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Raphaels Schatten - Teil 5 bis 8

05

Selbst der spannendste Film konnte nicht verhindern, dass Daniel immer wieder leicht dämmerte. Das Schmerzmittel und das frühe Aufstehen forderten ihren Tribut und so erschreckte der Sänger sich ziemlich, als es auf einmal schellte. „Markus?“, murmelte er schlaftrunken und sah sich um, aber sein Freund war nicht da. „Och nee“, stöhnte Daniel leise und überlegte, ob er einfach ignorieren sollte, dass jemand vor der Tür stand, aber das ging schlecht. Er musste sich wohl aus dem Bett quälen, schließlich konnte es wichtig sein.

„Komme!“, brüllte er also, um sich etwas Zeit zu verschaffen und versuchte sich aufzusetzen, doch sein Körper hatte sich an die Lage gewöhnt und fand jede Faltung an sich unschön, was er mit ziehen und ziepen quittierte. „Autsch“, knurrte Daniel, doch es half nichts. Morgen musste er wieder auf dem Damm sein und bei der Probe funktionieren. Sich jetzt mädchenhaft anzustellen war nicht ratsam. Er holte also Schwung, schoss hoch und drückte die Augen fest zu, bis der Schmerz nachließ, dann schlurfte er zur Tür und öffnete gähnend.

„Nette Begrüßung“, grinste ihm ein junges Frauengesicht entgegen und ein spitzer Fingernagel kratzte vorsichtig über Daniels Bauch. „Kriege ich jetzt immer diese Begrüßung?“, lachte Jessica und schob sich an dem Sänger vorbei in die Wohnung. Sie kannte Daniel schon nackt, aber das war neu. „Hab ich dich geweckt?“

Irritiert über die blöden Sprüche verstand Daniel nicht gleich, als ihm aber frisch um den Hintern wurde, ging ihm auf, dass er sehr unbekleidet in der Tür stand und schmiss sie zu. Sich jetzt noch mädchenhaft kreischend zu verbergen hatte keinen Sinn – Jessie war Kummer gewohnt. „Nein, ich probe für die neue Show“, schoss er also zurück und folgte seiner Freundin ins Schlafzimmer, da, wo sie immer ihre neuen Entwürfe ausbreitete, wenn sie wieder Ideen für Raphael gehabt hatte.

„Wie praktisch, dass du gerade nichts an hast.“ Sie wedelte mit einer Tüte und grinste. Sie hatte wieder einen genialen Einfall gehabt und nach einer arbeitsreichen Nacht wollte sie sehen, wie ihre Kreation an Daniel aussah. Wenn sie auch die Musikrichtung nicht sehr mochte, so war der Style der Visual Kei gleich etwas für sie gewesen, denn bei den Kostümen konnte sie sich künstlerisch verwirklichen. Sie studierte Modedesign und arbeitete nebenbei in einer Schneiderei, in der sie in der Freizeit auch die Maschinen und Tische benutzen konnte und ihre Ideen waren immer gern gesehen. Sie war eine der wenigen, die Daniel aus seiner Zeit vor ARK hatte hinüberretten können.

Allerdings kam dem lädierten, jungen Mann die Anprobe heute sehr ungelegen, doch das sagte er Jessie nicht, denn er wollte sie nicht vor den Kopf stoßen, so grinste er schief und holte tief Luft, ehe er langsam in die Knie ging, den Rücken dabei gerade ließ und hastig seine Unterhose griff. So, in der Hand hatte er sie schon, jetzt musste er sie nur noch anziehen.

Natürlich war sein merkwürdiges Verhalten nicht unbemerkt geblieben. Jessie beobachtete ihren Freund, wie er immer wieder ansetzte, sich seine Unterhose anzuziehen, es aber nicht schaffte. „Hast du es im Kreuz?“, fragte sie und war gleich besorgt.

„Ischias“, grinste Daniel schief und hatte nun ein Bein in der Unterhose, hangelte nach der zweiten Öffnung. Es dauerte ein bisschen, doch es funktionierte irgendwann mit Augen verdrehen und Luft anhalten. „Hat der Doc zumindest gesagt. Ich warte darauf, dass das Schmerzmittel richtig wirkt.“ Es war zwar schon besser, aber optimal war anders. Er zog gleich einen Pullover über, den er neben sich liegen hatte, damit er sich nicht verkühlte und es noch schlimmer wurde.

„Los, ins Bett mit dir“, kommandierte Jessie und sah jetzt erst, was Markus für seinen Freund vorbereitet hatte. „Du lebst ja nicht schlecht“, grinste sie und half Daniel dabei, sich wieder hinzulegen. Sie war wirklich in Sorge, denn es war selten, dass der Sänger krank war. Meistens steckte er kleinere Beschwerden kommentarlos weg, doch nun rächte sich sein Körper wohl und hatte die Nase voll, immer unterdrückt zu werden, denn wenn Daniel schon mal freiwillig zum Arzt ging, ohne dass er den Kopf unter dem Arm trug, dann dürften die Schmerzen ziemlich heftig gewesen sein.

„Und die Kleider? Ich bin neugierig“, sagte Daniel und so war es auch. Jessie war ein unerschöpflicher Pool an Ideen, immer wieder erfand sie den Stil neu und überraschte mit interessanten Kombinationen. Doch entgegen seiner Worte ließ Daniel sich wieder in die Kissen fallen und griff nach einem Brötchen.

„Nein, nein, Schatz, das hat Zeit. Du kannst sie im Moment sowieso nicht anprobieren und ich kenne dich. Wenn du sie siehst, willst du sie auch anziehen.“ Jessica lachte und biss von Daniels Brötchen ab. „Du bleibst liegen und probierst alles an, wenn du wieder auf dem Damm bist.“

„Du bist dermaßen fies, ich sag’s dir“, knurrte Daniel, der es nicht gewohnt war, so auf die Folter gespannt zu werden. Allerdings bestand die Sorge, wenn er es auf einer der Proben trug, wurden Steffan und Achim darauf aufmerksam und wollten es sich wieder unter den Nagel reißen.

Es war Raphaels Glück, dass er so androgyn war. In seine Kostüme, die Jessie ihm praktisch auf den Leib schneiderte, passte kein zweiter und die Kopien, die Achim für Steffan anfertigen ließ, waren meistens nicht so gut wie das Original, weil sie bei Steffans Figur nicht mehr die gleiche Wirkung hatten.

„Wenn du nett zu mir bist, zeig ich es dir vielleicht nachher. Ich habe mich wirklich selbst übertroffen, muss ich sagen.“ Jessie wusste, dass sie fies war, aber sie musste Daniel einfach ärgern. Es dauerte sowieso nicht mehr lange und sie hielt es selber nicht mehr aus. Sie wollte wissen, was Daniel dazu sagte.

„Erinnere mich daran, dass ich Markus darum bitte, dich fiese und gemeine angebliche Freundin aus diesen Räumen zu entfernen.“ Daniel schmollte und es tat ihm gut. Er hatte nicht oft die Möglichkeit, Daniel zu sein, so zu sein, wie er war und das kostete er aus. Kindisch versuchte er seine Beute auf die andere Seite des Bettes zu zerren, doch das ging nicht so schnell, wie er das gern gehabt hätte und so war er schneller eines seiner Brötchen los, als ihm lieb war. „Hey!“

„Waff?“, fragte Jessie mit vollem Mund und robbte dem Futter einfach hinterher. Da waren noch ganz viele andere leckere Dinge drauf, die sie probieren wollte. „Markus macht so was nicht“, nuschelte sie und schluckte runter. Die Chips schmeckten bestimmt auch gut. „Ist er heute wieder im Theater? Dann kommt er spät.“

„Er kommt bestimmt, wenn ich um Hilfe rufe und ihm schildere, wie hinterhältig ich bestohlen werde, ich, der sich nicht wehren kann, ich, der eh immer zu wenig isst. Ich glaube, er würde kommen.“ Daniel pokerte hoch und er würde es nie wagen anzurufen, doch die Vorstellung gefiel ihm, mehr als seine verfressene Freundin, die sich gerade durch die drei Sorten Chips probierte. „Hast du dir wenigstens die Hände gewaschen, ehe du in meinem Essen wühlst?“, knurrte Daniel gutmütig und klatschte Jessie, die quer über ihn drapiert lag, auf den Hintern.

Sie quietschte erschrocken, ließ sich aber nicht stören. „Natürlich nicht, dann gehören alle Chips mir“, lachte sie. Sie nahm sich aber nur noch ein paar und rollte sich dann von ihrem Freund. „Markus würde so etwas Gemeines nie tun. Er weiß, wie man kreative Genies behandeln muss.“

Daniel hob eine Braue und betrachtete Jessie, die sich die Schuhe von den Füßen streifte und sich zu ihm unter die Decke trollte. Denn wenn man hier so herum lag und das Fenster weiter offen blieb, wurde es frisch. Ihr blauer Wuschelkopf landete wie üblich auf Daniels Schulter, ihr Blick fing sich am Fernseher fest. „Erzähl. Was hast du gemacht, dass dein Rücken dabei kaputt geht. Hat der Arsch dich wieder gescheucht?“

Daniel wusste, wen Jessie damit meinte, denn sie hielt nicht damit hinter dem Berg, was sie von Achim hielt – nämlich gar nichts. Sie tickte wie Markus und so war es nur ihre enge Bindung und Zuneigung zu Daniel, die es gestattete, dass Raphael ihre Kreationen auf Pressefotos tragen durfte, die dann von Hunderten Kids dilettantisch aber mit viel Herz kopiert wurden. Ihr Name war noch nie gefallen, es wusste keiner, wer Raphael einkleidete.

