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Das Herz eines Herzogs - Teil 45 bis 46

45

Gemessenen Schrittes ging er den Gang entlang zu dem Konferenzraum, den er immer für seine geschäftlichen Gespräche benutzte und öffnete die Tür. Sofort ruckte der Kopf seines Gesprächspartners zu ihm und es war zu sehen, dass man nicht erbaut darüber war, warten zu müssen, aber man hielt sich zurück.

„Mister Nakamura“, wurde er knapp begrüßt.

„Miss Kendal“, grüßte Satoshi zurück und seine Miene war reglos wie immer. Er kam zum Tisch, vor dem sich Abigail Kendal traditionell im Saiza niedergelassen hatte und setzte sich. „Entschuldigen sie meine Verspätung“, erklärte er höflich, „ich hatte noch Verpflichtungen.“ Und machte ihr klar, das sie nicht das Wichtigste war und auch nicht ihre Geschäfte.

„Wie kann ich ihnen helfen?“, fragte er stattdessen, obwohl er es ganz genau wusste.

„Macht doch nichts, ich bin auch gerade erst angekommen.“ Abigail lächelte, wenn ihr auch eine ganz andere Erwiderung auf der Zunge gelegen hatte. Aber sie wusste, wen sie vor sich hatte und dass sie sehr vorsichtig sein musste, wenn sie das bekommen wollte, was sie anstrebte. Sie wartete, bis Satoshi sich ebenfalls gesetzt hatte, erst dann sprach sie ihr Anliegen aus. „Es geht um die Hotelanlage bei Osaka. Ich möchte sie gerne kaufen. Ich erwäge meine Hotelkette auch auf Japan auszuweiten.“

„Aha, ich verstehe“, sagte Satoshi. Diese Frau machte aber keine Umwege und kam gleich zum Ziel. Das waren die Europäer. Doch ihm sollte es recht sein. Er gab einem Angestellten, der an der Tür auf Anweisungen wartete, das Zeichen und der verließ das Zimmer.

„Nur bin ich leider der falsche Ansprechpartner für diesen Komplex, ich habe ihn nicht mehr in meinem Besitz“, erklärte er wahrheitsgemäß.

„Sie gehört nicht mehr ihnen?“ Abigail wirkte kurz überrascht, aber sie hatte sich schnell wieder im Griff. Warum wusste sie das nicht? Sie hasste es, Fehler zu machen und ganz besonders, bei einem Mann wie Satoshi Nakamura. „Darf ich fragen, in wessen Besitz sie sich nun befindet.“

„Sie haben Glück, der aktuelle Besitzer befindet sich im Haus. Ich lasse gerade nach ihm rufen“, sagte er und sah zur Tür, durch die jeden Augenblick sein Sohn und dessen Verlobter treten mussten. „Sie müssen wissen, mein ältester Sohn hat sich vor ein paar Wochen verlobt und ich habe ihm die Anlage zu diesem Anlass übertragen. Sie müssen also über den Verkauf mit ihm verhandeln“, sagte Satoshi und lächelte, als sich die Tür wieder öffnete.

„Kommt rein“, rief er den jungen Männern zu und Yves erstarrte, als er die Frau erkannte - was sollte das denn?

„Was tut sie hier?“, wollte er irritiert wissen.

„Mutter!“ William war nicht weniger erstaunt als Yves, aber er erstarrte nicht, sondern stellte sich vor Yves und funkelte die Frau, die er am wenigsten hier erwartet hatte, hasserfüllt an. „Was hat das zu bedeuten? Was machst du hier? Halte dich endlich aus unserem Leben raus. Ich gebe Yves nicht auf, egal, was du versuchen wirst und du wirst auch nicht Yves' Vater schaden, das lasse ich nicht zu. Verschwinde hier.“

Abigail sah ihren Sohn an und war erst einmal sprachlos. „Was…?“, stotterte sie schließlich und sah zwischen William und Satoshi hin und her. „Was hat das zu bedeuten?“, fragte sie schließlich scharf.

„Wie ich ihnen schon erklärte“, sagte Satoshi und fragte sich, ob sie ihm nicht zugehört hatte. „Mein ältester Sohn hat sich vor kurzem verlobt und das Hotel, an dem sie Interesse haben, habe ich zu diesem Anlass auf seinen Namen umschreiben lassen. Komm her zu mir, Yves“, forderte Satoshi und Yves kam kopfschüttelnd langsam näher. Was ging denn hier ab?

„Vater, was geht hier vor sich und von was für einem Hotel sprichst du?“ Er war sichtlich verwirrt und diese Frau in seiner Nähe bereitete ihm Unbehagen. Sie war nicht gerade das, was er an seinem Geburtstag hatte sehen wollen.

„Das ist ihr Sohn?“ Abigail wurde blass, als ihr die ganze Tragweite dieser Information bewusst wurde. Yves war Nakamura Satoshis Sohn. Der Sohn des mächtigsten Yakuza-Bosses Japans und somit einer der gefährlichsten Männer dieser Welt.

Sie schreckte auf, als Satoshi sein Wort an Yves richtete. „Es geht um eine Hotelanlage in der Nähe von Osaka, ich habe sie dir übertragen lassen, als ich von deiner Verlobung gehört habe und nun, an deinem 18. Geburtstag, bist du ihr rechtmäßiger Eigentümer.“

„Ich bin - du hast - als du - und jetzt...“ Yves konnte nur stammeln, weil er keinen sinnvollen Gedanken packen und formulieren konnte. Was sagte sein Vater denn da? Man verschenkte doch nicht einfach mal so Hotelanlagen mit Millionenwert und wenn jemand wie seine Schwiegermutter in spe sich dafür interessierte, konnte er davon ausgehen, dass es eine Luxusanlage war.

„Danke“, war das erste Sinnvolle, was er sagen konnte und fiel seinem Vater um den Hals, auch wenn Gefühlsausbrüche - vor allem vor Fremden - Japanern zuwider waren. Doch Satoshi lächelte und Abigail konnte nur zusehen, wie ein Hotel im Wert von vier Millionen Dollar an ein Kind verschenkt wurde.

William hatte das nur am Rande wahrgenommen, denn er fixierte seine Mutter, weil er vorbereitet sein wollte, wenn sie etwas plante, aber nun sah er zu Yves und lächelte. Anscheinend war er heute nicht der einzige, der seinem Schatz eine Überraschung bereitete. Aber dann legte sich seine Aufmerksamkeit wieder auf seine Mutter.

„Wage hier ein krummes Ding abzuziehen und du lernst mich kennen. Ich werde meine Drohung wahr machen, wenn du uns nicht in Frieden lässt“, zischte er ihr zu. Er konnte doch nicht zulassen, dass sie auch noch Yves’ Vater ruinierte.

„Ich glaube nicht, dass ein Mann wie Satoshi Nakamura den Schutz eines kleinen Lichtes wie dir nötig hat“, erklärte Abigail Kendal und wusste nicht, ob sie bleiben und verhandeln sollte oder auf die Hotels verzichten. Sie hatte keine gesteigerte Lust, ein Hotel wie dieses einem Kerl wie der Straßenratte zu überlassen - doch jetzt einfach gehen und sich geschlagen geben, konnte sie auch nicht. Sie wollte das hier durchziehen.

