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Alles was zählt - Teil 25 bis 28

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Kaum auf der Straße hängte sich Endre die Tasche mit dem Schaf um die Schulter und Leif griff JJs Hand. Mit der anderen suchte der Junge nach Endres Hand und lächelte ihn schüchtern an. Zum Glück bemerkte er die Blicke nicht, die ihnen zugeworfen wurden, denn sie sahen aus wie eine Familie, nur eben ohne Mutter und das gab Anlass, die Brauen zu heben und die Nase zu rümpfen. Leif störte sich nicht daran, Endre war es gewohnt, schief angesehen zu werden und JJ war zum Glück noch zu jung, um zu begreifen, was um ihn herum passierte.

So ging's zur U-Bahn-Station, weil sie einkaufen gehen wollten. Von den Discountern hatte sich Leif noch nicht wirklich überzeugen lassen, also sollte ihr Weg erst einmal in die großen Kaufhäuser führen und zu 'Toys R us'. Da fanden sie bestimmt das passende. Als sie am Bahnsteig warteten, hatte JJ eine Bank entdeckt und nun wurde sie unsicher gemacht, denn für ihn war es gar nicht so leicht, auf das hohe Ungetüm drauf zu kommen.

Endre grinste und ignorierte das ältere Ehepaar, das ihn und Leif schon wieder so eindeutig missbilligend ansah. Diese Vorurteile gingen ihm langsam ziemlich auf den Nerv, aber er war nicht in der Position, sich rechtfertigen zu müssen. Er hatte nichts Verkehrtes getan und wer unbedingt mehr in die Situation interpretieren wollte, als eigentlich dran war, dann sollte sich derjenige auch für seine Gedanken schämen. Zumindest war das Endres Meinung.

Als JJ endlich saß und ein bisschen schnaufte, kam auch schon die Bahn und man sah dem Kleinen die Enttäuschung so richtig an. Er wechselte einen Blick mit Endre und der nickte nur, drückte Leif das Schaf in die Hand und griff sich JJ. Der Kleine klammerte sich gleich an ihm fest und ließ erst wieder los, als Endre ihn auf den Boden stellte, weil kein Sitzplatz mehr frei war.

„Schön festhalten, Kurzer", erklärte er JJ und legte dessen Hände um das Gestänge in der Bahn, stellte sich aber noch zusätzlich schützend vor den Jungen, damit er weder umfallen, noch im Gedränge mit nach draußen befördert werden konnte. Leif beobachtete ihn nur dabei, mit welcher Selbstverständlichkeit und mit welchem Weitblick Endre den kleinen JJ bedachte. Da musste er selbst aber noch sehr viel lernen, wenn ihm das eines Tages auch so in Fleisch und Blut übergegangen sein sollte. Er lehnte mit dem Rücken an der Wand neben Endre, der mit einer Hand JJ an sich drückte und immer wieder zu ihm runter lächelte, ihm durch die Haare strich und leise mit ihm redete, so dass der Kurze sich nicht alleine fühlte, zwischen den ganzen Beinen.

„Sag mal, Leif. Was dagegen, wenn ich heute Abend koche? Ich halte es nicht für gut, wenn immer bestellt wird", sagte Endre irgendwann und blickte unvermittelt zu seinem Arbeitgeber. Leif hob eine Braue.

„Kochen? Bei mir? Dann sollten wir was zum kochen einkaufen", lachte Leif und erklärte mit netten Worten, dass seine Küche noch jungfräulich wäre und sie wirklich erst einmal einkaufen müssten. Aber im Großen und Ganzen hatte er gar nichts dagegen, dass der nette, junge Mann sich ein bisschen in seiner Küche austoben wollte. Zwar würde Viktor sich dann zeitgleich und auch hinterher langanhaltend im Wohnzimmer austoben und wüten und brüllen, aber das war jetzt auch egal. Viktor wollte keinen Kompromiss, also bekam er auch keinen. Jetzt machte Leif auch, was ihm passte und dieser junge Kerl hier passte ihm gerade so richtig.

„Du hast gar nichts im Haus?" Endre guckte ihn ziemlich fassungslos an. „Mehl? Milch? Salz?", versuchte er es und mit einem Grinsen schüttelte Leif immer wieder den Kopf.

„Endre, ich bin fast nie zuhause. Was soll ich das bisschen Zeit, was ich in meiner Wohnung verbringe, noch mit kochen vertun? Da bietet sich besseres an und die Jungs unten in der Küche liefern erstklassige Arbeit." Leif war wirklich zufrieden mit ihnen.

„Das kann ja sein, aber hast du schon mal davon gehört, dass Kinder noch ein anderes Geschmacksempfinden haben als Erwachsene? Dass sie weniger Salz und Gewürze bekommen sollen und etwas mehr Süße, damit sie es mögen? Nur weil eine Portion 'Kinderportion' heißt, heißt das noch lange nicht, dass es kindgerecht gekocht ist. Wenn sie mal so was bekommen, ist das schon okay. Aber nicht täglich und nicht dreimal am Tag. Ich werde kochen, so", beendete Endre seinen Diskurs und strich JJ wieder durch die Haare. Der hielt sich mittlerweile an Endres Bein fest, weil er von den anderen Passagieren abgedrängt worden war und so wurde das Endre zu heikel. Wenn hier keiner auf den Kurzen Rücksicht nehmen konnte, musste er eben auf den Arm. So hob er den Jungen hoch und JJ fühlte ich gleich wohler, schlang seine Arme um Endres Hals, damit er nicht runter fiel und sah sich nun neugierig um.

„Woher weißt du das alles?", wollte Leif wissen und musterte Endre erneut. So aus der Nähe betrachtet war der Kerl noch hübscher. Das war nicht fair. Die langen Wimpern, die weichen, vollen Lippen, an denen er hing, wenn Endre sprach.

„Ich hab doch gesagt, ich habe meine vier kleinen Brüder durchgebracht", lachte Endre. Kurz überlegte er, doch dann erzählt er die Geschichte. Wie sie von ihrer Mutter weg ins Heim kamen, wie es dort zugegangen war, wie seine Jüngsten in Pflegefamilien kamen und nach einem halben Jahr mit Misshandlungsspuren wieder bei ihm waren. Als er achtzehn war, zog er aus und nahm seine Brüder mit. Es war nicht ganz legal, aber es war ein Deal zwischen ihm und der Leiterin und es war eine gute Idee gewesen. Die Jungs hatten sich allesamt prächtig entwickelt.

Leif hatte nur zugehört und wusste nun nicht, was er sagen sollte. Irgendwie hatte ihn diese Geschichte getroffen. Zum Glück hatten sie ihre Station erreicht, an der sie umsteigen mussten und so wurde er einer peinlichen Verlegenheitsantwort enthoben. Endre kam ja wirklich von ganz unten, ein richtiger Underdog. Er stand mit beiden Beinen fest im Leben, was Leif von sich selber nicht immer behaupten konnte. Er war phasenweise abgehoben, hatte den Kontakt zur Realität verloren und nur schwer wiedergefunden.

Zwischenzeitlich hatten sie getauscht. Leif trug JJ auf den anderen Bahnsteig und Endre kämpfte mit dem widerspenstigen Gustav, der sich immer mal im Gedränge der Leute an einem Passanten festkrallte und mit dem mit wollte. Mit einem Lächeln und vielen Entschuldigungen kämpfte er sich durch die Massen und hatte dabei mindestens zwei Herzen gebrochen, deren Besitzerinnen ihm verträumt nachsahen. Doch als sie Endre zu Leif und dem Jungen eilen sahen, zählten wohl auch sie eins und eins zusammen und erkannten die kleine Familie.

Davon bekam Endre aber gar nichts mit, weil er gerade das Schaf in seiner Tasche auf eine Bank stellte und ihm erklärte, wie man sich zu benehmen hatte. Doch Gustav sah ihn nur herzerweichend an und JJ klammerte sich gleich an seinen plüschigen Freund, um ihn vor der Standpauke zu bewahren und verführte so eine Gruppe junger Frauen zu einem kollektiven: „Wie süß!"

„Ja, ja. Boykottiert noch meine Erziehung", lachte Endre und die jungen Damen lachten noch mehr. Kurz plauderte er mit ihnen, während JJ gerade verschwörerisch mit Gustav flüsterte. Die planten doch schon wieder was. Nur Leif stand etwas abseits und beobachtete alles.

Es stach.

Er konnte nicht erklären warum oder was genau es war, es stach in der Brust und das machte ihn nervös. Zum Glück fuhr die Bahn ein, die sie brauchten und so trennte sich Endre von den Damen und griff sich Kind und Kegel, suchte Leif. „Ach, da bist du."

Wieder in der Bahn, schob er Leif auf einen freien Platz und setzte ihm JJ auf den Schoß. Er selbst blieb stehen. Er war ja noch jung.

„Sag' mal, Endre, was machen deine Brüder jetzt eigentlich?", wollte Leif wissen, denn so ganz ließ ihn das noch nicht los. Er dachte immer noch über das nach, was Endre erzählt hatte. Der blickte fragend zu ihm runter und grinste. Irgendwie fand er es angenehm, dass Leif nachfragte. Dass er über das nachdachte, was Endre ihm erzählt hatte. Es gab so ein gewisses Gefühl von Interesse und das tat gut.

„Michael und Gerrit sind Zwillinge. Sie sind jetzt 21 und haben beide Schlosser gelernt. Sie haben eine Autowerkstatt in Steglitz. Sören hat sein Abi mit Auszeichnung gemacht, ein Stipendium bekommen und studiert in Hamburg Juristerei. Er will nächstes Jahr seine Freundin Barbara heiraten. Sie studiert SozPäd und unser Nesthäkchen Sven hat gerade eine Banklehre angefangen und seine erste eigene Wohnung bezogen. Er ist stolz wie Oskar, auch wenn sie nur klein ist. Aber sie gehört ihm, er bezahlt sie selber und ab und an schieße ich noch was dazu, damit er auch mal weggehen kann, von seinem Geld. Aber ich sage ja, aus allen ist was geworden", erklärte Endre und sein stolzes Gesicht zeigte deutlich, dass er sehr an seinen Brüdern hing.

Sie waren sein Ein und Alles und seine einzige Familie. Ihre Mutter lebte zwar noch, aber sie hatte sich nicht mehr für sie interessiert. Als die Werkstatt der Zwillies gut gelaufen war, hatte sie mal angerufen und wollte Geld haben, aber das hatten die beiden dann auch unterbunden und Endre hatte sie nur zu gut verstanden. Ihm selber wäre es wohl ähnlich gegangen.

„Interessanter Familienstammbaum", sagte Leif und strich dabei JJ über den Rücken, der schon wieder alles um sich herum beobachtete. Es war für ihn immer noch neu, so viele Leute zu sehen, so viele Fremde und immer andere. Doch es war auch interessant.

Leif selbst hatte auch nur noch seine Schwester und den Jungen, seit die Eltern gestorben waren und deswegen war Viktor sein Lebensmittelpunkt geworden, der sich nun langsam auf JJ verlagerte.

