Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Britta & Fich > Raphaels Schatten > Raphaels Schatten - Teil 1 bis 4

Raphaels Schatten - Teil 1 bis 4

01

Die letzten Töne des Keyboards waren verstummt, als die Bühne sich in Dunkelheit hüllte. Plötzlich brach tosender Applaus los und Raphael wusste einmal mehr, dass er einen guten Job gemacht hatte. Den Kopf gesenkt verbarg er sich fast gänzlich in den mannshohen Federflügeln, die zu seinem Bühnenoutfit gehörten. Sie waren schwer und unhandlich, doch gehörten sie zu seinem Äußeren wie die schweren Stiefel, die schwarzen Klamotten und die Ketten. Doch er ertrug es – nur für diesen Augenblick, den Augenblick, in dem sein Publikum nach ihm rief.

„Raphael! Raphael!“, skandierten die großteils weiblichen Fans und als er langsam den Kopf hob und ein einziger Scheinwerfer seine blitzenden Augen traf, kreischte die Masse.

Seine Hand streckte sich nach links, wo sein Bassist stand und mit einem sanften Lächeln lockte er Gabriel zu sich.

Stille.

Dann schwere Schritte.

Langsam näherten sich ihre Lippen und als Raphaels Kopf in den Nacken fiel und Gabriel ihn eroberte, kochte der Saal.

Markus, der Choreograf und Stylist der Band, beobachtete das Schauspiel wie immer vom Rand der Bühne aus und er wusste, dass nach dem Kuss die Show endgültig zu Ende war, darum ging er schon einmal vor zu Raphaels Garderobe. Er wusste, wie schwer das Kostüm des Sängers war, weil er ihm geholfen hatte, es anzuziehen und darum wollte er gleich zur Stelle sein, um Raphael zu helfen, es wieder auszuziehen. Es war sowieso erstaunlich, wie der schmale Mann zwei Stunden damit durchhielt.

Das Licht auf der Bühne erlosch ein letztes Mal und einer nach dem anderen verließ die Bühne. Erst Uriel, der am Schlagzeug saß, dann Michael, der Keyboarder. Noch ein paar Minuten sah man zwei verschlungene Gestalten im Dunkel, wenn die Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, doch dann wurden sie von den großen Flügeln verborgen und verschwanden endgültig.

Schweigend gingen sie durch den Backstage-Bereich und man sah dem androgynen Sänger deutlich an, dass er nur noch ein Ziel hatte. Raus aus den Klamotten und dann ins Bett.

Ein sanftes Lächeln lag auf seinen Zügen. Markus kam darum auch sofort zu ihm und löste die Schnallen an dem Flügelgeschirr und hob es vom Rücken des Sängers und hängte sie vorsichtig auf ihr Gestell, damit ihnen nichts passierte. Wie immer seufzte Raphael erleichtert und rollte mit den Schultern, um die Verspannung etwas zu mildern. Markus war gleich hinter ihm und versuchte, ihm mit einer leichten Massage etwas Erleichterung zu verschaffen. „Tolle Show“, sagte er dabei und das meinte er vollkommen ernst.

Der Sänger sah sich langsam um und lächelte sanft, das Lächeln, was Markus seit mindestens zehn Jahren nicht aus dem Kopf ging.

„Sag mal, spinnt ihr?“, riss eine harsche Stimme die beiden aus ihrer Ruhe und ein Mann im Anzug schoss über den Flur. „Hat hier irgendjemand was von umziehen gesagt, Raphael?“ Achim war außer sich, was machte der Kerl schon wieder? Glaubte wohl, sein Job wäre schon getan. „Pack die Flügel drauf und schmink ihn nach. Die Gewinner vom Preisausschreiben sind da und wollen ihren Star Backstage zum anfassen. Also!“ Er schnipste mit den Fingern und hieß Gabriel, ihm zu folgen. Die anderen beiden Bandmitglieder durften gehen.

„Ich heiße Daniel, verdammt noch mal!“, knurrte der Sänger leise und aus Trotz war er versucht, Achim nicht zu gehorchen. Doch sein Manager ließ ihm diese Marotten nicht durchgehen und so sah er Markus undeutbar an. „Die Flügel“, sagte er schließlich ergeben.

Sofort wurden die Augen des Stylisten wieder weich, der dem Manager der Band wütend hinterher gesehen hatte. Achim und er waren keine Freunde und manchmal hatte er den Drang, dem Manager der Band eine reinzuhauen. Besonders, wenn er, wie jetzt, keinerlei Rücksicht auf den Sänger nahm, der offensichtlich am Ende seiner Kraft war. „Das ginge auch ohne Flügel“, brummte er leise, hob aber das schwere Geschirr von seiner Halterung, um es Daniel anzuziehen.

„Es ginge auch ohne die Auftritte auf Messen oder in Shops, es ginge auch ohne die Preisausschreiben oder die versteigerten Dates auf e-bay“, knurrte Daniel und stöhnte leise, als er die Flügel wieder auf seinen Schultern spürte. Sein Kopf sank in den Nacken und er schloss die Augen. Alles, was er je gewollt hatte, war singen. Er hätte nicht so groß und berühmt sein müssen wie jetzt. Nicht mit all dem Stress rund herum, der ihn eigentlich nur vom Singen abhielt. Er brauchte nicht die Massen von Fans, die nur hysterisch der Kunstfigur Raphael huldigten, brauchte nicht die große Bühne. Aber es war nun einmal so gekommen. Er strich sich durch die langen, schwarzen Haare, eine Perücke, die sein eigenes Ich noch mehr verfälschte, und holte tief Luft.

Er hatte das Gefühl zu ersticken unter den Tonnen von Puder und Make-up.

Warum hatte es ausgerechnet Visual Kei sein müssen? War das denn die einzige Richtung, zu der seine Stimme passte?

„Wem sagst du das“, seufzte Markus, der schon damit beschäftigt war, das Make-up des Sängers aufzufrischen. Er selber hatte schon versucht mit dem Manager zu reden, war aber auf taube Ohren gestoßen. Achim hatte ihm sogar damit gedroht, ihn zu entlassen, wenn er sich einmischte. „Versuch es nicht so auszudehnen. Ich warte hier auf dich und bring dich dann nach Hause“, bot er an, als der Sänger wieder hergerichtet war.

„Was würde ich nur ohne dich machen.“ Daniel lächelte und schüttelte sich wieder das Haar ins Gesicht. Er wusste, was jetzt kam. Mindestens zwei bizarr verkleidete Mädchen, die ihn mit schmachtenden Blicken ansehen würden. Wenn er Glück hatte, gaben sie sich mit ein paar Fotos und ein paar Fragen zufrieden, wenn er Pech hatte kam wieder die Gabriel-Show, auf die Daniel im Augenblick gar keine Lust hatte. Aber Achim hatte durch gezielte Hinweise gleich zu Anfang ihrer Karriere dafür gesorgt, dass die Fans auf die richtige Fährte gebracht worden waren und nun war es für jeden selbstredend, dass Raphael nur mit einem Erzengel wie Gabriel – der eigentlich Steffan hieß – glücklich werden konnte.

Doch glücklich war was anderes.

Langsam ging Daniel durch den leeren Gang, nur das Personal an den Ausgängen folgte ihm mit den Blicken. Die Federn raschelten leise. Er hatte dieses sanfte Geräusch hassen gelernt.

Er zuckte kaum merklich zusammen, als er in den Raum mit den Fans kam und die gleich anfingen zu kreischen. Aber Gabriel hatte es gespürt und nahm seine Hand, damit er nicht noch flüchtete. Das hatte er schon versucht und Gabriel hatte das nur in letzter Sekunde verhindern können. Er beugte sich zu Raphael runter und es sah so aus, als wenn er ihn sanft küsste, aber dem war nicht so. „Lächeln“, flüsterte er dem Sänger ins Ohr. „Du freust dich, hier zu sein.“

Daniel senkte den Blick und lächelte. „Leck mich“, zischte er fast tonlos. Dann war er bereit für das, was kam. Geduldig ertrug er das Blitzlichtgewitter, nahm Fans in den Arm und lächelte mit ihnen in die Kameras. Bereitwillig gab er Auskünfte und Autogramme.

„Wie lange bist du eigentlich schon mit Gabriel zusammen?“, wollte eine junge Dame wissen, denn überraschenderweise bestand der Pulk aus fünf Fans nicht nur aus Mädchen. Es waren auch zwei Jungs dabei, wobei sich Daniel bei einem nicht ganz sicher war. Ähnlich wie er selbst, wirkte er sehr feminin, die Grenze zwischen den Geschlechtern schien zu verschwimmen. Etwas erschrocken sah er das Mädchen an, auf dessen Tasche sein Konterfei mit Sicherheitsnadeln befestigt worden war. Sie sah ihn lauernd an und Daniel hatte irgendwie das Gefühl, dass er jetzt schon zu lange schwieg. Also lächelte er unverbindlich.

„Noch nicht lange genug“, sprang Gabriel ein und zog Raphael an sich. Er blickte den Sänger verliebt an und küsste ihn besitzergreifend. Er würde jetzt auch gerne etwas anderes machen, aber sie brauchten den Kontakt zu den Fans. Er lächelte strahlend in die Blitzlichter und war sich sicher, dass die Mädels fast einer Ohnmacht nah waren. Sie waren eben immer wild darauf zu sehen, wie er Raphael küsste.

Daniel ließ es geschehen, wie er es immer tat. Er machte, was von ihm erwartet wurde und die meisten waren damit zufrieden. Zum Glück war heute Sonntag und morgen hatte er frei. Zumindest von seinem „Star-zum-anfassen“-Job. Morgen stand nur der übliche Wahnsinn im Blog auf dem Programm. Er hatte die Order, Tagebuch zu führen und Achims Drohung schwebte im Raum, dass er das selber machen würde, wenn Raphael sich dabei nicht ins Zeug legte. Fan-Service an allen Fronten. Wenn Daniel also vermeiden wollte, dass zu viel über ihn gelogen wurde, musste er sich selbst hinsetzen.

Immer wieder irrten Daniels Blicke durch den Raum und er konnte es nicht vermeiden, dass er an den Augen eines der Fans hängen blieb. Er passte nicht in die Gruppe, er passte nicht einmal in seine Kleider. Es war, als trüge er sie wie ein Kostüm, so wie Daniel – er fühlte sich auf merkwürdige Art mit dem Mann verbunden.

Sie schienen beide nicht wirklich hier her zu passen, aber er hatte nicht die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn Gabriel zog ihn mit sich. Der Bassist hatte genug und tat Daniel somit einen Gefallen, indem er das Schauspiel beendete. Noch ein letztes Mal küsste er den Sänger, dann fiel die Tür hinter ihnen zu und er ließ Daniel sofort los und wandte sich ab.

„Ich geh duschen“, erklärte Daniel sofort, noch ehe Steffan sein loses Mundwerk aufmachen konnte, denn von seinem Kollegen kamen nie Nettigkeiten. Er war schon auf dem Weg zu Markus, der ihm entgegen kam, da öffnete sich die Tür noch einmal und ein Security kam ihnen nach. „Raphael“, rief er und Daniel sah sich um. „Ja?“

Der Mann reichte ihm ein Blatt Papier. „Das soll ich ihnen geben.“ Dann war er wieder weg und ging zurück auf seinen Posten.

Etwas irritiert faltete der Sänger das Blatt auf. Die Augen brannten, es wurde Zeit, dass er die blauen Linsen loswurde. Er rieb und stöhnte schmerzverzerrt.

Markus kam neugierig näher und linste auf den Zettel. >Das ist nicht deine Welt, ich werde dich aus Gabriels Armen befreien<, stand da. „Von wem ist das?“, rief er dem Posten hinterher und der rief im Rausgehen, dass einer der Fans von gerade ihm das in die Hand gedrückt hatte, bevor er gegangen sei. „Was soll so ein Scheiß?“, brummte der Choreograf und schob Daniel in seine Garderobe. Er hatte ein komisches Gefühl, aber er schüttelte es ab, denn er wollte den Sänger nicht beunruhigen.

„Komischer Vogel“, lachte Daniel. Er wollte sich nicht anmerken lassen, dass er in Sorge war, denn es war nicht der erste Hinweis dieser Art. Im Gästebuch ihrer Page meldete sich immer wieder ein „Luzifer“, der glaubte, Raphael erlösen zu müssen. Zwar schimpften die Fans dann wie die Spatzen und verteidigten ihre Idole, ein paar rieten auch, die Trolle nicht zu füttern, doch Luzifer war penetrant und bewies Ausdauer. Er kam immer wieder.

Auch in den Blog war er schon gedrungen und kommentierte vor allen Dingen die Einträge, in denen Raphael von Gabriel sprach.

Endlich von der Last der Flügel befreit, löste sich Daniel aus seinem Kostüm, beobachtete sich dabei im Spiegel. Aus dem schwarzen Leder wurde weiße Haut, aus langen, schwarzen Haaren, blonde kurze Fransen.

„Setz dich, Daniel, ich schmink dich schnell ab, dann kannst du duschen.“ Markus beeilte sich und drückte dem Sänger eine Flasche Wasser in die Hand. Nach der Show war sein Freund immer am Ende seiner Kräfte und besonders durstig. „Kannst du dir vorstellen, wer das gewesen ist?“, fragte er nebenbei, denn er war neugierig.

„Irgend so ein Spinner“, sagte Daniel ruhig und holte tief Luft. Er hatte Raphael für heute abgelegt und sah sich nicht mehr nach ihm um. Er war Fluch und Segen, Daniel hasste und liebte ihn. „Weißt doch selber, was für Irre da draußen herum stürzen. Ist wohl einer davon.“ Daniel weigerte sich weiter darüber nachzudenken. „Vergiss ihn, der ist harmlos.“

Markus kannte das schon, darum brummte er nur und bohrte nicht weiter nach. Daniel wollte jetzt einfach seine Ruhe und er wollte sich nicht mit den Nervensägen Achim und Steffan auf eine Stufe stellen. Er schmiss das letzte benutzte Kosmetiktuch weg und lächelte. „Los, husch unter die Dusche, ich leg dir was zum Anziehen raus. Soll ich dir noch etwas zu essen bestellen? Das können wir dann auf dem Heimweg abholen.“

„Da ich morgen kein Training habe, wo mein Choreograf an mir herum mäkelt, ich würde in die Breite gehen an den falschen Stellen, will ich heute fettige Pizza!“, lachte Daniel. Den Seitenhieb auf seinen Trainer hatte er sich nicht verkneifen können. Er war froh, Markus zu haben, denn er war der einzige, dem er vertraute. Es war ihm nicht peinlich, sich Markus nackt zu zeigen, so zog er wie üblich seine Kleider auf dem Weg zur Dusche aus und markierte sich den Weg, um wieder zurück zu finden. Zumindest war das immer seine Ausrede, wenn Markus genervt fragte, was das denn bitte solle.

„Wie hältst du es nur mit diesem Schinder aus?“, rief Markus ihm lachend hinterher und machte sich daran, die verstreute Kleidung aufzuheben. Er nahm Daniel den Spruch nicht übel. Er war manchmal wirklich etwas streng, wenn sie trainierten, aber weniger zu Daniel - nur achtete er darauf, dass es nicht auffiel.

