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Alles was zählt - Teil 21 bis 24

-21-

Weil Leif sein Telefon an der Information abgegeben hatte, so wie immer, weil er zwar erreichbar sein, aber nicht gegen die Regeln im Krankenhaus verstoßen wollte, kam irgendwann ein junger Pfleger und erklärte, dass ein Herr Kleinschmidt angerufen hätte und ausrichten ließe, er würde vor dem IKEA in Tempelhof auf ihn warten, in einer Stunde. Leif nickte dankend und widmete sich wieder seinen kleinen Freunden, las die Geschichte noch zu Ende und versuchte dann JJ zu erklären, dass sie los mussten. Wirklich begeistert war der Junge nicht davon, man sah es ihm deutlich an. Doch dann fügte er sich in sein Schicksal, weil Leif ihm versprach, bald wieder hier her zu gehen.

Als er dann auch seinen Gustav wieder hatte, war JJ schon fast versöhnt und er drückte sein Schaf an sich. Mit einem letzen Blick durch die Glasscheibe und einem Winken verabschiedete sich JJ von den Kindern und trottete zusammen mit Leif durch den langen Flur. Doch man sah ihm deutlich an, dass er mit Gustav unter dem Arm noch nicht wirklich glücklich war, denn das große Plüschtier war unhandlich. „Soll ich ihn nehmen?", wollte Leif wissen und deutete auf das Schaf, doch JJ war von der Idee noch nicht wirklich überzeugt. Er klammerte sich an seinem Schaf fest, doch die großen Hufe schleiften auf dem Boden. Wenn das draußen im Matschwetter weiter ging, dann konnte JJ sein Plüschie aber nicht mehr mit ins Bett nehmen.

„Warte mal, Spatzl." Leif hielt den Jungen auf und JJ sah ihn misstrauisch an. Deswegen hielt er auch Gustav besonders fest, nicht dass ihm sein Schaf doch noch entwendet wurde. Leif lachte leise, der kecke Blick, mit dem der Junge ihn gerade bedachte, zeigte, was in ihm stecken konnte. Wenn JJ erst mal richtig aufgeweckt war, war das bestimmt ein lebhafter Junge. Er seufzte leise. Wenn es doch nur schon so weit wäre. Es würde ja schon reichen, wenn er mit ihm reden würde.

Als Leif nach Gustav greifen wollte, zog JJ ihn wie erwartet weg, doch dann schien er nachzudenken. Man sah es hinter den großen, blauen Augen deutlich arbeiten. Immer noch skeptisch reichte er Gustav aber doch her und Leif nickte. „Danke, guck mal, wir machen das mal so", erklärte er JJ und legte dem das Schaf auf den Rücken, gab JJ die Vorderpfoten in die Hand und der guckte sich verblüfft um, musterte die riesige Schnauze neben seinem Kopf und kuschelte sich kurz daran. JJ schien mit dem Arrangement leben zu können und stapfte los. Gustav hing nicht mehr im Dreck, JJ konnte ihn trotzdem tragen und so war auch Leif zufrieden.

Na ja, wenn alles so leicht zu lösen war wie dieses Problem, dann sah er in eine rosa Zukunft. Er grinste und lotste JJ dann wieder auf die Straße, holte sich noch sein Telefon beim Pförtner und verabschiedete sich. Dann ging es wieder ab in die Katakomben der Untergrundbahn und das Abenteuer U-Bahn-Fahren konnte von neuem beginnen.

Zum Glück war das Wegenetz der Gleise ziemlich übersichtlich und so waren er und JJ eine halbe Stunde später am IKEA. Dort wartete schon Jochen auf sie und weil er gestern gesehen hatte, dass JJ mit Tiara wohl ganz gut konnte, war sie auch mit dabei. Sie wollte gern und er konnte seiner Prinzessin sowieso nichts abschlagen. Peter erklärte zwar immer, Jochen würde sie ganz schön verziehen, doch so schlimm war es auch wieder nicht.

„Guck mal, wer da ist", lachte Leif und deutete auf Tiara und ihren Adoptiv-Papa. Mittlerweile hatte er nun doch Gustav im Arm, weil JJ aufgegeben hatte. Das Schaf hatte sich selbstständig gemacht und wäre fast noch bei einem unüberlegten Sprung in die S-Bahn eingeklemmt worden und zum unfreiwilligen S-Bahn-Surfer geworden.

Schweren Herzens hatte der Kleine also einsehen müssen, dass Leif mit Gustav besser hantieren konnte, so trug der Mann das Plüschie und JJ hielt eine Pfote fest. Ein guter Kompromiss, schon allein, weil Tiara schon wieder so nach dem Schaf guckte, was JJ misstrauisch machte. Jochen grinste nur, als er den Jungen so gucken sah und begrüßte Leif erst einmal.

„Na? Wie war es im Krankenhaus?", wollte Jochen wissen und Leif erzählte kurz, was gewesen war und wie es den Kleinen momentan ging und Jochen nickte. Auch er kam ab und an mit, wenn er Zeit hatte.

„Aber der Rest war ein Reinfall. Die drei Kindermädchen, die sie mir geschickt haben, konnte ich alle drei vergessen. JJ wollte sie nicht. Er ist regelrecht geflüchtet. Was nutzt es mir, wenn ich eine engagiere, die sich um den Jungen kümmern soll und wo er sich nicht wohl fühlt, wenn er Panikattacken bekommt, wenn er sie nur sieht." Leif konnte sich das selber nicht erklären. Er konnte sich nicht einmal vorstellen, dass JJ etwas gegen die Frauen im Einzelnen gehabt haben könnte. Er kannte sie doch gar nicht. Aber die Panik in den Kinderaugen hatte Leif fast das Herz zerrissen und so wollte er eben morgen weiter suchen. Es würde schon irgendwann eine dabei sein, mit der JJ einverstanden war. Da wollte Leif noch nicht so schnell aufgeben.

Die Wahl eines geeigneten Kindermädchens konnte er nicht über das Knie brechen. Von dieser Frau hing eine ganze Menge ab, sowohl für ihn, am meisten aber für JJ. Er musste mit ihr leben, mit ihr spielen, ihr vertrauen. Sie war das Bindeglied, wenn Leif einmal keine Zeit für den Kleinen hatte oder er Arbeiten erledigte, wo JJ einfach nicht dabei sein sollte.

Langsam gingen sie in den Markt hinein, während Tiara schon wieder auf JJ einredete und Leif sich als erstes eine Tasche griff, um das Schaf zu verstauen und eine für kleine Einkäufe. Den Rest wollte er liefern lassen.

„Tiara, nicht so weit weglaufen, bitte", rief Jochen seiner Tochter noch nach und sah Leif wieder an. Die Kinder tobten vor ihnen her und sie behielten sie immer im Auge.

„Bloß, Leif, wenn er keine von den Mädels wollte, ich weiß, du wirst wieder sagen, du bist ja so ein Homo", grinste Jochen, „doch warum versuchst du es nicht mal mit einem Kerl. Vielleicht will er einfach keine Frauen. Du hast gesagt, er kommt aus einer Sekte und was ich über diesen Bund im Internet gelesen habe, gefällt mir nicht. Schon gar nicht über die Dominanz der Frauen. Vielleicht hat er ein Problem mit Frauen im Allgemeinen, weil er von ihnen etwas erfahren hat, was ihm nicht gefallen hat. Er braucht vielleicht ein paar Monate, um das verarbeiten zu können. Warst du schon mal beim Arzt mit ihm? Damit das mal gecheckt wird?" Jochen hatte sich informiert und sich sehr dafür interessiert, was mit JJ wurde. Er war so ein süßer, kleiner Kerl. Man musste ihn einfach in sein Herz schließen, anders ging das doch gar nicht.

Sie fuhren die Treppe hinauf und steuerten die Kindermöbel an, ließen das übrige Angebot aber auch nicht aus dem Blick.

„Du meinst, er hat momentan ein Problem mit Frauen? Kann aber nicht sein. Denn er hat bis vorgestern ja bei seiner Betreuerin gelebt. Das war durchaus eine Frau und er hat die sehr gemocht und beim Arzt war er mehrfach, wie der Anwalt gesagt hat. Sie haben nichts Auffälliges gefunden. Nur dass er eben nicht reden will."

„Hatte sie kurze Haare?", fragte Jochen mal so ins Blaue, er hatte gerade eine Küche entdeckt, von der er schon seit Jahren träumte. Aber ihre Küche war einfach zu klein, um diese Komposition mit Hochschränken und Leiter und freistehender Arbeitsplatte wirken zu lassen.

Leif begriff nicht gleich, doch dann fiel der Groschen. „Öhm, ja, hatte sie", sagte er etwas verblüfft und dachte darüber nach. Seine eigenen Haare waren auch nicht gerade kurz, aber JJ war vor ihm nicht weggelaufen.

„Einen Versuch ist es wert, Leif", sagte Jochen nur und trennte sich wieder von seiner Traumküche, aber nicht, ohne noch einmal einen letzten Blick auf sie zu werfen. „Aber nun lass uns erst mal ein paar Möbel finden, in denen sich JJ auch wohl fühlt. In deinem riesigen Gästebett geht er doch völlig unter. Eines Tages verläuft er sich darin und kommt nie wieder raus", lachte Jochen und sah sich suchend um, die beiden waren noch in Sichtweite, untersuchten gerade eine Kommode. Es tat gut zu sehen, dass JJ sich nicht zurückzog, sondern mit Tiara durch die Gegend flitzte. Also schienen ihm Menschen an sich keine Angst zu machen.

Oder lag es an dem Mädchen?

Die hatte auch lange Haare.

Leif seufzte, er war völlig durch den Wind. Was sollte er noch denken und was nicht? Ihm fehlten einfach die Erfahrung und die Gelassenheit einer Mutter oder eines Vaters. Das war doch alles noch viel zu neu und eigentlich hatte er sich nach dem ersten Krach mit Viktor auch etwas mehr Engagement von dem gewünscht, etwas mehr Verständnis, etwas mehr Unterstützung. Doch mittlerweile hatte Leif auch das Gefühl, er hatte zwei Kinder. Denn so schmollend wie gestern Abend hatte er Viktor lange nicht erlebt.

„Was ist los?" Jochen sah neben sich auf Leif, ignorierte die Blicke anderer Passanten. Er wusste, dass er mit seiner Haarfarbe auffiel, doch er störte sich nicht mehr daran.

„Nichts, ich bin nur froh, dass du Zeit hast und ich nicht ganz allein auf mich gestellt bin", gestand Leif, doch sein suchender Blick schweifte wieder über den Ausstellungsraum. JJ und Tiara hatten nun ein Bett entdeckt und machten Probesitzen, ziemlich gesittet. Es schien ihnen nicht zu gefallen und so stolperten sie weiter.

„Leif, du willst zu schnell zu viel", sagte Jochen nur. „Du wirst da rein wachsen und er wird dir zeigen, wie das geht. Es braucht eine Weile, bis ihr euch aneinander gewöhnt habt."

