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Alles was zählt - Teil 17 bis 20

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Die Locations für die letzten Szenen der Water Rats-Reihe waren gebucht: Die Sauna-Anlangen eines privaten Clubs. Sie waren für nächste Woche gebucht und egal was Leif auch vorhatte, zu diesem Termin hatte er zu erscheinen und seinen Mann zu stehen. Das machte Frank immer wieder deutlich, auch wenn er Leif damit ziemlich auf die Füße trat. Er hatte keine Lust, jetzt auf dessen Muttergefühle Rücksicht nehmen zu müssen. Sein Job war nicht das Wohlergehen seines Chefs, sondern der reibungslose Ablauf der Produktionen und in dieser Hinsicht war Leif nichts anderes als einer der Darsteller, die zu funktionieren hatten, denn ihr Gehalt war nicht gerade knauserig.

„Ich werd das schon irgendwie gedeichselt kriegen. Jetzt mach nicht gleich wieder die Pferde scheu. Bis jetzt habe ich noch keinen Termin verpasst und das wird auch weiterhin nicht passieren. Du wirst schon sehen", knurrte Leif. Er mochte es gar nicht, gemaßregelt zu werden und wenn das doch passierte und vor allen Dingen auch noch berechtigt, dann wurde er gerne mal zur Zicke. Er war eben ein egozentrischer Charakter und von sich und seinen Fähigkeiten absolut überzeugt. Und das zu recht. Das konnte Frank schon zugeben. Leif war ein Naturtalent, was die Arbeit vor der Kamera anging, genauso aber auch dahinter.

Sein Auge für neue Kompositionen und Arrangements war nicht zu erklären, er hatte einfach ein Händchen dafür. Deswegen hoben sich seine Filme auch aus der Masse heraus und deswegen waren sie wohl auch so erfolgreich. Wenn es nach Frank ging, dann blieb das bitteschön auch dabei. Er beobachtete den Jungen weiter, der nun einfach nur da saß, ihnen zusah, sie zu mustern schien. Dabei hielt er immer den großen Haufen Plüsch umklammert und wirkte in seiner angespannten Art wie auf dem Sprung, jeden Augenblick zur Flucht bereit. Er war auch ein Stück von ihnen abgerückt.

Frank aber interessierte das jetzt weniger. Sein Problem waren die offenen Produktionen und nicht der verschüchterte Junge.

Alle drei blickten auf, als es läutete und der Fahrstuhl angekündigt wurde. Leif sah auf die Uhr. Viktor konnte das noch nicht sein, dessen Flug landete erst gegen achtzehn Uhr und auch wenn er wütend auf Leif war, so würde er trotzdem anrufen und Bescheid sagen, dass er gut gelandet war, denn er wusste, dass Leif sich sorgen würde. Er wusste es und das würde er nicht zulassen. Sie liebten sich, egal ob sie sich mal stritten oder nicht. Das gehörte einfach dazu.

Leif erhob sich und ging zur Gegensprechanlage, um zu sehen, wer gerade im Fahrstuhl nach oben kam und grinste, als er Jochen und seine kleine Tiara erkannte. Vielleicht konnte sich die Kleine ja ein bisschen mit JJ anfreunden und der Junge kam auf andere Gedanken? Was für eine gute Idee von Jochen!

„Die Visagistin kommt", grinste Leif zu Frank rüber, der auf der Couch saß und ihn undeutbar anblickte. Er beobachtete alles mit gemischten Gefühlen. Er war Realist, er sah den Kleinen noch nicht hier leben. Bei Jochen und Tiara war das was anderes gewesen. Tiara war das leibliche Kind von Peter, dem Ehemann von Jochen. Er hatte das alleinige Sorgerecht für das Kind, weil seine Frau die Kleine hatte benutzen wollen, um sich an ihrem Mann zu rächen und so das Kindeswohl bei ihr in Gefahr gewesen war. Aber das hieß noch lange nicht, dass die Behörden sie in Ruhe ließen. Die Beamten standen öfter vor der Tür, um zu sehen, ob es der Kleinen gut ging. Psychologen unterhielten sich regelmäßig mit Tiara, ob man ihr auch nichts getan hatte. Misstrauen so weit das Auge reichte, weil ein schwuler Vater wohl zu blöd war, sich liebevoll um sein Kind zu kümmern.

Leif dürfte es noch härter treffen, denn er war nicht mal der leibliche Vater des Jungen! Von seinem Job mal gänzlich...

Frank seufzte, er wiederholte sich und langsam kam er sich albern dabei vor. „Schön", sagte er schließlich und sah wieder auf JJ, der sich hinter der Couch und unter seinem Schaf ziemlich klein machte. Gerade so, als würde er etwas ziemlich unerfreuliches erwarten. Viktor hatte angedeutet, wo der Junge her kam und das man vermutete, dass auch er in der Sekte einen Schaden genommen haben könnte, doch sicher war sich da keiner. Aber eben auch nicht darüber, dass der Junge keinen Schaden genommen hatte.

„Hey Jo", lachte Leif, als die Tür sich öffnete und Jochen hob grinsend eine der schön geschwungenen, schwarzen Brauen.

„Hallo Leif", lachte er und Tiara griff seine Hand, denn hier war sie noch nie gewesen. Die blonden Rattenschwänzchen standen rechts und links vom Kopf ab und mit schwarzen, neugierigen Augen musterte sie erst Leif, dann das riesige Zimmer.

„Frank meinte, du hast... Oh Frank." Jochen grüße und trat tiefer in das Zimmer. „Na komm, Süße", lächelte er Tiara an und sie griff seine Hand und kam langsam mit näher. Sie sah sich aber auch weiterhin um, bis sie auf der Couch grauen Plüsch entdeckte und darauf zu lief. Jochen grinste.

„Mit Puppen kann sie nicht, sie steht auf Plüschtiere", lachte er, denn er hatte JJ schon entdeckt, der sich an sein Schaf kuschelte und nun über die Lehne der Couch schielte. Er war zwar schüchtern, aber ein bisschen neugierig war er auch.

„Du hast ihn also hier." Jochen schien ziemlich angetan von der Tatsache, im Gegensatz zu Frank.

„Ja, ohne darüber nachzudenken", knurrte die Domina leise, doch weder Jochen noch Leif interessierten sich für seinen Einwurf, denn gerade trafen Tiara und JJ aufeinander. Sie hatte das Tier greifen wollen und als sie plötzlich von JJ angeguckt wurde, taumelte sie einen Schritt zurück. Man sah ihr die Überraschung deutlich an.

„Hallo", sagte sie aber schnell und kam wieder näher. „Ich bin Tiara", stellte sie sich vor, wie sie es von Jochen gelernt hatte und reichte JJ die Hand. Doch der klammerte sich nur an Gustav fest und sah die Hand misstrauisch an. Leif grinste schief und ließ sich neben seinem Schützling auf die Couch fallen.

„Na, magst du Tiara nicht Hallo sagen?", fragte er leise und strich JJ durch die Haare. Irritiert sah der Kleine ihn an, griff dann aber schüchtern nach der Hand, schüttelte sie und umklammerte dann wieder mit beiden Händen sein Schaf. Aber Tiara gab noch nicht auf. Ihr gefiel das Schaf. Diese riesigen Füße und der dicke Bauch. Also setzte sie sich einfach auf die andere Seite und fing an, mit einem Fuß zu spielen, zog daran und grinste dabei JJ immer wieder an.

„Lass sie machen, gehen wir in die Küche", schlug Jochen vor und Leif stimmte zu. Vielleicht konnte Tiara ihn ja ein bisschen aus seinem Schneckenhaus locken. Vielleicht entlockte sie ihm auch ein paar Worte. Das wäre doch schon mal ein Anfang.

Die drei Männer gingen in die Küche, saßen aber so, dass sie die zwei Kinder immer im Blick hatten. Nicht das doch noch was passierte, mit dem keiner hätte rechnen können. JJ war zwar ein liebes Kind, ruhig und zurückhaltend, aber keiner wusste, was noch in ihm schlummern konnte.

„Du hast ihn wirklich mitgenommen. Vik war nicht begeistert, hm?", sagte Jochen und grinste. Seine femininen Züge gaben seinem Gesicht etwas Schalkhaftes.

„Nein, war er nicht. Er hat am Telefon ziemlich getobt und ich bin mir sicher, wenn er nachher kommt, dann geht das weiter." Leifs Gesichtszüge waren ernst. Er wollte sich mit Viktor nicht streiten. Er liebte ihn und wollte doch nur, dass sein Verlobter ihn verstand. Dass er begriff, warum der Junge da war und es auch für Viktor in Ordnung war, dass der Kleine zu ihnen kam. Das konnte doch nicht zu viel verlangt sein. Auch wenn Viktor so eine Kindheit hatte, die er keinem anderen Kind zumuten wollte. Auch wenn er glaubte, er wäre für so was nicht geeignet, Leif wusste, dass es anders war! Viktor war bestimmt ein liebevoller Vater!

„Und was wird mit ihm, wenn er sich nicht beruhigt?", wollte Jochen wissen, denn seine erste Sorge galt ausschließlich dem Jungen. Viktor war alt genug, der konnte sich auch allein durchschlagen. Aber JJ war das nicht. Er war auf jemanden angewiesen, der sich um ihn kümmerte, der für ihn da war und zu dem er kriechen konnte, wenn es ihm nicht gut ging. Er konnte sich gut denken, dass Leif der ideale Mann dafür war, doch er wusste auch, dass er immer wieder einknickte, wenn Viktor das wollte.

„Weiß ich noch nicht. Ich weiß nur, dass ich JJ nicht einfach in ein Heim geben werde, nur weil mein Verlobter der Meinung ist, er müsste wie ein Berserker toben, dann bekäme er seinen Willen", erklärte Leif schnippisch. Er war froh, jemanden zu haben, der ihm den Rücken stärkte. Frank hingegen wusste das weniger zu schätzen.

„Hey", sagte er, „malt nicht gleich den Teufel an die Wand. Du willst dich doch nicht wirklich von ihm los sagen, nur wegen ihm?" Franks Kopf wies auf den Jungen, der gerade mit verkniffenen Lippen an seinem Schaf hing, während eine kichernde Tiara an einem Bein zog. Aber nicht zu doll. Sie wusste, dass ein Stofftier kaputt ging, wenn man zu dolle zog. Das hatte eines ihrer Lieblinge schon schmerzlich lernen müssen.

„Warum nicht?", fragte Leif, er meinte das nicht so, wie es jetzt wirken mochte, doch er hatte auch keine Lust, dass sich sein 'Sekretär' auf die Seite seines Verlobten schlug. Er hatte sich JJ in den Kopf gesetzt und wenn das hieß, dass er den Jungen alleine groß ziehen musste, dann sollte das eben so sein! Wenn Viktor sich nicht in der Lage fühlte, sein eigenes Leben an das von Leif anzugleichen, obwohl er das von Leif auf der anderen Seite immer erwartet hatte, dann mussten sie eben einen Schnitt machen.