Während in der Dusche das Wasser rauschte, bestellte er Pizza und schmiss das Bühnenoutfit in die Wäsche, denn es war vollkommen durchgeschwitzt. Zum Schluss bekam Daniel noch eine einfache Jeans und ein Shirt hingelegt, weil er das am liebsten trug.

Derweil lehnte Daniel in der Dusche an den kühlen Fließen und ließ sich das warme Wasser auf das Gesicht rieseln. Er genoss es, allein zu sein. Ruhe. Stille.

Langsam sank er an der Wand zusammen und kam auf den Bodenfliesen zum sitzen. „Ist es das wert?“, fragte er sich leise und lehnte den Kopf an die Wand. Er stellte sich die Frage in letzter Zeit immer häufiger, wenn die Konzerte seltener wurden, um mit rar gemachten Auftritten die Preise nach oben zu treiben. Gehetzt von Fans und Kollegen hastete Daniel nur noch durch sein Leben. Doch dann nickte Daniel – so lange er noch singen durfte, so lange ihn noch jemand hören wollte, so lange war es alle Strapazen wert.

Ganz bestimmt.

Markus kannte das schon, dass er Daniel irgendwann aus der Dusche holen musste. Darum klopfte er nach einer halben Stunde an die Tür. „Hast du schon Schwimmhäute?“, rief er laut und musste grinsen, als er ein erschrockenes Japsen hörte. Sein Freund hatte wohl mal wieder alles um sich herum vergessen und schlucke beim Aufsehen Wasser.

„Was?“, keuchte er hustend und schlug auf den Knopf für die Dusche, damit das Wasser aufhörte zu fließen. Langsam kämpfte Daniel sich hoch. Die Muskeln schmerzten, jeder einzelne zeigte ihm deutlich, wo er saß und wie er misshandelt worden war. Er grinste schief, als die Tür geöffnet wurde und Markus ihm kopfschüttelnd ein Handtuch reichte.

Er zuckte, als die Tür der Garderobe aufflog und man Steffans Stimme hörte. „Hey, Raphael“, polterte der Bassist und kam unaufgefordert in die Garderobe, ging durch bis ins Bad und sah Daniel und Markus an, wie sie beide das Handtuch umklammert hielten. „Na, wie süß. Darf dein Schatzi dich abtrocknen?“, ätzte er und hob eine Braue.

„Du weißt, dass wir nichts mit einander haben. Was willst du hier?“, knurrte Daniel und griff sich das Handtuch. Er mochte es nicht, wenn Steffan ihn nackt sah.

Markus war wütend, aber er sagte nichts. Er wusste einiges, was Daniel nicht wusste, darum hielt er sich lieber bedeckt. Auf jeden Fall bedeutete es nichts Gutes, wenn der Bassist mit so einem süffisanten Grinsen in Daniels Garderobe kam. „Morgen haben wir ein Fotoshooting. Achim hat den Termin für morgen früh gerade klar gemacht. Eines der führenden japanischen Musikmagazine hat Interesse an uns und nur morgen Zeit. Also Morgen um 7 in voller Montur am Krematorium in Treptow und wehe du bist nicht pünktlich.“

„Bitte?“, hatte Daniel gefragt, noch ehe er es hätte verhindern können. Waren die eigentlich noch ganz dicht? Morgen war sein freier Tag. Er wollte zum Arzt, wegen seinem Rücken und er hatte noch ein paar Termine, unter anderem bei der Bank. Wie stellten sich die beiden das vor?

„Hey, warte!“ Daniel glaubte nicht, was er sah. Steffan hatte sich umgedreht und ging, ohne auf Daniels Antwort zu warten. „Warte, hab ich gesagt!“ Wütend lief Daniel seinem Bassisten nach, doch der sah sich noch nicht einmal um.

„Sei pünktlich, oder wir ziehen andere Seiten bei dir auf!“, riet Steffan noch mit einem sanften Lächeln, dann knallte die Tür hinter ihm ins Schloss und Daniel stand mitten in seiner Garderobe, starrte auf die Tür und ließ langsam das Handtuch sinken.

„So ein Arschloch.“ Markus legte Daniel ein Handtuch über die Schulter, denn er war immer noch nass. Er hasste es, wenn Steffan und Achim Daniel so behandelten. Sie hatten keinerlei Respekt vor dem Sänger und schubsten ihn herum, wo sie nur konnten, auch wenn der die Band mit seiner Stimme erst zu dem gemacht hatte, was sie war.

Doch Daniel war zu gutmütig, solange sie ihn nur immer wieder damit köderten, dass er singen durfte und ihm einredeten, nur sie würden dafür sorgen, dass ihn jemand hören wollte, solange hatten sie den jungen Mann in der Hand und führten ihn am Nasenring durch die Arena. Ob Daniel das eigentlich bewusst war, wagte Markus nicht zu sagen. Er kam näher und legte Daniel wieder das Handtuch um. Es war kühl und wenn er sich erkältete und nicht singen konnte oder einen der anderen Termine streichen musste, war Achims Laune noch weiter unten und Daniel wurde drangsaliert.

„Geh wieder ins Bad“, sagte er leise und fasste Daniel an den Schultern. Der junge Mann zitterte.

Langsam führte er seinen Freund zurück in das warme Badezimmer. „Ich bin morgen früh genug bei dir. Dann musst du dich nicht so hetzen“, bot er an. Daniel konnte sich zwar auch alleine zu Recht machen, aber das dauerte länger und bei so frühen Terminen bot Markus gerne seine Hilfe an, damit Daniel etwas länger schlafen konnte. Er hoffte nur, dass Achim für ein Zelt oder einen Raum gesorgt hatte, in dem er den Sänger schminken konnte.

Das war einer der kleinen Vorteile, wenn man im gleichen Haus wohnte. Es war ein Glückstreffer für Markus gewesen, als in die große Loftwohnung unter dem Dach vor vier Jahren ein junger Mann gezogen war. Der Name am Klingelschild hatte alte Erinnerungen wach werden lassen und eigentlich war das das zweite Mal gewesen, dass Markus versucht hatte, Daniel nahe zu kommen. Dank seiner überzeugenden Fähigkeiten war seine Bewerbung als Visagist erfolgreich gewesen und seit dem hatte er ein waches Auge auf Daniel.

„Da muss ich noch vor fünf aufstehen, das lohnt doch gar nicht mehr, ins Bett zu gehen. Die Augenringe kannst du morgen gar nicht wegschminken.“ Daniel lehnte am Waschbecken und sah sich ins Gesicht.

„Das krieg ich schon hin.“ Markus lächelte Daniel über den Spiegel zu. Es schmerzte ihn jedes Mal, wenn sein Freund so mutlos und erschöpft wirkte, wie gerade jetzt. Er hatte kaum freie Zeit und die versauten ihm Achim und Steffan oft genug, so wie morgen. Diesmal musste die ganze Band anwesend sein, aber oft genug war es so, dass nur Daniel diese Termine wahrnehmen musste und Achim nur zu Stippvisiten kam. Selten war er die ganze Zeit bei seinem Schützling. Markus knurrte leise. Schützling – von wegen. Man musste Daniel beschützen, das stimmte, aber nicht vor der Welt, sondern vor seinem gierigen Manager. Ihm reichte es schon lange nicht mehr, ein paar Fotos zu verkaufen, Autogrammstunden zu organisieren und den Star zum Anfassen zu schaffen. Letztens hatte Markus durch Zufall ein Gespräch mitbekommen, dass eine Homestory geplant wäre und dafür erst mal die Rumpelkammer von Daniel angepasst werden müsste. Eine Fotostrecke mit Akt war genauso in Planung wie ein eigenes Klamotten-Label. Denn viele der Fans versuchten mit eigenen teils talentierten – teils weniger talentierten Zügen – Raphaels Kleider zu kopieren.

Daniel wusste davon nichts und irgendwann würde Achim ihm einfach befehlen, diese Dinge zu machen und wenn sein Freund dagegen aufbegehrte, dann wurde ihm wie immer gedroht und auf die Klauseln in seinem Vertrag hingewiesen. Schon oft hatte Markus versucht, Daniel dazu zu bringen den Vertrag anzufechten, aber bisher ohne Erfolg. Durch Zufall hatte er selber ihn mal in die Finger bekommen und es hatten sich ihm die Haare gesträubt, bei dem, was dort stand. Selbst ihm als Laien war klar, dass dieser Vertrag sittenwidrig war und ein befreundeter Jurist hatte ihm das bestätigt.

Doch bei Daniel war er mit sanften Versuchen, ihm den Weg zu weisen, auf taube Ohren gestoßen. Denn Daniel lebte in der Angst, wenn er aus der Band flog, dann war seine Singerei vorbei. Wer wollte ihn denn schon hören? Keiner kam wegen seinem Gesang, er gehörte nur in die Gruppe und sein Aussehen hielt die Fans. Das waren Achims Worte. Und wie wenig Selbstbewusstsein musste man haben, um solchen Schwachsinn zu glauben?

Auf den Schildern, die die Fans immer hochhielten, stand schließlich nicht Achims, sondern Daniels Name. Doch der begriff nicht, was sein eigentlicher Marktwert war. Es war zum Verzweifeln, zusehen zu müssen, wie zwei intrigante Kerle Strippen zogen, um die Marionette zum Tanzen zu bringen und damit Unmengen an Geld scheffelten, von dem Daniel und die beiden anderen Bandmitglieder nichts sahen, oder wenn, dann nur einen Bruchteil.

Markus musste dabei zusehen und konnte nicht viel machen. Es schadete Daniel mehr, als dass es ihm nutzte, wenn er ihn dazu ermunterte, sich zu wehren. Denn jedes Mal wurde der Sänger danach gnadenlos unter Druck gesetzt und bedroht, so wie vorhin, als Steffan hier gewesen war.

„Alles klar?“, riss Daniels Stimme ihn aus seinen Gedanken. Der junge Mann stand in seinen legeren Klamotten vor ihm, grinste Markus, der auf dem Schminktisch saß, von oben her an und schüttelte seine nassen Haare vor dessen Gesicht. Er wusste, dass Markus das hasste, deswegen machte Daniel das ja. „An eine hübsche Dame gedacht, du wirktest so entrückt.“ Er legte seinem Freund die Hände auf die Knie, brachte sein Gesicht dicht vor Markus’ und grinste. „Na los, wenn wir uns beeilen, bekommen wir noch fünf Stunden Schlaf.“

„Sehr hübsch, mit wunderschönen Augen“, murmelte Markus und wischte sich brummelnd die Wassertropfen aus dem Gesicht. Er grinste ein wenig schief, denn Daniel hatte keine Ahnung, dass er gemeint war. In diesen Dingen war der Sänger etwas unbedarft und hatte schon in ihrer Schulzeit nicht bemerkt, dass sein Mitschüler, drei Klassen über ihm, Interesse an einer Beziehung mit ihm gehabt hatte.

„Schöner als ich, das glaube ich nicht.“ Daniel lachte und ließ Markus aufstehen, schließlich war der sein Taxi nach Hause. Und wenn er wollte, dass er nicht mit dem Bus fahren, sondern bei Markus mitfahren durfte, dann sollte er ihn nicht so doll ärgern.

„Ich könnte noch einen hübschen Mitternachtshappen vertragen – du auch?“ Daniel griff sich seine Jacke und seine Tasche und hatte schon den Türgriff in der Hand. Dann sah er zu Markus zurück.

„Freche Made“, lachte Markus und schnappte sich Daniel, um ihm die Haare noch ein wenig mehr zu verstrubbeln. „Du wirst wohl alt. Ich habe Pizza bestellt, schon vergessen“, neckte er seinen Freund und schob ihn aus der Garderobe. Sie sollten wirklich langsam los, wenn sie noch etwas Schlaf abbekommen wollten.

„Ah – Pizza. Und kein nervender Choreograf, der mir... Ich hab ein Déjà-vu!“ Daniel lachte laut, als sie den Flur entlang gingen und so ließ es sich wohl nicht vermeiden, dass die Tür von Steffans Garderobe aufging und der Bassist nachsah, was hier los war.

„Na du hast ja gute Laune, scheinst noch nicht genug zu tun zu haben“, konnte er sich nicht verkneifen, denn es war ihm ein Dorn im Auge, dass Markus immer wieder wie ein Rettungsring da war, wenn Daniel eigentlich am Boden sein sollte. Seit der Kerl so intensiv den Kontakt suchte, glitt ihnen Daniel aus den Händen.

„Du kannst mich mal“, flötete Daniel nur zurück und Markus verkniff sich das Grinsen.

„Vergiss es, dich pack ich nicht an“, schoss Steffan zurück und knallte seine Tür zu. Daniel lachte erneut und sprang übermütig durch den Flur. „Strike!“

Markus zeigte ihm den erhobenen Daumen und grinste nun breit, wo Steffan es nicht mehr sehen konnte. Der würde es noch bereuen, so mit Daniel umgegangen zu sein. Da waren mal wieder ein paar kleine, durchaus schmerzhafte Unglücksfälle an der Reihe, die im günstigsten Fall auch für Daniel eine kleine Ruhepause mit sich brachten. Er hatte da schon durchaus ein paar Ideen, wie er dem Bassisten das Leben ein wenig versauen konnte.

„Der Vogel soll sich nur nicht so wichtig nehmen.“ Daniel war für heute bedient und die Aussicht, die anderen ein paar Stunden nicht ertragen zu müssen, war vom Allerfeinsten. Vor der Tür stand der Fuhrpark der Angestellten. Achims Porsche, Steffans Ferrari. Daniel selbst hatte kein Auto und so steuerte er Markus’ Kombi an. Er war nicht der hübscheste, nicht der schnellste, aber bequem und die Kostüme hatten Platz.

„Los, Pizza!“, forderte Daniel und leckte sich schon die Lippen. Er hatte Hunger wie ein Bär.

„Na dann, husch“, lachte Markus und schloss den Wagen auf, damit sein Freund einsteigen konnte. Die Schminkutensilien waren schnell auf der Rückbank verstaut und schon konnte es losgehen. Ihre Pizzen waren bestimmt schon fertig und jetzt merkte er, dass er selber auch einen Riesenhunger hatte. Welch ein Glück, dass ihre Lieblings-Pizzeria direkt auf ihrem Heimweg lag, so dass sie nur kurz anhalten und ihr Essen abholen mussten.

Sie aßen dann wie üblich bei Daniel oben. Markus hatte sich immer damit herausgeredet, dass der die schönere Küche hatte, doch eigentlich lag es daran, dass es in seiner Wohnung ein paar Dinge gab, die Daniel nicht wissen musste. Wenn er eines Tages dahinter kam, wusste Markus sowieso noch nicht, wie er das erklären sollte. Aber es hatte sein müssen - vielleicht verstand Daniel das irgendwann.

„Sieben Uhr Termin, die sind doch bescheuert, wer macht denn solche Termine. Achim, der blöde Sack.“

„Wer sonst?“ Markus tippte sich an die Stirn, um zu zeigen, was er von dem Manager hielt. Er war ihm von Anfang an unsympathisch gewesen und das hatte ihn bestärkt, sich auf den Job zu bewerben, damit er auf Daniel aufpassen konnte. Manche Katastrophe hatte er so schon verhindern können, ohne dass Achim ihm draufgekommen war. Aber jetzt wollte er nicht mehr an den Manager denken. „Ich massier dich nach dem Essen noch kurz, damit dein Rücken Morgen nicht so schmerzt“, bot er an.

