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IKEA-Sonderposten - Teil 1 bis 4

IKEA-Sonderposten

Original [NC-16]

[lime]

Inhalt:
Mario und Jan haben es mit ihrem Freund nicht leicht - Felix hat seine erste eigene Wohnung und ihm fehlen Möbel. Seine Freunde müssen helfen und so müssen sie dank Jan, der seinem kleinen Freund nichts abschlagen kann, an einem Samstag zu IKEA. Der Horror für jeden, der schon einmal im Leben einen quirligen Regenwurm gehütet hat.
Doch dann kommt alles anders - ganz anders.
Felix' Leben krempelt sich langsam aber sicher völlig um, vor allem sein Gefühlsleben. 

Teile: 30

Challenge-Antwort auf: IKEA

Danksagung: unseren unermüdlichen Betas !!!




Erklärung: diese Geschichte spielt anderthalb Jahre nach "Gefährliches Wasser".



IKEA-Sonderposten


01

„Hast du schon wieder den angeschleppt?" Mario sah seinen Schatz strafend an, der gerade die gemeinsame Wohnung zusammen mit Felix betrat. „Du weißt ganz genau, dass Haustiere hier nicht erwünscht sind", lachte er und wusste, dass er so ihren kleinen Freund aus der Reserve locken konnte. Er musste gar nicht lange darauf warten, denn schon knurrte Felix ihn an, dass er ihn mal da konnte, wo keine Sonne hin schien und zog sich - durch Jans breiten Rücken geschützt - erst einmal die Schuhe aus. Das eklige, nasse Dezemberwetter hatte dafür gesorgt, dass ein halber Meter Schlamm unter den Schuhen klebte. Wenn er das liebevoll auf Jans neuem Teppich verteilte, dann war er schneller seine niedlichen Ohren los, als ihm lieb war.

„Och Schatz, jetzt sei nicht so. Der Kleine nimmt doch kaum Platz weg. Er stapfte so verfroren durch die Gegend, da musste ich ihn einfach mitnehmen“, lachte Jan und küsste Mario vorsichtig. Draußen war es kalt und somit auch seine Lippen. „Bist du schon lange hier? Ich hatte noch gar nicht mit dir gerechnet.“

„Die Mathe-Übung ist ausgefallen, da konnte ich mich verdrücken", erklärte Mario. Seit er den Wehrdienst hinter sich gebracht hatte, studierte er Bauingenieurwesen, ähnlich wie sein Schatz, der sich für Verfahrenstechnik eingeschrieben hatte. „Außerdem wird dir dein gutes Herz noch einmal zum Verhängnis werden, Schatz. Du kannst nicht jedes Vieh retten, was orientierungslos vor deiner Fakultät rumlungert und drauf hofft, dass du es mitnimmst und fütterst. Gib es auf, das Vieh kommt doch nicht durch den Winter, so mickrig wie das ist." Lachend verschwand er in der Küche, um für alle einen Kaffee zu kochen, während Felix vor sich hin knurrte, Drohungen formulierte und erst einmal Mütze und Jacke von sich warf.

„Aber guck ihn dir doch an, er ist so niedlich. Und wie er knurrt und brummt und böse guckt. Ich verspreche dir auch, dass ich ihn aussetze, sobald es draußen wieder wärmer wird.“ Jan konnte sich das Grinsen nicht verbeißen, als er Mario in die Küche folgte und ihn von hinten umarmte. „Schön, dass du schon da bist.“

„Hab mich auch extra beeilt und Pizza mitgebracht, steht im Ofen, zum warm halten. Wusste doch, dass du den Kurzen wieder einsammelst. Praktisch, dass seine Lehrstelle gleich neben deiner Fakultät liegt, hm?" Mario lachte gutmütig und zog seinen Schatz vor sich, um ihn ausgehungert zu küssen, schließlich hatten sie sich seit heute Morgen nicht gesehen.

„Du bist so ein schlauer Schatz“, grinste Jan, „und der beste Freund, den man haben kann.“ Immer wieder streiften seine Lippen die seines Geliebten und er lehnte sich an Mario, dessen Wärme so langsam auch seinen kalten Körper aufwärmen konnte. „Felix wollte uns was erzählen, aber er hat noch nicht verraten was. Du solltest auch dabei sein“, murmelte er, immer wieder von kleinen Küssen unterbrochen.

„Hallo?", hörte man es auch wie auf Kommando aus dem Flur, in dem Felix immer noch hin und her streifte. Er hatte schon seine dicken Socken angezogen, die Mario für ihn gekauft hatte und besah sich einmal mehr die Bilder an der Wand. Es waren selbst geknipste Poster aus Jans und Marios erstem gemeinsamen Urlaub in Italien. Und während Marios Schnappschüsse, die er gezeigt hatte, fast immer nur Jan erwischt hatten, hatte sein Liebling einen Blick für das richtige Motiv. „Knutscht, wenn ich nicht da bin."

„Hey, ich verhandle gerade darüber, ob du bleiben darfst und etwas von der Pizza abbekommst, die Mario mitgebracht hat“, lachte Jan und raubte sich noch einen intensiven Kuss. Erst dann löste er sich von seinem Schatz und holte drei Teller. Felix hatte ja Recht, es war unhöflich, seine Gäste zu ignorieren. „Komm rüber, Futter fassen.“

„Oh!" Natürlich kam Felix gleich näher geschlichen und streckte die Nase in die Luft. „Hm", machte er und kam zum Herd gehuscht.

„Futter gibt es erst, wenn du sagst, was du unbedingt erzählen willst. Los", forderte Mario mit einem Pizzaroller bewaffnet und sah Felix von oben herab an. Der machte sich noch kleiner, als er sowieso schon war und strich sich eine der langen Strähnen, die er rechts und links vor den Ohren hängen hatte, zurück.

„Wohnung", warf er also rettend in die Arena. „Ich zieh aus."

„Du ziehst aus?“ Jan machte große Augen. „Wann, wohin und warum?“, fragte er gleich und hielt den ersten Teller hin, damit Mario etwas darauf tun konnte. „Reicht denn dein Gehalt dafür?“ Felix war ja erst im ersten Lehrjahr, da bekam er doch bestimmt nicht so viel.

„Oma gibt was dazu", gestand Felix, weil er genau das Problem hatte, doch trotzdem war er stolz wie Oskar. „Unterschrieben habe ich vorgestern und ausziehen will ich, weil es mir zu voll wird. Ich bin neunzehn und teile mir die Wohnung mit meiner Mom. Axel und Tina oben, die haben ja mehr oder weniger ihr separates Reich. Aber wenn ich eine Freundin mit heimbringen will, wären wir doch nirgends ungestört. Ich will auch mal Privatleben", murmelte er leise und fühlte sich noch immer schlecht dabei. Doch seine Mutter hatte ihm zugeredet, wenn er das wirklich wollte. Ihren Segen hatte er und das war ihm das wichtigste.

„Ah, der junge Herr will Sex.“ Jan wippte mit den Augenbrauen und sah Mario grinsend an. War klar, dass er sich das von der ganzen Erklärung gemerkt hatte. „Jetzt erzähl doch mehr. Wo ist die Wohnung? Wie groß? Muss viel dran gemacht werden? Jetzt erzähl doch schon und lass dir nicht alles aus der Nase ziehen.“ Neugierig stupste Jan seinen Freund an und drückte ihm den vollen Teller in die Hand.

„Sie ist in der Altstadt, Nähe Porscheplatz und viel gemacht werden muss nicht. Sie ist renoviert und weiß gestrichen. Möbel sind keine drinnen, aber Mama hört sich für mich um. Waschmaschine und Kühlschrank hat sie schon organisiert. Mein Bett und die Couch und den Schreibtisch kann ich mitnehmen. Dann brauche ich erst mal noch Schränke", erzählte Felix schon freimütiger und schnupperte an dem dampfenden Teller. Der sah lecker aus!

„Hört sich doch gut an.“ Jan belohnte Mario für seinen gefüllten Teller mit einem Kuss und schob Felix vor sich her ins Wohnzimmer. Mario kam nach, weil er noch Gläser und Getränke mitbringen wollte. Die neue Wohnung musste doch gebührend gefeiert werden. Da konnte man schon einmal eine Flasche Cola opfern.

Jan ließ sich auf die Couch fallen und Felix tat es ihm gleich. „Außerdem brauche ich noch Regale und da dachte ich, ich guck mich mal bei euch um. Ist ja fast wie im IKEA Katalog hier", kicherte er und ließ seinen Blick schweifen. „Deinen Billy guck ich mir dann mal genauer an", überlegte er und just in diesem Moment kam Mario zur Türe rein, bekam wieder nur die Hälfte mit und guckte Felix strafend an.

„Du guckst dir ganz bestimmt nicht den Billy von meinem Freund an. Wenn du einen sehen willst, nimm deinen eigenen, auch wenn der mickrig ist", knurrte er und drängelte sich schon mal prophylaktisch zwischen die beiden auf der Couch.

„Schatz, du solltest doch wissen, dass ich meinen Billy keinem außer dir zeige“, gluckste Jan, weil Felix glühte wie eine Lampe und Mario doch ein wenig eifersüchtig wurde. Er mochte es, wenn sein Geliebter Besitzansprüche stellte und er nahm sich vor, ihm nachher, wenn sie alleine waren, dafür zu danken. Er zog Mario zu sich und küsste ihn, musste dabei aber schon wieder grinsen, weil Felix leise: „Ihr seid so blöd“, murmelte.

„Kannst du eigentlich nur mit der Hose denken? Kann ich doch nichts für, wenn ihr eure Körperteile nennt wie IKEA-Möbel, ich meine jedenfalls das da!" Erklärend wies Felix' Hand auf das große, gut gefüllte Bücherregal, das zwischen den beiden großen Fenstern vom Fußboden bis zur Decke reichte und hauptsächlich Jans Sammelleidenschaft für Sachbücher erdulden musste. Ein paar Böden waren mit Türen verkleidet, damit man nicht ständig Ordnung halten musste und in seiner Vielfältigkeit war es genau das, was Felix suchte.

„Ach so, sag das doch gleich“, lachte Jan und wuschelte Felix durch die wilden, roten Locken. Ihre Freundschaft war die letzten anderthalb Jahre noch enger geworden und der schmale Junge war nach Mario und Ronny sein bester Freund. „Japp, die Billys sind wirklich praktisch, darum haben wir sie uns ja auch zugelegt und man kann sicher sein, dass es sie in zehn Jahren auch noch gibt, wenn man erweitern oder ersetzen will“, dozierte Jan und brachte Felix mal wieder dazu, mit den Augen zu rollen.

„Ja, Herr Lehrer", konnte er sich nicht verkneifen, strich aber schon um das Regal, weil die Pizza noch sehr heiß war und er sich schon die Zunge verbrannt hatte. Er zog ein Bandmaß aus der Hosentasche, was Mario eine Braue heben ließ und schon war er dabei, die Maße zu nehmen.

„Felix", fragte Jan zweifelnd, „du weißt schon, dass IKEA eine Internetpräsenz hat, auf der die genauen Maße jedes einzelnen zum Verkauf stehenden Teils entnommen werden können?" Nicht dass er was dagegen hätte, dass Felix mit seinem Bandmaß um das Regal schlich, er war nur einfach ein praktisch veranlagter Mensch, der nutzte, was sich ihm ohne viel Aufwand bot. Seine Mutter nannte das schlicht "faul".

„Papperlapapp, ich glaub nur, was ich mit eigenen Händen gemessen habe. Die können ja viel schreiben und dann passt es hinterher nicht“, murmelte Felix und bückte sich, um das Bandmaß unten einzuhaken, damit er die Höhe messen konnte.

„Uih“, murmelte Jan und biss von seiner Pizza ab. Was sich ihnen da entgegenstreckte, war nicht zu verachten. Dass Felix so einen schnuckeligen, knackigen Hintern hatte, war ihm bisher noch gar nicht aufgefallen.

Allerdings wurde er dafür von seinem Schatz in die Seite gestupst und zum Glück bekam Felix diesen kleinen Disput nicht mit, weil er das nämlich sonst schamlos ausgenutzt hätte.

„Ähm!" Felix stand mit seinen Einssiebzig nun vor dem Regal und reichte auch auf Zehenspitzen nicht bis nach ganz oben. Also musste er mit seinem Bandmaß so lange angeln, bis es sich oben verhakte und er weiter messen konnte.

„Merkt der sich das alles?", fragte Mario ungläubig.

„Nie und nimmer. Ich hab ihm mal in Mathe Nachhilfe gegeben. Er kann sich keine zwei Zahlen merken“, flüsterte Jan zu Mario, ließ Felix dabei aber nicht aus den Augen, denn das Schauspiel war absolut sehenswert. Felix verrenkte sich und es war wirklich nett anzusehen. „Bin gespannt, wann ihm das auffällt, er uns nach Stift und Papier fragt und noch einmal von vorne anfängt.“

„Oder doch den Laptop greift und dort nachguckt", lachte Mario, aber leise, um Felix nicht zu stören oder gar noch davon abzubringen, vor dem Regal zu liegen und am Sockel die Breite zu messen. „Ob wir ihm sagen, dass es in Augenhöhe genauso breit ist wie am Boden?", überlegte er und entschied sich dagegen. Wer verdarb sich schon selbst den Spaß?

„Besser als Fernsehen, hm?“, murmelte Jan und lehnte seinen Kopf an Marios Schulter. „Ich befürchte, dass er morgen dann gleich mit uns nach Ikea will, damit er sich sein Billy kaufen kann. Und uns braucht er für die stilsichere Beratung, weil unsere Wohnung so fantastisch eingerichtet ist und er so gar kein Händchen fürs Einrichten hat.“

„Wie bitte? Ich fahre doch nicht zum Samstag, wenn ganz Essen und Umgebung auf den Beinen ist, nach IKEA. Ich kann mir meine Zeit echt anders vertun", knurrte Mario, der für derartige Eskapaden gar nicht zu haben war. Doch Jan hatte Mittel und Wege, denn er bot seinem verfressenen Liebling an, Mittag bei IKEA zu essen - für Köttbullar tat Mario schließlich fast alles. Nur gut, dass sie immer noch dreimal die Woche trainierten, dann fiel es gar nicht auf, wenn Mario Berge von Fleischbällchen verdrückte.

