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IKEA Sonderposten - Teil 25 bis 28

25

„Bin gleich so weit!", brüllte Felix aus dem Bad in seiner Wohnung. Seit einer Stunde hatte er sich mit ein paar Klamotten darinnen verkochen und suchte etwas, was er anziehen konnte, wenn er seiner Mutter unter die Augen trat und erklärte, dass sie von ihm keine Enkelkinder erwarten könnte. Zum bestimmt achten Mal strubbelte er sich wirsch durch die Haare, aber besser wurde es nicht. Er war wesentlich aufgeregter als Ole, der in der Küche für Kakao sorgte. Felix bekam von ihm heute keinen Kaffee mehr.

„Okay“, rief Ole genauso laut und schaltete den Herd aus, füllte den Kakao in zwei Tassen und machte sich auf den Weg zum Badezimmer. Sein Schatz brauchte eindeutig seine Hilfe, wenn sie pünktlich sein wollten. „Mach mal die Tür auf, Süßer“, rief er schon vom Korridor aus und stellte die Tassen am Waschbecken ab, als er neben Felix im Badezimmer stand. „Komm mal her“, sagte er weich und zog seinen Liebling an sich, damit der sich wieder beruhigte. „Lass uns mal schauen, was du anziehen kannst.“

„Ich hab nichts!", sagte Felix etwas hysterisch, versuchte sich aber wieder zu fassen. Er malte sich Hunderte von Möglichkeiten aus, wie seine Mutter und der Rest seiner Familie reagieren könnten und keine davon gefiel ihm wirklich. Vielleicht war es eine scheiß Idee gewesen, ihnen sagen zu wollen, wie die Aktien standen, doch eigentlich wollte er ehrlich sein.

Ole sah zu dem Klamottenberg und musste sich ein Grinsen verkneifen. Da war bestimmt etwas zu finden. „Ach, wir finden schon was. Du siehst in allen Sachen toll aus“, schmunzelte er, drückte Felix auf den Toilettendeckel und gab ihm einen Kakao. „Entspann dich, ich such was.“ Ole hatte schon etwas entdeckt und neben einer braunen Cordhose suchte er ein Shirt und eine zu der Hose passende grün-braune Strickjacke zusammen. „Probier das mal an.“

„Hm, wenn du das sagst." Wenn es nicht gut aussah, konnte er es hinterher immer noch auf Ole schieben. Grinsend stellte er seine Tasse ab und schlüpfte in die Klamotten, drehte sich vor dem Spiegel und zuckte die Schultern. Es sah gut aus. Keine Frage. „Lassen wir das so, sonst kommen wir wirklich noch zu spät", erklärte er und hatte schon wieder in einer Hand die Tasse, in der anderen eine Bürste.

Die Haare waren dran. Auch hier half Ole mit ein paar Handgriffen und ein wenig Gel. „Perfekt“, strahlte der große Blonde und küsste Felix. Sein Schatz sah gut aus. Aber da war er wohl parteiisch. Besonders gern mochte er ihn am Morgen, wenn er gerade aufwachte. Vollkommen verstrubbelt und mit noch ganz kleinen Augen. So wie heute Morgen.

Ihr Abend war schlussendlich länger gewesen als geplant, denn sie hatten Jan und Mario besucht, den beiden die Sorge um Herrn Mauseplautz und dessen Seelenheil genommen und sich dann dort ziemlich festgequatscht. Jan hatte einen großen Topf Spaghetti mit Soße gemacht und so hatten sie den ganzen Abend gegessen, getrunken und gelacht.

Ole hatte ein paar Details über Felix erfahren, die der Regenwurm gern geheim gehalten hätte. Aber so war das nun einmal, wenn man Freunde hatte, die man schon aus dem Sandkasten kannte. Die kannten auch all die peinlichen Geschichten und gaben sie gern weiter. Ole hatte auch etwas von sich und seiner Kindheit erzählt, damit seine neuen Freunde ihn besser kennen lernten und da gab es auch Einiges, was Felix, Jan und Mario lachend über die Couch rollen ließ. Auf jeden Fall hatten sie zusammen so viel Spaß, dass sie sich fürs nächste Jahr verabredet hatten, öfter gemeinsam auszugehen oder die Abende mit einem guten Essen beieinander zu verbringen.

„Okay. Dann los." Blumen hatte Ole heute Morgen ganz frisch geholt, während Murmeltier Felix noch durch die Laken gerollt war. Ausnahmsweise hatten sie nämlich einmal bei Felix genächtigt, damit sich seine Wohnung - und vor allen Dingen Motti - nicht so einsam vorkam. Weswegen auch klar war, warum beide auf der Couch im Wohnzimmer geschlafen hatten und nicht im Schlafzimmer.

Sie hatten es erst im Schlafzimmer probiert, aber Ole war bei jedem kleinen Geräusch zusammengezuckt und hatte sich panisch umgesehen. Motti könnte sich ja hinterhältig auf ihn stürzen und angreifen. Und da Felix es nicht mochte, wenn Ole seine Unterrichtsstunde ständig unterbrach, waren sie umgezogen. Nein, das Experiment hatte gezeigt, solange Motti im Schlafzimmer wohnte, war das für Ole tabu. Aber Motti einfach raus zu werfen - in die Kälte des ruhrpottschen Winters - das brachte Felix auch nichts übers Herz. Sie hielt ihm schließlich von Anfang an die Treue.

„Also, auf geht’s", machte Felix sich selber Mut und griff Schuhe und Jacke, warf sich alles über und verließ nach Ole die Wohnung. Die Treppen nach unten war er auch schon schneller unterwegs gewesen, doch er konnte nicht verhindern, dass er unten ankam, auf die Straße trat und in Oles Wagen einsteigen konnte.

Ihm wäre es ganz recht gewesen, wenn die Fahrt ein paar Stunden gedauert hätte, aber leider waren sie schon nach zehn Minuten vor dem Haus seiner Mutter angekommen. Ole nahm seine zwei Sträuße, ihm war nämlich noch rechtzeitig eingefallen, dass auch Felix’ Oma mit ihm Haus wohnte, stieg aus und hielt seinem Freund die Tür auf. „Na komm, sie werden uns schon nicht fressen“, versuchte er seinen Schatz aufzumuntern und lächelte.

„Dich nicht, mich schon. Viele Tiere fressen ihre Jungen, wenn sie merken, dass aus denen nichts wird", murmelte Felix leise, grinste aber schief. Das wurde noch schiefer, als er seine Mutter hinter der Gardine in der Küche erblickte. Jetzt hatte weglaufen auch keinen Sinn mehr, er hätte das nicht erklären können. Also machte er sich noch einmal gerade, holte tief Luft und griff sich Oles Hand, als sie zur Haustür gingen.

„Aus dir ist doch was geworden“, flüsterte Ole noch schnell und lächelte, als die Haustür sich öffnete und eine immer noch gut aussehende, nicht mehr ganz junge Frau, die Tür öffnete und neugierig zu ihnen sah. Das musste Felix’ Mutter sein, denn die Ähnlichkeit war unverkennbar. Ihr Blick fiel auf ihre verbundenen Hände und sie sah fragend zu ihrem Sohn. „Hallo Mauseplautz. Du hast jemanden mitgebracht?“

„J-Ja, Ole", stammelte Felix und grinste noch immer ziemlich hoffnungslos. „Mein Freund", schob er hinterher und fertigte das heikle Thema gleich an der Tür ab. Vielleicht wurde die Tür gleich wieder zu gemacht und er guckte ziemlich dumm aus der Wäsche.

„Freund-Freund, nicht Kumpel-Freund", erklärte er weiter, weil seine Mutter immer noch nichts sagte. Das blieb auch noch ein paar Augenblicke so, denn Sylvia musste das erst einmal sortieren. Mit vielem hatte sie ja bei Felix gerechnet, aber nicht, dass er einen Freund mit nach Hause brachte. Immer wieder huschte ihr Blick zwischen Ole und Felix hin und her und erst, als Felix immer unsicherer und ängstlicher wurde, wurde ihr bewusst, dass sie immer noch in der Haustür standen und wie unhöflich sie war. „Oh… äh… also…“, stammelte sie und gab die Tür frei. „Kommt rein.“

„Noch ist der Kopf drauf", murmelte Felix ganz leise und hielt Oles Hand fester. Es war eigentlich nicht seine Art, aus den Schuhen zu steigen, ohne die Schnürsenkel zu öffnen, doch dazu hätte er Oles Hand loslassen müssen und das konnte er im Augenblick einfach nicht. Er brauchte jetzt Halt, denn Axel guckte schon so komisch aus der Küche. Die Kälte war durch die offene Haustür gezogen und so hatte er gucken wollen, wer da stand und nicht herein kam.

Ole drückte Felix’ Hand und lächelte. „Guten Tag, Frau Kaminski“, grüßte er höflich und überreichte einen der Blumensträuße. „Ich bin Ole Johansson und freue mich, sie kennen zu lernen.“ Er war nicht weniger nervös als Felix, versuchte sich das aber nicht anmerken zu lassen. Und als zu Felix’ Mutter auch noch die Oma und der Bruder kamen, die neugierig den Fremden betrachteten, wollte er sich nur noch hinter Felix verstecken, was aber leider nicht ging. Er war einfach zu groß dafür.

„Hallo, da bin ich mal wieder und habe meinen Freund mitgebracht", ließ er die Bombe zündeln und beguckte sich erst einmal seinen Bruder, von dem schien die meiste Gefahr auszugehen. Nur weil er mit Jan und Mario klar kam, hieß das noch lange nicht, dass er solch einen Bruder haben wollte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals.

„Aha“, machte Axel und maß Ole mit nicht gerade freundlichen Blicken, so dass dem das Herz in die Hose sank. Er hatte so sehr für Felix gehofft, seine Familie akzeptierte ihn, wie er war, aber leider schien das nicht so zu sein. Er wollte schon etwas sagen, da verzog sich Axels Gesicht zu einem Grinsen. „Du weißt schon, was du dir mit dem eingetreten hast? Du bist echt zu bedauern“, meinte er ernst und die Worte schienen das Eis zu brechen, denn alle fingen an zu lachen und Ole atmete auf.

„Sicher weiß ich das und ich kann wunderbar damit leben.“

„Na, dann ist ja gut. Wir übernehmen nämlich keine zwei Jahre Produkthaftung. Gekauft wie gesehen - kein Rückgaberecht", erklärte Axel lapidar und stellte sich vor, reichte Ole die Hand und zog seinen kleinen zeternden Bruder an seine breite Brust. Klar, dass der Trubel in der Küche auch Tina anlockte, während Oma Elli dem ganzen Treiben vorerst nur zusah. Für sie blieb ihr Felix immer ihr Felix. Und als sie auch noch einen Blumenstrauß überreicht bekam, war Ole akzeptiert und mit einem Lächeln verfolgte sie weiter das Geschehen.

Ole sah erleichtert zu, wie Felix von seinem großen Bruder umarmt wurde und merkte gar nicht, wie noch jemand in die Küche kam. Erst als eine Frauenstimme fragte, was denn hier los sein, sah er auf und sah sich neugierigen Augen gegenüber, die ihn unverhohlen wohlwollend musterten.

„Tina, Jagdmodus ausschalten. Ole ist schon vergeben, den hat sich Felix gekrallt“, lachte Sylvia und Tina machte große Augen.

„Wie gemein ist das denn?“, brummte sie, grinste dann aber. „Schade“, lachte sie und gab Ole die Hand.

Die erste Hürde war also genommen und Felix drängte sich wieder dichter an seinen Freund. Schließlich hatte er jetzt die Blumen ringsherum abgegeben und hatte nun beide Hände frei für Felix.

„Da kommt der Mauseplautz noch vor Tina unter die Haube. Das allein finde ich schon ziemlich witzig", erklärte Axel, der jede Chance nutzte, seine Geschwister zu ärgern und vergaß dabei großzügig, dass er selber auch erst vor drei Wochen verlassen worden war.

Tina streckte ihm die Zunge heraus. Sie ließ sich nicht ärgern, was aber nicht hieß, dass sie nicht Rache nahm, wenn Axel nicht damit rechnete. Ole hielt Felix mit seinen Armen umfangen und beobachtete alles mit einem Lächeln. Felix’ Familie schien kein Problem mit ihm zu haben und so wie er das bisher mitbekommen hatte, waren sie nett. Sylvias Stimme holte ihn aus seinen Beobachtungen.

„Geht doch schon mal ins Wohnzimmer, ich versorge nur schnell die Blumen, dann komm ich nach.“

Felix griff sich also seinen Freund bei der Hand und zog ihn eiligst aus der Gefahrenzone. Solange Tina mit Axel beschäftigt war, solange merkte sie vielleicht nicht, dass Felix den leckeren Typen außer Reichweite geschafft hatte. „Lief besser als befürchtet", lachte Felix leise, als er sich auf die Couch fallen ließ und Ole so neben sich zog, dass keiner die Chance hatte, sich auf dessen andere Seite zu setzen. Man wusste ja nie.