„Ja, ein schräger Haufen." Vor allem, wenn man bedachte, dass Michael und Gerrit nicht nur ein Zwillingspärchen waren, sondern auch das Bett und ihre Herzen teilten. Es war einfach so gekommen, dass sie nicht von einander lassen konnten. Anfangs war es rein körperlich gewesen, doch eines Tages kam das Herz dazu. Auch wenn es vor dem Gesetz nicht legitim war, so stießen sich doch beide nicht an den Konventionen. Sie liebten sich, sie waren glücklich, das allein zählte. Endre war es sowieso egal, solange seine beiden glücklich waren, war er es auch und es blieb ja in der Familie. Er grinste leise und schüttelte den Kopf. Sie waren schon ein echt schräger Haufen.

>>Nächster Halt: Zitadelle<<, erklang es aus den Lautsprechern und Endre nickte. Genau da wollte er hin. 'Toys R us' war geradezu ein Spielparadies und Bekleidung bekam man dort auch. Große Einkaufszentren waren immer ziemlich praktisch für einen solchen Rundumschlag, wie sie ihn vorhatten.

„Na los, ihr beiden Goldlöckchen", lachte er und kämpfte sich mit Gustav schon zur Tür. Leif grinste. Goldlöckchen. Wie war der denn drauf? Aber er folgte und lotste JJ aufmerksam vor sich her zur Tür, hob ihn aus dem Wagen und da standen sie nun. Immer noch neugierig betrachtete Leif mal wieder Endre. Er war so ganz anders als die Männer, mit denen er sonst zu tun hatte. Er hatte keinerlei Interesse an Leif.

Es war ungewohnt und auch ein bisschen hart für sein Ego. Normal tummelten sich die Männer um ihn, was Viktor auf die Palme brachte. Jeder wollte in Leifs Nähe sein, jeder baggerte an ihm, versuchte ihn für sich zu gewinnen und Endre tat nichts dergleichen. Kein Flirtversuch, keine Andeutung, keine Zweideutigkeit. Gar nichts - die Fronten waren für ihn klar. Angestellter und Arbeitgeber, mehr nicht.

Eigentlich schade.

„Hier lang", riss Endre ihn aus seinen Gedanken, für die sich Leif auch ein bisschen schämte, aber das war doch in jeder Beziehung so, egal ob Homo oder Hetero. Ab und an sah man sich um, ab und an fand man auch andere Gerichte lecker, ab und an fehlte einfach die Abwechslung auf dem eigenen Teller und man sah mal über den Tellerrand hinaus. Ein bisschen naschen, ein bisschen auf einen neuen Geschmack kommen.

Leif grinste. Er war wirklich verrückt. Er spielte mit dem Feuer, das sollte ihm doch bewusst sein. Wenn Viktor auch nur einen einzigen dieser Gedanken lesen könnte, dann brannte die Hölle. Dann gab es ein Inferno, das noch in Umkreisen von Kilometern die Glut herab regnen ließ und Leif kam nicht umhin zu bemerken, dass er genau dies einmal provozieren wollte. Krank!

Er lief los, doch JJ war nicht so schnell und so wurde Leif ziemlich schnell gebremst und er sah zurück, grinste, denn der Kleine schwang seine Beinchen so schnell es nur ging. Also wurde Leif langsamer und passte sich dem Kurzen an, während Endre vorlief und sich orientierte. Dann kam er zurück und erklärte, wo sie hin mussten und eine viertel Stunde später standen sie im Spieleparadies für Groß und Klein. Alles, was das Herz von großen und kleinen Kindern begehrte.

Autos, Modelleisenbahnen, Puppen, Bastelzeug, Malzeug... Spielsachen, so weit das Auge reichte. JJ wusste gar nicht, wo er zuerst hingucken sollte. Wenn auch eben noch die Füßchen wehgetan hatten, so war er doch wie durch Zauberhand geheilt und stürzte los, Endre immer hinterher. Er wollte erst mal sehen, wo eigentlich JJs Interessen lagen. Was mochte der Kleine denn noch, außer sein Schaf?

Ziemlich schnell landete JJ da, wo jeder Junge landete, bei den Autos. Und schon rollte er mit einem der Bobbycars durch die Gegend, die in der Gegend herum standen und zum Benutzen einluden.

„Hey cool." Leif war für das lustige Ding auch gleich Feuer und Flamme und in kürzester Zeit hatte Endre zwei Kinder zu versorgen. Irgendwie war es niedlich, den großen Lazlo auf dem Boden zu sehen, wie er mit seinem Neffen um ein Spielzeugauto raufte und auch noch gegen JJ verlor, weil der seine großen, traurigen Kinderaugen einsetzte. Der Kleine war gerissen! Und so strampelte JJ wieder davon, während Leif auf dem Boden saß, in seinem Anzug und dem Kurzen hinterher guckte.

„Soll ich dich trösten", lachte Endre leise und hob eine Braue, als ein nickender Kopf an seiner Schulter landete, weil er nun neben Leif hockte.

„Hab verloren", nuschelte er und nutzte die sich bietende Gelegenheit gerade schamlos aus. Doch dann kam auch schon ein Verkäufer auf sie zu und fragte grinsend, ob er helfen könne. Endre engagierte ihn auf der Stelle und erklärte das Dilemma. Also pilgerten sie nun zu dritt durch die Regale und suchten nach Spielsachen. Leif probierte alles aus, JJ heizte mit seinem Bobbycar durch die Gänge und blieb immer schön in Sichtweite und Endre sortierte aus, was sie brauchten und was nicht.

Ab und an wurde JJ zu Rate gezogen, aber er war keine große Hilfe, denn sein Bobbycar war das tollste von der Welt. So was mussten sie also auch kaufen. Am besten mit Spezialbereifung, weil nämlich sonst das Parkett im Penthouse ziemlich schnell Schaden nehmen dürfte.

Mittlerweile türmten sich im Wagen die Kartons. Sie hatten eine paar Holzbausteine und Lego, dazu ein paar Autos und nun ging es daran, Ersatz für Gustav zu finden, wenn sie auf Reisen waren. Sie konnten ja nicht immer das riesige Schaf durch die Gegend schleppen. Das ging einfach nicht. Doch da musste JJ selber was aussuchen.

Da standen sie also vor einem riesigen Regal voll niedlicher Plüschtiere und Leif hatte schon wieder heimlich eins beim Wickel. Auch ein Jolly Mäh Schaf, aber nur 30 cm und tuffig rosa, mit einem lustig abstehenden Bürzel und einer großen, grauen Schnauze. Das musste er haben - nur für sich alleine. Wenn dieses Schaf nicht schwul aussah, was dann?

Endre schüttelte nur den Kopf über seinen Chef und JJ streifte durch die Regale, zog immer mal eines raus und blieb an einem Eisbären hängen, der niedlich guckte und einen Schal um hatte. Den flauschte und knuddelte er und guckte dann Endre mit diesem Blick an, der eben schon bei Leif gezogen hatte. Er war aber auch süß! Endre seufzte und Leif lachte.

„Na, verlierst du auch gerade?", wollte er süffisant wissen und Endre konnte nicht anders, sein Ellenbogen landete in Leifs Seite und der klappte zusammen wie ein Taschenmesser, hielt sich die Seite und ließ sich von dem Schaf trösten. JJ indes durfte sich zwei Plüschtiere aussuchen und zu dem Eisbär, der deutlich handlicher war als das Schaf, kam noch ein Frosch. Und dann gab JJ auch schon wieder Frieden.

Endre hatte eigentlich gedacht, dass es mit einem Kind in einem Spielzeugladen nicht ohne Geschrei abgehen würde, doch JJ zeigte sich sehr vernünftig. Irgendwie war diese Junge einmalig. Selbst der Verkäufer guckte nicht schlecht, als er wieder, anstatt noch mehr haben zu wollen, auf sein Bobbycar kletterte und losflitzte.

Spielzeug hatten sie erst einmal für die ersten Tage, was fehlte, konnte immer noch nachgekauft werden. Nun brauchten sie noch was zum Anziehen für den Kurzen. Unterwäsche, Socken, Nachtwäsche, T-Shirts, Hosen, Pullover und noch ein paar Schuhe. Das wurde schon etwas problematischer, denn dazu musste JJ nicht nur sein Bobbycar verlassen, er musste auch noch anprobieren. Das war nun gar nicht seins.

Wenn er auch bis eben noch das liebste Kind der Welt gewesen war, so wurde er jetzt doch langsam quengelig. Ein gutes Zeichen, das Nötigste mitzunehmen und zu gehen. Denn der Tag war für den Kleinen lang genug gewesen.

Sicher hatte der Kurze auch Hunger. So teilten sie sich auf. Leif wollte alles bezahlen und verpacken lassen und dann ein Taxi rufen, weil er diese Stapel von Kisten definitiv nicht kreuz und quer mit der U-Bahn durch die Stadt schleppen wollte und Endre suchte mit JJ was zu essen für den kleinen Hunger. Er bekam noch den Hinweis mit auf den Weg, dass JJ die Nuggets gestern sehr lecker gefunden hätte und Endre murmelte was von Fastfood.

Doch schlussendlich landete er genau dort. Nach langem Hin und Her und Suchen und Abwägen und Beratschlagen mit dem Kurzen auf seinem Arm holte er einen 20er Satz dieser Presshuhnstücke und JJ fing zufrieden an zu mampfen, während Endre auch ab und an einen naschte. Die schaffte JJ ja sowieso nicht alle auf einmal.

Vor dem Geschäft wartete Leif auf das Taxi und grinste, als er sie kommen sah. Und weil er rechts und links Tüten hielt, damit sie nicht umfielen, musste Endre ihn füttern. Sehr angenehm. Solch einen Mundschenk hatte er sich schon lange gewünscht. Deswegen ließ er es sich auch nicht nehmen, ab und an über die langen, schlanken Finger zu lecken. Dafür nahm er gern diese Strapazen hier auf sich.

Bis das Taxi kam, teilten sie sich die Chicken Nuggets und dann wurden die Kisten und Tüten verstaut. Als Endre in das Innere des Wagens blickte, musste er zugeben, dass Leif mitgedacht und ein Taxi mit Kindersitz verlangt hatte. Nicht schlecht. Anerkennend blickte er zu Leif rüber und der genoss sein Lob sichtlich.

Nach einer halben Stunde hielt der Wagen vor dem Ritz-Carlton am Potsdamer Platz und Endre machte ziemlich große Augen. „Tiefgarage bitte", sagte Leif nur, denn die ganzen Tüten durch das Foyer zu schleppen oder einen Pagen zu rufen, hatte er keine Lust. War doch viel einfacher, alles in den Lift zu seinem Penthouse zu packen. Schließlich war das der einfachste Weg. Während Endre und JJ geschäftig die Türen und Plüschtiere durch die Gegend trugen, bezahlte Leif den Fahrer und sorgte dafür, dass er die Garage auch wieder verlassen konnte und trug dann die restlichen Tüten mit in den Aufzug, ehe er mit seinem Fingerprint den Weg nach oben frei gab.


