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IKEA Sonderposten - Teil 17 bis 20

17

Schlussendlich war der Morgen das Signal für die ganze Woche und Felix kam jeden Tag zeitig in die Firma. Entweder brachte ihn Ole, wenn sie den Abend zusammen verbracht hatten, oder er nahm einen Bus früher, damit er zeitiger Schluss machen und mehr Zeit mit Ole oder Jan und Mario verbringen konnte. Dass die ihn schon skeptisch beäugten, immer wenn das Wort Ole fiel, merkte Felix noch nicht einmal. Er hatte einfach eine der schönsten Wochen seit langem, denn er war nicht einen einzigen Abend allein.

Und dieses Wochenende war es nicht anders.

Heute war der Schwimmwettkampf und Felix tigerte durch Jans und Marios Wohnung. Er wollte los, aber seine Freunde waren noch nicht fertig. Was sollte denn Ole denken, wenn er nicht pünktlich kam? „Leute, wir müssen los“, brüllte er, ganz gegen seine morgendlichen Gewohnheiten, ins Schlafzimmer. Das betrat er nicht mehr, seit er heute schon einmal rote Ohren bekommen hatte.

„Mauseplautz, noch ein Wort zum Thema Drängeln und du landest in Marios Pax!" Der große Kleiderschrank mit den Schwebetüren war ein wahres Raumwunder und eines der Fächer reichte, um Felix dort hinein zu stecken. Es war gerade mal kurz nach sieben. Vor halb neun kamen sie nicht in die Halle. Essen wollten beide vor dem Wettkampf nicht und Felix hatte die Tradition, den Würstchenverkäufer im Foyer zu überfallen. Es sprach also nichts dagegen, noch ein paar Minuten liegen zu bleiben, sich zu entspannen und ruhig in den Tag zu gehen - vorausgesetzt: Herr Mauseplautz auf Ole-Entzug setzte sich endlich schweigend in eine Ecke.

„Ole kommt um acht zum Stadion und wenn wir dann nicht da sind, dann steht er in der Kälte rum“, maulte Felix, der sich nicht an die Wünsche seiner Freunde hielt und weiter durch die Tür schrie. Mario verdrehte die Augen und seufzte. Es war ja normalerweise schon nicht leicht, den hyperaktiven Zwerg zu hüten, aber seit er Ole kannte, war es noch schwieriger geworden. „Dann schick ihm halt ’ne SMS, dass wir erst um halb neun da sind. Er ist doch bestimmt noch nicht losgefahren. Dann siehst du ihn eben eine halbe Stunde später“, übernahm Jan wieder die Kommunikation durch die geschlossene Tür und streichelte Mario, der brummte, weil sie ständig gestört wurden.

„Toller Plan", maulte Felix und tigerte ins Wohnzimmer auf die neue Couch, wo er auch genächtigt hatte.

„Langsam wird er schwierig", knurrte Mario und küsste Jan noch einmal. An mehr war nicht mehr zu denken. „Ich werde bei Gelegenheit diesem Ole mal auf den Zahn fühlen. Ich will endlich wissen, warum Mauseplautz so rebellisch wird, wenn es um den Kerl geht."

„Mach das. Mich würde auch interessieren, was der von unserem Mauseplautz will. Stell dir das mal vor, die verbringen jede freie Minute miteinander.“ Jan sah Mario an und grinste. Für ihn war schon klar, was da zwischen den beiden lief, nur Felix hatte davon noch nichts mitbekommen. Interessant wäre es doch mal zu wissen, was dieser Schwedenhappen dazu sagte.

„Ja, die sind schlimmer als wir. Wir haben wenigstens noch guten Sex, aber die turteln ja nur", sagte Mario lachend und ließ sich wieder in die Kissen sinken. Vielleicht sollte man auch mal Felix ein bisschen auf den Zahn fühlen. Vorsichtig versteht sich, nicht dass sie noch etwas zerstörten, was vielleicht gerade im Entstehen war. „Backen Kekse, kochen Essen, kuscheln auf der Couch."

„Ja eben. Die kuscheln auf der Couch. Die schlafen in einem Bett. Aneinandergekuschelt!! Bei einem Bett das sechs Quadratmeter groß ist!“ Jan bekam leuchtende Augen, wenn er sich diese Spielwiese vorstellte, aber er bremste sich, denn darum ging es gerade nicht. „Das macht er noch nicht einmal mit einem von uns und da wüsste er, dass wir nichts von ihm wollen. Normalerweise sähe man ihn nur noch von hinten, wenn das jemand anderes vorschlagen würde.“

„Ich finde, das: „Von hinten“, war ziemlich zweideutig. Vielleicht hat der Kerl Herrn Mauseplautz ja schon von hinten gesehen und der Kleine ist... angefixt", überlegte Mario, doch dann schüttelte er den Kopf. Das hätte Felix Jan unter Garantie erzählt, denn mit dem sprach der Kurze über alles. Das war es also nicht.

„Es ist halb acht!", krähte es vor der Tür und Mario schüttelte über so viel Penetranz den Kopf.

„Geh uns nicht auf den Keks“, schrie Mario zurück, wurde aber von seinem Schatz gebremst. „Lass ihn, ich glaube, der ist nicht zurechnungsfähig, wenn er nicht seine tägliche Ole-Dröhnung kriegt und er musste jetzt schon einen Tag aussetzen“, lachte Jan und küsste seinen Schatz versöhnlich. „Komm, er gibt eh keine Ruhe mehr. Stehen wir besser auf.“

„Warum bekommt die Kröte immer, was er will, wenn er nur lange genug nervt? Du hast wirklich absolut keine Erziehungsqualitäten. Der lernt jetzt, dass er nur lange genug Terror verbreiten muss, damit du springst. Aus Prinzip würde ich heute zu spät kommen", knurrte Mario, erhob sich aber. Denn, selbst um Felix zu ärgern, würde er seine Wettkämpfe nicht aufs Spiel setzen.

„Ach Schatz.“ Jan zog Mario noch einmal zu sich herunter und küsste ihn ausgiebig. „Ich weiß, dass ich viel zu weich bin, wenn es um unseren Mauseplautz geht, aber…“ Er setzte seinen Dackelblick auf, dem Mario eigentlich fast nie widerstehen konnte und küsste ihn noch einmal. „Sehen wir zu, dass wir ihn an diesen Ole weitergeben können, dann muss der seine Launen aushalten.“

„Und ich habe dich endlich wieder ganz egoistisch ganz für mich allein." Mario legte die Arme um seinen Liebling und zog ihn übermütig wieder auf sich. Dabei ignorierte er das nörgelnde: „Ich warte!", vor der Tür mit Leidenschaft und Hingabe. Felix hatte seine Lektion schon gelernt und kam garantiert so schnell heute nicht mehr ins Schlafzimmer. So stahl er sich noch ein paar Minuten.

„Ja, ganz für dich alleine“, schnurrte Jan und genoss die Minuten, die Felix nicht maulte. „Ich liebe dich“, murmelte er zwischen vielen, kleinen Küssen, löste sich dann aber doch, denn langsam wurde es wirklich Zeit, aufzustehen. „Komm, erlösen wir den Floh. Ich hoffe für ihn, dass er den Kaffee schon fertig hat, sonst kann er laufen.“

„Klar. Und schon lässt du Mauseplautz bei dem Wetter laufen", lachte Mario und tippte seinem Liebling gegen die Stirn. Sie kannten ihn doch beiden. Felix war wie ein kleiner Bruder und auf den passte Jan auf wie auf seinen Augapfel.

„Blödmann", grinste Jan und öffnete endlich die Tür, schnupperte und schob den wartenden Felix Richtung Küche. „Mach Kaffee, solange wie wir duschen - sonst fährt für dich der Bus!"

„Aber nicht zusammen. Sonst dauert das wieder und wir haben keine Zeit mehr.“ Felix lief seinen Freunden nach und tippte auf seine Uhr, um zu verdeutlichen, dass die sich jetzt endlich beeilen sollten. Erst als die Badezimmertür zu war, lief er in die Küche und warf die Kaffeemaschine an. Dann tigerte er wieder zum Bad und lauschte, ob er die Dusche hörte.

„Warum rauscht noch kein Wasser?", wollte er wissen und war versucht, die Tür aufzureißen, doch er ließ es lieber bleiben. Einmal Blutstau im Kopf reichte für den Tag. Lieber schrieb er Ole noch eine Nachricht, er würde darauf drängen, dass sie pünktlich weg kamen, spätestens halb neun wollten sie dann da sein.

Es kam auch sofort einen Nachricht zurück, dass Felix sich keinen Stress machen sollte. In seinem Auto wäre es warm und wenn er ein paar Minuten warten müsse, wäre das nicht schlimm. Felix merkte gar nicht, wie er lächelte, während er die Nachricht las. Ole war also nicht böse. Trotzdem bollerte er gegen die Tür, damit Jan und Mario sich erschreckten. Schon allein aus Prinzip. Doch dann wuselte er wieder in die Küche und hockte sich neben die Kaffeemaschine. Da konnte er wenigstens bei zugucken, wie der Kaffee durch lief. Ein bisschen schämte er sich ja schon, weil er seine Freunde so terrorisierte, aber sie mussten doch verstehen, dass er sich ein paar Sorgen um Ole machte, wenn der allein vor der Schwimmhalle stand. Dass der gestandene Mann schon die Welt bereist hatte und daran sicher nicht starb, wollte Felix übersehen.

Während er dem Kaffee zusah, dachte Felix an die vergangene Woche und musste lächeln. Zwischen Ole und ihm stimmte es einfach. Mittlerweile verstanden sie sich oft ohne Worte und Ole kam wunderbar mit seinen Marotten zurecht. Er ließ ihn morgens schweigen und abends kuscheln, wenn er fror und Wärme brauchte. Ole war wirklich ein toller Freund. Einer auf den Felix nicht mehr verzichten wollte, nein - nicht mehr verzichten konnte! Es war die Erlösung aus einem anstrengenden Tag, wenn Ole abends klingelte und sie zusammen kochten oder in die Stadt gingen. Und Felix hoffte, dass es nächste Woche so weiter ging. Dümmlich grinsend hockte er noch immer hypnotisierend vor der Kanne, als Mario in die Küche kam.

„Einen Penny für deine Gedanken“, flüsterte er Felix ins Ohr und weil der nicht mitbekommen hatte, wie Mario herein gekommen war, erschreckte er sich furchtbar und wurde dann rot um die Nase.

„Gehtdichnixan“, nuschelte er leise und lenkte gleich von sich ab. „Wo bleibt Jan“, verlangte er zu wissen. Felix klopfte wieder auf seine Uhr und riss die Augen auf. „Ihr solltet euch beeilen. Man braucht doch nicht zwanzig Minuten, um sich sauber zu machen“, brummte er und sah Mario strafend an.

„Doch, hinterher schon", erklärte der lapidar und verlangte einen perfekten Kaffee in seinem Lieblingsbecher und verschwand zum Ankleiden im Schlafzimmer, wo Jan gleich hingegangen war und nun chic gemacht in die Küche kam. „Warum leuchtest du denn so?", wollte er wissen, als er den knallroten Felix mit Marios Lieblingstasse erwischte.

„Frag deinen versauten Freund, der mir immer Dinge erzählt, die ich nicht wissen will, weil ich sie dann nicht mehr aus dem Kopf bekomme“, beschwerte Felix sich und drückte Jan gleich eine Tasse Kaffee in die Hand. Freilich nicht den für Mario, denn das würde wieder bedeuten, dass der einen Vortrag hielt, dass ihm Kaffee nur aus dieser Tasse richtig gut schmeckte. Da hatten sie keine Zeit für - nicht heute!

„Ich wette, du hast wieder eine Frage gestellt", lachte Jan, denn er kannte das Spiel und für Mario war es mittlerweile ein Spiel. Felix war eigentlich schon ziemlich abgebrüht, was das Liebesleben von Jan und seinem Schatz anging, doch das hieß noch lange nicht, dass Mario sich damit zufrieden geben musste. Er fand immer noch Situationen, in denen Felix nicht mit einer derartigen Antwort rechnete und nutzte das gnadenlos aus.

Felix brummelte Unverständliches vor sich hin und Jan grinste hinter seiner Tasse. Hatte er es doch gewusst. Sein Freund fiel immer darauf rein. Jan wuschelte Felix durch die Haare und zog ihn an sich. „Er hat dich eben gern, auch wenn er das nicht zugibt. Leute, die er nicht mag, ärgert er nicht. Glaub mir, ich spreche da aus Erfahrung.“

„Hm", knurrte Felix und grinste schief. Er wusste das auch und es war ja nicht so, als hätte er keinen Spaß daran - wenn man es mit etwas Abstand betrachtete. Doch im Augenblick war er angespannt, weil er sich Sorgen machte, dass Ole vielleicht von jemandem angequatscht wurde und er neue Freunde fand und keine Zeit mehr für Felix hatte. Es mochte egoistisch sein, aber er wollte derjenige sein, mit dem Ole seine Zeit verbrachte und deswegen wollte er auch los. Doch er drängelte nicht mehr.

Seine Gedanken waren ihm gut im Gesicht anzusehen und Jan küsste ihn auf die Schläfe. „Ole wird nicht weg sein. Er hat versprochen zu kommen und wenn nötig, auf uns zu warten. Er hält, was er verspricht.“ Jan hoffte es zumindest. So gut kannte er Ole noch nicht, aber nach Felix’ Beschreibung war er über jeden Zweifel erhaben - eine gottgleiche Lichtgestalt.

„Hm", seufzte Felix und Jan lachte einmal mehr darüber, wie unterschiedlich Felix einen einzigen Laut anklingen lassen konnte. Er übte ja auch schon ein paar Jahre dafür. Auch ihm war das morgendliche Gemurmel nicht fremd, doch er konnte - wie Ole und Felix' Familie - gut damit leben und hatte die Intonationen zu deuten gelernt.

Als Mario endlich da war und ihre Taschen im Flur fallen ließ, bekam auch er seinen Kaffee. Ein Aufbruch war in greifbare Nähe gerückt.

Und weil Jan ihm ein Zeichen gab, ärgerte Mario Felix auch nicht mehr, trank brav seinen Kaffee aus und endlich konnten sie los. Die Fahrt zur Halle war noch einmal etwas heikel, weil Felix auf der Rückbank herumhibbelte und sich partout nicht anschnallte, aber das war vermutlich gut, weil der Gurt wahrscheinlich in Fetzen gegangen wäre, als sie an der Halle ankamen. Jan hatte den Motor noch nicht abgestellt, als Felix schon die Tür aufriss und rausstürzte.

