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Alles was zählt - Teil 41 bis 44

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Leider war Viktor schneller als Leif, denn sein Frust auf Endre war nur noch gewachsen. Dieser Kerl war doch der Grund dafür, dass er sich ständig mit Leif stritt und der Blonde stur seinen Kopf durchzusetzen versuchte. Was hatte dieses komische Kindermädchen auf den Seychellen verloren? Wo war das Problem, den und das Gör einfach hier zu lassen? An was fehlte es ihnen denn hier, was sie auf den Seychellen hatten – von einem kostenlosen Luxus-Urlaub mal abgesehen? Sicher hatte diese verarmte Straßenratte Leif so lange belagert, sicher auch erpresst, damit der ihn mit nahm und der sich dort die Sonne auf die Eier scheinen lassen konnte. Dieser Mistkerl.

Viktor war wütend ohne genau greifen zu können, was es war. Es waren viel zu viele Kleinigkeiten, die sich heute summiert hatten, die sich eigentlich schon seit über einer Woche summierten und Leif da auch gar nicht daran dachte, einzulenken. Er drückte seinen Willen durch, egal wessen Leben er damit noch auf den Kopf stellte. Doch für Viktor war es einfacher, die Schuld auf einen Außenstehenden zu schieben. Denn würde er diese ganze Prozedur noch einmal mit Leif durchmachen müssen, würde etwas zurückbleiben. Da war er sich sicher. Da bot sich diese Straßenratte doch viel besser an.

Wütend und etwas zu schnell schoss er mit seinem Wagen in die Tiefgarage, es war einfach Glück, dass in dem Moment niemand unterwegs war, der ihm hätte in den Weg treten können. Auszusteigen und die Tür zuzuschlagen war eine fließende Bewegung und schon war er im Fahrstuhl und auf dem Weg nach oben.

Es ärgerte ihn noch immer, dass Leif ihm vorgehalten hatte, dass dies immer noch ganz allein seine Wohnung wäre und in der könne er tun und lassen was er wolle. Das klang für Viktor ja gerade so, als wolle Leif ihn gar nicht integrieren, als wäre er nur geduldet. Er war nichts anderes als diese Straßenratte!

Der Weg nach oben wurde zu einer Folter, war der Fahrstuhl stecken geblieben oder warum kam er gar nicht an? Doch als sich die Türen plötzlich öffneten sah er auch schon, was er hatte sehen wollen. Endre und JJ, die wohl auch gerade erst rein gekommen waren, gingen gerade die Treppe nach oben und sahen sich verwundert um, als sich in ihrem Rücken ohne Ankündigung plötzlich die Fahrstuhltüren erneut öffneten. Als Endre sah, wer dort eintrat und dass er ohne Leif kam, wusste er schon, was folgen würde und ging mit JJ nach oben.

„Hey, Straßenratte!“, rief Viktor auch gleich nach oben, der seine sich bietende Chance doch nicht einfach verstreichen lassen konnte. „Komm runter!“ Doch Endre blieb nur auf der Treppe stehen, hatte JJ an der Hand und sah zu Viktor runter.

„Ich werde erst mal JJ nach oben bringen, dann habe ich Zeit“, erklärte er. Er wusste ganz genau, dass er Leifs Verlobten dadurch nur noch wütender machte, doch sein Hauptaugenmerk war und blieb JJ und den konnte er nicht einfach allein die Treppe hoch lassen.

Also wandte er sich wieder um und ging mit JJ weiter.

Es kam, wie es kommen musste.

Viktor kochte vor Wut, wäre dies ein Trickfilm gewesen, wäre ihm jetzt heißer Dampf aus den Ohren geschossen. Was bildete dieser Dienstbote sich ein? Wie redete der denn mit ihm? Also setzte er Endre nach, doch der versuchte ruhig zu bleiben und diese Ruhe auch auf JJ zu übertragen, denn der Kleine hatte seine Hand panisch gepackt und drückte sie mit all seiner Kraft. Kaum oben angekommen hatte Viktor Endres Schulter gepackt und riss ihn zu sich herum.

„Pass mal auf, Straßenratte!“, knurrte er und drückte Endre gegen die Wand.

JJ an seiner Hand stand mit großen Augen da und zitterte, doch Endre lächelte ihn nur an. „Schnell, schaff Gustav in dein Zimmer, er ist bestimmt ganz müde. Mach die Tür zu, ich komm dann gleich spielen, ja Maus?“ Unschlüssig stand JJ da, doch dann befolgte er, was Endre sagte. Er war wohl ganz froh, dass er von Viktor weg konnte. Im nächsten Augenblick knallte die Tür.

„So“, widmete sich Endre nun seinem Angreifer. Er hatte vor, sich nicht provozieren zu lassen, denn er ahnte, auf was der eifersüchtige Verlobte schon wieder hinaus wollte. Ob er eigentlich wusste, wie lächerlich er sich machte? Ob ihm das schon mal jemand gesagt hatte?

„Ganz toll gemacht, Straßenratte, echte Glanzleistung. Womit hast du Leif erpresst, damit er dich und das Balg mit auf die Seychellen nimmt, hm? Hast du ihm gesagt, du kündigst sonst, hm? Komm schon, spuck's aus!“ Viktors dunkle Augen blitzten angriffslustig. Er schien nur darauf zu warten, dass Endre sich wehrte, damit er seine gestaute Wut endlich einmal loswerden konnte.

Endre schluckte kurz, das war definitiv nicht gut. Egal was er jetzt sagte, Viktor würde ihm im Leben nicht glauben, dass Leif ihn angefleht hatte, mitzufliegen. Es würde Leif in kein gutes Licht rücken, zumindest nicht in Viktors Augen. „Er hat mir erklärt, dass er gern auch dort Zeit mit JJ verbringen möchte und deswegen fahren wir mit. Nicht weil ich Sonne und Meer will. Ich bin für so was nicht zu begeistern!“ Doch er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da drückte ihn Viktor schon wieder an den Schultern gegen die Wand.

„Ach, ist es dem Herrn nicht recht? Sollen wir unser Set verlegen. Was wäre denn genehm? Berge?“, knurrte er und Endre verdrehte offen die Augen.

„Ist das dein Hobby? Leute absichtlich falsch verstehen?“, fragte er und Viktor drückte ihn mit Schwung wieder gegen die Wand.

„Pass auf was du sagst, Straßenratte. So leicht sehe ich nicht einfach zu, wie du dich Leif an den Hals wirfst.“

„Ach jetzt kommt die Leier wieder, hm? Schon mal auf die Idee gekommen, dass es Männer gibt, die deinen Leif nicht anziehend finden, hm?“, fragte Endre offen und sah Viktor angriffslustig an. Man sah in dessen Augen deutlich, dass er mit solch einem Spruch nicht gerechnet hatte, doch er fing sich schnell wieder.

„Klar und wer soll dir das glauben?“

„Na du anscheinend nicht.“ Endre gab sich gleichgültig, was sollte er auch tun? Viktor hatte seine Meinung und er würde so lange diskutieren, bis sein Gegenüber aufgab und seine Ruhe haben wollte und ihn hören ließ, was er hören wollte.

„Werd nicht frech, Straßenratte. Ich beobachte dich, vergiss das niemals!“, knurrte Viktor, weil er nicht zeigen wollte, dass er gegen die offene Art des jungen Mannes einfach machtlos war. Er wusste nicht, wie er Endre noch in die Ecke treiben wollte.

Vielleicht war es Glück, dass in diesem Moment die Tür des Fahrstuhls einen weiteren Bewohner eintreten ließ, der auch gleich anfing seine Jungs zu rufen.

„Vik. Endre, JJ, kleine Maus!“ Leif streifte sich die Schuhe von den Füßen und so schnell wie Viktor sich sein Opfer gegriffen hatte, so schnell ließ er ihn wieder los und verschwand in Endres Küche, über die Wendeltreppe nach unten. Erst dann antwortete er seinem Freund. Endre sah ihm nur hinterher.

„Heuchler“, knurrte er und holte tief Luft. Der Rücken tat ein bisschen weh. Hoffentlich gab es keine blauen Flecken, auf so was hatte er keinen Bock. Er rollte die Schultern und ging zu JJ und blieb in der Tür stehen, denn er suchte das Zimmer mit den Augen ab. Wo war der Junge?

Doch zum Glück gab es einen Verräter in der Familie, denn Gustav mit seinem dicken Plüschhintern passte wohl nicht mehr zwischen Ecke und Schrank, wo JJ hockte und so konnte Endre ihn schnell finden.

„Hey, kleine Maus, hab dich“, lächelte er und ging vor JJ in die Knie, doch der hatte noch immer Tränen auf den Wangen und klammerte sich an Gustav. Endre war wütend auf Viktor, dass er so selbstherrlich alles andere neben sich klein schlug.

„Maus.“

Vorsichtig zog er Gustav weg, doch JJ hing an dem Plüschtier, zog ihn immer wieder vor sich. „Maus, was ist denn los?“, wollte Endre leise wissen und setzte sich vor die Schrankecke. JJ sah ihn nur aus ängstlichen Augen an. „Maus, er ist weg. Er tut dir nichts, hm?“ Er streckte die Arme aus und sah JJ abwartend an. Man sah, wie der Junge mit sich kämpfte, doch dann kam er aus seiner Ecke und warf sich Endre an den Hals, der gleich die Arme um ihn schloss und sich mit ihm erhob. Jetzt hatte Gustav die Ecke für sich alleine.

„Maus, alles ist gut“, tröstete er leise und strich JJ immer wieder über den Rücken, als er langsam mit ihm in die Küche ging. Unten hörte er Leif und Viktor reden und JJ klammerte sich wieder fester. Endre stöhnte leise. Da hatte der Spinner ja was angerichtet. JJ hatte ihn vorher schon nicht gemocht, aber jetzt hatte er regelrecht Angst vor dem Kerl. Das war nicht gut.

„Meine Güte, Leif“, hörte er Viktor wieder mit diesem Vorwurf in der Stimme, „die werden wohl auch ohne dich auskommen. Wozu hast du ein Kindermädchen, wenn du dich schlussendlich doch selber um das Balg kümmerst!“

Endre kochte vor Wut. Was bildete der Kerl sich ein. Wie redete der denn über JJ, der Mistkerl? Am liebsten hätte er ihm eine reingehauen, doch er wusste, dass das nicht die Lösung war.

„Vik, is' gut jetzt!“ Leif, hatte auf diese Diskussion keine Lust, sondern ging einfach nach oben. Er fand JJs Zimmer leer und kam automatisch in die Küche, wo Endre JJ gerade die Tränchen weggewischt hatte und ihm lieber einen Tee kochte, damit sie sich dann in Ruhe auf das Abendessen konzentrieren konnten. Mittags hatten sie sich was an einer kleinen Frittenbude geholt, von dem JJ ziemlich begeistert gewesen war, Endre eher weniger. Doch das gehörte wohl auch dazu. Ganz ohne Fastfood ging es einfach nicht.