„Gemeiner Kerl“, brummte Mario, aber es war schon klar, dass er sich am nächsten Tag durch das schwedische Möbelhaus quälen würde, damit Felix seine Wohnung einrichten konnte.

„Dafür darfst du dir heute auch was wünschen“, wisperte Jan dunkel und küsste Mario kurz auf den Hals, dort wo sein Geliebter ziemlich empfindlich und empfänglich war.

„Sei darauf gefasst, dass ich mir etwas einfallen lasse, wobei ich voll auf meine Kosten komme, Schatz", raunte Mario und stellte den Teller mit der Pizza beiseite. Die war im Augenblick nicht halb so interessant wie sein Erpresser-Schatz, den er zu einem intensiven Kuss zu sich zog. Er musste schon einmal Kraft tanken für morgen.

„Gibt’s da auch Türen..." Felix schoss plötzlich herum und verstummte. So wie die beiden aussahen, würde er jetzt sowieso keine Antwort bekommen. Doch er nutzte die Gunst der Stunde und sammelte alle angefressenen Pizza-Stücke auf seinem Teller, schließlich hatte er Hunger.

Er setzte sich auf den Boden, so dass er das Regal gut im Blick hatte und schaufelte die Pizza in sich hinein. Er musste fertig sein, bevor die zwei wieder in der Realität ankamen und merkten, dass sie bestohlen worden waren. Mampfend richtete er im Geiste seine neue Wohnung ein und überlegte, wo die Regale am besten passten. Er hatte beschlossen, auch in der Küche ein Billysystem zu integrieren und stellte nun fest, dass Jans Billy doch nicht alles hatte, was er suchte. Doch ehe er sich an Jan wandte, musste er dessen Pizza vertilgt haben und so schob er sich hastig noch die letzten Stücke in den Mund und kaute, sah aus wie ein Hamster und guckte extrem unschuldig, als Mario merkte, dass er nicht von Luft und Liebe leben konnte, weil der Magen knurrte. „Fehlt hier nicht was?", murmelte er und fixierte den leeren Teller.

„Und bei mir auch.“ Jan hob seinen Teller hoch und sah darunter. „Da ist sie auch nicht“, seufzte er und sah sich im Zimmer um. Er stupste Mario an und zeigte auf Felix. „Vielleicht sollten wir mal das niedliche Tierchen fragen, das auf unserem Teppich sitzt und fast erstickt.“

Natürlich machte besagtes Tierchen gleich abwehrende Gesten mit den Händen, schüttelte den Kopf, denn Sprechen konnte es noch nicht, weil es damit beschäftigt war, den letzten Happen hinunter zu würgen. Felix war dem Erstickungstod nahe.

„Ich hab doch gesagt, schlepp das Vieh nicht an, das macht nur Ärger. Aber nein, du wusstest es ja besser. Nun sitzt du ohne Essen da. Strafe muss sein", knurrte Mario und sah Felix mit Genuss dabei zu, wie er fast erstickte und die Tränen liefen. Strafe musste eben sein. Und sobald sie einer weniger waren, wurde die zweite Pizza angeschnitten.

„Wie: ich sitze ohne Essen da? Soll das heißen, ich krieg nichts mehr? Ich hab aber Hunger.“ Jan setzte sich so hin, dass er Mario vorwurfsvoll ansehen konnte und klopfte Felix gleichzeitig auf den Rücken, damit er nicht doch noch erstickte. Zufrieden hörte er, wie sein Freund tief Luft holte und wandte sich wieder Mario zu. „Schatz, Felix gehört doch praktisch zur Familie und draußen wäre er doch erfroren. Er kriegt jetzt nicht mehr viel und wir teilen uns den Rest.“

„Ihr habt mich doch dazu gezwungen", keuchte Felix und hustete sich alles von der Seele. Es war so befreiend, endlich wieder atmen zu können. „Hättet ihr nicht das arme Essen unbeaufsichtigt gelassen und geknutscht, während besagtes, unbeaufsichtigtes Essen auf meinen Teller gekrochen ist, weil es wusste, dass es dort Beachtung findet, wäre das alles nicht passiert", redete Felix sich raus.

Wie auf Kommando zogen Jan und Mario den Kopf ein. Sie hatten schon wieder alles um sich herum vergessen und das war ihnen peinlich. Eigentlich hatten sie sich geschworen, nicht so unhöflich zu ihren Gästen zu sein. Bei Felix vergaßen sie das ab und zu, weil er einfach mit dazu gehörte und den größten Teil seiner Freizeit bei ihnen verbrachte. „Dann bringt er eben das nächste Mal das Essen mit, dann ist das ausgeglichen.“

„Am besten was von Kemal, die Bude ist lecker", überlegte Mario und war versöhnt. Erleichtert stieß Felix die Luft aus und weil ein Gewitter gerade verzogen war und die Sonne schien, konnte er ja ein zweites heraufbeschwören. „Ja-han?", quengelte er also leise, „fährst du morgen mit mir nach IKEA?" Dabei machte er große, runde Augen und hoffte, dass es zog. Jan war nämlich der, der ein Auto hatte. Mario fuhr immer noch sein Bike und Felix hatte zwar den Führerschein, aber noch kein Auto.

„Hm. Morgen ist Samstag, dann ist es da doch wieder so voll“, brummte Jan und guckte nicht begeistert. Zwar war schon klar, dass sie morgen zu IKEA fuhren, aber das hieß ja nicht, dass sie Felix nicht noch ein wenig zappeln lassen konnten. Wer hungrigen Jans Pizza klaute, hatte Strafe verdient.

Und zwar welche von der übelsten Sorte!

Mario machte nämlich gleich weiter. „Zum Samstag! Hat's dich getreten, oder was? Das tu ich mir nicht an! Bestell im Internet und lass liefern. Die langen Bretter kriegste eh nicht in Jans Gurke", erklärt er ungerührt von Felix' entsetztem Blick.

„Aber", setzte er leise an und hatte gerade keine Argumente.

„Eben, das mach ich gerne mit dir zusammen. Meinetwegen auch morgen, dann kannst du gleich deine Schulden bezahlen.“ Jan strahlte Felix an, der immer kleiner wurde.

„Aber so geht das doch nicht. Dann weiß ich gar nicht, ob das Regal so ist, wie ich es haben will. Ich muss es im Original sehen, anfassen und vermessen“, murmelte er und guckte noch elender.

„Und was genau hast du da gerade die ganze Zeit mit meinem Billy gemacht, hm? Hast ihn angefasst, vermessen, im Original gesehen - was willst du mehr? Und die Ausstellungsstücke, die du anfassen, vermessen und angucken kannst, bekommst du doch sowieso nicht mit. Hock dich an Marios Laptop und bestell, ist der leichteste Weg." Jan musste sich schon ordentlich zurückhalten, um nicht prustend wie ein Walross lang auf der Couch zu liegen. Felix' Jammerspiel war köstlich.

Felix setzte noch einmal zu einer Erwiderung an, aber ließ dann doch nur seufzend den Kopf hängen. Geschlagen stand er auf und schlurfte zum Schreibtisch, wo der Laptop stand. Das konnte Jan einfach nicht mit ansehen. „Ist ja gut, Mauseplautz. Mach aus dem Essen von Kemal eine doppelte Portion Köttbullar für Mario und eine normale für mich, dann fahren wir dich morgen nach IKEA, okay?“, rief er ihm glucksend hinterher und konnte sich dann vor Lachen nicht mehr halten.

„Boah, lachst du etwa über mich?", maulte Felix, grinste aber zufrieden. Er hatte bekommen, was er wollte, und mit ein paar leckeren Fleischbällchen bezahlte er doch gern. „Dann kann ich gleich noch jede Menge Schnicki-Kram kaufen, wenn ich die langen Bretter sowieso liefern lassen muss. Ach, das wird herrlich. Fahren wir gleich ganz zeitig, ja? Damit wir ganz viel Zeit haben!" Wie aufgescheucht flitzte Felix nun vor dem Billy hin und her und Mario verdrehte die Augen. Jeden Morgen kroch er halb sechs aus dem Bett und dann sollte er morgen auch noch zeitig raus? So war das ja eigentlich nicht gedacht.

Jan lehnte sich grinsend zurück und zog Mario zu sich, damit er ihn trösten konnte. Früh aufstehen am Wochenende mochten sie beide nicht, aber was tat man nicht alles für einen Freund. „Wir holen dich um neun Uhr ab, dann hast du genug Zeit, alles zusammen zu suchen und wir haben wenigstens halbwegs ausgeschlafen.“

„Au ja, das klingt gut!" Nun huschte Felix doch an den Laptop und startete ihn, beobachtete während des Hochfahrens aber Mario, wie der leise moserte und die Uhrzeit noch zu verhandeln versuchte. Aber Jan blieb hart. Schließlich suchten sie auch noch einen Tisch und Stühle für die Küche. Das Sammelsurium, was sie bis jetzt dort stehen hatten, war einfach nicht mehr ansehnlich. Er hatte da auch schon was ins Auge gefasst und musste das seinem Liebling morgen schmackhaft machen.

„Du wirst es überleben, Schatz." Jan strich seinem Freund über die Haare.

„Wenn Felix hat, was er braucht, dann fahren wir wieder nach Hause – allein! Und dann stellen wir alles ab, was uns an diesem Wochenende stören könnte.“ Immer wieder fuhren Jans Finger durch die kurzen Haare und ab und zu bekam Mario auch einen kurzen Kuss.

„Soll ich gehen?", fragte Felix und verdrehte die Augen. Jetzt schmusten die schon wieder! Seit die beiden sich gefunden hatten, waren sie praktisch unzertrennlich und ein bisschen neidisch war Felix schon. Er hätte auch gern jemanden, vorzugsweise aber ein Mädchen, denn nackte Kerle machten ihn nicht an. Er hatte das schon mal versucht mit ein paar Pornos, die er bei Mario gefunden hatte. Nein, das war nicht seine Liga.

„Hör auf zu moppern. Ich bin gerade dabei, deinen Einkaufstrip zu sichern“, lachte Jan und küsste Mario noch einmal demonstrativ. „Außerdem warst du gerade mit Marios Laptop beschäftigt, da kann ich mich mit Mario beschäftigen. Stöbere noch ein bisschen, dann kann ich meinen Schatz den samstäglichen Einkaufsbummel schmackhaft machen.“

„War ja klar, dass ich wieder die Ausrede dafür bin, dass dir die Hormone aus den Ohren quellen", moserte Felix, widmete sich aber dem Laptop und richtete sich dort am Schreibtisch häuslich ein. Wenn die zwei erst einmal anfingen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, war man ziemlich schnell abgeschrieben. Da konnte Felix auch die Chance nutzen, seine Einkaufsliste zusammen zu stellen, ehe er zum Bus flitzte und heimfuhr.

„Das ist bei solch einem Prachtkerl von Freund ja auch kein Wunder.“ Jan leckte sich über die Lippen, als er Mario ansah und ihn lüstern von oben bis unten betrachtete. Ihn lockte schon wieder die breite Brust, über die er zu gerne seine Finger streichen ließ. „Ich liebe dich“, murmelte er leise und gab nach. Er konnte Mario einfach nicht widerstehen und hob die Hand, um seinen Freund zu streicheln.

„Ich dich auch, und wenn du nicht das pflegeintensive Haustier angeschleppt hättest, würde ich dir das sofort hier auf dem Teppich beweisen", murmelte Mario und ließ sich langsam auf die Couch sinken, zog Jan auf sich und mit in die Waagerechte. Felix versuchte die beiden zu ignorieren, auch wenn das bei den Geräuschen, die sie machten, nicht ganz so leicht war. Summend versuchte er sich abzulenken. Aber allzu lange surfte er nicht mehr, denn die Geräusche wurden mit der Zeit immer intensiver und ließen sich auch durch Summen nicht mehr ignorieren. Darum fuhr er den Laptop runter und zog sich an. Er hatte, was er wollte, und da konnte er einmal großzügig sein.

„Bis Morgen dann. Seid pünktlich!“, rief er aus dem Korridor und zog die Tür hinter sich zu. Er musste sich beeilen, wenn er seinen Bus noch kriegen wollte.



02

„Mauseplautz?" Frau Kaminski steckte den Kopf in das Zimmer ihres Sohnes. Hatte Felix nicht gestern noch groß getönt, er würde um neun von Jan und Mario eingesammelt und sie wollten zu IKEA? Jetzt war es viertel vor neun und ihr kleiner Liebling rollte sich immer noch im Bett herum.

„Hm, nur noch fünf Minuten", maulte Felix und verschwand elegant unter seinem Kissen.

„In fünf Minuten stehen deine Freunde vor der Tür, Mauseplautz", erklärte Sylvia und lachte, ging aber lieber aus der Tür, weil sie ahnte, was jetzt kam.

Kaum hatte sie die Tür geschlossen, flog etwas dagegen. „Das war das Kissen“, analysierte Felix' Mutter das Aufprallgeräusch und als sie ein Poltern und Fluchen hörte, nickte sie zufrieden. „Die Botschaft ist angekommen“, murmelte sie und ging in die Küche, wo sie schon ein Brötchen für ihren Sohn geschmiert hatte, das er unterwegs essen konnte. Für Mario lag da auch schon eins. Dick mit Nutella bestrichen, so wie der Freund ihres Sohnes es am liebsten mochte. Der Appetit des großen Schwimmers war legendär und sie versorgte ihn gerne ein wenig mit, wo Felix doch oft bei seinen Freunden aß.