„Wir hatten zum Sonnenaufgang ein Shooting mit einem japanischen Musikmagazin. Die Probleme hab ich wohl durch die schweren Flügel.“

„Heute? Ich dachte, du hast heute frei?“ Jessie hob ihren Kopf und sah ihren Freund mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „So ein Arsch, konnte er dir nicht einmal deinen freien Tag lassen? Er versaut sie dir doch regelmäßig seit ein paar Wochen. Der hat sie doch nicht alle.“ Sie nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es um Achim ging. Sie fand diesen Kerl einfach nur widerlich und sie konnte nicht verstehen, wie Daniel es überhaupt mit ihm aushielt.

„Tja“, Daniel zuckte die Schultern. „Dachte ich auch, aber ich habe gelernt, dass man das denken den Pferden überlassen soll. Die haben den größeren Kopf. Und so überraschte mich Achim gestern nach dem Konzert mit der Hiobsbotschaft.“ Und so wie Jessie drauf war, verschwieg er ihr vielleicht erst einmal, dass Steffan hier einzog und Daniel dem zugestimmt hatte. Sicher, Jessie war nicht dumm, spätestens nach dem dritten Besuch würde sie merken, dass was anders war. Doch ihr jetzt zu erzählen, dass er sich mit seiner aufgegebenen Freiheit Markus erkauft hatte, brachte er noch nicht über sich, denn ihm fehlten die passenden Worte.

Jessie verkniff es sich zu fragen, wie Daniel das einfach so hinnehmen konnte, denn das hatten sie schon viel zu oft diskutiert und keine Einigung erzielt. Darum wuschelte sie ihrem Freund nur durch die Haare. Sie hoffte immer noch, dass Daniel irgendwann auf Markus und sie hörte und sich gegen Achim wehrte. Dazu musste er allerdings erst einmal begreifen, was er wirklich wert war. Das konnte noch etwas dauern, denn jeden Vorschlag, der darauf hinaus lief, dass er sich als Daniel auf eine Bühne stellte – und wenn es nur die in einer Karaoke-Bar war – hatte Daniel immer verweigert. Es war, als wäre er von Raphael abhängig, als wäre nur diese Kunstfigur in der Lage zu singen. Doch das hieß nicht, dass die beiden aufgaben. Dafür war ihnen Daniel zu wertvoll. Ehe Raphael ihn zerstörte, würden sie lieber Raphael zerstören. Dass die Band dann mit den Bach runter ging, war nicht ihre Sorge. Für sie zählte nur Daniel.

„Du hast lange nichts von Kevin erzählt, hat es nicht geklappt?“, wechselte Daniel das Thema. Kevin war ein Kommilitone von Jessie und die beiden waren oft ausgewesen. Aber es war still geworden. Hatte es etwa doch nicht gefunkt?

„Hm“, brummte Jessie vage. „Weiß nicht“, murmelte sie leise und verzog das Gesicht. „Wir haben uns die letzte Zeit nicht so oft gesehen, weil Kevin keine Zeit hatte.“ Man sah ihr an, dass sie nicht besonders glücklich darüber war. „Er ist halt ein Mann. Die kriegen doch meist gar nicht mit, dass eine Frau an ihnen interessiert ist.“

„Was soll das denn heißen? Das klingt ja gerade so, als wären wir Gefühlskrüppel“, knurrte Daniel gespielt und zog die Decke höher. Langsam spürte er die Wirkung der ganzen Medikamente, denn der Rücken schmerzte deutlich weniger als noch am Morgen. Wenn das so blieb, konnte er morgen ohne Probleme zur Probe. „Dabei sind wir sensibel und empfindsam.“ Er nickte bestätigend und verbiss sich das Lachen. Sie spielten dieses Spiel öfter – Kampf der Geschlechter.

„Pff!“ Jessica zeigte Daniel einen Vogel. „Wem willst du das denn erzählen? Ihr schnallt doch gar nichts, wenn man es nicht klar und deutlich ausspricht. Nimm mich, ich bin scharf auf dich, könnte klappen, aber nicht immer. Ich habe darauf schon ein: Echt? Und jetzt?, gehört. So was bringen nur Männer.“

„Warst du nackt und hattest Essen dabei?“, wollte Daniel analysierend wissen und sah Jessie prüfend an. Sie war hübsch, ein bisschen kurvig und die blauen Haare ziemlich gewagt. Die großen Augen aber gaben ihr auch mit ihren dreiundzwanzig Jahren noch etwas Mädchenhaftes. „Denn was soll ein Mann mit einer Frau, die noch was an hat und außerdem nicht mal Futter mitbringt? Das würde Markus nie wagen. Aber der ist ja auch keine Frau.“ Jetzt kam Daniel gespielt ins grübeln.

„Er bringt dir nackt Essen? Sag mal, läuft da was zwischen euch, das ich wissen sollte?“ Jessie sah Daniel eindringlich an. Das die beiden eng befreundet waren, das wusste sie, aber war da noch mehr? Bei Daniel war sie sich nicht sicher, wo seine Präferenzen lagen und Markus fuhr zweigleisig, das wusste sie. Er hatte schon in der Schule mal einen Freund und mal eine Freundin gehabt. Je nachdem, wie es kam.

„Was?“ Daniel sah sie irritiert an, denn an derartiges hatte er noch nicht einmal gedacht. Markus war Markus, ihn als etwas anderes zu sehen als einen Freund kam für Daniel nicht in Frage. „Er kam nur gerade aus der Dusche und weil er Sorge hatte, dass ich ohne Frühstück verschwinde, hat er mir schnell noch was verpasst. Zeiteffektiv eben – mehr nicht“, klärte er auf. Markus kannte sein Schweinchen eben.

„Er kam aus der Dusche?“, fragte Jessica neugierig nach und setzte sich auf. So konnte sie besser sehen, wie Daniel auf ihre Fragen reagierte. „Wenn Markus morgens bei dir duscht, dann hat er hier geschlafen. Das bedeutet, dass er hier bei dir im Bett geschlafen hat, denn auf deiner Couch geht das nicht“, fasste sie zusammen, was sie brennend interessierte. „Was hast du dazu zu sagen?“

„Geschlafen?“, fragte Daniel etwas irritiert. Das machte Markus zwar ab und an, wenn sie spät heim kamen und er vor dem Fernseher mit wegdämmerte, doch nicht an dem Morgen. „Er war joggen und musste hinterher mit mir zum Set. Also hat er geduscht, während der Kaffee kochte und ich mich noch etwas im Bett gedreht habe. Jetzt halt deine kleinen, perversen Fantasien aber mal im Zaum.“ Langsam bekam Daniel Spaß daran, Jessica die Butter vom Brot zu klauen.

„Daniel“, knurrte Jessica und kniff die Augen zusammen. Sie war kurz davor sich auf ihren Freund zu stürzen, aber sie erinnerte sich noch gerade so daran, dass Daniel ja krank war. „Was willst du mir eigentlich erzählen? Das da nichts zwischen euch läuft. Ihr hockt doch praktisch ständig zusammen. Da ist doch nur logisch, dass man auf einige Gedanken kommt.“

„Es läuft aber nichts zwischen uns, meine Güte.“ Daniel schüttelte den Kopf und drückte sich tiefer in sein Kissen. Jessica pflanzte da Gedanken in sein Hirn, die ihm nicht gefielen. Er wollte Markus nicht anders sehen und der sollte ihn auch nicht anders sehen. So wie es war, war es toll. Sie vertrauten sich, sie kannten sich. Nichts sollte sich ändern. Gar nichts. „Außerdem steht Markus auf ganz andere Typen. Ich kenne doch die Mädels, die er toll findet. Und ganz nebenbei, ich bin keins.“ Dass Markus auch mit Männern anbandelte, wenn sie ihn reizten, überging Daniel jetzt, das passte nicht in sein Konzept.

„Blödsinn. Markus hat keinen bestimmten Typ“, konterte Jessie, aber sie beließ es erst einmal dabei. Daniel war das Thema nicht angenehm und sie wollte ihn ja nicht quälen. Ihr Kopf landete wieder auf seiner Schulter und sie seufzte. „Du solltest dir wirklich auch mal langsam jemanden suchen. Es ist nicht gut, allein zu sein.“ Es machte einen irgendwann depressiv und unausgeglichen. Das kannte sie von sich selbst.

„Und genau wann kümmere ich mich dann darum?“, fragte Daniel, denn auch dieses Thema hatten sie nicht zum ersten Mal. „Achim macht für mich jede Woche mehr Termine, dass ich meine Wohnung noch finde, so selten wie ich hier bin, ist ein Wunder. Außerdem wohnt ab übermorgen Steffan hier, wie soll ich da... Uups.“ Da hatte er sich jetzt doch verquatscht. Mist. Schnell wechselte er das Thema. „Gib mal die Fernbedienung, da läuft ja nur Schrott!“

„Bitte? Sag das noch mal?“ Daniels Ablenkungsmanöver hatte nicht geklappt, denn Jessica saß kerzengrade in seinem Bett und sah ihn mit ungläubig geweiteten Augen an. „Was will der Arsch hier bei dir? Was ist das denn wieder für eine Schweinerei von Achim?“ Das nur der Manager dahinter stecken konnte, war für sie keine Frage.

