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Alles was zählt - Teil 5 bis 8

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Langsam fuhr Frank in die Tiefgarage und parkte neben den Luxuskarossen der Penthousebewohner.

Zumindest schienen sie zu Hause zu sein. Zwar ging niemand ans Telefon und er wollte gar nicht wissen, wie lange sich die Herren mal wieder vergnügt hatten, aber wenigstens musste er nicht die halbe Stadt nach seinem Chef absuchen.

Hoffendlich hatte Leif keine Augenringe und keine Fahne!

Er sollte doch heute einen guten Eindruck machen. Frank hatte sich den Mund fusselig geredet, nur damit seinem Chef die Ehre zu teil wurde, das Leitbild der Aidsstiftung zu werden, die der seit Jahren schon finanziell unterstützte.

Leif war zuerst alles andere als begeistert gewesen, weil er sich seiner Karriere schämte. Besser gesagt: er ging nicht gern damit hausieren, weil er wusste, wie der Durchschnittsmensch darüber dachte und ihn behandelte. Leif liebte seinen Job und er schenkte ihm den nötigen Ernst - doch die Klischees, die an ihm hafteten, wie Kaugummis an einem Schuh, waren einfach nicht tot zu kriegen.

Und Frank schämte sich auch nicht für den Job seines Chefs. Deswegen hatte er nicht nach einem seriösen Standbein gesucht, aber er sah in Leif mehr, er konnte mehr und mit seinem Charisma war er in der Lage, Menschen für sich zu begeistern und dies sollte der Mann auch für sich nutzen. Vielleicht waren auch ein paar Kontakte außerhalb der einschlägigen Branche nicht störend. Zumindest dachte Frank so und Leif dachte mittlerweile auch so und arbeitete an einem 'sauberen' Namen.

Klar, wenn man so viel Kohle hatte wie Leif Eric Drieschner, war man überall gern gesehen. Aber sein Chef hatte es dank seines Charismas nicht nötig, sich irgendwo einzukaufen.

Frank schloss seinen Wagen ab und ging zum Fahrstuhl, der direkt ins Penthouse führte. Er hatte seinen eigenen Zugangscode, seit er für Leif als Wecker fungierte. Sein Chef tendierte gern dazu, sowohl Wecker als auch Telefone aller Art zu ignorieren. Es war das Beste, ihn so lange anzustupsen und zu schütteln, bis der Blonde die Augen aufschlug. Manchmal musste man ihn auch erst unter seinem Verlobten herauskramen, unter seinem nackten, Besitz ergreifenden Verlobten. Nein, mit Viktor würde er wohl privat wirklich nie warm werden. Er war ein guter Darsteller und ein gewiefter Geschäftsmann. Aber seine unbegründete, grenzenlose Eifersucht, die gern auch vor versammelter Mannschaft losbrach, machte ihn unsympathisch.

Mit flinken Fingern gab Frank die vier Zahlen ein, ließ den Fingerabdruck abgleichen und trat dann durch die sich öffnenden Türen in den Fahrstuhl, der ihn ohne Zwischenstopp ins Penthouse brachte.

Als sich die Türen öffneten, bot sich ihm ein schon gewohntes Bild. Auf dem Parkett im Wohnzimmer lagen Kleider verstreut, der Servierwagen aus der Küche stand neben der Couch, die ihm den Rücken zu kehrte und über der Lehne hing ein Arm. So, so, die Herren hatten es also mal wieder nicht mehr bis ins Bett geschafft. Wodurch Frank jetzt schon implizierte, dass er seinen Chef wohl einmal mehr unter dem massigen Muskelberg Viktor Jansen hervor kramen durfte.

Hurra, die Waldfee!

Frank kickte mit dem Fuß eine Lederhose beiseite und ging auf die Couch zu. „Leif. Es ist kurz vor elf. Raus aus der Koje, die Sonne lacht."

Doch es tat sich gar nichts. Kein Murren, kein Knurren. Nicht mal ein Deckenrascheln. „Komm schon, Leif. Raus aus der Koje. Wir haben noch was vor und müssen dich noch fein machen."

Frank ging um die riesengroße Lederlandschaft, die die Eigentümer Couch nannten, und besah sich das Knäuel aus Leibern und Decken. Und wie erwartet war von Leif nicht viel zu sehen.

Weil er nicht zum ersten Mal auf die beiden Schlafenden zutrat machte Frank sich nicht wirklich Gedanken darüber. Er griff sich den ersten Arm, den er zu fassen bekam und schüttelte. Aber von Leif war nichts zu hören, nur Viktor knurrte bedrohlich und zog seinen Arm wieder zu sich.

„Komm schon, ich hab nicht ewig Zeit!" Frank wurde auch langsam ungehalten. „Leif, wir haben einen Termin."

„Verpiss dich, Domina", knurrte Viktor im Halbschlaf und wickelte sich demonstrativ um seinen Verlobten. Er hatte nicht vor, sich von ihm zu lösen. Der Feuerkopf sollte wieder abrauschen.

„Ach, Schnauze. Leif, jetzt erheb dich!" Frank zog wieder an einem erreichbaren Arm und schien Glück zu haben. Denn der protestierende Kommentar klang doch sehr nach seinem Chef.

„La-heif. Ich warte!"

„Warte woanders." Viktor ging dieser Kerl auf die Nerven. Gelinde gesagt.

„Leif!" Frank ignorierte Viktor gänzlich. Er war an dessen schlechte Laune zum Morgen schon gewöhnt. Geschickt wich er einem Arm aus und grinste, weil durch den Schwung ein irritierter Viktor zusammen mit der Decke aufs Parkett vor Franks Füße fiel und Leif nun gänzlich nackt vor ihm lag. Ein schöner Rücken konnte eben auch entzücken. Aber dafür hatten sie keine Zeit. Um nicht von Viktor zu Fall gebracht zu werden, ging Frank wieder um die Couch und fing nun an, mit penetranter Ausdauer gegen Leifs Arme und Seiten zu tippen. Schüttelte ihn auch ab und an, bis er sich Viktors glühenden Augen gegenüber sah, der knurrend seinen entblößten Verlobten wieder zudeckte.

„Guck nicht so, Domina."

Frank verdrehte nur die Augen. „Weck ihn. Du weißt genau, wie er ausrastet, wenn er den Termin verpasst. Ich habe keine Lust, ihn wie einen Racheengel durchs Büro rauschen zu sehen. Ich koche Kaffee." Frank gab auf. Sollte Viktor dafür sorgen, dass Leif auf die Beine kam. Schließlich war er ja auch derjenige, der unter Sexentzug leiden würde, wenn Leif sauer war. Diesen Status sollte sich Viktor schön alleine erarbeiten. Es war immer besser, ein unausgeschlafener Leif knurrte über Viktor und nicht über Frank.

Er suchte etwas Kaffee aus dem einzigen Schrank, der benutzt wurde, dazu ein paar Tassen und tobte sich in der gut ausgestatteten, aber gänzlich ungenutzten Küche aus. Er bestückte die Espressomaschine und hörte lachend zu, wie Leif seinen Verlobten anfauchte. Seine Entscheidung, Viktor vorzuschieben, war doch die bessere Wahl.

„Frank", hallte die noch müde und verschlafene Stimme des Blonden. „Bist du in der Küche? Rufst du unten an? Ich will ein Frühstück, bestell dir auch was. Vik, du auch? Ich geh duschen… nein, Vik. Ich habe keine Zeit, ich gehe alleine duschen."

Frank lachte laut. Hatte Viktor also schon im Halbschlaf nichts anderes im Kopf?

„Ja, ja. Ich ordere bei Sergio", murmelte er nur, weil er wusste, dass Leif sowieso keine Antwort erwartete.

Irgendwo knallte eine Tür und Wasser rauschte. Irgendwo in dem weitläufigen Wohnzimmer grummelte Viktor und verschwand dann wohl im begehbaren Kleiderschrank. Sicher suchte er Leif Klamotten raus, damit er wieder schön unauffällig aussah. Zum Kotzen, wie der Kerl Leif bevormundete. Dass der Blonde sich damit arrangierte und sich nicht wehrte, war sowieso schon bewundernswert. Aber vielleicht war das so, wenn man so lange zusammen war. Vielleicht nahm man auch mehr auf sich, wenn man sich eine Firma teilte. Wie auch immer. Je öfter Frank Viktors Eifersuchtsallüren erlebte, umso mehr schätzte er sein Single-Dasein.

Einmal mehr stellte Frank fest, dass es ihn eigentlich nichts anging. Leif war alt genug, der sollte wissen, was er sich bieten ließ und was nicht. Es war lediglich Franks Job, sich um Termine und Filme zu kümmern.

„Schon geordert?" Viktor sah um die Ecke. Wenigstens hatte er sich etwas angezogen. Das sah er auch nicht jedes Mal als notwendig an.

„Ja, ja. Das Rührei für Leif, Brötchen mit Marmelade für dich und für mich ein Müsli. Alles geordert. Wird gleich geliefert. Wie weit ist Leif?"

Viktor hob nur die Brauen und sagte keinen Ton. Er war morgens sowieso etwas maulfaul.

„Ich bedanke mich für die allumfassende, alles erschlagende Antwort, Herr Jansen."

„Schnauze", hörte Frank es noch und eine weitere Tür flog ins Schloss. Ach ja, er liebte diese harmonische Stimmung am Morgen. Na ja, Morgen. Es ging mit weit greifenden Schritten auf Mittag zu. Aber so war das eben, wenn man mit solch nachtaktiven Exoten arbeitete. Aber er mochte Leif. Er war ein fairer Chef und ein guter Freund. Da konnte man auch einen morgens schlecht gelaunten Viktor ertragen.

„Morgen, Frank." Mit einem Handtuch um die Hüften und sich mit einem anderen die Haare trocknend, kam Leif in die Küche geschlurft. „Wartest du schon lange?"

Frank wiegelte ab. „Lass mal, noch liegen wir in der Zeit."

Es klingelte an der Tür und Leif machte sich auf den Weg zurück ins Bad. „Gehst du? Ich mach mich im Bad fertig."

Frank erhob sich seufzend und tat, was man verlangte. Jedes Mal das Gleiche. Leif rotierte im Bad, Viktor kroch oben in die Badewanne und erwartete, dass Leif ihm das Frühstück an die Wanne brachte. Die zwei waren wirklich wie ein altes Ehepaar.

Nein, Frank wurde sich immer sicherer, never ever! Single sein war oberstes Gebot!

„Hi, Claas. Dank dir", grinste er den jungen Kellner an, zwinkerte ihm zu und lachte leise, als der Mann rot anlief und wieder nach unten fuhr.

„Schwul nicht schon wieder den nächsten Kellner an, Frank. Es reicht, dass Johann nicht mehr hochkommen mag", lachte Leif aus der Badtür und warf sie wieder zu. Frank war so berechenbar wie jeder andere auch.

