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Vampir-Zwillinge - Teil 9

9.Kapitel
Vertrauen ist wichtig

Benommen wachte ich auf. Die Unterlage war hart, auf der ich lag.
Irritiert öffnete ich die Augen und sah nur Schwärze. Was war passiert?
Ich wollte mich aufsetzen, aber ein starker Schwindel hielt mich am Ort und ich atmete tief durch. Mein Kopf war wie in Watte gepackt und es fiel mir sehr schwer, meine Gedanken zu ordnen.
Mein Atem stockte, als ich mich wieder an die Ereignisse erinnern konnte.
Ich wurde entführt!
Verzweifelt ertastete ich meine Umgebung. Die harte Matratze, auf der ich mich befand, lag auf einem feuchten Steinfußboden. Ich sah immer noch nichts. Kein Lichtschein fiel in mein Gefängnis. Langsam stand ich auf. Noch etwas schwankend, ging ich mit nach vorne gestreckten Armen los. Ich hatte keine Lust aus Versehen gegen etwas zu stürzen und mich dabei zu verletzen. Bald stieß ich auf einen Widerstand. Kalte, feuchte Wände, wie der Boden. War ich in einem Verließ gelandet, oder was?

Plötzlich traf ich auf eine Tür. Mein Versuch, sie zu öffnen, scheiterte, denn sie war verschlossen. Wütend trat ich gegen das stabile Holz und lauschte. Nichts passierte. Ich drückte meine aufkommende Panik nieder und ging den Weg zurück zu der Matratze. Wohin sollte ich auch sonst?
Zitternd schlang ich die Arme um meinem Körper, während ich mich auf die Matte niederließ. Durch die Feuchtigkeit und Kälte fror ich, doch eine Decke hatte man mir nicht gelassen.
Ich konnte mir gut vorstellen, dass die Vampirjäger hinter meiner Entführung steckten. Was wollten sie? Natürlich mich als Köter für Samir.
Scheiße, Samir! Er wird halb verrückt vor Sorge sein und damit leichte Beute!
Bevor ich nun wirklich in Panik geriet, hörte ich laute Schritte von draußen.
Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt und herum gedreht.
Ich kniff gequält die Augen zu, als der helle Lichtschein in mein Gefängnis hinein fiel. Jemand betrat den Raum, stellte sich direkt vor mich. Mit blinzelnden Lider blickte ich nach oben und erstarrte.
Andrew sah mich mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck an.

„Andrew?“, murmelte ich verwirrt. Ich hatte es geahnt, aber es nun wirklich zu wissen, war anders. Andrew kniete sich vor mir hin.
Er nickte: „Ja, wie du siehst, gehöre ich zu den Jägern. Überrascht?“
Ich schüttelte leicht den Kopf. „Ich habe es vermutet, aber wollte es nicht glauben.“ Andrew sah mir scharf in die Augen.
„Wir haben dich aus der Klaue dieser Bestie befreit. Wie geht’s dir jetzt?“, fragte er und hielt dabei den Augenkontakt.
Verblüfft sah ich ihn an. Von was redete Andrew?
„Wie meinst du das?“, fragte ich nach.
„Ich fragte, wie es dir geht. Wir haben herausgefunden, dass der Vampir, der dich in seinen Fängen hatte, Hypnose kann. Da liegt die Vermutung nahe, dass diese Bestie dich so kontrolliert. Ich wollte sicher gehen, ob der Bann von dir gefallen ist. Also nochmal, wie geht’s dir?“, erklärte er ruhig und ließ mich keine Sekunde aus den Augen. In mir regte sich langsam Wut.
„Du redest Schwachsinn. Samir ist keine Bestie! Er wollte mich vor euch schützen“, antwortete ich und sprang erregt auf.
Auch Andrew war schnell wieder auf den Beinen. „Marc, komm zu dir! Diese Gedanken hat dieser Vampir dir eingepflanzt. Er wollte dich nicht schützen, sondern nur dein Blut. Da sind alle Vampire gleich, glaube mir. Werfe den Zauber von dir, Marc. Ich weiß, du kannst es schaffen!“, sprach Andrew eindringlich auf mich ein.

