drucken | schliessen
IHR FIRMENLOGO

Alles was zählt - Teil 9 bis 12

-9-

Leif blieb wo er war.

Noch immer stand er unentschlossen im breiten Türrahmen, der zurück ins Wohnzimmer führte und brannte mit seinem stechenden Blick Viktor Löcher ins Hemd. „Ich gehe davon nicht ab, Viktor und ich werde es nicht tot schweigen. Dieses Mal nicht", erklärte er, aber seine Stimme wurde schon langsam wieder ruhiger, was Viktor, von Leif unbemerkt, aufatmen ließ. Er hasste dieses Thema, er hasste es wirklich, genauso wie er Kinder hasste. Lärmend, nervend, einfach unausstehlich. Er wollte keine und gut. Und auch wenn es dieses Mal schlimmer war als die Male zuvor, er würde Leif schon überzeugt bekommen – wie jedes Mal. Da war er sich sicher.

„Na komm schon, Schatz. Die Nudeln werden kalt." Er sah über die Schulter zurück zu Leif, der immer noch unschlüssig zwischen Tür und Angel stand und sich selbst unschlüssig schien. Zum einen war er wütend wie lange nicht, nicht nur, weil Viktor mal wieder glaubte, er sei der Nabel von Leifs Welt und sein Wort wäre Gesetz, auch dass er einfach so das Thema abwürgte, was Leif so intensiv unter den Nägeln brannte und wo er keinen schalen Kompromiss eingehen wollte, nervte ihn extrem.

„Wir sind damit noch nicht durch, Viktor Jansen", erklärte er, doch auch ihn lockte der Duft des frischen Basilikums und der Sahnesoße ins Wohnzimmer. Okay, für die Zeit des Essens sollte Friede herrschen, aber hinterher…

Viktor zog den Couchtisch dichter an die Couch. Besteck hatte er auch schon aus der Küche geholt, als der Fahrstuhl Leifs Ankunft verkündet hatte und so teilte er einfach die Schalen aus, in der Hoffnung, Leif griff sich seine nicht nur und verschwand dann damit, sondern sie würden sich gegenseitig mal wieder etwas verwöhnen. Dank der vielen und eng gelegten Drehtermine hatten sie für sich selbst kaum noch Zeit und Viktor gedachte eigentlich, dies mal wieder zu ändern. Und dabei war ein Gör das letzte, was er hier haben oder über das er jetzt diskutieren wollte.

Man konnte ihn gern Besitz ergreifend nennen, wenn man wollte, damit hatte Viktor kein gesteigertes Problem. Aber er hasste es, Leif teilen zu müssen. Es reichte schon, dass die Firma ihn so einspannte. Eine Plage an der Backe war ein 24-h-Job und man war ans Haus gebunden. Etwas, worauf Viktor definitiv keine Lust hatte.

Die Erschütterung des schwarzen Polsters neben ihm ließ Viktor aufsehen. Er lächelte Leif an, der erwiderte die Geste. Aber man sah ihm an den blitzenden Augen an, dass er noch immer auf Krawall gebürstet war. Es schien, als würde Viktor sich heute besonders Mühe geben müssen, seinen Verlobten in Stimmung zu bringen. Zwar behauptete man immer, in einer Männer-Beziehung träfen zwei animalische, triebgesteuerte Charaktere aufeinander, von denen jeder mindestens einmal in jeder Minute an Sex dachte, aber heute war wohl ein bisschen der Wurm drinnen – ein Kinderwurm.

„Lass es dir schmecken", entgegnete er Leif freundlich und fing selbst unverfänglich an sich über seine Lasagne herzumachen. Er spürte die Blicke von Leif in seinem ihm zugewandten Oberarm, wie sie, kleinen, giftigen Nadeln gleich, seine Haut durchbrachen. Doch er verlor kein Wort darüber. Wenn Leif wieder klar im Kopf war, dann würde auch er einsehen, dass diese Idee keine Zukunft hatte.

So aß Viktor einfach und schaltete den Fernseher an, die Stille war fast greifbar und machte ihn selbst auch nervös. Eine Tatsache, die Leif übrigens Genugtuung verspüren ließ. Dieses Mal würde er nicht nachgeben – er wollte den Kleinen, wenn es nur irgendwie ging und selbst Viktor würde ihn nicht vom Gegenteil überzeugen.

Stumm maßen sie sich die nächsten Minuten immer wieder mit Blicken aus den Augenwinkeln.

„Wie schmeckt’s", wollte Viktor wissen und sein Verlobter murmelte nur was von wegen wie immer. Innerlich aber stöhnte er auf – typisch Leif. Schmollen wenn es nicht nach seinem Kopf ging, nichts Neues für Viktor. Er hatte seinen Süßen schon mehr als einmal so erlebt und es bis heute immer wieder gebogen bekommen. „Kann ich kosten?", versuchte er es deswegen hartnäckig weiter und seufzte, als Leif ihm doch allen Ernstes seine Schale hinschob, anstatt ihn, wie sonst üblich, zu füttern. „Ach Leif, jetzt hör doch mal auf zu schmollen. Ist ja nicht zum aushalten."

Leifs Augen verengten sich. „Schmollen? Ich soll aufhören zu schmollen? Viktor, geht’s noch? Ich schmolle nicht, ich bin fuchsteufelswütend! Hier geht es nicht um ein weggefuttertes Bounty oder einen Knutschfleck, den die Visagistin dann unsichtbar machen muss. Hier geht es darum, dass du dir einbildest, über mein Leben entscheiden zu können, ohne dass ich was zu sagen habe!" Eine Gabel knallte auf den Couchtisch. Leifs Schale flog hinterher und er sprang wütend auf.

Doch Viktor war schneller und zog ihn wieder hinab. „Okay, Leif. Du willst reden? Dann reden wir jetzt!" Den Abend konnte er wohl wirklich vergessen, Leif war von seiner fixen Idee ja geradezu besessen.

„Angenommen der Junge kommt Montag mit..."

„Nicht angenommen – er kommt auf jeden…"

„Leif!" Viktor knurrte. Warum ließ ihn sein Schatz nicht einfach mal ausreden? „Du wolltest reden, Leif, jetzt hör mir gefälligst zu, was ich zu sagen habe. Also…" Er sah seinem Verlobten in die verengten, blauen Augen und Leif verzog seine Lippen zu einem wütenden Strich. Viktor seufzte. Das konnte doch nur nach hinten losgehen, so wie Leif sich aufführte. Verdammt!

„Also, wirst du mir zuhören?", wollte er wissen und Leif nickte nur, sagte aber kein Wort mehr. Ob aus Trotz oder weil er wirklich daran interessiert war, zu hören, was Viktor zu sagen hatte, vermochte der selbst nicht zu sagen. „Okay, Leif, fangen wir mal an zu spekulieren. Der Junge kommt Montag mit, hast du einen Kindersitz im Wagen?"

Leifs Augen wurden groß, was sollte das denn jetzt? „So was kann man kaufen, in jeder größeren Stadt", hielt er dagegen und Viktor zuckte nur die Schultern.

„Okay, du hast also einen Kindersitz gekauft, der in den SLK eingepasst werden muss, aber sind wir mal nicht kleinlich. Wo sitze ich dann in Zukunft?"

Warum war Viktor so kleinlich, was sollte der Mist denn? „Du hast da unten zwei Autos stehen, benutze die", knurrte Leif. Worauf wollte sein Verlobter eigentlich hinaus?

Doch der zuckte abermals nur die Schultern.

„Und dann ist er hier – wo wird er wohnen?"

Der Blonde verdrehte die Augen. „Komm schon, Viktor, wir haben hier drei Gästezimmer, da wird sich wohl ein Plätzchen für Jan Joseph finden lassen." Langsam wurde es Leif wirklich zu blöd. Das waren doch alles kleine Hürden, die Vik als augenscheinliche Bedenken anmeldete.

„Ja, ein ganz tolles Kinderzimmer! Leif, so ein Kind braucht mehr als ein Bett und eine Kommode. Versteh es doch."

„Also Geld habe ich ja wohl mehr als genug, um das Zimmer umzugestalten, Viktor!" Nein, sie redeten wohl wirklich aneinander vorbei. „Du willst nur kein Kind, weil es was kostet, Vik? Ich glaub das ja nicht. Wir haben mehr Kohle gescheffelt als wir jemals ausgeben können." Leif sprang auf. „Da können…"

„Leif, mir geht’s nicht um die Kohle, verdammt. Mir geht es um die Zeit. Wo bleibt der Kleine, wenn du im Büro bist und ich bei Terminen? Wie bekommt er einen geregelten Tagesablauf, wenn wir heute selber nicht wissen, wo wir morgen sein werden? Wie oft ist es passiert, dass wir Last Minute nach Mailand oder was weiß ich wo hin mussten, weil was schief gelaufen ist? Wer kümmert sich dann um ihn, sag’s mir? Und erzähl mir nicht, du willst ihn mit an die Sets nehmen!"

Auch Viktor war aufgesprungen und funkelte seinen Verlobten finster an. Er war, wie Leif auch, auf Krawall gebürstet. Sein Freund wollte raufen? Sollte er doch. „Komm schon. Und sag mir nicht, wir stellen jemanden ein, jemand Fremdes. Dann musst du ihn auch nicht zu dir nehmen, Leif, wenn du nicht bereit bist, Tag und Nacht für ihn da zu sein. Ich weiß, wie so was ist, ich kannte mein Kindermädchen besser als meine eigene Mutter, sie hatte nie Zeit, war nie da, wollte keine Verantwortung übernehmen. Ich will nicht, dass es einem Gör so ergeht. Ich kann die Bälger nicht leiden, das heißt aber noch lange nicht, dass ich sie leiden sehen will. Lass ihn wo er ist, Leif… und verdammt, guck mich nicht so mitleidig an!"

Aber Leif konnte gar nicht anders, als erstaunt zu seinem Verlobten zu sehen. „Warum hast du mir das nie gesagt?", wollte er leise wissen und kam langsam näher.

„Weil das nichts ist, mit dem man hausieren geht, Schatz. Ich bin von daheim weg, als ich 16 war, das weißt du. Seit dem versuche ich meine Familie hinter mir zu lassen. Ich will nie wieder Familie. Ich will weder Verantwortung tragen müssen, der ich nicht genügen kann, noch will ich von jemandem abhängig oder an jemanden gebunden sein, der mich braucht", stellte Viktor klar und wandte sich ab. Auf dem Tisch wurde die Lasagne kalt, aber das war nun auch egal.