„Du bist ein Engel ohne Flügel“, lächelte Daniel und drückte sich tiefer in die Polster des Passats. Er schloss die Augen. Eigentlich wurde ihm beim Autofahren immer schlecht, bei Achim musste er nur im Wagen sitzen und der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, aber bei Markus war das anders. Hier konnte er sogar schlafen. Markus hatte ihm wirklich der Himmel geschickt.

Der Choreograf ließ ihn schlafen, Daniel brauchte die Erholung dringend. Er weckte ihn erst vor ihrem Haus. Vorsichtig stupste er seinen Freund an und drückte ihm die verführerisch duftenden Pizzen in die Hand. „Los, hoch mit dir, ich hab Hunger“, lachte er und stieg schon mal aus, damit er die Haustür aufschließen konnte.

„Sklaventreiber. Ich bin ein Star“, murmelte Daniel und rieb sich über die Augen, grinste aber. Langsam bog er sich aus dem Wagen und folgte Markus zur Tür. Der Berliner Altbau hatte drei Etagen. Markus wohnte in der ersten, doch da gingen sie komischerweise immer vorbei bis unter das Dach. Einmal mehr ging Daniel auf, dass er Markus noch nie besucht hatte und auch heute war es nicht anders. Markus stieg die Treppen nach oben und warf seiner Tür nicht einmal einen Blick zu. Dann war es Daniel egal. So konnte er nach der Massage gleich liegen bleiben.

Da Markus zu Daniels Wohnung den Zweitschlüssel hatte, ließ er den aufschließen, denn er hatte die Beute in der Hand und die würde er nicht aus der Hand legen, auch wenn sein Leben davon abhinge.

Er stellte ihr Essen in der Küche auf den Tisch und setzte sich gleich. Wie immer kümmerte sich Markus um Getränke und was sie sonst noch zum Essen brauchten. Sie waren schon ein eingespieltes Team, weil sie oft die Abende miteinander verbrachten. Markus setzte sich zu ihm und nahm sich sein Essen. „Lass es dir schmecken“, sagte er noch, dann hatte er auch schon den Mund voll Pizza und stöhnte begeistert.

„Du kannst ja Geräusche machen“, sagte Daniel amüsiert und griff sich ebenfalls seinen Karton. Er verzichtete auf Besteck und Teller, es reichte, dass er Kultur heucheln musste, wenn er mit Achim einen Termin hatte. Außerdem war es selten, dass er dann etwas zu essen oder zu trinken bekam. Achim versuchte ein Bild von ihm zu verkaufen, das übermenschlich war, ein Erzengel eben.

Einmal mehr sah er sich in seiner Küche um. Er wusste nicht mehr, wann er das letzte Mal den Herd benutzt hatte. Ab und an hatte Markus für ihn gekocht und das Essen in den Kühlschrank gestellt, damit Daniel, wenn er heim kam, es nur noch in die Mikrowelle werfen musste. Schließlich konnte er nicht nur von Fastfood leben.

„Dasch ischt lecker“, nuschelte Markus verlegen und grinste schief. Es war ihm etwas peinlich, dass Daniel das mitbekommen hatte. Aber dann lachte er, denn der Sänger war auch nicht besser, er kaute mit vollen Backen und seufzte zufrieden. Sein Freund war viel zu dünn, wie er fand und da sollte er was dran ändern. Nur konnte er ihn ja schlecht mästen.

Zum einen passte er dann nicht mehr in die Kostüme und zum anderen würde seine Fitness darunter leiden und beides würde entweder einen großen Berg Ärger heraufbeschwören oder am schlimmsten aller Enden dafür sorgen, dass er nicht mehr singen konnte. Es war also keine Option. Markus hatte ihm geraten, Muskeltraining zu machen. Doch als Achim dahinter gekommen war, dass Markus versuchte, seinen androgynen Sänger zu einem Mann zu formen, hatte er nur dafür gesorgt, dass Daniel für den Fitness-Club keine Zeit mehr gehabt hatte. Markus war also davon abgekommen, sich einmischen zu wollen.

„Ja, das hört man“, nuschelte Daniel kauend und schob schon das nächste Stück in seine Backen.

Sie hatten beide großen Hunger und so dauerte es nicht lange und sie saßen vor leeren Schachteln. „Das war gut.“ Markus rieb sich den Bauch und war gerade ziemlich zufrieden. Wenn sie jetzt morgen noch frei hätten, wäre es doch perfekt. Aber genau das hatten sie nicht und darum sollten sie das Zusammensitzen nicht zu sehr ausdehnen. „Okay Vögelchen, ab ins Bett zum massieren“, kommandierte er und räumte schon die leeren Kartons zusammen.

„Trag mich“, murmele Daniel, erhob sich aber, weil Markus das durchaus brachte und ihn zum Bett schleppte. Wie schon in der Dusche, fing Daniel an sich auszuziehen und wie eine Schlange beim Häuten verteilte er seine Kleider wie eine Spur, für den Fall, dass er sich verlief und den Weg zurück zur Küche nicht mehr fand. Das Risiko konnte er nicht eingehen, auch wenn Markus der Meinung war, Daniel wäre schlau genug, den Weg auch ohne diese Wegweiser zu finden.

Nackt fiel er bäuchlings aufs Bett, die Augen schon geschlossen.

So merkte er nicht, dass Markus ihn von der Schlafzimmertür aus betrachtete. Er wirkte ein wenig wehmütig, denn er durfte Daniel anfassen und bekam trotzdem nicht, was er sich wünschte. Langsam kam er zum Bett und setzte sich wie immer rittlings auf seinen Freund. Seine Hände mit dem angewärmten Öl legten sich auf die Schultern des Sängers und vorsichtig lockerte er die verspannten Muskeln. Er tat das mindestens dreimal die Woche, doch jedes Mal aufs Neue hatte er das Gefühl, Daniels Rücken bestünde aus einem einzigen Knoten.

„Es muss doch eine leichtere Lösung für diese scheiß Flügel geben“, sagte er leise und strich die Tattoos nach. Daniel hatte sich immer dagegen gewehrt, doch es war Achims Drängen gewesen. Ein Erzengel ohne Flügel, das ginge nicht und da Daniel nicht immer mit dem unpraktischen Kostüm herum laufen konnte, hatte man ihm Flügel auf den Rücken tätowiert. Markus hasste sie, jedes Mal wenn er sie sah, denn sie entstellten Daniels Makellosigkeit.

„Fester“, stöhnte Daniel leise und drückte sich den Händen entgegen. Das tat so gut und er war froh, dass Markus ihm die Massage immer freiwillig anbot, denn er wollte nicht so unverschämt sein, danach zu fragen. Sein Freund wusste das und darum brachte er ihn nie in diese Verlegenheit.

Wie gewünscht packte Markus etwas fester zu und brachte den Sänger so immer wieder dazu, wohlig zu stöhnen. Es war Himmel und Hölle zugleich für den Choreografen, jedes Mal, wenn er Daniel massierte, aber unter keinen Umständen wollte er damit aufhören. Es war zu verlockend, ab und an das Massieren aufzugeben und die weiche Haut nur zu streicheln, hoffend, dass Daniel dann vielleicht immer noch die süßen Laute der Verzückung von sich gab. Doch wenn er dies tat, dann nur, wenn Daniel schon schlief und dann kam er sich meistens schäbig dabei vor.

Wie jedes Mal war Daniel unter den wissenden Händen eingeschlafen.

„Schlaf gut“, murmelte Markus leise und strich noch einmal vorsichtig durch die hellen Haare seines Freundes. Er stand auf und deckte Daniel zu, damit er in der Nacht nicht fror. Morgen früh sahen sie sich wieder und er wusste jetzt schon, wie erledigt der Sänger dann aussehen würde. Morgen wäre der erste freie Tag seit vierzehn Tagen gewesen und den hatte man ihm auch noch genommen.

Mit einem feisten Lächeln stellte er Daniels Handy, damit er nicht verschlief. Er selbst fand noch nicht den Weg ins Bett, er hatte noch ein paar Vorbereitungen zu treffen, von denen es besser war, wenn Daniel es nicht wusste.

„Schlaf, mein Engel!“, flüsterte er und zog die Tür ins Schloss.



***



„Bremer“, knurrte Markus ins Telefon. Wie jedes Mal, wenn er arbeitete, trug er das Headset und seine Finger flogen nur so über die Tastaturen. „Ah, Herr Niemayr.“ Markus klang amüsiert. „Ich muss zugeben, ihre Leute haben für die Löcher, die ich gefunden hatte, gute Arbeit geleistet. Es hat mich fast dreimal so viel Zeit gekostet, zum Zentralrechner ihrer Firma vorzudringen wie beim ersten Mal. Die Idee, die Lichtstabilität über eine veränderte Rezeptur erreichen zu wollen, finde ich sinnvoll.“

„Heißt das, du bist schon wieder drinnen, Wiesel?“, hörte man es resigniert vom anderen Ende der Leitung und Markus entgegnete aufbauend:

„Schon, aber es war nicht leicht.“

„Kannst du uns die Protokolle zukommen lassen? Dann geh ins Bett. Ist fast drei und die Jungs werden Löcher stopfen. Hast du wieder eine Überraschung dagelassen?“ Herr Niemayr erinnerte sich noch rege an Markus’ ersten Versuch ins Sicherheitsnetz der Firma einzudringen, ins Herz, wo die wichtigen Daten ihrer Patente lagen. Es dauerte keine Stunde und über den Bildschirm des Hauptrechners war ein 3D-animiertes lachendes Wiesel geflitzt. Seit dem half er regelmäßig beim Löcherfinden und -stopfen. Vor vier Jahren waren chinesische Hacker ins Netzwerk eingedrungen und hatten großen Schaden angerichtet, indem sie die Daten erst geklaut und dann vom Zentralrechner gelöscht hatten. Die Firma musste aufrüsten und Markus war weltweit einer der besten – ein Hacker, der die Seiten gewechselt hatte.

„Dein Lohn geht wie üblich auf das Konto auf den Cayman Islands. Ich melde mich, wenn wir den nächsten Versuch starten.“

Dann riss die Verbindung grußlos ab und Markus trennte die Verbindungen, ehe auch er ins Bett ging.



02

Der Morgen kam viel zu schnell und als sein Handy lärmte hatte Daniel das Gefühl, gerade erst eingeschlafen zu sein. Er rieb sich über die Augen und rollte sich auf den Rücken. „Hm“, knurrte er leise und streckte die Hand nach dem Störenfried aus. Doch Markus kannte seinen Pappenheimer und hatte das Handy außer Reichweite gelegt. Wenn er also Ruhe wollte, dann musste Daniel aufstehen.

„Markus!“, knurrte er leise, und rief dann lauter, weil er seinen Freund schon in der Küche werkeln hörte. Schlief der Mann denn nie?

„Duschen und dann Frühstücken“, rief Markus aus der Küche. Er war schon seit einer viertel Stunde da und hatte schon Kaffee gekocht. Das machte er immer, denn Daniel war kein Morgenmensch und wenn Markus nichts machte, dann aß der Sänger nichts, weil er dann länger im Bett bleiben konnte.

„Will nicht“, knurrte Daniel und warf mittlerweile Kissen nach dem Handy auf dem Schreibtisch. „Geh aus, du Mistding, los!“ Doch es half nicht, das Handy lärmte weiter und so verschwand Daniel unter seiner Decke. Es konnte unmöglich schon Zeit zum Aufstehen sein!

„Steh auf, oder ich hol dich“, drohte Markus und er meinte das vollkommen ernst. Es wäre nicht das erste Mal, dass er das machte und einen strampelnden Daniel, noch in seine Decke gewickelt, auf den Küchenstuhl setzte.

„Ich habe auch Rührei gemacht“, versuchte er den Sänger zu locken, denn das mochte sein Freund sehr gerne.

„Will nicht!“, nuschelte Daniel und drehte sich noch einmal um, konnte aber gar nicht so schnell gucken, wie er plötzlich seine Decke los war und wie die Füllung eines Pfannkuchens offen gelegt wurde. „Markus, du bist fies!“, jammerte Daniel, denn es war kalt im Schlafzimmer. „Liebst du mich denn gar nicht?“

Zerknirscht saß Daniel auf der Bettkante, bekam so wenigstens das lärmende Handy zu packen und stellte es aus. Dann streckte er sich. Erholung sah anders aus, denn er konnte die Augen kaum offen halten.

„Natürlich liebe ich dich.“ Markus wuschelte Daniel durch die Haare und setzte sich neben ihn. Er legte seinem Freund wieder die Decke über die Schultern, verhinderte aber, dass er sich wieder hinlegte. „Ich verspreche dir, dass ich versuchen werde, dass es ein kurzes Shooting wird und danach darfst du nach Herzenslust schlafen und faulenzen.“

„Hm“, machte Daniel nur unleidlich, „wenn Achim das zulässt. Der wird doch sicherlich noch einen Termin hintendran geschoben haben, wie ich den kenne.“ Daniel stemmte sich hoch und streckte sich noch einmal, sah über die Schulter zurück zu Markus und grinste. „Jetzt brauche ich deine Teersuppe und das Rührei nehme ich mit, damit ich dein Auto voll kleckern kann.“ Dann huschte er ins Bad, ehe Markus ihm widersprechen konnte.

Markus sah ihm hinterher und seufzte. Wahrscheinlich hatte Daniel sogar Recht. Wenn es um die Vermarktung der Band ging, kannte Achim kein Maß. Der Einzige, der etwas geschont wurde, war Steffan und das wahrscheinlich auch nur, weil er ihn sonst nicht mehr ins Bett bekam, wenn sein Geliebter zu müde war. Die beiden hatten ein Verhältnis oder besser eine Beziehung, verheimlichten die aber. Das war auch so etwas, was Markus widerlich fand. Sie zwangen Daniel dazu, für die Fans ein Verhältnis mit Steffan vorzuspielen und verlangten von ihm, dass er deswegen keine Verbindung mit jemand anderem haben durfte. Mal davon abgesehen, dass sie Daniel noch nicht einmal die Zeit ließen, jemanden kennen zu lernen. Markus hoffte jeden Tag, dass Daniel aufwachte und einsah, dass er ohne die Band überleben konnte, die Band aber nicht ohne seine Stimme.

Er holte tief Luft und ging zurück in die Küche. Er hielt sich ungern in Daniels Schlafzimmer auf, denn das brachte ihn auf die absonderlichsten Ideen. Lieber packte er in der Küche das Frühstück zusammen, schüttete Daniel noch einen Kaffee ein und sah ihm entgegen, als er aus der Dusche kam. Er trug bereits schwarz, hatte die Perücke aufgesetzt und die Linsen reingemacht, denn wenn jemals rauskam, wer er wirklich war, konnte er vor Konventionalstrafen nicht aus den Augen gucken.

Jetzt stand dort nicht mehr Daniel, sondern der Erzengel Raphael, stoisch und mit versteinerten Gesichtszügen. Und selbst die musste Markus nachher noch bis zu Unkenntlichkeit verändern. Es fiel ihm jedes Mal schwer, mit anzusehen, wie Daniel verschwand und Raphael zum Vorschein kam. Zwar war sein Freund immer noch derselbe, aber doch war es dann anders. Er reichte Daniel seine Tasse und lächelte. Sein Freund sollte ihm seine Gedanken nicht ansehen.