„Es war mir wie immer eine Freude, sie zu ihrem Date zu geleiten, holder Herr", frotzelte Mario und lachte. Lieber blieb er im Wagen sitzen und guckte zu, wie Herr Mauseplautz zielstrebig durch die Masse von Wagen auf einen einzigen, schwarzen hochbeinigen Volvo zu steuerte, an dem ein blonder Riese lehnte. Es war, als würde Felix fliegen, so schnell bewegten sich seine Füße. Ein Wunder, dass er noch den Boden berührte.

Ole breitete seine Arme aus, als er Felix auf sich zulaufen sah und fing ihn auf. Er drückte ihn an sich und lachte. „Na, alles klar? Guten Morgen“, begrüßte er seinen Freund und hielt ihn noch etwas fest. Er hatte den kleinen Wirbelwind vermisst und sein Bett war ihm viel zu leer vorgekommen. „War es schön bei Mario und Jan? Wo sind die zwei überhaupt?“ Erst jetzt fiel Ole auf, dass er Felix’ Freunde noch nicht gesehen hatte und blickte suchend über den Parkplatz.

„Noch am Auto, nehme ich an", sagte Felix und sah sich ebenfalls suchend um. Er wusste ja, in welcher Ecke des Parkplatzes er suchen musste. „Da!", rief er und wedelte mit den Armen, gerade so, als wäre der große schwarze Wagen mit dem blonden Riesen daneben zu übersehen. „Und es ist nur mir zu verdanken, dass wir schon da sind!"

„Gut gemacht, Felix“, lachte Ole und winkte ebenfalls, denn Jan und Mario stiegen gerade aus dem Auto und kamen zu ihnen herüber. Sie hatten etwas Mühe, mit ihren großen Taschen zwischen den dicht geparkten Autos durch zu kommen, aber es gelang ihnen. „Na ihr zwei. Alles klar? Seid ihr fit?“, fragte Ole und gab beiden die Hand, um sie zu begrüßen.

„Nicht so fit, wie wir sein könnten, wenn wir heute morgen nicht schon unter Stress gesetzt worden wären. Wenn mich das heute den Sieg kostet, wird der Kurze sowieso frittiert und verfüttert." Mario sah Felix offen an, der schon wieder die große Klappe haben wollte, sich in der letzten Minute aber doch noch auf die Zunge biss. Ganz Unrecht hatte Mario schließlich nicht.

„Los, rein!", lenkte er also ab. Er wollte ein Würstchen, während seine Freunde sich im Wasser aufwärmten.

„Ja, gehen wir. Ich habe gesehen, da gibt es Kaffee. Den könnte ich gut gebrauchen.“ Ole rieb sich die Hände, denn sie waren in den paar Minuten, die er gewartet hatte, kalt geworden. Jetzt bereute er es, nicht die dicke Daunenjacke angezogen zu haben, aber dafür, sie die ganze Zeit in der Halle mit sich herum zu tragen, war die ihm zu dick gewesen.

„Und Würstchen!", tönte Felix und war schon auf dem Weg vorneweg.

„Ziemlich verfressen, die kleine Made", murmelte Mario und schüttelte den Kopf. Man wollte nicht glauben, was die halbe Portion alles verdrücken konnte. Sie folgten langsamer und so hatte Felix sich schon das erste Mal vor lauter Gier den Mund verbrannt, als Ole und die anderen zur Tür herein kamen.

Er hüpfte, jammerte und fluchte und versuchte doch schon wieder etwas abzubeißen, was das Ganze wieder von vorne beginnen ließ. Ole, Mario und Jan sahen sich an und grinsten breit. „Er ist echt dümmer als ein Regenwurm. Der hätte wenigstens nach 600 Versuchen gewusst, dass er sich verbrennt, wenn er in eine Wurst beißt, die gerade vom Grill kommt. Felix nicht, der hat das schon mehr als 600-mal durch und lernt es einfach nicht.“ Mario schüttelte den Kopf und sah Ole mitleidig an. „Du weißt schon, was du dir mit ihm antust?“, fragte er mal lieber nach, denn es konnte ja sein, dass der große Schwede noch nicht mitbekommen hatte, was für eine wandelnde Katastrophe Felix war. Der nickte aber nur und lachte. „Ach, ist halb so schlimm. Solange er sich nicht lebensgefährlich verletzt, ist es doch okay.“

„Eben", stimmte Jan lachend zu, „und wenn er sich was abhackt - was soll's? Er ist jung, das wächst nach!" Sie guckten sich das noch zwei Versuche lang an, dann stieß Mario seinen Schatz an.

„Stell dich nicht zu dicht neben ihn, sonst denkt noch einer, der Regenwurm gehört zu dir", lachte er Ole zu und ging in Richtung Umkleiden. Jan folgte ihm lachend, nach einem letzten Blick auf das ungleiche Paar.

„Wenn das doch nur so wäre“, murmelte Ole ganz leise, nur für sich und er wirkte kurz traurig. Das war aber wieder verschwunden, als er zu Felix ging und sich einen Kaffee und ebenfalls eine Wurst bestellte. Eigentlich war er nicht hungrig, aber sie rochen lecker und da er nicht wusste, wann sie wieder Gelegenheit hatten, etwas zu essen, sollte er es jetzt tun.

„Heiß!", warnte Felix, der mittlerweile den Sieg davon getragen hatte. Die Wurst in seiner Hand wurde immer kürzer und kälter und Felix' Ego wieder größer. Er gesellte sich zu Ole an den Stehtisch und beguckte sich die anderen Besucher, die ihre Angehörigen und Freunde anfeuern wollten. Er staunte immer wieder aufs Neue, wie gut besucht diese Veranstaltungen waren und so sollten sie sich vielleicht beeilen, wenn sie noch Sitze recht dicht am Becken bekommen wollten.

Ole nickte mit vollem Mund. Die Wurst war wirklich gut und darum wurde sie auch stetig kürzer. Zwischendurch nippte er an seinem Kaffee und fragte in Zeichensprache, ob Felix auch einen Kaffee oder Kakao haben wollte. Den konnten sie dann mit zu ihren Plätzen nehmen. So große Hallen waren meist nicht sehr gut beheizt, da war etwas Warmes nicht verkehrt.

„Ich hol schon", erklärte Felix und knurrte, als ihm schon wieder einer ungefragt durch die Haare wuschelte. Er fuhr herum und funkelte René an, der immer noch zusammen mit Mario und Jan trainierte.

„Na? Schon wieder am Essen?", begrüßte er Felix und der knurrte leise vor sich hin, dann lachten sie beide. Doch weil René spät dran war, nickte er Felix' Begleitung nur zu und verschwand ebenfalls, denn die Bahnen zum Einschwimmen füllten sich langsam und Felix guckte schon, ob er Jan und Mario sehen konnte. Dabei konnte er nicht auf den Weg achten, darum nahm Ole ihn am Arm und lotste ihn zu zwei Plätzen, wo sie gut sehen konnten. Sie lagen ziemlich mittig, so hatten sie beide Beckenenden gut im Blick.

„Da vorne“, sagte Felix und zeigte auf zwei Schwimmer, die aus den Kabinen kamen. Das waren Mario und Jan und Ole kniff die Augen ein wenig zusammen, damit er besser sehen konnte. Die zwei sahen schon ziemlich lecker in den engen Schwimmanzügen aus. Jeder hatte seine Tasche über die Schulter geworfen und suchte sich einen Platz im Innenraum. Wie Felix auch, suchten sie nun ihrerseits das Publikum ab und entdeckten dank Ole auch ziemlich schnell Felix, winkten und machten sich dann ins Wasser, um sich aufzuwärmen.

„Sie sind voll gut. Jan ist immerhin Landesmeister", sagte Felix mit stolz geschwellter Brust und nippte an seinem Kakao, packte aber noch die Kamera aus, weil er Jan versprochen hatte, ein paar Bilder vom Wettkampf zu machen.

„Dann sind seine Chancen ja nicht schlecht. Wir feuern sie beide an, vielleicht wird es dann ein Doppelsieg für ihn und Mario.“ Ole konnte sich das gut vorstellen, denn so wie Felix’ Freunde ihre Bahnen zogen, sah das ziemlich gut aus und wenn man bedachte, dass die beiden Schwimmer sich erst einschwammen, konnte man noch einiges mehr erwarten.

„Japp, und wenn sie verlieren, werde ich sie mit Schmähungen und Buh-Rufen überschütten", legte Felix fest, zwinkerte aber, damit Ole wusste, dass er das zwar sagte, aber niemals tun würde. Lieber lehnte er sich wieder zurück und wühlte nach Jans Kamera, er musste erst einmal ein paar Probebilder machen, denn solch ein Gerät, mit so vielen Knöpfen, hatte er noch nicht in der Hand gehabt. Seine war etwas schlichter.


18

Ole sah seinem Freund dabei zu, wie er die Kamera untersuchte und beugte sich zu ihm. „Wenn du möchtest, kann ich die Bilder machen. Ich habe ein ähnliches Modell. Aber wenn du das machen willst, zeig ich dir, wie sie funktioniert.“ Ole wollte sich nicht aufdrängen, darum fragte er vorsichtig. Nicht dass Felix glaubte, dass er ihm das nicht zutraute.

Natürlich entschied sich Felix ganz spontan für den Weg, bei dem er den wenigsten Schaden anrichten konnte, und drückte Ole das Gerät in die Hand. „Dann zeig mal, was du kannst. Wenn sie gut sind, dann ist Jan beeindruckt. Er knipst nämlich auch fürs Leben gern." Felix beobachtete nun Ole, wie der die Kamera einstellte und wo er überall drückte und schob und zuckte seufzend die Schultern. Das war viel zu viel Technik für ihn.

„Ich werde versuchen, Jan zu beeindrucken“, grinste Ole und machte ein paar Probebilder. Allerdings war das Objektiv für die Entfernung nicht gut geeignet. „Hat Jan dir noch mehr Objektive mitgegeben?“, fragte er und strahlte, als Felix ein Teleobjektiv aus seinem Rucksack zog. „Perfekt“, rief er freudig und tauschte die Objektive sofort aus. Jetzt konnte er sogar Detailaufnahmen von den Schwimmern machen.

„Wie ich sehe, ist sein Liebling bei dir in guten Händen", sagte Felix zufrieden und lehnte sich zurück, als er das Objektiv wieder gut weggepackt hatte. Nach und nach füllte sich die Halle und die Teams fanden sich zusammen. Während das Becken langsam geräumt wurde, begrüßte der Hallensprecher die Zuschauer.

„Ich hoffe doch“, flüsterte Ole in Felix’ Ohr und zeigte ihm die Bilder, die er schon geschossen hatte. Auf einem hatte er Jan erwischt. Man sah nur den Oberkörper und wie er Luft holte. Um ihn herum waren Wassertropfen zu sehen, die wie eingefroren wirkten.

„Boah!" Felix kroch Ole fast auf den Schoß, denn er war von den Bildern sichtlich begeistert. „So gut hätte ich das nie hin bekommen!" Ole war ein Genie und Felix wusste jetzt schon, dass Jan ihn dafür vergöttern würde. Aber hoffentlich nicht zu sehr, denn teilen mochte Felix immer noch nicht - genau genommen noch weniger als die Tage zuvor.

Zu sagen, Ole würde sich über Felix’ Begeisterung freuen, wäre ziemlich untertrieben gewesen. Er strahlte wie eine kleine Sonne. „Mit ein wenig Übung kannst du das bestimmt auch. Wenn du möchtest, kannst du eine von meinen Kameras nehmen und wir ziehen los. Meist bekommt man nach einer Weile ein Gespür dafür, wenn es einem Spaß macht.“

„Klar, warum nicht. Am besten erst mal mit Gegenständen, die nicht weglaufen können", lachte Felix und guckte sich die Bilder an, die Ole schon gemacht hatte. Der hatte ein Auge für den richtigen Bildaufbau. Doch dann richtete er seine Augen nach vorn, denn es ging los. Die Schwimmer für das erste Rennen wurden aufgerufen, Jan und Mario waren noch nicht dabei.

Zum Üben machte Ole noch ein paar Bilder, denn die Kamera reagierte ein wenig anders als seine und daran musste er sich erst gewöhnen, damit er im entscheidenden Augenblick nichts verpatzte. Schließlich konnten sie alles, was nicht gut war, wieder löschen. Darum sah er von den folgenden Rennen immer nur Ausschnitte.

„Jetzt kommt's drauf an", sagte Felix aufgeregt, denn sowohl Jan als auch Mario erhoben sich langsam von ihren Plätzen, zogen sich die Trainingsanzüge aus und gingen langsam zum Start, noch ehe die Namen aufgerufen wurden. Sie hatten Felix erzählt, dass jeder wusste, in welchem Lauf auf welcher Bahn er startete. Das stand schon fest, ehe der Wettkampf begann. Die Favoriten schwammen in der Mitte und genau dort beorderte der Sprecher Jan und Mario hin.

Ole brummte zustimmend, dass er verstanden hatte und die Kamera summte leise, als er einige Serien von Jan und Mario schoss, wie sie sich warm machten und zu den Startblöcken gingen. Er war ein wenig aufgeregt, denn die Bilder sollten gut werden und zum Glück standen Jan und Mario nebeneinander, so dass er beide gleichzeitig ablichten konnte. Er wollte unbedingt einen Schnappschuss machen, wenn beide ins Wasser eintauchten. Das wurde, wenn es klappte, unter Garantie ein herrliches Bild.

Felix störte ihn auch nicht, hielt neben ihm die Luft an, um Ole ja nicht anzurempeln oder sonst irgendwie dafür zu sorgen, dass die Bilder verwackelten. Er hatte jetzt mindestens so viel Ehrgeiz wie Ole, dass die Bilder gut wurden und er wollte alles dafür tun. Selbst als der Startpfiff ertönte und es losging, blieb Felix erst einmal sitzen, bis Ole die Kamera kurz absetzte. Dann sprang er auf und fing an zu grölen - so wie immer.

Ole grinste kurz zu ihm hoch und nahm dann wieder ihre Freunde ins Visier. Er hätte gern Felix geknipst, aber der war für das Objektiv leider zu nahe. Darum schaffte er es, Jan genau in dem Moment zu erwischen, wo er als erster anschlug und Marios Hand nur noch wenige Zentimeter hinter seiner war. Da hielt auch Ole nichts mehr. Er sprang jubelnd auf. Er hüpfte mit Felix zusammen herum und legte einen Arm um ihn.

„Sie sind im Halbfinale", jubelte Felix und winkten seinen Freunden wie wild zu, als sie zu ihm auf sahen und grinsten. Langsam erhoben sie sich aus dem Wasser und griffen sich die Handtücher, um unter der warmen Dusche zu verschwinden und dann wieder in den Trainingsanzug zu kriechen, damit die Muskeln warm blieben und sie sich nichts zerrten.