„Und was ist mit mir?", wollte Leif leise wissen, als er sich von hinten gegen Viktor lehnte. Seine Wut war verflogen und leider wurde das Verhalten seines Geliebten langsam auch nachvollziehbar. Nur dass er Leif selbst damit auch in eine schmerzliche Entscheidung trieb. Er wusste, dass die Chance, die da an seiner Tür klopfte, nur einmal klopfen würde. Sie hinterließ bestimmt nicht einen Zettel und kam später noch mal wieder. Ein Kind war Leifs größter Traum und die Erfüllung zum Greifen nah. Aber er liebte Viktor und es schmerzte ihn, dass er so wenig über ihn zu wissen schien.

„Leif, werd nicht albern. Du bist alt genug und kannst für dich alleine sorgen. Du bist nicht von mir abhängig. Ich will einfach nicht, dass ich auf jemanden mein Leben einstellen muss. Keine Clubs mehr, keine Quickies in der Küche. Du musst immer Rücksicht nehmen, nicht nur das Private." Er sah über seine Schulter zu Leif, der sich an ihn schmiegte. So konnte Viktor ihn nur erahnen, kaum sehen. Von der aufgebrachten Kratzbürste von eben war nichts mehr zu spüren.

„Denn dann hast du ja noch die Probleme, die auftreten, weil du – oder wir – sind wie wir sind, Schatz. Sie werden wissen, wie du dein Geld verdienst. Leif, gib dich bitte nicht der Illusion hin, dass Zeit, Geld und Liebe alles ist, was ein Kind in den Augen der Behörden braucht. Nicht nur, dass du nicht verheiratet bist, das allein wird schon nicht gern gesehen.

Noch immer ist die Familie das höchste Gut der Gesellschaft, die Idealform, wenn du so willst. Du bist auch noch schwul, du stehst dazu und gelobst keine Besserung, sondern drehst und produzierst Pornos. Schatz, du hast es doch bei Jerry gesehen. Man hat sie unverrichteter Dinge vor die Tür gesetzt. Die Worte werde ich nicht wiederholen, die gefallen sind."

Viktor wollte einfach nicht, dass es Leif auch so ging. Dass sollte sein Verlobter nicht erleiden müssen. Leif liebte Kinder viel zu sehr, als dass man ihm ins Gesicht sagen sollte, dass er es nicht wert war, eines zu erziehen.

Ein anderer, wenn auch nicht unwesentlicher Grund bestand wohl auch darin, dass er Leifs Liebe, nein – dass er Leif nicht teilen wollte. Ein Kind bedeutete Konkurrenz. Egal ob auf der Couch, im Bad oder auch abends im Bett, wenn der Kleine noch ein bisschen was vorgelesen bekommen wollte. Er wollte, dass alles so blieb wie es war und gut. Selbstsüchtig, das wusste Viktor auch, aber er konnte nichts dagegen tun. Er war diesem Blonden mit Leib und Seele verfallen. Leif war alles für ihn und das letzte, was er wollte, war auf ihn in irgendeiner Weise verzichten zu müssen. Es reichte ja schon, dass sein Verlobter damit begann, sich auch außerhalb seines Berufes umzusehen. Die Stiftung, die Kinder im Krankenhaus. Wenn jetzt noch ein eigenes Kind hinzukam, würde es zwangsläufig bedeuten, dass Viktor zurücktreten musste. Was hätte er dann noch von seinem Leif?

„Lass uns essen, ehe es ganz kalt wird, Leif", murmelte er leise. Nicht dass er was dagegen hatte, wenn Leif sich an ihn schmiegte, aber er hatte was dagegen, wenn er es aus den falschen Gründen tat und dies war ganz entschieden der falsche! Leif hatte Mitleid mit ihm und das wollte er nicht.

„Warum hast du mir nie was davon gesagt, Vik? So oft hatten wir das Thema und jedes Mal, wenn du es abgewürgt hast oder tot geschwiegen, da dachte ich: Was für ein Arschloch", gestand der Blonde und kuschelte mit seiner Wange über den breiten Rücken vor sich. „Ich hätte doch nicht immer wieder davon angefangen, wenn ich es gewusst hätte."

Viktor hatte es geschafft – bewusst oder unbewusst – Leif war dabei, für diesen Mann seinen Traum endgültig aufzugeben, sich damit abzufinden, niemals das Gefühl zu haben, wie es ist, ein eigenes Kind zu haben, es morgens zu wecken, abends ins Bett zu bringen – es einfach nur aufwachsen zu sehen und zu wissen, man war Teil dessen.

Und dabei hatte Leif dieses Mal nicht umfallen wollen, nicht nachgeben. Und nun? Nun kam Viktor nach all den Jahren endlich mal mit der Sprache raus, mit seinen Erlebnissen und seinen Ängsten und hielt Leif gänzlich gefangen.

„War Absicht", knurrte Viktor nur. Hatte er Leif nicht eben schon mal erklärt, dass man damit nicht hausieren ging? Dass es nichts war, auf das er stolz gewesen war? Er wollte es wieder verdrängen und dabei konnte ein gutes Essen wahre Wunder vollbringen.

„Na danke auch, Vik. Darf ich dich mal ganz dezent daran erinnern, dass wir verlobt sind? Schon vergessen?" Leif schmollte und hielt seinem Freund die Hand mit dem Ring unter die Nase. So wie sein Freund gerade klang, wäre Viktors Kindheit wohl nie zur Sprache gekommen, wenn er selbst jetzt nicht so ausgerastet wäre. Tolle Vorstellung, echt.

„Nein", kam es leise von Viktor und er zog die Hände auf seinem Bauch fester um sich. Wie könnte ich das vergessen? Aber mir ist es lieber, mein Liebster glaubt, ich bin ein selbstsüchtiges Arschloch, als dass er mich so mitleidig ansieht wie jetzt, Leif."

„Du siehst doch gar nicht, wie ich gucke", beschwerte sich Leif. Was sollte das denn jetzt? Er guckte doch nicht mitleidig. Okay, er machte sich so seine Gedanken und auch ein paar vereinzelte Sorgen, aber das war ja wohl nur verständlich, in Anbetracht der Dinge, die gerade zur Sprache gekommen waren. Nun konnte er verstehen, warum Viktor von Anfang an gegen Kinder gewesen war und das schlimme daran war eigentlich, dass er Leif wieder umgestimmt hatte.

Er war jetzt so weit, am Montag nach Köln zu fahren und über das Schicksal des Jungen in einem Heim zu urteilen. Der Kleine hatte noch nicht einmal die Chance zu sagen: Hey, ich will da nicht hin. Das war nicht fair, noch viel weniger, weil JJ die einzige reale Chance auf ein Kind war, die Leif jemals haben würde. Aber er liebte Viktor nun einmal. Er war der Mann, der sein Leben begleiten sollte und wenn er dieses Opfer bringen musste, um Viktor bei sich zu haben, dann sollte es wohl eben so sein.

Soweit Leif sich erinnern konnte, so war Viktor die letzten zehn Jahre der einzige wichtige Mensch in seinem Leben gewesen. Selbst wenn er vorhin so selbstsicher gewesen war, konnte er sich ein Leben ohne seinen Vik doch eigentlich gar nicht vorstellen. Ohne ein Kind hingegen müsste sich an seinem bisherigen Leben nicht viel ändern – eigentlich gar nichts. Es würde alles beim alten bleiben und Viktor hatte ja auch Recht. Mit den ehrenamtlichen Jobs, die er noch hatte, blieb alles in allem nicht viel Zeit für ganz privates. Und auch wenn sie beide vor der Kamera Unmengen von Sex hatten, so fehlte Leif doch das Private – ohne Kamera, ohne Publikum, wenn Viktor nur ihm gehörte und auch nur ihn befriedigte.

Es war ein Irrglaube, dass jeder sich einbildete, Pornodarsteller seien die befriedigten Menschen, die man sich nur vorstellen konnte. Wer diesen Mist erzählte, hatte wohl noch nicht begriffen, dass dies auch nur ein Job war, ein verdammt harter noch dazu. Sex auf Knopfdruck und kein bisschen mit Gefühl. Es war Routine, ein Arbeitsablauf wie das Kneten von Teig bei einem Bäcker oder das Rühren von Mörtel für einen Maurer, ein Job eben und anders durfte man es auch nicht sehen.

„Setz dich zu mir, Leif und lass uns essen." Viktor hatte sich auf die Couch fallen lassen und lümmelte schon wieder entspannter, während er zu Leif aufblickte und seine Hand nach ihm ausstreckte. „Na, komm schon, Schatz, du darfst auch von mir kosten."

Doch Leif stand immer noch da und sah mit einem undeutbaren Blick auf seinen Verlobten hinab. Wie machte Viktor das? Wie konnte er so traurige Dinge zur Sprache bringen und Leif so tief ins Herz greifen und Augenblicke später so darüber hinweggehen, als wäre gar nichts gewesen. Der Blonde schüttelte nur den Kopf, sein Schatz war wirklich ein Unikum. So schob Leif ein Knie auf das Polster und ließ sich auch darauf sinken.

Kaum dass er saß, hatte er auch schon eine Gabel voll Lasagne in den Mund geschoben bekommen und er schüttelte sich. Die war kalt. „Gib mal her. Ich mach das jetzt auf Teller und hau es in die Mikrowelle. So kann ich das nicht genießen", murmelte Leif und erhob sich. Er spürte, dass es Viktor schwer fiel, ihn gehen zu lassen, doch wenn sie heute beide noch etwas Leckeres in den Magen bekommen wollten, kam er wohl nicht drum herum.

„Beeil dich", rief ihm Viktor nach, der weiter auf der Couch lümmelte und Leif in der Küche beobachtete. Er grinste zufrieden. Zwar wusste sein Verlobter nun Dinge, die er gern für sich behalten hätte, doch wenn dadurch Leifs ewiges Geschrei nach einem Kind ein Ende hatte, so war es doch ein verhältnismäßig geringer Preis.



-10-

„Und? Was ist nun mit einem entspannenden Bad?", wollte Viktor wissen. Sie hatten in Ruhe gegessen und nun lag er mit seinem Kopf auf Leifs Schoß und ließ sich kraulen. Es hatte beruhigendes Schweigen geherrscht und Leif hatte mit dem Thema Kind nicht noch einmal angefangen. Ob er noch darüber nachgrübelte konnte und wollte Viktor nicht sagen. Solange das Thema nicht mehr angesprochen wurde, war er zufrieden, so weit kam es wohl noch, dass er seinen Leif teilte.

„Soll man nach dem Essen nicht warten, ehe man ins Wasser geht?" Leifs schlanke Finger zausten die langen, schwarzen Haare. Er hatte Viktors Zopf gelöst und ließ nun die glatten Strähnen wie flüssige Seide über seine Finger rinnen.

„Ich pass schon auf dich auf, Schatz und zur Not rette ich dich eben und mache Mund-zu-Mund-Beatmung", lachte Viktor und sah Leif in die Augen. Er konnte nur immer wieder feststellen, wie schön sein Verlobter war.

