jan naiv oder kindlich zu nennen, doch er kämpfte noch immer mit seiner ersten, unerfüllten großen Liebe und kam weder einen Schritt weiter, noch davon los.

„Aber was sollte ich denn machen?“ Jan ließ sich ziehen und vergrub sein Gesicht in Ronnys Halsbeuge. „Mir ist auf die Schnelle kein anderer Grund eingefallen, warum ich nicht mehr im Verein bleiben kann. Alles andere hätte er nicht gelten lassen.“ Das war alles so verfahren und jetzt konnte er auch nicht wieder zurück. „Du hast leicht reden, ich soll meinen Körper den Rest erledigen lassen. Ja klar, ich geh zu ihm hin, knutsche ihn nieder und danach finde ich mich in der Notaufnahme wieder, weil er mich aus den Schuhen gehauen hat. Der will mich nicht, auch wenn du das nicht glauben willst.“

„Wie verbohrt kann ein einzelner Mensch eigentlich sein“, murmelte Ronny leise. „Was glaubt du, wer uns die ganz Zeit von der Klotür aus beobachtet hat?“ Das war doch zum Mäusemelken mit den beiden. Doch er schwieg, denn es hatte keinen Sinn. Solange Jan nicht begriff, was Mario wirklich wollte, so lange konnte er gegen die Wand reden, die würde früher begreifen, was los war, als sein Freund. Sorge hatte er nur davor, dass eines Tages die Lüge aufflog und Mario Jan zur Rede stellte. Wenn dann die Bombe explodierte, wollte er nicht im Epi-Zentrum sein.

„Na und, der wollte bestimmt wissen, ob ich auch wirklich gehe. Schließlich haben wir uns die ganze Zeit nur Nettigkeiten an den Kopf geworfen.“ Jan drehte sich so, dass er Ronny mit dem Arm umschlingen konnte und schmiegte sich an ihn. „Ich sollte mir Mario echt aus dem Kopf schlagen, aber das geht einfach nicht. Warum konnte ich mich nicht einfach in dich verlieben?“

„Weil er vor mir in dein Leben getreten ist und du dich grundsätzlich nur auf eine Sache gleichzeitig konzentrieren kannst. Und wenn du nicht bald aufhörst, dich hier selbst zu bemitleiden, Jana, dann werfe ich dich in deinem erbärmlichen Zustand deiner Schwester zum Fraß vor. Die freut sich bestimmt, wenn sie ihre Manga-Sucht am lebenden Objekt befriedigen kann. Ich werde ihr noch ein paar kleine Tipps geben, was du so den ganzen Abend mit mir gemacht hast, und sie wird dich löchern bis in alle Ewigkeit. Denk drüber nach.“ Ronny hatte so was von keinen Bock, sich wieder die Arie vom aus dem Kopf geschlagenen Mario anzuhören. Die konnte er schon mitsingen, so oft hatte er sie gehört und es hatte nie etwas gebracht.

„Boah, und so was nennt sich Freund?“ Jan funkelte Ronny an und stürzte sich dann auf ihn. Der schmale Tänzer hatte ihm nicht viel entgegen zu setzen, als Jan auf ihm hockte und die Hände festhielt. „Wenn du ein Wort zu meiner Schwester sagst, dann bist du tot. Dieses bekloppte Weib macht mich meschugge. Letztens hab ich sie doch glatt dabei erwischt, wie sie durchs Schlüsselloch des Badezimmers gelinst hat, weil sie dachte, ich wäre da drin. Man, hat die blöd geguckt, als ich ihr auf die Schulter getippt habe.“

„Das will ich gern glauben. Letztens habe ich sie um meine Tanzschule schleichen sehen. Ich weiß nicht, ob sie gedacht hat, du wärst da oder ob ich jetzt auch zu ihren Opfern gehöre. Ich weiß nur, dass sie mit Mario jetzt so dicke da ist. Stimmt das? Was haben die zusammen zu schaffen?“ Ronny dachte ja gar nicht daran, sensibel zu sein und das Reizthema auszulassen. Nur tägliche Konfrontation härtete ab.

„Ja, leider.“ Jan seufzte und machte es sich auf Ronny bequem. Der sagte ihm schon, wenn er zu schwer wurde. „Die beiden gehen auf eine Schule. Am Anfang habe ich ja noch gedacht, sie will was von ihm, das ist es wohl nicht. Sie sind wohl einfach nur befreundet. Ab und zu unternehmen sie was zusammen. Ich hab jedes Mal Panik, weil ich nicht weiß, was sie ihm über mich erzählt.“

Ronny lachte und legte seine Hände auf Jans Schenkel. „Gelinde gesagt wäre ich da auch in Panik. Vor allem, wenn sie das Ding mit der erfundenen Allergie heraus findet und Mario erfährt, dass du sehr wohl weiter trainierst. Nur nicht mehr im Verein. Die Kröte kann dir ganz schön Ärger machen und ich glaube ja, Mario erträgt das Nerv-Ding nur, weil er alles über dich wissen will. Welchen Grund sollte es sonst geben, Annika freiwillig um sich zu haben. Mir fällt spontan keiner ein.“ Es war kein Geheimnis, dass Ronny Jans kleine Schwester nicht mochte, das hielt sie aber nicht davon ab, so zu tun, als wäre Ronny einer ihrer besten Freunde.

„Ich hab echt keine Ahnung. Ich will auch nicht zu viel fragen, weil sie sonst noch merkt, dass ich ihn will. Was dann abläuft, kannst du dir ja vorstellen.“ Warum musste unbedingt er mit einer Yaoi begeisterten Schwester gesegnet sein? Allein bei der Vorstellung musste Jan sich schütteln, aber das verdrängte er schnell. Es reichte, wenn Annika ihn nervte, wenn sie in seiner Nähe war. „Sag mal, was wolltest du meiner Schwester eigentlich erzählen, was ich mit dir gemacht habe?“, fragte er grinsend und rutschte ein wenig auf Ronny hin und her.

Der hob eine Braue und verzog das Gesicht, ließ seine Nägel dabei über Jans Schenkel kratzen. Was sollte das denn jetzt? War er etwa der Ersatz dafür, dass Jan mit Mario nicht das machen konnte, was er gern wollte? Er stieg auf das Spiel ein, aber nicht so, wie Jan sich das vorgestellt hatte, denn er erklärte lapidar: „Ich werde ihr sagen, dass du mit mir Eierschecke ohne Boden gebacken und alles aufgefressen hast, ohne ihr auch nur ein Stück übrig zu lassen. Du weißt ganz genau, was dann passiert.“ Das war nämlich Annikas Lieblingskuchen und Ronny konnte den besonders gut backen.

„Du bist so doof“, lachte Jan und ließ sich neben Ronny aufs Bett fallen. „Das wird sie dir nicht glauben, denn sie weiß, dass ich nicht backen kann.“ Er kicherte und zog seinen Freund wieder zu sich. „Ach Ronny“, seufzte er leise und spielte mit einer der roten Strähnen. „Ich will das alles nicht mehr. Warum muss ich noch immer in ihn verliebt sein?“

„Weil dir noch nichts Besseres über den Weg gelaufen ist. Ich weiß zwar nicht, was dir an dem bulligen Riesen gefällt, aber du musst ja mit ihm klar kommen und nicht ich.“ Er und Mario waren nicht die dicksten Freunde. Dass er Mario hassen würde, konnte man nicht sagen. Er genoss es sogar, ihn eifersüchtig zu machen, doch wirklich sympathisch war ihm der junge Mann nicht. Vielleicht war er parteiisch und Jan ging ihm näher. Wer wusste das schon.

„Er ist toll und kein bisschen bullig. Durchtrainiert, mit einem göttlichen Sixpack. Ich würde echt gerne wissen, wie es sich anfühlt dort drüber zu streicheln.“ Jan schloss schwärmend die Augen und strich über Ronnys Bauch und musste gähnen. „Lass uns schlafen, Süßer“, nuschelte er leise und küsste seinen Freund auf den Hals.

„Ja, schlaf mal besser, du halluzinierst ja schon“, murmelte Ronny und verdrehte die Augen. Jan war wirklich unverbesserlich. Rumheulen, dass er Mario vergessen wollte, aber auf der anderen Seite wieder wilden Schweinskram mit dem Kerl machen wollen. Nein, konsequent war sein Freund wirklich nicht. „Und solltest du von Mario träumen und deine Finger bei mir in Regionen packen, wo sie nicht hingehören, dann werde ich sie dir mit Genuss brechen, jeden einzelnen. Und das meine ich sehr liebevoll. Gute Nacht, mein Schatz“, lachte Ronny, denn Jan wusste, wie er das meinte.

„Ich liebe dich auch, Honey“, grinste Jan und fing an, sich auszuziehen. Wenn es etwas gab, was er nicht mochte, dann in Klamotten schlafen. Nackt krabbelte er unter die Decke und sah seinen Freund grinsend an. „Na los, ausziehen, ich brauch mein Schmusetier, damit ich gut schlafen kann“, lachte er leise und hob eine Ecke der Decke leicht an.

„Noch so ein Spruch und ich werde zum Tier. Dann landet mein kleiner Schatz nackt vor der Tür im Treppenhaus. Mal sehen, was der alte Kunze morgen früh sagt, wenn er seine Zeitung holt und einen nackten Kerl auf der Treppe findet. Auf den Terz bin ich jetzt schon gespannt“, lachte Ronny, warf aber auch die Klamotten von sich. Ausnahmsweise verzichtete er mal auf die Zahnbürste und ließ sich unter die Decke gleiten. Dann war das Licht aus.


