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Gefährliches Wasser - Teil 3 bis 4

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Der Sonntag begann für Mario ziemlich früh, weil er kaum geschlafen hatte. Er war sich unschlüssig darüber, wie er Jan folgen konnte, ohne aufzufallen. Deswegen hatte er sich die ganze Nacht damit beschäftigt, alle Schwimmhallen zusammenzusuchen, die er in ihrer Stadt hatte finden können und die über ein großes Becken verfügten. Spaßbäder fielen also aus. Er hatte sich auf vier Hallen eingeschossen und weil Jan immer mit dem Bus fuhr, auch die entsprechenden Linien dazu notiert. Er musste also nur herausfinden, in welche Linie Jan stieg und konnte sich dann auf seine Maschine schwingen und ebenfalls dorthin fahren.

Am besten war er schon vor Jan dort, um sich umzuziehen und sich ein stilles Fleckchen zu suchen, um die Halle zu erkunden und sich einen Schlachtplan zu Recht zu legen. Seine Tasche war schon gepackt und seine Wut wieder ein wenig gedrosselt. Lange hatte er gegrübelt, ob es wirklich nur wegen ein paar blöder Witze pubertärer Jungs gewesen war, dass ihre Freundschaft jetzt einem Scherbenhaufen glich, an dem man sich Wunden holte, sobald man versuchte, ihn beiseite zu räumen.

Es war zum Verzweifeln. Doch es half nichts. Er musste wissen, warum Jan gewechselt hatte und dazu musste er ihn in flagranti erwischen, ohne dass der ausweichen konnte.

Er hatte sich gut versteckt, als Jan das Haus verließ und zur Bushaltestelle schlenderte. Ihm ging es nicht besonders gut, weil er sich gestern noch ziemlich betrunken hatte, nachdem Annika zu ihrer Party aufgebrochen war.

Er hatte keine Lust zu trainieren.

Wozu auch?

Er tat es doch sowieso nur für sich, damit er nicht aus der Form kam. In einem anderen Verein konnte er nicht schwimmen, dann wäre seine Lüge mit der Allergie aufgefallen. War nur zu hoffen, dass das Training ihm gegen seinen dicken Kopf half. Missmutig lehnte Jan sich an das Wartehäuschen und kickte eine leere Bierdose über den Bürgersteig. Er schloss die Augen, um seine innere Ruhe endlich wieder zu finden, doch die war schon seit Wochen - Ach was! - seit Monaten weg und er schwankte immer zwischen den Extremen. Mal himmelhoch jauchzend, mal abgrundtief betrübt. Je nachdem, was Mario wieder gemacht hatte. Hatte er einer Dame einen Korb gegeben und sie heulte sich die Augen aus, hätte Jan Bäume ausreißen können, doch wenn Mario dann einer anderen seine Gunst schenkte, die eigentlich nur Jan zustand, dann zog es ihm den Boden unter den Füßen weg.

Zum Glück sah er nicht, dass Mario hinter einer Hausecke lauerte, um zu sehen, ob Jan jetzt in den Hundertsiebener stieg oder in die Schnelllinie achtzehn. Sein Bike hatte er schon in der Nähe geparkt und die Wege, die die Busse nahmen auswendig gelernt. Da Jan sich für diese Haltestelle entschieden hatte, kamen nur noch zwei Schwimmhallen in Frage und bald würde er wissen, warum Jan sie verraten hatte.

Erst als sein Bus kam, öffnete Jan die Augen wieder und stieg ein. Er setzte sich in die letzte Reihe und schloss die Augen erneut, nachdem er sich seine Kopfhörer in die Ohren gesteckt hatte. Die Fahrt dauerte eine halbe Stunde und mit etwas musikalischer Berieselung war sie einfach besser zu ertragen und nicht so langweilig. Es war Marios Glück, dass Jan sich so schnell wieder in seine Welt zurückgezogen hatte, denn er musste einmal den Bus überholen. Allerdings sah er nicht auf, um nicht aufzufallen. Ein Bike wie er fuhren viele und fragen würde Jan ihn sowieso nie.

So zahlte Mario seinen Obolus, um in die Schwimmhalle gelassen zu werden. Seine Maschine parkte er trotzdem lieber eine Ecke weiter. Man wusste ja nie. Und so war er schon in Badehose unter der Dusche, als Jan gerade erst den Bus verließ. Er konnte es durch die großen Scheiben der Halle sehen. „Was treibst du, Jan?“

Er beobachtete Jan so lange, bis dieser aus seinem Sichtfeld verschwand, aber vor seinem inneren Auge folgte er ihm weiter. Jetzt ging Jan zu den Kabinen, zog sich um und ging dann zu den Duschen, genauso wie er es selbst gemacht hatte.

Jan schaute nicht nach rechts oder links, als er in die Halle kam. Er wusste, dass ihm einige Blicke folgten, weil er schon auffiel, aber er wollte keinen Kontakt mit irgendjemand. Am Anfang hatte man ihn angesprochen, aber er hatte jedes Mal abgeblockt und alle Einladungen zu anderen Schwimmvereinen abgelehnt. Mittlerweile ließ man ihn in Ruhe, aber trotzdem fühlte er sich beobachtet. Es war ja auch ungewöhnlich, wenn jemand mehrmals die Woche hierher kam und ganz für sich alleine sein Trainingsprogramm abzog.

Mario hatte sich auf eine Bank hinter ein paar großen Grünpflanzen verzogen. Von hier hatte er den besten Blick auf die Türen der Umkleiden und gleichzeitig auf das Becken und auch als Jan kam und ins Wasser sprang, blieb er dort sitzen, denn er musste erst einmal verarbeiten, was er sah. Jan wurde weder begrüßt, noch suchte er den Kontakt. Er hatte seine Bahn und zog los, als hätte er im Kopf, was er machen wollte. Alle anderen hatten ihr Programm an der Tafel, hatten einen Trainer.

Nur Jan nicht.

Hatte er gar nicht den Verein gewechselt?

Was machte der Idiot da?

Zum Aufwärmen schwamm Jan ein paar gemächliche Runden und wechselte dabei immer wieder in die verschiedenen Schwimmstile. Er machte es genauso, wie er es in seinem Verein gelernt hatte. Erst als seine Muskeln gut durchgewärmt und geschmeidig waren, stieg er wieder aus dem Wasser und stellte sich auf den Startblock. Jetzt begann das Training auf Zeit. Die anderen Schwimmer kannten das schon und gaben ihm durch ein Handzeichen zu verstehen, gegen wen er schwimmen konnte. Sonst hatte er keine Herausforderung, denn allein gegen die Uhr, die man nicht ständig im Auge haben konnte, hatte das keinen Sinn.

Mario in seiner Ecke betrachtete sich Jan genau. Er war zum anknabbern und deswegen schämte sich Mario auch nicht, als er sich über die Lippen leckte. Die Anspannung am Start, die Jans Muskeln noch deutlicher werden ließen, die Eleganz, mit der er fast spritzerlos ins Becken tauchte und dann die Kraft, mit der er wie ein Torpedo das Wasser durchpflügte. Endlich hatte Mario einmal die Chance, das zu genießen, es einfach auf sich wirken zu lassen, was für ein Bild Jan im Wasser abgab.

Es war nicht verwunderlich, dass er auch dieses Mal als Sieger anschlug und das kleine Lächeln auf Jans Lippen, als der andere ihm die Hand schüttelte, war wie Goldstaub, viel zu selten und auch viel zu schnell wieder verschwunden. Erst jetzt fiel es Mario auf, dass Jan die letzten Wochen kaum noch gelächelt hatte. Er hatte zwar gelacht, wenn sie in ihrer Clique unterwegs waren, aber mehr auch nicht. Jan war ruhiger und zurückgezogener geworden und Mario hatte es darauf zurückgeführt, dass sein Freund nicht mehr trainieren konnte, aber das war es ja offensichtlich nicht. Und wieder war er bei der Frage, warum Jan den Verein verlassen hatte, an einer Allergie lag es jedenfalls nicht.

Er musste das jetzt wissen und so löste er sich aus seiner Deckung und sprang ins Wasser. Mit kräftigen Zügen kam er auf Jan zu, der an der Wand stand und sich ausruhte. Er hatte Mario den Rücken zugekehrt und so bemerkte er den anderen erst, als sich dessen Arme an ihm vorbei bewegten und Mario sich am Rand festhielt, Jan dabei zwischen sich und der Wand eingeengt. Er musste das wohlige Gefühl verdrängen, das ihn flutete, kaum dass sie sich berührt hatten, denn er wollte etwas ganz anderes wissen. „Na, tut das medizinische Bad deinem allergischen Ausschlag gut?“, raunte er Jan dunkel ins Ohr.

Jan hatte sich wütend umdrehen und den Idioten hinter sich anschnauzen wollen, sich zu verpissen. Er mochte es gar nicht, wenn man ihn so belagerte, aber er erstarrte mitten in der Bewegung, als er die Stimme erkannte. Seine Finger krallten sich in den Beckenrand und er versuchte, sich noch näher an die Wand zu drücken, auch wenn es unmöglich war.

Was machte Mario hier?

Wie hatte er ihn gefunden?

Was sollte er denn jetzt tun?

Jan schloss die Augen und hoffte, dass Mario weg war, wenn er sie wieder öffnete. Doch der war penetrant, rückte noch näher und keiner der anderen scherte sich um die beiden. Sie führten ihr Training fort.

„Na, was ist? Geht's deiner Allergie schon besser?“, fragte Mario mit Zynismus in der Stimme, konnte aber nicht vermeiden, dass er sich in der Nähe von Jans Körper ziemlich gut fühlte. Nur gut, dass er wie damals zwei Badehosen trug, er hatte geahnt, dass ihn dieser Kerl nicht kalt lassen würde.

Jan ging es nicht anders. Durch seinen Körper liefen unaufhörlich Schauer und es war Himmel und Hölle zugleich, was er fühlte. Einen kurzen Moment wünschte er sich, dass Marios kräftige Arme sich um ihn legten, aber dann wurde ihm wieder bewusst, warum er hier war. Er drehte sich blitzschnell um. Dabei stieß er Mario von sich. „Verzieh dich, Hohlfeld. Das geht dich nichts an“, zischte er ihn an und gab ihm noch einen Stoß gegen die Brust.

Mario hatte aber seine Finger fest in den Rand geschlagen. Es war nicht leicht, sich zu halten, wo er war, denn Jan hatte Kraft. Aber es gelang Mario, dass Jan nicht entkommen konnte. „Es geht mich also nichts an, dass du alle belügst? Es geht mich also nichts an, dass du uns einfach kurz vor den Meisterschaften hängen lässt, ja? Jan, du bist und bleibst ein egoistisches Arschloch. Was auch immer dein Problem ist, die Jungs hatten damit echt nichts zu tun. Sie so abzustrafen ist das letzte.“ Mario beobachtete Jans Gesicht ganz genau. Er wollte eine Regung darinnen finden, er wollte wissen, was Jan dachte, was er von ihm dachte - so nah wie sie sich waren.

„Du kannst mich mal, Mario. Stimmt, es geht dich nichts an, warum ich gegangen bin.“ Jan ballte unter Wasser die Fäuste, langsam stieg Panik in ihm auf. Er kannte Mario und der gab so schnell nicht auf, bis er wusste, was er wissen wollte. Das durfte nicht passieren. Jan drückte sich gegen die Mauer und der einzige Gedanke, der sich in seinem Kopf festsetzen konnte, war Flucht.

Ohne Mario aus dem Blick zu lassen stemmte er sich am Beckenrand hoch. Er musste weg und zwar so schnell wie möglich. Womit er nicht gerechnet hatte war Mario, der nach Jan griff, um ihn festzuhalten.

Jan konnte doch jetzt nicht einfach abhauen. Sie hatten hier etwas zu klären und zwar wie Männer, nicht wie Mäuse. In Sicherheit krabbeln und sich verstecken galt heute nicht.

So griff er nach Jan und wollte ihn zurück ins Wasser ziehen, bekam aber auf dessen Hüften nur den Stoff der Badehose zu fassen. Da Jan aber nicht so schnell schaltete, zog er sich weiter aus dem Wasser und den Stoff langsam seine Beine entlang. Als würde das nicht reichen, strich Marios Nase auch noch über Jans Schoß, als er sich zu ihm beugen wollte. Schlagartig ließ er los.