„Ich war heute Morgen ziemlich aufmüpfig und weil Markus mir den Rücken gestärkt hat, wollte Achim ihn rauswerfen. Er hat gesagt, man könne auf die Homestory auch verzichten, wenn wir Markus’ Gehalt sparen. Das konnte ich doch nicht zulassen!“ Daniel hatte schon wieder die Angst des Verlustes in den Augen und er schluckte hart. Er kann ja das Wohnzimmer haben, da bin ich eh kaum und ich bleibe im Schlafzimmer. Das geht schon. Aber auf Markus konnte ich nicht verzichten, das ging nicht. Es war also meine Entscheidung.“ Zumindest versuchte Daniel sich das einzureden, damit der Gedanke wenigstens ein bisschen erträglich wurde, ab übermorgen Tag und Nacht diesen Kotzbrocken ohne Benehmen um sich zu haben.

„Das glaub ich nicht. Dass dieses Arschloch so weit geht.“ Jessica war wütend, das sah man ihr an. Sie wusste auch, dass Markus Daniels Achillesferse war. Aber dass Achim das so skrupellos ausnutzte, schockierte sie. „Daniel, sieh zu, dass du diesen Wichser loswirst. Scheiß auf die Band und mach was Eigenes. Damit wirst du glücklicher.“

„Was denn?“, schoss Daniel sofort zurück. „Blumen binden?“ Er hatte diese Diskussion so satt. Jedes Mal hörte er nur, er sollte seinen Traum aufgeben und die Band verlassen. Und dann? Wer wollte ihn denn sonst? Ohne die Band konnte er nicht singen, eine Ausbildung hatte er auch nicht. Er hätte also nicht einmal die Chance, sich sein Geld zu verdienen. Er klemmte in seiner Schiene fest, da einfach auszubrechen wäre zu viel für ihn.

„Nein, mach eine Lehre, oder studiere. Du hattest einen Super-Notendurchschnitt bei deinem Abitur. Dann gründe eine Band und spiele die Musik, die dir gefällt. Du hast eine herrliche Stimme und man wird sich darum reißen, dabei zu sein.“ Jessica hatte Daniel das schon mindestens tausendmal gesagt, aber war immer wieder gescheitert. „Markus und ich helfen dir, wo wir nur können.“

„Ich mag die Musik, die ich mache. Vielleicht ist das Drumherum nicht ganz mein Ding, vor allem, weil ich in letzter Zeit mehr anderes mache, als zu singen, doch an sich mag ich es.“ Daniel verschränkte die Arme vor der Brust und starrte vor sich hin. Er war es leid. Vielleicht weil er dann zugeben musste, dass er Angst vor dem Schritt hatte, unglaubliche Angst. Jetzt hatte er Leute, die ihn hören wollten – doch wie wurde das, wenn es nicht mehr so war? Wenn keiner ihn mehr hören wollte, so wie Achim immer sagte. Er hätte nur einen einzigen Versuch, wenn er die Brücken hinter sich abbrach, kam er nie wieder zurück. Das konnte Daniel nicht, singen war sein Leben.

„Ach, Schatz.“ Jessica zog Daniel vorsichtig an sich. Sie wusste, was in ihrem Freund vorging und darum drängte sie ihn nicht weiter. Daniel musste selbst erkennen, dass ihn nur ein Ausstieg aus der Band glücklich machen konnte. Solange würde sie immer wieder darauf hinarbeiten. Doch sie musste wissen, wann Schluss war, denn Daniel war sensibel. Ihn zu drängen bedeutete, ihn aus der Bahn zu werfen, das konnte er in seinem Job und seinem engen Terminplan nicht gebrauchen. Er musste funktionieren, für alles andere war da keine Zeit. Er hatte noch nicht gemerkt, dass Achim versuchte, ihn kaputt zu spielen und dabei so viel Geld machen wollte wie möglich – schnelles Geld. Denn sonst würde man nicht die Gans schlachten, die die goldenen Eier legte. Aber Achim war kein Manager, er war Geschäftsmann und ein gieriger noch dazu. Leider.

Stumm schaltete Daniel von einem Kanal zum nächsten.


06

Jessica legte ihren Kopf auf Daniels Schulter und ließ ihn etwas suchen. Sie wollte einen schönen Tag mit ihrem besten Freund verbringen und den wollte sie sich von Achim und Steffan nicht verderben lassen. „Möchtest du jetzt dein neues Kostüm sehen?“, fragte sie darum und hoffte, dass sie Daniel damit aufheitern konnte.

Er sah sie an und grinste. „Da fragst du noch?“ Ihm ging es ähnlich. Das letzte, womit er sich seine letzten Tage in Freiheit verderben wollte, waren sein Manager und sein Kollege. Die beiden hatte er noch früher als ihm lieb war auf dem Hals und dann gingen sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Jetzt durften sie sich ruhig noch ein bisschen absetzen. „Was liegst du noch hier herum? Los, mach schon!“ Er schob Jessica hilfreich Richtung Tüte.

„Sklaventreiber“, brummte sie grinsend und schnappte sich die Tüte. „Augen zu und erst aufmachen, wenn ich das sage“, kommandierte sie und fischte ihre neueste Kreation heraus. Sie war echt gespannt, was Daniel dazu sagte, denn sie hatte etwas Neues und Gewagtes ausprobiert. Der Anzug bestand eigentlich nur aus etwa vier Zentimeter breiten Lederbändern mit Schnallen, die in einem komplizierten Muster miteinander verwoben waren. Es hatte viel Arbeit gemacht, aber als sie das Ergebnis an einer Puppe anprobiert hatte, war sie begeistert gewesen, denn es musste Daniel fantastisch stehen. Es gab nämlich viele Möglichkeiten Einblick zu gewähren, wenn man wollte. Es kam nur darauf an, wie man sich bewegte oder eben nicht.

Eilig fädelte sie das Kostüm auf einen Kleiderbügel und hängte es an den großen Schrank gegenüber vom Bett, sie zog alles noch etwas in Form und war sich sicher, dass das weiche, dünne Leder nicht einengend wirkte.

Derweil hatte Daniel die Augen zu, knurrte aber etwas unleidlich, doch er schummelte nicht. Das war nicht seine Art. „Kann ich endlich?“, wollte er wissen, als das Rascheln aufgehört hatte.

„Ja, ja, gleich“, rief Jessie und sah kurz zu Daniel rüber, ob er auch nicht schummelte. Sie war aufgeregt, wie jedes Mal, wenn sie ihrem Freund zeigte, was sie kreiert hatte. Bisher hatte ihm immer alles gefallen, aber trotzdem hatte sie immer Panik, dass sie vollkommen daneben gegriffen hatte.

„Du darfst“, rief sie und drückte sich die Daumen. Dabei beobachtete sie Daniel, der die Augen aufschlug, noch ehe das letzte Wort den Raum verlassen hatte. Nun saß er in seinem Bett und besah sich kurz, was am Schrank hing. Doch für seine Begriffe konnte er vom Bett aus zu wenig sehen. Also rutschte er aus dem Bett und huschte zum Schrank, noch ehe Jessica es hätte verhindern können. „Sieht stark aus“, murmelte Daniel ganz verklärt und ließ seine Finger über die Streifen fahren. Das Leder war überraschend weich und wenn zwischen den schwarzen Streifen seine weiße Haut hervor schimmerte...

Zum Glück wirkte das Schmerzmittel endlich.

„Dir gefällt es?“, fragte Jessie und strahlte, als Daniel nickte. „Warte, ich helf dir.“ Schnell öffnete sie einige der Schnallen, damit Daniel problemlos das Kostüm anprobieren konnte. „Mach vorsichtig, nicht dass du dir wieder was verziehst.“ Sie hielt Daniel den Anzug so, dass er nur die Beine heben musste, um hineinzuschlüpfen. Dem war das zwar nicht recht, weil er sich vorkam wie ein kleines Kind, doch dann war es egal, als er das Material auf seiner Haut spüren konnte. Das war Wahnsinn. Das Leder lag dank Querriemen um die Schenkel eng, um die Beine dann weiter. Ebenso eng setzte das Oberteil an. Überraschenderweise schnürte es aber nicht ein und machte jede vorsichtige Bewegung von Daniel mit.

Jessie verfolgte seine Bewegungen mit glänzenden Augen und klatschte in die Hände. „Heiß“, jubelte sie und hüpfte auf und ab. Daniel sah besser aus, als sie erhofft hatte. Immer wieder blitzte Haut zwischen dem Leder auf und sie strich mit den Fingern über eine der Schnallen auf der Brust. „Ich habe extra darauf geachtet, dass keine Schnallen dort sind, wo das Gestell von den Flügeln ist, damit nichts drückt.“

„Schlau, die Frau – und warum springst du außerhalb des Bettes herum?“ Eine Stimme aus dem Flur ließ beide herumfahren und Markus lehnte in der Tür zum Schlafzimmer. Hatte ihm sein Schützling nicht versprochen, brav im Bett zu liegen und sich auszukurieren, komme was da wolle? Und nun hopste er in einem zugegebener Maßen heißen Outfit vor dem Spiegel herum.

„Markus! Erschreck mich noch mal so!“, knurrte Daniel und hielt sich gespielt das Herz, das kurz vor einem Infarkt stand.