„Na, wieder da?“, begrüßte Endre ihn und grinste, doch Leif spürte, dass etwas in der Luft lag. Er kam näher und strich JJ durch die Haare, der ihn angrinste.

„Ist was?“, wollte Leif wissen und Endre sah ihn offen an. Wenn er jetzt anfing zu erzählen was passiert war, dann brannte da unten die Luft und JJ würde sich wieder in seiner Ecke verkriechen. Das war dem Ganzen irgendwie nicht förderlich. Außerdem war es ja eigentlich nur eine kleine Auseinandersetzung gewesen, eine Meinungsverschiedenheit, mehr nicht.

„Nein“, erklärte Endre also, doch Leif sah ihn mit diesem Blick an der sagte, dass er ihm nicht glaubte.

„Ganz schön lange gebraucht für ein einziges Wort“, sagte er und setzte sich neben JJ auf die Anrichte. Mittlerweile war der Tisch für hier oben auch geliefert worden. Sicher fand er morgen die Rechnung in seinen Unterlagen, doch das war egal. Für JJ war ihm nichts zu teuer. Doch er mochte es nicht, dass er gerade für dumm verkauft worden war.

„Endre, ich mag es nicht, wenn meine Angestellten mich belügen und ich mag es noch weniger, wenn sie mir etwas verschweigen. Soll ich allen Ernstes glauben, dass nichts passiert, wenn du und Viktor allein in der Wohnung seid?“, fragte Leif und diesem Argument konnte nicht einmal Endre etwas entgegen setzen. Er könnte jetzt dafür halten, dass sie ja gerade erst gekommen wären, doch eigentlich wollte er gar nicht lügen.

„Ja, okay. Er hat ein Problem damit, dass wir mit auf die Seychellen fliegen. Er hat mir gleich unterstellt, ich erpresse dich mit meiner Kündigung, damit ich auch ja mit darf und dann der übliche Schwulst. Er guckte ziemlich blöd, als ich ihm sagte, dass nicht jeder Mann dich haben will und dann bist du ja auch schon gekommen“, erklärte Endre wie es war und JJ beschäftigte sich gerade mit der Schachtel, in der die Teebeutel aufbewahrt wurden.

„Hab ich mir schon gedacht, deswegen habe ich mich auch beeilt, so gut es nur ging, aber er war eben doch schneller, weil er aus der Besprechung abgehauen ist“, erklärte Leif und begriff eigentlich erst später, was Endre noch gesagt hatte, grinste frech. „Und außerdem: was soll das heißen, es gäbe Männer, die finden mich nicht attraktiv! Willst du mir allen Ernstes sagen, du bist so einer?“, wollte Leif wissen und Endre wurde kurz blass.

Was machte der Kerl denn?

Wenn Viktor noch unten saß, hörte er doch jedes Wort! Doch dann kam ihm eine Idee. „Ja, ich gehöre zu der Sorte. Du hast Jack gesehen, auf solche Männer fahre ich ab“, grinste er frech. Wenn er geahnt hätte, was er damit noch auslösen würde, er hätte es nicht getan, doch nun war es gesprochen und Leif nickte.

Doch er war verwirrt. War das Endres Ernst? Er war nicht sein Typ? So wie dieser fragwürdige Jack mussten sie aussehen? Kurze Haare? Dunkle Haare? Nachdenklich sah er Endre an, doch er kam nicht dazu, noch etwas zu sagen, denn Viktor stand plötzlich in der Küche.

„Kann ich mal erfahren, was hier los ist? Leif komm, das Abendessen ist da.“

Leif zuckte herum und nickte. „Ja, sehr schön. Dann alle Mann nach unten, Futter...“

„Was heißt hier alle Mann? Ich denke, die kochen für sich alleine und bleiben hier oben?“, knurrte Viktor und funkelte Endre offen an.

Der zuckte nur die Schultern und nahm JJ aus der Schusslinie, kümmerte sich nur um ihn, als er mit dem Jungen was im Kühlschrank suchte. Der Kerl war doch wirklich das letzte. Am besten gar nicht drauf reagieren und vergessen!

„Vik, was soll das denn jetzt?“, fragte Leif, er war darüber so verblüfft, dass er gar nicht sauer werden konnte. Er war viel zu irritiert.

„Geh essen, Leif, ich koche mit JJ noch was“, sagte Endre, während JJ geschäftig schon eine Gurke rüber zum neuen Tisch trug und auf einen Stuhl krabbelte. Sie übersahen einfach Viktor, der gerade wieder hoch kochte. Hatte sich Leif von der Straßenratte jetzt allen Ernstes sagen lassen, er solle essen gehen? Und sein Verlobter machte das auch noch, denn er wandte sich um und ging! Das war doch jetzt alles nicht wahr. Er warf Endre einen hasserfüllten Blick zu – die Ratte wollte Krieg? Den konnte er haben!

Das wurde Endre auch in diesem Augenblick bewusst – etwas würde sich ändern und Endre wusste noch nicht, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht. Doch die Gedanken waren weg, als er sich wieder JJ widmete und mit ihm lustige Gesichter auf das Brot zauberte. Nach kochen war ihm plötzlich irgendwie nicht mehr. Eine ungute Angst beschlich ihn, die er nicht erklären konnte.

„En-re!“, holte ihn JJ zurück, der nämlich den Schnabel aufgesperrt hatte, damit Endre ihm den Löffel mit dem gelben Zeug in den Mund schieben konnte. Er wollte das gern ablecken. Doch Endre lachte nur.

„Maus, das ist Senf und der ist scharf. Erst mal nur mit der Zunge“, sagte er und ließ JJ kosten. Er schüttelte sich gleich, als er die Schärfe auf der Zungenspitze spürte und verzog das Gesicht. Endre lachte leise und wuschelte JJ durch die Haare, der nun etwas anderes suchte und Radieschen naschte.

So aßen sie und verschwanden dann im Bad.

Unten aßen Viktor und Leif auf der Couch und unterhielten sich, klammerten wohl beide bewusst alle Themen aus, die JJ oder Endre oder deren Hiersein beinhalteten und so kam es auch nicht zu einem nächsten Streit. Leif hatte viel mehr damit zu tun, dass Endre ihn wirklich nicht anziehend fand, dass der gar keinen Gedanken daran verschwendete, ihn in die nähere Auswahl zu ziehen.

Er wusste nicht so richtig, ob er nur beleidigt oder gekränkt sein sollte. Und warum interessierte es ihn eigentlich so sehr, was Endre von ihm dachte? Er selbst war verlobt, er lebte mit Viktor zusammen und er liebte ihn. Dieser war Besitz ergreifend und bestimmend, aber er war ein guter Kerl und immer für Leif da. Was interessierte es ihn da, was ein Jungspund von ihm dachte? Aber sein Ego ließ sich so leicht nicht beruhigen. Warum es ausgerechnet Endre war, dem er gefallen sollte, wusste er nicht – vielleicht, weil der junge Mann ihm selbst extrem gut gefiel, mehr noch, seit JJ ihm den Bademantel gelupft hatte und Leif nun im Detail wusste, wie gut der Kerl gebaut war.

„Hey, alles klar, du bist rot im Gesicht, war das Essen zu scharf?“, wollte Viktor besorgt wissen, weil Leif ihm weder auf Fragen antwortete noch zu ihm auf sah.

„Hm?“, machte Leif verwirrt und nahm dann doch die Steilvorlage an. „Ja, ein bisschen. Weiß auch nicht, was heute mit meiner Zunge los ist“, lachte er und versuchte seine Gedanken über Endre einfach zu verdrängen. Dafür bot sich Viktor doch geradezu an. Also stellte Leif einfach das Essen auf den Couchtisch und widmete sich wieder gänzlich seinem Verlobten. Da wusste er wenigstens, dass Vik ihn anziehend fand. Dass er ihn im Augenblick nur dafür benutzte, sich und sein Ego zu polieren, war Leif egal und Viktor sicher auch, denn der war damit zufrieden, dass Leif über ihn her fiel, ohne sich Gedanken darum zu machen, dass oben der Junge einen Schaden nehmen könnte.

Oben kroch Wasserratte JJ gerade aus der Wanne und ließ sich trocken rubbeln, während er Endre dazu überredete, ihm dann wieder vorzulesen.

Endre lachte leise. „Klar doch, Maus, machen wir.“ Aber er hatte noch nicht so viele Bücher für Kinder da. Sie mussten unbedingt welche kaufen! Am besten Märchenbücher. Sie waren doch vorhin unterwegs gewesen, warum waren sie nicht mal flink in einen Laden rein gegangen? Endre seufzte. Der Unterricht heute hatte ihn ganz schön geschlaucht und weil er einiges nicht ganz verstanden hatte, wollte er nachher noch zu Michael und Gerrit rüber, sie wussten schon Bescheid. Wenn ihm zwei Mechaniker nicht erklären konnten, was er wissen wollte, wer dann?

JJ holte ihn aus seinen Gedanken zurück und so verschwanden sie in JJs Zimmer, wo der Junge gleich in sein Bett kroch. Aber nicht ohne Gustav aus der Ecke zu holen, der wieder mit ins Bett musste. Es war nicht leicht, JJ und Gustav so zu arrangieren, dass keiner aus dem Bett fiel. Dann konnte Endre anfangen zu lesen. Sie hatten ja noch das Kochbuch für Kinder und JJ lauschte, guckte sich die Bilder an und ließ sie sich erklären.

Nach einer Stunde war er dann doch eingeschlafen, auch wenn er das nicht gewollt hatte. Immer wieder hatte er die Augen aufgerissen, doch irgendwann waren sie zu geblieben. Endre deckte ihn zu und küsste ihn, als er leise aus dem Zimmer ging.

„Ich bin dann weg, bis morgen früh!“, rief er durch den Raum, weil keiner da war. Doch als er in die Schuhe kroch, kam Leif aus dem Bad.

„Endre“, sagte er und sah seinem Angestellten dabei zu, wie der sich anzog. Weil Viktor nicht da war, sondern in der Wanne lag, zog Leif Endre noch einmal zu sich, küsste ihn nicht wie sonst sanft auf die Lippen, sondern forderte leidenschaftlich Einlass zwischen Endres Lippen.

Doch der schob Leif langsam von sich und sah ihn fragend an. „Lass das, Leif. Dein Terrier hat mir den Krieg erklärt, da kann ich deine Sabotage-Akte wirklich nicht brauchen.“ Endre nahm seine Tasche und warf sie sich über die Schulter. „Geh zu deinem Verlobten“, sagte er und verschwand im Fahrstuhl.

