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Alles was zählt - Teil 13 bis 16

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Sein Termin bei Herrn Glockenschläger war erst nach dem Mittag. Um nicht zu viel Zeit mit Grübeln zu vertun hatte sich Leif seinen Wecker auf zehn Uhr gestellt. So hatte er genügend Zeit wach zu werden, zu duschen, sich herzurichten und in Ruhe noch etwas zu essen, ehe er einen seiner schwersten Wege in seinem Leben bestritt.

Doch es kam alles ganz anders, denn anstatt auszuschlafen wie er es wollte, hatte er gar kein Auge zugetan. Er hatte nur noch gegrübelt, sich erinnert und war dabei gewesen, sein Leben für Giselas Jungen umzukrempeln.

Als die Sonne zum Fenster hereinschien und Leif noch immer wach lag, fühlte er sich langsam wie gerädert. Kein bisschen erholt oder ausgeglichen. Wie sollte er in seinem Zustand denn noch einen guten Eindruck machen? Warum war nur Viktor nicht da? Mit ihm zusammen hätte er das durchgestanden, er hätte sich die Nacht an ihn gekuschelt, ihn zwischen den Beinen gestreichelt und eine Nacht eingeläutet, die ihn alles vergessen ließ. Aber Viktor war nicht da und anrufen hatte er ihn um diese Uhrzeit auch nicht mehr wollen. Schließlich war es dort noch später als in Deutschland.

Knurrend warf sich Leif auf die andere Seite und stöhnte auf. Sein Rücken protestierte und der Arm, den er nun seit Stunden unter seinen Kopf geklemmt hatte, ließ ihn Schmerz spüren. Das war alles gar nicht gut. Noch ein letzter Blick zum Fenster, dann erhob sich Leif. Es war gerade mal sieben Uhr. Eine Zeit, zu der ihn normalerweise keiner aus dem Bett bekam. Dass er mit einem Kind im Haus vielleicht noch früher aufstehen musste, führte er sich zwar vor Augen, doch es hatte nicht den Effekt, den er gern gehabt hätte.

Denn es turnte ihn nicht ab. Im Gegenteil: war er allen Ernstes dabei, es als gegeben hinzunehmen und zum Frühaufsteher zu werden! Das war krank! Er war besessen von diesem Jungen, das durfte nicht sein. Das konnte doch nur in einer Katastrophe enden – dabei hatte er mit Vik doch alles besprochen!

Er wusste, dass es niemals gut gehen würde, aber sein Drang nach einer Familie ließ sich nicht vertreiben. Wie ein Dämon war er gewachsen und gereift. Leif hatte ihn ja auch mit allerlei wilden Gedanken genährt. Viktor hatte gar keine Chance gehabt, gegen diese Dämonen anzukämpfen, denn er kannte sie gar nicht. Er ahnte nichts von ihrer Größe und ihrer Macht.

Knurrend und immer noch unzufrieden mit sich selbst zog Leif die Vorhänge ganz auf und sah diesem Tag ins Gesicht. Auf der Straße vor dem Fenster herrschte schon reger Verkehr, die Stadt lebte und er war Teil davon, wenn auch ein unausgeschlafener mit Kopfschmerzen. Das hatte ihm noch gefehlt! Fahrig strich sich Leif durch die Haare und blieb in ein paar Knoten hängen. So ließ er es bleiben und verschwand endgültig im Bad.

Natürlich drehte er das Radio auf, um sich abzulenken, um seine einfältigen Gedanken in ganz andere Bahnen zu lenken und endlich wieder den Kopf frei zu bekommen. Er würde wohl drei Kreuze machen – dick und rot im Kalender – wenn er diesen Tag überstanden hatte und auf dem Rückweg war. Wie er sich dann allerdings fühlte, wollte sich Leif nicht vorstellen. Wie fühlte man sich, wenn man seinen größten Traum mit Füßen trat? Er hatte keinen Schimmer, bis jetzt hatte er etwas derartiges noch nicht getan.

Schnell war er geduscht und die Haare wieder in Form gebracht. Dann musste das Make-up her. Nur gut, dass Jochen ihm immer mal wieder ein paar Tipps verraten hatte, wie man auch in das verbrauchteste Gesicht noch frisches Leben zaubern konnte. Und so sah ihm nach einer halben Stunde ein vorzeigbares Gesicht aus dem Spiegel entgegen. Ohne Augenränder und dick geschwollenen Tränensäcken.

Schnell war er in seinem grauen Anzug und musste zugeben, dass er gut aussah. Eigenlob war eigentlich gar nicht seine Methode, doch da keiner da war, um ihm ein bisschen den Rücken zu stärken, musste er es selber tun. Leif schüttelte nur den Kopf über sich selbst. Er war 33 Jahre, er stand mit beiden Beinen fest in seinem Leben, für das er sich nicht schämte. Aber im Augenblick erinnerte er eher an einen Teenager, der zum Direktor zitiert wurde, als an einen gestandenen, reifen Mann. Das war doch wirklich zum Verzweifeln.

Kopfschüttelnd verließ Leif sein Zimmer und machte sich im Speisesaal über das Frühstück her. Doch er spürte schnell, dass er keinen wirklichen Appetit hatte. So blieb er bei einem großen Milchkaffee und der Morgenzeitung hängen. Vielleicht konnte man damit ein wenig Zeit überbrücken. Wo die Straße lag, in der die Kanzlei war, in die Leif wollte, hatte er sich schon heute Nacht aus einem Straßenatlas auf seinem Zimmer gesucht. Er hatte insgeheim gehofft müde zu werden und ihm die Augen zufielen. Doch nichts dergleichen.

Als er nach einer Stunde durch die Zeitung durch war, war auch sein Kaffee alle und so beschloss Leif, es nicht weiter hinaus zu zögern, sondern einfach sein Zimmer zu bezahlen, seinen Wagen zu besteigen und vorzufahren. Vielleicht konnte er auch dort in der Kanzlei warten, bis der Herr Anwalt Zeit für ihn hatte. Er würde sagen, dass er JJ nicht zu sich nehmen... Leif stutzte.

Er hatte es getan!

Er hatte dem Jungen schon einen Spitznamen gegeben!

Er hatte sich schon so sehr mit dem Kleinen identifiziert, dass er Jan Josef einfach, wie selbstverständlich, JJ nannte. Das war wirklich nicht gut. Leifs Nervosität stieg. Er hatte Angst, sich selbst den Rücken zu stärken und Viktor zu enttäuschen! So weit war es also mit ihm gekommen, er hatte Angst vor seiner eigenen Courage. Wenn Leif eines geschafft hatte, dann dass er völlig verwirrt war. Er wusste im Augenblick selbst nicht mehr, was Recht war und was Unrecht, was richtig war und was falsch. Sich selbst zu betrügen war sicherlich nicht richtig, aber Viktor zu hintergehen war definitiv falsch.

„Wie man’s macht, macht man’s falsch – macht man’s falsch, ist es auch nicht richtig", murmelte Leif nur vor sich hin, als er sich in den hupenden, pulsierenden Strom auf den Adern der Stadt einreihte. Als ein Teil des Ganzen schob er sich durch die halbe Stadt. Nach ein paar Minuten hatte er auch raus, dass rote Ampeln ein guter Hinweis waren, aber wie das mit Hinweisen so war, hielt sich da auch nicht jeder dran. Da fuhr man eben so lange, bis die Kreuzung voll war, was interessierte schon der kreuzende Verkehr? An fast jeder Kreuzung das gleiche Spiel – zwischendrin noch ein paar Rettungswagen, die nicht durch kamen. Also, langweilig wurde es auf Kölns Straßen nicht.

Als Leif endlich die Straße erreicht hatte, war er ganz froh so zeitig losgefahren zu sein. Denn dank Wanderbaustellen war er eine gänzlich andere Route gefahren und hatte sich dabei mehrfach in Sackgassen und vor Einbahnstraßen wieder gefunden. Langsam fuhr er auf den Hof, wo ein paar Parkplätze als der Kanzlei gehörend ausgewiesen waren und stoppte den Wagen. Doch er stieg nicht gleich aus, sondern versuchte sich noch einmal zu sammeln.

Jetzt kam es also darauf an. „Okay", sprach er sich nach einigen Minuten Mut zu und erhob sich, ließ den Wagen verriegeln und ging mit seinem Schreiben den Pfeilen folgend bis in den zweiten Stock der Kanzlei.

„Guten Tag", wünschte er der Vorzimmerdame, als er eingetreten war und erklärte kurz sein Anliegen, legte das Schreiben vor und die ältere Dame nickte.

„Herr Glockenschläger ist aber noch nicht da, er ist auf einem Außentermin. Sie sind etwas früh", erklärte sie entschuldigend und bot Leif gleich einen Stuhl und Kaffee an. Er nickte nur und ließ sich nervös auf seinen Stuhl fallen, während die Sekretärin ihm eine Tasse Kaffee holte.

Nicht gerade die gesunde Ernährung, sich nur mit Kaffee ruhig zu stellen, doch Leif erklärte sich selbst, dass dies ja kein Dauerzustand wäre, sondern heute nur mal eine Ausnahme, doch sein Herz raste auch jetzt noch ganz aufgeregt. Sein Puls hämmerte hart hinter seinen Schläfen und weil er sich so darauf konzentrierte, ihn zu drosseln, bemerkte er die Frau gar nicht, die zu ihm getreten war. Er zuckte erschrocken zusammen, als er den Schatten neben sich bemerkte und wusste selbst nicht mehr, was er noch von sich selber halten sollte. Er führte sich ja völlig hysterisch auf.

„Entschuldigen Sie", nahm die Sekretärin die Schuld darüber trotzdem auf sich: „Herr Glockenschläger wird gleich da sein. Sein Außentermin ist beendet und er ist bereits auf dem Rückweg. Wenn sie sich vielleicht noch zehn Minuten gedulden könnten?"

Leif nickte abermals und griff nach der Tasse, die vor ihm stand. „Natürlich, das ist doch kein Problem. Ich bin ja auch selbst viel zu früh dran, aber ich komme nicht von hier und dachte, lieber zu früh als zu spät", fing er an zu reden. Eine Unart, wenn er nervös wurde. Dabei hatte Leif immer gedacht, es gäbe nichts mehr auf dieser Welt, was ihn noch nervös werden lassen konnte. Doch heute musste er sich eines Besseren belehren lassen. Es gab durchaus etwas, was ihn nervös werden ließ, unsicher geradezu: Ein vierjähriger Junge.

„Es ist nett, dass sie überhaupt gekommen sind. Der arme Kleine", fing sie an, doch das schrillende Telefon lockte sie dann doch wieder von der Sitzecke weg an ihren Schreibtisch, von dem sie Leif noch einen entschuldigenden Blick zuwarf, während sie schon routiniert und trotzdem freundlich erklärte, wo der Anrufer gelandet war und ob sie ihm weiter helfen könnte. Er erinnerte sich wieder daran, dass Frank ihm immer wieder damit in den Ohren lag, sich eine Sekretärin zu suchen.