„Und wie genau würdest du das anstellen?", wollte der Blonde wissen und hob neckend die Brauen.

Dafür, dass vor ein paar Stunden sein Traum zerplatzt war wie eine Seifenblase, war er wirklich guter Dinge. Vielleicht hatte er noch nicht wirklich realisiert, was dies alles für ihn bedeutete. Vielleicht kam das alles erst später. Denn dass es plötzlich so einfach beiseite trat, während der Wunsch in den letzten Jahren kaum zu bändigen gewesen war, war unglaubwürdig. Er hatte die Chance zum Greifen nah und das Nein seines Verlobten ließ ihn aufgeben? Doch Leif musste auch zugeben, dass er Viktor mehr liebte als alles andere, mehr vielleicht noch als den Wunsch nach einer richtigen Familie.

„Warum willst du das wissen?", wisperte Viktor leise und seine Hände fuhren unter Leifs Hemd und strichen die Bauchmuskeln nach. Seine Lippen nippten schon mal probeweise an dem anderen Paar.

„Na ja", murmelte Leif, „ich muss doch wissen, ob du mich retten kannst, wenn ich mich jetzt unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ins Bad locken lasse."

„Falsche Tatsachen? Was für falsche Tatsachen? Ich will dich verführen und verwöhnen, was hast du denn gedacht?" Viktor lachte und zog Leifs Gesicht wieder zu sich hinab.

„Schade, ich dachte du wolltest Sex." Gespielt traurig sah Leif drein und Viktor verzog das Gesicht.

„Du Lustmolch bringst mich alten Mann noch vorzeitig ins Grab."

Doch Leif winkte nur ab. „So lang du morgens noch eine Latte hast wie ein pubertierender Teenager mit feuchten Träumen, solange muss ich mir um dich auch keine Sorgen machen. Und jetzt erheb dich. Ich bring dir das heiße Wasser nämlich nicht auf die Couch."

„Wäre aber mal Service", lachte Viktor, als er sich zufrieden erhob. Leif gehörte nur ihm und so würde es auch bleiben.

„Klar, und wer legt dann unser Wohnzimmer wieder trocken?" Leif kämpfte sich aus dem Klammergriff, der ihn nicht gehen lassen wollte und ein paar sinnlich verführerische Lippen nippten an seinen.

„Egal", kam es nur knapp zurück. Das war so typisch Viktor. Wenn er nur Sex mit Leif haben konnte, dann war ihm alles egal. Ort – Zeit – Publikum. Der Kerl war einfach unersättlich. Viktor hatte zum sinnlosen Hormonabbau wirklich genau den richtigen Job. Aber wirklich.

„Los, lass Wasser ein, ich räum schnell den Tisch ab", drosselte Leif seinen stürmischen Verlobten und lachte, als der schmollend in sich zusammen sank.

„Immer wenn es droht gemütlich zu werden, da willst du putzen. Sag mal, Schatz, ist das krankhaft? Oder willst du mir damit einfach schlicht und ergreifend nur was sagen?" Viktor guckte skeptisch, als ihm sein Schatz doch wirklich entwischte.

Frechheit.

Also würde er wohl doch den Dienst im Bad übernehmen und sich Leif dann notfalls unter Waffengewalt holen. So billig kam der ihm heute aber nicht davon. Da waren noch ein paar schmerzliche Kindheitserinnerungen, die wieder tief vergraben werden mussten – am besten tief in Leif, wo kein anderer sie jemals finden würde. Viktor grinste lüstern und ließ seine Pläne reifen, während er das Bad vorbereiten wollte, mit allem, was dazu gehörte.

Der elektrische Kamin in der Ecke, der nicht nur die Illusion eines prasselnden Feuers erzeugte, sondern auch Wärme und gedämpftes Licht. Dazu ein paar Kerzen auf dem auf alt getrimmten, mannshohen Kerzenhalter, umrankt von Efeu. Die große, in den Boden eingelassene Wanne wurde vom Boden her beleuchtet und die Sterne an der Decke taten ihr übriges.

Leif indes war damit beschäftigt, die Überreste ihre Mahlzeit im hausinternen Müllschlucker zu entsorgen. Teller und Besteck landeten im Geschirrspüler. Neben der Mikrowelle und den Kühlschränken das einzige Küchengerät, das er auch ab und an mal benutzte. Ob der Herd funktionierte oder die Türen der Hängeschränke oder die Dunstabzugshaube, das wusste er nicht. Er hatte es nie ausprobiert, denn er konnte nicht kochen, er wollte nicht kochen und außerdem hatte er für solch einen Luxus gar keine Zeit.

Wozu die Mühe, wenn er einfach nur in der Hotelküche anrufen musste und versorgt wurde oder ins Restaurant ging? Selbst zu kochen war ein Luxus, den Leif sich nicht leistete. Genauso wie Wäsche zu waschen. Liebend gern nahm er den hauseignen Wäscheservice in Anspruch. Er hatte ja nicht einmal eine Waschmaschine. Der dafür vorgesehene Platz in der Küchenzeile wurde durch einen zweiten Kühlschrank in Beschlag genommen, von dem Leif damals geglaubt hatte, dass er ihn häufiger bräuchte als eine Waschmaschine.

Na ja, wirklich gebraucht hatte er den Kühlschrank bis heute noch nicht, aber eine Waschmaschine noch weniger. Wenn allerdings ein Kind im Haushalt leben… nein! Er hatte diesen Gedanken schweren Herzens verworfen, hatte sich für Viktor und gegen ein Kind entschieden. Damit musste er nun leben – er brauchte keine Waschmaschine und gut.

„Sag mal, Leif, spülst du von Hand oder trägst du den Müll runter oder was dauert da so lange?" Viktor – bereits nackt wie Gott ihn schuf und mit einer Mütze aus Badeschaum auf dem schwarzen Schopf – stand in der Tür zur Küche und wippte nervös mit einem Fuß.

„Bist du aber ungeduldig", lachte Leif und machte die Spülmaschine zu. „Mach ja keine Flecken auf das Parkett!" Er ließ sich in die Arme schließen und unter sanften Küssen und herberen Liebkosungen ins Bad dirigieren. Als auch er im Bad stand, war er seine Klamotten los und nun konnte er Viktor wieder Haut auf Haut spüren. So wie er es liebte. Vergessen war alles, was geschmerzt hatte, es hatte eben nicht sollen sein und gut. Er war 33 Jahre ohne ein eigenes Kind ausgekommen, er würde es auch weitere 33 Jahre, mindestens. Und Viktor gab alles, um ihn davon zu überzeugen.

Langsam schob er Leif vor sich her in den abgedunkelten Raum, nur das indirekte Licht von Decke, Kamin und Wanne tauchte das Bad in ein angenehmes Licht. Die Kerzen flackerten und Leif konnte nicht leugnen, dass er es mochte, wenn Viktor wenigstens ein bisschen versuchte, ein wenig Romantik in ihr von Sex bestimmtes Leben zu bringen.

„Liebe dich", murmelte er leise und ließ sich immer wieder küssen. Langsam wurden die Küsse heißer, fordernder, Leif konnte sich ihrer Wirkung kaum noch entziehen. Die Hitze in seinem Leib breitete sich rasend schnell aus, wie ein Flächenbrand vernichtete so alles, was auf ihrem Weg lag, alle Gedanken, die nicht hier hin gehörten. Leif stöhnte leise, als geschickte Finger ihn aus seiner Hose befreiten und sich Viktors wissende Hände um ihn schlossen. Sein Schatz wusste genau wie er es mochte, wie er massiert werden wollte, wo er zwicken durfte, wo er ziehen durfte. Viktor verstand es wie kein zweiter, Leif in kürzester Zeit um den Verstand zu bringen.

„Ich dich auch, Leif, mehr als mein Leben", wisperte Viktor nur, als er langsam an Leifs Rücken hinab sank und seine Hände ihr Spiel nicht aufgaben. Immer weiter reizte er seinen Verlobten, wollte ihm klar machen, wo er hin gehörte, wem er gehörte und dass sie sich beide genug waren. Sie brauchten nichts und niemanden in ihrem Leben! Am allerwenigsten ein Kind.

Kaum eine Sekunde später hauchte Viktor immer wieder heiße, sinnliche Küsse auf den breiten Rücken, auf die Schulterblätter, auf die Oberarme, weiter hinab, immer an der Wirbelsäule entlang. Er liebte es, mit seinen Zähnen darüber zu streifen, die Haut zu reizen und Leif so kleine Laute zu entlocken, die außer ihm keiner kannte. Sie entwichen seinem Schatz nur, wenn er sich in seiner Lust verlor, wirklich verlor und nicht perfekt gespielt vor einer Kamera.

Viktor hatte gelernt seinen Schatz zu lesen, zu wissen, was er wollte, ohne dass Leif auch nur einen Ton sagen musste. Seine Gesten zu deuten, seine Seufzer zu verstehen. So wie jetzt, als sich Leifs Kopf in den Nacken legte und Viktor wusste, dass er es liebte, wenn sein Verlobter ihm über die Kehle knabberte, wenn er sich den Hals hinab küsste und eine feucht glänzende Spur über die malerische Landschaft von Leifs Körper legte. Nur zu gern folgte er der Aufforderung und kam an dem straffen Körper wieder nach oben, umrundete Leif, ohne ihn wirklich loszulassen. Seine Finger wussten automatisch, wie sie Leif berühren mussten, kannten die kleinen Kniffe, die Stelle zwischen Schaft und Hoden, an der Leif extrem sensibel war, bis er fast vor Lust schrie, wenn man ihn dort nur berührte.

Seine Lippen legten sich auf die überdehnte Kehle, er konnte dem Schlucken nachspüren, als Leif voller Vorfreude die Augen wieder schloss und sich ganz in Viktors wissende, ihn vergessen lassende Hände begab. Er ließ ihn schweben, er ließ ihn treiben – immer weiter - immer höher – immer schneller.

„Nicht spielen – bitte", wimmerte Leif nur, denn er spürte, dass er schon viel zu weit war. Er hatte heute keinen Dreh gehabt, der Brief und die Gedanken über eine eigene Familie hatten ihn und seinen Leib mit so viel Adrenalin gepuscht, dass es kein Wunder war, dass Leif kaum noch an sich halten konnte. Seine Hände gruben sich in Viktors Schultern und der wusste Bescheid.

Es hatte keinen Sinn, Leif jetzt stoppen zu wollen. Er hasste es, in seiner Lust gefangen zwischen Himmel und Hölle zu schweben, bei der Berührung kurz vor einer Explosion zu stehen und nicht zu wissen, was er tun sollte, um diesem Gefühl Abhilfe zu schaffen – im Gegensatz zu Viktor, er liebte diesen Schmerz in sich selbst, die Folter und das Prickeln, das er stundenlang genießen konnte. Leif war da ganz anders. Er liebte den Sex, er brauchte ihn – aber für lange, erregende Spiele war sein Schatz nicht zu begeistern.