Leif konnte ihm nur mit offenem Mund nachsehen. Was hatte das denn zu bedeuten?


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Als die Fahrstuhltüren hinter Endre zugingen lehnte er sich schwer atmend dagegen. Er musste erst einmal verkraften, was hier eigentlich passiert war. Nicht nur Viktors Aktionen, mit denen Endre ja irgendwie schon gerechnet hatte – auch Leif, der nicht müde wurde, mit ihm zu flirten und so Viktors Ärger noch mehr anheizte. Ob der Kerl das eigentlich wusste? Ob er das mit Absicht machte, nur damit Endre Ärger bekam? Aber warum?

Er fühlte sich ein bisschen angeschlagen und schloss kurz die Augen, doch er hatte nicht vor, sich unterkriegen zu lassen. JJ stand da ziemlich auf verlorenem Posten, wenn er den kleinen Kerl mit diesem Viktor allein ließ. Das konnte Endre nicht, schon deswegen musste er sich dieses Jobs weiterhin annehmen. Er konnte nur versuchen Leifs Flirtversuche einzudämmen, denn so locker, wie der Blonde das sah, nahm Viktor es bestimmt nicht. So viel stand mal fest.

Endre seufzte, auch wenn er das selten tat. Er trat ins Foyer und grüßte den Portier, ehe er das Haus verließ.

Schnurstracks ging’s zur U-Bahn und im Gewühl der Leute ließ er sich treiben. Seine Gedanken hatten endlich wieder Zeit sich nur sich selbst zu widmen und so landeten sie zwangsläufig wieder bei Jack, der ihn gestern einfach aus dem Bett geschmissen und vor die Tür gesetzt hatte.

Wie deutlich er seine Worte noch hören konnte: 'Was will ich mit einem Versager wie dir, aus dir wird doch nie was'.

Und das Schlimme daran: wenn Endre ehrlich war, und das war er immer, musste er Jack auch noch Recht geben. Was hatte er schon erreicht? Zehnte Klasse und dann eine Lehre und in seinem Beruf kaum Fuß gefasst. Wie tief musste man eigentlich sinken, wenn man freiwillig in die Sex-Branche einsteigen wollte? Ob es das gewesen war, was Jack abgestoßen hatte?

Endre wusste es nicht. Er wusste nur, dass er sich verarscht vorkam, benutzt. Zum poppen war er gut genug gewesen, aber als Lebenspartner taugte er wohl nicht. Und kaum war ein Mann weg, kam der nächste, der nur ein bisschen spielen wollte – ausgerechnet sein Chef. Schlimmer konnte es doch kaum noch werden.

In schwere Gedanken gehüllt schlurfte Endre durch die Unterführungen, wechselte seine Bahn bis er in der saß, die ihn nach Spandau zurück brachte. Seine Brüder wohnten nämlich eigentlich ganz in der Nähe, aber ihre Werkstatt, die sie übernommen hatten, lag in Steglitz und weil die beiden dort oft bis in die Nacht schraubten und bastelten, hatten sie sich darüber eine kleine Wohnung eingerichtet. Ein Zimmer mit Bad und Kochstelle, mehr nicht. Aber es reichte, um zu übernachten. Doch weil sie wussten, dass Endre sich angesagt hatte, wollten sie Zuhause sein, dort wo man etwas mehr Platz und Gemütlichkeit hatte.

Mit dem Zug wäre er schneller gewesen, aber Endre hatte sich bewusst für die lange Variante entschieden. Er musste nachdenken, denn er wusste, dass Michael und Gerrit ihn löchern würden und wenn er versuchte, etwas zu verheimlichen, würden sie es merken. Also musste er für sich erst einmal alles in einen Sinn bringen, ehe er anderen den Sinn erklären konnte.

Als er in Spandau ausstieg, hatte es zu allem Übel auch noch angefangen zu regnen und der feine Niesel kroch in die Klamotten. Aber irgendwie passte es zu Endres Laune. So schlug er den Kragen hoch, raffte die Jacke und machte, dass er in die Borkumer Straße kam.

„Du siehst aus wie ein ersoffener Biber“, lachte Gerrit, als er seinen großen Bruder in die Wohnung zog, während Michael aus der Küche durch den Flur sah und ihn lächelnd begrüßte.

„Zieh dir was Trocknes an, weißt ja wo alles steht, Essen ist gleich fertig.“ Dann war er wieder verschwunden und egal wie oft Endre seine beiden Brüder sah, er war erstaunt, wie gleich sie aussahen. Die beiden taten auch nichts dagegen, im Gegenteil. Sie hatten sogar die gleiche Frisur. Oben Strubbel unten kahl. Auf Höhe der Ohren war eine Art Trennstrich gezogen. Alles darunter war abrasiert, alles darüber mit Gel nach oben zum stehen gebracht. Sie trugen die gleichen Klamotten, das gleiche Parfum. Die beiden waren wirklich ein Unikum, wie Endre es nur einmal kannte.

„Hab eigentlich schon mit JJ gegessen“, sagte Endre, doch er ging erst einmal ins Schlafzimmer, um sich ein paar trockne Sachen zu suchen. Zum Glück trugen sie fast die gleiche Größe, nur saßen bei seinen muskelbepackten Mechaniker-Brüdern die Klamotten etwas enger als bei Endre.

„JJ, ist das der Kleine auf den du aufpasst?“ Gerrit war seinem Bruder gefolgt, der sich wie üblich grinsend in dem Schlafzimmer umsah. Nein, wenn man hier guckte, ließ sich wirklich nicht verheimlichen, dass hier ein schwules Paar wohnte. Überall Bilder von nackten Jungs an den Wänden, ein paar lustige Sachen halbherzig in einer Kiste unter dem Bett verstaut.

„Erzähl doch mal ein bisschen von Lazlo!“ Gerrit grinste. Als Endre angerufen und berichtet hatte, dass er jetzt doch nicht als Darsteller bei Lazlo arbeiten würde, sondern in dessen Haus als Kindermädchen, waren Michael und Gerrit ziemlich erleichtert gewesen. Sich vorzustellen, dass in ihren Lieblingsfilmchen plötzlich ihr großer Bruder mit machte, das war nicht erregend, das war beängstigend.

Endre, der sich gerade der nassen Hose entledigt hatte und sich ein Hemd und eine Jeans überzog, sah sich zu seinem Bruder um. „Was willst du wissen? Er ist ein Mensch wie jeder andere auch.“ Er konnte den Starrummel jetzt nicht ganz verstehen, aber vielleicht lag es daran, dass er Leif anders sah als jeder andere. Er war kein Fan, er guckte sich nicht nur die Bilder an. Er ging jeden Morgen in die Wohnung und kümmerte sich um den Jungen, hielt Viktors Anfeindungen aus und versuchte den Flirtversuchen seines Chefs zu entgehen.

„Ach komm schon, Endre, wie sieht’s da aus – was geht da ab!“ Gerrit wackelte mit den Brauen und lachte, als sein großer Bruder nur die Augen verdrehte.

„Ich sage doch, total normal. Die haben ein Kind im Haushalt, glaubst du, da werden wilde Orgien gefeiert?“

„Ja, genau das dachte der Lustmolch“, lachte Michael, der seine Küche allein gelassen hatte, um seinen großen Bruder auch endlich in die Arme zu schließen. „Grüß dich, Großer“, dabei sah er seinen Geliebten strafend an. „Hab ich dir nicht gesagt, du sollst ihn nicht wie ein Fangirl löchern?“

Doch Gerrit zuckte nur lachend die Schultern. „Man kann’s doch mal versuchen!“ Er sah das ziemlich gelassen.

Lachend gingen die drei Brüder zurück in die große Küche, wo schon Wein stand. Im Wohnzimmer hatten sie bereits die Couch ausgezogen. Es war wohl selbstredend, dass Endre heute hier schlief. In seiner Wohnung wartete ja sowieso niemand auf ihn.

„Setz dich doch und Gerrit, lass ihn ja in Ruhe“, lachte Michael und küsste seinen Freund, damit der gar nicht erst auf die Idee kam, zu widersprechen, sondern nur die Teller aus dem Schrank holte, für den Salat.

„Was machst du so den ganzen Tag, erzähl mal?“, fing dann allerdings auch Michael an, der den Salat verteilte und einen leichten Wein dazu. Und so fing Endre an zu berichten. Davon, wie er in das Büro gekommen war, wie er JJ aufgefangen hatte, weil der Kurze sich gerade kopfüber von der Couchlehne stürzen wollte und auch davon, wie Leif ihm dieses Angebot gemacht hatte.

Und weil Gerrit ihn so belagerte, fing er auch an von der Wohnung zu erzählen, von der Küche in der man bis auf einen echt coolen Kühlschrank nicht viel benutzen konnte und davon, dass man erst mal vieles kindgerecht einräumen musste.

„Aber das ist nicht alles, oder?“, fragte Michael, der seinen Bruder viel zu gut kannte. Er erzählte etwas steif, das passte nicht zu ihm. „Gefällt es dir nicht, ist der Kleine 'ne nervige Gräte?“

Doch Endre schüttelte den Kopf. „Nein, der Kurze ist ein ganz liebes Kind, dieser Vincenzo ist die Gräte, ich kann euch sagen.“ Endre seufzte und strich sich kurz durch die Haare, während Michael ihn forschend ansah. Das war genau der Blick, von dem Endre wusste, dass er ihm bis auf die Knochen ging.

Michael, auch wenn er nicht so aussah und schon gar nicht so wirkte, war extrem feinfühlend. Er hatte ein Gespür für Menschen, das seinesgleichen suchte.

„Macht er dir Ärger?“, wollte Michael deswegen wissen und Endre nickte. „Ärger, na ja. Soweit ich das mitbekommen habe, war er von der Idee, dass Leif seinen Neffen zu sich holt, nicht angetan. Er unterstützt Leif auch kein bisschen, ganz im Gegenteil. Deswegen hatte der sich ja erst ein Kindermädchen gesucht. Aber als würde das nicht reichen, dass der Junge da ist, jetzt auch noch ich. Er beißt sich an mir, wo es nur geht. Gleich an meinem ersten Tag hat er mich abgefertigt und vorhin schon wieder.“ Endre wusste auch nicht, was er davon halten sollte. Ihm schlug so viel Feindseligkeit entgegen, dass es schwer wurde, in Viktors Nähe zu atmen.

„Und dieser Leif lässt das zu? Was ist das denn für ein Arsch?“ Gerrit knurrte, so was hatte er aber nicht hören wollen.