Felix sah ihnen nach und setzte sich wieder. Er holte tief Luft und sah Ole an. „So, Hürde eins genommen!"

„Ja, und wenn man sich ihre Zeiten ansieht, habe ich auch keinen Zweifel, dass sie ins Finale kommen. Sie sind um Längen besser als der Rest.“ Ole war richtig neidisch, wie elegant und scheinbar mühelos sich Jan und Mario durch das Wasser bewegten. Manche Schwimmer pflügten regelrecht durch das Wasser, ihre Freunde glitten hindurch.

„Wie gesagt, wenn nicht, werde ich sie mit Schmährufen überschütten, bis sie sich ihrer Schande bewusst sind." Felix nickte und leerte seinen Becher mit Kakao. Weil in den nächsten vier Läufen weder Jan noch Mario dran waren, beschloss er, Nachschub für sich und Ole zu holen, während der Hüne ihre Plätze bewachen musste.

Ole machte es sich auch gleich auf beiden Plätzen bequem, damit ja keiner auf dumme Gedanken kam und lehnte sich zurück. Die Kamera hatte er noch immer in der Hand, allerdings ohne nach einem Motiv zu suchen. Er sah sich ein wenig um und musste lächeln, als er Felix mit zwei dampfenden Bechern kommen sah. Ohne darüber nachzudenken, drückte er auf den Auslöser. Er blickte nicht mal durch das Objektiv, denn dann wäre der Moment vorbei gewesen, den er einfangen wollte. War nur zu hoffen, dass sein Augenmaß stimmte und er Felix mit konzentriertem Gesicht und Zungenspitze zwischen den Lippen erwischt hatte. Schließlich wollte er die Becher heile zu seinem Platz kriegen.

„Hey", schimpfte er leise, als zwei tobende Jungs ihn anrempelten und er ziemlich ausbalancieren musste, um den kostbaren Inhalt nicht zu verkleckern! Der war nicht nur teuer gewesen, sondern auch noch für Ole. Und wie man schon gemerkt hatte, war Felix bei diesem Thema besonders pingelig. Doch dann hatte er es endlich geschafft und er reichte Ole die Becher, ehe er sich fallen ließ, um auszuruhen. Das war schwerer gewesen als erwatet.

„Danke.“ Ole hielt beide Becher fest, bis Felix richtig saß und gab dann einen Becher weiter. „Wie lange dauert es jetzt, bis Jan und Mario wieder dran sind?“, fragte er und lehnte sich näher zu Felix. Dass sie die anderen Rennen nicht wirklich interessierten, hieß ja nicht, dass sie andere dabei stören wollten, den Wettkampf zu verfolgen.

„Pro Lauf mit allem Drum und Dran und Zipp und Zapp muss man schon so 10 Minuten rechnen", überlegte Felix. „Es kommen noch zwei Vorläufe, dann zwei Semi-Final-Läufe. Ich weiß nicht, ob sie im ersten oder zweiten schwimmen werden." Er ruderte mit den Fingern vor seinem Gesicht herum und überlegte. Die Freistil-Strecke war die erste heute. Wenn die beiden dort erfolgreich waren - oder auch nicht - kam am Nachmittag noch die Staffelentscheidung. „Warum fragt du?"

Ole musste einfach grinsen, wie Felix da so herumwedelte. Allerdings konnte er mit den Ausführungen nicht sehr viel anfangen. Er wartete, bis sein Freund wieder ruhig saß und gab ihm dann seinen Becher. „Nur so. Ich wollte nur wissen, wann ich wieder für Fotos bereit sein sollte. Von solchen Wettkämpfen habe ich überhaupt keine Ahnung. Gib mir am besten einfach ein Zeichen, wenn es losgeht.“

„Ja, klar. Auf jeden Fall. Aber sie sind da hinten. Wenn du sie immer mal im Auge hast, siehst du ja auch, wann sie wieder vor zu den Startblöcken kommen", sagte Felix und widmete sich wieder seinem Kakao. „Morgen bin ich bei meiner Mom", fing er plötzlich an, weil er immer noch hin und her gerissen war. Er war kurz davor, Ole mit dorthin zu schleppen, nur um ihn bei sich zu haben, doch er wusste, dass Ole viel zu gut in das Beuteschema seiner Schwester passte, die gerade auf Männerfang war. War er denn blöd und lieferte seinen neuen Freund noch aus?

„Stimmt. Das hattest du ja erwähnt, als wir letztes Wochenende unterwegs waren.“ Ole grinste, weil er sich noch gut an das Gespräch erinnern konnte, das Felix mit seiner Mutter geführt hatte. „Glaub mir, wenn man nicht mehr Zuhause wohnt, ist es schön, zu solchen Gelegenheiten nach Hause zu gehen und sich verwöhnen zu lassen.“

„Na ja, ich freu mich ja irgendwie auch aber,..." Felix brach ab. Jetzt hätte er doch fast gesagt, dass er dann nicht bei Ole sein konnte. Was sollte der denn von ihm denken? Dass er ein anhängliches Kind war? Um Gottes Willen! „Na ja. Wird schon toll werden. Vielleicht kann ich mir Kekse erschleichen." Nicht dass er nicht schon reichlich hatte, weil er drei Tage lang mit Ole gebacken hatte. Kekse konnte Felix nie genug haben!

„Leckermaul!“, lachte Ole und wuschelte Felix durch die Haare. „Erschleich dir welche und wenn du ein paar für mich mit erschleichen kannst, wäre ich dir nicht böse. Ich brauche doch Vergleichsmöglichkeiten.“ Er zwinkerte Felix zu und drückte ihn einmal kurz an sich. Zwar fand er es schade, dass sie sich morgen deswegen nicht sehen konnten, aber das musste eben sein.

„Hm", sagte Felix und wusste nicht, ob er es wagen sollte, Ole anzubieten ihn vielleicht abzuholen und dann zu ihm oder Ole zu fahren, um Kekse zu vernichten und zu reden. Allerdings hatte das den üblen Nachgeschmack, Ole allein in Beschlag zu nehmen. Wenn der das gar nicht wollte, wurde es peinlich. Vielleicht war er nur zu höflich, nein zu sagen, und deswegen behielt Felix seinen Gedanken für sich, lächelte nur. „Klar", sagte er unverfänglich.

„Schön. Allerdings glaube ich nicht, dass sie besser schmecken werden als unsere.“ Ole nippte an seinem Kakao und sah immer einmal wieder zu Jan und Mario hinüber, aber die entspannten sich noch, darum widmete er sich wieder Felix. „Hab ich dir eigentlich schon gesagt, dass ich am 22. nach Schweden fahre? Am ersten Januar komme ich dann wieder. Ich habe gestern die Nachtfähre gebucht.“

„Oh", sagte Felix und wusste nicht, wie er das noch weiter kommentieren sollte. Ole war dann eine ganze Weile nicht da. Einfach nicht da. Er war dann bei den Elchen und Felix war ziemlich allein. Jan und Mario konnte er nicht ständig auf den Keks gehen, weil die auch ihre Zweisamkeit suchten. Zu Hause wollte er auch nicht ständig herum hängen, auch wenn seine Familie sich sicher freute. Es würde einsam werden. Doch er lächelte. „Schreib mir ’ne Karte mit einem Elch drauf!"

„Am liebsten würde ich dich ja mitnehmen. Schließlich findet man nicht oft jemanden, der Elche liebt und sich für das Land interessiert, in dem sie leben.“ Ole hatte gesprochen, bevor er nachgedacht hatte. Er hatte schon überlegt, Felix zu fragen, aber er wollte sich nicht aufdrängen, doch irgendetwas an dem Gesichtsausdruck seines Freundes hatte ihn dazu gebracht, ihn doch zu fragen.

„Echt?", fragte Felix und sah Ole mit offenem Mund an. „Du willst mich...", weiter kam er nicht, weil ein gellender Pfiff - der ihm nur zu bekannt vorkam - seine Aufmerksamkeit forderte. Jan stand auf dem Startblock und Mario stand an der Bande und sah Felix forschend an. Das war vielleicht ein Reporter-Mauseplautz!

„Wah! Jan!" Instinktiv suchte er die Kamera, doch Ole war schneller. Der hatte die Kamera schon am Anschlag. Der Motor surrte los und zeigte an, dass es auch Bilder von diesem Rennen geben würde, das Jan ziemlich eindeutig gewann. Erst als Jan aus dem Wasser war und von Mario ein Handtuch bekam, setzte Ole die Kamera ab und zeigte mit dem erhobenen Daumen, dass er alles im Kasten hatte. Doch er brauchte die Kamera nicht weit weg zu legen, denn im nächsten Rennen war Mario am Start. Und so kam Felix wieder nicht dazu zu fragen, ob Ole das wirklich ernst gemeint hatte.

Er wollte ihn mitnehmen?

Mit nach Schweden?

Mit zu den Elchen?

Sie würden die ganze Zeit zusammen verbringen?

Aufgeregt rutschte er herum, aber nur ganz wenig, damit er Ole die Bilder nicht verwackelte.

„Puh, erst mal wieder Pause.“ Ole ließ die Kamera sinken und lehnte sich zurück. Sein Kakao war kalt geworden, aber das machte nichts. Er leerte seinen Becher und sah dabei kurz durch die Bilder, ob sie was geworden waren. Bei einem musste er lachen, denn es zeigte einen jubelnden Mario, nachdem Jan gewonnen hatte. Das sah wirklich witzig aus. Darum zeigte er es Felix. Dem gefiel es bestimmt auch.

„Schön zu sehen, dass auch der mal richtig dämlich aussehen kann", lachte Felix und holte tief Luft. Er sah seinen Freunden nach, die wieder unter der Dusche verschwanden. Jetzt stand ihnen nur noch das Finale bevor. Doch das dauerte jetzt noch etwas. Normalerweise begannen jetzt die Vorläufe in anderen Stilarten, damit die Finalisten Kraft sammeln konnten.

„War das eigentlich eben ernst gemeint?", fragte Felix leise, er war immer noch unsicher.

„Hm?“ Ole konnte Felix’ Gedankengang im ersten Moment nicht folgen, aber dann hellte sich sein Gesicht auf. „Klar, so was sage ich nicht einfach nur so. Ich würde dich wirklich gerne mitnehmen. Schweden im Winter ist einfach schön und meine Familie hätte auch nichts dagegen. Sie mögen Besuch zu Weihnachten.“ Ole merkte gar nicht, dass er Felix fast bettelnd ansah, weil er befürchtete, sein Freund würde absagen. Seine Familie wollte ihn zu Weihnachten bestimmt bei sich haben.

„Das wäre schon cool", sagte Felix und nickte, wirkte aber aufgekratzt und erfreut. „Ich werde mal leise vorfühlen, was meine Mutter von der Idee hält, dass ich zu Weihnachten flüchte. Ich bin mir sicher, dass sie nicht begeistert sein wird, aber vielleicht kann ich sie ja doch breit schlagen, auf den Jüngsten mal ein Weihnachten zu verzichten." Denn er wollte gern zusammen mit Ole nach Schweden. Zwei Wochen nur sie beide. Doch auch mit dessen Eltern. Was dachten die wohl, wenn Ole anstatt einer jungen Dame nur Felix mit brachte? Vielleicht war denen das gar nicht recht? Er wurde unsicher, weil seine Gedanken verrückt spielten.

„Ja, frag nach. Ich drück die Daumen, dass es klappt.“ Ole strahlte über das ganze Gesicht, weil Felix wirklich darüber nachzudenken schien, mit zu kommen. „Aber wenn du merkst, dass sie das gar nicht möchte und vielleicht deswegen böse auf dich wird, dann lass es. Wir holen das dann so schnell wie möglich nach und fahren dann eben im nächsten Jahr. Aber Weihnachten wäre schon schön.“

„Ich werd sehen", sagte Felix, hatte aber schon beschlossen, kein Nein zu akzeptieren. Er hatte neunzehn Weihnachten zu Hause verbracht. Es wurde Zeit, sich abzunabeln. Vielleicht war Weihnachten nicht die beste Zeit - aber zwei Wochen mit Ole! Das wog doch alles auf. Vielleicht konnte seine Mutter das ja auch verstehen. Für ihn war klar, dass er mit musste! Wie sollte er sonst die Zeit ohne Ole durchstehen? Das war unvorstellbar.

Ole nickte begeistert und betete dafür, dass Felix mitkonnte. „Wegen der Fähre musst du dir keine Gedanken machen. Die berechnen die Überfahrt pro Auto, da ist es egal, ob einer mehr mitfährt und die Kabine können wir uns auch teilen.“ Er war Feuer und Flamme und malte sich schon aus, was sie alles machen konnten und vor allen Dingen, was Felix dazu sagen würde, wenn er zum ersten Mal sah, was ihn dort noch erwartete. Doch er würde den Teufel tun und Felix schon davon erzählen. Dann war er traurig, wenn es doch nicht klappte. Das wäre nicht fair gewesen.

„Fähre - ich bin noch nie Fähre gefahren", sagte er und sah Ole an. Der Wettkampf unten im Becken war völlig uninteressant geworden. Und das lag nicht nur daran, dass Schmetterling nicht der Stil war, bei dem Jan oder Mario antraten. „Ich war auch noch nie im Ausland. Brauch ich da was Bestimmtes? Pass? Visum?" Er war ja so was von uninformiert! Das war ihm schon wieder peinlich. Doch er war von der Idee, Ole zu begleiten, wie besessen. Das Nein seiner Mutter zog er nicht einmal in Erwägung.

„Du brauchst nur einen gültigen Personalausweis, das reicht. Nur leider wirst du auf der Fähre nicht sehr viel sehen können, denn wir fahren nachts.“ Ole ließ sich von Felix anstecken, der auf seinem Sitz hin und her hibbelte. Schon lange war er nicht mehr so aufgeregt gewesen. „Oh, das wird so cool. Du musst auf jeden Fall warme Kleidung mitnehmen. Vor allen Dingen Schuhe und Jacke. Es kann sehr kalt dort werden.“

„Und liegt auch Schnee? So richtiger, meine ich. Nicht nur das Zeug, was hier vom Himmel fällt und in zwei Tagen aussieht wie grauer Dreck. Schnee bis zum Bauch und jungfräulich, dass man rein springen möchte und Schneeengel machen und lauter so Sachen." Wäre das ein Comic, hätte Felix jetzt pulsierende Herzchen in den Augen gehabt, so begeistert war er. Es musste einfach klappen. „Und werden wir auch einen Elch sehen?" Er machte große Augen.