Leif erschrak sich vor sich selber. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, sich von Vik zu trennen! Das wollte er auch nicht, denn er liebte ihn! Er war der Mann, mit dem er alt werden wollte oder ewig jung bleiben, wie man das auch immer sehen wollte. Doch nun war JJ da und das sollte auch so bleiben.

Er wollte beides, das konnte doch so schwer nicht sein!

„Hörst du dir mal selber zu?" Frank sprang auf und die beiden Kinder sahen sich erschrocken zu ihnen um.

„Reiß dich zusammen", zischte Jochen und drückte Frank mit einer Kraft wieder nieder, die man dem zarten Jochen gar nicht zugetraut hätte. Doch er war nicht umsonst der dominante Part in seiner Ehe.

„Hast du ihm diese Flausen in den Kopf gesetzt? Dass er den Jungen behalten soll? Nur weil du ein Kind groß ziehst? Bedenkst du mal, was dein Job ist? Wer Tiara ist und so weiter? Das kannst du nicht eins zu eins auf Leif übertragen. Was bei euch gut ging, kann hier ziemlich schief gehen. Dafür eine funktionierende Beziehung und eine Firma aufs Spiel zu setzen, ist Mist!" Frank hatte keine Lust, sich von der heilen Welt der Illusionen hinreißen zu lassen. Er war Realist. Er hatte zu oft gesehen, wie der Kinderwunsch von Freunden und Bekannten in einem Drama geendet hatte!

Bei Leif hing da noch etwas mehr dran als nur sein Ego!

„Ach daher weht der Wind, du hast Sorge um die Firma. Sag das doch!", knurrte Leif und sah Frank eindringlich an. „Ich habe dir gesagt, daran wird sich nichts ändern. Zur Not steige ich ganz aus den Verträgen aus und Vik macht das alleine. Er ist gut darin, das weißt du so gut wie ich. Ich bin eh mehr das optische Aushängeschild und der Name." Da mussten sie sich nichts vormachen. Wenn Leif auch ein guter Geschäftsmann war, sein Name und sein Engagement öffneten ihnen mehr Türen als ihr Können. Er gab der Firma einen Hauch von Seriosität, einer der Gründe, warum sie sich von anderen abhob.

„Ich werde meine Leute nicht hängen lassen!", erklärte er ziemlich angefressen darüber, dass Frank das überhaupt denken konnte. „Ich habe die Verantwortung für euch übernommen, als ich euch Verträge gegeben habe. Jeder, der für mich arbeitet, tut es, weil er in seinem Job spitze ist, Frank und das weiß ich zu schätzen. Diese Firma wird weiter laufen. Nur werde ich mich nicht mehr vor der Linse tummeln und wenn es möglich ist, werde ich mich auch aus den Verträgen und Büchern zurückziehen. Aber ich werde weiterhin mein Bestes für diese Firma geben, denn ich habe sie, zusammen mit Vik, aus dem Boden gestampft. Sie ist wie ein Kind und ich werde nicht eines im Stich lassen wegen einem anderen. Aber du musst auch verstehen, dass ich JJ nicht hergeben kann."

Frank schüttelte nur den Kopf. Im Augenblick war mit seinem Chef nicht wirklich zu reden. Er konnte nur hoffen, dass Viktor ihn wieder zur Besinnung brachte, denn im Augenblick machte er den Eindruck, als wäre er Östrogen-geladen bis unter das Dach und seine Muttergefühle liefen Amok! „Ich muss", sagte er schließlich und erhob sich. Sein wütender Blick lag auf Jochen, dem er den ganzen Ärger wohl mit zu verdanken hatte. Doch jetzt noch einmal verbal zuzuschlagen brachte Leif wohl nur noch mehr gegen ihn selber auf, also begnügte sich Frank mit einem festen Blick, der unmissverständlich klar machte, dass dieses Thema noch lange nicht vom Tisch sei. „Wann wirst du dich wieder blicken lassen?"

„Morgen", erklärte Leif. „JJ kann auch im Büro spielen. Da ist nichts Anstößiges zu finden, was ihm schaden könnte und ich kann mich um einiges kümmern." Leif sah das jetzt nicht so tragisch und Frank verbiss sich jeden Kommentar.

„Tschüs dann", und dann ging er. Die beiden Kinder sahen ihm nur fragend nach. Leif erhob sich ebenfalls und kam zurück zur Couch, Jochen folgte ihm. Da hockte JJ und hielt Gustav an den Ohren, während Tiara das Schaf knuddelte und streichelte. JJ sah etwas resigniert aus, so als hätte er nicht nein sagen können, doch ganz konnte er Gustav auch nicht hergeben.

Als sich Jochen wieder zu ihr setzte, guckte sie ihn an und kam dichter. „Redet der Junge nicht?", wollte sie wissen und ließ das Schaf los. Auf Jochens Schoß sitzend wandte sie sich JJ und Leif wieder zu.

„Nein, er spricht nicht", sagte Leif und ließ JJ etwas dichter kommen. Doch so zutraulich wie Tiara war er bei weitem nicht. Er zog nur endlich seinen Gustav wieder zu sich, klammerte sich fest und guckte die anderen an. Man sah ihm nicht an, ob es ihm gut ging oder ob er sich nicht wohl fühlte. Sein Blick war undeutbar. Das machte Leif irgendwie auch Sorgen. Er hatte gar kein Gespür für das Kind, doch er war sich sicher, das kam noch.

„Warum nicht?", wollte Tiara wissen und Leif zuckte die Schultern. Er wusste es nicht.

„Vielleicht hat er ja noch etwas Angst, weißt du, er ist gestern erst von weit weg hier her gekommen. Ganz alleine. Ohne seine Eltern", sagte Jochen leise und Tiara nickte.

Sie versuchte wohl gerade sich vorzustellen, auch alleine zu sein. Ihr Gesicht zeigte, dass ihr dies wohl nicht gefiel. „Alleine sein ist doof", stellte sie nur fest und Leif grinste schief. Ja, alleine sein war doof, deswegen würde er auch nicht zulassen, dass JJ alleine war.

Der erhob sich gerade und verschwand mit Gustav wieder im Bad. Jochen und Leif sahen ihm nach. „Er ist still", sagte die Visagistin nachdenklich und Leif erklärte kurz, was der Anwalt alles gesagt hatte. Wieder sah Jochen zur Badtür. „Ich kenn mich mit Sektenopfern nicht aus, aber ich würde sagen, wirklich Angst hat er nicht. Er wirkt unsicher, aber nicht verängstigt."

„Hm." Wirklich weiter brachte das Leif auch nicht, aber er lächelte warm, als JJ und Gustav wieder über das Parkett zu ihnen geschlurft kam.

„Hast du morgen ein bisschen Zeit?", wollte Leif dann plötzlich wissen und Jochen hob eine Braue. „Was hast du vor?"

„Shoppen und jede Menge Geld ausgeben und da du weißt, was ein Kind an Klamotten braucht und das Zimmer muss eingerichtet werden und so... Vik rastet aus, wenn er bei uns im Bett liegen wird", lachte Leif leise und stellte sich das vor, wie JJ mit seinem Schaf im Arm in der Mitte des Kingsize lag, Vik knurrte mit einer Dauerlatte und Leif schlief zufrieden. Dieses Bild konnte ihn durchaus amüsieren. Das Lachen würde ihm aber spätestens dann vergehen, wenn Viktor wirklich hier war. Leif konnte nur für ihn hoffen, dass Viktor sich zu benehmen wusste und nicht vor dem Kleinen anfing zu brüllen. Dann hatte er nämlich schlechte Karten und eine leere Betthälfte, weil Leif und JJ in einem der Gästezimmer nächtigten.

„Ja, ich glaube schon", sagte Jochen. „Welches Zimmer willst du denn herrichten?"

„Weiß noch nicht. Lass uns hoch gehen."

Jochen nickte. „Aber die Treppe ist gefährlich, Leif, unterschätze das nicht. Schön luftig und offen. Wenn er da abrutscht hast du ein Problem. Vielleicht wäre es besser, er könnte hier unten..."

„Wir haben hier unten aber kein Zimmer, Jochen, das ist das Problem. Mir wäre es auch lieber, er müsste nicht die Treppen hoch und runter ... Wenn ich mir vorstelle, er bekommt nachts Angst, keiner ist da und er sucht mich."

„Dann schlaf mit oben", war für Jochen die einzige Konsequenz, als sie langsam über das Parkett zur Treppe gingen. Tiara folgte und zum Schluss kam auch JJ, als Leif ihn rief.

„Vik bringt mich um", lachte Leif und kniete sich zu JJ runter. „Wollen wir dir ein Zimmer suchen, Kleiner?"

JJ schien nicht zu verstehen, doch er nickte, seine Lippen pressten sich hart aufeinander. So nickte Leif nur und reichte JJ die Hand. „Ganz vorsichtig, schön gucken, wo du hin trittst, ja?"

„Du wirst nicht drum herum kommen", sagte Jochen nur, als er mit Tiara vorging. JJ sah ihnen nach und hielt sich an Leifs Hand fest, als sie ihnen folgten.

„Du kannst ihn doch nicht in ein fremdes Zimmer stecken und alleine lassen. Das geht nicht, Leif." Jochen wusste, wovon er redete. Als Tiara zu ihnen gekommen war, hatte sich auch bei ihnen einiges ändern müssen. Doch man war gern bereit Kompromisse zu machen, solange es zum Wohle der Kleinen war.

Leif selber sah das auch so, aber Viktor, der tagelang auf seinen Schatz verzichtet hatte, sah das definitiv nicht so! Das würde noch ein Kampf werden.

Oben angekommen öffnete sich ein einladender Flur mit sechs Türen. Drei davon waren Bäder, drei waren Gästezimmer. Sie sahen in jedes rein und JJ sollte sich umsehen. Doch sie waren alle gleich. Ein großer Futon und ein paar geschmackvolle Möbel in einem unaufdringlichen Ambiente. Zum Schluss war das mittlere Zimmer genommen worden. Es war am besten geschnitten, ließ sich gut strukturieren.

„Ich muss dann", sagte Jochen, als sie wieder unten waren. „Peter kommt bald von der Arbeit und wir müssen noch kochen, nicht wahr Prinzessin?" Tiara nickte sehr wichtig. Denn sie durfte immer mit kochen. Es ging mehr schlecht als recht, aber sie fühlte sich groß und wichtig dabei und sie hatte Spaß daran. Für ihre sieben Jahre war sie schon ziemlich selbstbewusst. Nicht aufdringlich altklug, aber sie ließ sich auch nicht die Butter vom Brot klauen.

„Tschüss!", rief sie noch zu JJ und der winkte mit einem zaghaften Lächeln. Tiara winkte zurück und Leif fühlte sich seinem Ziel wieder ein ganz kleines Stückchen näher.