„Wie ist Achim eigentlich an Japaner geraten?“, murmelte Daniel das, was ihm seit der Dusche durch den Kopf gegangen war. Sicher, sie arbeiteten in einer Stilrichtung, die im Land der aufgehenden Sonne ihren Ursprung hatte, aber die meisten waren doch sowieso der Meinung, dass deutsche Bands nichts drauf hatten. Zumindest war er der Meinung, wenn er sich durch seinen Blog und das Gästebuch las, wo er immer mal wieder gern als billige Kopie abgespeist wurde. Doch damit konnte er leben. Es gab genügend Leute, die ihn hören wollten. Der Rest war gleichgültig.

Achim wohl nicht, wenn er jetzt versuchte, die Popularität der Band über den Umweg Japan zu steigern.

„Keine Ahnung, aber ich traue ihm zu, dass er sich an dieses Magazin gewandt hat, um auszutesten, ob ihr in Japan eine Chance habt. Er hat gerne mehrere Eisen im Feuer.“ Und er nutzt jede Gelegenheit, um noch mehr Geld zu scheffeln, dachte Markus noch, sagte das aber nicht laut. „Ich kann ja mal versuchen, was rauszubekommen.“

„Mach das mal, auch wenn ich keinen Bock auf eine Tour durch Japan hätte.“ Daniel trank seinen Kaffee und zuppelte lustlos an seinen Klamotten herum. All die Schnallen und Bänder, die Reißverschlüsse und das enge Material waren gar nicht sein Geschmack, doch es gehörte nun einmal zu Raphael – und er war Raphael.

Daniel beobachtete Markus dabei, wie er das Frühstück in eine Tasche packte und alles, was dreckig war, in der Spülmaschine verschwand.

„Wir können.“ Markus drückte Daniel die Provianttasche in die Hand und holte die Ersatzflügel, die für solche Gelegenheiten immer in Daniels Wohnung aufbewahrt wurden. Gut verpackt, damit ihnen nichts passierte und sie auch nicht gleich erkennbar waren. Sie waren schwer, obwohl schon so viel an Gewicht wie möglich eingespart worden war.

Die Straßen waren entspannend leer, das war aber auch so ziemlich der einzige Vorteil von Terminen zu dieser nachtschlafenden Zeit. Aber sicher wollten die Herren Fotografen das Licht der aufgehenden Sonne nutzen. Sollten sie, wenn sie sich dabei beeilten. „Und? Lust das Auto voll zu kleckern?“, fragte Markus und deutete auf die Provianttasche. Er kannte Daniel zu gut, wenn er jetzt nicht aß, dann gar nicht. Denn sobald sie den Wagen verließen war er in Raphaels Welt, einer kalten Welt.

Daniel wühlte sich durch die Tasche und suchte sein Futter. Markus hatte wie immer auch an Salza und Brötchen gedacht – perfekt.

Markus sah ihn immer wieder kurz an und hoffte, dass Daniel auch alles aufaß. Das Shooting wurde bestimmt anstrengend und dort würde sein Freund nur etwas trinken. Schließlich passte es nicht zu einem Erzengel, dass er sich hinsetzte und aß. Markus hielt das für reine Schikane, denn alle anderen Bands in der Szene sahen das nicht so und achteten darauf, dass die Bandmitglieder immer gut versorgt waren.

Daniel löffelte gerade die letzten Bissen, als sie vor dem alten Friedhofsgelände vorfuhren. Steffan war der erste am Wagen und konnte sich wie üblich einen Seitenkick gegen Daniel nicht verkneifen, der, anstatt auszusteigen, noch aß. „Rührei. Wenn’s geht noch mit viel Speck. Darf's hinterher noch ein Stück Sahnetorte sein? Pass bloß auf, dass du nicht aus dem Kostüm quillst. Wenn wegen dir die Bilder scheiße werden, zieh ich dich durch die Spree.“ Er hatte sein Gift verspritzt und war wieder weg, noch ehe Daniel hätte aussteigen und antworten können. Aber das machte Steffan immer so. Er blaffte und verschwand, denn Diskussionen waren nicht seine Stärke.

„Dir auch einen guten Morgen“, knurrte Daniel, dessen Laune in den Keller sank und erhob sich langsam. „Hab ich das nur geträumt oder hatte der allen Ernstes ein Pflaster an der Stirn?“ Fragend sah er Markus an.

„Ein Pflaster?“ Markus tat unwissend, aber er hatte das große Pflaster auch gesehen und auf seiner imaginären: „Wir versauen Steffan den Tag-Liste“, konnte er einen weiteren Erfolg verbuchen. Was passte der Blödmann auch nicht auf, wo er hinlief? Dass der Bassist wegen ihm keine andere Wahl gehabt hatte und so im Dunkeln gegen die offene Hängeschranktür gelaufen war, musste keiner wissen. „Wenn hier einer die Bilder versaut, dann ja mal er. Ich werde auf jeden Fall sein Pflaster nicht verdecken.“

„Doch, mach lieber.“ Daniel wirkte angeschlagen. Egal was auch passierte, zum Schluss wurde es immer so gedreht, dass er schuld war oder zumindest angeschrien wurde. Darauf hatte er keine Lust. Und als Markus sich nach seiner Tasche bückte und im Wagen wühlte, schluckte Daniel schnell noch zwei Schmerztabletten, denn sein Rücken brachte ihn fast um.

„Flüssigpflaster und dann das Make-up, das sollte man nicht mehr sehen“, lenkte er von sich ab und griff sich die Flügel. Da sah er auch schon Achim auf sich zulaufen. Das bedeutete nie etwas Gutes, wenn Achim selber kam und nicht seinen Lakaien schickte.

„Wieso kommst du erst jetzt? Wir wollen anfangen und du bist noch nicht fertig“, knurrte er Daniel an und wedelte mit den Händen. „Mach dein Make-up selber, denn Markus muss sich um Steffan kümmern“, bestimmte er noch und Markus wollte schon ablehnen. Nur der panische Blick seines Freundes, der ahnte, dass es sonst gleich Streit gab, hielt ihn davon ab. „Ich kümmere mich nur um die Verletzung, den Rest kann er selber. Ich bin Raphaels Visagist. Sein Make-up ist aufwendiger.“

„Mach so weiter und du bist gar kein Visagist mehr“, knurrte Achim und wandte sich um. Der Kerl hatte ja Nerven, ihm einfach zu widersprechen.

„Mach schnell Steffans Verletzung. So lange kann ich mich grundieren. Das spart Zeit“, schlug Daniel vor und trug die Flügel in die improvisierte Garderobe. Im ausreichenden Abstand von der Ruine, so dass sie auf Fotos nicht stören würden, standen zwei kleine Wohnwagen, die für solche Fälle herhalten mussten. Schnell machte Daniel die Tür hinter sich zu und sank auf dem Tisch zusammen. Sein Rücken brachte ihn um, er hatte den leisen Verdacht, dass er einen Hexenschuss hatte oder einen Nerv geklemmt. Schnell waren geschluckt. Wie er das Shooting durchhalten sollte, wusste er noch nicht. War nur zu hoffen, dass nicht zu aufreizende Posen von ihm verlangt wurden, bei denen er sich zu sehr verrenken musste.



Während Markus sich um Steffan kümmerte und dabei nicht sehr vorsichtig war, blieb Daniel noch ein paar Minuten sitzen und hoffte, dass die Tabletten bald wirkten. Doch weil er versprochen hatte, sich wenigstens zu grundieren, setzte sich Daniel vor den Spiegel, stellte sich das Licht ein und fing an, sein Gesicht zu bearbeiten, so wie er es bei Markus gelernt hatte. Daniel verschwand und Raphael kam zum Vorschein, mit jedem Pinselstrich, mit jeder Quaste voll Puder. „Ich hasse dich“, flüsterte Daniel leise und schloss die Augen. Er konnte dieses Gesicht kaum ertragen.

„Das verstehe ich. Ich hasse es auch.“ Markus hatte die leisen Worte gehört, als er gerade den Wohnwagen betreten wollte. Es schmerzte ihn, seinen Freund so zu sehen, darum ging er zu Daniel rüber und drückte ihm vorsichtig die Schulter. „Das bist nicht du und ich glaube nicht, dass du ohne diesen Raphael keine Chance auf eine Karriere hättest. Deine Stimme ist fantastisch und einmalig. Jede Band würde sich um dich reißen.“

„Lassen wir das“, sagte Daniel schneidend und vermied den Blick über den Spiegel in Markus’ Augen. Sie wussten beide, wo diese Diskussion endete und wenn Achim mitbekam, wie ketzerisch Markus gegen ARK redete, dann war er vielleicht seinen Job bald los und Raphael in dieser offenen Psychiatrie ganz alleine. Das durfte nicht passieren.

„Wir sollten uns beeilen“, sagte Daniel und setzte sich so, dass Markus ihn bequem schminken konnte. Zum Glück trug er sein Kostüm schon Großteils, nur ein paar Details fehlten noch. Die Uhr hatte Daniel immer im Auge und einmal mehr fiel Markus auf, wie hörig der Sänger seinem Manager war.

Er arbeitete schnell und konzentriert, damit Daniel eine Sorge weniger hatte und half ihm dann, das restliche Kostüm anzuziehen. „Ist dein Rücken so schlimm?“, fragte er, als er die Flügel festschnallte, denn Daniel war heftig zusammengezuckt. „Geh zum Arzt“, bat er, aber beließ es für den Moment dabei. Erst einmal mussten sie diesen Job hinter sich bringen.

„Wird’s bald?“, hämmerte Achim wie auf Bestellung gegen die Tür und Daniel wechselte einen letzten Blick mit Markus, dann öffnete er die Tür. Hinter Achim stand der Rest der Band. „Raphael mach, das Team ist gleich da.“

„Ich heiße Daniel“, korrigierte der Sänger wie gewöhnlich, doch aus Trotz vergaß Achim das wieder. Er ließ sich doch von seinem Goldesel nicht noch bevormunden. Daniel brachte ihm schließlich kein Geld, das brachte nur Raphael.

„Geht schon mal in die Ruine, sie sollen gleich den richtigen Eindruck von euch kriegen. Und Raphael, eine kleine Show mit Gabriel wäre sicherlich nicht zu viel verlangt, hm?“ Provozierend hob Achim eine Braue und richtete sich seinen Anzug.

Daniel sollte es bereuen, ihm widersprechen zu wollen. Doch es machte gar keinen Spaß, wenn sein Sänger nur ergeben nickte und sich nicht darüber beschwerte, dass er ungerecht behandelt wurde.

Markus stand für Achim ungesehen im Wohnwagen, hinter Daniel und das war gut so, denn im Moment war er zu wütend, um das vor dem Manager verbergen zu können. Wie gern würde er diesem Widerling eine reinhauen, für seine Unverschämtheiten. Wie konnte er diesen wundervollen Menschen nur so schlecht behandeln?

Die Crew trug die Instrumente in die Halle, dorthin, wo Achim glaubte, die Band am besten in Szene setzen zu können. Michael und Uriel folgten, ebenso Gabriel. Nur Raphael ging langsamer. Die Tabletten wirkten zwar, doch er hatte keine gesteigerte Lust, mehr Zeit als notwendig mit Steffan verbringen zu müssen. Je mehr Abstand zwischen ihnen war, umso besser, das würde sich für ein paar gestellte Fotos sowieso noch früh genug ändern.

Markus hatte seine Schminkutensilien wieder eingepackt und sich dabei so weit beruhigt, dass er den Wohnwagen verlassen konnte, ohne gleich mit Achim aneinander zu geraten. Wenn der Manager ihn feuerte, tat er Daniel keinen Gefallen damit. Mit Argusaugen wachte er über die Vorbereitungen und über seinen Freund, der immer noch etwas steif wirkte.

„Lockerer in der Hüfte, verdammt!“, rief Achim, als er Raphael dabei beobachtete, wie er in eines der Fenster kletterte. „Dir soll man dein Geschlecht nicht ansehen, verdammt, also etwas weicher im Gang.“ Er lehnte an einer Säule mitten im Schutt. Die Crew verteilte ein paar Spots, um die Halle etwas zu erhellen, denn draußen war es noch immer dunkel.

„Mach deinen Scheiß doch selber und schlepp die Flügel hier hoch“, knurrte Raphael, aber nicht leise genug, denn Gabriel, der ihm folgte, hatte ihn gehört.

„Pass auf was du sagst, du Wicht. Sonst knallt's.“

In letzter Zeit wurde die kleine Singdrossel ganz schön frech. Anscheinend hatten die, mit Terminen vollen, letzten zwei Wochen ihn noch nicht genug zermürbt. Gabriel hatte Achim diesen Floh ins Ohr gesetzt, weil er seine eigenen Ziele verfolgte. Eigentlich hatte er der Leadsänger von ARK werden sollen, aber dann hatte sein Geliebter diesen Daniel gefunden und die Sache war vergessen gewesen. Er musste diesen Wicht loswerden, aber das durfte er nicht zu auffällig machen. Achim musste ihn für untragbar halten, damit er endlich seinen ihm zustehenden Platz einnehmen konnte.

Daniel hatte für den flügellosen Erzengel nur Verachtung übrig. Selbst im Halbdunkel der Halle konnte Gabriel das kalte Glitzern der Augen deutlich sehen. Auch wenn es nur ein verirrter Lichtstrahl der Spots war, der sich in den eisblauen Kontaktlinsen spiegelte, ließ es Gabriel kurz zucken. Doch dann straffte er sich wieder.

„Sie kommen, ich empfange sie, macht hier weiter!“, kommandierte Achim und verließ die Halle, als er den Van auf dem Parkplatz vorfahren sah.

Daniel positionierte sich in dem Fenster und Markus hielt kurz die Luft an, als sein Freund sich festhalten musste, weil ein Teil des Schuttberges unter ihm ins Rutschen kam. Das war nicht gut für seinen Rücken, das konnte man sehen. „So ein Arsch, Daniel da rauf klettern zu lassen“, murmelte Markus wütend und ließ seinen Freund nicht mehr aus den Augen.

Natürlich wäre es auch zu viel verlangt gewesen, wenn Gabriel ihn gestützt hätte, doch der beobachtete nur mit Zufriedenheit das hektische Gesicht seines Sängers. „Probleme“, säuselte er und lehnte sich an den Sims. Raphael sollte sich im Licht der aufgehenden Sonne zu ihm beugen und ihn küssen. Zumindest hatte sich Achim das so gedacht, weil er sich einiges davon versprach.

„Nicht dass ich wüsste“, sagte Raphael. Er würde keine Schwäche zeigen, nicht vor diesem Kerl.

„Na, dann ist ja gut.“ Gabriel verschränkte die Arme lässig vor der Brust. Der Mantel raschelte leise und der aufgewirbelte Staub legte sich wie Nebel über die Szene.