„Das hab ich nicht gesagt, Gerrit“, schob Endre gleich nach, der das so nicht stehen lassen konnte. „Leif tut schon alles, damit ich und Vik nicht aufeinander treffen. Ich habe oben in der Galerie, da wo JJ seine Zimmer hat, auch Räume angeboten bekommen. Er möchte ja gern, dass ich dort einziehe, weil er mich gern Tag und Nacht für den Jungen hätte, für den Fall, dass sie nicht da sind. Und...“

„Du sollst da einziehen? Ist ja verschärft?“ Gerrit grinste und hatte das Essen völlig vergessen, während Michael der Sache nicht ganz so glücklich entgegen sah.

„Das machst du aber nicht, oder? Wenn dir der Kerl permanent auf den Zünder geht, wie soll das denn werden?“

Endre zuckte die Schultern. „Ich weiß es eben selber noch nicht. Zu den beiden Typen zieht mich nichts, aber JJ braucht jemanden. Leif kann nicht immer der Prellbock sein, er packt allein den Spagat zwischen Kind, Verlobten und Beruf einfach nicht.“ Er zuckte die Schultern. „Ich habe den Job übernommen und wenn dieser Vik nicht da ist, macht es total Spaß. Der Kleine ist lieb, Leif gibt sich Mühe. Er muss noch vieles lernen, klar. Aber es ist schön. Er sorgt sich auch total um mich.“ Und so fing Endre gleich noch an zu erzählen, wie das jetzt mit dem Führerschein lief und was man ihm als Dienstwagen angeboten hatte.

„Na, da macht sich aber einer wirklich Sorgen um seinen Angestellten, hä?“, sagte Gerrit und fing auch wieder an zu essen, denn er hatte Hunger. „Einen Z4, ich glaub's nicht!“

„Na so was kann wieder nur von einem Autonarren wie dir kommen“, lachte Endre und knuffte seinem Bruder gegen die Schulter. „Aber die Karre ist unnütz. Einkaufen kann man damit nicht, der Kurze hat auch keinen richtigen Platz und Gustav schon mal gar nicht. Ist ja nur ein Zweisitzer.“

„Wer ist denn Gustav?“, fragte Michael etwas irritiert, weil der Namen auch in den Telefonaten noch nicht gefallen war.

„JJs riesengroßes Plüschschaf, was die unschöne Angewohnheit hat, gern mit überall hin zu kommen. In der U-Bahn ist das Vieh echt nervend“, lachte Endre und erinnerte sich daran. „Aber JJ hängt nun einmal an dem Ding. Da kann man nichts machen. Aber wegen dem Führerschein bin ich hier. Ich meine, den ganzen theoretischen Mist von Sicherheit und so kann ich mir merken, ich habe ja auch ein Lehrbuch bekommen, aber kommen auch technische Sachen dran oder Rechnungen oder so was? Irgendwas, was ich wissen müsste?“

Weil er seinen Führerschein so schnell wie möglich machen wollte, war Endre schließlich hier.

„Nein, nein, nur Regeln und so was – aber lass uns noch mal über das Auto reden“, hakte Gerrit nach und sein Freund lachte. „Du kannst doch nicht einen Z4 ablehnen, was willst du denn sonst haben? Etwa einen Golf oder was?“ Gerrit konnte das nicht verstehen und so amüsierte er Endre, der leise lachte. So war sein Bruder eben und irgendwie juckte es ihn in den Fingern, da noch einen drauf zu setzen, nur um Gerrit zu ärgern.

„Na ja, in der Tiefgarage stehen noch ein Ferrari, ein Porsche und ein SLK. Aber im Augenblick fährt er einen gemieteten Passat, da passen nämlich wenigstens Kind und Einkauf rein.“

Gerrit verdrehte nur die Augen. Wie konnte man so was fahren, wenn man den Keller voller Sportwagen hatte?

„Er hat eben keine Kinder“, lachte Michael nur und schüttelte über seinen Freund den Kopf, strich ihm dabei durch die gegelten Haare.

„Das liegt ja wohl daran, dass mein Freund mich nicht genug liebt, um mich zu schwängern oder?“, schoss Gerrit grinsend zurück und Endre winkte ab.

„Keine Details am Esstisch!“

So alberten sie noch eine ganze Weile, bis der Auflauf in der Röhre endlich gut war und verteilt werden konnte. Aus Versehen hatte Endre erzählt, dass Leif ihn gern küsste und mit ihm flirtete und das machte Michael schon wieder misstrauisch. „Animierst du ihn etwa dazu? Dann kann ich verstehen, warum dieser Viktor dir so gegen's Bein pisst.“

Doch Endre konnte das alles gleich auflösen und erklärte, wie das eigentlich alles gekommen war. „Was soll ich machen, er überrumpelt mich“, sagte Endre, doch es wirkte halbherzig und das merkte Michael auch ziemlich schnell.

„Sag mir nicht, dass du allen Ernstes mit dem Gedanken spielst, diese Avancen anzunehmen. Weiß Jack davon?“

Doch Endre zuckte die Schultern. „Jack geht das nichts an. Der saubere Herr Chef-Steward hat mich noch mal gevögelt und mich dann Sonntagmorgen vor die Tür gesetzt und mir erklärt, ich wäre peinlich. Ich wäre nicht vorzeigbar und ich wäre ja wohl ein Witz als Kindermädchen. Was geht es diesen Spinner an, ob ich Avancen von meinem Chef annehme?“, sagte er und wirkte bockig dabei. Er war verletzt, dass er sich selbst in Jack so getäuscht hatte.

„Ach du scheiße!“ Gerrit ließ die Gabel sinken und sah seinen großen Bruder verwirrt an, strich sich dabei über den Nacken. Das tat er oft, wenn er nachdachte. „So ein Wichser. Hat der schon mal in den Spiegel gesehen? So ein Schnösel!“ Er knurrte, doch Endre winkte nur ab.

„Ist doch egal.“

„Klar, weil dir jetzt ein Besserer den Hof macht oder was? Endre. Pass auf. Du bewegst dich da auf dünnem Eis." Michael konnte das nicht so locker sehen. Er kannte Endre viel zu gut. Wenn der sich um Dinge Gedanken machte, dann waren das nicht nur Lappalien. Dann ging das tiefer und das gefiel ihm nicht.

„Micha, mach dich nicht lächerlich. Er hat seinen Spaß beim Flirten und ich mag es, zu spüren, dass ich nicht ganz unansehnlich bin. Ich weiß selber, dass das nichts Ernstes ist. Ich weiß selber, dass ich nur das Kindermädchen bin und ich pass schon auf, dass Viktor... “

„Endre!“ Michael schoss hoch und er sah auf seinen großen Bruder. „Hörst du dir mal selber zu? Du klingst wie... wie...“

„Wie ein verliebter Teenager, genau so klingt er“, half Gerrit nach und Endre senkte den Kopf.

„Ihr seid doch bescheuert. Ich habe eben erst eine Katastrophe hinter mir, da stürz ich mich nicht gleich in die nächste“, verteidigte er sich und sah Michael offen an.

„Na, das hoffe ich auch. Dieser Viktor hat dich sowieso schon auf dem Kieker, da muss so was ja nicht auch noch sein. Ich mach mir Sorgen um dich“, gab Michael zu und holte tief Luft, als er sich wieder auf seinen Stuhl fallen ließ. „Geh dem Spinner am besten aus dem Weg und kümmere dich nur um den Jungen.“

„Wird schwierig, wenn ich in 14 Tagen mit denen auf die Seychellen fliege. Sie drehen da und Leif will den Jungen bei sich haben“, schob er gleich nach, gerade so, als wollte er sich dafür entschuldigen und irgendwie war es wohl auch so.

Michael sagte schon gar nichts mehr dazu. Was war nur in Endre gefahren? Lag es an diesem Leif, dass er sich so einfangen ließ oder hatte dieser Hilfs-Steward Endre das Herz gebrochen, dass er Trost suchte, wo immer er ihn geboten bekam? Das sah Endre doch wirklich nicht ähnlich.

„Seychellen“, murmelte Gerrit derweil, „mein Chef fährt nie mit mir auf die Seychellen.“ Dabei sah er seinen Freund vorwurfsvoll an, der nur lachte.

„Nein, weil ich Sand nicht mag.“

So war das Thema Leif erst einmal verdrängt worden. Sie wollten heute nicht mehr darüber reden, denn es machte Endre nur depressiv. Lieber tratschten sie über Sören und seine Freundin und über Sven, der auch bald mit seinem Führerschein anfangen wollte. „Aber wenn du deinen Lappen vielleicht bald hast, dann können wir dir ja ein Auto besorgen. So was richtig prolliges.“

„Ja, mein Chef wird begeistert sein, wenn ich mit einem alten Volvo vorfahre.“ Endre lachte, als er sich Leifs Gesicht vorstellte. Es war ja schon ein Drama, ihm zu erklären, dass der Passat, den er gemietet hatte, ein echt schönes Auto war.

„Das hat er verdient oder?“, lachte Gerrit. An diesem Abend hatte sich sein Bild über Lazlo, vor allem aber über Vincenzo, ziemlich gewandelt. Aus dem Glamour-Paar der Porno-Szene war ein Paar mit alltäglichen Problemen geworden. Sie waren zu Menschen geworden und einen davon mochte er nicht, weil er seinem großen Bruder ziemlich zusetzte. Vielleicht sollte er sich den Mann mal genauer betrachten oder mit ihm reden, aber dafür würde Michael ihm wohl auf die Finger schlagen.

„Also willst du keinen alten Volvo, wie wäre es mit einem BMW von 1975?“, lachte Michael und so ging es dann auch weiter. Sie machten ihre Witzchen, machten kleine Pläne und erst als es auf Mitternacht zuging, verzog sich jeder in sein Bett, weil ihr Tag zeitig begann.

Lange lag Endre nicht wach, denn der Tag war lang gewesen. Der nächste würde nicht besser werden. Leif hatte eine volle Woche und Endre hatte seine Theorie-Stunden für den Führerschein. Mittwoch wollte JJ mit zu den Kindern ins Krankenhaus, das war Endre ganz recht. Er wollte noch einen guten Kinderarzt suchen.


-43-

„Hey, da sind meine beiden Hübschen ja!“, lachte Leif, als er gerade aus dem Bad kam. Der Mittwoch hatte ihn ziemlich geschlaucht, weil er viel unterwegs gewesen war. Am Morgen hatte er Fotoaufnahmen für die Aids-Stiftung gehabt, dann war er bei der Fahrschule gewesen, um JJ zu holen, weil der Kleine gern mit zu den Kindern ins Krankenhaus gewollt hatte. Und weil er schon mal da gewesen war, hatte er gleich die Gunst der Stunde genutzt, dass er etwas früh dran war und noch ein bisschen zugehört, wie Günni versuchte Endre zu erklären, was es mit der halben Tacholänge auf sich hatte. Leif hatte sich dabei im Hintergrund gehalten, sein Kindermädchen nur beobachtet und JJ ein bisschen beim malen geholfen.