„Es ist mir egal, wer das Hotel jetzt besitzt. Mein Interesse daran hat sich nicht geändert“, sagte sie also und verwirrte Yves aufs Neue. Was sollte er denn jetzt tun?

William, von den Worten seiner Mutter über Satoshi Nakamura verwirrt, sah zu Yves hinüber, der ein wenig überfordert wirkte. Er ging zu ihm und legte einen Arm um ihn. „Schatz, das musst du nicht jetzt entscheiden. Du solltest erst einmal herausfinden, was dein Vater dir geschenkt hat. Wenn meine Mutter diese Anlage so unbedingt haben will, wie ich das glaube, ist sie bereit noch etwas zu warten. Aber es kann ja sein, dass du sie behalten möchtest.“ William grinste spitzbübisch und küsste Yves kurz auf die Lippen. „Es kann doch sein, dass es der richtige Platz für unsere Origami-Frösche ist.“

„Blödi!“ Nun musste Yves doch lachen und er sah nicht den angewiderten Blick seiner Schwiegermutter in spe, als die beiden sich geküsst hatten. „Kinderarbeit ist verboten. Ich kann doch Joel nicht Tag und Nacht Bettdecken zu Origamis falten lassen. Obwohl, wenn Shuichi ihm das beigebracht hat, kann der ja mitmachen“, lachte er und sah seinen Vater mit leuchtenden Augen an. Mehr hatte Satoshi nicht gewollt.

„Gut, wenn der Verkauf jetzt nicht über die Bühne geht, dann können wir den Termin auch verschieben. Es tut mir nur Leid, dass sie umsonst hier her gekommen sind, Miss Kendal“, sagte er, doch jeder wusste, dass es nicht so war. Diese Frau hatte seinen Sohn gequält. Dafür würde sie durch die Hölle gehen, das wusste sie nur noch nicht. Und Yves zum Glück auch nicht.

Abigail war es nicht gewohnt, so abgespeist zu werden und wollte aufbegehren, aber ein Blick von Yves' Vater ließ ihren Protest im Keim ersticken und sie nickte. „Teilen sie mir ihre Entscheidung mit, ob sie verkaufen möchten oder nicht“, sagte sie, um ihr Gesicht zu wahren und erhob sich. Sie würdigte William und seinen Verlobten keines Blickes, als sie sich verabschiedete und das Zimmer verließ. Sie hatte kein gutes Gefühl dabei, aber das schüttelte sie ab, als sie erhobenen Hauptes aus dem Hotel trat.

„Man, war das 'ne Show“, murmelte Yves und ließ sich etwas zusammensinken. „Was sollte das denn alles, Vater?“, murmelte er, weil er den tieferen Sinn dieser Aktion immer noch nicht verstanden hatte. Er war sich ziemlich sicher, dass er das Geschenk auch ohne Abigail hätte bekommen können und er dann nicht so einen Schock bekommen hätte. Nun saß er da wie ein verschrecktes Reh und wusste nicht so richtig ein noch aus.

Aber bevor Satoshi seinem Sohn antworten konnte, meldete sich William zu Wort. „Mister Nakamura, sie sollten vorsichtig sein. Meine Mutter als Feindin zu haben, ist nicht ratsam. Sie hat keinerlei Skrupel und ich möchte nicht, dass sie ihnen etwas antut, so wie sie es bei Yves und Joel getan hat. Ihr diese Anlage nicht zu verkaufen, sieht sie als Kampfansage und das wird sie nicht auf sich sitzen lassen.“ William überlegte hin und her, was er tun konnte, aber noch war er nicht in der Lage, seine Mutter in die Schranken zu weisen. Doch er musste verhindern, dass wieder Yves und seine Familie leiden mussten, weil er mit ihnen zutun hatte.

„William, deine Gedanken um mich sind löblich. Aber glaube mir, das ist unnötig. Vielleicht ist mein Name in Amerika nicht bekannt, doch hier weiß jeder, wer Nakamura ist. Sagen wir es offen, ich bin das Oberhaupt eines Yakuza-Clans und deine Mutter weiß, wie weit meine Macht reicht.“ Doch das Wichtigste im Augenblick war die Reaktion seines Jungen und Yves machte große Augen und schluckte.

Yakuza? War das nicht so was wie die Mafia? Angst stieg langsam in ihm auf.

William zog Yves fester an sich und nach einer kurzen Verblüffung fing er an zu kichern, das sich immer mehr steigerte und schließlich in einen ausgewachsenen Lachanfall überging. Er umschlang Yves und drehte sich ausgelassen mit ihm. Ihm war klar, dass niemand verstand, was mit ihm los war, darum versuchte er sich zu beruhigen und küsste Yves ausgelassen.

„Das ist wunderbar, weißt du das eigentlich, Schatz? Dein Vater ist wohl einer der wenigen Menschen, der uns vor meiner Mutter beschützen kann und ihr wird gerade der Arsch auf Grundeis gehen.“ Auf einmal war ihr Leben nicht mehr kompliziert und die Gefahr, die bisher über ihnen geschwebt hatte, war verflogen. „Wir sind frei!“

Doch Yves teilte diese Ansicht nicht, denn er wusste von Yuki und auch von den Lees, dass mit der Yakuza nicht zu spaßen war. Noch weniger mit den verfeindeten Clans, die grundsätzlich alle die Macht des anderen haben wollten. Doch er lächelte, weil er William seine Freude nicht kaputt machen wollte und auch seinem Vater lächelte er zu, denn er war ehrlich zu ihm gewesen und das schätzte Yves.

„Gehen wir essen und feiern den Sieg“, schlug er vor.

„Gleich, mein Junge.“ Satoshi sah Yves an und bedeutete ihm, sich zu setzen. „Sag mir, was dir durch den Kopf geht. Du teilst nicht Williams Freude. Bitte erkläre mir, was du von dieser Neuigkeit hältst und bitte sei ehrlich.“

„Gelinde gesagt, bin ich etwas in Sorge“, gestand Yves, auch wenn sich erneut das Gefühl von Undank in ihm breit machte. Sein Vater tat alles für ihn. Er konnte auch nicht wirklich etwas dafür, dass er war, was er war - in solche Strukturen wurde man hineingeboren. Und so erklärte er hastig und mit vielen Gesten seine Gedanken über Reibereien und Rache, über das was er gehört hatte und Ängste, die sich breit machten.

Satoshi hörte ihm zu und beschloss spontan, einfach hier zu essen. Mit einem Wink waren seine Leute informiert und er wusste, dass alles so ausgeführt wurde, wie er es erwartete. „Yves, ich bin froh, dass du ehrlich bist, denn so habe ich die Möglichkeit, einige deiner Ängste zu schwächen.