„Ja, genau solcher Schnee. Davon haben wir reichlich.“ Ole lachte. Endlich hatte er jemanden getroffen, der sich nicht nur für ihn interessierte und ihn schnellstmöglich im Bett haben wollte. Felix interessierte sich auch für Dinge, die mit Ole zu tun hatten und das war einfach herrlich. Henning war es gleich gewesen, wo er her kam. Er wollte nie wirklich Oles Familie kennen lernen. Das war auch ein Grund gewesen, warum ihre Beziehung nicht funktioniert hatte. Doch er wollte weder schlecht über seinen Ex denken noch reden. Er hatte ihn endlich hinter sich gelassen, der Weg dahin war steinig und schmerzlich gewesen und es noch einmal durchzukauen machte keinen Sinn. Nicht wenn er seine Gedanken mit Angenehmeren füllen konnte.

Und das tat er auch.

Sie plauderten und planten, suchten Argumente für Mama Kaminski, denen sie einfach kein Nein entgegen bringen konnte und so war die Zeit zum Finale wie im Fluge vergangen. Es wurde noch einmal spannend, als Jan und Mario wieder nebeneinander auf den Startblöcken standen und Ole knipste jede Sekunde des kurzen Rennens. Die Speicherkarte war groß genug, um hinterher ausmisten zu können.

Felix brüllte wieder seine Anfeuerungsrufe und so war es einmal mehr Jan, der seinen Titel verteidigt hatte.

Man kannte das schon, dass der Sieger und der Zweitplatzierte sich nach der Siegerehrung in die Arme fielen und die Zuschauer jubelten.

Aber mit dem Sieg war es noch nicht vorbei. Jan und Mario schwammen ja auch noch in der Staffel und durch ihre guten Leistungen gewannen sie auch diese, mit der lautstarken Unterstützung von Felix und Ole. Nach der Siegerehrung war ein langer Tag endlich zu Ende und Jan und Marios Trainer konnte zufrieden sein, denn sie hatten erreicht, was sie angestrebt hatten.

Ole und Felix warteten schon auf die Helden, als diese aus den Kabinen kamen und kaum dass Felix seine Freunde sah, war er nicht mehr zu halten und rannte ihnen jubelnd entgegen. Er warf sich gegen sie und umarmte sie gleichzeitig, fest darauf vertrauend, dass man ihn auffing.

„Habt ihr ein Glück, das ihr gewonnen habt", lachte Felix und drückte sich fest an die beiden, „sonst würde ich euch jetzt nicht bejubeln, sondern mit Schmähungen und Buh-Rufen durch die Gasse prügeln!" Dann lachte er wieder und ein paar Umstehende, die auch regelmäßige Besucher waren, kannten das Ritual der drei schon.

„Wir haben ja auch nur gewonnen, um uns das zu ersparen. Du weißt doch, wie viel Angst wir vor dir haben", lachte Jan mit und wirkte erleichtert.

Ole kam langsamer nach, weil er sich nicht zwischen die drei Freunde drängeln wollte und blieb neben Mario stehen. „Ihr habt wirklich verdient gewonnen. Herzlichen Glückwunsch.“ Er klopfte Mario auf die Schulter und nickte Jan nur zu, denn an den kam er nicht heran, weil er immer noch belagert wurde. „Felix und ich haben alles Wichtige festgehalten, damit ihr sehen könnt, wie gut ihr wart.“

„Ole mehr als ich - ich habe nur die Objektive getragen und ran gereicht", sagte Felix, weil er nicht Oles Ruhm einstreichen wollte. „Außerdem hat er voll die guten Bilder gemacht. So gute hattet ihr noch nie!" Felix war schon bei dem Gedanken an die Bilder wieder Feuer und Flamme und berichtete nun im Detail, was alles geknipst worden war. Dabei führte er Jan nach draußen. Die anderen beiden folgten.

Das kam Mario ziemlich entgegen. Jetzt konnte er sich Ole mal näher widmen. „Felix hat ja schon erzählt, dass du gut fotografieren kannst, weil es dein Hobby ist“, fing er eine Unterhaltung an und Ole nickte.

„Japp, kann man so sagen. Ich mag es, zu fotografieren. Habt ihr nachher schon was vor? Felix und ich haben uns überlegt, dass wir euren Sieg bei mir feiern könnten. Wir bestellen Pizza oder etwas anderes zu essen und sehen uns die Bilder vom Wettkampf auf meinem Fernseher an, weil Felix meinte, dass er der größte ist. Wenn es spät wird, könnt ihr auch bei mir schlafen, dann könnt ihr was trinken.“

Mario fragte sich gerade still, ob Felix auch mit zu Ole fahren würde, wenn Jan und er sich abseilten. Doch er sprach es nicht aus. „Sicher, warum nicht? Wenn ich mir schon Lobeshymnen über deine Wohnung anhören musste, dann will ich auch wissen, ob das stimmt oder ob Felix maßlos übertrieben hat", lachte er und sah Jan und Felix hinterher, die etwas unentschlossen langsamer wurden.

Darum schlossen Ole und Mario auf und brachten ihre Freunde auf den neuesten Stand. Jan hatte auch nichts dagegen, mit zu Ole zu fahren und freute sich schon darauf. „Also los, dann fahrt am besten einfach hinter mir her“, gab Ole das Zeichen zum Aufbruch und ganz selbstverständlich ging Felix mit ihm zum Auto, was seine Freunde schon wieder grinsen ließ.

„Meine Güte, ich warte wirklich, dass bei Mauseplautz endlich der Groschen fällt! Der wohnt doch schon bei dem. Ehe ich bei dir einziehen durfte, hatten wir schon Unmengen an Sex gehabt", lachte Mario und warf ihre Taschen in den Kofferraum, während Jan schon den Wagen startete. „Du wirst nachher mal Mauseplautz ablenken und ich fühle dem Schweden auf den Zahn", wäre doch gelacht, wenn sie nicht endlich mehr erfahren konnten.

„Alles klar, Schatz, mach ich. Wir waren ja auch schon 'ne Weile zusammen und hatten schließlich vier verlorene Jahre nachzuholen“, lachte Jan und küsste Mario noch schnell, bevor er losfuhr und sich an den Volvo hängte. Durch seine Größe war er ja gut zu sehen, so dass man ihm leicht folgen konnte. „Der Junge muss echt gute Nerven haben, Felix redet auf ihn ein, seit sie losgefahren sind und er lächelt immer noch.“

„Ein verliebter Irrer. Kein anderes Lebewesen auf der Welt würde das durchstehen und immer noch lächeln", folgerte Mario und war sich einmal mehr sicher, dass Ole ganz andere Interessen hatte, als Felix ahnte. Doch so lange wie Herr Mauseplautz noch so zutraulich war und zu ihm in den Wagen stieg, ohne mit Leckerchen gelockt zu werden, so lange war Mario sicher, dass Ole ein Gentleman war.


19

Sie brauchten nicht sehr lange bis zu Oles Wohnung und es gehörte sich auch, dass die Helden des Tages einen Parkplatz direkt vorm Haus bekamen. „Herein mit euch, fühlt euch wie Zuhause.“ Ole hielt seinen Freunden die Tür zu seiner Wohnung auf und ließ sie eintreten. Felix war schon vorgewuselt, weil er wusste, wo der Flyer der Pizzeria hing und den brauchten sie schließlich, wenn sie Futter wollten.

Lieber ließ er Jan und Mario ebenfalls erst einmal staunen und sich umsehen und grinste in sich hinein, weil er sie durch den Pony hindurch beobachte, wie sie sich gegenseitig auf das eine oder andere aufmerksam machten. Amüsiert schielte er zu Ole, der sich bereit erklärte, gern eine kurze Führung zu machen, wenn das gewünscht wurde und Jan stimmte sofort zu. Schließlich hatte er von riesigen Betten, Badewannen mit Fernseher und unglaublich großen Fernsehern gehört. Das würde er gern prüfen.

„Wenn die Herren mir dann bitte folgen würden.“ Ole verbeugte sich formvollendet und begann die Führung, wie bei Felix, im Wohnzimmer. „Dort wäre dann der große Fernseher, auf dem wir dann gleich die Fotos gucken“, erklärte er ernst und ließ Jan und Mario Zeit, sich umzusehen.

„Ja, sehr schön." Felix hatte sich dazugesellt, den Pizza-Flyer wie ein Programmheft in der Hand und tat, als wäre er in einem Museum. „Ist das ein später Grundig oder schon ein früher Toshiba?", wandte er sich wissbegierig an den Ausstellungsleiter.

„Ein sehr später Sony. Er ist erst in diesem Jahr entstanden“, erklärte Ole ernst und zeigte zur Verdeutlichung seiner Worte auf den Schriftzug am unteren Rand des Fernsehers. Er grinste Felix an, als Jan und Mario alles ansahen und zwinkerte ihm zu. „Wenn sie dann alles gesehen haben, folgen sie mir bitte in das Badezimmer. Auch dort befindet sich ein später Sony, allerdings in einer kleineren Version.“ Bei seinen Worten ging er vor und öffnete die Badezimmertür.

„Sagen sie", mischte sich wieder Felix ein und blätterte in seinem Flyer, „ich habe gehört, wenn man den Herrn des Hauses gut kennt, besteht die Möglichkeit, einmal in den Genuss der beheizten Badewanne zu kommen. Man erzählt sich, es wäre ein Hochgenuss, von Kennern und Liebhabern hoch geschätzt!"

Felix merkte gar nicht, was er sagte, Mario schon. „Liebhaber?", fragte er also mit einem Unterton in der Stimme, der keinen Zweifel ließ und Felix war schlagartig rot.

„Idiot", nuschelte er leise.

„Das haben sie vollkommen richtig gehört. Der Besitzer lässt Freunde gerne die Badewanne genießen. Zu Liebhabern kann ich da leider keine Aussagen machen, denn die hat dieses Badezimmer noch nicht gesehen.“ Ole hatte, genauso wie Felix, verstanden, wie Mario seine Bemerkung gemeint hatte und war ein wenig besorgt, dass der vielleicht wusste, welches eigentliche Interesse er an Felix hatte. Er würde es bei einer direkten Frage nicht abstreiten, bis dahin hielt er sich bedeckt. Gelogen hatte er schließlich auch nicht. Felix war bisher der einzige Mann, der in den Genuss gekommen war und der war nicht sein Liebhaber.

Leider.

„Und Ausstellungsbesucher, die sich durch Frechheiten hervortun, werden vor die Tür gesetzt und bekommen ihr Eintrittsgeld... Hey, die haben nicht mal Eintritt bezahlt!" Felix versuchte ebenfalls abzulenken und Jan sah sich zufrieden grinsend um. Er hatte genug gehört, konnte sich aber doch einen zweiten und dritten Blick auf Badewanne und Bildschirm nicht verkneifen - das musste traumhaft sein, hier nach der Uni und dem Training zu liegen, eine Kerze, ein Glas Wein, ein schöner Mann - vorzugsweise Mario - und ein guter Film. Allmählich konnte er Felix wirklich verstehen.

Seine Gedanken waren ihm gut anzusehen, darum beugte Ole sich zu Jan hinunter. „Ich bin zwischen Weihnachten und Neujahr nicht da. Ich bräuchte jemanden, der sich um meine Blumen kümmert“, flüsterte er leise und grinste. Seine Pflanzen brauchten zwar nicht unbedingt Pflege, da er eine Bewässerung für sie hatte, aber die musste ja auch ab und zu kontrolliert werden.

Jan nickte verstehend und lächelte. Er sollte sich in einer ruhigen Minute noch einmal mit Ole darüber unterhalten und wenn das Bett, von dem Felix so schwärmte, auch nur halb so groß war, wie Herr Mauseplautz immer behauptete, dann würde er das Angebot wohl annehmen.

„Soll ich schon mal bestellen? Dann ist die Pizza da, wenn wir durch sind!", krähte Felix aus der Küche. Er hatte Durst und steckte zur Hälfte im Kühlschrank.

„Eine Pizza mit Meeresfrüchten und einen Salat“, rief Ole gleich und Mario schloss sich mit einer Thunfischpizza für sich und eine mit Salami und Schinken für Jan an. So war der Herr Mauseplautz beschäftigt und sie konnten sich dem Höhepunkt der Führung widmen.

Jan riss die Augen auf, als er das Bett sah und ein: „Wow“, schwebte in den Raum. Mario war ebenfalls beeindruckt, aber seine Augen glitzerten.

„Darf ich?“, fragte er grinsend und als Ole nickte, schnappte er sich Jan und schmiss sich mit ihm auf die große Liegefläche.

Probierend rollte er sich mit seinem Schatz in den Armen über das Bett, ohne gleich runter zu fallen - das war der Himmel! Ja, Mauseplautz hatte nicht gelogen - Oles Wohnung war einmalig!

„Hey, was machen die denn da!", kam Felix fragen, als er bestellt hatte und beguckte sich Jan und Mario, die immer noch hin und her rollten, jauchzten und kicherten.

„Sie spielen nur“, grinste Ole und schob Felix vor sich her in die Küche. Jan und Mario hatten sich ein paar ungestörte Minuten verdient. „Möchtest du Glögg?“, fragte er Felix und holte schon den Topf heraus, weil er auf jeden Fall welchen wollte. Nach kurzem überlegen, machte er mehr, falls Jan und Mario auch welchen wollten.

„In deinem Bett? Haben die denn gar kein Schamgefühl?", maulte Felix, konnte es sich aber nicht verkneifen, noch einmal zurückzusehen, wo Mario gerade auf Jan lag und ihn leidenschaftlich küsste. Ein bisschen neidisch war er ja schon, doch er würde das niemals zugeben!

„Lass uns was trinken", schlug er also stattdessen vor.

„Lass sie doch. Mich stört es nicht. Sie haben heute gewonnen und schlafen werden wir dort heute Nacht, nicht sie.“ Ole mixte den Glögg und ließ ihn warm werden. Er zog Felix an sich und verstrubbelte ihm die Haare. Berührungen zwischen ihnen waren schon normal und Ole genoss es jedes Mal. Er wusste zwar nicht, warum Felix ihm nicht langsam draufkam, aber er hoffte, dass es noch länger anhielt

„Na, das mal sowieso!" Da kannte Felix ja gar nichts. Aus dem Bett ließ er sich nicht vertreiben. Und das nicht nur, weil es groß und weich war oder weil es einen herrlichen Blick auf den Fernseher bot, nein, eigentlich, weil Ole dort lag, der ihn jeden Abend an sich zog und so lange hielt, bis Felix eingeschlafen war. Es war so schön, nicht allein zu sein und er hatte sich schon viel zu sehr daran gewöhnt. Die Abende, die er doch allein verbrachte, zogen sich wie Kaugummi.