„Ja, sie scheinen es recht locker aufgenommen zu haben. Auch deine Oma.“ Weil sie noch alleine waren, beugte Ole sich kurz zu Felix und küsste ihn. Ein Räuspern ließ ihn aber wieder auffahren.

„Kann ich bitte mal erfahren, warum sie meinen Enkel küssen?“, fragte Opa Hans, der gerade aus dem Keller gekommen und in die Szene gestolpert war. Aber bevor Felix etwas erwidern konnte, kam seine Oma in den Raum.

„Lass mal, Hans, der darf das. Das ist Ole, Felix' Freund. Ein sehr netter, junger Mann. Er hat mir wunderschöne Blumen mitgebracht.“ Sie zeigte ihren bunten Strauß und ihr Mann schüttelte seufzend den Kopf. Wie sollte er jetzt noch den brummenden Opa spielen? Er war zwar immer noch ein wenig verwundert über die Begleitung seines Enkels, aber wenn seine Frau ihn mochte, dann war das okay.

„Du und deine Blumen. Egal wer es ist, sobald er dir Blumen gibt, magst du ihn“, brummte er trotzdem, damit er nicht ganz sein Gesicht verlor und hielt Ole die Hand hin. „Guten Tag, ich bin Opa Hans.“

Ole begrüßte auch ihn formvollendet und Felix erklärte, dass Ole ihn küssen dürfte, wann immer er das wolle und wo immer er das wolle. Doch als Axel hinter ihm erklärte, dass das bestimmt nicht jeder sehen wollen würde, zog er den vorlauten Kopf zwischen die Schultern, während Tina und Sylvia kicherten.

„Kommt an den Tisch, das Essen ist fertig“, rettete Sylvia ihren Sohn und Oma Elli ging schon los, um noch ein Gedeck aufzulegen. Zum Glück hatten sie wie immer reichlich gekocht, so dass Ole bestimmt auch noch satt wurde. Am Tisch hatte sie dann auch Gelegenheit mehr über den Freund ihres Sohnes zu erfahren, der heute so unerwartet ins Haus geschneit war. Felix war eben immer für eine Überraschung gut.

Natürlich wurde gleich gemutmaßt, Ole - oder besser: Felix' Drang, mit ihm alleine zu sein - wäre der Grund dafür gewesen, dass Mauseplautz so Hals über Kopf zu Hause ausgezogen war. Doch das revidierte Felix gleich. Was waren das denn für wüste Unterstellungen? „So lange sind wir noch gar nicht zusammen. Richtig erst seit vorgestern."

„Ah, vorher auch noch Lotterleben und wilde Ehe", lachte Tina.

Und da Felix gerade den Mund voll hatte und sich nicht verteidigen konnte, übernahm Ole das. „Nein, nein, da waren wir nur ganz normal befreundet. Das wir zusammen sind, kam für uns beide ziemlich plötzlich und überraschend“, erklärte er und sah verliebt zu seinem Schatz hinüber. „Aber das macht es auch so aufregend und wunderschön.“

Felix war einmal mehr froh, dass Ole so redegewandt war und hatte seine Haut noch ein bisschen retten können. Er wusste, dass er sie früher oder später noch von irgendeinem über die Ohren gezogen bekam, aber solange passte Ole noch gut drauf auf.

„Leicht hat es Ole mit mir nicht gehabt, das gebe ich zu. Aber jetzt ist alles klar", erklärte auch er bestimmend und Tina lachte leise, weil sie ihren sonst eher unentschlossenen Bruder so nicht kannte. Sie wollte nur zu gern glauben, dass Ole es mit ihm nicht leicht gehabt hatte.

„Na dann, ist ja gut.“ Axel nickte, denn so kannte er seinen Bruder. Er war allerdings neugierig, mehr über Ole zu erfahren und er musste auch nicht viel bohren, denn der große Schwede erzählte der Familie gern etwas über sich, damit alle wussten, wen sie vor sich hatten und vielleicht etwas beruhigter waren.

„Und ich hatte ja schon angedeutet, dass ich zu Weihnachten nicht da bin", brachte Felix gleich den nächsten Brocken auf den Tisch. Dann war alles durch und sie konnten sich entspannen. „Ole nimmt mich mit nach Schweden, wo ganz viel Schnee liegt und es Elche gibt und..."

„Elche, war ja klar", stöhnte Tina gespielt, denn auch sie hatte die Elchmanie ihres Bruders ertragen müssen. „Gib es doch zu, du hast ihn dir nur als Elch-Dealer geangelt", stichelte sie frech und Felix blies die Backen auf.

So eine Gemeinheit.

Ole sah grinsend zu Axel hinüber, der auch gespannt zu sein schien, wie Felix sich da heraus wand. Eigentlich hätte sein kleiner Bruder damit rechnen müssen, dass so etwas kam. Schließlich war es in ihrer Familie üblich, dass die Geschwister sich ärgerten, wo sie nur konnten. Und wenn ausgerechnet er einen Schweden heim schleppte, war es doch nahe liegend, dass jeder dort Parallelen zog.

„Ich hab ihn mir geangelt, weil er nett ist, gut kochen kann, mich erträgt, auch wenn ich ein Morgenmuffel bin, wunderbar küssen kann und mich so liebt, wie ich bin, mit all meinen Macken. Weil er eine Engelsgeduld hat und nicht zuletzt, weil er umwerfend gut aussieht. Elche kann ich im Zoo sehen. So!" Er sah seine Schwester herausfordernd an und erst nach und nach sickerte durch, was er alles gesagt hatte und er wurde rot.

„Ah ja.“ Tina grinste und freute sich, es einmal wieder geschafft zu haben. Felix fiel aber auch immer darauf herein, allerdings schien das dem gar nicht mehr so viel auszumachen, denn er hatte nun jemanden, an den er sich anlehnen konnte. „Ich bin neidisch“, gab sie dann aber doch zu, denn Ole konnte ihr auch gefallen. Besonders, wie verliebt der gerade Felix ansah und ihn schnell küsste.

„Hol dir doch bei IKEA selber einen. Das Modell hier ist aus dem Katalog genommen und nicht mehr zu erwerben", erklärte Felix triumphierend und zog den Kopf zwischen die Schultern, als ihm seine Mutter erklärte, er möge essen, sonst würde alles kalt. Also machte er sich hastig daran, denn bei Mama schmeckte es eben immer noch am besten.

Allerdings war das Thema Weihnachten bei der kleinen Kabbelei untergegangen, was nicht hieß, dass es vergessen war. Sylvia sah zu Felix und Ole hinüber und wechselte einen Blick mit ihrer Mutter, die leicht nickte. Darum kam es für beide ziemlich unerwartet, als Sylvia das Wort ergriff. „Ich finde es zwar schade, dass du Weihnachten nicht hier bist, aber ich kann dir ja schlecht verbieten mit deinem Freund zu fahren, wenn ihr versprecht, dass ihr Ostern hier seid.“

„Öh - ja", stammelte Felix, der mit diesem Einwurf jetzt nicht gerechnet hatte und es misslang ihm kläglich, sich das nicht anmerken zu lassen. „Ja, sicher", nickte er heftig und zeigte mit dem Finger auf Tina, die Luft geholt hatte. „Jeden blöden Witz bezüglich Eier suchen schluckst du jetzt runter!"

„Spielverderber“, brummte sie leise und machte sich auch über ihr Essen her, weil ihre Mutter schon strafend guckte.

Für Ole kam das alles ziemlich überraschend, denn nachdem was Felix erzählt hatte, hatte er sich auf eine längere Diskussion eingestellt und war wirklich angenehm überrascht. Ihrem Urlaub stand nichts mehr im Wege und nun war es fast ein wenig schade, dass es noch zwei volle Tage waren, ehe es endlich los ging und er Felix all das zeigen konnte, was er wollte.

„Ich kenn dich schon zu gut", knurrte Felix leise zu seiner Schwester und die Geschwister guckten sich über den Tisch hinweg aus geschlitzten Augen an.

„Bezüglich Eier suchen ist für Felix jetzt wohl immer Ostern", sagte Axel trocken und zu spät ging Felix auf, dass er nur 50 Prozent seiner Geschwister den Mund wegen der blöden Witze verboten hatte. Das rächte sich jetzt.

„Blödmann."

Alle am Tisch kicherten, auch Ole, denn so wie Felix gerade guckte, war einfach zu niedlich. Er schien wirklich ziemlich gestraft mit seinen Geschwistern zu sein, aber sie mochten sich sehr, das war deutlich zu merken. In solchen Augenblicken fand Ole es schade, keine Geschwister zu haben. Versöhnlich wuschelte er seinem Schatz durch die Haare. Felix konnte wirklich froh über seine Familie sein.

„Ich frage mich gerade, ob Jan das auch hat durchmachen müssen", knurrte Felix leise, doch er war versöhnt. Jeder am Tisch schien Ole zu mögen und keiner hatte ein Problem damit, dass er der Mensch war, den Felix liebte.

„Jan war nicht so ein Spätzünder wie du, der hat das früher durchmachen müssen. Annika hat ihn noch wochenlang verarscht aber du verkrümelst dich einfach ins Ausland, um dem Spott zu entgehen", erklärte Tina, der sehr wohl bewusst war, dass die Worte eigentlich nicht für ihre Ohren bestimmt gewesen waren.

Felix streckte ihr die Zunge heraus und bevor es immer weiter um die Runde ging, räusperte sich Sylvia und ihre Kinder wussten das zu deuten. Felix wurde in Ruhe gelassen, zumindest so lange, wie das Essen dauerte. Dabei erzählten Ole und er abwechselnd, was sie die letzten Wochen unternommen hatten.

„Ein Mann mit Sinn für Kultur", schwärmte Tina und sah Ole offen an. „Ich sollte wohl auch mal bei Ikea gucken, ob es noch ähnliche Modelle gibt."

Felix beeilte sich seiner Mutter beim Tisch abräumen zu helfen, während Oma Elli schon den frisch gebackenen Kuchen auftrug. Extra für Herrn Mauseplautz Apfelkuchen mit Puddingdecke, noch ein bisschen warm. So wie er es gern mochte. So war das eben, wenn die Kinder heim kamen - sie wurden verwöhnt ohne Ende. Da sie selber auch davon profitierten, meckerten seine Geschwister nicht darüber und genossen die leckeren Aufmerksamkeiten. Ole lachte leise und nickte.

„Versuche es ruhig. Du findest bestimmt noch deinen Traummann, da bin ich überzeugt.“ Schließlich war Tina hübsch, was selbst Ole sah, auch wenn er nicht auf Frauen stand.

Felix verkniff sich derweil seinen Kommentar, denn er wusste, wann es unter die Gürtellinie ging und das war nicht seine Art. So ließen sie sich den Kuchen schmecken, hinterher noch einen kleinen Absacker und nach und nach verzogen sich die Leute vom Tisch. Als erster Opa Hans, der im Wintergarten noch zu tun hatte. Dann Oma Elli, die schnell noch Felix' Weihnachtsgeschenk fertig machen wollte. Was sie freilich nicht sagte, aber vielleicht blieben die beiden jungen Männer noch so lange, dass sie es ihm mitgeben konnte.

Axel wollte auf Schalke, irgendein Sonderspiel Rot Weiß Essen gegen Schalke Amateure außer der Reihe. Felix sah da sowieso nicht durch, weil er sich nicht auskannte und es ihn nicht interessierte.

So gingen sie mit Sylvia ins Wohnzimmer, denn Tina hatte plötzlich auch noch einen dringenden Anruf zu tätigen. So saßen sie sich gegenüber und es war für sie ziemlich ungewohnt, Felix mit Ole zu sehen. Wie ihr Sohn sich an den großen Mann lehnte und offensichtlich ziemlich glücklich war. Zwar hatte sie Ole durch seine Erzählungen schon etwas kennen gelernt, aber ein leichtes Unwohlsein blieb. Nicht jeder reagierte positiv auf eine schwule Beziehung. Felix' Weg dürfte nicht der leichteste werden. Doch im Augenblick wirkte er so glücklich wie lange nicht, da wollte sie keine schwarzen Wolken ans rosarote Firmament malen.

Nach und nach kam die Unterhaltung wieder in Gang und so erzählte Ole auch von seinen Eltern und von dem Haus, wo sie übermorgen hin wollten.

„Das hört sich toll an und deine Großeltern haben wirklich nichts dagegen, wenn du Felix einfach mitbringst?“ Sie konnte einfach nicht anders, sie machte sich immer Sorgen um ihr Nesthäkchen, auch wenn sie das eigentlich nicht brauchte. Ole konnte das gut verstehen, darum versuchte er ihr die Sorgen zu nehmen.