Als nächstes knallte erst eine Tür, dann gab es ein kurzes aber intensives Wortgefecht, dann knallte die nächste Tür und Axel kam - mit einem Handtuch um die Hüften - in die Küche. „Hat der Kurze wieder verpennt? Wozu hat der zum Geburtstag einen Wecker bekommen?" Axel, der eigentlich eine Etage höher wohnte und sich dort mit seiner Schwester das Bad teilte, hatte heute Morgen den kürzeren gezogen und unten duschen müssen. Doch er war nicht schnell genug gewesen, in der Duschkabine zu verschwinden. Das rächte sich jetzt.

„Der liegt in irgendeiner Ecke und hat keine Batterien mehr“, lachte Sylvia und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Axel war das genaue Gegenteil von Felix. Groß, sportlich gebaut, aber gegen seinen kleinen Bruder hatte er keine Chance, wenn der etwas wollte. Das war schon immer so gewesen. Felix quatschte Axel schwindelig und hatte gewonnen. „Dein Bruder hatte schon nach zwei Tagen genug von diesem Terrorteil, wie er es nennt."

„Vor dem ist aber auch nichts sicher. Wie will der pünktlich zur Arbeit oder zur Berufsschule kommen, wenn er erst mal ausgezogen ist? Du kannst ja schlecht jeden Morgen bei ihm vorbei fahren und ihn wecken", lachte Axel. Er hatte sich den großen Dachboden des Familienhauses ausgebaut, so wie seine Großeltern sich den geräumigen Keller hergerichtet hatten. Er selbst arbeitete bei der Bahn als Lokführer und heute war einer seiner wenigen Samstage, die er frei hatte. Da ging er den Tag gern ruhig an und nutzte die Stunden am Vormittag, um ein wenig Zeit mit seiner Mutter zu verbringen.

„Ich denke, er stellt sich vor, dass ich ihn jeden Morgen anrufe, damit er pünktlich ist. Ich überlege noch“, lachte Sylvia und gab ihren Kaffee an Axel weiter. Sie genoss es, mit ihrem Ältesten mal wieder allein zu sein. Dann konnten sie reden, wozu sie sonst kaum kamen, weil sie beide beruflich sehr eingespannt waren.

„Und so wie ich dich kenne, gewinnt Herr Mauseplauz und du machst jeden Morgen um sechs pünktlich den Weckdienst. Sei froh, dass wir eine Telefonflate haben, sonst würden dich die Kosten noch ruinieren", lachte Axel und rutschte in die Eckbank. Sie war schon etwas abgewetzt, doch keiner wollte sich von ihr trennen. Sein Vater hatte sie selbst gebaut und auch wenn Hannes schon seit zehn Jahren tot war, fehlte er noch immer jedem im Haus.

Sylvia verzog grinsend das Gesicht und nickte. Axel kannte sie einfach zu gut. „Das sind die Muttergene“, verteidigte sie sich lachend und setzte sich zu ihm. „Dann weiß ich wenigstens jeden Morgen, dass es ihm gut geht“, seufzte sie leise. Sie war etwas besorgt, dass ihr Jüngster auszog. Sie hatte ihre Familie gerne in ihrer Nähe, damit sie wusste, dass es ihnen gut ging.

Axel hatte nicht mehr die Chance, noch etwas zu sagen, denn ein rothaariger Schatten huschte durch das Bild. Wobei huschen etwas hoch gegriffen war, er hüpfte auf einem Fuß, weil er sich über den anderen gerade einen Socken zog. „Kurzer, du weißt, ich verehre deinen Stil, dich zu kleiden. Aber an deiner Stelle würde ich bei dem Wetter mehr als eine Unterhose und eine Socke tragen. Sonst bist du morgen krank."

„Du kannst mich mal am A...", setzte Felix knurrend an und wurde durch ein strenges: „Herr Mauseplautz!", gerade noch zum Umlenken animiert, sodass sein Satz mit einem: „Abend besuchen", endete, während er in sein Brötchen biss.

„Okay, ich bringe einen Film mit, du besorgst die Getränke und Knabberzeug“, schoss Axel zurück und Felix zeigte ihm einen Vogel und schon war er wieder aus der Küche. Die Fliesen an seinem unbesockten Fuß waren kalt. Gerade als er in sein Zimmer wollte, schellte es an der Tür. „Macht mal einer auf?“, brüllte er mit vollem Mund und schmiss seine Zimmertür hinter sich zu.

So war es an Sylvia, die Gäste ihres Jungen einzulassen. „Guten Morgen, Mauseplautz ist noch am Anziehen", begrüßte sie Jan und Mario und bat sie herein.

„Der Penner ist wieder nicht aus dem Bett gekommen und noch nackig. Holt ihn euch, wenn ihr wollt, eine bessere Gelegenheit gibt es nicht", lachte Axel. Er selber konnte Männern nichts abgewinnen, aber Jan und Mario waren in Ordnung, deswegen störte er sich auch nicht daran, dass die lieber nicht mit Mädchen spielten.

Jan und Mario lachten, gingen aber lieber in die Küche, denn dort roch es für Jan verführerisch nach Kaffee und Mario wusste, dass dort ein leckeres Brötchen auf ihn wartete. „Ne, ne, lass mal, der wirft mit spitzen Gegenständen.“ Mario ließ sich neben Axel nieder und grinste dreckig. „Die Aussicht hier ist doch auch nicht zu verachten.“ Felix' Bruder war nämlich immer noch nur mit einem Handtuch bekleidet.

„Ich weiß ja nicht, was dein Lover dazu sagt", lachte Axel, blieb aber wie er war. Er wusste, dass er nicht ins Beuteschema passte und wenn er gut drauf war, spielte er sogar mit, wenn Mario so tat, als würde er ihn anbaggern.

„Mach nur so weiter, ich lass dich gleich da und fahre mit Felix allein. Einen schnuckeligen Verkäufer werd ich schon finden, der mich in die Bettenabteilung begleitet", konterte Jan und setzte sich ebenfalls zu seiner Tasse mit Kaffee.

„Das hast du jetzt davon. Dein Babe brennt mit meinem kleinen Bruder durch und du guckst in die Röhre. Denn jetzt, wo der Kurze raus ist, kann ich ins Bad. Ich empfehle mich", sagte Axel und erhob sich. Er war noch nicht geduscht und fühlte sich nicht wohl dabei.

„Schade“, murmelte Mario grinsend und biss in sein Brötchen. Er sollte sich beeilen, denn Felix wollte bestimmt gleich los, wenn er endlich angezogen war. Das war so typisch. Erst verschlafen und dann Hektik machen. Und wirklich kam Mauseplautz keine zwei Sekunden später aus seinem Zimmer in die Küche gestürzt. Ein wenig gewöhnungsbedürftig, von der Farbzusammenstellung her, aber vollständig gekleidet.

„Hockt hier und futtert, während wir los wollen. Muss das sein?", moserte er grinsend zur Begrüßung und guckte auf die Uhr - fast pünktlich, nur vier Minuten zu spät. Das war noch im erträglichen Maß und dürfte keinen einzigen Köttbullar Aufpreis kosten.

„Auch dir einen wunderschönen, guten Morgen, Felix", erklärte Jan ungerührt und grinste, weil sein Liebling schon wieder knurrte und was von Haustierfolter murmelte. Dabei mochte er Felix doch auch, er zeigte das nur nicht so.

Felix streckte Mario die Zunge heraus und Jan zog ihn neben sich, damit er nicht noch auf die Idee kam, Mario zu stupsen und zu triezen, damit sie endlich los konnten. „Lass ihn lieber, wenn er satt ist, ist er besser drauf“, flüsterte er Felix ins Ohr.

„Und du besser drunter?", konnte der sich nicht verkneifen, zog aber den Kopf ein, als Jan tief Luft holte. „Ja, ja. Ist ja gut. Bin ja schon still, ich zieh schon mal Schuhe an. Lasst euch von mir nicht hetzen!" Und schon war Felix wieder aus der Küche raus, nur die leere Kaffeetasse erinnerte daran, dass er hier gewesen sein könnte.

„Komm, Schatz, wir schaffen ihn nach IKEA, sonst dreht der noch durch“, lachte Jan und küsste Mario auf den Mundwinkel und seine Zunge leckte dabei einen kleinen Schokoladenklecks auf. Sylvia beobachtete sie dabei und musste lächeln.

„Jungs“, tönte es aus dem Korridor und Jan zog seinen Schatz hoch, damit sie endlich los konnten.

„Dieses erste-eigene-Wohnung-Syndrom ist echt bei jedem gleich. Du warst auch nicht anders", knurrte Mario und bedankte sich für die Stärkung, während Oma Elli gerade aus dem Garten kam. „Jungs, es fängt am regnen, nehmt Schirme, sonst habt ihr morgen Hals", riet sie und Felix verdrehte lachend die Augen. So lange hatten sie nicht vor sich im Freien aufzuhalten. Das ging schon ohne.

„Ja, ja“, rief er deswegen nur und schob seine Freunde aus der Tür. Seine Oma brachte es nämlich fertig und drückte ihnen Schirme in die Hand.

Jan brachte sie durch die Stadt zu dem großen, schwedischen Möbelhaus und parkte im Parkhaus. Wenn er sich anguckte, wie viele Autos hier standen, dann konnte er sich vorstellen, dass es ziemlich voll war. Und nicht nur das, wenn man mal an den Wagen vorbei schlenderte, auf dem Weg zum Eingang, dann konnte man die Flotten der Familienkutschen sehen, alle gepflastert mit Kindersitzen und zurückgelassenen Plüschtieren. Mario seufzte. Was würde er jetzt darum geben, auch so ein Plüschie zu sein und im Wagen zurückgelassen zu werden. Doch es half nichts, da mussten sie durch.

Er ließ den Kopf ein wenig hängen, darum legte Jan den Arm um ihn und Mario bekam noch schnell einen Kuss, bevor sie das Möbelhaus betraten. Ihre Befürchtungen wurden sogar noch übertroffen. Als erstes hörten sie lautes Kindergeschrei, weil ein Kind wohl nicht im Småland abgegeben werden wollte und so machten sie, dass sie die Treppe hoch kamen. Nicht ohne einmal kurz mit dem Gedanken zu spielen, den hyperaktiven Felix dort abzugeben und dessen Regalsystem selber zu kaufen und liefern zu lassen.

Doch dann fiel ihnen ein, dass sie das dann auch bezahlen müssten und bei Geld hörte ja bekanntlich die Freundschaft auf. Also flitzten sie Felix hinterher, der schon in den ersten Ausstellungsräumen verschwunden war und zur Hälfte in einem ausgestellten Schrank verschwand. Bei seiner Größe war er gar nicht mehr so leicht zu finden, denn die leuchtenden Haare waren nicht mehr zu sehen.

„Einer von uns muss ihn immer im Auge behalten. Ich will Sylvia nicht erklären müssen, warum uns ihr Sohn abhanden gekommen ist“, bestimmte Jan und übernahm gleich die erste Wache, damit Mario es sich in einem bequemen Sessel gemütlich machen konnte.

„Felix, das ist nicht Billy“, versuchte Jan seinen Freund zum weiterlaufen zu bewegen, aber er hatte irgendwie das Gefühl, ignoriert zu werden. Felix hatte schon wieder sein Bandmaß gezückt und rotierte um den Schrank mit den Glastüren, malte auf seinem Grundriss herum, den er sich erstellt hatte und maß erneut. Dann schüttelte er resigniert den Kopf und schlich weiter, Jan folgte ihm auf dem Fuße. Er plädierte immer noch für einen Leinenzwang für Felix, das würde vieles leichter machen.

Wirklich.

Im Vorbeigehen sammelte er noch Mario ein, der gar nicht erbaut war, sich wieder erheben zu müssen. Aber sie mussten sich beeilen, der Wirbelwind hatte nämlich schon wieder etwas Neues entdeckt.

Eine Küche!

Die konnte Jan auch gefallen, wenn er in seiner Küche Platz dafür hätte. Schränke bis unter die Decke und der Clou war eine Leiter, die auf einer Schiene hin und her bewegt werden konnte, damit man an die oberen Schränke kam. Genau auf dieser turnte Felix herum und streckte und reckte sich. In seiner bunten Kleidung und mit seinen roten Haaren hob er sich gut von der weißen Küchenoberfläche ab und darum war es nicht weiter verwunderlich, dass viele Blicke zu ihm gingen.

„Ist die cool, wenn meine Küche zwei Meter höher wäre und zwei Meter breiter und drei Meter länger, dann würde ich mir auch so was Tolles kaufen." Und schon versuchte er, auch noch den letzten Schrank zu erreichen und kam ins Rutschen.

„Pass auf!", rief Jan noch. Er versuchte Felix zu erreichen, kam aber nicht schnell genug an ihn heran und sah ihn schon fallen, da griffen zwei kräftige Arme zu und hielten seinen Freund fest.

„Hoppala“, sagte eine tiefe Stimme und Felix hing etwa zwanzig Zentimeter über dem Boden, an eine breite Brust gedrückt. „Alles in Ordnung?“, fragte der offensichtliche IKEA-Verkäufer und ließ Felix wieder runter.

„Oh", machte Felix erst einmal etwas dümmlich und musste sich sammeln. Dabei sah er seinem Retter in die lachenden Augen. „D-Danke." Er stammelte leise und holte tief Luft. „Vielleicht sollte man an die Leiter noch eine Kletterausrüstung montieren, für solche wie mich", versuchte er zu flachsen und sah den groß gewachsenen, jungen Mann noch einmal schämig an. Was musste der nur von ihm denken.

„Oder wir sollten einen original schwedischen Küchenwächter in den Lieferumfang aufnehmen. Sein Name ist Ole“, lachte der junge Mann und zwinkerte Felix zu. „Dann entspricht unsere Küche aber wirklich allen Sicherheitsbestimmungen. Also, soll ich alles einpacken und liefern lassen?“

„Ist der im Preis inbegriffen oder kostet der extra?", fragte Felix ohne nachzudenken und grinste schief, als er an dem Zwei-Meter-Kerl hoch guckte. Die blonden Haare hingen ihm lässig ins Gesicht. Der Typ war witzig. „Und wenn sie mir dann gleich noch zwölf Kubikmeter Küchenausbauraum liefern, den ich an meine Winz-Küche angliedern kann, wäre das perfekt." Immer noch den Schreck in den Knochen setzte sich Felix auf die Leiter und atmete noch einmal tief durch.