Es stimmt, dass es Kämpfe zwischen den einzelnen Clans gibt, aber das ist nichts, was dir Sorgen machen sollte. Diese Kämpfe finden an Verhandlungstischen statt, denn Kriege können wir uns alle nicht leisten. Sie würden uns schwächen und darunter würden die Geschäfte leiden. Wir wissen sehr wohl von den Gerüchten und wir nutzen sie für uns, denn sie schüren die Angst unserer Gegner.“ Satoshi sah Yves an und lächelte. „Niemand wird dir oder meiner restlichen Familie etwas tun, zumindest niemand aus den Reihen der Yakuza.“

„Und was hat es dann mit den abgehackten Fingern auf sich?“, konnte sich Yves dann doch nicht verkneifen, denn auch wenn er wusste dass sein Vater ein loyaler Mann war, der es nicht nötig hatte zu lügen, so konnte er das nicht glauben. „Und ist deine Stellung als Clanchef der Grund, warum deine Frau mich und Joel nicht hier haben will? Glaubt sie, ich mache Shuichi die Stellung streitig?“

„Na ja, dass wir uns nicht gegenseitig bekämpfen, heißt ja nicht, dass wir nicht ab und zu Bestrafungen durchführen müssen.“ Satoshi grinste schmal und ließ William schaudern. Jetzt wusste er, was er bei diesem Mann gespürt hatte und im Gegensatz zu Yves machte ihm das keine Angst, denn seine Mutter war nicht anders. Wobei Satoshi Nakamura ein Mann von Ehre war, was man seiner Mutter getrost absprechen konnte.

„Ja, das mit meiner Frau siehst du richtig. Sie wusste, dass deine Mutter meine Geliebte war und dass ich sie liebte, aber das hat sie akzeptiert, weil ich sie ebenso liebte. Das hat sich erst geändert, als du geboren wurdest. Du stelltest eine Bedrohung für ihr erstgeborenes Kind dar. Sie war meine Frau, also sollte auch ihr Sohn mein Nachfolger werden.“

„Ah ja“, sagte Yves nickend, „ich verstehe.“ Und das tat er wirklich. Frau Nakamuras Benehmen wurde ihm langsam klarer. Er hätte ihr gern gesagt, dass sie keine Sorge haben musste, weil er auf den Posten sicher nicht scharf war, doch wie sollte er das anstellen und würde sie ihm überhaupt glauben? „Ich bin also der Sohn eines Yakuza.“ Er grinste, es war zu irreal, als dass er es schon wirklich verinnerlicht hätte. „Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich Essen vertragen könnte.“

„Na ja, Yves, das ist nicht ganz richtig. Du bis nicht der Sohn irgendeines Yakuza, sondern des mächtigsten Yakuza.“ Nun lachte Satoshi leise. Es war nicht seine Art anzugeben, aber er wollte noch einmal Yves sprachlos sehen. „Essen kommt gleich. Warum noch Zeit verschwenden, wenn die Köche hier überaus köstliche Speisen zubereiten können.“

„Hm.“ Yves senkte den Kopf und sagte vielleicht besser nichts mehr. Er kratzte sich nur nachdenklich durch die Haare, bis sie nach allen Richtungen abstanden wie verrückt. „Ja, essen wir. Was auch immer.“ Im Augenblick war ihm alles egal. Er musste in seinem Kopf erst einmal wieder Ordnung machen.

William nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn, dann glättete er Yves die Haare ein wenig. „Das ist wirklich alles kaum zu glauben, aber so wie meine Mutter es einfach hingenommen hat, dass sie nicht kriegt, was sie will, kann es nur so sein.“ Er selber war auch ziemlich verwirrt, aber mehr über die Möglichkeiten, die sich ihnen boten. Sie konnten seine Mutter in die Schranken weisen und das war etwas womit er nie gerechnet hätte.

„Weiß Joel es schon?“, fragte Yves und er wusste nicht, ob er wollte, dass der Kleine alles erfuhr. Er war elf, war er bereit zu begreifen, was Satoshi war? Und Shuichi? Er musste erst einmal in Ruhe darüber nachdenken, aber nicht jetzt. Sie wollten endlich essen.

„Nein, Joel weiß nichts und das soll auch so bleiben. Shuichi weiß bescheid.“ Satoshi erhob sich und strich seine Hose glatt. „Lasst uns ins Restaurant gehen, dort ist alles vorbereitet.“ Alles in allem hatte Yves es besser aufgenommen als er gehofft hatte und auch William hatte sich als anders herausgestellt, als gedacht. Er schien Yves wirklich zu lieben, so wie er sich gegen seine Mutter gestellt hatte.

„Au ja, essen!“ Yves wirkte schon wieder viel zufriedener. Er schien zu verdrängen, dass er von nun auf jetzt Hotelbesitzer geworden war. Darüber musste er mit seinem Vater noch einmal in Ruhe reden und er musste sich das Objekt einmal ansehen. Das war nichts, was man übers Knie brach. Er erhob sich ebenfalls und folgte mit William an seiner Hand Satoshi aus dem Zimmer.

„Ich wusste gar nicht, dass du so verfressen bist“, lachte William. Er musste Yves einfach ein wenig aufziehen, denn er fühlte sich gut. Alle dunklen Schatten um sie herum verflüchtigten sich langsam und das musste doch gefeiert werden. „Anscheinend waren mit meinem Geschenk die Überraschungen für dich noch nicht vorbei und ich bin gespannt, was noch kommt.“

„Was soll denn noch kommen?“, fragte Yves etwas skeptisch. Dass der nächste ihn für verfressen hielt und er vielleicht wieder fett wurde und auf dem Onsen oben schwamm, nahm er mal einfach unkommentiert hin. „Alle haben mich schon beglückwünscht.“

Mit dem Lift fuhren sie nach oben ins Restaurant, das aus seinen Panorama-Fenstern einen herrlichen Blick auf die Stadt ermöglichte.

„Keine Ahnung, aber es würde mich einfach nicht wundern, nach dem, was heute alles schon passiert ist.“ William sah sich um und blieb kurz an einem der Fenster stehen. „Wir sollten wirklich hierher zurückkommen. Du solltest mehr über das Land und das Volk deines Vaters wissen.“ Er drehte sich zu Yves, der neben ihm stehen geblieben war und lächelte. „Und jetzt essen, ich habe auch Hunger.“

„Kommt ihr bitte?“, fragte Satoshi, der vorgegangen war und bereits an ihrem Tisch Platz genommen hatte. Die beiden jungen Männer eilten sich ebenfalls zu setzen. „Das sieht gut aus!“ Yves' Augen leuchteten und er verschaffte sich erst einmal einen Überblick, ehe er, wie die anderen auch, anfing zu essen.

Sie probierten sich durch alle Köstlichkeiten und William war wirklich überrascht über die Vielfältigkeit der japanischen Küche. Sie blieben in dem Restaurant, bis es Zeit wurde, Joel abzuholen. Yves hatte noch ein wenig mehr über seinen Vater und über sein Geschenk erfahren, so dass sie sich vornahmen, es sich in den nächsten Tagen einmal anzusehen.