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Was tat man mit einem Kind, wenn es sich langweilte und der ganze Haushalt gar nicht auf ein Kind eingestellt war? Hunger hatte JJ nicht, das hatte Leif schon rausbekommen. Aber den ganzen Tag nur das Stoffschaf zu knuddeln war sicherlich auch kein Lebensinhalt. Allerdings hatten sie noch kein Spielzeug im Haus und was man als Spielzeug hätte bezeichnen können, das war definitiv nichts für Kinder!

Also hatte sich Leif kurzerhand ein paar Online-Kinderbücher ausgedruckt und nun saßen sie auf der großen Couch, Leif las vor und JJ hörte zu. Er hockte neben dem großen Blonden, hatte das Schaf wie eine Mauer zwischen sie gelegt und guckte immer wieder auf Leif. Anfangs hatte er noch wie auf dem Sprung gewirkt, mittlerweile schien er sich etwas beruhigt zu haben. Er hörte zu und hatte wohl auch Interesse. Zumindest bildete Leif sich ein, dass die großen Kinderaugen ein bisschen leuchteten.

Immer wieder huschte Leifs Blick auch zur Uhr. Bald musste Viktor kommen. Er hatte eine SMS geschickt, dass er in Tegel gelandet war. So lange brauchte er nun auch nicht mehr vom Flughafen bis hier her. Leif hatte überlegt, wie er Viktor entgegen treten sollte, ob er ihn abfangen sollte, erst mal alleine mit ihm reden, ehe er ihm JJ zeigte oder ob er gleich mit JJ - aber was, wenn Viktor gleich anfing zu brüllen? Für den Kleinen war das bestimmt nicht angenehm, solch eine Erfahrung zu machen. Er sollte sich hier doch wohl fühlen!

Aber Leif las einfach weiter, er hatte beschlossen: JJ blieb wo er war, er sollte sich nicht verstecken. Noch gehörte diese Wohnung Leif und wenn es Viktor nicht passte, wer sich darin befand, hatte er immer noch die Option zu gehen. Zwar hoffte er inständig, dass es nicht so weit gehen würde, weil der Kleine auch Viktors Herz erweichte, aber in der letzten Konsequenz würde sich Leif wohl für den entscheiden, der seine Hilfe brauchte und das war nun einmal der Junge. Viktor würde es verstehen - zumindest hoffte Leif das.

JJ hatte sich, nachdem er sich immer wieder mit einem Blick bei Leif versichert hatte, dass es wirklich okay war, ein paar Trauben vom Tisch geholt, nun kuschelte er sich wieder an das Schaf und hörte Leif weiter zu. Der hatte sich das alles irgendwie schwieriger vorgestellt. Der Kleine war eigentlich das perfekte Kind. Er war schon sehr selbstständig, kein bisschen quengelig, er hörte aufs Wort und er war zuckersüß! Leif war sich sicher, Viktor würde es verstehen. Viktor war nicht dumm und vor allen Dingen war er kein Unmensch. Er würde es verstehen. So oft wie Leif sich das vorsagte, merkte er gar nicht, dass er versuchte, sich das einzureden. Er war nervös, er hatte nämlich keinen Schimmer, was passieren würde. Und dieser Umstand erschreckte Leif, ziemlich sogar. Er hatte immer geglaubt, er würde seinen Geliebten kennen, nicht nur in- und auswendig, sondern auch im Herzen. Doch dessen Reaktion auf das Kind war von Leif nicht vorausgesehen worden.

So verging noch eine halbe Stunde, dann war der Augenblick der Wahrheit da, denn der Fahrstuhl zeigte an, das jemand kam, der die Zugangsberechtigung hatte und nicht klingeln musste, um eingelassen zu werden. „Viktor kommt", erklärte er JJ und legte die Blätter weg. Sein Herz schlug wie wild, während sich JJ mit Gustav in die Ecke der großen Ledercouch zurückzog, irritiert und etwas ängstlich, denn er hatte deutlich gespürt, dass die Ankunft dieses Viktors Leif Sorgen bereitete. Was war das für ein Mann? Neugierig lugten nur die Haare und die Augen über die Lehne, als Leif zur Tür ging, um seinen Freund zu erwarten. Das erste Mal in seinem Leben wusste Leif nicht, ob er Viktor in die Arme schließen sollte oder nicht. Vorher war das nie eine Frage gewesen. Sie waren sich meistens nicht nur in die Arme gefallen, sondern schlussendlich schwitzend und stöhnend auf dem Parkett gelandet. Doch heute war alles anders - ganz anders.

Nervös kaute Leif auf seiner Unterlippe, als die Türen sich öffneten und sich die beiden wieder gegenüber standen. Viktor nahm seinem Geliebten die Entscheidung nicht ab, denn auch er stand unschlüssig in der Tür und sah Leif an, hatte auch im nächsten Augenblick den Jungen entdeckt und seine Augen verfinsterten sich.

„Hallo", erklärte er und trat an Leif vorbei in den Raum. Kurz hauchte er ihm einen Kuss auf die Wange und ließ seine Tasche fallen. Er warf die Jacke von sich, die auf der Tasche landete und ging auf JJ zu. Leif beeilte sich, vor Viktor wieder an der Couch zu sein, auch wenn er nicht glaubte, dass Vik dem Jungen etwas tun würde. Sicher war er sich nicht und das tat irgendwie weh.

„Lass ihn, rede mit mir!", forderte Leif und Viktor wandte sich zu ihm um. Noch einmal musterte er JJ, dann knurrte er Leif an.

„Was soll das?", wollte er wissen und deutete dabei auf den verschreckten Jungen, der gerade sein Schaf griff und ins Bad flüchtete. Dieser Kerl war ihm nicht geheuer! Die ganze Ausstrahlung, die er an den Tag legte, machte JJ einfach nur Angst. Man hörte das Schloss und dann stand Leif nur da.

“Prima, Vik. Echt! Benutz doch mal deinen Kopf!", knurrte Leif und wollte JJ hinterher, um ihn zu beruhigen, doch Viktor griff sich seinen Verlobten, warf ihn auf die Couch und brachte sich über ihn.

„Leif, du strapazierst meine Nerven und zwar heftig!", knurrte er und zwang seinem Geliebten einen Kuss auf. Er hatte ihn vermisst, verdammt! Er wollte mit ihm allein sein, sich mit ihm austoben! Ihn selber störte es nicht, ob das Gör dabei zuguckte oder nicht. Er war es gewohnt, beim Sex bespannt zu werden, egal von wem. Doch er spürte deutlich, dass Leif seine Avancen nicht gerade begrüßte.

„Lass die Scheiße!", fluchte der, „ich muss nach JJ sehen!" Er wand sich unter Viktor, schob ihn schlussendlich einfach von sich und erhob sich, doch Viktor zog ihn zurück.

„Jetzt bleibst du hier, verdammt noch mal! Wir haben zu reden!" Viktor war schon wütend gewesen, als er gelandet war, seine Wut war mit dem Stau, in dem er hängen geblieben war, noch gewachsen. Dass sein Verlobter sich neuerdings bei Sex allerdings so sträubte, ließ ihn geradezu explodieren. „Du kannst nicht einfach so was Schwerwiegendes entscheiden und festlegen, dass jeder jetzt damit zu leben hätte, was du eingerührt hast", knurrte er, erhob sich aber von Leif, den es schmerzte zu spüren, wie sich sein Geliebter gegen ihn zu wehren versuchte, ihn geradezu von sich treiben wollte. Es tat einfach nur weh, denn es war ungewohnt. Aber Viktor hatte auch seinen Stolz, er hatte es nicht nötig, sich jemandem aufzuzwingen. Also saß er einen Augenblick später auf einem der Sessel und blickte Leif herausfordernd an.

„Wie hast du dir das vorgestellt, hm? Wie glaubst du, wird es weiter gehen? Der Kerl kann hier nicht bleiben. Du arbeitest, du bist unterwegs. Du bist jetzt das Aushängeschild für die Aids-Stiftung, du hast eine Firma am laufen, du hast eine Beziehung, die sich gerade etwas außen vor fühlt und deine Filme sollten vielleicht auch weiter gedreht werden, wenn du das bisher eingearbeitete Geld nicht verlieren willst. Denkst du in deinem Kinderwahn auch mal nach?"

Leif verdrehte nur die Augen, sortierte sich auf der Couch aber ebenfalls in eine sitzende Position und knurrte nur. „Schön dass du jetzt die gleiche Leier abziehst wie Frank, dann werd ich dir auch mal das gleiche sagen. Ich suche morgen ein Kindermädchen, das mich unterstützen wird. Frank bekommt einen Sekretär und die Filme werden fertig gedreht. Ich weiß noch immer nicht, wo ihr alle das Problem seht!", erklärte der Blonde trotzig und sein Blick ging wieder zur Tür. Er machte sich Sorgen, weil JJ gar nicht wieder kam. Er wollte sich erheben, doch ein herrisches: „Bleib!", ließ ihn noch in der Bewegung verharren.

„Verdammt noch mal, Leif! Wir unterhalten uns! Da kannst du nicht einfach weggehen. Der Kerl wird sich darinnen schon nichts tun!" Viktors Wut war kaum noch zu steigern. Da nahm er sich vor, mit seinem Verlobten ruhig zu reden, da versuchte er, mit ihm zu argumentieren und dann brachte der immer irgendwelche Totschlagargumente, die hinten und vorne keinen Sinn ergaben und wenn man sie genauer betrachtete, weder Hand noch Fuß hatten und dann war er ziemlich schnell fertig mit Viktor. Aber so ging das nicht, denn wenn Leif vorhatte, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen, dann hatten sie alle ein Problem.

Nicht, weil Viktor dann mit einem neuen Partner vor der Kamera arbeiten musste, das tat er auch so. Das war nicht das Problem. Leif war das Zugpferd, er war das Aushängeschild der Firma. Wenn er ging, ging der Ruf, dann ging die Galionsfigur und ob 'Water Rats Inc.' das wirklich unbeschadet überstehen konnte, stand wirklich noch in den Sternen. Aber Herrn Drieschner störte das ja gar nicht. Der zelebrierte hier sein Mutterglück und war noch sauer darüber, dass nicht jeder seine sinnleere Euphorie teilte. So viel Arroganz und Egoismus war doch wirklich das allerletzte.

Leif hingegen hatte Viktors letzte Worte keiner Antwort gewürdigt und war einfach aufgestanden. Auch er wurde langsam ziemlich wütend und ehe er jetzt Dinge sagte, die er morgen oder in einer Woche bereute, sagte er vorerst mal lieber gar nichts, sondern ging nur zum kleinen Bad rüber und klopfte vorsichtig.

