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IKEA Sonderposten - Teil 5 bis 8

05



Schnell war die Papphülle entfernt und alle Utensilien sortiert. „Felix, gibst du mir den Akkuschrauber aus meiner Tasche?“, fragte Ole und legte sich die Bretter zurecht, wie er sie brauchte.

„Sicher." Der Rotschopf sprang eilig hin und her, reichte alles, was Ole brauchte und verdingte sich dann als Bretterhalter, denn das konnte keiner so gut wie Felix. Er hielt sie gerade, erzeugte Gegendruck, wenn das nötig war und bewunderte einmal mehr die handwerklichen Fähigkeiten und die Geschwindigkeit, mit der Ole die Bretter fast im Schlaf zu einem Regal zusammen zauberte. Einmal lag seine Hand neben der von Felix und Felix grinste schief, denn seine war gerade einmal halb so groß. „Man, bin ich mickrig", hatte er gesagt, noch ehe er es hätte vermeiden können.

Ole hielt in der Bewegung inne und sah Felix an. „Nein, du bist nicht mickrig, ich bin zu groß“, lachte er und stupste Felix mit der Schulter an – ganz vorsichtig. „Ne, ehrlich. Du bist schon richtig so, wie du bist. Können doch nicht alle gleich sein, das wäre langweilig.“

„Das stimmt schon, aber wenn ich etwas männlicher wäre, würde ich keinen Plüschleo mit ins Bett nehmen, sondern eine Freundin. Ist doch zum aus der Haut fahren", brubbelte Felix vor sich hin und griff sich das nächste Brett, damit Ole es verschrauben konnte. „Was machst du eigentlich so, wenn du keine Möbel verkaufst oder zusammenschraubst?", wollte Felix lieber wissen, denn irgendwie musste Ole ja so groß geworden sein. Vielleicht konnte Felix noch etwas von ihm lernen.

„Wenn sie nur deswegen mit dir ins Bett wollen, dann sind sie eh nicht die richtigen“, murmelte Ole und fing wieder an zu schrauben, damit Felix nicht sehen konnte, dass er etwas enttäuscht war. Es war ihm schon lange nicht mehr passiert, dass er sich in einem Menschen getäuscht hatte, aber bei Felix war das wohl so.

Er wollte sich das aber nicht anmerken lassen, darum beantwortete er die Fragen. „Ich fotografiere gerne und da bin ich unterwegs in Wäldern, Parks, Zoos, Kirchen. Eben überall, wo sich etwas Lohnendes findet. Ansonsten gehe ich gerne in Museen oder Ausstellungen und wenn ich in Schweden bei meiner Familie bin, wandere ich viel und mache Touren mit dem Kanu.“

„Wow", machte Felix und meinte das völlig ernst. „Ich gehe auch gern in Museen und in alte Bauwerke. Auch Zoos finde ich interessant. Zumindest auf dem Sektor, haben wir einiges gemeinsam, wenn es schon im handwerklichen nicht funktioniert", plapperte er, denn nun hatte er ein Thema. „Fotografieren kann ich nicht wirklich. Es reicht, um mal etwas festzuhalten, was ich jemandem zeigen will. Dafür hab ich 'ne kleine Kamera für die Hosentasche. Jan ist voll gut mit Fotos. Der hat sich kürzlich eine Spiegelreflexkamera gekauft und die Bilder, die er macht, sind genial. Er hat versprochen, mir welche als Poster zu ziehen, für meine Wände!"

Ole nickte. Die Antwort gefiel ihm, denn so hatten sie etwas, was sie gemeinsam unternehmen konnten. „So wie du habe ich auch angefangen. Ich hatte immer eine kleine Kamera dabei und habe wie wild alles geknipst, was mir vor die Linse bekommen ist. Nach und nach habe ich einen Blick dafür bekommen und es wurden nicht mehr nur Schnappschüsse.“ Er schraubte die letzte Schraube des Regals fest und sah dann wieder zu Felix.

„Hast du ein Lieblingsmuseum? Eins, wo du immer wieder hingehen würdest, auch wenn du schon alles darin kennst?“

„Ja, aber das ist in Berlin", lachte Felix, „und wird im Augenblick umgebaut. Das Ägyptische Museum dort hat mich immer fasziniert. Mama musste einmal im Jahr mit mir dorthin fahren. Aber wenn ich hier im Pott unterwegs bin, bin ich gern im Bergbaumuseum in Bochum." Eilig half Felix, das erste Regalteil aufzurichten und Ole brauchte nicht einmal eine Leiter, als er den zusätzlichen Aufsatz darauf packte, damit es bis zur Decke reichte.

„Gute Wahl.“ Ole stemmte die Hände in die Seiten und prüfte, ob auch alles richtig war. „Mein Lieblingsmuseum ist auch in Berlin. Das Pergamonmuseum. Wenn ich in Berlin bin, dann versuche ich, immer einen Tag dafür einzuplanen.“ Er freute sich, dass sie bei den Museen auf einer Welle lagen und lächelte fröhlich. „Im Ägyptischen Museum war ich auch, mehr als einmal.“

„Und ich werde wieder dort sein, sobald es neu eröffnet wurde. Lass uns doch zusammen fahren, wenn es so weit ist", schlug Felix vor. Es war zwar unverbindlich, aber so konnten sie sich noch einmal treffen, auch wenn es vielleicht nicht gleich morgen war. Denn er hatte die Sorge, wenn Ole nachher ging, liefen sie sich nicht mehr so schnell über den Weg, was schade war. Denn seine Gegenwart war sehr angenehm und beruhigend.

„Ja, warum nicht. Zu zweit ist ein Museumsbesuch doch noch viel schöner.“ Ole freute sich, weil Felix das vorgeschlagen hatte, denn das hieß, dass er ihn wiedersehen wollte. „Wir können aber meinetwegen auch schon vorher gemeinsam etwas unternehmen. Hast du am Wochenende etwas vor? In der Villa Hügel ist eine Tibetausstellung, da wollte ich hin.“

„Tibet, das klingt interessant", sagte Felix und wollte spontan vorschlagen, Jan auch einzupacken, weil der für derartiges ebenfalls empfänglich war, im Gegensatz zu seinem Liebling, doch dann wollte Felix egoistisch sein und Ole für sich allein haben. Kurz versuchte er zu ergründen warum, schob es aber darauf, dass er auch Freunde außerhalb der Clique haben wollte und der blonde Riese war perfekt dafür.

„Also abgemacht, da gehen wir gemeinsam hin.“ Ole strahlte, denn er freute sich wirklich. Mit neuem Elan machte er sich an das nächste Regal und diesmal hatte er etwas anderes vor. „Möchtest du jetzt mal schrauben und ich halte? Das ist nicht schwer und schaffst du bestimmt.“ Er sah Felix mit schief gelegtem Kopf an. Bisher hatte sich der Rotschopf nämlich gar nicht so ungeschickt gezeigt, wie er behauptet hatte.

„Ja sicher, ich kann das ja noch mal versuchen. Der erste Versuch ging damals etwas ungeschickt in den Arm", erzählte Felix lachend und zog den Ärmel seines Pullovers hoch. Man sah die Narbe kurz neben der Ader noch immer, weil sie weiß blieb und sich nicht färbte wie das umliegende Gewebe. „Heute pass ich besser auf und wenn es schief geht, die erste Schublade im Küchenschrank ist voll mit Verbandmaterial." Er streifte die Ärmel hoch und guckte sich - bewaffnet mit dem Akkuschrauber - nach dem ersten Opfer um: ein armes Brett, das noch gar nicht wusste, wie ihm geschah, als es hinterrücks gegriffen und mit Schrauben bestückt wurde.

Ole ließ ihn machen und griff nur ab und zu helfend ein und gab Tipps, welche Schritte aufeinander folgen sollten. „Ich weiß gar nicht, was du hast, das machst du doch sehr gut“, lobte Ole Felix zwischendurch, damit der nicht glaubte, dass er sich ungeschickt anstellte. „Du weißt nur noch nicht, wie du es am effektivsten anstellen musst, aber das kommt mit der Zeit.“

„Ah, okay." Felix kämpfte gerade verbissen mit einem widerspenstigen Dübel, der nicht ins Loch passen wollte, doch nachdem Ole ihm mit einem Hammer gezeigt hatte, wo sein Platz war, konnte es weiter gehen. So entstand auch das zweite deckenhohe Element, ehe sie sich den kürzeren widmeten. Auch das Element für den Fernseher und die wenigen DVDs, die rings um die leeren Kartons lagen, auf denen der Fernseher thronte, wurde zusammen geschraubt. Dann durfte der Fernseher umziehen. Langsam wurde es wohnlich.

„Ich bestelle schnell Pizza, ich fall gleich vom Stängel", murmelte Felix gegen sieben und sah Ole auffordernd an. „Welche Geschmacksrichtung?"

„Völlig egal, überrasch mich. Ich ess eigentlich alles, was auf eine Pizza drauf kann. Nur Oliven nicht, die sind eklig.“ Allein bei dem Gedanken daran musste Ole sich schütteln. Er stand vom Boden auf und streckte sich kurz, weil er die ganze Zeit fast nur hockend verbracht hatte. „Bestell du, ich fang mit dem letzten Regal an, dann sind wir fertig, wenn die Pizza kommt.“

„Okay. Ich beeil mich, dann kann ich dir gleich helfen", erklärte Felix hastig und flitzte ins Schlafzimmer, wo im Augenblick noch das Telefon wohnte, aber umziehen sollte, sobald die Regale standen. Felix wollte es nämlich in einem der Regale stehen haben, griffbereit sozusagen. Schnell war die Nummer gefunden und ein neues Kundenkonto für seine Wohnung angelegt, dann konnte er auch schon ordern. Eine Vier-Jahreszeiten und klassisch eine mit Schicken und Pilzen. Da konnte man nicht viel falsch machen. Und schon war Felix zurück im Wohnzimmer.

Sie waren schon so eingespielt, dass das letzte Regal kein Problem mehr für sie war und hatten es schnell zusammengebaut. „Fertig.“ Ole stellte das Regal an seinen Platz und nickte. Der Raum wirkte so, wie er sich das bei der Planung vorgestellt hatte. Er rollte noch den Teppich aus, den Jan ausgesucht hatte, und nickte zufrieden. „Da fehlt jetzt nur noch ein kleiner Tisch, dann ein paar Pflanzen und es ist gemütlich.“

„Pflanzen krieg ich von Oma. Die hat ein Händchen und zieht Ableger von ihren Prachtexemplaren für mich. Die sind meist robuster als die gekauften", erklärte Felix, warum es noch so wenig Grün gab. Seine Oma war gelernte Gärtnerin und hatte sich ihr Lebtag den Grünpflanzen gewidmet. Ab und an war auch mal eine dabei, die blühte, aber eigentlich züchtete Oma Elli ihre Lieblinge wegen des Blattwerkes. „Und beim Tisch dachte ich eigentlich an etwas mit überglastem Kasten, in dem ich Sand und kleine Sukkulenten rein packen kann. Das würde ich cool finden. IKEA hat ja so kleine Sukkulenten", lachte er und warf sich auf die Couch. Er war völlig fertig.

„Hm.“ Ole nickte und versuchte sich das vorzustellen. Das passte zu Felix. „Soll ich mal gucken, ob wir da was Passendes haben? Wenn du mir deine Handynummer gibst, fotografiere ich ihn und schick dir das Bild, damit du sehen kannst, ob es das richtige ist.“ Er schob Felix’ Beine ein wenig zur Seite und setzte sich neben ihn. „Es muss ja nicht alles gleich perfekt sein. Meine erste Wohnung war das auch nicht. Die hab ich mir nach und nach eingerichtet. Wie ich Geld hatte.“

„Wie du siehst, kenn ich das irgendwo her. Das ich mir die Regale leisten konnte, liegt daran, dass meine Großeltern Mitleid mit mir hatten", kicherte Felix, doch so war es nicht. Sie gaben es ihm gern, denn sie hingen doch sehr an ihrem Nesthäkchen. Und dass ausgerechnet der Jüngste ging und die älteren Geschwister im Haus blieben, war ungewöhnlich gewesen.

„Aber das mit dem Tisch, dass du mal gucken willst, ist eine gute Idee. Warte mal, ich such einen Zettel", murmelte Felix doch er bewegte sich keinen Zentimeter, sondern suchte erst mal mit den Augen, wo er Stift und Papier finden konnte.

Ole kicherte und zog sein Handy aus der Hosentasche. „Wenn du mir deine Nummer sagst, speichere ich sie gleich ein, dann ruf ich dich an und du hast meine auch“, bot er einen Kompromiss an, denn Felix machte immer noch keine Anstalten sich zu erheben. Er konnte es verstehen, dass sein Freund kaputt war. Sie hatten fast drei Stunden ohne Unterbrechung gearbeitet und Felix war es nicht gewohnt.

„Guter bis sehr guter Plan", lobte Felix und entspannte sich zusehends wieder, weil er liegen bleiben konnte. Schnell diktierte er seine Nummer, schoss aber im nächsten Augenblick hoch, weil die Türklingel darauf aufmerksam machte, dass jemand ihn zu sprechen wünschte. Das konnte nur der Pizza-Bote sein. Er griff also das Geld aus der Hosentasche und hastete zur Tür, riss sie auf und nahm das lecker dampfende Futter in Empfang. Schnell war der Bote bezahlt und die Tür wieder zu, dann stromerte Felix in die Küche, packte alles auf Teller - er hatte von seiner großen Schwester ihre alten Pizza-Teller abgestaubt, als die sich ein neues Set gekauft hatte - und kam mit etwas mehr Kultur als ein fettiger Karton ausstrahlen konnte, zurück zur Couch.

Ole setzte sich auf, als er die vollen Teller sah und leckte sich über die Lippen. Erst jetzt merkte er, dass er richtig Hunger hatte und sein Magen grollte. Peinlich berührt senkte Ole den Blick und wurde ein wenig rot. Man, was sollte Felix denn von ihm denken. „Das riecht gut“, murmelte er und nahm seinen Teller entgegen.

Lachend setzte sich Felix neben ihn und legte Besteck zwischen sie auf die Couch. Er selber aß gern mit den Händen aber er wusste von anderen, dass sie lieber Werkzeug benutzten, um das widerspenstige Futter zu bändigen. „Muss dir nicht peinlich sein, endlich habe ich mal das Gefühl, dass du menschlich bist. Alles andere an dir ist ja übermenschlich. Deine Kraft, deine Größe, dein Aussehen." Felix wurde immer leiser, was redete er denn für einen Scheiß? Das interessierte Ole unter Garantie nicht für fünf Cent!