Aber bis jetzt war dieses Vorhaben immer an seinem Verlobten gescheitert. Mit einem Kind im Haus würde er zwangsläufig jemanden einstellen müssen, weil der Junge ja viel Zeit mit seiner Bezugsperson ... was dachte er denn da? Gab es eigentlich gar kein Thema mehr, mit dem er sich beschäftigen konnte, ohne wieder bei ... nein, dieses Mal wollte er den Namen des Jungen nicht benutzen. Er wollte keine emotionale Bindung aufbauen. Das war nicht gut.

„Guten Tag, sie sind Herr Drieschner, nehme ich an?", begrüßte ihn plötzlich die Stimme eines Herrn in mittlerem Alter und Leif blickte auf. Hastig erhob er sich und erwiderte Gruß und Händedruck. „Ja, Leif Eric Drieschner", bestätigte er.

„Sehr schön, es tut mir leid, dass ich sie warten ließ. Mein Name ist Glockenschläger. Wollen sie noch etwas zu trinken? Wasser, Tee, einen Saft vielleicht? Resi, mach uns doch bitte etwas fertig."

Leif kam gar nicht dazu zu antworten, fand es aber interessant, dass er nicht schon wieder Kaffee angeboten bekam. Das war ihm sehr sympathisch.

„Kommen sie, Herr Drieschner. Die anderen beiden sind zwar noch nicht da, aber ich kann ihnen ja schon einmal erklären, warum sie hier sind und worum es gehen wird." Herr Glockenschläger ging in sein Büro und Leif schloss die Tür hinter sich. Er nahm Platz und nachdem der Anwalt seine Jacke abgelegt und die Unterlagen vom Tisch gegriffen hatte, setzte er sich zu ihm an den runden Tisch mit den gepolsterten Stühlen. Er hob an etwas zu sagen, doch da öffnete sich die Tür noch einmal. Resi brachte ein paar Getränke, dann waren sie wieder allein.

„Herr Drieschner, sie wissen, warum sie hier sind?", wollte Herr Glockenschläger wissen und Leif nickte nur. Schließlich stand es ja in dem Schreiben, dass es um Giselas Sohn ginge und eine Vormundschaft.

„Was mich wundert ist die Tatsache, dass sie gar nicht danach fragen, warum ihrer Schwester das Sorgerecht entzogen wurde? Kann ich davon ausgehen, dass sie bereits über die Zerschlagung der Sekte informiert sind?", fragte Herr Glockenschläger. Er war kein Mann der großen Worte, auch wenn es eigentlich für einen Anwalt üblich war, die kleinsten Banalitäten zu großen Dingen aufzublasen. Herr Glockenschläger schien keiner von der Sorte. Er kam lieber gleich auf den Punkt. Denn bei ihm war Zeit immer noch Geld.

An Leifs Blick, irgendwo zwischen entsetzt und verwirrt, konnte er deutlich lesen, dass Leif gerade aus allen Wolken fiel. „Sekte?", stotterte er etwas unwirsch. „Ich habe seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu meiner großen Schwester gehabt." Warum, verschwieg er lieber. „Was für eine Sekte?"

„Oh!" Herr Glockenschläger wirkte etwas aus dem Konzept gebracht, doch er fing sich recht schnell wieder. „Also. Es wird für sie vielleicht ein Schock sein, aber ihre Schwester gehörte zu den 'Töchtern Satans', eine Sekte, die auf Hörigkeit und Sex fußte", erklärte der Anwalt und Leif kam nicht umhin, die Ironie zu erkennen, dass sie wohl beide ihre Karriere im Sex gesehen hatten – er genauso wie seine Schwester auch. Auf seltsame Art brachte ihm dies seine Schwester wieder etwas näher.

„Ihr selbsternannter Anführer, Klaus Memminger", führte Herr Glockenschläger weiter aus, „machte sich ausnahmslos jeden in seinem festungsgleichen Haus gefügig. Ihm war es egal, ob seelisch oder körperlich, ob Frau oder Kind. Ausnahmslos jeder." Er schluckte und musste eine Pause machen und auch Leif ging nur ganz langsam auf, was diese Worte eigentlich bedeuteten.

Nicht nur Frauen, auch Kinder!

Dieser Bastard hatte sich an seinem kleinen JJ vergangen und Leif war es mittlerweile egal, ob er zu dem Jungen eine emotionale Bindung aufbaute oder nicht. Das war doch das letzte, sich an einem Kind zu vergreifen! Man konnte seine Wut wohl auf seinen Zügen lesen, denn Herr Glockenschläger wehrte gleich ab.

„Nein, Herr Drieschner. Ich kann mir denken, was sie gerade befürchten. Aber der behandelnde Arzt hat keine Zeichen gefunden, die auf einen sexuellen Missbrauch des Jungen hingedeutet haben. Zumindest nichts körperliches", schränkte er seine Aussage schon wieder etwas ein, weil auch die Psychologen aus dem Jungen noch kein Wort herausgeholt hatten. Er redete nicht, er schüttelte nur den Kopf, nickte, machte große, treue Augen. Aber er sprach nicht. Oder nur sehr selten. Elke, die Betreuerin von der Jugendfürsorge, bei der der Kleine gerade wohnte, hatte es ab und an geschafft, ihm ein paar Worte zu entlocken. Aber es passierte nur sehr selten.

„Wie dem auch sei", nahm der Anwalt seinen Monolog wieder auf. „Vor drei Wochen wurde die Sekte ausgehebelt und die Mitglieder verhaftet. Die Kinder wurden der Fürsorge übergeben, die nun nach Angehörigen sucht, um die Kleinen unterzubringen, weil die Mitglieder teilweise lange Haftstrafen zu erwarten haben."

„Gisela auch? Ich meine..." Nun war Leif doch etwas schockiert. Bei dem Wort Sekte war ihm noch nicht wirklich aufgegangen was dahinter stehen konnte. Schließlich waren auch die Zeugen Jehovas irgendwo eine Sekte, wenn sie auch heute als eingetragene Religionsgemeinschaft galt. Aber die waren nicht gefährlich, nicht kriminell. Nur ab und an etwas fanatisch und aufdringlich. „Warum Haftstrafen?", wollte er deswegen wissen und griff sich nun doch ein Glas Saft. Seine Kehle war seltsam trocken und schmerzte bei jedem Wort.

„Weil Gisela Drieschner Satans – wie der Führer sich selbst nannte - rechte Hand war. Sie verabreichte Drogen, machte die gefügig, die sich weigerten, Satan zu folgen und sich ihm zu öffnen. Beihilfe zur Vergewaltigung, Besitz und Weitergabe von Betäubungsmitteln", führte der Anwalt die Straftaten auf und Leifs Augen wurden immer größer.

„Sie hat nicht bereut, sie fühlte sich im Recht und vor allem... es ist mir unangenehm dies zu sagen, aber man hat eine Verfolgungspsychose und eine starke Betäubungsmittelabhängigkeit festgestellt. Sie wurde sofort in die Geschlossene eingeliefert, weil man sie vor sich selbst schützen musste. Es tut mir leid, wenn ich ihnen das so sagen muss, Herr Drieschner. Aus diesem Grund und der Tatsache, dass sie eine Gefahr für den Jungen ist, Verletzung der Sorgfalts- und der Aufsichtspflicht, wurde ihr das Sorgerecht für das Kind per einstweiliger Verfügung und Schnellverhandlung entzogen. Ob auch Jan Josef gefügig gemacht wurde, weiß man nicht. Der Junge schweigt sich aus. Genauso wenig ist bekannt, wer der Vater des Jungen ist. Fakt ist, dass er erst in der 'irdischen Hölle' auf die Welt kam. Es spricht also vieles dafür, dass Klaus Memminger sein Vater ist. Bewiesen wurde es jedenfalls noch nicht."

Leif starrte den Anwalt mit offenem Mund an. Er hatte viel erwartet, er war auf einiges gefasst gewesen – doch nicht darauf! Was redete dieser Kerl? Was sagte er denn da über seine Schwester? Das konnte doch alles nicht wahr sein. Gisela war schon immer eine starke, selbstbewusste Frau gewesen. Sie hatte Drogen verteufelt und absolut nichts davon gehalten, sich einem Mann untertan zu machen? Was war nur passiert, dass sie ihre Ideale über Bord geworfen hatte und einem Scharlatan, der sich selbst Satan nannte, folgte?

Das konnte doch alles nur ein schwerer Irrtum sein, ein abartiger Irrtum. Doch als Leif auf die Schreiben sah, die vor dem Anwalt lagen, die den Briefkopf einer Nervenheilanstalt trugen und des Oberlandesgerichtes, da ging ihm langsam auf, dass dies wohl kein Scherz war. Solche Institutionen gaben sich nicht für dumme Scherze her.

„Ich kann verstehen, Herr Drieschner, dass dies für sie sicher ein Schock ist. Aber dennoch müssen wir jetzt einen kühlen Kopf bewahren und entscheiden, was mit dem Jungen passieren soll. Die letzte Alternative wäre das Kinderheim, aber davon möchten sowohl ich als auch die Fürsorge eigentlich keinen Gebrauch machen. Jan Josef braucht eine Bindung, eine Bezugsperson, um die Qualen dieser Hölle vergessen zu..."

„Nein, ich kann ihn nicht nehmen!", platzte Leif gleich heraus, ehe sein Mitleid für den Kleinen ihn überspülte und alle Rationalität hinfort schwemmte. Er musste dem Ganzen gleich einen Riegel vorschieben, egal wie stark es schmerzte. „Ich bin beruflich viel unterwegs, ich arbeite in meiner eigenen Firma oft nächtelang. Der Kleine wäre sowieso allein. Er käme nicht dazu, eine Bindung zu mir aufzubauen." Davon abgesehen, dass ich Pornos drehe und schwul bin. Aber das sagte Leif lieber nicht.

„Ich verstehe", erklärte Herr Glockenschläger und Leif stutzte. Er hatte mit entschieden mehr Widerstand gerechnet.

„Ja", sagte er nur. „Es tut mir auch leid für den Jungen, aber bei mir, da..."

Es klopfte an der Tür und Leif sah sich abrupt um. Resi steckte den Kopf zur Tür rein. „Entschuldigen sie, Herr Glockenschläger. Elke Sommer und der Junge wären jetzt da."

„Schicken sie sie rein und machen sie dem Kleinen noch einen Kakao, ja?" Der Anwalt nickte seiner Sekretärin nur zu und die öffnete die Tür weiter. Eine junge Frau, sicher noch keine 25 Jahre, kam herein und Leif nickte ihr freundlich zu. Hinter ihr drängte sich etwas. Aber erkennen konnte er nicht viel. Viel grauer Plüsch, mehr aber auch nicht.