Der Rotschopf knurrte leise, verschwand mit dem Servierwagen in der Küche und machte es sich an der Theke gemütlich. Mit Kaffee, Orangensaft und Müsli war er sichtlich zufrieden. Er schaltete den Fernseher in der Küche ein und machte es sich bequem. Er wusste, dass es nichts brachte, Leif zu hetzen oder selbst in Panik zu verfallen. Leif schien eine innere Uhr zu haben und war dann doch immer auf den Punkt genau fertig. Das hatte er in den letzten Jahren gelernt und sich selbst diese Grundruhe beigebracht. Wenn er an seine erste Weckaktion zurück dachte…

„Frank, kannst du Viktor sein Frühstück rüberbringen? Ich brauch noch etwas im Bad", hörte er Leif und verdrehte die Augen.

„Hm", machte Frank nur und warf seinen Löffel auf den Marmor der Theke und griff sich das Tablett. Eigentlich war er Aushilfssekretär und hauptberuflich Regisseur. Es wurde wirklich Zeit, dass Leif seine Drohung wahr machte und sich einen Assistenten einstellte. Arbeit war wirklich genug da! Allein Leifs Terminplaner war ein Full-time Job.

Aber Frank wusste jetzt schon, dass es wieder – wie die letzten Male auch – daran scheitern würde, dass Viktor einen seiner Eifersuchtsanfälle bekam und Leif um des lieben Friedens Willen klein beigab.

Frank griff sich also das Tablett und ging zum großen Bad hinüber. Die Dusche, in der Leif sich fertig machte, war separat und eigentlich das Gästebad. Das große Prunkstück mit Pool, Kamin und beheizten Massagebänken lag auf der anderen Seite des Wohnzimmers. Frank klopfte und trat einfach ein. Er stellte das Tablett schweigend auf den Tisch neben der Wanne und würdigte den sich badenden Viktor keines Blickes. So lange der Ruhe gab und Leif ungestört arbeiten konnte, sollte es Frank nur Recht sein. Ein zufriedener Viktor war ein ruhiger Viktor und ein ruhiger Viktor bedeutete gleichzeitig einen ausgeglichenen Leif und zog einen stressfreien Frank nach sich.

„Raubtier gefüttert", rief die Domina in Richtung Bad und warf sich wieder vor den Fernseher, um fertig zu essen, während Leif aus dem kleinen Bad quer durchs Wohnzimmer in die offene Küche lief und sich noch im Laufen seinen Toast griff, bevor auch er auf einen Theken-Stuhl sank.

„Lange Nacht gehabt?", nuschelte Frank und Leif blickte ihn leidend an.

„Hör bloß auf. Ich war nicht mal 'ne halbe Stunde im 'Double Zero', da tickte mein Verlobter mal wieder aus und ich hab's vorgezogen, heimzufahren", seufzte Leif und schob sich etwas Ei in den Mund.

„Also das Übliche." Frank wirkte nicht gerade überrascht. Eigentlich lief es doch fast immer so. Leif wollte sich amüsieren und Viktor zwang ihn zurück in den goldenen Käfig. Frank kam mal wieder nicht umhin festzustellen, dass eine Beziehung mit nur einem Partner nicht sein Ding war. „Und dann Beruhigungsficken oder was?"

Leif sah ihn knurrend an. „Nimmst dir gerade ein bisschen viel raus, oder?"

„Möglich, aber so is' es doch. Egal. Geht mich nichts an. Aber deine Termine gehen mich etwas an. Und da seine Eskapaden auf deine Laune abfärben… Na egal." Frank hatte keine Lust, wie ein Lehrmeister zu klingen. Aber Leif hatte es schon vergessen, lachte nur, als er erzählte, dass ein gewisser Türsteher den Eindruck gemacht hatte, als hätte er da jemanden doch arg vermisst.

„Ach hör doch auf, Leif", grinste Frank und löffelte weiter sein Müsli. „Der Typ ist doch öde! Außer Hundestellung kommt bei dem doch sowieso nichts. Und dann so was Devotes. Äh… ich weiß nicht."

Sein Chef schüttelte nur lachend den Kopf. „Haben wir etwa ein paar hohe Ansprüche?", und zwinkerte ihm zu.

„Leif. Nicht reden, essen. Deine Visagistin wartet im Büro und die Herren von der Stiftung haben auch nicht ewig Zeit. Und auf den Straßen ist die Hölle los." Frank wirkte gerade etwas angeschlagen, grinste aber schon wieder.

„Und du lenkst ab, mein Lieber. Komm schon. Fakten auf den Tisch, Frank. Haste schon wieder 'nen Neuen?" Leif mochte es, Frank auszuquetschen. Er hatte so schon interessante Leute kennen gelernt und auch ein paar nette Lokalitäten für sich und Viktor aufgetan. Doch Frank kniff gespielt die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. „Keinen Bock, meinen Chef im 'Bobys' zu treffen."

„'Bobys'?" Leif war neugierig. Diese Lokalität war ihm gänzlich neu.

Doch Frank blieb eisern, trieb seinen Chef zur Eile an und Leif musste einsehen, dass er aus dem Rotschopf nichts mehr heraus bekam. „Spielverderber!" Doch Frank reagierte gar nicht und Leif gab endlich auf. Na ja, er würde schon noch die schmutzigen Details erfahren. Geduld war eine Tugend.

„Nehmen wir zwei Wagen? Oder bringst du mich wieder heim?", wollte Leif wissen, als er sich das Jackett über das weiße Hemd warf. Der anthrazitfarbene Anzug sah perfekt an ihm aus.

„Na ja, ich muss noch zwei Sets checken. Besser du fährst alleine." Frank ging schon vor. Sein Chef würde folgen, wenn er sich von seinem Verlobten verabschiedet hatte. Er hatte andere Sorgen, als zu beschwichtigende Liebhaber.

Dafür dass es Mittag war, war die Tiefgarage ganz schön unbelebt. Frank ging die paar Schritte zu seinem alten Golf und wartete. Es war unnötig zu wetten, welchen Wagen Leif nehmen würde. Der Blonde liebte seinen SLK wie ein Kind.

Leif liebte Kinder sowieso.

Er war oft im Krankenhaus auf der Kinderkrebsstation. Und auch von Viktors Abneigung gegen diese 'lauten, nervenden Rotzgören' ließ Leif sich nicht abschrecken. Auch mit seinem Job wäre Leif sicher ein toller Vater, aber als Homo, als Pornodarsteller, als Single – egal was: seine Chancen auf eine Adoption standen nicht gerade gut. Vielleicht oder nein: auf jeden Fall aber noch besser als die auf ein eigen Fleisch und Blut.

„So, wir können", hörte er seinen Chef, der gerade die Anzugjacke auszog, um Sitzfalten zu vermeiden. „Fahr vor, ich häng deine Schleuder irgendwie immer ab", lachte er leise und zog sich den Groll seines Aushilfsassistenten zu. Aber Leif wusste, dass Frank wusste, wie er es zu nehmen hatte und Leif mochte es, sich etwas mit Frank zu raufen, auch wenn es nur verbal war. Er pflegte seine Kontakte, die sich von Viktor abgrenzten, denn dieser Mann war zwar sein Verlobter, aber nicht allein sein Leben und seine Welt. Viktor konnte ruhig merken, dass nicht er allein der Nabel von Leifs Universum war.

Der Weg aus der Tiefgarage war noch recht unproblematisch, aber kaum dass das Tageslicht sie wieder hatte, standen sie schon im Stau – wie jeden Mittag! Leif war versucht ins Lenkrad zu beißen. Da hatte er hunderte von PS unter der Haube und stand trotzdem wie festgewachsen. Und der Sekundenzeiger seiner Uhr fraß gnadenlos die Zeit.

„Verdammt, fahr da vorne! Grüner wird’s nicht, du Depp!" Na prima, seine Laune war schon wieder auf dem Nullpunkt und gleich sollte er sich von seiner besten Seite zeigen. Die AIDS-Stiftung war etwas, was ihm sehr am Herzen lag. Man wusste selbst ja auch nicht, wann es einen traf. Da fiel ihm ein, sein monatlicher Test stand auch vor der Tür. Auch wenn er sich immer schützte und außer Viktor keine sexuellen – eigentlich ja gar keine – Kontakte pflegte, so schwang doch jedes Mal die Angst mit. Es ließ sich nicht vermeiden.

Endlich ging es weiter, bis zur nächsten roten Ampel, die wieder an Leifs Nerven zerrte. Nie wieder Mittag in der Stadt. Sonst fuhr er gleich morgens ins Büro oder arbeitete von zu Hause. Und wenn er sich das hier ansah, dann wusste er auch wieder warum!

„Hallo-ho!" knurrte er, weil mal wieder einer zu pennen schien und anstatt fünf oder sechs Wagen nur einer über die volle Kreuzung kam.

Aber wie jede Odyssee fand auch seine ein glückliches Ende, als er auf dem Parkplatz vor dem hohen Bürogebäude zum Halten kam und aus dem Wagen stieg. Er musste erst einmal tief durchatmen, doch seine Blicke auf die Uhr ließen ihn wieder ruhiger werden, denn sie hatten noch eine knappe Stunde Zeit. Die konnte sein Visagist gut nutzen, vorausgesetzt Jochen war durch den Mittagsverkehr gekommen.

Eine Grünphase später kroch auch Frank aus seinem Golf und murmelte was von bekloppten Weibern und Typen, die ihm hinten rein rauschen wollten. Aber Leif lachte nur dunkel auf.

„Aus genau welchem Grund haben wir noch mal die Chance abgelehnt, die U-Bahn zu nutzen, die direkt vor dem Ritz-Carlton Station macht und da drüben in der Leibnitzstraße auch?", maulte der Rotschopf und wurde von seinem lachenden Chef durch das Foyer geschoben.

„Mosere nicht rum, du Mädchen. Nur die Harten kommen in den Garten… Guten Morgen, Jens, ist Jochen schon oben?", lenkte er ein und wandte sich an den Wachmann hinter dem Tresen im sonst leeren Foyer, ging aber schon weiter zu den Fahrstühlen.

„Ja, Herr Drieschner. Jochen ist schon da", erklärte der Uniformierte und Leif lächelte ihm dankend zu.

Jens war die gute Seele des Bürokomplexes. Trotz seines bereits etwas fortgeschrittenen Alters kam er gut damit klar, was 'Water Rats Inc.' für eine Firma war oder was Leif eigentlich war. Außerdem hatte er für fast jedes Problem eine Lösung und ein offenes Ohr, wenn einmal alles den sprichwörtlichen Bach runter ging.