Das passierte jetzt nicht wirklich, oder?

Er hatte nicht grade mit der Nase über Jans Penis gestrichen!

Jan saß wie erstarrt am Beckenrand und sein Herz schlug fast zum zerspringen. Fassungslos blickte er an sich hinunter und plötzlich kam Leben in ihn. „Du dämliches Arschloch“, schrie er mit überschlagender Stimme und fischte seine Badehose aus dem Wasser. Er fühlte sich so gedemütigt. Hasste Mario ihn so sehr, dass er ihn vor all diesen Leuten bloßstellen musste? Diese Vorstellung zerriss ihm das Herz und sein Kopf war wie leergefegt, als er seiner Frustration einfach freien Lauf ließ.

„Du willst wissen, warum ich den Verein verlassen habe? Ich konnte dich Pissnelke einfach nicht mehr ertragen. Du widerst mich an. Bei jedem schleimst du dich ein und keiner will sehen, was du für ein Arschloch bist. Fass mich nie wieder an, oder ich polier dir die Fresse.“ Jan sprang vom Beckenrand auf und lief, die Badehose vor seinen Schoß haltend aus der Schwimmhalle. Er wusste, dass jeder ihn anstarrte, schließlich war er ja laut genug gewesen, aber das war egal. Hierher kam er auf jeden Fall nie wieder zurück.

Mario blieb im Becken zurück, er wusste nicht, was er sagen sollte. Wie versteinert setzten alle Bewegungen aus, die ihn an der Oberfläche gehalten hatten und so ging er langsam unter. Jan schien ihn wirklich zu hassen - abgrundtief.

Er hatte den Verein nur wegen ihm verlassen?

Scheiße, tat das weh!

Seine erste Intention, Jan zu folgen, verwarf Mario, auch wenn er langsam wieder auftauchte. Er ließ sich, auf dem Rücken liegend, treiben und schloss die Augen. Jan würde ihn windelweich prügeln, wenn sie sich jetzt noch einmal über den Weg liefen. Den Erklärungsversuch, dass das nur ein Versehen und keine Absicht gewesen war, würde Jan ihm doch nicht glauben. Es war zum heulen. Er hatte bis zum Ellenbogen in die Scheiße gegriffen.

Jan fühlte sich wie ferngesteuert, als er seine Sachen aus dem Spind nahm. In seinem Kopf herrschte vollkommene Leere und er nahm nichts um sich herum wahr. Er zog sich sofort an, ohne zu duschen, oder sich richtig abzutrocknen. Er wollte nur weg und wenn möglich, ohne noch einmal auf Mario zu treffen.

Warum war der hier?

Wie hatte er heraus gefunden, dass Jan hier trainierte?

Seufzend ließ er sich gegen die Kabinenwand sinken. Was sollte er denn jetzt machen? Er musste mit Ronny reden. Sein Freund war der einzige, der ihm helfen konnte. Schnell raffte er seine Sachen zusammen und lief aus der Halle. Er sah nicht hinter sich und er blickte sich auch nicht um. Jeder hatte ihn nackt gesehen, die Speckrollen und seine angehende Erregung! Das war so peinlich, dass er es nicht wagte, noch jemanden ins Gesicht zu sehen. Warum hatte Mario das getan? Hasste er ihn so sehr, dass er ihm alles verderben musste? „Arschloch! Widerliches Riesenarschloch!“, knurrte er vor sich hin und sah auf den Busplan. Er hatte Glück, denn in fünf Minuten sollte ihn der nächste Bus nach Hause bringen. Das letzte, was er noch gebrauchen konnte, war Mario, der ihm folgte und ihn noch einmal zur Rede stellte.

Das mit seiner erfundenen Allergie war ja gründlich in die Hose gegangen. Ronny hatte einmal mehr Recht gehabt. Er dürfte sich köstlich darüber amüsieren. Schließlich hatte er ihn mehr als einmal davor gewarnt, dass er auffliegen würde.

Wütend trat Jan gegen den Pfosten des Wartehäuschens und fluchte leise vor sich hin. Seine Freunde konnte er auch vergessen, denn Mario ließ es sich doch bestimmt nicht nehmen, denen zu erzählen, was passiert war. Der stellte ihn doch bloß, wo er nur konnte. Seine Gedanken wurden vom Bus unterbrochen, aber nur kurz, denn kaum, dass er saß, ging alles wieder von vorne los. Es lief wie ein Film in slow motion vor ihm ab: Marios Körper so dicht an seinem, dass er dessen Nähe schmecken konnte, die Hitze spüren. Und zur Strafe für seine Flucht hatte ihm der Mistkerl auch noch die Hose ausgezogen. Damit aber nicht genug - er hatte ihn mit der Nase dort berührt - DORT!

Es war ja nicht so, als hätte sich Jan das nicht seit Jahren gewünscht, aber doch nicht so, verdammt!

Er musste etwas tun. Das konnte so nicht weiter gehen. Wenn die anderen aus ihrer Clique davon hörten, lachten sie sich doch über den nackten Specki kaputt. Doch ehe er jetzt übereilt handelte, war Ronny noch die beste Anlaufstelle. Der wusste vielleicht, was zu tun war, um zu retten, was noch nicht ganz verloren war. Ronny war der einzige, der wohl immer zu ihm halten würde. Er wusste von Mario und auch wie sehr Jan die letzten Wochen zugesetzt hatten.

Jan sah auf die Uhr. Es war kurz nach elf. Ronny schlief bestimmt noch, schließlich war sein Freund erst in den frühen Morgenstunden nach Hause gekommen. Aber da konnte Jan keine Rücksicht drauf nehmen, er musste mit Ronny reden und er hatte von ihm die Erlaubnis, ihn in einer Notsituation Tag und Nacht zu kontaktieren. Na und wenn das hier keine Notsituation war, was dann?

Jan versuchte sich mit Musik ein bisschen abzulenken und seine Gedanken nicht immer tiefer in dunkle Bedrohungen und haarsträubende Szenarien zu schicken. Doch es brachte nichts. Jeder Song, den er anspielen ließ, nervte ihn und machte ihn nur noch fuchtiger. Also riss er sich die Stöpsel wieder aus den Ohren und schob den Player zurück in die Tasche.

Ein Blick auf die Uhr - es waren immer noch zehn Minuten bis zu seiner Station. Verging denn die Zeit gar nicht?

Ungeduldig rutschte er auf seinem Sitz hin und her und stürzte regelrecht aus dem Bus nach Hause. Es lag wohl auch daran, dass er Angst hatte, Mario zu begegnen. Die letzten Meter rannte er sogar und atmete erst auf, als er die Haustür hinter sich geschlossen hatte. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend lief er die Treppe hoch und schellte bei Ronny Sturm, damit der wach wurde.

Eine ganze Weile tat sich hinter der Tür gar nichts, denn Ronny lag noch in seinen schönsten Träumen. Sie hatten gestern Premiere ihres neuen Stückes gehabt und anschließend hatte er den Erfolg noch mit seiner Crew gefeiert und war ein ganz kleines bisschen versumpft. Nicht so sehr, dass er heute nicht wieder auf die Bühne konnte, aber reichlich genug, um jetzt noch im Halbschlaf zu brüllen, dass man sich gepflegt verpissen sollte. Er würde nichts kaufen, er hätte schon sieben Zeitungsabos und als Zeuge Jehovas wäre er auch nicht zu bekehren.

Ein wenig musste Jan schon grinsen, als er das hörte. Irgendwie tat es ihm ja leid seinen Freund wecken zu müssen, aber das hinderte ihn nicht daran, seinen Finger auf dem Klingelknopf zu lassen. Gleich würde Ronny wütend aus dem Bett springen und die Tür aufreißen. Hoffentlich bemerkte der Tänzer früh genug, wer er war und ließ ihn leben.

Erst gab es einen Schlag hinter der Tür, dann Flüche, dann wüste Verwünschungen für denjenigen, der da so unbedarft mit seinem Leben spielte. „Okay!“, rief er, als er die Tür aufriss, verstrubbelt und nur mit einem Morgenmantel bekleidet, der aber nachlässig offen war. „Wer ist gestorben!“, wollte er wissen und sah den Eindringling noch eine Weile an, bis der ihm relativ bekannt vorkam. „Jana? Was soll der Scheiß? Solltest du nicht Fischlein spielen und fröhlich planschen? Geh baden, ich will pennen“, murmelte er und gähnte, war schon dabei, die Tür wieder zu schließen.

Jan konnte gerade noch verhindern, dass die Tür sich schloss und drängte sich in die Wohnung. „Mario hat mich in der Schwimmhalle gefunden“, erklärte er schnell, weil Ronny schon den Mund aufmachte, um etwas zu sagen. Dass das nichts Nettes werden würde, war ihm anzusehen. „Er weiß jetzt, dass ich keine Allergie habe.“ Jan ließ den Kopf hängen und lehnte sich gegen die Tür.

Ronny zog sich erst einmal den Mantel zu Recht und strich sich eine der langen Strähnen aus dem Gesicht, um Jan besser mustern zu können. Sein ich-hab's-dir-ja-gesagt-Blick konnte Jan nicht beeindrucken, weil der seine Schuhe beguckte, also sagte Ronny trocken: „Und was hast du noch gemacht?“ Er spürte nämlich sehr wohl, dass das noch nicht das Ende vom Lied gewesen war.

„Ich habe ihm gesagt, dass ich wegen ihm aus dem Verein gegangen bin, weil er ein Arschloch ist und ich ihn nicht leiden kann.“ Jan seufzte, als ihm bewusst wurde, was er da von sich gegeben hatte. „Aber das ist jetzt auch egal, denn ich weiß jetzt, dass er mich hasst. Er hat mich vor allen anderen bloß gestellt. Da kann ich nie wieder hin gehen.“

„Halt! Küche! Kaffee! Mehr Infos!“, knurrte Ronny, denn er war noch nicht wach. Für das, was er hier latent wahrgenommen hatte, brauchte es etwas mehr als physische Anwesenheit. Jan schien sich richtig in die Scheiße geritten zu haben, zumindest was die Aussichten auf seinen Angebeteten angingen. Also ging er barfuss in die Küche und war einmal mehr froh darüber, dass unter dem Laminat eine Fußbodenheizung lag.

Wie ein treues Hündchen folgte Jan seinem Freund und setzte Kaffee auf. Ronny war in seiner Verfassung nicht dazu in der Lage, zumindest wenn man den Kaffee trinken wollte. Dazu gewann Jan noch etwas Zeit. Er wollte zwar mit Ronny reden, aber er hatte Angst davor, denn sein Freund nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, ihm wieder den Kopf zu Recht zu rücken, wenn Jan Mist gebaut hatte.

Ronny saß auf einem der Barhocker an der Theke, die die geräumige Küche in die Kochecke und die Wohlfühlecke mit einem riesigen Esstisch teilte. Jan stand in der Kochnische an der Kaffeemaschine und bestückte sie schweigend, während Ronny ihn dabei beobachtete. Jan wirkte unsicher, er hatte Angst und so war Ronny klar, dass er gleich nicht nur Kindereien zu hören bekommen würde und machte sich auf das Schlimmste gefasst.

Jan kam mit zwei Tassen zur Theke und hielt seinen Kopf immer noch gesenkt, als er sich neben Ronny setzte. Er wusste, dass er anfangen musste und es hinauszuzögern brachte gar nichts. Darum fing er stockend an. „Ich bin heute wie immer zum Training gegangen und habe mich gerade nach einem Wettkampf am Beckenrand ausgeruht, als Mario hinter mir aufgetaucht ist. Er muss gewusst haben, dass ich da bin, denn er geht nie dort hin. Deswegen hab ich mir die Halle ja ausgesucht.“

„Ja, soviel habe ich auch noch mitbekommen, als du mich eben im Flur abgefertigt hast.“ Ronny griff sich dankend seine Tasse und strubbelte Jan einmal durch die Haare. Diese Demutshaltung war ja nicht zum aushalten. „Sag mir lieber, was das mit dem Bloßstellen sollte und warum er dich hasst, das klang spannender... und guck mich dabei bitte an, ich komme mir nämlich gerade ziemlich blöd vor.“

Jan seufzte und sah Ronny an. „Du willst dich also auch noch an meinem Elend weiden“, murmelte er schief grinsend. Ronny wusste, dass er das nicht böse meinte. „Na ja, ich finde es schon demütigend, wenn mir jemand mitten im Schwimmbad die Hose runterzieht und dann auch noch“, Jan musste schlucken, als er daran dachte, was danach passiert war, „dann hat er mir sein Gesicht in den Schoß gedrückt. Was dann passiert ist, kannst du dir ja wohl denken. Alle haben es gesehen.“

„Er hat dir einen geblasen?“, fragte Ronny trocken und brauchte erst mal noch einen Schluck Kaffee.