„So ein Pech aber auch. Der Küchenausbauraum ist leider aus dem Programm genommen worden.“ Der Verkäufer tippte sich auf die Lippe und schien zu überlegen. „Vielleicht im Schnäppchenmarkt, aber dann ist er wahrscheinlich ziemlich abgegriffen oder beschädigt – nein, das geht nicht“, murmelte er vor sich hin und zuckte dann mit den Schultern. „Wie wäre es dann nur mit dem schwedischen Küchenwächter, der findet auch in einer Winz-Küche Platz“, grinste der. „Ole kann man aber auch in anderen Räumen benutzen, da ist er flexibel.“

„Bilde ich mir das gerade nur ein oder baggert der blonde Riese gerade Felix auf das heftigste an?", murmelte Jan, der mit Mario dem Schauspiel unweit beiwohnte und ungläubig beobachtete, was da abging. Felix kicherte und wollte wissen, in welchen Farben der Sicherheits-Ole zu haben wäre und ob der mit Batterie oder Kabel lief.

Ole lachte und Mario brummte nur: „Hm.“ Es sah ganz danach aus, aber am meisten überraschte ihn, dass Felix darauf einging. Normalerweise hätte er schon das Weite gesucht, wenn jemand weniger massiv an ihm gebaggerte. Aber vielleicht sahen sie das ja auch vollkommen falsch und dieser blonde Hüne war nur ein exzellenter Verkäufer, der Felix gerade dazu bewegen wollte, eine Küche zu kaufen. Vielleicht sollten sie das erst einmal noch etwas eruieren, ehe sie sich ein Bild machten.

„Nein. Im Ernst. Die Küche ist toll, aber deswegen bin ich gar nicht hier. Ich suche die perfekte Billy-Lösung für mein kleines Wohnzimmer", sagte Felix und sah sich noch einmal in seiner Lieblingsküche um. Er liebte sie, so wie sie war. Mit den zwei Reihen Hängeschränken, mit der großen Kochinsel und den riesigen Schubfächern, mit dem großen Waschbecken und den vielen Elektrogeräten, am meisten aber wegen der Leiter. Irgendwann, wenn er als Konstrukteur viel Geld verdiente und sich eine große Wohnung leisten konnte, dann hoffte er, dass es dieses Schmuckstück immer noch gab.

„Ah, ein Klassik-Fan.“ Ole lehnte sich an die Kochinsel und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sollen die Regale offen bleiben, oder mit Türen? Ich würde eine Mischung aus beiden empfehlen. Lassen sie uns doch rüber gehen und wir stellen eine passende Kombination zusammen.“

„Ah, gute Idee." Felix war gleich begeistert, denn fachkundiges Personal war doch was Feines. „Ich will eigentlich eine komplette Wand zustellen und da alles unterbringen, was in meiner Bude so rum schießt. Bücher und Klamotten und Dinge, die ich vielleicht noch kaufen werde." Und schon ging Felix los und Jan sah ihm ungläubig hinterher. Hatte der sie beide gerade vergessen?

„Spinn ich, oder was? Da muss ich wegen dem zu nachtschlafender Zeit aus meinem Bett und nun sind wir abgemeldet, weil er jetzt einen persönlichen IKEA-Sklaven hat.“ Mario war ziemlich angepisst und er wäre wohl auch wieder nach Hause gefahren, wenn Jan ihn nicht daran gehindert hätte.

„Schatz, wir haben uns vorgenommen, auf ihn aufzupassen, also hinterher“, bestimmte Jan und versöhnte seinen Schatz mit einem kleinen Kuss. „Komm, hinterher.“

Dass ein paar Leute ihnen fragend nachsahen, bemerkten sie gar nicht. Nur aus dem Augenwinkel sah Jan die Esstischkombination, die er seinem Liebling schmackhaft machen wollte. Doch vorerst musste er sich den Standort merken und ihn dann dorthin lotsen, wenn sie Felix wieder eingefangen hatten. Der allerdings wuselte neben dem großen Verkäufer und schien diesem seine halbe Lebensgeschichte zu erzählen, erklärte auslandend mit den Händen und brachte den Verkäufer zum Lachen. Die beiden gaben schon eine seltsame Kombination ab.

Während Jan und Mario zu ihnen aufschlossen, hatten sie Zeit, sich diesen Verkäufer einmal ein wenig genauer anzusehen. Der Kerl war riesig, mindestens zwei Meter, wenn nicht noch mehr und erinnerte vom Körperbau an einen Wikinger. Recht viele Muskeln, allerdings nicht zu übermäßig austrainiert und gut verteilt, so dass es ein ansprechendes Gesamtergebnis abgab. Dazu noch blonde Haare und blaue Augen, ein klassisch hübsches Gesicht. Alles in allem perfekt das Klischee, was man von einem Schweden hatte.

„Importieren die jetzt schon ihre eigenen Verkäufer?", maulte Mario, der schon wieder keine Lust mehr hatte, zwischen den ganzen Bollerwagen voll quengelnder Kinder Hindernislauf zu machen und dabei Felix nicht aus den Augen zu verlieren. Doch ein Gutes hatte die Sache, diesen Riesen konnte man nicht aus den Augen verlieren und in seiner Nähe dürfte Felix sein.

„Wenn ich dran denke, was wir alles im Bett machen könnten, anstatt hier sinnlos herum zu flitzen? Ich werd wahnsinnig. Das kann der Wicht gar nicht wieder gut machen." Marios Laune war auf dem kürzesten Weg in den Keller und nahm dabei immer drei Stufen mit einmal. Jan griff sich Marios Hand und drückte sie. Er konnte ihn ja verstehen, denn er selber würde jetzt auch lieber mit seinem Liebling im Bett liegen und Schweinskram machen. Versöhnlich streichelte er mit seinem Daumen über Marios Handrücken.

Ole und Felix bekamen davon gar nichts mit, denn sie waren gerade in eine Diskussion vertieft, ob die Regale alle gleich hoch sein sollten, weil das mehr Stauraum brachte, oder ob es nicht ansprechender wäre, diese ein wenig durch kürzere Elemente aufzulockern.

„Und wenn man dann noch ein farblich passendes Bild dazwischen hängt...", überlegte Felix gerade und zückte wieder sein Maßband und seinen Grundriss. „Da soll die große Pflanze von Opa hin und da die Couch von Mama." Er redete leise vor sich hin und versuchte, sich das vorzustellen, um heraus zu finden, ob es besser war, auf Ästhetik zu setzen oder auf Stauraum. Das war nicht so leicht abzuwägen.

„Das ist der Grundriss vom Wohnzimmer?“, fragte Ole und nahm Felix das Blatt Papier aus der Hand. „Die Maße stimmen? Dann können wir die beiden Varianten nämlich gleich in den Planer eingeben und uns anzeigen lassen, wie das aussieht“, überlegte er laut und rieb sich über das Kinn. Er überschlug schnell im Kopf, wie viele Elemente sie brauchten und wie sie verteilt werden sollten, damit es gemütlich und praktisch zugleich wurde.

„Das geht?", fragte Felix mit leuchtenden Augen und Jan und Mario, die sich gerade auf einer Couch niedergelassen hatten, seufzten, als die beiden von dann gingen.

War das schon alles?

Kein Messen?

Kein Diskutieren?

Kein Grübeln, welche Elemente von Nutzen sein könnten?

Wollte Herr Mauseplautz nicht auch Türen haben?

Er hatte sie sich nicht einmal angesehen!

„Der macht mich fertig", knurrte Mario leise. Er wollte sich gerade wieder erheben, da ließen sich die zwei an einer Infotheke in der Nähe nieder und der Verkäufer setzte sich vor den Computer. Er tippte wohl die Maße des Raumes ein, weil er immer wieder auf den Grundriss sah und klickte dann ein wenig herum. Was er genau machte, konnten sie von hier nicht erkennen, aber Felix guckte begeistert und rückte näher an den Riesen heran, damit er besser sehen konnte.

„Das fetzt ja", murmelte Felix und beguckte sich die erste Variante, so wie er sich das gedacht hatte. Nämlich möglichst viel Stauraum über die ganze Wand. Es erschlug das nicht gerade große Zimmer völlig. „Öhm", machte er also und kroch näher an den Bildschirm. „Kann man das mal drehen, um zu sehen, wie das von der Tür aus wirkt? Ist ja, als würde man vor eine Wand laufen. Sieht blöd aus."

„Sicher.“ Ole drehte die Simulation so, dass sie den Blick von der Tür hatten und verzog das Gesicht. Das sah wirklich aus, als stände man vor einer Wand, darum entfernte er ein paar der hohen Elemente, ersetzte sie durch kürzere. Zwei ließ er ganz weg und setzte eine Couch dorthin, baute dafür das Regal weiter um die Ecke. Er wollte mal ausprobieren, wie das aussah. Fasziniert beobachtete Felix ihn dabei und guckte auch immer, welche Tasten Ole drückte und wo er überall herum klickte. Das machte der nette Verkäufer schon blind.

„Schon besser. Wie breit ist der Platz da zwischen den Elementen? Dann würde da nämlich meine Couch hin passen und dann bräuchte ich auf der anderen Seite noch etwas für den Fernseher", überlegte er nun. Er hatte von Oma ein Startkapital für Möbel bekommen, das wollte er jetzt meistbringend einsetzen. Was nicht hieß, dass er den ganzen Tausender auf den Kopf klopfen wollte, doch wenn er schon mal hier war, dann wollte er auch alles besorgen, was er brauchte.

„Wie breit ist die Couch denn? Dann passen wir die Simulation hier daran an und sehen, ob das funktioniert, oder ob wir es anders planen müssen. Was soll denn überhaupt noch alles in das Zimmer und haben sie die Maße davon? Dann richten wir das mal komplett ein und sehen, wie das aussieht.“ Ole war in seinem Element. Räume einzurichten war sein Steckenpferd. Seine eigene Wohnung konnte ein Lied davon singen, denn sie wurde öfter einmal umdekoriert und gestellt und musste das klaglos erleiden.

„Öhm - sicher." Felix holte noch einen Block, wo er alle Maße der Möbel drauf hatte, die in seine Wohnung mit umzogen und eingeplant werden mussten. „Also die Couch ist zwei vierzig und dann habe ich noch einen Eckschreibtisch, der da auch mit rein soll, weil ich daran arbeiten muss und Hausaufgaben machen und so was", erklärte Felix bereitwillig und guckte zu, wie Ole die Maße in die Maske eingab und eine Couch erschien, danach ein Schreibtisch.

„Okay, dann mal los.“ Ole sortierte die einzelnen Elemente in dem Grundriss und vergaß dabei, dass er einen Kunden hatte, für den er das machte. Er war so vertieft, dass er automatisch in seine Muttersprache zurückfiel und das, was er tat, leise auf Schwedisch kommentierte.

Ab und zu verzog er dabei das Gesicht, als wenn er etwas ganz ekliges gesehen hätte und sortierte neu. Felix sah ihm dabei aufmerksam zu und erinnerte sich nur kurz, als er sich umsah und sein Blick an Jan und Mario auf einer Couch hängen blieb, dass er nicht allein hier war. Entschuldigend blickte er sie an und Mario grinste schief.

„Er hat uns bemerkt, es geschehen noch Zeichen und Wunder."


03

Jan seufzte und zog seinen Schatz näher zu sich. „Ey, so nervt er nicht uns, sondern den Riesen. Das hat doch auch was, oder?“, murmelte er und grinste. Mario mit schlechter Laune konnte er nicht gut haben und außerdem war das schlecht für seinen Esstischplan. „Köttbullar muss er uns trotzdem bezahlen.“

„Na, davon kannst du aber mal ausgehen, dass die Plage so viele rausrückt, bis mir übel wird und du mich heimfahren musst, um mich zu pflegen. Der Wicht kann laufen! Los wir versuchen mal die Couch da drüben", schlug Mario vor, weil die auch ziemlich bequem aussah und wenn sie schon mal hier waren, konnte man sich auch mal einen Überblick verschaffen. Sie hatten immer noch Jans Couch aus seinem Kinderzimmer, die zum kuscheln zwar klasse war, weil eng und klein, aber zum Lümmeln nicht mehr viel taugte.

„Okay.“ Jan zog Mario mit sich hoch und das mit so viel Schwung, dass er seinen Freund wie geplant auffangen musste und ihn so auch gleich noch küssen konnte. Das brauchte er jetzt einfach. Er merkte nicht, wie sie dabei von zwei blauen Augen beobachtet wurden und Ole leicht grinste. Hatte er es doch richtig gesehen, dass die beiden ein Paar waren. Er guckte ihnen aber nicht länger zu, denn die Einrichtung seines Kunden stand noch nicht. Felix wollte immer neue Kombinationen versuchen und so hatte der arme Tisch virtuell schon alle Ecken des Raumes gesehen, ohne wirklich ein Zuhause gefunden zu haben. Der Couch ging es nicht besser, aber Felix wirkte unentschlossen. „Was würden sie mir denn empfehlen? Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Ist doch meine erste Wohnung", versuchte er entschuldigend Ole vielleicht zu einer Meinung zu bewegen.

„Dann müssen wir es auf jeden Fall richtig machen“, lachte Ole und sortierte neu. Er hatte eine ziemlich genaue Anordnung im Kopf, hatte sich bisher aber zurückgehalten, weil er Felix nichts aufzwingen wollte. Schnell hatte er die Regale und den Rest so angeordnet, dass der Schreibtisch etwas abgetrennt war und nicht gleich so ins Auge fiel und aus der Couch und den restlichen Regalen bastelte er ein gemütliches Wohnzimmer, das nicht zu überladen wirkte, aber doch viel Stauraum hatte.

„Was sagst du dazu?“, fragte er und merkte nicht, dass er zum Du übergegangen war. Doch Felix war das nur recht, er mochte es gar nicht, gesiezt zu werden und so fühlte er sich schon unbefangener.