Leifs Blick fiel mal wieder auf die blank polierten Firmenschilder, die Besuchern den Weg wiesen, als er zusammen mit Frank auf den Fahrstuhl wartete. „Danke Jens. Tschüss", warf er noch ein Lächeln zurück, als sich die Türen öffneten und Frank neben ihm in den Fahrstuhl trat. Leif hatte ein seltsames Gefühl im Magen, nicht unangenehm, aber nicht greifbar. Etwas, das sein Leben über den Haufen werfen könnte. Doch noch war es nur ein Gefühl und so schwieg er, als er mit dem Rotschopf in den sechsten Stock fuhr, auf dessen Fluren seine Räume lagen.



- 6 -

„Ach Leif, da bist du ja endlich." Ein androgynes Wesen mit halblangen, grünen Haaren kam in einem verspielten Outfit auf die beiden zu, kaum dass Frank und sein Chef die Büroräume betreten hatten. Das dezent aber doch markant geschminkte Gesicht zeigte Unruhe und nur langsam wurde der junge Mann, den jeder aufgrund seines geschlechtslosen Aussehens nur 'die Visagistin' nannte, wieder ruhiger. Die roten Flecken, die sogar durch das Make-up leuchteten, verschwanden langsam.

„Jochen, Spatzl. Beruhig dich erst mal wieder. Ich lass doch meine Lieblingsvisagistin nicht sitzen", lachte Leif und schlug Jochen freundschaftlich auf die Schulter, der mit einer großen Rundbürste in seinen Händen spielte.

„Frank hat mich viel zu spät geweckt", wälzte Leif die Schuld lachend auf den Rotschopf ab, der knurrend die Posteingänge auf dem PC durchsah, während er die Geschäftspost von Bewerbungen und Reklame trennte, damit Leif nur das Wichtigste in die Finger bekam.

„Was kann ich dazu, dass dein Lover dich ewig durchnimmt und du dann keinen Fuß mehr vor den anderen bekommst?" Wieder legte er einen Umschlag, der augenscheinlich ein Videotape enthielt, in den Korb neben dem Tisch und Jochen, der sich auf den Schreibtisch im Sekretariat niederließ, seufzte.

„Das ist so unfair. Kann ich nicht mal eine Nacht mit Vincenzo tauschen?" Die schwarz umrahmten Augen wurden ganz groß und Leif lief entgegen aller Wetten rot an.

„Jo, lass die dummen Scherze. Dein Mann erhängt mich am höchsten Baum im Park auf, wenn ich mich an dich ran mache", sagte er und zog seinen Freund für eine leidenschaftliche Begrüßung fest an sich. Jochen war einer von Leifs besten Freunden.

So lenkte Leif ab und ging erst einmal durch seine Büroräume. Von dem Sekretariat, in dem sie gerade alle saßen, gingen drei Türen ab. Die Tür links führte in einen kleinen, aber gut ausgestatteten Schneideraum. Die Tür geradeaus führte in Leifs Büro und rechts kam man in einen Konferenzraum. Dazu hatte er noch die eigentliche Poststelle und die Archive. Doch diese Räumlichkeiten lagen im Keller und es war entschieden einfacher, alle Post gleich hier oben zu bearbeiten, wenn Leif es recht betrachtete. Es musste dringend ein Assistent her! Und dieses Mal würde er sich nicht seinem Verlobten beugen. Die Arbeit türmte sich bis unter die Decke und Frank hatte auch andere Aufgaben.

„Was Interessantes dabei?", wollte er von dem Rotschopf wissen und grinste, weil Jochen noch immer mit der Rundbürste spielte und darauf wartete, dass Leif endlich eine Minute still stand und er Hand anlegen konnte.

„Zwei Einladungen, weiterhin vier Drehbuchbewerbungen und mal wieder eine Menge Bewerbungen für Darsteller." Frank hatte sich erst einmal einen Überblick verschafft und bei weitem noch nicht alles gesichtet.

„Was für Einladungen?", wollte sein Chef wissen und hatte die Frage eigentlich schon wieder vergessen, als er Jochen winkte, er möge ihm in den Schneideraum folgen. Dort war eindeutig das beste Licht. So sprang der junge Mann von Franks Schreibtisch und griff sich seinen übergroßen Schminkkoffer, um seinem Chef zu folgen.

„Geht’s dir eigentlich besser, Jo? Wir haben dich gestern doch arg vermisst", fing Leif an zu plaudern, während er einen Bürostuhl an den Spiegeltisch im hinteren Teil des Raumes schob. Das war Jochens Reich und der grinste nur, als er hinter den sitzenden Leif trat und ihm im Spiegel entgegen sah.

„Hast du mich vermisst?", wisperte er leise und lachte dann schallend, als er Leifs gehobene Braue sah. Wie immer sauber gezupft und in Form gebracht. „Keine Sorge, Leif. Mir geht es wieder gut. Hatte gestern mal wieder einen Migräne-Anfall, der sich gewaschen hatte. Und für die Stimmung am Set war es bestimmt auch besser, dass Bea dich umsorgt hat und nicht ich. Hast du von Viks Eifersuchtsdramen nicht langsam mal die Nase voll?"

Jochen fing an, Leifs Kleider abzudecken und eine unauffällige Grundierung auf das makellose Gesicht aufzutragen.

„Ja, ja, ich weiß", seufzte der Blonde nur. Es war schon erstaunlich, wen Viktor alles als Nebenbuhler sah. „Aber ich liebe ihn nun mal. Da muss ich ihn nehmen, wie er ist."

Jochen verdrehte nur die Augen, als er Leif entgegen sah. „Kannst auch mich nehmen, wie ich bin." Doch er grinste und nahm seinen Worten so selbst den Ernst. Schließlich war er glücklich verheiratet und Peter seine große Liebe. Von dessen Tochter Tiara ganz zu schwiegen. Seine Liebelei für Lazlo war schon vor Jahren in eine wertvolle Freundschaft zu Leif übergegangen. Doch das hinderte Jochen nicht daran, seinen Freund zu necken, wo es nur ging.

„Nein, Leif. Kein Problem. Wirklich. Behalt ihn, solange er dich glücklich machen kann. Solange nicht mein Job seiner Eifersucht zum Opfer fällt." Die Grundierung war aufgetragen, nun ging es ans Pudern. Doch Leif hielt ihn kurz auf.

„Jo, die Arbeitsverträge mach immer noch ich. Jeden einzelnen. Ich stelle ein und entlasse. Also mach dir keine Sorgen."

Jochen nickte nur. Zwar hatte er bei Leif nur eine halbe Stelle, weil nicht so viel gedreht wurde, wie in anderen Agenturen - aber eine gut bezahlte halbe Stelle. Und da sein Mann ganztags arbeitete und eine kleine Tochter aus erster Ehe hatte, kam es Jochen ganz gelegen, sich um seine kleine Prinzessin kümmern zu können. Zwar war sie Peters Tochter, aber das tat seiner Liebe zu dem Mädchen keinen Abbruch.

Mittlerweile war Tiara schon ein stolzes Schulkind und im Gegensatz zu den Lehrern kam sie sehr gut damit klar, dass ihre Stiefmama eigentlich ein Stiefpapa war.

„Und, was macht die Kleine?", fragte Leif, als hätte er Jochens Gedanken gelesen. Und im gewissen Sinne hatte er das ja auch, denn dieses sanfte Lächeln auf Jochens feinen Zügen brachte nur seine Prinzessin zu Tage.

„Der geht es prima. In der Schule kommt sie gut mit. Und sie ist schon ganz aufgeregt: in den Ferien wollen wir zusammen an die See fahren", schwärmte Jochen und Leif lächelte schmerzlich. Jedes Mal, wenn er Jochens glückliches Gesicht sah und ihn schwärmen hörte, führte dies ihm einmal mehr vor Augen, dass ihm ein Kind nicht zugedacht war.

Viktor hasste Kinder aus tiefster Überzeugung und da Leif es nicht aushielt, sich von seinem Verlobten zu trennen, kam er wohl nie in den Genuss kleiner, tappender Kinderfüßchen. Aber sich zwischen Viktor und einem Kind zu entscheiden, das wollte Leif auch nicht. So saß er nur da und sah schweigend zu, wie sich die Wimpern unter Jochens Händen färbten und der junge Mann weiter schwelgte.

„Hast du mit Vik eigentlich noch mal in Ruhe geredet? Was er so von Kindern hält?", wollte Jochen plötzlich wissen, dem Leifs Miene auch nicht entgangen war. Der Blonde blickte kurz auf und verzog nur das Gesicht.

„Selbst wenn mein Verlobter sich mit dem Gedanken anfreunden könnte, einen kleinen Krümel oder auch einen größeren zu uns zu nehmen, so stellen sich immer noch die Behörden quer. Die sagen: ‚Ein Kind braucht Vater und Mutter, bei Geschiedenen nur Vater oder Mutter, aber auf keinen Fall zwei abartige Väter, wo man nie wüsste, was die mit dem Kleinen anstellen.'"

„Wie bitte?" Jochen glaubte sich verhört zu haben. „Wie kommst du denn auf solchen Blödsinn: abartig und Gott weiß was anstellen?" Er konnte gar nicht glauben, was er da hörte. Doch Leif nickte nur.

„Kennst du Jeremy? Er und sein Mann wollten einen Kleinen aus dem Weisenhaus holen. Die haben doch alles. Geld, Zeit, Platz und ein großes Herz. Aber er hat genau das zu hören bekommen, bekam noch nicht mal die Antragspapiere in die Hand." Leif zuckte nur die Schultern. Was sollte er auch tun? Es war schon ein paar Monate her, dass Jerry ihm das erzählt hatte. Was aber nicht bedeutete, dass es sich nicht tief in Leif fest gefressen hätte, denn er verstand es nicht.

Da ließ man die Jungen und Mädchen lieber im Heim, als sie in fürsorgliche, leider nicht heterosexuelle Hände zu geben. Das war krank. Aber was wollte man machen, wo doch alles nur zum Wohl der Kinder geschah. Das war einfach nicht fair.

„Jerry und Ian wollten sesshaft werden?", fragte Jochen, suchte einen kleinen Kamm in seinem Koffer und quietschte leise. „Wie süß". Er wusste selbst, dass es ein Segen war, dass Peter Tiaras Sorgerecht hatte und die Mutter damit klar kam, dass er später Jochen geheiratet hatte. Denn die Kleine war wirklich seine große Liebe – gleich nach Peter, versteht sich.

„Ja. Sie haben beide komplett aufgehört. Ian arbeitet wieder als Mechaniker und Jerry bei einer Versicherung."

Etwas nachdenklich ging Jochen vor seinem Freund in die Knie. „Du denkst nicht auch ans Aufhören, oder?", wollte er wissen, mehr aus Neugier, als aus Existenzangst.