„Ich bin menschlich, glaub es mir.“ Ole sah zu Felix und stupste ihn wieder mit der Schulter an. „Wenn wir uns ein wenig näher kennen lernen, wirst du merken, wie sehr. Es stimmt schon, ich bin groß, aber das ist auch nicht immer so toll, wie du dir das vorstellst. Eigentlich müsste ich schon eine Delle in der Stirn haben, so oft bin ich gegen Türrahmen gelaufen.“

Felix kicherte und guckte sich Ole noch einmal an. Der tief ins Gesicht fallende Pony machte es ihm unmöglich zu gucken, ob Ole auch die Wahrheit sagte und man vielleicht den Abdruck der Türrahmen sah. So leckte er sich hastig die Finger sauber, um die Haare beiseite zu schieben. „Ist mir nur einmal passiert, als mich Jan auf den Schultern hatte. Ich musste genäht werden. Aber nicht, weil ich vorn dagegen gedonnert bin, sondern weil ich hinten runter gefallen bin", erklärte er und schämte sich nicht mehr ganz so sehr für seine tollpatschigen Eskapaden.

„Autsch.“ Ole verzog das Gesicht und hielt still, als die schlanken Finger über seine Stirn strichen. Das war schön, aber leider waren sie viel zu schnell wieder weg. „Ich bin als Kind einmal von einem Baum gefallen. Getan hab ich mir nichts, aber ich bin im Blumenbeet meiner Mutter gelandet. In ihren geliebten Rosenstöcken. Ich sag dir, seid dem mach ich um Rosen einen großen Bogen. Die blöden Dornen halten auch Jeansstoff nicht auf.“

„Ich kann dir ja so nachfühlen", murmelte Felix und setzte sich wieder bequem, um weiter zu essen. „Mein Opa hatte eine Rabatte mit Kakteen und einmal kam ich um die Ecke, hab meine blöde Schwester nicht gleich gesehen, wollte im letzten Moment ausweichen und landete in den Mistdingern. Ich kann dir sagen. Meine Oma hat eine halbe Stunde lang Stacheln gezogen und als würde der Schmerz nicht reichen, hat sie alles mit Opas Rasierwasser desinfiziert. Am nächsten Tag hat Opa die Rabatte versetzt und Kakteen finde ich immer noch cool, solange sie kleiner sind als ich." Je länger sich Felix mit Ole unterhielt, umso klarer wurde ihm, wie oft in seinem Leben er schon blaue Flecken überlebt hatte.

Ole nickte mit vollem Mund, denn er hatte es Felix nachgemacht und angefangen zu essen. Wie sein Gastgeber aß er eine Pizza gerne ohne Besteck und fand es toll, dass er das hier durfte. „Ich verrate dir noch etwas, was du wahrscheinlich sowieso bald raus finden wirst. Ich habe Panik vor großen Motten. Die find ich einfach widerlich.“ Ole guckte ein wenig verlegen, denn die meisten glaubten, dass ihm nichts etwas anhaben konnte, aber auch er hatte Dinge, die ihm nicht ganz geheuer waren.

„Hat man gar nicht gemerkt, als du im Schlafzimmer warst. Hast du gut verborgen", sagte Felix mit einem Ernst in der Stimme, dass er sich selbst ein bisschen dafür bewunderte. Dabei sah er Ole forschend an.

„Wieso?“, kam es sofort entsetzt. „Da sind Motten?“ Ole wurde ein wenig blass und sah sich um. Er ließ sogar sein Stück Pizza wieder sinken, von dem er eigentlich abbeißen wollte. „Ist die Schlafzimmertür zu?“, fragte er, weil er sich einfach nicht mehr daran erinnern konnte.

„Ja, sie ist zu und nein, da sind keine Motten, nur eine einzige." Felix verbiss sich das Lachen, denn es wäre nicht fair gewesen. Aber die Vorstellung, dass solch ein kleines Vieh wie Motti einen Kerl wie Ole in die Flucht treiben konnte, war irgendwie goldig. „Zwischen Decke und Jalousie lebt Motti. Wir haben uns für eine friedliche Co-Existenz entschieden und eigentlich finde ich es ganz witzig, wenn sie nachts in der Jalousie herum flattert und dabei leise klappert. Sie ist sehr nett und völlig harmlos. Aber ich werde ihr noch einmal eindringlich klar machen, dass sie dich vielleicht besser in Ruhe lässt, wenn sie an ihrem nächtlichen Dasein und ihrer dreidimensionalen Gestalt hängt."

Allein der Gedanke, mit einer Motte im Schlafzimmer zu schlafen, ließ Ole sich schütteln. „Das könnte ich nicht. Wenn ich sie sehen kann, dann geht es ja grade noch, aber im Dunkeln…. Ne, ne, das wär nichts für mich. Ich bevorzuge da eindeutig andere Haustiere. Etwas, was ich streicheln und knuddeln kann. Was Weiches, Flauschiges.“

„Soll ich Motti mal holen? Dann wirst du sehr wohl sehen, dass sie weich und flauschig ist und man sie auch streicheln kann", sagte Felix grinsend und meinte das eigentlich nicht ernst. Aber es machte Spaß, Ole zu ärgern, auch wenn sich das eigentlich nicht gehörte, schließlich hatte der eben verdammt gute Arbeit geleistet.

„Aber wenn sich das mit euch nicht bessert, dann bleibt mein Schlafzimmer wohl tabu, hm?" Felix stockte. Warum hatte er das denn jetzt gesagt? Was sollte denn ein anderer Kerl in seinem Schlafzimmer? So ein Blödsinn.

„Bloß nicht.“ Ole wedelte abwehrend mit den Händen und lachte dann, weil er merkte, dass Felix ihn nur ärgern wollte. „Du bist ganz schön frech“, grummelte er gutmütig. Bei Felix’ letzten Worten legte er den Kopf ein wenig schief und musterte seinen Freund, weil er nicht wusste, wie er das werten sollte.

„Ah, so ist das also, du ziehst Motti mir vor“, sagte er schließlich gespielt geknickt. Er hatte sich vorgenommen, das mit Humor zu nehmen und nicht weiter zu hinterfragen, denn das wurde nur peinlich. „Auf die Idee, Motti auszuquartieren kommst du wohl nicht. Die kann doch auch in einer anderen Jalousie übernachten.“

„Aber sie hat doch hier die älteren Rechte und wer weiß, ob sie die Jalousie im Wohnzimmer annehmen würde", erklärte nun Felix lachend die problematische Lage, während er weiter aß. „Du bist für das Bett sowieso zu groß, du bist sogar für die Couch zu groß. Für dich müssten wir erst was bauen oder dich quer in mein Bett legen. Ich schlafe dann auf der Couch, bei Motti." Ja, so konnte es gehen.

Ole hatte Felix grinsend zugehört. Es gefiel ihm, dass dieser schon darüber nachdachte, dass er hier übernachten konnte, auch wenn es im Moment mehr ein Scherz war. „Wenn es mal so weit ist, finden wir schon eine Lösung, aber da siehst du mal wieder, dass Größe manchmal auch lästig sein kann. Ich musste mir mein Bett anfertigen lassen. Jetzt habe ich komfortable zweieinhalb mal zweieinhalb Meter.“

„Sechs Quadratmeter nur zum schlafen? Wow!" Felix machte große Augen und versuchte sich gerade diese Spielweise vorzustellen. Was man da alles mit ins Bett nehmen konnte! Laptop, eine große Schüssel Chips, ein Tablett mit Getränken, jede Menge Bücher! Das musste der Himmel auf Erden sein. „Da würde ich mich ja verlaufen. Ich hoffe, es gibt am Eingang Wanderkarten und die Wege sind markiert."

Ole konnte gar nicht anders, als laut zu lachen. Felix hatte einfach einen klasse Humor, der ihm unwahrscheinlich gefiel. „Um sicher zu gehen, bekommst du einen persönlichen Führer, der dich zu den gemütlichsten Ecken führt. Ich will ja deiner Familie nicht erklären müssen, dass du dich verlaufen hast und jetzt in den Weiten meines Bettes herumirrst.“

„Ja, das könnte auf meine Muter auch einen merkwürdigen Eindruck machen, wenn ein großer Blonder ihr erklärt, dass ihr Junior sich in dessen Bett verlaufen hat", erklärte Felix und war sich der Wirkung seiner Worte eigentlich nicht bewusst. Er machte mit Jan ständig solche zweideutigen Witze, wusste aber nicht, was er in Ole damit auslöste. Vielleicht war das auch besser für sie beide.

„Also abgemacht, in mein Bett nur in Begleitung“, legte Ole fest. Allein der Gedanke daran ließ einen wohligen Schauer über seinen Rücken laufen. Zuerst hatte er Felix niedlich gefunden, als er ihn das erste Mal im Möbelhaus gesehen hatte, aber das hatte sich geändert, als er ihm in die Arme gefallen war und je mehr Zeit Ole mit Felix verbrachte, umso mehr gefiel er ihm.

„Ja, das wird meine Mutter sehr beruhigen", lachte Felix und aß endlich weiter, denn die Pizza war mittlerweile kalt. Doch das hinderte ihn nicht daran, es sich schmecken zu lassen. Mario fand es ja jedes Mal aufs Neue pervers, dass Felix keine Skrupel hatte, übrig gebliebene Pizza am nächsten Morgen kalt zum Frühstück zu essen, aber was sollte man machen, wenn es doch so lecker war?

„Wollen wir noch einen Film gucken oder musst du heim?", fragte Felix, weil er ja auch nicht wusste, ob nicht eine nette junge Dame schon sehnsüchtig auf ihren Ole wartete und Felix hielt den einfach hier fest, weil Ole zu höflich war, einfach zu gehen. Aber allein sein war eben nicht Felix' Stärke. Das hatte er die letzten beiden Tage gemerkt. Er musste sich an die leere Wohnung erst gewöhnen.

„Einen Film? Warum nicht. Zuhause wartet niemand und Motti ist sicher im Schlafzimmer verwahrt. Es spricht also nichts dagegen, wenn ich dir mit meiner Anwesenheit nicht auf die Nerven gehe.“ Ole freute sich, dass Felix das Angebot machte und nahm ihre Teller, um sie in die Küche zu bringen. „Soll ich eben schnell etwas zu knabbern und zu trinken holen, damit es noch gemütlicher wird?“, rief er von da aus, als ihm einfiel, dass Felix ja gar nichts im Haus hatte.

„Wenn du willst? Das wäre nett", sagte Felix und schoss gleich hoch, um in der Hosentasche nach Geld zu suchen, was er Ole in die Hand drückte. „Ich sammle so lange die ganze Pappe ein und packe sie in eine Tüte. Dann kann ich sie morgen mit zum Container nehmen. Ich sauge dann gleich noch die Krümel weg und klappe uns die Couch aus, dann wird es gemütlicher", schlug er vor und fing schon an zu wuseln. Doch er sah nicht viel, weil das Schreibtischlicht, was sie angemacht hatten, nicht das ganze Zimmer ausleuchtete. Deswegen wühlte er in einer Kiste nach den Klemmspots, die er am Regal fest machen wollte, um das Zimmer effektiver auszuleuchten. Er mochte große Deckenbeleuchtungen nicht und hatte deswegen eine Menge kleiner Lampen für die Wohnung besorgt.

„Bin gleich wieder da“, rief Ole von der Tür aus und lief die Treppe hinunter. Die meisten Geschäfte hatten schon zu, denn es war schon nach 20 Uhr, aber in der Nähe war eine Tankstelle, da bekam er alles, was sie brauchten. Er raffte Chips, Flips und Schokolade zusammen, zwei Flaschen Bier und jeweils eine Flasche Cola und Fanta. Er hatte nämlich völlig vergessen zu fragen, was Felix trinken wollte. Es dauerte auch nicht lange und er stand wieder unten vor der Haustür und schellte.

Der Summer ließ ihn ein, aber die Wohnungstür wurde nur einen Spalt geöffnet: „Komm rein", sagte Felix und huschte wieder ins Bad. Er hatte schnell geduscht und sich seinen Schlafanzug angezogen. So war es bequemer. Ein paar Kissen und Decken hatte er schon auf die Liegefläche geworfen und die Filme, die er im Hause hatte, zum Aussuchen auf die Decken gelegt. „Triff eine Wahl, ich bin gleich da!", rief er durch die halb offene Badtür und schlüpfte noch hastig in ein paar Socken, denn er bekam schnell kalte Füße.

Ole grinste, denn in dem Schlafanzug sah Felix absolut niedlich aus. Er zog seine Schuhe aus und grinste noch mehr, als er das Lager sah. Das gefiel ihm ziemlich gut, auch wenn seine Füße unten herausgucken würden. Aber erst einmal füllte er das Knabberzeug in Schüsseln und suchte Gläser. Gerade als er damit fertig war, kam Felix in die Küche. „Möchtest du ein Bier oder lieber etwas anderes?“

„Ach wenn ich schon mal Besuch habe und wir spontan eine Party feiern, dann kann ich mich auch mal betrinken", scherzte er und nahm dankend das Bier entgegen und trug eine der Schüsseln. Er hatte sich gleich die mit den Chips ergaunert, denn das war absolut seine Linie. „Was wollen wir gucken? Was Lustiges oder was Spannendes? Ich habe keine Vorstellung, was dir gefallen könnte, also such am besten was aus und ich stopf es in den Player."

„Mir ist gerade nach etwas spannendem.“ Ole stellte sein Bier und die zweite Schüssel ab und besah sich die Auswahl. Er nahm sie an sich und bei einem Film hellte sich sein Gesicht auf und er hielt ihn grinsend hoch. „Du wirst mir immer sympathischer“, lachte er. „Ich liebe Nightmare before Christmas, seit ich ihn das erst mal gesehen habe. Können wir den sehen?“, fragte er strahlend und sah seinen Freund bittend an.

„Ja, sicher. Warum nicht. Hab ihn lange nicht mehr gesehen", musste Felix zugeben und so war es vielleicht ganz gut, wenn sie den guckten. Schnell war der Player präpariert, die Schüssel wohl platziert, das Licht arrangiert und sie selbst machten es sich bequem. Jeder unter seiner Decke. „Bereit?", fragte Felix, drückte sich neben Ole tiefer in das Kissen, stellte sich die Schüssel Chips auf den Bauch und drückte auf den Knopf.

Es ging los.