„Spätestens wenn der Pizzabote klingelt, werden sie wieder auftauchen, denn sie haben bestimmt mehr Hunger als wir. Schließlich hatten wir Würstchen zwischendurch und sie nicht.“ Ole füllte ihnen zwei Gläser und prostete Felix zu. „Ich habe ihnen angeboten die Wohnung zu hüten, wenn wir weg sind. Ach so, sie wissen noch nicht, dass du mit kommst. Das wollte ich dir überlassen.“

„Na, denen geht es ja gut", sagte Felix und grinste, fand aber, dass seine Freunde sich auch ein bisschen Spaß verdient hatten, wenn er mit Ole in Schweden war. „Können wir ihnen ja später sagen. Noch hat meine Mutter mich nicht vom Familienfest zu Weihnachten befreit. Aber ich glaube nicht, dass sich aus der Ecke was anbahnt. Und wenn doch, dann flüchte ich einfach. Ich will auch mal weg", sagte er wie ein trotziges Kind und nippte an seinem heißen Wein.

„Wenn du Hilfe brauchst, sag es. Ich helfe dir bei deiner Flucht.“ Ole lachte leise, als er sich das vorstellte, wie Felix sich bei Nacht und Nebel mit einer großen Reisetasche aus dem Haus schlich und er selber mit laufendem Motor und ausgestelltem Licht an der nächsten Ecke wartete. Er kam aber nicht mehr dazu, etwas zu sagen, denn es klingelte an der Tür.

„Du wirst den Fluchtelch reiten!", rief Felix ihm noch nach und musste sich in der nächsten Sekunde die Frage gefallen lassen, was für ein Elch und was für eine Flucht, denn Mario hatte das Klingeln ebenfalls gelockt. Und während der mit Ole Richtung Tür verschwand, sah Jan Herrn Mauseplautz forschend an. Was schmiedeten die beiden denn für Pläne?

„Was trinken? Der Glögg ist lecker“, nuschelte Felix ablenkend und nahm gleich noch einen Schluck, damit er Jans fragendem Blick ausweichen konnte. Er wusste, was das bedeutete und Jan kam auch schon näher.

„Was läuft hier?“, fragte der Schwimmer und schnupperte an dem Topf. Das roch lecker, wenn auch ziemlich alkoholisch, aber einen konnte er bestimmt trinken. Er musste ja nicht mehr fahren.

„Hier läuft gar nichts. Nicht mal der Wasserhahn. Alles voll nicht laufend", nuschelte Felix wieder und wich Jans Blick weiter aus. Das schlechte Gewissen war ihm mitten über das Gesicht geschrieben, deswegen wagte er auch nicht aufzusehen, auch nicht, als Ole und Mario mit einer Menge guter Laune und einer großen Portion Futter zurückkamen.

„Hm.“ Jan klang unzufrieden, aber er beließ es erst einmal dabei, denn vor Ole wollte er das nicht besprechen. „Das riecht lecker, Schatz“, sagte er darum und zog seinen Freund für einen Kuss an sich.

„Wir gehen besser ins Wohnzimmer. Der Tisch dort ist größer. Braucht noch jemand außer Felix Besteck und Teller?“, fragte Ole in die Runde und hatte schon die Hand an der Schranktür.

„Nope!" Mario schüttelte den Kopf. Er kam auch ohne Waffen mit seinem Essen zurecht und Jan war ebenso gestrickt. Zum einen sparte es Geschirr und zum anderen machte es unglaublichen Spaß, sich hinterher die Finger vom anderen sauber lecken zu lassen. Gut, letzteres würden sie sich heute einmal ausnahmsweise verkneifen.

So griff sich jeder sein Leckerchen und stromerte Ole hinterher, an den großen Tisch. Felix setzte sich, wie selbstverständlich zu Ole.

„Lasst es euch schmecken“, eröffnete Ole das Mahl und man hörte danach nur noch leises Kauen. Sie hatten alle Hunger, darum unterhielten sie sich nicht. Zumindest nicht, bis der erste Hunger gestillt war.

„Klasse Wohnung“, murmelte Jan mit vollem Mund und schluckte. „Wie war das mit dem Wohnung sitten?“, fragte er und wischte sich den Mund und die Finger ab.

„Ich fahre über Weihnachten zu meiner Familie nach Schweden und da habe ich mir gedacht, ihr könntet ja ab und zu nach dem rechten sehen.“

Felix zuckte ein bisschen zusammen. Irgendwie fühlte sich das gerade an wie die Chance, die er nutzen sollte, Jan zu sagen, dass er mit fuhr. Wenn er es ihm erst später sagte, war er bestimmt verletzt. Also holte er noch einmal tief Luft und sagte: „Vielleicht bei mir mal nach Motti sehen. Wenn Mom mich nicht anbindet, werde ich wohl mit fahren."

So, jetzt war es raus.

Diese Ankündigung ließ sogar Mario beim Essen innehalten und das war wirklich eine Seltenheit. „Du fährst mit? Nach Schweden? Mit Ole? Über Weihnachten?“, fragte Jan ungläubig und seine Pizza landete wieder auf dem Karton. „Wow, wenn du dir neue Freunde suchst, dann aber richtig“, grinste er und man konnte fast den Eindruck haben, dass er mit der Nachricht doch ziemlich zufrieden war. Allerdings kam das bei Felix so nicht an, denn der fühlte sich doch etwas getroffen.

„Das stimmt doch gar nicht." Er hatte gerade das Gefühl, Ole auszunutzen und so sank er etwas in sich zusammen und wusste nicht, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. „Vielleicht lässt Mom mich auch gar nicht weg", sagte er also und irgendwie wirkte es gerade so, als wünschte er sich den Einspruch seiner Mutter.

„Hey, Mauseplautz, so hab ich das doch nicht gemeint.“ Jan war erschrocken, weil Felix so elend guckte. „Ich finde es toll, dass du dich mit Ole so gut angefreundet hast, dass du mit ihm wegfahren willst“, sagte er deswegen eindringlich mit einem Lächeln. Es war ja wirklich so. Er sah zu Ole, der auch etwas ratlos wirkte. So zusammengesunken wie sein Freund da saß, war das nicht gut. Darum legte Ole einen Arm um ihn und zog Felix an sich. „Ich möchte gerne, dass du mitkommst, schließlich war es meine Idee und Jan sagt doch auch, er findet es eine gute Idee.“

Doch je intensiver sie auf Felix einredeten, umso elender fühlte er sich. Der einzige, dem das bewusst wurde war Mario, der Felix gegenüber saß und dessen traurige Augen und den irritierten Blick genau sehen konnte. Er musste etwas tun. Und wenn man Felix mit einer Sache immer auf sich aufmerksam machen und von anderen ablenken konnte, dann war es, ihm das Essen wegzufressen.

Gesagt - getan.

Mit langem Arm griff er sich ein Stück Pizza und hatte den gewünschten Erfolg, als Felix ihn anfuhr.

Mario lachte, als Felix mit seiner Faust vor seiner Nase herumfuchtelte und mit der anderen versuchte, an seine Pizza zu kommen. Alles andere war vergessen. Erst als Felix seine Gabel nahm, gab Mario nach und legte die Pizza vorsichtig wieder dort hin, wo sie hingehörte.

Das Thema Schweden war erst einmal erledigt und Jan würde mit Felix noch einmal in einer ruhigen Minute darüber reden. Es lag wohl nur daran, dass Ole ihn im Arm hielt, was Felix davon abhielt, wie üblich über den Tisch zu klettern, um sein Futter zu holen. Faszinierend war eigentlich, dass er immer noch darauf herein fiel und nicht vorsichtiger war.

„Regenwurm", flüsterte Mario deswegen amüsiert und die herrlichste Schnute wurde von Felix gezogen.

Ole war fasziniert, wie vertraut die drei miteinander waren und er beneidete sie ein wenig um diese Freundschaft. Er wusste, dass Mario Felix nur ablenken wollte, darum hatte er ihm auch nicht geholfen. Er trank einen Schluck Glögg und stutzte. „Sorry, ich habe ganz vergessen euch zu fragen, ob ihr auch Glögg möchtet“, entschuldigte er sich bei Jan und Mario. Was war er denn für ein schlechter Gastgeber?

„Klar, warum nicht. Wenn Felix das so kompromisslos in sich hinein schüttet, kann es nicht schlecht sein", sagte Jan und war als erster fertig mit seiner Pizza. Zufrieden lehnte er sich nach hinten, wischte sich die Finger sauber und hatte nun alle Zeit der Welt, Ole und Felix intensiver zu beobachten. Die zwei waren aber auch ein Paar - bildlich gesprochen. Und so wie sich das hier darstellte, war das nur noch eine Frage der Zeit. Wenn Felix endlich ein Licht aufging - allerdings müsste dem langsam ein ganzer Kronleuchter aufgehen!

Aber noch tappte Felix durch Dunkelheit und wahrscheinlich ging das auch noch eine Weile so. Wie Mario schon sagte, in manchen Dingen war der Herr Mauseplautz eben ein Regenwurm und Liebe schien dazu zu gehören. Es war schon süß, wie Felix Ole mit den Augen durch die Küche folgte. Wahrscheinlich hätte er jetzt noch nicht einmal gemerkt, wenn man ihm seine Pizza geklaut hätte.

„Ey, sage mal! Dann bestell das nächste Mal gefälligst zwei Pizzen für dich, aber friss mir doch nicht alles weg. Ich bin noch im Wachstum." Felix zog seine letzten Happen an sich und funkelte Mario wütend an, der nur lachte und erklärte, dass Herr Mauseplautz bestimmt nicht mehr wachsen würde, höchstens in die Breite. So kleine Mauseplautze würden nur fett, wenn sie zu viel Pizza aßen und sich nicht bewegten.

Felix streckte Mario die Zunge heraus und kaute schnell mit vollen Backen, damit Mario sich nicht doch noch was stibitzen konnte. „Hast du noch Hunger?“, fragte Ole ihn, als er den Glögg vor Jan und Mario abstellte. „Ich kann dir noch was machen, wenn du möchtest. In meinem Kühlschrank wird sich bestimmt was finden.“

„Nein." Mario schüttelte zufrieden den Kopf und lehnte sich wieder zurück, betrachtete sich dabei die heiß dampfende Tasse. „Ich habe nur unendliche Freude daran, den Regenwurm zu ärgern. Und allein das Bild, dass er jetzt aussieht wie ein Hamster auf Speed, war es wert." Er lächelte süffisant, denn Felix konnte dank der vollen Backen nicht kontern.

„Ah so, verstehe.“ Ole grinste, denn solche Späße waren bei den dreien wohl normal. „Aber falls du nachher Hunger kriegen solltest, sag es." Ole setzte sich wieder neben Felix und prostete Jan und Mario zu. „Auf euren Sieg. Ihr habt wirklich verdient gewonnen. Ich habe bisher noch keinen Schwimmwettkampf gesehen, aber ich muss sagen, wenn ihr wieder Unterstützung und Anfeuerung braucht, könnt ihr gerne auf mich zählen."

„Hört, hört!", lachte Jan und alle vier prosteten sich lachend zu. „Schön zu hören, dass wir dich begeistern konnten. Aber ich bin dafür, uns endlich die Bilder anzusehen. Felix hat so eine Show darum gemacht, dass ich sie endlich sehen will", musste er zugeben und Felix, der endlich aufgekaut hatte und eigentlich Mario nachträglich noch mit Schimpftiraden überschütten wollte, schluckte auch das hinunter und fing wieder an von den Bildern zu schwärmen.

„Dann lasst uns rüber gehen. Macht euch selber ein Bild, von dem, was ich fabriziert habe.“ Ole wurde ein wenig verlegen. Er wusste zwar, dass er gute Bilder machen konnte, aber dass Felix ihn so gelobt hatte, freute ihn besonders. „Los! Felix ab, Couch umbauen. Ich suche Knabberzeug“, scheuchte er seinen Freund auf. Sie hatten sich diese Arbeitsteilung angewöhnt und davon wollte er auch jetzt nicht abweichen.

„Japp!" Felix huschte hinüber, grüßte Pelle und seine Truppenteile und hatte mit ein paar geschickten Handgriffen die Couch zu einer Liegelandschaft umfunktioniert. Routiniert und mit geschultem Griff ließ er Jan vermuten, dass er das nicht zum ersten Mal gemacht hatte und wie oft er schon dort mit Ole gelegen und gekuschelt hatte, ohne dass etwas passiert war, wollte er sich lieber nicht vorstellen. Wenn er Ole richtig gelesen hatte, dann litt der große Blonde jedes Mal Höllenqualen, wenn Felix ihn so unbedarft berührte, ohne mehr zu wollen.

Damit hatte er so ziemlich genau erfasst, wie es Ole erging, aber der ertrug es gern, weil er so Felix wenigstens ein wenig nah sein konnte. Oft schlief Felix auch ein und er konnte sich ein wenig für die Qualen gütlich halten. Er konnte ihn betrachten, ihn sanft streicheln oder auch auf die Locken küssen. Das waren Momente, die er nicht mehr missen wollte. Allerdings noch lieber, wenn Felix dabei wach wäre.

„Erster!" Felix kletterte wie üblich auf seinen Platz, zerrte die Decke und die Kissen aus dem Bettkasten und schichtete alles zu einem bequemen Nest auf, in das zwei Leute passten. Jan registrierte das mit gehobenen Brauen und musste hart mit sich kämpfen, nicht über dieses Verhalten laut prustend zu Boden zu gehen. Der Kerl war schlimmer als jeder Verliebte!

„Und wir?", fragte Mario und ehe sich Felix überlegen konnte, welches der vier Kissen er großzügig an Mario und Jan abgeben würde, wurde er schon um Decke und drei Kissen bestohlen.

Ole kam gerade um die Ecke, als Felix, der sich an dem letzten Deckenzipfel festgekrallt hatte, von Mario über die Couch gezerrt wurde. Laut zeternd versteht sich. Er stellte die Schüsseln auf dem Tisch ab und stellte sich neben Jan. „Ist das immer so turbulent bei euch?“, fragte er und hielt sich die Hand vor Augen. Er wollte nicht sehen, wie Felix abstürzte, aber da er kein Krachen hörte, linste er durch die Finger und atmete auf. Felix wurde immer noch geschleift. „Ich erlöse ihn mal“, grinste er und ging ins Schlafzimmer, um Decke und Kissen zu holen.