„Na ja. Für ein Kind würde ich mich komplett ändern. Aber da es keinen Sinn hat, weil Jugendamt und Vik nicht mitspielen, da muss ich das auch nicht."

Ein Räuspern von Frank schreckte sie beide auf und schuldbewusst grinsten sie den Rotschopf an.

„Mädels, wir sind zum Arbeiten hier und nicht zum Kaffeeklatsch. Jo, mach Leif umwerfend. So eine Chance wie heute bietet sich nicht oft."

Jochen lachte und erklärte, dass Leif immer umwerfend wäre, richtete ihm aber die Haare und ging noch einmal mit Puder über die Stirn.

„Fertig. Ich mach mich mit der Post noch etwas nützlich und seh die neuen Bänder durch", erklärte Jochen und Leif nickte nur. Sein Freund hatte Geschmack und ein Auge für Charisma und Natürlichkeit. Er ließ seinen Visagisten gern die Vorauswahl treffen und Frank war froh, dass er sich das nicht antun musste. Der Regisseur wusste eh nicht, wo ihm der Kopf stand.

Die kleine Kaffeemaschine fauchte in der Ecke und verbreitete einen angenehmen Duft, während Frank schon im Konferenzraum mit Tassen und Geschirr klapperte. Der Rotschopf war eben doch die gute Seele des Unternehmens.

„Müller und Schierlinger von der Stiftung haben eben angerufen. Die Stadt ist dicht. Es kann sein, dass sie etwas später kommen", rief Frank und trat wieder zurück ins Sekretariat, wo Jochen die Briefe fertig sortierte und ohne Vorwarnung von Frank samt den Bewerbungen in den Schneideraum geschleppt wurde.

„Die Bänder bleiben in der Firma, Jo. Nicht dass du die Schnuckeligsten aussortierst!" Frank drohte scherzend mit einem Finger und Jochen entrüstete sich.

„Kann es sein, dass du auf Beutezug bist, Domina? Sind die Türsteher auch nicht mehr das, was sie mal waren?"

„Leif, ich stelle den Antrag, diese nervende, vorlaute Visagistin zu…"

„Mädels, geht im Schneideraum spielen. Ich muss üben, seriös zu wirken", lachte Leif und atmete tief durch. Von dem Treffen hing für ihn selbst und seine Person eine Menge ab. Frank hatte schon Recht, er musste an einem sauberen Image arbeiten, wenn er auch außerhalb seiner Branche nachhaltig Fuß fassen wollte.

Er war schon 33 Jahre alt. Er wurde nicht jünger und ewig wollte er auch keine Pornos machen. Heimlich träumte Leif davon, ein richtiger Filmemacher zu werden und Geschichten zu erzählen, Schicksale und Gefühle auf die Leinwand zu bannen. Aber davon hatte er noch nie jemandem erzählt. Vielleicht, wenn sein Einstieg heute gut lief. Ein paar Schwulenläden aus diversen Großstädten hatten ihn auch ab und an als Modell gebucht. Das allerdings auch nur, weil er war, was er war und jeder, der seine Pornos kannte, auch Lazlo kannte. Im Endeffekt war es der Name seiner Firma, der da warb - es war Lazlo und nicht Leif Eric.

Aber Leif ließ sich nicht unterkriegen. Er hatte beschlossen, an einem neuen Leben zu arbeiten und wenn er etwas wollte, so bekam er das auch. Doch es brachte nichts, so weit in die Zukunft zu planen. Erst einmal musste er die Herren vom Stiftungsrat überzeugen, dass er ein glaubwürdiger, für alle Gesellschaftsgruppen vertretbarer Repräsentant war.

Leif war sich dessen durchaus bewusst, wie viel zusätzliche Arbeit an dieser Position hing, aber mit einem Assistenten an seiner Seite, am Besten ein gelernter Buchhalter, war es ganz gewiss zu schaffen. Er stand in seinem Büro und sah durch die Jalousien hinab auf die Straße und er war aufgeregt wie ein Kind am Weihnachtsabend.

„Reiß dich zusammen, Leif, und lass dein Charisma für dich arbeiten", murmelte er leise und zuckte zusammen, als Frank hinter ihm zustimmte.

„Fertig mit Bewerber aufteilen?", lachte Leif leise und kam hinter seinem Schreibtisch hervor.

„Japp. Jo bekommt die Dominanten, ich die Devoten und die nicht einteilbaren lassen wir großzügig für dich", erklärte Frank und hob wie selbstverständlich ab, als das Telefon klingelte.

„'Water Rats Incorporated', … ach Jens. Was... Ach so. Alles klar, ich sag ihm Bescheid. Danke." Er legt wieder auf und atmete tief durch. „Es ist so weit. Sie sind gerade im Fahrstuhl nach oben."

Auch Leif seufzte noch einmal schwer und folgte dann Frank in den vorbereiteten Konferenzraum, wo er auf einem der Stühle platz nahm, während Frank zur Tür eilte und den Empfang mimte.

Nun hieß es also Haltung bewahren und sich von seiner besten Seite zeigen. Ein letztes Mal atmete Leif tief durch und erhob sich, um seinen Gästen entgegen zu gehen.

„Guten Tag, die Herren", wünschte er freundlich, als er der zugegebenermaßen verhältnismäßig jungen Männer ansichtig wurde und stellte sich und Frank eilig vor. Mit einem natürlichen Lächeln folgten die beiden, in schwarze Anzüge mit passender Krawatte gekleideten Männer in den Konferenzraum. Herr Müller, der kleinere der beiden, war schlank und hatte kurzes, schwarzes Haar, dazu eine rahmenlose Brille, die dunkle Augen verbarg. Ganz anders Herr Schierlinger. Er war eine einnehmende Persönlichkeit. Groß und kräftig, leichter Bauch und raspelkurze Haare. Die Geheimratsecken reichten fast bis über die Ohren.

„Nehmen sie Platz, meine Herren", begann Leif und lächelte aufmunternd, während er eine ausladende Handbewegung in Richtung des Tisches machte. Er wirkte ruhig. Aber aufgeregt war er dennoch. Verständlich. Nicht jeden Tag kamen Leute, die die eigene Person bewerten wollten.

„Herr Drieschner, schön haben sie es hier", erklärte Herr Müller und nahm Leif gegenüber Platz. Dankend nahm er von Frank den Kaffee entgegen und auch Herr Schierlinger setzte sich.

„Danke, für mich nicht. Mein Arzt hat es mir verboten. Aber zu einem Tässchen Tee würde ich nicht nein sagen", erklärte er und wandte sich dann auch Leif zu. „Verzeihen sie, dass wir sie warten ließen, Herr Drieschner. Aber der Verkehr…"

„Ach sie müssen sich doch nicht entschuldigen. Mir selbst ging es doch nicht besser. Das ist der Nachteil von einem Büro in der belebten Stadtmitte."

Das leichte Geplänkel lockerte die Stimmung etwas, aber die Herren von der Stiftung hatten es dann doch recht eilig, mehr über Leif zu erfahren. „Gestatten sie mir die Frage, Herr Drieschner. Sie unterstützen unsere Stiftung immer mehr als großzügig und wir danken ihnen von Herzen. Aber mich würde interessieren, warum." Man sah Herrn Schierlinger an, dass ihm die Frage unangenehm war, doch Leif lächelte ihm aufmunternd zu.

„Ich glaube, ich bin es den Jungs, die darauf angewiesen sind, einfach schuldig. Was nicht heißen soll, dass ich versuche, mich von meinem Broterwerb freizukaufen. Ich bin Pornodarsteller und ich stehe dazu. Und durch meinen Erfolg habe ich für die Jungs, die meine Filme sehen, eine Vorbildfunktion. Doch sind wir mal ehrlich, meine Herren: Gummis in Pornos stören jeden!" Leif faltete die Hände. Man sah seinem Gesicht an, dass es ihm selbst auch nicht behagte. „Tja, und es gibt genügend, die Angst haben zu fragen, keinen kennen und ihr Wissen für ihr erstes Mal nur aus einem solchen Film ziehen. Ich fühle mich einfach verantwortlich für diese Jungs."

„Dafür haben sie ja auf jeder ihrer Kassetten einen originellen Hinweis auf Verhütung", warf Herr Müller ein. „Ändert aber nichts daran, dass die Frage im Raum steht, ob ein Pornostar, so engagiert er sein mag, das richtige Leitbild für unsere Stiftung ist. Verstehen sie mich nicht falsch, Herr Drieschner, ich schätze ihr Engagement und ich verurteile sie nicht im Geringsten. Aber wichtig ist, was die Spender denken", gab er zu bedenken und Leif nickte.

„Hm, das wichtigste ist die Finanzierung der Stiftung. Ich würde lügen, wenn ich sage, es wäre mir gleich, ob sie sich für oder gegen mich entscheiden. Aber ich möchte sie durch nichts drängen." Leif schenkte sich auch endlich Kaffee ein und lehnte sich etwas zurück, um bequemer zu sitzen.

„Was anderes, Herr Drieschner. Sie sind ja nicht nur als Darsteller erfolgreich. Sie führen ihre eigene Firma, machen Werbung für kleinere und größere Szene-Läden und besuchen regelmäßig die Kinderstation, die unsere Stiftung unterstützt. Seit Jahren schon. Ihr Engagement ist beachtlich!" Man hörte Herrn Müllers Begeisterung und auch Herr Schierlinger nickte anerkennend.

„Ich will nichts hinter dem Berg halten, Herr Drieschner. Auch mich beeindruckt ihr Engagement auf allen Sektoren und ich selbst kann mir einen Mann ihres Kaliebers und mit ihrem Beruf sehr gut als Leitfigur der Stiftung vorstellen. Die Kinder lieben sie übrigens und würden sie am liebsten behalten... Karl, hilf mir mal", grinste Herr Schierlinger schief zu seinem Begleiter. „Ich komme gerade nicht weiter."

„Meine Meinung kennst du, Dieter. Ich bin absolut davon überzeugt, dass ein engagierter Pornodarsteller und kinderlieber Geschäftsmann mit Verantwortungsbewusstsein genau das ist, was unsere Stiftung braucht. Aber ich rede dir da nicht rein." Herr Müller grinste nur und zwinkerte Leif zu, der dem für ihn recht positiven Disput folgte. Es sah gar nicht schlecht aus für ihn und er wagte ein Lächeln.

Würde ihn genau jetzt jemand fragen, was er im Augenblick dachte, er hätte es nicht sagen können. Seine Gedanken huschten zwischen den Kindern und seinen Filmen hin und her und als Herr Schierlinger sich erhob, um ihn zu beglückwünschen, wusste er noch gar nicht genau wie ihm gerade geschah.

„Tja, Herr Drieschner. Mit dem richtigen Werbeträger... ihr Charisma alleine überzeugt ja schon! Ich glaub, ich bin schon wieder gänzlich vom Weg weg, Karl. Was wollte ich sagen?"

