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Alles was zählt - Teil 29 bis 32

-29-

„Sag mal, Vik", Leif lehnte an der Wand des Fahrstuhles, „war das jetzt echt notwendig gewesen? Kannst du Endre nicht einfach nur seinen Job machen lassen, ohne ihn gleich anzugehen? Ich habe dir gesagt, wie die Alternative ohne ihn aussieht und das hat dir auch nicht gepasst!"

Doch Viktor zeigte sich von der Predigt seines Verlobten sichtlich unbeeindruckt. „Hör mal, Schatz, der ist noch keine halbe Stunde hier, da rennt der Kerl schon im Bademantel durch die Gegend. Was soll ich denn von solch einem Vogel halten?"

Leif schnaubte. Es war irgendwie auch klar gewesen, dass Viktor wieder die Schuld von sich wies - schuld waren grundsätzlich die anderen. Das konnte noch ein weiter Weg werden mit den beiden. Doch Leif hatte sich dafür entschieden, also musste er einen akzeptablen Weg finden. Auch wenn er wusste, dass erklären keinen Sinn machte, tat er es trotzdem, weil er Endre nicht in diesem Licht stehen lassen konnte. Warum auch immer. „Der Kurze hat ihn eingeweicht beim Baden. Und er hat keine Wechselsachen hier! Das war alles." Doch er sah an Viktors Gesicht, dass er gegen eine Wand redete.

„Schatz", sagte Viktor und zog Leif noch mal zu sich, drängte ihn so mit dem Rücken gegen die Wand, um ihn endlich in Ruhe küssen zu können. „Ist mir scheißegal, was der Kerl macht, so lange er meine Kreise nicht stört, okay?" Nun, ganz die Wahrheit war es nicht, denn solange sich der junge Kerl noch in Leifs Nähe herum trieb, störte er Viktors Kreise mit allem, was er tat. Das begann beim Existieren und endete beim Atmen. Natürlich behielt er das für sich, denn somit hatte er einen guten Sandsack in Reichweite, wenn er mal wieder Frust abbauen musste. Dieser Endre würde noch begreifen, dass man sich mit einem Viktor Jansen nicht anlegte, schon gar nicht, wenn man so eine billige, verhärmte Straßenratte war.

Leif hingegen ließ ihn gewähren, erwiderte den Kuss, weil Viktor in seinen Augen ja auf genug hatte verzichten müssen und ließ sich ausgehungert küssen, öffnete die Beine, als Viktor seines dazwischen schob und stöhnte unterdrückt auf. Auch Leif spürte langsam, wie sich sein veränderter Tagesablauf auf seinen Hormonhaushalt auswirkte und wie leicht er mittlerweile zu erregen war. Es wurde wirklich Zeit, dass Endre bei ihnen einzog und sich auch abends und nachts um den Kurzen kümmern konnte, damit Leif endlich wieder auf seine Kosten kam.

Es war ja nicht so, dass er nicht gern dem Kind zuliebe verzichtete. JJ war mittlerweile sein Ein und Alles, auch wenn der Kleine noch nicht einmal eine Woche bei ihm war, aber sein eigener Körper verlangte auch. Das konnte er nicht leugnen und vor allen Dingen auch nicht ignorieren. Da kam es ihm sichtlich gelegen, dass er heute Dreh mit Viktor hatte und sie sich mal wieder richtig austoben konnten. Manchmal war sein Job einfach der Beste der Welt. Es würde schwer werden, ihn aufzugeben und er musste einen Ausgleich finden. Doch sicher kam das mit der Zeit. Darauf vertraute Leif einfach. „Liebe dich!", brachte er über seine Lippen, denn so war es auch.

Viktor lächelte zufrieden, nippte immer wieder an den weichen Lippen. „Du gehörst mir, Leif, nur mir!", murmelte er immer wieder wie ein Mantra, doch Leif hörte es kaum noch. Er war in seiner eigenen Welt gefangen, ließ sich von Viktors Knie bedrängen, von dessen Händen treiben. Er spürte, dass Viktor ihn langsam entkleidete, sah nur aus dem Augenwinkel, wie die Türen verriegelt wurden und ergab sich in die wissenden Hände. Er brauchte diese Nähe, er brauchte das Wissen darum, noch immer begehrt zu werden, auch wenn er keine dreißig mehr war. Er war süchtig nach diesem Gefühl, er war süchtig danach, geliebt zu werden, begehrt, bewundert. Er brauchte es wie das tägliche Brot.

Viel zu schnell wandte sich Viktor von seinen Lippen ab, drückte Leif bäuchlings gegen die von seinem Leib erwärmte Fahrstuhlwand und drängte sich präpariert in den geliebten Leib, tief und hart und schnell, die Gier tropfte aus jeder Pore, die Gier nach diesem Mann - seinem Mann.

„Liebe nur mich!", forderte er immer wieder. Sein heißer Atem schlug sich auf der glühenden Haut seines Geliebten nieder und Leif ließ immer wieder das Metall der Fahrstuhlwand beschlagen – unregelmäßig, denn sein Atem ging nur noch unstetig, immer wieder unterbrochen vom Keuchen und Stöhnen, das seine Lust aus den Lungen presste. Der finale Schrei war eine Erlösung und Leif ließ sich sinken. Er wusste, dass Viktor ihn halten würde, dass er sich auf seinen Verlobten immer verlassen konnte.

Wieder trafen sich ihre Lippen, als Viktor grinsend die Spuren ihres Tuns beseitigte und Leif sich träge wieder die Kleider richtete und zufrieden feststellte, dass sie noch sauber waren und er nicht noch einmal hoch musste, um sich umzuziehen. Er hätte Endre nicht erklären wollen, wobei er sich eingedreckt hatte. Er hätte es dem Mann auch nicht sagen müssen, er hätte es selber gesehen. Nur warum es Leif so peinlich war, vor seinem Kindehrmädchen so etwas zu gestehen, das wollte Leif selber nicht wissen. Er verdrängte den Gedanken.

„Und, Leif? Besser?", lachte Viktor und entriegelte die Türen. Der Fahrstuhl hatte schon lange sein Ziel erreicht und so warf er die Kondome und die Tücher in den Papierkorb, gleich neben der Tür.

„Ja, ich glaube schon. Aber verschieß nicht dein ganzes Pulver, alter Mann. Wir haben heute noch ein paar nette Höhepunkte vor uns", lachte Leif und schlang einen Arm um Viktor, lehnte sich kurz an ihn und lachte, als dieser knurrte.

„Pass auf, was du sagst, Jungspund. Du bekommst auch schon deine ersten grauen Haare. Da guck!", und zupfte seinem Verlobten ein Haar aus dem Schopf. Der zischte und guckte und konnte es gar nicht fassen.

„Das glaube ich nicht. Was hast du nur mit mir gemacht. Ich werde alt!" Ein Umstand, mit dem Leif gar nicht klar kam. In Würde zu altern war einfach nicht seins. Falten wurden bekämpft und jetzt fingen wirklich die grauen Haare an? „Ich werd nachher eine Färbung kaufen und das gleich beseitigen. So kann man das ja nicht lassen!"

Viktor lachte nur, das war so typisch Leif. Auf der einen Seite spielte und mimte er den unbeteiligten, den Mann von nebenan, mit dem sich jeder identifizieren sollte, aber auf der anderen Seite war er eitel ohne Ende. Doch das machte ihn nicht weniger liebenswert. „Spinner, mach lieber, dass du in den Wagen kommst!", sagte Viktor und setzte sich in den SLK. Den fuhr Leif grundsätzlich nur allein und als er von der Spedition aus Köln zurückgebracht worden war, war er auch um sein Auto geschlichen und hatte es auf Schäden und Spuren der Fremdbenutzung hin untersucht. Zum Glück hatte Leif nichts gefunden. Der Spediteur wäre seines Lebens nicht mehr froh geworden, denn der SLK war einfach Leifs Leben, sein Spielzeug, sein Baby. Leider. Selbst Viktor bildete da keine Ausnahme.

„Na los, ehe Frank wieder Suchanzeigen schaltet." Leif startete den Wagen und fädelte sich durch den morgendlichen Verkehr. Es ging auf einen kleinen Bauernhof, außerhalb der tobenden Stadt, denn sie hatten noch eine kleine Geschichte über einen Bauern und seinen Adoptivsohn, die beendet werden musste. Bauer Friedrich und sein Stallknecht, gespielt von Viktor und Leif, hatten seit Jahren ein Verhältnis. Doch als der Junge aus dem Internat zurückkommt und dies bemerkt, drängt er sich dazwischen, um seinen noch knackigen Vater für sich zu haben. Auch die Gier auf das spätere, nicht gerade kleine Erbe, spielte mit hinein.

Sie hatten sich mit Absicht auch ein plausibles Drehbuch dazu schreiben lassen, denn das war Leif wichtig. Vögeln konnte jeder, da gab es Hunderte von Produktionsfirmen auf dem Markt. Leif wollte sich abheben und sein Team war damit bis heute mehr als nur erfolgreich gefahren. Denn es gab neben den schwulen Jungs, die auf den harten Sex abfuhren, den 'Water Rats Inc.' ebenfalls bediente, auch immer mehr Frauen die einem gay-porn nicht generell abgeneigt waren. Aber wie das mit Frauen nun einmal war, wenn sie sagten, sie erwarteten eine Handlung, dann konnte man dem auch glauben. Die Verkaufsstatistiken bewiesen dies deutlich. Die Zeiten, in denen schwule Pornos nur für schwule Jungs gedreht wurden, waren endgültig vorbei und daran mussten sie sich gewöhnen.

Irgendwie freute sich Leif schon auf den Dreh, denn er durfte mal den eifersüchtigen Liebhaber mimen, weil der Stallknecht sich sicherlich nicht so leicht aus dem Bett des Bauern vertreiben lassen würde.

„Was glaubst du, wie wird sich Michael das erste Mal ohne Keil eigentlich schlagen?", fragte Leif. Auf diese beiden Neulinge hielt Leif große Stücke, denn sie brachten das mit, was man bei solchen Filmen brauchte. Nicht nur das Stehvermögen auf Kommando, sondern auch ein wenig schauspielerisches Talent und eine unvergleichliche Ausstrahlung vor der Kamera. Dazu waren sie hübsch und mussten nur selten geschminkt werden. Sie waren ein Glücksgriff gewesen.

„Ich glaube schon, er hat schließlich bei dir gelernt", sagte Viktor, auch wenn ihm das nicht gepasst hatte. Selbst vor der Kamera, wo es nur ein Job und rein körperlich war, sah es Viktor ungern, dass Leif sich einem anderen zuwandte. Er hingegen war da etwas großzügiger. Er hatte oft wechselnde Partner in den Filmen, auch wenn sich keiner von den Neuen mit Leif messen konnte.

„Na los, Schatz, gib Gummi, ehe uns die Domina steinigt, weil wir den Drehplan durcheinander bringen."