„Kannst du haben – boo!“, machte Markus und kam näher. Er wollte sich das edle Stück ansehen, dabei begrüßte er Jessie. „Er hatte eigentlich Bettruhe, Maus. Das hier war nicht förderlich – sexy, aber nicht förderlich.“

Jessie ließ sich von Markus umarmen und maulte auch nicht, als sie einen Klaps auf den Po bekam, weil sie Daniel aus dem Bett gelockt hatte. „Er war bis vor fünf Minuten ganz brav im Bett“, versicherte sie grinsend und Markus brummte nur.

Seine Augen klebten an Daniel, der sich im Spiegel besah. Der Sänger sah umwerfend aus und brachte seinen Puls zum rasen. „War klar, dass du ihn wieder verteidigst. Das hast du schon immer gemacht.“

„Schau ihn dir doch an, wer würde ihn nicht verteidigen wollen“, kicherte sie und beobachtete, von Markus unbemerkt, wie der Daniel beobachtete. Sie sagte nichts, dachte sich ihren Teil und hatte Mitleid mit Markus, denn was sie bemerkte, wollte Daniel nicht bemerken.

„Sind das die Gluckengene, die dich dein Küken bemuttern lassen?“ Markus grinste schief und zwang sich seinen Blick von Daniel zu lösen. Noch einmal trafen sich ihre Blicke kurz über dem Spiegel, dann verflog der Zauber des Augenblicks. Zum Glück hatte Daniel ihren kleinen Disput nicht bemerkt, sonst hätte er sich schon längst dagegen gewehrt, das Küken sein zu müssen, nur weil er der jüngste war.

„Vorlaute Kröte.“ Markus griff sich Jessica und kitzelte sie. „Wenn du ihn aus dem Bett lockst, dann bring ihn auch dazu, wieder dort hinein zu kriechen. Er soll sich ausruhen und so wenig wie möglich bewegen, hat sein Arzt gesagt.“ Markus ließ sich auf das Bett fallen und rollte mit den Schultern. Er hatte jetzt mehrere Stunden hinter dem Computer verbracht und war vollkommen verspannt. Zumindest hatte es sich gelohnt, denn wieder einmal hatte er es geschafft das Sicherheitssystem zu überlisten. Morgen bekamen ein paar siegessichere Techniker wieder ein Wiesel zu sehen und er hatte es sich nicht nehmen lassen, seine kleine 3D-Animation um ein kleines Gimmick zu erweitern. Mal sehen, was Thom zu dem Knoten im Wieselschwanz sagen würde. Eine kleine Anspielung auf das, was der Techniker ihm schon mehrfach angedroht hatte, damit das Wiesel mit dem dicken Knoten hängen blieb und nicht mehr durch die Löcher kam.

„Wie soll ich ins Bett, wenn du dich quer darüber rollst“, sagte Daniel und stand so vor dem Bett, dass er direkt Markus’ Kopf zwischen seinen Beinen hatte. Dabei sah er von oben auf seinen Freund hinab, als er langsam die Schnallen löste, um sich wieder zu entkleiden. Denn so konnte er ja unmöglich ins Bett.

„So breit bin ich auch nicht, dass du keinen Platz mehr in deinem Bett hast.“ Markus klopfte neben sich, ließ Daniel aber nicht aus den Augen. Es war Folter, was sich da vor seinen Augen abspielte, aber er konnte seine Augen auch nicht abwenden. „Was macht dein Rücken? Wirken die Spritzen?“, fragte er, um davon abzulenken, dass er seinen Freund anstarrte und als er sich kurz umsah, bemerkte er Jessie, die ihn so wissend ansah. Auch das noch! Flog er gerade auf?

„Die Spritze wirkt. Zumindest ist mein Bewegungsradius von CD auf LP gewachsen.“ Sorgfältig legte Daniel die Kleider zusammen und auf den Schreibtisch, ehe er neben Markus sank und sich noch ein Brötchen angelte. „Die Proben sollten morgen also kein Problem sein.“

„Hm.“ Ganz überzeugt war Markus noch nicht, aber er musste das wohl so hinnehmen. Er musste jetzt erst einmal Jessie auf andere Gedanken bringen. Die war ihm zu neugierig. Wenn sie ihm jetzt drauf kam, dann machte sie noch Andeutungen bei Daniel. Das konnte er gar nicht gebrauchen. „Jessie, ich hab da zehn künstliche Fingernägel, die magst du nicht zufällig schwarz lackieren?“

„Warum sollte ich?“, fragte sie prompt irritiert und sah sich Markus noch etwas eindringlicher an.

„Nicht für mich, das ist Achims neueste Idee für Raphaels Look. Ab morgen darf er nicht mehr ohne sie auftauchen. Ist wohl so ein Spleen, den ihm die Japaner heute ins Ohr gesetzt haben“, knurrte Markus und machte keinen Hehl aus seiner Abneigung.

Daniel schwieg lieber dazu und kroch unter seine Decke. Wie das mit langen Krallen werden sollte, wollte er gar nicht wissen und wie seine eigenen Nägel in ein paar Tagen aussahen, wenn er täglich die langen Dinger aufklebte und wieder abmachte, wollte er sich nicht einmal vorstellen müssen.

„Ist der bescheuert?“ Jessie war gleich wieder auf 180 als sie das hörte. „Was hat diese Pissnelke eigentlich noch für kranke Ideen, um Daniel das Leben schwer zu machen“, regte sie sich auf und tippte sich an die Stirn. „Gib her den Mist. Wenn Daniel so was tragen muss, dann soll es wenigstens gut aussehen. Ich habe da mehr Erfahrung als ihr.“ Dankbar sah Markus sie an und zeigte auf seine Tasche, die an der Schlafzimmertür stand. Er war nämlich nicht gut in solchen Dingen. „Danke. Da ist alles drin, was du brauchst.“

Leise fluchend suchte sie sich alles aus der Tasche, was sie brauchte. Na wenigstens hatte Markus weder Kosten noch Mühen gescheut und Qualität gekauft. Den Kleber konnte man gut wieder lösen und er war nicht so aggressiv wie das billige Zeug. Da hatte wohl jemand mitgedacht und sich um Daniels Finger Sorgen gemacht. Sie grinste kurz und lauschte, als etwas rumorte. „Was ist das?“, wollte sie wissen und Daniel lauschte auch.

„Mein Handy. Ist noch in der Tasche. Holst du mal die Tasche?“, bat er, doch da hatte sich Markus schon erhoben und Daniel zurück auf die Matratze gedrückt. „Ich geh schon, will eh in die Küche.“

Er schnappte sich die Tasche und öffnete sie. Er musste ein wenig wühlen, bis er das Handy fand und nahm dabei einen Zettel heraus, damit er ihn nicht vollkommen zerknitterte. „Hier“, gab er ohne aufzusehen das Handy an Daniel weiter und wollte den Zettel wieder in die Tasche legen, als ihm auffiel, was darauf stand. Er faltete ihn auseinander und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Daniel, was soll das?“, fragte er gefährlich leise und hielt das Schriftstück so, dass sein Freund es sehen konnte. „Das ist ein Krankenschein. Warum sagst du nicht, dass der Arzt dich krankgeschrieben hat? Was soll der Scheiß“, wollte er wissen und so langsam wurde er lauter und wütend. „Du gehst morgen nicht zur Probe!“

„Was soll das denn jetzt? Du weißt ganz genau, was abgeht, wenn ich da morgen nicht auftauche. Du tust ja gerade so, als könnte ich mir das aussuchen!“ Auch Daniel wurde lauter, denn er war wütend über sich selbst. Warum hatte er den blöden Zettel nicht einfach weggeworfen? Die SMS die gekommen war, war vergessen.

Jessica, die ebenfalls Markus’ Position einnehmen wollte, hielt sich doch lieber raus und verschwand mit Nägeln und Lack im Wohnzimmer.

„Ja sicher wird sich Achim aufregen und dich anschreien, aber das macht er auch, wenn du zur Probe gehst. Er braucht da keinen Grund für, um dich runter zu machen.“ Markus blitzte Daniel wütend an und hätte ihn am liebsten geschüttelt, um ihn wach zu rütteln. „Der Unterschied morgen wird nur sein, dass du angeschrien wirst und dir auch noch den Rücken ruinierst und dir vielleicht noch irreparable Schäden zufügst. Ärzte schreiben einen nicht ohne Grund krank und verordnen Bettruhe. Toller Plan. Super nachgedacht.“

„Ach, halt doch die Klappe! Mach’s doch besser, wenn du es besser weißt“, knurrte Daniel und verzog sich unter die Decke. Wenn Daniel abtauchte wusste Markus, dass er seinen Fehler eingesehen hatte, aber ihn niemals zugeben würde. Stur wie er war, würde er morgen nun erst recht dort auftauchen. So war er eben.

„Verdammte Scheiße“, fluchte Markus und stopfte den Zettel wütend in die Tasche. Er hatte nichts erreicht. „Sturer Bock. Sicher weiß ich es besser, aber du willst das alles ja nicht hören. Du glaubst lieber die Lügen, die dir Achim erzählt“, knurrte er noch und ging aus dem Zimmer. Jetzt noch weiter mit Daniel zu streiten brachte gar nichts. Er musste sich erst einmal beruhigen und versuchen, nachher noch einmal ruhig mit Daniel zu reden.