„Aber immer.“ Ole wackelte mit den Zehen und hielt Felix seine Flasche hin, damit sie anstoßen konnten. Er fühlte sich wohl, wie schon lange nicht mehr. „Also, wenn du nichts dagegen hast, dann können wir das ruhig öfter machen, auch bei mir“, murmelte er. „Ich habe auch eine Menge Filme.“

„Und Möbel, in die du rein passt und wo nicht die Füße unten überstehen", lachte Felix und wackelte mit seinen Zehen. Doch die waren unter der dicken Decke vergraben, er war eben eine Frostbeule. „Ob Motti mitgucken will? Ich hab sie jetzt gar nicht gefragt. Wie unhöflich von mir", konnte er sich dann doch nicht verkneifen und piekste Ole in die Seite, während der Vorspann lief. Dann klirrten endlich ihre Flaschen zusammen.

Ole knurrte leise, doch dass er schlussendlich nicht gegen die Motte ausgetauscht wurde, ließ ihn hoffen. Nach und nach rutschten sie dichter zusammen und genossen fast schweigend den Film.



06



Immer wieder blickte Henning auf seine Uhr. Die Zeit schien gar nicht vorwärts zu kommen. Egal was er auch machte, seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Ständig hatte er Ole vor Augen, wie er aus dem Wagen gestiegen war. Er war also wieder da und hatte es nicht für nötig gehalten, sich bei Henning zu melden.

Er war neugierig und der, der ihm etwas erzählen konnte, saß zwei Büros weiter. Aber wie sollte er ein unverfängliches Gespräch anfangen? Er konnte ja schlecht zu Felix gehen und ihn nach Ole fragen.

Das war doch zum verrückt werden!

Henning stand auf und ging in die Teeküche. Während er sich einen Kaffee nahm, hatte er eine Idee und ging zu Felix hinüber. Er lehnte sich an den Türstock und klopfte kurz. „Na, hat mit deinen Möbeln gestern alles geklappt?“, fragte er und kam in das Zimmer.

„Hallo, Herr von Kleist. Ja sicher. Ging alles gut", sagte Felix erst einmal kurz angebunden und wunderte sich darüber, dass Henning sich danach erkundigte. „Nochmals vielen Dank, dass sie extra wegen mir noch einen Umweg gefahren sind. Waren die Unterlagen in Ordnung? Ich habe gesehen, sie haben sie gestern noch verschickt." Felix lehnte sich etwas zurück und sah vom Bildschirm auf, auf dem er gerade an seiner Isometrie werkelte.

Henning winkte ab und ließ sich auf einer Schreibtischecke nieder. „Ach lass doch das Herr von Kleist. Ich bin Henning. Schließlich arbeiten wir zusammen, da müssen wir nicht mehr so förmlich sein.“ Henning lächelte zu Felix hinüber und nahm einen Schluck Kaffee. „Die Unterlagen waren perfekt. Ich musste nichts daran ändern und keine Ursache, wegen gestern. Hab ich gern gemacht.“

„Dann bin ich ja beruhigt, dass alles in Ordnung war. Ich musste den Kopierer zweimal aufmachen, weil sich ein Blatt verklemmt hatte, aber ich habe beim Kopieren aufgepasst, damit ich auch keines vergesse. Habe dann extra noch mal alles gezählt", beeilte sich Felix zu erklären und nahm ebenfalls seine Kaffeetasse, auch wenn der süße Milchkaffee schon lange kalt war.

„Ich war mir sicher, perfekte Arbeit von dir zu bekommen, deswegen habe ich dich ja darum gebeten.“ Henning meinte das vollkommen ehrlich, denn Felix arbeitete sehr gewissenhaft. Aber das war für ihn gerade ziemlich unwichtig, denn deswegen war er nicht hier. „Hast du die Möbel gestern noch aufgebaut? Das fand ich immer das spannendste, wenn ich mir welche gekauft habe.“

„Dafür bin ich zu blöd", gestand Felix schief grinsend und verschwand hinter seiner Tasse. „Und weil ich so aussah, wie ich mich anstelle, hat sich der nette Verkäufer berufen gefühlt, mich zu retten und er hat saubere Arbeit geleistet." Felix wurde ein bisschen rot, als er sich an gestern zurück erinnerte. War er doch glatt eingeschlafen und Ole in die Arme gerutscht. Als er wach geworden war, hatte Ole ihn angegrinst und zum Glück nichts gesagt. Aber Felix war das ungemein peinlich gewesen.

„Na, das nenn ich doch mal Kundenservice“, lachte Henning leise, aber das Lachen erreichte nicht seine Augen. Das fiel aber kaum auf, weil er sich schnell wieder im Griff hatte. „Dann hat er gestern deine Möbel noch aufgebaut? Der Verkäufer muss ja eine gute Menschenkenntnis haben, wenn er dir angesehen hat, dass du ungeschickt bist.“

„Nee, ich glaube, das haben meine Freunde erledigt, mit denen ich einkaufen war. Die haben schon dafür gesorgt, dass er nur das schlechteste von mir denkt. Macht aber nichts. Der Kerl ist ganz nett, ich glaube, wir werden uns öfter sehen." Felix grinste wieder, denn eigentlich freute er sich darauf. Endlich mal jemand, der sich für das begeistern konnte, was Felix klasse fand. Jan konnte er schließlich nur selten bewegen, weil der immer den Spagat zwischen Felix, Ronny und Mario machte und so kam Ole wie ein Geschenk des Himmels.

„Oh“, machte Henning. Er hatte immer noch gehofft, dass er sich getäuscht hatte, aber Felix’ Worte zerstörten diese Hoffnung. „Das ist doch schön“, sagte er lahm, weil ihm gerade viel zu viel im Kopf herum schwirrte. Allein die Tatsache, dass Ole wieder da war, hatte ihn schon ziemlich geschockt, aber dass er dieses Spiel mit Felix spielte, machte ihn richtig fertig.

„Ja, wir haben eine Menge gemeinsam." Nun kam Felix doch ins Schwärmen. „Und sobald das ägyptische Museum in Berlin wieder auf macht, wollen wir dorthin." Und auch wenn das noch weit in der Zukunft lag, freute sich Felix heute schon wie verrückt. „Aber ich rede zu viele belanglose Sachen, tschuligung." Er grinste entschuldigend.

„Macht doch nichts, ich kann etwas Ablenkung gebrauchen. Erzähl ruhig weiter“, wiegelte Henning ab. Jetzt wollte er wissen, was zwischen Ole und Felix war. Wenn sie schon planten, gemeinsam wegzufahren, dann hörte sich das schon nach Freundschaft an. „Mich würde interessieren, wie er so ist, wo er dich doch ziemlich beeindruckt hat.“

„Och, Ole ist eigentlich ziemlich cool und groß, sag ich dir. Ich glaube, der ist sogar noch größer als du und er hat mich davon abgehalten, bei IKEA von der Leiter zu fallen. Und dann hat er mich beraten, wie ich die Regale aufstellen kann und als er dann bei mir war, zum aufbauen, hatten wir Zeit zu reden. Er geht gern fotografieren, wie ich auch. Und Sonntag wollen wir in die Tibet-Ausstellung. Ich bin schon ganz aufgeregt." Felix plapperte und plapperte und ehe er sich versah, hatte er auch vom Film erzählt.

„Dann hattest du ja einen schönen Abend und ich glaube nicht, dass es dir peinlich sein muss, dass du eingeschlafen bist. So was passiert. Hatte ich auch schon mal.“ Henning zwinkerte Felix grinsend zu, auch wenn es ihm schwer fiel. Was wollte Ole von Felix? Der Kleine war doch überhaupt nicht sein Typ und genau das war sein Problem. Henning war Oles Typ, das wusste er genau, denn mit ihm hatte Ole dieses Spiel auch schon einmal abgezogen und sie waren über ein Jahr zusammen gewesen, bis Ole einfach gegangen war. Und genau das war es, was Henning nicht akzeptieren konnte. Ole gehörte ihm und er wollte ihn wiederhaben. Aber diese Gedanken schob er erst einmal zurück, denn er musste wissen, wie Felix zu Ole stand.

„Ole?“, fragte er darum, „das klingt aber sehr nordisch.“

„Ja, soweit ich das verstanden habe, stammt er eigentlich aus Schweden, lebt aber schon viele Jahre in Deutschland. Zumindest merkt man nicht, dass er mit Dialekt sprechen würde oder so was", berichtete Felix, was er von Ole wusste. „Aber er sieht auch aus wie ein typischer Schwede. Blonde Haare, blaue Augen, groß gewachsen. Der Stereotyp eines Schweden eben." Er lachte, weil sich das blöd anhörte, fast schon schwärmend. Dabei empfand er nicht das für Ole, er mochte ihn einfach.

„Dann passt das ja mit dem Namen.“ Henning trank seinen Kaffee aus, behielt die Tasse aber in den Händen und drehte sie. „Dann läuft es bei dir gerade ja ziemlich rund. Muss nur noch deine Freundin einziehen und alles wäre perfekt.“ Die Worte klangen ziemlich neutral, aber in Wirklichkeit lauerte Henning darauf zu erfahren, ob Felix an Ole interessiert war.

„Dazu müsste ich erst mal eine haben", lachte Felix laut, verkniff sich aber den Kommentar, dass er deswegen ja einen Plüsch-Leo bekommen hatte. Das musste nun wirklich keiner wissen. Nicht wenn Felix in ein paar Wochen zwanzig wurde. „Bin schon seit ein paar Jahren Single, man gewöhnt sich daran, nur für sich allein verantwortlich zu sein." Das war zumindest nicht ganz gelogen, es machte schon Spaß, auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Aber jeden Abend allein ins kalte Bett zu krabbeln war doof. Er würde es ja nicht zugeben, aber an Ole gekuschelt zu sein, war angenehm gewesen.

„Ach, das wird schon noch. Meist passiert es ja, wenn man gar nicht sucht.“ Er wollte gerade noch etwas sagen, als Felix’ Handy anzeigte, dass eine SMS angekommen war und Felix automatisch danach griff, um zu sehen, wer etwas von ihm wollte.

„Oh, Ole", sagte Felix sichtlich überrascht, freute sich aber, denn sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen. Gleich machte er sich daran zu lesen und die Augen wurden immer größer. Wie versprochen hatte Ole einen Tisch gefunden, genau so wie Felix ihn wollte. Klassisch schlicht, farblich zu Regal und Schreibtisch passend und mit einer Glasplatte, unter der er kleine Sukkulenten und Sand drapieren konnte. „Perfekt", murmelte er und schrieb das Ole mit überschwänglichen Danksagungen zurück.

Henning beobachtete die Szene, auch wenn es unhöflich war, denn er konnte nicht anders. Felix’ Lächeln schnitt ihm ins Fleisch. Er bekam von Ole das, was Henning nicht bekam. Er drehte sich ein wenig weg, damit es nicht so auffiel, dass er lauschte und drehte sich wieder um, als Felix das Handy zurücklegen wollte. Aber es lag noch nicht ganz auf dem Schreibtisch, da piepste es erneut.

Breit grinsend las Felix wieder die Nachricht, dass Ole den Tisch gleich besorgen und ihm heute Abend vorbei bringen wollte. Er tippte erst einmal zurück, dass das toll wäre, seufzte aber: „Ich muss unbedingt noch einkaufen gehen, wenn er vorbei kommt. Ich kann ihn ja nicht die ganze Woche mit Pizza über Wasser halten", und ging stillschweigend davon aus, dass Ole länger blieb, als nur zum Tisch abliefern.

„Dann solltest du auf jeden Fall pünktlich Feierabend machen und damit das auch klappt, werde ich dich jetzt weiterarbeiten lassen. Ich habe auch noch einiges zu tun.“ Henning erhob sich und lächelte Felix zu. Er hatte genug gehört und musste sich die ganzen Informationen erst einmal durch den Kopf gehen lassen und überlegen, wie er weiter vorgehen sollte. „Wenn du Fragen hast, komm ruhig vorbei, du weißt ja, wo mein Büro ist“, sagte er noch und ging in sein Büro zurück.

„Ja", rief ihm Felix noch hinterher und machte sich dann wieder an seine Aufgaben für die Berufsschule. Seine Isometrie sah schon ganz gut aus, jetzt ging es an die Bemaßung, da hatte er immer ein wenig zu kämpfen. Doch es hatte ein Gutes, so verging die Zeit und als Felix endlich fertig war und sein Werk ausdrucken konnte, war auch sein Tag fast rum.

„Ui, schnell zum Bus", murmelte er, als er den PC runter fuhr. Noch so eine Aktion wie gestern wollte er nicht hinlegen. „Tschüss", rief er zu Henning ins Büro, als er daran vorbei ging und beschleunigte seinen Schritt.

„Tschüss“, rief Henning ihm hinterher und stand auf. Er wusste nicht genau, warum er das machte, aber er stellte sich ans Fenster. Von dort hatte er einen recht guten Blick auf die Bushaltestelle, wo nach ein paar Augenblicken Felix auftauchte. Er sah auf seine Uhr und zuckte hoch, als es hupte und Henning hielt die Luft an, als ein schwarzer Volvo-Geländewagen neben seinem Azubi hielt und die Beifahrertür aufging.

„Ole!" Felix hielt sich überrascht das Herz, denn er hatte sich erschrocken. Fixiert auf sein Ziel war er einfach gelaufen und die laute Hupe hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen. Sein Puls hämmerte immer noch Stakkato, als er sich in die Tür beugte und grinste. „Was machst du denn hier? Musst du nicht arbeiten?" Doch das Grinsen konnte er sich nicht verkneifen.

„IKEA muss heute ohne mich auskommen, ich habe frei“, lachte Ole und winkte Felix in den Wagen. Er stand direkt an der Bushaltestelle und wollte weg. Wenn jetzt der Bus kam, gab das nur Ärger. „Ich war grad in der Nähe und da hab ich mir überlegt, dass ich dich auch gleich abholen kann.“ Wozu hatte er denn sonst gestern noch zwischen den Zeilen Felix’ Lehrstelle erfragt und mit ein bisschen Recherche war der Weg nicht schwer zu finden gewesen.

„Du hast frei? Und da fährst du extra in den Laden wegen meinem Tisch? Womit habe ich denn so viel Hingabe verdient?", fragte Felix, beeilte sich aber in den Wagen zu hüpfen und die Tür zuzuziehen, denn er sah den Bus schon um die Ecke biegen und den Fahrer wütend gucken, weil seine Haltenische belegt war. Gegen den großen Mercedes dürfte Oles schönes Schweden-Auto den kürzeren ziehen.