+++



Zur gleichen Zeit wartete Endre mit JJ gerade auf die Spedition. Er hatte ja gestern schon erklärt bekommen, wie man die Fahrstuhlanlage bediente und jemanden einlassen konnte, also vertrieben sich nun die beiden die Zeit mit den Bausteinen. JJ war ein ziemlich ehrgeiziger kleiner Kerl, denn er versuchte immer die höheren Türme zu bauen. Anfangs war er ziemlich deprimiert gewesen und hatte sich hinter Gustav versteckt, weil Endres Türme immer höher gewesen waren, doch schnell hatte der Kleine den Dreh raus, wie man besser baute und stabiler und weil Endre ja ein netter Endre war, ließ er JJ dann auch mal gewinnen. Was den Kleinen freilich diebisch freute.

Zwischendurch verschwanden sie immer mal wieder in der Küche, teilten sich einen Apfel oder eine Möhre und spielten dann wieder.

JJ taute langsam auf, brabbelte vor sich hin und Endre begann, ihm das eine oder andere Wort zu korrigieren und ließ es ihn nachsprechen. JJ lernte schnell und ziemlich rasch war eine Mö-me eben keine Mö-me mehr, sondern eine Möhre.

Was Endre gar nicht gefiel war die Tatsache, dass es keinen Tisch in der Küche gab, an dem der Kurze hätte mitarbeiten können. Die Theke war viel zu hoch und die Barhocker viel zu wacklig, auf dieses Experiment wollte sich Endre nicht einlassen. Hier musste wenigstens noch ein stabiler Stuhl her, auf dem JJ stehen und auf die Anrichte gucken konnte, damit er sich am Geschehen in der Küche auch beteiligen konnte. Nebenbei machte sich Endre eine Liste, über was er mit Leif noch reden musste.

Noch immer hing ihm der Morgen nach und dieser schwarzhaarige Verlobte, der hier noch herum lungerte, war Endre mehr als nur suspekt. Nicht nur, dass er ihn ohne ersichtlichen Grund angegangen war, er stellte sich auch gern auf einen Sockel mit seinem Geld. Das machte Endre wütend. Doch er zeigte es nicht, denn JJ konnte nichts dafür. Vielleicht erwischte er diesen komischen Kerl mal ohne den Jungen, dann würde er ihm auch ein paar Takte erzählen. Aber nicht wenn JJ dabei war, der musste solche Worte nicht hören. Das lernte der Kleine wohl noch früh genug.

„En-re!", hörte er es plötzlich und blinzelte. Vor ihm auf dem Boden saß JJ und sah ihn erwartungsvoll an, denn sein hoher Turm stand sicher und war außerdem noch größer als der von Endre. Der junge Mann grinste und strich JJ über die Haare. „Klasse!", sagte er, „wollen mir meinen auch so groß bauen?"

Doch JJ schüttelte nur den Kopf und versuchte, ganz schüchtern und zögerlich, Endres Turm zum Einsturz zu bringen. Er stupste immer zaghaft mit einem Finger gegen einen Stein und der Turm wackelte. Doch so richtig konnte sich JJ wohl nicht dazu durchringen, ihn wirklich kaputt zu machen, also tat es Endre einfach und lachte. JJ strahlte und riss gerade seinen Turm ab, um einen noch größeren zu bauen, als es klingelte.

Endre erhob sich, JJ auch, weil er neugierig war und weil Gustav ja auch ein sehr neugieriges Schaf war, musste der auch noch mit zur Tür. Über die Gegensprechanlage war schnell geklärt, wie das jetzt passieren würde und ein paar Minuten später öffneten sich die Türen das erste Mal.

Als die Spediteure das riesige Wohnzimmer und die Glasfassade vom Boden bis zur hohen Decke sahen, waren sie erst einmal sprachlos und Endre störte sie auch nicht. Doch dann kam das Geschäftliche.

„Wo soll det Zeuch denn hinne, Meester?", wollte einer der Männer wissen und drückte Endre den Lieferschein in die Hand. Der erklärte, wie sich Leif das gedacht hatte, fragte, ob das ein Problem wäre, doch der Mann lachte nur.

„Meester, für dette, wat der Herr Drieschner uns überwies'n hat, da fahr'n ma det Zeuch och ejenhändig nach China, wenn’s sein muss, wa?!", lachte er und Endre war sichtlich erleichtert darüber. Also stellten die Männer erst mal die Kisten auf den vorbereiteten Decken auf dem Parkett ab, während JJ und Gustav skeptisch auf die fremden Männer guckten, aus sicherer Entfernung versteht sich, denn sie lugten beide über die Couchlehne. Man sah nur noch eine große Plüschnase und blonde Haare.

„Hier lang!", orderte Endre nach oben und erklärte, welche Möbel weg sollten, welche eingelagert werden sollten. Die kleinen Nachttischchen wollte Endre hier behalten, die waren für JJ ganz gut zu gebrauchen. So waren die Männer erst einmal mit Abbauen beschäftigt. In der Zeit machte sich Endre unten wieder nützlich. Gustav lag faul auf der Couch herum und beobachtete die Packer, während der Kurze wieder bei Endre in der Küche war. Dort war viel mehr los. Endre hatte seinem Schützling zum Mittag nämlich Nudeln mit Würmern versprochen.

Erst war JJ von der ekligen Idee wenig erbaut gewesen, doch mittlerweile schob ihn die Neugier darauf immer wieder in die Küche. Er saß wieder auf der Anrichte, weit genug weg vom Herd und den Messern und guckte Endre nun zu. Der erklärte ihm immer, was er machte, unterhielt sich mit dem Kurzen und knuddelte ihn immer wieder mal. Ab und an durfte er auch kosten, wenn er wollte, doch nach einem Stückchen roher Zwiebel, von der JJ partout nicht abzubringen gewesen war, hatte er das Kosten erst mal satt und hielt sich lieber an seinen Tee. Der war definitiv besser.

Endre hingegen war nun gerade dabei Würmer zu braten. Das war nichts anderes als Hackfleisch, was, so wie es durch den Wolf gelassen war, in den kleinen Strängen belassen worden war und mit viel Geduld konnte man es so braten, dass die Stränge sich teilten und gar wurden ohne zu zerfallen und dann wirklich aussahen wie Würmer.

„En-re macht Würmer!", erzählte JJ plötzlich und Endre sah etwas verwirrt auf, doch da spürte er schon Arme, die sich um ihn schlossen.

„Was machst du?", fragte Leif, der sich in der Aufregung hereingeschlichen hatte und nun seinem Kindermädchen über die Schulter in die Töpfe guckte, erstaunt darüber, dass Endre überhaupt Töpfe gefunden hatte.

„Leif, was machst du denn hier!?", fragte Endre etwas verwirrt. Leider hatte er keine Hand frei, um Leif von sich zu schieben, denn diese Nähe war nicht gut. Kein Wunder, dass Viktor Endre dann so anging und ihn Dreck fressen ließ, wo es nur ging, wenn sich dessen Verlobter so anbot. „Und lass das bitte."

Leif seufzte. Warum war Endre nur immer so abweisend? War er nicht gut genug für ihn? Doch er fragte nicht weiter nach, sondern ließ sich erklären, warum der arme Junge Würmer zu essen bekäme und ob er auch welche haben könnte?

„Sag mir lieber, warum du nicht beim Dreh bist." Endre rührte weiter in der Pfanne die Würmer, während Leif nun JJ im Arm hatte und beide Drieschners guckten neugierig auf den Herd.

„Wenn du mal aus dem kleinen Fenster im Wohnzimmer gucken würdest, wäre auch dir aufgefallen, dass da gerade die Sinnflut tobt und wir mit der gesamten Crew abgesoffen sind wie die Biber", erklärte Leif und stahl sich einen Wurm aus der Pfanne, quietschte: „Autsch", weil es heiß war und teilte ihn dann, als er kalt war, mit JJ.

„Hört ihr mal auf, mir alles aus der Pfanne zu fressen?" Endre schwang seinen Kopflöffel und machte sich nun daran, die Soße zu zaubern, während er Wasser für die Nudeln aufsetzte. Alles ohne Hektik und mit Routine, als hätte er noch nie etwas anderes getan. Zumindest für Leif grenzte das schon an Hexerei.

„Ja, Küchenchef. Wir gehorchen." Verschwörerisch kicherte Leif mit JJ um die Wette, als einer der Spediteure um die Ecke kam.

„Meester!"

Leif wandte sich um. „Kann ich helfen?"

„Na det hoff ick doch ma, wa?", lachte der Mann und Leif folgte ihm. JJ nahm er gleich mit, der Junge schien sich langsam mit ihm abzufinden. Also wollte er so viel Zeit wie nur möglich mit JJ verbringen. Endre lachte leise, als er die Drieschners abziehen sah. Ob die zwei ahnten, wie ähnlich sie sich waren, auch wenn sie das noch gar nicht einsehen wollten?

Endre schnitt die Zwiebeln und briet sie an, röstete Tomatenmark und füllte dann auf mit passierten Tomaten, ehe die Würzorgie begann. Mit dem Salz war er sparsam. Er warf noch die Nudeln in das sprudelnde Wasser, dann wusch er sich die Hände, um mal zu sehen, wo seine Schützlinge denn abgeblieben waren. Doch der einzige, der ihm noch die Treue gehalten hatte, war Gustav auf der Couch, die beiden Drieschners hatten sich aus dem Staub gemacht.

Leif war mit JJ dem Packer gefolgt, der noch ein paar Fragen wegen dem Einlagern hatte und nun standen sie oben im Zimmer und überlegten. Der blanke Parkettboden war für den Jungen sicher zu kalt, wenn er da spielen wollte. Vielleicht sollten sie noch einen Teppich kaufen, damit der Kleine sich nicht verkühlte. Doch den konnten sie auch hinterher noch auslegen. Also wurden nun die neuen Möbel nach oben gebracht und in dem leeren Raum aufgebaut, während ein anderer Teil der Mannschaft die alten Möbelteile nach unten in den Transporter brachte. JJs Sachen und das Spielzeug hatten sie so lange in Endres zukünftigen Räumen ausgelagert.

Dafür stand der Kleine nun völlig fasziniert in der Tür und guckte zu, wie sein neues Zimmer entstand. Endre hatte den Herd ausgemacht, nur das Nudelwasser kochte leise vor sich hin und war den beiden Jungs gefolgt und sah nun, wie JJs Augen leuchteten. Nachher würde er mit dem Kurzen alles einräumen und besichtigen.

„Wenn euch so ist, können wir in fünf Minuten essen", erklärte er und machte sich wieder in die Küche, damit nicht doch noch was schief ging.


-30-

Wieder stand Endre in der Küche, erneut sah er sich suchend um, doch noch immer materialisierte sich kein Tisch und noch weniger Stühle vor seinem Auge. Wo sollte er mit JJ und Leif also essen? So schön diese große Küche war. Modern und großzügig, sauber und hell. Für ein Kind war sie definitiv nichts. Abermals fiel sein Blick auf die Theke und die wackligen Barhocker oder auf die Anrichte. Dort konnte er den Kleinen doch nicht hin setzen. Also ließ er sich von Leifs Worten inspirieren, der ihm erklärt hatte, er würde mit JJ immer am Couchtisch sitzen und essen, mit ein paar Kissen unter dem Hintern wäre das die ideale Höhe für den Kurzen. Aber nicht ideal auf Dauer, doch für heute musste es gehen.