„Na komm, Jan", lächelte sie hinter sich und ein kleiner Junge trat hinter ihr hervor. In seinen kleinen Händen ein Plüschschaf, das so groß war wie er selbst. Die großen, blauen Kinderaugen blickten ängstlich und fragend, die blonden Haare lagen etwas wirr. Schüchtern blickte er Leif an und drängte sich wieder an Elke, doch um Leif war es geschehen.

Diese großen, blauen Augen, die so ängstlich guckten. So sollten Kinderaugen nicht gucken!

Kein Kind sollte so traurig und verschüchtert gucken. Leif schluckte. In ihm überschlug sich alles, doch dann hörte er sich selbst sagen:

„Okay, ich werde mich um ihn kümmern, wenn ihnen das Recht ist."


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Seine Worte hallten in seinen Ohren wider. Nur langsam begriff er, was er gesagt hatte. Doch es war sein Wunsch, er wusste, er würde keine Nacht mehr ruhig schlafen können, in keinen Spiegel mehr sehen, wenn er diesen Kleinen seinem Schicksal überließ. „Ich werde zwar eine Sekretärin einstellen müssen, damit ich mehr Zeit für ihn habe, aber das ist nichts, was man nicht ändern kann", erklärte er seine Meinungsänderung. „Ich kann doch so einen kleinen Kerl nicht in ein Heim geben. Er braucht ein richtiges Zuhause"

Langsam schloss Elke die Tür und sah sich den Mann im Anzug etwas genauer an. „Ich darf davon ausgehen, dass sie Herr Leif Drieschner sind? Gisela Drieschners Bruder?", fragte sie und reichte ihm die Hand. Langsam kam sie näher und Jan Josef folgte ihr auf Schritt und Tritt. Immer zog er sein großes, graues Schaf hinter sich her. Leif kannte sie, diese Jolly-Mäh-Collection von Nici hatte es ihm auch angetan. An seinem Schlüsselbund für den Z4 hing auch so ein kleines Vieh. Sie hatten also schon etwas gemeinsam.

„Ja, ich bin Giselas Bruder und momentan noch etwas überfahren, aber ich hoffe, das gibt sich bald." Er lächelte sie an und beugte sich auch zu JJ runter, doch der hastete nur zu Elke und setzte ich auf einen der Stühle, das große Schaf wie ein Schutzschild vor sich gehalten. Es wirkte gerade so, als wollte er sich verstecken. Aber die großen, blauen Augen hatten es Leif einfach angetan. Ob der kleine Kerl wusste, dass er Leifs Herz bereits zwischen seinen kleinen Fingern hielt? Leif lächelte, doch JJ verkroch sich nur noch mehr hinter dem Berg aus grauem Plüsch.

„Darf ich fragen, was sie so beruflich machen?", wollte sie wissen und Leif erklärte kurz, dass er eine kleine Filmproduktion leiten würde, verschwieg aber nun absichtlich das Thema seiner Filme. Er wollte diesen Jungen – er wollte JJ, auch wenn ihm bewusst war, dass Viktor höchstwahrscheinlich toben würde. Ausrasten geradezu. Aber der würde sich schon wieder einbekommen! Wenn er erst einmal die traurigen Augen des Jungen sah, wie JJ da so allein auf seinem Stuhl saß und sich an sein Plüschtier klammerte, dann würde auch Viktor nicht anders können, als ein weiches Herz zu bekommen. Viktor war doch kein Arschloch! Viktor war doch nicht aus Stein!

„Herr Glockenschläger, ich muss ihnen ganz ehrlich sagen, dass es mir nicht gefällt, Jan Josef einfach in eine fremde Stadt zu geben, raus aus dem Zuständigkeitsbereich unserer Behörde", wandte sich Elke an den Anwalt, während Leif immer noch versuchte, den großen, blauen Augen ein kleines Lächeln abzugewinnen, ein Leuchten – irgendetwas, dass ihm zeigte, dass es für JJ okay war, wenn Leif ihn mit sich nahm.

Doch JJ rührte sich nicht. Seine kleinen Finger umkrampften den Plüsch des Schafes und seine Augen guckten immer ängstlicher. Er zuckte zusammen, als die Tür langsam aufging und dieser Anblick schmerzte Leif. Der Junge war ja total verstört! Nein, er konnte ihn nicht in ein Heim geben – egal wie sehr Viktor toben würde. Der würde sich schon wieder einbekommen, aber JJs Schicksal konnte er nicht von sich weisen.

Leise stellte Resi den Kakao auf den Tisch, doch JJ zuckte sich nicht. Sah nur die Tasse an, sah die Menschen um sich herum an und sank etwas in sich zusammen. Elke strich ihm über den Kopf und zog den Stuhl des Kleinen neben sich, damit er sich ankuscheln konnte.

„Außerdem ist es unüblich, dass eine Vormundschaft und das Sorgerecht übertragen wird, ohne dass der Betreffende genau geprüft worden ist", erklärte Elke weiter. „Nehmen sie es mir nicht übel, Herr Drieschner, nichts gegen sie. Sie machen einen seriösen Eindruck. Aber es ist nun einmal meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Kinder in gute Hände kommen. Gerade Jan ist ein kleines Sorgenkind."

Wieder strich sie dem Jungen über die Haare. „Er hat viel durchgemacht und er braucht Ruhe und viel Zuwendung. Wenn sie mir sagen, dass sie Filmemacher sind, dann geh ich davon aus, dass sie oft unterwegs sind. Wer wird sich dann um den Kleinen kümmern. Ihre Frau?"

„Ich bin nicht verheiratet", erklärte Leif wahrheitsgemäß, blendete aber aus, dass er mit einem Mann verlobt war. Viktors Worte kamen zurück, die Erfahrungen, die Ian und sein Mann gemacht hatten, als sie ein Kind zu sich nehmen wollten. Er wollte JJ und nichts sollte sich dem noch in den Weg stellen. Er verleugnete sich selbst dafür, aber dafür konnte er sich hassen, wenn er den Jungen bei sich hatte. „Erstens kann ich den Jungen mit an die Sets nehmen, zweitens kann ich stundenweise auch eine Betreuung einstellen. An Geld soll es nicht mangeln, davon habe ich mehr als reichlich. Und mit einem eingearbeiteten Sekretär habe ich so und so viel mehr Zeit für den Jungen. Ich sagte ja, das wird kein Problem sein."

„Wird es sehr wohl", widersprach Elke. „Jan Josef nimmt niemanden an. Es dürfte für sie schon schwer werden, dass er sie annimmt. Was glauben sie, wie lange ich gebraucht habe. Es wird sowieso hart für den Jungen, wenn ich dann plötzlich nicht mehr da bin und wieder nur Fremde. Er wird sich weiter gereicht fühlen und ... Betreuung? Unsere Erzieherinnen im Heim hat er gemieden. Er ist panisch vor ihnen geflüchtet. Deswegen hat er ja auch bei mir gelebt."

Leif nickte verstehend. Er war sich sicher, dass dies nichts war, was man mit Geduld nicht hinbekommen könnte. Es war nur verständlich, dass ein Junge mit JJs Geschichte auf Fremde nicht gerade mit einem großen Hallo reagierte, aber er weigerte sich zu glauben, dass JJ gar keinen an sich heran ließ.

Herr Glockenschläger mischte sich ein. „Die erste Zeit wird sowieso das Jugendamt verstärkt nach dem Jungen sehen, wenn er bei Herrn Drieschner wohnt", versuchte der Anwalt ein wenig die Sorge der jungen Frau zu nehmen. „Es ist nun einmal der Weg des Gesetzes, dass Jan Josef bei den nächsten Verwandten untergebracht wird. Das wissen sie doch so gut wie ich."

Leif kam sich etwas unbehaglich vor. Elke mochte ihn nicht und da ließ sie auch keinen Zweifel daran. Was wohl weniger an seiner Person lag, als an der Tatsache, dass wohl auch sie eine emotionale Bindung zu dem Kleinen aufgebaut hatte und es ihr nun schwer fiel, ihn gehen zu lassen. Köln war ja auch nicht gerade um die Ecke. Ihr wurde wohl klar, dass sie den Kleinen nicht wieder sehen würde.

Wieder wanderte sein Blick zu dem Jungen, doch JJ hatte sich noch nicht bewegt. Er saß wie ein Steiff-Tier auf seinem Stuhl. Die kleinen Knöchel waren weiß, so fest drückte er sein Schaf an sich. Die Angst sprach aus seinen Augen. Er schien zu begreifen, dass er Elke verlassen musste und schon wieder weiter gereicht werden sollte. Seine Augen zeigten deutlich, dass er das nicht wollte. Dass alles, was er wollte, bei Elke bleiben und seine Ruhe haben, war. Es tat Leif irgendwie plötzlich leid, dass er so vorschnell zugesagt hatte. Nein, er bereute nichts – er stand zu seinem Wort. Aber wollte JJ das auch? Er sah nicht so aus.

Immer wieder wanderten seine Augen zu der Tasse mit Kakao. Der süße Geruch lag schwer im Raum und Elke stupste ihn ganz leicht an. „Na los, wenn du trinken magst, dann trink", forderte sie leise und lächelte JJ an. Doch auch jetzt löste sich seine Hand nur zögerlich aus dem grauen Plüsch. Zaghaft griff der Junge nach der Tasse und Leif beobachtete ihn fasziniert, wie die Tasse hinter dem Schaf verschwand und außer den blonden Haaren und den dunklen Brauen nicht mehr viel zu sehen war von dem kleinen Kerl. JJ war wirklich ein süßer Fratz, er konnte es nicht anders beschreiben. Kurz nur kamen die großen Augen hinter dem Plüsch hervor und Leif fiel erst mal auf, wie lang und schwarz die Wimpern waren, die die blauen Augen umrahmten.

Doch dann hatte Herr Glockenschläger wieder seine ganze Aufmerksamkeit, denn nun ging es daran, seine Daten zu erfassen. Die Urkunden sollten ausgestellt werden. Die nächste Stunde brachte Leif damit zu, Elke und auch Herrn Glockenschläger Rede und Antwort zu stehen. Ab und an versuchte er auch, sich an JJ zu richten, doch der Junge zuckte immer noch verschüchtert zurück und sah ihn groß an. Leif seufzte lautlos. Doch er ließ sich nicht entmutigen.

Zwar machte Elke klar, dass es gar nicht üblich wäre, die Kinder nach der ersten Begegnung, vor allem, wenn sie so eisig wie hier gewesen wäre, gleich mit dem neuen Familienangehörigen mitzuschicken, vor allem so weit weg, doch Herr Glockenschläger erklärte ihr, dass die Rechtslage nun einmal so wäre und legte ihr noch einmal das Urteil vor.