Eines musste Leif zugeben, Endre war clever, er lernte schnell und er setzte es auch schnell um. Günni schien ziemlich zufrieden mit seinem Schüler. Am Ende jeder Stunde ging er mit Endre noch ein paar Prüfungsfragen durch, die sich auf die Themen bezogen, die sie schon behandelt hatten, weil Leif darauf drängte, dass Endre so schnell seine Prüfung bestand wie es nur ging. Geld spielte keine Rolle.

Doch dann war die Zeit auch schon ran und die beiden Drieschners waren im Krankenhaus verschwunden.

Ein paar Stunden später, als Endre gerade fertig gewesen war, hatte Leif ihm JJ zurückgebracht, weil die beiden zum Kinderarzt wollten. Endre hatte einen gefunden, der noch neue Patienten aufnahm und wo er den Kleinen auch gleich vorstellen konnte. Und genau daher kamen die beiden gerade und da JJ fröhlich Gustav hinter sich her aus dem Fahrstuhl zerrte, konnte es ja so schlimm nicht gewesen sein.

Doch dann stutzte Leif und grinste, während sich Endre die Schuhe von den Füßen streifte und die Jacke weghängte. „Sehe ich das falsch oder hat das Schaf einen verbundenen Fuß?“, fragte er lachend und lachte noch viel mehr, weil Endre die Augen verdrehte.

„Hör bloß auf.“ Er kam langsam näher, während sich JJ erst einmal umsah, gerade so, als würde er Viktor suchen und gucken, ob die Luft rein war.

„Maus, Vik ist nicht da. Er hat noch Außentermine und kommt wohl nicht vor zehn heim“, erklärte er JJ. Leif war in die Knie gegangen, um den Jungen aufzufangen, der auf ihn zugelaufen kam. Der schwer verletzte Gustav blieb mitten im Zimmer liegen. Endre brachte ihn mit zur Couch.

„Und, wie lief's? War der Onkel Doktor lieb zu dir?“ Er strich JJ, der auf seinem Arm saß, durch die Haare und JJ nickte. Gleich fing er an zu erzählen und Endre verdrehte nur die Augen.

„Ja klar, Kurzer“, lachte er nur. Das meiste hatte doch das arme Schaf abgefasst. Es war jetzt gegen sämtliche Krankheiten dieser Welt geimpft, hatte Blutdruck und Lunge kontrolliert bekommen und weil es vom Untersuchungstisch gefallen war und sich sicher ein Bein gebrochen hatte, wurde es zusätzlich und zur Sicherheit gleich noch verbunden. Besser war das.

„Übrigens war das eine Frau und JJ hatte keine Probleme mit ihr. Ich weiß auch nicht, woran das lag“, sagte Endre und setzte sich neben das schwer verletzte Schaf. Leif und JJ hatten sich zusammen in einen großen Sessel gekuschelt. „Aber ich hatte ja gestern schon mit ihr telefoniert und ihr auch erzählt, was mit JJ los ist, wo er her kommt und sie hat sich für mich über den Verein, wo der Kleine her kommt, informiert, hat herausgefunden, dass diese Gemeinschaft weder einen behandelnden Arzt, noch ihre Burg je verlassen hatte. Deswegen war davon auszugehen, dass der Kleine keinerlei Impfungen hat. Sie hat einen Impfplan für ihn erstellt und deswegen hat auch Gustav alles durchmachen müssen.“

Leif nickte und hörte nebenbei auch JJ zu, der vor sich hin brubbelte, dass das ja arg wehgetan hätte und dass das gemein gewesen war. Aber Gustav wäre tapfer gewesen, deswegen hatte JJ auch tapfer sein wollen.

„Sie hat auch gleich eine Untersuchung gemacht und ihn zu ein paar Spezialisten empfohlen. Ein Kinderpsychologe, der mal checken soll, ob der Kleine sich richtig entwickelt oder ob er doch bei dem Verein da Schäden genommen hat. Aber sie meinte, das hätte noch Zeit, wir sollen ihn erst mal beobachten, wie er sich so einlebt. Er wäre sehr aufgeweckt und wirkte fröhlich. Sie mache sich um ihn keine Sorgen. Er ist normal groß, normal schwer, sieht gut, spricht für sein Alter durchschnittlich. Rundum – ihm geht’s gut“, lachte Endre und Leif nickte wieder. Das hörte er gern.

„Und jetzt geh ich kochen!“ Mit den Worten erhob sich Endre, doch Leif bremste ihn.

„Lass mal, wir kriegen nachher noch Besuch, ich habe was bestellt“, sagte er und sah Endre an, wie irritiert der war. „Jochen und sein Mann kommen mit Tiara vorbei. Die Kinder können noch ein bisschen spielen nach dem Essen und ich würde mich gern mit ihnen wegen Schulen unterhalten und so was. Und weil dich das auch angeht, möchte ich, dass du dabei bist. Deswegen habe ich etwas unten in der Küche bestellt. Das wird in zehn Minuten geliefert“, erklärte Leif und erhob sich ebenfalls, weil JJ sowieso gerade Richtung Bad verschwand.

„Na gut, wenn es gleich was gibt, okay. Er hat nämlich vorhin schon gequengelt, er hätte Hunger.“ Aber ihm war es ganz lieb, wenn er nicht kochen musste. Die Fahrstunden schlauchten ihn doch mehr, als er erwartet hatte. Aber er wollte diese Woche durchziehen, nächste Woche noch mal eine Stunde, für Wiederholungen und Fragen und dann hatte ihn Günni auch schon angemeldet, weil zufällig nächste Woche gerade ein Prüfungstermin war.

Wenn er den bestehen würde, das wäre perfekt. Dann konnte er nach den zwei Wochen auf den Seychellen gleich mit dem Fahren anfangen. Günni hatte ihn schon in seinen Schüler-Plan eingetaktet, und zwar täglich. Wie sie das mit JJ machen wollten, war noch nicht ganz klar, aber Günni hatte erklärt, dass auch alleinstehende Frauen ihre Kinder mitbringen würden, er hätte Kindersitze für jedes Alter. Das wäre kein Problem. Viel konnte nicht passieren.

Das war es, was Endre Sorgen bereitete, dass nicht viel passieren konnte. Dass nichts passieren konnte, wäre ihm lieber gewesen.

„Kriegt das Schaf eigentlich Schonkost oder wie immer“, lachte Leif, der sich das so richtig vorstellen konnte, wie das arme Vieh hatte untersucht werden müssen. Zu gern wäre er da dabei gewesen und hätte Endres Gesicht gesehen, als JJ darauf beharrte, dass sein bester Freund krank sei und behandelt werden müsste.

„Blödmann“, grinste Endre nur und schüttelte den Kopf, doch Leif ging an ihm vorbei, zog ihn kurz zu sich und küsste ihn entschuldigend.

„Ich weiß“, murmelte er leise und resigniert und ging zur Tür, denn die Anzeige deutete an, dass das Essen geliefert wurde.

Endre blieb allein zurück und sah ihm nach. Dabei erinnerte er sich ganz deutlich an Michaels Worte, daran, wie er selbst beteuert hatte, Leif wäre nur sein Chef. Aber hatte Michael nicht Recht? Hätte ihm die Trennung von Jack nicht viel mehr wehtun müssen? Er hatte diesen Mann geliebt, auch wenn sie sich nur selten sahen.

Doch schon am Montag war alles vergessen gewesen. Er wusste selber nicht, was er davon halten sollte. Er war verwirrt. Leif war doch gar nicht sein Typ, er stand nicht auf blond. Er stand nicht auf lange Haare. Aber selbst Endre konnte sich nicht belügen. Das waren Äußerlichkeiten, die nicht wirklich etwas daran änderten, dass er genoss, wie Leif ihn behandelte. Mit Respekt und vor allem mit einem Hauch von Erotik, der so extrem anziehend war. Endre seufzte leise.

„Ich decke den Tisch in der Küche. Hast du Wein? Was für die Kinder?“, versuchte er zurück in die Normalität zu finden. Er wollte nicht, dass Michael Recht hatte. Er war nicht auf dem besten Weg sich in seinen Chef zu verlieben! So war das nicht. Er musste sich mehr dagegen wehren, verdammt. Er musste Leif sagen, dass das so nicht ging und sie ihre Grenzen klar definieren sollten – Arbeitgeber und Angestellter, nicht mehr und nicht weniger.

Doch das konnten sie auch noch morgen.

Endre grinste schief, als er vor dem Flachbildschirm vor dem Kühlschrank stand und sein eigenes Spiegelbild sah. Er belog sich selber, aber so was von offensichtlich!

„Wein ist dabei, eine Flasche Limonade auch“, rief Leif, der gerade den Servierwagen durch den Raum schob und zu Endre in die Küche kam. Der straffte sich schnell und suchte Teller und Besteck, Gläser und was sie sonst noch brauchten. Natürlich lockte der Trubel gleich JJ wieder aus dem Bad.

„Hände gewaschen?“, wollte Leif wissen und JJ zeigte die Händchen vor, sie waren noch nass. Leif lachte. „Okay, dann kannst du Endre beim Tisch decken helfen, ja?“ Natürlich war JJ gleich begeistert, dass er was machen durfte und flitzte los. Endre ließ ihn die Plastikbecher für ihn und Tiara tragen, als es auch schon wieder klingelte. Leif ließ den Wagen neben dem Tisch stehen und eilte, um den Aufzug frei zu geben, damit der Besuch bis zu ihm nach oben gebracht werden konnte. Neugierig war JJ ihm gefolgt und so richtete Endre allein den Tisch. Es war ein großer, rustikaler gemütlicher Tisch, mit breiten Stühlen. Sehr schön und geradezu prädestiniert dafür, Stunden an ihm zu sitzen und zu reden. Das liebte er.

„Ah, schön dass ihr da seid“, rief Leif und begrüßte seine Freunde. Tiara schüttelte nur schnell die Hand und hatte schon JJ entdeckt, der sich noch genau daran erinnerte, dass die Kleine da drüben sein Schaf toll gefunden hatte. Besser er ging Gustav retten! Und so flitzten die Kinder zur Couch.

Jochen lachte. „Ich sag doch, die verstehen sich.“

„Legt ab und kommt in die Küche, Endre deckt den Tisch.“ Leif wollte sich gerade umwenden und zurückgehen, als er sah, wie Jochen ihn frech angrinste.

„Ach gucke an. Vik nicht da, da bleibt der Babysitter länger, hm?“, lachte er frech und Leif wurde ein bisschen rot. Es war gar nichts wirklich Verfängliches an der Frage und doch fühlte er sich erwischt.