„Hey, Kleiner. Komm wieder raus, ja?", versuchte er es. Er spürte genau die Blicke in seinem Rücken, wie sie durch das Hemd stachen, seine Haut verbrannten. Er spürte sie genau und sie taten auch weh, doch Leif hatte sich entschieden, er musste das jetzt durchziehen, vielleicht zog auch Viktor irgendwann mit. Er musste ihm nur zeigen und klar machen, wie wichtig Leif dieses Kind war. Es war nicht irgendein Kind, er war sein Neffe. Irgendwie auch sein Fleisch und Blut, in entfernter Hinsicht. Wenn er nur beharrlich genug war, dann würde Viktor schon einlenken, wie bei so vielen Dingen, die anfangs zwischen ihnen gestanden hatten und nun selbstverständlich waren. Mit JJ würde es nicht anders sein, denn der liebe, kleine Kerl war auf seine schüchterne Art ein richtiger Herzensbrecher. Das würde Viktor schon noch merken.

„Lass die Scheiße, du machst dich doch lächerlich!", zischte Viktor von der Couch. Er konnte dieses Bild einfach nicht ertragen.

Leif schoss herum. „Wenn du nichts Hilfreiches von dir geben kannst, halt die Klappe, klar?" Schon als er die Worte gesprochen hatte, taten sie Leif wirklich leid, doch so stur wie Viktor war, konnte Leif auch sein. Er nahm sie nicht zurück, er entschuldigte sich auch nicht dafür, sondern klopfte nur immer wieder an die Tür, redete leise, bis JJ die Tür aufmachte und heraus guckte. Sein erster Blick ging gleich vorbei an Leif zu Viktor. Man sah ihm an, dass er Angst hatte.

Leif schluckte seinen Ärger runter, lächelte JJ an und streckte die Arme nach ihm aus. „Na komm her, kleine Maus."

„Ich muss gleich kotzen!" Viktor schoss hoch und JJ wich erschrocken zurück. Man sah ihm zu deutlich an, wie suspekt ihm dieser Schwarzhaarige war. Er ließ Viktor nicht aus den Augen, solange wie der durch das Penthouse ging. Er beeilte sich auch nicht dabei. Sollte dieses Gör doch Angst vor ihm haben, der würde ziemlich schnell merken, dass er hier nicht erwünscht war.

„Geh baden", zischte Leif ihm nur zu.

Man sah Viktor deutlich an, dass er noch eine Replik auf der Zunge hatte, doch er schluckte sie runter und im nächsten Augenblick schlug die Tür vom großen Bad zu. Der Knall ließ beide zusammenzucken. Leifs Kopf sank etwas tiefer und JJ kam einen Schritt weiter aus seinem Bad raus. Leif grinste schief. „Ist doch besser gelaufen, als wir gedacht hatten, hm?"

JJ zog die Nase kraus und legte den Kopf schief. Ihm war das immer noch suspekt.

„Weißt du was, Maus. Wir werden jetzt zu Abend essen, dann duschen und dann ins Bett gehen, hm? Dann lese ich dir noch was vor und dann schlafen wir. Was hältst du davon?" Leif wusste selber, dass er keine Antwort bekommen würde, aber er wollte trotzdem mit JJ reden. Kommunikation war wichtig. Vielleicht teilte sich der Kleine ja auch mal irgendwann mit.

Er musste Geduld haben. Das ging nicht von heut auf morgen. Viktor war da auch das beste Beispiel.

JJ nickte nur, essen klang gut. Der fremde Mann war erst mal weg und Leif lobte sich stumm selber dafür, dass er alle Zimmer dieses Penthouses hatte schalldicht isolieren lassen. Er war sich ziemlich sicher, dass Viktor gerade tobte und wütete und Leif Dinge an Stellen wünschte, die Leif besser nicht kannte. Er wusste es genau, denn Viktor konnte jähzornig sein. Aber er hatte sich meistens so unter Kontrolle, dass kaum einer etwas mitbekam. Er ging aus dem Zimmer, um sich auszutoben und Leif schätzte das auch an ihm. Er musste mit ihm reden.

Wenn JJ eingeschlafen war, mussten sie noch einmal in Ruhe reden und vielleicht brachte ihn auch ein Quickie wieder auf andere Gedanken.

Viktor indes hockte im Bad auf dem kleinen gemauerten Vorsprung und versuchte sich wieder zu beruhigen. Er hoffte ja immer noch darauf, dass sein Verlobter zur Besinnung kam und begriff, was für ein riesen Hirngespinst er gerade abzog. Wie konnte das sein, dass er nicht einmal geküsst wurde. Vom Sex ganz zu schwiegen. Sie hatten sich vier Tage nicht gesehen. Hatte Leif denn gar keine Sehnsucht nach ihm gehabt? Hatte er ihn denn gar nicht vermisst? War er jetzt nur noch zweite Wahl, weil sein Verlobter sich dieses Balg in den Kopf gesetzt hatte? Damit kam sein Ego einfach nicht klar. Wie konnte er hinter diesem kleinen Bastard so abstinken?

Eigentlich hatte Viktor darauf gehofft, dass Leif ihm nachkam, dass er sich entschuldigte, für das, was eben passiert war und sie sich im Wasser vergnügten. Doch die Tür blieb zu. Leif kam nicht, um sich zu entschuldigen. Sicher buhlte er um die Gunst von diesem Wanst. Sein Verlobter hatte sich verändert! Noch vor ein paar Tagen war für ihn Sex das Wichtigste gewesen, was es gab. Nicht dass sie es immer und überall getrieben hätten, aber sie hatten das Feuer knistern lassen, hatten sich mit Blicken gesagt, was noch zu holen war. Heute waren die Blicke leer gewesen. Da war nichts zu holen, außer einer Abfuhr und das passte Viktor nicht in den Kram. Er flog um die halbe Welt, damit die Produktionen weiter gingen und sein Verlobter hatte nichts Besseres zu tun, als sich ein Kind zuzulegen und alles andere in den Dreck zu kippen!

Während Viktor im Bad also seine Gedanken von rechts nach links und links nach rechts wälzte, ohne wirklich an ein Ziel zu komme, hatte Leif was zu futtern geordert. Nudeln und Tomatensoße und ein bisschen Pizza und lauter Dinge, von denen er glaubte, dass Kinder sie mochten und JJ sie aß. Sie mussten wohl erst mal raus bekommen, was der Kleine mochte und was nicht. Er ließ ihn einfach wieder auswählen und JJ suchte sich ein Stück Pizza und ein Löffel voll Nudeln aus, setzte sich wieder an den Couchtisch, wie er es schon von vorhin gewohnt war und richtete sich selber die Kissen zurecht. Leif grinste zufrieden. Clever war der Kleine ja.

„Ich frag mal Vik, ob er mit essen mag, hm?" Leif sah JJ fragend an, der wirkte unschlüssig, lehnte aber nicht ab. Leif lächelte und wuschelte JJ durch die Haare. „Ich bin gleich wieder da, kleine Maus", und schon war er an der Tür, klopfte leise und öffnete sie nur einen Spalt, damit Viktor ihn hören konnte.

„Essen ist da, willst du mit uns zusammen..."

„Ich esse später", würgte Viktor gleich die Frage seines Verlobten ab und Leif fühlte sich gekränkt. Also sagte er nichts mehr und schloss die Tür wieder. Wenigstens die Grundregeln des Anstandes hätte Viktor wahren können, aber dazu fühlte der sich wohl nicht mehr in der Lage. „Egomane", knurrte Leif nur leise und ging zu JJ rüber, lächelte ihn an und so ließen sie es sich eben alleine schmecken. Von Viktor ließ er sich nicht die Suppe versalzen! Der wollte schmollen? Aber gern doch - dieses Spielchen konnte man auch zu zweit spielen.

Sie aßen in Ruhe und JJ wirkte sichtlich zufrieden. Und weil Viktor immer noch im großen Bad hockte und sich dort wohl heute auch nicht mehr wegbewegen wollte, zuckte Leif nur mit den Schultern. „Duschen und ins Bett?", fragte er JJ noch mal und der guckte ihn weniger begeistert an. Selbst Gustav guckte so, als wäre er noch nicht bereit ins Bett zu gehen. Leif lachte. „Ich komm mit und les dir noch was vor, hm?"

JJ dachte noch darüber nach, doch dann nickte er. Also verschwanden sie im Bad. Leif ließ in die etwas tiefere Duschwanne den Stöpsel schnipsen, damit sich das Wasser staute und so konnte JJ auch baden. Er war klein genug, damit sich das gestaute Wasser schon lohnte. Zusammen mit einem Seifenschälchen spielten sie eine Weile Schiffe versenken, doch dann musste JJ gewaschen werden, wurde in seinen Schlafanzug verfrachtet und Leif nahm ihn auf den Arm, ohne dass der Junge sich wehrte. Ein gutes Zeichen, zumindest hoffte Leif das. Gustav, der bei allem zugesehen hatte, wurde auch noch geschnappt und so ging Leif mit dem Kleinen nach oben.

Er konnte sich denken, dass Viktor ihn suchen würde, wenn er aus dem Bad kam, doch er wollte jetzt auch bockig sein. Es stank ihm ziemlich, dass Viktor sich aufführte wie ein Kind. Es ging nicht nach seinem Kopf, also wurde geschmollt, dass die Wände wackelten. Er ging mit JJ in das Zimmer, dass der Kleine sich ausgesucht hatte und deckte das Bett auf. JJ schob Gustav vor sich her, als er sich durch das große Bett wühlte und deckte als erstes mal das Schaf zu. Das hatte ja auch einen schweren Tag gehabt und musste jetzt schlafen. Leif hörte genau wie der Kleine etwas murmelte, aber nur ganz leise. Man konnte es wirklich kaum wahrnehmen.

„Maus, ganz still sitzen bleiben, ja? Ich hole schnell die Geschichte. Aber du musst wirklich hier sitzen bleiben, ja?" Er hatte einfach Angst, dass JJ ihm folgte und er sich an der Treppe oder dem filigranen Gitter der Galerie etwas tat. Der Boden lag immerhin fast fünf Meter tiefer. Das konnte böse enden. Doch JJ nickte nur, kuschelte Gustav einfach fester in die Decke ein und schmiegte sich an ihn, zeigte so, dass er warten würde.

Also hastete Leif schnell nach unten, griff sich JJs Tasche und die Geschichte und machte dann, als er oben war, die Tür hinter sich zu. Sanft lächelte er JJ an und kroch unter die andere Decke. Wenn der Junge seine Nähe wollte, musste der das selber entscheiden. Auf jeden Fall wollte Leif ihm nicht auf die Pelle rücken.

Leise fing er an vorzulesen und JJ sah ihn immer wieder dabei an, kuschelte sich etwas dichter und ab und an fielen ihm die Augen zu.

Undeutlich durch die Isolierung hörte Leif, dass Viktor ihn suchte, doch das war ihm jetzt auch egal. Er war sauer wegen der Behandlung, die er erfahren hatte und so las er einfach weiter, sah Viktor nur vorwurfsvoll an, als der die Tür aufriss und JJ erschrocken den Kopf hob.