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„Der Aufzug ist wirklich nur für deine Wohnung? Ist ja verschärft", murmelte Endre und sah Leif forschend an. So was kannte er eigentlich nur aus Filmen.

„Japp." Leif lachte leise und blickte offen zurück. „Der fährt nur zwischen Tiefgarage und Wohnung hin und her. Es gibt noch einen zweiten, der ist mit dem Hotel verbunden, falls ich mal zum Empfang runter muss oder etwas aus der Küche oder der Wäscherei geliefert wird. Dann..."

„Wäscherei!", ging Endre etwas unhöflich dazwischen, doch ihm traten schon wieder fast die Augen aus den Höhlen. „Du... wäschst auch nicht selber?" So war das also, wenn man Geld hatte und sich das erkaufen konnte, was andere selber machen mussten. An so etwas würde er sich wohl nie gewöhnen können. Und er wollte es auch nicht. Schon allein die Vorstellung, Fremde würden seine Unterhosen waschen? Nicht auszudenken! Das war ihm dann doch etwas zu viel Intimität mit Fremden!

„Ich sag doch, ich habe keine Zeit!" Langsam ging Leif dieses Genörgel etwas auf den Zeiger. Er hatte keine Lust, sich ständig dafür zu entschuldigen, dass er nicht selber kochte, nicht selber wusch. Er hatte Weißgott andere Sorgen als derartiges! Warum sollte er sein Geld nicht dafür ausgeben, dass es ihm gut ging? Mit ins Grab nehmen konnte er es schließlich auch nicht, also brauchte er es auch nicht künstlich zu mehren. Was weg war, war eben weg und gut und es hatte ja seinen Nutzen erfüllt.

„Tschuldigung, sollte kein Vorwurf sein", erklärte Endre ziemlich kleinlaut, denn er spürte den Ärger in Leifs Stimme deutlich. „Ich kenne das nur nicht. Ich... na ja, ist ziemlich neu. Sorry noch mal." Dann griff er sich verlegen ein paar von den Tüten und wartete darauf, dass sie endlich oben ankamen.

„Schon okay." Leif war bereits wieder versöhnt, als er das betroffene Gesicht bemerkte. Wer konnte Endre denn schon lange böse sein? Leif jedenfalls konnte es nicht. „Andere Seite", erklärte er noch, als der Fahrstuhl stoppte und sich hinter Endre die Tür öffnete. Der sah sich etwas verlegen um und ging einen Schritt aus der Tür, wurde von Leif aber hemmungslos weiter geschoben, weil er die Tür blockierte.

JJ zog seine neuen Plüschies und Gustav auf dem Boden hinter sich her, nachdem er seine Schuhe ausgezogen hatte, wie sich das gehörte. Er fühlte sich hier schon fast wie zu Hause und Endre war der Einzige, der noch ergriffen auf einer riesigen, leeren Parkettfläche stand und auf das spärlich aber edel möblierte Wohnzimmer guckte. Es maß in seiner Länge bestimmt 15 Meter, aber alles, was drinnen stand, war eine Sitzgruppe aus schwarzem Leder und ein großer Fernseher.

„Wow", brachte er irgendwann über die Lippen und wusste nicht so richtig, was er noch sagen sollte. Er bemerkte die Galerie, die diesen sehr hohen Raum an einer Seite begrenzte und bemerkte auch die luftige Treppe, die Türen, die abgingen und auch die offene Küche, die sich über beide Etagen erstreckte.

Dieses Penthouse war der Hammer! So was hatte er wirklich noch nicht gesehen.

„Stell ab, ich führe dich herum, schließlich sollst du dich hier wohl fühlen, wenn du hier einziehst", erklärte Leif, warf die Schuhe von seinen Füßen und stellte die Tüten erst einmal beiseite. Einräumen konnte er dann auch alleine.

„Ich soll hier... was?" Endre wirkte sichtlich perplex. Ob er auch nur ansatzweise ahnte, wie verführerisch er dadurch auf Leif wirkte? Doch der wandte sich ab. Langsam wurde das gefährlich.

„Ich habe doch gesagt, du sollst später 24 Stunden am Tag für den Kleinen da sein. Wie willst du das machen, wenn du nicht hier wohnst, Endre?", erklärte er und ging langsam los. Erst zur Tür gleich rechts, hinter der sich das große Bad verbarg. Vorsichtig guckte Endre in den Raum und als Leif das Licht anschaltete, gingen ihm die Augen über.

Dusche, Wanne, ein großes Badebecken. Kamin in der Ecke, Liege aus beheiztem Marmor für Massagen. Besser als in jedem Film. Ein ziemlich unangebrachtes: „Boah", schlüpfte über seine Lippen und er guckte Leif grinsend an. „Nicht kleckern, klotzen, hm?", sagte er und trat wieder in das Wohnzimmer. Noch immer faszinierte ihn die Weite dieses Raumes. Kurz schweifte sein Blick suchend, doch JJ saß auf der Couch und stellte die Tiere einander vor und wirkte dabei sehr geschäftig.

„Da drüben", Leif deutete auf die Tür zu seinem Schlafzimmer, „ist dann mein und Viktors Heiligtum."

„Na ja, das muss ich nicht sehen", lachte Endre verlegen. Schlafzimmer waren etwas Privates, die gehören nicht vorgeführt wie in einem Museum.

„Gut, die Tür daneben ist ein kleines Bad für den Morgen. Dusche und Waschbecken und Toilette. Was man eben am Morgen so braucht und dann kommen wir hier auch schon in den stiefmütterlich behandelten Raum." Dabei führten seine Schritte ihn und Endre in die großzügige Küche. Er beobachtete sein Kindermädchen eindringlich und lachte, als dem die Augen übergingen.

„Wie kann man solch eine geile Küche nicht benutzen!" Endre war gleich in seinem Element. Er beguckte sich den Herd, guckte in die Schränke und die Kühlschränke, doch die Ausbeute war ernüchternd. Keine Töpfe, keine Pfannen, keine Gewürze. Da war ja gar nichts drinnen!

Ziemlich desolater Zustand!

Dementsprechend guckte Endre Leif auch an.

„Ja, ja, ich weiß", lachte der Blonde und warf sich eine der Strähnen über die Schulter zurück. Er hatte das Jackett ausgezogen und hängte es über einen Barhocker. „Deswegen sage ich ja: tob dich aus, was immer du brauchst. Ich kenn mich da ja sowieso nicht aus." Somit gab er Endre freie Hand für die Küche. Als Endre den Kühlschrank wieder schloss, riss er die Augen auf. Nicht nur dass ein Flachbildschirm integriert war, wie es aussah war das auch einer dieser neumodischen Kühlschränke, wo man gleich bestellen konnte.

So eine Art Standleitung zum Supermarkt. Na ja, so wie er Leif einschätzte, war das keine Standleitung zu einem Supermarkt, sondern zu einem Delikatessenhändler. Aber es sparte bestimmt Wege, wenn einem morgens um vier einfiel, dass die Butter alle war. Endre lachte und drückte ein bisschen darauf herum. Erst zappte er durch ein paar Programme, was JJ anlockte, als er die bewegten Bilder sah und dann hatte er die Bestellfunktion gefunden.

Man konnte sogar zwischen verschiedenen Märkten wählen und für spezielle Kunden, wie Leif wohl einer war, hatten sie 24-Stunden-Service. Sicher gegen Aufpreis, aber das konnte dem Blonden wohl sicher egal sein, hatte er ja schon mal erklärt.

„Das Ding ist ja geil!", rief er und JJ, der an seinem Bein hing und murmelte, weil er nichts sah, hob er hoch und zeigte es ihm. Der Bildschirm war großzügig bemessen. Man konnte ihn sicher auch von der Bar aus noch sehr gut erkennen. Doch da fand Endre schon das nächste Manko. „Sag mal, wo sitzt der Kurze eigentlich? Der fällt von den hohen, wackligen Stühlen doch runter", wollte er wissen und sah sich vergeblich in der großen Küche nach einem Tisch mit Stühlen in normaler Höhe um.

„Wir machen es uns immer am Couchtisch gemütlich. Mit einem Polster unter dem Hintern reicht er bequem an den Tisch", erklärte Leif, doch Endre rollte nur die Augen.

„Das ist doch kein essen!" Endre seufzte. Hier musste wohl wirklich noch einiges passieren. „Ein Tisch in seiner Höhe wäre nicht schlecht. Wo er auch mal dran sitzen und malen kann, wenn ich in der Küche arbeite oder wo er helfen kann. So schließt du ihn völlig aus." JJ indes, auch wenn es um ihn ging, hörte gar nicht richtig zu. Er guckte nur auf die Bilder und sah sich weiter in der Küche um. Er kannte den Raum zwar schon, aber man fand immer wieder spannende Sachen.

Leif hatte indes einen Zettel und Stifte besorgt und fing nun an zu schreiben, was noch gebraucht wurde, während Endre wieder am Kühlschrank herum spielte. „Funktioniert das eigentlich? Kann man da wirklich bestellen?", fragte er und klickte schon wieder auf der Benutzeroberfläche herum.

Leif kam näher. „Ach da kann man bestellen? Echt? Zeig mal."

Endre rollte einmal mehr lachend mit den Augen. Nein, die Küche war wirklich nicht Leifs Lieblingsraum.

„Mach mal, mal sehen, ob es funktioniert", sagte er nur und notierte sich noch das eine oder andere auf seinem Zettel.

„Was wollen wir essen? Sind belegte Brötchen für den Anfang okay? Morgen decke ich mich dann mal ein, damit eine Grundausstattung da ist und dann kann ich auch richtig loslegen. Ich bringe meine Kochbücher mit und dann werden JJ und ich die Drei-Sterne-Küche in diese Wohnung bringen."

Mit belegten Brötchen war Leif zufrieden. Für Viktor, wenn der später kam, konnte er immer noch etwas bestellen. Leif hatte vorhin eine SMS von ihm bekommen, dass es länger dauern würde und er sicher nicht vor sieben wieder da wäre. Das waren noch gute zwei Stunden, bis dahin gehörte er ganz JJ und Endre und er wollte mal sehen, was der schwarzhaarige Leckerbissen so auf den Tisch zaubern konnte. Leif musste seine Gedanken stoppen, ehe sie noch in Kreise entschwanden, die nicht mehr vertretbar waren und er vielleicht doch noch mit dem Kindermädchen durchbrannte. Um das zu unterbinden, verschwand Leif in seinem Arbeitszimmer, während Endre nun zusammen mit JJ eine Bestell-Liste machte.