Er war so überzeugt davon, dass ich unter einer anderen Macht stand, dass er mir gar nicht zuhörte. Sahen die Vampirjäger wirklich nur das Böse in einem Vampir? Hatten sie nie Zweifel während des Tötens? Ich konnte dies nicht glauben.
„Er ist keine blutrünstige Bestie! Samir hat die gleichen Gefühle und Bedürfnisse wie ganz normale Menschen“, versuchte ich, doch er sah mich nur mitleidig an.
Er legte mir seine Hand auf die Wange, kam näher. „Keine Angst, Marc. Ich bin nicht böse auf dich. Schließlich kannst du nichts für die fremden Gedanken, bei denen du denkst, es wären deine. Wir werden den Bann brechen. Spätestens wenn wir ihn von seinem unseligen Leben erlöst haben.“ Erschrocken starrte ich ihn an. Nein, er konnte dies doch nicht ernst gemeint haben! Hastig ging ich ein paar Schritte zurück, weg von ihm.
„Nein, das könnt ihr nicht machen. Das werde ich nicht zulassen!“, stammelte ich etwas. Das war ein Albtraum. Andrew schüttelte traurig den Kopf.
„Dieser Vampir hat dich fest im Griff und muss sehr stark sein. Wir hatten die Hoffnung, dass hier unten im Keller der geistige Bann verschwindet, aber offenbar hält er trotz der tiefen Erdschicht“, murmelte er, fast nur an sich gerichtet.

Er drehte sich um und verließ den Raum. Blieb stehen und sah, dass ich immer noch wie erstarrt da stand.
„Komm, wir gehen nach oben. Versuche bitte nicht zu fliehen. Ich bin schneller als du und auch nicht der einzige Bewohner hier.“
Er zögerte und zog dann eine Augenbinde aus seiner Hosentasche.
„Marc, glaube mir. Ich mache es nicht gerne, aber du sollst nicht erfahren, wo du bist. Wir wissen nicht, ob diese Bestie geistige Informationen aus dir holen kann. Deswegen die Binde.“ Andrew wartete geduldig und ich versuchte erst gar nicht ihm noch einmal die Sache zu erklären. Er hörte mir ja doch nicht zu. Glaubte eher, dass Samir mir die Worte in den Mund gelegt hatte.
Widerstandslos ließ ich mir die Augen verbinden. Ich wusste, dass ein Ausbruch meinerseits nichts nützen würde. Er war kräftiger und stärker als ich.
Aber was konnte ich sonst tun? Er sprach von anderen Vampirjägern. Vielleicht gab es einen unter ihnen, der mir zuhörte!

Es war bestimmt nicht mein Hobby, blind durch die Gegend zu stolpern. Weshalb ich zuließ, dass Andrew mich am Arm nahm und vorsichtig führte.
Er packte fester zu, als es über eine Treppe ging. Plötzlich hörte ich leise Stimmen, die schnell lauter wurden, je näher wir kamen.
Bevor ich mich auf die gesprochene Worte konzentrieren konnte, spürte ich, wie Andrew mich in einem anderen Raum schob. Das Stimmengewirr erstarb. Irgendwie wusste ich, dass ich angestarrt wurde. Die Tür wurde geschlossen und fast auch gleichzeitig die Binde von mir genommen. Von der Zimmerlampe brannte grelles Licht und ich gewöhnte mich nur langsam daran.
Der Raum war sehr groß, größtenteils mit Sesseln und Sofas ausgestattet. In der Mitte ein Glastisch, belastet mit vielen beschriftete Blätter.
Mein Blick wanderte zu den Fenstern, die aber leider durch schwere Gardinen undurchdringlich waren. Zwei mir fremde Männer saßen sich gegenüber und blickten neugierig zu mir.