„Hier bist du. Was soll das!", wollte Viktor wissen, doch Leif knurrte nur, er solle gefälligst unten warten.

„Nicht ehe du mir nicht erklärst, was der Mist soll!" Viktor baute sich in der Tür auf und instinktiv kroch JJ dichter an Leif heran. Der strich ihm beruhigend durch die Haare.

„Siehst du nicht, dass du ihm Angst machst? Ich lese ihm etwas vor, damit er einschläft. Und je länger du ihn wach hältst, umso länger werde ich hier sitzen und lesen. Also, entweder wartest du unten, bis er schläft oder du wartest ewig."

Wütend wechselten sie noch einen Blick, dann war Viktor verschwunden. Leif wusste, dass er sich ziemlich anstrengen musste, um Viktor milde zu stimmen, doch er kannte da seine Tricks.

Aber erst mal las er weiter, bis JJ eingeschlafen war.


-19-

Es ging auf acht zu, als JJ endlich tief und fest schlief, so fest, dass Leif es wagen konnte, ihn eine Weile allein zu lassen. Wohl war ihm nicht dabei, denn die Treppe machte Leif Kopfzerbrechen, da musste er einen Weg finden. Zur Not musste eine Ecke des Wohnzimmers separiert werden mit Wänden und dann wurde daraus das Zimmer des Kleinen. Aber JJ allein mit dieser Treppe, das war nicht gut.

Er strich dem Kleinen noch einmal durch die Haare und legte ihm Gustav dichter in die Arme. Dann ging er leise aus dem Zimmer. Er war versucht gewesen, die Tür einen Spalt offen zu lassen, doch er wusste, was er mit Viktor noch vorhatte. Das war einfach nichts für Kinder! Das einzige, was Leif tun konnte, war den Bewegungsmelder auf dem oberen Flur zu aktivieren. Er hatte ihn einmal einbauen lassen, einfach nur aus Neugier. Er war mit der Lichtanlage im Haus gekoppelt und ließ das Licht im Schlafzimmer und ihm Wohnzimmer pulsieren. So konnte er sehen, ob JJ der Treppe zu nahe kam.

Viktor dürfte über eine solche Störung sicherlich nicht begeistert sein, aber immerhin war es nur zum Wohl des Jungen und das stand nun einmal auf der Prioritätenliste ganz oben. Leif löschte das Deckenlicht, ließ nur noch das kleine Licht an der Wand brennen. Ein letzter Blick auf das Zimmer.

Er wusste, er würde hier hin zurückkehren. Die Nacht wollte er hier verbringen, falls der Kleine wach wurde und nicht wusste, wo er war.

Leise schloss Leif die Tür und aktivierte, verborgen hinter einer fast unsichtbaren Tür in der Wand, den Bewegungsmelder, dann ging er langsam die Treppe hinunter. Auf der Couch lag Viktor und sah fern. Was blieb ihm auch anderes übrig? Er hatte sich seinen Abend irgendwie auch anders vorgestellt. Doch sein sturer Verlobter hatte ja nichts Besseres zu tun, als ein Gör in ihr Leben zu schleppen. Es war pure Absicht, dass er nicht reagierte, als Leif langsam die Treppe runter kam, denn er hatte ihn sehr wohl bemerkt, schon als er aus dem Zimmer des Jungen gekommen war. Doch Viktor wollte nicht reagieren. Das sah ja fast so aus, als hätte er nur darauf gewartet, dass Leif endlich Zeit für ihn hatte. So armselig war er dann auch wieder nicht.

Leif spürte ganz genau, dass Viktor jetzt schmollen wollte. Er ignorierte seinen Verlobten mit Hingabe und Leif wusste nicht so richtig, ob er nun ein schlechtes Gewissen bekommen oder doch lieber wütend werden sollte. Viktor benahm sich wie ein kleines Kind. Er bekam nicht was er wollte, also schmollte er. JJ tat das nicht!

„Hey Vik", rief er aber trotzdem, denn er mochte seinen Viktor trotz allem. Er musste einfach über seinen Schatten springen, wenn er das gleiche auch von Viktor erwartete. Sie mussten eben einen Kompromiss finden, wenn sie in Zukunft auch zu dritt hier glücklich werden wollten und Leif wollte das definitiv. Er hatte nicht vor, in der Beziehung irgendwelche Abstriche zu machen.

„Hey Leif", antwortete Viktor nur, doch er sah gar nicht vom Fernseher auf. Auf dem Rücken liegend machte er es sich noch etwas bequemer, schob die Arme unter den Kopf, um besser sehen zu können und konzentrierte sich ganz auf das bunte, flackernde Bild, das Entspannung geboten hatte. Aber nur so lange, bis sein Verlobter hier aufgetaucht war. Viktor wollte sauer sein, er hatte keine Lust, sich von Leif wieder voll quatschen zu lassen, was er zu tun hätte und was nicht. Nach vier Tagen endlich wieder nach Hause zu kommen und von seinem Verlobten am ausgestreckten Arm regelrecht verhungern gelassen zu werden, das hatte er definitiv nicht vorgehabt. Aber Leif hatte das ja für sich entschieden. Jetzt wollte Viktor auch nicht mehr.

„Kannst du mich auch mal angucken!", knurrte Leif, als er vor der Couch stand und Viktor doch allen Ernstes seinen Kopf drehte und wendete, nur um an Leif vorbei sehen zu können. Das durfte doch jetzt nicht wahr sein! Doch Viktor schmollte weiter. Er sagte keinen Ton und machte nur einen langen Hals, um weiter Nachrichten sehen zu können. Dann wurde es Leif zu viel und er schaltete den Fernseher aus, so dass er auch mit der Fernbedienung nicht wieder aktiviert werden konnte.

„Leif, was soll der Mist, ich wollte das ansehen!", knurrte Viktor. Nun lag sein Blick auf der großen Glasfront und er machte Leif nur noch wütender.

„Und ich wollte mit dir reden, verdammt!"

Viktor seufzte. Ging das Gezanke und Gezeter jetzt von neuem los? Langsam wurde es ihm langweilig. Es kam doch sowieso immer nur das selbe von Leif: ich will, ich will, ich will. Du musst, du musst, du musst! Darauf hatte Viktor wirklich keine gesteigerte Lust mehr. Es würde sich doch nichts ändern. Jeder hatte seinen Standpunkt und keiner ging auch nur einen Schritt zurück. Es brachte nichts, sich wieder darüber zu streiten und vielleicht noch Dinge zu sagen, die man hinterher bereute. „Aber ich nicht, Leif. Es ist alles gesagt."

Leif holte tief Luft. Er hatte gerade das Gefühl, sich verhört zu haben. „Sag das noch mal!" Seine Hände schoben sich tief in die Hosentaschen und zogen sie nach unten. Aber das war bestimmt keine Absicht gewesen, um Viktor zu ködern, denn der sah das ja sowieso nicht. Außer Leif würde sich vor die Glasfront stellen, doch das hatte der wiederum nicht vor.

Viktor seufzte und richtete sich auf. „Hör mal zu, Leif, ich habe keine Lust mit dir jetzt darüber zu diskutieren. Das bringt doch nichts. Du hast deinen Standpunkt, ich meinen. Du willst ihn, ich nicht. Wie wäre es, du lässt mich erst mal mit der aktuellen Situation zu Recht kommen, ehe wir weiter diskutieren?" Viktor versuchte wirklich, dabei höflich zu bleiben, nicht zu knurren, nicht zu fluchen, auch wenn ihm einige davon auf der Zunge lagen.

Aber Leif schien auf Krawall gebürstet. Er machte Viktors Bemühungen, sich nicht im Ton zu vergreifen, ziemlich schwierig.

„Wie kannst du sagen, dass du ihn nicht hier haben willst. Hast du dir den Kleinen mal angesehen? Er ist doch total niedlich!" Leif gab nicht auf, er wollte die ganze Angelegenheit jetzt geklärt haben. Er war immer so. Geduld war nicht Leifs Stärke. Er hatte Ausdauer, wenn er etwas wollte. Aber Geduld hatte er nicht. Er konnte nicht bis morgen warten, wenn etwas in seinen Augen auch heute noch erledigt werden konnte. So wie dieses Gespräch. Alles, was er wollte, war Viktors Okay, mehr nicht. Warum begriff der sture Hund das nicht?

„Leif, der Junge ist kein Haustier. Er sollte nicht nur hier sein, weil er niedlich ist. Klar? Du kannst doch die ganze Tragweite dessen noch gar nicht absehen. Du glaubst, er ist bei dir und alles wird gut, aber da haben vor allen Dingen die Behörden noch ein oder zwei Wörtchen mitzureden, die dir gar nicht gefallen dürften, Lazlo. Fangen wir doch gleich mal mit deinem Job an. Machen wir damit weiter, dass du schwul und mit einem Mann verlobt bist. Machen wir damit weiter, dass dem Jungen die weibliche Bezugsperson fehlen wird und jeder glaubt, er würde nun auch schwul und das will ja keiner. Machen wir mal damit weiter, dass du keine Zeit für ihn haben wirst, weil du eine Firma hast oder weil du eine Verpflichtung für die Aids-Stiftung eingegangen bist. Wie wäre es, du denkst auch mal..."

„Vik, halt die Klappe", knurrte Leif und sah nach oben, wo JJ hoffentlich friedlich schlief. Er hatte keinen Bock mehr, mit seinem frustrierten Freund alles durchzugehen. Leif hatte doch gesagt, er würde für alles eine Lösung finden und dann fand er sie auch, warum begriff das denn keiner? Er ging lautlos vor der Couch in die Knie und machte sich an Viktors Reißverschluss zu schaffen. Geschickt öffnete er den Gürtel, während seine Nase über den ziemlich unerregten Schritt strich. Viktor wirkte unausgeglichen, vielleicht ließ sich das mit ein bisschen Service wieder gerade biegen. Vielleicht war er dann auch etwas zugänglicher für Leifs Argumente.

Viktor brauchte ein paar Sekunden, bis er begriff, was wohl wirklich gerade passierte. Er schob Leif von sich und griff ihm in die langen, blonden Haare. Ungläubig starrte er seinen Verlobten an. „Leif, das ist jetzt nicht dein Ernst oder? Her kommen, Stress machen, rum brüllen und dann glauben, mit einem Blow Job ist alles wieder im grünen Bereich?" Viktor war außer sich vor Wut. Am liebsten hätte er Leif von sich geschubst und wäre gegangen, hätte gebrüllt und gewütet, doch er wusste, dass sein Schatz, im Gegensatz zu Viktor selbst, extrem nachtragend war. Da konnte Leif wie ein Elefant sein. Er kramte noch nach Jahren Begebenheiten hervor, von denen Viktor geglaubt hatte, die wären schon längst erledigt gewesen.

Leif hockte vor der Couch und sah zu Viktor auf. Der aggressive Blick war aus seinen Augen verschwunden und er sah seinen Verlobten einfach nur unbeholfen an.