Der Richter hatte nämlich darauf verzichtet, das Sorgerecht an das Jugendamt zu übertragen, sondern erst einmal in Leifs Abwesenheit für ihn gesprochen. Es war ungewöhnlich, aber Richter Frank war bekannt für seine ungewöhnlichen Urteile. Es oblag Leif Eric Drieschner, dieses Urteil anzunehmen und das Sorgerecht zu übernehmen oder abzulehnen. Dann übernahm in seiner Vertretung das Jugendamt die Fürsorge.

Aber Leif lehnte nicht ab, er hatte sich JJ in den Kopf gesetzt und wenn das bedeutete, dass er sein Leben ändern musste – von Grund auf – dann sollte es eben so ein! Er begriff auch, dass er sich vor der Kamera nicht mehr unbedingt blicken lassen sollte. Er musste einen ehrbaren Beruf annehmen, mit dem er sich auch auf den Ämtern blicken lassen konnte.

Er wollte die letzten offenen Produktionen noch beenden, dann musste er sich schleunigst etwas einfallen lassen. Viktor dürfte alles andere als begeistert darüber sein, aber darauf konnte Leif keine Rücksicht nehmen. Er hatte jetzt – mit seiner Unterschrift auf dem Dokument – die Verantwortung für ein Kind und musste zusehen, dass er alles tat, was dem Wohl des Kindes förderlich war.

Als erstes mussten eine Sekretärin und ein Kindermädchen her. Als nächstes wollte er sich vor der Kamera zurückziehen, auch wenn diese Nachricht wohl für großes Hallo und Unglauben sorgen würde. Als drittes würde er einen Großteil seiner Geschäfte nach Hause in sein Büro verlegen, um öfter bei JJ sein zu können. Er würde das schon schaffen, auch wenn diese Frau neben ihm daran noch immer zweifelte.

Nur JJ saß da, als ginge es ihn nichts an. Er hatte seinen Kakao getrunken und klammerte sich wieder an sein großes Schaf, das ihn fast schon überragte und blickte zwischen den drei Erwachsenen am Tisch hin und her. Am häufigsten blieb sein Blick an Leif haften, so als wüsste er genau, dass er sich mit diesem Mann arrangieren musste, weil der ihn mitnehmen wollte. Doch begeistert schien JJ noch immer nicht.

Leif konnte ihn da auch verstehen. Wer ging schon gern mit jemandem mit, den er gar nicht kannte. Als er seine Unterschrift unter die Papiere gesetzt hatte, fühlte sich Leif irgendwie gut. Er wusste nicht genau warum, hatte er doch schon das Bild eines wütenden Viktors vor Augen, aber das störte ihn komischerweise gar nicht.

„Ich werde dann gehen", erklärte Elke etwas leiser und man sah ihr an, wie schwer es ihr fiel. „Nicht dass es dann so einen großen tränenreichen Abschied gibt." Doch sie wussten alle drei, dass es den auch jetzt geben würde. Sie beugte sich zu JJ rüber und nahm den Jungen noch mal in den Arm.

„Hör mal, Kleiner", flüsterte sie, „du wirst jetzt mit deinem Onkel mitgehen, hörst du? Er wird gut auf dich aufpassen. Ich muss leider weg." Erst reagierte JJ gar nicht, doch als Elke sich erhob, wurden seine großen, ängstlichen Augen panisch. Er klammerte sich an ihrem Shirt fest und sah sie flehend an. Elkes Blick war schmerzlich verzerrt.

„Ach Kleiner, dein Onkel wird jetzt auf dich aufpassen." Sie ging vor JJ in die Knie und strich ihm über das versteckte Gesicht. „Und du passt gut auf Gustav auf, ja?" Auch das Schaf wurde noch einmal gestreichelt und Elke erhob sich langsam.

Doch JJ ließ nicht los. „Nein", brachte er plötzlich mit heller Stimme hervor und dieses eine Wort zeigte seine ganze Panik. Er zitterte und starrte Elke an. Es war schwer für sie, die kleinen Hände zu lösen und JJ war voller Unglauben. Warum tat Elke das? Warum?

„Ach Kleiner, mir fällt es doch auch nicht leicht. Aber dein Onkel Leif wird auf dich aufpassen", mit diesen Worten wandte sie sich zu Leif um und funkelte ihn an. Der Blonde zuckte regelrecht zurück, weil er überrascht war. „Das werden sie, sonst werden sie ihres Lebens nicht mehr froh", zischte sie leise und erhob sich, küsste JJ noch mal auf die Stirn und verließ mit einem kurzen Gruß den Raum.

JJ starrte ihr nur fassungslos nach und sprang dann unvermittelt auf. Mit Gustav im Arm rannte er zur Tür, rief immer wieder Elkes Namen. Es schmerzte Leif, den Jungen so zu sehen. Nur weil er selbst so egoistisch gewesen war, den Jungen unbedingt haben zu wollen, riss er ihn nun aus seiner gewohnten Umgebung. War das fair? War das zum Wohle des Kindes?

Doch dann erhob er sich und ging zu dem Kleinen. Er ging neben JJ in die Knie und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Erschrocken sprang JJ zurück und schüttelte sie ab, sah Leif mit weit aufgerissenen Augen an. „Nicht!", forderte er leise und hielt Gustav wieder schützend vor sich.

„Hey, Kleiner. Ich bin Leif", erklärte er und hockte noch immer vor dem Jungen. JJ wich noch einen Schritt zurück und hielt Gustav vor sein Gesicht. „Ich bin dein Onkel und ich würde mir wünschen, dass du bei mir wohnst." Leif ließ sich nicht beirren. Er hatte schon viele schüchterne Kinder erlebt und mit Geduld war er noch immer zum Ziel gekommen. Er war zuversichtlich, dass er auch zwischen sich und JJ irgendwann das Eis brechen konnte. Er wusste nur noch nicht, wie lange es dauern würde. „Möchtest du das? Bei mir wohnen?"

JJ sah ihn an, doch dann schüttelte er nur den Kopf. Nein, er wollte nicht weg. Er wollte zurück zu Elke! Und Gustav wollte das bestimmt auch! In der kleinen Kehle arbeitete es und Leif musste mit ansehen, wie langsam Tränen in die großen, entsetzten Augen stiegen. JJ konnte es nicht fassen, dass er einfach hier gelassen worden war. Bei diesen fremden Männern. Ganz allein.

„Hey Jan Josef ... ist ein schöner Name, hm?”, versuchte es Leif wieder und wandte sich zu Herrn Glockenschläger um. Doch der sah den beiden nur zu. Er wirkte nicht, als wäre er sehr in Eile. Also widmete sich Leifs Aufmerksamkeit wieder gänzlich dem kleinen Mann mit seinem großen Schaf. „Magst du es nicht einmal mit mir versuchen? Ich bin wirklich nett", versuchte er es, doch dann fiel ihm etwas ein. Er klopfte seine Taschen ab. Nur gut, dass er einen Auto-Spleen hatte und nie ohne seine Schlüssel ging. Er suchte den Zündschlüssel vom Z4 und machte das kleine blaue Schaf ab, das daran hing, reichte es JJ.

„Schau mal, dein Gustav und der Kleine vertragen sich schon ganz gut, hm?" Er setzte das kleine, blaue Schaf auf Gustav drauf, so dass es nicht runter fiel und sah wieder zu JJ, der das neue Schaf mit großen Augen musterte. Blitzte da kurz etwas Neugierde auf? Leif lächelte. „Sie sind bestimmt Freunde, wollen wir auch Freunde sein?", fragte er den Kleinen, doch JJ reagierte nicht. Er bewegte sich nicht, damit das kleine Schaf nicht runter fiel, aber so schüttelte er auch nicht den Kopf und Leif wertete es als einen klitzekleinen Erfolg.

Eine Stunde später und nach vielen Überredungen saß JJ wieder auf dem Stuhl, dieses Mal neben Leif und starrte immer wieder zu ihm rüber. Das kleine blaue Schaf hielt er fest in der Hand und guckte immer wieder zwischen ihm und Leif hin und her. Vielleicht taute JJ noch nicht wirklich auf, aber wenigstens ein paar Risse waren im Eis, die Leif langsam aufweiten wollte, um zu JJ durchzudringen.

Es ging schon auf den Abend zu, als er sich langsam zum Gehen rüstete und JJ wieder nervös wurde. Er musste jetzt allein mit diesem Mann mitgehen. Er wusste nicht wo hin. Leif hingegen hatte ein anderes Problem – er wusste nicht wie! Seinen SLK konnte er stehen lassen. JJ war für den Vordersitz zu klein und ein Kindersitz durfte auf Vordersitzen nicht installiert werden – des Airbags wegen. Aber leider war sein geliebter SLK nur ein Zweisitzer. All seine Wagen waren Zweisitzer!

Nun gingen die Probleme also schon los. Aber er ließ sich nicht entmutigen und Resi, die gute Seele der Kanzlei, machte sich fix daran, sich über Flüge und Züge zurück nach Berlin zu informieren. Eine halbe Stunde später war ein Flug gebucht, weil der Zug zu lange gedauert hätte. Ein Bringservice sollte den SLK nach Berlin überführen.

Leif war zufrieden, die erste Hürde war genommen. Mit dem Ausdruck seiner Reservierung und dem langsam müde werdenden Jungen auf dem Arm, nahm er JJs Papiere entgegen. Schnell holte er noch seine Tasche aus dem Wagen, ließ den Schlüssel in der Kanzlei zurück und machte sich dann auf den Weg zum Bus, der ihn und JJ zum Zug bringen konnte, der sie dann bis zum Flughafen in Düsseldorf brachte. JJ saß nur schweigend auf seinem Schoß. Leif hatte ihn losgelassen, denn der Junge zitterte, sobald er nur berührt wurde. Seine Angst war geradezu greifbar und sie schmerzte Leif.

„Schlaf, Kleiner", flüsterte er und strich JJ vorsichtig eine Strähne aus dem Gesicht. Gustav saß auf dem Platz neben ihnen und guckte zum Fenster raus. Leifs Blick folgte ihm. Dann sah er wieder auf JJ, der sich langsam an ihn lehnte und wohl schlief. Der Tag war bestimmt anstrengend für den Kleinen gewesen. Nun hatte er also ein Kind. Dieses kleine Kerlchen war jetzt auf ihn angewiesen, dieses kleine Leben lag in seinen Händen.

Erst allmählich wurde ihm die ganze Tragweite seiner Entscheidung bewusst und er war sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, wirklich das Richtige getan zu haben. Langsam strich sein Blick über JJs Gesicht. Er hatte so viel Ähnlichkeit mit den Kinderbildern von Gisela. Nein, es konnte gar nicht falsch sein, sich um den Jungen kümmern zu wollen – es konnte nicht. Es war die einzig akzeptable Entscheidung gewesen.