Eins musste man Achim lassen. Die Location war wirklich passend und wenn die Japaner was von ihrem Handwerk verstanden, dann konnten tolle Bilder entstehen. Trotzdem war Markus nicht glücklich darüber, dass Daniel da oben rumklettern musste. Zwar hatte er jetzt einen relativ festen Stand, aber man wusste nie, wann der Schutt wieder nachgab. „Los beeilt euch“, brummte der Stylist und sah zu den Wagen rüber. Die Begrüßung schien vorbei zu sein, denn die Heckklappen waren geöffnet und das Equipment wurde ausgepackt.

Wow. 3 Fotografen, was hatten die denn vor? Zwei davon waren Frauen, die sich bereits die Örtlichkeit von außen betrachteten. Ein junger Mann gesellte sich zu Achim und ging ihm nicht von der Seite, sicher führte der das Interview, wie man mit dem Wind auf dem Vorplatz hören konnte in sauberem Englisch.

Einer der Fotografen knipste die Örtlichkeit von außen, das Blitzlicht zuckte immer wieder in der Dämmerung und Daniel versuchte nicht neugierig zu sein. Er lehnte in dem großen Fenster, hinter ihm ging die Sonne auf und zu seinen Füßen war Gabriel, der seine Beine liebevoll umschlag und seinen Kopf mit den langen, blonden Haaren verträumt gegen seinen Schenkel gelegt hatte. Wer die beiden nicht kannte, konnte sie für Liebende halten, so wie die Kamera, die immer wieder aufblitzte.

Für Markus war es schwer, Daniel und Steffan so zu sehen. Eben weil er wusste, was für ein Ekel der Bassist war und wie gern er auf dem Sänger herumhackte. Wie gerne würde er jetzt da oben stehen und Daniel festhalten. Er schüttelte den Kopf, um sich nicht anmerken zu lassen, was er dachte, denn Achim kam mit seinem Anhang zu ihm. Natürlich wurde er übersehen und nicht vorgestellt, er war ja nur der Stylist und Choreograf, also niemand mit Einfluss oder Bedeutung.

Die beiden Fotografinnen machten sich unter der Anleitung des Reporters, der sich als Herr Takuto vorgestellt hatte, daran, das Licht so zu arrangieren, wie sie es benötigten. Achims Leute wuselten und hasteten, denn auch ihnen hatte Achim eingebläut, was der Termin heute bedeutete. Man wollte es den Japanern so angenehm wie nur möglich machen.

Derweil schmuste Gabriel ein bisschen mit seinem Engel, gerade so, als würden sie gar nicht bemerken, dass man sie beobachte. Sacht strich seine Hand über Daniels Wange, der sich langsam zu seinem Liebsten beugte. Die Kameras klickten, doch die beiden Engel sahen nicht auf, sie hatten nur einander und sanken immer inniger zueinander, je höher die Sonne stieg, gerade so, als hätten sie etwas zu verbergen, etwas Verwerfliches, Verruchtes.

Markus lehnte an einer Säule und nahm die Szene in sich auf.

Er war so vertieft, dass er sich ziemlich erschreckte, als Achim ihn laut anblaffte, dass er sich gefälligst zu den beiden Engeln zu begeben hatte, um deren Make-up zu überprüfen. „Ich mach ja schon“, brummte er und nahm sich seine Tasche. Na wenigstens scheuchte er nicht Daniel runter und danach wieder hoch.

Irritiert über den Ton, der am Set herrschte, sahen sich die Fotografen erschrocken um und Achim entschuldigte sich für seine Verfehlung. Er musste wirklich vorsichtig sein.

Eilig machte sich Markus daran, das Make-up noch einmal aufzufrischen, die Konturen der Schminke zu schärfen und dafür zu sorgen, dass man Steffans Schmiss an der Stirn nicht sah. „Halte durch“, flüsterte er Daniel zu, der ihn verzerrt angrinste, zum Glück mit dem Rücken zur Kamera, denn selbst Markus’ Arbeit wurde festgehalten und sein Name erfragt, als er zurückkam. Eine der Fotografinnen wollte sich an Daniel wenden, denn sein Charisma hatte sie in seinen Bann gezogen, doch noch ehe Daniel hätte antworten können, war Gabriel dazwischen gegangen, der erklärte, dass ihr Sänger zwar englische und japanische Texte singen würde, es aber nicht so fließend sprach, dass es für eine Konversation reichen würde. Daniel wusste nicht, was er sagen sollte. Er war derjenige, der von allen am besten sprach, der die Texte übersetzte, die Gabriel zusammenstammelte und jetzt so was?

Doch er schwieg und tat, als hätte Gabriel Recht. Des lieben Friedens willen.

„Eifersüchtiges Arschloch“, flüsterte Markus Daniel leise zu und zwinkerte. Warum Steffan das machte, war ihnen beiden klar. Es könnte ja sein, dass man ihn nicht genug würdigte und der Sänger der Band vielleicht ein paar Zeilen mehr in dem Artikel bekam. Markus beeilte sich mit seiner Arbeit, denn Achim trat schon wieder ungeduldig von einem Bein auf das andere. „Ich warte unten auf dich“, sagte er noch schnell, dann kletterte er vorsichtig wieder nach unten. Eigentlich hatte er keine Lust mehr auf die Show, die dort lief, doch er wollte Daniel auch nicht aus den Augen lassen. Im Augenblick übersetzte Gabriel die Fragen der Fotografinnen in beide Richtungen und zensierte, was Daniel antwortete. Er sollte nicht zu viel über sich preisgeben, denn er lebte auch von seinen Geheimnissen.

Doch dann drängte der Fotograf, der sich derweil im Hintergrund gehalten und mit den anderen beiden Bandmitgliedern geplauscht hatte, dass noch ein paar komplette Bilder von der Band zu machen wären und die beiden besser aus dem Bild gingen. Zumindest glaubte Daniel das, denn die beiden beeilten sich beiseite zu gehen, während der Mann sein Stativ aufbaute. Gesprochen hatten sie japanisch, was Daniel dank einiger seiner Texte ansatzweise verstand. Doch das musste ja niemand wissen.

Er grinste verlegen, als sich sein Blick mit einer der Fotografinnen kreuzte und sie schmachtend den Blick senkte. Sie fühlte sich ertappt. Was sie aber nicht davon abhielt, etwas näher zu kommen und ein paar Bilder zu schießen, die unter Garantie in keinem Magazin auftauchten. Es war immer wieder erstaunlich, wie Daniel auf Frauen wirkte. Egal, ob sie wussten, dass er ja eigentlich mit Gabriel zusammen war, sie schmachteten ihn an. Markus konnte das einfach nicht verstehen. Wenn sie doch wussten, dass es aussichtslos war, warum es dann versuchen?

„Lass den Scheiß“, zischte Gabriel wütend. Es konnte doch nicht wahr sein, dass der Kerl mit einer der Fotografinnen flirtete. Hatte der sie noch alle? „Konzentrier dich auf die Band-Bilder, schließlich geht es hier nicht um dich.“ Gabriel bekam seinen Bass und Daniel suchte sich – möglichst elegant – einen Weg vom Sims. Wenn auch etwas spät, so fiel Gabriel doch ein, dass er seinem Liebsten helfen sollte. So griff er Daniel mit einem Arm um die Schenkel und hob ihn runter. „Man bist du schwer geworden“, zischte er dabei und ließ den Engel langsam zu Boden gleiten – unter Blitzlichtgewitter. Daniel machte sich nicht die Mühe einer Erwiderung, er wollte das hier nur noch hinter sich bringen, denn sein Rücken meldete sich und es wurde nicht besser.

Markus nahm ihn in Empfang und prüfte noch einmal das Make-up seines Freundes. „Ich hab mal ein wenig vorgefühlt. So wie es aussieht geht das hier höchstens noch zwei Stunden. Die Japaner haben nicht so viel Zeit. Mit etwas Glück, sind wir heute Mittag wieder Zuhause. Bisher hat Achim noch nichts anklingen lassen, dass noch etwas geplant ist“, erzählte er dabei.

„Dann geh ich wieder ins Bett“, erklärte Daniel und grinste schief, was zum Glück keiner sah. Seinem Image, was Achim bemüht war zu wahren, hätte das sicherlich nicht gut getan. Er zuckte, als jemand seine Hand griff, sich seine langen, schlanken Finger besah und wieder los ließ. Die junge Frau lächelte und ging wieder, besprach sich mit einem der Männer, der nun auch zu Daniel sah und registrierend nickte.

Daniel stutzte, hatte er etwas falsch gemacht? Wollte sie seine Ringe sehen? Alle aus Silber. Er trug an jedem Finger seiner Hand einen schlichten Ring, an jedem Finger das gleiche Modell.

Er trug sie zwar nur als Raphael, aber er mochte sie. So weit er wusste, trugen auch die japanischen Visual Keis viele Ringe. Also was hatte die Aufmerksamkeit der Fotografin erregt? Er kam aber nicht mehr dazu zu fragen, denn der Fotograf drängte dazu weiter zu machen. Er tippte immer wieder auf seine Uhr und zeigte so, dass sie sich beeilen sollten.

Der Rest des Shootings lief ohne Probleme und Achim vereinbarte, dass ihm ein Teil der Bilder für eigene Zwecke zur Verfügung gestellt wurden. Als Hiromi, eine der Fotografinnen allerdings nach einer kleinen Gesangseinlage fragte, blockte Achim ab.

Hier ohne Technik? Wie sollte sich das denn anhören? Konnte Raphael das überhaupt? Also erklärte er gestenreich, dass der Engel sich gestern im Konzert verausgabt hätte.

Daniel glaubte sich verhört zu haben. Was sollte das denn jetzt? Da wollte ihn jemand singen hören und durfte nicht? Doch da hatte Achim die Rechnung ohne seinen Star gemacht. Er begann einfach die ersten Zeilen ihres aktuellen Stücks und als Uriel die Melodie erkannte, stimmte er sie am Schlagzeug an. Die Keyboards und der Bass waren ohne Strom, doch Daniel brauchte sie nicht. Ihm reichte seine Stimme und der unglaubliche Klang in der baufälligen Halle.

Alle in der Halle standen still und lauschten der unglaublichen Stimme. Daniel hatte die Augen geschlossen und Markus konnte sich gar nicht an ihm satt sehen. Wie hatte Achim seinem Freund nur einreden können, dass niemand ihn hören wolle. Jeder war von dieser Stimme fasziniert. Sogar der Fotograf drängte nicht mehr, sondern fotografierte den Sänger, wie der scheinbar ganz versunken sang.

„Miese kleine Ratte“, knurrte Gabriel, als er die Szene betrachtete. Langsam, betont ziellos, kam er zu Achim. Musste er sich das bieten lassen? Sie waren hier nicht zum Singen, sondern für Fotos. „Das hat der Scheißkerl nicht umsonst gemacht“, knurrte der Engel und verschränkte die Arme vor der Brust. Die anderen beiden schienen damit kein Problem zu haben, dass sich keiner mehr für sie interessierte, aber er schon. Er hatte größere Ziele als ein paar Deutschlandkonzerte.

Ihm fiel schon etwas ein, um Daniel das heimzuzahlen. „Mach was dagegen“, zischte er seinen Geliebten an. Er selber konnte ja schlecht dazwischen gehen. Das dauerte schon viel zu lange und es war ihm egal, ob sie durch Daniels Einlage vielleicht Chancen auf dem japanischen Markt hatten.

„Raphael, das reicht“, rief Achim also und zertrümmerte die Atomsphäre nachhaltig. In sauberem Englisch wandte er sich an seine Gäste und erklärte, dass ihnen die Zeit weglaufen würde. Das müsste an improvisierter Einlage erst einmal reichen. Höflich wollte er wissen, ob noch Fragen offen geblieben wäre und so scharten sich die Damen und Herren wieder um ihn. Er war zufrieden und nun übernahm es Gabriel, sich langsam auf den Sänger zu zu bewegen und ihm schon mit seinen Augen klar zu machen, dass das ein ganz großer Fehler gewesen war.

Er griff sich Raphael um die Hüfte und zog ihn unnachgiebig an sich, gerade recht, als die Journalisten sich verabschiedeten. Sie gaben also noch ein letztes Mal das Bild des Glückes und nur Daniel merkte, wie sich Gabriels Nägel durch den Stoff seines Hemdes ins Fleisch schnitten. „Das hast du nicht um sonst gemacht!“, zischte er. Er war wütend und da hatte sich Steffan oft nicht unter Kontrolle. Das, was Daniel rettete, waren wohl die Japaner, die sie beobachteten. Markus wollte eingreifen, aber er wollte seinen Freund auch nicht vor den Besuchern bloß stellen, denn wenn jetzt aufflog, dass alles nur eine Show gewesen war, schadete das der Band und somit auch Daniel. Er überlegte noch fieberhaft, was er machen sollte, als ihm Uriel und Michael zu Hilfe kamen. Sie waren ganz begeistert von der improvisierten Gesangseinlage und kamen auf Daniel und Steffan zu. „Raphael, das war ja klasse“, riefen sie und Steffan musste sein Opfer notgedrungen wieder runterlassen.

Doch er setzte ihn nicht einfach ab, sondern ließ ihn los, so dass Daniel nach unten durchrutschte und er beim Aufprall seinen Rücken stauchte. Er stöhnte leise und schloss kurz die Augen. Er musste diese scheiß Flügel endlich loswerden und dann wollte er nur noch liegen. Jeder Schritt war ihm zu viel, jede Bewegung. „Danke“, lächelte er, als er sich wieder gefangen hatte und holte tief Luft. „Irgendwas muss ich ja können, wenn es schon kein Instrument ist.“

Achim verließ die Halle nicht gern, doch er musste seine Gäste zum Wagen geleiten.

„Komm, ich helf dir mit den Flügeln.“ Markus hatte es selber wehgetan mit anzusehen, wie sein Freund litt. Darum wollte er ihn auch so schnell wie möglich aus Steffans Reichweite bekommen. Also drängte er sich dazwischen und löste die Schnallen. Vorsichtig hob er die Flügel an und deutete mit dem Kopf auf den Wohnwagen. Besser sie setzten sich möglichst schnell ab.

Daniel verstand und ging vor, doch sie hatten die Halle noch nicht verlassen, als ihnen Achim hinterher brüllte. „Hier geblieben, Herrschaften. Ich glaube, wir haben noch ein Hühnchen zu rupfen“, schrie er und stellte sich Markus und Daniel in den Weg. „Was fällt dir eigentlich ein, dich über meine Entscheidung hinwegzusetzen. Ich stand da wie ein Lügner.“ Seine Augen glühten und die Ader an Achims Schläfe pulsierte unter den kurzen Haaren.

Der Engel zuckte und Markus wollte sich schon schützend vor ihn stellen, als Daniel seine Sprache wiederfand. „Gabriel meinte, ich kann kein Englisch. Ich habe also kein Wort davon verstanden, was du gesagt hast. Sorry.“

Es war mucksmäuschenstill in der Halle, bis Achim explodierte. „Willst du mich verarschen?“, schrie der Manager und sein Gesicht wurde rot vor Wut. „Du kleiner Pisser glaubst, hier die große Klappe haben zu dürfen. Ohne mich wärst du nichts. Niemand wollte dich haben. Ich habe dir eine Chance gegeben mit deiner Mickerstimme berühmt zu werden.“ Achim war vollkommen außer sich. Er packte Daniel am Kragen und zog ihn unsanft zu sich. „Du glaubst wohl, nur weil die Japaner so höflich waren und nicht gleich wieder gefahren sind, kannst du frech werden?“

„Hey!“ Ohne weiter über sein Tun nachzudenken ging Markus dazwischen, denn er sah nur zu deutlich, wie intensiv Daniel zusammenzuckte. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass sein Manager dermaßen austicken würde. „Keine Handgreiflichkeiten.“ Er löste den Sänger aus Achims Griff und schob Daniel hinter sich. Der war starr vor Schreck und schien nur allmählich zu begreifen, was Achim ihm da alles an den Kopf geworfen hatten.