„Dass du wissen wolltest, ob Herr Drieschner nächste Woche Zeit hat, sich mit einem ehrenamtlichen Werbefachmann zu treffen, um das Konzept zu besprechen, vielleicht?", half Herr Müller lachend auf die Sprünge und wandte sich dann selbst an Leif.

„Sie müssen wissen, die Firma ‚ArtCom’ erstellt und druckt unsere Flyer und Plakate kostenlos. So können wir uns das leisten. Spendengelder dafür zu nutzen würde mir in der Seele wehtun. Aber Arthur macht das gern für die Stiftung. Wann hätten sie Zeit?"

Leif überlegte kurz. Nächste Woche stand nichts an, was nicht verschoben werden oder ohne ihn laufen konnte. „Wann passt es besser? Vor- oder nachmittags? Mir wäre es gleich. Dank meiner rechten Hand Frank bin ich abkömmlich."

Frank grinste etwas verlegen, als alle zu ihm sahen und legte den Kopf schief. „Man tut eben, was man kann." Er lächelte etwas unbeholfen.

„Sprechen sie am besten mit dem Besitzer und rufen sie mich an", schlug Leif vor und Herr Müller nickte.

„Ich gebe das mal so an Arthur weiter. Sobald er etwas Luft hat, dann melden wir uns."

„Ja", nickte Leif. „Tun sie das. Bis jetzt liegt in der Woche nichts, was sich nicht verschieben lassen könnte."

„Wunderbar. Verbleiben wir so. Danke für ihre Zeit, Herr Drieschner." Doch Leif winkte nur ab.

„Ich habe ihnen zu danken für den Vertrauensvorschuss, den sie mir geben." Er reichte Karl Müller die Hand und der hielt sie noch etwas fest.

„Wissen sie, was mich dazu bewogen hat, sie auszuwählen?"

Diese Frage hatte Leif sich auch schon mehr als einmal gestellt und so verneinte er nur.

„Die Kinder. Die großen Augen, die so hoffnungsvoll nach vorn sehen. Die offenen Gesichter, wenn sie von ihnen schwärmen. Denen ist es egal, ob sie Pornodarsteller sind oder Bäcker. Alles, was für sie zählt, ist, dass sie zu ihnen kommen und ihnen helfen. Mit ihnen spielen und lachen. Ich finde, von den kleinen, tapferen Kerlchen können wir Erwachsenen viel lernen. Auf Wiedersehen, Herr Drieschner."

Leif wusste gar nicht, was er sagen sollte. Er war von Herrn Müllers Worten völlig erschlagen und vor allem auch ergriffen. Dass die kleinen Würmchen so große Stücke auf ihn hielten? Er selbst war auch immer gern dort, einmal die Woche nahm er sich mindestens die Zeit. Er tauchte dort immer wieder auf, wenn er glaubte, es ginge nicht weiter.

„Auf Wiedersehen", sagte Leif noch, doch die Herren waren schon gegangen.

„Hey, Leif, das lief ja besser, als ich zu träumen gewagt habe." Frank räumte die Tassen zusammen. Seine Laune war blendend, denn nun war der erste Schritt in die richtige Richtung getan.

„Aber jetzt kommt noch einiges an Arbeit auf mich zu, Frank." Leif wandte sich wieder um. Aber ihn griente nicht Frank an, sondern Jochen.

„Und?", wollte der wissen und hatte zwei Ringbücher in der Hand. „Wollen sie dich?"

„Na, was glaubst du, hm?", fragte Leif und setzte sein Herzensbrecherlächeln auf, das Jochen nur grinste.

„Dir kann doch keiner widerstehen, Chef!"

Leifs Blick wanderte auf die Ringbücher und Jochen fing gleich an zu erklären, dass er diese beiden Drehbücher gern zum Lesen mitnehmen würde. Leif war etwas irritiert, denn sonst interessierte sich Jochen nicht dafür. Er mochte keine Pornos. Jochen stand auf Herzschmerz und Romantik, da konnten nicht genug Tränen fließen und nun wollte er Pornodrehbücher lesen?

„Warum das denn?" Leif musste ziemlich skeptisch klingen, denn Jochen fing an zu erklären.

„Hab mal reingeschaut, weil sie dicker waren als die anderen. Da dacht ich..." Er machte eine dramatische Pause und Frank rief ihm zu, er solle es nicht so spannend machen.

„Na ja, ich dachte eben: entweder noch mehr Geficke oder doch mal Handlung. Und hey, ich hatte Glück. Zwei richtig schöne Lovestorys mit Happy End. Weiß zwar nicht, warum man die hier her geschickt hat, aber ich habe sie und wenn sie gut sind, dann wühl ich im Archiv, ob’s von dem Schreibzirkel noch mehr gibt." Jochen jedenfalls war total aus dem Häuschen und Leif lachte.

„Okay, lies sie und ich will 'ne Summary, klar?"

Der junge Mann nickte wie verrückt und legte die Bücher gleich auf die Garderobe neben seine Jacke.

„Aber wehe Peter kommt sich beschweren, dass du neuerdings im Bett Bücher brauchst." Der Visagist streckte seinem Freund nur die Zunge raus, doch Leif kam nicht dazu, das noch zu kommentieren, denn die Melodie seines Handys zeigte, dass Viktor ihn sprechen wollte.

„Ja, Schatz?", säuselte er und sah zu, wie Jochen die Bänder im Schneideraum weiter sortierte und drei Stapel machte. Einen für sich, einen für Frank und einen für Leif. Wie versprochen.

>Und?<, wollte Viktor wissen, der gerade über der Steuererklärung saß.

„Sie nehmen mich, sie nehmen mich", frohlockte Leif und hörte nur von Frank, dass Viktor ihn ja auch ständig nähme und er sich danach nicht einmal so darüber gefreut hätte.

„Schnauze, Frank", knurrte Leif und Viktor lachte.

>Ich habe nichts anderes erwartet von meinem charismatischen Verlobten. Aber, warum ich anrufe, Schatz: Hier war gerade der Postbote. Er hat ein Einschreiben, aber nur an dich persönlich. Da die Post gerade bei dir um die Ecke ist, hab ich gesagt, er braucht morgen nicht wieder kommen. Du holst es heute noch. War das okay?<

Leif schluckte.

Ein Einschreiben?

So was kam nur von Gerichten oder anderen Behörden. Das klang gar nicht gut! Gar nicht!

>Schatz? Bist du noch da? Scheiß Handy.<

„Ja, ja. Ich hab nur gerade 'n Schreck bekommen. Einschreiben bedeuteten nie was Gutes. Hast du gesehen von wo?", wollte Leif leise wissen und sah Frank verzweifelt an.

>Ein Anwalt aus Köln. Ab um fünf kannst du es holen, Süßer. Mach dich nicht verrückt. So schlimm kann’s nicht sein. Du hast doch nichts gemacht.< Viktor ärgerte sich, dass er über den Zahlen saß und Leif nicht selbst beruhigen konnte. Noch mehr darüber, dass er als Verlobter nicht mal ein Einschreiben entgegen nehmen durfte. Es wurde wirklich Zeit, dass sie den Bund fürs Leben eingingen.

„Okay, Vik, ich fahr dann an der Post vorbei. Hoffentlich ist es nichts Schlimmes. Mach’s gut, Schatz. Ich komm dann so gegen sechs. Soll ich was mitbringen oder gehen wir Essen?", wollte Leif wissen. Aber mit dem Kopf war er immer noch bei diesem vermaledeiten Einschreiben. Das war so ein schöner Tag gewesen und nun war alle Freude irgendwie weg.

>Bring was mit. Mir brummt der Schädel von all den Zahlen. Ich mag heute nicht mehr vor die Tür.< So verabschiedete sich Viktor und Leif sank in sich zusammen.

Ein Einschreiben!

Warum er?

„Hol's erst mal ab, ehe du den Heldentod stirbst, Leif. Vielleicht ist es auch was Tolles?", riet Frank. Leifs Blick darauf sprach Bände und so lief Franks Einwurf, dass Lottogewinne auch mit Einschreiben kämen, ins Leere.

„Ich spiele kein Lotto", maulte Leif. In seinem Kopf arbeitete es auf Hochtouren. Er ging im Kopf die letzten Wochen durch: mit wem er sich angelegt hatte und wer ihm vielleicht aus einer leichtfertigen Beleidigung einen Strick drehen wollte. Aber ihm fiel niemand ein, denn Beleidigungen waren eigentlich unter seinem Niveau. Es half alles nichts. Er kam nicht drauf. Frank hatte wohl Recht, dass er warten musste, bis er das Schreiben in den Händen hielt, um Gewissheit zu haben.

Und so machte er sich mit Jochen über die letzten Video-Tapes her, während Frank zwei Sets für neue Projekte in Augenschein nehmen wollte.

Und die Zeit bis 17 Uhr zog sich wie Kaugummi.


- 7 -


Der Weg zur Post war die Hölle für Leif. Vielleicht wäre er schneller gewesen, wenn er gelaufen wäre, denn der Feierabendstau toppte den Mittagsstau noch um Längen. Und die Ungewissheit zerrte an seinen Nerven. Er hatte Jochen noch mit nervös gemacht, so wie er, immer die Uhr im Auge, durch die Büroräume getigert war. Dreimal war er im Archiv gewesen – nur so.

Und nun stand er wie hundert andere an einer roten Ampel und war einer Verzweiflung nahe. Zum sicher zehnten Mal überprüfte er, ob er seinen Ausweis dabei hatte, nicht dass die Übergabe an so etwas banalem noch scheiterte. Leifs Finger waren klamm und steif. Es war zum Verzweifeln. Er wusste genau, dass er sich nichts hatte zu schulden kommen lassen und trotzdem weigerte sich sein Unterbewusstsein, ihn zur Ruhe kommen zu lassen. So ruckelte er an, als sich die Wagen vor ihm in Bewegung setzten und Leif ordnete sich auf der Rechtsabbiegerspur ein, um auf den öffentlichen Parkplatz kurz vor der kleinen Shoppingmeile zu gelangen.

Aber die kleinen Läden interessierten ihn im Augenblick nicht die Bohne. Eine Parklücke erregte seine Aufmerksamkeit und er schwenkte ein, bevor ein anderer auf diese Idee kam. Eine nervenaufreibende Parkplatzsuche war das Letzte, was Leif jetzt noch hätte gebrauchen können. Fast hätte er vergessen, dass nichts aber auch gar nichts im Leben umsonst ist und so klopfte er alle Taschen ab.

Mist!

Er hatte sein Portemonnaie im Büro vergessen!

Auch das noch!