„Na?“, sagte Jessie leise, als Markus zu ihr ins Wohnzimmer kam, wo sie gerade die Nägel lackierte und sich fragte, was der ganze Mist eigentlich sollte. Doch sie tat es, um ihren Freunden einen Gefallen zu tun. „Sture, kleine Kröte, hm?“ Sie versuchte zu lächeln, doch es wurde nur ein schiefes Grinsen.

„Der ist so verbohrt. Geht lieber zur Probe, als seinen Rücken zu schonen.“ Markus ließ sich in einen Sessel fallen und schlug mit einer Faust auf die Lehne. „Ich könnte ihm so eine reinhauen, wenn ich wüsste, dass ihn das wieder zur Vernunft bringt. Wieso glaubt er diesem Arsch mehr als uns?“ Markus war frustriert.

„Ich glaube, du missverstehst die Situation“, sagte Jessie leise, weil sie nicht wusste, ob Daniel sie hören konnte. Zwar lief im Schlafzimmer noch der Fernseher, doch Daniel hatte gute Ohren. „Er glaubt Achim nicht mehr als dir. Aber Achim ist der, der ihm das geben kann, was er liebt: das Singen. Der Mistkerl weiß ganz genau, wie er ihn ködern muss und hat Daniel gut konditioniert.“

„Das weiß ich, Jessie. Das weiß ich nur zu gut. Ich kriege oft genug mit, wie Achim das macht. Die Panik, nicht mehr singen zu können, in Daniels Augen zu sehen, ist furchtbar. Genauso wie das Wissen, dass ich ihm nicht helfen kann, solange er es nicht selber auch will.“ Markus murmelte nur, so dass selbst Jessie sich anstrengen musste, ihn zu verstehen. „Ich weiß bald nicht mehr, was ich noch machen soll, um ihn wach zu rütteln.“

„Stimmt es, dass dieser Steffan hier einzieht? Was bezwecken die beiden damit? Was soll er denn hier noch mit Daniel anstellen?“ Jessie dachte darüber nach, seit sie das gehört hatte. Es machte keinen Sinn, wer ritt denn sein bestes Pferd zu Schanden? Also, entweder waren die beiden Sadisten und an regelmäßigem Geld nicht interessiert oder die beiden waren so blind vor Gier, dass ihnen nicht klar war, dass die Quelle versiegte, wenn Daniel kaputt war.

„Ja, er zieht morgen hier ein.“ Wenn Markus daran dachte, ging ihm die Galle hoch. Besonders, weil sie ihn dafür als Druckmittel verwendet hatten. „Ich weiß nicht, was sie bezwecken, aber angeblich haben sie einen Vertrag für eine Homestory. Da Raphael und Gabriel ja offiziell zusammen sind, soll er hier einziehen.“

„Homestory? Der verkauft Rechte an einer Homestory in einer Wohnung, die ihm gar nicht gehört? Schleust seinen Speichellecker hier ein? Was bildet der Kerl sich eigentlich ein?“ Wut stieg in Jessie hoch und sie hatte den inneren Drang, den Kerl zu erwürgen. Achim war das letzte, was ihr bisher über den Weg gelaufen war und ihre Fundgrube an Arschlöchern war wirklich groß.

„Du sprichst mir aus der Seele. Dass Steffan hier einziehen soll ist wirklich das Letzte. Daniel hat sich erst dagegen gewehrt, aber als Achim mich dafür entlassen wollte, ist er zusammengebrochen. Dieser Mistkerl weiß leider zu gut, wo er die Hebel ansetzen muss.“ Markus ließ den Kopf an die Sessellehne fallen und knurrte, als er daran zurückdachte. „Aber wenigstens hat er es einmal versucht.“

„Er ist ja auch kein Weichei. Er will eben singen und ist bereit, sich dafür auch zu verbiegen oder zu knechten.“ Jessica war gerade mit dem letzten Nagel fertig. Sie lagen auf dem Tisch zum trocknen. Stillschweigend ging sie davon aus, dass Markus wusste, wie die Dinger anzubringen waren. Zum Glück waren sie nicht überlang.

„Was ist das?“, fragte sie plötzlich als sie dumpf etwas murmeln hörte. Es klang fast wie Daniel, der sich aufregte. War er immer noch sauer wegen dem Krankenschein und Markus’ Reaktion? Sie sah zu ihm rüber, aber Markus war schon aufgestanden und ging ins Schlafzimmer.

Er setzte sich auf den Bettrand, neben dem Deckenberg und strich darüber. „Was ist los?“, fragte er. Er war nicht mehr böse, nur noch ein wenig frustriert und dass Daniel wohl immer noch auf ihn böse war, konnte er gar nicht gut haben.

Doch anstelle von Daniel kam nur dessen Hand mit seinem Mobiltelefon unter der Decke hervor und drückte es Markus in die Hand. Kommentarlos, denn die eingegangene SMS sprach für sich.

„Ich habe dich heute im Chat vermisst, geliebter Engel. Geht es dir nicht gut? Soll ich vorbei kommen? Love, Luzifer.“

Und Daniel hatte zwei Probleme am Arsch – zum einen hatte der Idiot die Nummer von Daniels privatem Handy, zum anderen hatte er den Fanservice verpennt. Er war nicht im Blog und nicht im Chat gewesen.

„So eine Scheiße. Wo hat der Kerl nur die Nummer her?“, fluchte Markus. Das war nicht gut. Bisher hatte er diese Andeutungen im Chat nicht sehr ernst genommen. Da gab es immer Spinner, die sich wichtig machen wollten. Anscheinend war dieser Luzifer doch nicht so harmlos. „Daniel, komm doch mal raus“, bat er und hob die Decke ein wenig an. Sofort blickte er in Daniels Augen, der ihn stumm anstarrte. Langsam kam er vorgekrochen und bemerkte nur, wie sich Jessica im Augenwinkel zum gehen rüstete, sie hatte das Gefühl zu stören. So kroch er weiter unter seine Decke vor, den Frust tief in sein Gesicht gezeichnet.

„Jungs, ich bin weg. Macht das unter euch aus. Maus, ich ruf dich an.“ Schnell hatte sie Daniel geküsst, Markus umarmt und war weg, noch ehe Daniel etwas hätte erwidern können. Er sah ihr nach, als er Markus antwortete: „Weiß ich doch nicht.“

„So hab ich das doch nicht gemeint, Daniel.“ Markus zog seinen Freund zu sich und zeigte ihm so, dass er nicht mehr böse auf ihn war. „Mich würde interessieren, wo der Kerl deine Nummer her hat. Von einem von uns kann er sie nicht haben.“ Markus überlegte hin und her und nachher würde er versuchen etwas rauszubekommen. Vielleicht war ja über den Chat etwas zu machen.

„Er war gestern Backstage, glaube ich zumindest. Den Zettel, den ich dir gezeigt habe, hatte der Security von einem der Fans.“ Langsam machte Daniel der Kerl nervös. Als es nur im Internet lief, hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. Wenn er frech oder besitzergreifend wurde, drückten seine Fans ihn nieder. Doch jetzt wurde es real. Jetzt war es aus Raphaels Welt in Daniels gesprungen und das war nicht gut. „Wenn er weiß, wer hinter Raphael steckt, habe ich ein Problem.“ Und dabei war er weniger in Sorge darüber, dass der Mann ihm etwas antun konnte, sondern mehr darüber, was passierte, wenn ans Licht kam, wer Daniel war.

„Warum hast du das denn nicht gesagt?“ Es war kein Vorwurf in Markus’ Stimme. Er konnte ja verstehen, dass Daniel das erst einmal nicht ernst genommen hatte, aber jetzt mussten sie etwas unternehmen. Er strich durch die blonden Haare und drückte seinen Freund kurz. „Hast du eine Ahnung, welcher das gestern gewesen sein könnte?“

„Da war einer, bei dem hatte ich das Gefühl, dass er nicht dorthin gehörte. Die anderen trugen ihre Kostüme wie eine zweite Haut. Sie waren eben sie selbst. Er hingegen wirkte aufgesetzt und irgendwie so, als würde er dort nicht hin gehören“, flüsterte Daniel seine Gedanken von gestern. „Er sah schon etwas älter aus, also älter als die anderen. Ohne sein Outfit dürfte er völlig unauffällig sein.“ Daniel staunte über sich selbst, wie intensiv er sich den Mann angesehen hatte. Er hatte das noch nicht einmal gemerkt.

„Er war also auch verkleidet? Das ist blöd, aber war wohl zu erwarten. Er will bestimmt nicht erkannt werden.“ In Markus’ Kopf rotierte es schon, aber eine Lösung hatte er noch nicht. „Wir sollten die nächste Zeit die Augen offen halten und wenn dir etwas auffällt, sag es bitte sofort.“

„Ja, mach ich“, nuschelte Daniel und haderte mit sich, die SMS zu löschen. Doch er ließ sie, wo sie war. Er wusste selbst nicht warum, vielleicht wurde sie ja noch einmal wichtig. Ein Absender war auch nicht zu ermitteln, denn man hatte sie als kostenlose SMS über einen Internetprovider laufen lassen – was auch sonst? Alles andere wäre dumm gewesen und das war der Kerl bestimmt nicht.