„Bitte?“ Jan zuckte hoch und sah Ronny wütend an. Er fühlte sich verarscht, sackte aber gleich wieder zusammen. Wahrscheinlich hätte er seinen Freund das gleiche gefragt „Nein, hat er nicht“, sagte er lahm und hielt sich an seiner Kaffeetasse fest.

„Dann will ich gern mal wissen, warum er dir erst die Hose runter zieht und dir dann am Schwanz rumschnüffelt. Meine Güte, der Kerl ist doch echt nicht ganz dicht.“ Ronny schüttelte den Kopf, stellte seine Tasse aber weg und zog Jan vorsichtig etwas dichter zu sich.

„Ich hab dir gesagt, dass das nicht gut gehen kann. Mario will dich und er lässt es nicht auf sich sitzen, dass du ihm einfach eine Chance genommen hast, dich halb nackt zu sehen. War klar, dass er dich früher oder später findet, Jan.“ Das war das, was er von diesem Mario dachte. Dem quoll seine Gier nach Jan doch aus jeder Pore. Wenn man nur ein bisschen Gespür dafür hatte, war das auffällig. Nur Jan stellte sich immer quer, negierte alles und sobald er den Mund aufmachte, war es sowieso vorbei.

„Damit alle sehen können, dass ich scharf auf ihn bin, denn das konnte man deutlich“, nuschelte Jan an Ronnys Schulter und genoss es, gehalten zu werden. „Ich denke eher, dass er das gemacht hat, weil er sich dafür rächen wollte, was ich zu ihm gesagt habe. Es ist ja auch nicht sehr glaubwürdig, dass ich einen Ständer kriege, wenn jemand, den ich nicht leiden kann, mich berührt und um das zu tun, musste er mir ja erst die Hose ausziehen. Was soll ich denn jetzt machen? Er wird es brühwarm unseren Freunden erzählen und dann kann ich die auch vergessen. Die lachen sich doch kringelig über mich.“

„Na wenn die so leicht zu beeinflussen sind und sich gegen dich wenden, nur weil du auf einen Kerl spitz bist, der fantastisch aussieht, solltest du noch mal über das Wort 'Freunde' nachdenken.“ Ronny war sich ziemlich sicher, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Vielleicht lachte man mal zwei Wochen über alles, machte hier und da noch seinen Joke. Aber dass derartiges Freundschaften zerstören sollte, hielt er für eher unwahrscheinlich.

„Außerdem kann's ja nicht schaden, dass Mario weiß, dass er dir nicht ganz egal ist. Dass aus deinem Mund nicht viel Brauchbares kommt, wenn es um ihn geht, weiß ja sogar der schon. Ich habe doch gesagt, lass deinen Körper mal machen - jetzt hat Mario was zum nachdenken.“ Vielleicht musste er selber da einmal lenkend eingreifen und sich zumindest anhören, was Mario zu sagen hatte.

„Wie oft soll ich das noch sagen? Mario will mich nicht. Er ist nicht nur sauer, weil ich ihn angelogen habe. Dass er mich so bloßstellt vor all diesen Leuten sagt doch alles. Wahrscheinlich hat er danach im Wasser gelegen und sich scheckig über mich gelacht.“ Jan steigerte sich immer mehr in diese Vorstellung und er ballte seine Hände fest zusammen. „Ich bin doch jetzt die Lachnummer im ganzen Viertel.“

Dafür bekam er gepflegt eine hinter die Ohren und Ronny sah ihn strafend an. „Hast du mich aus dem Bett geholt, um mich voll zu jammern oder um dir anzuhören, was ich zu sagen habe. Wenn du nichts Besseres vorhast, als dich in deinem Selbstmitleid zu suhlen, dann kann ich das nicht ändern. Aber ich weiß wie gierig er dich ansieht und wie wütend er wird, wenn ich dich anfasse. Ob du das nun glauben willst oder nicht. Ich weiß nicht genau, wie das mit deiner Hose passiert ist, aber ich glaube nicht, dass der das gemacht hat, um dich vor Leuten bloß zu stellen. So wie ich ihn einschätze, teilt er dich ungern. Wahrscheinlich noch weniger, wenn du nackt bist. Glaubst du, der ist so blöd und zeigt dann jedem noch, wie lecker du bist? Idiot, aber ehrlich.“ Doch entgegen seiner harten Worte nahm Ronny seinen Freund in den Arm. Dem war ja nicht mehr zu helfen. Da musste was passieren.

„Ich bin hier, weil du mein Freund bist und weil du die ganze Geschichte kennst und ich deinen Rat brauche, was ich jetzt machen soll.“ Jan rieb sich seinen Kopf und seufzte. „Aber egal, was du sagst, ich will ihm in nächster Zeit nicht über den Weg laufen. Das kann ich einfach nicht. Nicht nach dem, was heute passiert ist und er so dicke mit meiner Schwester ist.“ Jan zuckte hoch und sah Ronny panisch an. „Er wird ihr erzählen, was heute passiert ist, denn sie will sich heute Nachmittag mit ihm treffen. Ich kann unmöglich nach Hause.“

„Hey, Prinzessin. Ganz ruhig.“ Ronny spürte die Panik in seinem Freund, doch er konnte sie nicht verstehen. Wenn Mario nur ein bisschen so tickte, wie Ronny das glaubte, dürfte er das für sich behalten. Doch das mache man mal einem verbohrten Idioten klar.

„Okay“, sagte er also und sah Jan forschend an. „Da deine Eltern vorhin wiedergekommen sind, ist euer Ferienhaus leer. Du kannst jetzt also noch eine Stunde auf mich einreden und dir Horrorszenarien ausmalen, dann muss ich in die Tanzschule. Oder ich fahre dich raus und du kriegst den Kopf wieder frei, versprich mir aber, deine Eltern anzurufen. Wenn nicht, mache ich das. Denn sie in Sorge bringen, nur weil du nicht mit dir weißt, wo hin, das sehe ich nicht ein.“ Ronny leerte seine Tasse. Der Kaffee war mittlerweile kalt und bitter und er verzog das Gesicht.

„Das Ferienhaus!“ Jans Gesicht hellte sich etwas auf und er nickte. „Das ist eine gute Idee. Dort werde ich ihm bestimmt nicht über den Weg laufen. Wenn du mich hinbringen würdest, wäre das toll. Den Schüssel hab ich an meinem Bund und dort habe ich auch Klamotten, so dass ich nicht noch nach Hause muss.“ Das erste Mal heute nach dem Fiasko im Schwimmbad zeigte sich ein Lächeln auf Jans Gesicht. Ronny hatte doch immer die besten Ideen.

„Aber nur unter zwei Bedingungen, Freundchen. Als erstes nach der Ankunft wirst du deinen Eltern Bescheid sagen und als zweites wirst du dort keinen Blödsinn machen. Ich weiß, dass du panische Angst vor allen Wassern hast, deren Grund du nicht sehen kannst. Wenn du dich also zum Nachdenken ins Boot legst, nimm dein Handy mit, leg die Ruder rein und bind es vor allem gut am Steg fest. Ich habe keine Lust, dass du in den See fällst, vor Angst steif oder gar ohnmächtig wirst und untergehst. Ist das klar.“ Ronny wirkte eindringlich auf seinen Freund ein, denn er bereute gerade seine Idee. Jan in seinem Zustand alleine da draußen zu wissen, machte ihn nicht ruhiger. Und bleiben konnte er auch nicht, er hatte einen Auftritt.

„Ronny, ich bin doch nicht lebensmüde. Allein daran zu denken, dass ich da ins Wasser soll, macht mir 'ne Gänsehaut und Schweißausbrüche.“ Jan zog seinen Freund an sich und küsste ihn sanft. Es war schön zu wissen, dass Ronny sich Sorgen um ihn machte. Er ging selten ans Wasser und wenn, dann setzte er sich wirklich nur ins Boot, um nachzudenken. Für ihn war es selbstverständlich, das Boot doppelt und dreifach zu sichern, damit es sich nicht aus Versehen löste. Er wusste nicht, woher er diese panische Angst hatte, doch so lange er sich erinnern konnte, war der See für ihn ein Horror gewesen. Er hatte gern am Strand gespielt, war auch bis zum Bauch rein gegangen und etwas hin und her geschwommen. Aber mit seinem Vater über den See zu rudern oder gar zu schwimmen hatte ihn steif vor Angst werden lassen.

„Ich wollte es auch nur noch mal gesagt haben. Denn so wie du im Augenblick drauf bist, bist du nicht ganz normal und das meine ich sehr liebevoll.“ Grinsend knuffte er seinem Freund gegen die Schulter. „Los, such dir Klamotten, ich geh duschen“, kommandierte Ronny, denn er musste dann vom See aus direkt in die Vorstellung.

Eigentlich wollte Jan nicht mehr zu seinen Eltern rüber, aber es war wahrscheinlich besser. Er konnte seine Schwimmsachen hier lassen und musste sie nicht mitschleppen. Hoffentlich war seine Schwester nicht da, oder schlief noch, denn auf sie wollte er ganz bestimmt nicht treffen.

Vorsichtig öffnete er die Wohnungstür und lauschte. Seine Eltern waren im Wohnzimmer, darum schaute er dort kurz rein, um sie zu begrüßen. „Ich bin gleich wieder weg und schlafe heute nicht hier“, sagte er nur und verzog sich in sein Zimmer. In eine Reisetasche stopfte er einiges zum Anziehen und ein paar andere Dinge, die er gebrauchen konnte, wie etwas zu lesen und ein paar Filme, die er sich ansehen konnte. In der Küche kam noch ein wenig zu essen und zu trinken dazu, dann war er fertig. Von seiner Schwester war nichts zu sehen und das war auch gut so. Er nahm seine Tasche und rief noch kurz, dass er weg war, dann war er auch schon wieder bei Ronny drüben.

Er konnte seinen Eltern jetzt nicht sagen, wo er hin wollte und wie lange das dauern würde. Morgen war Schule, das wusste er selber. Doch im Augenblick stand er sehr gut und konnte sich zur Not mal einen Fehltag leisten. Wozu war man denn achtzehn und konnte seinen Entschuldigungszettel allein unterschreiben? Er würde nachher zu Hause anrufen und es seiner Mutter erklären. Das war einfacher, wenn man ihr dabei nicht in die Augen sehen musste.

„Da bist du ja wieder“, sagte Ronny und rubbelte sich gerade über die Haare. Das Handtuch um die Hüfte war selbst für den kleinen Mann ziemlich knapp. Deswegen machte er, dass er ins Schlafzimmer und an seinen Schrank kam, um sich anzuziehen. Das ging dieses Mal überraschend schnell und nach drei Minuten hatte er einen Rucksack und die Schlüssel, griff sich sein Handy und sie konnten los.

Erst als sie aus der Straße fuhren, atmete Jan auf und entspannte sich. In ungefähr einer Stunde waren sie am Ferienhaus seiner Eltern, am Halterner Stausee. Sie hatten es gekauft, kurz nach dem Annika geboren worden war und sie hatten seit dem viele Ferien dort verbracht. Jan war gerne dort, auch wenn er nicht viel mit dem See anfangen konnte. Jetzt im Frühsommer war er gerne in dem Haus. Man konnte in der Sonne sitzen, aber es war noch nicht so heiß.

„Auch wenn du es nicht gerne hören willst, Prinzessin. Da du von Mario nicht weg kommst, werden wir einen Weg finden müssen... halt, ehe du gleich wieder anfängst zu moppern. Ich bin immer noch dafür, dass ihr einen Dolmetscher braucht, jemand der das, was du in deinem grenzdebilen Zustand in seiner Nähe von dir gibst, in das übersetzt, was du eigentlich willst. Ich weiß nämlich, dass ein: 'Halt doch die Fresse, du Arsch', eigentlich heißen soll: 'Leg mich auf dem Tisch flach, sonst sterb ich noch vor Geilheit'.“ Er tätschelte Jan den Schenkel und lachte, weil der schnaubte.