„Nein, sie freuen sich auf ihn. Ich habe sie angerufen und ihnen meinen Freund angekündigt. Sie sind ziemlich neugierig, denn er ist der erste, den ich mitbringe.“

„Heißt das, ich werde dort genauso abgeklopft wie du hier?", fragte Felix leise, denn das bereitete ihm doch ein wenig Sorge. Vor allem, weil Oles Leute in einer Sprache reden konnten, die er nicht verstand und wenn sie dann über ihn sprachen und er merkte das noch nicht einmal, wurde das vielleicht unangenehm.

„Keine Sorge. Es wird nicht so schlimm werden. Meine Mutter wird neugierig sein, aber das schaffst du schon. Und wenn sie dir ein Loch in den Bauch fragt, näht sie das wieder zu, wozu ist sie Chirurgin“, scherzte Ole und versuchte Felix damit ein wenig die Angst zu nehmen. Seine Familie war eigentlich recht unkompliziert und offen. Sie würden Felix mögen, da war er sich sicher.

„Na prima. Dann hab ich einen Reißverschluss auf dem Bauch. Das muss ja nun wirklich nicht sein." Felix guckte an sich hinunter, hob das Shirt und schüttelte den Kopf. Er fand sich eigentlich ganz in Ordnung, so wie er war. Auch ohne geflicktes Loch.

„Ich werde dich beschützen, wenn du keinen Reißverschluss möchtest.“ Ole küsste Felix auf die Schläfe und zog ihn an sich. Seine Familie würde Felix schon nicht ausquetschen wie eine Zitrone.

Sylvia musste unwillkürlich lächeln, als sie das sah. Ja, sie war sich sicher, dass ihr Kleiner bei Ole in guten Händen war.

„Das musst du. Denn du bist derjenige, der mich dann jeden Tag mit dem Reißverschluss sehen muss." Felix ließ sich den Glühwein schmecken, den Sylvia verteilt hatte und auch Ole trank ein Glas. Aber nur ein kleines, denn er musste noch fahren.

Sicher, sie hätten auch hier übernachten können, doch sie waren sich einig, das zu lassen. Sie waren zu spitz aufeinander, als dass sie das eine Nacht lang unterdrücken konnten.

Felix’ Großvater kam nach einer Weile zu ihnen und beteiligte sich an den Gesprächen. Es war ein angenehmer Tag für Ole, der sich akzeptiert fühlte. Zum Abendbrot kam auch Oma Elli wieder. Sie hatte das Weihnachtsgeschenk für ihren Enkel fertig bekommen, so konnte sie es ihm mitgeben. Ihr gefiel es gar nicht, dass sie für Ole nichts hatte, aber das war leider nicht zu ändern. Felix hätte auch nicht solch ein Geheimnis darum machen müssen. Musste er eben entweder teilen oder er betüddelte seinen Ole dann noch etwas intensiver, aber das dürfte ja kein Problem darstellen.

Es war spät, als sie das Haus der Kaminskis verließen, mit einem wesentlich besseren Gefühl als sie hergekommen war. Felix versprach, sich mindestens noch einmal vor der Abfahrt zu melden und dann, wenn er über das große Wasser war auch noch einmal. Aber so waren Mütter eben.


26

Felix hatte seine Versprechen alle gehalten und jetzt stand er mit staunenden Augen im Hafen von Travemünde und blickte hoch an der nicht enden wollenden Schiffswand der Fähre, die sie nach Trelleborg in Schweden bringen sollte. Ole sah ihm lächelnd dabei zu, wie er auf und ab lief und sich gar nicht satt sehen konnte.

Noch faszinierter war Felix, wie viele Züge und LKW in die schwimmende Blechdose geschoben wurden. „Und das Ding geht auch wirklich nicht unter?", murmelte er und beguckte sich die Unmengen Autos, die ebenfalls noch mit wollten. Wo wollten die denn alle geparkt werden? „Hoffentlich hat die keine Löcher." Und schon lief Felix wieder am Schiff entlang, auf der Suche nach Schäden.

„Schatz, die schwedischen Fähren werden regelmäßig kontrolliert. Die haben keine Löcher“, lachte Ole und kam Felix hinterher. Er umfing ihn von hinten und küsste ihn auf die Wange. Er freute sich schon auf die Fährfahrt. Die hatte er schon als Kind gemocht, weil sie ihn näher zu seinen Großeltern brachte, wo er viele Ferien verlebt hatte.

„Das würde ich an deiner Stelle jetzt auch sagen. Aber die Löcher, die ich hier oben sehen würde, wären ja nicht so schlimm. Schlimmer sind doch die, die ich unter dem Wasser nicht sehe", stellte Felix fest und konnte nicht vermeiden, dass er ein paar wartende Passagiere zum Schmunzeln anregte. „Also, guckst du oder soll ich selber?"

„Weder noch, mein kleiner Schatz. Wir vertrauen darauf, dass der Kapitän und seine Mannschaft nachgesehen haben.“ Ole legte seine Arme fester um Felix, denn der Wind pfiff kalt vom Meer her und brachte so eine Ahnung, wie kalt es in Schweden war. „Ich verspreche dir, dass dir nichts passieren wird. Ich würde nie zulassen, dass dir etwas passiert.“

„Na gut. Ich nehme dich beim Wort. Sollten wir doch untergehen, dann werde ich dich nicht auf meine Wolke lassen - nicht eine einzige Sekunde", stellte Felix klar, denn Strafe musste sein. Doch anstatt weiter darüber zu grübeln, wann er starb und wie lange es dauerte zu ertrinken, ging er noch etwas auf und ab, um sich aufzuwärmen. Es war schon tiefe Nacht, doch das Flutlicht erhellte den Platz vor der Fähre und tauchte das emsige Treiben in helles Licht.

Ole ließ ihn laufen, ging aber selber wieder zum Auto. Ihre Reihe war bald dran und dann sollten sie nicht für Verzögerungen sorgen, darum rief er Felix auch nach ein paar Minuten. Im Auto war es immer noch warm und das konnte seine Frostbeule bestimmt gut gebrauchen.

„Uhuhu", machte Felix auch wie erwartet, als er die Tür zuschlug und sich erst einmal schüttelte. Sie hatten Glück gehabt mit dem Wetter, es war trocken gewesen und so war die Fahrt hier her ohne Probleme verlaufen. Auch jetzt hielt sich das Wetter noch, was darauf hoffen ließ, dass die See nicht so rau wurde und die Fähre auslaufen konnte.

Ole freute sich, weil es endlich los ging und musste Felix noch einmal ausgiebig küssen. „Jag älskar dig“, murmelte er leise dabei und er wollte sich gar nicht lösen, aber es ging nicht anders. Die Autos vor ihnen rollten weiter und sie durften nicht den Anschluss verlieren. Langsam setzte sich der schwere Volvo in Bewegung und endlich erreichten sie die große Rampe, die sie in das Innere der Fähre brachte.

Natürlich hing Felix wieder am Fenster und guckte zu, wie die Einweiser Ole delegierten, ihn Zentimeter für Zentimeter lotsten, damit auch jeder noch so kleine Freiraum auf dem Deck ausgenutzt war. Stoßstange an Stoßstange standen die Wagen und Felix war fasziniert über den Strom, der hinter ihnen unablässig die Fähre flutete.

„Komm Schatz, wir gehen hoch, bringen die Tasche in unsere Kabine und gehen dann an Deck. Dann kannst du zugucken, wie wir ablegen." Ole griff sich die Tasche von der Rückbank, die er vorsorglich mit allem Wichtigen gepackt hatte, was sie brauchten. Das machte er seit seiner Kindheit so und es hatte sich bewährt. Der Rest konnte im Kofferraum bleiben.

„Oh, guter Plan." Felix war von der Idee, alles von oben betrachten zu können, gleich Feuer und Flamme und hüpfte aus dem Wagen. Aber vorsichtig, um die eng stehenden Autos nicht zu beschädigen. Dann hetzte er Ole hinterher, der schon die Tür zum Treppenaufgang gefunden hatte. Schließlich kannte der sich hier schon besser aus und wusste, wonach er suchen musste.

Ole hielt ihm die Tür auf und ging langsam die engen Treppen hinauf, bis zur Lobby. Wie alle Fähren dieser Linie war diese ziemlich luxuriös eingerichtet. Mit viel Holz, weichen Teppichen und bequemen Sofas. Er nahm Felix an die Hand und ging gleich zur Rezeption. Dort angekommen grüßte er freundlich auf Schwedisch und fragte nach seinem Kabinenschlüssel. Die hatte er schon bei der Buchung reserviert, denn sie waren recht rar und wenn man Pech hatte, waren alle ausgebucht.

Felix sah ihn nur schweigend an und als sie auf dem Weg ins Zimmer waren grinste er. „Sag noch mal was auf Schwedisch, das klingt irgendwie witzig. Ich verstehe zwar kein Wort, aber es klingt cool." Felix und Fremdsprachen waren sowieso noch nie die dicksten Freunde gewesen. Er sprach Englisch so, dass er überleben konnte, mehr auch nicht. Im Beruf brauchte er es jetzt wieder öfter und dabei musste er sich ganz schön ran halten. Für das nächste Jahr hatte sein Chef einen Kurs für ihn belegt.

„Vi åker till Sverige och besöker min familj till jul“, sagte Ole brav und lachte, als Felix ihn fragend ansah. „Wir fahren nach Schweden und besuchen meine Familie zu Weihnachten“, übersetzte er darum und legte seinen Arm um Felix. Die Gänge waren hier nicht ganz so eng wie einige Decks tiefer. Er mochte Innenkabinen nicht und darum buchte er eine der etwas geräumigeren Außenkabinen. Das war zwar teurer, aber so konnte er sich wenigstens halbwegs bequem hinlegen, weil die Kabinen ein Doppelbett hatten und keine Etagenbetten. Wenn er quer lag und Felix sich an ihn schmiegte, war das kein Problem, den Platz effektiv zu nutzen.

„Kannst du auch sagen: Alle Elche aus Schweden werden Felix begrüßen kommen?", wollte Felix wissen und warf sich als erstes auf das Bett, rollte sich einmal prüfend und nickte anerkennend. Groß genug.

„Alla sverige älgar kommer at hälsa Felix“, übersetzte Ole brav und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er legte sich zu Felix und zog ihn an sich. Er brauchte jetzt ein wenig Nähe, denn auf der Fahrt war das viel zu kurz gekommen. Er wollte einen richtigen Kuss und das Gewicht seines Freundes auf sich und hoffte, auch beides zu bekommen.

„Alla älgar", wiederholte Felix grinsend. „Alle Elche." Lachend ließ sich Felix auf Ole ziehen und bettete sich wie eine Decke auf ihn, intensivierte aber den Kuss, denn ihm ging es nicht anders. Seine Tanks waren ebenfalls leer und so flutete er sie so schnell es ging und dementsprechend gierig wirkte er sicherlich auf Ole. Doch das war Felix egal - er konnte von seinem Freund nicht genug bekommen, das war kein Geheimnis.

Ole hatte bestimmt nichts dagegen, denn es zeigte ihm, dass Felix noch nicht genug von ihm hatte oder er gemerkt hatte, dass er lieber eine Freundin wollte. Er sagte sich zwar immer, dass das Blödsinn war, aber tief in ihm schlummerte diese Angst und da würde sie noch eine Weile bleiben. Aber jetzt drängte er sie zurück und küsste Felix leidenschaftlich, bis ihm ein Signal zeigte, dass die Fähre sich bereit machte abzulegen. Er löste den Kuss und lächelte. „Wir sollten an Deck, wenn du sehen willst, wie wir losfahren.“

„Klar will ich das sehen", erklärte Felix völlig außer Atem, erhob sich aber hastig und kroch wieder in die Schuhe, die er sich während ihres Kusses von den Füßen gestreift hatte, um das Bett nicht dreckig zu machen. Seine Jacke hatte er praktischerweise noch an und so war er eins zwei fix an der Tür und auf dem Flur, wo noch ein paar Leute mehr diese Idee gehabt hatten.

Ole hatte Mühe, ihm zu folgen und rief ihm nur immer wieder Richtungsangaben zu, bis er ihn erreicht hatte. Er lotste Felix durch die vielen Gänge zum Oberdeck, wo sie den besten Ausblick genießen konnten. Leider war dort auch der meiste Wind und deswegen stellte Ole sich so, dass er einen Großteil des Windes mit seinem Körper abblocken konnte.

„Oh wie cool, wir fahren und sind noch gar nicht untergegangen!", lachte Felix und klammerte sich an der Reling fest. Er guckte zu, wie die Leinen gelöst wurden und die Motoren anfingen, das Wasser aufzuwirbeln, weil sie sich langsam vom Kai entfernten, um in die Fahrrinne zu kommen. „Da. Der Leuchtturm!", sagte Felix und deutete in eine Richtung. „Und dort, blinkende Schwimmdinger!" Er war völlig begeistert.