Dafür bekam Leif vom Akt selbst nicht genug, er konnte es ausdehnen und sich zügeln, sich erneut treiben und wieder stoppen, aber beim Vorspiel, da waren sie beide so grundverschieden. Was aber nicht hieß, dass sie nicht auch eine gemeinsame Basis fanden. Viktor grinste, als er sich den Gummi überstreifte. Bereitwillig spreizte sein Schatz die Beine und ließ sich gegen die kalten Fliesen drücken. Sein Gesicht suchte Abkühlung an den Fliesen, doch sein Becken drängte sich Viktor entgegen.

„Mach!", forderte er und funkelte Viktor an, doch der ließ sich nicht hetzen. Er stahl sich noch einen harschen Kuss, spürte aber ziemlich bald Leifs Hände in seinen Haaren, die ihm unmissverständlich klar machten, dass er gerade dabei war, sich Feinde zu machen.

Grinsend über so viel Ungeduld ergab sich Viktor, präparierte sich gekonnt und drängte sich dann in den geliebten Körper. Er wusste, dass er Leif nicht die Zeit geben musste, sich an ihn zu gewöhnen – er war kein Anfänger und Leif mochte es auch nicht. Wenn er Sex hatte, dann nach seinen Regeln und Leifs Regeln lauteten schnell, hart, intensiv, kompromisslos!

„Ja!", entkam es den bebenden Lippen des Blonden und er ließ sich bäuchlings härter gegen die Fliesen drängen. Seine Hände fanden an einem kleinen Vorsprung Halt und so hatte er die Kraft, sich Viktor entgegen zu bringen.

„Ja-ha!", wurde er immer lauter, immer schneller. Leifs Atem flog und er nahm alles mit sich, was der Flächenbrand in seinen Adern nicht vertreiben konnte. Sein Kopf war leer – leer und nichts machte ihm mehr Kopfzerbrechen. Er liebte es, sich den Kopf frei zu ficken, es gab nichts Besseres! Schon gar nicht in einer Situation wie dieser. Er spürte die festen Finger auf seiner Hüfte, die kräftigen Beckenknochen auf seiner Haut, denn Viktor tat seinem Schatz den Gefallen und trieb ihn so harsch und schnell wie er nur konnte.

Er nahm sich kaum noch die Zeit zum atmen, seine Finger flogen nur so über Leifs Schritt, doch als er spürte, wie sich der Leib vor ihm verspannte und ihn fest in sich einkerkerte, war auch Viktor nicht mehr weit. Mit geschlossenen Augen und zuckenden Hüften spürte er der Intensität von Leifs Höhepunkt nach, ehe auch er sich die letzten Meter zum Abgrund kämpfte und mit einem letzten, harten Stoß seinem Schatz folgte.

Das leise Prasseln der Kerzen und der intensive Atem zweiter Männer war alles, was das Bad erfüllte. Für eine Weile standen sie einfach so da, Viktor dicht an seinen Schatz gedrängt und Leif lehnte an den Fliesen und suchte Abkühlung und Ruhe.

„Besser, Schatz?", wollte Viktor lachend wissen und Leif knurrte nur, aber er war zufrieden – er konnte es nicht leugnen. Der Kopf war frei, sein Puls raste wie verrückt.

„Schatz, du bist ziemlich launisch, wenn du keinen Dreh hattest", grinste Viktor weiter, als er sich langsam löste, den Gummi entsorgte und sich streckend neben Leif an die Wand lehnte. Er sah zu ihm rüber und grinste noch immer.

„Arsch!" Doch auch Leif grinste. Es stimmte, ab und an war er ziemlich zickig, wenn er nicht genug Sex bekam. Er wollte es zwar selber nicht zugeben, aber es gab Tage, so wie heute, wenn da alles zu viel wurde, dann musste ein guter, sinnloser, schneller Fick her und zwar schnell. Viktor wusste das genau.

„Und? Hast du jetzt den Nerv für ein entspannendes Bad?", wollte Viktor wissen, während Leif seine Beine nacheinander hob und endgültig aus der Hose stieg. Sie blieb achtlos liegen, wo sie war, bekam nur einen Tritt, damit sie bis zum Hemd rutschte. Schnell war er auch seine Socken los und nun wanderte sein Blick wieder durch das Bad.

Das Wasser in der beleuchteten Wanne dampfte noch immer einladend. Ab und an wurde eine kleine Nebelschwade von einem der Strahlen getroffen, es zauberte ein wirklich aufregendes Ambiente. Dazu noch der betörende Duft des Badeöls. Leif konnte nie genau sagen, was es war oder an was es ihn erinnerte, aber was er wusste war, dass es ihn willenlos machte, wild geradezu in seiner Leidenschaft und Viktor wusste das.

Er stritt zwar immer ab, dass das Öl aphrodisierende Zusätze hätte, doch Leif ließ sich da kein X für ein U vormachen. Es roch gut und es entspannte ihn, mehr zählte nicht. „Na los, rein in die Brühe. Wenn ich absaufe, wirst du mich retten, Bademeister", lachte Leif und ging rüber zur Wanne. Seine Beine waren noch ein bisschen wie Gummi, er stakste etwas, aber er fühlte sich schon viel besser.

Langsam stieg er die zwei Stufen hinab und ließ sich in das warme Wasser sinken. Auffordernd sah er zu Viktor rüber, der immer noch an der Wand lehnte und seinem Verlobten einfach nachgesehen hatte.

Nein, sein Entschluss stand felsenfest. Er würde Leif nicht teilen – niemals! Auch wenn er sich da wiederholte, er konnte es nicht oft genug sagen – er wollte Leif für sich allein.

Schon dass die Arbeit ihn so auffraß, störte Viktor. Es störte ihn noch mehr, dass sie zugestimmt hatten, filmisch auch ab und an getrennte Wege zu gehen. Morgen blieb Leif in Deutschland und sein Flieger ging nach den Seychellen, wo ein weiterer Dreh vorzubereiten war. Die Locations mussten gesichtet werden, Statisten engagiert. Das machte sich alles nicht von allein – doch wie Leif auch, sperrte Viktor erst einmal alles vor die Tür.

Alles, was er wollte, war ein paar entspannte Stunden mit seinem Schatz und ihn so zurück lassen, dass er nicht wieder auf die Idee kam, erst ein Kind würde sein Leben komplettieren. Er musste Leif eben mehr ausfüllen, ihn noch mehr fordern, damit er begriff, dass für ein Kind einfach keine Zeit war.

Es war jetzt schon schwer, seine kleinen Geheimnisse an Leif für sich allein zu haben, sie nicht mit Kameramännern und Voyeuren zu teilen. Egal ob es als kindisch galt oder als egoistisch – er wollte ein paar Facetten an seinem Verlobten ganz allein für sich, nicht teilen müssen, sich daran ergötzen. Nur er und kein anderer. Sein Leif sollte sein Leif bleiben. Lazlo konnte er teilen, das war sein Beruf und er kannte die Regeln. Aber Leif war ein Geheimnis, was er nicht lüften wollte – für nichts und niemanden.

„Willst du da nur sinnlos rumstehen oder kommst du auch mal ins Wasser? Von dort aus kannst du mich ja wohl schlecht retten", lachte Leif und ließ sich langsam nach hinten sinken. Die Augen geschlossen, spürte er die wohltuende Wärme auf seinen müden Muskeln.

„Ich genieße dich noch ein wenig", murmelte Viktor nur, stieß sich aber in einer fließenden Bewegung von der Wand ab und kam allmählich näher. „Die nächsten vier Tage muss ich schließlich auf dich verzichten." Langsam sank auch Viktor in das Wasser, schlich sich zwischen Leifs geöffnete Beine und sank dann einfach gegen seinen Verlobten. Die Hände Besitz ergreifend um Leifs Handgelenke geschlossen, zog er seinen Schatz noch dichter zu sich. Nichts sollte zwischen ihnen stehen – gar nichts.

„Ich bin doch noch da, wenn du wiederkommst, Vik." Sachte hauchte Leif seinem Verlobten sanfte Küsse in den Nacken, warf das lange, schwarze Haar über die Schulter nach vorn, um die Haut darunter besser erreichen zu können. „Ich werde auf dich warten", murmelte er leise. „Ich fahre nach Köln, teile diesem Anwalt meine Entscheidung mit und mache mich dann auf den Weg zurück. Ich werde also noch vor dir wieder da sein, Schatz", flüsterte er leise und knabberte sich weiter über den Nacken zur Schulter, das Schulterblatt entlang. Er liebte Viktors Geschmack, nach Salz und Sex. Die Augen geschlossen, leckte Leif immer wieder mit der Zunge darüber und schnurrte leise, während sich sein Freund in seinen Händen endlich entspannte.

„Ich werde uns einen Tisch bestellen und dich vom Flughafen abholen. Dann machen wir es uns richtig schön", murmelte Leif und Viktor nickte.

Ja, genau so sollte es sein – Leif wartete auf ihn, er richtete sein Leben nach ihm aus! Er war alles, was Leif wollte und was für ihn zählte. Er streckte sich zufrieden und grinste, als sich Leifs Beine um seine Körpermitte schlangen. So konnte er dessen Geschlecht deutlich in seinem Rücken spüren. Er liebte dieses Gefühl, wenn Leif nur noch ihm gehörte. Nackt kannten ihn viele, das war nichts Besonderes, aber so verschmust, so verliebt, so kannte nur Viktor ihn und er würde alles dafür tun, damit es auch so blieb.

„Wann musst du morgen früh zum Flughafen?", wollte Leif schnurrend wissen und küsste sich tiefer. Seine Hände fingen an, sich aus Viktors Umklammerung zu lösen und strichen langsam dessen Bauch entlang, zielstrebig tiefer und kraulten durch die schwarze Scham. Eine Zeit lang hatte sich Viktor rasiert, doch Leif musste zugeben, dass es weniger Spaß gemacht hatte. Vielleicht war der Oralverkehr angenehmer gewesen, aber er hatte nichts gefunden, in dem seine Finger hätten Halt finden können, nichts, in das er seine Klauen schlagen konnte, um Viktor nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. So war es ihm allemal lieber.

„Elf Uhr achtzehn ab Tegel", murmelte Viktor nur und Leif nickte.

„Dann haben wir ja noch eine Menge Zeit heute Nacht, hm?", lachte er und griff harsch zu, umschloss Viktor fest und machte unmissverständlich klar, dass sein Verlobter seinen Schlaf wohl morgen Mittag im Flugzeug finden musste.