„Weil du einfach hinreißend bist“, erklärte Ole bierernst und als Felix der Mund aufklappte, lachte er laut los. „Reingefallen“, kicherte er und fädelte sich gerade noch rechtzeitig in den Verkehr ein, um den Bus nicht zu behindern. „Ich habe den Tisch nicht von IKEA. Ich war für mich unterwegs, als ich ihn gesehen habe und hab mir gedacht, dass ich ihn gleich mitnehmen könnte.“

„Ach so", machte Felix und entspannte sich wieder, während er sich endlich anschnallte, damit das nervende Geräusch verstummte. „Und trotzdem war der so preiswert? Den Laden musst du mir aber verraten, dann geh ich da auch mal stöbern", sagte Felix und öffnete sich die Jacke. Der Wagen war gut geheizt.

„Ja sicher. Ist mehr so ein Krimskramsladen, aber die haben ab und zu wirklich schöne Sachen und eben auch manchmal kleine Möbel.“ Ole hatte einfach Glück gehabt, dass er heute stöbern gegangen war. „Gleich nach Hause oder hattest du noch etwas anderes vor? Ich hab dich ja praktisch damit überfallen, dass ich dich abgeholt habe.“

„In meinem Kühlschrank ist heute so viel drinnen wie gestern. Motti wollte mich heute Morgen schon wegen Mottenmisshandlung verklagen, weil sie nichts zum Frühstück gefunden hat. Wenn wir nicht wollen - nein, ich korrigiere mich", lachte Felix, „wenn ich nicht will, dass mein geliebtes Haustier stirbt, lass uns noch schnell im Supermarkt vorbei sehen. Du bleibst doch zum Essen oder musst du gleich weiter?" Felix konnte nicht vermeiden, dass er hoffnungsvoll klang. „Ich verspreche auch, ich krauche dir nicht mehr auf die Pelle, wenn ich einschlafe", sagte er zerknirscht. Es war ihm immer noch peinlich.

„Also, wenn du mich so nett einlädst, dann bleibe ich gerne zum Essen und auch wenn ich Motti nicht unbedingt in meiner Nähe haben möchte, so bin ich nicht so herzlos, sie verhungern zu lassen.“ Ole strahlte förmlich, als er sich kurz zu Felix drehte. „Was sollen wir kochen?“ Er ging davon aus, dass sie zusammen kochten, denn er selber hatte ziemlichen Spaß daran.

„Worauf hast du denn Hunger?“

„Öhm", machte Felix erst einmal, denn kochen war jetzt nicht gerade das, was er besonders gut beherrschte. Er stellte sich in der Küche etwa so geschickt an wie beim Basteln. Doch das würde er Ole nicht sagen, was sollte der denn von ihm halten? Der musste doch sowieso schon denken, dass er es mit einem kleinen Kind zu tun hatte. „Alles, was ich kann, ist Spagetti mit Fleischsoße. Das geht relativ schnell und große Mengen für den großen Hunger kann man davon auch kochen", überlegte er. „Oder lieber Steak?" Große Männer mochten bestimmt lieber Fleisch als Nudeln.

„Hmm.“ Ole wiegte den Kopf hin und her und überlegte. „Das hört sich alles lecker an. Ich weiß nicht, was ich lieber mag.“ Ole war wirklich in einem Dilemma, aber dann hellte sein Gesicht sich auf. „Bist du experimentierfreudig? Dann koche ich was Schwedisches. Könnte für dich ein wenig ungewöhnlich sein, aber es ist lecker und man wird satt davon.“

„Du willst kochen", fragte Felix und wirkte gepresst. „Du baust meine Möbel auf und dann musst du mich auch noch in meiner eigenen Wohnung als Gast bekochen. Es würde mich zwar interessieren, wie das schmeckt, aber ich habe ein schlechtes Gewissen, dich alles machen zu lassen. Du musst mich doch für völlig unfähig halten", sprach er aus, was ihm durch den Kopf ging und er sah zu Ole hinüber. Er wirkte unsicher und wusste nicht, ob er das verlockende Angebot annehmen sollte.

„Ja, ich wollte kochen, mit dir zusammen.“ Ole sah kurz zu Felix und wuschelte ihm durch die Haare. „Ich halte dich ganz bestimmt nicht für unfähig, ich koche nur einfach gerne. Besonders mit jemandem zusammen, den ich mag. Jetzt mach dir doch keine Gedanken, was ich alles tue. Das war meine eigene Entscheidung, dir zu helfen. Ich wollte dich näher kennen lernen und habe mich dir aufgezwungen.“

„Du hast dich doch nicht aufgezwungen", wehrte Felix heftig ab, fing dann aber an zu lachen. Was machten sie denn da? Einer nahm dem anderen das Gefühl der Schuld, das war ja anstrengend! Also zog Felix einen Schlussstrich. „Ich zahle die Zutaten, du lernst mich an und dann fühlt sich mein Ego nicht mehr ganz so klein." Das war ein Kompromiss, mit dem er leben konnte.

„Damit kann ich leben.“ Ole war es ganz recht, dass sie einen Kompromiss gefunden hatten, aber etwas musste er noch loswerden. „Wenn ich etwas für jemanden mache, dann möchte ich das tun. Ich mache es nicht, weil ich mich dazu gezwungen fühle, okay? Und jetzt genieße einfach meine göttliche Anwesenheit und nachher mein fantastisches Essen. Darum ist unser nächster Halt ein Supermarkt unseres Vertrauens.“

„Oh nordisch Göttlicher, welch Frevel, euch zu widersprechen. Ich winde mich in Demut zu euren Füßen", schoss Felix ernst zurück, legte eine stille Minute ein, dann fing er an zu lachen. Sie schwammen irgendwie auf derselben Welle und es machte Spaß, mit Ole etwas zu unternehmen. „Ich werde euch einen Altar errichten und täglich eine Kerze für euch entzünden. Wünscht ihr ein Blutopfer meines reinen Leibes?"

Ole lachte mit und war froh, weil sie das geklärt hatten. Kurz hatte er die Befürchtung gehabt, dass er Felix überfordert hatte und der gar nicht mit ihm zusammen sein wollte, aber das war ja zum Glück nicht so. „Noch nicht, aber zu gegebener Zeit werde ich darauf zurückkommen. Bis dahin reicht es mir, wenn du dich wieder an mich lehnst, wenn du einschläfst. Das war so schön gemütlich.“

Felix stockte, hatte automatisch das Bild von Jan und Mario vor Augen und wusste kurz nicht, was er von dem Satz halten sollte. Doch er versuchte ihn als das abzutun, was er war. Die Einladung, zum sich wohl fühlen. Lieber forschte er weiter. „Was soll das denn heißen, dass du zu gegebener Zeit Blutopfer verlangen wirst? Ich werde mich nicht für dich geißeln, falls das geplant sein sollte. Oder soll ich ganz alleine ein Regal bauen, bis ich mir in den Finger bohre?"

„Ne, ne, so blutrünstig bin ich nicht. Es reicht, wenn du mich ohne Blutopfer anbetest.“ Ole zwinkerte Felix zu und sah das Schild für einen Supermarkt. Schnell war der Blinker gesetzt und der große Volvo fuhr auf den Parkplatz. Bevor er ausstieg, drehte Ole sich aber noch einmal zu seinem Beifahrer. „Du, Felix, was hältst du davon, wenn wir uns das Essen teilen? Ich habe es ja vorgeschlagen und es geht ja nicht, dass du mich ständig durchfütterst. Ich bin nämlich ein sehr hungriges, kostenintensives Haustier.“

„Ganz schön groß für ein Haustier. Außerdem weiß ich gar nicht, ob ich welche halten darf. Ich glaube, nur wenn sie keinen Krach und keinen Dreck machen", überlegte Felix, nickte aber einverstanden, dass Ole sich an den Finanzen beteiligen wollte. Mit ihm zu diskutieren hatte sicher wenig Zweck. Ole machte einen entschlossenen Eindruck. „Allerdings wirst du dich als mein zweites Haustier mit Motti arrangieren müssen." Da kannte Felix ja gar nichts. Motti wurde nicht ausgeschlossen.

„Solange Motti sich an die Vereinbarung hält, von mir aus.“ Ole war großzügig, denn die Motte war weit weg. Zufrieden, dass Felix auf seinen Vorschlag eingegangen war, stieg er aus. Zusammen gingen sie in den Supermarkt und nach und nach füllte sich ihr Wagen. Es waren doch einige Zutaten, die sie brauchten und sicher wunderte sich Felix schon, was da alles im Korb landete.

„Rote Beete und Kapern?", fragte er wie auf Kommando etwas irritiert, doch da er beides ganz gern aß, mokierte er sich vorläufig nicht darüber. Lieber musterte er den ganzen Rest und sah einmal mehr fasziniert zu seinem neuen Helden, weil der die Zutaten für die Gerichte alle im Kopf hatte. Für Leute wie Felix waren Notizzettel erfunden worden, denn er konnte sich gar nichts merken. Wer ihn kannte, gab ihm wichtige Informationen immer schriftlich.

„Das wird schon lecker. Du wirst sehen.“ Ole hatte endlich alles zusammen und stand unentschlossen vor den Gefriertruhen. Eis wäre bestimmt nicht schlecht, aber er wusste ja nicht, ob Felix das auch mochte. „Möchten wir Nachtisch?“, fragte er darum. Sollte sein Freund entscheiden, ob sie noch etwas mitnahmen.

„Kommt drauf an, wie groß die Portionen sind, die du verteilen wirst", sagte Felix, weil auch er unentschlossen war. Doch dann war es ihm auch egal, man lebte nur einmal und da er sowieso immer Hunger hatte, würde das schon alle werden. „Bestimmte Wünsche?", fragte er also und ließ seine Hand über der Gefriertruhe kreisen. Er aß fast alles, also hatte Ole die Qual der Wahl.

„Deine Portionsgröße darfst du selbst bestimmen. Ich will dich doch nicht mästen.“ Er beugte sich über die Kühlbox und entschied sich für eine Eispackung. Ihm war heute nach Frucht. Also landete ein Vanilleeis mit Himbeere im Korb und er war zufrieden. Grinsend wuschelte er Felix durch die Haare und kicherte. Da konnte er sich richtig dran gewöhnen, denn das machte Spaß.

„Hey!" Felix hingegen fand das nicht so berauschend, denn es war sowieso schon nicht leicht, die Locken zu bändigen, wenn sie dann noch große Hände durcheinander brachten, konnte er ganz aufgeben. So waren seine Hände damit beschäftigt, die Haare wieder zu glätten, während er Ole zur Kasse folgte. Er konnte nicht vermeiden, dass ihm der Magen knurrte, denn er hatte heute kein Mittag gemacht.

„Oha, wir sollten so schnell wie möglich zu dir fahren“, lachte Ole und bezahlte, während Felix einpackte. Verrechnen konnten sie nachher noch. Als sie aus dem Supermarkt kamen, fing es leicht an zu schneien und Ole verzog das Gesicht. „Muss das sein?“, brummte er. Schnee in der Stadt fand er nicht so toll, denn das gab nur Matsche. Schlimmer aber war, dass es hier nicht so häufig schneite und somit jede Flocke, die sich auf die Straßen verirrte, ein Verkehrschaos biblischen Ausmaßes anrichten konnte. Es war besser, sie machten keine Umwege.

„Ich glaube, ich muss morgen oder so mal in die Stadt", überlegte Felix gerade, weil er an seinen Tisch dachte und auch daran, dass er den ja noch dekorieren musste. Das hieß, er brauchte Sand, Steine, Muscheln und Sukkulenten.

„Was willst du denn da machen?“, fragte Ole und lief etwas schneller, damit er nicht so viel Schnee abbekam. So konnte sich Felix schon einmal in den Wagen setzen, während er ihre Einkäufe verstaute. Ole schüttelte sich ein wenig, als er einstieg und startete gleich. Der Schneefall wurde immer dichter und sie sollten zusehen, dass sie zur Wohnung kamen.

„Wenn ich schon so einen tollen dekorierfähigen Tisch habe, dann muss ich den doch auch dekorieren. Also muss ich Dekoriersachen kaufen", erklärte Felix sein Anliegen. Dabei packte er das Portemonnaie aus und kramte das Geld heraus, was Ole für den Einkauf von ihm bekam. Er rundete dabei großzügig auf und schob es dem blonden Riesen in die Jackentasche, nicht dass das vergessen wurde.

„Ah.“ Mehr sagte Ole nicht dazu, denn er wollte sich die Überraschung nicht verderben, wenn Felix merkte, dass er schon alles besorgt hatte. Schließlich saß er ja bei den Sukkulenten an der Quelle. Mit einem Schmunzeln bemerkte er die Hand in seiner Tasche und bedankte sich. Wenn es nach ihm ging, konnte Felix die Hand ruhig dort lassen. Ein wenig langsamer, weil sie immer wieder von anderen Autofahrern behindert wurden, fuhren sie zu Felix.

„Ja, ich dachte an Sand und Steine und so was. Ich weiß nur noch nicht, ob ich richtigen Vogelsand nehme oder gefärbten aus dem Deko-Laden. Ich glaube, ich muss erst mal gucken, welche Farben zu dem Tisch passen würden und welche richtig blöd aussehen. Ich bin so unentschlossen!" Felix laberte vor sich hin, weil er das Schweigen im Wagen nicht richtig bewerten konnte. Es war zwar angenehm, aber er fühlte sich auch als schlechter Gastgeber. Wenn er sich schon von seinem Gast durch die Gegend fahren und bekochen ließ, dann wollte er ihn wenigstens unterhalten.

„Ich würde es eher natürlich halten, so wie ein Strand. Heller Sand, Steine, Muscheln, Seesterne. Das erinnert mich an Schweden, vielleicht deswegen. Oder man machte es eher wie eine Wüste, da würden die Sukkulenten zu passen.“ Ole wollte Felix nichts vorschreiben und es war auch nicht schlimm, wenn der was anderes wollte, als er mitgebracht hatte. Bis auf den Sand und die Sukkulenten hatte er nichts gekauft. Alles andere hatte er Zuhause gehabt.

„Vielleicht kann man ja beides machen - eine Kakteenecke und eine Ecke mit Muscheln, mit etwas blauem Sand abgesetzt, der aussieht wie Wasser." Jetzt war Felix in seinem Element. Wild herum gestalten war genau sein Ding. „Muss ich also auch blauen Sand kaufen oder blaue Kiesel. Ich muss mal gucken." Über seiner Grübelei war ihm gar nicht aufgefallen, dass sie schon vor seiner Haustür standen.