Sie orderten kleine und große Brötchen, dazu Gemüse und etwas Wurst, Käse und Butter und Milch, weil die ja gesund war. Dazu noch eine Packung Kirschtee für Kinder, damit JJ auch was trinken konnte, denn in Leifs Haushalt hatte er nur schwarzen Tee gefunden. Das war nun wirklich nichts für den Kleinen. Endre sah noch mal die Lieferbedingungen durch, nickte, als es hieß, alles ginge zu Lasten der Kreditkarte, die angegeben worden sei und schon war die Bestellung abgeschickt. Kurz darauf erklärte eine Kurznachricht, dass die Bestellung in 20 Minuten geliefert würde. Wow, das war Service. „Das fetzt, hm?", sagte er lachend zu JJ und der nickte.

„Na los, Kurzer, zeig mir mal dein Zimmer, das hat dein Onkel nämlich gerade vergessen." Schließlich mussten ja auch die Spielsachen nach oben gebracht werden. Als Endre und JJ aus der Küche kamen, war Leif gerade dabei, die Tüten nach oben zu tragen.

„Nimm ihn an die Hand!", rief Leif nach unten und Endre nickte, griff den Kleinen und eine Tüte und so gingen sie langsam, Stufe für Stufe, nach oben. Zielstrebig lief JJ auf seine Tür zu, hinter der Leif schon verschwunden war und packte Gustav gleich auf das Bett.

„Ehe du nörgelst, die Möbel verschwinden morgen, seine werden dann gegen Mittag geliefert", erklärte Leif gleich lachend, ehe Endre wieder eine Standpauke zum Thema Kindertauglichkeit hielt und sein Kindermädchen hob nur die Braue und guckte anerkennend. War wohl doch noch nicht alles verloren bei dem Schauspieler.

„Wann soll ich denn morgen früh da sein?", wollte Endre wissen, denn sicher sollte er den Möbelaustausch überwachen, wenn Leif nicht da war.

„Um sieben wäre perfekt, aber kann auch später sein. Aber nicht nach halb neun, dann bin ich weg und das Spatzl wäre alleine. Das ist weniger günstig." Sie räumten die Tüten aus und stapelten erst einmal alles in einer Ecke. JJ war sowieso mit seinen Plüschtieren beschäftigt und der Rest interessierte nicht. Gustav wurde ins Bett gesteckt und der Frosch gleich dazu, nur der Eisbär wurde noch etwas geknuddelt und schlussendlich, als er wieder abwärts ging, auch mit in die Küche geschleift. Endre wartete schon darauf, dass der Bär die ersten Flecken bekam. Aber zum Glück waren diese Biester ja immer waschbar, da war das nicht so schlimm. Außerdem waren auch die echten Eisbären nie wirklich weiß.

Kaum standen sie wieder in der Küche, machte ein dezentes Bing darauf aufmerksam, dass im Dienstbotenfahrstuhl jemand nach oben kam und Endre staunte Bauklötze und das nicht wenige, als eine Tüte voll Lebensmittel gebracht wurde. Er griff sie sich gleich neugierig und verschwand mit JJ in der Küche. Leif bedankte sich nur und lächelte. Ein kleines bisschen wirkte auch Endre wie ein kleiner Junge. Er folgte den beiden langsam. Als er in die Küche kam, saß JJ auf der breiten Arbeitsplatte, Endre stand vor ihm, damit er nicht runter fallen konnte und räumte die Tasche aus.

„Kann ich mich nützlich machen?", wollte Leif wissen, weil er sowieso nichts zu tun hatte und Endre nickte.

„Japp, pass auf, dass der Kurze keinen Abgang macht, ich wasch schnell das Gemüse." Und schon hantierte Endre mit Möhren und Schnittlauch und Radieschen. Die Wurzeln schnitt er ab, wusch sie aber gründlich, die wurden noch gebraucht, denn Endre machte nicht einfach Brötchen, er bastelte kleine Mäuse für JJ. Mit Spaß beim Essen aßen Kinder einfach besser und sie versuchten auch Dinge, die sie sonst nie essen würden. Bei Kindern hieß es eben wirklich: das Auge isst mit.

Kleine Partybrötchen schnitt er auf, bestrich und belegte sie und an der abdeckenden Hälfte machte er nun Kunst am lebenden Objekt - er schnitt Taschen für Möhrenscheiben, das wurden die Ohren, machte ein Loch für das Wurzelschwänzchen. Schnittlauch wurden die Barthaare und mit Mayonnaise und Schnittlauchspitzen zauberte er noch Augen. JJ war hellauf begeistert und Leif auch, guckte etwas belämmert, als er nur ein einfaches Brötchen bekommen sollte.

„Kann ich nicht auch so 'ne Maus haben?", fragte er und guckte besonders nett. Endre ließ sich erweichen und bastelte auch für Leif noch eine große Maus aus einem normalen Brötchen, dann noch zwei kleine für JJ. Der haute auch tüchtig rein.

Ausnahmsweise machten sie Stehimbiss. JJ saß auf seiner Anrichte und Leif und Endre standen davor. Die frischen Brötchen und die Wurst war wirklich gut und jede Maus bekam noch ein Käsestückchen dazu. So verputzten sie nach und nach fast die ganze Einkaufstüte. Sogar die Karotten und die Radieschen wurden alle und Endre war sichtlich zufrieden.

Sogar das kleine rosa Schaf, das Leif noch in der Anzugjacke gehabt hatte und was die ganze Zeit rausgeguckt hatte, entspannte sich. Nun lag es auf der Theke und betrachtete sich sein neues Zuhause, während Leif mit JJ in der Dusche verschwand und Endre die Küche wieder sauber machte.

Also bis jetzt konnte er es sich hier sehr gut gefallen lassen. Die Wohnung war der Hammer, wenn er auch für sich das eine oder andere nicht annehmen würde. Hier einzuziehen war bestimmt nicht das schlechteste. Mit Jack landete er sowieso meistens im Hotel, weil sein Freund das von der Firma bezahlt bekam und seine Möbel, wenn er sie nicht brauchte, konnte er einlagern lassen. Doch, langsam freundete er sich damit wirklich an, hier zu wohnen.

Schnell waren die Teller und das Besteck wieder weggeräumt, er kochte noch eine Tasse Tee für JJ, falls der noch mal Durst bekommen sollte und ließ sie auskühlen. Dann schlich er sich die Wendeltreppe im hinteren Teil der Küche nach oben und kam in einer zweiten Küche an. Sie war kleiner, nur mit dem nötigsten ausgestattet. Ein Kühlschrank, ein Herd, eine Spüle. Mikrowelle und ein paar Küchengeräte. Das war dann also sein kleines Reich. Er sah sich etwas genauer um. Groß war sie nicht, im Vergleich zu der unteren Küche, doch das reichte ja auch. In Gedanken räumte er schon Töpfe und Geschirr ein, kroch aber aus dem Hängeschrank wieder raus, als er JJ rufen hörte. Mit dem D hatte er wohl noch etwas Probleme, denn er suchte wieder nach "En-re". Endre lachte leise und guckte um die Ecke, fand sich so auf dem gleichen Flur wieder, auf dem die Türen zu den Zimmern lagen.

„Da bist du!", lachte Leif, als er ihn sah und drehte JJ, der am Geländer der Treppe stand und nach unten brüllte, zu Endre um. „Hat sich angeschlichen, der Schelm." JJ lief los und warf sich an Endres Beine und umklammerte ihn, während Leif langsamer zu ihnen kam und sich die nassen Haare aus dem Gesicht strich. Er war zu faul gewesen, sie sich aus dem Gesicht zu binden, nun waren sie nass und tropften das Hemd langsam voll, ließen es durchscheinend werden.

„Hier oben würden dann übrigens auch deine Räume liegen. Da und da!" Leif deutete auf die Türen und öffnete eine davon, weil sie gerade davor standen. „Ist das okay? Ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer. Das hier drüben wäre dein Bad." Wieder ging eine Tür auf. Eine große Eckwanne, in der anderen Ecke eine Duschkabine, dazu ein großes Waschbecken, ein zweites etwas tiefer, um sich bequem die Füße waschen zu können und mit einem Mäuerchen abgetrennt eine Toilette. Alles in leichten Pastelltönen gehalten. „Und die Küche hast du ja schon gesehen."

Endre nickte nur. Das war wirklich nicht schlecht. Hier ließ es sich aushalten. Wenn er Zuhause war musste er erst mal Micha anrufen und ihm erzählen, was ihm heute passiert war. Das würde der nie glauben! Sein Bruder war ja schon etwas angefressen, weil Endre sich auf das Niveau eines Pornodarstellers hatte herablassen müssen und hatte seinem Besuch bei diesem Lazlo heute mit gemischten Gefühlen entgegengesehen. Es war ja nicht so, dass Michael und Gerrit Lazlos Filme nicht mochten, im Gegenteil! Aber sie wollten nicht ihren großen Bruder darinnen sehen und wissen, dass Hunderttausende Kerle sich an ihm aufgeilten. Nun konnte der Haussegen wieder gerade hängen, denn mit seinem Job als Kindermädchen in einem solchen Haushalt war er doch wirklich ein Glückskind.

Leif war nett, JJ war nett und diesen Viktor würde er sich auch erst einmal betrachten. Wenn er sich nur mit dem Jungen beschäftigte und Leif außen vor ließ, dann sollte es doch eigentlich keinen Grund zur Eifersucht geben.

„Du kannst einziehen, wann es dir passt. Mir wäre es lieb, so früh wie möglich, aber wenn du sagst, ich checke das erst mal aus für ein paar Wochen, ist das auch okay. Du sollst nicht hinterher bereuen deine Wohnung aufgegeben zu haben. Am besten beschnüffelst du dich erst mal irgendwann mit Viktor. Ich sag's dir gleich", Leif seufzte, als er den Kleinen ins Bett legte und sich dazu setzte, „Vik ist eifersüchtig. Er wittert überall Verrat. Nimm es nicht persönlich."

„Nein, nein", sagte Endre gleich und legte noch den Eisbären dazu. „Ich bin wegen JJ hier und den Job werde ich tun. Alles andere geht mich nichts an." So wollte er es halten. Liebevoll verabschiedete er sich noch von JJ, wurde aber erst entlassen, als er hundertundeinmal versichert hatte, dass er morgen früh wieder kam. Auch Leif strich dem Kleinen kurz über die Haare. „Ich bin gleich wieder da, Spatzl. Schön hier warten, ich bringe nur schnell den Endre zur Tür, ja? Dann les ich dir was vor." Im Geiste notierte sich Leif auf seinem Zettel Märchenbücher und erhob sich langsam.

„Tschüss, Kurzer." Endre winkte, JJ winkte schüchtern zurück und lächelte. „Tschüss."

Die Tür ließ Leif offen, um zu hören, sollte JJ etwas rufen und ging langsam die Treppe runter.

„Danke noch mal, dass du den Job machst. Ich bin dermaßen glücklich darüber." Vor dem Fahrstuhl hatte er kurz den Drang Endre zu umarmen, war aber froh, es nicht getan zu haben, als sich plötzlich die Türen öffneten und Viktor sie beide ziemlich verwirrt anguckte. Aber er kam nicht dazu, etwas zu sagen, denn Leif verabschiedete Endre kurz und schickte ihn nach unten. Er wollte erst mit Viktor reden, ehe er die beiden aufeinander los ließ.