Joel war schon ganz hibbelig, als sie ihn abholten und sie alle waren erleichtert, als sich herausstellte, dass auch die zweite Operation gelungen war. Im Auto auf dem Weg zurück hatte er quasi nur am Fenster gesessen und sich umgesehen, mal: „guck mal da“, oder mal: „boah, wie geil“, gerufen, aber sich sonst nur auf das Gucken konzentriert. Er hatte viel nachzuholen. Und am Abend hatte es sich der Kleine nicht nehmen lassen, Yves dabei zuzusehen, wie er mit seinen Waffen ein paar Katas probierte.

Bis auf die Hausherrin hatten alle an der Demonstration teilgenommen und William hatte Yves dabei nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen. Die Schwerter waren wie für Yves gemacht und mehr als einmal stieß Shuichi ihn an, weil er mit offenem Mund da saß. Was der Halbe auch weidlich ausschlachtete, als sie abends noch zusammen saßen. Er hatte nun noch jemanden, den er ärgern konnte und das nutzte er aus.

Schließlich war ihm klar, dass die Turner-Jungs vorerst zurückkehren würden nach New York. Vielleicht ließ sein Vater ihn ja zum Austausch mal zu Yves, denn nach Amerika hatte er schon immer einmal gewollt. Nur seine übervorsichtige Mutter stand einem solchen Unterfangen mit gemischten Gefühlen gegenüber, weil er dort niemanden kannte. Das war ja nun anders.

Die beiden nächsten Tage verliefen eigentlich nicht viel anders. Sie waren unterwegs, lagen im Onsen, übten mit den Schwertern und so rückte der Tag des Abschiedes näher.

William fand es wirklich schade, die Nakamuras wieder zu verlassen, denn er fühlte sich dort wohl. Auch wenn Shuichis Mutter noch immer Yves und Joel mied, so war das Leben hier harmonisch, wie es in einer Familie sein sollte. So etwas kannte er gar nicht mehr. Darum war er auch nicht bereit, das gleich wieder ganz aufzugeben. Er hatte einen Plan und an dem arbeitete er schon seit ein paar Tagen heimlich, sogar ohne dass es Yves bemerkte.



46

„Hast du alles? Auch die Katze?“

Joel kam gerade mit seiner großen Tasche über den Flur gelaufen. Shuichi hatte sie ihm abnehmen wollen, doch Joel war da eigen. Er war ja schon groß. Socke stromerte hintendrein und hatte schon das Geschirr um, in das die Leine geklinkt werden konnte.

Auch Yves' Sachen waren gepackt und in seinem Magen rumorte es. Er freute sich, seine Großmutter wieder zu sehen, doch es schmerzte, den Vater zurücklassen zu müssen.

William fing die drei Brüder ab und nahm Socke hoch, als sie an ihm vorbeigehen wollten und schob alle drei in ein Zimmer. Er hatte Yves' Vater von seiner Idee erzählt, weil er dessen Erlaubnis brauchte und Satoshi hatte sie ihm gegeben. Nun sahen ihn sechs Augen neugierig an und William lachte. „Also Jungs, ich habe einen Vorschlag. Wir fliegen zurück nach New York, verbringen dort ein paar Tage und dann machen wir Ferien, alle zusammen.“ Bei seinen Worten blieb sein Blick auf Shuichi hängen, der bisher etwas gelangweilt gewirkt hatte und nun hellhörig wurde. „Ja, du darfst mit, dein Vater hat's erlaubt. Ich dachte an eine Fahrt mit meiner Yacht, zusammen mit unseren Freunden und Socke natürlich.“

„So lange du ein Auge drauf hast, dass ich nicht wieder über Bord gehe“, grinste Yves, der irgendwie auf etwas Ähnliches gewettet hätte. William war eben William. Kopfschüttelnd küsste er seinen Verlobten, während Joel gleich Feuer und Flamme war und Socke an sich nahm, um mit ihr zu beratschlagen. Ob Socke nun eine Meerkatze sein wollte oder nicht, wusste sie auch noch nicht, dafür war Shuichi ziemlich glücklich, dass er wirklich mit durfte.

„Hey, cool“, sagte er anerkennend, denn es war nicht leicht, ihn zu überraschen.

„Also los, Halber. Deine Taschen sind gepackt, du musst nur noch das einpacken, was du sonst noch dringend mitnehmen willst. Also husch, du hast genau zwanzig Minuten.“ William schob Shuichi aus dem Zimmer, der sich noch einmal ungläubig umguckte, weil er nicht damit gerechnet hatte, jetzt schon mitzufahren. William legte die Arme um Yves und schüttelte den Kopf.

„Das werde ich nicht zulassen. Ich werde auf dich aufpassen. Von New York fliegen wir nach Miami, wo die Yacht auf uns wartet. Von dort aus machen wir uns auf in die Karibik und für deine Oma ist auch gesorgt, wenn sie aus dem Krankenhaus kommt. Ich habe ihr eine Haushaltshilfe besorgt, die auch Krankenschwester ist und ihr alles abnimmt, was sie noch nicht tun darf.“

„Ich staune immer wieder, wie weit du vor denkst“, lächelte Yves und wollte William gerade küssen, als Joel mosernd und moppernd Socke packte und Shuichi hinterher brüllte, der solle warten, er wolle mit. Die würden eh wieder nur knutschen. Und schon war er verschwunden. Nur seine Tasche blieb mitten in der Tür zurück.

„So eine freche Zwecke“, knurrte Yves und küsste William trotzdem.

„Besser so, als anders.“ William fand, dass Joel so genau richtig war und er freute sich, ihn noch eine Weile bei sich zu haben. Immer wieder trafen sich ihre Lippen und William strich Yves durch die Haare. „Du und Joel, ihr sollt diesen Urlaub genießen und wenn eure Großmutter gut versorgt ist, klappt das besser.“ Für ihn war das selbstverständlich, denn sie gehörte mit zur Familie. „Yuki weiß auch schon Bescheid und auch Peter. An Robert und Adam bin ich dran, sie laufen irgendwo in Australien durch die Wüste, aber ich bin sicher, dass sie pünktlich da sein werden.“

„Robert in der Wüste?“ Yves hob skeptisch eine Braue. „Trägt Adam ihn oder zieht er ihn hinter sich her?“ Er hatte ja eine lebhafte Fantasie, aber dass jemand wie Robert durch eine einsame Wüste tigerte, ohne Handy, ohne Auto, ohne Zeichen von Zivilisation? Nein, das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen - aber auf ein paar Tage mit Yuki freute er sich sehr.

„So ähnlich stell ich mir das auch vor, darum bin ich mir auch sicher, dass die beiden da sein werden, wenn wir in Miami losfahren.“ William war froh, dass Yves mit seiner Idee einverstanden war und sich freute. Sie hatten sich ein wenig Erholung verdient. Die letzten Wochen waren wirklich ziemlich nervenaufreibend gewesen.