„Okay, großer Künstler, damit du experimentieren kannst, müssen wir alles erst einmal hoch bekommen“, lachte Ole, der Felix noch gerne länger beim Planen zugehört hätte, aber sie sollten ins Warme. „Du die Tüten, ich den Tisch“, bestimmte er und war auch schon unterwegs. Die Kiste mit den Tischeinzelteilen war etwas unhandlich, aber Ole bekam sie so zu packen, dass er sie gut tragen konnte. Dafür bekam Felix die Tüten in die Hand gedrückt und den Autoschlüssel, um den Wagen abzuschließen.

Er freute sich diebisch, als die Blinker anzeigten, dass die Mechanik verriegelt hatte und wunderte sich darüber, dass er einen Beutel mehr hatte, als sie eingekauft hatten. „Was ist da drinnen?", wollte er wissen und zeigte die Tüte hoch, wagte aber nicht hinein zu gucken, weil er nicht wusste, ob Ole sich nicht doch vertan hatte und die hätte im Auto bleiben sollen.

„Ist für dich. Kannst du oben gucken.“ Ole grinste, weil Felix ihn mit großen Augen ansah. „Husch, der Tisch ist schwer und je eher wir oben sind, umso eher kannst du nachschauen“, lachte er, aber es wirkte etwas gepresst, weil er langsam lange Arme bekam und den Karton abstellen wollte.

„Ah - ja - okay", antwortete Felix hektisch und flitzte los.



07

Er hielt Ole die Türen auf und war erleichtert, als sie oben waren und Ole endlich den schweren Karton abstellen konnte. „Trainierst du eigentlich? Dass du so viel Kraft hast?", wollte er neugierig wissen und hatte die Einkaufstüten in die Küche geschafft, während er die Überraschungstüte noch in Händen hielt und kaum wagte hinein zu gucken. Ole verwöhnte ihn ganz schön, das wurde Felix langsam unangenehm, weil er sich nicht revanchieren konnte.

„Nein, nicht wirklich. Holzhacken, wenn ich bei meinen Großeltern bin, Langlauf, wandern. Das ist es eigentlich. Studios oder so was mag ich nicht besonders. Da geh ich nur hin, wenn ich hier mal unbedingt Bewegung brauche und mich auspowern muss.“ Ole zog sich die Jacke und die Schuhe aus und begann gleich den Tisch auszupacken. „Du kannst ruhig in die Tüte schauen.“

„Ich hoffe für dich, dass du da auch eine Rechnung rein gelegt hast, sonst guck ich nicht rein", erklärte Felix und machte mit verschränkten Armen klar, dass er von seinem Entschluss auch nicht abgehen würde. „Wir kennen uns doch noch gar nicht so lange. Da kannst du mich nicht einfach beschenken", erklärte er seine Forderung, damit Ole nicht dachte, er hätte ihn nicht gern hier oder derartiges. Er wurde rot um die Nase und holte tief Luft, denn mit der Situation konnte er nicht umgehen.

Ole richtete sich auf und sah Felix ernst an. „Ich beschenke dich zwar gerne, aber du darfst die Sachen, die ich gekauft habe, bezahlen, wenn dir das lieber ist, aber bei den Sachen, die ich von Zuhause mitgebracht habe, geht das schlecht, denn ich habe dafür auch nichts bezahlt. Die habe ich gesammelt oder gefunden.“

„Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich dir deine Auslagen ersetzen kann", gab Felix geniert zu und trat von einem Fuß auf den anderen und fühlte sich unsagbar elend. So sank er in sich zusammen und hockte mit seiner Tüte etwas unglücklich auf dem Teppich und sah Ole forschend an, ob der jetzt böse auf ihn war. Denn das hätte er nicht ertragen können, auch wenn sie sich erst ein paar Tage kannten.

„Hey.“ Ole hockte sich vor Felix und lächelte. „Ist doch alles okay. Mir ist es lieber, wenn du etwas sagst und ich weiß, wenn ich es übertreibe“, sagte er sanft und strich Felix eine Locke beiseite, die ihm vor dem Auge hing. „In der Tüte sind wirklich fast nur Dinge drin, die ich nicht gekauft habe und den Rest bezahlst du einfach. Gar kein Problem.“

„Okay." Felix nickte und machte die Tüte auf. Er befreite ganz oben die kleinen Kakteen aus ihrem dunklen Reich und stellte sie neben sich, dann wühlte er Muscheln und kleine Seesterne hervor, Seeigelskelette und wunderschön rund geschliffene Steine. Mit einem skeptischen Grinsen im Gesicht hob er Seestern und Seeigel. „So was findet man also in Schweden." Dabei sah er Ole forschend an. Er sah Ole im Allgemeinen gern an, auch wenn er nicht wusste warum.

„Auch, aber nicht nur. Ich habe Zuhause eine große Schale, wo ich alles aufbewahre, was ich an Stränden finde. Gesammelt habe ich überall, wo ich war. Da habe ich schon als Kind mit angefangen. Ich sammle einfach gerne. Es gibt so viele verschiedene Farben und Formen. Kein Stück ist wie das andere.“ Ole kam ins schwärmen und seine Augen leuchteten. Felix grinste. So sah er noch interessanter aus.

Auf dem leeren Karton sortierte Felix die Muscheln und Seetierchenskelette. Sogar ein paar von Wasser und Sand abgeschliffene Knochenfragmente waren dabei und ein paar polierte Holzstücke. Damit ließ sich bestimmt eine Menge gestalten. „Danke", sagte Felix irgendwann und fiel Ole um den Hals. Dass der nicht damit gerechnet hatte, war spätestens daran zu merken, dass er verwirrt nach hinten kippte.

„Hoppala“, machte Ole und seine Arme legten sich automatisch um Felix. Er hätte mit vielem gerechnet, aber nicht, dass sein Freund ihm gleich um den Hals fiel. Dagegen hatte er allerdings nichts, darum grinste er breit. „Da habe ich wohl genau das richtige ausgesucht, oder?“, schmunzelte er und blieb einfach liegen. Wenn Felix ihm schon einmal so nahe war, dann wollte er das ausnutzen.

„Ja, hast du", sagte Felix und entschuldigte sich gleich für sein Ungeschick. „Warte, ich befreie dich", erklärte er hastig und erhob sich, damit Ole nicht noch das falsche von ihm glaubte. Er selbst hatte, dank Jan, wenig Berührungsängste mit Männern, aber so war nun einmal nicht jeder. „Lass uns lieber kochen, sonst liege ich gleich apathisch in der Ecke und stinke vor mich hin, weil ich tot bin und langsam verwese. Kein schönes Bild, wir sollten es also vermeiden." Er reichte Ole die Hand, um ihm aufzuhelfen, auch wenn das sicherlich albern war.

„Na dann, ab in die Küche.“ Ole ließ sich hoch helfen und fand es schade, dass Felix wieder auf Abstand ging, aber das war wohl besser so. Es war ihm schwer gefallen, seinen Freund nicht einfach fester an sich zu ziehen und so zum bleiben zu bewegen. Darum ging er vor in die Küche und rief über die Schulter. „Jetzt kannst du behaupten, mich aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben. Das haben bisher nur wenige geschafft.“

„Will ich glauben, so groß wie du bist. Aber dass ich als kleine Zwecke das schaffe." Felix warf sich in Pose und ließ die nicht vorhandenen Muskeln spielen, poste noch etwas nach links und rechts. Doch da Ole schon in der Küche war und Motti nicht raus durfte, hatte er keinen, der ihn bewunderte und so flitzte er hinterher. Er kam gerade in die Küche, als sein neuer Freund schon die Taschen auf der Arbeitsfläche ausgeschüttet hatte. Er teilte alles schnell in zwei Haufen, teilte den ersten noch einmal und legte zu den Kartoffeln den Sparschäler, den er im Kasten gefunden hatte. Also machte sich Felix daran, die Kartoffeln ihrer Schale zu entledigen.

„Uah, das Eis“, rief Ole plötzlich und zeigte auf den Haufen, den Felix beiseite geschoben hatte. Hoffentlich war das noch nicht geschmolzen. Schnell packte er es in das Gefrierfach und machte sich wieder an die Mischung des Hackfleisches. Er wusste, dass es durch die rote Beete ziemlich ungewöhnlich aussah, aber er hoffte, dass es Felix trotzdem schmeckte. „Die Kartoffeln erst in Scheiben und dann in Stifte schneiden“, erklärte er noch schnell, als Felix die Kartoffeln geschält hatte.

Während also Felix die Kartoffeln in Auflaufform brachte, mischte Ole Hackfleisch mit Wasser, Eigelben und gehackten Zwiebeln, mischte die fein gehackte Rote Beete darunter und ebenfalls die Kapern. Er schmeckte die Masse ab und als Felix fragend in die Schüssel guckte und die merkwürdig gefärbte Masse begutachtete, kam die Frage, die kommen musste. „Was wird das?"

„Das nennt sich Biff à la Lindström. Es ist so ähnlich wie Frikadellen, nur etwas anders gewürzt und nicht ganz so scharf angebraten. Ich esse das unheimlich gerne und ich hoffe, du auch.“ Zur Anschauung formte er etwas abgeflachte Kugeln und gab die Zwiebeln, die er für den Kartoffelauflauf brauchte in die Pfanne.

„Und die Kartoffelstifte? Werden die dann wie Igel oben rein gesteckt oder wird das was anderes?" Felix konnte sich im Augenblick keinen Reim machen, stiftete aber fleißig weiter.

„Das wird Janssons Frestelse, was so viel bedeutet wie Janssons Versuchung. Es ist ein Kartoffelauflauf. Er besteht nur aus den gebratenen Zwiebeln, Anchovis, den Kartoffeln und Sahne. Das wird geschichtet und dann gebacken“, erklärte Ole, was es zu dem Fleisch gab. „Normalerweise braucht es etwa eine Stunde im Ofen, aber ich koche die Kartoffeln ein wenig vor, dann geht es wesentlich schneller.“

„Schneller ist gut, ich falle gleich vom Stiel", murmelte Felix und schielte auf den Brotkasten. Er war versucht, sich schnell eine Schreibe zu greifen und ungesehen zu verspeisen, denn der Hunger machte ihn langsam verrückt. Dazu noch der leckere Geruch von den gebratenen Zwiebeln. Da lief einem doch das Wasser im Munde zusammen. Gequält grinste Felix den Koch an.

„Iss ruhig“, lachte Ole. Er hatte den Blick gesehen. „Ich verliere nicht gerne Freunde und du kippst mir gleich um.“ Ole wedelte mit dem Pfannenwender, den er gerade in der Hand hatte, in Richtung Brotkorb und nahm Felix dann das Messer aus der Hand. „Ich mach hier weiter.“

„Ich esse nur ein bisschen, nur damit ich dann bis zum Abendessen durchhalte", erklärte Felix mit sichtlich schlechtem Gewissen, machte sich aber wie eine ausgehungerte Heuschrecke über die zwei Scheiben Brot her, die noch im Kasten lagen. Dick belegt, konnte Felix es sich nicht verkneifen, genießend zu stöhnen, als der erste Bissen im Magen verschwunden war. So wartete es sich doch gleich viel leichter.

Ole sah Felix dabei zu und vergaß darüber fast die Zwiebeln in der Pfanne und rettete sie schnell. „Heiß“, zischte er, als er sich den Daumen an der heißen Pfanne verbrannte und steckte ihn im Reflex in den Mund und dann erst unter kaltes Wasser.

„Was ist passiert?" Felix kam sofort angelaufen, schließlich hatte sich sein Gast, der auch noch selber kochen musste, verletzt. „Brauchst du Pflaster, oder so was?", fragte er und beguckte sich besorgt den Daumen, hielt Ole am Handgelenk fest, um besser sehen zu können.

„Nix schlimmes. Bin nur mit dem Daumen an die Pfanne gekommen.“ Es tat schon gar nicht mehr weh, aber Ole ließ Felix weitergucken, damit er seine Hand noch länger festhielt. So im direkten Vergleich wirkte seine Hand riesig gegen Felix’. Er drehte seine so, dass er Felix' Hand umschließen konnte, wenn er wollte, aber er tat es nicht, auch wenn es ihm schwer fiel.

„Dann haben wir ja noch mal Glück gehabt. Ich dachte schon, meine Trotteligkeit wäre ansteckend! Das wäre ja nicht auszudenken. Dann muss ich mein Verband-Lager aber aufstocken." Ohne nachzudenken tat er das, was Jan auch immer machte, wenn sich Felix mal wieder den Kopf oder das Knie gestoßen hatte, die Finger geklemmt oder die Nase verbogen. Er küsste die wunde Stelle und murmelte: „Heile, heile Gänschen."

Ole hielt seine Hand ganz still und konnte sich gerade noch ein leises Seufzen verkneifen. Seine Haut prickelte, wo die Lippen ihn berührt hatten. „Danke“, murmelte er leise und wenn er sich noch nicht sicher wäre, dass er sich in Felix verliebt hatte, dann jetzt. Eigentlich war der kleine Rothaarige gar nicht sein Typ, aber als die großen, grauen Augen ihn das erste Mal erschrocken angesehen hatten, war es um ihn geschehen gewesen.

„Besser?" Felix beruhigte sich langsam wieder. Die Haut an Oles Daumen war zwar etwas gerötet, aber sonst schien nichts passiert zu sein. „Ich brate weiter, gib mir Anweisung. Du setzt dich jetzt da hin und ich..." Und schon schob Felix den großen Blonden durch seine Küche auf einen Stuhl, drückte ihm ein Handtuch in die Finger, suchte einen Eisakku und wartete - mit dem Kochlöffel in der Hand - auf Anweisungen.

„Ja, Mama“, schmunzelte Ole und sah zu Felix hoch. „Die Zwiebeln sind fertig, jetzt müssen wir erst einmal nicht mehr braten. Du kannst aber, wenn du möchtest, Wasser für die Kartoffeln heiß machen, damit wir sie kurz kochen können.“ Gehorsam drückte er den verpackten Kühlakku gegen seinen Daumen, obwohl das gar nicht nötig war, aber wo Felix sich solche Mühe gegeben hatte, konnte er ihn nicht einfach wieder weglegen.

„Mach dich nur lustig und so lange das Wasser kocht, werde ich, mit deiner Anleitung, den Tisch zusammenbauen. Das wird schon. Aber erst das Geld, nicht dass ich mir dann die Hand abhacke und du auf deinen Ausgaben sitzen bleibst. Das geht ja nicht." Und schon war der kleine Wirbelwind wieder weg, kaum dass er Wasser aufgesetzt hatte.