-27-

Wie vor den Kopf geschlagen stand Viktor vor den geschlossenen Türen des Aufzuges und starrte noch immer auf den Edelstahl. Er musste erst einmal begreifen, was eben passiert war. Und was war passiert?

Sein Verlobter schickte einen jungen Kerl aus der Wohnung, gerade als er selbst nach Hause kam. Langsam wanderte sein Blick zu Leif, der sich kurz an ihn lehnte, ihn küsste, als wäre nichts gewesen und Anstalten machte, die Treppe wieder nach oben zu gehen. War er denn hier im Irrenhaus oder was?

„Hier geblieben", knurrte Viktor sauer und riss Leif zurück, schob ihn gegen die Tür des Aufzuges und lehnte sich schwer gegen ihn. „Als erstes wirst du mir mal sagen, was das eben sollte. Seit wann geht das mit euch schon." Es kostete Viktor Unmengen von Beherrschung, nicht gleich laut loszubrüllen. Er wollte Leif die Chance geben zu sagen, dass es nicht so wäre, wie es eben ausgesehen hatte und er konnte sich für seinen Verlobten nur wünschen, dass er sich etwas sehr gutes und extrem Glaubhaftes einfallen ließ.

„Was soll das heißen, wie lange ginge das schon mit uns? Bist du noch ganz dicht?" Schon allein dafür, dass Viktor glaubte, Leif würde ihn betrügen, war der Blonde gerade ziemlich angebrannt. Was dachte sich Vik denn? Dass er seine Tage damit verbrachte, sich von jüngeren Kerlen vögeln zu lassen oder was? Seine Augen verschmälerten sich und er ging in Abwehrhaltung, lauerte nur auf den nächsten Schuss, um zurückzubeißen.

„Dann erkläre mir gefälligst, was dieser Vogel hier zu tun hatte, Leif! Und lüg mich nicht an." Viktors Stimme war gepresst. Man konnte es deutlich hören. Schwer musste er sich zurückhalten. Wollte ihn sein Verlobter hier für dumm verkaufen? War der Bastard etwa der Grund, warum sich Leif seit Jahren vor dem letzten Schritt drückte? Lehnte er deswegen eine eingetragene Partnerschaft ab? Weil er Viktor mit diesem Bastard betrog? Wie blind war er denn gewesen?

„Das ist Endre, ab heute JJs Kindermädchen und..." Weiter kam Leif nicht, weil Viktor ihn anbrüllte.

„Was? Willst du mich gerade für blöd verkaufen? Kindermädchen? Klar!" Viktor war außer sich. Konnte sich sein Verlobter nicht wenigstens etwas Besseres einfallen lassen? Aber das war doch so an den Haaren herbeigezogen, dass man nur darüber lachen konnte, wenn es nicht gerade einen selber betraf. „Für wie doof hältst du mich eigentlich, Leif? Dass ich dir diese Lüge glauben soll? Wer war dieser Kerl und lüg mich nicht noch mal an!", zischte er fast tonlos und seine Augen waren zu Schlitzen verschmälert.

„Das sind zwei paar Schuhe. Für wie doof ich dich halte, hat nichts damit zu tun, dass Endre jetzt JJs Kindermädchen ist, ob dir das passt oder nicht. Bei ihm fühlt sich der Kleine wohl und das ist das Wichtigste", erklärte Leif und sah immer wieder nach oben. Er machte sich Sorgen um den Jungen, der nun alleine in seinem Zimmer war. Hoffentlich kam er nicht nach Leif suchen und stolperte die gefährliche Treppe runter. Also forderte er nur von Viktor, ihn loszulassen, damit er nach dem Jungen sehen konnte. Anbrüllen konnten sie sich hinterher immer noch.

Viktor spürte genau, dass Leif wieder an dem Punkt angekommen war, an dem Reden keinen Sinn mehr machte. Jetzt schaltete sein Verlobter auf stur und für Viktor war es unmöglich, sich noch normal mit ihm zu unterhalten. Das passierte, seit dieses Balg in ihr Leben gestolpert war, leider für Viktors Geschmack viel zu schnell und viel zu häufig. Und jetzt noch zu behaupten, dieser Bastard wäre das Kindermädchen. Für wie dumm hielt Leif ihn? Und dann hielt er an dieser Lüge fest. Das war unverschämt.

Doch er ließ Leif los, weil er ihn nicht noch weiter reizen wollte. Er selber wollte eigentlich nur noch duschen, etwas essen und im Bett verschwinden. Der Tag in Hamburg war hart gewesen, die Fahrt anstrengend und dann kam er heim und sein Verlobter verabschiedete gerade seinen Lover und wollte Viktor für dumm verkaufen.

„Hier!" Plötzlich drückte ihm Leif sein Handy in die Hand. „Ruf Frank an, der hat den Vertrag für Endre gemacht. Frag ihn doch, was er für einen Job angenommen hat. Ich jedenfalls muss mich um den Kleinen kümmern. Komm erst mal wieder zu dir und wenn du wieder klar im Kopf bist, können wir reden. Vorher nicht." Mit diesen Worten wandte Leif sich um und ging langsam nach oben, schüttelte immer wieder den Kopf und murmelte vor sich hin. Er war verletzt, sehr sogar.

Wie konnte Viktor nur glauben, er würde ihn betrügen? Er würde ihn hintergehen? Hatten sie nicht eines von Anfang an klar gestellt? Wenn einer den anderen nicht mehr liebte, stellte er das klar und log nicht. Mal davon abgesehen, dass Leif seinen Schatz immer noch liebte und begehrte, war es auch eine ziemliche Unterstellung, ihn der Lüge und des Betruges zu bezichtigen. Das musste er erst einmal für sich selber verarbeiten, ehe er Viktor wieder in die Augen sehen konnte.

Der stand nur am Fuß der Treppe und sah Leif hinterher. Er versuchte immer noch zu begreifen, was eben passiert war. Aber in Leifs Körpersprache konnte er einen Vorwurf unmissverständlich lesen: er hatte ihm wehgetan. Er hatte gerade richtigen Scheiß gebaut und weil das Gör da oben nicht alleine sein wollte und sich aufregte, wenn Viktor in seine Nähe kam, konnte er nicht einmal einfach hinterher gehen und die Sache klar stellen oder Leif sagen, dass es ihm leid tat. Aber ganz unschuldig war Leif an der momentanen Situation auch nicht. Seit Tagen war er launisch und zickig, JJ hier, JJ da. Viktor stand plötzlich auf dem Abstellgleis und musste damit selber erst einmal klar kommen. So wie das alles im Augenblick lief, gefiel es Viktor gar nicht.

Noch weniger als die Tatsache, dass dieser Endre Leifs Lover war, gefiel ihm die Vorstellung, dass der Kerl wirklich das Kindermädchen von dem Kleinen war. So musste er diesen Bastard wohl nun täglich sehen. Auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Er mochte ihn nicht und das war kein Geheimnis. Er hatte ihn gesehen und er war ihm unsympathisch, denn er sah so aus, als würde er noch eine Menge Ärger bedeuten.

Weil Viktor wusste, dass es keinen Sinn machte, Leif jetzt zu stören, wenn er mit dem Gör da oben war, band er sich lieber die Krawatte locker und zog endlich Jacke und Schuhe aus. Er wollte in die Wanne und was zu essen. Vielleicht war er fertig, wenn das Gör schlief. Dann konnte er immer noch versuchen, mit Leif noch einmal normal zu reden. Im Moment jedenfalls war mit dem kein Blumentopf zu gewinnen. Es wurde wirklich Zeit, dass ihr Leben wieder in geordnete Bahnen geleitet wurde, damit nicht jeder Tag wie ein Tanz auf dem Vulkan war.

Bis jetzt war jeder Abend gleich verlaufen. Viktor schmollte, Leif war zickig und die Göre störte, wo sie nur konnte. Wenn Viktor gewinnen wollte, dann musste sich daran grundlegend etwas ändern. Auch wenn es nicht leicht werden würde, er musste gelassener werden. Er musste Leif zumindest zeigen, dass er mit an der Leine zog, die Leif durch sein Leben brachte. Kampflos ließ sich Viktor nicht vom Feld tragen, schon gar nicht von einem Kind.

Doch er musste taktisch vorgehen, Leif keinen Anlass für Misstrauen geben und die Göre langsam aber sicher wieder zwischen ihnen beiden raus drängen. Er war optimistisch, das würde schon werden und die Zeit arbeitete vielleicht auch für ihn.

Nur dieser Kinderbetreuer, der eben erst verschwunden war, gefiel ihm gar nicht. Er sah gut aus und er war Leifs Typ, auf jeden Fall! Er kannte Leifs Männergeschmack ganz genau und er wusste, dass ihm dieser Kerl gefährlich werden konnte, auch wenn Leif es abstritt.

Mit einer fließenden Handbewegung ließ Viktor seine Jacke über die Couch fallen und ging weiter zur Küche, orderte in der Hotelküche sein Abendessen und verschwand dann im Bad. Kurz nur sah er nach oben, lauschte, doch das Apartment lag still. Sicher las Leif dem Gör wieder vor, wiegte ihn in den Schlaf. Sollte das jede Nacht so gehen? Dass sein Verlobter sich nur für eine schnelle Nummer für seinen ausgeglichenen Hormonhaushalt blicken ließ und den Rest der Nacht bei diesem kleinen Bastard verbrachte?

Dieser Gedanke behagte Viktor nicht. Er wollte sein altes Leben zurück haben. Er wollte von Leif das Leben zurück, was sie geführt hatten, ehe das Thema Kind zwischen sie getreten war. Er wollte dieses Leben zurück und er bekam dieses Leben zurück, so wahr er Viktor Jansen hieß! Mit seinen Gedanken verschwand er im Bad, ließ sich das Abendessen an die Wanne bringen und hüpfte in das wohlig warme Nass, als die Kellnerin die Wohnung wieder verlassen hatte. Er musste endlich seine innere Ruhe wieder finden, seine Mitte. Er musste Leif zeigen, dass er an ihm hing und er noch immer Teil seines Lebens war und nicht vorhatte, das zu ändern. Egal wie Leif sich entschied. Ein bisschen Verständnis heucheln, ein bisschen Rücksicht nehmen. Der kleine Bastard würde es jeden Tag bereuen, dass er sich zwischen ihn und Leif gedrängt hatte.

Von diesem Kindermädchen mal ganz abgesehen. Den würde er auch auf die Schnelle entsorgen. Der sollte es sich in Leifs Nähe gar nicht erst gemütlich machen. Was war das eigentlich für einer? Wo kam er her? Was wollte er hier? Wo hatte Leif den Vogel her? Außerdem hatte er noch nie davon gehört, dass ein Kerl Kindermädchen war.