-11-

„Vik!", knurrte Leif, als er sich die Decke wieder über den Kopf zog. Doch sein Verlobter ließ nicht locker.

„Leif, schwing deinen süßen Arsch aus dem Bett, du wolltest mich doch nach Tegel bringen." Also zog Viktor lachend die Decke wieder von seinem sich windenden Freund.

„Geh weg!", knurrte es unter der Decke. Leif hielt sich krampfhaft daran fest und gedachte nicht, seinen schwer gefundenen Schlaf wieder aufzugeben. Er war doch gerade erst eingeschlafen, hatte vor einer Minute erst die Augen zugemacht – zumindest fühlte er sich so.

„Komm schon, Schatz, geh duschen – ich bestelle uns ein Frühstück. Was willst du haben?" Viktor dachte doch gar nicht daran, seine gute Laune kaputt machen zu lassen. Er war gut drauf – Leif gut drunter, auch wenn er dann morgens immer etwas knurrig war, aber nichts was ein guter Kuss in aller Frühe nicht bereinigen konnte. Also zog Viktor beherzt die Decke von Leifs nacktem Körper und ließ erst einmal unverhohlen seinen glühenden Blick darüber schweifen.

Eigentlich war es schade, dass er dem Trip auf die Seychellen zugesagt hatte. Das hätte die Domina genauso gut erledigen können. Aber nun hatte er zugesagt, nun musste er auch fliegen. Wenn sie den Film in zwei Wochen beginnen wollten, musste die Location stehen und die Statisten auch. Sie wollten essen und schlafen, er musste also auch die Örtlichkeiten auskundschaften.

Zwar kam es ihnen zugute, dass einer ihrer betuchteren Fans ihnen sein Anwesen auf einer der Hauptinseln zur Verfügung stellen wollte, aber Essen und Statisten mussten trotzdem noch besorgt werden. Auch da wollte ihnen Pierre helfen. Er kannte sich in der extrem kleinen, schwulen Szene der Seychellen wohl noch am besten aus – großteils europäische und amerikanische Aussteiger, die sich mit ihren Liebchen dort ein schönes Leben machen wollten und gern mal für den einen oder anderen Dreh vor der Kamera stehen würden, sofern Viktor das wollte. Zumindest sagte Pierre das.

„Viktor!", riss ihn Leifs verschlafene Stimme wieder aus seinen Gedanken und er grinste, denn aus der verlockenden Rückenansicht, die er eben noch genießen durfte, war das noch leckerere Gegenstück geworden und Leif streckte sich gerade ausgiebig. „Warum nimmst du mir meine Decke weg? Nimm deine eigene Decke", maulte Leif vor sich hin, ein Bein an den Körper gezogen, ließ er es zur Seite kippen und machte es Viktor noch schmerzlicher, diesen Körper ungenossen allein zu lassen.

„Darf ich Herrn Drieschner mal daran erinnern, dass er mich nach Tegel zum Flughafen bringen wollte?", grinste Viktor. Er kniete sich erst auf das Bett, dann kam er auf allen Vieren über seinen Verlobten und küsste ihn kurz. Aber er stieß auf wenig Gegenliebe und so musste Leif wohl erst einmal richtig wach geküsst werden. Fest presste er seine Lippen auf die seines Verlobten und seine Zunge eroberte ihn.

Anfangs wehrte sich Leif noch. Er mochte es nicht, morgens so überfallen zu werden – er brauchte seine Zeit, denn er war das, was der allgemein gebildete Mensch gern einen Morgenmuffel nannte. Er brauchte mindestens eine halbe Stunde, um zu sich zu kommen und er hasste es, von einem anderen als einem Wecker aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden. Aber Viktor kannte ihn viel zu gut. Er wusste, wie er ihn streicheln musste, wo er ihn berühren musste, um ihn selbst in diesem angefressenen Zustand Wachs in seinen Händen werden zu lassen.

„Vik", stöhnte Leif ungehalten. Seine Finger schoben sich unter die Shorts seines Freundes und krallten sich in den festen Hintern. So schwer es Viktor auch fiel, aber wenn er sich nicht beeilte, dann ging der Flieger ohne ihn und der Dreh verschob sich, was bedeutete, dass ihr anschließend geplanter Urlaub sich auch noch weiter nach hinten verschob – ein Zustand, der in seinen Augen unhaltbar war.

„Schlaf weiter, Süßer, ich fahr alleine", murmelte er und löste sich wieder von seinem langsam hoch tourenden Freund. Leif schlug ihm seine Finger fester in das Fleisch und Viktor stöhnte leise auf.

„Du spinnst wohl, Vik, erst weckst du mich, dann machst du mich heiß und dann soll ich mich hinlegen und weiter schlafen? Du hast ja wohl nicht mehr alle Haare am Sack", knurrte der Blonde. Die lange Mähne lag wild um seinen Kopf und die nachtblauen Augen funkelten angriffslustig. Jetzt war er wach, jetzt wollte er ganz bestimmt nicht mehr schlafen! Viktor grinste nur.

„Als du gestern mit mir fertig warst, hatte ich definitiv nicht mehr alle Haare am Sack", lachte er und küsste Leif noch einmal harsch. Doch dann musste er sich doch erheben, wenn er pünktlich sein sollte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Freund ihm folgen würde, doch Leif schoss ebenfalls hoch. An Schlaf war nicht mehr zu denken.

Nackt wie er war folgte er seinem Verlobten aus dem großen Schlafzimmer, in dem bis auf ein Kingsize-Bett nicht viel drinnen stand und ging rüber ins Wohnzimmer. „Bestell was zu essen, ich geh duschen", wiederholte er sinngemäß Viktors vorhin gesprochene Worte und war schon wieder im kleinen Bad verschwunden. Wenn diese Wohnung etwas hatte, dann Bäder – fünf um genau zu sein. Zwei im oberen Geschoss für die Gästezimmer, ein großes Bad mit Ambiente und Badewanne und zwei kleine Duschen separat.

Ganz am Anfang hatten sie diese Wohnung als Location für ein paar Filme gemietet, doch Leif hatte sich in diese Wohnung hoch über den Dächern von Berlin wirklich verliebt und so hatte er sie sich von seinen Gehältern erst gemietet, dann gekauft. Nun gehörte sie ihm und sie gehörte ihm allein. Vielleicht überschrieb er sie, zusammen mit einem Ehevertrag, auch auf seinen später Angetrauten, nämlich Viktor, aber vorerst beließ er alles, wie es war.

Schnell war er im Bad verschwunden. Seine Gedanken arbeiteten nur träge, denn sie waren im Vergleich zu seinem Körper noch nicht ganz wach. Bei Leif traf es zu, wenn er morgens behauptete, er wäre nur körperlich da. Es dauerte immer etwas, ehe sein Geist in Schwung kam. Kaffee war da immer ein ganz gutes Treibmittel.

Leif war ein Nachtmensch, er kam morgens nur schwer aus dem Bett und seine kreativen Hochphasen hatte er am frühen Abend, weswegen er auch ein Zimmer dieses großen Penthouses als Büro umfunktioniert hatte, um Einfälle und Eingebungen gleich in die Tat umsetzen zu können oder wenigstens das eine oder andere zu notieren.

Leif wusch sich die Haare, seifte sich ab und stand ein paar Minuten später mit einem Fön vor dem Spiegel. Es war nicht seine Art, sich zu verhüllen – warum auch? Jeder wusste, wie er aussah, es gab nichts, was die meisten, die ihn umgaben oder ihn besuchten, nicht schon kannten.

Mit einem Kind müsste sich das alles ändern!, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf und mit einem gelungenen Paukenschlag erklärten ihm seine mentalen Lebensgeister, sie wären da und zu allen Schandtaten bereit. Leif seufzte.

Ein Kind – ein richtiges kleines Kind, das auch noch mit ihm verwandt war. So klein war JJ ja nicht mehr und... Leif schüttelte den Kopf und schaltete den Fön aus. Er hängte ihn beiseite und stützte sich mit beiden Händen auf das Waschbecken, als er dem Spiegel immer näher kam und er sich darin betrachtete. Das war nicht schwer. Die komplette Wand hinter dem kleinen Waschbecken war verspiegelt.

Ein Kind – aber er hatte sich dagegen entschieden. Er hatte Viktor zuliebe beschlossen, den kleinen Kerl in ein Heim zu geben, ohne ihn zu kennen, ohne die Chance auf eine Familie.

Eigentlich war die Idee hirnrissig!

Dieser Kleine war alles, was er wollte, auch wenn er dafür anfangen musste, Kleider zu tragen, sich etwas zu verhüllen, auch wenn er sein Leben am Tag und nicht in der Nacht führen musste. Er würde vieles aufgeben müssen, vielleicht sogar seinen Job aber,...

„Nein!", rief er sich selber zur Räson. Er hatte sich für seinen Verlobten entschieden und diese Entscheidung musste er jetzt auch tragen. Er konnte doch nicht einfach wieder umfallen!

„Snap it out!", knurrte er sich selbst an und wie ein kleines Kind streckte er sich die Zunge raus. Er musste auf andere Gedanken kommen und zwar schnell. Er würde wohl erst wieder Ruhe finden, wenn er in Köln gewesen war und diesem Anwalt erklärt hatte, dass er die Vormundschaft des Jungen und somit auch dessen Erziehung nicht annehmen konnte.

Leif spürte, wie schwer dieser Gedanke war, wie schwer es war, seinen Traum mit Füßen zu treten. Doch war nicht auch Viktor sein Traum? Dieser Mann war immer für ihn da, er trug ihn auf Händen, er war ihm eine Stütze. Er konnte sich auf Viktor verlassen, das war sehr viel wert. Aber war es mehr wert, als ein eigenes Kind zu haben? Auch wenn der Kleine nicht sein Sohn, sondern sein Neffe war?

„Ng!" Leif knurrte. Er konnte nicht aufhören darüber zu grübeln. Nun war er so froh gewesen, diese Gedanken in der letzten Nacht von sich geworfen zu haben, aber nun kamen sie so massiv wieder, dass er sich gar nicht sicher war, ob er sie allein auch so erfolgreich verdrängen konnte. Es musste ja nur bis Montag sein! Musste Viktor ausgerechnet dieses Wochenende verschwinden?

Verdammt!

Wütend griff sich Leif wieder seinen Fön und trocknete sich die Haare. Sie störten ihn schon lange und er spielte mit dem Gedanken, sie zu kürzen. Doch Viktor liebte sie. Er schlug gern seine Finger in die langen Strähnen, zog sanft an ihnen und dirigierte Leif über seine Körper. Er liebte die Farbe und er wollte nicht, dass Leif sie schneiden oder färben ließ. Aber Leif gingen die Fransen langsam wirklich auf den Nerv. Nun, wo sie trocken waren, flogen sie wieder weich und fluffig um seinen Kopf. Er sah aus wie ein gesprengter Sessel, also musste Schaum rein.