„Ich hoffe, du hast auch mit Doro geredet und die lyncht mich nicht, wenn ich schon wieder ausfalle.“ Das war eigentlich Yves' größte Sorge. Er wusste, dass er beliebt war und seine wenigen Stammkunden nun schon ein paar Mal vertröstet werden mussten. Wie lange würden die das noch mitmachen? Und den Job verlieren wollte Yves auch nicht. Nur weil ihm jetzt ein Hotel gehörte hieß das nicht, dass er nicht mehr arbeiten musste.

„Alles geklärt, du hast frei, bis die Ferien zu Ende sind.“ William küsste Yves und sagte ihm lieber nicht, dass es lange und zähe Verhandlungen gekostet hatte, das zu erreichen, aber schließlich hatte Doro nachgegeben. Nicht zuletzt, weil das Haus eine ansehnliche Entschädigung bekommen hatte. Aber die hatte William nur zu gerne bezahlt, wenn er damit Yves ein wenig länger nur für sich hatte.

„Wow, klingt ja nicht gerade so, als würden sie mich vermissen, wenn sie mich so lange einfach her geben“, grinste Yves schief und wusste noch nicht, was er davon halten sollte. Doch er lächelte und küsste William erneut. Woher hätte er auch ahnen sollen, dass just in diesem Moment Joel wieder um die Ecke kam und stöhnte. „Och nee, Shuichi, mach was. Die knutschen immer noch. So kommen wir doch nie aufs Wasser!“

„Lass dir von ihr erzählen, wie hart sie um dich gekämpft hat.“ William lachte leise und streckte Yves' Brüdern die Zunge heraus. „Los, verabschiedet euch, dann geht es los. Ich nehme Socke solange und bring sie ins Auto.“ Er selbst hatte sich schon verabschiedet und Yves' Vater versprochen, auf seine Söhne zu achten. Dass Joel dazugehörte, war selbstverständlich.

„Pops.“ Ohne jeden Respekt schob Shuichi wie üblich die Tür zum Zimmer seines Vaters auf, doch er grinste von einem Ohr zum anderen. Es war ihm ziemlich egal, dass seine Mutter finster drein blickte, mehr noch, als sie auch Yves sah. Er durfte endlich einmal hier raus und das wollte er sich nicht vermiesen lassen. „Wir sagen dann mal tschüss, ne? Ich ruf an, wenn ich gelandet bin. Hoffentlich ist die Zeitverschiebung so günstig, dass ich dich aus dem Bett holen kann!“

Satoshi sagte nichts, aber sein Blick wurde ein wenig wärmer und er drückte alle drei Jungen kurz an sich. „Ich wünsche euch schöne Ferien“, sagte er schlicht und setzte sich wieder. Joel ging zu Shuichis Mutter und umarmte sie kurz, was die Frau sichtlich erstarren ließ. „Danke, es war schön hier“, sagte er höflich. Seine Großmutter hatte ihm beigebracht, sich immer zu bedanken. Das hatte er nun erledigt und so griff er sich seine Brüder an den Händen und zog sie zum Ausgang. Er wollte endlich los.

So beeilten sich auch Yves und Shuichi, sich zu verabschieden und ließen sich aus dem Zimmer zerren. Joel war ziemlich herrisch, wenn er etwas wirklich wollte. Und Boot fahren wollte er ganz entschieden! Das hatte er nämlich noch nie getan. Außerdem wollte er seine neue Sonnenbrille ausprobieren, die Shuichi ihm gekauft hatte und er wollte aus dem Flugzeug auf die Erde gucken und lauter Sachen machen, die er vorher nie gemacht hatte. Da blieb doch keine Zeit zum trödeln!

William wartete schon im Wagen auf sie und grinste, als er Joel mit seinem Anhang sah. Er zog Yves neben sich und küsste ihn. „Wir kommen hierher zurück, sobald es möglich ist oder wir laden deinen Vater zu uns ein.“ Yves wirkte ein wenig traurig, was er verstehen konnte, aber leider ließ es sich momentan nicht anders machen.

„Ja, das sollten wir“, sagte Yves leise und sah noch einmal zurück. Das Tor wurde für sie geöffnet und so rollten sie vom Anwesen. Nun waren sie wieder auf dem Weg und eigentlich freute er sich auch. Auf seine Großmutter, auf die Lees, auf Yuki und ihre Familie und je mehr er sich das bewusst machte, umso leichter war es, Kyoto zu verlassen.

„Fliegen wir Linie oder hat deine Mutter doch noch mal den Jet rausgerückt.“

„Was denkst du denn. Ich bin dieses Jahr schon einmal Linie geflogen, das tu ich mir nicht noch einmal an.“ William machte ein angewidertes Gesicht und kicherte dann. „Es war sogar gar kein Problem, ich habe gesagt, ich brauche den Jet und die einzige Frage war nur: wann.“ William hielt an einer Ampel und zog Yves an sich, aber ein leises Knurren ließ ihn innehalten. Joel sah sie an und schüttelte den Kopf. Er hatte von der ewigen Knutscherei wirklich langsam genug. Vor allem, weil der Herr Herzog jetzt hinter dem Steuer saß und mit ihrem Leben spielte. Er konnte gerade wieder sehen - das wollte er gern noch eine Weile tun und nicht wegen Knutscherei am Steuer im Straßengraben landen.

„Kann nicht der Halbe vorne sitzen? Dann kann Will nicht ständig Yves knutschen und wir überleben.“

„Dann will der vielleicht mich knutschen - nichts da. Der bleibt da vorne sitzen“, lachte Shuichi und zeigte Joel, wo Williams Hand landete und flüsterte laut genug, das alle es hören konnten: „Und betatscht will ich auch nicht werden.“

„Wäre es schlimm, wenn wir die zwei aus Versehen im Hafen vergessen, wenn wir ablegen?“, knurrte William, aber seine Augen lachten. Langweilig wurde ihre Schifffahrt bestimmt nicht, besonders nicht, wenn auch noch ihre anderen Freunde da waren. Er befürchtete, dass Robert und Shuichi sich als schreckliches Duo zusammentun würden und alle anderen ihre spitzen Zungen zu spüren bekamen.

„Wäre es schlimm, wir nehmen sie mit und setzen sie hundert Kilometer vor der Küste mit dem Beiboot aus? Genug zu essen und ein Telefonat an Papa, wo er seine Lieblinge holen kann“, schlug Yves vor und lachte laut, weil Joel auf dem Rücksitz den Zwergenaufstand probte und Shuichi dazu anstacheln wollte, sich dagegen zu wehren.

„Auch nicht schlecht, Schatz.“ Um die beiden auf dem Rücksitz noch ein wenig zu provozieren, legte William seine Hand wieder auf Yves' Oberschenkel und streichelte darüber, aber dann ließ er es gut sein. „Keine Sorge, Joel, ich hör schon auf und ich freue mich darauf, dich und den Halben dabei zu haben. Aber wir haben das Sagen, dass das klar ist und da gibt es auch keine Diskussionen.“

„Nur weil ihr älter seid oder was?“, murmelte Joel. Er war gerade so schön drinnen und wollte auch nicht aufhören. Dabei strich er Socke durch das weiche Fell.