„Wir schaffen das schon", murmelte er leise, als er sich auch zurücklehnte. Es waren noch zwanzig Minuten bis zum Flughafen Düsseldorf, wo ihre telefonisch bestellten Tickets nach Berlin lagen. Wieder wurde JJ entwurzelt, aber dieses Mal war es das letzte Mal. Leif schwor es sich, egal was Viktor sagte oder verlangte. JJ gehörte jetzt zu ihm! Er war seine Familie.

Erst jetzt, als die Anspannung langsam von ihm abfiel, bemerkte Leif, dass er bis auf den Kaffee heute noch nichts in den Magen bekommen hatte. Er musste sich am Flughafen noch was kaufen und für den Kleinen am besten auch. Zwar hatte JJ nichts gesagt, aber der Anwalt hatte ja selber erklärt, dass der Junge kaum sprach. Es lag also an Leif zu verstehen, was JJ wollte, auch wenn er es nicht kundtat. Das war schwer. Was wollten Kinder denn so? Der erste, den er morgen früh rausklingeln musste, war Jochen. Der hatte mit seiner kleinen Tiara entschieden mehr Erfahrung mit Kindern. Der konnte ihm sicher helfen.

Als der Zug am Flughafen hielt, griff sich Leif den Jungen und das Schaf, die Tasche auf dem Rücken machte er sich auf die Suche nach ihren Tickets. JJ schlief. Erstaunlich, wie Leif feststellte. Der kleine Kerl war wohl viel zu kaputt, um noch Angst haben zu können und so war Leif vorsichtig mit allem, was er tat, und ließ ihn schlafen.

Beim Check-in wurden seine und vor allem JJs Dokumente besonders geprüft. Er musste die Dokumente für die Vormundschaft vorlegen. Auch wenn alles sauber war, so wurde er doch noch einmal mit einem skeptischen Blick bedacht, aber Leif störte sich nicht daran. Er setzte JJ in den Sitz neben sich, als sie die Maschine bestiegen hatten. Zwar wurde JJ kurz munter, aber er war viel zu erschöpft von dem langen, ereignisreichen Tag. Er griff sich Gustav und kuschelte sich in eine Ecke, ließ sich bereitwillig anschnallen und dann ging es auf nach Hause. Mit gemischten Gefühlen.


-15-

Es war früher Morgen, als Leif und sein kleiner Neffe in Berlin landeten. Seine Uhr zeigte gerade vier Uhr und JJ schlief mittlerweile nicht mehr. Er döste nur auf seinem Arm, hielt seinen Gustav fest und hatte wohl nicht die Kraft wirklich zu folgen, was ihn erwarten würde. Er ließ es auf sich zu kommen, weil er sich sowieso nicht dagegen wehren konnte.

Leif hingegen kümmerte sich um ein Taxi, während es sich in seinem Kopf langsam zu überschlagen begann. Nicht nur, dass er auf seinem Handy-Display den Vermerk hatte, dass Viktor versucht hatte ihn zu erreichen, er musste seinem Verlobten irgendwie erklären, dass JJ nun doch bei ihm war. Dass er es nicht übers Herz gebracht und ihre Abmachung eigenmächtig gebrochen hatte. Er fühlte sich nicht wirklich wohl dabei und so entschlossen wie gestern, dass das alles schon werden würde, war er auch nicht mehr wirklich.

JJ kuschelte sich an sein Schaf, das kleine Blaue hatte er wieder in der Hand, während Leif immer wieder versuchte Viktor anzurufen, doch er hatte nicht die Kraft auf den Knopf zu drücken und die Verbindung aufzubauen. Was sollte er sagen? Sollte er es Viktor überhaupt sagen? Na ja, Viktor war nicht blöd. Ihm würde aufgehen, dass plötzlich ein Kind in ihrer Wohnung war. Spätestens nach drei Wochen. Leif stöhnte, was dachte er denn für einen Mist. Das war alles nicht mehr witzig.

Entnervt steckte er das Telefon wieder ein, denn sie hatten mittlerweile das Ritz-Carlton erreicht, auf dessen Dach sein Penthouse lag. Er bezahlte den Fahrer und hob JJ vorsichtig wieder auf seine Arme. Gustav wurde auch hochgehoben, damit er nicht schmutzig wurde und die Tasche mit JJs Sachen hatte er in seine eigene gesteckt, damit er nicht zu viele Einzelstücke hatte.

Schwer beladen machte er sich durch den Empfang auf den Weg zu seinem Fahrstuhl, grüßte den überraschten Portier und deutete ihm an, dass er sich später erklären würde, weil er in Eile war. Noch ein paar Meter in die Höhe, dann konnte sich JJ endlich richtig hinlegen und schlafen, während Leif ein paar Stunden Zeit hatte, sich zu überlegen, wie er seinem Verlobten beibrachte, dass er nun ein Kind hatte. Was Viktor ja nicht wollte!

Er stieg aus dem Fahrstuhl, als er seine Wohnung erreicht hatte und strebte mit dem Kleinen gleich sein Schlafzimmer an. Die erste Nacht konnte er in seinem Bett schlafen. Ab morgen würde er dem Jungen eines der Gästezimmer herrichten. „Hey, Kleiner", flüsterte er leise und strich JJ über das Haar, als er ihn auf die Couch setzte. Schnell hatte er ihm die Schuhe ausgezogen und die meisten Sachen und brachte ihn in sein Bett. Nur kurz blickte JJ sich um, doch er schien gar nicht richtig wach zu sein. Denn er schloss die Augen und atmete schon wieder ganz gleichmäßig. Aber Leif ließ die Tür offen, nicht nur, damit Licht in den Raum fiel und er nicht so dunkel war, sondern auch, damit er selbst hören konnte, wenn mit dem Kleinen was nicht stimmte.

Da war er also. Leif atmete tief durch, hatte schon wieder sein Handy in der Hand und wurde seiner Entscheidung enthoben, als es erneut in seiner Hand vibrierte und Leifs Herz schneller schlug. Es klingelte noch mal und noch mal. Doch er konnte sich nicht ewig verstecken. Er hatte eine Entscheidung gefällt und zu der würde er jetzt auch stehen.

„Hey Vik", meldete er sich und sein Verlobter wollte gleich erst mal wissen, warum er denn sein Handy ausgemacht hatte und ob etwas passiert wäre.

„Nein, nein, aber im Flugzeug muss man die Dinger doch immer ausmachen", erklärte Leif und schlug sich innerlich selbst vor den Kopf. Was redete er denn da?

>Flugzeug? Was machst du in einem Flugzeug? Du wolltest doch nur nach Köln und... bist du geflogen? Sonst fährst du doch auch immer mit deinem SLK<, wollte Viktor wissen. Man hörte die Sorge aus seiner Stimme und Leif kam sich wirklich schäbig vor.

„Na ja, es war nicht möglich, in den SLK einen Kindersitz zu bauen", erklärte er und wartete schon auf das Donnerwetter, wenn Viktor erst mal geschalten hatte, was das bedeutete.

>Leif, das ist ein Scherz, richtig?<, kam es auch wie erwartet zurück. Die Sorge war aus Viktors Stimme gewichen.

„Vik, du müsstest ihn sehen! Er war so allein, so klein, so hilflos. Ich konnte ihn..."

>Wir hatten eine Abmachung, Leif!<, brüllte Viktor und fiel seinem Verlobten ins Wort. >Du kannst doch nicht einfach über meinen Kopf hinweg ein Kind in unser Leben schleppen? In unsere Wohnung. Verdammt noch mal, ich habe dir gesagt, dass ich das nicht will!< Viktor war außer sich, er hoffte ja immer noch darauf, dass Leif gleich laut loslachte und sagte: ‚April, April – war doch nur ein Scherz!’

Doch Leif lachte nicht. Leif erklärte ihm stattdessen, dass er es nicht übers Herz gebracht hatte, den Kleinen von sich zu stoßen. Schließlich wäre er seine einzige Familie und der Kleine hätte einen Ruhepol in seinem Leben bitter nötig. Er erzählte auch von Gisela und diesem Satanstypen, von der Sekte und wie verstört der Junge wäre. Doch da goss er Viktor nur noch Wasser auf die Mühlen.

>Du sagst es doch selber, Leif. Der Junge ist verstört. Er braucht Hilfe. Die wirst du ihm nicht geben können. Denk doch nicht immer nur an dich, sondern auch mal an dein Umfeld<, knurrte Viktor und versucht zu realisieren, was das nun auch für ihn bedeuten musste. Ein Kind in der Wohnung.

„Sag mal, Vik, für mich klingt das eher so, als wäre nicht ich der Egoist, sondern du. Schiebst JJs Probleme vor, weil du ihn nicht da haben willst", zischte Leif. Er war auf die Galerie hinauf gegangen, damit JJ ihn nicht so laut hörte. Der Junge sollte in Ruhe schlafen.

>Ich habe dir bereits gesagt, dass ich Kinder im Haus nicht haben kann, nicht haben will. Aber das war dir ja völlig egal, nicht wahr? Und wie wird es jetzt weiter gehen? Kommt er mit zum Dreh? Mit zum Set? Denkst du auch mal weiter, Leif?<

Langsam wurde Leif wirklich wütend. „Jetzt hörst du mir mal zu. Der Junge ist mein Neffe, er gehört zu meiner Familie und da will ich ihn auch haben. Die Wohnung gehört immer noch mir, vergiss das bitte nicht. Und wenn ich da ein Kind wohnen lassen will, dann tu ich das, klar?"

Viktor wusste, dass mit Leif nicht mehr zu reden war. Sein Freund konnte die größte Zicke sein, die Viktor kannte, wenn etwas nicht nach seinem Kopf ging. Aber da mussten sie noch einmal drüber reden! Er konnte doch nicht einfach dieses Gör anschleppen! Dass Leif ihn vom Flughafen abholte, konnte er sich auch abschminken. Schließlich musste der ja nun auf dieses Gör aufpassen. Viktor kochte innerlich. Er hatte Leif vertraut, darauf gehofft, dass alles zwischen ihnen, in Bezug auf den Jungen, klar gewesen war und jetzt legte sein Verlobter fest, dass ab heute ein Kind in ihr Leben gehörte. Ob es Leif passte oder nicht, es tangierte auch Viktors Leben und der hätte darüber gern selbst entschieden.

Oh – halt. Er hatte es ja selbst entschieden, aber sein Verlobter war darüber hinweg gegangen, weil er glaubte, das allein entscheiden zu können, nur weil ihm die Wohnung gehörte und der Kleine sein Neffe war.

>Vergiss nicht, dass ein Kind kein Spielzeug ist. Du kannst ihn nicht einfach in die Ecke setzen, wenn dir nicht mehr danach ist. Ein Kind ist ein Fulltimejob und ...<

„Ich weiß, Vik", zischte Leif. Er war auf Hundertachtzig und lief Rillen in die obere Galerie vor den Gästezimmern. „Ich habe auch meine Entscheidungen getroffen. Ich stelle eine Sekretärin ein und ein Kindermädchen, für die Zeit, wo ich nicht da bin und ich werde nach den beiden noch offenen Produktionen aus dem Geschäft aussteigen."