„Vik, ich liebe dich und ich will dich einfach nicht verlieren. Verstehst du das nicht? Du bist mir wichtig, sehr, sehr wichtig. Aber JJ wird auch Teil meines Lebens sein und alles, was ich will, ist, dass du das verstehst", versuchte Leif zu erklären. Der Umschwung in seinem Begreifen war gekommen, als Viktor ihn gepackt hatte. Als wäre ein Schalter umgefallen, so als hätte er sich selbst mit fremden Augen gesehen und begriffen.

„Ich weiß, dass ich damit auch dein Leben über den Haufen geworfen habe und ich weiß ebenso, dass ich das nicht einfach hätte machen dürfen, doch... Vik, er tat mir so leid. Ich kann den Jungen nicht ins Heim geben, nicht wenn ich ihm ein Zuhause geben kann. Wir werden einen Weg finden, der uns alle glücklich macht, das verspreche ich dir, aber gib mir die Chance, es zu versuchen. Um mehr bitte ich dich nicht, Vik."

Der Schwarzhaarige wusste gar nicht, was los war. Leif war wie ausgewechselt und Viktor erwischte sich dabei, wie er sich fragte, ob es wieder nur eine Show war. Versuchte Leif nun auf andere Art und Weise zu bekommen, was er wollte? Viktor wurde unsicher und das gefiel ihm noch viel weniger. Er konnte Leif plötzlich nicht mehr einschätzen. Es war, als entglitt ihm sein Geliebter langsam aber stetig, unaufhaltsam.

„Leif, ich liebe dich auch und ich will nicht, dass dir einer weh tut. Aber das wird passieren, ich weiß es", erklärte er leise und strich seinem Schatz durch die Haare, über die Wange und die Lippen. Er sehnte sich so nach diesem Mann. Alles, was er wollte, war dessen Nähe. Warum ging das denn plötzlich nicht mehr?

„Vik, denk doch nicht immer nur, dass es schief geht. Warum kannst du nicht wie ich auch glauben und hoffen, dass es gut gehen wird?", wollte Leif leise wissen und schmiegte sich in die ihn streichelnde Hand. Er hatte sich so sehr nach diesen Berührungen gesehnt.

„Weil einer von uns beiden realistisch bleiben muss, Schatz. Ich kann nichts dagegen tun, dass du deine Welt auf den Kopf stellst, aber ich kann dafür sorgen, dass ein Kissen da sein wird, wenn du aus allen Wolken fällst, okay?" Viktor lächelte sanft und zog seinen Schatz zu sich. Leif folgte und ließ sich auf die Couch ziehen. Erst jetzt, wo er Viktors Nähe wieder spüren konnte, wurde ihm klar, wie sehr er sie vermisst hatte, wie sehr ihm diese Berührungen gefehlt hatten. Keiner kannte ihn so gut wie Viktor, keiner!

Mit einer geschickten Drehung hatte Viktor seinen Geliebten unter sich gebracht und seine Lippen fraßen sich sacht über die seines Freundes. „Lass mich wach bleiben, damit du träumen kannst", flüsterte er leise und begann damit, sich gegen Leif zu reiben. Plötzlich hatte er sehr wohl Lust darauf, Leif wieder zu spüren. Er war wieder so wie er ihn liebte und kannte. Das war wieder sein Leif. Viktor küsste sich über seinen Hals, das Gesicht. Er wusste, dass er Leif nicht zeichnen durfte, um sich zu vergewissern, dass er sein war. Man konnte solche Male kaum überschminken. Aber er wusste selbst, dass Leif nur ihm gehörte und mehr musste Viktor nicht wissen. Alles was zählte, war dieser Augenblick und ihre Nähe, ihre Liebe. Die Gewissheit, dass alles irgendwann ein gutes Ende nehmen würde.

Seltsam, es reichte diese Nähe, diese fremde und doch vertraute Wärme, um Viktor milde stimmen zu können. JJ war egal, dass er ihr Leben auf den Kopf stellen würde, war in diesem Augenblick total egal. Es war Wahnsinn, was für eine Wirkung Leif auf ihn hatte. Deswegen war es auch nicht verwunderlich, wie schnell Viktor das brennende Verlangen in sich verspürte, diesen makellosen Körper unter sich zu besitzen.

Fahrig zogen seine Finger an dem Hemd, was Leif trug, rissen es ihm vom Körper und sein Geliebter bäumte sich ihm immer wieder entgegen, half ihm dabei, den störenden Stoff abzuwerfen und es dauerte gar nicht lange, da war auch Viktor sein Hemd los. Die Hosen folgten ziemlich schnell und gingen, untermalt von heiserem Keuchen, zu Boden.

„Ich liebe dich, Vik", flüsterte Leif immer wieder. Denn so war es. Dieser Mann war sein Leben, sein Rückhalt, sein Teil zur Vollkommenheit. Er wollte ihn nicht verlieren. „Ich liebe dich so sehr." Leifs Stimme war leise und stockend, denn die brennenden Stürme, die sein Verlobter durch seine Adern peitschen ließ, nahmen Leif geradezu den Atem. Die Hitze, die Lust, die Gier. Viktor verstand es wie kein anderer auf ihm zu spielen und ihm in kürzester Zeit die höchsten Töne des totalen Genusses zu entlocken.

Es war, als würde eine Sucht befriedigt. Die Hormone, die durch Leif hindurch peitschten, trieben ihn. Seine Hände strichen über Viktors Leib, kratzten, kneteten, ab und an klatschten sie auf den mittlerweile nackten Hintern, denn er wusste, dass Viktor das mochte. Dieser schmale Grat zwischen Lust und Schmerz, wenn Leif seine Nägel in die Haut schlug. Sein Leib wölbte sich immer wieder, rieb sich heftiger an Viktor, mehr brauchte er fast gar nicht, um sich selbst zu puschen.

Sie waren beide viel zu ausgezehrt, um noch lange Spielchen spielen zu können. Viktor spürte es deutlich. Leifs Körper zitterte in seinen Händen, er keuchte, er stöhnte. Es hielt ihn bei jeder noch so kleinen Berührung kaum noch auf dem Leder. Seufzend musste er für sich begreifen, dass er Leif nicht so intensiv genießen können würde wie er es gern gehabt hätte, also musste er umdisponieren. Noch immer küsste er Leif ausgehungerte, trank die wohligen Laute von seinen Lippen als wären sie Nektar. Seine großen Hände liebkosten die glühende Haut unter ihm. Als würde er mit den Händen sehen, strichen seine Finger über die Landschaft von Leifs Körper, als hätte Viktor dies noch nie gesehen. Es war herrlich, berauschend und ging alles viel zu schnell. Mit einer Hand präparierte er sich und Leif, auch wenn es schade war, dass ihr Spiel viel zu schnell beendet sein würde, dass er die Chance, die sich ihm bot nicht länger auskosten konnte. Der heiße Atem auf seiner Schulter, als er Leif endlich aus ihrem Sinne raubenden Kuss entließ. Die Härte, die sich in Viktors Bauchdecke bohrte.

Mit jeder noch so kleinen Bewegung reizte er Leif weiter und er bäumte sich ihm entgegen. Viktor liebte es, Leif so unter sich zu haben, so devot, sich so intensiv anbietend. Jede seiner Zellen bettelte regelrecht um Erlösung.

„Vik." Leifs Stimme war hoch und schrill. Er konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Auch an ihm waren die abstinenten Tage nicht spurlos vorüber gegangen. Erst jetzt, wo er der Erlösung so nah war, begriff er, was ihm gefehlt hatte. „Bitte!" Seine Augen glänzten glasig und verspielt hastete er auf den Abgrund zu. Er wirkte so nah und doch war er noch so weit weg.

Viktor spürte deutlich, dass Leifs Muskeln begannen sich zu verkrampfen, also drängte er sich in den geliebten Leib und genoss es wie jedes Mal aufs Neue, Teil dieser unstillbaren Glut zu sein, Teil des Ganzen und Zeuge von Leifs Erregung. „Ich liebe dich", flüsterte Viktor nur, als er seine Lippen wieder auf die seines Verlobten legte, ihn ausgehungert um den Verstand zu bringen versuchte, während er dessen Körper mit seinem eroberte. Tiefer und tiefer, immer schneller und härter. Er hatte ihn so vermisst!

Seine Hände gruben sich in die schlanke Taille, hielten Leif, wo er war, damit er Viktor nicht entkommen konnte. Er legte all seine Kraft in die Stöße, weil er genau wusste, wie Leif es mochte. Heiseres Keuchen erfüllte für Augenblicke den Raum, dann trafen sich ihre Lippen wieder ausgehungert.

„Komm hoch", forderte Viktor stöhnend, er konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen, doch schon im nächsten Augenblick saß er selbst auf seinen Fersen und balancierte seinen erregten Geliebten auf seinem Schoß, drängte sich so noch intensiver in ihn und ließ Leif bestimmen, in welchem Rhythmus Viktor sich in ihn brachte. Kleine Bisse in Viktors Hals brachten ihn noch zusätzlich an den Rand des Abgrundes und als seine vorwitzigen Finger begannen, Leif über Rosette und Damm zu streichen, war alles vorbei.

Auch wenn Leif sich dabei auf die Lippen biss, so konnte er das zufriedene Grollen in seiner Kehle nicht verbergen. Gierig spürte er jeder Vibration nach, genoss es, wie die Energie langsam aus ihm heraus floss und langsam eine wohlige Stille und Ruhe zurückließ.

Viktor ging es nicht anders, das harte Massieren über seinen Schaft brachte ihn um den Verstand. Endlich hatte er wieder, was er so lange entbehrt hatte und ein zufriedenes: „Ja", ließ ihn nach hinten sinken. Noch immer balancierte er dabei Leif auf seinem Schoß, der sich nun an die aufgestellten Beine lehnen konnte und etwas zu Atem zu kommen versuchte.

So sollte es sein, nur sie beide - keiner, der sich zwischen sie drängte. Viktor lächelte. Vielleicht konnten sie ja doch einen gemeinsamen Weg finden. Seine Finger strichen über Leifs Brust und er strich durch den noch warmen Samen, strich ihn auf dem flachen Bauch breit und schmierte damit auch verspielt durch die blonde Scham. „Besser?", fragte er frech, als Leif langsam wieder die Augen öffnete. Träge sah er seinen Geliebten unter sich an.

„Ja, besser", lächelte er nur und ließ sich schwer nach vorn sinken, um Viktor zu küssen. Sie lagen noch eine ganze Weile einfach nur innig beisammen. Sie schwiegen, genossen die Nähe des anderen und trennten sich schweigend, als es Zeit war.

Viktor ging allein ins Schlafzimmer und Leif ging nach einer kurzen Dusche wieder hinauf zu JJ. Der Junge schlief noch tief und fest, an Gustav gekuschelt. Nur das Schaf sah Leif fragend an, als der sich auf die andere Seite des Bettes legte. Kurz strich der Blonde dem Schaf über die Schnauze, dann schloss auch er die Augen.