„Gut.“ Wenn Daniel etwas versprach, wusste Markus, dass er es auch hielt. Darum ritt er nicht weiter darauf herum. Sie sollten aber doch noch einmal über die Sache mit dem Krankenschein reden. „Du gehst also morgen zur Probe?“, fragte er darum. „Du solltest dann aber nicht die Flügel tragen.“

Markus konnte deutlich sehen wie Daniel Luft holte, um ihm eine Replik zu geben, doch er begriff, dass Markus ihm entgegen kam, es war nur fair, wenn Daniel es auch tat. „Ich werde es Achim sagen und dann werden wir sehen, was passiert“, schlug er also vor, hoffend, dass Achim vielleicht ein Einsehen hatte. Die Flügel waren nicht für die ganze Probe nötig, nur für bestimmte Bewegungen, die er und Steffan einstudieren mussten, damit es in der Show funktionierte und ihnen die Federn nicht ins Gehege kamen. Alles sollte wie zufällig aussehen und es war harte Arbeit, das zu erreichen.

„Hoffen wir es.“ Dass er Daniel dabei zur Seite stand, musste Markus nicht betonen. Das hatte er bisher immer und das würde sich auch nicht ändern. Was sein Freund allerdings nicht wusste, war, dass Markus durchaus ein paar Druckmittel hatte, die er ausspielen konnte, wenn es nötig war. „Heute ruhst du dich aber noch aus. Machen wir es uns in deinem Bett bequem und stopfen sinnlose Kalorien in uns rein. Ich habe Hunger auf Fastfood.“

„Und morgen bei der Probe maulst du dann wieder, welcher hirnverbrannte Trottel mich gestern mit Pizza vollgestopft hat“, konterte Daniel, rutschte aber zur Seite und lachte. So war Markus eben, ab und an viel zu nachsichtig und am Ende bereuten es beide. Doch so lange es mit ein bisschen Training – was gern auch in Privatstunden enden durfte, weil Achim glaubte, Raphael wäre der einzige, der in Form bleiben musste – wieder in den Griff zu kriegen war, dann war Markus der letzte, der es Daniel verbot. Wer war denn so verrückt, sich die eigenen Freuden zu beschneiden? Er jedenfalls nicht.

„Wenn ich den Trottel erwische, verpass ich ihm 100 Sit-Ups“, lachte Markus und angelte nach dem Telefon. Die Nummer des Pizza-Service war eingespeichert. „Wie immer?“, fragte er nur, denn sie waren beide Gewohnheitstiere, was ihre Lieblingsspeise anging.

„Du kannst Fragen stellen!“ Daniel schüttelte gespielt pikiert den Kopf und drückte sich tiefer in sein Kissen. Dass er dabei an Markus heran rutschte und sein Kopf an dessen Hüfte lag, war Absicht, denn sein Trainer und Freund war der einzige Mensch, dem es gelang, Daniel Ruhe zu spenden, seine Ruhe auf den nervösen Sänger überfließen zu lassen. „Und zur Feier seines baldigen Einzugs noch Pizza-Brötchen mit Aioli. Wenn Steffan mir morgen wieder die Zunge in den Hals schieben will, soll er das bereuen.“ Daniel lachte gehässig.

Markus lachte nur und bestellte gleich die doppelte Portion. Er durfte Daniel zwar nicht küssen, aber sie schliefen heute Nacht bestimmt in einem Bett, da war es besser, sich zu wappnen. Für Steffan hatte er kein Mitleid, den würde er selber viel zu gerne auf den Mond schießen. „Futter kommt in einer halben Stunde.“ Er lehnte sich am Bettende an und strich wie immer durch Daniels Haare.

Der genoss das sichtlich, denn die Augen schlossen sich langsam. Das waren die Augenblicke, die Daniel liebte, die Augenblicke, in denen er alles von sich werfen konnte. Achim, Steffan, Luzifer – alles verblasste langsam und wurde bedeutungslos.

„Du bist die Sonne an meinem schwarzen Himmel. Verlass mich niemals“, flüsterte er und drängte sich dichter. Seine Arme legten sich um Markus.

Markus musste schwer schlucken, denn am liebsten würde er Daniel jetzt zu sich ziehen und ihm durch einen Kuss zeigen, dass er ihn niemals alleine lassen würde. „Versprochen“, sagte er aber nur mit belegter Stimme und hauchte nun doch einen Kuss in die weichen Haare. Das war nicht sehr verfänglich, denn das machte er ab und zu.

Sie genossen beide, den gemeinsamen, ruhigen Abend. Sie aßen zusammen, schauten sich einen Film an und redeten fast bis Mitternacht über Gott und die Welt, bevor sie es sich zum Schlafen in Daniels Bett bequem machten. Wohl das letzte Mal für die nächsten Wochen.


07

Der Morgen lief wie jeder, nur dass der heutige nicht so zeitig startete. Heute musste kein Sonnenaufgang erwischt werden oder sonst etwas terminlich unflexibles, also drehte sich Daniel noch einmal im Bett – so wie er es gern machte. Dabei knurrte er leise, weil Markus extra viel Krach in der Küche machte, damit das Murmeltier nicht wieder einschlief.

Noch konnten der Kaffee- und Rühreigeruch ihn nicht aus dem warmen Bett locken, aber sie hatten sich immerhin schon zu seiner Nase vorgearbeitet. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sein Magen knurrte. Besonders wenn Markus mit einer Tasse Kaffee in der Tür stand und die gut riechenden Schwaden zum Bett wedelte.

„Du hinterhältiger Kerl“, knurrte Daniel und versuchte den Kaffee zu ignorieren. Das konnte doch so schwer nicht sein, er hatte schon ganz andere Dinge nur mit seinem eisernen Willen erreicht. „Entweder verschwindest du mit dem Kaffee oder du bringst ihn mir ans Bett. Aber die aktuelle Situation ist nicht akzeptabel.“ Dabei guckte er unter seinem Kissen vor, die Haare völlig durcheinander und die Augen noch ganz klein.

„Gut, dann geh ich“, sagte Markus und drehte sich weg, kam aber lachend ins Zimmer, als Daniel knurrte. „Hier, du Brummbär“, neckte er seinen Freund gutmütig und reichte die Tasse an Daniel weiter. Es war schön, sich heute nicht hetzen zu müssen, denn Achim hatte nicht wie oft noch einen zusätzlichen Termin für Daniel gebucht.

Warum das so war, hatten beide nicht ergründet, sie nutzten einfach die Stunden, die sie sich Zeit lassen konnten.

„Danke“, murmelte Daniel und seufzte zufrieden nach den ersten Schlucken Lebenselixier. Schwarz und süß – genau so musste er sein. So rollte sich Daniel noch eine Weile im Bett herum, zufrieden, weil er keine Beschwerden im Rücken mehr hatte und als die Tasse leer war, quengelte er: „Ma-har-kus. Kann ich noch einen?“

„Ja, ich bring gleich welchen“, rief Markus aus der Küche und kam wenig später mit der Kanne ins Schlafzimmer. „Du bist echt verwöhnt“, brummte der Stylist gutmütig, denn schließlich war es ja seine Schuld. Er konnte eben nicht widerstehen, wenn Daniel ihn anlächelte. Das war so seit dem Tag, an dem sie sich das erste Mal gesehen hatten. Daniels erster Tag auf dem Gymnasium, an dem er gleich als erstes genau in Markus hinein gelaufen war.

Seinen Stundenplan in der Hand, die blonden Haare wirr verstubbelt. So hatte er ohne Orientierung den Gang unsicher gemacht, war stehen geblieben, hatte gewendet und hinter ihm war zufällig Markus gelaufen. Damals war Daniel noch kleiner als er gewesen und hatte durch den langen Pony entschuldigend zu ihm aufgesehen. Seit dem hatte Markus seine Augen nicht von ihm nehmen können, ihn nie ganz aufgegeben und deswegen war er jetzt hier, goss seiner kleinen verwöhnten Plage Kaffee in den Becher und schüttelte grinsend den Kopf, weil Daniel samt Tasse unter der Decke verschwand, nur der Hintern guckte raus.

Er war versucht drauf zu hauen, aber er ließ es lieber. Er hatte keine Lust, dass sich wieder der ganze Kaffee im Bett verteilte. „Wenn du dann soweit bist, komm frühstücken.“ Auch wenn sie heute keinen Stress hatten, so hatten sie doch nicht unendlich Zeit. Er musste den Sänger auch noch fertig machen und vor allen Dingen, die Fingernägel aufkleben.

„Schinder“, knurrte Daniel, gönnte sich aber noch ein paar Minuten, ehe er mit seiner leeren Tasse in die Küche schlurfte. Er stahl sich eine Gabel voll Ei aus der Pfanne, ehe er zur Theke geschoben wurde, die Markus fürstlich eingedeckt hatte. Schließlich musste er dafür sorgen, dass sein Schützling aß, dieser vergaß solch unwichtige Nebensächlichkeiten, wenn er singen konnte. Daniels Blick zur Uhr wurde von Markus mit einem Kopfnicken quittiert. In einer Stunde mussten sie los.

So war das Frühstück zwar opulent, aber relativ kurz. Er verwandelte seinen Freund nach einer Dusche wieder in Raphael und mit den langen Nägeln war ihm die Kunstfigur noch mehr zuwider. Er sah Daniel an, der die Finger bewegte und etwas griff, um ein Gefühl für die Nägel zu bekommen. Es war ungewohnt. „Sie kleben ziemlich fest, aber trotzdem solltest du ein wenig aufpassen.“

Daniel machte eine Faust und sah fasziniert dabei zu, wie sich die langen Nägel in seine Haut drückten. Er spürte den Schmerz und löste die Hände wieder. Erneut versuchte er etwas zu greifen und was eben noch das selbstverständlichste der Welt war, wurde jetzt zur Geduldsprobe, ehe er hatte, was er wollte. Selbst einen Stift zu halten und zu schreiben musste er neu üben, denn so, wie er den Stift bisher gehalten hatte, funktionierte das nicht, ohne sich den Nagel in die Haut zu treiben. „So eine Scheiße, das ist doch das letzte!“, knurrte Raphael und holte tief Luft. Seine Augen waren ausdruckslos. Es gab nur einen Augenblick, in dem sie leuchteten – wenn er sang, wenn er alles um sich herum vergaß.