Leif nickte nur. Hoffentlich hatte Jochen Recht und irgendwann war es okay für JJ, bei Leif zu sein. Im Moment herrschte noch eine unterkühlte Distanziertheit, die es Leif schwer machte zu begreifen, ob es richtig war, was er getan hatte oder nicht. Er musste sich da auf seine wenig ausgeprägten Instinkte und auf Jochen verlassen. Der kannte sich mit kleinen Kindern einfach besser aus.

„Was werden wir alles brauchen?", wollte Leif stattdessen wissen. Er wollte darüber jetzt nicht nachdenken. Die Gedanken konnte er sich später in seinem stillen Kämmerlein immer noch machen. Viktor dürfte sowieso wieder schmollen, wenn Leif die Nacht wieder bei JJ verbringen wollte.

Jochen lachte leise. „Leif, du lenkst doch gerade ab. Du hast doch ganz was anderes auf dem Herzen oder?", wollte er wissen und sah seinem Arbeitgeber von unten in das gesenkte Gesicht, grinste ihn frech an. „Komm schon, Leif, wir sind doch nicht nur hier, um Möbel für den Kleinen zu kaufen, sondern auch, weil du dich in deine neue Rolle einpassen musst. Wenn ich helfen kann, helfe ich gern - los." Er piekste Leif in die Seite und der seufzte.

„Vik", sagte er nur, „wie bekomme ich ihn dazu, mir nicht permanent Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Ich hatte gehofft, dass er mich versteht und unterstützt, doch er schmollt nur und ist bockig und will seinen Kopf durchsetzen. Das kann ich gerade echt nicht gebrauchen. Ich brauche Hilfe, aber er will nicht." Nun hatte sich Leif doch in Rage geredet und er kotzte sich so richtig aus, über Viktor, über sein Stursein, über dessen egozentrisches Weltbild und dass Leif einfach nicht die Kraft hatte, zwei Leben zu führen.

„Das wirst du aber müssen, Leif. Du kannst nicht nur Onkel sein oder nur Geliebter oder nur Schauspieler oder nur Firmeninhaber. Das geht nicht. Du bist alles und du musst alles bedienen. JJ ist wichtig, aber vergiss nicht den Rest", mahnte Jochen und Leif knurrte leise. Der hatte leicht reden.

„Aus den Produktionen zieh ich mich ja zurück. Ich mach nur noch die Hintergrundarbeit mit Vik."

„Leif, ganz ruhig." Jochen schüttelte nur den Kopf. „Du willst schon wieder alles und jetzt. Wir kaufen jetzt ein Kinderzimmer, wir richten es dem kleinen Mann her und Vik wird erst mal ein paar Tage schmollen müssen. Entweder kannst du darüber hinwegsehen oder du findest einen Kompromiss. Das Beste wäre schon ein Kindermädchen, das der Kleine mag und wo er sich wohl fühlt. Denn dann hast du mehr Zeit, den Haussegen wieder gerade zu rücken."

Ja, Jochen hatte Recht. Ein Kindermädchen musste her und zwar ein nettes. „Vielleicht kann ich sie dann auch gleich oben mit einquartieren, damit sie Tag und Nacht da sein kann", überlegte Leif laut und Jochen hört einfach nur zu. Vielleicht sollte er sich das alles selber erst einmal ansehen, vielleicht übertrieb Leif in seiner momentan etwas angespannten Situation auch ein bisschen. Das konnte leicht passieren, wenn sich plötzlich alles ändern musste.

Sie gingen durch die Reihen, Gustav hielt ihnen den Rücken frei, weil der immer noch in seiner gelben Tragetasche saß und den Leuten hinter ihnen nett zunickte. Kurz waren die beiden Kurzen weg, doch schnell waren sie in der Spielzeugabteilung gefunden worden. Wo auch sonst. Sie saßen gerade an einem Tisch und Tiara schenkte Tee ein, während JJ eine Ameise beim Wickel hatte, die auch Tee trinken sollte.

Während dessen sahen sich Leif und Jochen die Möbel an und gingen durch, was der Kleine brauchte. Schrank, Bett, Tisch, Stuhl. Das war das wichtigste. Doch was für ein Schrank? Was für ein Bett. Die Hochbetten fand er ja ganz schön, aber da konnte sich Leif nicht mehr mit zu ihm legen, bis er eingeschlafen war. Das große Bett im Gästezimmer war für so was ja geradezu ideal.

Doch Jochen erklärte, dass ein Kind ein eigenes, kindgerechtes Bett brauchte und da war Leif dann ziemlich schnell überstimmt. Sie entschieden sich für ein etwas höheres Bett mit Staukasten darunter. Dazu ein Tisch und ein Stuhl, alles in Kindergröße. Mittlerweile war JJ wieder bei ihnen und Tiara auch, denn es ging ja um JJ. Ihm mussten die Möbel ja schließlich gefallen und er sollte damit wohnen.

JJ krabbelte über Betten, kroch unter Tische, verschwand in Schränken. Eine halbe Stunde ging das so und Leif genoss es einfach, ihm dabei zuzusehen. Der Kleine lächelte immer wieder, strahlte geradezu. Es war einfach eine Freude, ihm zuzusehen. Also notierten sie sich die Kennziffern und Größen der Möbel, machten an der Info die Bestellung fertig und übermorgen sollten die Möbel geliefert werden. Als er die Adresse vom Ritz-Carlton vorlegte sah ihn die Verkäuferin kurz schräg an und Leif grinste.

„Mir gehört das Penthouse. Am besten kommt der Fahrer in die Tiefgarage. Dort gibt es einen separaten Aufzug nach ganz oben, der ist groß genug, die ganzen Möbel auch zu fassen. Ich werde versuchen da zu sein, sonst hinterlege ich das Geld an der Rezeption", erklärte er und weil JJ immer heimlich einen langen Hals machte und versuchte, auch auf die Theke zu sehen, griff er ihn sich kurzerhand und hob ihn hoch. Und schon wirkte der Kurze viel zufriedener.

Schlussendlich hatten sie nur ein paar Sachen für Bad und Küche gekauft, eine Tasche, um Gustav zu transportieren und eine kleine Portion Chicken-Nuggets, weil Tiara gebettelt hatte und JJ probierte sie auch einmal. Etwas skeptisch, so wie immer, doch es schien ihm zu schmecken. Als er Tiara einen zweiten Nugget klauen wollte, bekam er von ihr eine auf die Finger gehauen und er guckte sie fassungslos an. Schnell zog er sich zurück und drückte sich in die Ecke der Bank. Deutlich sah man, wie er Gustav suchte, um sich dahinter zu verstecken.

„Hey, JJ. Schon okay. Komm, wir kaufen dir auch welche, hm?", sagte Leif und lächelte den Kleinen an und der nickte.

So verdrückte JJ sein Abendessen, Leif wollte lieber mit Viktor zu Abend essen, nicht dass es wieder Schweigen im Walde gab, nur weil es nicht nach der Nase des Herrn ging. Leif seufzte tonlos. Nun war er schon wieder auf Krawall gebürstet, ohne dass Viktor etwas getan hatte. Das war auch nicht fair. Er musste wirklich auf sich aufpassen! So konnte das nicht weiter gehen. Er liebte Viktor, daran gab es keinen Zweifel und er wollte ihn nicht verlieren. Deswegen musste Leif auch seinen Ärger etwas runterschlucken. Er sollte seinem Freund aufgeschlossen begegnen und hoffen, dass er sich irgendwann mitreißen ließ.

Am S-Bahnhof trennten sie sich von Tiara und Jochen und JJ winkte ihnen noch hinterher, ehe er mit Leif in die Bahn stieg und sich dort wieder Gustav auf seinen Schoß zog.

„Siehst du, Spatzl. Übermorgen kommen deine Möbel und dann werden wir dein Zimmer herrichten. Das wird schon, hm?" Vorher wollte Leif es noch in ein paar freundlichen Farben streichen lassen. Etwas was besser zu einem Kind passte als nur weiß. Mit Bildern wollte er sich noch zurückhalten, bis er wusste, was JJ so mochte, außer seinem Schaf.

Doch noch ehe sie das Ziel erreicht hatten, war JJ eingeschlafen. Der Tag war wohl wirklich etwas zu viel für den Jungen gewesen. So trug ihn Leif nach Hause und gab Viktor nur ein paar Zeichen, dass er sich gleich um ihn kümmern würde. Das Gesicht, was sein Verlobter dabei zog, sah Leif zum Glück nicht, denn er hätte sich wieder in seiner Vermutung bestätigt gefunden.

Er ging mit JJ ins Bad, im Halbschlaf putzte der sich die Zähne und Leif wusch den Kleinen kurz runter, dann steckte er auch schon zusammen mit Gustav im Bett und schlief.

Der Rest des Abends lief dann eigentlich fast so wie gestern auch. Leif orderte Essen, sie teilten sich ihre Portionen und ließen den Tag auf der Couch leidenschaftlich ausklingen, bis Viktor wieder ins Schlafzimmer ging und Leif nach dem Jungen sah.

Es würde sich wieder ändern, wenn er ein Kindermädchen gefunden hatte, mit dem JJ auch zurechtkam, versprach er seinem Verlobten noch, ehe die Schlafzimmertür sich schloss. Dass JJ heute schon drei abgelehnt hatte, erzählte Leif lieber nicht, er konnte sich denken, was Viktor dazu sagte und darüber dachte. Das musste nicht sein.


-22-

Der Morgen begann wie der Tag davor auch. Während Leif noch schlief war JJ schon wach und flüsterte leise mit Gustav. Immer wieder sah er zu dem schlafenden Mann rüber und rutschte auch mal etwas dichter, um ihn sich genauer anzusehen. Eine kleine Hand tastete vorsichtig und immer zum Sprung bereit nach Leif, dicht über die Schulter und verschwand dann wieder. Der Kleine schien hin und her gerissen. Er wusste noch immer nicht so recht, wer das war, doch er war nett zu ihm und das allein zählte.

Aber in seinen kurzen Jahren, die er schon auf dieser Welt war, hatte er gelernt misstrauisch zu sein. Zu oft waren Erwachsene freundlich gewesen und hatten ihm dann doch wehgetan. JJ konnte gar nicht anders, als hinter allem etwas zu vermuten. Doch Leif hatte ihm noch nicht wehgetan. Er war lieb gewesen, weswegen JJ auch wieder etwas dichter rückte. Der Junge war sichtlich unentschlossen. Die kleinen Augen blickten sich nervös um und als plötzlich die Tür aufgerissen wurde, quietschte er erschrocken und hielt sich Gustav vor das Gesicht, der ihn beschützen sollte. Schnell schloss er die Augen, denn was er nicht sah, sah ihn auch nicht und er machte sich ganz klein.

Leif hingegen hatte nicht bemerkt, dass Viktor die Tür geöffnet hatte. Er drehte sich nur in seinem Bett und wollte noch ein paar Minuten einfach nur dösen. „Leif, ich muss los", erklärte Viktor schon etwas gereizt, denn auch sein Leben war auf den Kopf gestellt worden. Er hatte allein einschlafen müssen, allein aufwachen müssen. Duschen, frühstücken. Nichts davon war durch kleine, zarte oder auch intensive Küsse versüßt worden, nichts davon hatte er mit Leif tun können, weil der nur dieses Balg im Kopf hatte. Wie lange sollte das noch so gehen? Er wollte seinen Verlobten gern auch mal wieder nur für sich haben. War das denn zu viel verlangt?