„Sehr witzig“, brummte Jan und verschränkte die Arme schmollend vor seiner Brust. Wenn Ronny eine Wunde gefunden hatte, dann stocherte er aber auch ständig darin herum. „Und wenn ich dir glauben soll, dann würde Mario nichts lieber als das machen, oder?“, fragte er ironisch und schüttelte den Kopf. „Nur hat Annika mir gestern erzählt, dass er ein Date mit ihr hatte und sie ihn sich demnächst krallt, weil er ja so aufmerksam und liebevoll zu ihr war und nur Augen für sie hatte.“

„Annika?“ Ronny lachte laut und hatte Glück, dass sie an einer Ampel standen, sonst hätte er wohl noch das Steuer verrissen. „Annika? Der und Annika? Das vergiss mal ganz schnell wieder. Die beiden sind mir mal zufällig über den Weg gelaufen, das heißt eher, sie saßen rum und ich habe mich in die Nähe gesetzt, um zu lauschen. Er hat sie ganz schön nach dir ausgefragt und immer wenn sie über sie beide reden wollte, hat er abgeblockt. Ich glaube er nutzt die Kurze nur aus, um an Infos über dich ranzukommen und wenn du schon so offen fragst: ja ich glaube, dass der dich nur zu gern flach legen würde.“ Ronny sah Jan kurz an, nickte und gab wieder Gas, weil die Ampel die Straße für sie frei gab - nett von der Ampel.

„Der Gedanke ist schon toll, aber leider glaube ich das nicht.“ Jan rieb sich über die Augen. Er wollte nicht darüber nachdenken, wie es wäre, wenn Ronny Recht hätte, denn danach mitzukriegen, wie seine Schwester an seinem Schwarm hing und von ihm geküsst wurde, würde ihn zerreißen. „Annika bekommt immer, was sie will und sie will Mario. Warum sollte er mich wollen? Ich bin in seinen Augen ein Arschloch und fett noch dazu.“

„Na ja, Prinzessin. Ich würde dich auch Arschloch nennen, wenn du mich jedes mal so abfrühstücken würdest wie Mario und deinen Fett-Trip kann ich langsam echt nicht mehr hören. Wo um alles in der Welt... Ach lassen wir das.“ Es hatte ja doch keinen Sinn auf Jan einzureden. Da brachte man ja Raufasertapete schneller zum Sprechen als Jan zum Umdenken. Nein, er musste da anders heran und seine kleine Prinzessin zu seinem Glück zwingen. So weit kam es noch, dass ein Leckerchen wie Mario an Annika verfüttert wurde.

„Mario findet, dass ich fett bin.“ Jan sackte in sich zusammen, denn die Erinnerung daran war nicht gerade angenehm. „Lass uns von was anderem reden, ich bin schon deprimiert genug“, seufzte er und versuchte zu lächeln. Es hatte doch keinen Sinn, vor Mario wegzulaufen und dann die ganze Zeit über ihn zu reden. Da hätte er auch Zuhause bleiben können.

„Okay. Reden wir über was anderes. Wie lange wirst du weg sein? Du bist Schüler und im Abi-Jahrgang. Ich halte es nicht für schlau, da lange zu fehlen und viel zu verpassen.“ Ronny war da ganz offen. Genau genommen hielt er von der ganzen Weglauferei nichts, aber Jan ertrug es nicht, in Marios Nähe zu sein. Das musste man wohl akzeptieren. „Soll ich nach der Vorstellung vorbei kommen? Wäre dann allerdings erst nach Mitternacht da.“

„Ich weiß nicht, aber nicht länger als zwei Tage, mehr kann ich mir auch bei meinen guten Zensuren nicht erlauben. In der Zeit muss ich eine Lösung für mein Problem gefunden haben.“ Er sah zu Ronny hinüber und lächelte. „Natürlich würde ich mich freuen, wenn du nachher noch vorbeikommst, aber du bist dann doch bestimmt müde und ich will nicht, dass du dann die weite Strecke fährst. Außerdem musst du morgen wieder zurück.“

„Ach, isses nicht süß, wie das kleine Kitty sich um mich sorgt.“ Ronny machte ein strahlendes Gesicht und wenn er es ein bisschen ins Lächerliche zog, so war er wirklich gerührt, weil Jan sich Gedanken machte, dass etwas passieren könnte und Rücksicht auf seinen Job nahm. „Soll ich dir dann lieber Mario zum kuscheln schicken?“, konnte er sich allerdings nicht verkneifen, schließlich ärgerte er Jan gern. Und so lange der sich aufregte, so lange grübelte er nicht sinnlos vor sich hin.

„Ronny“, brummte Jan, aber dann musste er lachen. „Okay, aber nur betäubt, gefesselt und geknebelt, damit er nicht mitbekommt, wenn ich ihn begrabbel. Dann kann ich immer noch alles abstreiten.“ Ihm war eigentlich nicht danach zumute, aber Ronny hatte ihn irgendwie angesteckt. „Und das Kitty macht sich immer Sorgen um dich, denn es liebt dich und braucht dich noch.“

„Schön zu wissen“, sagte Ronny mit sanfter Stimme und strich Jan wieder über den Schenkel. „Aber ich möchte mein Kitty langsam endlich glücklich sehen. Und da du keinen anderen Mann wahrnimmst außer Mario, werden wir das früher oder später in Angriff nehmen müssen. Ich lass mir da was einfallen. Aber fesseln und knebeln klingt doch für den Anfang gar nicht übel.“ Er stellte sich das bildlich vor: Mario - nackt - gefesselt - geknebelt - und Jan, der ihn überall mit interessierter Neugier untersuchte. Er würde viel dafür geben das zu sehen.

„Ja, das hätte wirklich was. Seine Haut ist weich.“ Jan strich sich über die Brust. Dort hatte er Mario heute auch berührt und es hatte sich einfach herrlich angefühlt. Selbst in dieser Situation. Er merkte gar nicht, dass sein Blick weich wurde und er leise seufzte. Bisher hatte er immer vermieden, Mario zu berühren, weil er Angst hatte, sich dann nicht mehr beherrschen zu können. Und eigentlich war es ja auch fast so. Jetzt, wo er wusste, wie es sich anfühlte, spürte er, dass er mehr wollte und auch mehr brauchte. Das wurde langsam gefährlich.

Ronny nickte nur verstehend, verkniff sich aber die blöden Witze, die er auf der Zunge hatte, das wurde hier langsam zu ernst. Er kam nicht mehr drum herum, er musste sich Mario greifen und ihm auf den Zahn fühlen. Gut, es war fraglich, ob er mit Ronny reden würde. Schließlich hatten seine Blicke den kleinen Tänzer regelmäßig fast getötet, wenn der ihm seinen Jan weggenommen hatte. Aber er hielt Mario für schlau genug zu begreifen, dass sie einen Mittler brauchten und Ronny der ideale Mann dafür war.

„Wird schon“, sagte er und bog auf den Parkplatz des Naherholungsgebietes ein.

Jan lotste Ronny zu den Parkplätzen vor ihrem Haus und wartete, bis der Motor aus war. „Willst du noch mit rein, oder möchtest du gleich wieder los?“, fragte er. Es wäre ja schon schön, wenn sein Freund noch mit kam, denn der lenkte ihn wenigstens von seinen trüben Gedanken ab. „Wenn du weg willst, dann fahr ruhig, ich stell bestimmt nichts an. Du musst dir also keine Sorgen machen.“

„Ruf deine Eltern an. Ich kann leider nicht bleiben. Ich habe jetzt noch ein Stück Weg vor mir und muss mich dann noch für die Vorstellung warm machen. Also, Prinzessin, pass auf dich auf.“ Ronny zog Jan zu einem sanften Kuss zu sich und dann holte er tief Luft. Wohl war ihm bei dem Ganzen immer noch nicht, denn Jan mit sich allein - das hatte Potential für eine Menge bescheuerter Ideen. „Na los, raus mit dir und mach die Heizung an. Es wird kalt werden die Nacht.“

„Ja, Papa.“ Jan verdrehte die Augen, aber er grinste. Ronny musste eben immer das letzte Wort haben. „Ruf an, wenn du da bist, sonst mach ich mir Sorgen.“ Er küsste seinen Freund, bevor er wieder etwas Freches sagen konnte und stieg aus. Er klopfte auf den Kofferraum, als er seine Tasche hatte und sah Ronny nach, bis der außer Sichtweite war. Erst dann ging er den Weg zum Haus hoch. Er war gespannt, wie das wurde, denn so ganz alleine war er das erste Mal. „Wird schon schief gehen“, machte Jan sich selber Mut und schloss die Tür auf.



- 4 -

„Man, was macht der Kerl schon wieder?“ Mario fluchte auf dem Weg nach Hause. Eben hatte ihn Felix angerufen und gefragt, ob er wüsste, was mit Jan wäre - ausgerechnet er.

Sollte das ein schlechter Scherz sein?

Na, wie dem auch sei - in der Schule war Jan jedenfalls laut Felix nicht gewesen und nun machte sich Mario ein paar Vorwürfe, eigentlich schon seit gestern - seit diesem unsäglich peinlichen Ereignis.

Jan war sauer, ganz bestimmt. Mario war wohl der letzte, den er jetzt sehen wollte. Doch an ihm blieb es kleben, zu sehen, ob Jan krank war.

Super Idee!

Er öffnete die Tür zu Jans Haus und schlich die Treppe hinauf, nicht ohne Ronnys Tür dabei einen bösen Blick zuzuwerfen. Mit der Hupfdohle wurde er einfach nicht warm.



Annika seufzte genervt, als es klingelte und legte die Schnitte weg, die sie sich gerade geschmiert hatte. Sie war gerade aus der Schule gekommen und hatte Hunger. „Wenn das jetzt nicht wichtig ist“, brummte sie auf dem Weg zur Tür und öffnete sie. „Was ist?“, fragte sie gereizt und riss die Augen auf, als sie Mario erkannte. „Mario.“ Automatisch griff sie sich in die Haare und prüfte, ob ihre Frisur richtig saß. „Schön, dass du mich besuchen kommst.“

Doch noch ehe Mario erklären konnte, was sein Problem war und was er wissen wollte, ging in seinem Rücken schon die Tür auf. „Ich borg mir den Hübschen gerade mal eben aus und bringe ihn unbeschadet zurück, vielleicht“, erklärte Ronny und griff sich den verblüfften Mario an der Hand. So weit kam es noch, dass der wieder enge Bande zu Annika knüpfte und die das ausnutzte, vielleicht noch Dinge über Jan erzählte, die nicht erzählt werden mussten.

„Hier lang!“, sagte er und zog Mario in seine Wohnung.

Mario war viel zu perplex, um etwas zu sagen, bis er sich in einer fremden Küche wieder fand. „Was soll das?“, fragte er gereizt. Mario zog seine Hand aus Ronnys Griff und sah ihn missmutig an. Die Hupfdohle hatte ihm noch gefehlt. Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und wartete darauf, eine Erklärung zu bekommen, warum er hier war.

„Guten Tag, Mario.“ Ronny ließ sich nicht aus der Fassung bringen, sondern setzte sich mit seinem eben erst gebrühten Kaffee an die Theke. „Nimm Platz, du musst da nicht herum stehen.“ Dem Kerl würde er jetzt mal auf den Zahn fühlen, welches der beiden Güning-Kinder ihm lieber ins Bett folgen sollte. „Kaffee? Tee? Kakao?“

„Kaffee. Ich bleib lieber stehen.“ Marios Stimme war abweisend, wie seine ganze Haltung. Er versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass er verunsichert war, denn er wurde nicht daraus schlau, was hier passierte. Unauffällig sah er sich um. Sie schienen allein zu sein, aber das konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen. „Ist Jan hier?“, fragte er frei heraus, denn dass sein Hiersein irgendetwas mit Jan zu tun hatte, war ihm klar.