Mehr denn je war ihm klar, dass alles gut werden würde.

Alles würde gut!


-20-

Als Leif zu sich kam, war JJ schon lange wach. Doch wie gestern auch saß er und spielte mit seinem Schaf. Dieses Vieh schien sein Ein und Alles zu sein. Leif bewegte sich nicht, er beobachtete den Jungen einfach und lauschte, denn JJ schien sehr wohl reden zu können. Schließlich wisperte er immer wieder Gustav etwas ins Ohr, sah das Schaf verschwörerisch an und dann nickten beide. Ab und an sah JJ auch zu Leif rüber und betrachtete ihn neugierig, zuckte aber zusammen, als er merkte, dass der Mann neben ihm auch wach war. JJ rutschte etwas weiter ab, packte Gustav zwischen sie und guckte über den dicken Hintern vom Schaf auf Leif.

„Morgen, Kleiner", sagte Leif nur und ließ sich nicht entmutigen. Was erwartete er auch nach einem einzigen Tag? Vorsichtig streckte er eine Hand aus und beobachtete JJs Augen, wie sie der Hand folgten. Doch er rutschte nicht weiter ab, sondern ließ es zu, dass die Hand ihm sanft durch die Haare strich.

„Heute haben wir viel vor, Kleiner", erzählte Leif, doch er blieb liegen. Er wollte JJ einfach nur ansehen. Der Junge war so süß, wenn Viktor es erst einmal zulassen würde, sich den Kleinen genau zu betrachten und zu merken, was der Junge für ein liebes Kind war, dann würde er doch merken, dass er ihn mochte. JJ musste man einfach lieben, der war doch so süß und so lieb.

„Wir werden Sachen und Möbel für dich kaufen und dann mal sehen, ob wir ein Kindermädchen für dich finden, damit du dich nicht langweilst, wenn ich arbeiten muss. Wollen wir das so machen?", fragte er und strich die weichen, blonden Fransen etwas aus den großen, blauen Augen, die Leif noch immer neugierig musterten.

Als hätte er genau begriffen, was passieren sollte, legte der Junge den Kopf schief, so als wäre er mit dem einen oder anderen gar nicht einverstanden. Doch Leif wollte das so nicht deuten. „Na komm, Spatzl, wir gehen duschen und dann wird gefrühstückt und dann machen wir uns auf in den Kampf." Leif schob die Decke von sich und streckte sich kurz, ehe er aus dem Bett kroch und JJ die Hand hin streckte. Weil nun endlich was passierte und JJ sich nicht mehr langweilen musste, kroch er gleich hinterher. Natürlich war auch Gustav wieder mit von der Partie und wurde, müde wie er war, an einer Pfote hinterher geschleift.

Leif öffnete die Tür und lauschte in das Penthouse, doch es lag noch gänzlich still. Sicher schlief Viktor noch. Also wollte er auch keinen Krach machen. Sollte sich sein Verlobter ausschlafen, dann war er definitiv besser zu ertragen, als wenn er unausgeschlafen war. Langsam kamen sie zur Treppe und Leif reichte JJ die Hand. Erst besah er sie sich, doch dann griff JJ zu.

„Gib mir mal den Gustav und halt dich am Geländer fest, Spatzl", sagte Leif und blieb vor der Treppe stehen. JJ schüttelte nur den Kopf und drückte Gustav fester gegen sich. Seufzend ging Leif in die Knie und sah JJ eindringlich an, lächelte aber dabei. „Spatzl, die Treppe ist gefährlich. Da musst du dich ganz gut festhalten. Sonst machst du bautz und das tut weh." Leif griff vorsichtig nach JJ, weil er dem Jungen deutlich ansah, dass er noch immer nicht davon überzeugt war, sein Schaf einfach hergeben zu müssen.

Sein Blick wanderte zum Geländer und dann zu Leif, streifte Gustav. Doch er schien zu begreifen, dass es wohl wichtig war, also gab er nach und Leif lächelte. „Danke, Spatzl." Er nahm sich Gustav unter den Arm, hielt JJ fest und der Kleine griff das Geländer, ehe er langsam, Stufe für Stufe, nach unten ging.

Es ging schon ganz gut, auch wenn sie ziemlich lange brauchten. Aber Leif hatte Zeit, zumindest nahm er die sich.

„Hey, das geht doch schon ganz klasse, JJ", lobte er ihn und wuschelte dem Jungen durch die Haare, als sie langsam zum Bad rüber gingen. Sie hätten auch eines der oberen Bäder benutzen können, schließlich gehörte zu jedem Zimmer auch ein eigenes Bad, doch die waren noch nicht bestückt. Also landeten sie wieder im gleichen Bad wie immer. Gustav kam erneut auf den Klodeckel, JJ unter die Dusche. Dann wurde gewechselt, Leif ging unter die Dusche und JJ putzte sich die Zähne. Eine viertel Stunde später waren beide sauber und frisch. Nur Gustav weigerte sich, sich zu duschen oder sich das Schnäuzchen zu putzen.

Schnell war der Kleine auch angezogen, genauso wie Leif. Das ging alles ziemlich fix und JJ konnte das alles schon alleine. Es dauerte zwar noch etwas und ein paar Handgriffe waren noch unsicher, aber anziehen konnte er sich. Leif führte derweil ein paar Telefonate, orderte zu 10 Uhr in einer Agentur Kindermädchen, schließlich sollte sich JJ allein die Frau aussuchen, mit der er seine Zeit verbringen wollte. Die Instinkte von Kindern sollte man nicht unterschätzen. Ihm selber war das ziemlich egal. Frauen interessierten ihn nicht und sein Gespür für die richtige war dementsprechend nicht gerade ausgeprägt.

Als er zurückkam, stand JJ gerade zusammen mit Gustav vor der Tür, hinter der sie vorletzte Nacht geschlafen hatten. Sicher war er neugierig, doch er traute sich nicht. Also schleifte er Gustav weiter in die Küche, der Raum war interessanter, zumal gerade ein junger Kellner mit dem Lift kam, weil das georderte Frühstück fertig war. Er lockte das Interesse des Kleinen auf sich und wünschte Leif und JJ einen guten Morgen.

„Der SLK steht wieder in der Garage. Hier ist der Schlüssel", erklärte der Mann noch, verbeugte sich und war verschwunden, während JJs ganzes Interesse nur noch dem Frühstück galt. Leif konnte nicht anders, er musste lachen. Gustav lag auf dem Parkett und streckte alle Viere von sich und JJ untersuchte den Wagen, doch Leif rief ihn zu sich, als er zu dicht an die Wärmplatten kam.

Noch immer war von Viktor nichts zu sehen oder zu hören, also frühstückten sie beide allein. Als sie bereit waren zu gehen, zog sich JJ gerade, auf dem Hintern sitzend, seine Schuhe an, während Leif noch schnell zu Viktor ins Schlafzimmer ging, um seinem Verlobten Bescheid zu geben.

Langsam schlich er ans Bett. Vik schlief noch, denn sein Atem ging stetig. So strich er ihm nur ein paar Haare aus dem Gesicht und küsste ihn kurz, lachte, als sich aus einem Reflex heraus Arme um ihn schlossen und dieser sich mit ihm drehte, bis Leif unter seinem Freund lag.

„Morgen, Vik", lachte er leise und ließ sich küssen. „Ich muss los", flüsterte er nur und küsste Viktor wieder. Der knurrte. Er war nicht sonderlich begeistert davon, allein gelassen zu werden, doch sie hatten beschlossen, ihren Weg zu finden und das dauerte wohl ein paar Tage, bis sich alles eingependelt hatte. „Um zehn kommen Anwärterinnen für die Stelle als Kindermädchen. Dann haben wir jemanden, der sich um JJ kümmern kann und ein Auge auf ihn hat und dann kann ich mich auch ein bisschen mehr wieder nur um dich kümmern, hm?" Leif lächelte gewinnend und Viktor nickte nur stumm. Er konnte seinem Freund doch sowieso nichts abschlagen, das wussten sie beide.

„Mach das", sagte er nur und rollte sich schweren Herzens wieder von Leif runter, strich dem noch eine blonde Strähne hinter das Ohr und seufzte leise. Am liebsten hätte er ihn jetzt in kürzester Zeit mit ein paar geschickten Griffen zur Verzweiflung gebracht, bis sich der Blonde bettelnd unter ihm wand, doch auch Viktor wusste, dass Leif sich jetzt nicht darauf einlassen würde, nicht wenn dieser Junge vor der Tür wartete.

„Kommst du heute auch in die Firma", wollte Leif wissen, als er sich erhob und die Kleider glatt strich. Er saß neben Viktor auf der Bettkante und küsste ihn noch einmal ausgehungert. Auch ihm fehlte die Nähe zu seinem Geliebten, doch JJ brauchte ihn dringender. Er hatte versprochen, sich um den Kleinen zu kümmern und das würde er auch tun.

„Ich weiß noch nicht, wirst du da sein?", wollte Viktor wissen und eine Hand strich über Leifs Bein, kroch zwischen die Schenkel.

„Weiß nicht, erst mal hat Frank noch einiges zu klären, dann die Kindermädchen und dann wollte ich mit Jochen ein paar Kindermöbel für das Zimmer oben kaufen, ein paar Klamotten braucht er auch. So viel hat er ja nicht bei sich", erklärte Leif seinem Freund, der nickte nur verstehend. Es hatte keinen Sinn, Leif gegen zu reden, dass wusste Viktor, also fügte er sich in sein Schicksal.

„Dann mach dich vom Acker... Wie fahrt ihr eigentlich? Du hast ja keinen Kindersitz", fiel Viktor gerade ein. Doch Leif erklärte, er würde für den SLK einen anfertigen lassen und würde heute mit der U-Bahn fahren. Viktor riss die Augen auf. „U-Bahn? Du in der U-Bahn? Wann bist du denn das letzte Mal U-Bahn gefahren?" Nun konnte er sich ein Grinsen doch nicht verkneifen. Leif und U-Bahn, das passte einfach nicht. Leif ohne seine Sportwagen? Das war nicht vollständig. Es war fast schon bewundernswert, mit welcher Hingabe er seine Ideale über Bord warf für dieses Kind. Würde es Viktor nicht selbst betreffen, er wäre beeindruckt.

„Ich pack das schon, keine Sorge", erklärte Leif noch, stahl sich im Aufstehen einen letzten Kuss und verließ mit einem sanften Lächeln das Zimmer. Vor der Tür auf dem Parkett saß JJ und hielt Gustav an sich gedrückt. Leif seufzte. JJ war einfach nicht bereit, sein Schaf hier zu lassen, also musste das jetzt mit in die U-Bahn. Na, das konnte ja was werden. Auch Leif schlüpfte in seine Schuhe und reichte JJ die Hand. „Wollen wir?"