Niemand wollte ihn hören.

Die Frauen waren nur höflich gewesen.

Er bekam gar nicht mit, wie Achim sich jetzt auf Markus einschoss und ihn nun anbrüllte. Markus rechnete damit, dass der Manager ihn jetzt einfach rausschmiss, aber das passierte nicht. Trotzdem war es alles andere als angenehm, was er sich anhören musste. Aber das war es ihm wert, wenn er so nur Daniel aus der Schusslinie bekam.

„Achim, Daniel und ich werden jetzt gehen. Das Shooting ist vorbei und anscheinend sind wir ja sowieso zu unwichtig, um noch gebraucht zu werden“, sagte er schließlich ruhig in einer Pause, denn er hatte genug. So etwas musste er sich nicht bieten lassen. Ohne ein weiteres Wort, drehte er sich um, legte einen Arm um Daniels Schultern und ging mit ihm zum Auto. Er wollte nur hier weg, auch wenn sein Freund noch geschminkt war.

Langsam kam Steffan zu seinem Freund und stellte sich neben ihn. „Mit diesem Eintänzer, das guck ich mir nicht mehr lange an. Seit der Spinner der Singdrossel den Rücken stärkt, muckt der auf. Wir sollten uns etwas einfallen lassen.“ So konnte das nicht weiter gehen. Raphael wurde unberechenbar. Er hätte sich früher niemals ihrem Willen zu schweigen wiedersetzt. Was wenn er noch ganz andere Schoten brachte und seinen wirklichen Marktwerk erkannte? Noch war er labil genug, um klein gehalten zu werden, doch dieser Cremetuben-Spinner gab ihm Rückgrat, das musste unterbunden werden.

„Das weiß ich auch“, knurrte Achim, „aber wir brauchen ihn, denn wenn wir ihn jetzt feuern, tickt Raphael aus und das können wir jetzt gar nicht gebrauchen. Ich habe in den nächsten Wochen und Monaten einiges geplant, das uns ordentlich Geld bringt. Das ist erst eine Option, wenn es gar nicht anders geht.“ Der Manager spuckte aus. Das lief alles nicht so, wie es sollte. Sie mussten sich etwas einfallen lassen.

„Ich kann den Spinner eh nicht ab“, knurrte Steffan. Er beobachtete Michael und Uriel, die langsam zu ihren Wohnwagen tigerten und sich angeregt unterhielten. „Irgendwann verpass ich dem eine, dass er nicht mehr aufsteht.“

„Sei vorsichtig, der Kerl scheint mit allen Wassern gewaschen. Ihn zu reizen halte ich für keine gute Idee.“ Achim überlegte fieberhaft. Sie mussten Raphael wieder an die Kette legen und zwar schnell. Dazu mussten sie ihm den Umgang mit Markus beschränken. Dass war nicht leicht, die beiden wohnten ja fast zusammen. Da musste jemand... „Du wirst bei ihm einziehen. Seine Bude ist groß genug. Wir müssen ihn von dem Spinner trennen. Das wird dein Job.“

„Sag mal, spinnst du?“, platzte Steffan raus und sah seinen Geliebten entgeistert an. Was sollte das denn jetzt. „Ich soll bei dem Arsch einziehen? Das kommt überhaupt nicht in Frage. Es reicht, dass ich ständig so tun muss, als wenn ich was mit diesem Spinner habe. Weißt du eigentlich, dass der noch nicht einmal richtig küssen kann? Da ist es aufregender 'nen toten Fisch zu knutschen.“

„Dann mach das, wenn dich das erregt, aber ich werde von meiner Entscheidung nicht abrücken.“ Achim sah seinen Freund eindringlich an und küsste ihn kurz. Seine Hand legte sich in Steffans Nacken, denn sie waren mittlerweile allein. „Wenn wir wollen, dass die Gelddruckmaschine weiter läuft, müssen wir Opfer bringen. Du hast die Wahl zwischen Geld und dem Spinner oder Hartz IV ohne den Goldesel. Außerdem ist es mir ganz lieb, dass der Idiot nicht küssen kann. So kann ich nämlich sicher sein, dass du nicht aus Langeweile deinen Spaß mit ihm suchst.“ Achim grinste.

„Erpresser“, brummte Steffan. Er war zwar immer noch nicht begeistert, aber Achim hatte wie immer Recht. „Dann lass dir mal einfallen, wie du ihm das beibringst. Sein Schatten wird nicht begeistert sein. Wie willst du verhindern, dass er dann ständig unten bei Markus hockt? Da haben wir nichts gewonnen.“

„Dafür wirst du sorgen. Halt ihn am Ticken und am Laufen. Erst mal muss einer von uns dorthin. Dann sehen wir weiter, wie sich das einrichten lässt.“ Auch wenn es Achim nicht gern zugab, Steffan hatte Recht. Was wenn Raphael frustriert auszog? „Du wirst erst mal nur da sein, ihn nicht triezen, nicht ärgern. Er soll sich an dich gewöhnen. Es reicht, wenn du den Visagisten abwimmeln kannst. Und jetzt komm, ich habe noch ein paar Takte mit der Singdrossel zu reden.“ Achim löste sich von seinem Freund. Ihr kleines Geheimnis durfte ruhig noch eine Weile eines bleiben.



03

Daniel hockte wie ein Häufchen Elend im Wohnwagen und hatte keine Ahnung, was auf ihn zukam. Markus hatte ihn abgeschminkt und versuchte mit ihm zu reden, aber sein Freund war vollkommen von der Rolle. „Daniel, du bist ein toller Sänger. Die Japaner haben das auch gemerkt“, sagte er zum wiederholten mal, aber seine Worte kamen anscheinend nicht an.

„Das sagst du, weil du mein Freund bist. Aber Achim muss es wissen. Er checkt den Marktwert und kennt die Verträge und die Kunden“, sagte Daniel leise und rollte die Schultern. Gierig schielte er nach der Schachtel Tabletten, denn sein Rücken brachte ihn fast um. Er hatte sich bestimmt einen Nerv eingeklemmt, weil er sich überanstrengt hatte, ohne sich vorher aufzuwärmen. Er musste zum Arzt, ob er wollte oder nicht. Verdammt.

„Ich sollte in Zukunft die Klappe halten. Sicher findet er mich zu aufmüpfig und dann feuert er mich wirklich noch. Das kann ich nicht zulassen.“ Er legte die Hände über die Augen. Der mangelnde Schlaf machte sich langsam körperlich bemerkbar. Er fühlte sich erschlagen.

„Daniel.“ Markus nahm das Gesicht seines Freundes in beide Hände. „Du hast eine tolle Stimme. Dein Marktwert ist viel besser als du glaubst. Eure Platten verkaufen sich einfach fantastisch, nur gibt Achim das nicht zu. Er will, dass du glaubst, dass du nichts Besonderes bist, aber das bist du. Jedes Mal wenn ich dich singen höre, bekomme ich eine Gänsehaut, weil deine Stimme so einmalig und wundervoll ist.“

„Hm“, machte Daniel nur, er sah noch nicht einmal auf. Er zog sich nur die Perücke endlich vom Kopf und zog sich die Ringe von den Fingern. Dabei sah er Markus lächelnd an, so wie immer, wenn er nicht mehr weiter wusste, denn das sagte Markus oft und wenn er seine Bestätigung dessen bei Achim suchte, lachte der ihn aus. Er kannte das Spiel schon – wie ein Hamster in seinem Laufrad durchschritt Daniel diese Tretmühle. „Lass uns verschwinden“, schlug er vor und erhob sich. Alles, was er wollte, war weg und sich hinlegen.

Markus wusste, dass es jetzt keinen Zweck hatte, weiter auf Daniel einzureden. Das würde seinen Freund nur noch mehr verwirren. „Ja, wir sollten gehen.“ Markus wollte gerade die Tür des Wohnwagens öffnen, als sie aufgerissen wurde.

„Mist“, murmelte der Choreograf leise. Genau das hatte er vermeiden wollen, dass sie jetzt noch einmal auf Achim trafen. Sie waren zu langsam gewesen und er war sich sicher, dass sich das jetzt rächte.

„Wohin des Weges?“, frotzelte er und stellte sich so in die Tür, dass Markus nicht durch kam und Steffan stand in seinem Rücken, falls der Mann es doch versuchen sollte. Lieber schob er Markus zurück und drückte ihn auf den Stuhl neben Daniel.

„Raphael, wie oft muss ich dir noch erklären, dass du nicht einfach so an einem ARK-Set in zivil herumzulaufen hast. Es geht keinen was an, wer hinter Raphael steckt. Perücke auf, aber ein bisschen plötzlich.“ Achims Stimme hatte sich wieder beruhigt. Er wirkte selbstzufrieden und das machte Markus Sorgen. Wenn der Kerl so drauf war, dann hatte er neue Ziele und die waren meistens nicht nach seinem oder gar nach Daniels Geschmack.

Es schmerzte Markus, dass Daniel sofort wieder die Perücke aufsetzte. Achim hatte erreicht, was er wollte. Der Sänger war eingeschüchtert und angeschlagen. Der Manager hatte etwas vor und sie brauchten auch gar nicht lange darauf warten. „Gabriel wird bei dir einziehen, Raphael“, ließ Achim die Bombe platzen. „Die Fans erwarten, dass ihr als Liebespaar zusammenwohnt. Geplant ist ja sowieso die Homestory, dann können wir ja gleich nach draußen demonstrieren, wie harmonisch es bei euch zugeht.“

„Wie bitte?“ Daniel schluckte hart. Seine letzte Zuflucht wollte Gabriel auch noch entweihen? Was grinste der Mistkerl so kalt? „Nein“, sagte Daniel und schüttelte den Kopf. „So was wie heute wird nicht wieder passieren, aber ich werde alleine wohnen bleiben. Das ist meine Wohnung.“ Seine Stimme zitterte. Daniel sank zusammen.

„Er zahlt die Miete und bereits das Grundgesetz stellt den Schutz der Wohnung klar heraus. Du entscheidest nicht, wer zu Daniel zieht.“ Markus konnte das nicht fassen. Wie weit wollten diese Bastarde denn noch gehen? Dann hatte Daniel gar keine Ruhe mehr und zu ihm konnte der Sänger nicht flüchten, weil er sonst hinter etwas kam, was so nicht ans Tageslicht kommen sollte, nicht jetzt, nicht wenn Daniel so angeschlagen war.

Achim ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. „Bist du jetzt sein Sprachrohr? Von wem bekommt er das Geld für die Miete. Das wird es nicht mehr geben, weil wir Einbußen haben werden, wenn wir diese Homestory nicht machen. Er kann sich also überlegen, Steffan bei sich aufzunehmen oder bald umzuziehen, weil er sich die Wohnung nicht mehr leisten kann.“ Achim wusste, wie sehr Daniel an seiner Wohnung hing und hoffte, ihn so dazu zu bringen, Steffan aufzunehmen.

Daniel stand unter Schock, er versuchte alle Fakten unter einen Hut zu bekommen, die er eben gehört hatte. „Homestory. Was soll das? Warum vereinbarst du solche Termine, ohne mich zu fragen?“ Daniel begriff einfach nicht, warum Achim so mit ihm umging. Was hatte er verbrochen? Er tat immer, was von ihm verlangt wurde. Er hielt jeden Termin, wenn Achim sagte spring, fragte er wie hoch. Und jetzt wurde sein Privatleben immer weiter nach außen gezerrt?

„Das ist Daniels, nicht Raphaels Wohnung. Auch wenn das Geld für die Miete von seinem Gesang kommt“, mischte sich Markus wieder ein, er ließ sich von Achim, nicht einfach mundtot machen.

„Das sind Spitzfindigkeiten. Daniel ist Raphael.“ Achim ließ den Einwand nicht gelten und langsam wurde er wieder ärgerlich. „Es ist nun mal so, dass er nur singen kann, solange es die Band gibt und wenn wir kein Geld einnehmen, wird die Band aufgelöst. Wenn ihm das lieber ist, dann soll er das sagen. Ich finde es aber sehr selbstsüchtig von ihm. Die Band besteht nicht nur aus ihm.“

„Nein!“, rief Daniel und sprang auf, doch Markus hielt ihn zurück. Das war doch genau das, was Achim erreichen wollte. Sein Todschlagargument für jede Gelegenheit.

„Daniel ist nicht Raphael, auch wenn dir das nicht passt und erzähl mir nicht, dass die Band nicht allein mit ihren Platten genügend abwirft. Glaube mir einfach, wenn ich dir sage, ich kenne die Zahlen.“ Ob das nun wirklich so war oder nicht, konnte Achim sich jetzt aussuchen, doch Markus machte ein versteinertes Gesicht, eine Maske, in der nichts zu lesen war außer Entschlossenheit. Und wenn er diese scheiß Band zerstören musste, um Daniel zu retten, dann war er dazu bereit. Sie brauchten ARK nicht, anders herum wurde ein Schuh draus.

Achim blinzelte kurz und seine Augen flackerten unsicher, aber dann war sein Gesicht wieder eine abweisende Maske, so wie meist, wenn er mit Daniel redete. „Jetzt reicht es aber. Ich rede mit Daniel und nicht mit dir. Was mischst du dich überhaupt ein?“ Er musste das Ruder rum reißen, sonst hetzte dieser Pinselschwinger Daniel noch auf. Es gab wohl nur eine Sache, die er machen konnte. „Wir könnten die Homestory ja streichen, wenn wir dein Gehalt einsparen. Das wäre vielleicht sogar keine schlechte Idee.“

„Nein, hört auf!“ Daniel wand sich in Markus’ Armen wie von Sinnen. Das war ein Alptraum. Die beiden Männer starrten sich in Grund und Boden und keiner schien nachgeben zu wollen. Warum sagte Markus denn nichts? Er sollte einlenken und seinen Job behalten, der einzige, der für ihn da war, durfte ihn nicht verlassen. Deswegen kam Daniel ihm zuvor. „Ich stimme zu, dafür wirst du kein zweites Mal daran denken, Markus zu kündigen.“ Seine Stimme war leise und brüchig, er besiegelte sein Schicksal und gab seine Freiheit für Markus auf, doch das war es wert.

„Bist du irre?“, fragte Markus mit großen Augen und war kurz davor, Daniel zur Vernunft zu schütteln. Doch er ließ es, Daniel war zu labil. Alles, was er wollte, war seine Ruhe und weg hier, das sah man ihm an.

„Im Gegensatz zu dir ist er nur zu Vernunft gekommen. Also halt die Klappe, er hat sich entschieden“, sagte Steffan, dem es zu lange dauerte, mit den beiden Blindfischen zu diskutieren. Er wollte heim und noch eine Runde schlafen. Die Nacht war kurz gewesen.