„Wir können ja mal gucken, vielleicht im Schlafzimmer?“, fragte Ronny und erhob sich um noch eine Tasse Kaffee aufzubrühen. „Wie kommst du darauf, dass er hier bei mir ist?“, wollte er nebenbei wissen, denn Marios Gedankengang würde ihn schon sehr interessieren, ob er von Logik oder von Eifersucht geprägt war.

„Sehr witzig.“ Mario schnaubte und ging davon aus, dass Jan nicht hier war. „Nun, Jan war heute nicht in der Schule, wie man mir gesagt hat, und weil er ständig zu dir rennt, wenn er etwas hat.“ Mario lehnte sich an die Theke und beobachte Ronny, wie er den Kaffee machte. Was fand Jan nur an diesem winzigen Kerl?

„Ich weiß. Hab ihn ja gestern auch weggebracht. Er hatte keine Lust auf die Truppenteile hier. Kann daran liegen, dass so ein Perverser ihm gestern in der Schwimmhalle die Hose runter gezogen hat und ihm einen blasen wollte. Meine Güte, was laufen da nur für Irre rum. Kannst du dir so was vorstellen? Am helllichten Tag.“ Ronny schüttelte gespielt entsetzt den Kopf und reichte Mario seinen Kaffee.

Mario wollte schon ansetzen zu fragen, wo Ronny Jan denn hingebracht hatte, als er den Rest hörte. „Bitte? Das hat dieses verlogene Arschloch erzählt?“, brauste er auf und stellte seine Tasse mit einem lauten Knall auf die Theke. „Das war ein Versehen, ich wollte ihn eigentlich nur festhalten, damit er mir erklärt, warum er mit seiner Allergie gelogen hat und er…“ Mario konnte das gar nicht fassen. Was für eine Unverfrorenheit. „Wenn ich den Wichser in die Finger kriege, dann prügel ich ihn windelweich.“

„Erst mal, mein Lieber, mäßigst du dich in deinem Ton, sonst fliegst du hier raus und ich mache publik, was du gemacht hast. Und zweitens waren das nicht seine Worte, du Flachzange, sondern meine Interpretation des geschilderten Ereignisses. Alles was mich interessiert hat, war deine Reaktion auf Jan. Er hat wirklich Recht, ich hätte es nicht gedacht“, sagte Ronny und wurde nachdenklich. „Hatte dich irgendwie anders eingeschätzt“, musste er gestehen.

Hatte er sich so getäuscht?

Hatte Mario wirklich solchen Hass auf Jan?

Aber warum denn?

Ronny seufzte. Okay, wer regelmäßig so angefahren wurde wie Mario, da war es auf einer Seite ja schon verständlich.

„Ist doch wahr“, knurrte Mario und atmete tief durch, um sich wieder zu beruhigen. Eigentlich war er nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, aber diese Hupfdohle schien das gleiche Talent zu haben, wie Jan. „Seit Jahren höre ich von Jan nichts als Beleidigungen und Beschimpfungen, ohne dass ich eine Ahnung habe, warum. Dass er jetzt auch noch eine Allergie erfindet und lügt und dem Verein schadet, nur weil er mich nicht leiden kann, war einfach zu viel.“ Mario setzt sich nun doch auf einen der Hocker und legte die Hände um seine Tasse. Es tat gut einmal darüber zu reden. „Warum macht der so was?“

„Weil du ihm das Herz gebrochen hast“, sagte Ronny trocken und wollte diesen einen Satz einfach wirken lassen. Sicher, er hätte jetzt erklären können, was Jan zu all dem bewegt hatte, doch er fand, dass seine Feststellung alles ziemlich gut erschlug. Lauernd sah Ronny seinen Gast an. Hoffentlich hatte er jetzt keinen Fehler gemacht!

Als erstes sah er, wie Marios Augen sich ungläubig weiteten, als die Worte bei ihm angekommen waren. „Wie meinst du das?“ Er konnte nicht verhindern, dass kurz Hoffnung in seinen Augen aufblitzte, aber das verging schnell, denn das konnte nicht sein und er ließ den Kopf hängen. „Anders herum wird ein Schuh draus“, murmelte er leise, eigentlich nur für sich.

„Anders herum?“, fragte Ronny und grinste von einem Ohr zum anderen.

Also doch!

Er nahm noch einen Schluck Kaffee und sah Mario wieder forschend an. „Er ist dem Wahn erlegen, dass du ihn fett und abstoßend findest. Und weil er sich dir nicht mehr unter die Augen getraut hat, hat er die Sache mit der Allergie erfunden. Ich habe ihm gleich gesagt, dass das in die Hose geht, weil du nicht so blöd bist, wie du aussiehst.“ Ronny zuckte die Schultern.

„Ist der bescheuert?“, entfuhr es Mario, bevor er es verhindern konnte. Ihm fiel gleich wieder Renés Bemerkung ein und er schüttelte den Kopf. „Was soll man denn auch sonst machen, wenn Jan stundenlang vor dem Spiegel steht und sich an den nicht vorhandenen Speckrollen rumzupft. Ich wollte ihn doch nur etwas ärgern.“ Mario griff sich an den Kopf und seufzte. So etwas konnte wirklich nur Jan bringen.

„Na, wem sagst du das“, machte Ronny seufzend mit und grinste wie ein Honigkuchenpferdchen. Verdammt, hatte er richtig gelegen! „Er stand vor meiner Tür, fassungslos, in Klamotten, die ich vorher noch nie an ihm gesehen habe und in denen ich ihn kaum noch gefunden habe und murmelte was von fett und Mario und blöder Arsch. Da konnte ich reden wie ein Gaskranker, mir hat er nicht geglaubt. Er hatte sich festgebissen, dass sein Mario ihn fett findet und er sich dir nicht mehr unter die Augen trauen sollte, weil du dich ekelst.“ Ronny ging es so ähnlich wie Mario, endlich einmal reden zu können mit einem, der ihn verstand, war nicht schlecht. Hoffentlich brachte Jan ihn nicht dafür um.

„Jetzt sag mal ehrlich, der Typ hat doch echt 'nen Schaden. Hat der sich mal richtig im Spiegel angesehen?“ Mario grinste schief. „Ich hatte ja dich im Verdacht, dass du Jan zu dieser Klamottensünde überredet hast, damit du ihn ganz für dich alleine hast, weil keiner ihn mehr anguckt.“ Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee und wusste wirklich nicht, ob Jan nicht eine Therapie machen sollte.

„Ja, klar. Die Großen machen Mist und auf die Kleinen wird's geschoben. Für diese Modesünde hätte ich ihn gesteinigt, wenn er nicht mein Freund wäre. Außerdem will ich ihn gar nicht für mich alleine. Ich rette ihn nur, wenn er sich mal wieder verbal bei dir so in die Scheiße geritten hat, dass er nicht mehr heil raus kommt“, gestand Ronny und wusste, dass Jan bereits die Ohren klingeln mussten, so wie sie über ihn redeten. Aber es war nichts gelogen und wenn Mario endlich erfuhr, was Jan eigentlich sagen wollte, wenn er fluchte und beleidigte, konnte das doch nur von Vorteil sein.

„Warum lässt er das dann nicht einfach und redet normal mit mir? Ich habe nie was gegen ihn gehabt.“ Mario verstand wirklich nicht, warum Jan solche Probleme mit ihm hatte. Er konnte jetzt zwar einiges verstehen, aber etwas war ihm noch nicht klar. „Das sah aber immer ganz anders aus, wenn man euch zusammen gesehen hat. Da konntet ihr ja kaum die Finger voneinander lassen.“ Mario konnte nicht verhindern, dass ein wenig Eifersucht in seiner Stimme mitschwang und Ronny genoss das sichtlich. Ein bisschen Rache in Jans Namen durfte ja wohl noch sein.

„Hey, ich verdiene mein Geld damit, Leuten eine Rolle vorzuspielen und Jan ist in deiner Gegenwart sowieso nicht zurechnungsfähig. Er versucht es, aber sobald er den Mund aufmacht, setzt das Hirn aus. Er will dir gar keine reinwürgen. Deswegen hatte ich ihm ja schon vorgeschlagen, für euch mal zu übersetzen, damit ihr endlich zu Potte kommt. Aber er behauptet ja steif und fest, dass du nichts von ihm willst, weil er fett ist. Da konnte ich reden, wie ich wollte...“ Ronny kam ins Plaudern. Mario durfte ruhig alles wissen und wenn es ihm dann nicht gelang, Jan endlich in die Kiste zu kriegen und ordentlich zu befriedigen, dann bekam der es aber mit ihm zu tun. Noch einmal machte er dieses Drama nämlich nicht mit.

„Warte, warte! Versteh ich dich richtig? Jan will was von mir und denkt, ich halte ihn für fett? Er will mich ins Bett bekommen und eigentlich gar nicht beleidigen, aber er hat so etwas wie eine spontan auftretende Blödheit, wenn er in meiner Nähe ist?“ Erst als er das alles gesagt hatte, wurde Mario bewusst, was das bedeutete und er musste grinsen.

„Schön zusammengefasst“, lobte Ronny und guckte in seine leere Tasse. „Der Kerl ist so scharf auf dich, dass deine Nähe reicht und er wird... na ja, soweit ich das gehört habe, hast du das ja gestern selber gemerkt. Wie dem auch sei: halt ihm den Mund zu und leg ihn flach, ich flehe dich an! Ich halte das nicht mehr aus. Ständig diese Mario-Hymnen. Mal ist er ein Arsch - mal ein Held. Ich kann's nicht mehr hören. Nichts gegen dich, aber nach dem hundertsten Mal, dass ich mir deine Vorzüge anhören musste, hatte ich echt die Nase voll.“ Dazu machte er ein leidendes Gesicht, damit Mario Mitleid bekam und sich Jan endlich schnappte.

„Wie kann man von einem Traumtyp wie mir nur die Nase voll haben?“ Mario rümpfte missbilligend die Nase und brach dann in Lachen aus. Wer hätte gedacht, dass er mit der Hupfdohle zusammen saß und es auch noch mochte. „Damit ich dich von deinen Qualen erlösen kann, muss ich erst einmal wissen, wo deine Prinzessin ist.“

„Im Ferienhaus seiner Eltern am Halterner Stausee. Zumindest habe ich ihn gestern dort rausgeworfen und er hat vorhin angerufen, dass es ihm gut geht. Also gehe ich mal davon aus, dass er noch da ist. Solltest du da aufschlagen wollen, sag ihm ja nicht, dass ich dir auch nur ein Sterbenswörtchen gesagt habe. Der ist größer und schwerer als ich und dann bin ich tot. Das wäre ein Verlust.“ Er blinkerte und holte sich noch einen Kaffee, zur Feier des Tages mal mit Milch. „Im Ernst. Lass den Spinner reden. Er wird wieder rumätzen. Steck ihm was in den Hals, dann ist Ruhe.“ Er zwinkerte frech. „Noch 'n Kaffee?“

„Nee, danke. Ich mach mich besser auf den Weg. Bis zum Stausee brauch ich 'ne Stunde.“ Jetzt wo Mario wusste, was in Jan vorging, konnte er es gar nicht erwarten, zu ihm zu fahren. Sie mussten das wirklich klären, was zwischen ihnen war. Erst dann konnten sie sehen, ob wirklich etwas aus ihnen werden konnte. „Ich muss noch kurz nach Hause und ein paar Sachen einpacken, dann mach ich mich in die Spur.“

„Mach das und sei nachsichtig mit dem Idioten. Er wird schon einen Herzkasper kriegen, wenn er dich sieht. Lass ihn reden und denk dir deinen Teil und hier...“ Ronny griff in eine Schublade in der Küche und drückte Mario ein Päckchen in die Hand. „Ich glaube nicht, dass er was vor Ort hat, wenn ihr es wirklich braucht“, grinste er dabei und wäre zu gern Mäuschen, wenn die beiden wieder aufeinander trafen. Doch er musste sich gedulden und hoffen, dass Mario in der Lage war, Jan endlich zu bändigen.