>Wie bitte?< Viktor tobte. Das konnte doch nur ein Alptraum sein! Das war doch jetzt alles nicht wahr! Ob der Bastard von einem Verlobten begriff, dass er gerade mehr aufgab, als nur seine eigene Karriere? >Du hast sie wohl nicht mehr alle. Du kannst doch nicht von heute auf morgen alles in den Dreck werfen, was wir uns so hart aufgebaut haben. Was bist du nur...<

„Pass auf was du sagst, Viktor", zischte Leif, doch weiter kam er nicht.

>Wir reden, wenn ich Zuhause bin<, knurrte Viktor nur und legte auf. Perplex starrte Leif auf sein Telefon. Da legte der Kerl einfach auf! Leif war so wütend, er konnte es gar nicht in Worte fassen.

Da legte der Kerl einfach auf!

Wurde frech und legte auf! Das war doch die Höhe. Leif kochte vor Wut. Was bildete sich Viktor eigentlich ein? Wollte ihm vorschreiben, wie er sein Leben aufzubauen hatte? Am liebsten wäre Leif jetzt runter an die Hotelbar gegangen und hätte sich ein paar eiskalte Wodka hinter die Binde gegossen, doch er war nicht allein, er konnte nicht einfach so abhauen und JJ allein lassen. Also versuchte Leif sich wieder zu beruhigen.

Über Viktor konnte er sich aufregen, wenn der Kerl erst mal hier war. Jetzt wollte er nur für JJ da sein. Also ging er langsam die Treppe zur Wohnebene hinab und ließ sein Telefon achtlos auf die Couch fallen. Kurz sah er ins Schlafzimmer, doch JJ schmiegte sich an sein großes Schaf und schlief friedlich. Er schlief auch ruhig, nichts deutete auf schlechte Träume hin. So ging Leif auf die Couch zurück. Er war noch nicht müde und er hatte Angst, wenn er sich die ganze Zeit neben JJ hin und her warf, den Jungen zu wecken. Also legte sich Leif auf die Couch und starrte an die hohe Decke.

Mit ein paar Minuten Abstand musste er zugeben, dass Viktor nicht ganz unrecht gehabt hatte. Er hatte über seinen Kopf hinweg entschieden und vor allem hatte er ihn mit seinem Ausstieg – oder besser: mit seinem Vorhaben auszusteigen – ziemlich vor den Kopf geschlagen. Er stellte ihn wieder und wieder vor vollendete Tatsachen und erwartete, dass Viktor sich alles gefallen ließ. Das war wirklich nicht fair gewesen und vor allem, alles andere als erwachsen. Er zog sein Handy zu sich und tippte schnell eine Nachricht:

Tut mir leid, Vik. Wir müssen wirklich in Ruhe über alles reden. Love, Leif.

Er schickte sie ab und hoffte, dass sein Verlobter nicht ganz so stur war wie er selbst und sich wenigstens meldete. Es musste ein ganz schöner Schock gewesen sein, den sie beide verdauen mussten. Aber ein Kind war doch nicht der Weltuntergang. Außerdem wollte er sich doch nicht aus der Firma zurückziehen, nur aus den Filmen. Das musste er alles mit Vik durchsprechen. Aus Leifs Wut wurde Nervosität, weil ihm wohl allmählich die Tragweite seines Unterfangens immer bewusster wurde. Er hatte nicht nur sein eigenes Leben auf den Kopf gestellt.

„Scheiße", murmelte er nur vor sich hin, einen Arm über die Augen gelegt. Fest umklammerte eine Hand das Telefon, doch es blieb stumm. Nichts passierte. Viktor war also richtig sauer – er hatte seinem Verlobten so hart vor den Kopf geschlagen, dass Viktor nun seinerseits schmollte. Das war doch zum Kotzen, aber echt. Warum mussten sie sich auch immer gegenseitig so provozieren?

Langsam erhob sich Leif wieder und ging rüber zur Küche. Sein Hals war trocken und er brauchte jetzt was zu trinken. Mit einem Glas Wasser lehnte Leif nun an der Anrichte und starrte durch das große, bodentiefe Fenster hinaus auf die Stadt. Noch vor einer Woche wäre Leif nicht im Traum eingefallen, dass sich in seinem Leben einmal grundlegend etwas ändern würde.

Zwar war auch ihm bewusst, dass er seinen Job nicht ewig machen konnte, aber dass er so schnell alles hinter sich lassen musste, wenn er seinen Neffen behalten wollte... nein, das wäre ihm wirklich nicht im Traum eingefallen. Party, Büro, Sex vor der Kamera – das war eigentlich sein Leben. Viktor war der einzige Mensch, der in seinem Leben wirklich Platz hatte.

Was nicht bedeutete, dass Leif keine Freunde hatte oder ihm andere Menschen nicht wichtig wären, aber Viktor war eigentlich der einzige, nach dem er sein Leben ausgerichtet hatte und nun war JJ da. Jetzt musste er ein Kind und einen Geliebten unter einen Hut bekommen, dazu noch eine Firma und laufende Produktionen.

Die Wohnung lag gänzlich still, so war das leise Vibrieren seines Handys auf dem Couchtisch auch in der Küche noch zu hören. Hastig stellte Leif das Glas auf dem Marmor der Platte ab, dass man Angst haben musste, er hätte den Boden raus geschlagen. Er eilte quer durch den Raum und griff sich noch über die Lehne der Couch das kleine Telefon. Es war nicht nur eine SMS, Viktor rief an. „Vik? Ich bin so froh", murmelte er leise. Seine Reue lag ihm auf der Zunge und Viktor kam nicht umhin, es auch zu bemerken.

>Hey, Leif<, nuschelte er, selbst ebenfalls etwas angefressen, weil er wohl mit seiner eigenen Wortwahl auch nicht zufrieden war. Er wusste doch selbst, dass nichts so heiß gegessen wurde, wie es gekocht war. Er hätte sich doch denken können, dass Leif momentan alles überschlug und nur die Hälfte von dem, was er sagte, wohl wirklich passierte.

„Tut mir leid, dass ich das alles über deinen Kopf gemacht habe – aber ich konnte JJ nicht weggeben. Er ist so ein süßer, kleiner Kerl. Du wirst ihn auch mögen, auch wenn du mit Kindern eigentlich nichts anfangen kannst. Glaub mir, Vik." Leif ließ sich auf die Couch fallen und legte sich wieder auf den Rücken, so wie sie immer telefonierten. Nur dass er heute seine Kleider anbehielt.

>Na ja, ich werde es mal versuchen<, räumte Viktor erst einmal ein. >Was mir weniger gefällt war dein Ausstieg aus dem Geschäft, Leif, was sollte das?<

Leif seufzte. „Na ja, ich muss mit den Drehs aufhören. Ich werde mich weiter um die Firma kümmern, alles andere wie jetzt auch. Nur vor die Kamera werde ich dann nicht mehr treten. Ich muss... na ja, sind wir ehrlich, Vik. Unser Job hat nicht gerade den besten Ruf. Versteh mich nicht falsch, ich liebe ihn, ich bin auch stolz auf das, was ich geleistet habe. Nur wird dies das Jugendamt einen Scheiß interessieren, Vik. Verstehst du? Ich muss sauber werden, wenn ich den Kleinen behalten will", versuchte Leif sich zu erklären und hoffte darauf, dass sein Freund ein wenig Verständnis zeigen würde.

>Du willst mir also sagen: es steht für dich schon fest, dass du ihn behalten wirst. Ich muss mich damit arrangieren?<, wollte Viktor wissen. Ihm gefiel es jetzt schon nicht, dass er hinter einem Vierjährigen zurückstecken musste, den er noch nicht einmal kannte. Es war ihm egal wie süß der Kleine war, wie lieb und was wusste Viktor noch was alles. Für ihn zählte nur, dass er seinen Leif ab heute teilen musste und wie er seinen Verlobten kannte, war JJ nun nicht nur Teil der Familie, er war die Nummer eins. Viktor war gerade nach hinten gerutscht, ohne etwas getan zu haben und das behagte ihm überhaupt nicht.

„Ja, Vik. Ich möchte den Jungen gern behalten. Ich möchte, dass wir eine kleine Familie werden, weißt du?" Leif wusste selber, wie albern das klang, aber das war es, was er sich immer gewünscht hatte. Mit Viktor zusammen zu sein und mit ihm zusammen ein Kind aufzuziehen. Bei vielen kam der Appetit erst beim essen. Vielleicht begriff auch Viktor, wie toll ein Kind war, wenn er mit JJ erst einmal ein paar Tage verbracht hatte.

>Du als Hausfrau und Mutter oder wie?< Über so viel rosarote Brillen konnte Viktor nur den Kopf schütteln. Wollte Leif nicht begreifen, dass er mit seiner Vergangenheit keine Chance hatte, den Jungen auf länger bei sich zu behalten?

Egal wie er seinen Lebensstil änderte. Er war gebrandmarkt, er war vorverurteilt. Da konnte sich Leif auf die Hinterbeine stellen und guten Willen und Saubermann zeigen wie er wollte, er musste doch begreifen, dass das keinen Sinn hatte. Redete Viktor eigentlich gegen eine Wand? Hörte ihm gar keiner zu?

„Jetzt werd mal nicht albern, Vik. Ich weiß auch wie blöd das klingt. Aber kannst du mich nicht ein ganz kleines bisschen verstehen?" Leif murmelte nur noch vor sich hin, er hatte die Augen geschlossen und lauschte immer mit einem Ohr auch auf JJ. Doch im Schlafzimmer war es ruhig.

>Es geht doch gar nicht darum, ob ich dich verstehen kann, Schatz, es würde mir aber das Herz brechen, zusehen zu müssen, wie sie dir den Kleinen wieder wegnehmen. Kannst du das nicht verstehen?<, fragte Viktor leise. Er meinte die Worte so wie er sie sagte. Er wollte nicht zusehen müssen, wie Leifs Traum zerplatzte und sein Verlobter daran zerbrach.

„Ach Schatz, du bist süß." Leif lächelte. Das war der Viktor, den er kannte, den er liebte und dem er noch nie etwas hatte abschlagen können.

>Na ja, ich kann es nicht sehen, wenn du traurig bist, Leif. Also denk bitte noch einmal genau darüber nach, was du machst<, riet ihm Viktor, doch Leif reagierte gar nicht mehr wirklich. Aus dem Schlafzimmer kam JJ getapst, zog das große Schaf hinter sich her und suchte mit den Augen den Raum ab.