„Na, dann ist ja alles geklärt. Steffan zieht übermorgen bei dir ein.“ Achim grinste Markus, der immer noch völlig entgeistert auf Daniel guckte, an und erhob sich. Er hatte erreicht, was er wollte, jetzt konnten sie gehen. „Ach, eh ich es vergesse, Raphael: ab morgen haben deine nichts sagenden Hände lange, schwarze Nägel, sonst kannst du gleich wieder von den Proben verschwinden. Lass dir was einfallen.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und verließ den Wohnwagen.

Erst als sie alleine waren kam wieder Leben in Markus. Er ging zu Daniel rüber, der völlig aufgelöst wirkte und zog ihn in seine Arme. „Warum hast du das gemacht? Du weißt, dass er dir die Hölle auf Erden bereiten wird.“

„Aber dann habe ich wenigstens noch dich. Wer soll mich retten, wenn du weg bist?“, sagte Daniel mit brüchiger Stimme und klammerte sich Halt suchend an Markus, auch wenn er seinen Freund dabei überragte. Er wusste, dass es Egoismus gewesen war und er Markus in dem Moment zu einem zahnlosen Tiger gemacht hatte, doch er hatte es nicht mehr ertragen. Das war einfach zu viel.

„Ach Daniel.“ Markus hielt seinen Freund fest und ließ ihn sich bei ihm anlehnen. Warum hatte das jetzt passieren müssen? Seit er für die Band arbeitete, hatte er versucht, Daniel Selbstvertrauen zu geben, damit er sich gegen Achim und Steffan wehren konnte und alles, was er erreicht hatte, war nur noch ein Scherbenhaufen, weil der Sänger sich für ihn geopfert hatte. „Das hättest du wirklich nicht tun sollen, aber ich danke dir dafür.“

„Was hätte ich denn machen sollen?“, schluchzte Daniel leise. Er war am Ende, konnte nicht mehr an sich halten. Sein Körper zitterte und so ließ er sich wieder auf einen der Stühle sinken. „Zugucken, wie du gehst und ich allein mit den beiden bin? Holger und Ulli kochen doch ihr eigenes Süppchen, die haben mit Steffan und Achim kaum was zu tun. Nur mich haben sie am Wickel und schleifen mich in die Öffentlichkeit wie ein Wundertier. Ich brauche dich, Markus. Ich kann dich nicht verlieren!“

So hatte Markus Daniel noch nie gesehen und es schmerzte ihn. „Du wirst mich nicht verlieren. Ich würde dich nie alleine lassen.“ Markus grinste und schnickte seinem Freund vorsichtig gegen die Nase. „Du kriegst das doch alleine gar nicht hin, dich fertig zu machen.“ Er musste seinen Freund wieder aufheitern, denn so wie er gerade drauf war, musste er Angst um Daniel haben.

„Blödmann“, schmollte der Sänger leise, sah Markus aber schon wieder etwas gefasster an. „Außerdem bräuchte ich dann auch einen neuen Trainer, vielleicht einen, der mir nicht immer sagt, ich soll das fettige Zeug weglassen, wenn ich weiter beweglich bleiben möchte, vielleicht einen, der mich lieber hat als du.“ Daniel schien sich wieder gefasst zu haben, auch wenn der Schock noch tief saß. Er würde es wohl erst richtig begreifen, zu was er eben zugestimmt hatte, wenn Steffan mit Sack und Pack bei ihm in der Tür stand.

„Pff“, machte Markus und tat beleidigt. „Na, du bist ja ein Freund. Da überleg ich mir besser, ob ich dich noch lieben werde.“ Er verbot Daniel nicht gerne das, was er gerne aß. Wenn es nach ihm ginge, sollte er essen, was er wollte und ruhig ein wenig an Muskeln und Gewicht zulegen, was er jetzt noch verhindern musste, solange sein Freund noch in der Band war. Achim verlangte, dass Daniel so blieb, wie er war und das war leider nur so zu erreichen. Seine feminine Ausstrahlung war sein Kapital, zumindest sah Achim das so, weil er mehr wollte, als nur die Band und ein paar verkaufte Platten. Er wollte Raphael vermarkten, mit allem was er war und was er hatte. Und jeder, der dagegen arbeitete, hatte so gut wie verloren.

„Lieb mich wieder, sei nicht böse“, flüsterte Daniel und wusste um die Wirkung seiner Stimme. Dann lächelte er und richtete sich wieder völlig auf, biss sich dabei auf die Zunge, denn der Rücken krampfte. Wann hörte das endlich auf?

„Na gut.“ Markus seufzte theatralisch und knuffte Daniel vorsichtig gegen die Schulter. Er hatte bemerkt, dass sein Freund wohl Schmerzen hatte, aber da er das vor ihm zu verbergen suchte, sagte er nichts und tat so, als wenn er es nicht gemerkt hätte. „Fahren wir nach Hause und legen uns noch ein wenig hin. Die Nacht war viel zu kurz.“

„Ich“, setzte Daniel an und brauchte länger als normal, aus dem Wohnwagen zu kommen. Die wenigen Stufen machten ihm Probleme. Es ging nicht anders, er musste zum Arzt. „Mein Rücken wird nicht besser. Ich muss zum Doc. Vielleicht verschreibt der mir was. Kannst du mich dort absetzen? Ich fahre dann mit dem Bus heim“, bat er und sah Markus bettelnd an, ging aber auf den alten VW zu. Das Set war leer geworden und wie es schien, warteten die Männer nur noch darauf, dass er und Markus den Wagen räumten, um ihn wieder ins Lager zu ziehen.

„So schlimm?“ Markus war ein wenig beunruhigt, denn Daniel und Ärzte passten nicht zusammen. Der Sänger ging nur zum Arzt, wenn es gar nicht mehr anders ging. Er musste also starke Schmerzen haben. „Vorschlag. Ich setze dich beim Arzt ab, gehe was einkaufen und du schickst eine SMS, wenn du fertig bist, dann hol ich dich ab. Wie sieht das denn aus, wenn der Erzengel Raphael mit dem Bus fährt.“ Schließlich hatte Daniel immer noch sein Raphael Outfit an.

„Ich hatte vor, mich auf der Rückbank deines Wagens umzuziehen“, sagte Daniel, denn das letzte, was er wollte, war dieses Kostüm länger tragen als nötig. Nicht dass er es nicht mochte, er liebte jedes Stück, dass Jessica ihm schneiderte, doch es machte ihn zu jemandem, den er nicht mochte und den jeder Dritte auf der Straße erkannte. Das war der Vorteil von Daniel – den kannte keiner und den ließ jeder in Ruhe. Er war so nichtssagend und unscheinbar.

„Meinst du, das klappt? Soll ich dich nicht lieber erst nach Hause fahren und danach zum Arzt?“ Markus war von der Idee nicht begeistert, besonders mit einem schmerzenden Rücken war es nicht sehr angenehm, sich auf einer Autorückbank umzuziehen. „Ich hole dich trotzdem ab.“

„Tu, was du nicht lassen kannst.“ Sie waren beide stur, doch das hielt sie nicht davon ab, einander zu mögen. Als Markus aufgeschlossen hatte, kroch Daniel wirklich zu seiner Tasche auf die Rückbank und versuchte das missbilligende Gesicht seines Freundes zu ignorieren. Sie hatten doch keine Zeit. Markus hatte neben seinem Job für ARK auch noch ein paar kleine Sachen laufen, die er regelmäßig bedienen musste. Da kam ihm freie Zeit doch ganz gelegen. „Schau nicht so“, sagt er leise, „wenn’s nicht geht, fahren wir heim. Wenn’s klappt, schön.“

„Sturkopf.“ Markus gab auf, denn das hatten sie schon oft durch. Wenn Daniel etwas nicht wollte, dann konnte man eher mit einer Wand reden und ein Einlenken erwarten. Markus fuhr los und kontrollierte im Rückspiegel immer wieder, was Daniel machte. Widererwarten bekam der Sänger es ganz gut hin, sich umzuziehen. Zwar wand er sich wie eine Schlange und ab und an musste Markus sich abwenden, weil er sie sonst beide an den nächsten Laternenmast gesetzt hätte, doch nun war Daniel wieder der, der er gern war – nur Daniel. Umständlich schlängelte er sich noch auf den Vordersitz, wieder unter Markus’ missbilligendem Blick, doch dann saß er endlich und stöhnte. Das hatte ihm sein Rücken übel genommen, sehr sogar.

„Du ruhst dich aus, wenn du wieder Zuhause bist“, bestimmte Markus und da ließ er nicht mit sich verhandeln. Morgen war wieder ein anstrengender Tag für Daniel, da sollte er sich so viel Ruhe gönnen wie möglich. Er selber musste nachher noch weg. Er vertrat zurzeit den Stylisten in einem kleinen Theater. Das war nicht so zeitaufwendig und brachte gutes Geld. Zumindest ließ er Daniel in dem Glauben.

„Ja, mach ich“, muffelte Daniel und grinste schief. Einer von beiden versuchte immer das letzte Wort zu haben und weil Daniel wusste, dass Markus Recht hatte, ließ er seinem Freund heute den Triumph. Aber auch, weil sein Freund noch weg musste, um zu arbeiten, dann war es Daniel lieber, er hatte den Kopf frei und musste sich keine Sorgen um seinen Schützling machen.

„Chips, Cola und Fernseher, das wird der Nachmittag schlechthin.“

„Fettarme Chips und Zuckerfreie Cola“, kam es gleich von Markus. Das machte er schon automatisch, ohne darüber nachzudenken und es tat ihm gleich leid. Heute sollte er wohl nicht so sein, sein Freund brauchte ein wenig Trost. „Vergiss, was ich gesagt habe. Heute darfst du schlemmen.“

„Okay.“ Daniel konnte sich das Lachen nicht verkneifen und er wusste, dass Markus wirklich in Sorge war, als er das Go für seine Tagesplanung bekommen hatte. „Und du flirte noch ein bisschen mit Thom, der steht nämlich tierisch auf dich“, stichelte Daniel.

Markus hatte sicher schon bereut, seinem Schützling davon erzählt zu haben, dass sich wohl einer der Darsteller im Theater in ihn verguckt hatte. Seit dem ließ Daniel ständig nette Grüße bestellen und hatte auch sonst gute Tipps auf Lager.

Diesen Thom gab es wirklich und er sah auch so aus, wie Markus ihn beschrieben hatte, nur dass er nicht im Theater arbeitete, sondern einer der Techniker für seinen eigentlichen Zweitjob als Sicherheitstester für Netzwerke war. Er hatte Daniel ja irgendetwas erzählen müssen, was in diesem Theater passierte und da hatte er einfach von Thom erzählt, der wohl wirklich ein wenig in ihn verschossen war.

„Daniel“, knurrte Markus auch gleich. „Ich will den Kerl nicht.“ Aber wie immer stieß er auf taube Ohren, denn Daniel schlug ihm vor, den netten jungen Mann doch einmal ins Kino oder in ein Restaurant zu entführen. Vielleicht würde er dann merken, dass er den Kerl doch wolle. „Nein, will ich nicht“, wiederholte Markus wie jedes Mal, obwohl er wusste, dass es Daniel nur noch mehr sticheln ließ.

„Aber er ist doch hübsch“, sagte Daniel und das meinte er wirklich. Thom war, nach Markus’ Schilderungen, klassisch schön. Er war männlich, aber nicht zu massig. Er brachte einige Kilo mehr auf die Waage als Daniel selber und seine Züge waren erwachsener, seine Muskeln größer, seine Schultern breiter. Er war all das, was Daniel nicht sein durfte, wenn er seinen Traum leben wollte. „Was stimmt denn nicht mit ihm?“

„Gar nichts. Er ist wirklich nett und er sieht gut aus. Ich will ihn nur nicht. Das ist eben so.“ Dass er nicht Daniel war und deswegen nicht für ihn in Frage kam, konnte Markus seinem Freund schlecht sagen, darum blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn mit Halbwahrheiten abzuspeisen. „Er verdient einen Freund, der ihn liebt und ich bin das nicht.“

„Hast du etwa schon etwas anderes im Auge, du Schwerenöter?“, fragte Daniel lauernd, doch er bekam keine Antwort mehr, weil Markus gerade auf den Parkplatz vor der Praxis fuhr und Daniel tief Luft holte. So kam Markus noch einmal um eine Lüge herum. „Da muss ich jetzt rein und wehe der kann mir nicht helfen“, muffelte Daniel und griff seine Tasche. Das Kostüm blieb auf der Rückbank liegen, das musste er jetzt nicht mit sich herum schleppen.

Weil Daniel die Tür schon hinter sich zugeschlagen hatte, machte Markus ihm durch Zeichensprache klar, dass er ihn anrufen sollte, wenn die Untersuchung vorbei war. Bis dahin musste Markus noch einmal in Daniels Wohnung. Wenn Steffan demnächst dort einzog, musste er seine Überwachungstechnik überprüfen. Nicht auszudenken, wenn die Kameras und Mikrofone entdeckt wurden – egal von wem.


04

„Herr Braner“, begrüßte ihn Stefanie, die Sprechstundenhilfe und reichte ihm wie üblich die Hand über den Tresen. „Wo fehlt es denn?“, fragte sie gleich und ließ sich die Karte geben.

„Es fehlt nichts, ich würde gern was loswerden. Die Rückenschmerzen nämlich. Ich glaube, da ist was verklemmt“, erklärte er sein Problem und stützte sich auf die Theke, das tat gut.

„Das klingt aber gar nicht gut, zu schnell bewegt, verkühlt?“, wollte die junge Rothaarige wissen und sah Daniel über ihre rahmenlose Brille hinweg mitleidig an.

„Wahrscheinlich alles zusammen“, grinste Daniel schief. Er konnte der Sprechstundenhilfe ja schlecht sagen, dass er sich gestern auf dem Konzert etwas eingefangen hatte.

„Oha.“ Stefanie verzog das Gesicht. „Setzen Sie sich noch kurz in den Warteraum. Ich sage Dr. Linke Bescheid, dass sie da sind und hole sie, wenn er Zeit hat.“

„Danke.“ Daniel lächelte unverbindlich und bekam seine Karte wieder, dann suchte er sich einen Platz im Warteraum. Er genoss es, nicht weiter beachtet zu werden. Ein höflicher Gruß und das war’s. Keiner kreischte, keiner kicherte, keiner wollte ein Foto oder ein Autogramm oder ihn mal anfassen. So griff er sich eine der Zeitschriften und fing an zu lesen.

Er hatte einen interessanten Artikel gefunden, in den er sich vertiefte, so erschreckte er sich ein wenig, als ihm jemand auf die Schulter tippte.

„Ah, jetzt werde ich bemerkt“, lachte Stefanie und grinste. Sie hatte Daniel nämlich schon zweimal aufgerufen, aber keine Reaktion bekommen. „Der Doktor hat jetzt Zeit für sie. Zimmer zwei, bitte“, erklärte sie und war schon wieder weg. Sie hatte noch einiges zu tun.

„Ähm, danke.“ Daniel kratzte sich verlegen am Kopf und machte sich dann auf. Er griff Jacke und Tasche und war eilig im Behandlungsraum verschwunden, ehe noch jemand anfing über ihn zu lachen. „Hallo Doktor Linke“, grüßte er und nahm Platz vor dem Schreibtisch.