- 2 -


„Boah, Mario, jetzt ist aber gut.“ Markus stieß seinem Freund in die Seite und verdrehte die Augen. Seit Jan weg war, hatte Mario kaum mehr ein Wort gesagt und saß mit verkniffenem Gesichtsausdruck über seinem Glas. „Herr Gott noch mal, wenn du Jan unbedingt willst, dann kleb ihm den Mund zu und schnapp ihn dir. Es ist Wochenende und du sitzt hier rum und machst einen auf Trauerklos.“

„Ich will den nicht, bist du doof oder was? Wer will denn so einen!“, knurrte Mario. So weit kam es noch, dass er zugab, dem Kerl gern einmal zwischen die Beine rutschen zu wollen. Das ging keinen etwas an! „Ich verstehe nur nicht, was ein Kerl wie Jan von so einer Hupfdohle will. Das ist doch kein Mann, das ist ein Weib! Macht tierisch einen auf schwul und geht dann mit dieser Tussi ins Bett. Ich raff's nicht!“ Mario griff sich das nächste Bier noch vom Tablett, als es gebracht wurde und setzte wieder an.

„Ist ja nicht so, als würde es dich was angehen, was Jan im Bett hat. Wenn die beiden glücklich sind, ist doch okay.“ Felix konnte es aber auch nicht lassen, Mario zu reizen. Merkte der eigentlich nicht, wie er sich zum Deppen machte, wenn er leugnete? Ihm stand doch: 'Küss mich, Jan!' deutlich auf die Stirn geschrieben.

„Wer weiß, vielleicht ist die Hupfdohle ja 'ne Granate im Bett“, warf Hannes noch ein. Er beteiligte sich selten an solchen Diskussionen, aber wenn er Mario ärgern konnte, machte er gern einmal eine Ausnahme. „Oder unser Janni steht auf die zierlichen Kleinen, dann hast du Brocken allerdings schlechte Karten, weil…“, Hannes blickte Mario von oben bis unten an, „zierlich biste ja nicht gerade.“

„Ey, pass auf, was du sagst, sonst weiß deine Dame bald ein paar Dinge über dich, die sie vielleicht besser nicht weiß“, knurrte Mario und sah an sich hinab, nicht merkend, wie seine Freunde leise lachten. Dem glaubten sie doch kein Wort und als er auch noch fragte, ob diese Hüpfdohle echt besser aussehen würde als er, lagen sie versammelt lachend auf dem Tisch.

„Frag am besten mal Jan, der kann dir das sagen“, grinste Felix frech und stocherte offen in der eiternden Wunde herum.

„Ey, Regenwurm!“ Mario sah seinen Freund wütend an. Die hatten gut lachen. Jan lag jetzt mit dieser Tussi im Bett und wälzte sich in seinem eigenen Saft und er hatte hier den Schaden und musste für den Spott nicht mehr sorgen.

„Du sabberst“, sagte Markus trocken und lachte wieder los, als Mario sich instinktiv über das Kinn wischte.

„Man, wieso kriegt ihr das eigentlich nicht gebacken? Jan ist scharf auf dich – du bist scharf auf ihn. Wo ist da das Problem?“ Markus versuchte es noch einmal mit Vernunft. Vielleicht erreichte er so etwas bei den beiden Sturköpfen. „Ich gebe ja zu, du solltest immer etwas zum Knebeln dabei haben, denn mit reden habt ihr’s ja nicht so, aber ansonsten…“ Er zuckte mit den Schultern. Das sah doch ein Blinder mit Krückstock, dass die zwei was voneinander wollten.

„Ey, hallo?“ Mario verzog das Gesicht. Leugnen hatte wohl keinen Sinn mehr. „Zum Einen hat der mich total gefressen und macht mich nur scheiße von der Seite an und zum Anderen hat der fast täglich 'nen Neuen und geht dazu noch mit der Hupfdohle in die Kiste. Sollen wir da 'n netten Gangbang machen, oder was?“ Mario zischte angeekelt.

Schon allein dieser komische Tänzer!

Und dann die halben Hemden, mit denen Jan immer in Cafés abhing. War ja jetzt nicht so, als würde Mario ihm ständig hinterher spionieren, nur ab und an kreuzten sich zufällig ihre Wege und jedes Mal hatte Jan dann einen anderen Idioten bei sich. Alle jünger und kleiner. Das fiel ihm jetzt gerade auf. Hatte Hannes vielleicht Recht und Jan bevorzugte einen bestimmten Typ?

„Mario, du sollst ihn nicht heiraten. Greif ihn dir, popp ihn ordentlich durch und dann wird sich das mit dem blöd von der Seite anquatschen wohl erledigt haben und wir können endlich wieder normal werden.“ Markus klopfte Mario auf die Schulter und lächelte. „So und nun vergiss den Idioten und bestell noch eine Runde.“

„Du hast leicht reden“, knurrte Mario und starrte in sein Glas. Das gab ihm jetzt wirklich zu denken. Abgesehen davon, dass sich Jan seit ein paar Wochen in die weitesten Klamotten hüllte, die er finden konnte und von seinem leckeren Kleidungsstil nicht mehr viel übrig geblieben war, hatte er nur Typen bei sich, die eindeutig jünger waren. Von der Hupfdohle mal abgesehen. Er musste Annika vielleicht doch etwas intensiver auf den Zahn fühlen, egal was die dann dachte. Diese Ungewissheit und das Halbwissen machten ihn noch kirre!

Mit einer Handbewegung orderte er noch eine Runde.



Etwas früher als sonst üblich kam Mario nach Hause. Nachdem er zugegeben hatte, etwas von Jan zu wollen, war die Unterhaltung nur noch so dahingeplätschert. Irgendwie war die Luft raus gewesen und so hatten sie sich nach dieser Runde, eine knappe halbe Stunde später, getrennt. Immer wieder schwirrte ihm Jan durch den Kopf und zu wissen, dass der jetzt im Haus gegenüber in Ronnys Bett lag, machte es auch nicht leichter.

So hockte er sich wie jeden Abend nicht ins Bett sondern aufs Fensterbrett und sah hinüber. Er wusste, welches Jans Fenster war und er wusste auch, welches das Schlafzimmerfenster der Hupfdohle war. Und warum da kein Licht mehr brannte, war Mario ja so was von glasklar. „Arschloch, dämliches“, knurrte er leise und zog sich langsam die Klamotten aus, saß schlussendlich nur noch in Shorts hinter der Gardine. Er wusste nicht, auf was er wartete oder was er glaubte zu sehen, wenn er nur lange genug hier saß. Er starrte einfach hinüber.

So wie fast jeden Abend.

Er wusste gar nicht mehr, wann er damit angefangen hatte. Wahrscheinlich seit der Zeit, in der sich die Kerle dort fast die Klinke in die Hand gaben. „Ach Scheiße“, brummte Mario und stand auf. Was brachte es, in die Nacht zu starren? Er sollte schlafen und morgen früh gleich Annika anrufen. So konnte er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und noch ein wenig shoppen. Dafür war sie immer zu begeistern und außerdem hatte er ihr Wort, sich immer für ihn frei zu nehmen, wenn er sie brauchte. Aus irgendeinem Grund hatte er bei ihr einen Stein im Brett. Er wusste nicht warum, doch er nutzte die Chance, denn seit Jan diese vermaledeite Allergie hatte, sahen sie sich kaum noch und Mario machte das kirre.

Knurrend verschwand er unter seiner Decke, heimlich lauschend, ob er nicht doch Geräusche aus der Hupfdohlen-Bude hörte. Das war lächerlich, das wusste er selber, aber dagegen machen konnte er nichts. Demonstrativ zog er sich die Decke über die Ohren und kniff die Augen zusammen, damit er alles aussperren und endlich einschlafen konnte. Das dauerte auch nicht lange, denn er hatte genug Alkohol im Blut.



Am Morgen, als Mario aufwachte, wurde ihm sein Alkoholmissbrauch nur zu bewusst. Sein Kopf schmerzte ein wenig, aber nicht so schlimm, dass eine Dusche und eine Aspirin es nicht wieder richten konnten. Das war eigentlich nach solch einem Abend sein Standardfrühstück und deswegen hatte er auch immer Aspirin in seinem Nachtschrank. Er wusste ganz genau, dass er von seiner Mutter kein Mitleid zu erwarten hatte, wenn er leidend in die Küche schlich. Es war also immer schlau vorzubeugen.

Wie sagte sie immer? 'Saufen wie die Großen und vertragen wie die Kleinen.'

Auch ihr 'wer saufen kann, kann auch zeitig aufstehen' war legendär und oft zitiert.

Ja, leicht hatte Mario es nicht und wenn er sich vorstellte, mit dem latent summenden Kopf noch Annika ertragen zu wollen, wurde ihm nicht besser. Doch was tat man nicht alles als verhinderter Stalker?!

Sein Blick ging wieder zur anderen Straßenseite, eh er im Bad verschwand.

Eine halbe Stunde später war er bereit, sich der Welt zu stellen. Der Kaffee dampfte in seiner Tasse und vertrieb die letzte Müdigkeit. Er hatte Annika erreicht und sie kam in zehn Minuten herüber, um ihn abzuholen. Das war zwar das letzte, worauf er jetzt Lust hatte, aber es musste sein. Er brauchte Informationen und Annika war die beste Quelle, die er hatte. Nur kurz hatte Mario die Idee gehabt, sie abzuholen und vielleicht auf Jan zu treffen, doch ob er sich beherrschen konnte, wenn er den werten Herrn halb nackt aus der Nachbarwohnung kommen sah, war fraglich.