Mario wurde ein wenig rot, als er das Päckchen in seiner Hand ansah, steckte es sich aber mit einem Grinsen in die Hosentasche. „Danke. Ich hoffe, dass wir das gebrauchen können. Hoffen wir, dass du Recht hast und Jan wirklich nur eine Sprachblockade hat. Da werde ich dann wohl noch dran arbeiten müssen.“ Mario stand vom Hocker auf und streckte sich kurz. „Ich bring ihn dir wieder heile zurück. Ob mit oder ohne Knebel kann ich allerdings nicht sagen.“

„Och, da bin ich schon zufrieden.“ Ronny zuckte die Schultern. Er hatte ein gutes Gefühl. Auch wenn sich seine Prinzessin sicher ziemlich dusselig anstellen dürfte und moppern und zetern. Er hielt Mario für schlau genug, das geschickt unterbinden zu können. „Viel Spaß und wenn du ihm das nächste Mal die Nase in den Schoß steckst, mach es richtig. Unbefriedigt ist er kaum zu ertragen.“ Ronny drückte Mario die Hand und ließ ihn aus der Tür.

Mario tippte sich grinsend an die Stirn und huschte die Treppe hinunter. Annika sollte nicht merken, dass er aus Ronnys Wohnung kam. Mit ihr wollte er sich jetzt nicht aufhalten. Schließlich war nicht sie es, die er wollte. Zuhause erklärte er seiner Mutter kurz, was er vorhatte und auch wenn es ihr nicht gefiel, ließ sie ihn gehen. Sie wusste, dass sie ihrem Sohn vertrauen konnte, weigerte sich aber, ihn ohne eine Mahlzeit fahren zu lassen.

So verzögerte sich seine Abfahrt um eine halbe Stunde, was allerdings nicht besonders schlimm war. Nicht wenn man zum Abschied überbackenen Toast bekam, den mochte Mario nämlich zu gern. Eigentlich mochte er alles, was mit Käse überbacken war und am liebsten mochte er nur den Käse. Aber selbst der war vergessen, als er sich mit einem Rucksack endlich auf seine Maschine schwang, um hinaus an den Stausee zu fahren.

Nach und nach ließ er Ronnys Worte Revue passieren. Jan war in ihn verschossen und glaubte, er wäre zu fett und Mario ekelte sich. Der Kerl war doch wirklich nicht mehr ganz dicht. Ekel war nun Weißgott das letzte, was er empfand, wenn er Jan halb nackt sah.

Diesen Gedanken verdrängte er aber gleich wieder, denn wenn er über die Autobahn heizte, war das keine gute Idee. Das musste er sich dafür aufheben, wenn er Jan vor sich hatte. War vielleicht eine gute Möglichkeit, das, was er sagte, auszublenden. Mario musste grinsen. Dass Ronny eigentlich ganz nett war, hätte er auch nicht gedacht. Aber manchmal machte Eifersucht eben blind.



Er setzte den Blinker, als seine Ausfahrt kam und nun war es nicht mehr weit. Wo sollte er Jan suchen? Ob er im Haus war? Oder war er unten am See schwimmen? Ob er zurück ins Team kam? Nein, so weit wollte Mario noch nicht denken. Er war nur aus einem Grund hier, er wollte alles klar stellen, was missverständlich zwischen ihnen war und einen Neuanfang versuchen - wenn Jan es zuließ.

Auf dem Parkplatz angekommen, stellt er sein Bike ab und ging den Weg, den er als Kind oft gegangen war. Sie hatten viele Wochenenden hier draußen verbracht. Meist hatten sie am Ufer gerauft oder am Lagerfeuer gesessen. Schön waren die Zeiten gewesen und verdammt lange her.

Er orientierte sich kurz und lief langsam den Weg hinunter zum See. Wenn er sich richtig erinnerte, hatten die Günings ein kleines Boot an einer der Anlegestellen, nur wusste er nicht mehr an welchem. Nur an den Namen konnte er sich noch erinnern – Nixe. Er bog zum Hafen ab und blieb erst einmal stehen. Welche Farbe hatte das Boot? Er konnte sich nicht wirklich daran erinnern, aber er hatte das Gefühl, bei blau nicht ganz falsch zu liegen.

So schritt er am Ufer entlang und suchte die angeleinten Boote mit den Augen ab. Es war nur ein kleines Ruderboot gewesen und sie waren nie damit gefahren, aber Vater Güning war oft damit zum Angeln gewesen.

Der feuchte Sand knirschte unter Marios Schuhen und nur leise war das Plätschern winziger Wellen zu hören. Holz rieb auf Holz, da wo die Schiffe gegen den Steg wogten. Und dann hatte er Jan entdeckt. Er lag auf dem Rücken in einem kleinen, blauen Boot, die Augen geschlossen und die Arme unter dem Kopf verschränkt.

Marios Herz machte einen Hüpfer und er holte tief Luft.

Was jetzt?

„Jan“, rief er nicht zu laut, weil er seinen Freund nicht erschrecken wollte, falls er nur etwas in der Sonne döste - aber nichts passierte. So wie es aussah, schien Jan zu schlafen und ein Plan reifte in Mario. Vorsichtig, damit das Boot nicht zu sehr schaukelte, stieg er hinein und löste die Leinen, die es am Ufer festhielten. So lautlos wie möglich nahm er eins der Ruder und stieß sie ab. Erst als sie etwas vom Ufer entfernt waren, nahm er das zweite und ruderte hinaus auf den See. Dort konnte Jan ihm nicht so schnell abhauen.

Hoffte er zumindest.

Als er der Meinung war, vom Ufer weit genug weg zu sein, hörte er auf zu rudern und beobachtete Jan einfach. Die langen Ponyfransen hingen ihm im Gesicht und Mario hatte den Drang sie beiseite zu wischen. Doch er ließ es, nicht dass Jan just in diesem Moment wach wurde und es wieder eine Verwicklung gab, die wie gestern peinlich endete. So saß er einfach da und betrachtete ihn. Wann kam er schon einmal ohne bissige Kommentare dazu?

Jan wurde wach, weil das Boot schaukelte und er sich unwohl fühlte. Wahrscheinlich war Wind aufgekommen, aber er war ja sicher vertäut, darum blieb er liegen und lächelte kurz. Er hatte gerade so schön geträumt, da wollte er nicht aufwachen. Mario hatte wunderbare weiche Haut, über die er immer wieder streicheln wollte.

„Du bist hübsch, wenn du lächelst“, sagte Mario leise, der Jan noch immer nicht aus den Augen ließ. Es schien, als würde er langsam wach werden und so sagte er lauter: „Hi Jan, lass uns noch mal reden - wegen gestern und so. Ist scheiße gelaufen.“ Und er konnte nur hoffen, dass Jan, wenn er wach wurde, nicht aus dem Boot sprang und zum Ufer schwamm.

„Nich' reden – küssen“, murmelte Jan unwillig und zog die Stirn kraus, weil das, was er gerade träumte, gar nicht zu den Worten passte, die er gehört hatte. Er drehte sich auf die Seite und hoffte, dass sein Traum-Mario endlich weitermachte, aber er hörte nur ein leises Kichern. Gar nicht zufrieden öffnete Jan seine Augen und sah auf ein paar Beine, die bei ihm im Boot waren. Da die aber eher selten alleine vorkamen, setzte er sich auf, um zu sehen, wer das war, der es wagte ihm seinen Traum kaputt zu machen und bekam den Schreck seines Lebens, als er Mario erkannte. Erschrocken zuckte er zurück und stieß mit dem Rücken gegen das Heck des Bootes.

„Hey, ganz ruhig!“, sagte Mario und bewegte sich nicht, damit Jan wieder ruhiger wurde und nicht noch aus Versehen aus dem Boot fiel. „Felix hat dich vermisst und ich dich gesucht. Wie das gestern gelaufen ist, tut mir leid, wirklich. Das musst du mir glauben.“ Nervös knotete Mario seine Finger, denn er malte sich schon gedanklich aus, mit was er gleich wieder verbal abgefrühstückt wurde auf Jans charmant liebenswürdige Weise. „Wir müssen reden, ehrlich.“

Jan schien ihn aber gar nicht zu hören, denn der blickte nur panisch um sich herum und wurde kreidebleich im Gesicht. „Wasser“, murmelte Jan leise und seine Finger krallten sich an die Ränder des Bootes. Seine Brust hob sich hektisch, aber trotzdem hatte Jan das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Wieso war er hier und nicht mehr am sicheren Ufer? Panik breitete sich in ihm aus und er rutschte hektisch hin und her, in der Hoffnung so viel Abstand wie möglich zwischen sich und das Wasser zu bringen, was in dem Boot allerdings unmöglich war.

„Jan?“, fragte Mario irritiert und erhob sich, um zu Jan zu gehen. Er konnte sich auf das merkwürdige Verhalten keinen Reim machen und versetzte mit jedem Schritt das Boot in Schwingungen.

Von rechts nach links - von rechts nach links.

Und jedes Mal wurde Jan blasser.

„Sag doch was, ist dir nicht gut?“ Sorge machte sich in Mario breit und er wusste nicht, ob das an ihm selbst lag. Hatte er Jan in die Enge getrieben?

Jan sah Mario aus großen, panischen Augen an. Er wollte etwas sagen, aber er bekam keinen Ton heraus. Überall um ihn herum war Wasser – tiefes, dunkles Wasser. Er wusste, dass er möglichst ruhig sitzen sollte, aber das konnte er nicht. Jan wollte einfach nur noch weg und darum machte er etwas zu heftige Bewegungen. Er war so in seiner Panik gefangen, dass er das einfach nicht mehr kontrollieren konnte und weil das Boot schon schwankte, konnte er sich nicht mehr halten und stürzte über Bord.

Ungläubig blickte Mario hinterher. Was war das denn gewesen? Erst einmal war er nicht in Sorge, denn Jan war der beste Schwimmer, den er kannte. Doch als der nach ein paar Sekunden nicht wieder auftauchte und Mario nur noch seinen hellen Schein im Wasser sah, ergriff ihn Angst. Was auch immer mit Jan nicht stimmte, es hinderte ihn daran zu schwimmen. Also dachte Mario nicht weiter nach und sprang hinterher, bekam Jan am Arm zu packen und zog ihn an sich, damit sie beide wieder zur Oberfläche kamen, um Luft zu holen.

„Was machst du denn für Mist, sage mal? Hallo? Jan?“ Warum reagierte der denn nicht mehr?

Wie eine Puppe hing Jan in seinen Armen und rührte sich nicht. Er war steif wie ein Stock und in seinem Kopf überschlug sich alles. Er wäre fast ertrunken, weil er sich nicht hatte bewegen können und plötzlich kam Leben in ihn, als er begriff, was passiert war. Er musste hier weg und er schlug um sich, damit er aus dem Wasser kam, war dabei aber so unkoordiniert, dass er wieder unterging.

„Verdammt, Jan, lass den Scheiß!“, fluchte Mario, der fast mit untergegangen wäre. Was auch immer Jan vorhatte, wenn es das Ziel war, Mario zu ersäufen, war er auf dem besten Wege. Fluchend hielt er Jan an sich gedrückt, auch wenn ihn dessen Arme immer wieder erwischten. Er zischte, als ein Ellenbogen seine Schläfe traf. Wenn das morgen nicht blau wurde, dann wusste er aber auch nicht.

Mit Jan in einem Arm zog er sich mit der anderen Hand wieder ans Boot und schrie Jan an, er solle endlich aufhören und das Boot greifen. Sie beide zusammen konnte er unmöglich gleichzeitig hoch ziehen.

Wie durch einen Nebel hörte Jan Marios Stimme und griff automatisch zu. Die relative Sicherheit des Bootes ließ ihn soweit klar werden, dass er seine Umgebung wieder wahrnahm. Seine Zähne klapperten, denn das Wasser war kalt. Sie mussten raus aus dem Wasser. Ungeschickt versuchte er sich aus dem Wasser zu ziehen, was mit den nassen Klamotten gar nicht so einfach war. Also griff Mario beherzt zu. Sauer war Jan auf ihn sowieso schon, wenn er ihm jetzt noch an den Hintern packte, konnte das ihr Verhältnis eigentlich nicht noch mehr belasten als es sowieso schon war. Also strampelte er mit den Beinen, um sich nach oben zu drücken, hatte eine Hand am Boot, um sich zu stabilisieren und die andere unter Jans festem Hintern, um ihn zu schieben. Und er verbot es sich, auch nur einen einzigen erregenden Gedanken dabei zu haben. Zum Glück war das Wasser sehr kalt.