„Sicher wird das.“ Ole folgte Felix ins Wohnzimmer und legte den Kühlakku nun doch weg, damit er Felix helfen konnte. Er konnte eben nicht aus seiner Haut. Er werkelte einfach zu gerne, um seinen Freund das alleine machen zu lassen. „Komm, wir machen das eben schnell zusammen. Mein Daumen ist schon wieder in Ordnung.“

Felix guckte nicht begeistert von der Idee und beobachtete den Daumen, doch seufzend nickte er und stimmte so dem Gemeinschaftsprojekt zu. Ob der Kerl wusste, dass er richtig süß war, wenn er so bettelnd durch den Pony guckte? Hoffentlich war Ole das nicht bewusst, denn Felix trieb es eine Gänsehaut über die Arme. Ganz merkwürdig. Schnell holte er das Geld, legte es zu Oles Jacke und dann ging es los. Klopfen, drücken, schrauben, halten - und nach ein paar Minuten stand er vor ihnen - der Tisch. „Wie cool!" Felix hüpfte begeistert rund herum.

„Ja, er passt wirklich gut hier rein.“ Ole sah Felix beim Hüpfen zu und fing ihn ein, als er wieder bei ihm vorbei kam und hielt ihn fest. Er zog ihn vor sich und legte ihm die Hände auf die Schulter. „Sag bloß nicht mehr, dass du so etwas nicht kannst. Den Tisch hast du fast alleine zusammengebaut.“ Er drückte Felix' Schultern leicht und genoss es ein wenig, ihn so nah bei sich zu haben.

„Na ja, dein Beitrag war aber auch nicht gerade… Wah, das Wasser!" Aus der Küche zischte und fauchte es und so flitzte Felix los, denn das Kartoffelwasser kochte. Schnell waren die Stifte reingeworfen und er kam entspannter zurück, grinste. „Richtig hektischer Tag heute." Kurz sank er auf die Couch und beguckte sich all die Mitbringsel, die Ole zusammengetragen hatte. Das würde toll aussehen, wenn erst einmal alles dekoriert war.

„Na ja, ich hatte es heute etwas ruhiger.“ Ole stand noch immer da, wo er vorhin schon gestanden hatte und beobachte Felix, wie er überlegte und plante. „Na komm, die Stifte brauchen nicht lange, machen wir mit dem Essen weiter, dann haben wir Zeit zu dekorieren.“ Er hielt Felix die Hand hin, um ihm aufzuhelfen und legte so ganz aus Versehen etwas zu viel Kraft hinein, damit Felix praktisch auf ihn zusegelte. Um nicht zu stürzen, klammerte sich Felix halt suchend an Ole fest und musste den Schreck erst einmal verdauen. Doch dann grinste er frech zu Ole hoch. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du machst mich an", lachte er und schlug seinem Freund gegen die Brust.

„Und woher weißt du, dass ich es nicht mache?“, fragte Ole. Das würde ihn wirklich interessieren, warum Felix so etwas dachte. Der Schlag hatte nicht wehgetan, aber seine Brust kribbelte sehr angenehm.

„Öhm!" Da stand Felix nun und sah Ole fragend an. Hatte er sich in dem blonden Riesen getäuscht? Stand der etwa auf Jungs? Nicht dass Felix das stören würde, doch er selber hatte für Kerle nichts übrig, rein sexuell gesehen. Er ging mit seinen Freunden gern weg, er freute sich maßlos, wenn Ole ihn besuchte, doch an mehr wollte er nicht denken. „Machst du es denn?", fragte er und wollte die Antwort doch eigentlich gar nicht wissen. Seine Augen wurden trüb. War er gerade dabei, seinen neuen Freund wieder zu verlieren?

„Wer weiß?“, grinste Ole frech und schnappte sich Felix, um ihn auszukitzeln. Es war wohl besser, sein Interesse noch nicht zu zeigen, denn dass Felix so traurig geschaut hatte, war kein gutes Zeichen. Er wollte diese Freundschaft aber nicht gefährden, darum sagte er nichts. „Du bist einfach zu leicht und ich zu stark“, lachte er und schmiss sich die halbe Portion über die Schulter.

Die nächste halbe Stunde verbrachten sie werkelnd in der Küche. Während der Auflauf zusammengerührt wurde und im Ofen verschwand, brieten sie die Biff á la Lindström und als sie den letzten Fleischklops aus der Pfanne holten, war auch der Auflauf gut und Felix hatte schon wieder Hunger. Eilig wurde der Tisch gedeckt und als Ole die Gerichte zwischen ihnen abstellte, leckte sich Felix schon über die Lippen. Das roch verführerisch! Ole gab ihm etwas auf den Teller. Erst einmal nicht zu viel, weil er nicht wusste, ob Felix das schmeckte.

Aber er hatte sich wohl umsonst Gedanken gemacht.

Jetzt saßen sie vollgefressen auf ihren Stühlen und rieben sich die vollen Bäuche. „Da passt nichts mehr rein“, stöhnte Ole und schob den Teller etwas von sich weg.

„Nicht mal mehr leckeres Eis?", lachte Felix, doch ihm ging es ähnlich. „Dann musst du andermal wiederkommen zum Eis essen, das esse ich nämlich nicht alles alleine." Auf die Idee, es Jan oder Mario anzubieten, auf ein Eis vorbei zu kommen und sich die neue Wohnung anzugucken kam er noch nicht einmal, so intensiv hatte er Ole in sein Leben integriert. Aber morgen wollten sie ja sowieso vorbei kommen, zum Möbel aufbauen. Er hatte ihnen schließlich noch nicht abgesagt.

„Ich komme gerne wieder, auch ohne Eis. Oder du kommst mich einmal besuchen.“ Das war Ole gerade erst aufgefallen, dass sie sich bisher immer hier getroffen hatten. „Dann machen wir es uns gemütlich. Wie wäre es mit Sonntag, nach der Ausstellung?“

„Klingt gut", sagte Felix erst einmal und fand die Idee spontan ziemlich gut. „In welcher Straße wohnst du denn? Hier in Essen oder außerhalb?" Denn dann wurde es schwierig, wieder heim zu kommen, doch das sagte Felix erst einmal nicht. Zwar hatte er am Sonntag eigentlich Kekse backen wollen, weil der zweite Advent vor der Tür stand und es da bei Kaminskis Tradition war, Keksvorräte anzulegen für die kalte Jahreszeit, aber vielleicht konnte er ja auch bei Mama welche abstauben, das wäre freilich das Beste.

„Die Straße heißt Schöngelegen und das ist sie auch. Sie ist in der Margarethenhöhe. Ich wohne gern da. Die Wohnung ist groß und komfortabel, wie ich es mag.“ Ole grinste. Er war schon gespannt, was Felix zu seiner Wohnung sagte, wenn er da war. Sie war unter Garantie eine Überraschung. Es war die Eigentumswohnung seiner Eltern, die mehr durch Zufall leergestanden hatte, als Ole vor ein paar Wochen zurück nach Deutschland versetzt worden war. Der Vormieter hatte eine Stelle in Hamburg angenommen und so hatte Ole sich als Mieter beworben, von seiner Mutter noch wegen Verarschung alter Leute ein paar hinter die Ohren bekommen und nun wohnte er dort zur Miete, darauf hatte er bestanden. Mit der Zustimmung seiner Vermieter hatte er auch ein paar Umbauten vornehmen dürfen und bei denen war Ole gespannt, wie Felix die gefallen würden.

„Schöngelegen", grinste Felix. Das war ihm völlig neu, doch das Margarethenviertel kannte er gut. Dort fand man schöne Häuser, die gute Motive abgaben, wenn man sich für Baustile interessierte. „Groß und komfortabel, na ja. Das kann ich dir hier nicht gerade bieten."

„Dafür aber heimelig und gemütlich, das finde ich noch viel wichtiger.“ Ole zwinkerte Felix zu und grinste. „Eine große Wohnung ist schön, aber wenn ich mich dort nicht wohl fühlen kann, dann ist das nichts für mich. Ich habe meine Wohnung so eingerichtet, dass ich mich darin wohl fühle, aber ob andere das auch so empfinden, weiß man immer nicht. Hier bei dir gefällt es mir auf jeden Fall.“

„Na das ist doch wichtig", lachte Felix und erhob sich. Unschlüssig tigerte er noch einmal zum Gefrierschrank, doch dann ließ er es wirklich bleiben. Es brachte ja nichts, wenn ihm von dem schönen Eis nur schlecht wurde. „Wir können ja noch den Tisch dekorieren, wenn du magst. Oder beschlagnahme ich dich und jemand anderes muss warten?" Er machte ein zerknirschtes Gesicht, weil er Oles Freundlichkeit schon als selbstverständlich genommen hatte.

„Können wir gerne machen und nein, es wartet niemand auf mich.“ Ole stellte ihre Teller zusammen und brachte sie zur Spüle. „Ich bin erst seit ein paar Wochen wieder in Deutschland oder besser, in Essen. Die Bekannten von früher möchte ich nicht mehr reaktivieren, die waren sowieso nur oberflächlich und die Freunde, die ich hier hatte, sind entweder weggezogen oder in einer festen Beziehung, so dass sie kaum Zeit haben.“

„Och, wie traurig", sagte Felix ohne nachzudenken, schlug sich dann aber die Hand vor den Mund. Was redete er denn da? Ole wollte sicherlich kein Mitleid. Aber ihm ging es ja ähnlich. Seine Freunde aus der Schule sah er kaum noch. Ab und an traf sich die alte Clique noch in der Kneipe, aber die meisten waren in festen Händen und so seufzte Felix. „Aber ich kann dir nachfühlen und dabei war ich nicht mal weg." Doch dann grinste er und lief vor ins Wohnzimmer, er war ganz aufgeregt.


08

Ole folgte Felix etwas langsamer in den Wohnraum und sah Felix erst einmal von der Tür aus zu, wie er Muscheln und Steine sortierte und zur Probe ohne Sand in die Schublade legte. Es gefiel ihm, wie sehr Felix sich über seine Mitbringsel freute und erst mit den Fingern darüber strich, bevor er sie positionierte. Er schlenderte zu seinem Freund hinüber und setzte sich neben ihn auf den Boden. „Du kannst ja bei mir zu Hause gucken, ob du in meiner Schale noch etwas findest, was dir gefällt.“

Felix guckte auf den Berg Muscheln und rund geschliffener Steine und sah dann Ole an. „Du hast noch mehr? Bist schon viel rum gekommen, hm?", grinste er schief. Er selber hatte Deutschland noch nie verlassen. Ab und an fuhr er nach Berlin, mal nach München - doch das waren auch schon die weitesten Reisen, die er unternommen hatte. „Wo warst du denn schon alles?", fragt er neugierig und sortierte die Muscheln und Steine neu.

„Ja, ich bin ein wenig rumgekommen. Meine Eltern haben immer viel gearbeitet und wollten das dann durch gemeinsame Reisen ausgleichen. Sie hatten immer das Gefühl, dass sie mich vernachlässigten, aber das habe ich nie so gesehen. Ich hatte eine schöne Kindheit.“ Oles Blick wurde weich, als er an diese Zeit zurückdachte, erinnerte sich dann aber wieder an Felix' Frage. „Ich war mit ihnen in allen skandinavischen Ländern, England, Schottland, Irland, Spanien, Italien. In den Sommerferien war ich immer erst mit meinen Eltern weg und wenn deren Urlaub vorbei war, haben sie mich bei meinen Großeltern in Schweden abgeladen. Später alleine, habe ich dann etwas weitere Reisen gemacht. Amerika und Afrika.“

„Afrika", murmelte Felix leise. Das war ja auch noch sein großes Ziel in weiter Ferne. Roter Sand, graue Riesen, blaues Meer, grüne Oasen - irgendwann wenn er mal richtig Geld verdiente, wollte er sich eine gute Kamera kaufen und dann auf Fotourlaub gehen. „Irgendwann komm ich da auch noch hin", legte er fest und lachte, fing dann aber an, den Sand in der Schublade zu verteilen, damit seine Finger etwas zu tun hatten.

„Sicher, warum nicht. Ich finde es schön, wenn man etwas hat, auf das man sich freuen und hinarbeiten kann.“ Er half Felix den Sand zu verteilen und immer mal wieder, wie durch Zufall, berührten sich dabei ihre Finger. Ole wusste, dass er es besser nicht tun sollte, denn sein Freund hatte ihm ja schließlich erklärt, dass er gerne eine Freundin hätte, aber er konnte einfach nicht anders. Felix lockte ihn viel zu sehr und deswegen wollte er sich ihm wenigstens auf diese Art ein wenig näher fühlen. Und so lange der nicht angewidert weg zuckte und Ole zur Rede stellte, solange nahm doch keiner Schaden an seinen kleinen Versuchen.

„Und jetzt die Steine", kommandierte Felix und teilte sie brüderlich auf, damit jeder eine Ecke gestalten konnte, schob dann die Muscheln hinterher und auch die Äste und Knochenfragmente. Zum Schluss wurden die kleinen Kakteen ausgepackt, vorsichtig, denn die kleinen Biester konnten gut beißen.

„Das ist wirklich toll geworden.“ Sie hatten den Tisch fertig dekoriert und die Schublade wieder eingeschoben. Nun guckten sie von oben auf ihr Werk und es gefiel Ole wirklich gut. „An uns sind zwei Dekorateure verloren gegangen.“ Ole ließ sich auf das Sofa fallen. „Und was fangen wir mit dem angebrochenen Abend noch an?“, fragte er und sah Felix an.

„Daumen lutschen, Film gucken, sich Löcher in den Bauch fragen, über den Teppich rollen und albern kichern? Such dir was aus, du bist der Gast", lachte Felix, weil er auch noch keinen richtigen Plan hatte. So spät war es noch nicht, sie hatten also noch Zeit für sich, wenn sie das wollten. Er überlegte auch, ob sie vielleicht noch einmal vor die Tür gehen konnten, schließlich gab es hier auch Cafés.