„Nein, weil ihm das Schiff gehört und er dich wirklich daheim lässt, wenn du nicht artig bist“, erklärte Yves und sah seinen Bruder forschend an.

„Na gut, aber ich will einen Hai sehen“, wechselte Joel plötzlich das Thema.

„Ich werde mein möglichstes tun, Joel, aber versprechen kann ich es nicht, weil ich den Haien keine Befehle erteilen kann.“ William war wieder losgefahren und sah Yves’ Bruder nur kurz über den Rückspiegel an. „Aber ich denke schon, dass sich da was machen lässt. Wenn gar nichts anderes geht, schmeißen wir den Halben ins Wasser und hoffen, dass er ein paar anlockt.“

„Ob die Haie so was fressen?“, fragte Joel ziemlich skeptisch und piekste nun an Shuichi herum, der nur noch den Mund verzog. Was sollte das denn? War er nur mitgenommen worden, um verfüttert zu werden? Konnte er sich das vielleicht noch einmal überlegen?

Yves grinste nur. Das konnte ja noch was werden. Doch irgendwann gab es auf der Rückbank Ruhe. William sah nach hinten. Die beiden Jungs beschmusten Socke, die sich auf Joels Schoß aalte und es ganz toll fand, von vier Händen gestreichelt zu werden. So brachten sie die Fahrt ohne weitere Proteste von der Rückbank hinter sich, was sich erst änderte, als Socke an die Leine gelegt wurde. Das mochte die junge Dame gar nicht und Joel wollte ihr das auch ersparen, weil sie ja aufs Wort hörte, aber da ließ William nicht mit sich handeln. Eine entlaufene Katze zu suchen, hatten sie keine Zeit und auf ein kleines Fellknäuel auf dem Rollfeld nahm auch niemand Rücksicht. Wenn sie unter die Räder kam, dann wäre das sehr traurig. Das sah dann sogar Joel ein.

Den Wagen ließ er vom Personal im Hangar zurückgeben. Die Rechnung ging wie üblich an seine Adresse und ohne Umwege führte sie der Weg in den fertig gemachten Jet. „Ich krieg die Playstation!“, legte Yves gleich fest. Wenn er schon in dem Luxus zurückflog, wollte er ihn auch genießen.

„Wenn man bedenkt, dass er vor wenigen Wochen das erste Mal damit gespielt hat“, lachte William, überließ Yves aber den Platz an der Spielekonsole. „Wir werden alle gegen dich antreten, davon kannst du mal ausgehen.“ Er freute sich schon darauf, wieder gegen Yves zu spielen und nun wusste er, wie gut der war und das war eine Herausforderung, die er liebte.

„Ja, bringt die Opferlämmer zu mir. Ich werde einen nach dem anderen besiegen.“ Yves lachte und hatte schon das Spiel gestartet, um sich im Trainingsmodus wieder daran zu gewöhnen. Joel und Socke hingegen guckten sich erst einmal um, genau wie Shuichi. „Nicht übel, Schwager“, pfiff er anerkennend durch die Zähne und ließ sich auf eine der Couchen fallen. „Du verstehst zu reisen.“

„Weißt du, Shuichi, ich persönlich brauche diesen ganzen Prunk nicht wirklich. Das ist eher der Geschmack meiner Mutter. Aber ich muss zugeben, ich sehe nicht ein, warum ich den Jet nicht nutzen soll, wenn er da ist. Er ist praktisch.“ William ließ sich ebenfalls in einen Sitz fallen und rief Joel zu, dass Socke erst noch an der Leine bleiben sollte, zumindest so lange, bis sie gestartet waren und sie Reiseflughöhe erreicht hatten. Doch Joel nickte nur, denn er hockte schon zusammen mit Socke neben Yves und guckte zu, wie sein Samurai sich mit einem anderen duellierte. Das Spiel war überraschend unblutig, wenn der Gegner zu Boden ging, weswegen Yves seinen kleinen Bruder zugucken ließ und sie dann ihr erstes Match begannen. Yves kämpfte absichtlich schlecht, damit Joel eine Chance hatte.

„Ich glaube, wir sind abgeschrieben. Was ganz bestimmt nicht in meine und Yves' Wohnung kommt, ist so eine Playstation“, lachte William und bot Shuichi eine Cola an, die er aus dem kleinen Kühlschrank neben seinem Sitz nahm. Sollten die beiden Brüder miteinander spielen, das war für sie auch noch etwas Neues und das sollten sie genießen.

„Ihr wollt zusammen ziehen? Wie wird das dann mit dem Viertel werden? Der strahlt wie ein Honigkuchenpferd, dass er dann bei seinem Bruder leben und auf eine richtige Schule gehen kann“, fragte Shuichi, denn er konnte sich irgendwie nicht vorstellen, dass die beiden den Kurzen dabei haben wollten, wenn sie sich ein Liebesnest bauten.

„Ist erst einmal nur für irgendwann angedacht.“ William seufzte leise und sah zu seinem Verlobten hinüber. „Wir werden uns schon einigen, wo wir einmal zusammen leben werden, aber im Prinzip habe ich nichts dagegen, dass Joel bei uns wohnt, wenn die Wohnung groß genug ist.“ Er lachte und zwinkerte Shuichi zu.

„Yves hängt an den Lees und auch an seiner Großmutter. Allein das schon unter einen Hut zu kriegen, wird nicht einfach. Da halte ich mich mit meinen Wünschen zurück. Ich möchte ihn nicht unter Druck setzen.“

„Ich staune sowieso, was der alles gemeistert hat“, gab Shuichi offen zu, denn als Joel zu ihnen kam, hatte er angefangen nachzubohren. Auch für ihn war es eine Art Schock gewesen zu wissen, dass er noch einen Bruder hatte, zwei eigentlich und zu hören, in was für Verhältnissen die beiden sich durchschlugen.

Tiefschläge über Tiefschläge.

„Und du sollst ja auch nicht gerade den besten Einstieg gehabt haben. Wie kam's, dass ihr jetzt das Bett teilt?“ Auffordernd sah Shuichi zu William. Er lag auf der Couch, hatte die Hände unter dem Kopf verschränkt und wirkte entspannt.

„Nein, ich habe wirklich nicht dazu beigetragen, dass Yves’ Leben einfacher wird. Die Geschichte ist recht lang und kurz gesagt, käme es wohl am besten so: Ich habe Yves gehasst und auf unserem Wochenende in London habe ich gemerkt, dass er anders war, als ich gedacht habe und ich ihn nicht möglichst weit weg von mir wollte, sondern so nah wie möglich bei mir. Ich hatte mich verliebt und ich habe schwer dafür arbeiten müssen, bis Yves mir das geglaubt hat und meine Liebe erwiderte.“ William hatte einen verträumten Ausdruck im Gesicht, als er sich daran erinnerte. „Ich habe mich alles andere als mit Ruhm bekleckert.“

„Ah, verstehe.“ Shuichi nickte und blickte an die Decke. „Wo werd ich eigentlich wohnen? Bei Yves nehme ich doch mal an oder?“ Darüber hatte er sich noch gar keine Gedanken gemacht, doch soweit er das verstanden hatte, ging es ja sowieso gleich weiter Richtung Karibik. „Gibt’s bei euch eigentlich auch nette Mädels?“ Er war nämlich schon eine ganze Weile solo.