„Hm", knurrte Leif nur, während Viktor den Jungen fixierte. Doch JJ hockte noch immer unter seinem Schaf und presste die Augen zusammen. Er mochte diesen Mann nicht. Er war laut und angsteinflößend. Er war so groß und das Schwarz, was er immer trug. Nein, er mochte ihn nicht und betete nur immer wieder stumm, er möge verschwinden und ihn mit Leif wieder allein lassen. Mit Leif war es schön, Leif spielte mit ihm, Leif passte auf ihn auf, trug ihn, nahm ihn in den Arm. Aber wenn der da war, bekam auch Leif schlechte Laune, also musste dieser Schwarze weg.

„Geh weg", sagte er plötzlich mit zitternder Stimme und guckte hinter seinem Schaf vor. Leif schoss hoch. Hatte er das gerade richtig gehört? Hatte JJ wirklich etwas gesagt? Er sah den Jungen fassungslos aber auch glücklich an. Im Gegensatz zu Viktor, der gar nicht glauben konnte, was diese kleine Kröte sich rausnahm! „Was war das eben?", knurrte er und kam dichter an das Bett und so zuckte JJ nur und drückte sich wieder unter Gustav in die Matratze.

„Lass den Jungen in Ruhe, Vik. Ich sag dir das nur einmal", knurrte Leif und zog JJ vorsichtig zu sich. Er und Viktor waren sich ja nicht gerade grün, das konnte ja noch was werden.

„Ach, neuerdings darf er mich rauswerfen oder wie läuft das hier?" Viktor sah ja gar nicht ein, sich von dem Knirps etwas sagen zu lassen. So weit kam es noch! Den Jungen gänzlich ignorierend setzte er sich neben Leif auf das Bett und küsste ihn. Sie wollten schon mal sehen, wem der Blonde gehörte. Er verlor doch nicht gegen so eine kleine Kröte! Leif wollte den Jungen behalten? Gut! Er wollte Leif behalten - mal sehen, wer am längeren Hebel saß.

„Ach Schatz." Leif versucht einzulenken und ließ sich zart küssen. Strich dabei aber immer wieder über JJs Arm, dem die Nähe von diesem großen Kerl sichtlich nicht behagte. „Du hast ihm einfach Angst gemacht. Er ist doch so klein und du so groß und laut", flüsterte er und küsste Viktor immer wieder. Er spürte das innerliche Drängen, sich seinem Geliebten zu ergeben, sich von ihm erobern zu lassen, zu dominieren. Seine Hände fuhren in das schwarze Haar und Viktor grinste sichtlich zufrieden gegen Leifs Lippen. Lange blieb diese Plage nicht hier, soviel stand mal fest. Leif war Wachs in seinen Händen und je länger er abstinent lebte, umso intensiver vermisste er Viktor. Das wusste der Schwarzhaarige nur zu gut. Keiner kannte Leif so wie er, keiner wusste ihn so gut zu manipulieren wie er. Er musste ihm nur das Gefühl geben, alles im Griff zu haben, dann lief sein Schatz genau so, wie Viktor das wollte.

„Muss er sich dran gewöhnen", knurrte Viktor nur. Sein Blick suchte den des Jungen, der hinter seinem Schaf immer kleiner wurde. Je intensiver Viktors Blick wurde, umso mehr versteckte sich JJ. Man sah richtig, wie der Junge in sich zusammen sank. Er rutschte Stück für Stück von den beiden ab, bis er erschrocken hinter sich sah, weil er die Wand im Rücken hatte. Er zog die Knie an den Körper und legte Gustav darauf, griff ihn um den Hals und murmelte leise. Hätte Leif es gesehen, er hätte Viktor sofort von sich gestoßen und sich des Kleinen angenommen, doch Viktor war nicht dumm. Er sorgte schon dafür, dass Leif es nicht sah, dass er vor Genuss die Augen schloss und alles um sich herum passieren ließ.

Jedes Mal, wenn sich Viktors und JJs Augen trafen, rutschte der Junge noch tiefer. Er fühlte sich so unwohl, Angst machte sich breit. Er mochte diesen Mann nicht und der mochte ihn nicht. Das hatte sogar JJ ziemlich schnell begriffen. „Geh weg!", murmelte er nur immer wieder, sehr leise und brüchig und es dauerte eine Weile, bis es in Leifs Geist gesickert war und er sich trotz des atemraubenden Kusses nach seinem Kleinen umsah.

Er riss die Augen auf, schob Viktor von sich, als er sah, wie verstört JJ war. Was hatte er nur getan? Warum hatte er sich jetzt zu so etwas hinreißen lassen?

„Hey, Kleiner. Alles klar?", fragte er leise. Viktor war gänzlich uninteressant. Vorsichtig streckte Leif eine Hand nach dem Jungen aus, doch der wich nur aus. „Hm", machte er und brachte wieder sein Schaf zwischen sich und Leif.

Viktor rollte nur die Augen. „Spiel mit der Göre, ich hab einen Job", sagte er nur und erhob sich. Erst als er Leif den Rücken zugedreht hatte, grinste er zufrieden. Er hatte die Fronten klar gestellt und das Gör schien langsam zu begreifen, wo es hin gehörte. Nicht hier her!

„Ja, ja", murmelte Leif nur. Viktor sollte jetzt einfach gehen, damit JJ sich wieder beruhigen konnte.

Doch das dauerte. JJ beäugte Leif nur misstrauisch. Er hatte zugelassen, dass der schwarze Mann ihm solche Angst machte und das gefiel JJ auch nicht. Er war hin und her gerissen. Er mochte Leif ja irgendwie, weil er nett war, doch er konnte ihn nicht vor dem schwarzen Mann beschützen. Seine Augen fixierten Leif und so sahen sie sich minutenlang nur an. Irgendwann aber nickte JJ doch und kroch wieder etwas dichter. Leif lächelte nur.

„Na los, Süßer. Wir baden heute mal unten, ja? Und dann geht’s wieder ab ins Büro." Vage erinnerte sich Leif daran, dass er heute ein paar der Darsteller begutachten wollte und unter anderem war auch dieser Enzo dabei. Leif wusste immer noch nicht, warum er einen so unprofessionellen Frischling überhaupt vorgeladen hatte, doch sein Foto hatte sich in Leifs Kopf eingebrannt. Das sanfte Lächeln, die kurzen, zerzausten Haare, dazu die grauen Augen, die wissend in die Welt blickten. Leif hätte gern gewusst, was sie schon alles gesehen hatten.

Leif schüttelte den Kopf. Was machte er denn da? Er hielt es doch immer so, dass Darsteller nur Darsteller waren, sie waren Angestellte, waren Inventar, sie gehörten zur Produktion. Er hatte sie noch nie als Männer gesehen. Das sollte er sich gar nicht erst angewöhnen! Das war nicht gut.

Sein Kopf ruckte hoch, als er JJ samt Schaf aus dem Zimmer verschwinden sah, dann klappte eine Tür und Leif grinste. Aha, die Blase drückte. Langsam erhob auch er sich, wartete auf sein kleines Knuffel und führte ihn in das untere Bad. Es war noch zeitig am Morgen, gerade mal sieben. Viktor hatte einen auswärtigen Termin in Hamburg und musste noch ein Stück fahren, ehe er dort seinen Termin wahrnehmen konnte. Er selbst hatte noch zwei Stunden. Also ließ er Wasser in die Wanne, orderte das Frühstück und beobachtete JJ dabei, wie er anfing mit dem Schaum zu spielen. Er war sichtlich begeistert, doch Leif ließ ihn nicht aus den Augen. Nicht dass der Kleine noch kopfüber in die Wanne fiel und sich weh tat oder noch schlimmer: ertrank.

Doch JJ war vorsichtig. Man sah ihm an, dass er nicht das erste Mal mit Wasser hantierte. Er schien zu wissen, dass davon auch Gefahr ausgehen konnte. Gustav hatten sie in Sicherheit gebracht, damit das Schaf nicht noch nass wurde. Denn Leif hatte weder Waschmaschine noch Trockner und außerdem wäre das Vieh für beides viel zu groß gewesen. Na ja, sie konnten ihn immer noch in die hauseigene Wäscherei geben.

Als das Frühstück kam, ließ Leif es auf einem kleinen Tisch neben der Wanne arrangieren und dann scheuchte er den lachenden JJ ins Wasser. Der fing gleich an mit dem Schaum zu spielen, schob ihn quer durch die Wanne und auf die Treppe, dann holte er ihn wieder. Leif lachte nur. Das war so süß. Er konnte es sich nicht verkneifen, ein paar Schnappschüsse zu machen. Irgendwann zog auch er sich aus und setzte sich ins Wasser, ließ JJ nur machen. Er schmierte dem Jungen ein Brötchen mit Schokocreme und reichte es ihm, als er gerade wieder vorbei flitzte, doch JJ biss nur ab und wuselte weiter, macht ein paar Schwimmzüge, die Beine dabei noch auf dem Grund der Wanne.

Spielzeug.

Leif fiel es siedend heiß ein. Sie hatten noch gar kein Spielzeug für den Kleinen gekauft. Das musste er heute noch unbedingt nachholen. Viktor kam sowieso erst spät, da konnte er sich nach einem Tag im Büro auch noch etwas in der Stadt umsehen. Am besten fuhr er nach Spandau, am Juliusturm war ein großer Spielwarenladen. Mal sehen, was JJ davon gefiel. Abermals fiel Leif auf, wie schwer es war ein Kind zu haben, was man alles brauchte, an was man alles denken musste.

JJ biss wieder von seinem Brötchen ab und war dann schon wieder verschwunden. Der Kleine schien gern zu baden. Vielleicht sollte er mit ihm unten im Hotel in den großen Pool gehen. Da konnte er richtig toben. Aber vorher musste er ein paar Schwimmhilfen kaufen. Denn egal ob JJ schwimmen konnte oder nicht, ein paar Schwimmflügel konnten erst mal nicht schaden.

Außerdem brauchte er auch was anzuziehen. Zwar hatte er eine Tasche voll, doch das reichte ja auch nicht ewig, auch wenn der Waschservice des Hotels nichts zu meckern übrig ließ, was das Tempo anging.

Sie planschten so lange, bis das Frühstück aufgegessen war und JJ fast aussah wie eine Qualle, so aufgeweicht war die Haut. Doch den Jungen störte das gar nicht. Er tobte so lange, bis das Wasser kalt war und die Zähne aufeinander schlugen. Doch nicht einmal das brachte ihn aus dem Wasser raus. Leif hatte sich schon lange angezogen und die Haare gemacht, sich mit seinem Make-up beschäftigt, doch nun war es genug. Er fischte den kleinen Frosch aus dem Wasser und wickelte JJ in ein großes Badetuch, setzte ihn auf die warme Mauer, die dafür da war, mitgebrachte Handtücher und Sachen anzuwärmen und holte schnell ein paar Sachen für JJ. Kaum war Leif zurück, musste er grinsen, denn der Junge strudelte noch immer durch das Wasser und Leif öffnete den Abfluss. Aber nur so leicht, dass der sich einstellende Sog JJ nicht verletzen konnte.