„Mom, ich bin dann weg!“, rief er in die Küche, als er die Treppen herunter flitzte. Wenn Annika erst noch klingelte und seine Mutter sie zum Frühstück bat – nein, nein, gleich abwürgen. Er hatte Höheres mit ihr vor als sinnfreies Geplänkel am Küchentisch.

Sie kamen fast gleichzeitig aus ihren Türen und Annika winkte lachend, als sie Mario sah. Die junge Dame lief zu ihm über die Straße und umarmte ihn. Sie freute sich auf ihren Stadtbummel. Vielleicht trafen sie ja ein paar ihrer Freundinnen und sie konnte mit ihrer Begleitung angeben.

Mario war ziemlich beliebt bei den Mädchen und neidische Blicke waren ihr auf jeden Fall sicher. Auch vom Fenster in ihrem Rücken, denn die blauen Augen ihres Bruders stachen ihr in den Rücken. Deswegen winkte sie Jan, auch wenn sie ihn nicht sah, als Mario sie an sich drückte. Das war dafür, dass er die ganze Nacht bei Ronny war und sie keine Silbe darüber erfuhr.

„Na? Schon eine Idee, wo wir hin wollen?“, fragte er und sah sehnsüchtig hinüber zu seiner Maschine. Doch der Restalkohol, den er garantiert noch hatte, zwang ihn Richtung Bus.

„Ich habe nichts Bestimmtes vor. Ein wenig bummeln und vielleicht das eine oder andere kaufen.“ Annika hakte sich bei Mario ein und sah lächelnd zu ihm hoch. „Ich geh heute Abend nämlich auf eine Party und du kannst mich beraten, welches Oberteil ich nehmen soll. Magst du nicht mit kommen? Laura hätte bestimmt nichts dagegen und meine Eltern wären beruhigt, weil du ja auf mich aufpassen kannst.“

Im ersten Augenblick wusste Mario nicht, ob er lachen oder heulen sollte. Er sollte allen Ernstes auf eine Teenie-Party gehen? Lauter kichernde Mädchen, die versuchten halb betrunken an ihm herum zu baggern? Konnte er denn noch tiefer sinken? Also lächelte er und schüttelte den Kopf. „Lass mal gut sein, da störe ich nur“, versuchte er es auf die höfliche Art. Er konnte ja schlecht sagen, dass er auf sie keinen Bock hatte und eigentlich nur etwas wissen wollte.

„Du störst doch nicht“, kicherte Annika und zog Mario zur Bushaltestelle. „Du wärst die Attraktion des Abends. Sonst sind doch nur diese pickligen Milchbubis da.“ Sie schüttelte sich und sah grinsend zu Mario hoch, der einen leicht verkniffenen Gesichtsausdruck machte. „Okay, ich verstehe schon. Du hast schon was anderes vor. Mal gucken, vielleicht frage ich Jan, oder…? Nee, der ist so Scheiße drauf die letzte Zeit, da verdirbt der noch alles.“

Das war Marios Stichwort, wenn er als besorgter Freund jetzt nicht nachfragte, wann dann? Er musste sich ziemlich beherrschen und noch einmal tief durchatmen, um sich nicht gleich verbal zu überschlagen, als er fragte: „Ist das so? Hat ihn sein Lover verlassen, oder was?“ Natürlich tat Mario so, als würde er nur aus Höflichkeit fragen, doch er gierte auf eine Antwort und weidete sich daran, dass es Jan schlecht ging - warum sollte es dem Idioten besser gehen als Mario selbst?

Ausgleichende Gerechtigkeit für alle.

„Welcher Lover?“ Annika war ein wenig verwirrt. „So weit ich weiß, hat Jan keinen zurzeit. Das muss was anderes sein. Er ist schon seit Wochen mies drauf, aber mir erzählt er ja nix.“ Sie rollte mit den Augen und tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn. Für sie war ihr Bruder echt bekloppt. Schon allein sein neuer Look, das war definitiv keine Verbesserung.

„Aber ich sehe ihn doch ständig mit Kerlen. Meist jünger. Entweder kommen sie zu euch oder er sitzt mit denen in einem Café. Und diese komische Hupfdohle, die ihn gestern eingesammelt hat, du kannst mir nicht sagen, dass die nichts haben. So wie die sich gestern... Ach ist ja eigentlich auch Jans Sache.“ Mario musste sich ziemlich bremsen, damit er sich nicht schon wieder in Rage redete. Warum guckte Annika ihn so komisch an?

Zum Glück hatten sie die Bushaltestelle erreicht und er konnte sich damit ablenken nach dem Fahrplan zu sehen.

„Welche Kerle?“ Annika runzelte die Stirn und es dauerte einen Moment, bis sich ihr Gesicht wieder aufhellte. „Ach die! Denen gibt Jan Nachhilfe in Mathe und dem ganzen anderen naturwissenschaftlichen Zeug.“ Ganz anders als ihr Bruder, hatte Annika keine Begabung für diese Fächer, darum ging sie auch auf ein anderes Gymnasium. „Die sind überhaupt nicht sein Typ und Ronny…. Sie sind befreundet und sie steigen wohl auch ab und zu mal zusammen in die Kiste, aber als Lover würd ich ihn nicht bezeichnen.“

„Also doch“, knurrte Mario, ohne es wirklich zu merken, war aber zumindest erleichtert darüber, dass diese jungen, dürren Dinger nicht auf Jans Speiseplan standen. Wenigstens etwas. Nur diese Hupfdohle! „Was findet Jan an diesem weibischen Kerl, der ist ja schon ziemlich fragwürdig.“ Mario lachte um seine bekloppte Frage selbst ins Lächerliche zu ziehen. Verdammt, er musste sich beherrschen. Wenn er so weiter machte, dann kam Annika noch auf den Trichter und verpetzte das brühwarm an Jan, der dann vor Lachen nicht in den Schlaf kam, dass einer wie Mario auf ihn scharf war. „Tut als wäre er schwul und steigt mit Mädels in die Kiste.“ Dabei zwinkerte er Annika kichernd zu, damit sie verstand, dass es nur ein Joke war.

„Ey, sag nicht immer Hupfdohle zu Ronny. Er ist ausgebildeter Tänzer und sehr gut. Er ist erst 27 und hat seine eigene Tanzschule.“ Annika stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. Also so was durfte niemand über ihren Freund sagen, da war sie eigen. „Er ist nett und Jans bester Freund, seit er hierher gezogen ist. Wobei ich ja nicht weiß, was der an meinem Bruder findet.“

Gerade wollte Mario ihr widersprechen, konnte sich aber noch beherrschen, als er Annikas lauernden Blick sah, gerade so, als wollte sie eine Antwort provozieren, die Mario mehr verraten ließ als gut für ihn war. So nickte er nur lachend. „Das kannst du aber laut sagen. Der neue Modestil - ist das auf dem Mist von dieser Hupf... von diesem... du weißt schon wem gewachsen?“ Denn diese hässlichen Cargohosen, deren Taschen alle Konturen verschwimmen ließen, dazu diese übergroßen T-Shirts, die kein bisschen Figur mehr zeigten, waren so was von hässlich.

„Nee, ganz bestimmt nicht. Ronny hat Geschmack. Ganz anders als mein nur Training im Kopf habender Bruder.“ Annika tippte sich wieder an die Schläfe. Sicher, Jan war gut, aber den Kult, den er um die Schwimmerei machte, war doch schon nicht mehr normal. Alles musste sich nach seinem Trainingsplan richten und vor Wettkämpfen wurde auch die Ernährung umgestellt.

„Hä?“ Jetzt war es an Mario, ziemlich dämlich zu gucken, doch da kam der Bus und sie stiegen erst einmal ein, denn er musste das verdauen. Ständig das Training im Kopf? Jan trainierte schon seit Wochen nicht mehr - wegen seiner Allergie!

Kaum, dass sie sich einen Sitz ganz hinten gesucht hatten und der Bus wieder anfuhr, musste Mario doch nachfragen, das ließ ihm keine Ruhe. „Er kann doch gar nicht mehr trainieren wegen der Allergie.“ Und er wusste nicht, was er jetzt zu hören erwartete.

„Welche Allergie?“ Annika sah kurz fragend hoch und kramte dann weiter in ihrer Tasche und murmelte etwas abwesend. Zum einen interessierte Jan sie nicht besonders, zum anderen fand sie gerade ihr Ticket nicht, was sie etwas nervös machte. „Er trainiert, denn seine nach Chlor stinkenden Handtücher und Badehosen miefen mir ständig das Bad voll. Was soll das denn für eine Allergie sein? Kann ja nicht so wild sein, wenn er nix sagt.“

„Moment!“ Mario konnte im Augenblick nicht erklären, was in ihm vorging.

Unglaube.

Wut.

Eine merkwürdige Mischung.

„Er war seit Wochen nicht in der Schwimmhalle. Er sagte, er hätte eine Chlorallergie und könnte nicht mehr ins Wasser und jetzt erzählst du mir einen vom Pferd, seine Klamotten stinken nach Chlor? Dann müsste er ja Ausschlag haben ohne Ende. Aber davon habe ich gestern nichts gesehen und er würde bestimmt nicht mit der Hupfdohle ins Bett steigen, wenn er überall nässenden Ausschlag am Leib hat.“ So eine verlogene Ratte. Die Wut in Mario fing an zu überwiegen - warum tat Jan das?