Einer hatte glatte, lilafarbene Haare. Etwas älter als ich und mit grauen, stechenden Augen. Der andere Typ war ein paar Jahre älter mit sanft drein blickenden grünen Augen und kurzem blondem Haar. Auffallend an dem Blonden war der weiße Verband, der straff um die Stirn gewickelt war. Ich starrte den Verband an, hatte dabei eine Ahnung, woher der Mann diese Verletzung hatte.
Andrew trat an mir vorbei und setzte sich zu den anderen.
„Marc, darf ich vorstellen? Das ist Kilian und der mit dem Kopfverband heißt Loratz“, erklärte er und ich nickte mechanisch.
„Hallo, Marc“, sprach mich Loratz an. Er kratzte an seinem Verband.
„Ich entschuldige mich dafür, dass ich dich letztens so heftig angegriffen hatte. Ich wusste nicht, wie sehr der Vampir dich in seinen Fängen hatte. Dumm nur, dass er mich so unerwartet überrumpelt hat. Aber jetzt bist du in Sicherheit.“
Ich starrte ihn nur an.
„Jo, der Blutsauger hätte dich bestimmt bald leer gesaugt, um dich dann in irgendeine dreckige Gasse zurück zulassen“, gab Kilian sein Senf dazu.
„A... Aber“, stammelte ich. „Er hat mir nichts getan. Das würde Samir nie tun!“
Loratz schüttelte den Kopf.
„Tja, sieht aus, als hätte Zoran recht. Der Junge ist fest in seinem Bann.“
Langsam stieg Verzweiflung in mir hoch. Warum wollten sie mir nicht zu hören? Kilian erhob sich und kam auf mich zu. Er schnippte laut mit den Fingern vor meiner Nase, worauf ich etwas auf Abstand ging.
„Hm, es wäre interessant, heraus zu finden, wie weit diese Gehorsam geht. Aber wie ich Zoran kenne, will er es schnell über die Bühne bringen.“
Kilian sprach, als wäre ich gar nicht anwesend.
Über die Bühne bringen? Nein, das durfte nicht sein!

Eine andere Stimme erklang hinter meinem Rücken und ich wandte mich überrascht um. Zoran, der grauhaarige Mann, stand mit geradem Rücken direkt hinter mir. „Andrew, bringe ihn in das Gästezimmer. Wir müssen noch besprechen, wie wir am besten den Vampir in die Falle locken.“
Seine Augen bohrten sich in meine. „Du musst leider als Köder herhalten. Doch keine Angst, wir werden aufpassen, dass er dir nicht zu nahe kommt.“
Mir kam es vor, als wäre die Situation für diese Menschen vertraut. Wie nur ein weitere Auftrag von vielen, die sie ohne nachzufragen erledigten.
Ich konnte nicht mehr an mich halten. „Ihr seid doch alle verrückt! Wie könnt ihr nur so kalt von einem bevorstehendem Mord reden? Samir ist keine blutrünstige Bestie. Ich liebe ihn!“
Während die anderen mich fast entsetzt anstarrten, zuckte Zoran nicht einmal mit einer Augenbraue. „Ich nehme an, dass der Vampir dir die Worte eingetrichtert hat. Aber du wirst deine Gedanken schon bald wieder für dich haben, wenn alles nach Plan verläuft“, meinte der Grauhaarige nur und gab Andrew einen Wink.

Hastig stand Andrew auf und schob mich mit der Hand im Rücken hinaus auf den Flur. Der war fensterlos, weshalb Andrew auf die Augenbinde verzichtete.
„Ihr könnt es doch nicht wirklich ernst meinen“, murmelte ich vor mir her, doch Andrew verstand meine leisen Worte.
Er umarmte mich plötzlich von hinten und ich versteifte mich unwillkürlich.
„Ruhig, Marc. Es kommt alles wieder in Ordnung. Du kannst doch nicht wirklich glauben, dass deine Sympathie zu diesem Blutsauger von dir selbst kommt. Er hatte mit seiner Hypnose nachgeholfen.“
Ich befreite mich aus seinem Griff und sah ihm ins Gesicht. „Nein, ihr irrt euch. Ihr denkt, dass alle Vampire gleich sind. Durstig nach Blut und grausam. Doch du kennst Samir nicht. Er liebt mich und ich ihn.“
Andrew schaute mir nicht in die Augen. Hatte er aufgeben mich weiter von diesem bösen ‚Bann’ zu befreien oder dachte er sogar über meine Worte nach?
„Komm, ich bring dich in dein Zimmer. Es wird bald Tag und du solltest versuchen, etwas zu schlafen. Zoran wird schon in der nächsten Nacht den Vampir in eine Falle locken.“
Wortlos ließ ich mich in ein anderes Zimmer schieben. Ich hörte, wie Andrew von außen die Zimmertür verschloss und seine Schritte sich entfernten.