Ole lachte und hielt Felix fest, damit der nicht aus lauter Begeisterung über die Reling sprang. „Das sind Bojen, damit der Kapitän weiß, wo er lang fahren muss“, erklärte er und beugte sich hinunter, damit sein Freund ihn durch den Wind besser hören konnte. Es war einfach herrlich, wie Felix sich von so einfachen Dingen begeistern ließ.

Sie fuhren vorbei an anderen Schiffen und hatten endlich ihre Fahrrinne erreicht. Neben dem Leuchtturm kam ein Hotel in Sicht. Sie fuhren weiter und weiter, immer dem Schwarz am Horizont entgegen und weit weg von den langsam verblassenden Lichtern.

Sie blieben lange an der Reling und blickten aufs Meer. Alle anderen hatten sich in die Wärme des Schiffs geflüchtet. Irgendwann wurde es auch Ole zu kalt, der den Großteil des Windes abbekam. „Komm, Schatz, lass uns reingehen und etwas essen“, schlug er vor und seine Zähne klapperten leicht dabei.

„Oh ja, klar", sagte Felix sofort, als er es bemerkte, nutzte aber die Einsamkeit an Deck, um Ole noch einmal zu einem intensiven Kuss zu sich zu ziehen. Es war immer wieder aufs Neue atemberaubend. Es reichten Berührungen, sanft und zart, um Felix lichterloh in Flammen stehen zu lassen. „Ich liebe dich", flüsterte er gegen Oles Lippen, auch wenn der Wind ihm die Worte fortriss.

„Ich dich auch“, erwiderte Ole weich und seine Augen bestätigten seine Worte. Er hielt Felix noch ein paar Momente in seinen Armen und küsste ihn. Erst dann nahm er dessen Hand und führte ihn in das Innere der Fähre, wo die Wärme sofort ihre Gesichter und Hände prickeln ließ. „Und, bist du beruhigt, dass wir nicht untergehen werden?“, fragte Ole und öffnete seine Jacke.

„Nein", kam es wie aus der Pistole geschossen, auch wenn Felix dabei grinste. „Ich glaube ja immer noch, dass irgendwo Löcher sind, aber solange der Kahn bis nach Schweden kommt und dann dort untergeht, ist mir das egal. Hauptsache ich muss nicht den ganzen Weg schwimmen und nur gut, dass es hier keine Haie gibt. Auch wenn man eh nach zehn Minuten im kalten Wasser so gut wie tot ist." Felix plauderte und machte unbewusst einem kleinen Mädchen ziemliche Sorgenfalten, das wohl ähnliche Gedanken hegte wie er.

„Spinner“, grinste Ole und schnickte Felix leicht gegen die Stirn. Sein Schatz hatte aber auch auf alles eine Antwort. „Dann sollten wir noch schnell etwas essen, bevor das vielleicht passiert.“ Er legte wieder einen Arm um Felix und grinste die Mutter des Mädchens entschuldigend an, die nun alle Hände voll zu tun hatte, ihre Tochter zu beruhigen.

„Ja, futtern wir uns Fett an, damit wir etwas länger vor der Kälte geschützt sind. Ich sehe, du beginnst deine Denkstrukturen anzupassen." Zufrieden lachte Felix und zog sich die Jacke aus, denn hier unten war es gut geheizt. Ohne noch einmal ins Zimmer zu gehen, strebten sie das Restaurant an und hier war eine Menge los. Die meisten, die eine Kabine hatten, hatten wohl die gleiche Idee wie sie gehabt und standen nun an, um sich etwas Futter zu besorgen. Also bekam Felix die Order einen Tisch zu beschlagnahmen, während Ole sich um Futter kümmern wollte. Mittlerweile wusste er ja, was Felix aß und was nicht.

Durch einen beherzten Sprung schaffte Felix es, den letzten Zweiertisch zu ergattern und grinste frech, als das andere Pärchen ziemlich böse guckte. Ole hatte ihm diese Aufgabe übertragen und er hatte sie erfüllt, das machte ihn sicher, dass er dafür nachher eine Belohnung bekam und damit meinte er nicht das Essen. Das ließ allerdings ziemlich lange auf sich warten und hungrig rutschte er auf seinem Platz herum. Endlich kam Ole mit einem schwer beladenen Tablett und ließ Felix strahlen.

Er wusste noch nicht, was es gab, aber allein, dass Essen im Anmarsch war, ließ seinen Magen fröhlich knurren. Der Speichel lief und als er das Schnitzel mit Pommes erblickte, war er sehr, sehr glücklich. Es war aber nur ein kleines Schnitzel mit kleinen Pommes, denn Ole hatte noch ein paar schwedische Leckereien aufgetan, die ebenfalls sehr viel versprechend aussahen und genau so gut rochen.

„Lass es dir schmecken, Schatz“, meinte Ole und nahm sich eines der Lachsschnittchen. Die mochte er besonders gerne, wie Fisch im Allgemeinen. „Lecker“, murmelte er leise und leckte sich über die Lippen. Nur die Schweden wussten, wie man einfache Schnittchen so lecker machen konnte.

„Na dann." Felix bewaffnete sich mit seinem Besteck und fing an, sich durch das gesamte Angebot zu kosten, mal hier mal da und wirkte dabei sehr zufrieden. Erst als alle Teller leer waren, lehnte sich Felix zurück und rieb sich über den Bauch. Er war satt und schläfrig und grinste seinen Freund an. „Hast gut gekocht", lachte er leise.

„Das freut mich.“ Ole verbeugte sich angedeutet und holte zwei kleine Flaschen Aquavit aus seiner Tasche. Der kam zwar aus Norwegen, aber war trotzdem lecker. „Was zur Verdauung?“, fragte er und stellte eine der kleinen Flaschen vor Felix ab.

„Klar, immer her damit." Sie stießen an und leerten die kleinen Flaschen, dann machten sie Platz für die nächsten Gäste, die ebenfalls Hunger hatten und etwas Stärkung brauchten. Um ein wenig zu verdauen, gingen sie noch einmal an Deck, aber abgesehen vom rauen Wind war dort nichts mehr zu sehen. Kein Licht, keine Boje, nicht einmal die Sterne. „Lass uns ins Bett gehen", schlug Felix vor, als sie nach einer Weile ziemlich durchgefroren waren.

„Ja“, sagte Ole, bewegte sich aber nicht sofort. Auch wenn es kalt war, mochte er es, mit Felix hier im Wind zu stehen. Erst nach einem weiteren Kuss schlenderten sie langsam zu ihrer Kabine, wo er Felix nur gerade so viel Zeit gab, sich Jacke und Schuhe auszuziehen, bevor er ihn wieder an sich zog und verlangend küsste.

Es war wie verhext. Sein ganzes Leben lang hatte Felix nicht so viel geküsst wie mit Ole die letzten vier Tage und er hatte noch immer nicht genug davon. Ganz im Gegenteil. Mit jedem Kuss wurde das brennende Verlangen größer und so ließ er sich langsam zum Bett schieben und sank darauf, zog Ole so auf sich und umfing ihn mit beiden Armen.

Die Fahrt dauerte ein paar Stunden und sie waren es die letzten Tage ja schon gewohnt, mit wenig Schlaf auszukommen, da konnten sie bestimmt ein klein wenig abzwacken. Felix musste bei dem Gedanken grinsen. Langsam bekam er Angst vor sich selbst. Aber zum Glück schien Ole das nicht zu stören, so enthusiastisch wie der ihn gerade zurückküsste und noch einige andere Dinge mit seinen Händen anstellte.

„Wo warst du nur mein ganzes Leben lang", knurrte er und sorgte dafür, dass die geschickten Hände ihm die Kleider entreißen konnten und Felix wusste, dass er trotzdem nicht frieren würde, weil Ole Feuer schürte, die ihn brennen ließen.

27



„Willkommen in Schweden, Schatz.“ Ole rollte gerade von der Rampe und endlich hatten sie wieder festen Boden unter den Füßen. Es war früher Morgen, aber immer noch war es dunkel um sie herum. Die Sonne ging erst in ein paar Stunden auf. Hier war es ganz anders als in Deutschland. Alles war mit einer Schneedecke zugedeckt und auch wenn es Unsinn war, meinte Ole jedes Mal, auch die Luft roch in Schweden vollkommen anders.

„Hallo ihr Elche, ich komme!", rief Felix übermütig und sah sich um, was alles anders war. Doch er konnte noch nicht viel erkennen. Sie fuhren eine breite Straße entlang und irgendwann verließen sie die Stadt. Das Wasser begleitete sie linkerhand noch ein wenig, doch dann war Felix auch schon wieder eingeschlafen, obwohl er das eigentlich nicht gewollt hatte. Aber vier Stunden Schlaf waren zu wenig für ihn.

Wie machte Ole das nur?

Ole ließ ihn schlafen. Es brachte nichts, wenn Felix sich jetzt mit aller Macht wach hielt und eine halbe Stunde bevor sie da waren, wollte er seinen Freund wecken. Die Landschaft veränderte sich nach und nach und der Schnee wurde auch mit jedem Kilometer, den sie weiter nördlich fuhren, höher.

Sie waren noch ungefähr eine dreiviertel Stunde von ihrem Ziel entfernt, als langsam die Sonne aufging, darum tippte Ole Felix an und versuchte ihn wach zu machen. Er war an die Seite gefahren, denn die paar Minuten machten den Kohl auch nicht mehr fett. Das wollte er genießen und Felix sicherlich auch.

Sein Freund rieb sich die Augen und gähnte verhalten, ließ sich aber von Ole in die Arme ziehen und begriff schnell, warum sie gehalten hatten. Die Sonne zauberte blutrote Schatten auf den weißen Schnee, die Bäume glitzerten, dass es eine Freude war. „Schön", murmelte Felix leise.

„Ja.“ Ole lehnte sein Kinn auf Felix' Schulter und sah sich mit ihm zusammen den Sonnenaufgang an. Er mochte die Stimmung, wenn der Tag begann und alles noch frisch und unberührt wirkte. „Wir sind bald da, noch eine halbe bis dreiviertel Stunde." Sie waren gut vorangekommen, denn trotz des vielen Schnees waren die Straßen geräumt. Hier oben wusste man eben, wie man sich auf den Winter vorbereitete. Nicht zu vergleichen mit dem Ruhrgebiet, wo das Verkehrschaos losbrach, wenn auch nur drei Flocken vom Himmel fielen.

„Ich bin schon ganz nervös. Werden wir die ganze Zeit bei deinen Eltern wohnen?", fragte Felix, denn das hatte Ole noch nicht erzählt. Zwar dass sie dort ein Haus hatten, aber nicht, wie die Verteilung war und wenn sie Wand an Wand mit den Eltern schliefen, dürften das ein paar ziemlich unsexuelle Nächte werden.

„Das musst du nicht. Sie werden dich mögen.“ Ole küsste Felix zärtlich und legte die Arme ein wenig fester um ihn. „Wir fahren zum Haus meiner Großeltern, aber wir schlafen nicht da. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite haben sie noch ein Ferienhaus, das gerade nicht vermietet ist, weil ein paar Dinge daran repariert werden müssen. Weil ich in frischverliebter Begleitung komme, wurden wir dort einquartiert. Meine Eltern wohnen drüben bei meinen Großeltern.“

„Oh!", machte Felix und wurde schlagartig knallrot. Man rechnete also schon damit, dass Ole und sein Freund Massen von Sex haben wollten und quartierte sie deswegen außerhalb ein. Was hatte er denn schon für einen Eindruck hinterlassen, ohne da gewesen zu sein? Das war ja so peinlich! Besonders, weil sie ja Recht hatten! Seit Felix wusste, wie unheimlich befriedigend es mit Ole war, hatte er gern und reichlich Sex.

Ole konnte die heißen Wangen spüren und küsste seinen Schatz. „Das muss dir nicht peinlich sein. Freuen wir uns einfach, dass meine Großeltern wissen, wie es um uns bestellt ist. Denn ich möchte dich lieben können, wann und wie wir wollen.“ Die Sonne war mittlerweile aufgegangen und sie konnten eigentlich weiterfahren.

„Meine Güte", sagte Felix immer noch kirschfarben schattiert. „Jedes Mal, wenn sie mich ansehen, werde ich mich fragen: wissen sie es?" Er versuchte das alles von sich zu werfen, doch so leicht war das gar nicht. Aber er musste dazu stehen. Es gab kein Zurück. Und eigentlich freute er sich ja auch.

„Also, sie wissen, dass wir miteinander schlafen, aber nicht, wie oft.“ Ole wuschelte Felix durch die Haare und ließ ihn los, damit sie weiter konnten. „Fahren wir, sie warten bestimmt schon auf uns.“ Langsam wurde er auch aufgeregt, denn er freute sich, seine Großeltern endlich wieder zu sehen und Felix die Überraschung zeigen zu können.

Hoffentlich war sie noch da!