Er hatte diese allmorgendliche Prozedur langsam wirklich über! Nur am Rande bemerkte Leif, dass sein Unmut auf seine Haare nicht wirklich etwas mit ihnen zu tun hatte, im Augenblick war er unzufrieden wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er schwebte zwischen den Stühlen und hatte gestern eine Zusage gemacht, die er heute... na ja, fast wäre er versucht gewesen zu sagen, er würde sie bereuen. Doch er bereute nicht!

Leif stieß schnaubend die Luft aus, dann kam er aus dem Bad, ging nur eine Tür weiter, die ein Zimmer verschloss, das über und über mit Klamotten belegt war. Anfangs hatten sie noch einen großen Kleiderschrank im Schlafzimmer gehabt, doch das Ding war irgendwann übergequollen und so hatte man sich dazu entschlossen, einen der vielen Räume dieser Wohnung zu einem großen Schrank umzurüsten. Nicht nur, dass man einfach die Tür zumachen konnte und man sah nichts mehr davon, man konnte auch seine Klamotten viel bequemer suchen und vor allem auch finden. Viktor hatte sich an einem extrem langweiligen Wochenende einmal die Mühe gemacht die Klamotten zu sortieren – jetzt hielten sie sich beide an das System und es funktionierte hervorragend.

Schnell verschwand er in einem Tanga und Socken, dazu eine enge Hüfthose und ein Rippshirt. Er ging zu keinem Empfang, er wollte nur seinen Verlobten nach Tegel zum Flughafen bringen. Als er am Spiegel vorbei kam, wuschelte er sich noch mal durch die Haare, verkniff sich aber weitere Gedanken diesbezüglich, sondern trat zu seinem Freund in die Küche. Viktor hatte sich schon in Schale geschmissen und der schwarze Anzug stand ihm ungemein.

Das Haar war zwar im Rücken locker zusammengefasst, wirkte aber nicht so gequält wie ein Pferdeschwanz. Viktor hing an seinen Haaren, deswegen war Leif noch nicht auf die Idee gekommen, sie beide mal beim Friseur anzumelden. Zwar hatte er Vik damals mit kurzen Haaren kennen gelernt und musste zugeben, dass er ihn damit auch sehr lecker gefunden hatte, aber Viktor war Viktor, diese Haare gehörten zu ihm. Leif schlang seine Arme von hinten um seinen Freund und küsste ihn kurz auf den Hals. „Du siehst gut aus, soll ich dich so wirklich weg lassen?", raunte er und nippte weiter über die frisch rasierte Haut. Er konnte das Aftershave schmecken, was er ihm zum Geburtstag geschenkt hatte.

„Ich würde auch lieber bleiben, Honey. Aber du weißt... die Arbeit ruft", murmelte Viktor und drehte den Kopf, um Leifs Lippen mit den seinen streifen zu können.

„Dann sag ihr, sie soll auf den AB sprechen und wir rufen sie zurück, wenn du weniger lecker aussiehst und ich nicht so verrückt nach dir bin", murmelte Leif. Fast klang es ein wenig, als würde er schmollen. Es kam häufig vor, dass Viktor ihn allein ließ, weil er sich um die Sets kümmern musste. Aber dieses Mal hatte Leif das ungute Gefühl, dass etwas anders war. Er hatte kein Vertrauen in sich selbst. Ein ganz seltsames Gefühl. Es war ja nicht so, dass er nicht auch allein im beruflichen wie auch im privaten Sinne seinen Mann stehen konnte, aber dieses Mal hätte er gern Viktors Schulter gehabt, um sich anzulehnen, um zu begreifen, dass seine Entscheidung die Richtige gewesen war.

„Leif, du bist albern", lachte Viktor und griff sich seinen Freund noch einmal, als er sich in dessen Armen drehte. Er hob Leif auf die Theke vor sich und küsste ihn ausgehungert, bis das leise Signal des Speisenaufzuges erklärte, dass das Frühstück darauf wartete, eingenommen zu werden. Aber einen Kuss stahl sich Viktor dann doch noch, ehe sie beide sich mit Kaffee und Rührei den Weg in den Tag ebneten. Sie aßen schweigend, immer wieder mit dem Auge auf der Uhr.

Eine Viertelstunde später standen sie schon in der Tiefgarage. Viktor stopfte seine Tasche in den Kofferraum von Leifs geliebten SLK und ließ seinen Blick noch einmal über die anderen drei Wagen streichen. Es war lange her, dass er seinen Ferrari etwas ausgeführt hatte. Entweder war er mit Leif unterwegs oder der kleine Porsche musste herhalten. Leifs Z4 fristete ein ähnliches Dasein wie sein Ferrari, aber sich von den Wagen zu trennen brachten sie auch nicht übers Herz. Grinsend ließ er sich auf den Beifahrersitz fallen und so machten sie sich auf den Weg zum Flughafen.

Bei Leifs Fahrstil, der schon mehr an einen Tiefflug erinnerte als an eine Autofahrt, dauerte der Weg nicht lange. Aber so hatten sie noch ein wenig Zeit, als sie am Flughafen ankamen, Viktors Tasche aufgegeben und den groben Check-in hinter ihn gebracht hatten. Bei einer Tasse Kaffee saßen sie in einem der kleineren Restaurants und sahen den Fliegern bei den Starts und Landungen zu. Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick aufs Rollfeld.

„Wann kommst du wieder?", wollte Leif wissen und rührte in seiner Tasse.

„Dienstagnachmittag. Ich will wirklich nur mit Pierre die Örtlichkeiten durchgehen und ansehen, was sich so alles als Statist für den Hintergrund gemeldet hat. Unsere eigenen Leute nehmen wir ja sowieso mit, aber einen Film von den Seychellen und dann nur poppende Weiße?" Viktor grinste und tunkte Leifs Keks mit in seinen Kaffee. Er liebte die kleinen Dinger, Leif hingegen konnte mit Gebäck nicht wirklich viel anfangen.

„Allerdings ist der Zoll wohl ziemlich streng. Pornografie jeglicher Art darf ins Land nicht eingeführt werden", erklärte er die Info, die er von Pierre hatte und sah Leif grinsend an, weil der schon wieder so zweideutig guckte. Bei ihm musste man wirklich aufpassen, was man sagte, so ein Schwerenöter. „Deswegen ist es mir auch ganz lieb, dass wir auf einem abgeschotteten Privatgrundstück drehen. Nicht dass uns die Bullen von den Inseln noch auf den Pelz rücken." Das wäre wirklich das letzte, was sie noch gebrauchen konnten – Ärger mit den Behörden.

„Na ja, ich hab mich schon mal in der Botschaft umgehört. Visum brauchen wir nicht. Aber eine Erklärung, wo wir wohnen werden, genügend Geld und ein Rückflugticket, das wird immer ganz gern gesehen", gab auch Leif die Ergebnisse seiner – oder besser: Dominas – Recherchen preis. „Lass dir also am besten von Pierre was schriftlich geben, dass wir bei ihm wohnen werden. Nicht dass sie uns in den nächsten Flieger zurücksetzen." Leif lachte. Er war schon weit rumgekommen in der Welt, aber im Indischen Ozean hatte er sich noch nicht herum getrieben. Eigentlich freute er sich schon darauf und hoffte, dass sie wenigstens ein paar Stunden Zeit haben würden, sich alles etwas anzusehen. Schließlich kam man ja nicht jeden Tag auf die Seychellen.

„Ja, gute Idee, ich geh das gleich mal mit Pierre durch. Hast du die Infos schriftlich?", wollte Viktor wissen und trank seinen Kaffee leer. Langsam rückte die Zeit zum Boarding immer näher, auch wenn er sich nur ungern von Leif trennte.

„Ja, auf Dominas Schreibtisch muss das Fax noch liegen, ich faxe es zu Pierre, ist das okay?" Auch er leerte seine Tasse, denn Viktors nervöser Blick auf die Uhr blieb auch ihm nicht verborgen. So erhoben sie sich und gingen langsam zum Gate.

„Und eine Liste vom Staff, von allen, die mitkommen, damit Pierre die Unterlagen fertig machen kann", fügte Viktor noch an und nahm Leif noch einmal kurz in den Arm, zog ihn an sich, als sie zum Gate gingen. Pikierte Blicke und dumme Kommentare prallten an ihnen schon lange ab. Sie machten sich nicht die Mühe, auf so was noch zu reagieren. Es war nicht ihre Art, in der konservativen Öffentlichkeit zu provozieren, aber sich zu verstecken lag ihnen auch nicht. Sie waren, wie sie waren und wer das nicht mochte, konnte ja immer noch weggucken. So ihre Philosophie.

Ein kurzer Kuss und dann kramte Viktor sein Ticket und seinen Reisepass aus der Innentasche seines Jacketts und legte beides vor. Nun war es so weit – ihre Wege trennten sich für ein paar Tage. Viktor grinste ihm zu, dann ging er den Weg entlang und zum Flugzeug, während Leif sich einen Platz am Fenster suchte um dem Flugzeug hinterher zu sehen. Es war ein seltsames Gefühl, kaum dass Viktor ihn verließ kam es zurück. Das Gefühl, nicht zu wissen, ob seine Entscheidung die Richtige gewesen war.

Warum musste er sich entscheiden? Warum konnte er nicht beides haben? Warum ließ Viktor eine Diskussion und die Möglichkeit, das Kind zu sich zu nehmen, einfach nicht zu? Leif seufzte leise und lehnte sich gegen die Scheibe. Die Hände in der Hosentasche schob er die Hose noch etwas tiefer, doch er merkte es gar nicht. Sein Kopf arbeitete auf Hochtouren, seine Gedanken fuhren Achterbahn und er wusste selbst nicht, wo sie eigentlich ankommen sollten. Er wusste nicht einmal mehr zu welchem Ergebnis er kommen wollte. Das war doch verrückt, Viktor war kaum ein paar Minuten weg und seine Gedanken liefen Amok! Eigentlich war es schäbig und so fühlte sich Leif auch. In seinen Gedanken hinterging er Vik, kaum dass er ihm den Rücken zukehrte.

Leif knurrte leise. Nein, so durfte das nicht weiter gehen. Am besten deckte er sich mit Arbeit zu, dass er kaum noch aus den Augen gucken konnte. Er würde gleich in die Stadt ins Büro fahren und sich zusammen mit Jochen, der Visagistin, und 'Domina' Frank um die neuen Eingänge kümmern. Täglich bewarben sich junge Männer bei ihnen, per Bild, per Video. Es war schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. Vielleicht brachte ihn das auf andere Gedanken. Sollte das nicht reichen, konnte er sich immer noch beim Jogging die Lebensgeister rauspowern und hoffen, dass sie ihn so schnell nicht wieder fanden!