„Hört sich alles toll an.“ Ole grinste und stellte sich gerade vor, wie er mit Felix zusammen über den Teppich rollte, ihm dabei am Daumen lutschte und mit den Lippen dann weiter zum Bauchnabel wanderte, um ihn dort zu küssen, bis Felix nicht mehr albern kicherte, sondern lustvoll stöhnte. Aber die Gedanken schüttelte er lieber schnell wieder ab und damit sie nicht zurückkamen, mussten sie etwas anderes machen. „Hast du noch Lust, etwas trinken zu gehen? Das habe ich schon länger nicht mehr gemacht. Eigentlich gar nicht, seit ich wieder hier bin. Weißt du was, wo man hingehen könnte?“

„Ein paar Straßen weiter ist Starbucks, auf einen großen Kakao hätte ich jetzt Appetit. Oder willst du lieber in eine Bar? So was gibt es hier auch, aber da ist es mir meistens zu laut. Außer du willst Billard spielen, oder so was", fing Felix an zu überlegen und merkte gar nicht, wie er anfing, sich dabei über den Teppich zu rollen.

„Kakao ist gut. Ich muss ja noch Auto fahren.“ Ole war mit Felix’ Wahl durchaus zufrieden, denn ein wenig Bewegung tat ihnen nach dem reichlichen Essen bestimmt gut. Er bewegte sich aber nicht, sondern beobachtete lieber Felix, dessen Pullover durch die Rollerei hoch gerutscht war und etwas helle Haut zeigte. Wie gerne würde er jetzt mit den Fingern darüber streichen.

„Na dann ist das doch beschlossene Sache. Ist aber ein Stückchen zu Fuß. Vielleicht 'ne Viertelstunde, wenn dir das nichts ausmacht? Denn Parkplätze sind da Mangelware", sagte Felix und war auf dem Rücken liegen geblieben. Weil ihm so das Licht der Deckenlampe direkt in die Augen schien, schützte er sie mit einer Hand und sah zu Ole. Er bemerkte den musternden Blick, fragte aber nicht.

„Nein, das ist kein Problem, ich habe eine dicke Jacke, da macht mir das kalte Wetter nichts. Du solltest dir auch was Warmes anziehen. Der Wind pfeift ganz schön und vielleicht schneit es auch wieder.“ Ole ließ seinen Blick von Felix' Bauch hoch zu dessen Augen schweifen und lächelte. „Jetzt sind doch auch schon Lichterwochen. Das gefällt mir immer.“

„Stimmt. Gerade die Einkaufstraße hoch zum Bahnhof. Und was für ein Zufall, dass wir die lang laufen müssen", lachte Felix und rollte sich auf den Bauch, damit er sich gequält hochstemmen konnte. Er war eben doch ziemlich voll gefuttert und etwas Bewegung würde ihm bestimmt nicht schaden, um heute Abend besser schlafen zu können. Hastig zog er sich den Pullover gerade und verschwand im Schlafzimmer, wo seine Kisten standen. „Hallo Motti, meine Süße", rief er laut genug, damit Ole es hören könnte. „Hey, komm zurück. Nicht ins Wohnzimmer!"

„Felix, wehe“, rief Ole auch gleich und wenn man genau hinhörte, hatten die Worte einen leicht panischen Klang. Als er allerdings Felix frech kichern hörte, knurrte er leise und grinste. Das gab Rache – irgendwann, wenn der Frechdachs nicht damit rechnete. Er freute sich heute schon darauf.

Damit sein Freund nicht auf ihn warten musste, zog er sich ebenfalls schon an. Wenn sie vor dem Haus waren, musste er sich nur noch Mütze und Handschuhe aus dem Auto holen.

„So. Motti hat eine Wärmflasche und einen Tee bekommen. Ich glaube, wir können sie jetzt alleine lassen", sagte Felix und band sich gerade den Schal zu. Er hatte letztes Jahr von Jan eine Weihnachts-Kombi bekommen, bestehend aus einem braunen Schal mit weißen Fransen, einer Fellmütze mit Elchgeweih und Ohren und passenden Handschuhen in Hufform. Felix trug sie gern und nutzte jede Gelegenheit. Er hatte noch eine dicke Jacke übergestreift, weil er schnell fror und nun sah er aus wie ein Marshmellow-Rentier mit Turnschuhen.

„Du siehst ja klasse aus“, grinste Ole und zupfte Felix an den Plüschohren. „Ich komm mir vor, wie in Schweden. Im Winter sieht man da öfter Elche am Haus meiner Großeltern. Wenn es sehr kalt ist, füttern sie immer ein wenig zu, damit sie es etwas leichter haben. Über Weihnachten fahre ich wieder hin und freue mich schon. Dort mag ich Schnee und er kann gar nicht hoch genug sein.“

„Ihr habt so mickrige Elche wie mich in Schweden? Dann müsst ihr aber viel zu füttern", lachte Felix und freute sich, weil Ole nicht gleich die Augen verdrehte und nicht mit ihm auf die Straße gehen wollte. Aber was Ole gesagt hatte, machte Felix schon neidisch. Er fand Elche ganz toll und wenn das Wetter schön war, wurden Jan und Mario in die Zoos der Umgebung geprügelt. Felix hatte mittlerweile die Ruhr-TOP-Card, so kam er auch in ein paar Zoos kostenlos, genauso wie in Bäder oder Museen. Die rentierte sich bei ihm jedes Jahr.

„Ein wenig größer sind unsere Elche schon, aber nicht so schnuffig wie du.“ Ole zupfte noch einmal und lachte. Bevor er Felix noch knuddelte, weil er ihn so niedlich fand, schob er ihn aus der Tür, damit sie los konnten. „Wenn du Elche magst, musst du einmal mit zu meinen Großeltern kommen, da kannst du sie dann aus nächster Nähe bewundern.“

„So richtig", fragte Felix skeptisch, weil er sich das nicht vorstellen konnte. „Die sollen doch ziemlich gefährlich sein. In Schweden sollen sie teilweise richtige Plagen sein. Vor allem da, wo sie sich in Städten und Gärten niederlassen und ihr Revier verteidigen." Zumindest hatte Felix das mal gelesen. Als er durch die Haustür trat, erwischte ihn eine kalte Böe und er zog den Schal höher. Es war kalt geworden, in den letzten Stunden.

„Wenn du im Haus bist und sie in deinem Vorgarten stehen, ist das für dich nicht gefährlich, aber sonst hast du Recht. Elche sind groß und nicht ungefährlich. Wer es mit Wölfen aufnimmt und oft auch gewinnt, den sollte man nicht unterschätzen.“ Während er redete, holte Ole sich Handschuhe und Schal und zog beides gleich über, denn der Wind pfiff ganz schön. „In der Stadt sind sie wirklich eine Plage, aber auf dem Land nicht. Und meine Großeltern leben ziemlich abgeschieden. Da sind nur wenige Häuser in der Nähe.“

„Nur wenige Häuser in der Nähe?", fragte Felix und sah sich um. Er stand in einer Häuserschlucht, so wie sich hier in der Innenstadt von Essen eine an die andere schloss. Wenig grün, viel Beton. Sich Weite vorzustellen war schon schwer, auch wenn es außerhalb der Städte eigentlich sehr schön grün war. Aber sich Dörfer vorzustellen, wo nur wenige Häuser stehen, vielleicht noch so abgeschieden, dass der Weg zum Supermarkt ewig dauerte, das ging über Felix' Fantasie. „Klingt nach einer Menge Natur zum fotografieren", sagte er verträumt und stapfte los.

Ole schloss zu ihm auf und nickte, auch wenn Felix das nicht sehen konnte. „Ja, sehr viel Natur. Wiesen, Felder und Wälder. Man kann dort stundenlang laufen und nur wenigen oder gar keinen Menschen begegnen. Ein paar Städte gibt es auch in der Nähe, so dass man nicht ganz von allem abgeschnitten ist. Dort kann ich mich immer entspannen und mich vom Arbeitsstress erholen.“

„Na, das will ich aber mal ungesehen glauben, dass man sich dort herrlich entspannen kann. Bist du nur im Winter da? Im Sommer muss das doch auch total geil sein. Alles grün rings herum." Felix schlenkerte mit den Armen und grinste immer wieder in seinen Schal, wenn er bemerkte, wie man Ole hinterher guckte. Der Kerl war aber auch groß! Der kleine Elch neben ihm fiel dabei kaum auf.

„Ja, im Sommer ist es auch toll, genauso wie im Frühling und im Herbst. Es kommt darauf an, was ich für meinen Urlaub geplant habe. Aber Weihnachten bin ich immer dort, denn dann trifft sich die ganze Familie.“ Ole kam richtig ins schwärmen, denn die Feiertage bei seinen Großeltern liebte er sehr. Er war ein wenig abgelenkt, darum griff er automatisch zu, als jemand fast Felix anrempelte und zog ihn an sich. „Vorsicht“, brummte er knurrig zu der älteren Frau und sah sie böse an. Sie zuckte zusammen, murmelte etwas und machte, dass sie davon kam. Der Riese konnte im Dämmerlicht der Weihnachtsbeleuchtung ziemlich Furcht einflößend wirken, wenn er das wollte und im Augenblick wollte er das definitiv.

„Weihnachten ist bei uns auch immer volle Hütte, aber die ist bei uns immer. Das Haus hat mein Vater damals gekauft, er war auf Zeche. Im ausgebauten Dach wohnen mein großer Bruder und meine große Schwester. Die haben da Separées. Im Keller wohnen meine Großeltern und Mama und ich hatten die ebenerdige Etage. Da war nicht viel mit Mädel mit heim nehmen. Und deswegen bin ich ja ausgezogen. Fast zwanzig und noch Jungfrau, so was von peinlich", brubbelte Felix vor sich hin, immer noch an Ole gelehnt. Der war ein toller Windschutz.

Ole legte den Arm um Felix, damit sie bequemer gehen konnten und passte seine Schritte an. Auf das Geständnis ging er nicht ein und tat so, als wenn er es nicht gehört hätte, denn er wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen. Wahrscheinlich hatte Felix gar nicht mitbekommen, was er gesagt hatte. Aber er konnte nicht verhindern, dass ihm ein warmer Schauer über den Rücken lief, wenn er sich vorstellte, der erste zu sein. „Ich bin auch froh, dass du ausgezogen bist, denn sonst hätte ich dich nicht kennen gelernt.“

„Ja, das stimmt. Ich hätte bestimmt kein Billy für mein kleines Zimmer gebraucht. Irgendwann muss noch ein Schrank her, aber dafür muss ich noch ein bisschen arbeiten gehen", redete Felix frei von der Leber weg. Doch das konnte noch dauern. Bis dahin mussten die Kisten herhalten, aber damit konnte Felix ganz gut leben.

Sie schlenderten vorbei an Schaufenstern, ab und an wagte Felix einen Blick, doch meistens interessierte es ihn nicht. Klamotten bestellte er online.

Ole guckte auch in die Schaufenster und genauso wie Felix interessierte ihn nicht, was sich dahinter verbarg, sondern, was sich darin spiegelte. So konnte er Felix beobachten, ohne dass es auffiel und er musste sagen, der kleine Rothaarige passte einfach perfekt zu ihm. Er hatte genau die richtige Größe, um sich in seine Arme zu schmiegen. Er fühlte sich richtig wohl, so wie es gerade war und noch nicht einmal der kalte Wind machte ihm etwas aus.

„Irgendwie seh ich aus wie ein Mädchen, wenn ich so neben dir stehe." Felix beguckte sich und drehte sich ein bisschen hin und her. Doch egal wie er es wendete, er wurde nicht größer, nicht kräftiger und männlichere Züge bekam er auch nicht. Es war zum Verzweifeln, wenn man nach seiner zierlichen Mutter kam und nicht nach dem Vater, so wie Axel. Oma sagte ja immer, das wäre doch so süß und Felix hatte es noch nicht gewagt, ihr zu erklären, dass ein Mann von fast 20 Jahren nicht süß sein wollte.

„Findest du? Ich nicht.“ Ole schüttelte entschieden den Kopf. „Nimm mich nicht als Maßstab, ich falle aus der Norm.“ Noch immer hatte er seinen Arm um Felix’ Schultern und einmal davon abgesehen, dass er sich in den Rotschopf verliebt hatte, fand er ihn nicht zu klein oder irgendwie weiblich. „Weißt du, oft wäre ich gern wie du. Wenn Menschen mich sehen, dann packen sie mich in eine Schublade. Ich bin groß und kräftig, also muss ich beschützen und stark sein. Ein Fels eben, an dem alles abprallt und hinter dem man sich verstecken kann. Das ist auch alles vollkommen in Ordnung, zumindest meistens. Aber keiner denkt, dass ich das manchmal gar nicht will, dann möchte ich gehalten werden und mich anlehnen. Wir passen nicht in irgendwelche Schubladen und das ist auch gut so, denn das wäre doch langweilig.“

„Stimmt schon", murmelte Felix und vermied es, noch einmal zu betonen, dass er sich trotzdem für zu unmännlich hielt, so wie die Mädels in seiner früheren Schule, so wie die in der Berufsschule, so wie die Mädels, wenn er in der Disko war. Er seufzte und legte den Kopf in den Nacken. Vereinzelt fielen Flocken aus dem nachtschwarzen Himmel und so schloss Felix die Augen, damit sie ihm nicht hinein flogen.

„Warum bist du eigentlich Single? Die Frauen müssen dir doch nachlaufen wie verrückt?", fragte er leise.

Ole seufzte leise, weil er nicht wusste, was er genau antworten sollte. Er entschied sich für die Wahrheit, wenn auch ein wenig gebogen. „Ich bin vor einem Jahr aus Essen weggegangen, weil ich eine Beziehung beendet habe und danach war ich erst einmal bedient. Was jetzt nicht heißt, dass ich Single bleiben möchte, aber ich suche auch nicht aktiv. Wenn ich mich verliebe und meine Liebe erwidert wird, dann ist das toll, ansonsten bin ich eben Single. Damit kann ich leben.“

„Gibt ja auch Schlimmeres", sagte Felix und blickte wieder in die Scheibe des Schaufensters, vor dem sie immer noch standen. Er sah auch, wie man ihnen Blicke zuwarf und seufzte, als er ein paar junge Damen flüstern hörte, dass die da echt zu beneiden wäre, mit so einem Freund. Und Felix musste nicht lange raten, wer „Die da", war. Ole bestimmt nicht. „Lass uns weiter gehen, der Kakao wartet", schlug er vor und wandte sich zum Gehen.

Ole folgte ihm und zog den Kopf ein, als sie ein besonders kalter Windstoß traf. „Den kann ich jetzt auch gut gebrauchen", nuschelte er in seinen Schal und sah schon die Leuchtreklame von Starbucks. Die hell erleuchteten Fenster wirkten einladend und er musste lächeln, als dort auch eine Weihnachtsbeleuchtung in Form eines Elches blinkte. „Guck mal, wie für dich gemacht“, lachte er leise und stieß Felix an.