Klappernd richtete Endre den Tisch, platzierte Teller und Besteck und richtete die Kissen. Er musste sich an seinen neuen Job wirklich erst noch gewöhnen, aber das war nicht schwer, denn JJ war echt ein lieber Kerl. Und wenn er irgendwann noch etwas mehr auftaute, dann würden sie schon ein richtig gutes Team werden. Er hatte nun eine Nacht darüber geschlafen. Etwas Besseres hätte ihm wirklich nicht passieren können. Nachdenklich saß er auf der Couch, den großen Gustav auf seinem Schoß und sah aus dem riesigen Panoramafenster auf die Stadt zu seinen Füßen. Auch seine Brüder, mit denen er gesprochen hatte, waren von seinem jetzigen Job entschieden mehr überzeugt als von seiner fixen Idee, das große Geld mit Pornos zu machen. Wie hatte Michael so schön gesagt? Sein Leben konnte man sich Weißgott auch anders versauen.

Endre lachte leise. Wenn er so darüber nachdachte, war das doch wirklich eine Schnapsidee gewesen. Wie hatte er sich nur dazu durchringen können? Aber nun hatte er ja seine Berufung gefunden.

Endre zuckte zusammen, als sich Hände auf seine Schultern legten, diese langsam seine Brust hinab strichen. „So in Gedanken, Hübscher?", flüsterte Leif dicht an Endres Ohr, zog sich aber gleich zurück, denn er hatte schon gespürt, dass sein Angestellter auf diese Nähe nicht wirklich positiv reagierte. Jetzt auch wieder.

Endre wandte sich um und sah Leif undeutbar an, doch da kam JJ schon um die Ecke gefegt und krabbelte auf die Couch, wo sein Schaf auf ihn wartete. Etwas skeptisch beobachtete er Endre, der Gustav die langen Ohren kraulte und setzte sich daneben. Er zog und zerrte und hatte dann sein Schaf wieder für sich, während Endre Leif in die Küche gefolgt war.

„Leif, hör mal. Lass diese Nähe bitte. Dein Verlobter hat sowieso schon ein Auge auf mich geworfen, weil er glaubt, ich würde dich über den Jungen angraben wollen. Ich habe keine Lust, das jeden Morgen durchzumachen", sagte er, auch wenn er wusste, dass er seinem Arbeitgeber gegenüber den Mund gerade ziemlich voll nahm.

Doch Leif grinste nur, als er aus dem Kühlschrank auftauchte und eine Flasche stilles Wasser mit sich brachte. „Ach Endre, komm schon", lachte er und kam seinem Kindermädchen wieder näher. „Ich flirte gern und du bist ein hübscher Kerl. Aber das heißt doch noch lange nicht, dass ich dich anmachen will oder beabsichtige, dass Vik dir auf die Nüsse geht", versuchte er zu schlichten und strich Endre durch die Haare, grinste dabei. Ganz die Wahrheit war es nicht, doch das musste Endre ja nicht wissen.

Je öfter er sich den jungen Mann ansah, umso klarer wurde Leif, dass er so genau das war, was er suchte. Endre stand mit beiden Beinen mitten im Leben und außerdem war er ein verdammt hübscher Kerl. Er konnte anziehen, was er wollte, selbst einer alten Jeans und einem knittrigen Shirt konnte er noch Erotik einhauchen. Eigentlich gehörte dieser Kerl verboten und es war nicht ganz uneigennützig gewesen, dass Leif ihn an sich gebunden hatte. Es war noch mehr Eigennutz, ihn in sein Haus zu holen, in sein Leben. Er wusste selber noch nicht, was er vorhatte. Er wusste nur, er würde sich die Finger verbrennen, wenn er nicht aufpasste.

Endre war verboten heiß und in seiner kühlen, abweisenden Art zog er Leif an wie das Licht die flatternde Motte. Es war ja nicht so, dass er Viktor nicht mehr begehrte. Er liebte ihn, dessen war sich Leif sicher, aber diese verbotene Frucht direkt vor seiner Nase war einfach verlockend. Er wollte seine Zähne in das weiche Fleisch schlagen, den süßen Nektar trinken und dieses Geschenk einfach nur mit allen Sinnen genießen. Das konnte ihm keiner verübeln.

Mit einem Grinsen kehrte Leif zurück ins Wohnzimmer, wo JJ schon auf seinem Berg Kissen saß und sie erwartungsvoll anblickte, also schluckte Endre seinen Ärger herunter.

Er musste mit Leif noch einmal in Ruhe darüber reden. So konnte das nicht laufen. Es war ja nicht so, dass er sich nicht irgendwo auch geschmeichelt fühlte, wenn ein so berühmter und begehrter Mann mit ihm flirtete. Aber der Kettenhund, der Viktor hieß, war der Pferdefuß an der Sache. Dessen Bisse taten weh, wenn man nicht aufpasste und sich abduckte. Nein, das war es nicht wert. Er wollte hier nur seinen Job machen und sich um JJ kümmern. Alles andere, wie Leifs Ego oder dessen Flirtdrang, waren nicht sein Zuständigkeitsbereich.

Lieber eilte er zu JJ und verteilte das Essen auf Tellern. „Guten Appetit", wünschte er und sie aßen. JJ spielte erst mit den Würmern, ehe er sie sich in den Mund steckte, beguckte sich aber immer wieder schüchtern Endre und Leif, doch sie sagten nichts, wenn auch mal die kleinen Finger im Essen landeten. Dafür hatte Endre schon einen nassen Lappen mit an den Tisch gebracht, womit er JJ immer mal die Finger abwischte, ehe der Junge sich noch die Klamotten voll schmierte.

„Leif, du musst was in der Küche machen. So kann das auf Dauer nicht gehen", fing Endre noch einmal an, auch wenn er damit vielleicht anfing zu nerven. Doch Leif nickte nur.

„Ich weiß, Endre. Ich fahre nachher noch mal ins Möbelhaus und suche einen Tisch und Stühle. Willst du mitkommen?"

Doch Endre schüttelte nur den Kopf. „Nimm du den Wagen. S-Bahnen sind nicht dein Ding. Ich werd lieber mit dem Kurzen ein bisschen spielen, hm?"

JJ blickte auf, er hatte nicht zugehört, sondern Würmer gefangen und guckte jetzt etwas verwirrt. „Wollen wir nachher ein bisschen mit den Bausteinen spielen?"

Natürlich war JJ gleich Feuer und Flamme für diese Idee, während Leif nun das Nachsehen hatte und er den Rest des Tages nicht wie heimlich geplant mit Endre verbringen konnte. Doch er ließ sich nichts anmerken. Stattdessen fragte er: „Wäre es nicht besser, JJ würde den Tisch und die Stühle mal Probesitzen? Was nutzt der schönste Tisch, wenn der Kleine wieder nicht ran reicht?"

Endre sah auf. Er konnte es nicht von der Hand weisen, Leif hatte Recht. „Willst du mit ihm allein fahren? Oder wie?" Er wirkte etwas aus dem Konzept gebracht, denn soweit er wusste, mochte Leif die S-Bahn nicht und hatte auch keinen Wagen mit Kindersitz. Er hatte keine Ahnung, wie deutlich man seine Fragen auf seinem Gesicht lesen konnte, denn Leif grinste.

„Ich bin dir einen Schritt voraus, holder Herr, ich habe einen Mietwagen geholt, mit Kindersitz. Eine familientaugliche, einkaufstaugliche Kutsche mit vier Türen und fünf Sitzplätzen. So was, was jeder fährt", erklärte er. Zwar war der Wagen nicht gerade sein Geschmack, weil er viel zu schwer war und viel zu unschnittig aussah, doch für JJ musste er wohl mal über seinen Schatten springen. Außerdem hatte er den Ehrgeiz, Endre zu imponieren und ihm zu zeigen, dass er doch nicht so weltfremd war, wie Endre immer behauptet hatte.

Endre seufzte. „JJ, ich glaube, wir müssen mit Leif erst einmal einkaufen gehen - aber dann spielen wir, ja?", fragte er den Jungen. Er mochte es gar nicht, Zusagen zu machen, die er dann nicht halten konnte und man sah JJ ziemlich intensiv an, was er von der Idee hielt, dass sein Spiel abgesagt wurde.

Er zog einen Flunsch, aber nur für sich allein und irgendwie war dieses Schweigen unangenehmer, als wenn der Kleine gebrüllt hätte, so wie Endre das von seinem jüngsten Bruder gewohnt gewesen war.

Wenn Sven etwas nicht gepasst hatte, hatte er immer gleich geheult. Im Nachhinein - mit dem heutigen Wissen - war Endre das lieber gewesen. Denn als er aus seiner Pflegefamilie zurückgekommen war, war Sven ein stummes Kind gewesen. Die Spuren der Misshandlungen waren heute noch zu sehen, er war schnell erwachsen geworden, so ernst, gar nicht mehr Kind.

Dass er das nicht hatte verhindern können, was mit Sven und Sören passiert war, schmerzte Endre noch heute, auch wenn seine beiden Kleinen ihm das nie nachtrugen. Er war ja selbst noch ein halbes Kind gewesen, unfähig, sich gegen das Sozialsystem zu wehren.

„Hey."

Endre schreckte auf, als Leif ihn anstieß und ihn dabei besorgt ansah. „Was denn los?", wollte der Blonde wissen und Endre begriff nicht gleich. „Ich wollte nur wissen, ob wir wieder zu IKEA fahren", wiederholte Leif also, was er vorher schon dreimal zu wissen begehrt hatte und Endre nickte.

„Ja, klar, tut mir leid, ich war gerade etwas in Gedanken."

„In schweren Gedanken", schob Leif nach, denn er hatte mit Faszination gesehen, wie sich plötzlich tiefe Furchen der Sorgen auf das jugendliche Gesicht gegraben hatten.

„Tut nichts zur Sache", lenkte Endre ab und sah wieder zu JJ, der nur noch lustlos in seinem Essen herum stocherte. Er war enttäuscht. Er hatte mit Endre spielen wollen, er mochte ihn, denn der junge Mann war nett. „Hey, Kleiner. Bist du böse?", fragte Endre leise. Es tat ihm weh, den Jungen gleich am zweiten Tag schon zu enttäuschen. Das war dieses Mal schnell gegangen.

Durch seine blonden Ponyfransen sah JJ ihn von unten her an und Endre seufzte innerlich. Der Kleine war so süß, er hatte Angst, nicht objektiv bleiben zu können, wenn der Fratz ihn so ansah. Dass er gar nichts sagte, war kein gutes Zeichen.

„JJ, bei IKEA waren wir vorgestern mit Jochen und Tiara. Das war doch lustig, oder?", versuchte es nun Leif, der immer mal nebenbei ein Auge auf die Männer hatte, die die Möbel für JJs Zimmer lieferten. Es war, als würde sich JJ geschlagen geben und nickte nur, presste aber die Lippen zusammen. „Wir nehmen auch Gustav mit, hm?", versuchte es Leif und erntete von Endre einen strafenden Blick. Wieder mit diesem riesigen Vieh durch die Straßen laufen und jeder starrte sie an! Doch das interessierte Leif nicht. Er wollte alles tun, nur damit JJ wieder lächelte und ihnen nicht mehr böse war. Da musste er eben auch einmal nachgeben.

„Den setzen wir dann einfach in einen der Handwagen, die man ausleihen kann. Das geht schon", beschwichtigte er Endre mit einem Grinsen, der nur den Kopf schüttelte und weiter aß.