Es war doch wirklich verrückt, wie er versuchte, sich einen einzigen Gedanken zu verbieten und ihn so eigentlich nur noch hartnäckiger machte. Leif schüttelte nur den Kopf. Er wartete nicht mehr, bis Viktors Flieger sich erhob, sondern ging zurück zu seinem Wagen und fuhr nach Hause. Hier kam er ja doch nur auf dumme Gedanken.


-12-

Schlussendlich war der Freitag so gelaufen, wie Leif sich das schon gedacht hatte. Er war von Tegel aus direkt in seine Firma gefahren, war mit Frank und Jochen das eine oder andere durchgegangen. Sie hatten Bänder gesichtet, Fotos ausgewertet und sich eine kleine Liste von Bewerbern gemacht, die bei ihnen vorsprechen sollten. Zwei von denen machten einen ziemlich viel versprechenden Eindruck. Beide hatten Erfahrungen im Schauspiel, sahen ziemlich gut aus und konnten sich auch vor der Kamera natürlich benehmen.

Von denen wollte sich Leif auf jeden Fall selbst mal überzeugen. Dass einer von beiden asiatische Wurzeln hatte und der zweite afrikanischen Einschlag, konnte der Abwechslung in seinen Filmen nur gut tun. Hitori und Muhal waren auch schon kontaktiert worden und ein Termin für Donnerstag gemacht. Schließlich gehörte Leif die Firma nicht allein und wenn sie neue Darsteller in ihre Kartei und somit auf ihre Gehaltsliste aufnahmen, wollte er auch Viktors Meinung dazu wissen.

Am späten Nachmittag, kurz bevor Leif nach Hause gehen wollte, um sich einen netten Abend mit einem noch netteren Film zu machen, klingelte das Telefon und Viktor erklärte kurz und knapp, wie es gelaufen war. Er sei bei Pierre und ob Leif ihm die vereinbarten Daten schicken könnte. Zusammen mit den beiden Blättern faxte Leif ihm noch die zwei potenziellen Neuzugänge, vielleicht ließen die sich gleich auf den Seychellen ausprobieren. Das Ambiente bot sich dafür ja irgendwie an.

So war der Freitag verlaufen – mit einem rührseligen Film, der vor Romantik nur so tropfte, hatte sich Leif vor den Fernseher gehauen und sich ein Fertiggericht in der Mikrowelle heiß gemacht. Ihm war weder danach, etwas zu ordern, noch danach, allein essen zu gehen. Er fühlte sich unausgeglichen und unzufrieden – das hatte den ganzen Tag nicht wirklich nachgelassen. Noch weniger, als er sich in einer ruhigen Minute mal mit Jochen unterhalten hatte. Er zog ja die kleine Tochter seines Gatten auf und Tiara war Jochens ganzer Stolz.

Zwar hatte Jochen seine Worte wohl gewählt, aber er ließ keine Zweifel daran aufkommen, dass er Viktors Meinung – egal was er durchgemacht hatte oder nicht – nicht gelten lassen würde. Leif hatte ihm zwar nicht ausführlich berichtet, was Viktor ihm erzählt hatte und warum er Kinder nicht wollte und auch nicht dulden konnte, aber Jochen war ein feinfühliger Mann. Er hatte ein Gespür, um das Leif ihn oft beneidete. Es reichten einzelne Worte und Jochen begriff, was los war. Deswegen war er immer ein guter Berater, auch wenn er eigentlich nur für Haare und Make-up eingestellt worden war.

Nun war Leif noch zerrissener als vorher, auch wenn Jochen ihm erklärt hatte, dass er es unterstützen würde, egal wie sein Chef und Freund sich entscheiden würde. Doch er hatte ihm auch vor Augen geführt, dass Leif da eine Chance vor die Tür setzte, die nie wieder kommen würde. Jochen wusste am besten, wie sehr sein Chef Kinder liebte, wie viel Zeit er in Kindereinrichtungen verbrachte und in den Krankenhäusern bei den Kleinen. Die scherten sich nicht darum, womit Leif sein Geld verdiente, sie waren einfach dankbar dafür, nicht allein zu sein. Leif hatte so ein großes Herz, es nicht für ein Kind zu nutzen war in Jochens Augen eigentlich nur Verschwendung. Da kannte Jochen ja gar nichts, das sagte er Leif auch unverblümt, wenn er auf diplomatischem Wege nicht weiter kam.

Dementsprechend hing Leif auch am Abend mehr vor seinem Fernseher, als dass er sich auf den Film konzentrierte. Er war mit seinen Gedanken immer wieder bei den Kindern auf der Krebsstation im städtischen Krankenhaus, bei Jochen, wie er mit Tiara umging, wenn sie mal ausnahmsweise mit in der Firma war, weil Jochen nur was abholen und dann gleich weiter mit seiner Prinzessin in die Stadt wollte. Leif hatte immer nur neidisch zugesehen, sich nach einem eigenen Kind gesehnt und jetzt trat er diese Chance mit Füßen?

Er fühlte sich so zerrissen, sich zwischen einem Menschen zu entscheiden, den man liebte und einem, den man lieben wollte. Auch die Nacht war nicht wirklich angenehm. Leif rollte sich über das breite Bett, immer wieder lag er wach, dämmerte weg, träumte wirr. Mittlerweile war er so weit, sich den Kleinen anhand des Gesichtes seiner Mutter und deren Kinderfotos vorzustellen! Er war sogar aufgestanden und hatte die wenigen Fotos, die Leif von seiner Familie noch hatte, durchgesehen.

Mit einem Glas Wein saß er bis zum Morgen und starrte auf die Kinderfotos von sich und seiner Schwester. Wenn Giselas Kleiner nur ein bisschen nach der Familie kam, dann musste der Kleine ein unwahrscheinlich süßer Junge sein. Vielleicht hatte er blaue Augen – so wie Gisela und er selbst auch. Giselas waren sehr hell, vielleicht hatte ihr Sohn die gleiche Farbe.

Und die Haare? Sie waren von Natur beide blond, ob der Kleine auch blond war?

Oder die Haarfarbe seines Vaters trug? Wer war eigentlich der Vater des Jungen? Was war mit dem? Warum nahm er den Süßen nicht zu sich? Warum brauchte er da einen Vormund?

Die ganze Nacht hatte Leif gegrübelt, bis es ihm zu bunt geworden war. Kaum dass die Sonne über den Horizont kroch, war Leif schon in seinen Jogging-Klamotten im Stadtpark unterwegs. Wenn er den Kopf schon nicht mit Sex frei bekam, vielleicht half ihm das Laufen. Anfangs hatte er nicht verstanden, warum Jogger immer so euphorisch versuchten, es ihm auch schmackhaft zu machen. Doch seit er einmal so lange gelaufen, war bis das Hirn angefangen hatte, körpereigene Aufputschmittel auszuschütten, so dass er kaum noch an sich halten konnte und immer weiter gelaufen war, seit dem hatte er es zu schätzen gewusst, sich richtig auszupowern. Auch wenn er durch seinen engen Drehplan der letzten Wochen nur noch sehr selten dazu gekommen war.

Doch was hatte Leif erwartet? Dass ein Kinderwunsch ihn in Ruhe ließ? Doch nicht in einem Park, nicht da, wo die Ersten morgens mit ihren Kleinen auch eine ganz kleine Runde drehten – die Eltern zu Fuß, die Kinder mit dem Rad oder sie stolperten total niedlich ihre ersten Gehversuche. Auf einer Bank sitzend hatte Leif ihnen einfach zugesehen – er hatte die Zeit völlig vergessen und sich gewundert, als gegen Mittag sein Handy klingelte, weil Vik ihn suchte.

>Schatz, wo bist du denn? Zuhause geht keiner ran?<, wollte Viktor wissen und Leif lehnte sich auf seiner Bank zurück. Er hatte geschwitzt, war etwas durchgefroren, doch er hatte keine Lust, sich zu erheben und heim zu gehen. Warum auch? Die Wohnung war leer, keiner wartete auf ihn.

„Ich war joggen", erklärte er und schloss die Augen. Auch wenn der Wind frisch war, so hatte die Sonne doch ordentlich Kraft.

>Joggen? Warum das denn?<, lachte Viktor, verkniff sich aber die Frage, ob sein Schatz nicht ausgelastet wäre. Er wusste, dass Leif wusste, dass er diese Frage stellen wollte - er musste sie nicht aussprechen, dementsprechend wurde er auch angeknurrt und darauf verwiesen, dass er ihn schließlich allein gelassen hätte und nun mit den Konsequenzen leben müsse. Doch Leifs Stimme war nicht so amüsiert wie sie bei den Worten eigentlich hätte klingen sollen. Das entging auch Viktor nicht, denn er hatte ein Radar für seinen Leif. Er kante ihn gut genug, um ihn nicht sehen zu müssen, aber trotzdem sagen zu können, dass etwas im Argen lag.

>Was ist wirklich los?<, wollte er deswegen wissen. Erst druckste Leif noch herum, doch dann erzählt er von seinen Träumen, von den Fotos, doch er verschwieg das Gespräch mit Jochen. Wissend, dass er seinem Freund keinen Gefallen tat, würde er Vik davon erzählen, denn der konnte jähzornig sein und dann verloren sie vielleicht den besten Make-up-Künstler, den sie je unter Vertrag gehabt hatten.

Geduldig hatte Viktor zugehört, auch wenn er innerlich brodelte, doch er wusste, dass er mit Wut im Bauch bei Leif wieder gar nichts erreichte, außer dass er seinen sturen Kopf durchsetzte und dann erst recht machte, was er wollte. Er erkannte doch sein Schweinchen am Tritt!

Also atmete Viktor nur tief durch und fragte: >Hatten wir darüber nicht gesprochen, Leif? Waren wir uns nicht einig gewesen, dass es in unserem Beruf keinen Sinn macht? Nicht nur, dass der Junge dir bei deinem Vorleben sowieso nicht zugesprochen werden würde, selbst wenn – wann willst du dich um ihn kümmern? Am Set? Im Büro?< Auch Viktor hatte Zeit gehabt, seine Gedanken zu sortieren und noch etwas gezielter als vorgestern gegenzuhalten.

„Aber es gibt Kindermädchen", erklärte Leif, der noch nicht das Problem sehen wollte, dass Viktor ihm aufzeigte.

>Dann ist sie der Bezug des Kindes und nicht du, Leif. Dann musst du ihn auch nicht zu dir nehmen. Begreif das doch endlich.< Viktor konnte nicht vermeiden, dass er ein wenig angefressen war. Leif trug sich also noch immer mit den Gedanken herum, von denen Viktor gehofft hatte, er hätte sie getilgt. So hatte das aber nicht laufen sollen!