Jan ließ sich ins Boot fallen und kauerte sich auf dem Boden zusammen. Er zitterte und das nicht nur vor Kälte. Erst jetzt realisierte er, dass er fast ertrunken wäre. Erschrocken schrie er auf, als das Boot wieder schwankte und kauerte sich so klein wie möglich zusammen. Ihm war gerade alles egal, auch dass Mario ihn so sah.

„Verdammt, Jan! Stemm dich auf den Rand, damit ich mich auch rein hieven kann oder hilf mir.“ Mario versuchte immer wieder, wie er es im Schwimmbad tat, sich am Rand hoch zu stemmen. Doch da, wo der feste Rand des Schwimmbeckens ihm Halt gab, kam das Boot nur ins Schaukeln und nahm ihm so immer wieder den Schwung. Langsam wurde Mario fuchtig, denn die Kälte, die ihm in die Glieder biss, machte es nicht leichter, sich zu bewegen.

Jan zuckte zusammen, bei den lauten Worten und er wusste nicht, was er machen sollte. Er konnte das nicht, aber wenn er nichts unternahm, konnte es sein, dass Mario ertrank und allein die Vorstellung ließ ihn handeln. Mario durfte nichts passieren. Beherzt griff er zu, als sein Freund sich wieder hochziehen wollte und half ihm ins Boot. Nun lag er auf dem Rücken am Boden der 'Nixe' und keuchte. Die Augen hatte Mario geschlossen und er versuchte wieder zu Atem zu kommen. Außerdem war ihm elend kalt. Sein Körper zitterte und seine Finger verkrampften sich. Doch als er die Augen aufmachte und Jan ansah, lächelte er schief. „Alles klar?“, wollte er wissen.

Jan hatte sich wieder zusammengekauert und schüttelte den Kopf. Nichts war klar. „Muss hier weg“, erklärte er mit klappernden Zähnen und schloss die Augen. Vielleicht wurde es besser, wenn er das Wasser um sich nicht sah.

Erst wollte Mario ihn anknurren, dann solle er die Ruder in die Hand nehmen und sich ein bisschen ins Zeug legen. Doch so elend wie Jan aussah, verkniff er sich das und setzte sich auf. „Jan?“, fragte er und kam näher. „Was ist denn los? Du machst mir Angst.“ Doch er wagte es nicht, Jan zu berühren. Nicht dass der sich wieder erschreckte und sie das Spiel von vorn begannen. Also nahm er die Ruder und legte sich ins Zeug, Jan dabei immer im Blick.

„Ich kann den Grund nicht sehen. Dann krieg ich Panik und was dann passiert, hast du eben gesehen.“ Jan schämte sich unendlich, weil er das ausgerechnet vor Mario zugeben musste, aber das machte jetzt auch nichts mehr. Mehr als vorher konnte der sich vor ihm sowieso nicht mehr ekeln. Was machte es da, dass er nun noch mehr hatte, über das er sich lustig machen konnte? „Für meine Phobie habe ich zwar noch keinen Namen gefunden, aber ich weiß, wie sie sich auswirkt. Ich habe Angst, vor dunklem, tiefen Wasser, wo ich den Boden nicht sehen kann.“

„Ach so. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich uns nicht auf den See gerudert“, gab Mario leise zu. Der Wind pfiff durch die nassen Klamotten und er zitterte immer mehr. Doch zum Glück waren sie gleich am Ufer. „Es tut mir leid, das war keine Absicht. Wirklich, wie so einiges“, murmelte er leise und hatte irgendwie das Gefühl, dass sie wirklich den unmöglichsten Start hatten, den man sich nur denken konnte.

„Kaum einer weiß das“, murmelte Jan leise und grinste schief. Erst jetzt, wo er wusste, dass er das Wasser bald hinter sich lassen konnte, fing sein Gehirn wieder an zu arbeiten. „Warum bist du hier?“, fragte er und es war wohl seinem Zustand zuzuschreiben, dass er diesmal auch das sagte, was er meinte.

„Weil ich mir Sorgen gemacht habe. Was gestern gelaufen ist, hätte schlimmer nicht passieren können. Ich wollte dich nicht bloßstellen, nur wissen, warum du nicht mehr zum Training kommst. Wirklich“, versicherte Mario und hoffte, Jans Zustand hielt wenigstens so lange an, bis sie das geklärt hatten und der ihm glaubte. Dann konnte sein Liebling gern wieder schimpfen, zicken und zetern. Schließlich war nur ein lästernder Jan ein gesunder Jan. So friedlich war er ungewohnt. Das verunsicherte auch Mario. Seine Zähne klapperten, wenn er nicht sprach und so war er froh, weil es nur noch ein paar Meter bis zum Land waren.

„Hm, okay“, war vorläufig alles, was Jan sagte. Er musste erst einmal wieder zu sich kommen und verarbeiten, dass Mario zu ihm gekommen war. Was hatte das zu bedeuten? Über diesen Fragen vergaß er sogar, dass er sich auf dem Wasser befand und erbärmlich fror. Forschend sah er zu Mario hinüber, aber der war gerade damit beschäftigt, das Boot zum Steg zu bugsieren.

Schnell zog Mario die Ruder ein und ließ das Boot an den Steg treiben. Dann sprang er hinaus, auch wenn es durch die Kälte etwas ungelenk wirkte, und band das Boot fest. Lächelnd hielt er Jan die Hand hin. „So, hast wieder festen Boden unter den Füßen.“ Er grinste schief, denn er war verlegen. Er hatte Jan in Gefahr gebracht, obwohl er doch eigentlich genau das Gegenteil erreichen wollte, ihn an sich drücken und beschützen.

„Danke.“ Jan ließ sich helfen und atmete auf, als er das Boot endlich verlassen konnte. Mit gesenktem Kopf stand er vor Mario und traute sich nicht, ihn anzusehen. „Wir sollten aus den Klamotten raus“, murmelte er und lief auch schon los, nicht dass er gleich wieder etwas Falsches sagte und Mario böse wurde.

„Äh - ja.“ Mario beugte sich noch einmal ins Boot, wo noch sein Rucksack lag, dann eilte er Jan hinterher. Der hatte aber auch einen Affenzahn drauf! „Warte doch, musst doch nicht gleich weglaufen, Mensch“, murmelte er, wagte es aber nicht, aufzuschließen. Wenn er Ronny richtig verstanden hatte, dann war es Jan bewusst, dass sein Hirn aussetzte, wenn Mario in der Nähe war. Vielleicht wollte er das vermeiden.

Ein löblicher Ansatz.

Aber ewig weglaufen brachte ja auch nichts.



Jan ging etwas langsamer, aber er sah sich nicht nach Mario um. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, lief er auf das Haus zu. Zum Glück hatte er bei der ganzen Aktion nicht den Hausschlüssel verloren. Das hätte noch gefehlt. Im Haus angekommen, ging er gleich zur Küche, damit er wieder Abstand zwischen sie bringen konnte. „Dusche ist oben links. Handtücher sind auch da. Ich mach Tee“, rief er über die Schulter.

„Okay.“ Mario war nicht böse darüber, dass er sich erst einmal aus den nassen, kalten Klamotten schälen durfte. Klar, es wäre ihm noch lieber gewesen, Jan wäre der Einfachheit halber gleich mit unter die Dusche gekommen, aber so weit waren sie wohl noch lange nicht. Also schlich er nach oben und sprang unter das warme Wasser. Anfangs schmerzte die Haut. Die Tropfen waren wie Nadelstiche, doch nach und nach taute Mario wieder auf und es wurde ganz angenehm. Sein Problem war nur, dass bei ihrer wilden Aktion im Boot sein Rucksack ziemlich abgesoffen war und seine Wechselklamotten ebenfalls.

„Scheiße“, fluchte er leise. Musste er Jan eben fragen. So kam er nur mit einem Handtuch um die Hüfte und seinem nassen Rucksack entschuldigend vor sich schwenkend wieder in die Küche, wo sich Jan an der Tischplatte festklammerte.

Jetzt, wo er in Sicherheit war, hatte es Jan voll erwischt. Sein Körper, der bis eben nur unter Schock funktioniert hatte, klappte zusammen. Er zitterte und klapperte mit den Zähnen. Er hatte sich gerade noch am Tisch festhalten können, sonst wäre er wohl auf dem Fußboden gelandet. Er wäre fast ertrunken, weil er sich nicht hatte bewegen können. Wenn Mario ihn nicht raus gezogen hätte, wäre er jetzt… Allein die Vorstellung ließ ihn schwanken. Er konnte sich einfach nicht mehr auf den Beinen halten.

Ungläubig hatte Mario ihn beobachtet und machte drei schnelle Schritte, ehe er beherzt zugriff und den in sich zusammen sinkenden Jan an sich zog. „Mann!“, knurrte er leise und holte tief Luft. Also, heute war echt der Wurm drinnen, aber wirklich.

Doch ein Gutes hatte die Sache ja: Jan hielt die Klappe und war richtig handzahm. „Lass den Mist doch endlich. Los, wir müssen dich auch aus den nassen Klamotten raus kriegen und dich warm duschen. Das wird schon wieder.“ Doch das sagte sich so leicht.

Egal, wie schlecht es Jan auch ging, dass Mario ihn ausziehen wollte, bekam er mit. „Nein“, rief er panisch und versuchte sich frei zu machen, was ihm aber nicht gelang. Da konnte er so viel zappeln, wie er wollte und schließlich musste er sich geschlagen geben. Er musste aus den Klamotten raus und alleine gelang ihm das bestimmt nicht, denn wie bei einem Kriechtier saß ihm die Kälte in den Gliedern.

„Stell dich jetzt bitte nicht so an. Motz mich voll, wenn du wieder warm bist und die Gefahr einer Erkältung gebannt ist, so lange mach einfach, was ich dir sage“, murmelte Mario, dessen Handtuch durch Jans Zappelei ziemlich auf halb acht hing. Doch er ließ sich nicht davon abhalten, Jan nach oben ins Bad zu zerren - mit wild schlagendem Herzen, was er leider nicht mehr ignorieren konnte. Langsam wurde ihm bewusst, was er vor hatte und wie peinlich das nur mit einem Handtuch und ohne rettende Doppel-Badehose sein konnte. Aber da musste er jetzt durch. Sollte Jan ruhig wissen, dass er ihn geil fand.

Zuerst wollte Jan sich alleine ausziehen, aber es ging einfach nicht, weil seine Finger so sehr zitterten, dass er die Hemdknöpfe nicht packen konnte. Schließlich ließ er die Arme sinken. „Kannst du mir helfen?“, fragte er leise und schämte sich, weil die Vorstellung, dass Mario ihn gleich berührte, sein Herz rasen ließ. Unsicher sah er sein Gegenüber an.

„Sicher.“ Mario ging es leider auch nicht besser. Da standen sie also beide in ihrer Unsicherheit und wussten nicht miteinander umzugehen. Sich anschreien, das konnten sie gut. Doch aufeinander angewiesen zu sein, helfen zu müssen, Hilfe anzunehmen - ausgerechnet von dem Kerl, den man begehrte - das war nicht leicht. Noch weniger wenn man versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Mario hob also vorsichtig die Hände und griff sich den ersten Knopf. Auch wenn seine Finger heiß waren, so zitterten sie nicht weniger als Jans. Doch er löste die Knöpfe - einen nach dem anderen. Und es war Absicht und ein kleiner Bonus für sich selbst, wenn seine Fingerspitzen Jans Brust entlang strichen.

Jan stand an die Wand gelehnt und schloss die Augen. Das war Himmel und Hölle zugleich. Endlich hatte er das, was er sich schon seit Jahren wünschte und konnte es doch nicht richtig genießen. Sobald Mario tiefer kam und bemerkte, dass er eine Hammererektion hatte, würde er lachen. Der Fetti war scharf auf ihn. Das war doch der Witz des Jahrhunderts.

Doch noch war Mario nicht so weit. Er streifte Jan vorsichtig das Hemd tiefer und starrte auf die blanke Haut. Wie er selbst, wachste sich Jan die Brust. Nicht ganz schmerzfrei aber effektiv. „Lecker“, murmelte er leise und merkte es noch nicht einmal. Wie blind tastete er sich die Arme entlang, um die Knöpfe an den Ärmeln zu öffnen, damit Jan das Hemd fallen lassen konnte. „Mach schon mal das Wasser an, nass sind wir sowieso, aber dann wird dir wärmer“, schlug er leise vor und holte selber tief Luft. Nur gut, dass die Dusche groß genug für zwei war, auch wenn er nichts dagegen hatte, Jan noch etwas näher auf die kühle Pelle zu rücken.