„Gut, fahren wir zu IKEA. Wenn wir einmal da sind, sollten wir wenigstens noch ein paar Töpfe und ein bisschen Geschirr kaufen, damit ich hier richtig kochen kann. Ich habe mir vorhin eine kleine Liste gemacht, was wir noch brauchen." Endre hatte sich geschlagen gegeben, denn ihm war durch die Vertrautheit, mit der Leif mit ihm umging, völlig entfallen, dass er hier nur Angestellter war und er Leif keine Vorschriften zu machen hatte. Aber er war nun einmal für den Jungen verantwortlich, manchmal war das ein ziemlicher Spagat.

JJ aber schien wieder versöhnt, denn nachdem ihm Endre die Finger und den Mund abgewischt hatte, zog er gleich Gustav zu sich, der schon wieder faul auf der Couch herum lag und schien ihm zu erklären, was passieren sollte. Leif lachte leise und Endre konnte sich ein Grinsen auch nicht verkneifen. Gustav schien der einzige Freund zu sein, den JJ hatte. Ihn dem Jungen wegzunehmen war wohl keine gute Idee.

„Sag mal, Leif, was anderes", richtete sich Endre an seinen Arbeitgeber. „Wie sieht es aus? Hat er schon einen behandelnden Arzt? Kann er schwimmen? Soll er eine Kindertagesstätte besuchen, damit er andere Kinder kennen lernt? Ich würde dann auch dort bleiben und ein Auge drauf haben, aber wenn er nur mit dem Plüschie redet, wird das auf Dauer nichts. Ich würde mich darum mal kümmern, wenn du willst", bot er an, schließlich gehörte das auch zu den Aufgaben eines Kindermädchens - wobei Endre zugeben musste, dass es ihn ärgerte, dass es für diesen Job keine männliche Bezeichnung gab.

„So weit war ich noch nicht", gestand Leif leise, beobachtete aber dabei weiter den Jungen, der nun wieder mit Gustav zusammen heimlich über die Lehne der Couch guckte und zusah, was die Männer dort taten. „Aber da du dich da besser auskennst, überlasse ich das völlig deiner Hand."

Endre nickte. Gut, er würde sich eine Liste machen, was alles abzuklappern war: Kinderarzt, Zahnarzt, Kindergarten, Schwimmkurs. Natürlich nicht alles auf einmal. Man hatte ihn ja gewarnt, dass JJ ängstlich war, vor allem, wenn es um Fremde ging. Vielleicht konnte er einmal mit diesem Jochen reden, denn Leif hatte erzählt, dass JJ mit dessen Tochter ganz gut konnte, so gut es JJ eben möglich war. Vielleicht ließ sich etwas finden, wo er die beiden Kinder zusammen hin schicken konnte. Sportvereine oder ähnliches.

„Sag mal, andere Frage", erklärte nun Leif, der sich erhoben hatte, um den Tisch abzuräumen, „kannst du Auto fahren? Denn dann besorge ich für dich und den Kurzen einen Wagen, damit ihr nicht immer mit der Bahn und dem Bus durch die Gegend müsst. Vor allem bei Einkäufen kann das ziemlich schlauchen oder?" Er sah Endre fragend an, der etwas verlegen den Kopf senkte. Der einzige Makel auf seiner Weste: er hatte noch keinen Führerschein, den wollte er erst noch machen und bereitete sich langsam darauf vor. Aber das war ja eigentlich schon einmal besprochen worden.

„Ich bin bis heute ohne Wagen ausgekommen. Ich mache meine Einkäufe immer zu Fuß, da werde ich das hier auch erledigt bekommen." Zur Not gab es ja auch noch den praktischen Bringdienst, wenn wirklich mal Zeug dabei war, was beim besten Willen nicht mit der Bahn zu befördern war. Kisten mit Wasser oder derartiges. Endre selber brauchte so was nicht, weil er Wasser mit Kohlensäure nicht vertrug und deswegen sowieso meist Leitungswasser oder Tee trank.

„Oder du suchst dir schleunigst eine Fahrschule", sagte Leif, der sich ein Leben ohne Auto gar nicht vorstellen konnte. Wenn er jeden Tag in den vollen U-Bahnen herum stehen sollte, in Massen von Menschen. Er verstand gar nicht, warum Endre so daran fest hielt.

„Ja, das hatte ich ja vor", erklärte Endre kleinlaut, grinste aber, weil JJ gerade hinter der Couch vor kam und Gustav vor sich her schob. Der sollte erst einmal die Lage peilen, damit JJ hinterher kommen konnte.

„Hast du schon eine Fahrschule?", forschte Leif weiter, denn er war von Natur aus neugierig.

„Ist das für den Job nötig?", fragte Endre zurück und sah Leif offen an. Der legte den Kopf schief.

„Na ja, der Kurze wird irgendwann auch mal wo hin müssen. Zum Sport, zur Schule. Und außerdem ist es für dich doch auch besser. Wenn's am Geld liegt, dann läuft das über mich, keine Frage, denn mir ist es lieber, wenn ihr mit einem Wagen und nicht mit der Bahn unterwegs seid", gestand Leif. Es gab einfach zu viele Irre und er hatte schon zu oft gehört, was Kindern passierte, wenn sie allein unterwegs waren. Er hatte schlicht und ergreifend Angst um JJ, auch wenn er das ums Verrecken nicht zugeben würde. „Mir wäre es lieber, wenn du einen Wagen bedienen könntest."

„Es ist nicht wegen dem Geld", schoss Endre gleich zurück und folgte Leif in die Küche, weil der die Teller weggetragen hatte. „Es ist, weil ich mich noch nicht so richtig durchringen konnte. Wenn ich sehe, wie die sich teilweise auf den Straßen benehmen, dann weiß ich nicht... na ja", druckste er herum und seufzte. Was sollte er auch sagen? Leif stellte die Teller ab und zog den überraschten Endre zu sich, schloss die Arme um ihn. Der Kerl fühlte sich aber auch gut an! Es war wie eine Sucht, ihn berühren zu müssen.

„Mach bitte den Schein", sagte er leise und sah Endre dabei eindringlich an, während JJ gerade auch in die Küche gelaufen kam. Allein mit den fremden Männern war ihm nicht geheuer und Gustav war wohl kein brauchbares Wachschaf, denn er konnte es immer nur hinter sich her ziehen. Also ließ Leif sein Kindermädchen wieder los. „Bitte", schob er aber noch einmal nach und Endre nickte. Was blieb ihm denn anderes übrig?

„Ich kaufe auch eine Familienkutsche", lachte Leif leise und wer ihn und seine Liebe zu schnellen sportlichen Zweisitzern kannte, wusste, was das für ein Opfer war, was er bereit war zu bringen. „Du kannst auch eine aussuchen", schob er noch nach, weil Endre noch immer so unentschlossen drein sah und JJ auffing, der sich an ihn hängte und hochgehoben werden wollte. Gustav blieb auf dem Küchenboden liegen, doch das war nicht schlimm, denn der war geheizt und so bekam das Schaf einen warmen Bauch - sehr angenehm.

Endre lachte leise. „Das möchte ich sehen, wie du einen alten BMW von 1980 kaufst, nur weil ich den praktisch finde", konnte er sich dann doch nicht verkneifen, während Leif blass wurde und ihm die Gesichtszüge entgleisten - einer nach dem anderen.

„Endre", murmelte er leise, doch der lachte nur.

„War ein Scherz, es geht mich nichts an, was du für Wagen fährst. Alles, was für mich wichtig ist: hat er einen Kindersitz für JJ. Alles andere an einem Auto interessiert mich nicht. Wenn es dann auch noch fährt und hupt und blinkt, dann kann doch fast nichts mehr schief gehen." Aus einem Reflex heraus schnickte er Leif gegen die Stirn und ging mir JJ über die enge Wendeltreppe in der Küche langsam nach oben. Doch er sah noch einmal auf Leif hinab, der an der Anrichte lehnte und sich das kleine, rosa Schaf gegriffen hatte, was er sich gestern gekauft hatte. Insgeheim hatte er es Schwuppi getauft.

„Hör mal, Leif. Ich bin JJs Kindermädchen, nicht deines. Du bist mir weder Rechenschaft noch sonst etwas schuldig. Ich mache meinen Job und du sagst mir, ob du zufrieden bist, so läuft das und nicht anders. Ich gehöre nicht in dein Leben, auch wenn du und dein Verlobter das glauben." Doch er blickte nicht vorwurfsvoll, er lächelte und so konnte Leif nur schmerzlich nicken. Er sah Endre hinterher, der langsam weiter ging, weil er JJ umziehen wollte und seufzte.

„Scheiße, ist der Kerl geil", knurrte Leif nur. Endre hatte es ihm angetan und mit jedem Lächeln und jeder Geste verfiel er ihm mehr. Leif konnte es nicht vermeiden. Dass das nicht gut war, wusste er selbst, doch was sollte er machen? Es war ja nicht so, als würde er Viktor nicht lieben. Sie hatten schon viel zu viel zusammen durchgemacht, als dass man das einfach für ein Strohfeuer wegwarf, aber der Kerl war so heiß, dass selbst Leif nicht wusste, wie er Endre anpacken sollte. Der Mann war einmalig.

Um sich abzulenken und Endre ein bisschen zu imponieren, bestückte er die Spülmaschine, die zur Küche dazu gehört hatte und eigentlich noch nie benutzt worden war. Wie sie funktionierte wusste er nicht, doch das würde Endre später machen - der Kerl war so ganz anders als er selbst. Eine völlig andere Welt und Leif war neugierig darauf.


- 31-

Im oberen Geschoss, zwischen Möbeln und Kisten, huschten gerade Endre und JJ herum, um dem Jungen etwas zum anziehen zu suchen. Ob der Kleine wollte oder nicht, sie würden nächste Woche noch einmal ein paar Klamotten kaufen müssen. „Und eine Waschmaschine!", grummelte Endre. Er hatte sich schon umgesehen, die Anschlüsse dafür waren in seinem Bad. Dem stand also nichts im Weg, außer, dass man das Monstrum dann vielleicht noch hier hoch schaffen musste. Aber wenn die Treppe Schränke aushielt, dann vielleicht auch Waschautomaten.

Außerdem ärgerte er sich gerade über Leif, der Gustav einen Freiflugschein zu IKEA erteilt hatte und irgendwie wusste Endre, dass er derjenige sein würde, der wieder mit dem Schaf durch die Gegend lief, denn JJ zerrte seinen besten Freund gerade hinter sich her über den oberen Flur, weil Leif ihnen den nachgetragen hatte. Der Blonde stand grinsend in der Tür zu Endres Küche und lachte leise, weil Endre stöhnte.

„Lass ihn doch, er mag das Vieh eben und er fühlt sich noch lange nicht zuhause. Er braucht eben einen Anker", sagte er und Endre nickte, denn er musste - wenn auch knurrend - zugeben, dass Leif Recht hatte.

„Wenn das Vieh nur nicht so groß wäre", murmelte er leise und merkte gar nicht, wie Leif näher kam und sich neben ihn stellte, dicht hinter ihn. Kurz schloss der Blonde die Augen und war versucht sich anzulehnen, doch noch ehe er sich dazu durchgerungen hatte, war Endre schon losgelaufen.