Viktor entspannte sich langsam, aß gemütlich und kam gerade mit seinem Bademantel und einem Handtuch um den Hals aus dem Bad, als Leif die Treppe runter kam. „Wieder beruhigt?", wollte er wissen und sah Viktor herausfordernd an. Der Mann wollte Streit? Den konnte er gern haben, Leif war da ziemlich freigiebig.

Doch Viktor sprang nicht darauf an und nickte nur. „Ja, ich habe mich beruhigt und ich möchte mich entschuldigen, Schatz!", sagte er gleich und grinste, weil er deutlich sah, wie er seinem Verlobten den Wind aus den Segeln nahm. Er kannte ihn eben doch schon viel zu gut. Vorsichtig zog er Leif zu sich und küsste ihn auf den Hals. „Ich hätte nicht glauben dürfen, dass du mich betrügst", erklärte er und strich mit der Nase über Leifs Haut.

„Aber ich war so eifersüchtig." Reumütig machte er sich etwas kleiner, er wusste ganz genau, dass Leif darauf immer ansprang. Man musste seine Fehler erkennen und eingestehen und schon war Leif Wachs in seinen Händen. Wie oft hatte er das schon ausprobiert? Und es klappte immer wieder aufs Neue.

Auch heute.

„Schon okay, Vik", flüsterte Leif leise und ließ zu, dass die warmen, noch etwas feuchten Hände unter seinen Pullover krochen und die warme Haut liebkosten. Seine Wut war verraucht. Viktor hatte gemerkt, dass er ihn verletzt hatte und wie blödsinnig das alles gewesen war. Das allein zählte noch. Viktor war eben doch kein schlechter Mensch, er hatte es doch gewusst. „Ich würde dich nie betrügen, das weißt du doch. Ich liebe dich und nur dich", murmelte er leise und drängte seinen Verlobten rüber zum Schlafzimmer. Er war die Couch leid. Er wollte sich mal wieder so richtig austoben. JJ schlief. Der Tag war hart für ihn gewesen. Er hatte nicht einmal mehr der Geschichte bis zum Ende folgen können. Dass der noch mal wach wurde vor morgen früh, war unwahrscheinlich.

„Ich liebe dich, Vik", flüsterte er immer wieder und drängte sich dichter an seinen Geliebten. Seine Finger machten sich fahrig am Gürtel des Bademantels zu schaffen und schoben dann den Stoff beiseite. Gierig drängte er sich gegen die noch feuchte Haut. Die Hitze, die Viktor ausstrahlte, machte ihn fast trunken und so ließ sich Leif willig mitziehen, als Viktor die Tür des Schlafzimmers hinter sich zu machte.

Er hatte gewonnen. Er hatte bekommen, was er wollte und Leif war wieder Wachs in seinen Händen - so wie es sein sollte. Vergessen waren dieser komische Kerl und das Gör. Sie gehörten nicht in ihre Welt, ihre Welt war perfekt, so wie sie im Augenblick war. Nur sie beide und nichts, was sie noch davon abhielt, einander zu gehören.

Schnell war Leif seiner Kleider beraubt und noch schneller fand er sich in den Laken wieder. Er liebte es, wenn Viktor ihm zeigte, zu wem er gehörte. Wenn er wie ein brunftiger Stier sich an seinem Geliebten verging, sich blutig an ihm riss und Leif all seine Gier und Leidenschaft spüren ließ. Kraftvoll, hart, schnell. So wie Leif es liebte. Was nicht hieß, dass er nicht auch dem sanften Sex den Vorzug geben konnte, aber um sich der Liebe seines Verlobten zu versichern war das immer noch die beste Methode - für beide.

Ziemlich schnell war das Zimmer erfüllt von heiseren Lauten. Die Luft war wie elektrisiert, knisterte bei jeder noch so kleinen Bewegung. Lichtblitze schossen ins Dunkel und die Luft war leidenschaftsschwanger. Leif hatte sein Gesicht ins Kissen vergraben und stöhnte immer wieder ungehalten auf, weil Viktor sich tief in ihm vergrub. Seine großen Hände hielten das Becken, um Leif nicht über das ganze Bett zu schieben und der Blonde konnte sich nur in sein lustgetränktes Schicksal fügen. Die Beine weit gespreizt, suchten seine Knie auf der Matratze Halt, während seine Hände sich hart in die Laken stemmten, um Widerstand zu erzeugen, um sich Viktor hart entgegen bringen zu können.

Verdammt, ihm fehlten diese Nächte! Auch an Leif ging diese Abstinenz nicht spurlos vorüber. Er konnte von den harten Stößen nicht genug bekommen, verlangte keuchend nach mehr und immer mehr. Viktor sollte ihn nicht gehen lassen, ihn sein machen, begreifen, dass er nur ihm gehörte, egal was um sie herum geschah.

„Lieb mich mehr!", forderte Leifs brüchige Stimme und sein fliehender Atem verbrannte das Kissen, so heiß war er. Seine Finger malträtierten den Stoff. „Lieb nur mich... mich allein!" Es war wie ein Mantra, das sich in das Stöhnen mischte und den Raum erfüllte. Immer wieder trieb Viktor seinen Geliebten hart auf die Klippe zu und riss ihn herum, als er spürte, wie kurz Leif davor war, seine Erlösung zu finden. So leicht wollte er es ihm auch nicht machen. Er sollte betteln, wimmern, sollte begreifen, wo er hingehörte. Nämlich zu ihm - und nur zu ihm. Zu keinem anderen Menschen auf dieser Welt außer zum ihm!

„Vik!", schrie Leif spitz auf, als er spürte, dass Viktor sich nicht mehr bewegte, ihn kurz vor seinem Höhepunkt allein zurückließ. Was tat der Kerl? Leif versuchte sich gegen ihn zu bewegen, sich selbst die Erlösung zu verschaffen, nach der er so gierte, doch die kräftigen Hände ließen das nicht zu. „Vik, bitte." Leifs Stimme war hoch und schrill. Er war kurz vor dem Wahnsinn. Das Treiben in ihm wurde immer unerträglicher, staute sich zu himmelhohen Wellen, vor denen Leif stand und gierig nach oben blickte. Wenn sie eines Tages über ihm zusammenschlugen, spülten sie ihn zum Ende der Welt.

Sichtlich zufrieden blickte Viktor auf den Rücken seines Geliebten hinab. Wie der straffe Leib zitterte vor Erregung, wie er bettelte, wie er vor ihm ausgebreitet lag. Es war ein berauschendes Bild, was Viktor tief in sich aufnahm. Eine Hand hielt Leif auf Position, die andere strich langsam über die bloßen Seiten, ehe er langsam wieder damit begann, sich in dem herrlichen Leib zu vergraben. Seine Finger begannen ihr anregendes Spiel mit Leifs harter Länge von neuem und so trieb er seinen Geliebten wieder in großen Schritten auf den Abgrund zu. Das wohlige, genießende Stöhnen, was er ihm damit entlockte, ließ Viktor grinsen. Aber auch er hatte nicht das ewige Standvermögen und mit jedem Mal, dass er Leif folterte, bestrafte er auch sich selbst. Er war es leid und so ließ er seinen Geliebten endlich erlösend in die Fluten tauchen, die ihn mit ihrer Intensität geradezu überspülten.

Endlich!

Leif konnte sich kaum noch der Energien entledigen, die durch ihn durch rauschten. Ströme von Leidenschaft suchten sich ihren Weg nach draußen und der Höhepunkt, der durch ihn hindurch tobte, ließ Leif kraftlos zusammenbrechen. Er spürte nicht einmal, mit welcher Hitze Viktor sich dicht an ihn schmiegte, ihn fest umklammert hielt und sich ein letztes Mal tief in ihm vergrub. Leif war in seiner Erlösung gefangen. Erschöpft, aber sichtlich zufriedener als noch vor einer Stunde lag er in den Laken und versuchte seinen Atem wieder zu drosseln. Doch das Lächeln auf seinen trockenen Lippen verschwand nicht. Dazu war er viel zu zufrieden.

Viktor entsorgte hastig den Gummi, dann ließ er sich wieder auf Leif sinken, trug sein Gewicht aber mit den Armen und den Beinen selbst. „Wieder beruhigt?", wiederholte Viktor spitzbübisch Leifs Worte von vorhin und lachte leise, als der nur knurrte. „Tut mir leid, Schatz, ich wollte dir keine Affäre unterstellen. Aber ich war einfach nur verwirrt, als der Kerl aus unserer Wohnung kam", murmelte er und knabberte sich über Leifs verschwitzten Nacken.

„Ich kann's verstehen, vielleicht wäre es mir nicht anders ergangen, aber er ist wirklich nur für JJ da. Er kann total gut mit ihm, weißt du? Der Kleine fängt sogar an, ein bisschen mit ihm zu sprechen." Träge sprach Leif vom Tag, von dem Vorstellungsgespräch und von JJ, vom Einkaufen, von dem Wissen, was Endre über Kinder mitbrachte und Leif verheimlichte auch nicht, dass er durchaus vorhatte, den Mann hier einziehen zu lassen, damit er bei JJ war, wenn Leif versuchte, seine etwas misshandelte Beziehung wieder zu retten.

Viktor wusste noch nicht, ob er das nun gut oder schlecht finden sollte. Zu wissen, dass Leif alles möglich machen wollte, nur damit er und Viktor wieder mehr Zeit für einander hatten, war eine noble Geste. Wenn das aber hieß, dass dieser Kerl hier einzog, Tag und Nacht hier herum lungerte und vielleicht doch noch Leif irgendwann den Kopf verdrehte, dann konnte er Leifs Euphorie über diese Idee nicht teilen. Doch er schwieg. Er wollte das alles überdenken und sich dann wohl überlegt dazu äußern. Nicht dass sein eben explodierter Vulkan gleich wieder anfing zu brodeln.

So strich Viktor seinem Schatz nur träge über den Rücken und drängte sich dicht an ihn, als er von dessen Rücken rutschte. Er zog die Decken über sie und es dauerte auch nicht lange, da forderte der harte, lange Tag seinen Tribut.

Leif lächelte nur, als er ihn gut zudeckte, ihn noch einmal küsste und sich dann wieder etwas anzog. Er verbrachte die Nacht wieder bei JJ, der gerade unter seinen Plüschtieren kaum noch zu sehen war, als Leif sich vorsichtig, ohne ihn zu wecken, dazu legte.

Das war doch besser gelaufen als erwartet und morgen würden sich die beiden Männer sicher kennen lernen. Nun sah Leif dem Treffen nicht mehr ganz so schwarz entgegen. Viktor war ein guter Mensch und er begriff wohl langsam, dass es Leif mit dem Kleinen ernst war und er Unterstützung brauchte. Wenn er die Balance halten konnte, zwischen JJ und Viktor, dann war doch alles perfekt.


-28-

„Leif ... Leif."