„Mach dir da mal keine Gedanken. Die beiden brauchen das. Das brauchten sie schon, als Felix noch unter dem Tisch lang laufen konnte. Nicht dass er heute wesentlich größer wäre, aber schon damals hatten Felix und Mario sich in den Haaren, wo es nur ging. Aber sie würden nie zugeben, wie gern sie einander haben. Wenn sie nicht streiten, dann haben sie sich verkracht." Jan hatte sich an den Trubel gewöhnt und wenn Felix einmal eine Woche nicht bei ihnen war, weil er viel um die Ohren hatte, dann fehlte ihm was.

„Na ja, ich bin das noch nicht gewohnt, da mach ich mir noch Gedanken.“ Ole fing Felix mit einem Arm ein und drückte ihm Kissen und Decke in die Hand. Sonst kamen sie nicht mehr dazu, Bilder anzusehen. Sofort wuselte Felix los und hielt diesmal alles fest, damit er nicht wieder bestohlen wurde. Ole schloss die Kamera an den Fernseher an und es konnte losgehen.

Felix hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Bilder zu kommentieren und zu erklären, was man sah, gerade so, als wären alle Anwesenden nicht dabei gewesen - am wenigsten wohl die Protagonisten auf den Bildern.

Jan amüsierte sich köstlich und zog Mario immer dichter zu sich, der sich sowieso schon wie ein übergroßer Kater besitzergreifend auf seinem Liebling zusammengerollt hatte und nach Zuwendung lechzte.

„Wow“, murmelte Mario bei dem Bild, wo Jan gerade anschlug und auch seine eigene Hand zu sehen war. Er sah nämlich aufmerksam zu, auch wenn man meinte, dass er nur döste und hatte im Kopf schon eine lange Liste Bilder, die er unbedingt haben wollte. „Das ist echt der Hammer. Genau beim Anschlag.“

„Ich hab doch mal voll gesagt, dass er gut ist. Aber hat mir einer geglaubt? Nein, weil mir ja voll nie jemand glaubt!" Schmollend verschränkte Felix die Arme und brachte Jan zum Lachen.

„Ach Mauseplautz, jeder glaubt dir. Jedes deiner Worte ist unser Gebot, das weißt du doch!"

„Boah - verarschen kann ich mich alleine!", knurrte Felix, als er es merkte, doch Mario schüttelte den Kopf. „Nee, das kann Jan besser."

Ole hielt Felix fest und strich ihm beruhigend über den Rücken. „Lass dich nicht ärgern“, flüsterte er und grinste dabei zu Jan und Mario hinüber. Es machte ihm Spaß mit den dreien. Er guckte zum Bildschirm und musste lachen. „Es ist ja doch was geworden“, freute er sich. Das Bild, das er von Felix mit den Bechern gemacht hatte, war wirklich gut geworden.

„Du hast mich geknipst?", fragte Felix etwas irritiert und kroch näher an den Monitor. Wie konnte man so etwas nur knipsen? Die Haare standen völlig wirr - mal wieder! Die Jacke hing schief und die Becher machten auch was sie wollten. Dazu guckte er noch total blöd und die Zunge hing ihm aus dem Mund - wenn das mal kein Abschuss-der-Woche war. „Warum hast du das getan? Mach das weg. Ist ja grausam!" Felix war hochrot und peinlichst berührt.

„Ich find es toll.“ Ole zog Felix wieder zu sich und deckte ihn gut zu. Nicht dass der fror, sich erkältete und nicht mit nach Schweden konnte. „Ich habe gesehen, wie du mit den Bechern gekämpft hast und habe einfach drauf gedrückt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es was wird."

„Hätte ich an deiner Stelle jetzt auch gesagt, um meinen Hals zu retten", murmelte Felix, doch er war schon wieder versöhnt. Mario schüttelte fasziniert den Kopf und beguckte sich ungeniert die beiden in der anderen Ecke der Couch. Normalerweise wurde jeder, der es wagte, Felix so offen abzulichten, gesteinigt und anschließend geteert und gefedert auf den Kirchturm gebunden.

Und was machte Herr Mauseplautz mit Ole?

Kaum dass der sagte, wie toll er das Bild fand, war Felix handzahm - hatte der Kerl Würstchen in der Tasche, oder was? Das war doch eine ganze Armee von Nachtigallen, die man da trapsen hörte!

„Faszinierend, nicht?“, murmelte Jan und kraulte seinem Schatz durch die Stoppelhaare. „So ganz anders als bei uns. Wir haben uns doch regelmäßig die Augen ausgekratzt. Kann aber auch daran liegen, dass du mich nicht so herrlich beschmust hast, wie Ole Felix.“ Die Bilder auf dem Fernseher waren uninteressant. Die Liveshow toppte alles.

„Schatz, ich hätte dich liebend gern beschmust. Aber jedes Mal, wenn ich dir näher als zehn Meter gekommen bin, hat es Tiefschläge gegeben, die ihresgleichen suchten", erinnerte Mario seinen Liebling daran, warum es bei ihnen nicht so angefangen hatte. Doch dafür war es jetzt umso schöner, denn Jan versuchte alles, um die verlorenen vier Jahre aufzuholen. „Allerdings habe ich bei denen den Drang, eine Schüssel drunter zu stellen, so wie sie sich anschmachten. Da tropft ja der Zuckerguss." Aber er redete nur ganz leise, weil er Felix nicht verwirren und Ole nicht kompromittieren wollte.

„Ja, die beiden sind so klebrig süß und Mauseplautz hat keine Ahnung, wie verliebt er ist. Ole hingegen schon.“ Jan war genauso leise wie Mario und damit auch ja nichts nach außen drang, strich er mit seinen Lippen über das Ohr seines Freundes. „Wir sollten wirklich sehen, ob wir ihm helfen können. Du weißt ja, Regenwurm Felix…“

Mario lachte leise. Doch nicht einmal das lenkte Felix von seinem Schweden ab. „Ich glaube nicht, dass Mauseplautz je eine bessere Partie als Ole kriegen kann. Der Mann ist perfekt und er vergöttert ihn geradezu. Wenn Felix das mit seiner sturen Blödheit kaputt macht und Ole vor den Kopf schlägt, werde ich ihm eigenhändig das Fell über die Ohren ziehen", murmelte Mario leise und beobachtete Felix und Ole weiter.

„Ich werde dir helfen, denn unser Freund bringt das glatt fertig.“ Jan und Mario hatten es schon öfter erlebt, dass Felix einfach stur auf etwas beharrte und dann kaum umzustimmen war. „Also meinen Segen hat Ole. Felix war schon lange nicht mehr so gut drauf. Er ist glücklich, sobald Ole in seiner Nähe ist. Wenn ich nicht schon die Liebe meines Lebens gefunden hätte, könnte ich glatt neidisch werden.“

„Wird schon werden, Schatz", murmelte Mario und schloss langsam die Augen. Es war ein langer Tag gewesen und so döste er ein bisschen vor sich hin. Wenn er die Augen zu hatte, konnte er besser lauschen, denn es interessierte ihn auch, was Felix und Ole zu kichern hatten wie kleine Schulmädchen.

Sie schmiedeten Pläne für ihre Fahrt nach Schweden und Felix fragte Ole praktisch Löcher in den Bauch. Was den großen Schweden aber überhaupt nicht zu stören schien. Er machte Felix sogar noch neugieriger. Er erzählte ihm von Spaziergängen mit Schneeschuhen durch unberührten meterhohen Schnee. Davon, dass das Haus seiner Großeltern nicht in einer Stadt oder einem Dorf lag, sondern fast alleine außerhalb zu finden war, nur mit zwei oder drei anderen Häusern in der Nähe.

Erst wurde Felix etwas mulmig, sich vorzustellen, dass er ganz allein in der Gegend herum irrte. Doch dann tröstete er sich damit, dass Ole ja immer bei ihm wäre und die Elche ihn schon nicht fressen würden. Dann kicherten sie wieder und überlegten schon, ob sie nicht noch mehr sehen wollten als Schnee und Haus. Vielleicht die Küste oder die Hauptstadt. Doch das wollten sie spontan entscheiden, wenn sie wussten, wie das Wetter war und ob die Straßen stresslos zu befahren waren. Schließlich war es ja ein Urlaub und keine Pflichtveranstaltung.

Es war, als hätten beide vergessen, dass sie nicht alleine waren. Erst als Mario herzhaft gähnen musste, wurde Ole wieder aufmerksam. Ihm war es peinlich, dass er seine Gäste vollkommen ausgeblendet hatte. Er wurde rot und murmelte eine Entschuldigung. So etwas war ihm auch noch nie passiert.

„Schon okay", lenkte Mario ab, amüsierte sich innerlich aber königlich. „Herr Mauseplautz schafft es fast immer, dass man sich völlig auf ihn konzentriert und sein Umfeld vergisst. Da geht’s den Menschen wie den Leuten." Er zuckte die Schultern und sah Jan an, der ebenfalls sehr interessiert auf das leuchtende Pärchen guckte. Schade, dass der zweite Advent schon vorbei war - die zwei auf einem Weihnachtskranz und man hätte sich die Kerzen sparen können.

Auch Jan musste gähnen und so bot Ole an, ihnen ihr Schlaflager herzurichten. Es war zwar noch nicht so spät, aber wenn er heute mehrere Wettkämpfe hinter sich hätte, wäre er wohl auch ziemlich müde. Felix und er konnten es sich ja im Schlafzimmer gemütlich machen und sich weiter unterhalten.

Felix scheuchte seine Freunde ins Bad, während er zusammen mit Ole Betten bezog und die Couch mit einem großen Laken bespannte. Zahnbürsten wurden noch verteilt, Handtücher konnte sich jeder alleine nehmen und zum Schluss gab es für die, die eines wollten, noch Schlafshirts. Felix war der einzige, der eines nahm, was aber vor allem daran lag, dass es von Ole war. Mario und Jan krochen nur in Unterhosen ins Bett, das war mehr, als sie zu Hause trugen.

„Schlaft gut. Wenn ihr etwas trinken möchtet oder etwas anderes braucht, nehmt es euch ruhig. Fühlt euch wie Zuhause.“ Ole winkte seinen Freunden von der Wohnzimmertür noch einmal zu, bevor er sie schloss und zu Felix ins Schlafzimmer ging. Der hatte dort für sie schon wieder ein gemütliches Nest gebaut und Ole wurde ganz warm ums Herz. Er liebte diesen kleinen Kerl, der so vollkommen anders war, als seine bisherigen Freunde und doch so perfekt zu ihm passte.


20

Pfeifend griff sich Felix noch einen Keks. Es war einer von den selbst gebackenen. Er hatte zwar bei seiner Oma am Sonntag auch welche bekommen, aber im Moment knabberte er doch lieber Ole-Kekse. Sie hatten sich jetzt zwei Tage kaum gesehen, weil Ole lange arbeiten musste. Er wollte seinen Schreibtisch leerer bekommen, um unbekümmert in den Urlaub fahren zu können. So war er abends nur noch ein oder zwei Stunden bei Felix gewesen, um zu reden, zu planen, um zu lachen und ein wenig zu kuscheln vor dem Fernseher. Er war nicht über Nacht geblieben, das hatte sich einfach nicht ergeben, auch wenn Felix es ihm angeboten hatte.

Heute war nun Donnerstag und in zwei Stunden wollte Ole kommen und ihn einsammeln, denn heute hatte er früh Feierabend.

Sie wollten wieder zusammen kochen. Ole war es wirklich gelungen, dass Felix Spaß daran hatte. Aber damit das auch etwas wurde, musste Felix mit seiner Arbeit fertig werden. Henning hatte ihm ein Projekt übertragen, bevor er zu einer kurzen Geschäftsreise aufgebrochen war und jetzt war sein Boss wieder da und er sollte ihm seine Ergebnisse zeigen.

Er raffte also die Unterlagen, die er ausgedruckt hatte, griff sich die Isometrien und die Elastizitätsberechnungen für das Rohrsystem, was er bearbeiten sollte. Es waren zwar nur zwei Leitungen aber alles selber machen zu müssen, war nicht so einfach wie anfangs gedacht. Nun klopfte er an Hennings Tür und lauschte, ob der Zeit für eine Durchsprache hatte.

„Komm rein“, rief Henning und winkte Felix zu sich. „Setz dich schon mal da rüber, da ist es bequemer. Ich komme gleich.“ Felix’ Chef zeigte auf die Sitzgruppe in seinem Büro, wo er normalerweise mit Geschäftspartnern saß. Dort konnten sie nebeneinander sitzen und gemeinsam durchsehen, was Felix in den letzten Tagen gemacht hatte.

„Bald ist ja Betriebsruhe, da dachte ich, wir machen das schnell noch...", fing er an zu erklären, warum er Henning überfiel, obwohl der heute das erste Mal nach seiner Dienstreise wieder da war. Sein Blick glitt über den Schreibtisch, auf dem sich, wie auf seinem eigenen, Unmengen von Papier türmten und dann blieben seine Augen an einem rahmenlosen Bilderständer hängen. „Du kennst Ole?", fragte er überrascht und begriff das nicht.

„Hm?“ Henning tat überrascht und folgte Felix’ Blick. Seit sein Ex einfach gegangen war, hatte er das Bild in einer Schreibtischschublade gehabt und es jetzt wieder herausgeholt. Felix sollte merken, dass er Ole kannte. „Sicher, das ist mein Ex. Ich weiß gar nicht, warum das wieder da steht. Ich hatte es eigentlich weggeräumt“, erklärte er und riss dann die Augen auf. „Ist das etwas dein Ole? Der, von dem du mir in der letzten Zeit so viel erzählt hast?“

Felix stand da, als hätte man ihm Eiswasser in den Nacken gegossen. Er war völlig verkrampft und jeder Muskel war angespannt. „Dein Ex?", wiederholte er die Essenz der Worte und wagte nicht aufzusehen. In seinem Kopf lief plötzlich alles quer, er konnte gar nichts dagegen machen. „Ihr wart ein Paar?" Das ging in seinen Kopf nicht rein.

„Ja, zwei Jahre.“ Henning sah Felix an und grinste innerlich. So wie es aussah, hatte Felix keine Ahnung von Oles Neigungen und das musste er für sich ausnutzen. „Er ist vor einem Jahr einfach gegangen. Seit dem habe ich nichts mehr von ihm gehört.“

„Er ist gegangen", wiederholte Felix wie ein Papagei, doch ihm war nicht zum Lachen.

Bedeutete das etwa…?

War Ole etwa…?

„Ist Ole… Ich meine, steht er auf Männer?", wagte er kaum auszusprechen, was in ihm brannte und wollte die logisch folgende Antwort gar nicht hören. Kurz wurde ihm schwummerig und er musste sich am Schreibtisch festhalten.