„Spinner. Er ist JJs Kindermädchen. Ich bin dafür, dass er sich mit einbringt, wenn es um die Schulwahl geht“, erklärte Leif. „Und jetzt kommt rein.“

So gingen sie zur Küche rüber und sahen nur aus dem Augenwinkel Tiara und JJ. Heute war er schon gesprächiger und erklärte hektisch, dass man Gustav schonen müsse, er wäre verletzt. Peter blieb stehen und lachte über den Verband. „Was habt ihr denn mit dem Plüschie gemacht.“

„Lange, traurige Geschichte", lachte Leif. „Es kommen ein Untersuchungstisch, ein Absturz und eine gebrochene Klaue darin vor“, erklärte er, während Endre nur knurrte.

„Das war dramatisch“, sagte Endre lachend und reichte den Neuen die Hand. Jochen griff gleich zu und grüßte zurück, während Peter eine Braue hob und zu Leif rüber guckte. Na wenn der sich so einen schönen Kerl ins Haus holte, war es doch klar, dass Viktor Amok lief! Das würde er wohl auch, wenn Jochen für Tiara so einen angeschleppt hätte. Doch er grüßte freundlich, denn Endre schien nett zu sein.

„Maus, komm essen und bring deine Freundin mit“, rief Endre hinüber, während sich die Erwachsenen schon gesetzt hatten. Der Tisch war schön hergerichtet. Kalte Platten, ein paar warme Gerichte. Und es roch sehr lecker. Leif teilte gerade an alle, die nicht fahren mussten, Wein aus, Jochen bekam Wasser.

„Meinst du nicht, dass Gustav Schmerzen hat und auf der Couch liegen bleiben sollte?“, fragte Endre, als JJ allen Ernstes das Tier mit in die Küche zottelte. Der Kleine blieb stehen und sah Gustav in die schmerzverzerrten Knopfaugen, presste die Lippen aufeinander.

„Wie süß“, murmelte Jochen nur, während Endre sich erhob und mit JJ zusammen Gustav wieder auf die Couch legte. Erst als sich der Junge versichert hatte, dass dem Schaf auch nichts weiter fehlte und die Decke schön fest gestopft war, konnten sie endlich essen.

„Jochen meinte, ihr wollt ein paar Tipps zu Schulen“, fing Peter irgendwann an, als der größte Hunger gestillt war. Leif nickte.

„Ja, ich würde ihn auch gern in einen Kindergarten geben und ich weiß nicht, auf was ich da so achten soll. Der Preis ist ja nicht das Problem, aber was ist sonst noch wichtig?“

„Er muss unter Kinder“, schob Endre den ausschlaggebenden Grund hinterher. „Im Augenblick hat er nur Gustav als Freund und welche Ausmaße das annimmt, sieht man ja. Mir wäre es lieber, er hätte richtige Freunde.“ Es war ja nicht so, als würde er JJ seinen Plüschfreund nicht gönnen. Aber eigentlich war es wichtig, dass man soziale Kontakte pflegte und JJ lernte, sich in eine Gruppe zu integrieren und sich zu behaupten. Der Spruch: was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr, war dämlich aber doch zutreffend.

„Am liebsten wäre mir was Zweisprachiges“, schob Leif noch hinterher, „aber das reicht auch, wenn's ab der Schule dann so läuft.“

„Na, dafür ist ja die JFK da. Die Schule, die die Amis aufgebaut haben. Dort wird zweisprachig unterrichtet. Kannst dir ja mal zum Tag der offenen Tür alles ansehen. Wichtiger wäre aber sicher erst mal ein Kindergarten.“ Jochen nickte, er konnte das nur zu gut verstehen.

„Aber bitte erst, wenn er die Impfungen alle weg hat!“ Endre hatte nämlich keine Lust, dass JJ sich etwas einfing, was nicht notwendig gewesen wäre. Mit Tetanus oder Masern war nicht zu spaßen, auch wenn viele glaubten, das würde ihre Kinder abhärten.

„Impfungen?“ Jochen verstand nicht. Er ließ die Gabel sinken und sah rüber zu JJ, wo Leif ihm gerade das Fleisch klein schnitt, damit er es besser essen konnte. Mit seinem großen Kissen unter dem Hintern, konnte er gut auf den Tisch gucken und die Stühle waren breit genug, damit der Kurze keinen seitlichen Abgang machte. Um Jochen und auch Peter auf den aktuellen Stand zu bringen, erzählte Endre, was er vorhin Leif schon erklärt hatte und von dem Impfplan.

„Ach so, arme Maus“, sagte Jochen leise. Ständig Spritzen zu kriegen war sicher nicht angenehm.

„Und wenn es in zwei Wochen auf die Seychellen geht, muss er ja die Grundimmunisierung haben, sonst lassen sie ihn gar nicht rein. Glaube ich zumindest. Ich hätte gleich mal fragen sollen, ich Depp.“ Da hatte Endre mit keiner Silbe dran gedacht. Er musste gleich morgen noch mal bei Frau Doktor anrufen. Das war ihm gänzlich entgangen und das war ihm sichtlich peinlich.

„Passiert“, sagte Leif nur und strich Endre kurz durch die Haare, er merkte das noch nicht mal, dafür aber seine Gäste und Jochen sah seinen Mann wissend an.

Von wegen Kindermädchen. Der Kerl war doch nicht nur hier, weil er so gut mit JJ konnte, den hatte Leif auch ein ganz kleines bisschen für sich selber ins Haus gelockt. Doch sie sagten nichts. Hoffentlich gab das mal nicht noch ein Ende mit Schrecken, wenn Viktor dahinter kam.

Weil JJ fertig mit dem Essen und in Sorge um Gustav war, krabbelte er von seinem Stuhl, Tiara folgte, nachdem sie gefragt hatte und Endre ging ebenfalls mit, um sich um die beiden zu kümmern. Jochen sah ihm nach. „Hübscher Kerl“, sagte er mehr unverfänglich und Leif nickte.

„Japp.“

„Was sagt Viktor dazu?“, wollte Peter wissen. Er wusste zwar von Jochen, wie das teilweise abging, auch was Montag in der Besprechung mit Pierre gelaufen war, weil Frank gern mal tratschte, doch er wollte das von Leif wissen.

„Tja, was soll er schon sagen? Begeistert ist er nicht, aber Endre kann gut mit JJ und der Kleine vergöttert ihn.“ Leif zuckte die Schultern. „Vik sieht ihn als rotes Tuch, weil er aussieht wie er aussieht, aber Endre kann da gut mit umgehen.“

„Aha“, machte Peter nur und Leif wusste, wenn Peter das tat, dann bildete er sich gerade ein Bild, das von dem, was ihm vorgeführt wurde, weit entfernt war. So hakte er nach.

„Was?“

„Ach, ich frage mich nur, ob du Endre wirklich nur wegen JJ im Haus hast oder nicht doch ein bisschen ganz für dich alleine. Ich meine, ist ein schöner Mann, da kann man echt nichts sagen.“

Leif sah ihn etwas irritiert an, ehe er begriff, auf was Peter hinaus wollte. „Ach Quatsch. Ich habe nichts mit Endre. Er ist hübsch, sicher. Aber ich habe Viktor und ich liebe Viktor. Daran wird sich nichts ändern“, versicherte er und trank einen Schluck von seinem Wein. Dass das nicht die ganze Wahrheit war, wussten sie wohl alle drei, es musste nicht ausgesprochen werden.

Wenn Viktor weiterhin auf Konfrontationskurs gegen JJ ging, wie lange würde Leif das noch mitmachen, ehe er die Notbremse zog? Und dann jemanden in der Hinterhand zu haben, der gut aussah, der mit dem Jungen gut konnte und vielleicht noch andere Qualitäten hatte, war da wohl nicht ganz verkehrt. Es war ja nicht so, als würde Jochen das seinem Freund unterstellen, denn Leif war ein offener Charakter. Der hatte keine Heimlichkeiten. Aber dass der in seinem Unterbewusstsein nicht doch anfing, Endre intensiver in sein Leben zu integrieren, konnte Jochen nicht von der Hand weisen. Aber er sagte nichts. Er würde das weiter beobachten und seinem Freund beistehen, egal wie er sich entschied.

Deswegen war das Thema auch wieder vom Tisch. Die Kleinschmidts wussten nun, was sie wissen wollten, auch wenn Leif leugnete. Lieber kamen sie zu dem eigentlichen Thema des Abends zurück und als Endre wieder zu ihnen stieß, wurde er ein bisschen ausgequetscht, wie das mit seinen Brüdern gelaufen war, was die machten und wo sie wohnten.

So fing Endre an zu erzählen, nur das Oberflächliche, nicht die prekären Details und Leif merkte noch nicht einmal, wie er an Endres Lippen hing. Das merkte nur Jochen, der ihn beobachtete. Eines musste er zugeben: die beiden sahen gut zusammen aus, sie ergänzten sich auf angenehme Art, sie verstanden sich ohne ein Wort und vollendeten die Sätze des anderen. Sie waren irgendwie das, was man perfekt für einander nannte.

Das war nicht gut!

Viel zu vertraut gingen sie miteinander um. Wenn Viktor nicht ganz blind war, müsste es auch ihm auffallen und dann war es wirklich kein Wunder, dass der Mann wütend wurde und Endre aus seinem Leben wieder verbannen wollte – das Kind gleich mit, denn wegen dem war Endre ja erst in sein Leben getreten.

Wenn das mal gut ging!

Doch weder Jochen noch Peter sagten ein Wort dazu. So saßen sie noch bis neun zusammen, bis die Kinder quengelig wurden. Während Endre schon JJ ins Bett brachte, verabschiedete Leif seine Freunde und als Viktor am späten Abend endlich nach Hause kam und zu seinem Verlobten auf die Couch sank, um den Abend ausklingen zu lassen, saß Endre schon in der Bahn nach Spandau und JJ schlummerte tief und fest an sein tapferes Schaf geklammert.



-44-

Der Donnerstag begann wie jeder andere Morgen dieser Woche auch. Viktor und Leif machten sich fürs Büro fertig, JJ und Endre machten sich für die Fahrschule fertig. Es war verwunderlich, dass der Junge diese langen Stunden so gut durchhielt, doch Endre wollte es nicht hinterfragen. Er war einfach froh darüber, dass der Kleine so eine liebe Maus war, auch wenn ab und an die Familienwesenszüge durchkamen. Langsam taute der Kleine nämlich auf und dann zeigte sich auch schon mal der Dickschädel, den Leif auch hatte.