„JJ, komm. Anziehen, damit wir los gehen können!" Er verschwand mit dem Jungen in einem der anderen Zimmer, wo sie die Kleider zwischengelagert hatten und so suchten sie sich eine Hose und einen Pullover, während Gustav nur zusehen durfte, weil der für alles etwas zu dick war. Nicht dass JJ es nicht versucht hätte, dem frierenden Schaf Socken anzuziehen, doch wer Hufe mit 20cm Durchmesser hatte, passte nicht in die Socken eines Vierjährigen, da konnte JJ ziehen wie er wollte. Er musste es einsehen.

Endre hatte leise gelacht, denn auch wenn die beiden Goldlöckchen eigentlich nur Neffe und Onkel waren, hatten sie doch ein paar charakterliche Feinheiten, in denen sie sich ziemlich ähnlich waren. Stur und dickköpfig waren sie beide. Konnte ja wohl nicht sein, dass die Materie nicht so wollte wie sie das gern gehabt hätten.

„Was lachst du?", wollte Leif wissen, der den beiden gefolgt war und Endre sah sich zu ihm um.

„Ich?", stellte er eine überflüssige Frage und grinste weiter, als er JJ dabei zusah, wie er wieder mit dem Pullover kämpfte. Doch er schien aus seinem letzten Scheitern gelernt zu haben, denn er fand den Weg, wo der Kopf rausgucken musste.

„Ja, du. Siehst du hier noch einen, der grinst?", wollte Leif wissen - Ungeduld war übrigens auch eine seiner nicht so rühmlichen Eigenarten. Und als wollte Endre ihn auf die Palme treiben und ihm dann von unten eine lange Nase zeigen, deutete er wortlos auf das große, graue Schaf, dass auf dem Teppich lag und grinste.

„Endre", knurrte Leif leise, doch er musste auch lachen.

„Ich habe eigentlich nur festgestellt, wie ähnlich ihr euch eigentlich seid", lüftete der das Geheimnis und lachte. „Stur", schob er noch nach.

Leif blies die Backen auf. Was sollte das denn heißen? Er war doch nicht stur?! Skeptisch sah er auf Endre, der immer noch so frech grinste. Ob er auch nur den Hauch einer Ahnung hatte, wie verboten heiß er damit aussah? Dass man ihm dieses Grinsen von den Lippen knabbern wollte, von den Augen streichen?

„Ach ja, Leif", holte ihn Endre zurück, der JJ gerade an der Hand hatte. Die beiden waren bereit zum Aufbruch. „Wie sieht's eigentlich morgen aus? Morgen ist ja Samstag. Arbeitet ihr da auch? Soll ich da auch kommen?", wollte er wissen und an der Stimmlage merkte man, dass er eigentlich etwas anderes fragen wollte. Leif zog die Brauen tiefer, denn er hatte da so einen Verdacht, der ihm nicht gefiel.

„Na ja, ich werde früh noch mal ins Büro müssen und ein paar Sachen mit Frank absprechen, warum fragst du?", wollte er etwas eindringlicher wissen, als das eigentlich beabsichtigt gewesen war.

Endre sah zu ihm rüber, als er langsam Gustav hochhievte und mit JJ wieder zurück in die Küche ging. Die breite Treppe in die obere Etage brauchten die Möbelpacker, also hangelten sie sich wieder die Wendeltreppe hinab in die untere Etage.

„Na ja, mein Freund ist Steward und ab morgen fürs Wochenende in Berlin. Ich würde gern mal wieder etwas Zeit mit ihm verbringen", sagte Endre und legte den Kopf schief. Bildete er sich die kleine Gewitterwolke über Leifs Kopf nur ein oder waren die Blitze in den Augen echt?

Ob er auch nur ahnte, was er in Leif gerade losgetreten hatte? In dessen Kopf herrschte für einen Augenblick absolute Leere, ehe Hunderte von Gedanken über ihn hereinbrachen. Was hatte er auch erwartet? Das solch ein Mann solo war? Wie naiv war er denn!

„Ach so, deswegen", sagte er, nur um die Pause nicht zu lang werden zu lassen. Für einen Augenblick war er versucht zu sagen: „Ich bin den ganzen Tag nicht da, JJ braucht jemanden bis zum Abend.“ Doch das wäre kindisch gewesen, dass wusste er. Das hätte ihm Endre dann nicht noch sagen müssen. Was sollte er tun? Endre einfach gehen lassen? Das konnte er nicht - aus welchem Grund auch immer hatte er sich diesen Kerl in den Kopf gesetzt, abgesehen davon, dass er sein Angestellter war und dass Leif selbst bereits verlobt war und seinen Zukünftigen auch liebte. Was also war sein Problem?

„Kann ich dann am Nachmittag weg?", fragte Endre, weil er auf seine eigentliche Frage noch keine Antwort bekommen hatte und so nickte Leif nur, als er vor Endre und JJ durch die Küche ging. Kurz sah der Blonde über die Schulter zurück.

„Ich weiß, Leif, das soll ein 24-Stunden-Job sein, aber Privatleben muss ich haben. Wenigstens ein bisschen. Jack ist eh nicht so oft hier, aber wenn er hier ist, dann will ich ihn auch sehen können, weißt du?" Endres Stimme klang so weich und sanft und verliebt, dass es Leif den Magen umdrehte. Er sah wieder nach vorn.

„Klar sollst du dein Privatleben haben, auf jeden Fall. Ich sehe zu, dass ich gegen zwei nach Hause kommen kann. Reicht das?"

„Ja, sicher." Endre war zufrieden und grinste. Er freute sich schon darauf, Jack endlich wieder zu sehen - sie hatten sich vor einem halben Jahr kennen gelernt, mehr durch Zufall, als sie beide in München auf dem Flughafen festgesessen hatten, weil alles eingeschneit gewesen war. So hatten sie sich erst unterhalten, ziemlich schnell festgestellt, dass sie auf einer Wellenlänge lagen und den Rest des Abends zusammen verbracht und nicht eine Sekunde geschlafen. Seit dem sahen sie sich, so oft wie Jack es einrichten konnte. Er arbeitete bei einer Firmen-Airline, die einen ihrer Sitze auch in Berlin hatte - sehr praktisch.

Geboren worden war Jack in Hannover, doch schon früh war er mit seinen Eltern nach London gegangen, wo er auch heute noch wohnte, sofern er einmal zuhause war. Meistens campierte er in den Hotels dieser Welt und kannte sie besser als seine eigene Bude. Zwar hatten sie schon mehrere Anläufe genommen, dass Endre ihn einmal besuchen sollte, doch es hatte immer verschoben werden müssen, weil etwas dazwischen gekommen war. Endre hatte sich immer wieder vertrösten lassen, denn solch einen Mann schubste man doch nicht von der Bettkante! Auf den konnte man ruhig mal warten - das lohnte sich nämlich.

„Gut, dann werde ich versuchen, alles so zu arrangieren, dass du pünktlich hier weg kommst. Aber jetzt erst mal auf zu IKEA. Wenn ich das gewusst hätte, hätten wir auch dort essen können. Nichts gegen deine Kochkünste, es war sehr lecker - aber diese schwedischen Hackbällchen mit der Preiselbeermarmelade", fing Leif an zu schwärmen. Es war so ziemlich das einzige Gericht, was nicht aus einer Sterneküche kam und ihm trotzdem extrem gut schmeckte. Na ja, so versnobt war er nun auch nicht, dass er nur aß, was teuer war. Aber das meiste, was er preiswert probiert hatte, war eben einfach nicht sein Geschmack gewesen.

„Mach doch nicht so ein Drama. Wenn wir uns lange genug dort aufhalten, ist Zeit fürs Abendessen. Dann gibt es eben heute keine Brotmäuse, sondern Fleischklößchen. Ist doch egal." Endre sah das nicht so verbissen. Er wusste, dass man bei IKEA mehr Zeit verbrachte, als man eigentlich eingeplant hatte, weil einem immer etwas einfiel, was man noch gebrauchen könnte - oder man stand vor einem Einrichtungsgegenstand und überlegte so lange, wo der hin passen könnte, bis man ihn brauchen konnte.

„Na, wenn das nicht mal die optimale Lösung ist", grinste Leif und ließ sich - weil es ja seine Idee gewesen war - Gustav in die Hand drücken. Das Schaf wurde wieder in seiner Tasche reisefertig gemacht, während sich JJ schon mit seinen Schuhen quälte, doch er fluchte nicht wie jedes andere Kind es tun würde, er versuchte es einfach nur stumm. Endre beobachtete ihn dabei.

„Was ist eigentlich mit den Packern, lässt du die allein hier?", fragte Endre etwas verwirrt, als Leif schon zum Fahrstuhl rüber ging und JJ die Schleifen zuband.

„Ich habe ihnen gesagt, dass die Wohnung videoüberwacht wird, sobald ich das Haus verlasse und der Sicherheitsservice unten alles im Blick hat und jetzt ab Marsch." Die beiden Drieschners verschwanden schon mit Gustav im Aufzug, den die Packer gerade nicht brauchten und Endre kam langsamer hinterher. Als die Türen sich schlossen, sah er Leif an.

„Echt? Alles überwacht?", fragte er etwas verwirrt, das hatte man ihm aber nicht gesagt. Doch Leif grinste. „Ich sagte: ich habe ihnen gesagt, alles würde überwacht. Das heißt aber noch lange nicht, dass es auch so ist", beruhigte er sein Kindermädchen und Endre atmete erleichtert aus. „Was hast du denn vor, was nicht jeder sehen soll? Kochst du normalerweise nackt? Dann muss ich noch eine nachträgliche Überwachung einbauen", lachte Leif, während Endre nur seufzend die Brauen hob.

„Nicht lustig", knurrte er und rückte Gustav in seiner Tasche zurecht, weil JJ schon wieder heimlich an ihm zerrte und seinem Freund die Flucht ermöglichen wollte. Keiner war gern in einer Tasche eingesperrt, da war sich JJ sicher. Doch noch ehe seine kleinen Finger die Schnallen und Knoten gelöst hatten, waren sie auch schon in der Tiefgarage.

Neugierig stieg Endre aus, denn Leif hatte einen Mietwagen versprochen, der kindertauglich war. Mal sehen, was der Sportwagen-Fetischist als familientauglich bezeichnete. Er lachte leise, nur für sich, weil er irgendwie das Gefühl hatte, Leif schon ewig zu kennen. Na ja, ganz gelogen war das wohl nicht, wenn er ihn auch jahrelang nur von seinen Filmen kannte. Den Menschen dahinter hatte er das erste Mal in seinem Büro kennen gelernt und war positiv überrascht gewesen. Abgesehen von seinem großen Ego und seiner verschobenen Einstellung zur Welt und zum Geld war er ein netter Kerl.

„So, da wäre das Familienschlachtschiff", erklärte Leif, als er mit einer Fernbedienung einen großen, neuen Passat sich entriegeln ließ. Dagegen sah der schwarze SLK ein bisschen mickrig aus. Endre konnte sich diesen Gedanken nicht verkneifen.

„Was hast du an dem Wagen auszusetzen, der sieht doch gut aus", sagte er und ging drum herum, Gustav sah ihm dabei über die Schulter und auch JJ tatschte mit den kleinen Händen über den kühlen Lack. „Na, ist der hübsch?", fragte Endre und der Kleine nickte.