„Ja sicher, sonst wären wir ja nicht zwei Jahre zusammen gewesen.“ Henning sah Felix amüsiert an. Hatte er doch richtig gelegen, darum machte er nun ein erschrockenes Gesicht. „Wie, du wusstest das gar nicht? Er hat es dir nicht gesagt?“ Er tat betroffen. „Hat er das also schon wieder gemacht?“, murmelte er leise. „Dieser Mistkerl.“

„Er hat was gemacht?", hatte Felix gefragt, noch ehe er es verhindern konnte. Eigentlich hatte er Henning sagen wollen, dass Ole kein Mistkerl war - sein Ole war kein Mistkerl! Aber sein Ole hätte ihm gesagt, dass er schwul war. Das wäre doch eine völlig andere Basis gewesen! Aber er hatte geschwiegen. So viele Möglichkeiten hatte er ungenutzt gelassen - vielleicht kannte er Ole doch nicht so gut, wie er geglaubt hatte. Von seinem Ex wusste Felix schließlich auch nichts.

Zufrieden mit Felix' Reaktion gab Henning sich betroffen. „Ich glaube, wir sollten uns unterhalten, damit es dir nicht geht, wie mir. Setzen wir uns rüber, da redet es sich besser.“ Henning zeigte auf die Sitzgarnitur und ging schon einmal vor. „Ich habe Ole bei Ikea kennen gelernt. Ich wollte Möbel für meine Wohnung kaufen. Er kam dann überraschend vorbei, als die Möbel geliefert wurden und so haben wir uns angefreundet. Ich habe mich recht schnell in ihn verliebt, aber das war ein großer Fehler.“

„Er kam zusammen mit den Möbeln?" Felix hatte immer noch gehofft, dass sie vielleicht von verschiedenen Oles sprachen, egal wie unwahrscheinlich das gewesen wäre. Doch jetzt hatte ihn das déjà vu eingeholt. Er sah ihn noch deutlich vor sich, als die Möbel geliefert wurden. Der Sicherheitsole, der zum Aufbau dazu gehörte. Felix hatte sich unglaublich gefreut, doch jetzt sah er alles aus einem anderen Licht. „Wie bei mir."

„Mit dir hat er das auch gemacht?“ Henning wirkte erschüttert, auch wenn er innerlich jubelte. Felix begann an Ole zu zweifeln, genau das hatte er erreichen wollen. „Felix, ich rate dir, sei vorsichtig. Ole kann charmant und nett sein, aber alles, was er will, ist dich ins Bett zu bekommen. Dann wird er eine Weile bei dir bleiben und dann sucht er sich was Besseres. Er geht dann einfach. Ich kam von einer Geschäftsreise und er war weg. Da lag nur ein Zettel, dass Schluss ist und das war's.“

„Das kann ich nicht glauben. Ich kann es einfach nicht!" Felix schüttelte den Kopf, es stimmte, Ole war charmant, sehr sogar! Doch das konnte doch nicht alles gespielt sein! „Er war nett und zuvorkommend. Selbst Jan und Mario mögen ihn und das passiert eher selten. Ole ist nicht so wie du sagst." Hastig schüttelte Felix den Kopf. Das wollte er alles nicht hören!

„Das ist es ja, was ich so schlimm finde. Ole ist wirklich nett und zuvorkommend, aber er ist schnell gelangweilt, wenn er hat, was er will. Man glaubt, seinen Traummann gefunden zu haben, mit dem man vielleicht sein Leben verbringen und glücklich werden kann und dann geht er einfach. Von heute auf morgen ist er einfach weg, ohne jede Vorankündigung.“ Henning legte Felix eine Hand auf den Arm und sah ihn mitleidig an. „Lass nicht zu, dass er dich genauso benutzt, wie er es mit mir getan hat.“

„Warum hat er mir nicht gesagt, dass er schwul ist, wenn er mich sowieso nur ins Bett kriegen will?" Felix verstand die ganze Geschichte nicht - das war für ihn nicht schlüssig. Er musste das für sich erst einmal klar ziehen. Wollte Ole ihn etwa deswegen mit nach Schweden nehmen, weil es dort passieren sollte? Wollte er ihn dort ins Bett zerren? Dort, wo Felix nicht einfach abhauen konnte? Nein, er wollte so von Ole nicht denken! Doch warum sollte Henning ihn anlügen?

„Nun, er wird schnell gemerkt haben, dass du nicht auf Männer stehst. Er glaubt, dass er jeden rumkriegen kann und wenn du ihn erst einmal magst und ihr befreundet seid, dann hätte er gesagt, dass er sich in dich verliebt hat und wenn er es geschickt anstellt, hat er erreicht, was er will.“ Henning war über sich erstaunt, wie leicht es ihm fiel, all diese Lügen über Ole zu erzählen. Er musste Felix dazu bringen, Ole nicht mehr sehen zu wollen, damit der keine Chance hatte, seinen Plan zunichte zu machen.

Sicher, es war nicht fair. Am wenigsten Felix gegenüber. Doch der stand sowieso auf Frauen, wie er immer betont hatte und würde sicher schnell etwas Neues finden. Ole war es, dem er mit gleicher Münze heimzahlen wollte, was er getan hatte.

„Ich kann nicht glauben, dass Ole so sein soll. Das passt doch gar nicht zu dem, was ich bisher von ihm gesehen habe. Er war so nett und lieb und..." Felix ließ den Kopf hängen. Denn schließlich hatte Ole ihm das wichtigste verschwiegen: er war schwul!

„Glaub es lieber. Das erspart dir viele Schmerzen. Ich habe sehr lange gebraucht, um über ihn hinweg zu kommen. Es hat mich fast verrückt gemacht, als er sich einfach davon gemacht hat. Er hat es nicht einmal für nötig gehalten, mir ins Gesicht zu sagen, dass Schluss ist. Das möchte ich dir ersparen. Du solltest ihn nicht mehr treffen, denn dann schafft er es wieder, dich einzulullen. Zeig ihm, dass du ihn durchschaut hast und du sein mieses Spiel nicht mehr mitspielst.“ Henning setzte noch einen drauf und hoffte, dass er Felix genug erzählt hatte, um ihn auf Ole wütend zu machen.

Doch so weit war Felix noch nicht. Die Phase der Wut hatte er noch nicht erreicht. Er versuchte zu verstehen, warum Ole das tat. Warum er sich für sein perfides Spiel jemand unauffälligen wie Felix ausgesucht hatte. „Er wird mir das erklären müssen. Das werde ich nicht auf mir sitzen lassen", sagte Felix entschlossen. Ole sollte die Chance bekommen, sich zu verteidigen.

„Versuch es, aber ich an deiner Stelle, würde es nicht tun. Dann hat er nämlich erreicht, was er will. Er kann sehr gut mit Worten umgehen und hat es geschafft, selbst mich immer wieder damit einzulullen. Ich habe oft versucht mit ihm zu reden und es ist ihm jedes Mal gelungen, dass ich ihm geglaubt habe. Bis er was Besseres hatte, hat er dieses Spiel mit mir gespielt.“ Henning überlegte fieberhaft, wie er verhindern konnte, dass Felix mit Ole redete. „Du solltest so weit von ihm weg, wie es geht, damit er dich nicht findet. Er ist sehr von sich eingenommen und kann es nicht ertragen, dass er verliert. Er wird dich zerstören, nur um zu bekommen, was er will.“

Felix sah Henning schockiert an. Selbst ein redegewandter Mann wie er war Ole nicht beigekommen? Na ja, es stimmte ja auch. Ole konnte alles schön reden und das hat Felix eigentlich ziemlich gut gefallen. Er konnte die guten Seiten sehen. „Er war von Anfang an nicht ehrlich gewesen", sagte Felix leise und es klang resigniert. Es war die Essenz dessen, was er gehört hatte. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Felix von Anfang an die Wahrheit gekannt hätte.

Vielleicht.

„Nein, das war er nicht. Ich weiß, das ist jetzt hart für dich und hätte ich eher geschaltet, an welchen Mistkerl du geraten bist, dann hätte ich dich schon eher gewarnt. Ich bin nicht drauf gekommen, weil du gar nicht in sein Beuteschema passt. Er steht auf große Typen wie mich. Er meinte einmal zu mir, dass er nicht ständig das Gefühl haben möchte, etwas an seinem Geliebten kaputt zu machen, wenn er richtig Spaß haben will.“

Autsch!

Das ging tief.

Felix schloss die Augen und holte tief Luft. Also selbst wenn er auf Oles Annäherungsversuche, die wohl noch folgen sollten, reingefallen wäre, wäre er nicht das, was Ole suchte. Er war also wirklich nur eine Eroberung, ein Spaß zwischendurch, bis er endlich wieder etwas fand, was ihm mehr behagte als so ein mickriger Kerl. Langsam kam Felix da hin, wo Henning ihn haben wollte. Er war wütend. Wütend darüber, dass er nicht gut genug für Ole war.

„Tut mir leid, Felix. Ich weiß, wie weh das tut, aber wenn Ole sein Ziel erreicht, macht er dich kaputt und das kann ich nicht zulassen. Wenn ich die Chance habe, jemanden vor ihm zu warnen, dann tue ich das. Du solltest ihn nicht mehr an dich heran lassen. Mach einen Schnitt, streiche ihn aus deinem Leben und lebe es weiter wie bisher.“ Henning war sich sicher, dass er Felix so weit hatte.

Plötzlich ging ein Ruck durch Felix und er sah auf. „Gehen wir bitte die Unterlagen durch. Ich möchte zeitig gehen", sagte er entschlossen, denn das letzte, was er wollte, war Ole in die Arme zu laufen. Der stand halb fünf vor der Tür und bis dahin sollte er so weit weg wie nur möglich sein. Der Kerl hatte ihn einfach belogen und Felix war nicht gut genug für ihn - mehr musste er nicht wissen

„Ja sicher.“ Henning war ein wenig irritiert über den abrupten Themenwechsel, aber dann ging ihm ein Licht auf. „Will Ole dich abholen?“, fragte er und schnaubte, als Felix nickte. „Weißt du was, geh ruhig jetzt schon nach Hause und da morgen der letzte Tag vor den Betriebsferien ist, gebe ich dir frei. Ich schau mir deine Unterlagen alleine an. Das Projekt ist nicht eilig. Das hat auch bis nächstes Jahr Zeit. Wir besprechen das dann gemeinsam, wenn die Weihnachtsferien vorüber sind.“

„Okay. Danke", sagte Felix und erhob sich. Er ließ die Unterlagen bei Henning und wandte sich zum gehen. Er straffte sich noch einmal und sah zurück. Doch er wusste nicht, was er sagen sollte. So wünschte er frohe Weihnachten und einen guten Rutsch und ging aus dem Büro. Weiß wie die Wand kam er bei sich an, doch als Manu wissen wollte, was passiert sei, winkte er nur ab. Er räumte seine Sachen zusammen, schenkte Manu die restlichen Ole-Kekse und fuhr den PC runter.

Weihnachten verbrachte er definitiv bei seiner Mutter und nicht in Schweden!

Er war schon lange weg, als Ole seinen Volvo neben dem Tor parkte, wo er immer auf Felix wartete. Er hatte ein Geschenk für seinen Freund. Einige von den Bildern des Wettkampfes hatte er ausgedruckt und in Rahmen gesteckt. Sie hatten Felix besonders gut gefallen und da die Wände in dessen Wohnung noch ziemlich kahl waren, wollte er sie ihm schenken.

Da saß er nun also und wartete, die Augen immer auf das Gebäude gerichtet. Sein Blick wanderte zur Uhr. Felix war heute spät dran. Und als es an seinem Fenster klopfte, glaubte er, Felix hatte ihm einen Streich gespielt, ihn beim Warten beobachtet und wollte schon etwas sagen, als nur ein Zettel vor dem Fenster seiner Fahrertür hing. A4 - dicke schwarze Buchstaben: 'Weiß er, dass du ihn nur ficken willst?'

„Was?“ Ole zuckte zurück und wurde blass. Was sollte das? Und wer hatte ihm den Zettel an die Tür geklemmt? Er riss die Tür auf und sprang förmlich aus dem Wagen. Mit wütendem Gesicht sah er sich um und zuckte schon wieder zusammen. „Henning“, flüsterte er und wirkte betroffen. Auf seinen Ex zu treffen, hatte er nicht erwartet.

Henning lehnte mit verschränkten Armen am Zaun und lächelte Ole an. „Hallo Schatz, schön, dass du mich besuchen kommst. Du warst lange weg", konnte er sich eine Spitze nicht verkneifen. Schließlich hatte sich der Mistkerl ein Jahr lang nicht blicken lassen und selbst jetzt, wo er wieder in der Stadt war, mied er Henning, wo er nur konnte. So nicht - manche Männer mussten eben zu ihrem Glück gezwungen werden.

„Lass den Scheiß“, knurrte Ole und sah Henning finster an. Er hatte sich wieder gefangen und so, wie Henning ihn ansah, schwante ihm nichts Gutes. „Was soll dieser Mist?“ Er hielt das Blatt hoch und zerknüllte es wütend. „Du weißt ganz genau, dass es nicht so ist und nenn mich nicht Schatz. Das bin ich schon über ein Jahr lang nicht mehr. Seit wir uns getrennt haben.“

„Halt, Schatz, lass mich korrigieren", ließ sich Henning nicht beirren. „Seit du uns getrennt hast. Das ist ein kleiner, aber doch feiner Unterschied." Er lächelte und kam einen Schritt auf Ole zu, deutete auf den Zettel. „Und was das angeht - du hättest deinem Kleinen vielleicht sagen sollen, dass du schwul bist. Und vielleicht hättest du ihm auch sagen soll, dass er nicht dein Typ ist. Wäre übrigens auch nicht verkehrt gewesen, ihm zu sagen, dass du es liebst, bei Nacht und Nebel zu verschwinden und er sein Herz vielleicht besser nicht an dich hängen sollte. Er war ziemlich sauer, nachdem ich ihn aufgeklärt hatte."

„Bitte? Du hast was?“ Ole wurde blass und sein ungutes Gefühl, seit er Henning gesehen hatte, verstärkte sich noch. „Was hast du ihm für Lügen erzählt?“, fragte er gefährlich leise, das zeigte, dass er ziemlich wütend war. „Was für ein Spielchen spielst du?“

„Spielchen?", fragte Henning etwas pikiert. „Ich spiele keine Spielchen, Schatz. Ich gucke nur nicht tatenlos dabei zu, wie mein Freund sich an einen anderen ran macht. Übrigens mit der gleichen lausigen IKEA-Masche." Er lachte leise und schüttelte den Kopf. „Fantasie war ja noch nie deine Stärke, aber wie wir wissen, hast du ja andere Qualitäten, die ich sehr zu schätzen weiß." Er hob anzüglich eine Braue, damit Ole wusste, auf was er anspielte.