Von der Tatsache, dass Gustav unbedingt mit musste, ließ sich JJ nicht abbringen, da konnte es Endre mit guten Worten versuchen wie er wollte. Das brachte nichts. Also hatte er auch diesen Morgen, als er mit JJ zusammen das Haus verließ, das graue Schaf in einem großen Rucksack auf dem Rücken und den Jungen an der Hand. Es wurde wirklich Zeit, dass der Kleine Freunde fand, die Endre nicht durch die Gegend schleppen musste. Doch eigentlich tat er es gern, denn er war gern mit JJ zusammen.

Für Leif stand heute ein bisschen mehr auf dem Spiel. Weil er Frank letzte Woche gebeten hatte, endlich eine Anzeige aufzugeben, dass eine fähige Bürokraft gesucht wurde, stellten sich heute die Bewerber vor, die Frank für kompetent hielt. Sie hatten in ihrer Anzeige ausdrücklich darum gebeten, dass man sich ohne Lichtbild bewarb, damit die Auswahl nur allein über die Qualifikation erfolgte. Bis gestern waren Unmengen an Bewerbungen eingegangen, die Frank gesichtet hatte und von denen die meisten eigentlich nur danach klangen, dass sie für diese bekannte Filmproduktion arbeiten wollten. Es waren weniger die Referenzen, die überzeugten. Ein paar hatten es auch nicht lassen können, doch ein Lichtbild an den Bewerbungsbogen zu hängen, die sortierte Frank gleich aus.

Übriggeblieben waren sieben Bewerber, die heute im Lauf des Tages antreten sollten, um sich vorzustellen.

Somit war Leif auch klar, dass er nicht mal schnell für eine Stunde verschwinden konnte, um JJ und Endre einen kurzen Besuch abzustatten. Er hatte die beiden heute Morgen kaum gesehen. Viktor war gleich mit ihm zusammen aus dem Bett gekrochen und seinem Verlobten - mehr unbewusst - nicht von der Seite gewichen. So hatte Leif keine Sekunde gehabt, in der er mal hätte nach oben verschwinden können, um Endre einen guten Morgen zu wünschen. Er wusste selber, dass sein Verhältnis zu seinem Angestellten schon lange nicht mehr normal war, dass er sich weit aus dem Fenster lehnte, doch er musste diesen Mann nur sehen, da setzte bei ihm alles aus. Schlimmer war es noch, wenn er ihn nicht sah. Das war wie kalter Entzug. Jede Minute landeten seine Gedanken bei Endre und JJ, zu seinem eigenen Entsetzen mehr noch bei Endre als bei JJ. Leif war sich bewusst, dass er da etwas dagegen tun sollte, doch er konnte nicht. Es war wie verhext.

Gern schob es Leif nur darauf, dass Endre auf Leifs Avancen nicht reagierte, dass er nicht zurück flirtete, sondern ganz gelassen darüber hinweg ging. Er regte sich noch nicht einmal darüber auf, dass Leif die Grenzen überschritt. Er beachtete es schlicht gar nicht und machte Leif rasend damit. Diese Gleichgültigkeit reizte ihn. Dieser Mann reizte ihn. Das war zum verrückt werden.

„Wenn du fertig bist, ein Loch in die Wand zu starren, sag Bescheid", riss ihn plötzlich Viktors Stimme aus dem Konzept und er sah seinen Verlobten ertappt an. Doch dem fiel das zum Glück nicht auf, weil er sich gerade durch die Unterlagen der sieben auserwählten Bewerber wühlte. „Wozu brauchen wir eigentlich noch einen Sekretär?", fragte Viktor und ließ sich auf Leifs Schreibtisch sinken, sah seinen Schatz dabei forschend an. Der grinste.

„Weil ich das Frank vor langer Zeit schon versprochen habe. Falls du dich erinnerst, ist er eigentlich mal als Regisseur eingestellt worden und nicht als Mädchen für alles", erklärte Leif und schob noch ein: „Ist doch so", hinterher, weil Viktor die Augen verdrehte.

„Was soll das? Bis jetzt hat sich ja noch keiner tot gemacht", knurrte Vik, weil er diese Entscheidung immer noch nicht verstand. Er versuchte Leif daran zu hindern, seine eigenen Aufgaben an einen Fremden zu delegieren, damit er selbst mehr Zeit für das Balg hatte. Das sah er nämlich gar nicht ein. Er wusste ganz genau, dass dieser Sekretär nicht nur für Frank eingestellt wurde und es ärgerte ihn, dass Leif nicht den Mut hatte, das auch zuzugeben. Sie waren ein Paar, sie lebten zusammen, sie liebten sich. War es da nicht normal, dass man ehrlich zueinander war?

„Na, wenn du meinst", knurrte er und erhob sich, doch Leif bekam ihn am Ärmel seines Anzuges zu packen.

„Was soll das heißen?", wollte er also wissen, denn so konnte er Viktor nicht gehen lassen. Etwas lag unausgesprochen zwischen ihnen, das spürte Leif genau.

„Was das heißen soll?", wiederholte Viktor und grinste schief. „Was das heißen soll?"

„Ja, verdammt, was das heißen soll. Du sagst: wenn du meinst, ziehst ein Gesicht wie zehn Tage Regenwetter und willst abrauschen. Das kann ich nicht haben. Also spuck es aus", knurrte Leif. Er war sowieso nicht allerbester Laune, weil ihm seine Dosis Endre fehlte, ob er das nun zugeben wollte oder nicht. Die drei Tassen Kaffee, die er schon intus hatte, machten es auch nicht gerade besser.

„Wie wäre es, wenn du erst mal ausspuckst, warum du so plötzlich doch einen Sekretär brauchst", sagte Viktor offen und lehnte sich lässig an den Tisch, sah auf seinen Verloben hinab. Er sah in Leifs Augen, dass der sich ertappt fühlte und Leif sah, dass Viktor es sah. Leugnen würde es jetzt also nur noch schlimmer machen.

„Es ging all die Zeit ohne einen Sekretär. Die Domina kam gut damit zurecht. Doch jetzt plötzlich muss es sein. Jetzt, wo dieses Balg da ist. Ich kann mich noch gut daran erinnern wie du sagtest, du würdest dich zurückziehen wollen. Ist es das? Wird der Kerl deine ganzen Jobs hier über kurz oder lang übernehmen?" Viktor brachte es auf den Punkt. Langes Drucksen und Labern war nicht sein Ding. Er mochte es präzise und direkt. Und als Leif den Kopf senkte und sich kurz ein weiteres Mal erwischt fühlte, wusste Viktor auch, dass er ins Schwarze getroffen hatte.

„Und warum sagst du mir das nicht, Leif?", fragte er und versuchte seine Stimme ruhig zu halten. Jetzt zu explodieren hätte sie keinen Schritt weiter gebracht. Er kannte Leif viel zu gut.

„Weil du es doch sowieso nicht hören willst, Vik. Weil du nur das hören willst, was dir in den Kram passt. Weil du nicht verstehen kannst, dass mein Leben sich ändern muss, wenn ich den Jungen bei mir behalten will und das will ich. Weil es keinen Sinn macht, mit dir darüber zu reden und es dir zu erklären, weil du es einfach nicht wahr haben willst. Deswegen!" Leif sprach leise, aber mit Nachdruck und er sah Viktor offen dabei an. „Versteh mich nicht falsch, Vik. Ich will das nicht hinter deinem Rücken machen, mir wäre es auch lieber, ich würde dein Okay bekommen. Aber das bekomme ich nicht. Das hast du mir mehr als einmal deutlich gemacht. Also muss ich mir meinen eigenen Weg suchen, wenn ich von dir nicht unterstützt werde. Das tut mir leid, aber so ist es nun einmal."

Viktor sah seinen Freund nur an, er wusste ihm ersten Augenblick nicht, was er sagen sollte. Ob Leif auch nur den Ansatz eines Schimmers hatte, was er da eigentlich zwischen den Zeilen zu verstehen gegeben hatte? Er stellte die Basis zwischen ihnen beiden in Frage. Er suchte keinen gemeinsamen Weg, er suchte seinen Weg.

„Und was bedeutet das jetzt?", fragte Viktor, als wüsste er das nicht und Leif seufzte.

„Das bedeutet, dass ich jemand einarbeiten werde, der mir und Frank ein bisschen was abnehmen kann. Das bedeutet, dass ich ein paar Stunden am Tag auch mit JJ verbringen möchte und das bedeutet, dass ich mich nach und nach aus der Firma zurückziehen muss, wenn ich nicht will, dass das Jugendamt mir einen Strich durch die Rechnung macht", sagte Leif entschlossen und blickte zur Tür, als Frank an den Rahmen klopfte.

„Wie wollen wir das machen. Nehmen wir alle Gespräche zusammen ab oder macht jeder drei und wir beraten hinterher?", fragte er, weil er nicht zeigen wollte, dass er einen Teil des Gespräches aus Versehen belauscht hatte. Viktor stieß sich vom Schreibtisch ab und ging ohne ein weiteres Wort. Er hatte sich um seine Finanzen zu kümmern. Frank sah ihm nach, doch er wagte es nicht, zu fragen und auch wenn Leif deutlich sah, wie es in seinem Freund arbeitete, machte er nicht den ersten Schritt und erklärte, was los war.

Er wollte darüber jetzt nicht reden, denn er ärgerte sich darüber, dass er Viktor für dumm hatte verkaufen wollen. Er hätte wissen müssen, dass Viktor den Braten riechen und hinterfragen, sich seine eigenen Gedanken dazu machen würde. Doch Leif war so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass er keine Silbe daran verschwendet hatte, Viktor das klar zu machen. Er musste mit Viktor reden und er musste ihm zeigen, dass er ihn nicht aus seinem Leben ausschließen wollte. Doch der Spagat zwischen Viktor und Endre war schwierig und Leif korrigierte sich im Kopf selber, dass es eigentlich zwischen Viktor und JJ hätte heißen müssen. Er seufzte.

„Wie wäre es dir denn am liebsten?", fragte Leif und raffte die Unterlagen zusammen.

Frank beobachtete ihn dabei. „Ich habe meine Favoriten schon ausgesucht. Mir wäre es das Liebste, wenn du sie mal auf Herz und Nieren abklopfen würdest, ob sie das sind, was du erwartest. Ich höre mir dann mal die anderen an. Vielleicht ändere ich über den einen oder anderen noch meine Meinung."

Leif nickte, das klang gut. „Was ist denn für dich am wichtigsten. Damit ich weiß, wo ich mal besonders auf den Busch klopfen muss", fragte Leif und Frank erklärte gleich, dass er Professionelle haben wollte. Er bräuchte niemanden, der nur hier her kam, weil er hoffte, auf Umwegen doch noch vor die Kamera zu kommen. Er brauchte jemanden, der in der Lage war, Termine zu koordinieren, mit Leuten am Telefon zu verhandeln, wenn möglich ein paar Sprachen beherrschte und auch ein bisschen Ahnung von der Organisation eines Büros hatte. Kurzum, einen ausgebildeten Sekretär - am liebsten noch eine Frau.