„Die wussten eben, dass ich komme, da wird immer das volle Programm abgespielt", stieg Felix darauf ein und setzte seine Mütze auch nicht ab, als er den Laden betrat. Natürlich drehte sich wieder alles nach dem blonden Riesen und seiner Plüschelch-Begleitung um, doch als ein paar erkannten, dass sich unter dem Geweih ein Mann verbarg, ebbte bei einigen das Interesse schon ab. „Such dir was aus, ich lade dich ein", sagte Felix eilig, ehe Ole auf die selbe Idee kam.

„Oh.“ Ole hatte wirklich gerade vorgehabt Felix einzuladen, aber er wehrte sich nicht, denn er wurde auch gerne einmal eingeladen. „Einen großen, heißen Kakao mit Sahne, bitte“, sagte er darum und leckte sich schon vor lauter Vorfreude über die Lippen. „Schade, dass die hier keine Marshmallows haben. Das ist das i-Tüpfelchen, wenn man Kakao trinkt.“

Skeptisch sah Felix zu seinem Freund auf. „Sicher?", fragte er ungläubig, weil er das nicht kannte. Er stellte sich das nur ziemlich störend beim Trinken vor, wenn da oben diese weißen Dinger herum ruderten. Sie stellten sich in die Schlange und Felix suchte sich auch noch etwas. Er entschied sich spontan für einen Kakao mit Eierlikör-Sahne, das klang doch gut.

„Probier es einfach mal. Ich muss dann immer an meine Mutter denken. Wenn ich als Kind traurig war, hat sie mich damit wieder aufgeheitert.“ Sie nahmen ihre Tassen entgegen, gingen eine Etage höher und machten es sich dort in einer der Sitzgruppen bequem. Ole nahm seine Tasse und nahm einen vorsichtigen Schluck. „Ist das nicht toll, man sitzt im Warmen und kann zugucken, wie die Leute draußen frieren?“

„Fies ist es, wenn die einem nicht den Gefallen tun und sich in der Kälte wohl fühlen", lachte Felix und kroch endlich aus seinen dicken Klamotten. Die waren in den tief liegenden Sesseln nämlich ziemlich hinderlich. Und außerdem bekam er von Jan eine oder zwei hinter die Ohren, wenn er die schöne Garnitur versaute. „Und du hast heute also Urlaub?", begann Felix ein Gespräch, damit nicht die Stille, die aufkam, zwischen ihnen stand. Das mochte er gar nicht.

„Ja, habe ich oder eher frei. Da ich Samstag gearbeitet habe, obwohl ich eigentlich frei gehabt hätte, bin ich eben heute Zuhause geblieben. Urlaub habe ich erst wieder kurz vor Weihnachten, da fahre ich dann nach Schweden und komme im neuen Jahr wieder zurück.“ Ole stupste seinen Zeigefinger in die Sahne und lutschte ihn dann ab. Er hatte vergessen einen Löffel zu nehmen, da musste es so gehen. „Hast du auch über Weihnachten Urlaub?“

„Japp, Betriebsruhe über den Jahreswechsel", sagte Felix lachend, auch wenn er für die Berufsschule schon etwas älter war als seine Mitschüler. Doch nach dem Abitur hatte er dann keine Lust mehr auf ein Studium gehabt wie Mario oder Jan und so hatte er sich für die Lehre als Industriedesigner beworben. Früher hieß das technischer Zeichner und genau das machte Felix auch mit viel Spaß und Leidenschaft.

„Da haben wir ja schon wieder was gemeinsam“, lachte Ole. „Hast du richtig Glück bei der Wahl deines Arbeitgebers gehabt. Macht dir die Arbeit Spaß?“ Ole wusste zwar mittlerweile, was Felix lernte, aber nicht, wie es ihm gefiel und ein wenig neugierig war er schon, etwas darüber zu erfahren. Schließlich war es etwas ungewöhnlich, dass sein neuer Freund in der Firma seines Ex arbeitete.

„Ich find's toll. Der Senior-Chef traut mir einiges zu, was ich dann allein bearbeiten darf, wenn ich das in der Schule schon hatte und der Junior-Chef hat auch oft Sachen, wo ich ihm helfen darf. Und der Rest vom Schützenfest wiederum hilft mir, wo sie nur können. Egal ob ich eine Frage zum ersten oder zum siebzigsten Mal stelle, sie haben Geduld und erklären es mir und wir haben eine Neue, die kommt nicht von hier", kicherte Felix frech, „die regt sich immer über die schlechte Grammatik hier im Pott auf und dann reden gerade alle voll falsch."

„Oha, die Ärmste.“ Ole musste lachen, denn er konnte sich das gut vorstellen. „Da kann ich ja von Glück sagen, dass ich Deutsch hier gelernt habe. Ich kann mich noch gut dran erinnern. Ich war fünf, als wir hier her gezogen sind und an meinem ersten Tag im Kindergarten habe ich kein Wort verstanden. Ich habe mich schrecklich gefühlt und wollte nur wieder weg. Also habe ich meine Jacke geschnappt und bin losgestiefelt. Ein Junge hat das wohl mitgekriegt und mich am Arm zur Legoecke gezogen. Seit dem Tag, sind wir Freunde und meine ersten Worte hat er mir auch beigebracht.“

„Und wie lauteten die? Tu ma' die Mäh ei?", lachte Felix, denn auch das hatte er von seinen Kollegen gelernt, als Manu mal wieder gequält wurde. „Oder nein, ich weiß: „Lernt euch leise, Kinder.“ Ja, das wird es gewesen sein." Felix hielt den heißen Kakao in seinen Händen und konnte es nicht verhindern, dass seine Zunge immer wieder in die Sahne tauchte. Das war einfach zu gut und zu lecker. Er hatte so was extra nicht im Haus, weil er Sprühsahne wie Wasser in sich hinein schütten konnte. Sahne war einfach sein Laster.

Ole verschluckte sich fast an seinem Kakao, weil er lachen musste. Er konnte sich das gut vorstellen, wie Felix’ Arbeitskollegin gequält wurde. „Ganz so schlimm war es nicht. Aber es hat gereicht, dass man in ganz Deutschland weiß, wo ich aufgewachsen bin. Ingo hat mir prima über die erste Zeit hinweggeholfen. Er hat mich praktisch adoptiert und gegen jeden verteidigt, der sich über mich lustig gemacht hat. Dabei habe ich ganz nebenbei die Sprache gelernt und hatte in der Schule keine Probleme mehr.“

„Cool. Ist er immer noch in der Stadt?", fragte Felix und ein merkwürdiges Ziehen im Bauch ließ ihn die Tasse abstellen. Er hatte bestimmt zu viel gegessen und jetzt in dem Sessel zu lümmeln half seiner Verdauung wohl nicht weiter und deswegen beschwerte die sich jetzt. Würde er selbst wohl auch machen. „Ich habe aus meiner Kindheit nur eine Hand voll Leute mitgenommen, der Rest hat sich irgendwie verlaufen. Bin ich auch nicht böse drüber."

„Nein, leider nicht. Er lebt jetzt in Amerika. Er hat dort studiert und einen Superjob bekommen. Wir sehen uns meist nur ein oder zweimal im Jahr, wenn überhaupt.“ Ole konnte nicht verhindern, dass er kurz traurig guckte, denn Ingo fehlte ihm manchmal sehr. Er hätte ihn gerne bei sich gehabt, als er sich von Henning getrennt hatte, aber die Gedanken schüttelte er schnell ab. „Da sind wir uns wohl ähnlich. Ich habe nicht viele Freunde, aber die versuche ich zu pflegen, allerdings ist das schwierig, wenn man weit auseinander wohnt.“

„Da habe ich Glück. Bis vor kurzen habe ich mit fast all meinen Freunden in der gleichen Straße gewohnt. Wir waren schon als kleine Kröten eine wilde Bande, das hat sich gehalten. Jan und Mario kennste ja schon und der Rest ist auch langsam weggezogen. Aber alle sind noch in der Stadt und so finden sich unsere Wege immer mal wieder auf ein Bier zusammen." Felix grinste, wenn er an die wilden Zeiten dachte, die sie zusammen durchgemacht hatten. Dass sie noch lebten war eigentlich eher ein Wunder und ihre Mütter hatten in der Zeit eine Menge grauer Haare bekommen.

„Da kann man ja richtig neidisch werden.“ Ole grinste in seine Tasse, als er sich Felix als kleinen Jungen vorstellte, wie er durch die Gegend lief und Blödsinn machte. „Ja, Jan und Mario sind ein nettes Paar und sie scheinen dich wirklich gern zu haben. Ich hoffe, dass die neue Couch beiden gefällt und Jan seiner alten nicht nachtrauert.“

„Ach. Wenn es Mario richtig anstellt, dann wird er die neue Couch lieben", sagte Felix verschwörerisch, beulte mit der Zunge die Wange aus und wackelte frech mit den Augenbrauen. Wer jetzt noch nicht begriffen hatte, auf was Lustmolch Felix anspielte, dem war nicht mehr zu helfen. „Außerdem merkte man auf der alten schon jede Sprungfeder und es war eine Kunst, sich so zu biegen, dass man keine im Kreuz oder sonst wo hatte. Entspannt schlafen geht anders", klagte er sein Leid und nahm einen großen Schlug Kakao, ehe er ganz kalt wurde.

Es war einfach faszinierend, Felix bei seiner kleinen Vorstellung zuzusehen und es fiel Ole schwer, sich nicht einfach vorzubeugen und die Sahnereste von den verlockenden Lippen zu lecken. Damit er das nicht wirklich machte, konzentrierte er sich wieder auf ihr Gespräch und grinste wissend. So ähnlich hatte er sich das gedacht. „Ja, die zwei sind ziemlich verliebt, das sah man. Da konnte man richtig neidisch werden. Treiben die beiden eigentlich Sport? Sie sahen auf jeden Fall danach aus.“

„Leistungsschwimmer und damit fing das Elend an, ich sag's dir. Die beiden waren nicht immer ein Herz und eine Seele", seufzte Felix und beugte sich etwas weiter vor. Musste ja nicht jeder zuhören, den das nichts anging. „Jan wollte Mario schon ewig und weil der mal aus Versehen Specki zu Jan gesagt hat, um ihn zu ärgern, gab's nur Ärger. Wenn die aufeinander hockten, beim Kneipengang oder so, da hat's nur geknallt. Jan hat ihm nur Feuer gegeben. Irgendwann hat sich mal Jans bester Freund Ronny eingemischt und dann ging's. Denen hat nur ein Dolmetscher gefehlt. Aber seit dem sind sie unzertrennlich, seit anderthalb Jahren. Und so knutschig und fummelig wie am ersten Tag." Er wusste das aus leidlicher Erfahrung.

„Schöne Geschichte.“ Ole seufzte und stellte seine leere Tasse weg. „Ich finde so was immer spannend, wo erst die Fetzen fliegen und es später ein Happy End gibt.“ Dass die beiden Schwimmer waren, überraschte ihn nicht wirklich und es passte zu ihnen. „So richtig Wettkampf-Schwimmen? Das wäre nichts für mich. Ich schwimme zwar gerne, aber nicht auf Zeit.“

„Ja, ja. Das volle Programm. Sie gehen auch heute noch dreimal die Woche trainieren. Deswegen konnten sie auch erst am Freitag zum aufbauen für das Regal kommen. Ich sollte ihnen sagen, dass es fertig ist, weil du so fleißig warst. Nicht dass sie was anderes vorhaben und dann..." Felix redete zum Schluss nur noch mit sich selber. Doch eigentlich hätte er seine Freunde gern bei sich - zum ersten Mal in der neuen Wohnung. So beschloss er, ihnen nicht abzusagen und zur Versöhnung was zu kochen, damit sie nicht ganz um sonst kamen.

„Macht euch einen schönen Tag. Ist doch ganz nett, wenn die ganze Arbeit schon fertig ist.“ Ole lächelte, aber ein wenig Wehmut war darin. Er hatte sich in den wenigen Tagen, die sie sich kannten, daran gewöhnt, Felix um sich zu haben, aber leider musste er arbeiten. Durch die letzten zwei Tage war einiges liegen geblieben, das musste er nacharbeiten. Er hatte also mindestens bis 21 Uhr zu tun.

„Stimmt auch wieder, muss ich mal sehen, dass ich morgen noch schnell einkaufen gehen kann, wenn ich vom Bus komme. Die Reste von heute werde ich nicht teilen. Die will ich ganz alleine verschlingen, denn das Zeug war zu gut." Allein bei der Erinnerung an den Kartoffelauflauf leckte sich Felix noch einmal die Lippen. Er hatte genau aufgepasst und würde das demnächst einmal selber versuchen. Vielleicht schmeckte es ja annähernd so.

„Richtig so“, lachte Ole und freute sich unwahrscheinlich, dass sein Essen so gut angekommen war. Das hatte nicht immer geklappt. Henning hatte die schwedische Küche nicht wirklich gemocht. Unauffällig guckte er auf die Uhr und seufzte. Sie sollten wohl langsam zurück. Das Cafe machte bald zu. „Sollen wir?“, fragte er darum.

Felix guckte ebenfalls auf sein Handy und machte große Augen. Es war erstaunlich, wie die Zeit vergangen war. „Ja sicher! Du musst ja auch morgen wieder arbeiten. Würde dir ja die Couch anbieten, aber die ist etwas kurz für dich und sicher unbequem und mein Bett ist auch nur zwei Meter." Er sah sich um, ob ihn jemand beobachtete und leckte dann noch einmal über den Innenrand der Tasse, wo noch en paar Fetzen Sahne hingen. Dabei sah er Ole an.

Erst dieses Angebot bei Felix zu schlafen und dann noch diese Sahneshow. Felix machte es Ole nicht gerade leicht, denn dessen Hormone spielten verrückt und er war kurz davor, alles auf eine Karte zu setzen und sich Felix zu greifen, aber er tat es nicht. „Och, das mit dem Bett ginge schon, wenn ich quer liege, aber ich will dich nicht vertreiben. Mit dem Auto bin ich schnell Zuhause.“

„Na gut. Ich will ja nur nicht, dass du jetzt noch durch die halbe Stadt gurken musst und dann zu wenig Schlaf bekommst", sagte Felix und erhob sich. Er war schon dabei, sich wieder anzuziehen und grinste Ole an. Er setzte noch seine Mütze auf, zog den Schal fester und unter dem forschenden Blick ein paar anderer Gäste verließen sie das Lokal.

Zusammen mit dichten Flocken trieb sie der Wind nach Hause.