Es war niedlich, wie der feststellen musste, dass das Wasser immer weniger wurde und zum Schluss lag er nur noch auf dem Bauch in einer kleinen Pfütze. Das machte keinen Spaß mehr und er kam allein aus dem Becken, ließ sich abtrocknen, anziehen.

Zähne putzen, nebenbei bekam er die Haare gefönt und mit einer Mütze auf den noch etwas feuchten Haaren ging es dann auch schon los. Es wurde Zeit, dass der maßgefertigte Kindersitz für seinen SLK endlich fertig wurde, denn er hatte keine Lust, ständig mit der Bahn zur Arbeit zu fahren. Auch Einkäufe machten damit nicht wirklich Spaß. Vielleicht kauften sie heute nur das nötigste und den Rest, wenn er wieder seinen Wagen benutzen konnte.

Für eine kurze Sekunde hatte Leif sogar schon überlegt sich eine Familienkutsche zuzulegen, ein Wagen in den hinten der Kindersitz passte und eine Menge Kofferraum für Einkäufe. Außerdem könnte das ziemlichen Ärger mit JJ geben, wenn er ohne seinen Gustav in den SLK steigen musste, denn auf das Schaf bestand der Junge leider. Auch heute durfte Gustav nicht alleine bleiben, also landete er in seiner gestern gekauften Tasche, Leif hängte sich das Vieh um und JJ hielt es an der Pfote. So ging keiner verloren.

Im Büro wurden sie schon erwartet, denn ein paar Termine mussten abgestimmt werden. Viktor hatte auch schon von unterwegs angerufen. Er stand im Stau und brauchte die Telefonnummer von seinem Geschäftspartner, die hatte er nämlich nicht dabei. Außerdem lagen die aktuellen Verkaufszahlen auf dem Tisch, die besser nicht hätten sein können und so war Leif sichtlich guter Laune.

Auf seinem eigenen Schreibtisch lauerten noch ein paar Anfragen von Käufern und von Verleihern. Zwar kümmerte sich meistens der Versand um solche Anfragen, aber ein paar ganz spezielle Kunden verlangten auch spezielle Behandlung. Andere verhandelten grundsätzlich nur mit dem Chef persönlich und weil Leif das wusste, war bei ihm jeder Kunde König. Jeder so wie er es gern hätte. Da war er ja flexibel. In seinem Büro angekommen griff er sich die Videos und die Fotos, die herum standen und nichts für Kinder waren und steckte sie in eine Schublade. So konnte JJ bei ihm bleiben, sich am Couchtisch und auf der Couch austoben, während sich Leif um ein paar Sachen kümmerte.

Frank war noch nicht da, der beaufsichtigte eine laufende Produktion und so klopfte es plötzlich an seiner Tür und Leif sah auf. „Ja bitte", rief er und ein schwarzer Schopf steckte den Kopf zur Tür rein und griff als erstes nach JJ, der auf der Rückenlehne der Couch geturnt hatte und das Gleichgewicht verlor, als er sich nach dem Fremden umsehen wollte. Er zog den erschrockenen Jungen dicht an seine Brust, hatte ihn auf dem Arm und JJ drückte sich fest an ihn.

Er hatte sich so erschrocken, er zitterte leicht und ließ den Fremden gar nicht mehr los.

Leif war fasziniert. Nicht nur davon, dass der Kerl in natura noch besser aussah als gestern auf seinem Bewerbungsfoto, auch weil JJ ihn einfach so kompromisslos annahm. Kein Abweisen, kein vorsichtiges Beschnüffeln und erst mal Antesten. Er hing an diesem Enzo und ließ gar nicht mehr los. Nicht mal als der Mann langsam näher zum Schreibtisch kam und schief grinste. Doch er löste den Jungen auch nicht von seinem Hals, hielt ihn nur fest, damit er nicht runter fiel.

„Hallo. Sie hatten mich vorgeladen für heute. Mein Name ist Endre Bergmann, genannt Enzo", erklärte er und reichte die rechte Hand zum Gruß.

Leif nahm sie, schüttelte sie auch, starrte aber nur auf JJ. Der Kleine lächelte, kuschelte sich dichter und so konnte Leif gar nicht anders als: „Ich glaub's nicht", zu flüstern. Er war fassungslos.

„Oh, tut mir leid. Ich setz ihn gleich runter. Ich dachte nur...", stammelte Endre. Er fühlte sich plötzlich gar nicht mehr wohl in seiner Haut. Hatte er schon vor seinem Bewerbungsgespräch alles falsch gemacht? Was war er nur für ein Trottel.

„Nein, nein. Wenn er bei ihnen bleiben will, lassen sie ihn - das macht er sonst nie", erklärte Leif und hatte plötzlich eine Idee. Hatte Jochen nicht gestern gesagt: such dir doch einen männlichen Bewerber als Babysitter. Vielleicht nimmt JJ den an und siehe da! Deswegen sagte er auch gleich: „Machen wir es kurz, Herr Bergmann. Als Darsteller haben sie für unsere Produktionen zu wenig Erfahrung, aber ich suche händeringend ein Kindermädchen oder besser, einen Erzieher und Begleiter für JJ, wenn ich keine Zeit habe und der Kleine sich nicht hier im Büro langweilt. Der Job wird sehr gut bezahlt und ich brauche jemanden dafür, den JJ mag und vor allen Dingen, der unbelastet ist."

Endre sah den Blonden nur etwas verwirrt an. Wie bitte? Er als Kindermädchen? Eigentlich hatte er sich etwas anderes vorgestellt, als er eben 'Water Rats Inc.' betreten hatte. Nun, eigentlich kam ihm dieses Angebot gelegen, denn er wollte nur in die Branche, weil es genug Geld brachte und als arbeitsloser Buchhalter und Sekretär ihn einfach der Reiz des Geldes gelockt hatte. Sich sein Geld nun auf andere Art verdienen zu können wäre nicht übel. Zumal der Kleine ein echt süßer Kerl war. Er sah JJ fragend an, der grinste ihn nur an und kuschelte sich wieder fester an ihn.

„Als Darsteller hätte ich keine Chance?", fragte er noch einmal, aus Interesse.

„Ja, leider. Sie sind hübsch, keine Frage. Etwas fürs Auge. Aber wir hatten zu viele Reinfälle mit Neulingen, dass wir da etwas vorsichtig geworden sind. Aber ich hätte sie sowieso viel lieber als Betreuer für den Kleinen. Sie hätten sehen müssen, wie panisch er unter dem Tisch verschwunden ist, als sich gestern bereits drei junge Damen vorgestellt haben. Dass er sie so annimmt... Herr Bergmann, sie schickt der Himmel. Glauben sie mir." Leif wusste, dass er dick auftrug, doch er war einfach nur froh. Er konnte gar nicht sagen wie sehr.

Endre nickte nur. Warum eigentlich nicht. So hatte er wieder was zu tun und Geld kam auch rein und er konnte sich mal wieder um Kinder kümmern. Er hatte seine kleinen Brüder alle vier durchgebracht und aus jedem war was geworden. Zusammen mit ihnen war er in einem Waisenhaus groß geworden, doch so rosig war das Leben dort wirklich nicht. Er allein war es gewesen, der ihnen alles beigebracht hatte, der sie abends in den Schlaf gebracht hatte, morgens geweckt, der sich um Hausaufgaben und Hobbys gekümmert hatte, all das, was eine Mutter hätte tun sollen. Doch ihre Mutter hatte sich ja nicht mal selber im Griff gehabt. Deswegen waren die fünf Jungs auch im Heim gelandet. Ab und an waren seine Kleinen mal in Pflegefamilien gelandet, aber nie für lange und nie mit guten Erfahrungen. Da war das Heim schon die bessere Alternative gewesen.

Jetzt wieder ein Würmchen aufwachsen zu sehen? Warum nicht.

„Na, Kleiner, wollen wir es versuchen?", fragte er den Jungen auf seinem Arm und Leif merkte, wie er vor Anspannung die Luft anhielt. Als JJ nur nickte, atmete er keuchend wieder aus. Eine Hürde war genommen. Er konnte das glückliche Grinsen einfach nicht aus seinem Gesicht wischen. Wenn Endre sich um den Jungen kümmerte, dann konnte sich Leif auch wieder etwas mehr um seinen schmollenden Freund kümmern. So war doch jeder zufrieden.


-23-

Mit dem Jungen auf dem Arm nahm Endre auf dem Sessel vor dem Schreibtisch Platz und JJ ließ es sich nicht nehmen, es sich sichtlich bequem zu machen.

Den Mann mochte er. Er wusste selber nicht genau warum. Aber sein Gesicht war so nett und er fühlte sich sicher an. Das war schön. „Hm", machte er, denn etwas fehlte noch zu seinem Glück. Deswegen deutete er dezent auf das Schaf und Leif nickte nur.

So erhob er sich, holte das graue Stofftier und reichte es JJ, sichtlich zufrieden darüber, dass der Junge nicht jeden Fremden ablehnte und außerdem hatte der Kleine Geschmack, denn dieser Endre war wirklich nicht von schlechten Eltern.

Selbst Leif wäre bestimmt nicht böse darüber gewesen, mit diesem Mann ein bisschen vor der Kamera zu spielen und die anderen bestimmt auch nicht. Ob es egoistisch war, dem jungen Mann seine Karriere zu verderben, nur weil JJ ihn für sich ausgesucht hatte? Denn hätte der Junge nicht so auf Endre reagiert, Leif hätte ihn probeweise eingestellt, um zu sehen, wie er sich auf Kommando vor der Kamera schlug. Er hätte ihn dann über Vorlieben und Stellungen ausfragen und seiner kleinen, schmutzigen Fantasie Zucker geben können.

Doch vielleicht war es gut so, dass es nicht so gekommen war. Der Kerl hätte ihm gefährlich werden können, ihm und Viktor und das war nicht gut. Viktor war der Mann, den er liebte und daran würde sich auch nichts ändern. Egal wie verdammt gut der Schwarzhaarige da drüben aussah.

Der einzige, der keine schweren Gedanken wälzte war JJ. Er wirkte zufrieden, umklammerte Gustav und Endre und so sah man von seinem neuen Kindermädchen gar nichts. Leif lachte leise, denn nun wurde Endre wohl Gustav vorgestellt, er murmelte leise vor sich hin. Leif schob einen zweiten Sessel dicht heran, setzte Gustav drauf und es dauerte nicht lange, da krabbelte JJ hinterher. Nun konnte Leif sich wieder mit seinem neuen Angestellten unterhalten.

„Ich würde den Vertrag holen, sie können ihn durchsehen. Das Anfangsgehalt läge bei einem 10-Stunden-Tag bei 5000 Euro plus Spesen. Allerdings würde ich sie langsam in einen 24-Stunden-Job integrieren wollen. Das Gehalt steigt damit natürlich, gar keine Frage. Mir ist es nur wichtig, dass immer jemand für JJ da ist, wenn ich doch auf Abruf weg muss, verstehen sie?", begann Leif zu erklären und beobachtete den Mann genau. Er war augenscheinlich viel jünger als Leif, doch seine Augen sagten, dass er schon mehr in seinem Leben gesehen hatte, als Leif sich in seinem eigentlich recht behüteten Leben vorstellen konnte.