>Denk doch mal nach. Glaubst du, für den Jungen ist das gut? Er kommt zu dir, wird an ein Kindermädchen abgeschoben? Und dann, wenn das Jugendamt mitkriegt, wie du dein Geld verdienst, geht er sowieso ins Heim. Du tust dem Kind keinen Gefallen damit, Leif!< Er konnte nur hoffen, dass Leif wenigstens das Wohl des Kindes so wichtig war, dass er anfing nachzudenken. Und Viktor schien Glück zu haben.

Eine ganze Weile sagte Leif gar nichts, machte nur: „hm", und: „mh". Immer wieder lag sein sehnsüchtiger Blick auf den Kleinen, die im Gras tollten, auf den Eltern, die mit ihren Kindern den Samstag genossen und das schöne Wetter für einen kleinen Ausflug nutzten. Es war ganz gut, dass Viktor diesen Blick nicht sah, er hätte ihm wehgetan.

„Vielleicht hast du wirklich Recht. Sie würden ihn mir wegnehmen, wenn sie wissen, was ich mache", murmelte er nur und dabei wusste er doch noch nicht einmal, ob es am Montag bei diesem Termin wirklich darum ging, eine Unterbringung für den Jungen zu finden! Er hatte sich so in den fixen Gedanken verbissen, den Jungen in sein Leben zu integrieren, dass die Gedanken rechts und links daneben kaum noch Gewicht bekamen.

>Eben. Lass den Jungen sich gar nicht erst an dich gewöhnen – das wird doch nur noch schwerer für euch<, versuchte es Viktor auf die einfühlsame Tour. Er spürte, dass er Leif wieder so weit hatte. Diese fixe Idee mit dem eigenen Kind ging ihm langsam ziemlich auf den Nerv, aber das konnte er seinem Verlobten ja so nicht sagen. Er versuchte ihn einfach etwas zu manipulieren, auch wenn das vielleicht nicht die feine englische Art war. Aber auf lange Sicht war es wohl das Beste für Leif und für den Jungen, wenn sich ihre Wege nicht kreuzten.

>Ich bin Dienstag wieder da, da machen wir uns einen schönen Abend, ja Schatz? Ich liebe dich, vergiss das niemals.< Viktor klang leise und einfühlsam, so wie Leif es brauchte. Er konnte sich an ihn lehnen, für ein paar Augenblicke und fühlte sich wieder etwas in die richtige Richtung geschoben.

Viktor hatte ja Recht, aber Jochen hatte doch auch Recht! Tiara war so süß, der Kleine von Gisela war sicher auch total süß! Leif vermied es, den Namen des Jungen zu benutzen. Er wollte sich gar nicht erst an ihn gewöhnen. Langsam wurde er noch wahnsinnig. Doch er ließ sich nichts anmerken, lächelte nur.

„Ja, beeil dich und komm wieder. Ich fühle mich ziemlich allein", murmelte er und erhob sich langsam von seiner Bank. Er wollte nicht mehr sehen, was ihm selbst verwehrt war. Er wollte sich nicht weiter quälen. Es tat jetzt schon weh, dabei wusste er doch noch gar nicht, was übermorgen auf ihn zukam. „Wie sieht’s aus? Ist Pierres Anwesen geeignet? Lässt sich da was machen?", lenkte er das Thema um und so war Viktor wieder in seinem Element, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl. Er kannte Leif und er kannte den sturen Schädel seines Verlobten.

Ob das Thema Jan Josef also wirklich vom Tisch war, wagte er über die Distanz noch nicht zu sagen – er hätte es wohl noch nicht einmal sagen können, wenn er neben ihm gesessen hätte. Leif konnte sprunghaft sein und launisch wie das Wetter im April.

Aber er folgte Leifs Themenwechsel und berichtete vom Anwesen, erzählte, dass er Bilder gemacht hätte und Leif gemailt, er solle in seinen Postkasten sehen und ihm sagen, was er davon hielt. >Außerdem habe ich mir ein paar der Typen angeguckt, die sich vorgestellt haben. Ich würde mal sagen, den einen oder anderen sollten wir mal ausprobieren. Genauso wie deine Neuzugänge. Ich sehe sie mir Donnerstag zusammen mit dir an, aber was du mir bis jetzt von ihnen geschickt hast, ist viel versprechend.<

Sie unterhielten sich noch etwas über das Geschäft, bis Leif in die Straßenbahn stieg. Vik verabschiedete sich und ließ seinen Verlobten wieder allein, auch wenn er noch immer kein gutes Gefühl dabei hatte. Leif war allein und er hatte viel zu viel Zeit zum Nachdenken!



In den folgenden Stunden zeigte sich, dass Viktor seinen Schatz wohl viel zu gut kannte. Zwar wertete er noch die Bilder aus, die Vik ihm geschickt hatte, kommentierte sie und nickte ab, aber dann war auch das erledigt und Leif war wieder seiner Unzufriedenheit überlassen. Mit einem Buch und einem Glas Wein verzog er sich in die Wanne, aber auch da war es allein nicht einmal halb so schön wie mit Viktor.

Der Sonntag verlief wie der Samstag auch – Leif schlief schlecht, er ging Joggen, um sich abzulenken und am Telefon diskutierten er und Viktor die gleichen Themen durch wie gestern auch. Es war so trist. Es war ja nicht so, dass Leif sich allein nicht zu beschäftigen wusste, aber ihm fehlte der Ansporn, sich anzuziehen und auf die Straße zu gehen, ins Kino, in ein Restaurant, einfach nur ein bisschen raus auf die Straße.

Mit seiner Unausgeglichenheit hatte er nicht einmal den Elan ins Krankenhaus zu gehen. Er kam sich vor, als hätte er eine schwere Krise, er wollte sich verstecken, denn er kam mit sich selber nicht klar. Immer wieder wog er das eine gegen das andere ab. Er war sogar schon so weit gegangen zu überlegen, sich für das Kind von Viktor zu trennen, doch das hatte ihm dann mehr Angst als Hoffnung gemacht und so stand sein schmerzlicher Entschluss unumstößlich fest. Er gehörte zu Viktor und wenn dieser Weg dorthin nur ohne ein Kind möglich war, so sollte es eben so sein, außerdem war es für den Kleinen ja auch besser.

Leif redete sich das immer wieder ein, führte sich die Konsequenzen vor Augen und dann plötzlich – es war gerade kurz vor Mittag – da schoss er hoch und verschwand im Bad. Schnell hatte er geduscht und ein paar frische Klamotten übergeworfen. In einer Tasche verwahrte er Wechselsachen und als er den AB frisch besprochen hatte, war er weg.

Ihn hielt es nicht mehr in seiner Wohnung, sondern er machte sich auf den Weg nach Köln. Er würde schon irgendwo ein Hotelzimmer für die Nacht finden – aber erst einmal musste er hier raus und sich ablenken! Ein bisschen durch die Clubs ziehen, von denen Ian immer geschwärmt hatte, ein bisschen am Dom rauf und runter, sich umsehen, Anregungen holen.

Ungeduldig tigerte er im Fahrstuhl zur Tiefgarage hin und her und atmete erst wieder durch, als er seine Tasche verstaut hatte und in seinem SLK saß. Er liebte dieses Auto, das sah man auch. Er war tiefer gelegt, verspoilert. Die Innenausstattung nur vom Feinsten. Für all die Änderungen, die er hatte vornehmen lassen, hätte er sich locker noch einen zweiten Mercedes leisten können, aber das wollte er gar nicht. Er liebte seinen Wagen so wie er war und er brachte ihn überall dorthin, wo Leif gern sein wollte. So wie jetzt – er fuhr ihn auf die Straße, quer durch die Stadt und dann auf den Zubringer zur Autobahn.

Gedämpfte Musik und rasantes Tempo ließen Leif langsam wieder ruhiger werden. Er ging alle Texte der Lieder durch, konzentrierte sich auf die Straße und verbot sich jeden Gedanken, der davon abwich. Leif hoffte darauf, dass all die neuen Eindrücke der Karnevalshochburg und ihrer Szene ihn auf andere Gedanken brachten, dass so viel auf ihn hernieder prasselte, dass er ganz vergaß, weswegen er eigentlich nach Köln gekommen war. Er wollte sich amüsieren.



Er kam gut durch, die Straßen waren verhältnismäßig leer und so erreichte er am frühen Abend Köln, ließ sich dank seines Navigationsgerätes durch die Stadt zu einem Hotel lotsen und checkte erst einmal ein. Den Wagen ließ er stehen und machte sich zu Fuß auf in die Stadt. Natürlich führte sein erster Weg zum Dom.

Ein Foto vom goldenen Schrein schickte er an seinen Schatz auf den Seychellen und dann lockte ihn Fastfood. Eigentlich war das pappige Zeug überhaupt nichts für Leif – aber hey, andere Länder andere Sitten! Also stellte er sich in eine Reihe mit Kids und Eltern und bereute es wohl etwas, sich bei Mc Donalds eingefunden zu haben, denn nirgendwo in der Stadt fand er wohl mehr Kinder auf einem Haufen.

Schlussendlich waren Leifs gute Vorsätze, sich die Szene noch etwas anzugucken, in Rauch aufgegangen. Er hatte fast drei Stunden in dem Fastfood-Laden gesessen und einfach nur zugesehen, mit welcher Begeisterung die kleinen Knöpfe ihre Fritten mampften, wie sie wild durch den Raum flitzten, wie sie sich mitzuteilen versuchten. Er suchte sich immer gezielt ein paar Kinder, die wohl so alt waren wie der Junge von Gisela, beobachtete sie. Wie sie alles neu entdeckten, wie sie sich freuten, wie sie quengelten.

Leif konnte nicht aus seiner Haut, er konnte es nicht leugnen. Er liebte Kinder einfach viel zu sehr! Langsam entdeckte er masochistische Züge an sich. Leif knurrte nur, als er langsam zum Bus ging. Auf Action und Krach hatte er heute keine Lust mehr, er suchte sich eine Linie, die eine große Runde durch Köln fuhr, damit er sich das eine oder andere noch ansehen konnte.

War er wirklich ein verkappter Maso? Einer, der sich mit dem umgab, was er doch eigentlich nicht haben konnte?

Wie auch immer es nun war, er kroch verhältnismäßig zeitig in sein Bett im Hotel. Er wollte morgen ausgeschlafen sein. Egal was ihn erwartete, er wollte dort einen guten Eindruck hinterlassen, wenn er sich selbst auch noch nicht im Klaren war, warum er das wollte.

URL: http://chibi-fich.de/CMS/index.php?page=1453&printview=1
© 2005 Ihre Firma — Alle Rechte vorbehalten
drucken | schliessen