„Und was deinen kleinen Schoßhund angeht, so habe ich ihm nur erzählt, wie du mit deinen Lovern umgehst und wie wenig der Kurze dein Typ ist. Er ist ziemlich clever, denn er hat es schnell eingesehen. Wütend war er nur darüber, dass jemand wohl vergessen hatte, ihm zu sagen, dass du ein Homo bist." Henning lachte offen. Das war zu gut!

„Ich bin nicht mehr dein Freund. Schon lange nicht mehr. Ich habe mich auch nicht aus einer Laune heraus von dir getrennt. Ich habe weiß Gott oft genug versucht mit dir darüber zu reden, dass es zwischen uns nicht mehr stimmt, aber du wolltest davon ja nichts hören und hast geglaubt, mit Sex kann man alles wieder in Ordnung bringen.“ Ole musste erst einmal verarbeiten, was Henning ihm alles an Informationen gegeben hatte. Felix war wütend auf ihn, weil er nicht ehrlich zu ihm gewesen war. Das war ein Schock für ihn und er befürchtete, dass es nicht einfach wurde, das wieder hinzubiegen.

„Schatz, Ausreden waren schon immer deine Stärke. Du bist ja nie schuld. Fakt ist doch, du warst weg und ich noch da. Außerdem frage ich mich gerade, was du von der halben Portion willst. Da hat doch fast der Staatsanwalt noch die Hand drüber. Oder liegt es daran, dass sich junge Hengste gut zureiten lassen? Ich habe dich wohl zu selten oben sein lassen, dass du jetzt was anderes zum spielen brauchst. Wir sollten unsere Beziehung noch einmal neu überdenken, Schatz." Henning ließ sich nicht beirren. Er wusste doch so gut wie Ole, dass der mit dem Kleinen auf die Dauer nicht glücklich wurde.

„Was ich von Felix will, geht dich nichts mehr an. Wir sind nicht mehr zusammen, wann siehst du das endlich ein?“ Ole war es langsam leid, wie Henning immer wieder betonte, sie wären immer noch zusammen. Der wollte einfach nicht sehen, was zwischen ihnen vorgefallen war, während sie zusammen gewesen waren. Er schnaubte und war ziemlich verletzt über die Bemerkung, dass er Felix nur wollte, weil er mit ihm schlafen konnte. „Henning, diese Bemerkung ist selbst für dich ziemlich geschmacklos. Felix hat nichts mit dem zu tun, was zwischen uns war und wir brauchen in Bezug auf uns nichts zu überdenken. Es ist vorbei mit uns und es wird auch nichts mehr zwischen uns geben.“

„Warten wir es ab, mein Liebling. Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird. Aber du darfst dich gern wieder öfter hier blicken lassen. Nicht nur vor der Tür, um den Kleinen einzusammeln." Henning kam Ole noch etwas näher, dass er ihm fest in die Augen sehen konnte. „Meld dich mal", sagte er leise und streifte Oles Lippen so schnell mit seinen, dass der gar nicht reagieren konnte. Dann wandte er sich um und ging.

Ole stand dort wie erstarrt und sah ihm hinterher. Er war viel zu überfahren und erst als Henning nicht mehr zu sehen war, kam wieder Leben in ihn. Mit dem Handrücken wischte er sich über die Lippen, als könnte er den Kuss so ungeschehen machen. Er hatte das Gefühl, Felix betrogen zu haben, obwohl er eigentlich nichts gemacht hatte. Und mit dem Gedanken an Felix kam Leben in ihn. Er musste mit ihm reden und klarstellen, dass Henning nicht die Wahrheit über ihn erzählt hatte. Er stieg in den Wagen und fuhr los zu Felix' Wohnung.

Woher sollte er auch wissen, dass dies der letzte Ort war, an dem er Felix heute antreffen würde.

Wütend fuhr der noch immer durch die Gegend. Dank seiner Monatskarte kostete ihn das nichts. Sein Handy hatte er ausgemacht. Er wollte nicht, dass Ole anrief, nicht so lange, wie Felix alles überdenken musste. Es fiel ihm noch immer schwer, das alles zu glauben. Doch warum sollte Henning lügen?

Er hatte nichts davon.



Ole hatte bei Felix geklingelt, bei ihm angerufen und letztendlich nichts erreicht. Felix’ Handy war aus und auch ans Festnetz ging er nicht dran. Es war zum Verzweifeln. Jetzt saß er in seinem Auto und hatte den Kopf auf die Hände gelegt, die auf dem Lenkrad lagen. Ole wusste nicht, was er machen sollte, denn er wusste nicht, wo er mit seiner Suche nach Felix ansetzen sollte. Wo dessen Eltern wohnten, wusste er nicht und zu Jan und Mario ging Felix bestimmt nicht, weil er dort damit rechnen musste, dass Ole ihn dort fand.

Jetzt irrte sein kleiner Freund irgendwo durch die Kälte und wenn er nicht so stur wäre und das Telefon nicht ausgemacht hätte, dann wüsste er jetzt bereits, was für einen riesigen Bären ihm Henning aufgebunden hatte und dass der sehr wohl einen Grund hatte, Felix all das zu erzählen und dabei maßlos zu übertreiben.

Doch Felix war nun einmal stur und so fuhr er weiter, bis er allmählich kirre wurde. So holte er etwas zu essen, um nicht mit leeren Händen aufzuschlagen und machte sich doch auf den Weg zu Jan.

Fast wäre er dort mit Ole zusammengetroffen, denn der wollte kurzfristig doch zu Jan und Mario fahren, hatte sich aber im letzten Moment umentschieden und war nach Hause gefahren. Vielleicht kam Felix ja zu ihm, weil er mit ihm reden wollte. An diese Hoffnung klammerte er sich fest.



Jan war ein wenig überrascht, als es bei ihm klingelte. Felix konnte es nicht sein, denn der wollte ja heute wieder etwas mit Ole unternehmen. „Ronny“, murmelte er grinsend und drückte den Summer. Sie hatten sich jetzt auch schon eine Weile nicht gesehen, weil sein Freund viel zu tun hatte in der letzten Zeit. Doch schon als Jan die Schritte im Treppenhaus hörte war ihm klar, dass das ganz bestimmt nicht der leichtfüßige Ronny war. Auch nicht Felix, denn der schlurfte nicht so, sondern wuselte flink nach oben. Jan war reichlich irritiert, als es doch Felix war - niedergeschlagen, irgendwie auch wütend und mit Essen in der Tüte. „Habt ihr ein Bett für die Nacht?"

„Was? Ja natürlich.“ Jan war vollkommen verwirrt, aber als er Felix in die Augen sah, zog er ihn erst einmal in seine Arme und drückte ihn. Irgendetwas war passiert und wenn er das richtig deutete, musste es etwas mit Ole zu tun haben, denn der war zur Zeit der einzige, der Felix so runterziehen konnte. Noch in der Umarmung zog Jan seinen Freund in die Wohnung und schloss die Tür. „Was ist los, Mauseplautz?“, fragte er leise und hielt Felix fest.

„Warum belügt er mich?", fragte Felix tonlos und war froh, endlich nicht mehr allein zu sein. Er klammerte sich an Jan und als Mario in den Flur kam, verkniff er sich seine flapsige Bemerkung, denn wenn Felix so drauf war, war er ziemlich weit unten. Darum verschwand er auch gleich wieder in die Küche, um Tee aufzusetzen. Den brauchte Felix in dieser Stimmung Literweise. „Komm ins Wohnzimmer.“ Jan ließ Felix nicht los und ging mit ihm zusammen zur Couch. „Wer hat dich belogen? Ole? Womit?“, fragte er, weil er unbedingt mehr Informationen brauchte, damit er Felix helfen konnte.

„Klar, Ole. Wer denn sonst?", murmelte Felix und klammerte sich fester. Es tat weh, verdammt weh, je länger er darüber nachdachte. „Der Herr hat mal ganz locker vergessen, mir zu sagen, dass er schwul ist und mich in die Kiste kriegen will. Dabei bin ich nicht mal sein Typ. Gute Nacht, aber ehrlich. So ein Arsch!" Felix versuchte, sich nicht aufzuregen. Er zitterte.

„Armer Schatz“, murmelte Jan und setzte sich so, dass er Felix weiter festhalten konnte. „Woher weißt du das? Hat er dir das gesagt? Wenn ja, werde ich ihm eigenhändig die Fresse polieren. Keiner macht so etwas mit dir und kommt ungestraft davon.“ Jan knurrte. Hatte er sich so in Ole getäuscht? War der doch nicht verliebt, sondern hatte allen nur etwas vorgespielt?

„Ole? Nein, besser - viel besser", murmelte Felix und holte tief Luft. „Henning, der Sohn von meinem Chef, ist sein Ex. Es war ein blöder Zufall, dass ich Oles Foto bei ihm gesehen habe und so hat er mir das eine oder andere erzählt über Ole." Und je intensiver er darüber nachdachte, umso enttäuschter war er.

„Oha.“ Jan war erst einmal sprachlos, denn damit hatte er nicht gerechnet. In seinem Kopf ratterte es und er brauchte mehr Informationen. „Und dieser Henning hat dir also all diese Dinge erzählt, dass Ole dich nur ins Bett bekommen will und dass du nicht sein Typ bist?“ Jan konnte das irgendwie nicht glauben, genauso wie Mario, der gerade mit dem Tee ins Wohnzimmer kam und den Kopf schüttelte. Das, was sie das letzte Wochenende über den großen Schweden erfahren hatten, konnte nicht gespielt sein. Das hätten sie gemerkt.

„Ja. Er wollte es mir erst nicht erzählen, aber als wir festgestellt haben, dass er die gleiche Masche bei ihm und bei mir abgezogen hat, na ja…" Felix zuckte die Schultern. Seine Verwirrung setzte wieder ein und das erste Mal nahm er Mario wahr, nickte ihm zu und nahm dankend den Tee entgegen. „Ist schwul und sagt keinen Ton, der Kerl. Dabei habe ich so oft in diese Richtung gestochert. Aber nicht ein Wort!"

„Hm.“ In Jans Kopf lief eine ganz andere Szenerie ab, aber die behielt er noch für sich. In einem musste er Felix aber zustimmen. „Dass er nichts gesagt hat, obwohl du ihn mehr oder weniger direkt gefragt hast, verstehe ich auch nicht, aber da würde ich gerne Oles Erklärung zu hören. Und Ole hat Henning auch nur gepoppt und dann fallen lassen? Zumindest habe ich das jetzt so verstanden.“

„Sie waren zwei Jahre zusammen und dann ist er irgendwann mitten in der Nacht verschwunden und hat sich ein Jahr lang nicht blicken lassen. Aber das ist auch egal. Er ist schwul und hat es nicht gesagt." Das war Felix’ eigentliches Problem. „Ich glaube, wir wären völlig anders miteinander umgegangen, wenn ich das gewusst hätte. Ich bin es nämlich nicht und ihm Hoffnungen machen wollte ich ja auch nicht und außerdem bin ich ja eh nicht sein Typ und reden möchte ich mit ihm vorläufig nicht. Schon gar nicht darüber." Felix schüttelte energisch den Kopf und redete sich in Rage.

„Schon gut, Mauseplautz, musst du auch nicht, wenn du nicht willst“, beruhigte Jan ihn und küsste Felix auf die Schläfe. Das war nicht gut, überhaupt nicht gut. Felix war im Sturmodus und das konnte dauern, bis man wieder vernünftig mit ihm reden konnte. „Du kannst erst einmal hier bleiben, so lange du möchtest.“

„Danke", sagte Felix und holte tief Luft. Er musste sich beruhigen. „Morgen habe ich erst mal frei. Ist eh der letzte Tag vor der Betriebsruhe. Ich werde dann wohl über die Feiertage zu Mom gehen. Die freut sich bestimmt, wenn der verlorene Sohn mal wieder etwas länger als nur ein paar Stunden da ist." Zumindest hoffte er das, denn allein zu sein würde er jetzt nicht ertragen und Jan und Mario konnte er unmöglich 24 Stunden am Tag auf den Nerv gehen.

„Ja, das würde sie bestimmt freuen.“ Jan ließ das Thema Ole vorerst ruhen, denn Felix musste erst einmal Abstand gewinnen, damit sie mit ihm darüber reden konnten. Er wusste zwar nicht, was Henning seinem Freund alles erzählt hatte, aber er glaubte nicht, dass er die Wahrheit gesagt hatte. Das passte nicht zu Ole und bisher hatte er mit seiner Menschenkenntnis noch nie verkehrt gelegen, außer bei Mario, aber das war ein Sonderfall gewesen.

Aber warum erzählte Henning dann so etwas? Jan kam sein erster Gedanke von vorhin wieder in den Sinn. Er wollte Ole wiederhaben und Felix war da im Weg.

Wenn Felix doch nur nicht so stur wäre und mit Ole reden würde. Es wäre das leichteste zu reden und dann über Henning zu lachen, der mit seinem miesen Plan grandios gescheitert war. Doch Felix tickte leider nicht so. Er war stur wie ein Maulesel, wenn er glaubte, hintergangen worden zu sein. Es war zum Verzweifeln. Doch über seinen Kopf hinweg konnten sie sich unmöglich einmischen.

So konnten sie nur für ihren Freund da sein und ihm das Gefühl geben, dass er nicht allein war. Diesmal hatte es Felix besonders schwer getroffen, weil er sehr an Ole hing und sich in ihn verliebt hatte, auch wenn Felix das nicht wusste oder eher: nicht gemerkt hatte, weil ja nichts sein konnte, was nicht sein durfte. Das bedeutete aber nicht, dass sie sich nicht einmal Ole vorknöpfen konnten, denn wenn Hennings Behauptung wahr sein sollte, wollten sie das wissen und konnten Felix besser helfen.

Doch erst einmal wurde Mauseplautz mit Tee versorgt, das leckere Essen wurde verteilt und der Fernseher angemacht, um Ablenkung zu schaffen. Vielleicht konnte man dann in ein paar Stunden oder morgen so mit ihm reden, dass er für ein klärendes Gespräch zugänglich war.

Derweil beschloss Mario spontan, seinen kurzen Uni-Tag morgen mit einem Besuch bei Ole im Büro zu krönen.

Aber an dem Abend kamen sie nicht mehr zum reden, denn Felix schlief irgendwann an Jan gekuschelt ein. Praktischerweise hatte er schon seine Schlafsachen an, weil das einfach bequemer war, darum hob Jan ihn hoch und brachte ihn ins Schlafzimmer. Er brachte es nicht übers Herz, seinen Freund die Nacht alleine zu lassen, darum legte er ihn in ihr Bett und sich selbst dazu.