„Willst du einsteigen?"

Wieder ein Nicken.

„Gut."

Während Leif also das Schaf in seinen Vordersitz schnallte wurde für JJ der Kindersitz angepasst. Endre würde hinten neben ihm sitzen, was Leif nun wiederum nicht so toll fand. Er war sich ziemlich sicher, dass Gustav weder den weg zu IKEA kannte, noch konnte der die Stadtkarte lesen. Außerdem war er kein besonders gesprächiger Zeitgenosse.

Doch Endre wurde nicht müde, ihm zu erklären, dass er JJs Kindermädchen war und nicht Leifs. Das musste der Blonde einsehen und als alle ihren Platz gefunden hatten, ging es los. Raus aus der Garage, rauf auf die Straße und dann mit dem stetig pulsierenden Verkehr durch die Stadt bis nach Tempelhof. Wenn der Verkehr es zuließ, dann gönnte sich Leif ein paar Blicke in den Rückspiegel, um zu sehen, ob Endre ihn vielleicht auch beobachtete, doch er spielte mit JJ. Leif musste einsehen, dass es seinem Kindermädchen durchaus ernst war, wenn er sagte, er wäre nur für JJ da. Ließe sich da nicht irgendetwas daran drehen?

Nun, einen Vorteil hatte der Familienausflug. Er musste zugeben, dass der Wagen gar nicht so übel war, wie er anfangs gedacht hatte. Der Turbodiesel ging ganz gut ab, er zog gut an, die Automatik erübrigte das nervige Schalten im Stadtverkehr und groß genug war der Wagen auch. „Und? Ist es das, was du unter einer Familienkutsche verstehst?", wandte er sich an Endre und suchte kurz dessen Blick im Spiegel.

Der grinste ihn frech an. „Ich weiß nicht, was du gegen den Wagen hast. Er ist praktisch, er sieht gut aus und groß und schnell ist er auch. Deinem Ego kann also nicht viel passieren", konnte er sich dann doch nicht verkneifen und Leif blies wieder die Backen auf.

„Ruhe auf den billigen Plätzen, sonst setze ich dich an der nächsten Tankstelle aus", knurrte er leise und Endre lachte. Leif war schon ein komischer Vogel. Eigentlich war es ihm noch nie so richtig bewusst geworden, für wen er eigentlich arbeitete. Auch wenn sein Name den meisten Heteros nichts sagte, so gab es auf seinem Ufer bestimmt kaum jemanden, der Lazlo nicht kannte. Eigentlich sollte Endre vor Stolz platzen - doch er grinste nur.

Nein, er arbeitete nicht für Lazlo, er arbeitete für Leif, der ein Kindermädchen für seinen kleinen Neffen brauchte. Das waren zwei paar Schuhe.

„Das macht nichts, ich weiß doch, wie ich mit der Bahn zurück zum Potsdamer Platz komme", lachte er, weil er selber auch nicht aufhören konnte, Leif zu ärgern. Er regte sich dann immer so schön auf. Doch er sollte vorsichtig sein, er spielte mit dem Feuer - das war nicht gut. Nicht nur, weil ein bissiger Verlobter hinter jeder Ecke lauern konnte.

Leif knurrte nur gutmütig und so verging die Fahrt ziemlich schnell. Kaum hatten sie geparkt, wurde JJ auch schon unruhig in seinem Sitz. Also erlöste ihn Endre von seiner Qual. „Aber erst aussteigen, wenn ich dir das sage, ja, JJ?", fragte er und auch wenn es dem Jungen in den Fingern juckte, blieb er brav sitzen. Leif befreite das Schaf und ein paar Minuten später gingen sie alle vier über den Parkplatz. Leif hatte wieder JJ an der Hand, während sich Endre mit Gustav begnügen musste. Am Eingang besorgten sie sich einen Handwagen, in den sie das Schaf setzen konnte und wenn JJ müde wurde, konnte er sich ja dazu setzen. So ging es los. Mit dem Aufzug in die zweite Etage und dann waren sie im Einrichtungsparadies.

„Nicht vergessen, wir brauchen nur einen Tisch und Stühle und vielleicht noch ein bisschen was für deine spärlich eingerichtete Küche", sagte Endre und zog den Wagen hinter sich her, um den sich schon eine kleine Traube gesammelt hatte. Irgendwie zog Gustav Kinder wohl magisch an, sehr zu JJs Leidwesen, der das nicht mochte und die Arme um sein Schaf schlang, während er ängstlich guckte. Also setzte Endre ihn einfach in den Wagen und los ging's. JJ wirkte wieder zufriedener.

Es dauerte eine Weile, bis sie gefunden hatten, was sie eigentlich suchten und nun schlichen sie um die Tische, ließen JJ die Höhe probieren und sahen sich weiter um. Geld und Größe spielte keine Rolle, Platz und Finanzen waren nun wirklich ausreichend vorhanden. Eher aber sollte der Tisch in den modernen Look der Küche passen. Sie bestand großteils aus pflegeintensivem Edelstahl. So entschieden sie sich für ein klassisches Design in heller Kiefer. Die Platte war aus Hartholz und behandelt. Da konnte man auch mal drauf kratzen oder malen, das dürfte dem Tisch nicht viel ausmachen. Über die Lieferung würden sie dann an der Kasse verhandeln.

„Jetzt noch ein bisschen was für dein neues Reich, hm?", sagte Leif und wie zufällig legte sich sein Arm um Endre, als er ihn weiter schieben wollte. Er verweilte etwas länger als wirklich nötig, doch Endre sagte nichts. Er sah sich weiter um. Vielleicht war er mit seinen Gedanken schon beim morgigen Nachmittag, wenn Jack endlich wieder da war.

So sammelten sie nach und nach Dinge ein, die wichtig erschienen. JJ hatte sich schon auf Gustav zusammen gerollt, er langweilte sich, doch er nörgelte nicht. Das war ihm von klein auf bei Strafe untersagt gewesen und er hatte heute noch viel zu viel Angst davor, als dass er auf sich aufmerksam machte. Ein Berg Equipment lag in ihrem Korb und als auch die Formalitäten wegen dem Tisch geklärt waren, alles im Wagen verladen und Gustav schweren Herzens allein im Auto zurück gelassen worden war, ging's nach oben ins IKEA-Restaurant. Leif leckte sich schon die Lippen, während Endre mit dem Kleinen erst mal die Front abschritt, um zu erfahren, was er denn eigentlich essen wollte. JJ schien unsicher, denn das meiste davon kannte er nicht.

So wählten sich die beiden Männer eine große Portion Hackbällchen und für JJ Fischstäbchen. Glücklich war Endre damit nicht, denn er hielt von dem ganzen fettigen Zeug nicht viel. Der Kurze hingegen war ziemlich begeistert und aß mit gutem Hunger.

„Wenn wir einmal mit dem Wagen unterwegs sind, sollten wir noch Lebensmittel holen", schlug Leif vor und Endre nickte. JJ hatte wieder bessere Laune, er plapperte vor sich hin und er vermisste im Augenblick auch gar nicht seinen Freund. Das war doch ein gutes Zeichen.

„Versuchen wir’s. Wenn er anfängt zu quengeln, können wir immer noch heim fahren", stimmte Endre zu. Sie aßen in Ruhe zu Ende, immer wieder spürte er die Blicke auf sich - zwei Männer und ein Kind. Er musste nicht fragen, was die meisten dachten, doch ihm war das egal. Er kannte die Wahrheit und sich gegen die Vorurteile zu wehren, war sinnlos. Er hatte sich für nichts zu rechtfertigen, nur weil er seinem Job nachging. Es brachte nichts, sich darüber aufzuregen, das machte nur Falten.

„Ah, das war gut!" Leif lehnte sich satt und zufrieden zurück und strich sich über den Bauch, grinste dabei Endre an, doch der war gerade dabei, JJ mit einem feuchten Tuch die Hände sauber zu machen, damit er nicht die Soße überall verschmierte. Der Kurze ließ es über sich ergehen, nicht wirklich begeistert, aber nun ja. Er zuckte hoch, als Leifs Telefon plötzlich anfing zu nerven und der ging seufzend ran, denn die Melodie verriet ihm, dass dies Viktor war, der ihn versuchte zu erreichen. „Ja?", fragte er also und senkte die Lider, denn er wusste, dass jetzt wieder die Frage kam, wo er war und mit wem. Und so war es auch.

>Ich war überrascht, als ich heim kam und gerade fremde Männer die Wohnung verließen. Doch dem nicht genug. Stell dir meine Überraschung vor, als ich meinen Verlobten suchte? Doch siehe da - er war nicht da. Also? Wo bist du?<, wollte Viktor gereizt wissen. Alles, was er nach einem langen Tag im Büro gewollt hatte, war ein Bad, ein gutes Essen und einen schönen Mann in seinem Bett - aber von allem war nichts zu finden.

„Ich war einkaufen", erklärte Leif knapp und verdrehte die Augen. Er hatte jetzt wirklich keine gesteigerte Lust. Endre verstand und brachte die Teller weg, während JJ ihm gleich nach lief. So konnten sie laufen, während Leif telefonierte und es konnte ihm nicht jeder zuhören.

>Einkaufen? Und womit? Der Z4 und der SLK stehen in der Tiefgarage. Ich ging davon aus, dass du zu Hause bist.<

„Vik, die Wagen haben nur zwei Sitze und keinen Kindersitz. Im Augenblick habe ich einen Mietwagen, solange bis ich einen richtigen Familienwagen gekauft habe und ehe du gleich wieder Gift und Galle spuckst, denk erst mal drüber nach", schoss Leif gleich zurück. „Ich fahre jetzt noch mit Endre und JJ in den Supermarkt, um den Kühlschrank aufzufüllen und du kannst gern schon essen. Ich habe schon gegessen", erklärte er und legte auf. Er hatte jetzt keinen Bock auf Terror am Telefon. Er hatte die stille Hoffnung, bis er heim kam, hatte sich Viktor schon etwas abgeregt.

„Wieder sauer?", fragte Endre und sein Chef nickte.

„Lass uns einkaufen. Der soll erst mal wieder runter ticken", grinste Leif - und Endre merkte mal wieder, wie Recht er gehabt hatte. Jetzt war der Blonde stur und Viktor würde das zu spüren kriegen.


-32-

Zufrieden ließ sich JJ in seinen Sitz schnallen, während Gustav jetzt zu ihm nach hinten gesetzt wurde. Die beiden Drieschners hatten auf dieser Lösung bestanden und wirkten beide sehr zufrieden, als sie das neben sich hatten, was sie haben wollten. JJ fing gleich an, das Schaf wieder aus der Tasche zu fummeln, während Leif immer wieder zu dem Mann neben sich sah und grinste. Wenn er heim kam, hing sowieso der Haussegen schief, weil Viktor, von Eifersucht getrieben, ihm wieder eine Affäre mit dem Kindermädchen unterstellen würde. Also konnte Leif jetzt auch ein bisschen flirten, damit er nachher wusste, wofür er sich anschreien und Vorhaltungen machen ließ.