Konnte es noch schlimmer kommen? Doch solange er nicht wusste, was in dem Einschreiben stand, gab er sich darauf lieber noch keine Antwort. Zu allem Übel war er somit auch ohne Führerschein unterwegs. Nur gut, dass er den Personalausweis immer separat in der Tasche mit sich herum trug, komische Angewohnheit, aber an Tagen wie heute von Vorteil.

Doch das Schicksal hatte Mitleid mit Leif, denn in der Innentasche der Jacke fand er noch ein zwei Euro Stück und knurrte leise. Er hätte nur einen Euro gebraucht. Aber er war in Eile. Die Post schloss in einer Dreiviertelstunde und so wie der Parkplatz aussah, konnte die Stadt jeden Euro gebrauchen. Da konnte er auch mal großzügig sein.

Die Münze klackte in den Automaten und Leif griff mit zitternden Fingern das Ticket, legte es gut sichtbar aufs Armaturenbrett und gab endlich Fersengeld. Wenn er erst einmal in der Post drinnen war, konnten sie ihn nicht mehr wegschicken und so atmete er erleichtert auf, als die elektrischen Türen sich schwebend öffneten. Der erste Schritt war gemacht. Nun hieß es noch einmal Geduld zu beweisen, denn mindestens vierzehn Leute standen vor ihm.

Und wie immer: die Anzahl der geöffneten Schalter stand reziprok im Verhältnis zu der Anzahl der wartenden Besucher. Soll heißen: je mehr was wollten, umso weniger Angestellte kümmerten sich darum, was Leifs Nervosität auch nicht gerade milderte. Irgendwo da, keine zehn Meter vor ihm, lag ein kleiner, unscheinbarer Brief, der sicherlich nicht mal ahnte, wie viel Kopfzerbrechen und Magenschmerzen er seinem Empfänger bereitete. Leif seufzte und die junge Frau vor ihm wandte sich grinsend um.

Ein Besucher war alles losgeworden und ging, der nächste konnte sein Anliegen vortragen. Und die Uhr klackte jedes Mal, wenn wieder eine Minute vorbei war, ohne dass Leif wusste, was ihn erwartete.

Er hatte die Arme verschränkt, denn er tendierte dazu, an seinen gepflegten Nägeln zu pulen, wenn er nervös war und ärgerte sich hinterher mindestens solange, bis sie nachgewachsen waren.

Noch 20 Minuten bis sechs, als Leif endlich vor einem Schalter stand und mit seinem Ausweis in der Hand sein Anliegen vortragen konnte. „Kann ich den Abholschein haben?", sagte die Dame hinter dem Schalter und Leif machte große Augen. Dazu hatte Viktor gar nichts gesagt. „Ich hab keinen, ich…"

„Den brauch ich, ohne…", fing die Dame an und kam ins Rudern. Leif seufzte, als er auf dem Namensschild ‚Auszubildende’ las.

Warum?

„Liebe Frau, ich war noch nicht daheim. Meine bessere Hälfte hat mich angerufen, mir mitgeteilt, dass man das Einschreiben nur mir persönlich aushändigt und mit dem Postboten ausgemacht war, dass ich es ab 17 Uhr hier abholen kann. Hier bin ich also und will es haben", erklärte der Blonde langsam und betont ruhig, weil er sonst noch selber explodiert wäre.

All der Stress und die gelassenen Nerven und dann bekam er das Mistding nicht einmal ausgehändigt, ohne diesen blöden…

„Aber der Schein…", fing die Dame doch allen Ernstes wieder an und ließ Leifs Schläfenadern zucken.

„Marga, hol das Einschreiben. Personalausweis reicht", erklang eine genervte Stimme von nebenan und Leif schenkte seiner Lebensretterin sein berühmtes Herzensbrecherlächeln.

Die Auszubildende lief nur rot an und nickte, nahm eilig den Ausweis an sich und suchte in der Schublade. Leif spürte, wie seine Nervosität wieder zunahm, auch wenn er selbst nicht geglaubt hätte, dass das noch ging. Aber wie er eines besseren belehrt wurde: es ging!

Er sah zu, wie seine Daten aufgenommen wurden und unterschrieb, dann hielt er den kleinen, unscheinbaren Fensterumschlag in seinen Händen, während er den Platz für den nächsten räumte.

„Dr. Hans Joachim Glockenschläger – Rechtsanwalt, 50667 Köln", las er leise und wusste im ersten Augenblick nicht, was er davon halten sollte. Wann war er denn das letzte Mal in Köln gewesen? Wie viele Jahre war das denn her?

Vier?

Fünf?

Und außer Gisela, seiner älteren Schwester, kannte er dort auch keinen. Allerdings konnte Leif sich auch nicht vorstellen, dass seine Schwester, von der er länger als fünf Jahre nichts mehr gehört hatte, ihm einen Anwalt auf den Hals schicken würde! Warum sollte sie auch? Seine Eltern hatten ihn noch vor ihrem Unfall enterbt! Sie hatte also keinen Anspruch auf irgendwas, verdammt!

Leif kam erst wieder zu sich, als die ersten Tropfen auf das Papier fielen und er realisierte, dass er mitten auf dem Parkplatz stand und es anfing zu regnen. Also schwang er sich in seinen Wagen, aber er fuhr nicht los, drehte nur das Schreiben in seinen zitternden Händen und schluckte hart, weil es ihm die Kehle zuschnürte. Er war viel zu aufgebracht, um den Brief zu öffnen, doch dann ließ es ihn nicht mehr los. Mit dem Autoschlüssel fetzte er den Umschlag auf und überflog die verblüffend wenigen Zeilen.

„Betreff: Vormundschaft von Jan Josef Drieschner", las er halblaut und ließ das Blatt sinken. Wer um alles in der Welt war Jan Josef Drieschner? Sein Vater hatte Heinrich geheißen. Sein Großvater Gunter und einen Onkel hatte er nicht, soweit er wusste und Brüder wären ihm ebenfalls neu gewesen. Eilig las er weiter, das würde sich schon klären.

„Sehr geehrter… blablabla… in der Sache J.J. Drieschner, geboren am 23.11.2001 in Köln, bitte ich Sie zur Anhörung am Montag den 19.06.2006 in die Räume meiner Kanzlei zu kommen, um die Modalitäten mit dem Jugendamt Zwecks des Verbleibs ihres Neffen…", las er halblaut weiter, so als müsste er die Worte hören, um sie zu begreifen.

Leif stutzte.

Neffe?

Neffe war doch der Sohn von Bruder oder Schwester. Einen Bruder hatte er nicht, aber eine… „Gisela hat einen Sohn?" Die Überraschung hätte nicht größer sein können.

Einen Neffen!

Er hatte einen Neffen.

„Wow!" Das wollte erst einmal verdaut werden. Da hatte Gisela einen Jungen und hielt es nicht für nötig, ihm was zu sagen. Aber halt mal. Stand da nicht etwas von Vormundschaft? Nochmals überflog Leif das bisher Gelesene und wusste nicht, was er davon halten sollte.

„… Zwecks des Verbleibs ihres Neffen Jan Josef Drieschner zu besprechen. Ich bitte um Terminbestätigung oder Absage unter unten angegebener Telefonnummer.

Hochachtungsvoll, H.J. Glockenschläger - Rechtsanwalt ... Na guck mal einer an", murmelte Leif. Er legte den Zettel aufs Armaturenbrett und atmete tief durch. Das war jetzt aber ein bisschen viel auf einmal.

Nicht nur, dass ihm ein völlig Unbekannter anonym und unpersönlich mitteilte, dass seine Schwester einen Sohn hatte, was diese selbst wohl nicht für nötig gehalten hatte, nein, es ging auch um eine Vormundschaft.

Warum?

War Gisela etwas passiert? Oder was hielt sie davon ab, sich um ihren Jungen zu kümmern? War sie krank? Tot sicher nicht. Man hätte ihn unterrichtet. Und was war mit dem Jugendamt? Sollte der Kleine etwa in ein Heim?

„Ich als Vormund meines Neffen, den ich nicht kenne", resümierte Leif und atmete abermals tief durch. Er spürte die Euphorie in sich aufsteigen. Sollte da wirklich so ein kleiner Wurm in sein Leben treten? Er als Vormund eines Kindes, das bei ihm wohnen würde? Und dazu noch ein bisschen sein eigen Fleisch und Blut war? Dass Viktor von diesem Gedanken wenig angetan sein dürfte schob Leif vorerst ganz weit nach hinten.

Was hatte Frank vorhin gesagt?

Vielleicht stünde in dem Einschreiben auch was ganz Tolles!

Genauso war es auch!

Was ganz Tolles.

„Ruhig, Leif", versuchte er sich selbst zu drosseln, „es steht nirgendwo, dass du der Vormund werden sollst." Doch das war ihm egal. Es gab keinen anderen Verwandten. „Und der Vater des Kindes!", nuschelte Leif vor sich hin. Aber der war im Schreiben nicht erwähnt. Andererseits wusste er auch, dass in amtlichen Schreiben wirklich nur das Nötigste stand und man Details immer erst vor Ort erfuhr.

Wer wusste schon, was es da noch alles für Pferdefüße gab? Vielleicht sollte er auch nur Zeuge für irgendetwas sein? Doch Leif selbst glaubte sich keine einzige der anderen Möglichkeiten. War er denn wirklich so versessen auf ein Kind, dass er in seinem Kopf keine andere Möglichkeit mehr zuließ? Er musste einen klaren Kopf behalten und sachlich mit Viktor reden. Nur für den Fall, dass er wirklich in die engere Wahl als Vormund fiel. Er konnte Viktor dann, wenn es wirklich soweit war, ja schlecht vor vollendete Tatsachen stellen.

Viktor mochte zwar Kinder nicht besonders, auch wenn das noch wirklich beschönigend ausgedrückt war, aber vielleicht, wenn es dann endlich soweit war. Sein Verlobter war kein Unmensch. Man konnte doch mit Viktor reden. Und warum war er gerade dabei, sich seinen Verlobten nett zu reden?

Verdammt?!

Er war selbst alt genug, sein Leben in die Hand zu nehmen. Er würde das durchziehen, zu Viktor hingehen und ihm sagen, dass er den Jungen seiner Schwester aufnehmen würde, wenn er vor die Wahl gestellt wurde.

„Und Vik rastet aus, so viel steht schon mal fest", murmelte Leif und erschrak sich, als gegen seine Scheibe geklopft wurde. Er ließ das Glas hinab und eine ältere Frau fragte etwas beschämt, ob er noch lange parkte. Sie müsse dringend in die Post, die gleich schließen würde.

„Kein Problem, junge Frau", lächelte Leif und drückte der Dame sein Ticket in die Hand. „Gilt noch 'ne Stunde, bin schon weg." Man sah ihr an, dass sie völlig geplättet war, doch Leif war schon wieder auf der Straße, noch ehe sie etwas sagen konnte.