„Na das wär‘s noch, wenn sie die Protokolle unserer Nächte lesen würden", murmelte Felix und wollte sich das nicht einmal zum Spaß vorstellen. Er lenkte sich also damit ab, dass er zuguckte, wie die verschneite Landschaft an ihm vorbei sauste. Ab und an kamen ihnen Wagen entgegen, mal überholten sie jemand, der langsamer war. Und irgendwann, als man nur Bäume und einen Schlagbaum sah, hielt Ole an.

„Wir sind da. Hier werden wir die nächsten Tage wohnen. Bleib sitzen, ich öffne den Schlagbaum und dann zeig ich dir das Haus. Zielstrebig ging Ole zu einem Stein, neben der Absperrung und hob ihn hoch. Dort deponierten seine Großeltern immer die Schlüssel, wenn jemand aus der Familie dort wohnen sollte. Das Schloss war schnell geöffnet und er fuhr den Wagen zu dem Carport, von dem aus sie auch durch den Keller ins Haus kamen.

Felix klebte förmlich an der Scheibe, als er das typische Schwedenhaus sah. Genau so wie man es von Postkarten kannte. Holzverkleidet und in einem dunklen Weinrot. Überall standen große, blau gepinselte Gartenzwerge, gerade wie Wächter. Doch viel sah man von den eingeschneiten Gesellen nicht. Nur hier und da lugte noch ein Kopf aus den Schneewehen. Zum Glück hatte Oles Opa die Auffahrt soweit beräumt, dass man aussteigen konnte, ohne mit der Tür Schnee zu schieben.

Ole holte erst einmal ihre Taschen aus dem Kofferraum und drückte Felix den Schlüssel in die Hand. Sie kamen in einen großen Vorraum, der als Keller genutzt wurde und Ole dirigierte Felix an ein paar Türen vorbei, eine Holztreppe hoch. „Das Haus ist ein wenig am Hang gebaut“, erklärte er dabei, als sie im oberen Flur ankamen. „Hier oben ist die Haustür und davor ist ein großer Wintergarten.“

Neugierig besah sich Felix alles und guckte noch einmal zurück. Die Treppe durfte man aber im wahrsten Sinne des Wortes nicht mit dem falschen Fuß zu erst betreten, sie hatte aus Platzgründen immer nur zur Hälfte eine Lauffläche, so wie man die Füße setzte. Die erste Stufe nur rechts, die zweite nur links, die dritte nur rechts und so weiter. Hoffentlich dachte er daran, wenn er hier hastig hinunter ging.

„Na, wie gefällt es dir?“ Ole mochte das Haus ziemlich gerne und freute sich immer, wenn er hier übernachten konnte. Der Koch-, Ess- und Wohnbereich war offen, so dass man sich nicht eingeengt fühlte. Im Wohnzimmer luden gemütliche Sofas und Sessel zum sitzen ein und mit dem Kamin fiel Ole auch das eine oder andere ein.

Felix stromerte durch die Räume und war von der offenen Feuerstelle ebenfalls ziemlich angetan. So was kannte er nicht. Sie hatten zwar ganz früher Kachelöfen in allen Räumen im Haus gehabt, doch das war ja noch was anderes als ein Kamin, in dem es knisterte und flackerte und das hypnotisierende Feuer Schatten über die Wände tanzen ließ.

„Richtig schön hier. Ist es oft vermietet?", fragte Felix. Er konnte sich gut vorstellen, dass viele hier gern Urlaub machten.

„Ja, eigentlich das ganze Jahr über. Es gibt einige, die schon seit Jahren kommen.“ Ole umfing Felix von hinten. „Bist du sehr müde?“, fragte er. „Wenn nicht, würde ich sagen, wir duschen und gehen dann rüber zu meinen Großeltern. Sie haben bestimmt ein leckeres Frühstück für uns.“

„Ja, lass uns das so machen." Felix nickte. Damit zeigte er sich einverstanden und holte gleich seine Tasche her. Er brauchte ein paar ordentliche Klamotten, damit er bei Oma und Opa Ole den besten Eindruck hinterließ, den man eben nur hinterlassen konnte. Angeblich war der erste ja der entscheidende. Und husch - war er im Bad verschwunden.

„Ich dusch dann nach dir“, rief Ole ihm hinterher und fing schon einmal an, ihre Sachen in die Schränke zu räumen. Felix musste auch nicht frieren, denn die Heizung lief in allen wichtigen Räumen.

Der Wagen war schnell ausgeräumt und als Ole das letzte Geschenk in einem der Zimmer deponiert hatte, öffnete sich die Badezimmertür und Felix kam heraus. Er trug eine enge Jeans und einen Pullover darüber. Und ein prüfender Griff eines lasziv grinsenden Oles bewies, dass er wie üblich unter dem Pullover nichts drunter trug, so wie Ole es gern hatte.

„Los, dusch dich", schubste Felix seinen Freund lachend in die Dusche und ging in die Küche, um sich etwas umzusehen. Als es klingelte und Ole rief, er solle ruhig hin gehen, machte Felix das, öffnete die Haustür und wollte gerade in den Wintergarten treten, als er seinen Augen nicht traute. Angewurzelt stand er da, wagte aber nicht, wegzusehen, sondern starrte durch den Wintergarten auf die Tür.

„Ole", sagte er leise. „Ole!"

Er holte tief Luft. „Da hat gerade ein Elch geklingelt", sagte er und konnte selber nicht glauben, was er da sagte. Aber so war es - vor dem Wintergarten stand ein Elch und drückte mit der Nase noch mal auf die Klingel.

„Inga“, kam ein jubelnder Schrei aus dem Badezimmer und die Tür wurde aufgerissen. Splitternackt, wie er war, stürzte Ole aus dem Bad und lief zur Wintergartentür, den verdatterten Felix im Schlepptau. Er plapperte fröhlich auf Schwedisch und schon hing er dem noch nicht ganz ausgewachsenen, aber auch nicht mehr kleinen Elch am Hals und herzte und knuddelte ihn. „Schatz, darf ich vorstellen, das ist Inga. Wir haben sie den letzten Sommer großgezogen und sie ist meine Überraschung für dich“, lachte Ole und zog Felix zu sich, damit er sich mit Inga bekannt machen konnte.

Doch der stand wie ein Stock in der Landschaft, wusste nicht, ob er erst auf den ihn neugierig beäugenden Elch oder auf seinen nackten Schatz gucken sollte.

Ein Elch!

Ein richtiger Elch und er kam gerade in den großen Wintergarten getrabt, draußen war es ihr wohl zu kalt.

„Ein Elch", sprach Felix irgendwann aus, was in seinem Kopf kreiselte.

Ole lachte und küsste Felix übermütig. So wie es aussah, hatte seine Überraschung geklappt. Ihm war noch nicht einmal kalt, obwohl im Wintergarten Minusgrade herrschten. „Du kannst sie streicheln. Sie ist zahm, aber es könnte sein, dass sie ein wenig eifersüchtig wird. Sie hat irgendwie einen Narren an mir gefressen. Mag daran liegen, dass ich oft mit ihr zusammen im Stall geschlafen habe, damit sie sich nicht fürchtet."

„Ich glaub das jetzt nicht", sagte Felix leise, musste es aber glauben, als sich eine große Schnauze ihm näherte, um ihn zu beschnüffeln. Dann wandte sich Inga unzufrieden wieder Ole zu und Felix stand etwas pikiert in der Gegend herum. „Ich bin frisch geduscht, ich stinke nicht", erklärte er dem Elch und kam sich noch nicht einmal albern dabei vor.

„Das ist ja das Problem, Schatz. Du riechst nicht nach mir“, lachte Ole und zog Felix zu sich, grinste diabolisch. Noch ehe Felix ihn abwehren konnte, schnappte er sich seinen Freund und rieb sich kichernd an ihm.

Allerdings stoppte ihn ein strenges: „Ole“, und Besagter wurde knallrot.

„Mama“, stammelte der große Schwede und versteckte sich hinter Felix. Schließlich war er ja nackt. Und weil Inga jetzt ungeflauscht in der Gegend stand, folgte sie ebenfalls und klemmte sich auch noch hinter Felix, der dem Elch ziemlich irritiert hinterher guckte. Doch dann bemerkte er die blonde Frau, etwa im Alter seiner Mutter, die amüsiert und in einen dicken Strickpullover gehüllt, in der Tür des Wintergartens lehnte. Sie wirkte sehr zufrieden, ihren Jungen erwischt zu haben.

Erschrocken schrie er auf, als ihm erst etwas feucht gegen das Ohr pustete und dann darüber leckte und so war das Chaos im Wintergarten perfekt.

Felix sprang nach vorne, Inga nach hinten und Ole stand mittendrin und fing laut an zu lachen. Er drehte sich zu dem Elch und redete beruhigend auf ihn ein, so dass Inga aufhörte herumzutänzeln und sich flauschen ließ. Als nächstes war Felix dran, der sich immer noch übers Ohr rieb, weil es voller Elchspucke war. „Musste das jetzt sein?“, brummte Ole seine Mutter an, lächelte aber dabei. Er freute sich unwahrscheinlich sie zu sehen.

„Natürlich musste das sein, mein Schatz, sonst hätte ich das doch nicht gemacht", sagte sie, ignorierte ihren Sprössling aber und widmete sich dem jungen Mann im Mittelpunkt des Wintergartens. Der schien an einen nackten Ole schon so gewöhnt zu sein, dass er nicht einmal Notiz davon nahm, sondern allen Ernstes auf den Elch einredete, wie der sich fühlen würde, wenn ihm jemand das Ohr nass sabberte.

Und wie es schien war Inga von der Idee ziemlich angetan, denn sie kam näher. Sie kam ganz nah an Felix heran und wedelte mit ihrem großen Ohr vor dessen Nase. Aber Ole beendete das Spiel und zog leicht daran. Er brauchte Felix jetzt. „Mama, das ist Felix. Felix, das ist meine Mutter Lynn Johansson“, stellte er sie einander vor und legte seinen Arm um Felix, damit er sich nicht alleingelassen fühlte.

Brav reichte Felix die Hand und war sehr erleichtert, als die blonde Frau ihn anlächelte. „Herzlich willkommen", sagte sie und zog Felix an sich, wuschelte ihrem Jungen dabei durch die Haare. „Inga, stäng dörren", forderte sie den Elch auf und Felix guckte ungläubig, wie der Elch wirklich ging und die Tür mit der Schnauze zu zog.

Unglaublich!

„Sie ist gut erzogen und sie weiß, dass sie nicht ins Haus darf“, lachte Ole und umarmte seine Mutter. Ihm wurde langsam kalt, darum klapste Lynn ihm auf den Hintern und schickte ihn duschen. „Beeil dich, Oma wartet mit dem Frühstück auf euch. Inga und ich gehen schon mal vor. Sie stellt ja doch nur Blödsinn an.“ Sprach's und griff sich den jungen Elch am Ohr. So war es einfacher, sie von Ole wegzukriegen. Sie brummte noch ein bisschen, folgte aber, auch wenn sie immer einmal zurück guckte und sich zu fragen schien, warum sie raus musste und Ole hier blieb. Felix streichelte sie noch schnell, weil das dicke Fell verlockend war und dann war sie auch schon aus der Tür und stakste vorsichtig den Weg entlang, der sich über die Wiese vom Weg bis zum Wintergarten zog.

„Ich glaub's nicht", sagte Felix, als er in der Tür zum Bad stand und seinem Schatz beim Duschen zuguckte. „Ein richtiger Elch und er ist so süß!"

„Ja, das ist sie, aber auch frech, mit viel Blödsinn im Kopf.“ Ole beeilte sich und war nach fünf Minuten schon wieder aus der Dusche. „Ich wollte dir so gerne von ihr erzählen, als ich gemerkt habe, dass du Elche toll findest, aber dann hab ich dich eingeladen und wollte dich überraschen. Also einen Elch wirst du bestimmt sehen und zwar jeden Tag.“

„Das glaube ich auch. Mal sehen, ob sie mich irgendwann mag", sagte Felix und schielte durch das Glas der Haustür und die großen Fenster vom Wintergarten, ob er unten rings um Omas Haus den Elch sehen konnte. Er war immer noch völlig von den Socken. „Warum habt ihr sie? Ist sie euch zugelaufen?", fragte Felix neugierig, denn Elche waren nicht gerade das typischste aller Haustiere.

„Sicher wird sie das. Sie mag dich jetzt schon, sonst hätte sie dir nicht über das Ohr geleckt und hätte sich auch nicht anfassen lassen.“ Ole rubbelte sich die Haare trocken und zog Felix für einen Kuss zu sich. „Meinen Großeltern gehört auch ein Stück des Waldes nebenan und dort hat mein Großvater Inga gefunden. Sie war erst ein paar Tage alt. Ihre Mutter war von einem umgestürzten Baum getötet worden. Da hat er sie mitgenommen. Sie wäre sonst gestorben.“

„Och Gott, die Ärmste. Ein Findelelch", sagte Felix und war gleich wieder ganz weich und mitleidig. Inga war aber auch süß. Als kleiner Elch war sie sicherlich noch niedlicher gewesen, aber auch jetzt war sie toll. Die große Schnauze, die großen Ohren und die langen Wimpern. „Ich hätte sie auch mitgenommen." Da war sich Felix sicher, doch dann hetzte er Ole durch die Wohnung, damit er sich anzog. Er wollte wieder zu Inga.