Laut Lebenslauf war Endre fast 10 Jahre jünger als Leif, war gelernter Buchhalter und momentan wohl ohne Anstellung, denn die wenigsten kamen in diese Branche aus Überzeugung. Die meisten sahen in erster Linie das Geld und in zweiter Linie den vielen Sex. Die blieben auch nicht lange, wenn sie merkten, dass Pornodarsteller nicht nur Spaß war, sondern richtig Stress und Arbeit.

Die große Klappe hatten viele, aber auf Kommando einen Ständer zu bekommen, das konnte keiner von denen. Deswegen siebte Leif auch bei den Bewerbungen sehr gut aus und versuchte zwischen den Zeilen zu lesen. Langsam hatte er ein Gefühl für die Männer. Endre war jemand, den das Geld reizte. Deswegen wurde er auch als Kindermädchen gut bezahlt, um ihm den Job schmackhaft zu machen und ihn gar nicht erst auf die Idee kommen zu lassen, doch noch in die Branche einsteigen zu wollen. Wenn er auf lange Sicht der Betreuer des Kleinen werden sollte, dann durfte Endre mit dieser Branche und der Szene nichts zu tun haben - er musste sauber sein.

Etwas irritiert sah Endre seinen neuen Chef an. „5000 plus Spesen?", wiederholte er die Summe, die Quintessenz der Worte und machte ziemlich große Augen. Das war eine Menge Geld, dafür dass er sich um einen süßen, kleinen, braven Jungen kümmern sollte. Der Kleine schien seinem Vater ja extrem wichtig zu sein. Aber eigentlich hatte Endre immer geglaubt, er hätte sich über Lazlo informiert. Es war ihm völlig neu, dass der einen Sohn hatte. Es ging doch die Kunde, dass der seit vielen Jahren glücklich mit seinem Vincenzo war. Wo kam dann das Kind her? Doch das ging Endre nichts an. Er würde sich gut um den Kleinen kümmern, denn das konnte er ja und der Rest war nicht sein Bier.

„Ja, ich halte das für angemessen, denn ich werde ihre Dienste vielleicht auch am Wochenende brauchen, wissen sie? Wenn ich zu Versammlungen und Besprechungen muss oder zu meinen letzten Drehs. Da kann ich den Süßen ja nicht mitnehmen. Na ja, ich könnte schon, aber für den Jungen wäre das nicht gut. Mir wäre es lieber, er ginge dann in der Zeit mit ihnen ins Bad oder in den Zoo oder in den Park. Etwas, wo er was erlebt. Er ist ja so schüchtern."

Endre konnte richtig sehen, wie die Augen leuchteten, wenn er sprach. Der Junge schien ihm wirklich wichtig zu sein. Sein Blick wanderte neben sich. Da saß JJ mit seinem Schaf und guckte nun zu den beiden Männern, er wirkte fast, als wüsste er ganz genau, um wen es gerade ging und wollte kein Wort davon versäumen. Er legte den Kopf schief, so als wolle er sagen: Los, redet weiter, ich störe euch nicht. Er rührte beide zu einem Lächeln und Leif kam nicht umhin zu bemerken, wie hübsch dieser Mann war. Er hatte wirklich kurze Skrupel, doch dann winkte er ab. JJ mochte ihn und Leif konnte sich beherrschen. Endre war nicht der erste hübsche Kerl, der in sein Leben trat und wieder ging, ohne dass etwas passiert wäre. Er war erwachsen, er wusste, zu wem er gehörte und das musste er sich nicht erst einreden, er spürte es einfach. Viktor war sein Leben - aber auch JJ. So klein wie er war, hielt er doch Leifs Herz in seinen winzigen Händen.

„Ja, das wird sich wohl machen lassen, aber ich müsste vorher viel über den Kleinen wissen", fing Endre an, der schon versuchte, den Tag zu planen. „Was mag er, was mag er nicht. Was kann er schon, was noch nicht. Reden tut er ja nicht viel, hm?"

Leif seufzte. Endre legte den Finger genau in die Wunde. „Genau da liegt das Problem." Kurz fasste er zusammen, was die letzten Tage passiert war, angefangen mit dem Brief, bis jetzt, wo er endlich jemanden gefunden hatte, den JJ vorbehaltlos annahm.

„So, ich verstehe", sagte Endre. Das würde schwer werden. Wenn der Kleine kaum sprach, sich nicht mitteilte, was er mochte und was nicht, war das gar nicht so leicht, etwas zu finden, was ihm Spaß machte. Sicher musste er viele Dinge erst lernen, so wie schwimmen oder Rad fahren. Aber das war nicht so schlimm. Er hatte es seinen vier Kleinen beigebracht, da würde das bei JJ auch klappen. Der war übrigens schon wieder auf Endres Schoß gekrochen. Gustav hatte nun seinen Stuhl für sich.

„Wollen sie immer noch?", fragte Leif etwas unsicher, doch Endre lächelte nur.

„Klar, der Kleine hier ist doch ein Süßer. Das bekommen wir schon hin! Nicht?", wendete er sich an JJ und der nickte, weil er das Gefühl hatte, das würde jetzt ganz gut passen. „Wir freunden uns schon an, hm? JJ? Ich bin übrigens Endre, kannst du das schon sagen?"

Wieder legte der Kleine den Kopf schief, kniff überlegend ein Auge zu und versuchte sich wirklich daran.

„En-re!", erklärte er und grinste.

„Na bitte, geht doch schon ganz gut", lobte Endre und grinste, grinste noch viel mehr, als er Leifs fassungsloses Gesicht wieder sah. Er schien ja wirklich einen guten Einfluss auf den Jungen zu haben, wenn der Blonde ihn so dabei anstarrte. Schweigend, weil er das erst mal begreifen musste, legte er Endre nur den Vertrag hin, er sollte ihn lesen und Leif musste erst mal raus zu Frank. Der sah ihn nur komisch an, weil sein Gesichtsausdruck noch immer nicht besser geworden war.

„Ist der Kerl so schlecht?" Frank konnte sich auf dieses Gesicht einfach keinen Reim machen. So hatte er Leif noch nie erlebt und Leif war auf der anderen Seite auch noch nie in einer solchen Situation gewesen.

„Schlecht?", sagte Leif nur und wurde langsam wieder normal. „Der Kerl ist perfekt. Nur nicht für unsere Zwecke, nur für meine", grinste er sichtlich zufrieden und Frank verstand kein Wort mehr. Dabei hätte er seine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass Leif und Viktor sich liebten, auch wenn es mal knallte. Aber dass Leif sich schon nach einem Neuen umsah? Sein Gesicht musste wohl seine Gedanken deutlich wiedergeben, denn Leif schüttelte nur den Kopf. „Nicht was du denkst. JJ hat ihn sofort angenommen. Er liebt ihn geradezu. Nicht zu vergleichen mit den Mädels, die gestern da gewesen waren. Ich habe ihm angeboten, den Betreuer für JJ zu machen und er scheint zuzustimmen", erklärte Leif und man sah ihm die Freude, vor allem aber die Erleichterung, deutlich an.

„Ach so", lachte Frank nur und nickte. Klang doch gar nicht schlecht. Dann konnte Leif sich wieder mehr um seinen Job kümmern und um Viktor und schon war alles wieder im Lot - alles sehr schön so weit. „Wann fängt er an?!"

„Wenn es nach mir ginge, gleich, wenn er unterschrieben hat. Der Kerl ist ein Wunder. Er schafft es sogar, dass JJ anfängt zu sprechen. Das hat heute Morgen nur Viktor geschafft, weil er ihm so panische Angst gemacht hat."

Frank hörte nur noch mit einem Ohr hin. Alles, was er wissen wollte, war geklärt. Mehr interessierte ihn nicht. Mehr ging ihn auch nicht an. Leif war sein Freund, er war aber auch sein Chef. Ein gewisses Maß an Distanz sollte zwischen ihnen bleiben, wenn sie weiter gut zusammen arbeiten wollten.

Ohne weiter auf Frank zu achten, griff Leif sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank, die Tasse Tee, die er für JJ gekocht hatte und kam zurück ins Zimmer. Das Bild, das sich ihm bot, ließ sein Herz höher schlagen. Endre hatte sich zurückgelehnt und las den Vertrag, strich zart mit Bleistift etwas an, wo er wohl noch einmal nachfragen wollte und JJs Kopf lag auf seiner Schulter. Er hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. Das war so niedlich. Leif lehnte sich einfach ein wenig an den Türstock und betrachtete dieses Bild der Ruhe. Irgendwie hatte er gerade ein unglaubliches Gefühl der Zufriedenheit und kam langsam näher. Es lockte ihn, durch die schwarzen Haare zu streichen und JJs blonden Schopf zu tätscheln, doch er ließ es.

Stattdessen schenkte er etwas ein, reichte Endre auch ein Glas und fragte, ob noch etwas zu klären wäre. Endre wollte noch das eine oder andere wissen, doch dann war er sichtlich zufrieden. Auch damit, dass er über kurz oder lang in das Penthouse einziehen sollte. Erst schmeckte ihm das gar nicht, doch Leif erklärte ihm, wie separat die Zimmer lagen, dass dazu eigene Bäder und eine Küche gehörte und er gern beide Zimmer, die noch frei waren, haben konnte, als Wohn- und Schlafstätte. JJ würde sein eines Zimmer sicher vorerst reichen.

„Ich muss sowieso noch den Z4 herrichten, damit sie und JJ damit auch sicher ankommen. Kindersitz und so", erklärte Leif. Den Wagen hatte er schon lange nicht mehr bewegt. Er fuhr eigentlich nur seinen geliebten SLK, da konnte er seinem Babysitter ruhig den anderen Wagen abtreten.

Allerdings machte Endre kein besonders begeistertes Gesicht. Diese komischen Sportwagen waren meistens völlig unzweckmäßig, weil in den Kofferraum nicht einmal der Einkauf eines Single-Haushaltes passte. „Ich habe noch keinen Führerschein, ich wollte den erst noch machen – so schnell wie möglich“.

„Ach so, das wird schwierig, aber da kümmern wir uns drum“, murmelte Leif, der das noch nicht ganz glauben konnte, dass es Männer über 18 ohne Auto oder Führerschein gab.

Er grinste schief und Endre schob gleich nach: „Ich erledige alles zu Fuß und mit der Bahn, das geht sehr gut!“ Daran sollte der Job doch jetzt nicht scheitern. Leif sah das wohl genau so.

„Wie ist das mit dem Urlaub?", wollte Leif deswegen wissen. „Haben sie da schon was geplant, was ich vielleicht wissen sollte? Damit ich dementsprechend selbst planen kann?" Doch Endre verneinte nur.

„Mein Freund hat sich da noch nicht weiter geäußert, weil er noch nicht weiß, wie er frei machen kann. Aber wenn, dann sicher nur eine Woche. Als Chef-Steward einer privaten Airline kann er nicht so lange weg, wie er gern möchte."