„Guten Tag, Herr Braner.“ Der junge Arzt stand lächelnd auf und reichte Daniel die Hand und setzte sich dann wieder „Sie haben es im Rücken?“, kam er gleich zum Thema. „Dann beschreiben sie mir doch mal, wo genau es weh tut und was das für Schmerzen sind.“

„Ja, Rücken – zumindest tut es dort weh. Also...“ Daniel erhob sich und zog sein Shirt aus der Hose, um besser zeigen zu können, was Probleme machte. „Wenn ich mich in einer Achse bewege – also nur rauf und runter, das geht schon. Aber sobald ich mich drehen will oder zu schnell bewege oder es mit Gewicht belaste, zieht es und krampft“, fing er an darzustellen, was ihm Sorgen bereitete.

„Gut, da habe ich Ansatzpunkte.“ Dr. Linke fing an, Daniel zu untersuchen, er bewegte, drückte und verdrehte seinen Patienten, bis er eine Diagnose hatte. „Sie haben sich den Ischias-Nerv eingeklemmt. Ich kann ihnen Spritzen geben, die die Symptome lindern, aber sie sollten sich die nächste Zeit so wenig wie möglich bewegen. Man sollte auch noch abklären, ob es von den Bandscheiben kommt, denn das ist eine häufige Ursache. Ich schreibe sie krank und mach ihnen eine Überweisung zum Orthopäden fertig. Massagen helfen gut, darum verschreibe ich ihnen welche.“

„Wie bitte?“ Daniel glaubte sich gerade verhört zu haben. Wenn er Achim mit einer Krankschreibung kam, dann brannte die Luft. Das war das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. „Geht das nicht auch ohne Krankschreibung? Ich habe in der nächsten Zeit ziemlich viel zu tun, wissen sie?“ Er zog sich das Hemd wieder gerade und zuckte, als er sich setzte.

Der Arzt sah Daniel kurz nachdenklich an und schüttelte dann den Kopf. „Das würde ich nicht empfehlen. Ihr Körper macht sie darauf aufmerksam, dass etwas nicht stimmt. Das zu ignorieren kann alles nur noch verschlimmern. Wenn es wirklich die Bandscheiben sind, ist unbedingt Bettruhe angesagt.“ Dr. Linke war von der Frage nicht begeistert, dass sah man ihm an und hoffte auf die Vernunft seines Patienten. Zwingen konnte er Daniel nämlich nicht.

„Dann ist da wohl nichts zu machen“, sagte er resigniert, grinste aber schief. Der Mann machte ja nur seinen Job und wollte das Beste für Daniels Gesundheit. Der konnte ja nicht wissen, dass der junge Mann den Teufel im Nacken sitzen hatte. „Ich werde es versuchen und gleich ins Bett kriechen, wenn ich heim komme.“ Das hatte er ja Markus sowieso versprochen.

„Und das nicht nur heute.“ Der Arzt guckte streng, denn er hatte so eine Ahnung, dass sein Patient wohl nicht freiwillig im Bett blieb. „Dann kriegen sie jetzt noch ihre Spritze, um die Symptome zu lindern und dann sind wir für heute erst einmal fertig. Ich möchte sie aber in einer Woche wiedersehen.“

Daniel nickte und holte tief Luft. Spritzen waren nicht gerade seine Freunde. Wenn er zum Grippeschutz kam, hielt die Schwester seine Hand und wenn er Impfungen brauchte, war ihm schon drei Tage vorher schlecht. Und jetzt, so ohne Vorbereitung? Gab es denn dafür keine Tabletten? Doch als er sich erhob und er wieder zurückfiel, weil der Schmerz ihm die Kraft nahm, sich aufzurichten, war ihm klar, dass Tabletten das nicht in den Griff kriegen konnten.

„Stefanie, kommen sie bitte einmal“, rief Dr. Linke seine Sprechstundenhilfe. Er wusste um die kleine Schwäche seines Patienten und wenn er Daniel das Spritzen somit erleichtern konnte, dann war das in Ordnung.

Die junge Dame hatte sich so etwas schon gedacht und nahm gleich Daniels Hände in ihre. „Keine Angst, Dr. Linke passt auf“, lächelte sie und drückte die Hände in ihren leicht.

„Ist ja nicht so, als würde ich nicht glauben, dass er sein Handwerk sehr wohl versteht, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er ganz hinterhältige, fiese Nadeln benutzt, die meine schöne Haut einfach kaputt machen, da Löcher rein pieksen und...“ Daniel stoppte, als er die Nadel spürte. Das war nicht wie Grippeschutz, wo man die dünnen Kanülen kaum spürte. Das hier tat mehr weh und er drückte Stefanies Hand fester, aber nicht zu fest, er wollte ihr nicht wehtun.

„Gleich vorbei“, versprach Stefanie und lächelte. Sie mochte Daniel und freute sich jedes Mal, wenn er in die Praxis kam. Das war leider viel zu selten und meist beachtete er sie nicht wirklich. Er war immer nett und höflich, aber auch distanziert, was sie sehr schade fand. „Sehen sie, schon vorbei“, lachte sie, als der Arzt fertig war und zog ein kleines Tütchen Gummibären aus der Tasche. Wenn die kleinen Patienten und Daniel tapfer waren, wurden sie damit belohnt.

„Danke“, nuschelte Daniel und suchte sich noch ein buntes Pflaster aus, was auf den Stich geklebt wurde, während er gleich ein Gummibärchen zum Trost kaute. Das linderte den Schmerz ein wenig, denn das Schmerzmittel brannte ziemlich im Gewebe. Blieb zu hoffen, dass es auch half.

„Lassen sie sich noch einen Termin für nächste Woche geben“, sagte Doktor Linke eindringlich, ehe er sich verabschiedete, weil im nächsten Zimmer schon eine Patientin wartete.

„Ich mach das schon“, versicherte Stefanie und zog Daniel am Arm mit zur Anmeldung. „Ah, sie bekommen noch eine Überweisung und einen Krankenschein“, murmelte sie, als sie Daniels Daten aufrief. Sie druckte beide Bescheinigungen aus und bat Daniel kurz zu warten, als sie sie vom Arzt unterschreiben ließ.

„So, wann möchten sie nächste Woche Montag kommen“, fragte sie, als sie Daniel die Bescheinigungen aushändigte.

Doch der kam ins Stocken. Er ging seine Termine durch, doch was am Montag anstand wusste er noch nicht. Beim besten Willen. Achim liebte es, mit Überraschungen um die Ecke zu kommen. Am besten brachte er es so schnell wie möglich hinter sich und hoffte, dass nicht wieder ein Shooting bei Sonnenaufgang geplant war. Zum Glück öffnete die Praxis zeitig. „Gleich als erster, wenn das geht?“, fragte er also.

„Gut, dann kommen sie gleich um acht.“ Stefanie trug den Termin ein und gab Daniel noch einen Zettel mit den Daten mit. „Dann sehen wir uns nächste Woche“, sagte sie lächelnd und reichte ihm die Hand. „Ich freu mich“, sagte sie leise und wurde ein wenig rot. Das hatte sie sich bis jetzt noch nie getraut, aber vielleicht brauchte der junge Mann nur einen Hinweis, dass sie Interesse an ihm hatte.

„Vielen Dank“, sagte Daniel in seiner gewohnt höflichen Art und lächelte, doch er blieb unverbindlich. Er hatte für Partner keine Zeit, weder für Jungs noch für Mädchen. So nahm er seine Unterlagen und packte sie weg, ehe er die Praxis verließ und Markus wie versprochen eine SMS schickte. Markus sollte ihm sagen ob es passte, wenn nicht, könnte Daniel wirklich mit dem Bus fahren, denn er hatte eine Spritze bekommen, das ginge schon.

Das musste er aber nicht, denn Markus schrieb zurück, dass er gleich da sei, um ihn abzuholen. Er war mit seiner Wohnungsinspektion fertig und hatte für Daniel ein bequemes Lager in dessen Bett eingerichtet. So konnte sein Freund Fernsehen und dabei Chips essen und Cola trinken. Allerdings war er so frei gewesen, auch noch ein paar gesündere Dinge zu deponieren wie frische Brötchen und Aufschnitt, das mochte Daniel nämlich ziemlich gern. Er starb für Zwiebelciabatta und Frischkäse in Scheiben. Markus wusste nicht warum, aber es war nun einmal so. Die Geschmäcker waren zum Glück verschieden.

„Danke!“, sagte Daniel, als er einstieg. Er beeilte sich, weil Markus direkt vor der Praxis im Halteverbot stand.

„Mach ich doch gerne. Was hat der Arzt gemacht? Konnte er dir helfen?“ Markus sah Daniel nicht an, weil ziemlich viel Verkehr auf den Straßen war. Aber er war neugierig und wollte wissen, was sein Freund hatte. Schließlich musste er wissen, was er seinem Freund zumuten konnte.

„Er hat mich gebogen und gedreht, hat mir Schmerzen zugefügt und mir eine Spritze gegeben. Er meinte, das wäre der Ischiasnerv und ich soll mal zum Orthopäden“, gab Daniel freimütig Auskunft und unterschlug die Krankschreibung mal eben. Wenn Markus davon erfuhr, band er ihn am Bett fest und dann konnte er morgen nicht zur Probe. Das Unwetter, was dann folgte, wollte Daniel nicht über sich ergehen lassen müssen, nicht mal im Tabletten-Delirium.

„Eine Spritze und das ohne jede Vorwarnung. Armes Häschen?“ Markus wusste von der Angst seines Freundes vor Spritzen und er wuschelte ihm kurz durch die Haare. „Und was sollst du noch alles machen? Viel liegen und den Rücken schonen, oder was?“

„Hat weh getan und jetzt habe ich ein Fledermauspflaster und die hier.“ Daniel präsentierte die letzten beiden Gummibärchen und überging erst einmal Markus’ Frage. Doch dann antwortete er doch lieber, denn sonst wurde Markus noch hellhörig. „Und ich soll mich jetzt ein bisschen hinlegen, was ich dir ja auch schon versprochen habe. Also mach ich das auch.“

„Gut, dann liefere ich dich Zuhause ab. Ich habe dein Bett schon mal vorbereitet.“ Markus war etwas beruhigt, denn er musste gleich wieder los zum Theater und wenn Daniel sich hinlegte, konnte ihm nichts passieren. „Ich komm nach der Arbeit vorbei und ich hoffe, dann sind noch Cola und Chips da.“

„Ich werde eine kleine Portion für dich beiseite stellen und den Rest vertilgen“, legte Daniel fest und griff um den Sitz, damit er ihn sich steiler stellen konnte. Das Lümmeln, wie er es gern tat, ging im Augenblick einfach nicht. „Danke für deine Fürsorge, was würde ich nur ohne dich machen.“ Daniel musste innerlich zugeben, dass er ohne Markus arm dran wäre. Vielleicht wurde es mit Steffan ja doch nicht so grausam wie er dachte, doch er bereute noch nicht, dass er sich für Markus und somit auch für Steffan entschieden hatte.

„Irgendwann brauche ich bestimmt auch einmal deine Hilfe.“ Markus lächelte kurz und hätte Daniel gerne gesagt, warum er all das machte, aber noch war nicht der richtige Zeitpunkt. Er musste noch mehr Beweise sammeln, um seinem Freund die Augen über Achim und Steffan zu öffnen. Jetzt würde es seinen Freund wohl zerstören, wenn er ihm die Wahrheit sagte.

„Du meinst, wenn du krank bist, werde ich dich auch bekochen müssen?“, fragte Daniel und grinste schief. „Als wenn es dir dann nicht schon dreckig genug gehen würde. Dann solltest du lieber Profis ran lassen.“ Sie lachten beide, denn sie erinnerten sich lebhaft daran, wie das gewesen war, als Daniel sich einmal eine Suppe hatte machen wollen. Das Chaos hatte man noch wochenlang beim Putzen in den Ritzen gefunden.

„Okay, dann lies mir besser was vor. Das kannst du gut. Ich höre dir gerne zu.“ Daniel hatte nicht nur eine außergewöhnliche Singstimme. Markus konnte stundenlang zuhören, wenn sein Freund etwas erzählte und manchmal hatte er das Gefühl, dass dessen Stimme ihn streichelte. Darum bat er ihn ab und zu, ihm etwas vorzulesen. Dabei konnte er die Augen schließen und einfach nur genießen. Ein paar mal war er dann schon neben Daniel eingeschlafen, der ihn dann liebevoll zugedeckt und sich ebenfalls zum schlafen drapiert hatte.

„Klar, das kann ich gern machen, auch wenn du nicht krank bist.“ Daniel nickte begeistert, denn wenn er seinem Freund so helfen konnte, machte er das doch gern!

Leider waren sie viel zu schnell zu Hause und es dauert ein paar Minuten, bis Daniel aus dem Wagen gekrochen war. Die Spritze wirkte zwar langsam, doch er fühlte sich irgendwie steif und ungelenk.

„Bis später“, verabschiedete sich Markus und wartete noch, bis sein Freund im Haus verschwunden war. Er wollte nicht fahren, aber er musste. Er brauchte das Geld seiner Nebenjobs um sein Leben zu finanzieren, denn er sparte das Gehalt, das er für seine Arbeit bei der Band bekam. Er verdiente dort sehr gut und so hatte er schon ein recht ansehnliches Polster geschaffen. Er wollte vorbereite sein, wenn er Daniel aus Achims Fängen holte. Sie brauchten Geld zum Leben und das sparte er jetzt schon seit mehreren Jahren an. Und er wusste, dass auch Daniel nicht verschwenderisch lebte. Markus hatte dafür gesorgt, dass Daniel sein Geld anlegte, so dass Achim nicht auf die Idee kam, darauf vielleicht eines Tages zugreifen zu wollen. Bei dem Kerl wusste man doch nie, was er als nächstes für eine Schweinerei ausheckte.

Daniel schlurfte die Treppen nach oben, das ging nicht so schnell wie normal und er wünschte sich im Augenblick nichts sehnlicher als einen Aufzug. Doch Altbauten hatten so was nicht. Als er oben bei seiner Wohnung angekommen war, war er froh, dass er sich gleich hinlegen konnte. Er schlurfte direkt ins Schlafzimmer und musste lächeln, als er sah, was sein Freund vorbereitete hatte. Auf einer Bettseite stand ein Tablett mit all den Köstlichkeiten, die Daniel gerne mochte. Auf dem Nachttisch stand eine große Flasche Cola in einem Champagnerkühler voller Eis und daneben die Fernbedienung des Fernsehers.

„Wer dich mal bekommt, hat wirklich Glück“, lächelte Daniel und ließ die Kleider fallen. Es war nicht so leicht aus der Hose und der Unterhose zu schlüpfen, noch schwerer war es, sich eine Schlafhose überzuziehen. Als der dritte Versuch scheiterte, weil er sich nicht richtig bücken konnte, ließ Daniel es bleiben und fiel so ins Bett, zog die Decke zu sich und eines der Brötchen. Die rochen aber auch verführerisch. Dann begann die sinnlose Beschallung mit dem, was das Nachmittagsprogramm so hergab, bis er auf den DVD-Wechsler umschaltete. Mal sehen, was da so lief.