„Ja, das ist gut. Jetzt brauch ich nur noch ein paar Einschübe für das Regal. Aber die Billy- Kombi, so wie sie da steht, ist perfekt. Kann ich das alles liefern lassen? Wir haben nämlich nur Jans kleine Gurke und da passen die Bretter nicht rein und..." Felix überschlug sich fast, als er mit Händen und Füßen zu gestikulieren versuchte, warum geliefert werden musste. Dabei war das doch das normalste der Welt. Nur eben nicht für Felix, der kaufte das erste Mal in seinem Leben selber Möbel.

„Sicher können wir das liefern.“ Ole freute sich, dass seinem Kunden sein Konzept gefiel und druckte es ihm aus. „Dann gehen wir jetzt zu den Regalen und suchen die Farbe, die Türen und alles andere aus, was du brauchst. Dann kann ich dir auch sagen, wie teuer das werden wird.“ Er stand auf und winkte den beiden auf der Couch, damit die wussten, dass es weiterging.

„Hey, dafür dass er blond ist, scheint er ziemlich clever zu sein. Er weiß, dass wir zu der nervenaufreibenden Plage gehören", sagte Mario erstaunt und erhob sich wie an Fäden gezogen. Ob er das jetzt allerdings gut fand, mit Felix assoziiert zu werden, oder ob ihm das peinlich war, wusste er selber noch nicht. Und da sie sich jetzt auch nicht mehr verstecken mussten und enttarnt waren, gesellten sie sich neugierig zu den beiden, um zu sehen, für was sich Felix letztendlich entschieden hatte.

Der stand nun mit seinem Ausdruck in der Hand zwischen den Regalen und sah sich suchend um. „Welche Farbe", überlegte er leise und Jan warf ein, dass ein Putzmuffel wie Felix schwarz meiden sollte und trieb seinem kleinen Freund die Schamesröte ins Gesicht.

Ole grinste nur, sagte aber nichts. Schwarz war auch nicht das richtige, für sein Konzept. „Ich würde helles Holz nehmen. Mir persönlich gefällt Billy in Birke am besten. Das nimmt im Raum auch nicht so viel Licht weg.“ Er zeigte auf das Regal, was er meinte und überschlug im Kopf schnell, was das für das, was sie geplant hatten, kosten würde. „Wir lägen dann ungefähr bei 700 € alles zusammen.“

Felix nickte und schien damit einverstanden. Die Farbe passte gut zu seinem hellen Schreibtisch, das war perfekt. Und so kam auch seine türkisfarbene Couch zwischen den hellen Regalen perfekt zur Geltung. Hell melierte Auslegware hatte der Vorbesitzer der Wohnung drinnen gelassen, denn sie war neuwertig und nicht abgewohnt. Wenn er jetzt noch einen passenden kleinen Teppich als Blickfänger fand, dann war das der erfolgreichste Tag seit langem gewesen.

„Gut, dann machen wir nachher den Auftrag fertig, damit wir liefern können.“ Ole schrieb sich schon auf, was sie brauchten, dann ging es nachher schneller. „Brauchst du sonst noch was? Dann liefern wir alles in einem Rutsch. Braucht ihr auch noch was?“, wandte er sich an Mario und Jan. „Dann machen wir eine Lieferung daraus.“

„Couch!"

„Esstisch!"

Kam es aus zwei Mündern und Felix machte große Augen. „Ich denke ihr seid nur hier, weil ich hier her will?", maulte er, weil er gerade das Gefühl hatte, als Ausrede benutzt worden zu sein, aber Jan guckte jetzt seinen Liebling fragend an, was der an seiner Couch auszusetzen hätte, während Mario endlich erfuhr, dass der alte Tisch aus der Küche verschwinden sollte, so kam das also raus.

„Ich brauch noch einen Teppich und Schubelemente", murmelte Felix leise und kratzte sich verlegen am Arm.

Ole lachte laut los und schüttelte den Kopf. Die drei waren wirklich lustig. Es war doch immer das gleiche, wenn man erst einmal hier war, fand man meist etwas, was einem gefiel. „Dann setzen wir unsere Runde fort und arbeiten alle Wünsche ab. Bestimmte Farbwünsche?“, fragte er Mario, denn sie waren gerade in der Wohnzimmerabteilung, da konnten sie gleich nach der Couch gucken.

Der guckte seinen Schatz an, der erst einmal verdauen musste, dass sein Freund die Jugenderinnerungen entsorgen wollte. Auf dieser Couch hatte Jan seinen ersten Vollrausch gehabt, als seine Eltern mal wieder im Theater gewesen waren und er seine Freunde zum übernachten bei sich gehabt hatte. Auf dieser Couch hatte er auch das erste mal seinen Kater ausgeschlafen und beschlossen, sich nie wieder so zu betrinken, zumindest nicht, bis er vierzehn war.

„Wieder was in orange, oder Schatz?", fragte Mario mal vorsichtig. Wenn Jan völlig dagegen war, dann ließ er das lieber.

„Hm.“ Jan wirkte unentschlossen. Er hing an seiner Couch, aber wenn er es bedachte, hatte Mario schon Recht. So richtig gemütlich zu zweit, wenn man sich mal lang machen wollte, war es nicht. „Aber etwas dunkler, mehr so ins Terrakotta“, murmelte er darum und lächelte leicht. Was sollte es. Gucken konnten sie ja. Es hieß ja nicht, dass sie gleich was kaufen mussten.

„Wofür soll die Couch denn hauptsächlich genutzt werden?", fragte Ole, denn davon hing es ab, welche Modelle er seinen Kunden zeigen wollte.

„Liegefunktion muss sie nicht haben, breit sollte sie sein und nicht zu weich. Man muss lümmeln können und sitzen und eine Eckcouch wäre nicht übel", überlegte Mario laut und Felix beobachtete seine Freunde.

„Keine Liegefunktion?", fragte er etwas irritiert. Wo sollte er denn dann schlafen, wenn er mal wieder über Nacht blieb? Oder sollte er etwa nicht mehr über Nacht bleiben? Wie gemein.

Er musste wohl so enttäuscht geguckt haben, dass Jan ihn an sich zog und knuddelte. „Natürlich mit Liegefunktion, Mauseplautz“, lachte er leise und sah Mario an. „Nicht wahr, Schatz?“ Außerdem war so eine Liegefunktion verdammt praktisch, wenn sie einen Videoabend machten. Dann konnten sie alle drei und auch noch Ronny bequem dort herumlümmeln. Bisher hatten sie dazu immer auf den Boden ausweichen müssen, was nach der dritten Stunde ziemlich schmerzhaft wurde, egal wie viele Kissen man drunter stopfte.

„Klar, du musst das Haustier wieder verwöhnen. Ich versuche ihn dazu zu erziehen, in seiner eigenen Hütte zu bleiben, aber nein, du musst ihn wieder anschleppen." Mario meinte das nicht so, aber Felix sprang immer so schön darauf an und regte sich darüber auf, wie gemein er wäre und das machte wiederum Marios Laune Spaß, die langsam aus dem Keller in die erste Etage kletterte.

„Jetzt ist es zu spät, ihn umzuerziehen, Liebling. Das haben wir versaut. Nun müssen wir unser Wohnzimmer so planen, dass Herr Mauseplautz es bequem hat“, kicherte Jan, der immer noch Felix im Arm hatte, der brummte und murrte. Jan sah zu Ole und grinste, weil der sie gerade amüsiert beobachtete. „Also…“, fing er an und stockte. „Wie heißt du eigentlich? Ich bin Jan, das ist Mario“, stellte er sie vor.

„Ole, Ole Johansson“, kam die prompte Antwort mit einem Grinsen. „Und ja, ich bin ein waschechter Schwede. Ich bin dort geboren, aber seit 20 Jahren lebe ich in Deutschland.“

„War deine Herkunft Einstellungsbedingung?", lachte Mario, während Felix erklärte, dass er sich gerade ziemlich verarscht vorkäme. „Das darfst du auch, Kleiner, das darfst du", erklärte ihm Mario lächelnd und so schwieg Felix, ehe er sich doch noch zum Fallobst machte, das konnte er nämlich leider sehr gut. Was sollte der Verkäufer nur von ihnen denken? Die anderen Kunden guckten sowieso schon wieder so merkwürdig.

„Bedingung nicht, aber hilfreich“, lachte Ole. Die drei gefielen ihm. So wie sie miteinander umgingen, waren sie wohl wirklich gute Freunde. „Na, dann würde ich sagen, lassen wir Felix die Couch aussuchen. Schließlich soll sie ja seinen Bedürfnissen entsprechen“, zwinkerte er Felix zu, der sich wohl gerade etwas unwohl fühlte. „Hier entlang bitte.“

„Wenn der unsere Couch aussucht, dann endet das wie letztes Jahr, als er versuchte, sich mal einen neuen Look zuzulegen. Ich erinnere an den Herrenrock und die karierten Socken!" Mario wurde nicht müde, klarzustellen, warum man Felix derartig wichtige Dinge nicht überlassen sollte. „Sollte jemand, der eine grüne Hose mit einem blauen Pullover kombiniert, wenn er rote Haare hat, überhaupt selbstständig Dinge aussuchen dürfen?"

Felix machte sich hinter Jan noch kleiner und sah an sich runter. Es konnte ja nicht jeder im klassischen schwarz durch die Gegend laufen wie Mario. Außerdem hatte der mit seinen platinblonden Stoppeln keine Probleme, passende Klamotten zu seinen Haaren zu finden.

Ole versuchte sich das Lachen zu verbeißen, weil er sehen konnte, dass es Felix ziemlich peinlich war, was da über ihn erzählt wurde, aber das klappte nicht ganz. Die Vorstellung von einem Herrenrock mit karierten Socken war einfach zu viel. Darum kicherte er leise. „Okay, ihr die Farbe und er die Bequemlichkeit“, schlug er einen Kompromiss vor. „Ich habe da auch schon eine Idee.“

„Ja, damit kann ich leben", erklärte Mario und schlich dem Verkäufer hinterher, während Felix noch Trost bei Jan suchte und daran arbeitete, dass der Mario bestrafte, am besten indem er ihn auf dem Boden schlafen ließ. Doch da spielte Jan nicht mit. Er hatte zu lange auf Mario gewartet, um ihn auch nur eine Minute länger als nötig aus dem Bett heraus zu lassen. Da hatte Felix leider schlechte Karten. Also gab Felix es schnell auf. Er musste seine Rache ohne Jan durchziehen. Das schob er aber erst einmal nach hinten, denn schließlich ging es um seinen Schlafplatz, da musste er gut aussuchen, damit er es bequem hatte.

Ole führte seine Kunden zu einer Eckkombination, die eigentlich allen Kriterien entsprach und sie war nicht übermäßig teuer. „Probiert sie aus, ich muss mal kurz weg. Bin gleich wieder da“, sagte er und war schon unterwegs. Ihm schwirrte etwas im Kopf herum und das musste er gleich einmal abchecken.

„Ja, sicher. Danke", sagte Mario und ließ sich auf das Ausstellungsstück sinken. Sie war - abgesehen von der Farbe, die war nämlich grau - perfekt. Sie saß sich bequem, nicht zu tief, breit genug um bequem drauf zu liegen und eine Schlaffunktion hatte sie auch. „Månstad", murmelte Jan, als er die Karte gelesen hatte und nickte. Die gab es laut der Stoffproben auch in Terrakotta und so beguckte sich Jan den Fetzen Probestoff genauer. „Die in der richtigen Farbe wäre nicht übel", nickte auch er und warf sich zu seinem Schatz auf die Couch, während Felix die Couch von allen Seiten beguckte.

„Rückt mal“, sagte er schließlich und ließ sich neben seine Freunde nieder. Er schubbelte seinen Hintern hin und her und ließ sich dann zur Seite fallen. Er legte seine Beine auf Marios und Jans Schoß und prüfte, ob er gut liegen konnte. „Ja, die könnte gehen“, murmelte er und schloss die Augen. Mit der Couch konnte er sich anfreunden.

„Schön dass sie dir gefällt. Willst du sie auch bezahlen?", fragte Mario und Felix öffnete wieder die Augen.

„Nö", erklärte er frech, „ist doch eure Wohnung, da müsst ihr schon selber für aufkommen." Schließlich hatte er mit seinem eigenen kleinen Reich schon genügend Kosten am Hals und wo war eigentlich der Herr Verkäufer mit der Liste der zu bestellenden Elemente hin? Felix sah sich suchend um.

„Der kommt schon wieder, schließlich will er was verdienen.“ Jan fand es gerade gar nicht mehr so schlimm, seine alte Jugendfreundin zu ersetzen. Diese Couch war eindeutig bequemer und nach einem Blick auf das Preisschild bekam er auch keinen Herzkaper. Sie hatten es zwar nicht so dicke, weil sie ja studierten, aber ein kleines Polster besaßen sie, weil beide gespart hatten und die Esstischkombination, die Jan gefiel, war nicht so teuer. Außerdem jobbten sie an den Wochenenden und wenn es die Zeit zuließ, auch in der Woche. Doch das passierte selten, denn in der Woche ging das Training vor. Mario lieferte für einen Asia-Imbiss aus und Jan gab Nachhilfe. Es waren nicht die großen Summen, die rein kamen, doch für die Miete und das Leben reichte es und am Ende des Monats blieb auch immer was über.

„Hm", machte Felix und erhob sich wieder. Mit seinem Grundriss in der Hand tigerte er schon wieder durch die Couchlandschaft.

Jan sah ihm hinterher. Der Kleine war heute aber auch extrem hibbelig. „Ich glaub, wir haben uns bei diesem Ole getäuscht. Der hat wohl gar nicht geflirtet. Jetzt war er vollkommen normal.“ Er lehnte sich an Mario und grinste, als er den blonden Riesen auf sie zukommen sah. „Felix, dein Verkäufer ist da“, rief er laut und setzte sich wieder ein wenig gerade.