„Häh? Ausschlag? Hat er nicht.“ Annika sah irritiert zu Mario und verstand nur Bahnhof.

Was war denn jetzt los?

Warum guckte der so wütend?

Hatte sie was Falsches gesagt?

Sie spulte noch einmal zurück und erst jetzt merkte sie, worüber sie geredet hatten. „Er hat gesagt er hat ’ne Allergie? Wieso das denn? Kommt er denn nicht mehr zum Training? Er zieht doch ständig mit seiner Tasche los. Nur dass die Zeiten sich etwas verändert haben.“ Sie ließ ihre Fahrkarte Fahrkarte sein und sah den Freund ihres Bruders fragend an. Sie wusste gerade nicht, was los war.

Tief durchatmend lehnte sich Mario etwas zurück. Das musste sich erst einmal setzen, ehe er jetzt gleich etwas sagte, was er hinterher eventuell bereute. Doch dann strich er sich durch das Vogelnest auf seinem Kopf und sah Annika forschend an. „Wann geht er denn immer trainieren? Denn bei uns in der Halle ist er nicht mehr. Wir haben bald die Meisterschaften und er lässt uns einfach hängen. Hat er einen anderen Verein gefunden? Bekommt er Geld dafür, dass er dort trainiert?“ Denn das wäre der einzige Grund, der Mario einfiel, warum Jan sie eiskalt hängen ließ.

Annika biss sich von innen auf die Lippe, was sie immer machte, wenn sie nervös oder verwirrt war und versuchte eine plausible Erklärung zu finden. „Er geht eigentlich fast zu den gleiche Zeiten wie bisher, nur eben alles eine halbe bis Sunde nach hinten verschoben.“ Sie dachte nach und nickte. Ja, das stimmte. Jan hatte gesagt, dass viele länger Schule hatten und deshalb alles geändert worden war. Darum ging er ja auch noch… „Sonntags geht er noch zusätzlich, aber das wäre nicht für alle hat er gesagt. Warum macht der so einen Scheiß? Er wollte doch unbedingt zu den Meisterschaften.“

„Ich habe keinen Schimmer, aber ich werde das raus finden“, knurrte Mario und seine Augen verschmälerten sich. Sonntags trainierte der verlogene Hund also auch? Mario wusste also wie sein Sonntag aussehen würde. Er legte sich auf die Lauer und folgte ihm. Sie wollten schon mal sehen, ob er nicht rausbekommen konnte, warum der Kerl sie einfach hängen ließ. Und auch wenn er es nie zugeben würde, er nahm es Jan noch übler, dass er Mario aus dem Weg ging, als dass er das Team im Stich gelassen hatte und immer wenn Mario Dinge persönlich nahm, endete das ziemlich unschön.

„Was hast du vor? Kann ich dir helfen?“ Annika sah Mario mit leuchtenden Augen an. Es gab ein Geheimnis aufzuklären und sie liebte Geheimnisse. Nicht umsonst schlich sie ständig um Ronny und ihren Bruder herum. Sie wollte unbedingt wissen, was zwischen den beiden war, aber bisher war sie nicht erfolgreich gewesen. Da kam ihr ein Neues gerade recht. Außerdem ging es darum, Jan eine reinzuwürgen, dafür war sie immer zu haben. Und wenn sie dann noch Mario behilflich sein konnte... die Herzchen in ihren Augen waren überdeutlich zu sehen.

„Ich will nur gucken, wo er trainiert und mit wem, mehr nicht“, wiegelte Mario sofort ab, denn das letzte, was er brauchte, war Annika, die ihm in den Weg kam. Er wollte Jan zur Rede stellen und der sollte sich ihm erklären. Und wenn der Kerl wieder seine spitze Zunge frei ließ, konnte es gut sein, dass Mario dieses Mal seine gute Kinderstube vergaß und Jan gepflegt eine in die Fresse schlug. Dafür brauchte er keine Zeugen. „Ich muss nur wissen, wann er los geht und wohin. Aber das krieg ich raus.“ Und dann sollte Gott Jans armer Seele gnädig sein, denn auf dessen Erklärung war er schon gespannt.

Diese kleine, verlogene Ratte.

„Wir beschatten ihn“, kicherte Annika und war allerbester Laune. Marios Einwand überhörte sie einfach. Wie sollte sie ihrem Schwarm denn sonst zeigen, wie toll sie war und genau die Richtige für ihn? Sie drückte den Halteknopf und zog Mario hoch. Sie waren zwar noch nicht da, wo sie eigentlich hin wollten, aber einkaufen konnten sie später noch. „Komm, wir steigen hier aus und setzen uns ins Café, damit wir planen können.“

„Nein“, sagte Mario, erhob sich aber ebenfalls, um auszusteigen. „Wir werden ihn ganz bestimmt nicht beschatten und du wirst dich da bitte raushalten.“ Das fehlte ihm noch, dass er Annika an der Hacke hatte, wenn er Jan zur Rede stellen wollte. Doch das musste er Annika so verklickern, dass sie das auch begriff. Also lächelte er sie an und stupste ihr mit dem Ellenbogen gegen die Schulter, als sie ausgestiegen waren.

Die Einkaufsmeile begann hier gerade erst, doch auch hier waren schon eine Menge Leute unterwegs. Vielleicht reichte es Annika auch, wenn sie sich etwas mit Mario zeigen und vor ihren Freundinnen angeben konnte. Dann hatte er sie morgen nicht am Bein. Am liebsten wäre er jetzt sowieso nach Hause gefahren, um nachzudenken.

„Mario“, schmollte Annika. So sollte das aber nicht laufen. Sie hakte sich bei ihm unter und sah ihn bittend an, auch wenn sie wusste, dass es nicht einfach war, Mario umzustimmen. Der konnte nämlich ziemlich stur sein, wenn er wollte. „Warum willst du das denn alleine machen? Ich kann dir bestimmt helfen.“ Sie wollte noch nicht aufgeben. Schließlich war das ihre Chance, etwas näher an ihren Schwarm heranzukommen.

Doch Mario blieb hart und schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Das ist nichts für junge Damen.“ Er lachte, doch ihm war eigentlich gar nicht zum Lachen. In seinem Kopf kreisten die Gedanken. Er wollte wissen, warum Jan das Team verlassen hatte. Mehr noch, warum er log und nicht einfach zugeben konnte, dass er den Verein gewechselt hatte. „Wir suchen dir lieber was Hübsches für deine Party, hm? Soll Jan doch machen, was er will. Der hat von Mode eh keine Ahnung, sein Geschmack ist auch beklagenswert.“ Er zwinkerte Annika zu und hoffte, dass sie bald Ruhe gab und ihr Vorhaben vergaß.

Annika brummte ein wenig, aber die Aussicht, mit Mario bummeln zu gehen, versöhnte sie ein wenig. „Ja, seit der glaubt, er wäre fett, ist der doch vollkommen bescheuert.“ Sie kreiste mit ihrem Finger vor ihrem Kopf und kicherte. „Das solltest du mal sehen, wenn der sich morgens anzieht. Da zieht er ein Shirt an, in das er locker zwei mal passt und dreht und wendet sich, zieht hier und zieht da, ob man auch ja nix sieht. Der ist echt gestört.“

„Fett?“, fragte Mario und einmal mehr kam ihm Renés Frage von gestern wieder in den Sinn, ob Jan es ihm übel genommen hätte, dass er ihn 'Specki' genannt hatte. „Wo ist der denn fett? Also entweder hat er immer Badehosen getragen, die alles gut kaschieren oder er hat einen Schaden deluxe.“ Den Kopf schüttelnd sah er zu Annika rüber und dann kam es aus beiden Mündern wie aus einem: „Schaden deluxe“, und sie lachten. Jan und fett. Aber das erklärte zumindest seinen widerlichen Klamottenstil der letzten Wochen.

Sie kicherten beide noch, als sie das erste Geschäft betraten und Annika vergaß ihren Bruder beim shoppen. Immer wieder verschwand sie in eine der Kabinen und probierte an, was Mario ihr rausgesucht hatte. Sie konnte sich kaum entscheiden, denn ihr Freund hatte einen guten Blick für das, was ihr stehen konnte. „Was nehm ich denn jetzt? Die sehen alle toll aus“, jammerte sie und hielt Mario ihre engere Auswahl hin. Der deutete auf zwei eher schlichte Oberteile.

„Mit den bunten Klamotten lenkt das nur von deinem Gesicht ab und das muss man ja Weißgott nicht verstecken“, sagte er und strich Annika eine Strähne hinter das Ohr. Warum ihm heute zum ersten Mal auffiel, wie ähnlich sie ihrem großen Bruder sah, wusste er nicht, doch es schmerzte. Warum stand nur die falsche des Geschwisterpaares auf ihn? Es hatte doch sowieso keinen Sinn mehr abzustreiten - er war in Jan verknallt und das bis über beide Ohren und der konnte ihn ums Verrecken nicht ausstehen.

Verlegen senkte Annika den Kopf und wurde rot. So was hatte Mario noch nie gesagt und ihr Herz schlug wie wild. „Dann nehme ich die“, sagte sie schnell und lief zur Kasse. Sie war durcheinander. Was hatte das zu bedeuten? Nahm Mario sie endlich wahr? Bisher hatte sie geglaubt, dass er in ihr nur die kleine Schwester sah, aber das eben passte nicht dazu. Sie blickte verstohlen zu ihm hinüber und gleich wieder weg, als er in ihre Richtung sah.