Jan bekam Marios Worte nur am Rande mit, aber er hob die Hand, um das Wasser anzustellen. Er starrte nur auf Marios Lippen. Die Finger auf seiner Haut hatten etwas in ihm ausgelöst. Sein Herz klopfte zum zerspringen, als er eine Hand hob. Mario würde ihn auslachen und ihn angewidert alleine lassen. Da wollte er wenigstens einmal dessen Lippen auf seinen spüren. Darum griff er nicht nach dem Wasserhahn, sondern legte seine Hand in Marios Nacken und zog ihn nahe zu sich, damit er ihn küssen konnte.

„Na das hat ja gedauert“, murmelte Mario leise und wirkte fast erleichtert, als er die letzte Distanz zwischen ihnen überwand und plötzlich Jans Lippen auf seinen spürte. Es war wie ein Blitz, der ihn durchzuckte - doch das lag sicher nicht nur daran, dass die Lippen kalt waren. Es war etwas völlig anderes. Und so hielt er sich auch nicht lange damit auf, Jan sanft zu erforschen. Wer wusste schon, wann der es sich wieder anders überlegte und Mario eine zu sitzen hatte. Bis dahin wollte er genießen, was er kriegen konnte und drückte Jan gegen die Fliesen in dessen Rücken, lehnte sich an den straffen Körper und bemerkte mit Wohlwollen, dass Jan ihn ziemlich erregend fand.

Dass Jan über Marios Reaktion auf den Kuss überrascht war, wäre untertrieben. Er hatte mit allem gerechnet. Beginnend mit einer Faust im Magen bis hin zu einem blauen Auge, aber nicht, dass der Kerl sich regelrecht ausgehungert auf ihn stürzte. Das sollte doch eigentlich ganz anders laufen, aber das hinderte ihn nicht daran, den anderen Arm um Mario zu legen und leise zu seufzen. Er drängte sich an den anderen Körper und riss überrascht die Augen auf. Was war das denn? Das fühlte sich ja fast so an, als wäre Mario ebenfalls ziemlich erregt.

„Hm“, stöhnte Mario leise und ließ es geschehen, dass sein Handtuch zu Boden ging. Ziemlich viel hatte es ja sowieso nicht mehr verbergen können. Lieber genoss er, den Leib, den er begehrte und der sich real noch viel besser anfühlte als in seinen Träumen. Seine Hände legten sich auf Jans Brust und rutschten langsam tiefer. Er wollte diesen eklig nassen Stoff um Jans Schoß loswerden, der störte doch sowieso nur.

Herrlich.

Jan fühlte sich gerade wie im Himmel. Er merkte nicht einmal mehr, dass ihm kalt war. Wie auch, wenn Marios heißer Körper sich gegen ihn presste und die streichelnden Hände glühende Spuren hinterließen? Aber trotzdem musste er sich kurz aus dem Kuss lösen. „Warum?“, fragte er schwer atmend, aber das musste jetzt sein. Wenn Mario das nur machte, weil Jan ihn überrumpelt hatte, wollte er das nicht.

„Weil sie gestört hat“, murmelte Mario und verstand die Frage an sich eigentlich nicht. Hatte Jan die Hose etwa nicht gestört? Außerdem hatte er kein Verlangen auf Diskussionen. Das endete wieder in Schimpftiraden. Dabei konnte Jan mit seinen Lippen und seiner Zunge doch Weißgott angenehmere Dinge tun. So legten sich seinen Lippen wieder auf das andere Paar und er genoss die Blitze, die ihn bei dieser Berührung durchzuckten.

„Mario.“ Jan schob Mario ein wenig von sich, auch wenn es ihm schwer fiel. Endlich wurde sein Traum wahr, von dem er nie geglaubt hatte, dass es je dazu kommen würde. „Ich will nicht einfach nur Sex. Ich will dich“, sagte er leise und machte sich darauf gefasst, dass Mario ihn gleich auslachte. Eins schien der Unfall auf jeden Fall bewirkt zu haben. Jans Sprachblockade hatte sich wohl verflüchtigt.

Mario, der langsam wieder klar wurde, löste sich weiter von Jan, damit er ihn ansehen konnte. Wie er da so stand, leicht ängstlich, unsicher. Er war zum Anbeißen. Weil Jan immer noch fror, waren die Brustwarzen hart und Mario leckte sich wieder unweigerlich über die Lippen. „Wenn du ein bisschen mehr auf Ronny hören würdest, wüsstest du, dass du mit deinem Wunsch nicht alleine da stehst und das hier hätte schon etwas früher passieren können.“ Dann grinste er frech und piekste Jan in den Bauch. „Specki“, das konnte er sich dann doch nicht verkneifen. Dass er nackt und erregt vor Jan stand, störte ihn komischerweise nicht ein Stück.

„Penner“, schoss Jan zurück, aber er lachte dabei. Er hatte gehört, was er hören wollte und darum zog er Mario wieder an sich, damit er ihn küssen konnte. „Meinetwegen schon vor vier Jahren“, murmelte er zwischen kleinen Küssen und endlich konnte er es richtig genießen. Mario begehrte ihn, das konnte er spüren und auch sehen und darum trat er sich seine Hose endgültig von den Beinen, damit nichts sie mehr voneinander trennte.

Mit Genuss und einem zufriedenen Stöhnen kommentierte Mario endlich die fremde, wenn auch kühle, Haut an seiner. Es kratzte ihm heiß und kalt das Rückgrat hinab und er konnte sich nicht mehr beherrschen. Doch er ließ das warme Wasser an, damit Jan sich nicht noch erkältete und die nächsten Tage allein im Bett verbrachte und so rieselte sanft das warme Wasser wie Regen auf sie hinab. Glück durchflutete ihn. Wer hätte gestern noch gedacht, dass es einmal so schnell gehen würde? „Ronny hat mir was mitgegeben“, flüsterte er Jan ins Ohr und küsste ihn dann wieder ausgehungert. Das war zu gut.

Wohlig rann es Jan den Rücken hinunter und er ließ sich von Mario erobern. Das war so viel besser, als seine Träume und doch war er nervös. Sacht löste er sich aus dem Kuss und drückte sich fest an seinen Freund. „Dann solltest du mir zeigen, dass es richtig war, mich für dich aufzuheben“, flüsterte er leise und versteckte dann sein Gesicht an Marios Schulter. War ja auch irgendwie peinlich, dass Jan der Aufreißer, wie ihn alle nannten, noch Jungfrau war.

„Aufzuheben?“, fragte Mario ziemlich dümmlich, doch man hörte deutlich, wie es 'klick' machte und der Satz einen Gedanken in seinem hormongefluteten Hirn auslöste. „Heißt das, du hast... oh“, sagte er und konnte nicht vermeiden, dass er rot wurde und schief grinste. Wer hätte das denn gedacht? „Mein Bild von dir war ein anderes“, musste er zugeben, küsste seinen Freund aber wieder. „Aber ich weiß es zu schätzen, dass du auf mich gewartet hast, Jan.“ Mario schluckte und wurde langsam nervös. Hoffentlich machte er nichts falsch und tat Jan weh.

Jan bemerkte das kurze Aufblitzen von Furcht und lächelte. Es war wie ein warmer Sommerwind auf der Haut, dass Mario sich um ihn sorgte. Aber das wollte er nicht. „Da bist du wohl nicht alleine, obwohl ich das nie bewusst provoziert habe, glaubten alle, dass ich ständig irgendwen aufreiße.“ Jan lachte leise, wurde dann aber wieder ernst. „Mario ich vertraue dir. Seit vier Jahren habe ich niemanden außer dir in meinem Kopf. Erst war es eine Schwärmerei für den begehrtesten Jungen im Viertel, woraus schnell mehr wurde. Wie sollte ich da mein erstes Mal an jemand anderen verschwenden? Das darf nur der Mann, den ich liebe und das bist nun mal du.“

Mario schüttelte sich kurz und guckte Jan dabei entschuldigend an. „Sorry, mir lief es nur gerade ganz komisch den Rücken runter. Ich glaube das war Unglaube“, versuchte er zu blödeln, zog Jan dabei aber fest gegen sich. „Ständig warst du mit anderen Kerlen im Café, sie gaben sich bei euch die Klinke in die Hand. Und ständig hat dich diese bunte Hupfdohle abgeholt. Ich hätte der halben Portion am liebsten den Hals umgedreht, die Pfoten abgehakt und den Schwanz abgeschnitten“, gestand er und schämte sich maßlos. „Ich hatte nur noch Augen für dich und Verachtung für jeden, der das tun durfte, was ich nicht durfte. Ständig hast du mich angemotzt.“ Mario redete einfach und ließ seine Hände über Jans Rücken und Hintern streichen. Der war aber auch knackig. Da zeigte sich eben das jahrelange Training.

„Ey, nenn Ronny nicht so. Ihm hast du es nämlich zu verdanken, dass ich noch halbwegs normal bin. Er war da für mich, als ich ihn gebraucht habe.“ Jan lehnte sich an Mario, damit er seine Wärme besser spüren konnte. Versöhnlich küsste er seinen Freund, damit er nicht mehr glaubte eifersüchtig sein zu müssen. „Na komm, wenn Ronny dir schon etwas mitgegeben hat, dann sollten wir das auch benutzen. Er kann da ziemlich ärgerlich werden, wenn man sich nicht an seine Anweisungen hält.“

„Na los, legen wir dich trocken und suchen uns ein warmes Plätzchen. Auch wenn ich sowieso schon ziemlich heiß auf dich bin. Ist dir das gestern im Bad nicht aufgefallen, als ich hinter dir stand? Wie unaufmerksam“, tadelte Mario lachend, küsste Jan aber wieder ausgehungert. Es war unglaublich. Jan lag in seinen Armen, so wie er sich das fast jede Nacht vorgestellt hatte!

Mit einer Hand drehte er das Wasser ab, das musste ja nicht sinnlos laufen und so konnte er Jan besser abrubbeln und begrabbeln. Überall.

„Du bist so geil, Schatz. Ich bin verrückt nach dir. Völlig verrückt!“, murmelte er heiser.

Jan erschauderte und stöhnte leise, als Marios Hände über seine Haut strichen und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Wenn du so weiter machst, brauchst du mich nicht trocken rubbeln, dann verdampft das Wasser auf meiner Haut“, murmelte Jan hochrot im Gesicht und versteckte sich wieder an Marios Schulter. Das war besser, als alles, was er sich je vorgestellt hatte. „Aber ich bin doch fett und eklig“, kicherte er dann aber doch, auch wenn Mario ihm deutlich gezeigt hatte, dass er das ganz bestimmt nicht war.

„Ja, ich weiß. Überall Schwimmringe. Aber wenn du nicht mehr trainierst, dann müssen wir anders Kalorien verbrennen“, knurrte Mario dunkel und rieb seinen Schoß auffällig über Jans Schenkel. Der durfte ruhig langsam merken, dass es akut wurde oder sie gleich wieder duschen konnten. Seine Hände griffen fester zu und langsam zog er Jan weiter an sich hoch.

„Aus dem Bad raus, nächste Tür links“, gab Jan noch schnell Anweisung, dann stürzte er sich auf Marios Lippen. Er war jetzt schon süchtig danach. Er ließ aber wieder von ihnen ab, als er den Fehler in seiner Planung bemerkte. Wenn Mario ihn trug, kamen sie nur langsam voran – das war nicht akzeptabel. So zappelte er ein wenig, bis er wieder runter gelassen wurde und nahm seinen Freund an die Hand. „Geht schneller“, lachte er über die Schulter und zog Mario hinter sich her in sein Zimmer, wo ein weiches Bett auf sie wartete.

Er ließ sich darauf fallen und zog Mario auf sich. „Mach meine Träume wahr und zeig mir, dass die Wirklichkeit noch tausendmal besser ist“, flüsterte Jan heiser und küsste Mario liebevoll. Endlich war alles so, wie es sein sollte und er hatte eins gelernt – Liebe brauchte manchmal keine Worte und manchmal konnten Worte Liebe nichts anhaben.



ENDE