„Okay", Leif nickte. Eine Frau wäre ihm auch ganz lieb, vielleicht würde das Viktor ja ein bisschen versöhnen. Seine Wahl bei Endre hatte Viktor den Boden unter den Füßen weggezogen, solch einen Fauxpas durfte er sich nicht noch einmal leisten.

„Dieser Birgit fühle mal richtig auf den Zahn, denn die würde mir am ehesten zusagen. Die Referenzen sind erstklassig." Frank suchte ihre Unterlagen zusammen und legte sie zu oberst. „Sie kommt gleich als erste. Sie hatte sich einen frühen Termin aus meiner Liste ausgesucht. Das hat mir schon mal gefallen." Frank grinste. Denn die Arbeitszeiten bei ihnen waren nicht immer laut Plan. Wenn es mal länger ging, fingen sie morgens später an. Wenn viel zu tun war, begann der Tag auch gern mal vor dem Aufstehen. Da war es ihm wichtig, dass man sich anpassen konnte.

Sie hatten das noch nicht einmal richtig zu Ende besprochen, da ging schon die Tür und Frank trat der Frau mittleren Alters entgegen. Sie war nicht alt, aber älter als die meisten hier allemal. Sie war korrekt zu Recht gemacht. Ein strenges, graues Kostüm und die mittellangen Haare waren in einem strengen Zopf zusammen gebunden. Wenig Make-up, dezent eingesetzt, doch die großen, freundlichen Augen nahmen der Strenge der ganzen Person das Bedrohliche. Irgendwie hatte Frank das Gefühl, dass sie sich verlaufen hatte und deswegen fragte er: „Kann ich ihnen helfen, junge Dame?"

Sie lächelte, sicher hörte sie das in ihrem Alter nicht mehr so oft. „Das hoffe ich doch. Mein Name ist Birgit Schneider und ich hatte hier um zehn ein Vorstellungsgespräch", erklärte sie und Frank hob eine Braue, grinste aber.

Das war also Birgit? Die Frau mit den sauberen Referenzen? Die Frau, die sich mit regelmäßigen Weiterbildungen immer auf dem Laufenden hielt? Nein, etwas in der Art hatte er nicht erwartet. Vielleicht hätte er auch mal auf die Geburtsdaten schauen sollen, diese persönlichen Angaben hatte Frank absichtlich außer Acht gelassen. Ihn hatte nur die Fähigkeit der Bewerber interessiert.

„Wunderbar, wir haben sie schon erwartet", sagte er auch gleich erfreut und reichte ihr die Hand. „Laszlo wird sich gleich Zeit für sie nehmen. Nehmen sie doch so lange hier Platz." Er bot ihr einen Sitz an seinem Schreibtisch an und sah, wie sie die Einrichtung musterte. Es war ein professioneller Blick, das spürte Frank, denn zielsicher fand sie die Schandstellen. Er grinste, als ihr Blick auf einem Berg Papier lag, von dem keiner mehr wusste, was das eigentlich alles war, weil der Berg nur noch als Ablage benutzt wurde. Doch es hatte keiner von ihnen wirklich die Zeit, sich dessen anzunehmen. Also blieb es liegen und der Berg wuchs.

Franks und Birgits Blicke trafen sich, doch noch ehe Frank etwas zu seiner Verteidigung hätte sagen können, trat Leif schon aus seiner Tür. Er lächelte der Frau entgegen, wenn er über ihr strenges Auftreten verwundert war, ließ er es sich nicht anmerken. „Tut mir leid, dass sie warten mussten", sagte er gleich, als er ihr die Hand reichte und sich vorstellte. „Wenn sie mir bitte folgen würden."

Und so ging Birgit hinter Leif her. Sie wirkte kein bisschen aufgeregt, souverän und entschlossen. Wenn sie so gut war, wie sie sich verkauft hatte, dann war sie perfekt für den Job. Sie nahm zusammen mit Leif in der Couchecke platz. Er mochte es nicht, Gespräche zuführen, wenn ein Schreibtisch ihn von seinem Gesprächspartner trennte.

„Ich will es offen sagen", fing er gleich an, „ihre Referenzen sind erstklassig und sie sind unsere erste Wahl. Ich will da nicht um den heißen Brei herum reden." Warum sollte er das der Frau verheimlichen? Sie war gut, das wusste sie sicher so gut wie er selbst. „Ich sehe, sie stehen noch in einem Arbeitsverhältnis. Warum haben sie sich also bei uns beworben?"

Birgit lächelte und nickte. „Das ist etwas schwer zu erklären. Wenn sie genau hinsehen, werden sie merken, dass die Stelle, aus der ich scheiden möchte, in einem Büro ist, das auch Schneider heißt. Mein Mann hat beschlossen, dass seine Frau jetzt lange genug seine Frau gewesen wäre und der Trennung von Tisch und Bett folgt die Trennung vom Geschäft. Mir ist es ganz recht", erklärte sie offen und Leif sah sie an. Dass jemand solcherart Dinge einfach so im zweiten Satz erzählen würde, hatte er nicht erwartet, doch Birgit war wohl nicht genannt.

„Das kann ich verstehen", sagte Leif und nickte, irgendwie hatte er einen Kloß im Hals, denn auch wenn es bei ihm und Viktor noch nicht so weit war, er fühlte sich bei Birgits Erzählung an sich selbst erinnert. „Verstehen sie mich jetzt bitte nicht falsch, aber sie wissen, in welcher Branche sie sich beworben haben?", wollte er sicherheitshalber wissen. Er war es gewohnt, dass ältere Herrschaften mit dem, was er tat, nicht vertraut waren und wenn sie es dann doch waren, nicht begeistert schienen. Das wollte er gleich vorher abklären. Doch Birgit nickte.

„Ich weiß, dass ich mich in der Produktionsfirma für schwule Pornos beworben habe. Ich weiß auch, was das ist. Ich selber bin eher weniger schwul, auch wenn ich auf Männer stehe", lachte sie leise, weil Leif nickend grinste. „Nur weil ich streng wirke, heißt das noch lange nicht, dass ich verklemmt wäre. Ich kann damit sehr gut umgehen. Es ist nicht so, als würde ich mich selbst dafür interessieren, aber auch eine solche Filmfirma braucht Personal. Wo kann sich eine Frau besser von den Heteros erholen als hier?", fragte sie offen und Leif lachte.

„Ist das ihre einzige Ambition, sich bei uns zu bewerben?"

Doch Birgit schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht", erklärte sie. „Aber die Stellenbeschreibung hat mich gereizt. Es hat mir imponiert, dass man sich ohne Lichtbild bewerben sollte, weil die Qualifikation für sich sprechen sollte. Ich war begeistert davon, endlich mal wieder meine Sprachkenntnisse heraus kramen zu können. Wie sie meinen Unterlagen entnehmen, spreche ich Spanisch, Russisch und Englisch fließend, beherrsche es verhandlungssicher und weil Sprachen aller Art mein Hobby sind, lerne ich gerade Schwedisch und Chinesisch. Das hält den Geist rege."

Leif nickte anerkennend. „Wow", gab er offen zu.

„Außerdem hat es mich gereizt, dass sie nicht jemanden direkt nur für das Sekretariat suchen, sondern jemand, der Locations findet, der Leute betreut. Das habe ich früher viel gemacht, ehe ich bei meinem Mann angefangen habe und ich würde es gern wieder tun", erklärte Birgit offen und weil die Tür immer noch einen Spalt offen war und Leif wusste, dass Frank mithören würde, solange es nur ging, rief er ihn einfach herein.

Etwas beschämt kam Frank wirklich eine Sekunde später durch die Tür und grinste.

„Setz dich dazu. Frau Schneider war deine erste Wahl. Du weißt am besten, was du noch wissen willst. Ich hole uns schnell einen Kaffee." So erhob er sich und ließ Frank mit Birgit allein. Sie fingen gleich an zu plaudern und Frank erklärte, wo er überall Unterstützung bräuchte.

„Sie würden dann auch später einige Aufgaben von Leif übernehmen müssen, also von Lazlo. Er möchte sich seinem Jungen zuliebe gern aus der Firma zurückziehen", gab Frank offen zu, denn das war kein Geheimnis, auch wenn Leif das glaubte. „Es würde also viel Arbeit und auch viel Verantwortung auf sie zukommen. Deswegen bin ich ehrlich gesagt froh, dass sich hinter den erstklassigen Referenzen auch eine gestandene Frau verbirgt.“

„Das wird kein Problem sein. Ich kann mich schnell einarbeiten." Birgit nickte und während sie über die Gehaltsvorstellungen und die Arbeitsweise sprachen, kümmerte sich Leif um den nächsten Bewerber, der eben angekommen war. Frank sollte seiner ersten Wahl richtig auf den Zahn fühlen und als die nach zwei Stunden fertig waren, hatte Leif bereits drei weitere junge Männer angetestet.

Doch das Problem, was alle hatten: sie waren zu jung und unerfahren. In solche Hände würde Leif die Verantwortung einfach nicht legen wollen. Nicht nachdem er mit Birgit gesprochen hatte. Es war nicht fair, das wusste er selber, dass er nun jeden Bewerber an dem maß, was Birgit zu bieten hatte, doch so war das nun einmal. Er war auch nur ein Mensch und seine Wahl war eigentlich schon getroffen.

Frank hatte ihr bereits den Vertrag zum Probelesen und prüfen lassen mitgegeben und weil auch Birgit von der Firma angetan war und die beiden Männer, mit denen sie arbeiten sollte, sehr sympathisch fand, hatte sie versprochen, gleich am Nachmittag wiederzukommen, wenn sie bei ihrem Anwalt das Schriftstück hatte prüfen lassen.

Zwar hatte Frank ihr erklärt, dass sie sich nicht hetzen müsste, doch Birgit hatte nur gelächelt und gesagt: Sie mache gern Nägel mit Köpfen, Halbheiten wären nicht ihr Ding.

Damit hatte sie einen ziemlichen Stein im Brett und wie sie versprochen hatte, war sie gegen sechs wieder da gewesen und sie hatte unterschrieben. Frank hatte gleich mit ihr angestoßen, während Leif sich nach einem kurzen Willkommen abgesetzt hatte, mit der Begründung, dass er seinen Jungen heute noch nicht gesehen hatte und deswegen nach Hause wollte. Also übernahmen es Frank und Viktor, Birgit die Firma zu zeigen. Viktor war etwas versöhnt darüber, dass Leifs Wahl auf Birgit gefallen war, doch das eigentliche Problem, was sich langsam aber sicher zwischen sie schob und sich aufbauschte, war damit noch lange nicht geklärt.

Sie lebten sich heimlich auseinander, das durfte nicht sein.