„Du kannst bei Yves wohnen, aber das wird ein wenig eng mit drei Personen in seinem kleinen Zimmer. Möglich wäre auch, mit mir zusammen im Plaza zu wohnen oder wir alle zusammen wohnen in meinem Haus auf Long Island. Das werden wir noch besprechen.“ William hatte sich abgewöhnt, etwas über Yves' Kopf zu entscheiden. Er gab nur Möglichkeiten vor. Wenn sein Schatz auch der liebste Yves der Welt sein konnte, handzahm wie ein Lämmchen. Doch er war stur wie ein Esel, wenn jemand glaubte, ihm etwas vorschreiben zu müssen - das hatte William schon gelernt!

„Na ja, lassen wir uns überraschen, wo mein großer Bruder mich hin steckt. Viel habe ich eh nicht vor daheim zu sein. Ich muss die Stadt sehen!“ Shuichi schmiedete schon Pläne, seit er wusste, dass er Brüder in New York hatte.

„Okay, zeigen wir dir die Stadt, aber es kann sein, dass wir beide das alleine machen müssen, denn Yves wird mit Joel zu seiner Großmutter wollen. Was willst du denn alles unbedingt sehen und machen?“ William konnte sich vorstellen, was Shuichi geplant hatte. „Vielleicht begleitet Yuki uns ja, wenn wir abends weggehen.“

„Lassen wir alles auf uns zukommen. Erst müssen wir uns mal in die Luft erheben und dann haben wir ja ein paar Stunden vor uns und vielleicht hat Yves irgendwann die Nase voll und dann kann man ja immer noch mit ihm planen.“ Shuichi sah das nicht so. Es würde sich schon was ergeben. Er war ja froh, dass er überhaupt weg war.

„Er wird es sich nicht nehmen lassen, mit uns zu planen. Du bist sein Bruder, er wird wissen wollen, was du machst.“ William wippte mit den Augenbrauen. Shuichi sollte nicht glauben, dass er - den väterlichen Blicken entzogen - machen konnte, was er wollte. Yves nahm es ernst, was er seinem Vater versprochen hatte. „Wir werden schon was finden, was dir gefällt und wenn du nicht ausgelastet bist, scheuchen wir dich in den Dojo.“

„Ja, Yves hat davon erzählt. Auch dass er ziemlich gut ist. Paps ist begeistert von ihm und irgendwie hat er meinen Ehrgeiz angekratzt“, musste Shuichi lachend gestehen und sah zu seinem großen Bruder hinüber, der grade von Socke belagert wurde, die ihn ablenkte, damit Joel gewinnen konnte. Manchmal fragte man sich wirklich, ob das eine normale Katze war.

„Vielleicht schaffe ich es, meinem Vater zu zeigen, wie gut ich alleine klar komme. Dann darf ich vielleicht hier studieren und wir können uns jeden Tag sehen, ich werde euch besuchen, euch beim Sex stören - ist das nicht herrlich?“ Shuichi lachte und rollte sich auf seiner Couch.

„Ich bin begeistert“, brummte William, aber er grinste dabei. Der Halbe war schon ein schräger Vogel, aber er mochte ihn. „Warum sollte dir das nicht gelingen? Wenn du nicht irgendwelchen großen Mist fabrizierst, glaube ich schon, dass dein Vater dir erlauben wird, hier zu studieren. Weißt du denn schon, welche Richtung?“ William sah Shuichi zu, wie er sich auf der Couch breit machte und sehr zufrieden wirkte. „Los, setz dich ordentlich hin, wir starten gleich.“

Mit einer gehobenen Braue kam Shuichi langsam wieder in die Senkrechte und grinste William frech an. „Ja, Papa“, konnte er sich nicht verkneifen, denn es war nun einmal seine Art. „Wenn ich Vaters Position eines Tages einnehmen werde, dann sollte ich von Wirtschaft das eine oder andere verstehen. Interessieren würde mich ja noch vieles anderes, aber wie sagt Vater immer? Tote Sprachen und sinnlose Fachrichtungen bringen mich nicht weiter.“ Eigentlich war es ihm im Augenblick egal, er hatte noch ein paar Jahre Schule vor sich - leider.

„Freche Made.“ William knuffte Shuichi lachend und schnallte sich selber an. Ein kurzer Blick zu Yves zeigte ihm, dass sein Freund und Joel auch für den Start fertig waren, aber sich nicht beim Spielen stören ließen. „Ja, da hat dein Vater wohl Recht. Ich werde auch etwas in dieser Richtung machen, aber vielleicht nur zum Spaß für mich noch etwas, was mir wirklich Spaß macht.“

„Reicht es dir nicht, den Körper meines Bruders zu studieren? Muss es noch mehr sein?“, fragte Shuichi lachend. Da William auch festgeschnürt war, konnte der ihm keine Kopfnuss geben. Das musste doch ausgenutzt werden.

So konnte er sich an Williams Gesichtsausdruck weiden, der kurz nicht wusste, was er sagen sollte, und schließlich den Kopf schüttelte. „Ich hätte es wissen müssen, du bist Yves' Bruder“, seufzte er schließlich und lachte. „Den studiere ich nachts, da brauche ich doch noch eine Beschäftigung für tagsüber.“

„Ah ja, verstehe“, lachte Shuichi und schüttelte den Kopf. Er guckte aus dem Fenster und beobachtete die Geschehnisse auf dem Rollfeld. Langsam machten sie sich auf den Weg zur Startbahn und der Pilot begrüßte die Gäste an Bord und erklärte die Route, ihre voraussichtliche Ankunft und noch ein paar kleine Dinge zwischendurch, die er für interessant befand. Sogar die Turner-Jungs hatten ihr Spiel für den Start unterbrochen, denn sie mussten sich um Socke kümmern. In ihre Tasche ließ sie sich nicht sperren, also musste sie festgehalten werden.

Aber sie machte es ihnen leicht und blieb brav auf Joels Schoß sitzen, ließ sich beschmusen und schnurrte leise. Erst, als ihre Leine aus dem Geschirr gehakt wurde, weil sie jetzt ruhig herumlaufen durfte, stand sie auf, streckte sich und sprang auf den Boden. Jetzt wollte sie das Flugzeug erkunden. „Was machen wir, während Yves und Joel spielen?“, fragte William und sah Shuichi an. So schnell kamen sie wohl nicht dazu auch mal zu spielen.