Nur allmählich kam der Blonde zu sich und schob die Decke ein Stück zurück, da guckte ihn schon ein großes, graues Schaf an und Leif fragte sich gerade, ob er wirklich dieses Plüschtier hatte sprechen hören. Doch es dauerte nicht lange, da schob sich der schüchterne, blonde Schopf von JJ hinter Gustav hervor und sah ihn fragend an.

„Leif", sagte er noch einmal und entlockte mit diesem einen Wort seinem Onkel ein sanftes Lächeln. Viel sagte der Kleine ja nicht, aber er hatte sich zumindest Leifs Namen gemerkt.

„Morgen, Kleiner, was’ denn los?", wollte Leif wissen und gähnte verhalten, zog die Decke dann aber noch ein Stück zurück, weil ihm warm wurde. Zum Glück hatte er sich gestern doch noch etwas übergezogen nach dem Duschen und war nicht schnurstracks vom Schlafzimmer ins Kinderzimmer gekrochen. Vorsichtig streckte er eine Hand nach dem Jungen aus und strich ihm behutsam über die Haare, aber JJ zog sich wieder zurück. Stattdessen erklärte er nur: „Pippi", und kroch aus dem Bett, watschelte noch etwas müde zur Tür, doch da blieb er stehen und wartete, denn es war verboten worden, dass er allein herum lief, solange die Treppe noch nicht gesichert war.

Stolz betrachtete Leif den Kleinen, weil er so brav stehen geblieben war und erhob sich ebenfalls, warf sich noch das Hemd, das neben dem Bett lag, über die Schultern und öffnete für JJ die Tür, damit er direkt rüber ins Bad laufen konnte. Er beeilte sich auch dabei, denn gerade kam Viktor schon wieder die Treppe hoch. Diesen Mann mochte der Junge einfach nicht, denn der schwarzhaarige Mann war groß und angsteinflößend und laut und böse. Schnell warf der Junge die Tür hinter sich zu und Leif hob eine Braue, sah sich aber nach Viktor um, der nur in einer engen Short den Flur entlang kam.

„Morgen, Schatz." Viktor hatte beschlossen, sich über den kleinen Kerl nicht mehr aufzuregen und ihn einfach zu ignorieren. Sein Augenmerk lag auf Leif und den zog er zu einem intensiven Kuss in seine Arme, schob ihn hastig gegen die Wand in dessen Rücken und seine Hände machten sich an dem störenden Hemd zu schaffen. Wenn es nach ihm ginge, müsste sein Schatz seinen Luxuskörper nicht in störenden Stoff hüllen. Sollte der kleine Bastard doch sehen, wie ein männlicher Körper aussah. Selber sah er nicht anders aus, nur viel mickriger.

„Vik!", wehrte sich Leif gegen diesen Überfall und sein Blick wanderte immer wieder zur Badtür. Er konnte nicht leugnen, dass ihm gefiel, was hier mit ihm geschah, doch er wollte JJ diesen Anblick durchaus ersparen. Er wusste nicht, wie der Junge darauf reagieren würde. „Vik, lass das doch", knurrte er, doch man hörte an seiner Stimme deutlich, dass er dem Tun seines Verlobten eigentlich doch gar nicht abgeneigt war. Warum auch? Keiner kannte ihn so gut wie Viktor, er wusste genau, wo Leif berührt werden wollte, wo er liebkost werden wollte. Es war so verlockend, sich einfach nur zu ergeben, doch er rief sich zur Räson, denn er war nun nicht mehr nur für sich allein verantwortlich.

„Vik, nicht!", erklärte er mit fester Stimme und zog die Hand in seiner Short wieder ans Tageslicht. „Ich hab keine Zeit. In einer halben Stunde kommt Endre. Er wird sich um den Jungen kümmern und da bleiben, weil mittags die Möbel geliefert werden!", erklärte Leif und zog sich das Hemd wieder über die Schultern.

„Wie bitte?" Viktor ließ sich neben seinem Schatz gegen die Wand sinken. „Dieser komische Vogel von gestern kommt heute schon wieder hier her?"

Leif hob eine Braue und knöpfte das Hemd zu, während er sich vor Viktor hinstellte und ihn abschätzend ansah. „Was glaubst du, was ein Kindermädchen tut? Er kümmert sich um den Jungen. Und da der Junge hier wohnt, wird er sich auch hier um ihn kümmern. Denn wir sind nicht da!", erklärte er und machte schon mit seiner schnippischen Art klar, dass er keinen Widerspruch dulden wollte, was Viktor aber nicht die Bohne interessierte.

„Das kann doch nicht dein Ernst sein, Leif. Das ist unser Heim. Hier einen dritten einzuschleusen, aus welchem Grund auch immer, stört einfach die Harmonie. Es hat doch schon gereicht, dass der Junge unseren Tagesablauf über den Haufen wirft. Muss da auch noch dieser komische Kerl hier herum laufen?" Viktor versuchte die Diskussion neutral zu halten.

Auch wenn er auf diesen jungen Mann rasend eifersüchtig war, so wusste er doch, dass es nichts brachte Leif, damit zu konfrontieren und ihm etwas zu unterstellen. Nur weil es gestern Abend gut ausgegangen war, hieß das noch lange nicht, dass Leif wieder einlenken würde. Also beschränkte er sich darauf, sich über die Tatsache an sich zu mokieren, dass er keine Fremden hier haben wollte.

„Vik!" Leif rollte die Augen, grinste aber. „Ich habe es dir doch gestern schon erklärt. Wenn ich mehr Zeit für dich und die Firma haben will, muss sich jemand um den Jungen kümmern. Ich kann es auch anders herum machen: ich stelle jemanden ein, der sich um die Firma kümmert und lerne stattdessen kochen und Kinderpflege. Damit habe ich auch kein Problem, aber unser Privatleben dürfte darunter ziemlich leiden. Du hast die Wahl!"

Leif grinste frech und Viktor knurrte. Er wusste genau, dass es so schon der effektivste Weg für ihre Beziehung war, doch ohne das Kind wäre dies alles gar nicht nötig gewesen.

„Also, geh duschen, ich mach den Jungen fertig und dann erklär ich Endre, was zu machen ist... was machen wir eigentlich mit den Möbeln aus dem Zimmer?", wollte er wissen und sah zurück in den Raum, in dem JJ schlief und der noch so gar nichts von einem Kinderzimmer hatte.

„Schön, dass ich erfahre, dass Möbel kommen", knurrte Viktor. Irgendwie ging hier doch mehr an ihm vorbei, als ihm zugetragen wurde. Hoffentlich wurde das nicht zu einer blöden Angewohnheit!

„Ach, Schatz, ich war doch Montag mit Jochen bei IKEA und wir haben dem Jungen ein Bett und einen Schrank gekauft, einen kleinen Tisch und einen Stuhl. Das, was er eben braucht. Das Spielzeug von gestern muss ja irgendwo untergebracht werden." Als würde Leif mit einem kleinen Jungen reden, erklärte er alles haarklein und Viktor kam sich gerade ziemlich verarscht vor.

„Ach, mach doch was du willst, es interessiert dich ja doch nicht, was ich will!", knurrte sein Verlobter nur und rauschte plötzlich in einem Anfall von Wut und Eifersucht die Treppe runter. Leif konnte ihm nur nachsehen, aber nicht nachgehen, denn JJ war noch immer alleine im Bad, die Spülung war gegangen und gerade steckte der Kleine den Kopf wieder aus der Tür. Gerade so, als wolle er sehen, ob die Luft rein war. Schien wohl so, denn er kam wieder auf den Flur, sah sich um und wuselte an Leif vorbei zurück ins Zimmer.

„Hey, JJ." Leif folgte ihm, lauschte aber, als die Klingel einen Besucher ankündigte. „Lass ihn bitte rein!", brüllte Leif nach unten und kam dann zu JJ. „Na? Wollen wir Endre begrüßen gehen?", lächelte er und der Junge nickte eifrig.

„En-re!", legte er fest und griff sich gleich Gustav, denn der wollte Endre sicher auch begrüßen und schon flitzte er zur Treppe, dass Leif fast das Herz stehen blieb, weil er den Kurzen schon die Treppe runterpurzeln sah. Doch wie schon heute morgen, blieb JJ stehen und reichte Leif schüchtern die Hand, damit der ihn nach unten geleiten konnte.

Vor der Tür der Aufzüge stand schon Viktor, bereit, dem Fremden das gebührende Hallo zu erweisen, doch als er Leif die Treppe runterkommen sah verpuffte sein Plan und er wandte sich ab. Vor Leif wollte er diesen Schnösel nicht zusammenstauchen. Das wollte er sich aufheben, wenn sie allein waren und er wusste genau, dass dieser Tag kommen würde und wenn Viktor selbst dafür sorgen musste. Also ging er ins Bad, denn er wusste, dass er seinen Mund nicht halten können würde, wenn die beiden Männer erst einmal anfingen, sich näher zu kommen.

Leif sah seinem Verlobten nur fragend hinterher, doch als sich die Türen öffneten und JJ begeistert quietschte und schneller an Leifs Hand zog, war der schmollende Viktor irgendwie vergessen. „En-re!", begrüßte JJ seinen Babysitter und als er die letzte Stufe erreicht hatte, riss er sich los, schleifte das arme Schaf hinter sich her, quer über den Boden und sprang seinem neuen Kindermädchen in die offenen Arme.

„Na, Kurzer, gut geschlafen?!", wollte Endre lachend wissen und sah dann zu Leif, lächelte ihm zu. Der stand nur mit Shorts und offenem Hemd an die Wand gelehnt, perfekt in Pose geworfen und knurrte leise, als Endre darauf irgendwie gar nicht ansprang, sondern sich wirklich nur, wie es von ihm erwartet wurde, um den Jungen kümmerte. Er seufzte über sich selber, ob er denn lebensmüde wäre, in Viktors Gegenwart so zu flirten und fing an, das Hemd zu schließen.

„Guten Morgen, Endre", grüßte er, als er näher kam und fragte nach einem Kaffee. Endre nickte.

„Gern, aber erst werd ich mal das Murmeltier waschen und anziehen, hm?" Er sah dem Jungen auf seinem Arm ins Gesicht und JJ nickte ziemlich begeistert. „Ba... bade- wa... nne!" Ein schweres Wort für einen kleinen Mann, doch mit etwas Geduld kam es ihm über die Lippen.

„Du willst baden?", fragte Endre etwas überrascht und Leif steckte noch mal den Kopf aus der Küche rüber.

„Ja, ich war gestern Morgen mit ihm drüben im großen Bad im Bassin. Das fand er ganz klasse!", lachte Leif und freute sich innerlich, dass es JJ gefallen hatte, was er mit ihm getan hatte. Vielleicht war er ja selber schon auf dem richtigen Weg. „Aber Vik ist gerade im Bad, ich glaube nicht, dass er begeistert wäre."

Endre nickte. „So, du bist also eine richtige Baderatte!", lachte er und hob Gustav auf, dann verschwand er mit dem Jungen im oberen Bad. Die Wanne dort war nicht so groß, aber auch in die Eckwanne passte genügend Wasser, denn sie waren Spezialanfertigungen gewesen und sollten zwei ausgewachsenen Männern beim Liebesspiel genügend Platz und Freiraum geben.