„JJ, was denn los? ... Ich mach Schluss, Schatz, wir sehen uns morgen. Ich liebe dich", sagte er Viktor noch, dann legte Leif auf und kam zu dem Jungen gelaufen. „Kannst du nicht schlafen?", wollte Leif wissen, doch als er sah, wie verkniffen der Kleine da stand, begriff er und nahm vorsichtig die kleine Hand. JJ zuckte, doch er ließ es geschehen. „Hier ist das Klo, JJ."

Der Junge guckte ihn fragend an. Leif hob eine Braue. „Darf ich dich JJ nennen? Ist kürzer und es klingt irgendwie... cool." Leif grinste und JJ überlegte kurz, nickte dann aber. Er verschwand allein im Bad und Leif folgte. Er war sich nicht sicher, ob der Kleine schon allein aufs Klo konnte, doch er konnte. Leif nahm diese Information nur für sich auf und verließ das Bad, um dem Jungen seine Privatsphäre zu lassen. Er grinste, als er auch den Wasserhahn hörte und JJ mit seinem Gustav wieder aus dem Bad geschlurft kam.

Kurz sah er sich um, dann schlurfte er wieder ins Schlafzimmer. Leif beeilte sich, das Licht zu löschen. Er suchte sich schnell einen Pyjama, etwas, was er seit Jahren nicht mehr getragen hatte und kroch mit in das breite Bett. Doch er ließ JJ allein auf seiner Seite. Er wollte nur in seiner Nähe sein, mehr nicht.

Immer noch mit schweren Gedanken sank auch Leif endlich in den Schlaf, als langsam der Tag erwachte.


-16-

Als Leif langsam wieder zu sich kam regte sich neben ihm im Bett etwas. JJ versuchte gerade Gustav zuzudecken, damit das Schaf nicht fror. Das große Kingsize Bett bot ihm genug Raum, um sich auszutoben, ohne dass Leif auch nur ansatzweise etwas mitbekommen hätte, davon war er also nicht wach geworden. Wieder begann die Melodie seines Handys von neuem und Leif gähnte. Das blöde Ding lag immer noch im Wohnzimmer und er selbst hatte so gar keine Lust, sich zu erheben. Seine müden Knochen schrien nach Schlaf. Die paar Stunden, die Leif ihnen gegönnt hatte, reichten bei weitem nicht aus.

Allerdings erkannte er die Melodie, es war die Domina. Was wollte Frank denn nun schon wieder? Erst als Leif sich auf die Seite drehte und JJ erblickte, kam langsam alles zurück. Der Streit mit Viktor und sein Entschluss. Doch er musste den Kleinen mit den großen Kulleraugen nur ansehen, da wurde sein Herz weich. „Guten Morgen, Kleiner", flüsterte Leif und JJ, der sich unbeobachtet gefühlt hatte, zuckte zusammen und sah sich zu ihm um. Dabei versteckte er sich hinter seinem Schaf und schien auf etwas zu lauern. Kurz schätzte er die Distanz zwischen sich und dem Mann und blieb, wo er war.

Innerlich zuckte Leif zusammen, doch er ließ es sich nicht anmerken. „Gut geschlafen?", wollte er mit einem Lächeln wissen und ignorierte das nervende Handy. Er war versucht, eine Hand nach JJ auszustrecken und ihm durch die Haare zu streichen, doch er ließ es. JJs Augen zeigten deutlich, dass er das jetzt nicht wollte. Aber Leif konnte auch stur sein, so schnell ließ er sich nicht abwimmeln und vor allen Dingen nicht entmutigen. JJ brauchte seine Zeit, bis er sich an ihn gewöhnt hatte. Es würde der Tag kommen, an dem er sich ihm anvertraute, ganz bestimmt. Leif wollte diese Hoffnung einfach nicht aufgeben.

Nur nebenbei bemerkte Leif mit einem Grinsen, dass Frank wohl gerade seinen verzweifelten Versuch aufgegeben hatte, seinen Chef zu erreichen, nur um festzustellen, dass auch seine rechte Hand stur sein konnte, wenn er etwas wollte. Nun klingelte nämlich das Telefon neben JJs Bett und der Junge sah sich erschrocken um. Leif wusste selbst nicht, was er tun sollte.

Sich über den Kleinen zu rollen war wohl nicht die Lösung. Aufzustehen, dazu hatte er keine Lust. Also fragte er JJ: „Kannst du es mir geben?" Vorsichtig streckte er eine Hand aus und JJ sah ihn fragend an, sah wieder zu dem schnurlosen Telefon und griff zaghaft danach. Mit etwas Überwindung reichte er es an Leif und versteckte sich dann wieder hinter Gustav.

„Danke." Leif lächelte. Das war doch ganz gut gelaufen.

„Was ist?", sagte er, als er das Gespräch angenommen hatte.

>Sollte ich dich das vielleicht fragen? Hast du mal auf die Uhr gesehen? Außerdem erzählte mir dein Verlobter gerade, dass du Vater geworden bist und deinen Job hinwerfen willst. Kannst du mir das erklären?<

Leif knurrte, da hatte Viktor aber keine Zeit verloren, die News unter die Massen zu streuen. Hoffte er etwa darauf, dass Frank ihm half, Leif JJ auszureden? Was war das denn für eine linke Tour!

„Na, da hat Vincenzo ja zeitnah informiert", knurrte er und erhob sich. JJ guckte ihm nach. „Magst du mitkommen in die Küche?", fragte er den Kleinen leise und der legte wieder den Kopf schief.

>Was soll ich in deiner Küche? Ich will Antworten!<

Frank war außer sich, doch Leif knurrte nur: „Nicht du, warte!", und hielt JJ seine Hand hin. Doch der nahm sie nicht an, schälte sich nur aus dem Bett und zog Gustav hinter sich her. Wenn das so weiter ging, war das Schaf voller Staubmäuse, dachte Leif amüsiert und sah dem Kleinen nach, der im Bad verschwand.

„So, jetzt gehöre ich wieder ganz dir."

>Vik hat also Recht. Du hast den Jungen bei dir<, fragte Frank und schien überrascht. Er hatte Vincenzo nicht glauben wollen, doch so wie sich das anhörte, war Leif entweder wahnsinnig und bildete sich ein, Kinder zu sehen oder er war wirklich nicht allein. Am Geisteszustand seines Chefs musste Frank nicht zweifeln, das wusste er.

„Ja, ich habe den Jungen mit zu mir genommen. Es ging nicht anders und Vik hat getobt. Kann ja sein, aber dass er dich gleich anruft und..."

>Halt!<, fiel ihm die Domina sofort ins Wort. >Vincenzo hat mich nicht angerufen, ich habe dich gesucht. Ans Handy gehst du nicht ran, also habe ich versucht ihn zu erreichen. Der geht wenigstens ans Telefon. Nach und nach ist er mit der Sprache rausgerückt, also mach ihn mal nicht schlechter, als er ist.<

„Ja, ja. Haltet nur alle zusammen", knurrte Leif. Er hatte die Badezimmertür im Blick und immer ein Ohr dahinter, damit er reagieren konnte, wenn JJ ihn brauchte.

>Leif, verdammt! Mit deinem Entschluss, aufzuhören, triffst du uns alle. Da finde ich es durchaus wichtig, dass wir davon mal erfahren!<, knurrte Frank zurück. Seine Laune war gerade ziemlich auf dem Nullpunkt, doch Leif hielt dagegen.

„Vielleicht hätte sich Vik auch etwas mehr Mühe geben können, meine Worte wiederzugeben. Alles, was ich gesagt habe, ist, dass ich nicht mehr vor die Kamera treten werde. Das ist alles. Das wird aber nun auch nicht so schlimm, denn wir haben eine Menge guter Jungs in der Agentur. Ein paar von ihnen können mir durchaus das Wasser reichen, aber meine offenen Produktionen mache ich noch zu Ende. Also komm mal wieder runter. Nichts ist entschieden. Ich mache die Firma weiter und habe etwas mehr Zeit für den Jungen."

>Du bist blauäugig, Leif. Glaubst du, das Jugendamt macht einen Unterschied zwischen einem Pornodarsteller und einem Pornoregisseur? Schwul noch dazu? Mach die Auen auf, das... <, versuchte Frank klärend einzugreifen, doch Leif war für nichts mehr zugänglich.

„Klasse. Schön hat dich Vik instruiert. Ganz klasse!"

Die Spülung ging, das Wasser rauschte und JJ kam wieder aus dem Bad geschlurft, sah sich um und kam zögerlich auf Leif zu. Der lächelte ihn an und ging in die Knie, um auf JJs Höhe zu kommen.

„Na komm her, Kleiner", sagte er liebevoll, kein bisschen erinnerte daran, dass er eben noch wütend und rasend vor Zorn gewesen war. Seine Augen glänzten, das konnte Frank durch dessen Stimme direkt hören und er biss sich auf die Zunge. Er wusste genau, wie sehr sein Chef Kinder liebte und dass er sich welche wünschte. Aber es hat eben nicht sollen sein - nicht mit seinem Job! Nicht als Mann ohne Frau. Schon gar nicht als Mann mit Mann!

Das konnte nicht gut gehen.

JJ kam vorsichtig näher und Leif sagte nur noch zu Frank: „Wenn wichtiges anliegt, dann komm vorbei. Ich kann hier nicht weg und sag bitte Jochen, er soll mich anrufen. Bitte!" Seine Stimme war wieder weich und angenehm. Die Wut war völlig verraucht. Da staunte sogar Frank. Schon weil er neugierig war, sagte er zu. Das wollte er selber sehen.

Leif legte auf und ließ das Telefon einfach aufs Parkett fallen, sah immer wieder JJ an. Der schleifte immer noch Gustav an einem Bein hinter sich her über das glatte Holz und Leif hatte eine Idee.

„Hunger?"

Der Junge nickte heftig und schon war das Telefon wieder gegriffen. Er orderte in der Küche Frühstück für sie beide und ließ sich auf das Parkett fallen. JJ tat es ihm gleich, aber immer noch in gebührendem Abstand. Er schien sich nicht wohl zu fühlen und er schien noch immer nicht zu begreifen, wo er hier war.

„Du kennst mich doch noch oder?", fragte Leif und JJ nickte. „Du bleibst bei mir, ist das okay?" Doch darüber war sich der Junge gar nicht schlüssig, denn er zuckte sich nicht.

Es war ein Stich, doch Leif ließ sich das nicht anmerken. Immer wieder hielt er sich vor Augen, dass er Geduld haben musste. Das hatte Jochen auch immer erzählt. Tiara hatte lang gebraucht, bis sie Jochen wirklich akzeptiert hatte in ihrem Leben. Bei JJ wurde das bestimmt nicht anders. Leif wollte sich nicht mal im Schlaf ausdenken, was der Junge vielleicht alles durchgemacht hatte. In einer Sekte aufzuwachsen war bestimmt kein Zuckerlecken. Er hatte oft genug Berichte über solche Institutionen gehört, wie es zuging, wie man die Leute bei der Stange hielt und wie man sie einschüchterte. Man unterschied dabei nicht zwischen Kind oder Erwachsenen. Nur verständlich, dass der Kleine misstrauisch war.