„Mal ehrlich, Felix ist ja ganz niedlich, aber selbst wenn der Typ auf Männer stehen würde, würde ich mal das Wort Männer betonen und damit Felix ausklammern." Mario schüttelte den Kopf. Da hatte wohl nur jemand nett sein wollen und das war ihm ja auch geglückt. Wenn er noch netter wurde, dann kroch ihm Felix noch auf die Pelle, denn der schien von Ole sehr begeistert, nicht in dem Sinne, wie Jan begeistert von Mario war, aber doch so begeistert, dass man Freunde hätte werden können, hätte man sich wo anders kennen gelernt. Schade eigentlich, an den blonden Riesen hätten sie Felix öfter mal ausborgen und dann Schweinskram in den eigenen vier Wänden machen können.

Ole setzte sich zu ihnen und wartete, bis Felix auch bei ihnen war, bevor er erzählte, was er gerade gemacht hatte. „Also Leute, so wie ich das mitbekommen habe, wäre es nicht schlecht, wenn ihr nicht so viel Geld ausgeben müsst. Also, es ist so. Ausstellungsstücke bekommt das Personal immer günstiger und wie der Zufall es will, soll ab nächster Woche die Ausstellung umgestaltet werden. Eure Couch haben wir in Terrakotta noch einmal in der Ausstellung. Sie ist Tipp-topp, weil da niemand drin gesessen hat.“ Er zeigte hinter sich, wo einige Sofas in erhöhter Position an den Wänden ausgestellt wurden. „Bei den Billys sieht es auch gut aus und wenn wir Glück haben, auch bei dem Tisch. Was haltet ihr davon?“

Jan hob eine Braue und auch Mario wusste erst nicht, was er sagen sollte. Das war ein verlockendes Angebot. „Das ist sehr nett, reizvoll dazu. Aber wie kommen wir zu der Ehre?", fragte er also offen, denn das interessierte ihn doch sehr. Auch Felix legte forschend den Kopf schief, weil ihn die Antwort interessierte. Dabei ließ er Ole nicht aus den Augen, so wie ein paar andere Kunden auch, denn Ole war der Blickfang der Abteilung mit seinem Gardemaß.

„Tja warum?“ Ole grinste frech. „Also, wer es schafft, mich an einem vollen, stressigen Samstag zum Lachen zu bringen und es schafft, dass ich es nicht mehr schlimm finde, am Wochenende zu arbeiten, der hat einen Belohnung verdient“, erklärte er ernst und lachte dann. „Außerdem finde ich euch sympathisch. Das ist für mich Grund genug.“

„Du hast also über uns gelacht, so, so!", resümierte Jan mit einem Zwinkern und bedankte sich dafür, dass Ole ihnen dieses Angebot unterbreitet hatte. Auch Felix sagte brav danke und erinnerte leise daran, dass er doch noch Einschübe und einen Teppich brauchte, während Jan ja immer noch auf einen Esstisch drängte.

„Na, dann los, besorgen wir, was ihr noch braucht.“ Ole schlug sich auf die Oberschenkel und stand auf. Er überlegte kurz. „Erst den Tisch, der ist hier oben. Dann gehen wir runter zu den Teppichen und den Einschüben.“ Er wartete, bis alle zusammen waren, dann ging er los. „An welchen Tisch hattest du denn gedacht?“

„Modell Lever", antwortete Jan, schließlich war das seine Idee gewesen. „Ein kompakter Tisch mit einer milchigen Glasplatte und vier Stühlen", schob er noch nach, damit Mario schon einmal versuchen konnte, sich ein Bild davon zu machen. „In der Küche ist nicht so viel Platz, aber ich bin es leid, immer im Wohnzimmer auf der Couch zu essen. Ich will endlich Kultur."

„Vor allem, wenn du bald eine neue Couch hast und jeden umbringen wirst, der Flecken drauf macht. Das gilt vor allem für deinen Liebling!", erklärte Felix, noch ehe er hätte nachdenken können.

„Da könntest du Glück haben und deine Couch ist gerettet“, grinste Ole und streifte kurz Felix, der von Mario in den Schwitzkasten genommen wurde und herumzappelte und zeterte. Die drei waren echte Chaoten, aber das gefiel ihm. Er führte seine kleine Schar zu den Tischen und sah sich um, ob der auch an der Wand zu finden war, denn die anderen Ausstellungsstücke konnte man keinem mehr anbieten. Meist hatten sie Kratzer und andere Macken. Ab und zu waren sie noch zu kaschieren, oft aber irreparabel. „Da wäre das gute Stück", erklärte Ole nach einigem Suchen. Er hatte den Tisch sowohl im Ausstellungsraum gefunden, als auch noch einmal erhöht und vor Zugriffen geschützt. „Da könnt ihr ihn erst mal ausprobieren, ob er auch vom Sitzgefühl her das ist, was ihr sucht", schlug Ole vor und Felix war der erste, der Platz genommen hatte.

„Wenn ich jetzt noch eine Pizza kriege, wäre das perfekt", dabei grinste er Mario herausfordernd an.

„Verfressene Heuschrecke, vergiss es. Erst bist du für unser Mittagessen zuständig.“ Mario setzte sich neben Felix und strich mit den Händen über den Tisch. „Ja, der würde in die Küche passen“, murmelte er und sah auf das Preisschild. „Der ist ja gar nicht so teuer und wenn da noch was runtergeht. Wie viel eigentlich?“, fragte er neugierig, denn wenn sie genug sparten, dann konnten sie vielleicht noch das eine oder andere mitnehmen.

„Fünfzig Prozent“, gab Ole bereitwillig Auskunft und notierte sich gleich die Bestellnummer auf seinem Zettel.

„Wow", konnte sich Mario nicht verkneifen und sah Ole forschend an. „Das ist ein ziemlicher Rabatt." Dankbar erhob er sich wieder und auch Felix stand schon wieder im Gang, denn er wollte ja schließlich noch einen schönen Teppich, der zu seinem neuen Regal und zu seiner Couch passte. „Tschuldigung", nuschelte er, als er in ein junges Paar hineingelaufen war und strauchelte zurück, weil er sich erschrocken hatte.

Schon wieder hielten ihn zwei starke Arme, denn er war gegen Ole getaumelt. „Hoppala“, lachte der große Schwede wieder, wie bei ihrer ersten Begegnung und stellte Felix zurück auf die Füße. Der Kleine war wohl nicht nur hibbelig, sondern auch ein Tollpatsch. Man konnte ihm einfach nicht böse sein. „Husch, die Treppe runter und dann links“, lachte Ole. Das ließ sich Felix nicht zweimal sagen, denn es war ihm ziemlich peinlich, was er heute für eine Figur machte. Eigentlich war er gar nicht solch ein Trottel, aber heute war einer dieser Tage, die man vielleicht nicht unter Menschen verbringen sollte, denn was schief gehen konnte, tat es auch. Doch dann revidierte er, denn so hätte er Ole nicht kennen gelernt und der war ziemlich nett.

Jetzt kamen sie in die Etage, die für Jan ganz schrecklich war, weil er an jeder Ecke Dinge sah, die er klasse fand. Kerzen, Geschirr, Kücheninterieur und Deko-Artikel. Mario ahnte Schlimmes.

„Du-hu Scha-hatz“, schmuste Jan sich auch gleich an ihn heran. „Wo wir jetzt doch so viel weniger ausgegeben haben, als gedacht, kann ich doch noch ein paar Kleinigkeiten mitnehmen. Die haben hier Wasserpflanzen, die wollte ich schon lange haben. Da ist doch noch Platz auf der Fensterbank in der Küche. Und wir finden bestimmt noch ein paar andere Dinge, die wir gebrauchen können.“

„Da bin ich mir sicher, dass du die findest. Die findest du immer", sagte Mario neutral und wollte sich nicht gleich in der ersten Runde geschlagen geben, noch weniger, weil Felix schon wieder so lauernd guckte und nur darauf zu warten schien, dass er weich wurde, umfiel und Jan und der Kurze die Taschen voll packten!

Aber Jan wertete Marios Antwort einfach als Zustimmung, denn es war nicht einmal "nein" darin vorgekommen. „Danke, Schatz“, strahlte er, küsste Mario und rief nach Felix, damit sie stöbern konnten.

„Du hast es auch nicht leicht“, grinste Ole und schlug Mario auf die Schulter, so dass dieser ein wenig nach vorne stolperte. Manchmal vergaß Ole einfach, dass er ziemlich Kraft hatte. „Tschuldigung“, murmelte er darum verlegen.

„Schon okay. Muss ich aushalten, so wie das da auch", seufzte er und sah seinen Liebling im Geschirr verschwinden und entzückt nach Felix rufen, der sich gerade durch die Töpfe wühlte. „Aber was tut man nicht alles, damit der Schatz zufrieden ist. Folgen wir ihnen, damit wir durch kommen. Du hast sicher auch noch anderes zu tun, als uns Pflegefälle zu verarzten", lachte er und bekam gerade eine Tasche und viereckige schwarze Teller in die Hand gedrückt. Er hörte noch was von: „Passend zum neuen Tisch", dann war Jan wieder weg.

„Hm, wir könnten ja schon mal die Bestellung fertig machen und abstimmen, wann geliefert werden soll.“ Ole blickte sich um und fand in der Nähe einen freien Computer. „Sag du deinen Leuten Bescheid, wo wir sind und wo sie ihre Beute hinbringen können. Ich fang schon an, alles einzugeben.“

„Guter Plan." Mario nickte und machte sich auf die Suche nach Jan, den er zur Hälfte in einer Kiste mit Kerzen steckend fand. „Ich fang mit Ole schon mal an die Bestellungen fertig zu machen. Das Kleinzeug werden wir ja sicher nicht liefern lassen, das muss nicht dazu. Aber sorge dafür, dass Felix seinen Teppich noch aussucht, ehe wir die Bestellung abschließen."

Er hoffte, dass Jan ihn verstanden hatte, denn der zeigte im Augenblick noch keine Reaktion. Aber dann kam eine Hand hoch und machte das Zeichen der Taucher, dass alles in Ordnung war und er verstanden hatte. Das passte sogar gerade ziemlich gut, denn irgendwie war Jan ja abgetaucht. Grinsend trollte Mario sich wieder und zeigte Ole den erhobenen Daumen, damit der schon mal anfing. Je eher sie fertig wurden, umso eher konnte er seinen Schatz einsammeln und zur Kasse schleppen.

Derweil wühlte Felix unentschlossen in den Teppichen und wusste noch nicht, was er eigentlich wollte. Weder die Größe, noch die Farbe, noch die Form. So zog er sich resigniert wieder zurück und guckte noch ein bisschen durch die Ecke mit den Aufbewahrungen, denn er brauchte noch Einschübe. Er suchte ein paar, von denen er glaubte, die würden in sein zukünftiges Regal passen und stromerte zurück zu Jan.

„Was ist los, Kurzer?“, fragte Jan, denn Felix sah ein wenig deprimiert aus.

„Find keinen Teppich“, seufzte Felix und so nahm Jan das in die Hand. „Bring die Kisten zu Mario und dann komm zu den Teppichen. Ich guck schon mal. Welche Couch nimmst du mit? Die türkise?“ Felix nickte und Jan hatte alle Informationen, die er brauchte.

Mit einem Karton voll mit Jans Fundstücken stromerte Felix zu Ole und Mario, die sich gerade um einen Liefertermin für Marios und Jans Sachen kümmerten. „Hier, sollst drauf aufpassen, sagt dein Schatz. Wir gehen jetzt einen Teppich aussuchen. Soll ich den dann her bringen oder nur die Nummer?" Dabei sah er Ole auffordernd an.

„Die Nummer reicht, danke. Den kriegst du dann mitgeliefert. Wäre dir auch nächste Woche Mittwoch recht? Dann packen wir eure Bestellung in einen Wagen.“ Ole sah jetzt zu Felix hoch und lächelte. Sie waren eigentlich fertig, fehlte nur noch der Teppich, dann hatten sie alles.

„Geht es nach vier? Ich mach nämlich eine Lehre und kann dann nicht weg und so. Es wäre super, wenn es recht spät ging und wenn ich vielleicht die Nummer vom Spediteur haben kann, falls was passiert oder so." Felix war gleich ganz aufgekratzt, denn es war das erste Mal, dass er etwas geliefert bekam und musste das nun mit seinen anderen Terminen - sprich: mit seiner Lehrstelle - koordinieren.

„Ich guck mal.“ Ole klickte herum und runzelte die Stirn und brummte wieder in Schwedisch vor sich hin. Mario linste auf den Bildschirm und konnte sich denken, was Ole nicht gefiel, denn alles war rot und das bedeutete wohl, keine freien Termine. „Halb fünf wäre der späteste Termin“, sagte er schließlich und sah Mario und Felix an.

Der Kurze nickte heftig. „Das kann ich schaffen. Mit dem Bus würde ich dann gerade pünktlich kommen. Vielleicht stehen die Spediteure ja auch etwas im Stau. Das wird schon." Und wenn er Herrn von Kleist fragte, ob er nicht einen Bus früher nehmen könnte, wegen der Lieferung, sagte der bestimmt nicht nein, schließlich machte sich Felix ziemlich gut in seiner Lehre zum Konstrukteur. „Ich such noch den Teppich", krähte er und war schon wieder weg.

„Mach das, ich bleib solange hier“, rief Mario ihm hinterher und besah sich etwas genauer, was sich neben ihm angesammelt hatte. „Ach du meine Güte“, murmelte er. Wo wollte Jan damit denn noch hin? Er fand ja, dass ihre Wohnung genug Deko hatte, aber sein Schatz sah das wohl anders und leider musste er zugeben, dass es hinterher immer toll aussah, was Jan ausgesucht hatte. Dieses Mal schien es, als würde das Bad Ziel der Dekorationsattacke werden. Er hatte viel Chrom und Korbwaren, ein einheitliches Set für Zahnputzbecher und ein paar andere Kleinigkeiten. Im Augenblick hatten sie eine wüste Sammlung, die ihren Zweck erfüllte. Nicht zu vergessen die Wasserpflanzen, die bestimmt auch ins Badfester sollten. Es war hell aber nicht sonnig - genau richtig.