Der Versuch einzuschlafen scheiterte. Immer wieder musste ich meine Situation durchdenken. Gefangen von Vampirjägern, um Samir in den Tod zu locken.
Schon beim Gedankem daran wurde mir übel. Sie wollten meinen Freund töten! Und das nur, weil er Vampir war.

(Erinnerung Einblende)
„Sie treffen seit Jahrhunderten schon auf Vampire und deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass sie nicht mal bemerkt haben sollen, dass wir gar nicht so ‚böse’ sind. Diesen Jägern ist es egal, ob wir Gefühle haben und nur in Frieden leben wollen. Die meisten sind zu Vampirjäger geworden, nur um töten zu können. Dabei protzen sie herum, nennen uns herzlos und selber sind sie erbarmungslos und nicht selten wird die Tötung herausgezögert und wahre Folterqualen hervorgerufen.“
(Erinnerung Ausblende)

„Samir hatte recht. Ich wollte es nicht so recht glauben. Aber jetzt...“
Ich seufzte traurig und legte mich niedergeschlagen auf das fremde Bett.
Wie es wohl Samir geht?
Ein Scharren im Türschloss ließ mich aufblicken. Andrew öffnete die Tür, ein Tablett auf einen Arm balancierend.
„Hi, ich habe was zu essen für uns gemacht. Die Nacht war für uns beide wohl ziemlich anstrengend.“
Er warf die Tür hinter sich wieder ins Schloss und stellte das Tablett auf den kleinen Tisch. Dann setzte er sich auf den einzigen Stuhl in diesem Raum und lehnte sich zurück. Ich blickte ihn etwas verwirrt an.
Sagte er nicht, ich sollte versuchen etwas zu schlafen?
Er faltete die Hände und stützte sein Kinn darauf.
„Ich bin erst seit kurzen bei den Vampirjägern, muss ich dir sagen. Nur durch Zufall traf ich auf Zoran, der mir viel von Vampiren erzählte. Meist nur schlechte Dinge und in mir regte sich so etwas wie ein innerlicher Held. Weshalb ich zustimmte, als mich Zoran fragte, ob ich mit ihnen den Kampf gegen diese Bestien aufnehmen möchte. Einen Beitrag dazu zu leisten die Welt von dem Übel zu befreien, klang nicht schlecht. Er nahm mich mit auf nächtliche Missionen und zeigte mir, wie man sie töten konnte. Anfangs war ich begeistert, aber nun...“

Seine Rede verwirrte mich immer mehr. Worauf wollte er hinaus?
„Mir wurde immer wieder eingetrichtert, wie gefühllos doch die Vampire wären. Aber ich sehe ihre ängstlichen, manchmal panikerfüllten Blicke kurz bevor ihre Augen brechen und sie zu Staub zerfallen. Aber manche zerfielen nicht, aber veränderten sich auch nicht. Ich habe mir immer vorgestellt, dass im Augenblick ihres Todes der Dämon aus dem Körper flieht und sie nun erlöst und zufrieden sterben, was nicht geschah. Ich fühle mich nicht wie ein Erlöser, sondern wie ein Mörder.“
Sein Blick löste sich von der Zimmerdecke und wanderte zu mir.
„Bist du wirklich in ihn verliebt? Hattest jemals das Gefühl gehabt, dass er Böse ist?“, fragte mich Andrew. Diesmal war er bereit mir zu zuhören.

Ich nickte: „Ja, so wie ich es schon die ganze Zeit versucht habe zu sagen. Er würde mir niemals etwas antun. Eher würde er sich rächen, wenn es andere versuchen würden.“
Ich sah ihm ehrlich in den Augen. Wusste, dass es der Wahrheit entsprach.
Andrew bekam meine Überzeugung mit.
„Zoran erzählt allen, dass du unter einem Bann stehst und dass wir deinen Worten nicht glauben dürfen, da der Feind aus dir spricht.“
Er stand auf und ging zu der Tür, öffnete sie aber noch nicht.
„Ich muss darüber nachdenken. Ich weiß nicht, was ich glauben kann, aber ich verliere langsam das Vertrauen in Zoran...“