Lachend ließ Ole sich scheuchen und erzählte weiter, während er in eine Hose und einen warmen Pullover schlüpfte. „Es war ein Wochenende und ich war gerade zufällig zu Besuch aus Stockholm. Ich war gleich hin und weg von diesem kleinen, scheuen, staksigen Zwerg. Sie hatte ziemliche Angst und irgendwie hat sie sich beruhigt, als ich sie in den Arm genommen habe. Seit dem liebt sie mich und ich habe mich um sie gekümmert.“

„Ich entdecke gewisse Parallelen", lachte Felix, denn bei ihnen war es ja eigentlich ähnlich gelaufen. Felix war auch etwas unorientiert in Oles Arme gelangt und dort hängen geblieben. Es war also nicht so, als könnte er die junge Dame nicht verstehen. „Und jetzt husch." Hibbelig wuselte Felix rundenweise von der Küche durch das Esszimmer und das Wohnzimmer in den Flur und wieder in die Küche, nur um Ole bei jeder Runde zu erklären, dass ein Elch wartete.

Als Ole sich fertig angezogen hatte, fing er Felix ein und küsste ihn. Dass er gerade von einem Elch an die zweite Stelle verdrängt wurde, machte ihm nicht viel aus, denn er liebte Inga ja selber. Er wusste, dass Felix ihn liebte und da konnte er großzügig sein. „Wir können los“, sagte er die Worte, die Felix hören wollte, nach dem Kuss.

Sofort zog sich Felix seine Elch-Kombi über, zusammengestellt aus Huf-Handschuhen, Elch-Ohren-Mütze und dem braunen Schal, kuschelte sich fest in seine Jacke, denn der Wind hatte aufgefrischt. Bis zu den Großeltern war es nur ein kurzer Weg, aber das Wetter war tückisch.

Dick verpackt hüpfte Felix den Weg über den Vorgarten zur Auffahrt und sah Ole wartend an, weil der hinter ihnen noch das Haus abschloss. Dann suchte Felix mit seinen Augen nach Inga.

Ole beeilte sich zu ihm zu kommen und Arm in Arm gingen sie über die Straße. So konnte er seinen Schatz etwas daran hindern aufgeregt zu hibbeln. Langsam liefen sie den Weg zum Haus seiner Großeltern und als Felix sich immer mehr den Hals verrenkte, stieß Ole einen lauten Pfiff aus. Erst passierte nichts, aber dann bog Inga um eine Ecke und trabte auf sie zu.

„Hey, die hört ja richtig", lachte Felix und dieses Mal war er doch um einiges mutiger. Als die junge Dame vor ihm stand und ihn - sicher wegen seiner Ohren - fragend musterte, flauschte er sich in das weiche Fell und Inga ließ es passieren, beschnüffelte lieber die großen Ohren, die der Mensch vorher noch nicht gehabt hatte.

Ole stand daneben und beobachtete lächelnd, wie Felix und Inga sich langsam anfreundeten. Er hatte gehofft, dass seine Süße sich von Felix knuddeln ließ und dass das wirklich klappte, freute ihn. Unbemerkt von den beiden, die vollkommen miteinander beschäftigt waren, zog Ole sein Handy und machte ein Bild von einem glücklich strahlenden Felix, der seine Arme um Inga gelegt hatte. Schnell war ein kurzer Gruß an Jan und Mario dazugetippt und schon machte sich das Bild auf den Weg.



28

„Wollt ihr nicht rein kommen?", rief Lynn plötzlich von der Tür aus. Auch sie hatte die beiden Jungs und den Elch beobachtet und so wie Felix an dem Tier hing, schien Ole rege Konkurrenz bekommen zu haben. Sie grinste, mehr noch, als Felix verlegen die Nase aus Ingas Fell nahm.

„Ja, sofort!", rief er und musste sich von Inga lösen, die ein bisschen an seinen Ohren knabberte - an den pelzigen, versteht sich.

Ole rettete die Mütze und stupste Inga gegen die Nase. „Wir gehen nach dem Frühstück mit ihr spazieren“, versprach er Felix, der ein wenig wehmütig guckte. Ole sah zum Haus hinüber und winkte mit beiden Armen, denn seine Großmutter hatte sich zu Lynn gesellt und sah sie neugierig an. „Mema“, rief er laut und die kleine Frau strahlte, als sie den alten Kosenamen hörte, mit dem ihr Enkel sie anredete, seit er reden konnte.

„Sie wird mich nicht verstehen, oder?", fragte Felix und plötzlich ergriff ihn latente Panik. Er war hier zu Besuch und konnte nicht einmal so was wie: „Guten Tag", sagen. Dafür hatten sie irgendwie keine Zeit gehabt, Felix das beizubringen. Jetzt ärgerte er sich maßlos und grinste schief, als er näher kam. „Hallo", grüßte er und hoffte, dass man das fast überall auf der Welt verstand.

„Hallo“, grüßte Oles Oma zurück und ein Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sie Felix musterte. Sie war sehr neugierig gewesen, endlich einmal einen Freund ihres Enkels kennen zu lernen und sie musste sagen, dass Ole Geschmack hatte. „Herzlich willkommen“, sagte sie auf Deutsch, wenn auch mit Akzent und kicherte wie ein junges Mädchen über Felix’ erstauntes Gesicht. „Ick spreke nicht viel Tysk. Nur wenig“, erklärte sie und drückte Felix kurz an sich.

„Oh", machte Felix völlig irritiert und lächelte ebenfalls, als er sich an die kleine Frau gedrückt wieder fand. „Dankeschön", bedankte er sich brav für den warmen Empfang und ließ sich in den Flur ziehen, wo er gleich die Schuhe von den Füßen streifte. Das Haus war ähnlich aufgebaut wie das, in dem Ole und er wohnten, vom Flur kam man in eine offene Küche, in der ein riesiger gedeckter Tisch wartete, an dem zwei Männer saßen - sicherlich Oles Vater und Opa. „Hallo", versuchte es Felix also erneut. Es hatte ja eben schon einmal funktioniert.

„Hallo“, kam es zweistimmig zurück und beide Männer standen auf, um den Besuch zu begrüßen. Hinter Felix drückte Ole seine Oma und wieder einmal konnte er seinen Freund schwedisch sprechen hören.

Ole machte es heute etwas kürzer als sonst, denn er wollte Felix nicht alleine lassen. Darum legte Ole gleich wieder einen Arm um seinen Freund, als sein Vater und sein Opa zu ihnen kamen. „Hallo Felix“, grüßte der jüngere und reichte ihm die Hand, während der Großvater freundlich nickte.

„Hallo", sagte Felix noch einmal und wirkte sehr nervös. Ganz anders als Ole, als ihn Familie Kaminski beschnüffelt hatte. Er war doch um einiges cooler gewesen. „Danke, dass ich hier sein darf", erklärte er also, um etwas zu sagen und nicht ganz so bescheiden in der Gegend herum zu stehen. Er merkte nicht einmal, wie er sich etwas verloren an Ole drückte.

„Wir freuen uns, dich hier zu haben.“ Oles Vater lächelte und deutete auf den Tisch. „Lasst uns frühstücken. Ihr seid doch bestimmt hungrig“, lud er Felix ein und Oles Großvater nickte. Er war kein Mann vieler Worte, aber man sah, dass er sich freute, Felix kennen zu lernen. Sie hatten im letzten Jahr mitbekommen, wie schlecht es Ole gegangen war und darum waren sie froh, ihn endlich wieder glücklich zu sehen.

Lynn machte kurzen Prozess und schob den nervösen Felix zum Tisch und auf einen Stuhl, packte Ole gleich daneben, damit Felix sich langsam erholte und setzte sich selbst auf die andere Seite von Oles neuem Liebling. Schließlich stand es ihr als Mutter zu, alles genau zu wissen und zu erfahren. Wenn es möglich war, aus erster Quelle. Felix sah sie grinsend an. Mütter waren eben alle gleich.

Ihnen wurde eine Tasse Kaffee eingeschenkt und Ole verschaffte sich einen Überblick über das Angebot auf dem Tisch und seine Augen leuchteten. Seine Oma hatte sich selbst übertroffen. Es gab alles, was Ole gern aß und so leckte er sich über die Lippen und seine Mema bekam einen dicken Schmatzer. „Greif zu“, sagte er zu Felix und nahm sich selber gleich etwas Lachs.

„Äh, ja klar", sagte Felix, hielt sich aber erst einmal an seinen Kaffee. Er hatte Hunger, das wurde ihm gerade bewusst, doch er sah sich nur verschämt um, weil alle ihn abwartend ansahen.

Was erwarteten sie von ihm?

Musste er etwas sagen?

Waren sie gläubig?

Wurde gebetet?

„Jetzt hört aber auf. Fragt ihn aus, wenn er satt ist und er sich an euch gewöhnt hat“, brummte Ole leise auf schwedisch und beugte sich zu einem Kuss zu Felix hinüber, was seine Oma leise entzückt seufzen ließ. Aber Oles Worte schienen bewirkt zu haben, was er wollte, denn alle nahmen sich etwas und Lynn fragte, wie die Fahrt verlaufen war.

„Total klasse", erklärte Felix und griff auch endlich zu. Der gebeizte Lachs sah gut aus. So etwas hatte er noch nie zum Frühstück gegessen und war neugierig darauf. „Das Schiff war riesig und ist nicht untergegangen und wir hatten eine Kabine und das Essen war auch total lecker." Felix redete einfach, dann musste er nicht nachdenken und vergaß vielleicht, dass er nervös war.

„Na, dann können wir ja darauf hoffen, dass du uns nun öfter mit Ole besuchen kommst“, lachte Lynn und Ole verdrehte die Augen.

„Ihr könnt mich ja auch besuchen kommen“, konterte er, denn die Diskussion kannte er schon. „Wir werden sicher öfter vorbeikommen, aber weil wir beide arbeiten müssen, wird das nicht ständig gehen."

„Und dann ist da ja noch der Elch", nuschelte Felix, aber nur ganz, ganz leise und biss gleich wieder ab, hoffend, dass niemand ihn wirklich gehört hatte. Was machte das denn für ein Bild? Dass er nur wegen dem Elch hier her kommen würde? Das stimmte doch gar nicht. Besser er hielt seinen unqualifizierten Mund, das war manchmal besser.

„Inga?“ Lynn sah Felix fragend an und lachte dann laut. „Noch so ein Elchverrückter wie Ole. Warum überrascht mich das jetzt nicht.“ Sie übersetzte es schnell für ihre Schwiegereltern und alle grinsten. „Weißt du, als wir Inga gefunden haben, hat Ole darauf bestanden, bei ihr im Stall schlafen zu müssen, damit sie nicht so alleine ist. Er hat sie betüddelt und beschmust und wir haben ihn kaum gesehen. Wir mussten ihm sogar sein Essen in den Stall bringen.“

„Was man ja irgendwie auch verstehen kann", grinste Felix schief und sah Ole an. Er hatte zwar gemerkt, dass der auch hier und da ein paar Plüschelche und Weihnachtsfiguren herumstehen hatte, aber dass er so krankhaft elchophil war wie Felix, war ihm bis heute entgangen. „Deswegen gefällt dir meine Mütze so. Du denkst, dich knutscht 'n Elch, wenn ich die aufhabe", stichelte er leise.

Ole lachte und stibitzte sich einen Kuss von seinem Lieblingselch. „Du küsst viel besser als Inga und da hat die Süße leider verloren“, flüsterte er schnell und setzte sich gleich wieder hin, als wenn nichts passiert wäre. „Was glaubst du, wie glücklich ich war, dass du auch Elche magst. Wenn ich nicht schon verliebt gewesen wäre, dann spätestens dann.“

„Sag doch nicht so was." Prompt wurde Felix wieder rot und amüsierte mit seiner schüchternen Art alle am Tisch.

„Hat Ole sich dir unsittlich genähert?", wollte Lynn nun alle schmutzigen Details wissen und lachte zufrieden, als Felix ertappt hustete.

„Na, das hoffe ich doch", keuchte er und sah auf seinen Teller. Eigentlich war es ihm peinlich, aber Ole sollte ruhig wissen, dass er das ja nicht zu unterlassen hatte.

Lynn machte große Augen und als Ole ihr frech die Zunge raus streckte, lachte sie. Ihr Mann übersetzte derweil für seine Eltern, damit sie sich nicht ausgeschlossen fühlten und so lachten alle am Tisch. „Touché“, gab Lynn unumwunden zu und klopfte Felix auf die Schulter. Auch wenn der Freund ihres Sohnes schüchtern wirkte, konnte er Ole Paroli bieten.