„Geschmack hat er ja, muss man ihm lassen", grinste Ole und druckte die Unterlagen für Marios Kauf aus.

„Japp, das hat er wirklich.“ Mario lächelte und seufzte gleichzeitig. Aber ein zufriedener Jan war auch ein schmusiger Jan und wenn das durch Schnicki-Kram erreicht werden konnte, dann sollte es ihm nur recht sein.

Ole unterschrieb den Lieferschein und gab ihn an Mario weiter. „Wie wollt ihr das machen? Bezahlt ihr jetzt an der Kasse oder bei Lieferung?“

„Hier kann ich mit Karte zahlen. Das ist mit lieber als so viel Bargeld in der Tasche zu haben. Ich werde das also alles zusammen mit der Beute von meinem Schatz bezahlen", sagte Mario nach kurzem überlegen und war zufrieden. Was weg war, war weg und dann konnte er immer mit dem aktuellen Kontostand rechnen, ohne dass er noch etwas bedenken musste. „Wie Felix das machen will, musst du den Kurzen allerdings selber fragen. Da werde ich mich nicht einmischen. Ach guck, spricht man von der Wüste, kommt's Kamel." Felix war aber noch weit genug entfernt, dass er Mario nicht hören konnte, aber Ole runzelte leicht die Stirn. Das hörte sich fast so an, als wenn er Felix nicht leiden konnte, aber er mischte sich da nicht ein.

„Ich habe einen Teppich“, krähte Felix und winkte mit einem Zettel, auf dem er sich die Bestellnummer aufgeschrieben hatte. „Jan hat einen ganz tollen gefunden, der passt perfekt zu meiner Couch.“

Jan lief hintendrein und weil er solch einen guten Job gemacht hatte, hatte er sich noch mit einem kleinen Kaktus belohnt, genaugenommen kein Kaktus, sondern eine Sukkulente, ein lebender Stein, den er ziemlich witzig fand. „Jetzt haben wir alles!", rief er und stellte den kleinen Freund vorsichtig mit in seine Kiste. Und während Felix brav die Bestellnummer ablieferte, beratschlagten Jan und Mario, ob sie erst essen gehen wollten und dann zur Kasse oder erst zur Kasse und dann noch mal rein zum Essen. Was aber auch hieß, dass sie noch einmal durch den ganzen Laden mussten, um danach IKEA wieder zu verlassen, was wiederum auch bedeutete, dass sie noch einmal durch die Dekor-Abteilung mussten.

„Essen“, rief Felix. Er hatte Hunger, denn heute Morgen war er ja gar nicht richtig zum Frühstücken gekommen in der ganzen Hektik. Mario war ganz seiner Meinung, nur dann hatten sie das Problem, ihren ganzen Kram mitschleppen zu müssen, aber da war einmal mehr Ole der Retter in der Not und bot sich an, Jans Schätze in Verwahrung zu nehmen, bis sie etwas gegessen hatten.

„Womit haben wir einen Verkaufsengel wie dich nur verdient?", lachte Jan und Felix nickte auch ganz heftig. Er hatte zwar nicht so zugeschlagen wie sein Freund, doch das eine oder andere Beutestück nannte auch er in einer großen Tasche sein Eigen. Die brachten sie zusammen mit Ole in Sicherheit und dann löste Felix endlich sein Versprechen ein und bestach seine Freunde mit Köttbullar. Es war gar nicht so leicht, einen Platz zu finden, denn zur Mittagszeit hatten noch ein paar Leute die gleiche Idee gehabt.

Satt und zufrieden holten sie noch ihre Taschen, bedankten und verabschiedeten sich von Ole und dann waren sie endlich - nach geschlagenen vier Stunden - auf dem Weg zum Ausgang.

Alle waren fertig und so protestierte Felix auch nicht, dass er ohne viel Federlesen bei seiner Mutter abgesetzt wurde. Aber nicht ohne vorher auszumachen, dass seine Freunde am Freitag in seine Wohnung kamen, um beim Aufbau zu helfen. Das traute er sich allein nicht zu. Handwerken war nicht gerade seine Paradedisziplin, aber er wollte mithelfen, denn es war ja seine Wohnung. Und selbst wenn er bereit gewesen wäre, selbst zu handwerkeln, hätte Jan das nicht zugelassen. Er war der jenige, der den kleinen Felix immer hatte verarzten müssen, wenn er versucht hatte, etwas zu basteln - das waren blutige Erinnerungen, die keiner Wiederholung bedurften.


04

„Felix, was bist du denn so am nervös sein?" Henning, der Sohn vom Chef und sechs Jahre älter als Felix, hatte den Azubi in der Teeküche abgefasst. Den ganzen Tag flitzte der Kleine schon durch die Gegend wie ein aufgescheuchtes Huhn. Eigentlich war er sehr zuverlässig, sah die Arbeit, ohne dass man ihn anweisen musste und wenn das eben einmal nicht so war, dann machte man sich Sorgen. Schließlich war Felix ihre große Hoffnung, gute Konstrukteure waren Mangelware und so hatte Achim von Kleist, Hennings Vater, beschlossen, selber welche auszubilden. Die konnte eine Firma im Anlagenbau nämlich immer gebrauchen und Felix war talentiert.

„Ich bekomme heute das erste mal Möbel geliefert und ich muss ganz pünktlich weg und jedes Mal, wenn ich mich hinsetze und was mache, da werde ich wieder nervös und dann denke ich, was alles schief gehen kann und..." Felix überschlug sich fast beim sprechen.

Henning konnte einfach nicht anders und musste grinsen. „Oh, die erste eigene Wohnung?“, fragte er und nahm sich noch einen Kaffee. Bei ihm war das damals ganz anders gelaufen. Seine Augen verdunkelten sich ein wenig, als er an diese Zeit dachte. Sie war schön und schmerzhaft zugleich, aber das schüttelte er sofort wieder ab und klopfte Felix auf die Schulter. „Das klappt schon. Wann kommen die denn?“

„Um halb fünf. Also muss ich ganz pünktlich, kurz nach halb vier, den Bus bekommen. Sonst habe ich ein Problem und die Möbel gehen wieder zurück. Das kann ich nicht gebrauchen." Auch Felix wollte sich noch einen Kaffee aus der Kanne schütten, doch Henning drückte ihm lieber einen Beutel Tee in die Hand, das war vielleicht besser für Felix' Nervenkostüm. Verstehend setzte er Teewasser auf und lief schon wieder wie ein Tiger im Käfig vor der Spüle hin und her. „Wenn ich das nur schon hinter mir hätte."

Henning stieß sich von der Spüle ab und drehte sich in der Tür noch einmal um. „Komm doch gleich in mein Büro, ich habe noch Arbeit für dich. Die muss heute noch erledigt werden. Ich würde dir ja normalerweise dabei helfen, aber ich habe gleich einen wichtigen Termin mit einem Kunden, da geht das leider nicht.“ Er machte ein entschuldigendes Gesicht und verließ den Raum.

„Ja, sicher. Komme gleich." Felix nickte und wartete, bis das Wasser kochte. Schnell überbrühte er den Tee, griff sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und folgte dann Henning. Der hatte auf seinem Tisch schon ein paar Ordner liegen und Felix kam neugierig näher.

„Ich stelle gerade Unterlagen für eine Ausschreibung zusammen. Auf dem U-Laufwerk liegen noch Dokumente, die gedruckt und vervielfältigt werden müssen. Dazu noch ein paar Zeichnungen fertig machen und ausdrucken. Du weißt ja, wie das zum Schluss aussehen muss. Kannst du das machen? Wenn du Fragen hast, frag Günther, der weiß auch wie’s geht." Henning wühlte schon in einem Schrank, weil er ein knitterfreies Jackett suchte.

„Klar. Mach ich." Felix hatte schon den ersten Ordner in der Hand.

„Danke.“ Henning hatte ein Jackett gefunden und zog es sich über. So konnte er gehen. „Wenn ich wieder da bin, helf ich dir, wenn du noch nicht fertig bist, okay?“ Er wartete die Antwort gar nicht mehr ab. Er schnappte sich seine Aktentasche und war auch schon aus dem Raum. Er hatte zwar noch etwas Zeit, aber er mochte es gar nicht, unpünktlich zu sein.

„Na dann wollen wir mal." Felix griff sich den Stapel Ordner und balancierte ihn zu seinem Schreibtisch. Er holte sich noch seinen Tee und dann fing er an, das für alle zugängliche Laufwerk auf dem Server zu durchsuchen. Die Ausschreibungsunterlagen hatte er ziemlich schnell gefunden und als erstes griff er sich das Inhaltsverzeichnis, um zu wissen, was er alles zusammensuchen musste.

Dann fing er an zu drucken.

Systematisch arbeitete er sich vor und die Arbeit schaffte, was keinem heute gelungen war. Er vergaß seine Möbel und seine Nervosität. Er wollte seine Aufgabe richtig machen, wenn Henning ihm sie schon übertragen hatte. So vergaß er die Zeit und blickte erst wieder auf die Uhr, als er fertig war und erschrak.

Es war schon nach halb vier!

Er hatte seinen Feierabend verpasst und was noch schlimmer war, wahrscheinlich auch seinen Bus!

In affenartiger Geschwindigkeit schmierte er Henning einen Zettel, dass alles fertig war und fuhr seinen Rechner nebenbei herunter. Dann griff er sich die Jacke, seine Tasche, brüllte einen Gruß in die Weiten des Büros und hastete durch den langen Flur auf die Straße. Er kam gerade am Tor an und sprintete die letzten Meter zur Haltestelle, da sah er nur noch die roten Lichter des Busses um die Ecke verschwinden.

„Verdammte Scheiße, verdammte!", brüllte er und sank auf die Knie. Die Lunge brannte und ihm war ganz schwindelig. Doch er durfte keine Zeit verlieren. Er musste der Spedition Bescheid sagen, damit sie vielleicht etwas warteten. Er hatte gerade sein Handy aus der Tasche gefischt, als ein Wagen mit quietschenden Reifen neben ihm hielt.

„Felix, ist was passiert?“, fragte Henning, der gerade wieder auf den Firmenhof fahren wollte und Felix auf dem Boden gesehen hatte. Schon war er aus dem Wagen gesprungen und kniete neben seinem Azubi, den er locker um anderthalb Köpfe überragte.

„Ich hab zu lange gebraucht", keuchte Felix und versuchte zu Atem zu kommen, damit der Spediteur ihn verstehen konnte, sobald er anrief. „Die Ordner sind fertig und können in den Versand. Aber dafür ist mein Bus jetzt weg und ich komme zu spät und wenn ich den Fahrer jetzt nicht erreiche, dann nehmen die meine Möbel wieder mit!" Und dann holte Felix erst einmal ganz tief Luft und versuchte, sich wieder in die Aufrechte zu kämpfen.

„Du hast den Bus verpasst, weil du zu lange gearbeitet hast?“ Henning half Felix hoch und hielt ihn fest, weil er ein wenig schwankte. „Komm, ich bring dich eben hin. Schließlich war es meine Schuld, dass du den Bus verpasst hast“, beschloss er spontan und machte gleich die Beifahrertür auf, damit Felix einsteigen konnte. Mit dem Auto schafften sie es doch bestimmt noch.

„Nein, nein. Das war nicht ihre Schuld, wirklich nicht. Ich hätte eben nicht so trödeln sollen", sagte Felix eilig, betrachtete aber den Cayenne, den Henning fuhr, neugierig.

„Los, steig ein, sonst nehmen die deine Möbel wieder mit", lachte Henning und warf sich gleich wieder auf den Fahrersitz. Felix beeilte sich auch, Platz zu nehmen und zog die Tür zu, während er Henning und dessen Navi die Adresse buchstabierte.

„Limbecker Straße Ecke Kurzestraße. Das ist in der Nähe vom Bahnhof", erklärte er eilig.

„Das schaffen wir.“ Henning klopfte auf das Armaturenbrett und grinste. Endlich hatte er einmal eine Ausrede dafür, dass er zu schnell fuhr. Sein Beifahrer war noch nicht angeschnallt, als er schon Gas gab und wieder mit quietschenden Reifen losfuhr. „Halt dich fest, Felix, wir sind in null Komma nix bei deiner Wohnung.“

„Nicht hetzen. Ich kann nicht verantworten, wenn sie wegen mir noch einen Strafzettel bekommen", sagte Felix und drückte sich in die Polster des Wagens, schnallte sie hastig an und versuchte, die Fahrt zu genießen, denn in einem Porsche saß man ja auch nicht jeden Tag. Außerdem hätte er nicht erwartet, dass Henning von Kleist ihn persönlich nach Hause fahren würde. Das war nett. Im Allgemeinen war Henning ziemlich nett und immer zu Scherzen aufgelegt. Er machte das Arbeiten mit all den Profis für Felix einfacher, weil er ab und an Schoten zum Besten gab, wie trottelig er sich in seiner Ausbildung angestellt hatte und aus ihm war auch was geworden. Da müsste sich ein Talent wie Felix keine Sorgen machen.

Felix grinste. Auch wenn Henning mit seinen halblangen, schwarzen Haaren und den weichen Gesichtszügen sehr sanft wirkte, war er es ganz und gar nicht. Felix hatte ihn einmal danach gefragt, ob es Absicht war, dass er so weich auf sein Umfeld wirkte und Hennings Worte hatten ihn überrascht: es ist gut, wenn der Gegner einen unterschätzt.

Felix war sich nicht sicher, ob er so etwas auch konnte. Er konnte sich nur schlecht verstellen, aber vielleicht sollte er das für den Beruf üben. Dort wurde oft mit harten Bandagen gekämpft. Aber eigentlich wollte er jetzt nicht darüber nachdenken, denn seine Möbel drängten sich immer wieder in den Vordergrund. Sie lagen recht gut in der Zeit und wenn jetzt nichts mehr dazwischen kam, waren sie noch pünktlich.