„Das wird schon. Du gewöhnst dich bestimmt schnell daran, denn ab heute wirst du sie ziemlich oft tragen müssen.“ Markus musste sich abwenden und kaschierte das damit, dass er seine Tasche packte. Es ließ ihn jedes Mal schaudern, dass die Augen, die er so sehr liebte, auf einmal kalt und leer wurden. „Können wir los?“ Vielleicht hatten sie so noch ein paar Minuten alleine vor der Probe und er musste sich mit dem Make-up nicht hetzen. Anschließend war sowieso noch Training auf dem Plan. Der Tag heute gehörte also ganz Markus und Raphael. Er würde es nie zugeben, aber er liebte es, wenn Daniel sich bewegte, wenn Markus ihn greifen musste, um ihm Bewegungsabläufe zu zeigen. Sicher, es war Selbstbetrug, aber ein herrlicher.

„Na, wenn du das sagst. Du musst es ja wissen“, grummelte Raphael und griff sich seine Tasche, ehe er die Kapuze über die Perücke zog. Schließlich sollte ihn keiner erkennen.

Leider war ihnen nicht noch ein wenig Schonfrist gegönnt. Achim und Steffan waren schon da und schienen zu warten. „Das wird auch Zeit“, knurrte der Manager und sein erster Blick ging zu Raphaels Fingern. „Hätten länger sein können“, knurrte er, weil es ihn ärgerte, dass Raphael es geschafft hatte, seine Vorgabe zu erfüllen. Er hatte ein Essen verloren denn er hatte mit Steffan gewettet, dass Raphael den Schwachsinn nicht mitmachen würde. Doch er hatte den Sänger wohl völlig überschätzt. Der hatte kein Rückgrat.

„Luigis – sieben Uhr – Pasta mit Garnelen“, sagte Steffan und schlug Achim auf die Schulter. Markus und Raphael verstanden kein Wort, wunderten sich aber nicht mehr wirklich über die merkwürdige Begrüßung.

„Du mich auch“, knurrte Raphael nur leise und schälte sich aus den Klamotten, die er übergeworfen hatte, damit er mit seinem Kostüm nicht auffiel. Sicher, er hätte sich auch hier umziehen können, aber Steffan hatte in der letzten Zeit die Angewohnheit, in seiner Garderobe herum zu lungern, wenn Daniel sich umzog und fertig machte. Warum er das tat hatte der Sänger noch nicht ergründet, doch er mochte die sezierenden Blicke nicht. Also machte er sich zuhause fertig. Aber ab morgen war das sowieso egal – da würde es hier wie dort die Hölle sein.

„Los, schnall ihm die Flügel auf, wir wollen anfangen“, blaffte Achim. Er hatte schlechte Laune, weil er es gar nicht mochte zu verlieren.

Markus hob eine Augenbraue und schüttelte den Kopf. „Nein, werde ich nicht. Daniel hat die Anweisung vom Arzt, sich zu schonen. Er hat sich den Ischias Nerv geklemmt. Er wird heute ohne Flügel proben.“ Markus wusste, dass der Manager gleich wieder explodierte, aber das war egal, er bekam ihn schon klein.

„Wie bitte?“, fragte Achim bedrohlich leise und sah Raphael drohend an. Meistens reichte ein Blick und der Kerl machte, was verlangt wurde, doch heute nicht.

Er zog die Kopie seines Krankenscheines heraus – das Original hatte Markus in Verwahrung, für den Fall, dass Achim den Schein vernichten wollte.

„Die Flügel sind eine Dauerbelastung. Mein Arzt sagt, dass...“

„Solch ein Scharlatan!“ Achim wurde nicht wieder. Was glaubte der Kerl, wen er vor sich hatte? Sicher glaubte der Arzt, dass die Flügel der Grund waren, wenn man dem das nur lange genug einredete. Achim konnte man doch nichts vormachen. „Pack drauf die Dinger oder ich werde ungemütlich“, zischte er, denn der Rest von ARK wurde ungeduldig. Michael und Uriel spielten sich schon ein, selbst Gabriel hatte schon den Bass umgeschnallt. Dass die drei zivil trugen, schien Achim nicht zu stören.

„Daniel, geh schon mal zu den anderen, Achim und ich kommen gleich nach.“ Markus blieb ruhig und lächelte seinen Freund an. Er wartete, bis der Sänger außer Hörweite war, dann änderte sich das schlagartig. „Jetzt hör mir mal zu, du Arsch“, zischte er und seine Augen wurden kalt. „Sagt dir die Kontonummer 8473650 bei der National First Bank etwas? Ich denke, außer deinem Liebchen Steffan, der das Konto auch kennt, würden es die drei anderen Bandmitglieder bestimmt auch interessieren, wo der Großteil des Geldes hinfließt, das sie verdienen.“

Im ersten Augenblick wusste Achim nicht, was er sagen sollte. Er sah Markus nur an und der konnte deutlich sehen, wie es hinter Achims Stirn arbeitete.

Er legte sie in Furchen, die Brauen wanderten fast unmerklich, die Muskeln der Kiefer waren angespannt. „Was willst du eigentlich von mir?“, fragte Achim schlussendlich, denn keiner konnte die Nummer kennen – das Konto lief nicht einmal unter seinem Namen, sondern unter dem einer Stiftung. Das Geld ging durch so viele Kanäle und Hände, ehe es dort ankam, dass es keiner zurückverfolgen können durfte. Pokerte der Kerl also nur oder was war er? „Und was mischst du dich in Sachen, die dich nichts angehen? Schmink ihn, trainiere ihn und sonst halte dich zurück. Ich warne dich. Misch dich nicht in Sachen, von denen du keine Ahnung hast.“

„Du wirst Daniel in Frieden lassen und deinem Speichellecker klar machen, dass er sich zu benehmen hat, solange er sich in Daniels Wohnung aufhält.“ Markus ließ sich nicht einschüchtern, so wie Achim das wohl gehofft hatte. „Die Farless Stiftung und 2,5 Millionen Euro sagen mir, dass Daniel heute ohne Flügel probt.“

„Macht doch, was ihr wollt, wenn ihr alles besser wisst! Wenn die Konzerte in die Hose gehen, weil Raphael mit den Dingern nicht umgehen kann, dann ist es dein Gehalt, was gekürzt wird.“ Achim wandte sich ab und holte tief Luft. Das war eben nicht passiert, oder? Woher wusste der Spinner das? Sie mussten Markus auf jeden Fall im Auge behalten und irgendjemand würde dafür leiden – ganz gewaltig leiden. Er zog sein Handy aus der Tasche und tippte hastig eine Nachricht. Der Empfänger würde schon verstehen.

Markus hob lächelnd den Daumen zu Daniel, auch wenn er innerlich angespannt war. Eigentlich hatte er nicht preisgeben wollen, dass er einiges wusste, aber sonst hätte er Daniel nicht schützen können. Dass Achim seine Andeutungen und Drohungen einfach hinnahm, glaubte er nicht. Er musste die nächste Zeit aufmerksamer sein. Und das wurde nicht dadurch einfacher, dass Steffan morgen bei Daniel einzog, denn das bedeutete auch, dass Achim dann in der Wohnung aus und ein ging. Sie mussten eine Lösung finden, damit Daniel noch seine Ruhe fand, denn sonst konnte er seinen Freund bald in der Klinik besuchen.

Dass Achim sich abgesetzt hatte, bemerkte nur Gabriel, der ihm besorgt hinterhersah, doch dann widmete auch er sich der Probe, denn sein Ziel stand fest. Die Spitze des Pop-Himmels, wenn Achim ihm dabei helfen konnte: gut, wenn nicht: auch nicht schlimm. Er war schon ein wenig irritiert, dass Raphael keine Flügel trug, aber dann tat er es als unwichtig ab. Wenn der kleine Wichser die Show versaute, dann hieß das Extra-Proben für den Sänger, dafür würde er schon sorgen. „Kannst du eigentlich auch mal einen Ton halten?“, blaffte er Daniel an. Einfach so, weil ihm gerade danach war. Doch da hatte er die Rechnung ohne Michael gemacht, den er mit seinem Aussetzer aus dem Rhythmus gebracht hatte. „Halt die Klappe und spiel, Daniel macht das schon.“ Er war es langsam leid, dass Gabriel immer Streit suchte. Es war bestimmt nicht förderlich, wenn ihr Flaggschiff immer wieder torpediert wurde.

„Schon okay“, sagte Raphael aber nur und lächelte Michael dankbar an. Zu spüren, dass man nicht ganz allein war, half über viele Hürden hinweg. Langsam sangen sie sich warm, auch die Bewegungen wurden nach und nach mehr. Markus hatte Daniel bei Strafe und Kaffeeentzug verboten, von null auf hundert zu gehen, wenn er sich vorher nicht aufgewärmt hatte – vor einem Konzert machte sich Daniel zwei Stunden warm, aber nicht vor einer Probe. Und wenn Raphael erst einmal in Fahrt war, dann stoppte ihn nichts mehr – Markus konnte also bewundern, was er seinem Schützling an Bewegungsfolgen beigebracht hatte. Er machte sich mental Notizen, wo sie ansetzen mussten.