„Na, da hab ich ja was angerichtet“, knurrte Mario leise über sich selbst, als ihm bewusst wurde, warum Annika sich so komisch benahm. Aber sie hatte Jan so ähnlich gesehen. Die sanften Augen. Ja, er hatte wirklich sehr sanfte Augen, wenn er nicht gerade tobte und wütete und Gift verspritzte. Und der lange Pony, der ihr genauso ins Gesicht fiel wie Jan. Es war zum Verzweifeln. Doch er straffte sich und rief sich zur Ruhe. Noch einmal durfte ihm das nicht passieren, denn sonst ritt er sich tiefer hinein, als er gebrauchen konnte. Also folgte er ihr langsam zur Kasse.

„Und was machen wir jetzt? Brauchst du auch noch was? Dann kann ich dich ja beraten.“ Annika hakte sich wieder bei Mario ein und schmiegte sich etwas an ihn. Bisher hatte sie sich das nicht getraut. Es war herrlich, den starken Körper zu spüren und zu sehen, wie sie neidisch beobachtet wurde. Mario war aber auch ein Prachtexemplar. Groß, breite Schultern und schmale Hüften, eine richtige Schwimmerfigur eben und er sah gut aus. Ein markantes Gesicht mit den letzten weichen Zügen am Ende der Pubertät, eine ausgefallene Frisur, dazu sehr groß. Und dass er enge Klamotten trug, machte es nur noch lohnenswerter, ihm eine Sekunde länger hinterher zu blicken als eigentlich üblich. Und Mario ließ die Musterung passieren, er hatte sich das alles schließlich selber zuzuschreiben. Er hatte Annika ja eigentlich nur ausgeführt, weil er sie aushorchen wollte und nun musste er auch den Preis dafür zahlen. Außerdem gab es Weißgott schlimmere Begleitungen als Annika - sie war nett und fröhlich, voller Ideen und hatte nur einen einzigen Makel, für den sie selber nicht einmal etwas konnte: sie war eben nicht Jan.

„Wie können Geschwister nur so verschieden sein“, sagte er leise und legte ihr den Arm um den Rücken.

„Ja, die Schöne und das Biest“, giggelte Annika und lachte dann laut los. Ihr ging es richtig gut. Sie sah zu Mario hoch und grinste immer noch. Sie wusste, dass Mario ständig unter Jans spitzer Zunge leiden musste und konnte absolut nicht verstehen, warum das so war.

„Komm, ich brauche was zu trinken“, bestimmte sie und zog Mario mit sich. Hier war doch bestimmt ein Eiscafé in der Nähe, wo sie hingehen konnten. Mario ließ es geschehen, lachte leise. Die Schöne und das Biest - eigentlich vereinte Jan selbst beides auf sich. Er war nicht nur der Stinkstiefel mit der Gossenlaune, nicht nur der Specki mit den Komplexen, er war auch richtig lecker und machte Mario noch ganz kirre. Er hatte das Gefühl, an nichts anderes mehr denken zu können.

Zum Schreien!

Es wurde Zeit, dass er Jan zur Rede stellte. Aber jetzt sollte er sich erst einmal etwas mehr um Annika kümmern, die sah ihn nämlich missbilligend an und wirkte so, als hätte sie schon dreimal etwas gefragt und keine Antwort bekommen. Und wie kam er eigentlich auf diesen Stuhl im Straßencafé? Mario zuckte mit einem gewinnenden Lächeln die Schultern. „Was hast du gesagt?“

„Was möchtest du? Ich lade dich ein, weil du mich so gut beraten hast.“ Zufrieden, wieder Marios Aufmerksamkeit zu haben, lehnte Annika sich zurück und nahm sich die Karte. Es wurde langsam Sommer und sie hielt ihr Gesicht in die Sonne. Jetzt musste nur noch etwas aus ihr und Mario werden und der Sommer war perfekt. Sie bestellte sich eine Cola, als die Bedienung zu ihnen kam. Dabei beobachtete sie Mario, der noch immer etwas in der Karte suchte.

„Und Sie, junger Mann?“, fragte die Bedienung und lockte so Marios Aufmerksamkeit auf sich. Er merkte sofort, wenn jemand versuchte, ihm schöne Augen zu machen und diese Kellnerin versuchte das aber ganz massiv. Sie lächelte ihm zu, zwinkerte und ignorierte Annika. Das passte ihm nicht, nicht weil er die Kellnerin unattraktiv fand, sondern weil seine Begleitung es nicht verdient hatte, so behandelt zu werden, nur weil er bei ihr war.

„Bestell du für mich, Liebes“, schob er also die Aufmerksamkeit von sich. Annika zuckte hoch, denn der Spruch hatte sie unvorbereitet erwischt, aber sie fing sich schnell und lächelte die Kellnerin an. Allerdings sagten ihre Augen ganz etwas anderes: 'Finger weg von meinem Freund, oder es gibt Ärger!'

„Er nimmt eine Apfelsaftschorle“, sagte sie kühl und wandte sich dann gleich wieder an Mario. „Was machen wir denn nachher noch, Schatz? Du wolltest doch eine neue Hose, oder?“

Mario ging auf das Spiel ein, von dem er hoffte, dass Annika es einzuordnen wusste und grinste breit. „Ich brauche eine neue Badehose, ich glaube meine alte wird mir vorne herum zu eng“, konnte er sich nicht verkneifen und lachte laut, als die Kellnerin, die noch etwas länger als nötig stehen geblieben war, rot wurde und tief Luft holte. Aber Annika hatte Recht. Er war noch auf der Suche nach einer neuen Jeans. Was Helles, Ausgewaschenes. Eng um den Hintern, an den Beinen etwas weiter, bequem auf dem Motorrad. Danach suchte er schon eine Weile.

„Oh ja, das kann ich nur bestätigen“, kicherte Annika und hielt sich eine Hand vor den Mund und zwinkerte Mario zu. Warum nur kam ihr Bruder mit diesem tollen Kerl nicht aus? Er war witzig und richtig nett. Man konnte viel Spaß mit ihm haben. Sie wartete bis die Kellnerin weg war und beugte sich zu ihm. „Du bist mir ja einer. Jetzt kann die Tusse bestimmt heute Nacht nicht schlafen.“

„Das will ich doch schwer hoffen. Ich mag Frauen nicht, die Männer angraben, die offensichtlich in Begleitung sind“, stellte er trocken fest und das lag nicht daran, dass die Rothaarige nicht sein Geschmack gewesen war. „Aber ich brauche wirklich noch eine neue Badehose für die Meisterschaften. Bei der alten lösen sich langsam die Nähte auf und wenn ich dann auf dem Startblock plötzlich im Freien stehe, weil die Nähte aufgegeben haben, wäre das ziemlich peinlich und... na ja, vielleicht fallen die anderen vor Lachen ins Wasser, werden wegen Fehlstart disqualifiziert und ich gewinne... ich sollte vielleicht doch“, spann er lachend vor sich hin.

„Ich werde auf jeden Fall da sein, denn das will ich um nichts auf der Welt verpassen.“ Annika fiel in das Lachen mit ein und stieß Mario gegen den Arm. Aus den Augenwinkeln sah sie die Kellnerin mit ihren Getränken kommen und grinste böse. „Ich werde dir beim Aussuchen helfen, schließlich weiß ich am besten, was du brauchst“, sagte sie laut genug, damit die Rothaarige das auch mitbekam und leckte sich leicht über die Lippen.

„Eben, du weißt wie viel Stoff ich mindestens brauchen werde, um das alles komfortabel zu verhüllen. Soll ja nicht heißen, ich betreibe... Unzucht“, grinste er und war immer leiser geworden, gerade so, als sollte es niemand mitbekommen. Aber doch noch laut genug, um die arme Kellnerin mit neuem Futter für ihre Fantasie zu versorgen. Er bedankte sich sehr höflich, als er die Getränke entgegen nahm und widmete sich dann wieder seiner Begleitung.

Sie blieben noch eine Weile sitzen, redeten und lachten viel. Dabei einigten sie sich darauf, gleich für Mario auf Beutezug zu gehen. Annika wusste auch ein paar Läden in denen sie fündig werden konnten. Zahlten sich ihre regelmäßigen Einkaufsbummel mit ihren Freundinnen doch endlich einmal aus. „Ich würde aber nichts mit weiten Beinen nehmen, das verhüllt doch viel zu viel. Versuch es doch einmal mit Stretch. Das ist auch bequem und macht auf jeden Fall eine noch leckerere Aussicht.“

„Aha. Leckere Aussicht“, lachte Mario und schüttelte den Kopf. „Sollen solch niedliche, kleine Mädchen schon an solche Sachen denken, hm?“ Frech wackelte er mit den Augenbrauen und dachte darüber nach. Vielleicht sollte er ein paar Hosen probieren und sich dann entscheiden. Wenn er schon einmal jemanden mit Geschmack bei sich hatte, musste er das auch ausnutzen. Nur kurz fragte er sich, wie es wäre, das mit Jan zu machen, doch er war ziemlich sicher, dass sie sich bereits umgebracht hätten und gar nicht erst bis zum Hose kaufen gekommen wären. Er seufzte leise.

„Ey, niedlich stimmt ja durchaus, aber klein bin ich nicht mehr. Ich bin immerhin schon 16, oder fast 17. Ist ja nur noch ein halbes Jahr.“ Schmollend schob sie die Unterlippe vor und sah Mario gespielt böse an. Es war bestimmt nicht verkehrt ihm zu zeigen, dass sie kein Kind mehr war und vom Alter her perfekt zu ihm passte. „Na los, kleiden wir dich ein“, lachte sie und stand auf.