Der Kleine nickte, griff zögerlich zu und stieg mit Leif in den Fahrstuhl. Man sah ihm an, dass er nicht so begeistert war, doch JJ fügte sich. Irgendwie war er auch neugierig, wo er eigentlich war. Mit Gustav unter dem Arm ging es bis in die Empfangshalle und dann auf die Straße. JJ machte große Augen, als er vor dem DB-Gebäude stand und nach oben guckte. Er wäre fast hinten über gefallen.

Leif grinste nur und ließ JJ sich umsehen. Vorsorglich griff er Gustav am Bürzel, denn das Schaf schleifte gerade im Dreck. Wenn der Kleine das heute noch mit ins Bett nehmen wollte, sollte das Vieh vielleicht sauber bleiben. So gingen sie also los, JJ hatte seinen Arm um Gustavs Kopf geschlungen, Leif hielt den Bürzel fest und hatte JJ an der anderen Hand. Sie zogen die Blicke der Touristen und der Einheimischen auf sich, das spürte er genau. Doch ihm war es egal. So gingen sie rüber zur U-Bahn und los ging's. Was für ein Abenteuer. Tickets kaufen, Tickets lösen, Fahrplan lesen, in die Bahn steigen, sich verfahren, zurück fahren - es dauerte eine Stunde, bis sie endlich im Büro angekommen waren, wo Frank schon auf ihn wartete. Die Domina guckte nicht schlecht, als hinter Leif JJ durch die Tür kam und wieder Gustav hinter sich her schleifte.

„Morgen, Frank", rief Leif gut gelaunt und schob JJ tiefer in den Raum. Schüchtern wünschte auch der Junge einen guten Morgen, suchte sich dann aber eine Ecke, in die er sich verziehen konnte, um gar nicht erst weiter aufzufallen. Was er nicht wusste war, dass ein Kind in diesem Büro immer für Aufsehen sorgte, denn so oft passierte es ja auch nicht. Tiara war die einzige, die ab und an hier auftauchte, wenn Peter seinen Mann abholte oder wenn Jochen die Kleine früher aus der Schule geholt hatte.

Doch heute war Jochen noch nicht da. Er hatte nämlich nicht nur seinen Job bei Leif, er arbeitete auch nebenher in einem Kosmetik-Studio. Stundenweise.

„Wie hat's Vincenzo aufgenommen?", fragte Frank, als er sich alles griff, was er mit Leif durchgehen musste. Unter anderem waren auch in den Bewerbungen ein paar vielversprechende Jungs, über die er mit seinem Chef gern reden wollte. Vor allem hinsichtlich dessen, wenn Lazlo sich wirklich aus dem Business zurückziehen wollte.

„Er hat getobt, er hat gebrüllt, wir hatten Sex und er hat's eingesehen", erklärte Leif mit einem Grinsen und Frank nickte. So war es immer. Egal was Leif wollte, er bekam es, weil er wusste, wie er es anstellen musste. Und Viktor kannte er wohl besonders gut! Frank dachte sich seinen Teil, sprach es aber nicht aus. Sie gingen ins Konferenzzimmer, weil dort der größte Tisch stand. „JJ, komm rein", rief Leif hinterher und Frank sah ihn an.

„Ich kann ihn ja schlecht alleine dort draußen lassen." Leif zuckte die Schultern und setzte den Jungen auf einen der Stühle, legte ihm einen paar Buntstifte hin und Papier. Vielleicht half das ja. Tiara konnte sich damit immer stundenlang beschäftigen. Vielleicht funktionierte das ja auch bei JJ. Gustav landete auf dem Tisch, damit JJ ihn immer bei sich hatte und ihn knuddeln konnte, wenn ihm gerade so war und Frank beäugte alles mit gemischten Gefühlen. Leif hing an dem Jungen, das war nicht zu übersehen. Das konnte nicht gut gehen, nicht wenn die Ämter anfingen, sich intensiver mit ihm zu beschäftigen. Vorerst war er die Notlösung, weil die Mutter sich nicht um den Jungen kümmern konnte. Wenn die Mühlen der Justiz dann allerdings erst einmal anfingen zu mahlen, dann blieb der eine oder andere auf der Strecke.

Doch das war vorerst einmal egal. Sie fingen an, die Termine durchzugehen. Frank kam nicht umhin zu bemerken, dass Leif zwar ab und an JJ im Auge hatte, aber er war mit Herz und Kopf bei der Arbeit. Zumindest diese Sorge wurde ihm also ziemlich schnell genommen. Wenn Leif sagte, er hänge sich auch weiterhin in seine Produktionen und seine Firma, dann sollte er ihm das wohl wirklich glauben.

Gemeinsam sichteten sie auch das Material an Bewerbern, aber dann doch etwas diskreter als sonst. Auch wenn JJ gänzlich in seiner Malerei aufgegangen war und so wirkte, als hätte er alles um sich herum vergessen, nahmen sie doch Rücksicht und ließen die Bänder nicht abspielen. Sie betrachteten sich nur die Fotos und Frank, der die Bänder schon im Vorfeld gesichtet hatte, erklärte noch das eine oder andere.

Ein Foto stach Leif regelrecht ins Auge. Ein junger Mann, Mitte zwanzig. Er nannte sich Enzo, doch das Foto, das er mit geschickt hatte, war nicht wie die anderen. Nicht frivol alles präsentierend, sondern ein Schwarz-Weiß-Akt in einer sinnlichen Pose. Leif blieb an diesem Bild hängen, er wusste selbst nicht warum. Vielleicht weil es anders war als die anderen, vielleicht auch, weil der Kerl darauf einfach nur zum anbeißen aussah. Er wusste es nicht, doch er schob das Foto zu Frank rüber. „Den will ich auf jeden Fall mal hier sehen. Kannst du das arrangieren? Wenn er morgen Zeit hat, soll er hier her kommen", sagte Leif und blickte auf, als einer der Mitarbeiter an der Tür klopfte.

„Eine junge Dame, sie wolle sich als Kindermädchen bei einem Leif Drieschner vorstellen", der junge Mann grinste und Leif verzog das Gesicht, gespielt pikiert. „Aus dem Alter bin ich raus, Sven", lachte er, erhob sich aber. Bei Frank entschuldigte er sich, doch der winkte ab. Sie waren durch. Er hatte vier Fotos in der Hand und wollte sich die Jungs mal etwas eindringlicher ansehen. Außerdem hatte er noch im Schneideraum zu tun.

Also machten sie es anders, Leif blieb und lud die junge Dame zu ihnen, wo hingegen Frank sein Zeug raffte und sich in Leifs Büro verzog. Dort standen PC und Telefon, da konnte er gleich aktiv werden.

„Danke, dass sie so schnell kommen konnten", erklärte Leif mit einem Lächeln und die junge Frau, die sich als Kathrin vorstellte, sah ihn gewinnbringend an. Doch Leif lachte nur. „Nein, nein, Gnädigste. Nicht mich müssen sie für sich gewinnen, sondern ihn. Ich brauche jemanden, bei dem er sich wohl fühlt, damit er beschäftigt ist, während ich arbeite", erklärte er und deute auf den immer noch malenden Jungen hinter dessen Stuhl er stand.

Um JJs Aufmerksamkeit zu bekommen, klopfte er dem Jungen leicht auf die Schulter. JJ sah sich zu ihm um.

Was dann passierte, konnte sich Leif selber nicht erklären. Aber kaum hatte JJ die junge Frau gesehen, bekam er große Augen, zitterte leicht und schrie immer wieder: „Nein!“

Zumindest konnte Leif nun mit Fug und Recht sagen, JJ konnte sprechen. Doch die Panik in der feinen Stimme und wie er hektisch vom Stuhl rutschte und sich in die äußerste Ecke des Zimmers rettete, konnte er selber kaum fassen. Kathrin hatte doch gar nichts getan. Die nette Rothaarige wusste selbst nicht, was passiert war. Leif ging langsam auf JJ zu, der immer noch nur: „Nein, nein", murmelte und den Kopf schüttelte. Er kniete sich vor ihn und strich JJ beruhigend über den Kopf. „Spatzl, was ist denn los", wollte er leise wissen. „Kathrin will sich doch nur ein bisschen um dich kümmern. Damit du nicht so alleine bist, wenn ich arbeiten muss."

Doch JJ schüttelte nur den Kopf, sah die Frau mit großen Augen an und erklärte immer wieder nur: „Nein.“

Das wurde auch nach fünf Minuten nicht besser, so entschuldigte sich Leif nur bei Kathrin und schickte sie wieder weg. Er begriff einfach nicht, was mit JJ los war. Gestern hatte er auch auf das Zimmermädchen so reagierte.

Auch als sich die Nächste vorstellte war es nicht anders. JJ war nicht davon zu überzeugen, der jungen Frau eine Chance zu geben. Auch die dritte, die sich vorstellte, hatte mit dem Jungen keinen Erfolg. Als sie versuchte, ihn zu beruhigen, flitzte JJ sogar aus dem Raum, so als suche er Schutz. Das hatte also keinen Zweck. Leif war ratlos. Wie sollte er denn ein Kindermädchen finden, wenn JJ sie gar nicht an sich ran ließ?

Der Junge war noch immer total aufgewühlt. Leif konnte ihn kaum beruhigen. Immer wieder lief er nervös durch das Zimmer, zog Gustav hinter sich her. Vielleicht musste er hier jetzt einfach mal raus. Da kam Leif eine Idee. Er hatte noch drei Stunden Zeit, bis Jochen sich für ihn frei machen und mit ihm einkaufen gehen konnte. Warum nahm er sich nicht mal wieder die Zeit und sah im Krankenhaus vorbei? Die Kinder freuten sich bestimmt, wenn er mal wieder vorbei kam und vielleicht konnte JJ sich dort ein wenig mit ihnen anfreunden. Mit Tiara hatte er sich doch gestern nach ein paar Startschwierigkeiten auch gut verstanden. Es war ein kleiner Hoffnungsschimmer für Leif und JJ wirkte auch sichtlich wohler, als sie das Zimmer verließen und schlussendlich auf die Straße hinaus traten. Er hatte wieder Gustav gegriffen, hockte aber auf Leifs Arm und sah sich um. Neugierig, aber noch immer etwas nervös.

Wie jedes Mal, ehe Leif ins Krankenhaus ging, kaufte er ein bisschen Naschkram, von dem er wusste, dass die Kinder es essen durften und ein paar Bücher, ein paar mit Bildern für die Kleinsten und was zu lesen für die Größeren.

So verbrachte er die nächsten zwei Stunden mit kuscheln und vorlesen und JJ schien sich auch wohl zu fühlen. Auch wenn Gustav vor der Tür hatte bleiben müssen wegen der Keime, die er vielleicht mit sich herum schleppte. JJ hatte sich anfangs gegen diese komische Verkleidung gewehrt, doch nun saß er im Kreise von drei Jungs und spielte mit denen und ihren Autos, während Leif den beiden kleinen Mädchen etwas vorlas.