„Mit der Antwort hättest du nicht gerechnet, hm?", lachte Sven seiner Frau zu und freute sich diebisch, weil Felix so schlagfertig war.

„Nein, ich muss zugeben, ich hatte mit beschämten roten Wangen gerechnet und heimlich getauchten Blicken, aber nicht, dass man hier so offene Antworten bekommt. Aber was will man erwarten, wenn sich unser Junge nackt mitten im Wintergarten an seinem Liebsten reibt?"

Jetzt war es Ole, der Farbe bekam. Er wedelte auch gleich mit den Händen und seine Familie setzte sich bequem hin, denn sie waren gespannt, wie Ole sich da wieder herauswand.

„Also, das war so“, fing Ole an und er machte ein wichtiges Gesicht. „Das war nur wegen Inga. Weil sie soll Felix ja mögen und er hatte frisch geduscht. Er riecht dann immer wirklich toll und ich könnte ständig mit meiner Nase an seiner Halsbeuge…“ Ole verlor sichtlich den Faden und guckte geradezu gierig auf Felix’ Hals, wurde aber wieder von einem strengen: „Ole“, seiner Mutter in die Wirklichkeit geholt und räusperte sich.

„Ja, das war das Problem. Felix hat nicht nach mir gerochen und Inga sollte ihn doch mögen. Nur darum hab ich mich an ihm gerieben. Das ist so ein Elchding“, erklärte er also und sah in die Runde.

„Ein Elchding", fragte Sven trocken und verzog keine Miene. „Erklär mir das Elchding mal genauer. Vor allen Dingen, warum du nackt im Wintergarten herum springst." Das war nämlich der Umstand, den Sven am interessantesten fand und Lynn übersetzte brav für Oma und Opa, denn an Oles Peinlichkeiten durften alle teilhaben, da war sie sehr großzügig.

„Ja, ein Elchding. Elche haben große Nasen und können sehr gut riechen. Inga kennt meinen Geruch und je mehr Felix nach mir riecht, desto vertrauter ist er Inga“, erklärte Ole ernst, aber sein Vater zeigte ihm nur lachend einen Vogel.

„Spinner“, grummelte Sven, denn das klang richtig logisch. „Und warum warst du nackt?“, hakte er darum gleich nach und alle kicherten, als Ole wieder tief Luft holte.

„Wenn deine Frau Felix mit einer klingelnden Inga nicht so erschrocken hätte, hätte ich unter der Dusche gestanden und nicht im Wintergarten.“

„Du hast aber auch für wirklich alles eine Ausrede. Das ist unglaublich!" Lynn lachte und Felix amüsierte sich auch gerade ziemlich, aber nicht über Ole, sondern nur mit ihm.

„Und er war sehr erfolgreich mit seiner Elch-Logik, denn ich kann Inga schon anfassen!", versuchte Felix seinem Schatz und dessen Theorie zu stärken, bekam aber von Lynn erklärt, dass das vielleicht auch an seiner tollen Mütze liegen könnte.

„Da seht ihr's. Ich bin ein schlauer Ole“, plusterte Ole sich auf und nun konnte seine Familie nicht mehr. Lachend lagen sie auf dem Tisch.

„Hör auf, das ist ja nicht zu ertragen“, japste Sven und wischte sich die Tränen aus den Augen. Ole zwinkerte Felix stolz zu und fühlte sich großartig. In solchen Momenten wurde ihm immer wieder klar, was für eine tolle Familie er hatte und nun hatte er auch noch Felix. Besser konnte es ihm gar nicht gehen.

Felix aß derweil weiter und kicherte immer wieder. Ole war schon ein Spinner, aber ein besonders lieber und besonders hübscher und besonders geschickter und alles in allem ziemlich besonders. So kamen sie schließlich von einem Thema zum anderen und sie mussten auch erklären, wie und wo sie sich kennen gelernt hatten und den Werdegang bis heute schildern. Sie ließen ein paar Stellen aus, vor allem die mit Henning.

Nach dem Frühstück konnte Felix gar nicht mehr verstehen, warum er erst so nervös gewesen war. Oles Familie mochte ihn und sie freuten sich wirklich, dass er Weihnachten bei ihnen verbrachte. Sie saßen immer noch bei einer Tasse Kaffee am Tisch, als es an dem Küchenfenster klopfte. Es sah schon lustig aus, wie Inga sich verrenkte, damit sie bemerkt wurde. Sie durfte ja nicht ins Haus, also musste sie sich etwas einfallen lassen, damit sie bemerkt wurde.

„Komme schon!", sprang Felix plötzlich auf und huschte zu seinen Klamotten. Doch dann kam er eilig zurück, bedankte sich für das Essen und huschte erneut in den Flur, um sich anzuziehen und bei Inga im Schnee zu verschwinden.

„Ich würde mal sagen, vielleicht hättest du dich besser nicht an ihm gerieben und ihn nach dir riechen lassen. Jetzt brennt die junge Dame mit ihm durch", flötete Lynn ihrem Jungen zu und klimperte grinsend mit den Wimpern.

„Pff“, machte Ole nur. Das war völlig abwegig. Sollte Felix ruhig mit Inga herumtoben. Später tobte sein Schatz mit ihm. Im Bett, vor dem Kamin, in der Küche, eben überall. Was sollte denn ein Elch für eine Konkurrenz sein? Ole sah seine Mutter an und wollte etwas sagen, als er Felix draußen lachen und quietschen hörte. Lynn konnte sehen, wie Ole sich erst nichts anmerken ließ, aber immer wieder schielte ihr Sohn zum Fenster und schließlich stand er auf. „Ich guck mal nach den beiden“, sagte er hastig und lief schon in den Flur, um sich anzuziehen.

Das glockenhelle Lachen seiner Mutter folgte ihm, doch das hielt ihn nicht davon ab, noch im Jacke-anziehen die Tür aufzureißen. Eben tobte Felix mit Inga an ihm vorbei und hätten ihn fast noch über den Haufen gerannt, wäre er nicht dank seiner katzenhaften Agilität zurückgesprungen. Doch die beiden hatten ihn noch nicht einmal bemerkte. Gerade hüpfte Felix lachend in einen Haufen Schnee, verschwand bis zum Bauch und Inga ließ sich nicht lumpen und hüpfte hinterher.

Die beiden hatten so offensichtlich einen Heidenspaß, dass Ole erst einmal stehen blieb, wo er war und nur beobachtete. Felix’ Wangen waren gerötet und er bewarf Inga mit Schnee, die ihn dafür wieder in den Schnee schubste. Sein Schatz hatte unheimlich viel Freude und dann hielt Ole nichts mehr. Schnell machte er seine Jacke zu und lief zu Inga und Felix. Er wollte mitmachen.

Er guckte nicht schlecht, als ihn ein gut gezielter Schneeball an der Brust traf, doch dann hatte Felix wieder alle Hände voll zu tun, Inga davon abzuhalten, ihn mit Schnee zuzuschieben, denn mit ihrer breiten Schnauze konnte sie eine Menge Schnee bewegen, vor allem dann, wenn das Opfer bis zum Bauch im Schnee steckte und nicht weglaufen konnte. Also schlug sich Ole auf Felix’ Seite und bewarf Inga mit Schnee. Dabei lachte er laut und fühlte sich herrlich. Das hatte ihm gefehlt. Er lief zu Felix hinüber und gemeinsam versuchten sie Inga mit Schnee einzugraben, aber immer wieder befreite sie sich und schlug zurück. Sie hatten alle Hände voll zu tun, sich gegen sie zu wehren, denn Inga hatte sehr viel Kraft und so landeten Ole und Felix immer wieder im Schnee.

Auch die junge Dame hatte sichtlich ihren Spaß daran, mit den beiden zu toben. Das hatte auch ihr gefehlt. Ole war immer der gewesen, der mit ihr getobt hatte. Opa Lasse nahm sie zwar immer mit in den Wald und auf lange Spaziergänge, die er gern unternahm, um an dem kleinen Teich im Wald zu angeln, doch das war nicht dasselbe. Er schubste nämlich nicht zurück, wenn man ihn schubste. Im Gegensatz zu Ole.

Der lief grad lachend vor Inga her und schlug immer wieder Haken, damit sie ihn nicht schubsen konnte, allerdings hatte Ole nicht wirklich eine Chance, weil ihn der Schnee immer wieder behinderte und so landete er wieder in einer Schneewehe und Inga stand über ihm. Man konnte fast meinen, sie grinste, als sie Ole anstupste, damit sie weitermachen konnten.

Sie guckte nicht schlecht, als sie ein Schneeball mitten auf dem Hintern traf und als sie sich umwandte versuchte Felix die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, um seinen Liebling heldenhaft zu erretten. Vielleicht aber auch nur, um weiter mit dem Elch zu toben. Er hätte sich etwas in der Art nicht einmal träumen lassen - toben mit einem richtigen Elch, im bauchhohen blütenweißen Schnee - es war besser als jeder Traum.

„Na, was ist?", lachte er Inga zu, „dich an Schwächeren vergreifen, hm?"

Wie erhofft, stapfte Inga sofort los und Ole konnte aufstehen. Er klopfte sich den Schnee von der Kleidung und lenkte gleich wieder Inga ab, die Felix an einem Baum in die Enge getrieben hatte. Er lief zu ihr hinüber und legte seine Arme um ihren Hals. Es war ihm egal, dass sie ganz nass war und drückte sie an sich. Das hatte er wirklich vermisst.

Felix beobachtete die beiden dabei und hielt den Schneeball, den er werfen wollte, in seinen Händen. Das Bild war zu vertraut, als dass er es einfach zerstören wollte.

„Geht doch ein Stück mit ihr. Neuerdings schliddert sie gern auf den zugefrorenen Seen", sagte Sven, der eben nach draußen gekommen war, um aus der Scheune Holz zu holen.

„Sollen wir?“, fragte Ole Felix. Er selber hatte nichts dagegen, denn dann konnte er Felix auch gleich noch ein bisschen mehr zeigen. Außerdem erinnerte er sich daran, dass sein Freund sich unberührten Schnee gewünscht hatte, wo er Schneeengel machen konnte und auf dem Weg zu einem der Seen gab es das bestimmt.

„Klar, warum nicht." Felix ließ den Schneeball fallen und kam zu Ole und der jungen Dame, die gerade mit den Ohren wackelte, was Felix schon wieder unglaublich niedlich fand. Er streichelte sie ein bisschen und so war es beschlossene Sache, sie wollten ein bisschen die Umgebung erkunden.

„Gut, ich hol noch ein paar Möhren. Die mag sie besonders gern und wir können sicher sein, dass sie nicht fahnenflüchtig wird.“ Ole küsste Felix schnell und flitzte los. Sein Schatz war bei Inga in guten Händen. Dass sie sich so gut verstanden, hatte er gehofft, denn nun konnte Felix jede Menge Zeit mit ihr verbringen. Seine Oma hatte ihm eine Tüte Möhren fertig gemacht und die schwenkte er, als er zurückkam und Inga wurde sofort darauf aufmerksam. Darum bekam sie ein Stück, schließlich war sie bisher ein braver Elch gewesen.

„Ein Möhrenelch also", sagte Felix und grinste. Er konnte nicht widerstehen und griff sich Inga noch einmal, um sie zu knuddeln. Doch dann stapften sie los - Inga vorneweg. Sie machte Bahnen für die zwei Menschen, denn die Waldwege waren nicht geräumt. Das strengte die junge Dame ordentlich an und powerte sie aus. Das brauchte sie ab und an. Ihr folgte Felix und am Ende ging Ole, um zu überprüfen, dass keiner verloren ging.

Sie stapften durch die Landschaft und Ole atmete tief die kalte, saubere Luft ein. Er hatte das Gefühl, Bäume ausreißen zu können. An einer großen Fläche mit unberührtem Schnee blieb er stehen und pfiff kurz, damit Inga und Felix merkten, dass er nicht nachkam. Neugierig kamen beide zu ihm und übermütig hob Ole Felix hoch. „Du wolltest doch Schneeengel machen“, lachte er und küsste seinen Schatz.

„Ja, wirf mich rein!", lachte Felix und guckte auf den unberührten Schnee. Er ging ihm auch hier mindestens bis zum Bauch, er würde sich also nicht wehtun, denn der Schnee sollte seinen Aufprall bremsen. Und Ole tat wie geheißen, warf Felix vorsichtig und der versank gnadenlos, jauchzte und lachte wie albern und ruderte wild herum.