„Ja, sollten wir, ehe die Läden schließen“, entgegnete Mario und erhob sich ebenfalls. Er legte das Geld abgezählt auf den Tisch, kam sich dann aber schäbig vor und legte noch ein kleines Trinkgeld dazu. Er war ja nicht so. Dann nahm er Annika wieder in den Arm und grinste, weil sie ein paar von ihren Freundinnen einige Tische weiter entdeckten. Es war, als hätten diese sie schon eine ganze Weile beobachtet und deswegen zog er sie noch etwas näher, damit die jungen Damen was zu gucken und was zu tratschen hatten. Er wusste doch nur zu gut, wie gern Annika mit ihm angab.

„Hallo Mädels“, rief Annika ihren Freundinnen zu und winkte strahlend. Sie ging aber nicht zu ihnen, denn sie wollte Mario nicht teilen, wenn er ihr schon einmal so viel Aufmerksamkeit schenkte. Sie zog ihn weiter und gleich in das nächste Geschäft. Dort gab es die Hosen, die ihr für Mario vorschwebten. Sie drückte ihm ihre Tüten in die Hand und sah ihn einmal maßnehmend an. „Bin gleich wieder da“, rief sie, schon mit wühlen und aussuchen beschäftigt.

Mario schüttelte den Kopf, ließ es sich aber nicht nehmen, den Luxus zu genießen, dass mal jemand anderes für ihn die Klamotten aussuchte. Nun wusste er wieder, warum Gott dem Manne das Weib an die Seite gestellt hatte. Damit sie die Sachen machte, die ihm lästig waren und sich durch zig verschiedene Hosenmodelle zu wühlen und zu entscheiden, was davon für ihn in Frage kam, war definitiv lästig. So machte er es sich gemütlich und nickte immer mal oder wedelte abwehrend mit den Händen, wenn Annika ihm etwas zeigte.

Mit vier Hosen, in denen Mario ihr gefallen könnte, kam Annika wieder und scheuchte ihn in eine Kabine. Ungeduldig wartete sie davor und klopfte schließlich. „Was dauert denn da so lange? Soll ich helfen kommen?“, fragte sie und zog leicht an der Tür. Sie kicherte frech, als die Tür gleich wieder aus ihren Fingern gerissen wurde.

„Hey, junge Dame, nichts da. Meine Unterhosen sieht nicht jeder. Nur meine Lieblingsmami in der Wäsche. Sonst keiner“, lachte Mario und drehte sich vor dem Spiegel. Schnell schloss er noch die Knopfleiste, dann trat er zu der ungeduldigen Annika nach draußen. „Und?“, fragte er skeptisch. Die Taschen waren so unmöglich angebracht, dass sie nicht auf dem Hintern sondern fast auf den Schenkeln saßen. Wie sah das denn aus, wenn da Handy und Portemonnaie drinnen waren?

Annika ging um Mario herum und rümpfte die Nase. „Das sieht scheiße aus“, sagte sie schließlich und zupfte am hinteren Bund. „Da kommt deine knackige Kehrseite doch gar nicht zur Geltung. Nee, nee, darin will ich dich nicht sehen. Was sollen die Leute denn denken? Das ich einen Freund mit hässlichem Hintern habe? Ausziehen und die nächste anprobieren.“ Grinsend schob sie Mario wieder in die Kabine. „Ich such noch ein bisschen.“

„Mach das mal“, lachte Mario und hatte die Hose schon geöffnet, als er wieder in der Kabine war. Er hängte die erste Hose weg, schlüpfte in die zweite. Die fühlte sich auf der Haut schon mal ziemlich gut an. Er drehte sich, wendete sich, strich sich über den Hintern, musste aber feststellen, dass sie vorne irgendwie zu eng war. So machte das aber keinen Spaß. Deswegen zog er sie gleich wieder aus, ohne sich zu zeigen. Was ihm so in den Schritt biss, wurde ganz bestimmt nicht gekauft, egal wie lecker sein Hintern darin auch aussehen würde.

Die dritte war schon besser, auch wenn sie nicht ganz dem entsprach, was er suchte. Sie war für seinen Geschmack etwas zu dunkel, aber ansonsten passte sie perfekt. Das fand auch Annika, als sie wieder zu ihm kam. „Heiß“, grinste sie mit leuchtenden Augen und konnte nicht widerstehen, einmal auf den straffen Hintern zu hauen.

„Hey. Nicht so dreist, junge Dame.“ Mario wandte sich zu ihr um und tippte ihr neckend gegen die Stirn. „Du kannst doch nicht einfach jeden Hintern anfassen, egal wie lecker und unwiderstehlich er auch sein mag. Such lieber noch mal exakt die gleiche Hose in einer helleren Farbe, dann wäre ich dir sehr verbunden. Und vielleicht darfst du dann ja noch mal drauf klopfen. Aber nur vielleicht“, lockte er und fragte sich gerade, warum er hier auf das heftigste flirtete.

„Na, das ist doch mal ein Anreiz, mich zu Höchstleistungen zu bringen.“ Annika kicherte frech und leckte sich über die Lippen. Mario sah aber auch zu lecker aus. Die Hose betonte wirklich alle seine Vorzüge. Mit Feuereifer ging sie auf die Suche und spannte ohne Skrupel eine Verkäuferin ein. Wenn Mario die Hose in heller wollte, dann kriegte er die auch. „Jippi“, rief sie triumphierend, als sie endlich fündig geworden war und brachte ihre Beute zur Kabine, damit Mario sie anprobieren konnte.

„Ich habe dich unterschätzt, Kleines“, lachte Mario, der das Schauspiel über die Schwingtür der Kabine hinweg beobachtet hatte. Die Arme auf die Türen gelegt, hatte er das Kinn darauf drapiert. Er zwinkerte ihr zu und wenn sie gefunden hatte, was er suchte, dann war ein Tätschler auf seinem Hintern doch ein geringer Preis für Perfektion. Für eine Sekunde stellte er sich vor wie es wäre, wenn es Jans Hände waren und nicht die von dessen Schwester, doch nach einem Kopfschütteln war der Gedanke wieder verschwunden, was auch besser war.

„Tja, das haben schon viele getan und es bitter bereut“, kicherte sie kokett und strahlte. Sie freute sich über das Kompliment und seufzte leise. Warum konnte ihr Bruder nicht auch ab und zu so nett zu ihr sein? Der maulte sie doch seit ein paar Wochen nur noch an. Egal, was sie machte, es passte ihm nicht. Lachend schob sie Mario in die Kabine und schloss die Tür hinter ihm, „Nun zieh an, mir juckt’s in den Fingern.“

„Ich weiß nicht, ob ich es wagen soll und diese Kabine noch einmal verlassen. Du mutierst ja mit der richtigen Animation zum männermordenden Vamp. Was sagt denn deine Mutter dazu?“, fragte er gespielt besorgt und machte ein prüfendes Gesicht. Doch dann lachten sie beide und er zog sich schnell die Hose über. Sie war perfekt, passte wie eine zweite Haut, machte jede Bewegung mit und hatte die perfekte Farbe - was für ein Glücksgriff! Er liebte sie jetzt schon. Also schloss er schnell die Knopfleiste und präsentierte sich der wartenden Finderin.

„Rrrr“, machte Annika begeistert und ließ ihre Finger über den Stoff gleiten, als sie um ihn herumging. „Sensationell. Wie für dich gemacht“, sagte sie genießend und legte ihm die Hände auf die Hüften. „Die solltest du wirklich nehmen.“ Eigentlich war es schade, dass sie schon etwas gefunden hatten, sie hätte gern noch etwas Zeit mit Mario verbracht. Aber sie mussten langsam wieder nach Hause. Schließlich wollte sie noch auf eine Party und da gab es vorher noch einiges zu tun.

„Ja, so fühlt sie sich auch an.“ Mario drehte sich zufrieden noch ein bisschen und zwinkerte einer Verkäuferin zu, die die beiden ein wenig beobachtete. Er hatte einfach zu gute Laune, denn eine Last war nun endlich von seiner ultimativen to-do-Liste gestrichen worden.

Annika sei Dank.

„Du bist Gold wert, Kleines.“ Er beschloss, die Hose gleich anzulassen und raffte seine andere Jeans. „Guck mal, wo das Preisschild ist“, bot er seiner Begleitung noch einen kleinen Bonus an und lachte, als Annikas Augen leuchteten.

„Mach ich“, grinste sie und ließ ihre Finger über den Bund streichen. Ab und zu verirrte sich der eine oder andere auch darunter, aber nur ganz aus Versehen. Schließlich musste sie ja gründlich sein und durfte nichts übersehen. Sie brauchte eine Weile und mehrere Umrundungen, bis sie das Schild gefunden hatte und es geschickt abzupfte. „Da ist es“, lachte sie und gab es an die Verkäuferin weiter, damit Mario bezahlen konnte.

„Und wenn der Herr mir jetzt noch das linke Bein auf den Tresen legt, damit ich den Sicherheitschip entfernen kann, könnten sie sogar unbehelligt mit der neuen Hose den Laden verlassen“, lachte sie, als Mario bezahlt hatte und sich für seine alte Hose noch eine Tüte geben ließ.

„Na, nichts leichter als das.“ Mario sorgte für eine kleine Show mit akrobatischen Einlagen und entlockte so dem einen oder anderen Anwesenden ein entzücktes Seufzen.