Das Navi lotste sie problemlos durch Essen bis in Felix' Wohngegend. Die Altbauten waren saniert und machten mit ihren hübschen Fassaden wieder was her. Um auf Nummer sicher zu gehen, hatte Felix doch noch mit dem Spediteur telefoniert und ihm erklärt, dass es eine Punktlandung wäre, sie wären schon auf dem Weg. Sollten die Möbelpacker klingeln und keiner würde öffnen, sollten sie nicht wieder fahren, sondern fünf Minuten warten.

Und wie es der Zufall wollte, fuhren sie aus der entgegen gesetzten Richtung in die Limbeckstraße, als gerade aus der anderen Richtung der Transporter auf die Hausnummer 28 zu rollte. „Geschafft!", jubilierte Felix und war ganz aufgeregt. So entging ihm der schwarze, hochbeinige Volvo, der dem Transporter folgte - im Gegensatz zu Henning. Der kannte den Wagen nur zu gut und traute seinen Augen nicht. Dass er geschockt war, war noch untertrieben und bald hätte Henning vergessen, warum er eigentlich hier war. Aber Felix holte ihn mit seinem Ausruf wieder in die Realität und er hielt am Straßenrand.

„Mistkerl“, murmelte er leise, als er im Rückspiegel sehen konnte, wie der Fahrer des Volvos ausstieg. Er musste sich aber von dem Mann lösen, weil Felix sich abgeschnallt hatte und sich bei ihm bedankte. „Keine Ursache, Felix. War doch meine Schuld“, wiegelte er ab und lächelte kurz. „Wir sehen uns morgen.“

„Ja, bis morgen." Felix war schon aus dem Wagen, dann war Henning vergessen und in seinem Rücken rollte der Cayenne eilig aus der Straße. „Sie wollen zu mir!", rief Felix und lief auf die Möbelpacker zu, die gerade klingeln wollten und ihn nickend ansahen. Sie erkundigten sich noch nach der Etage und bereiteten den Wagen zum Auspacken vor, während Felix ziemlich ungläubig auf den großen Blonden guckte, der neben dem Volvo an der Tür lehnte und ihn amüsiert beobachtete. „Ole?", fragte Felix verblüfft und kam näher.

„Hallo Felix. Ich bin das IKEA-Sonder-Aufbaukommando. Das hast du doch mitgebucht, als du deine Möbel bestellt hast“, lachte Ole und hielt zum Beweis einen Inbusschlüssel hoch, wie sie bei allen IKEA-Produkten beilagen.

„Hab ich?", fragte Felix etwas irritiert, weil er sich daran nicht erinnern konnte, wurde aber aus seiner Überlegung gerissen, als einer der Möbelpacker vorschlug, mal die Türen zu öffnen, das würde es einfacher machen, die Möbelpakete in die Wohnung zu tragen. So musste er Ole erst einmal stehen lassen und losflitzen. Ole sah ihm grinsend hinterher und schüttelte den Kopf. Felix war echt ein kleiner Chaot.

Er stieß sich vom Wagen ab und holte seine Werkzeugtasche aus dem Kofferraum. So sehr er sich mit seinem Arbeitgeber auch verbunden fühlte, das Werkzeug, was den Möbeln beilag, benutzte er nicht. Langsam folgte er den Möbelpackern ins Haus und klopfte kurz an den Türrahmen der Wohnungstür. Er wollte die Wohnung nicht einfach ohne Aufforderung betreten. „Felix, darf ich reinkommen?“, rief er darum laut.

„Ja, ja - mein Haus sei dein Haus!", rief jemand von drinnen und flitzte wie ein Schatten an Ole vorbei durch den Flur und delegierte die Pakete alle ins Wohnzimmer. „Komme gleich", rief er ihm zu und war schon wieder im Schlafzimmer verschwunden. So hatte Ole Zeit, sich die Wohnung etwas genauer anzusehen.

„Okay.“ Ole betrat den Korridor und sah sich um. Da im Wohnzimmer gerade Hochbetrieb herrschte, besah er sich erst einmal die Küche. Sie sah ein wenig zusammengewürfelt aus, aber das war nicht weiter schlimm, denn sie wirkte gemütlich. Damit sie nicht im Weg stand, stellte Ole seine Werkzeugtasche hier ab und öffnete die nächste Tür. Das Bad war recht klein, aber praktisch eingerichtet, mit allem was man brauchte. „Nicht schlecht, für die erste Wohnung", murmelte er und ging aus dem Weg, als die Möbelpacker wieder nach unten gingen, um die nächsten Teile zu holen.

„So, jetzt noch mal. Bist du wirklich von Beruf Möbelaufbauer und im Preis inklusive oder wie war das gemeint, mit dem Möbelaufbau-Service?", wollte Felix wissen, als die erste Aufregung vorbei war. Die Anspannung fiel langsam von ihm ab und deswegen stand er nun in der Tür zum Schlafzimmer, in dem sich Ole gerade umsah. Viel war noch nicht zu finden - ein Bett und ein paar Kisten mit Klamotten. Nicht zu vergessen Jochen, ein übergroßer Plüschleopard, den er vor ein paar Jahren von seinen Freunden bekommen hatte, zum Trost, als seine erste Freundin ihn verlassen hatte.

Ole grinste und wiegte den Kopf hin und her. „Na ja, das bin ich nur bei Leuten, die ich mag. Da setze ich meinen Service mit auf die Bestellung. Natürlich kostenfrei.“ Ole war ein wenig nervös, weil er nicht abschätzen konnte, ob Felix ihn hier haben wollte oder nicht. Deshalb bückte er sich und nahm den Leoparden vom Bett. Der sah niedlich aus und darum wuschelte er dem Plüschtier durch das Fell.

„Oh", machte Felix und wirkte plötzlich verlegen. Wer hätte gedacht, dass Ole ihn mögen würde? Vielleicht konnten sie ja Freunde werden, denn sie hatten sich Samstag im Laden ziemlich gut verstanden. „Das wird Jan und Mario freuen", sagte er aber stattdessen, um etwas Unverfängliches zu sagen. „Die waren nämlich schon für den Freitag eingeplant zum aufbauen. Die werden schön blöd gucken." Im Hintergrund hörte er wieder die Packer im Flur, die die nächsten Pakete ins Wohnzimmer trugen.

„Ja, wahrscheinlich.“ Ole lachte und legte das Plüschtier wieder auf das Bett. Das war besser gelaufen, als er befürchtet hatte. „So, dann helfe ich den Packern erst einmal, alles hochzubringen und dann machen wir uns an den Aufbau.“ Schon war er aus der Tür und die Treppe hinunter. Viel war nicht mehr im Wagen und zu dritt hatten sie ihn schnell geleert, so dass die Möbelpacker wieder los konnten. Sie bekamen von Felix noch ihr Geld und eine Unterschrift für die vollständige Lieferung, dann war die Tür zu und Felix mit Ole allein.

„Ich hab gar nichts weiter im Haus", musste er gestehen, als er seinen Gast im Wohnzimmer stehen sah. Abgesehen von Ole, standen dort nur die türkisfarbene Couch und der Eckschreibtisch. Auf einer leeren Kiste stand der Fernseher und das war's. „Am besten bestellen wir nachher Pizza und ich koche schnell Früchtetee, damit wir was zu Trinken haben." Es war ihm schon peinlich, dass er so abgebrannt war, aber er hatte nicht mit Besuch gerechnet.

„Mach dir keine Umstände, aber ein Tee wäre gut.“ Ole sah sich um, als Felix in die Küche verschwunden war. Der Raum stand ziemlich voll, da konnte man schlecht bauen. Er sortierte die Lieferung ein wenig, weil er einen bestimmten Plan im Kopf hatte, wie sie anfangen sollten. „Felix, kann ich ein paar der Pakete ins Schlafzimmer stellen, damit sie aus dem Weg sind?“, rief er laut, damit Felix ihn hören konnte.

„Ja, sicher. Warte, ich pack mit an!" Es klirrte, etwas schepperte, dann war Felix wieder da. Er wirkte immer noch ein wenig aufgelöst. Die anfängliche Entspannung war dahin. Ole war der erste Gast in seinen vier Wänden. Noch nicht einmal Jan und Mario waren hier gewesen, seit Felix am Sonntag, zusammen mit seinen Möbeln, von Axel hier abgeliefert worden war.

„Noch alles heile?“, lachte Ole. Er hatte schon das erste Paket in der Hand und ging los. Es ging schneller, wenn er es alleine machte, denn so konnte er die Pakete so abstellen, wie er sie brauchte. „Lass mal, ich mach das schon. Aber du kannst bitte meine Werkzeugtasche aus der Küche mitbringen. Sie steht vor dem Kühlschrank.“

„Ah, gut." Felix blieb in der Bewegung stehen und starrte Ole dabei an, wie er die Pakete durch die Gegend schleppte. Jedes davon trug den Hinweis, immer zu zweit die schweren Lasten zu tragen und Felix wurde ein bisschen neidisch, weil Ole so groß und stark war. Er war immer nur der Mickrige, da hatte Mario nicht ganz Unrecht. Vielleicht sollte er doch etwas öfter trainieren gehen. Um die Ecke war doch eine Fitness-Bude, vielleicht sollte er sich dort anmelden. So konnte das ja nicht bleiben! War doch kein Wunder, dass ihn keine Frau für voll nahm.

Er griff sich die Tasche und trug sie ins Wohnzimmer, dann setzte er schnell den Tee an. „Marille oder Maracuja?", wollte er von seinem Gast wissen.

„Marille“, rief Ole aus dem Schlafzimmer, wo er gerade das letzte Paket abstellte und kam dann zur Küche. Er lehnte sich an den Türstock und beobachtete Felix, wie er die Teebeutel in die Kanne hängte „Schöne Wohnung“, sagte er und stieß sich wieder ab. „Wie viele Quadratmeter sind das denn? So um die 50?“

„Nicht ganz. 48, aber für mich alleine reicht es. Ich bin ja klein, da brauche ich nicht so viel Platz", erklärte er und bemerkte, dass zwischen Oles Kopf und dem oberen Ende des Türrahmens nicht mehr viel Luft war. Jan und Mario waren ja schon groß, aber der blonde Riese hatte ein Gardemaß, was Felix vorher noch nicht gesehen hatte. Beschämt senkte er den Kopf und holte tief Luft. „So, der Tee zieht. Und jetzt?", fragte er und lehnte mit dem Hintern am Küchenschrank. Dass er immer noch seine Jacke trug, war ihm noch nicht einmal aufgefallen.

„Jetzt bauen wir.“ Ole rieb seine Hände aneinander und grinste Felix an. „Hast du das schon mal gemacht?“, fragte er, damit er wusste, in wieweit Felix ihm helfen konnte. Er schaffte das durchaus auch alleine, aber meistens wollten die Möbelkäufer selbst mitbauen. Er hatte schon als Kind damit angefangen zu werkeln, mit seinem Vater zusammen, der das Handwerken als Ausgleich zu seinem Job gemacht hatte.

„Na ja", druckste Felix herum und öffnete endlich die Jacke, denn ihm wurde warm. Der sanierte Altbau war gut isoliert und so reichten auch niedrige Einstellstufen bei den Heizkörpern, um es für Felix kuschelig warm zu machen. „Jan sagt immer, ich soll ja keine spitzen oder scharfen Sachen anfassen", erklärte er und zeigte seine Finger. Überall waren kleine Narben, die davon kündeten, dass Felix nicht gerade der begnadetste Handwerker der Welt war, eher ein Trottel vor dem Herrn.

„Okay, dann weiß ich Bescheid. Mach dir mal keine Gedanken, das kriegen wir schon hin, ohne dass einer von uns verletzt wird. Ich mach das schon lange genug.“ Ole hatte sich so etwas fast gedacht. Felix hatte einfach nicht wie jemand mit Bastelerfahrung gewirkt. „Inbusschlüssel sind ja zum Glück nicht spitz, da kannst du auch mit umgehen." Ole konnte einfach nicht anders und wuschelte Felix durch die Haare. Das lockte ihn schon die ganze Zeit und dafür wurde er etwas schräg angesehen. Felix war es zwar gewohnt, dass Jan ihn permanent durch die sowieso schwer zu bändigenden Haare wuschelte, aber dass Ole das jetzt auch noch machte, verwirrte ihn. Normalerweise kamen Männer nicht so auf ihn zu. Deswegen legte er den Kopf schief und versuchte schweigend zu ergründen, was es damit wohl auf sich hatte. Denn wie jemand, der ihn anmachen wollte, wirkte der blonde Riese ganz bestimmt nicht.

„Jan macht das auch ständig", knurrte er aber irgendwann, weil die Stille unangenehm wurde und richtete sich wieder die Haare.

„Das kann ich verstehen. Deine Haare laden einfach dazu ein, sie noch mehr durcheinander zu bringen.“ Ole hatte die Musterung und die fragenden Blicke bemerkt und wusste, dass er wieder einmal zu spontan reagiert hatte. Er sollte besser darauf achten, was er tat. Nicht dass Felix sich bedrängt fühlte und sich zurückzog. „Komm, fangen wir an. Dein Wohnzimmer will eingerichtet werden.“

„Ja, das will es wirklich. Es träumt nachts schon schlecht, weil es so leer aussieht", lachte Felix und wirkte erleichtert. Er hatte sich also getäuscht. Ole war ein ganz normaler Kerl. Nicht dass er ein Problem mit Schwulen hatte, das beste Beispiel waren seine besten Freunde. Doch er selbst war noch nie angegraben worden und deswegen wüsste er damit auch nicht umzugehen. So war er ganz froh, dass Ole doch nicht alles kaputt gemacht hatte, was sich gerade zu entwickeln versuchte.

„Na, das muss doch umgehend geändert werden.“ Ole ging zu seinem Werkzeug und holte erst einmal ein Messer, damit er die Verpackung öffnen konnte. Eigentlich hatte er das Felix machen lassen wollen, aber da der ja spitze Gegenstände meiden sollte, machte er das selber.