Ziemlich schnell wurde Leif uninteressant und so beschäftigte sich JJ wieder mit seinem Schaf und drückte das große Plüschtier fest an sich. Er verschwand fast hinter dem Berg aus Stoff und Füllwolle und zuckte wieder, als der Dienstbotenaufzug leise signalisierte, dass das Essen geliefert wurde und eine junge Frau herein trat.

Was dann passierte, konnte Leif nicht einordnen.

JJ gab einen heiseren Schrei von sich, ließ sogar sein Schaf liegen und rannte so schnell er konnte ins Bad. Die Tür knallte und Leif sah die junge Angestellte fragend an, genau so wie sie ihn.

„Das bestellte Frühstück", sagte sie leise und etwas aus der Fassung. Leif lächelte nur dankend und nickte. Schnell war sie wieder verschwunden und Leif war vor der Tür zum Bad, klopfte leise und flüsterte, dass sie wieder weg wäre und was denn los sei. Zwar wusste auch Leif, dass der Kleine ihm nicht antworten würde, aber diese kleine Szene holte Viktors Worte aus seinen Erinnerungen zurück.

Der Kleine war verstört, er brauchte Hilfe.

„JJ, Kleiner. Komm wieder raus, hm? Frühstück ist da. Das ist ganz lecker."

Doch hinter der Tür tat sich nichts. Es wäre ein leichtes gewesen, die Tür zu öffnen und den Jungen einfach rauszuholen, doch Leif war klar, dass dies der falsche Weg wäre. Wenn der Kleine keinen Ort hatte, wo er sich sicher glaubte, dann war es garantiert die Hölle. Er sollte sein Bad ruhig behalten. Viel war nicht darinnen, was dem Jungen gefährlich werden konnte. Parfums, Shampoos und sonstiges standen so weit oben, dass er nicht heranreichen konnte und spitze Ecken gab es auch nicht wirklich.

Leif klopfte immer wieder und redete auf den Jungen ein. Doch dann erhob er sich, weil JJ sich nicht rührte. Er holte die Tasche des Kleinen, suchte Sachen heraus und Waschzeug und fragte, ob er rein kommen dürfte. Wieder passierte nichts, doch dann öffnete sich die Tür. JJ sah ihn an, schien aber auch gleichzeitig den Raum hinter ihm abzuchecken. Leif lächelte.

„Was war denn los, Kleiner. Hat sie dir Angst gemacht?"

JJ nickte nur und sah sich immer noch um. Sein Blick fixierte das Schaf, das nun weit weg auf dem Parkett lag.

„Sollen wir duschen und dann essen?", schlug Leif vor und JJ nickte wieder. Seine Lippen waren fest aufeinander gedrückt, sein Blick fixierte weiter das Schaf. So lachte Leif leise, drückte JJ seine Sachen in die Hand und holte Gustav. Der wurde auf das Klo gesetzt, während JJ sich seinen Schlafanzug zögerlich auszog. Dabei sah er immer zu Boden. Leif nahm es erst einmal hin.

Um den Kleinen nicht zu verschrecken, behielt er seinen Schlafanzug an, als er mit unter die Dusche stieg und JJ fix abbrauste, einseifte und dann wieder trocken rubbelte. Um nicht alles nass zu machen, zog er sich Viktors Bademantel drüber.

„Ng", machte JJ, als Leif ihn anziehen wollte, griff sich seine Kleider und machte das alleine. Leif vermerkte das für sich. Schnell war der Kleine in seine Wäsche geschlüpft und griff sich wieder Gustav, um mit ihm davon zu stürzen. Doch Leif rief ihn zurück. JJ reagierte und sah ihn an.

„Zähne putzen, JJ!", erklärte er und das erste Mal musste er über JJ kichern. Der verzog nämlich das Gesicht, als wäre er ertappt worden, kam aber zurück und tat wie geheißen. Die paar Minuten nutzte Leif, um im anderen Bad schnell zu duschen, sich anzuziehen und kam gerade frisch gemacht aus seinem Bad, als JJ um den Wagen mit dem Frühstück herum schlich. Doch er wagte nicht, ihn anzufassen. Da war Leif auch ganz froh drüber, denn die Warmhalteplatten für das Ei und die Getränke waren sicher gefährlich für Kinder. Im Geiste rügte sich Leif selber, dass er daran nicht früher gedacht hatte.

„Komm mit", sagte er zu JJ und schob den Wagen in die Küche. Die nächste Hürde war der Tisch. Er hatte schlicht keinen. Sie hatten in der Küche nur eine Theke und hohe Hocker. Das war Leif dann doch ein wenig zu gefährlich. Sie mussten etwas anderes finden. Auf seiner Liste im Kopf vermerkte er, dass dringend Kindermöbel gekauft werden mussten.

Während JJ sich etwas umsah und Leif immer ein Auge darauf hatte, dass der Kleine nichts anfasste, was gefährlich werden konnte, räumte er alles auf die Theke, was auf dem Servierwagen stand und rief den kleinen wieder zu sich, hob ihn vorsichtig hoch und der guckte sich alles an.

Schnell war geklärt, was JJ essen wollte und er durfte dann weiter durch die Küche gehen, denn das tat er mit großem Interesse. Gustav schien weniger Interesse zu haben, der schlurfte nämlich nur hinterher. Leif lachte leise, JJ und sein Plüschschaf waren schon ein Gespann. Er machte ihre Teller zurecht. Der Couchtisch dürfte schon eher eine kindgerechte Höhe haben. Also rief er den Kleinen zu sich und ging vor, richtete alles her und legte Kissen hin, auf die JJ sich setzen konnte, um auch bequem an den Tisch zu reichen.

Gustav wurde neben ihn gesetzt und der Kleine griff sich das belegte Brötchen, aß mit sichtlichem Appetit.

Er zuckte abermals, als die Tür ging, die Augen wurden noch größer, doch als Frank eintrat, kam kein Schrei. Er musterte ihn nur neugierig und mit Skepsis. Doch er ergriff nicht die Flucht. Das machte Leif stutzig, doch er rief seinen Freund zu sich.

„Morgen Frank. Wenn du Hunger hast, in der Küche ist noch", rief er der Domina zu, doch der starrte nur auf den Jungen.

„Das ist er?", fragte Frank und Leif nickte.

„Ja, das ist JJ. Nicht wahr, Kleiner?" Ein skeptischer Blick zu Leif, dann war wieder Frank interessant.

„Bis eben hatte ich noch gehofft, es sei nur ein richtig böser Scherz, aber das ist es nicht oder?" Langsam kam Frank näher. Er begriff es noch immer nicht. Es stimmte schon, der Kleine war süß. Er konnte Leif verstehen.

Doch für ein Kind seine Karriere wegzuwerfen? Er hielt es für keine gute Idee, noch immer nicht, auch jetzt, wo er länger darüber nachgedacht hatte.

„Mein Gott, Frank, jetzt stell dich doch nicht so an. Ich werde weiter arbeiten, ich werde weiter das Beste aus der Firma herausholen. Warum traut mir das keiner zu? Du nicht, Vik nicht." Leif klang etwas angesäuert, doch in JJs Nähe verbiss er sich seine Wut.

„Du wirst dich hauptsächlich mit Behörden herumschlagen. Du wirst sämtliche Brücken zu deiner Firma abbrechen müssen, Leif, begreif das doch!"

Die Jugendämter waren strenger geworden. Kleinste Verdachtsmomente genügten, um die Kinder in Heime zu stecken und den Erziehungsberechtigten zu entziehen! Makel, die Leif mit brachte, wogen unter Garantie schwerer als alles andere. Zu viele Fälle von Kindesmissbrauch machten die Behörden sensibler. Was auch richtig und zu begrüßen war. Aber Leifs Stand machte das nicht einfacher. Egal wie lieb er den Kleinen gewonnen hatte, das zählte im Räderwerk der Behörden nichts. Liebe konnte mit keinem Formular oder Nachweis erbracht werden. Die konnte man nicht in Summen oder Paragrafen packen und wegheften. Die interessierte nicht.

Was interessierte war: Leif war schwul, das Kind würde also laut der Behörden nicht in einem stabilen Umfeld aufwachsen, es würde sexuell missorientiert und dazu kam der leichtfertige Umgang mit Sex in diesem Haus. Das konnte man einem Kind ja schlecht zumuten. Schon gar nicht einem Jungen. Was, wenn der auch schwul wurde? Wer wollte dafür verantwortlich sein? Dass diese abwegigen Gedanken nicht nur reine Illusion waren wusste Frank genau. Er kannte Paare, die es versucht hatten und mit genau diesen Fakten abgespeist worden waren. Wie geprügelte Hunde waren sie aus dem Amt gekommen und das wollte Leif nun auch auf sich nehmen?

„Ich werde JJ behalten, koste es, was es wolle!", erklärte Leif schnippisch und sah wieder auf den Jungen. Der hatte begriffen, dass es um ihn ging und sah die beiden Männer aufmerksam an. Neugier lag in den großen Kinderaugen und Frank begriff immer mehr, warum Leif nicht anders hatte handeln können.

„Wir ziehen die beiden Filme noch durch, ich suche ihm ein Kindermädchen, ich suche einen Kindergarten, eine rechte Hand für dich, falls die Arbeit zu viel wird. Alles kein Problem!" Leif ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Er hatte seinen Entschluss gefasst. Dieses Kind würde bei ihm bleiben. Egal was geschah. Und wenn er dafür sein altes Leben über Bord werfen musste? Dann war es eben so. Doch JJ war seiner und JJ blieb seiner. Egal was der Rest der Welt zu sagen hatte. Zur Not wanderte er mit dem Kleinen eben aus. Es gab wunderbare Orte auf dieser Welt und er hatte in ein paar der schönsten und interessantesten Gegenden Ferienhäuser oder Eigentumswohnungen, die momentan vermietet waren.

Kinder lernten Sprachen schnell. Er selbst beherrschte fünf fließend und drei weitere so, dass er damit überleben konnte. Nein, noch ließ sich Leif nicht die Petersilie verhageln.

„Du bist ziemlich optimistisch, Leif."

Doch der grinste nur. „Japp!", und zu JJ: „Iss das Ei, ehe es kalt wird, hm?" Dabei lächelte er den Jungen an, wie Frank es noch nie gesehen hatte. Es tat ihm in der Seele weh, denn das hier hatte einfach vor den engstirnigen Behörden keine Zukunft. Also holte sich Frank selber was zu essen und schwieg vorerst zu dem Thema, ging mit seinem Chef lieber das durch, was in der Firma anlag.