Frauen!

Sie waren so leicht zu beeindrucken.

Warum war Jan keine Frau? Der hätte wahrscheinlich nur wieder geringschätzig die Augen verzogen und etwas von weibischer Gefallsucht gemurmelt.

„Was ist los?“, fragte Annika, als sich Marios Gesicht verschloss. Gerade war er noch so gut drauf gewesen. Was war passiert, dass er jetzt fast traurig wirkte? Sie hakte sich bei ihm unter und zog ihn aus dem Laden. Die anderen mussten davon ja nichts mitbekommen.

„Ach schon gut, nichts weiter.“ Mario lachte, denn das letzte, was er jetzt wollte, war Jan wieder auf den Tisch zu bringen. Nun, genau genommen würde er ihn gern auf den Tisch bringen und dann... er schüttelte den Kopf. Langsam wurde er wahnsinnig. Das war doch nicht mehr normal. Und wenn er Annika erneut auf die Fährte brachte, musste er sie wieder davon abhalten, ihn morgen zu begleiten, wenn er Jan verfolgen wollte. „Ich glaube nur, ich brauche einen Kaffee.“

„Na, dann los.“ Annika nahm Mario an die Hand und schlenderte mit ihm los, die Einkaufsstraße lang. Auf ihrem Weg lag Starbucks und wenn ihr Freund Kaffee brauchte, dann waren sie dort genau richtig. Sie mochte es, oben im ersten Stock in einem Sessel zu sitzen und die Leute zu beobachten, wie sie die Einkaufsstraße entlangliefen. Voller Vorfreude zog sie Mario in das Geschäft. Sie bestellte ihnen etwas und wartete ganz hibbelig darauf, ihr Getränk endlich in Empfang zu nehmen.

Annika seufzte zufrieden, als sie sich in das weiche Polster fallen ließ und einen genießenden Schluck von ihrem Milchkaffee nahm. Mario hatte sich einen Kaffee mit Haselnussgeschmack bestellt. Der war gut. „War doch eigentlich ein ziemlich erfolgreicher Tag, oder?“ Er blickte auf Annikas Tüten und seine neue Hose und nickte zufrieden. Jetzt bloß keinen Kaffeefleck drauf machen - das wäre das schlimmste, was passieren konnte. Aber wenigstens wusste er jetzt, wo er die Hose her bekam. Vielleicht holte er sich nächste Woche noch eine als Ersatz.

„Ja, jetzt muss die Party nur noch ein Knüller werden und er wäre perfekt.“ Annika lachte und hatte sich damit abgefunden, dass Mario nicht mitkommen würde. Sie wollte ihn damit auch nicht nerven und die Harmonie zwischen ihnen stören. Vielleicht, wenn sie es langsam und vorsichtig anging, konnte aus ihnen doch noch etwas werden und er sah in ihr eine Partnerin und nicht nur eine gute Freundin.

„Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Spaß und nur so viel trinken, dass du noch weißt, was du machst, hörst du? Jungs in deinem Alter sind Monster. Sie haben ihre Pfoten überall und glauben, jede rumkriegen zu müssen. Tritt ihnen in die Eier, wenn sie es nicht begreifen.“ Ein bisschen machte sich Mario immer Sorgen, denn er war auch mal in dem Alter gewesen und wusste noch zu gut, wie er drauf gewesen war. Besser er warnte die arme Annika vor solchen wie sich.

„Hey, ich bin schon ein großes Mädchen und weiß, wie ich mir die Grabscher vom Hals halten kann.“ Es war ja nicht so, dass sie dort alleine hin ging. Einige ihrer Freundinnen kamen mit und so waren sie relativ sicher vor aufdringlichen Jungs. Aber es freute sie, dass Mario sich offensichtlich Sorgen um sie machte, darum schenkte sie ihm ein warmes Lächeln. Warum war so ein Traumtyp eigentlich solo? Genau das fragte sie ihn auch und war wirklich gespannt, warum das so war.

Doch was sollte Mario darauf sagen? Die Wahrheit? Das er allmählich begriff, dass seine Liebe nicht erwidert werden würde, weil Annikas großer Bruder ihn hasste wie die Pest? Oder sollte er etwas flunkern und erklären, dass die richtige noch nicht dabei war? Ja, das war besser - definitiv. Jan sollte das nie erfahren und wenn sich Annika mal verquatschte? Das war zu gefährlich. „Irgendwann kommt schon noch einmal die Frau, die mein Herz in Händen halten wird.“ Er lächelte geheimnisvoll.

„Aha. Das wird schon“, sagte Annika und man sah ihr an, wer diese Frau zu sein hatte, aber sie sagte nichts weiter, denn Mario zu drängen war keine gute Idee. „Was ist nur mit den jungen Männern los? Jan ist auch so ein hoffnungsloser Fall. Da sind doch jede Menge netter Jungs an ihm interessiert, aber er lässt sich nicht einfangen. Ich weiß gar nicht, ob er überhaupt schon mal was Festes hatte.“ Sie schüttelte den Kopf und dachte kurz nach, aber da fiel ihr wirklich niemand ein.

„Und was ist mit dieser Hupfdohle?“, fragte Mario ziemlich irritiert. „Ständig holt der ihn ab und schleppt ihn heim, packt ihn an Stellen an, wo nicht jeder hin packt und oft ist Jan doch bei ihm drüben. Ich dachte immer, die hätten was Festes. Geht ja auch schon 'ne Weile.“ Irgendwie verwirrte ihn Annika heute mit jeder Information, die sie über Jan herausrückte, ein bisschen mehr. Interessiert kam er etwas näher zu ihr und stellte seine Tasse auf den Tisch, um sich nicht doch noch voll zu kleckern.

„Mario, nenn Ronny nicht immer so.“ Annika guckte ein wenig unwillig, aber das dauerte nur kurz, denn Mario hatte da was angesprochen, was sie selbst auch beschäftigte. „Ich weiß, dass sie nicht zusammen sind, aber sonst….“ Sie zuckte mit den Schultern und seufzte. „Ich wüsste selber gerne, was zwischen ihnen ist, aber es ist nichts rauszubekommen.“

„Also wenn du mich fragst: Die haben was miteinander und das beschränkt sich sicherlich nicht nur auf Briefmarken sortieren und Milchshakes trinken“, knurrte Mario und konnte nicht vermeiden, dass seine Laune Richtung Keller sank. Und wenn man bedachte, dass sie gerade im ersten Stock saßen, war das ein ziemlich tiefer Fall, für eine so wehrlose Laune. „Zu dem ist er immer total lieb und freundlich und ich kriege jedes Mal nur die volle Breitseite von dem Idioten. Möchte mal wissen, was ich dem getan habe.“ Das fragte sich Mario schon lange. Eines Tages hatte sich Jan verändert und sich nur noch wie eine Edelzicke aufgeführt - völlig ohne Grund.

„So ist er auch nur zu dir, aber warum, weiß ich auch nicht. Ich habe ihn mal danach gefragt, aber keine richtige Antwort bekommen. Ihr wart doch mal befreundet. Ist da mal was passiert? Habt ihr euch gestritten, oder so was.“ Annika beugte sich vor, denn jetzt wurde sie wirklich neugierig. „Er kommt eigentlich mit so ziemlich jedem gut aus. Nur mit dir nicht.“

„Danke für die Blumen“, knurrte Mario ungehalten und ließ sich frustriert zurück in seinen Sessel sinken. Dass Jan mit ihm nicht klar kam und andere kein Problem mit dem Arsch hatten, das war ihm selber ja auch nicht verborgen geblieben. „Aber ich weiß nicht, was ich gemacht haben soll. Eines Tages unter der Dusche beim Training haben wir über spontane Erektionen gelacht und er zischte mich an, dass so was nicht lustig wäre. Na ja, hätte ich wohl auch gesagt, wenn ich da gerade mit einem Ständer rumgeflitzt wäre. Aber das... was ist das denn für ein Sensibelchen.“

Erst als Mario seine Worte gehört hatte, war es als fiele in seinem Kopf ein Schalter um. War das der Grund? Sie waren doch Kinder gewesen! Sie hatten geblödelt. Hatte Jan das etwa ernst genommen und trug ihm das heute noch nach? „So eine Drama Queen.“ Außerdem war Mario doch nicht der einzige gewesen!

„Ach du Scheiße“, rief Annika und hielt sich gleich erschrocken die Hand vor den Mund. „Wann war das denn? So vor vier Jahren?“, fragte sie, denn dann konnte das gut sein. „Weißt du, dann war das zu der Zeit, als er anfing zu merken, dass er auf Jungs steht und wollte das noch nicht wahr haben. Er hat ständig Angst gehabt, dass jemand was merkt. War wohl nicht der beste Zeitpunkt für so eine Bemerkung. Aber warum er dir das immer noch übel nimmt, ist schon komisch. Schließlich hat er ja kein Problem mehr damit.“

„Außerdem war ich ja wohl mal nicht der einzige, der solche Witze gerissen hat und nicht nur über ihn. Wir haben uns alle gegenseitig verarscht und zudem haben wir immer zwei Badehosen übereinander angezogen, damit es nicht so auffällt, wenn's mal wieder einen erwischte. Nur unter der Dusche, da waren wir alle gleich.“ Mario grinste schief, als er an die Aktionen dort zurück dachte. Nichts was eine junge Dame hören musste. Deswegen behielt er das auch für sich.