Ohne es sich anmerken zu lassen schluckte Leif. Warum störte es ihn, dass dieser Mann einen Freund hatte? Was hatte er erwartet? Dass einer wie Endre Single war? Wie naiv war er denn! Aber trotzdem zog es ein ganz kleines bisschen in seinem Magen und das gefiel ihm gar nicht. Doch Geschäftsmann, der er war, nickte er nur.

„Sagen sie mir einfach rechtzeitig Bescheid. Wie sieht es bei ihnen mit einem Pass aus? Wir müssen demnächst für Dreharbeiten nach den Seychellen. Die Strände sind traumhaft, deswegen würde ich JJ gern mitnehmen. Und sie dementsprechend auch."

Endre machte große Augen. Na das war ja mal ein Reiseziel. Da wo andere Urlaub machten sollte er arbeiten? Wenn das kein Traum war, der in Erfüllung ging. Weißer Strand, warmes, klares Wasser und mit JJ am Strand Burgen bauen. Perfekt. „Ja, ja. Der Pass ist in Ordnung", erklärte er und grinste.

Was für ein Tag. Er war nur hier her gekommen, um sich mit ein paar Komparsenrollen ein paar Pfennige zu verdienen, weil er in seinem Job keine Anstellung fand und dann passierte so was! 5000 Euro Einkommen im Monat, Arbeit auf den Seychellen, einen Z4 als Dienstwagen - er musste sich heimlich kneifen, um zu begreifen, dass er doch nicht träumte. Nicht zu vergessen Schnuffel JJ, der immer noch an seiner Schulter lehnte und mittlerweile friedlich schlief. Endre ließ es geschehen.

„Okay, ich unterschreibe unter einer Bedingung", sagte er und Leif hob beide Brauen. Was kam jetzt noch? „Ich habe vier Kinder groß gezogen und aus allen ist was geworden, ich weiß, wie man mit Kindern umgeht. Wenn ich ihn erziehe, dann richtig. Ich möchte nicht, dass hinter meinem Rücken Dinge laufen. Was den Jungen betrifft muss ich erfahren und ich werde den Kleinen beschützen, wenn es nötig sein wird, auch gegen sie. Verstehen sie mich bitte nicht falsch!", schob Endre gleich nach, weil Leif Luft holte, um zu protestieren und zu fragen, ob er noch ganz klar wäre.

„Ich werde oft der Prellbock sein, das weiß ich, aber ich werde grundsätzlich für den Jungen handeln, egal was ihr Partner davon hält."

Endre nahm kein Blatt vor den Mund, denn solch kleine Würmchen brauchten Fürsprecher, die den Mund aufmachen konnten. JJ war zu klein, um sich gegen jemanden wie Viktor durchzusetzen. War doch nur verständlich, dass der Junge panische Angst vor diesem Kerl hatte. Endre hatte in manchen Szenen selber Angst vor diesem Kerl bekommen, wenn er sich die Filme angesehen hatte. Der hatte eine Ausstrahlung, der immer etwas Bedrohliches anhaftete.

„Ja, klar. Kein Problem. Ich habe sie ja eingestellt, damit sie sich um den Jungen kümmern. Um Viktor werde ich mich kümmern, damit er nicht... wie auch immer, sind sie sonst mit dem Vertrag zufrieden?"

Endre nickte nur.

„Dann lass ich das noch einarbeiten." Leif rief nach Frank, der sich den Vertrag noch mal ansehen und die Kompetenzen des Betreuers spezifizieren sollte. Er wollte heute noch die Unterschrift und die Zusage dieses Mannes! Er hatte sich ihn in den Kopf gesetzt und nun gab es auch kein Zurück mehr. Während Frank also den Vertrag änderte, unterhielten sich Leif und Endre noch ein wenig, vor allem über das, was als nächstes anstand. „Ich muss Kleidung und Spielzeug für ihn kaufen. Können sie mich da begleiten?"

Endre nickte. Warum nicht. So wie er Leif einschätzte, kaufte der bestimmt eine Menge unnötiges Zeug. So war das eben, wenn das Geld in solchen Mengen da war, das man nicht darüber nachdenken musste.

In dieser Situation war Endre nie gewesen. Als er noch einen Job gehabt hatte, hatte er auch nicht rosig verdient, aber es hatte für eine kleine Wohnung in Spandau gereicht und für das, was er brauchte. Das Geld für seinen Führerschein hatte er sich zusammengespart und beiseite gelegt und machte den nun, weil man eben einfach mobil sein musste, wenn man sich irgendwo bewarb.

Allein von Hartz IV konnte man zwar leben, aber mehr auch nicht. Doch das allein war es nicht. Endre hasste es, untätig zu sein, deswegen hatte er es ja auch hier versuchen wollen. Wenn ihn keiner wegen seines Wissens haben wollte, dann eben wegen seines Körpers. Denn verstecken musste er sich wirklich nicht, das wusste er selber, ohne dabei sonderlich arrogant zu sein.

„Ich würde sagen, ein paar Dinge bekommen wir im Discount schon ziemlich preiswert. Aber die Qualität stimmt trotzdem", erklärte Endre und Leif holte wieder Luft. Endre konnte nicht anders, er musste lachen. „Nicht ihr Stil? Aber auf Unterwäsche guckt doch bei den Kleinen keiner. Da is' es doch egal welche Marke da drauf steht", erklärte Endre und strich JJ durch die Haare.

„Aber …", fing Leif an und knurrte leise.

„Was nutzt es denn, wenn er in einem halben Jahr rausgewachsen ist? Klar, ein paar teure Stücke kann er gern haben, aber die gehen genau so schnell kaputt wie die preiswerten. Kinder sind Kinder, sie toben, sie spielen, sie wollen Spaß haben und nicht nur Kleiderständer sein. Das sollten sie ziemlich schnell begreifen."

Leif atmete tief durch. Der Mann hatte ja Recht, aber er wollte das nicht zugeben und es widerstrebte ihm, im Discount einzukaufen! Das erklärte er auch deutlich, doch Endre ließ sich nicht beeindrucken. „Sparen sie das Geld doch, was sie gut machen, für den Jungen an? Setzen sie sich ein Limit, was sie ausgeben wollen, was übrig bleibt kommt auf sein Konto. So hat jeder was davon."

Überzeugt war Leif noch nicht, doch er stimmte erst einmal zu. Er musste jetzt einen Kompromiss für sich finden. Sein Ego auf der einen Seite, das JJ alles nur Erdenkliche bieten wollte und Endre auf der anderen Seite, der gleich klar stellte, dass man einem Kind zwar Massen von Liebe schenken, aber nicht von klein auf den Luxus anerziehen sollte. Leif wurde immer klarer, wie verschieden sie beide doch waren. Sie kamen aus völlig anderen Welten - und prallten an einer Stelle aufeinander. Es lag an ihnen, ob sie aus dieser Energie Positives schöpften und einander annahmen oder ob es ein Chaos nach dem anderen gab. Aber der Mann tat JJ sichtlich gut, also musste Leif über seinen Schatten springen und Endre machen lassen. Vielleicht nahm der ja irgendwann auch das eine oder andere von Leif an?

„Der Vertrag", sagte Frank, als er zur offenen Tür rein kam, legte das Papier auf den Tisch und betrachtete sich den Mann. Er sah in Natura noch besser aus als auf seinen Bewerbungsbildern und eigentlich war es schade, dass der nicht mal vor die Kamera kam, damit jeder etwas davon hatte. Doch so lange er Leif Arbeit abnahm und der wieder voll in die Firma einsteigen konnte, solange war er gut, dort wo er war.

Endre las noch einmal die ergänzte Passage und nickte. Beide unterschrieben und nun war Endre offiziell JJs Betreuer. Der Kleine war der einzige, der das verschlafen hatte.

„Ich habe noch zwei Gespräche mit Bewerbern, danach hätte ich frei. Ich würde sie gern zum einkaufen mitnehmen ... und dieses Sie regt mich auf. Ich bin Leif." Er reichte seinem neuen Mitarbeiter die Hand.

„Und ich Endre."

„Gut, Endre. Kannst du zwei Stunden auf den Kleinen aufpassen? Dann können wir los. Müssen aber die Bahn nehmen..."

„Stört mich nicht", ging Endre gleich dazwischen. Er liebte das Berliner S- und U-Bahn-Netz. Es war schnell, übersichtlich, nicht so extrem teuer und gut zu erreichen. Was wollte man mehr?

„Mich schon", knurrte Leif und grinste. Er fuhr erst seit JJ da war wieder mit den Öffentlichen und er hatte ziemlich schnell begriffen, warum er sich damals einen Wagen gekauft hatte. „Aber drei passen in einen SLK oder einen Z4 nicht rein und ohne Kindersitz sowieso nicht."

„Du hast nur solche Autos?", fragte Endre amüsiert und Leif fühlte sich etwas getroffen, denn er liebte seine Wagen.

„Ja, warum?"

„Och nur so", lachte Endre leise und es ging Leif durch und durch. Es war seiner antrainierten Selbstbeherrschung zu verdanken, dass er nicht rot wurde. „Vielleicht solltest du mal über eine Familienkutsche nachdenken, eine, wo Einkäufe rein passen und..."

Als Leif bei dem Wort 'Einkäufe' so komisch guckte, ahnte Endre schreckliches. „Bei euch wird doch gekocht, oder?", fragte er mal, was ihn gerade bewegte und Leif grinste schief.

„Die Hotelküche kocht ausgezeichnet."

Endre wurde etwas blass, fasste sich aber schnell. Da musste er wohl bei null anfangen. Aber gut, warum nicht. Er bekam ja Weißgott genug Geld dafür. „Herd und Kühlschrank ist aber da oder?"

Leif nickte heftig. „Ja, ja, alles da!"

So ging es noch eine Weile hin und her, bis sich ihre Wege trennten. Endre und JJ, der nun wieder wach war, machten sich auf ins Konferenzzimmer, um etwas zu malen und auf Leif zu warten, während der noch ein paar Bewerbern im Hinterzimmer seines Büros auf den Zahn fühlen wollte. Mehr freute er sich auf das Einkaufen hinterher, auch wenn ihm am Abend die Füße wehtun würden.


-24-

Zusammen mit dem kleinen JJ saß Endre nun also in dem Konferenzraum und malte. So hatte er sich seinen Tag, als er heute Morgen aufgestanden war, doch nicht vorgestellt. Als gestern der Anruf gekommen war, Lazlo würde ihn gern sehen wollen, war Endre vor Freude fast an die Decke gesprungen. Er hätte im Leben nicht damit gerechnet, dass wirklich eine Reaktion auf seine Bewerbung kam. Schon allein, weil er ja, wie Leif festgestellt hatte, keinerlei Erfahrung in der Branche mitbrachte.

Dass er jetzt allerdings diesen Job hier bekommen hatte, war ein regelrechter Glücksfall. Nicht nur, weil die Bezahlung stimmte, sondern auch, weil er wieder ein Kind um sich hatte. Er mochte Kinder über alles und JJ war ein lieber, kleiner Kerl. Endre verstand gar nicht, wie Leif auf die Idee kam, JJ würde jemanden ablehnen. Bei Endre war er ziemlich zutraulich. Er krabbelte auf seinen Schoß, griff sich einen Stift und nun malte er wilde Formen und Figuren.