„Wenn du keine Lust auf Viktor hast, der eh nur wieder ausfallend werden wird, kann ich dich auch heim bringen", bot er an, weil er Endre das folgende Schauspiel eigentlich gern ersparen würde. Und wenn er ehrlich war, lag es auch ein bisschen daran, dass ihm Viktors Verhalten Endre und dem Jungen gegenüber peinlich war. Nicht Viktor an sich, denn er stand zu seinem Verlobten. Aber seine Eifersuchtsattacken waren irgendwann nicht mehr lustig und schon gar nicht tragbar.

Auch wenn Leif so getan hatte, als hätte er heute Morgen nur die Hälfte mitbekommen, so waren ihm Viktors Worte an Endre nicht entgangen und es hatte ihn wütend gemacht. Doch er war wohl zu harmoniesüchtig gewesen, es wirklich anzusprechen. Er gab sich damit zufrieden, wenn Viktor friedlich war. Es war einfach der Weg des geringsten Widerstandes, ihn dann auch friedlich zu belassen. Nur wenn Viktor selbst Reibungspunkte fand und sich daran hoch zog, hielt sich auch Leif nicht mehr zurück.

„Nein, wegen mir ist das nicht nötig. Wenn du damit beschäftigt bist, deinen Verlobten wieder gnädig zu stimmen und ihm alles zu erklären, muss doch einer den Kurzen in die Wanne stecken und ins Bett schaffen, ihm etwas vorlesen und den Tag ausklingen lassen. Ich würde nicht ruhig schlafen, wenn ich den Kleinen in dem Chaos zurücklassen würde, was dein Verlobter jetzt unter Garantie anrichten wird", sagte Endre ehrlich und sah zu Leif rüber. Es war kein Vorwurf, noch weniger war es eine Verurteilung. Es war einfach eine Tatsache, das begriff auch Leif ziemlich schnell und wusste doch nicht, was er darauf sagen sollte. Dass Endre schon so gut wusste, was passieren würde, war ihm peinlich. Das konnte er so nicht stehen lassen.

„Er muss sich eben noch an die neue Situation anpassen. Da kommt auch auf ihn vieles zu und er muss mich teilen", versuchte er zu erklären und hätte sich selber dafür ohrfeigen können, dass er Viktor verteidigen musste.

Endre sah ihn ernst an. „Leif, du musst dich vor mir nicht rechtfertigest. Er ist der Mann, den du liebst und er wird sich irgendwann mit dem arrangieren", sagte er und behielt für sich, dass er ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache hatte. Er kannte Männer wie Viktor, die waren nur in der Lage, sich auf eine Person zu fixieren und verlangten das im Gegenzug auch von ihrem Gegenüber. Dass Leif jetzt den Jungen hatte und der viel Aufmerksamkeit brauchte, jetzt noch ein männliches Kindermädchen im Haus war und er eigentlich seinen Freund kaum noch sah oder gar für sich alleine hatte - sicher, das alles war nicht leicht, aber doch nicht unmöglich. Alles was dieser Viktor in Gefahr sah, war sein zufriedenes Leben. Nein, Endre mochte ihn nicht, doch das würde er Leif nicht sagen.

„Ich habe einfach ein schlechtes Gewissen, wenn er dich jetzt jeden Morgen anschnauzt", erklärte Leif, doch Endre winkte ab.

„Ach weißt du, Leif, es gibt wenig, was der mir noch sagen kann, was ich nicht schon mindestens einmal gehört habe. Und mir ist es lieber, ich bin das rote Tuch für ihn, dann lässt er den Kurzen zufrieden." Endre war da nicht so kleinlich. Wenn er der Schutzschild vor einem wütenden, tobenden Kerl sein musste, dann tat er das eben - so lange der Vogel nicht handgreiflich wurde und er wagte zu bezweifeln, dass Viktor sich je auf dieses Niveau herablassen würde.

„Man", lachte Leif leise, „du hast ja ein heiteres Gemüt." Doch wirklich zum Lachen war ihm eigentlich nicht. Bis jetzt war es Viktor gewohnt, dass jeder, der ihm im Weg war und der seinen Zorn zu spüren bekommen hatte, früher oder später den Schwanz einzog und kuschend von dannen schlich. Doch bei Endre würde das nicht passieren, das wusste Leif. Der junge Mann hatte schon viel zu viel in seinem Leben gesehen und viel zu viel mitgemacht, als dass ein eifersüchtiger Snob ihn schocken könnte. Das dürfte für Viktor eine völlig neue Erfahrung werden.

„Hm." Endre winkte ab. „Irgendwann wird er merken, dass er mich beißen kann wie er will. So lange du mir diesen Job gibst, solange werde ich auch da bleiben. Um mich zu schocken oder zu treffen muss er früher aufstehen. Kümmere du dich erst mal ganz um deinen Liebsten, ich werd mit dem Kurzen oben noch ein bisschen spielen. Vielleicht hilft er mir ja auch, die neuen Schränke einzuräumen, nee?" Endre drehte sich nach hinten, wo Gustav gerade an den Ohren gezogen wurde.

„Hm?", machte JJ leise, weil er gar nicht zugehört hatte, doch so wie Endre ihn ansah, erwartete der wohl etwas von ihm. Er sank in sich zusammen, er hatte wieder etwas falsch gemacht, ganz bestimmt.

Doch Endre lächelte nur. „Wollen wir dann noch ein bisschen spielen? Oder den Schrank einräumen, hm?", fragte er mit sanfter Stimme und JJ nickte.

„Sielen", erklärte er begeistert und Endre lachte.

„Spielen, okay." Er wandte sich wieder nach vorn und grinste zu Leif. „Wie du siehst, habe ich nachher noch ein Date, du kannst mich also noch nicht nach Hause bringen", erklärte er und Leif lachte.

Der Kerl war wirklich einmalig. Also wenn er morgens so angegangen worden wäre, er hätte sein Zeug gepackt und wäre gegangen. Aber er war eben nicht wie Endre. Underdog hin oder her, der stand wenigstens mit allen vier Pfoten mitten im Leben, während er selbst nur in anderen Sphären schwirrte. Er grinste dreckig, als er sich den schnuckeligen Kerl auf allen Vieren vorstellte, dabei nackt wie auf den Bewerbungsbildern, die Endre eingeschickt hatte.

Oh nein, keine guten Gedanken!

Gar keine!

Das sollte er sich gar nicht erst angewöhnen!

Zum Glück waren sie schon dort, wo sie hin wollten und der Einkauf konnte beginnen. Sie deckten sich mit allem ein, was gebraucht wurde. Konserven, Nudeln, Tiefkühlware. JJ saß im Korb und begutachtete alles, während Gustav auf das Auto aufpasste.



Wieder um einige Euro ärmer machten sie sich dann endlich auf den Weg nach Hause. Leif war gar nicht wohl, doch er wollte sich nichts anmerken lassen. Wie üblich fuhr er in die Tiefgarage unter dem Hotel und grinste, als er nach hinten deutete. Endre sah sich auch um und musste feststellen, dass spielen heute flach fiel, denn JJ war der Tag wohl in die Knochen gefahren. Er hing in den Seilen und schlief, während Gustav ihm dabei zusah. „Nimm du den Jungen, ich räume die Taschen und das Zeug in den Fahrstuhl", sagte Endre und machte sich gleich nützlich, noch ehe Leif intervenieren konnte.

Warum beeilte sich Endre nur so? Wenn sie oben waren, brach sowieso der Zorn der Götter über sie hernieder. Vielleicht bestand im Augenblick noch die Möglichkeit, dass Viktor sich beruhigt hatte, doch Leif kannte ihn zu gut. Wenn der in Rage war dann richtig. Schnell waren alle Tüten im Fahrstuhl und es ging aufwärts.

„Hier, nimm den Kurzen und geh mit ihm nach oben. Ich werde mir Viktor gleich greifen und mal was klar stellen", sagte Leif. Die Einkäufe konnten auch erst mal im Fahrstuhl bleiben, die klaute schon keiner und selbst wenn, bestand ja immer noch die Option, neue zu kaufen. Erst mal musste hier einiges klar gestellt werden. Und so straffte er sich und stürmte raus, noch ehe Viktor, der tatsächlich vor der Tür gewartet hatte, etwas sagen konnte.

„Schlafzimmer", knurrte Leif laut und zog Viktor hinter sich her, während Endre nur den Kopf schüttelte und mit JJ nach oben ging. Wenn der Kleine schlief und Leif und Viktor immer noch stritten oder sich schon versöhnten, konnte er immer noch die Einkäufe wegtun. Nur den Beutel mit der Tiefkühlware nahm er mit nach oben, um es in seinem Kühlschrank zu verstauen, ehe es Schaden nahm, dann war er mit JJ verschwunden.



Genauso wie Leif mit Viktor. Allerdings hatte der sich jetzt gefangen und kaum war die Schlafzimmertür zu, funkelte er seinen Verlobten an. „Kannst du mir mal erklären, was deine Shoppingtour mit diesem Möchtegern-Gigolo sollte? Jeder sucht dich und keiner weiß, wo du bist. Du haust vom Set ab und sagst kein Wort. Sag mal, geht’s noch?" Viktor war sauer, aber da stand ihm Leif in nichts nach.

„Wenn du mal deinen Mund aufmachen und mit Frank reden würdest, dann hättest du gewusst, dass ich heimfahre, um zu sehen, wie die Packer klar kommen. Dann hättest du auch gewusst, dass er gesagt hat, heute liegt nichts mehr an, den Rest kann er ohne mich. Aber du musst ja nicht fragen. Dem Herrn muss ja alles schriftlich mitgeteilt werden oder was?", ätzte Leif zurück. Er stand mit dem Rücken an der Wand und war wütend. Lieber hätte er jetzt JJ gebadet und ins Bett gebracht, anstatt sich wieder und wieder mit Viktor über Dinge zu streiten, die eigentlich geklärt sein sollten.

„Sag mal, Leif, wie redest du denn mit mir? Ich habe dir eine wohl berechtigte Frage gestellt. Hat der kleine Spinner dich gegen mich aufgehetzt? Diese Straßenratte? Ich bin immer noch der Meinung, dass…"

„Vik, deine Meinung interessiert mich nicht, so lange du nicht in der Lage bist, jemanden anständig zu behandeln. Ich habe euch heute Morgen sehr wohl gehört, ich habe nur nichts gesagt, weil ich nicht schon wieder darauf Lust hatte, dass du ausflippst. Aber so wie du ihm entgegen getreten bist, hätte ich dir auch keinen Guten Morgen gewünscht, das darfst du wissen und jetzt sag mir endlich, was der ganze Mist soll!" Leif sah auf die Uhr und machte Viktor so bewusst noch wütender, denn er wusste genau, wie sein Verlobter es hasste, wenn er so augenscheinlich beiseite gelegt werden sollte, weil etwas anderes wichtiger war.

„Was denn? Wartet der Arsch da oben auf dich? Ja? Ist es das?", wollte er wissen und Leif seufzte.

Langsam tickte er wieder runter, weil er wusste, dass es keinen Sinn machte, sich noch weiter aufzuregen. Wenn er nicht vernünftig wurde, wurde es keiner.

„Vik, mach dich doch nicht lächerlich. Wir haben einen Tisch und Stühle für die Küche gekauft, damit man mit dem Jungen dort essen kann und damit das Zeug auch passt, haben wir ihn mitgenommen und weil wir gleich noch...", versuchte sich Leif zu erklären, doch er merkte, dass es keinen Sinn machte, als Viktor ihn schon wieder unterbrach.