„Außerdem hat ihn ja wohl keiner geschnitten, nur weil er auf Jungs steht. Er ist doch nicht der erste und auch nicht der einzige. Ich glaube eher, das hat noch einen anderen Grund.“ Mario weigerte sich zu glauben, dass ihre Freundschaft wegen solch einem Kinderkram kaputt gegangen sein sollte.

„Wer weiß das schon bei meinem Bruder.“ Annika ließ den Finger vor ihrer Stirn kreisen. „Der ist doch vollkommen gaga. Glaubt, er wäre fett, dabei würden viele Jungs morden, um so einen Körper wie er zu haben.“ Eigentlich sagte sie so etwas nicht, aber es war nun einmal die Wahrheit. Objektiv gesehen war Jan eine Augenweide, die Herzen höher schlagen ließ.

„Das kannst du aber laut sagen“, entgegnete Mario mit einem merkwürdigen Glitzern in den Augen, ließ aber offen, ob er nun zustimmte, dass Jan gaga war oder dass er einen echt leckeren Body hatte. Eigentlich ja beides. „Aber was zerbrechen wir uns über Jan den Kopf, der verschwendet seine Zeit ja auch nicht damit, sich über uns Gedanken zu machen. Trinken wir unseren Kaffee und kehren heim, damit du dich endlich fein machen kannst, hm?“ Denn sie kamen ja doch nicht weiter, egal wie sehr sie sich heiß redeten.

„Da hast du wohl Recht.“ Annika kicherte und nahm ihre Tasse wieder hoch. Sie hatte so etwas wie ein Date mit ihrem Traumtypen und das wollte sie bestimmt nicht mit ihrem Bruder versauen. Es reichte schon, wenn sie den Zuhause ertragen musste. Sie plauderten noch ein wenig, ließen Jan dabei aber außen vor. Darum waren sie auch ziemlich guter Laune, als sie sich wieder auf den Heimweg machten.

Vor der Tür von Annikas Haus trennten sich ihre Wege für heute entgültig. „Ich wünsche dir viel Spaß, Kleines. Amüsier dich und benimm dich. Nicht dass ich dich wegen Unzucht mitten in der Nacht von der Polizeistation holen muss.“ Er drückte sie noch einmal an sich und merkte nicht, dass sie aus einem Fenster oberhalb der Tür schon wieder missbilligend beäugt wurden.

„Mach ich, Schatz“, lachte sie und legte Mario die Arme um den Nacken. Sie zog ihn aber nicht zu sich herunter, um ihn zu küssen. „Jan geht sonntags immer um 10 zum Training“, flüsterte sie Mario ins Ohr und löste sich dann von ihm. Sie zwinkerte ihm zu und verschwand im Haus. Sollte Mario mit der Information anstellen, was er wollte. Sie mischte sich da nicht ein. Mario wollte das nicht, also hielt sie sich besser daran. „Danke.“ Mario küsste sie auf die Wange und winkte ihr noch einmal zu, als sie ins Haus ging.



Zufrieden mit sich und der Welt hüpfte Annika die Treppen nach oben und hob eine Braue, als sie die Schuhe ihres Bruders mal nicht vor Ronnys sondern vor ihrer eigenen Tür fand. Der Herr Miesmuffel war also zu Hause, na das konnte ja wieder was werden. Wenn es irgendwann möglich war, miese Laune in Flaschen zu füllen und als Heilmittel gegen zu viel Begeisterung zu verkaufen, dann war ihr Bruder-Vieh ein gemachter Mann.

Sie schloss auf. „Ich bin wieder da - frisch geküsst und mit neuen Klamotten!“, rief sie lachend.

„Wer will so was schon wissen“, ätzte Jan aus der Küche. Er brauchte dringend etwas zu trinken, nachdem er Annika und Mario gesehen hatte. Das war doch widerlich, wie seine Schwester sich an den ran warf und dem Arsch schien das auch noch zu gefallen. Jan warf die Kühlschranktür mit Schwung zu und nahm einen tiefen Schluck aus der Bierflasche.

Immer noch hoch zufrieden kam Annika in die Küche geschlendert. Wie es schien waren ihre Eltern wirklich raus in ihr Häuschen am See gefahren. Was hieß, sie war das Wochenende mit dem Miesepampel alleine. Na Halleluja. Nur gut, dass sie heute zur Party ging und er morgen zum Training. „Na? Gestern nicht genug gesoffen? Ronny musste dich wieder heim schleppen, was?“

„Was geht dich das an“, knurrte Jan. Er ging an Annika vorbei und dass er sie dabei anrempelte war ihm vollkommen egal. Er war wütend und schließlich war sie ja der Grund dafür. Zumindest einer der Gründe. „Musst du dir nicht langsam ein Gesicht malen, damit man dich auf die Party lässt“, sagte er geringschätzig und verschwand in seinem Zimmer. Das war auch besser so, sonst sagte er noch etwas, was er hinterher bereute, so wütend, wie er war.

„Boah, du bist ja heute wieder 'ne Drama Queen.“ Annika ließ sich nicht ärgern. Dafür war der Tag bisher zu schön gewesen. „Außerdem könnte dir mal 'ne Hose in deiner Größe auch nicht schaden.“ Sie kam Jan hinterher und blieb in der Tür stehen. „Mario hat sich ’ne neue gekauft. Voll eng und einen geilen Arsch macht die, ich sag's dir! Und dann hat er die gleich angelassen und wir mussten in dem Ding erst mal das Preisschild suchen. Seine Haut ist ja weich wie ein Baby-Popo!“ Sie geriet ins Schwärmen.

„Als ob mich das interessiert, wie dieser Penner sich anfühlt.“ Jan sah seine Schwester mit funkelnden Augen an und seine Hand verkrampfte sich um die Flasche. Am liebsten hätte er sie angeschrieen, dass sie verdammt noch mal die Finger von Mario nehmen sollte, weil er ihm gehörte, aber er sagte es nicht, weil er genau wusste, was dann passierte. Sie würde ihn auslachen. „Der ist doch eh das Letzte.“

„Na, das würde ich an deiner Stelle auch sagen. Aber er ist toll. Jeder liebt ihn und wenn man mit ihm durch die Straße geht, dann gucken ihm alle nach. Männer und Frauen und er hatte nur Augen für mich. Es war herrlich und er war so aufmerksam.“ Annika rubbelte am Türpfosten auf und ab und schlang die Arme um sich. Allein die Erinnerungen machten sie noch trunken. „Ich wette, er mag mich langsam immer mehr und bald gehört er mir.“ Sie kicherte verwegen - wer nicht wagte, der nicht gewann.

„Ach, ist das so?“ Jan lachte gehässig auf. „Du bist nicht die erste und auch nicht die letzte, mit der er dieses Spiel spielt.“ Jan hatte Lust auf etwas einzuschlagen, denn er wusste, dass das, was er gesagt hatte, nicht stimmte. Man sah Mario selten mit einer Frau und dass er mit Annika jetzt so vertraut war, machte ihn fertig. Mario sollte ihn Preisschilder an seiner Hose suchen lassen und nicht diese Schickse.

Warum ausgerechnet seine Schwester?

Jede andere hätte nicht so wehgetan wie dieses Weib. Schon allein weil sie sich so ähnlich sahen. Nur war sie eben schlanker und kein Specki.

„Meine Güte, bist du scheiße drauf. Geh zu Ronny und lass deinen Frust bei ihm aus. Ich habe viel zu gute Laune, um sie mir von dir kaputt machen zu lassen. Ich werde morgen vielleicht wieder mit Mario auf einen Kaffee gehen“, beschloss sie gerade spontan, denn schließlich wollte sie ja wissen, was Mario über Jans Wechsel herausgefunden hatte. Ihn selber zu fragen kam nicht in Frage, dann wurde der vielleicht noch misstrauisch!

„Bin ich dir vielleicht in dein Zimmer nachgerannt? Wenn dir meine Laune nicht gefällt, verpiss dich. Ich lege bestimmt keinen Wert auf deine Anwesenheit.“ Allein die Vorstellung, dass Annika morgen wieder was mit Mario unternahm, machte ihn kirre. Wenn er Mario schon nicht haben konnte, dann seine Schwester erst recht nicht. Dafür würde er schon sorgen. Wie wusste er noch nicht, aber da fiel ihm schon etwas ein.

„Na mir soll's doch egal sein. Igel dich ein, fühl dich fett und sauf dir mit einer Energiebombe wie Bier noch ein paar mehr Schwimmringe an. Mario sagt auch, dass du echt 'n Schaden hast!“ Sie raffte ihre Tüten und machte, dass sie von dannen kam, denn es wurde langsam eng mit der Zeit, wenn sie noch entspannt baden wollte und sich in Ruhe zu Recht machen.

„Dämliche Kuh!“, schrie Jan ihr hinterher und etwas flog gegen die Tür, die sie gerade geschlossen hatte. Na hoffentlich war das nicht die Bierflasche gewesen. Ihre Mutter freute sich bestimmt nicht über Bierflecken im Teppich. Jan stand mitten in seinem Zimmer und war starr vor Wut. Wie konnte dieser Mistkerl so etwas machen? Er hatte gehofft, Mario aus seinem Kopf zu bekommen, wenn er nicht mehr zum Training ging, aber das war wohl unmöglich, denn ständig lief ihm der Kerl über den Weg. „Verdammte Scheiße“, fluchte er leise und wäre gern zu Ronny hinüber gegangen, um mit ihm zu reden, aber das ging nicht, denn sein Freund war arbeiten. So konnte er nichts anderes tun, als sich auf sein Bett zu werfen und an die Decke zu starren.