Gustav saß brav auf einem Stuhl und guckte dem ganzen nur skeptisch zu. Endre grinste. Ob Leif das große Vieh jeden Tag mit sich hatte herum tragen müssen? Jeden Morgen mit Kind und Plüschtier in die U-Bahn? Das hätte er zu gern gesehen und viele von Lazlos Fans würden wohl ein Vermögen dafür geben, so etwas einmal zu sehen. Endre grinste. Stars, auch Pornostars, waren privat eben doch ganz anders, als man sie sich immer vorgestellt hatte. Wer hätte schon gedacht, dass Lazlo ein Kind hatte. Gut, JJ war nicht dessen leiblicher Sohn, aber er kümmerte sich mit Hingabe um den Kleinen, wenn auch die Voraussetzungen noch nicht die besten waren.

Was Endre gar nicht verstand war die Tatsache, dass in diesem Haushalt nicht gekocht wurde. Was war das denn? Dabei war es egal, ob Leif es sich leisten konnte jeden Tag von der Hotelküche liefern zu lassen. Es ging doch darum, Kindern etwas beizubringen. Kinder waren wie andere junge Säugetiere auch, sie lernten durch beobachten und wenn er nie gesehen hatte, wie man einen Salat wusch oder eine Möhre schälte, was sollte das denn werden? Nein, das wurde geändert und heute Abend wollte Endre gleich damit beginnen. Zuhause wartete ja sowieso keiner auf ihn. Jack weilte noch für ein Paar Tage in New York und dank der Zeitverschiebung klappten nur selten Telefonate. Endre musste sich eben einfach noch ein paar Tage gedulden, bis er wieder zu Hause war und ein paar Tage Zeit hatte.

„Dus-dav malen", erklärte ihm plötzlich JJ und sah ihn mit großen Augen bittend an. Endre ging fast das Herz über, bei diesem Anblick.

„Klar", sagte er und ließ sich den Stift geben. Zwar war er zeichentechnisch nicht sonderlich begabt, aber probieren konnte man es ja mal. Schnell war ein Wölkchen gemalt, dazu ein paar Beinchen, ein Schwänzchen. Eine große Nase und Schlappohren. JJ quietschte leise begeistert und griff sich gleich den blauen Buntstift, um das Schaf auszumalen. Endre konnte nicht anders, er musste lachen. Das war doch einfach zu niedlich.

So kamen seine Gedanken aber auch wieder weg von Jack und hin zu JJ, der ja nun sein Job war. Leif wollte ihn sowieso zu einem 24-Stunden-Job machen, da konnte er heute schon mal damit anfangen, dass er die Küche inspizierte und sich notierte, was alles fehlte und was gekauft werden musste, damit der Junge was Richtiges, was Selbstgemachtes, zwischen die Zähne bekam. Jeden Tag Hotelküche, so gut sie sein mochte, das war doch auf die Dauer weder befriedigend noch lecker. Irgendwo hatte er bestimmt auch noch das Kochbuch für Kinder, was er sich gekauft hatte, als Sven, der jüngste, noch so klein gewesen war und einfach nicht essen wollte. Verzweifelt hatte Endre nach etwas gesucht, um dem Jungen das Essen schmackhaft zu machen. Aber mit Wichtelbettchen und ein paar anderen Fantasienamen war das gar nicht mehr so schwer gewesen.

Um nichts von dem, was ihm einfiel zu vergessen, machte sich auch Endre ein paar Notizen. Als Endre zum Fenster raus guckte und überlegte, machte auch JJ ein paar Notizen, doch es waren nur ein paar Wellen und Striche. Nur der Kleine wusste, was er da hingeschrieben hatte. Lieber malte er weiter das Schaf aus. Das wollte er Leif schenken, deswegen gab er sich besondere Mühe, auch wenn die Strichführung noch lange nicht den Grenzen der Zeichnung folgte. Endre wusste das diese Koordination erst mit der Zeit kam, wenn Kinder lernten, sich intensiver zu konzentrieren.

Kurz ging die Tür auf und der rothaarige Mann von vorhin sah in den Raum. „Kann ich ihnen etwas bringen?", wollte er wissen und Endre nickte.

„Ja, ein Tee oder Wasser wäre nett", erklärte er und Frank nickte. Er hatte einfach noch mal reinsehen wollen. Auch er hatte gestern miterlebt, wie JJ auf die Frauen reagiert hatte, die ihm als Kindermädchen vorgestellt worden waren. An dieses Bild erinnerte der Anblick jetzt gar nicht mehr. JJ saß auf Endres Schoß und malte konzentriert.

Als Frank aufging, dass auch er gern mal auf dem Schoß dieses Mannes sitzen wollen würde, grinste er nur für sich selbst und holte eine Tasse Tee, den er gerade gebrüht hatte. „Kirsch-Banane, ist das okay?", wollte er wissen, als er in den Raum kam und auch für JJ eine Tasse mitgebracht hatte. Er hatte den Tee abkühlen lassen, Zucker rein gerührt und die Tasse nicht sehr voll gemacht, aber JJ schien sich dafür gar nicht zu interessieren. Er malte gerade rote Beine an das blaue Schaf.

Frank setzte sich, als Endre es gestattete und sah den jungen Mann eindringlich an. Es war in seinen Augen immer noch ein Verlust, er hätte vor der Kamera sicher eine gute Figur gemacht und sie brauchten bald einen Ersatz für Leif, wenn der wirklich ausstieg. Sie brauchten jemanden mit Talent und Aussehen, Ausstrahlung war aber genau so wichtig und vor allem musste der Charakter stimmen. Sie hatten schon das eine oder andere Tausendschönchen gehabt, die genau wussten, wie gut sie aussahen und wie hoch ihr Wert war. Aber in den Produktionen waren es durch die Bank Nieten gewesen. Mit dem hier wäre das anders gewesen. Das wusste Frank.

„Warum wollten sie bei uns anfangen?", wollte er nach einer ganzen Weile wissen, in der Endre auf seinem Zettel herumgeschrieben und seinen Tee getrunken hatte. Nun sah der junge Mann auf und musterte sein Gegenüber eindringlich.

„Aus Neugier. Es hat mich einfach interessiert. Ich weiß nicht, ob ich geeignet gewesen wäre, aber versucht hätte ich es gern mal", erklärte Endre offen und ehrlich und verschwieg auch nicht, dass er arbeitslos war und ein Job immer noch ein Job ist, um die Miete und das Essen zu zahlen.

„Na ja", lachte Frank, „ich glaube nicht, dass das hier nur ein Job ist. Oder wie Lazlo immer sagte: das ist kein Beruf, das ist Berufung. Man sollte schon etwas mehr mitbringen als nur Neugier und den Willen zur Arbeit", erklärte Frank. Der Mann gefiel ihm immer mehr. Er hatte so etwas Entschlossenes in seinem Blick. Sicher wäre er wirklich ein guter Schauspieler geworden, weil er sich etwas sagen lassen würde und seine Arbeit gut machen wollte.

Vielleicht in einem Jahr, wenn JJ aus dem gröbsten raus war und Leif etwas kürzer getreten, vielleicht konnte er dann noch einmal auf den Busch klopfen und sehen, ob Enzo noch Interesse hatte. Er konnte diesen Prachtkerl nicht einfach so an der Firma vorbei gehen lassen, ohne es nicht wenigstens zu versuchen.

„Ich weiß nicht, ob ich dazu berufen wäre, solche Filme zu machen", sagte Endre, und so war es ja auch. Er hatte das noch nie gemacht, woher sollte er wissen, ob es ihm wirklich lag? Vielleicht war er ja so aufgeregt, dass sich gar nichts regte oder vielleicht war er vor der Kamera einfach nur unbegabt? Vielleicht wirkte er auch gar nicht und außerdem war das ja nun egal. Er hatte einen gut bezahlten Job, der versprach Spaß zu machen. Was wollte er mehr.

Außerdem war Jack von dem, was er nun machte, sicher mehr angetan, als von der Idee, in die Porno-Branche einzusteigen. Zwar hatte ihm Jack nicht dagegen geredet, doch er hatte auch nicht hinter dem Baum gehalten, dass es ihm lieber wäre, Endre wäre noch länger arbeitslos. Jack verdiente genug für beide, sagte er, doch darauf wollte sich Endre nicht einlassen. Es war nicht seine Art, sich finanziell auf fremde Füße zu stellen. Er wollte für sein Leben verantwortlich sein und niemand anderes sonst.

Er liebte Jack, so glaubte er. Nein, er glaubte das nicht, er war sich sicher, Jack war ihm wichtig. Aber das gab ihm noch lange nicht das Recht, Endre in finanzielle Abhängigkeit zu drängen. Das war keine Liebe, das wollte er nicht. Er wollte gehen können, wenn er gehen wollte, ohne an die Konsequenzen für seine Miete denken zu müssen - nein, so wie es jetzt war, war es perfekt.

„Wie sind sie eigentlich auf unsere Firma gekommen?" Frank war neugierig und da machte er auch keinen Hehl draus. Mit den meisten Bewerbern konnte man keinen klaren Hauptsatz wechseln, der nicht in den Ohren oder im Hirn schmerzte. Immer wieder bewahrheitete sich der blöde Spruch: dumm fickt gut. Okay, es gab auch Ausnahmen von der Norm in beide Richtungen, aber die meisten passten leider in dieses Schema. Endre wäre wohl ein Ausreißer nach oben geworden. Denn dass der Kerl im Bett gut war, das sah er ihm einfach an. Wenn man so viele Kerle hatte kommen und gehen sehen, im zweideutigen Sinne des Wortes, dann bekam man einfach einen Blick dafür.

„Über Lazlos Filme. Ich mag sie. Auch wenn es immer heißt, Männer wollen keine Handlung, sie wollen Aktion. Ich gehöre nicht dazu. Nicht dass ich einem guten Porno nicht auch was abgewinnen kann, aber wenn die Sache dann auch noch einen Sinn hat, macht das zusehen doppelt Spaß. Ich hab's nicht so mit den..." Wie sollte er das ausdrücken, ohne dass JJ das in den falschen Hals bekam? Kinder neigten dazu, zu wiederholen, was sie aufgeschnappt hatten. „Kaninchen-Filmen, wenn sie verstehen, was ich meine. Wenn ich erfahre, warum sich der Kerl jetzt auf diesen herrschsüchtigen Mann einlässt, dann ist das für mich spannender, weil sich dann im Kopf das eine oder andere abspielt. Aber ich schweife ab. Ich mag seine Filme und deswegen habe ich vorgesprochen oder besser: vorsprechen wollen."

Frank lachte leise und musterte Endre, dann den Jungen auf seinem Schoß. „Kaninchen-Filme, das gefällt mir. Das muss ich mir merken." Und Endre zuckte grinsend die Schultern.