Das alles ließ ihn einfach nicht mehr los. Er hatte einen Neffen! Er musste Gisela… Nein, er hatte gar keine aktuelle Nummer von seiner Schwester. Die letzte Weihnachtskarte war mit dem Vermerk: 'Unbekannt verzogen', zurückgekommen. Leif wusste gar nicht, wo ihm der Kopf stand. Dass sein Denken völlig ausgesetzt hatte, merkte der Blonde erst, als er, nicht wie erwartet auf seinem Privatparkplatz in der Tiefgarage des Ritz-Carlton, sondern in der Garage unter dem Bürokomplex wieder zu sich kam. Ganz eindeutig: Er war durcheinander und das war gar nicht gut.

Wenn er Viktor die Stirn bieten und ihm sachlich erklären wollte, dass der Junge zu ihnen käme, wenn er die Möglichkeit dazu hätte, dann musste Leif sich sammeln. Er hatte nicht vor zurückzustehen. Wenn es irgendwie ging, wollte er den kleinen Jan Josef zu sich nehmen.

„Egal ob mit oder ohne Viktor", hörte er sich sagen und war selbst überrascht über diesen Gedankengang. Er war wirklich bereit, für ein wildfremdes, zwar mit ihm verwandtes, aber doch unbekanntes Kind eine glückliche, mehr oder weniger harmonische Beziehung zu opfern?

Schien so!

Er öffnete die Tür seines Wagens und stieg aus, um sich zu strecken. Die Luft hier unten war verbraucht, obwohl ein aufwendiges Ventilationssystem ständig für Frischluft sorgte. Aber einen Vorteil hatte diese Tiefgarage: Das Handy konnte man auch hier unten benutzen und so tippte er die Nummer von Salvatores ein und ging ein paar Schritte. Er musste unbedingt wieder klar im Kopf werden und für sich selbst verarbeiten, was passiert war.



-8-



>Salvatores, was kann ich für sie tun?<, hörte er es und meldete sich.

„Hi Gianni, Leif hier. Kannst du mir das übliche zum Mitnehmen fertig machen? Ich bin in 20 Minuten da und hol es ab.“

Wie es immer war, kam er mit Gianni noch etwas ins Schwatzen und so legte Leif nach zehn Minuten lachend wieder auf, weil Gianni wohl gerade einen Rüffel vom Chef persönlich gefangen hatte. Er musste sich gleich im Lokal unbedingt dafür entschuldigen!

Sein Herz schlug noch immer wie wild. Er wusste nicht so recht, was er von allem halten sollte, noch weniger wusste er, was er eigentlich tun sollte. Sein Entschluss stand fest, soviel war klar. Aber was war mit Viktor? Wieder drehte sich Leif mit seinen Gedanken im Kreis und kam keinen Schritt weiter, er konnte nichts ändern, solange er nicht mit Viktor geredet hatte und damit das nach seinen Wünschen lief, war ein gutes italienisches Essen immer noch der beste Weg – das wusste Leif.

Aber das Gespräch mit Gianni hatte Leif wirklich etwas abgelenkt und zumindest das Klopfen im Hals hatte aufgehört. Am besten, er holte jetzt das Essen, fuhr nach Hause und erklärte Viktor bei seinem Lieblingsessen die Lage. Oder er schleppte seinen Verlobten in ein warmes Schaumbad. Wenn er entspannt war, dann sah er vieles vielleicht etwas gelassener.

Verdammt!

Ein Kind, ein Wesen, dem man all seine Liebe schenken konnte und das einem so viel zurückgeben konnte, war einfach etwas Tolles. Vik war kein Idiot, er würde das auch verstehen - bestimmt. Sie mussten doch auch einmal an ihre Zukunft denken. Was war, wenn sie zu alt wurden für die Filme? Er wusste doch selbst am besten, wie hart der Konkurrenzkampf war. Aus Brasilien und auch aus den Staaten schwemmten Hunderte von Billig-Filmchen mit willigen Jungs auf den Markt. Um sich da behaupten zu können, musste man nicht nur einiges bieten, man musste auch jung sein. Dass sie beide noch mit über dreißig so gut im Geschäft waren, war ein glücklicher Umstand, aber keiner, auf den man sich berufen konnte auf Dauer.

Was sollte werden, wenn sie sich zur Ruhe setzen mussten? Zwar hatten sie noch die Firma, aber Leif sehnte sich einfach nach einem Familienleben. Er hatte den Trubel und die Disco-Nächte satt. Ab und an sehnte er sich nach einem Ruhepol in seinem Leben, der Viktor nicht sein konnte, auch wenn er es wollte. Leif suchte ein Ziel, eine Erfüllung, doch Viktor suchte die ewige Jungend, die Partys Tag und Nacht.

Leif ließ sich wieder hinter das Steuer seines Wagens fallen und startete. Wie fing er es nachher nur am besten an?

Mit Giselas Sohn?

Oder dass es um eine Vormundschaftssache ging?

Was würde Vik dann sagen?

Würde er fragen?

Würde es ihn gar nicht interessieren?

Ob er sich der Tragweite dessen, was in diesem Einschreiben stand, eigentlich bewusst war? Leif jedenfalls war es noch nicht. Ah! Leif machte sich selber schon wieder wuschig. Nein, so ging das nicht. Aber er konnte nichts dagegen tun, er spürte seine Euphorie schon wieder wachsen. Hatte sein Unterbewusstsein wirklich schon beschlossen, dass der Kleine zu ihm kam? Leif grinste. Was war das nur für ein Tag! Erst die Herren Müller und Schierlinger im Auftrag der Stiftung, jetzt hatte er einen Neffen, von dem er bis vor einer Stunde noch keinen Schimmer gehabt hatte.

Und in einer halben Stunde einen tobenden, schnaubenden Verlobten, der ausrastete und wütete. Leif winkte dem Pförtner zu und schlug den Weg in die Südstadt ein, wo Salvatore sein kleines aber feines Lokal hatte. Es lag sowieso auf dem Heimweg und ein paar Autominuten später stand er auf dem kleinen Parkplatz unter den Platanen. Es war immer wieder verblüffend, welche Ruhe diese großen, alten Bäume ausstrahlten. Leifs Kopf sank in den Nacken, als er in die Kronen hinauf blickte. Das dichte Blätterdach spendete angenehmen Schatten.

Aber dann riss er sich doch wieder aus der Betrachtung los, ihn zog es heimwärts, auch wenn er noch nicht wusste, wie er Viktor seinen Entschluss nicht nur beibringen, sondern auch schmackhaft machen sollte. Hastig ging er über die Terrasse und durch das Lokal, grüßte freundlich und kam dann gleich auf die Bedienung zu, die ihm entgegen lächelte.

„Herr Drieschner", empfing ihn die junge Frau und Leif nickte ihr zu, „nehmen sie noch einen Augenblick Platz, bitte, die Gerichte werden gleich verpackt." Und schon war sie wieder weg, dafür stand wie immer ein Espresso auf der Theke. Leif ließ sich auf einen der Barhocker am Tresen nieder und sah sich kurz etwas um. In einer Ecke saß eine junge Familie. Die Kleine kämpfte gerade mit wilden Spaghetti und entlockte Leif damit unbewusst ein Lächeln. Noch immer ging es nicht in seinen Kopf, warum sich Viktor so gegen Kinder sträubte. Es gab doch nichts Schöneres als große, glückliche Kinderaugen.

„So, da haben wir alles", riss ihn Gianni aus seinen Gedanken und grinste ihn verschwörerisch an. „Ist noch rechtzeitig fertig geworden."

Wie jedes Mal gab Leif einen Schein hin, der reichlich Trinkgeld bedeutete und ging mit einer freundlichen Verabschiedung und einem letzten Blick auf die kleine Dame mit den großen Spaghetti. Er atmete tief durch und nickte sich dann selbst zu. Sein Entschluss wuchs und wenn Viktor ihn nicht mit tragen wollte, dann… Ja dann?

Was dann?

An diesem Punkt war er vor Minuten schon einmal gewesen. Er wusste es einfach nicht. Er hing an Vik, er liebte ihn. Aber er hatte auch einen Traum, dem zu folgen es galt. Er wollte nicht ewig nur träumen, er wollte ihn wahr werden lassen. Er war mittlerweile 33 Jahre, er wurde auch nicht jünger. Langsam musste er einfach damit anfangen, an morgen und übermorgen zu denken. Es ging doch gar nicht mehr anders. Und eine bessere Gelegenheit als diese würde sich ihm nicht noch einmal bieten.

Der Wagen entriegelte und Leif ließ sich hinter das Steuer fallen. Sein Blick fiel erneut auf das Kuvert auf dem Armaturenbrett. Seine Gedanken kamen einfach nicht mehr zur Ruhe. Er hatte mental sogar schon eines der oberen Gästezimmer ausgeräumt und ein Kinderzimmer daraus gemacht. Er hatte die bunten Wände und das Kinderbett schon richtig vor sich. Dabei wusste er doch noch gar nicht, was ihn am Montag in Köln erwartete. Vielleicht sollte er als erstes einmal dieses Treffen mit... Leif griff sich erneut das Kuvert und las den Namen noch einmal… Glockenschläger abwarten, ehe er anfing zu planen und seine Wohnung und sein Leben auf den Kopf zu stellen.

Aber er war so beseelt von dieser Idee, dass der Kleine zu ihm kommen könnte, dass er gar nicht mehr objektiv an die Sache heran gehen konnte. Das war wirklich nicht gut. Leif, du bist ja besessen, knurrte er wütend, als er das langsam heiß auf den Schenkeln werdende Essen neben sich auf den Beifahrersitz stellte und sich anschickte, den Heimweg anzutreten.

Der Feierabendverkehr flaute langsam ab und so kam Leif gut durch. Nach 20 Minuten parkte er seinen Wagen neben den anderen aus Viktors und seinem eigenen Fuhrpark und griff sich Essen und Einschreiben. Der Brief wanderte in die Jackentasche und eine Hand griff sich die Tüte mit dem Essen. Die andere brauchte er für den Fahrstuhl. Mit einem kurzen Quietschen verriegelte sich der SLK und Leif machte sich mit schnell schlagendem Herzen und nervös flimmerndem Magen auf dem Weg zum Penthouse.

Als die Türen sich öffneten grinste ihm schon Viktor entgegen. Eine Hand griff das Essen, die andere Leifs Taille und der folgende ausgehungerte Kuss zeugte davon, dass sie sich mehrere Stunden nicht gesehen hatten.

„Hallo, mein Süßer", wisperte Viktor und ließ die Tüte auf die Couch sinken, damit auch seine zweite Hand nach seinem Verlobten greifen konnte und ihn dicht zu sich ziehen.

„Ich werde das Gefühl nicht los, du hast mich vermisst", lachte Leif leise und ließ die Jacke einfach zu Boden gehen.