Leif sah den beiden noch nach, bis er Endre nicht mehr sehen konnte und grinste. Der Kerl sah in seinen Jeans und seinem Shirt aber auch wieder zum Anbeißen aus. Schade, dass Leif heute ins Büro und zu einer Produktion musste und sich nicht länger als möglich an diesem Anblick erfreuen konnte. Wirklich, wirklich schade.

Immer noch grinsend verschwand Leif in der Küche. Wenn er sich auch sonst nichts gegönnt hatte und das Kochen gern bis sehr gern anderen überließ, so nannte er doch eine der neumodischen Kaffeemaschinen sein eigen, die für jede einzelne Tasse die Bohnen frisch mahlten und den Satz auspressten, um den Geschmack in die Tasse zu befördern. Der einzige Luxus, den er in einer Küche wirklich zu schätzen wusste. Er stellte zwei große Tassen darunter, für Endre würde er später kochen, wenn er mit JJ wieder in der Küche war.

„Was liegt denn hier herum?", knurrte Viktor und kam mit einer Tüte wieder in die Küche, warf sie auf die Arbeitsfläche und Lebensmittel kullerten heraus. Äpfel und Orangen und Kiwis und Brötchen und Brot. Leif lachte. Endre war also schon einkaufen gewesen, weil Leifs Kühlschrank sogar eine arme Maus verhungern lassen würde, so gähnend leer wie er war.

„Hat Endre mitgebracht. Er muss dem Jungen ja was zu essen machen!", erklärte Leif und schnüffelte nun neugierig in der Tüte herum, packte alles aus und betrachtete es sich.

Mit den Worten: „Darf ich mal!", schob Endre einen Augenblick später Leif beiseite, lachte und griff sich das besonders milde Kindershampoo, was nicht in den Augen brannte und war dann über die Wendeltreppe in der Küche schon wieder nach oben verschwunden.

„Arsch", knurrte Viktor leise, griff sich seinen Kaffee und verschwand im Schlafzimmer, um sich etwas zum Anziehen zu suchen.

Um seinen schmollenden Schatz noch etwas zu besänftigen folgte Leif ihm ins Schlafzimmer, kickte die Tür mit einem Fuß hinter sich zu und so lag die Wohnung für eine Weile still.

Oben schwamm JJ gerade durch die Wanne, tauchte unter den Schaum und Endre war schlussendlich genauso nass wie JJ, der sich darüber sichtlich freute. „Olle Wasserratte", lachte Endre, als er den Jungen aus der Wanne fischte, ihn in ein Handtuch packte und erst mal trocken rubbelte, ehe er, mit tatkräftiger Unterstützung von JJ selbst, den Jungen in Kleider steckte. Schlüpfer und Hose anziehen ging ganz gut, nur das Hemdchen hatte viel zu viele Ausgänge für nur zwei Arme und als der Junge mit dem Kopf in einem Sweatshirt-Ärmel steckte und nicht mehr vor und nicht zurück kam, musste Endre doch rettend eingreifen.

Während der Kurze dann noch das Experiment Socke versuchte, schlüpfte Endre gerade aus den pitschnassen Klamotten, suchte sich einen Bademantel im Schrank und hängte seine Kleider zum Trocknen auf, denn einen Trockner oder eine Waschmaschine mit Schleuder suchte er vergeblich in diesem Haushalt. Wirklich zum Verzweifeln.

Nachdem sie auch noch gemeinsam das Bett gemacht hatten und Gustav davon überzeugt worden war, dass er in der Küche nichts verloren hatte und oben bleiben musste, machten sich die beiden auf den Weg in die Küche, wo sich gerade ein Viktor im Anzug mit einem zufriedenen Grinsen einen Kaffee gönnte und Leif wohl noch duschte. Zumindest lief im kleinen, unteren Bad das Wasser.

JJ stoppte seinen hastigen Lauf, als er um die Ecke bog und nur Viktor sah. Sofort hing er wieder an Endres Bein, auch wenn er dem damit gerade den Bademantel etwas verschob und man mehr zu sehen bekam, als beabsichtigt war. Doch Endre wehrte sich nicht, strich JJ nur über den Kopf und begegnete dem Blick von Leifs Verlobten.

„Hast daheim nicht mal Wasser zum waschen oder warum badest du hier, Dorfköter!", knurrte Viktor. Er hatte doch gewusst, dass er seine Chance noch bekam.

Endre sah ihn schweigend an, überlegte, ob er auf diese Bosheiten reagieren sollte, doch er ließ es. „Komm, Kurzer, wir suchen mal Milch und machen dir einen Kakao!", erklärte er lieber JJ und lotste den Kleinen durch die Küche zu dem Lager an Lebensmitteln, das Leif fein säuberlich aufgeschichtet hatte.

„Sag mal, bist du dir zu fein mit mir zu reden? Nur weil du jetzt in einem solchen Haushalt arbeitest?", zischte Viktor, dem es sichtlich nicht behagte, von diesem Kerl einfach ignoriert zu werden. Doch Endre sah ihn nur mitleidig an.

„Was willst du denn zum Frühstück haben, Brot oder lieber Cornflakes?", fragte er JJ, anstatt Viktor zu antworten und brachte den schwarzhaarigen Mann immer höher auf die Palme.

„Pass mal auf, Straßenratte. Ein Wort von mir und du bist diesen Job wieder los. Also benimm dich deinem Rang entsprechend und erweise mir etwas mehr Respekt!"

Endre wandte sich gerade um, um etwas zu erwidern, da stand schon Leif in der Tür. Er steckte in einer grauen Anzughose und einem schwarzen Hemd mit Weste und rubbelte sich gerade die Haare trocken.

„Kann ich helfen?", wollte er zynisch wissen und sah seinen Verlobten eindringlich an, kam aber nicht umhin, auch zu bemerken, wie JJ immer noch Endres Bademantel offen hielt und Leif die muskulösen, haarlosen Beine bewundern durfte, von einem netten Schwänzchen, das gar nicht mal so klein war, ganz zu schweigen. Der Gentleman genoss eben immer im Stillen.

„Erzieh deine Angestellten besser, Schatz. Einen Guten Morgen zu wünschen kann ja wohl nicht zu viel verlangt sein, wenn man einen Raum betritt!", erklärte Viktor nur und drängte sich neben Leif in die Tür, zog ihn an der Hüfte in seine Arme und küsste ihn, damit der kleine Dorfköter gleich begriff, dass er hier in einer ganz anderen Liga spielte und er sich gar nicht erst einbilden sollte, er käme hier auf einen grünen Zweig.

Schade nur, dass Endre das gar nicht tangierte. Er erklärte nur, er hätte das gern getan, wäre er nicht schon mit einer Beleidigung empfangen worden und dann war JJ wieder der einzige Inhalt seines Interesses. Es war nicht sein Niveau, aus Halbwahrheiten Lügen zu stricken, um sich zu profilieren und Viktor war gerade in seinen Augen in den Keller gesunken. Charakterlich ging der Kerl ja gar nicht.

JJ saß indessen auf der Anrichte und guckte zu, wie Endre ihm ein Brötchen schmierte, das Hackfleisch und das Gemüse in den Kühlschrank packte und die Milch warm machte, damit sich das Kakaopulver besser lösen konnte.

Leif hatte sich derweil knurrend von seinem Verlobten gelöst und fragte sich gerade, was dieses Revierverhalten schon wieder sollte. Das war doch peinlich. Merkte Viktor das nicht? Was vermittelte er denn hier für einen Eindruck? Im Vorbeigehen schaltete er noch einmal die Kaffeemaschine an, damit auch Endre endlich seinen versprochenen Morgentrunk bekam und er stellte sich neben JJ an die Anrichte.

„Sag mal, warum trägst du eigentlich nur einen Bademantel?", wollte er wissen und Endre sah ihn an, wechselte dann einen verschwörerischen Blick mit JJ und meinte:

„Och, ich bin irgendwie in die Fänge eines Seemonsters geraten, das mich dann von oben bis unten eingeweicht hat." Er lachte und wuschelte JJ durch die Haare, der gerade seinen warmen Kakao in die Finger gedrückt bekam und beschäftigt war.

Leif lachte. „Ich such dir ein paar von meinen Klamotten raus. Du kannst ja nicht den ganzen Tag nur mit einem Bademantel durch die Gegend laufen." Nicht dass er selber da etwas dagegen hätte, doch er war nicht zu Hause und den Packern von der Spedition wollte er diesen Anblick nicht gönnen. Dass Leif von Endres Bewerbungsfotos Abzüge hatte machen lassen und sie für sich allein weggeschlossen hatte, musste der nette Babysitter ja auch nicht wissen.

„Das wäre nicht übel, danke. Wechselklamotten habe ich nämlich nicht mitgebracht."

JJ kümmerte sich weniger um das Gesagte, er war mit seinem Brötchen und seinem Kakao sichtlich zufrieden und mümmelte.

„Machen wir einen Tausch?", wollte Leif wissen und stand plötzlich direkt hinter Endre, drängte ihn vorsichtig gegen die Anrichte und seine Hände legten sich auf das Holz. „Du machst mir ein Brötchen und ich hol dir Klamotten", flüsterte er rau und war versucht, Endre auf den Hals zu küssen. Doch der drängte Leif nur vorsichtig weg.

„Lass das lieber, dein Rasse-Terrier beißt mich sowieso schon. Du musst seine Eifersucht nicht noch mit albernen Spielchen schüren!" Endre fühlte sich gerade etwas unbehaglich, sie sollten die Fronten und vor allem die Grenzen wirklich klar und sauber abstecken, wenn das nicht alles bald in einem großen Desaster enden sollte.

„Sag mir lieber, wann die Möbel kommen und worauf ich achten muss!", lenkte er ab und Leif hinter ihm seufzte. Endre war ein harter Brocken, mit dem würde er es nicht leicht haben, soviel stand schon mal fest. Doch das hieß noch lange nicht, dass Leif aufgab. Er war da ziemlich stur.

„Die Möbel aus dem Zimmer sollen eingelagert werden. Ich lass dir die Adresse von unserem Lager da. Die Rechnung sollen sie dann an mich schicken. Die Möbel dann eben in das Zimmer vom Kurzen."

„Leif, kommst du!", rief Viktor und Leif löste sich augenblicklich von seinem Angestellten, hastete ins Schlafzimmer. „Ja, Schatz, ich such Endre nur noch was zum Anziehen raus. Der Kurze hat ihn eingeweicht beim Baden!", erklärte er und war verschwunden. Wieder legte sich diese Anspannung über die Küche, die schon vorhin die Atmosphäre erdrückt hatte.

Doch Endre ließ sich nicht stören, trank seinen Kaffee und schmierte Leif das versprochene Brötchen, während Viktor schon auf dem Weg zum Fahrstuhl war - was für ein beschaulicher Morgen.