„Was hätte ich denn sagen sollen? Ich kann doch nicht gleich am ersten Tag den Jungen verderben, da bin ich meinen Job doch schneller wieder los, als mir lieb ist. Soweit ich das mitbekommen habe, will er den Kleinen so weit es nur geht hier aus allem raus halten. Es soll keine Verbindung geben zwischen JJ und der Firma hier." Endre konnte das auch sehr gut verstehen. In einer Firma wie dieser hatten Kinder nichts verloren, egal ob hier Homo- oder Hetero-Filme gedreht wurden. Er hoffte nur darauf, dass Leif bald fertig wurde und sie fahren konnten.

„Er will auch sich selber aus der Sache raushalten, damit man ihm den Kleinen ganz zuspricht und ihn nicht weg, in ein Heim steckt", eröffnete Frank, der noch immer ein Problem mit der Entscheidung seines Chefs hatte. „Sein Verlobter hingegen will, dass es bleibt, wie es ist."

„Zu Deutsch: Vincenzo will nicht, dass Lazlo aufhört und er will das Kind nicht bei sich haben oder was wollen sie mir damit sagen?" Nun wurde Endre doch hellhörig. Eifersüchtige Partner waren nicht zu unterschätzende Gegner. Gegner, gegen die sich Kinder kaum wehren konnten. Eindringlich sah er Frank an und der nickte.

Warum sollte er auch lügen? Früher oder später würde Enzo das sowieso mitbekommen. Vielleicht schmiss er seinen Job auch und fing doch noch vor der Kamera an, wenn er von Viktor boykottiert wurde? Frank schüttelte für sich den Kopf. Das war nicht fair, was er hier tat. Er konnte doch Leif nicht so in den Rücken fallen!

„Mein Job ist es, auf JJ aufzupassen und dafür zu sorgen, dass es ihm gut geht. Sollte sich dem etwas oder jemand in den Weg stellen, dann hat dieses etwas oder jemand ein ziemliches Problem. Und dabei ist es mir egal, ob das ein berühmter Star ist oder Leifs Verlobter. So lange das Kindeswohl gefährdet ist, bin ich zur Stelle. Ich habe diesen Job übernommen und ich bringe ihn zu Ende."

Frank schluckte, diese entschlossenen Augen verhießen gar nichts Gutes. Sollte Enzo wirklich eines Tages mit Vincenzo aneinander geraten, dann brannte die Hölle lichterloh und er würde selbst dafür sorgen, dass er dann nicht in der Nähe war. Einen besseren Schutz als diesen Mann hätte sich Leif wohl gar nicht für den Jungen zulegen können.

Nachdenklich trank er von seinem Tee und zuckte hoch, als das Telefon klingelte. So entschuldigte er sich nur und machte sich zurück an seinen Tisch. Endre sah ihm hinterher und ließ sich die Worte noch einmal durch den Kopf gehen.

Vincenzo. Er wollte nicht, dass sein Verlobter ausstieg und er wollte das Kind nicht.

Langsam dämmerte ihm, warum dieser Job so gut bezahlt wurde. Es gab da ein paar Widrigkeiten, von denen Leif ihm noch nichts gesagt hatte. Da musste er nachhaken.

„Frank, kommst du mal!", hallte plötzlich Leifs Stimme durch das Büro und die Domina folgte.

Die beiden Jungs, die Leif eben auf ihre Qualitäten hin getestet hatte, zogen sich nebenan gerade wieder ihre Kleider über, während Frank sich die kurze Sequenz ansah. „Sie sind nicht übel", sagte Frank. Langsam hatte er ja den Blick dafür. „Hässlich sind sie auch nicht gerade. Die Tätowierung ist ein netter Hingucker. Wie sind sie so?"

Leif schaltete das Band ab. „Scheinen beide ziemlich bodenständig und der kleine Asiat wäre vielleicht eine ziemliche Bereicherung für unser Sortiment." Was noch positiv zu vermerken war: sie waren bereit, auch mit anderen zu arbeiten. Nur weil sie ein Paar waren, hieß das noch lange nicht, dass sie da festgelegt waren.

Ganz anders als Michael und Keil. Die beiden waren gut, sie waren verdammt heiß, aber nur zusammen - getrennt waren sie nur so gut wie ihre Partner und wirkten etwas unbeholfen. Es würde sich zeigen, wie sich das mit den beiden hier entwickelte.

„Ich würde sie erst mal für ein paar kleine Rollen im Hintergrund haben wollen, um zu sehen, wie sie sich vor der Kamera machen oder ob sie wirklich nur vögeln können." Frank stimmte ihm zu.

„Bestellen wir sie doch für Montag mit in die Sauna. Mal sehen, wie sie sich anstellen, während du und Vik sich im Vordergrund tummeln. Ich greife sie mir und spreche das mit ihnen durch. Wenn sie einverstanden sind, lass ich sie die Verträge unterschreiben, wäre das okay?", fragte Frank noch, denn er wusste, dass sein Chef dann wegwollte. Mit seinem neuen Kindermädchen. Einen Kommentar konnte er sich dann doch nicht verkneifen und meinte, dass der Kerl echt hübsch wäre und für die Filme sicher eine Bereicherung gewesen wäre.

Leif grinste nur. „Japp, aber hauptsächlich mag JJ ihn und das ist wichtig."

„Und das Vincenzo ausrastet, weil du einen so hübschen Kerl jetzt täglich in deiner Nähe haben wirst, spielt das auch eine Rolle?", wollte Frank wissen. Denn wenn er eines nicht haben konnte, dann, wenn sich die Chefs verkracht hatten und das Arbeiten in der Firma ziemlich angespannt war. Und so eifersüchtig wie Viktor war, stand es felsenfest, dass er Enzo in seiner Nähe nicht dulden würde. Schon gar nicht in Leifs Nähe! Ob er gut mit dem Jungen auskam würde Vincenzo dabei ziemlich wenig interessieren. Jeder Mann in der Nähe seines Verlobten war eine potenzielle Gefahr für ihre Beziehung. Da konnte sich Leif den Mund fusselig reden und Liebes- und Treueschwüre leisten ohne Ende, es brachte nichts.

„Da wird sich Vik dran gewöhnen müssen. Wenn er mehr von mir haben will und ich mehr Zeit für ihn haben soll, dann wird er den Köder schlucken müssen und Endre akzeptieren. Schließlich kümmert er sich um den Kleinen und so habe ich mehr Zeit für Vik, ist doch alles nur logisch."

Leif wusste zwar genauso gut wie Frank, dass Viktor diesen Mann in Leifs Nähe ächten und tyrannisieren würde, doch Endre war nicht auf den Kopf gefallen. Er würde sich schon zu verteidigen wissen und wenn Viktor erst einmal begriffen hatte, dass Leif wieder mehr Zeit für ihn hatte und ihn besänftigen konnte, dass er nachts wieder bei ihm schlief und sie essen gehen konnten, sich im Bad vergnügen oder tanzen gehen, dann würde auch Viktor das Gefahrenpotenzial gegen den Spaß abwägen und begreifen. Zumindest traute Leif seinem Verlobten diesen Weitblick zu. Ob das wirklich so war, dürfte sich schon heute Abend zeigen.

„Na, du bist ja ein Optimist!" Frank zeigte deutlich, dass er das nicht so einfach sah, doch er sagte auch nichts weiter. Es ging ihn nichts an. Alles, was er wollte war, dass Leif die Konsequenzen seines Tuns abwog und nicht vor Begeisterung für den Jungen völlig blind für sein Umfeld wurde. Denn von seinen Entscheidungen hing immer noch ein bisschen mehr ab, als Leif einsehen wollte.

„Ja, verdammt, Frank", sagte Leif, doch es war kein Vorwurf. Es zeigte deutlich, dass auch Leif darüber schon nachgedacht hatte und er wusste, wie sein Vik auf den hübschen Kerl reagieren würde. Doch was sollte er denn machen? Endre war der Einzige, den JJ annahm, vor dem er nicht weglief und mit dem er sich beschäftigen konnte. Es wäre doch Wahnsinn, den Mann wieder gehen zu lassen, nur weil Viktor ausflippen würde?

Den Spagat zwischen JJ und Viktor konnte Leif alleine einfach nicht bewältigen. Er hatte es in den letzten beiden Tagen doch gesehen. Er pendelte zwischen zwei Welten und eine Welt davon war viel zu neu, als dass er sie mühelos allein durchfahren konnte. JJ brauchte viel Aufmerksamkeit und Viktor leider auch. Und dass die beiden sich nicht mochten, hatten sie heute Morgen erst wieder eindeutig bewiesen.

Es ging einfach nicht ohne Endre.

„Na ja, Leif. Mach was du für richtig hältst", sagte Frank nur, weil gerade die beiden Neuen von nebenan kamen. Frank erhob sich und wies sie an, ihm zu folgen. Sie würden gern das Vertragliche und die Einsatzmöglichkeiten regeln. Die beiden wirkten sichtlich zufrieden, als sie Frank folgten und Leif lachte leise. Doch dann raffte er seine Sachen. Er saß sowieso schon wie auf Kohlen. Er wollte zu JJ und Endre. Er wollte mit ihnen einkaufen gehen und er wollte ein bisschen Zeit mit Endre verbringen. Er war ein interessanter Mann.

Vielleicht war es auch ein ganz kleines bisschen Trotz gegen Viktor, dass er mehr Zeit mit ihm verbrachte als nötig war. Schließlich versuchte Leif gerade einen Kompromiss für ihre Zukunft zu finden. Wenn Viktor da nicht einen einzigen Schritt auf ihn zu kommen konnte, dann konnte Leif auch anders. Wenn es sein musste, war er ein ziemliches Miststück. Selten, aber es passierte, vor allem wenn man ihn reizte und seinen guten Willen nicht zu schätzen wusste.

Er griff sich sein Handy und schon war er aus dem Büro, warf Frank noch einen Gruß zu und verschwand im Konferenzraum, wo JJ gerade fertig war mit seinem Bild. Er strahlte Leif an, als er kam und der Blonde konnte gar nicht sagen, was er dabei empfand. Ihm ging förmlich das Herz über. Das weiche Lächeln und die offenen, großen Augen.

„Für dich", erklärte JJ hastig und reichte Leif das Bild von dem bunten Schaf. Der machte große Augen.

„Das ist ja hübsch, Kleiner. Danke!" Ein kurzer Blickwechsel mit Endre, der nur grinste und JJ von seinem Schoß hob.

„Wollen wir los, hm?"

JJ guckte ihn fragend an und Leif nickte. „Ja, machen wir uns auf in die Stadt, auch wenn ich keine Lust auf die Bahn habe." Er zog dem Kleinen seine Jacke an, während Endre das Schaf verstaute. So viel hatte er schon begriffen, das Tier musste mit, es war für JJ wie eine tragbare Mauer, hinter der er sich verstecken konnte. Das mussten sie ihm abgewöhnen. Nicht nur, weil es albern war, täglich mit einem großen, grauen Schaf durch die Gegend zu laufen, sondern auch, weil sich JJ nicht verstecken sollte.

Vielleicht kauften sie erst mal ein kleines Tier, was nicht so auffiel.

„Na, dann los!" Und so zog die kleine Karawane von dannen.