„Du mich etwa nicht?", entrüstete sich Viktor und knabberte sich über Leifs Nacken, während seine Hände versuchten die störende Hose tiefer zu schieben.

„Und?", wollte er wissen, „was war nun eigentlich in dem Einschreiben? Hast du's bekommen?" Aber so groß war sein Interesse nun auch wieder nicht. Wenn es eine Katastrophe gewesen wäre, hätte Leif wohl kaum so verführerisch gelächelt.

Na eben – das Einschreiben und der Junge von Gisela. Leif verspannte sich zusehends und Viktor stutzte. „Uups, so schlimm?" Und ließ gänzlich von seinem Verlobten ab. Vielleicht sollten sie doch erst einmal essen und reden und sich später vergnügen?

Innerlich sank Leif gänzlich zusammen. So viel hatte er sagen wollen und nun, wo er Viktor gegenüber stand und alles loswerden konnte, was sich in ihm gesammelt hatte, bekam er kein Wort heraus. Beschämt wandte er sich ab und hob die Jacke auf.

„Leif, jetzt sag doch mal was!" Auch Viktor wurde es langsam mulmig. Sein Verlobter war viel zu still. Und warum kramte der jetzt in der Jackentasche?

„Lies einfach", kam es heiser von Leif und er verfluchte sich selbst dafür. Er war ein gestandener Mann und druckste hier herum wie ein Schüler mit einem schlechten Zeugnis! Zum Kotzen.

Was ist das, Leif?" Viktor drehte den offenen Brief in Händen und studierte den Absender. So zerfetzt wie das Kuvert war, musste sein Verlobter aber wirklich nervös gewesen sein.

„Lies es", mehr gab der Blonde nicht Preis. Er wollte jetzt einfach Viktors Reaktion und Gedanken dazu wissen.

So entnahm Viktor den gefalteten Brief und fing an zu lesen. Dann sah er auf und musterte Leif, der nervös auf seiner Unterlippe herum kaute. „Ich wusste gar nicht, dass deine Schwester einen Sohn hat. Was ist mit ihr?"

Leif verdrehte nur die Augen. Das war definitiv nicht der Fakt, der ihm unter den Nägeln brannte. Verdammt. Aber er fasste sich und wiegte den Kopf. „Ich hab auch nicht mehr Infos als du, Schatz. Weder wusste ich was von Jan Joseph, noch weiß ich, was mit ihr los ist. Deswegen muss ich Montag ja auch nach Köln."

Jetzt sag schon was zu dem Kind, los sag was!, arbeitete es immer wieder in Leif. Doch er brachte kein Wort diesbezüglich über seine Lippen. Und alles, was von Viktor kam, war ein beiläufiges: „Aha", als er den Brief beiseite legte.

Leif glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Aha war alles? Das konnte doch jetzt unmöglich wahr sein. „Du Schatz, da steht was von Vormundschaft", stieß er Viktor mit der Nase auf das vermeintlich Augenscheinliche, doch sein Verlobter zuckte nur die Schultern.

„Ja? Und? Wir waren uns doch einig, dass uns nie Gören ins Haus kommen. Was soll ich mich darum sorgen? Die Plage geht ins Heim und gut."

Leif fühlte sich gerade wie im falschen Film. Das hatte er doch nicht wirklich gerade allen Ernstes aus dem Mund seines Verlobten vernommen? „Wie bitte?", fragte er deswegen gezwungen ruhig noch einmal nach. Doch Viktors Augen verschmälerten sich.

„Sag mir jetzt nicht, du überlegst, das Balg hier her zu schleppen? Das Jugendamt nimmt's dir hinterher eh weg, da kannst du's auch gleich da lassen."

Leif war über die Gefühlskälte regelrecht entsetzt. Viktor klang, als würde er über einen alten, wurmstichigen Stuhl reden, aber doch nicht über ein kleines, liebebedürftiges Wesen! „Du hast ja wohl einen Schaden DeLuxe oder? Von wegen einig! DU hast das mal festgelegt, dass DU keine Kinder haben willst. Im gleichen Atemzug habe ICH dir gesagt, dass ich sie liebe und gern eines hätte. Noch dazu gehört der Kleine zu meiner Familie. Er ist mein Neffe!" Leifs Stimme war laut und gewaltig. Die Wut in ihr war regelrecht greifbar. Schlagartig machte er ein paar Schritte zurück und starrte Viktor fassungslos an.

Wie konnte der nur so gelassen auf der Couchlehne sitzen und ihn so ansehen? Wie konnte er seine Worte mit seinem Gewissen vereinbaren? Leifs Atem ging schnell. Er war so aufgebracht, dass er kaum noch klar denken konnte. Woher nahm sich Viktor das Recht, so mit ihm zu reden? Er brauchte keinen, der für ihn dachte. Er war alt genug, sein Leben selbst zu meistern.

„Du willst ihn zu dir nehmen? Und was wird aus deinem Job? Das Jugendamt dürfte von deinem Broterwerb ziemlich angetan sein. Ein Homo, der sich für Spanner vor einer Kamera ficken lässt. Super, Leif, wirklich. Wünscht sich nicht jedes Kind solch einen Vater?" Das gehässige Grinsen in Viktors markanten Zügen war Leif dann doch zu viel. Sein Verlobter konnte gar nicht so schnell gucken, wie er eine flache Hand im Gesicht hatte und die Wucht des Aufpralls seinen Kopf zur Seite fliegen ließ und sein offenes, langes Haar um Viktors Kopf tanzte.

„Wage es nie wieder, mich zu verhöhnen, Viktor Jansen!", zischte Leif bedrohlich leise und verschwand, ohne ein weiteres Wort, in der Küche. Was bildete dieser Kerl sich ein? Als ob Leif diese Probleme selber nicht auch schon gesehen hätte, verdammt, aber sein Entschluss stand fester denn je. Mit oder ohne Viktor, er wollte den Kleinen haben und wenn er dafür ein neues Leben beginnen musste, na und? Dann würde er eben ein neues Leben beginnen.

Seine zitternden Finger suchten ein Glas und ließen kaltes Wasser hinein laufen. Er konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Allerdings musste er zugeben, dass er sich das ganze so in der Art, wie es dann schlussendlich gelaufen war, schon gedacht hatte. Ganz genau so. Was hatte Viktor nur gegen Kinder?

„Leif", hörte er es hinter sich und knurrte.

„Lass mich in Ruhe!"

„Leif, schlaf mal 'ne Nacht drüber. Dann wirst auch du einsehen, dass du den Kleinen nicht bekommen wirst, egal wie viel Mühe du dir gibst. Nicht mit deinem Job, nicht mit deiner Lebenseinstellung und als Homo hast du nun mal echt schlechte Karten. Hast du doch bei Ian und Jerry gesehen. Alles, was sie bekommen haben, waren Demütigungen. Willst du das?" Viktors Stimme war ruhig und sanft. Leif war fast schon versucht, ihm Recht zu geben, aber nur fast.

„Wenn das der Weg ist, der mich zu dem Jungen führt, dann bin ich bereit, ihn zu gehen, Vik."

Viktor schüttelte nur den Kopf. War Leif nur ungemein stur oder war er schon besessen? Was wollte sein Schatz nur mit einem nervenden, ständig was wollenden, lauten Gör? Ihr Leben hatte doch Weißgott genug zu bieten oder langweilte sich Leif in seiner Rolle so sehr, dass er etwas Neues brauchte?

„Bist du mit unserem Sex unzufrieden?", fragte er deshalb und Leif starrte ihn fassungslos an. Das wurde ja immer besser!

„Sag mal, Viktor, hörst du dir mal selber zu? Hast du sie noch alle? Glaubst du im Ernst, das wäre nur ein Hirngespinst von mir, weil mir gerade so ist? Weil du mich anödest oder was? Wie wenig kennst du mich eigentlich, Vik? Und lass mich gefälligst los, im Augenblick… Ah!" Wütend schlug Leif die Hände seines Verlobten weg und wandte sich dem Fenster zu.

„Sag mal, Leif, kommst du von deinem Trip wieder runter? Du machst dich gerade richtig lächerlich." Auch Viktor wurde langsam ungehalten. Den Abend hatte er entschieden anders verplant gehabt. So auf jeden Fall nicht. Morgen wollte er für ein Setting für ein paar Tage auf die Seychellen fliegen – so konnte er Leif doch unmöglich zurücklassen! Nicht auszudenken, auf was für Ideen sein Schatz kam, wenn er dieses Hirngespinst weiter mit sich herum trug und es reifen ließ. Es musste im Keim erstickt werden.

„Und jetzt lass uns essen, Leif", legte er fest. Dieses Thema war für ihn durch. Für seinen Verlobten aber augenscheinlich noch nicht. Er knallte das Wasserglas auf den Tresen in der Mitte der Küche, dass man glauben konnte, das Glas würde in tausend Splitter zerbersten, als er sich zu Viktor umwandte.

„Sag, dass das jetzt nicht dein Ernst ist, Viktor Jansen", zischte Leif bedrohlich und seine zu Schlitzen verengten Augen funkelten kampfeslustig. „Du glaubst wohl, du legst fest, wie mein Leben zu laufen hat, machst dich über mich lustig und kannst dann einfach so zur Tagesordnung übergehen?"

Doch Viktor reagierte gar nicht und machte Leif so noch wütender. Voller Unglauben starrte er auf den breiten Rücken, als sein Verlobter allen Ernstes aus der Küche ging. Schnell war er hinterher und riss ihn zu sich herum, schleuderte Viktor mit dem Rücken gegen den Türrahmen und seine Fingerspitzen stippten immer wieder provozierend gegen seine Brust. „Was glaubst du, wer du bist, Viktor Jansen? Du hast ganz bestimmt nicht über mein Leben zu bestimmen. Du nicht!", stellte er klar und Viktor wandte sich nur mit verzerrten Lippen ab.

„Leif, lass uns essen und du beruhigst dich ein bisschen. So kann ich doch nicht normal mit dir reden", versuchte er sich zu erklären. Mit seinem Geliebten war im Augenblick wirklich kein normales Wort zu wechseln. Er war versucht, Leif zu schnappen und zu küssen. Ob er wusste, wie verlockend er aussah, wenn er so wütend funkelte? Offensichtlich nicht. Zum ersten Mal war Viktor nicht sicher, wie Leif reagieren würde und das versetzte ihm einen Stich. Kannte er Leif so wenig oder war sein Verlobter so außer sich? „Bitte, Leif."

Doch der knurrte nur und erinnerte selbst immer mehr an ein bockiges Kind. Und so wollte er Kinder erziehen? Viktor seufzte nur, als er spürte, wie sich die Hände auf seinen Schultern lockerten und er freigelassen wurde.

„Komm schon, Leif, lass uns auf der Couch essen. So wie immer, nur wir beide."