„Sie so lange ärgern und ablenken, bis sie genervt aufgeben und wir spielen können - was denn sonst?“, fragte Shuichi mit einer Selbstverständlichkeit und einem Ernst in der Stimme, dass man nicht gleich wusste, wie er das meinte. Doch als er frech zwinkerte, war klar, dass er das eigentlich nicht so ernst meinte. Doch das hielt ihn nicht davon ab, schon einmal zu den beiden zu gehen.

Weil er nicht alleine herum sitzen wollte, kam William ihm hinterher und hockte sich neben Yves auf den Boden, weil auf der Couch kein Platz mehr war, aber er störte ihn nicht. Er sah seinem Freund nur beim Spielen zu und lehnte sich dabei an Yves' Bein. Shuichi saß bei Joel und gab ihm Tipps, wie er seinen großen Bruder besiegen konnte. Doch irgendwann gab Joel genervt auf.

„Wenn du weißt, wie man das macht, versuch mal den da zu besiegen“, knurrte Joel, denn langsam zog Yves das Tempo an und so dauerte es immer weniger lange, bis Joel besiegt am Boden lag. Das machte keinen Spaß mehr. Er wollte lieber mit Socke das Umfeld erkunden und alles sehen, was es zu sehen gab - zum Beispiel die Erde weit unter sich.

„Ich werde deine Ehre wieder herstellen, Viertel und Yves platt machen“, lachte Shuichi und ließ sich den Kontroller geben. Er war ein Teenager und mit diesen Spielen groß geworden. „So Bruder, jetzt wirst du merken, wie Niederlagen schmecken“, grinste er frech und startete das Spiel neu. Er war gut, das wusste er und auch wenn Yves mehr Erfahrung mit dem Schwert hatte, so kannte er ein paar Tricks, die helfen konnten, das auszugleichen.

Und schon in der ersten Runde, in der Yves noch geglaubt hatte, das lässig wegstecken zu können, wurde sein Übermut mit einem Treffer nach dem anderen bestraft. Plötzlich verspannte sich Yves und musste sich anstrengen. „Hey, nicht doch!“, knurrte er immer wieder, wenn Shuichi plötzlich einen seiner Tricks anwendete und Yves überraschte.

„Will, Schatz! Mach was, der besiegt mich. Das kratzt an meinem EGO!“ Wie verrückt drückte er auf dem Kontroler herum.

„Mach weiter so, Shuichi“, lachte William aber nur. „Je heftiger du ihn besiegst, umso mehr darf ich ihn trösten und wieder beruhigen. Dann muss ich ihn beschmusen und küssen, muss ihm verliebte Dinge ins Ohr flüstern und ihn wieder aufbauen.“ Er fing schon einmal damit an und streichelte über Yves' Bein. Nicht dass er für all diese Dinge einen Grund brauchte, aber es machte einfach Spaß, seinen Schatz zu ärgern.

„Wah!“ Yves hatte dafür im Augenblick wirklich keinen Nerv und auf einen Zwei-Fronten-Krieg konnte er sich nicht einlassen. „Will, wenn du nicht die nächsten Tage allein in deiner Kabine verbringen willst, weil ich bei meinem kleinen Bruder schlafe, dann lässt du das jetzt augenblicklich bleiben!“ Immer heftiger hämmerten seine Finger auf die bunten Tasten und Shuichi lachte zufrieden.

„Dann will ich aber Socke“, lachte William, ließ es aber bleiben, Yves weiter abzulenken. Sein Schatz brachte das wirklich fertig und ließ ihn alleine schlafen, auch wenn er sich selber damit genauso bestrafte, wie seinen Fraggle. Soviel wusste William schon. Darum lehnte er nur seinen Kopf an Yves' Knie und sah dem Kampf weiter zu. Doch auch wenn die Schlacht auf Williams Front nun eingestellt war, hatte Yves keine Chance mehr. Sein bis eben noch makelloses Spielergebnis bekam einen Dämpfer und Yves' Ego auch.

„Halbe Kröte“, knurrte er und warf den Kontroller auf die Couch, während Shuichi einen merkwürdig fragwürdigen Siegestanz vollführte und was von Champions sang.

„Komm her, Schatz.“ William zog Yves zu sich runter auf seinen Schoß und legte die Arme um ihn. „Ich liebe dich“, murmelte er leise und nippte sanft an den Lippen seines Lieblings. „Ist doch nur ein Spiel und der Halbe hat viele Jahre mehr Erfahrung als du. Das war kein fairer Kampf.“ Seine Hände strichen über Yves' Rücken und schlüpften schließlich unter das Shirt. Er konnte gar nicht anders. Die warme Haut war einfach zu verlockend.

„Nein, war es nicht und ich verlange Revanche - irgendwann!“, knurrte Yves, doch er war schon wieder versöhnlicher, kuschelte sich an seinen Fraggle und tankte den Trost, den er jetzt brauchte.

„Ey, Joel ist erst elf. Der muss so was noch nicht sehen!“, sagte Shuichi, als er die beiden am Boden beobachtete und sprach freilich laut genug, damit besagter Elfjähriger ihn auch hörte und gucken kam, was er nicht sehen sollte.

„Klappe, Halber“, kam es aus zwei Kehlen gleichzeitig und William fing an zu lachen. Da nichts Besonderes zu sehen war, außer einem mit seinem Schatz schmusenden Bruder, ging Joel gleich wieder, denn das kannte er schon zur Genüge. Da spielte er lieber mit Socke verstecken. „Könntest du mich bitte aufhalten, wenn ich mal wieder auf die Idee komme, Shuichi irgendwo mit hinzunehmen“, lachte William und zwinkerte Yves zu.

„Nur wenn ich auch dabei bin, sonst schicke ich dich gern allein mit ihm auf die Piste und habe meine Ruhe“, murmelte Yves gedankenverloren und grinste vor sich hin. Er zog seinem Schatz das Hemd aus der Hose und spielte mit den Knöpfen. Sie hatten schließlich noch ein ganzes Stück Weg vor sich und die Zeit sollte ihm nicht lang werden. Hier ein Knöpfchen, da ein Knöpfchen. Ein bisschen frei gelegte Haut streicheln.

„Interessant, wie sehr mich hier alle lieben“, knurrte Shuichi und sah sich um. Seine Brüder waren beschäftigt und keiner bespaßte ihn.

„Da hinten ist ein Fernseher und Filme.“ William deutete mit einer Hand in die entsprechende Richtung, ohne Shuichi anzusehen, denn er war gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt, wie Yves küssen und streicheln. Das Ego seines Lieblings musste noch ein wenig aufgebaut werden, damit er nicht depressiv wurde. Nicht auszudenken, was Yuki mit ihm anstellte, wenn er einen deprimierten Yves mit nach Hause brachte. Nein, das wollte sich William nicht einmal ausmalen.

„Ja, ja, schon verstanden“, murrte Shuichi und verzog sich - damit konnte er sich wenigstens ein paar Stunden vertreiben, genauso wie William und Yves, die irgendwann auf die Couch wechselten und Joel, der mit Socke aus allen Fenstern des Flugzeuges guckte und damit ziemlich beschäftigt war.