„Du hast auch für alles eine Ausrede, hm? Darum warst du noch nie verlegen." Viktor ließ sich aufs Bett fallen und sah seinen Verlobten weiter aus schmalen Augen an. „Warst du es nicht, der mir erklärte, wenn der Kerl hier arbeitet, dann hast du mehr Zeit für mich - Hallo? Wo genau ist denn jetzt die Zeit, die du mehr für mich hast? Ich sehe dich doch noch seltener, weil du nicht nur um das Gör, sondern auch noch um diesen Underdog herum schleichst und erklär mir nicht wieder, ich soll so nicht über ihn reden.

Aber weißt du was, Leif, es ist mir egal. Ich rede über ihn, wie es mir passt, denn der Kerl kotzt mich an. Kommt hier her, stellt Forderungen und wirft alles über den Haufen. Ich denke gar nicht dran, mich mit dem gut zu stellen. Der gehört hier nicht hin und das wird er noch merken!"

Leif wusste gar nicht, was er sagen sollte, er starrte Viktor nur an. Ein paar Herzschläge vergingen stumm, ehe er leise zischte: „Pass mal auf, Vik, wenn du glaubst, mit deiner Nummer kommst du durch, so wie immer, dann muss ich dich daran erinnern, dass es dieses Mal nicht so sein wird. Mit dem Jungen ist es mir ernst und Endre wird mir dabei helfen. Er hat bereits vier Kinder groß gezogen und egal ob du dich auf den Kopf stellst, er wird hier bleiben. Besser noch, er wird hier einziehen, damit er sich Tag und Nacht um den Jungen kümmern kann!" So weit kam es noch, dass er sich von Viktor wieder alles vorschreiben ließ, nur weil der glaubte, wenn er nur lange genug schmollte, dann lenkte Leif wieder ein.

Dieses Mal nicht!

„Wie bitte?" Viktor schoss hoch und drückte Leif fester gegen die Tür, als er sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen lehnte. Was redete Leif für einen Mist? Was hatte er sich denn von der Straßenratte für Flöhe ins Ohr setzen lassen? Der hatte hier ganz bestimmt nichts verloren!

Doch Leif wehrte sich gegen die Enge, schob Viktor von sich und funkelte ihn an.

„Sag mal, geht’s noch? Was soll der Blödsinn?", knurrte er und richtete sich die Klamotten. Langsam ging ihm sein Freund aber wirklich auf die Nerven.

„Das fragst du mich?" Viktor war außer sich. „Wie kannst du dieser Straßenratte..."

„Endre!", korrigierte Leif wütend.

„Stra-ßen-rat-te!", knurrte Viktor zurück - langsam, gedehnt und provozierend, grinste Leif dabei frech an und der schluckte.

Nein, er würde darauf jetzt nicht anspringen! Er kannte das Spielchen. Viktor wollte ihn so weit reizen, bis sie aufeinander losgingen. Meistens endete ein Handgemenge auf dem Bett, ging in einen wilden Kuss über und führte zu ziemlich schnellem, harten Sex. Aber nicht heute - Viktor war zu weit gegangen. „Wen ich in meine Wohnung lade und wen nicht, ist meine Sache, vergiss das bitte nicht. Diese Immobilie gehört ganz allein mir."

„Das hast du schon einmal betont. Komischerweise erst, seit dieser Vogel sich bei dir vorgestellt hat. Ist das ein dezenter Hinweis für mich, dass ich langsam aus deiner Immobilie und deinem Leben verschwinden soll, weil kein Platz mehr ist oder was?", wollte Viktor wissen, doch er schrie nicht mehr. Er wusste nur zu gut, wie stur Leif war und dass man mit Kraft und Stärke bei ihm gar nichts erreichte.

Überrascht über den Stimmungswechsel schüttelte Leif kurz den Kopf, als müsse er da erst einmal hinterher kommen. „Wie bitte? Aber sonst geht’s dir noch gut, ja?", fragte er, weil er mit dieser Aussage - oder besser: Unterstellung - echt nichts anfangen konnte. „Er soll hier einziehen, weil wir oft bis spät in die Nacht arbeiten, weggehen oder sonst was. Er bekommt oben seine Zimmer, weit weg von dir. Er hat ein eigenes Bad, eine eigene Küche. Er wird deine Kreise also nicht so extrem stören, wie du schon wieder glaubst. Ich brauche Hilfe mit dem Jungen, ob dir das nun passt oder nicht", erklärte er und Viktor lachte dunkel auf, doch es klang nicht amüsiert.

„Ob es mir nun passt oder nicht? Das klingt ja fast, als hätte ich eine Wahl, als dürfte ich sagen, nein es passt mir nicht. Doch das änderte nichts daran, dass du unbedingt dein Mutterglück erleben musst. Mal sehen, wie lange diese Phase noch anhält, bis du merkst, dass das einfach nichts für dich ist."

„Vik, ich habe auf diese Grundsatzdiskussion keine Lust mehr. Wenn du glaubst, das wäre nur eine Phase, so lasse ich dich gern in dem Glauben, aber hör endlich auf, dich permanent in den Weg zu stellen. Deine Eifersucht auf Endre ist lächerlich und peinlich..." Weiter kam Leif nicht, weil Viktor ihm das Wort abschnitt.

„Ach, ich bin lächerlich und peinlich? Was glaubt diese Straßenratte denn, was der ist? Verkommen und verarmt und..."

„Vik, wenn du nichts Konstruktives mehr zu diesem Gespräch beitragen kannst, sage bitte gar nichts. Denn im Augenblick bin ich extrem wütend. Wenn du nicht willst, dass sich das noch steigert, behalte die restlichen Bosheiten, die du gern noch verspritzen möchtest, bitte für dich. Ich kümmere mich jetzt um die Einkäufe und ich will von dir keine Spitzen gegen Endre mehr hören. Und auch nicht gegen den Jungen, klar?" Leif wusste so gut wie sein Verlobter, dass er gegen eine Wand redete, doch das war ihm egal. Sicher war JJ schon im Bett und er hatte seine Zeit hier wieder sinnlos vertan.

Wenn bei dem Gespräch wenigstens etwas rausgekommen wäre, wenn er wüsste, was diese Shows jedes Mal sollten, die Viktor abzog - aber nichts. Außer Gift zu verspritzen und seine schlechte Laune auszulassen, hatte das hier nichts gebracht.

„Leif, du verbiegst dich doch total für dieses Balg. Nicht einmal mehr deinen geliebten Wagen kannst du fahren wegen dem, nur weil da kein Kindersitz rein passt. Nein, stattdessen holst du dir so eine komische Karre. Sonst waren wir fast jeden Abend weg und wenn wir nur in einer Bar waren, um etwas zu trinken und den Tag ausklingen zu lassen. Aber seit das Balg hier ist, kriege ich dich kaum noch zu sehen. Mal für eine schnelle Nummer. Wenn wir nicht zusammen arbeiten würden, würde ich dich fast gar nicht mehr sehen. Findest du das fair?", fragte er und sank wieder aufs Bett, machte nebenbei den Fernseher an. Er hatte nicht vor, das Zimmer heute noch einmal zu verlassen, so lange dieser Underdog hier noch kreuchte und fleuchte.

„Hab doch noch etwas Geduld, es muss sich erst mal einpegeln. Und bald geht es nach den Seychellen, da muss noch einiges vorbereitet werden. Wir werden schon wieder Zeit füreinander haben", sagte Leif leise und holte tief Luft. „Ich geh dem Jungen gute Nacht sagen, er ist im Auto schon eingeschlafen. Endre wird ihn wohl ins Bett gebracht haben", sagte er leise und öffnete die Tür.

„Wirst du dann zurück zu mir kommen oder bei dem Gör oben bleiben?", wollte Vik wissen und Leif biss die Lippen zusammen, um jetzt nicht ausfallend zu werden.

„Wenn du darauf bestehst, werde ich Endre bitten, noch bei JJ zu bleiben. Das ist kein Problem", versuchte er dennoch einzulenken, doch als Viktor nur zynisch anmerkte, dass er die Straßenratte nicht zu bitten bräuchte, schließlich wäre das sein Job, war auch Leifs guter Wille dahin. Er ging durch die Tür und schloss sie, lehnte sich dagegen und schloss die Augen. Doch er zuckte zusammen, als er das Klappern der Einkäufe hörte. Endre kam gerade mit ein paar Taschen durch das Zimmer auf dem Weg zur Küche.

„Willst du auch einen Tee? Fenchel soll beruhigen", sagte er und ging weiter. Durch den Schallschutz in der ganzen Wohnung war nichts zu hören gewesen, aber so elend wie Leif aussah, war es sicher kein Zuckerlecken gewesen.

„Ja, danke", sagte Leif und löste sich von der Tür, ging rüber, um die letzten drei Taschen aus dem Fahrstuhl zu räumen. „Schläft JJ schon?"

Endre nickte. „Ich hab ihn nur schnell gewaschen, Zähne geputzt hat er im Halbschlaf und kaum lag er in seinem neuen Bett, war alles vorbei. Er hat noch nicht mal nach Gustav gegriffen", lachte Endre leise und räumte gerade die Nudeln und den Reis weg, genauso wie die Gewürze, die sie gekauft hatten. „Soll ich noch bleiben oder willst du, dass ich gehe?", wollte Endre wissen, weil er auch unsicher war. Leif war schweigsam, das kannte er nicht bei ihm.

„Vik ist zu weit gegangen, ich werde mich heute nicht mehr bei ihm blicken lassen. Wenn du willst, kannst du gehen, ich werde noch nach JJ sehen", erklärte Leif und setzte sich an die Theke, spielte ein bisschen mit dem Schaf, was dort lag und seufzte. „Er will mich nicht verstehen, er ist so stur und egoistisch", sagte er leise und sah Endre dabei zu, wie er sich in der Küche einrichtete. Er stellte das neue Geschirr und die Töpfe, die sie gekauft hatten, in den Spüler, richtete ihn her und stellte ihn an. Mal sehen, ob er überhaupt noch ging? Doch er tat leise brummend seinen Dienst.

„Bist du dir sicher, dass es eine gute Idee wäre, wenn ich hier wirklich einziehe?", fragte Endre leise. Ihm selber war das ziemlich egal - aber für Leif dürfte das die Hölle werden, weil er als Prellbock herhalten würde. Ob er das auf die Dauer durchstand?

„Was denn? Du jetzt auch noch? Vik kriegte eben auch gerade die Krise, als ich sagte, dass er sich endlich dir gegenüber benehmen soll, schließlich wirst du hier einziehen", sagte Leif und Endre grinste.

„Ich gehe mal davon aus, dass er das nicht so erstrebenswert fand", fragte er und reichte Leif eine Tasse Tee.

Der lachte trocken auf. „Nein, das wirklich nicht ... danke." Doch dann stieß Leif sich ab. „Ich geh hoch zum Kurzen. Kannst dann Schluss machen, wenn du fertig bist, gute Nacht." Leif lächelte und kam müde auf Endre zu, küsste ihn kurz auf die Stirn und ging. Er sah nicht zurück und ließ Endre allein zurück.

Der sah ihm noch eine Weile nach, ehe er fertig räumte und dann leise verschwand. Man, hier war ja dicke Luft!