Der Schneeengel wurde nichts, dafür hatte sich der lachende Felix halb eingegraben. Er wurde aber gleich gerettet. Von der einen Seite wühlte Ole sich zu ihm durch und auf der anderen Seite schob ein großer Elchkopf Schnee beiseite. Inga sah ja gar nicht ein, dass Felix alleine Spaß hatte. Darum warf sie sich neben ihren neuen Freund und rollte sich auch hin und her. Natürlich war sie nun voller Schnee, aber nur so lange, bis sie den Kopf schüttelte und ihre Menschen einstäubte.

„Super Plan", lachte Felix und versuchte es ihr gleich zu tun, doch er konnte sich nicht so schön schütteln wie ein Elch, sondern schleuderte sich dabei immer selbst von den Füßen, sodass er wieder im Schnee landete. Er kam sich vor wie ein kleines Kind, doch das machte nichts. Übermütig warf er sich auf seinen wühlenden Schatz und wälzte sich mit ihm durch den Schnee, bis sie über und über weiß waren.

Er kam auf Ole zu liegen und beide atmeten schwer, weil die Toberei anstrengend war. „Wenn wir so weitermachen, kommen wir aber nicht mehr zum See“, lachte Ole, der das aber nicht wirklich schlimm fand. Sie hatten Urlaub und da war es vollkommen egal, ob sie das heute oder morgen machten. Darum blieb er auch liegen und zog Felix zu einem sanften Kuss zu sich.

„Aber Inga, die freut sich bestimmt schon auf den See", nuschelte Felix gegen Oles Lippen, doch einem Kuss konnte er einfach nicht widerstehen. Es war schon merkwürdig, wie Ole ihn verändert hatte, wie süchtig er nach körperlicher Nähe und Zuneigung geworden war. Und so strichen seine Finger sanft über Oles Schläfen.

„Ja, das wird sie wohl.“ Ole hatte die Augen geschlossen und genoss das zarte Streicheln. Wenn es nach ihm ginge, konnten sie so liegen bleiben, aber das ging nicht. Der Stoff der Hose wurde langsam feucht und das wurde unangenehm. „Dann lass uns aufstehen“, murmelte er zwischen kleinen Küssen.

„Hm", murmelte Felix und guckte nicht schlecht, als ihm etwas schwer ins Ohr atmete und sich dann wieder an seinen Pelzohren zu schaffen machte. Inga hatte daran augenscheinlich ihre helle Freude gefunden und noch viel mehr als sie feststellte, dass man die Ohren auch von Felix' Kopf ziehen konnte. Da stand sie nun, die Mütze im Maul und sah Felix forschend an, als würde sie darauf warten, dass er reagierte. Doch der war zu perplex.

„Gib sie wieder her, Inga“, sagte Ole und setzte sich auf, allerdings sah der Elch das gar nicht ein. Inga schüttelte den Kopf und Ole musste grinsen. Die Kleine war mittlerweile ziemlich ausgebufft. Sie hatte schnell raus, das es meist Leckerchen gab, wenn sie etwas hergeben sollte und es nicht tat. Und ganz wie gehofft, holte Ole eine Möhre aus seiner Jacke. Darum ließ sie die Mütze großzügig fallen und schnappte sich die leckere Wurzel.

„Erpresser-Elch", lachte Felix und strich Inga über die Ohren. Die junge Dame war einfach klasse und ziemlich clever, das musste man ihr lassen. Sie wusste genau, wie sie bekam, was sie wollte. Und wenn es über Geiselnahme lief. Doch als sie aufgekaut hatte und die beiden jungen Männer sich wieder erhoben hatten, ging es weiter dem Ziel entgegen.

Diesmal lief Ole neben Felix und legte den Arm um ihn. „Und, war meine Familie schlimm?“, fragte er neugierig. Er selber konnte das schlecht beurteilen, denn er kannte diese Verhöre, die seine Mutter gerne veranstaltete. „Sie mögen dich auf jeden Fall. Sonst wäre das heute Morgen nicht so gelaufen.“

„Nein, nicht schlimm", sagte Felix und musste grinsen. „Ich fand's witzig, wie sie dich auseinander genommen haben." Dann lachte er lauter und versuchte zu flüchten, doch er kam nicht weg, denn der Schnee war zu tief. So hatte Ole ihn schnell wieder eingefangen und klopfte ihm auf den warm verpackten Hintern. „Frecher Purzel“, knurrte Ole gespielt böse und warf Felix in den Schnee. Das war zwar keine Strafe, aber es machte Spaß.

Und natürlich ließ sich Inga auch nicht lange bitte und machte mit. Kopf voran pflügte sie den Schnee um und schüttelte sich dann über Felix, damit der noch mehr abbekam als sowieso schon.

Nach einer Weile machten sie sich auf den Weg, doch weit kamen sie nicht. Das nächste Intermezzo wartete schon.

Für einen Weg von ungefähr vierzig Minuten brauchten sie fast zwei Stunden, aber das machte nichts. Der Anblick des zugefrorenen Sees und einer schlingernden Inga entschädigte für alles. Sie selber blieben am Rand stehen und sahen dem Elch zu, der mit sichtlichem Spaß über das Eis stakste. Sie hatte es raus, die vorderen Hufe gegen das Eis zu stemmen und sich mit einem Hinterhuf abzustoßen. Es sah zu komisch aus. Erst war Felix in Sorge gewesen, Inga könnte einbrechen, doch es zeigten sich auf der neuen Schneedecke schon ein paar Spuren, die verrieten, dass Inga nicht zum ersten Mal hier gewesen war.

„Wir hätten eine Kamera mitnehmen sollen", sagte Felix, denn das waren herrliche Augenblicke, die er gern festgehalten hätte.

„Wir haben bestimmt noch einmal Gelegenheit, mit ihr hier her zu gehen. Schließlich haben wir Urlaub und können machen, wozu wir Lust haben.“ Ole stand hinter Felix und hatte die Arme um ihn gelegt, damit er seinen Freund ein wenig wärmen konnte. Langsam kroch die Kälte durch die Kleidung und es wurde unangenehm.

„Ja, das sollten wir." Felix nickte und schloss die Augen. Er kuschelte sich fester an Ole und guckte nicht schlecht, als er mit sanftem Zug an seiner Jacke seinem Liebling entrissen werden sollte. Inga zog ihn vorsichtig aufs Eis und als Felix stand, stemmte sie ihm den Kopf in den Rücken. Und dann ging es los - sie schob, er jauchzte. Ole konnte über so viel Erfindungsgeist nur den Kopf schütteln. Inga war aber auch eine Marke.

Warum hatte er nur keine Kamera dabei?

Ole wollte schon fluchen, aber dann hellte sein Gesicht sich auf. Er hatte doch sein Handy mit. Das machte zwar nicht so schöne Fotos, wie eine richtige Kamera, aber es war besser als gar nichts. Gedacht, getan. Ole holte sein Handy und machte einen Schnappschuss nach dem anderen. Das glaubte ihm doch sonst keiner.

Und Felix jauchzte und lachte, weil Inga immer schneller wurde. Irgendwann wurde es ihm zu schnell und er rief, allerdings reagierte die junge Dame nicht gleich. Aber dann schob sie ihn zu Ole zurück, gerade so, als würde sie eine Geisel austauschen wollen hielt sie Felix so lange an der Jacke fest, bis der mit einer Möhre freigekauft worden war. Sie kaute zufrieden und Felix wirkte sehr glücklich.

Felix ließ sich in Oles Arme fallen und bekam einen Kuss. Schließlich war er eine Geisel gewesen. Ole zog ihm die Mütze wieder gerade und küsste ihn kurz. „Ich habe wohl Konkurrenz bekommen. Die Kleine ist aber auch die einzige Frau, die ich neben mir dulde.“

„Sie ist aber auch eines der wenigen weiblichen Wesen, denen man einfach nicht widerstehen kann", kicherte Felix und holte tief Luft. Inga war schon wieder rutschen gegangen. „Außerdem ist sie besonders hübsch und auffallend intelligent und sie weiß, wie sie bekommt, was sie will. Man muss ihr einfach verfallen, Schatz! Aber ich verspreche, sie nicht mit ins Bett..." Felix brach ab und überlegte. Warum eigentlich nicht? Für so einen kleinen Elch war doch bestimmt noch Platz.

„Scha-hatz!“ Ole zog eine Schnute, denn so gerne er Inga hatte, in seinem Bett und somit in Felix’ Nähe, wollte er sie nicht haben. Da war er egoistisch. Die Aufmerksamkeit seines Lieblings wollte er nicht teilen. Das war zwar Pech für den Elch, aber irgendwo musste er Grenzen ziehen, sonst fuhr er nach Silvester alleine nach Hause.

„Aber sie macht sich bestimmt ganz klein und stört auch gar nicht und ihr Fell ist doch so weich und...", fing Felix an Gründe zu suchen, warum er unbedingt einen Elch im Bett brauchte. „Süß und niedlich ist sie außerdem. Das hast du selber gesagt." Doch er merkte schon, dass er bei seinem Liebling auf Granit biss.

„Also, das einzige, worauf ich mich einlassen würde, ist, mit dir und ihr im Stall zu schlafen“, brummte Ole, aber gegen die großen, grauen Augen seines Lieblings kam er nicht wirklich an. Darum bot er den Kompromiss an. „Allerdings ist es da nicht sehr warm und wir müssen uns dick einmummeln, damit wir nicht frieren.“ Vom Equipment her war das nicht das Problem, denn es gab mehrere warme Schlafsäcke im Haus.

„Okay, damit kann ich auch leben", nickte Felix, wirkte sehr versöhnt und dafür bekam Ole noch einen leidenschaftlichen Kuss. Sicher hieß der Stall auch Entbehrungen zu machen und die wollte Felix seinem Liebling versüßen. Aber jetzt, wo er einen richtig echten Elch um sich haben konnte, wollte er das auch ausnutzen. Ein bisschen zumindest.

„Gut.“ Sie schienen beide einen Kompromiss gefunden zu haben, mit dem sie zu recht kamen. Mit Felix im Arm machte Ole sich langsam wieder auf den Heimweg. Seine Hose war mittlerweile unangenehm nass und es war besser, wieder ins Warme zu kommen. Damit Inga nicht den Anschluss verlor, pfiff er wieder laut, damit sie wusste, wo sie waren.

Doch sie schlidderte noch ein bisschen vor sich hin, ehe sie von hinten angaloppiert kam und so knapp hinter Felix bremste, dass der den Schwung im Rücken noch spürte. Nicht so, dass es wehtat, aber ausreichend, um noch einmal einen hohen Bogen in den Schnee hinzulegen.

„Hey", maulte er grinsend und wackelte mit dem Kopf, um den Schnee von der Mütze zu kriegen. Die Ohren wackelten und Inga machte mit.

Das sah lustig aus und Ole musste grinsen. Da hatten sich aber auch zwei gesucht und gefunden. Irgendwie kam Ole sich schon ein wenig überflüssig vor, denn seit Felix da war, war er bei Inga ziemlich abgeschrieben. Darum griff er sich die junge Dame und knuddelte sie durch. Als er nach Deutschland abgereist war, war sie noch um einiges kleiner gewesen und er hatte sich noch bücken müssen.

Inga wirkte sehr zufrieden, dass Ole sich so um sie sorgte und leckte ihm dafür zum Dank einmal quer über das Gesicht, was Ole das Gesicht verziehen ließ und Felix sich im Schnee kringeln. „Küssen muss sie noch üben, aber sie ist ja auch noch klein", lachte er und rollte sich wieder durch den Schnee. Die Klamotten waren klitschnass und er konnte nur hoffen, dass die irgendwann wieder trocken wurden.

„Du kannst es ihr ja beibringen“, lachte Ole und wischte sich noch einmal mit dem Ärmel über das Gesicht, um den letzten Sabber zu entfernen. So gern er Inga hatte, Elchspucke im Gesicht war eklig. „Komm Schatz, lass uns zurückgehen. Es gibt bestimmt gleich etwas zu essen und ich brauche was Heißes zum Trinken. Mir klappern gleich die Zähne.“

„Hm", machte Felix als müsste er wirklich darüber nachdenken, Inga das Küssen beizubringen. Doch dann schüttelte er lachend den Kopf. Doch lieber nicht. Hastig kam er auf die Füße und so stapften sie gen Heimat. Inga unterließ es, noch mehr Blödsinn zu machen und so kamen sie überraschend schnell voran. Sehr zur Freude aller, denn auch auf Inga wartete sicherlich Futter.

Darum schafften sie den Rückweg auch viel schneller und zum Glück wurde ihnen beim Laufen wieder ein wenig warm.

Am Haus der Großeltern angekommen, versorgten sie zuerst Inga, die sie in den Stall gebracht hatten. Während die junge Dame zufrieden ihr Futter kaute, rieben Felix und Ole sie mit Stroh trocken. Sie war ja auch pitschnass. Eigentlich müssten Elche das abkönnen, doch sie wollten da kein Risiko eingehen. „So, wir sind dann mal drinnen", erklärte ihr Felix überflüssigerweise, denn sicher verstand sie nur schwedisch.