Markus verfolgte Daniel mit den Augen und musste gar kein schlechtes Gewissen haben, denn schließlich war es sein Job. Trotzdem sah er immer wieder zu Achim, der sich in sein Büro verzogen hatte und telefonierte. Ob der wohl versuchte, sein Geld zu verschieben? Sollte er es probieren, sein kleines Spionageprogramm würde ihm sagen, wo es war und dann hatte er wieder die Kontrolle. Es ärgerte Markus ein wenig, dass es ihm noch nicht gelungen war, auf dem Handy des Managers seine Software zu installieren. Er würde zu gern wissen, was der Kerl gerade so aufbrausend zu klären hatte und warum er hektische Flecken bekam. Doch Markus war sich sicher, dass er und Daniel das noch früh genug erfahren würden, ob sie das nun wollten oder nicht. Warum also nicht das genießen, was er auf dieser Welt am meisten begehrte: Daniel in seinem Element.

Immer wenn er singen konnte, ging in Daniel eine Veränderung vor, die vorher ausdruckslosen Augen leuchteten und veränderten die Ausstrahlung des Sängers vollkommen. Dann konnte er verstehen, dass viele Fans von ihm begeistert waren und ihn anhimmelten. Daniel wollte einfach nur singen und Markus arbeitete weiter daran, ihm das ohne diese Verkleidung zu ermöglichen.

Irgendwann tauchte auch Achim wieder auf und fing an, die Proben zu dirigieren. Nur langsam fand er in sein altes Nervenkostüm zurück und jedes Mal, wenn seiner und Markus’ Blick sich trafen, klebten sie aneinander fest. Ein Machtkampf ohne Worte.

Nach den ersten zwei Stunden war eine Pause angesetzt, die Markus dazu nutzte, Daniel mit sich zu zerren, noch ehe Gabriel oder Achim ihn sich greifen und auch noch in seiner Pause terrorisieren konnten. Und so verbrachten sie die Pause auf dem Dach bei einem leckeren Kaffee aus dem Shop gegenüber, den ein paar Bühnenarbeiter mitgebracht hatten. Denn auch unter denen hatte Raphael seine Fans.

„Du warst echt gut heute“, sagte Markus anerkennend und hielt sein Gesicht in die Sonne. Hier auf dem Dach wurden sie vor dem Wind durch eine Mauer abgeschirmt und konnte so ein wenig Sonne tanken, bevor die Probe gleich weiterging. Es tat einfach gut, nach der stickigen Luft in der Halle. Markus dachte schon weiter, denn nach der Probe hatten sie eigentlich noch Training, was aber im Moment keine gute Idee war. „Entweder lassen wir das Training nachher ausfallen, oder wir machen nur das, was deinen Rücken nicht so belastet.“

„Wir werden sehen. Ich hab gemerkt, dass ein paar Schrittfolgen einfach nicht funktionieren. Da komme ich jedes Mal durcheinander. Vielleicht sollten wir da ansetzen“, schlug Daniel vor, denn ganz verzichten wollte er nicht. Er brauchte die Bewegung. Er spürte genau, wenn er eine längere Pause oder ein Wochenende ohne Bewegung hinter sich hatte. Er musste geschmeidig bleiben. Dabei verdrängte er, dass er eigentlich krank geschrieben war.

„Gut, machen wir das so.“ Markus wollte Daniels Vorschlag nicht gleich von vornherein ablehnen. Eigentlich genoss er diese Stunden immer, denn dann konnte er Daniel berühren und halten. Dann übernahm er oft Steffans Part und so konnte er sich dabei einbilden, dass sie zusammen waren und Daniel sich nicht nur für eine Show an ihn schmiegte.

Doch noch ehe die Zweisamkeit ausarten konnte, meldete sich Raphaels Telefon und er musste nicht rangehen um zu wissen, dass es Achim war. Nicht umsonst hatte er für alle Anrufe seines Managers die Melodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“ programmiert. Also stieß er sich seufzend vom Geländer ab und warf den leeren Pappbecher in den Mülleimer. Er trat aus dem lichtgefluteten Dach ins düstere Treppenhaus und es war wie der Schritt in eine andere Welt. Wie immer.

Markus folgte ihm ein paar Augenblicke später und bekam gerade noch mit, wie Steffan von Daniel verlangte, dass er endlich die Flügel umschnallen solle, damit sie endlich richtig proben konnten. Achim stand in der Nähe und wollte sofort in die gleiche Kerbe hauen, aber Markus stellte sich neben ihn und zischte: „Denk daran, was deine Band dazu sagt, dass du sie betrügst. Soll ich es ihnen sagen?“

„Schon gut“, knurrte Achim und schubste Daniel Richtung Bühne, während Gabriel nicht glaubte, was er sah. Was sollte das denn jetzt? Doch weil Markus in der Nähe stand, ließ er sich auf einen Disput nicht ein. Allerdings machte sein Blick deutlich, dass Achim ihm nachher einiges zu erklären hatte. Warum blies der der Singdrossel heute Zucker in den Arsch? Ihre Abmachung lautete doch etwas anders. Er fühlte sich gedemütigt, dass Raphael weiter machen durfte, wie er wollte, während Gabriel wie ein geprügelter Hund die Flügel betrachtete. Doch er folgte, denn die Band wollte weiter machen und er traute es den Dreien zu, dass sie ohne ihn probten und feststellten, dass der Bass überflüssig war. Soweit durfte er es nicht kommen lassen.

Aber eins war klar, Spaß konnte Achim sich heute abschminken. Er hatte ziemlich schlechte Laune, als er sich auf seinen Platz stellte und so bekamen dies heute alle zu spüren, nicht nur Daniel.

„Ich hab die Schnauze voll, meld dich, wenn du wieder bereit bist zu spielen und nicht nur zu fluchen und zu pöbeln“, sagte Michael schließlich und ging von der Bühne. Das musste er sich wirklich nicht antun. Und weil sie ohne Keyboard ziemlich aufgeschmissen waren, war auch beim Rest ziemlich schnell die Luft raus.

Nach Michael ging Steffan und griff sich Achim am Kragen. „Du! Ich! Reden! Jetzt!“ Und die Art der Betonung machte klar, dass der Haussegen mehr als schief hing. Das bemerkte aber nur Markus, der amüsiert hinterherrief, dass er dann mit Daniel zum Training verschwinden würde. Es sähe schließlich nicht so aus, als würde die Probe heute noch fortgesetzt.

Er schob Daniel, der ein wenig verwirrt guckte, vor sich her und kicherte. Sollten die beiden sich zoffen, ihm war das egal. Wenn sie sich verkrachten, war das vielleicht sogar gut für sie, aber so weit kam es wohl eher nicht. Dafür waren beide zu geldgeil. Wenn ihr Gewinn in Gefahr war vertrugen sie sich schnell wieder. Wie sagte man so schön? Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.

„Komm, wir essen was und gehen dann das Training langsam an. Wir haben ja Zeit“, sagte Markus und führte Daniel vor sich her Richtung Cafeteria.



+++



Steffan knallte die Tür seiner Garderobe zu und lehnte sich dagegen. Wütend sah er Achim an. „Kannst du mir mal sagen, was die Show eben sollte? Mich da völlig bescheuert dastehen zu lassen. Die Flügel waren deine Idee, um ihn fertig zu machen, doch plötzlich ist ihm die Schuld erlassen? Was soll der Dreck?“ Der Bassist war außer sich und wie es schien, auf Krawall gebürstet. Denn dass man ihn so bloß gestellt hatte, vertrug sein Ego nicht.

„Hör auf, mich anzuschreien. Wir haben ein größeres Problem, als einen aufmüpfigen Sänger.“ Achim hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah Steffan an. Sein Freund kam eher wieder runter, wenn man ruhig blieb. „Markus ist unser Problem und zwar ein ganz gewaltiges. Er weiß auf welchem Konto unsere Gelder liegen.“

„Was?“, kam es knapp von Steffan, der sich eigentlich darüber aufregen wollte, wie ruhig Achim war. „Was meinst du mit: Er weiß wo die Gelder liegen. Du hast gesagt, das kann keiner mehr nachverflogen.“ Steffan wurde nervös, weil ihm eine Menge Gedanken durch den Kopf jagten. Wussten die anderen drei auch davon? Wenn nicht, warum hielt Markus das zurück? Und vor allen... „Wie kommst du eigentlich darauf? Was hat er gesagt? Der Spinner blufft doch.“ Er weigerte sich das zu glauben. Ihnen auf die Schliche zu kommen bedurfte eines Genies und das war Markus in seinen Augen ganz bestimmt nicht. Eintänzer und Schminker, woher sollte so einer etwas über ihre Transaktionen wissen?

„Wie ich darauf komme? Er hat mir Kontonummer, Bank und den Namen der Stiftung gesagt und wie viel Geld drauf ist. Wenn der Kerl blufft, dann ist er ein Genie darin.“ Langsam wurde Achim auch wütend und seine Stimme wurde lauter. „Das Arschloch hat das irgendwie rausbekommen und hat damit gedroht, das er es allen sagt, wenn ich Raphael nicht ohne Flügel proben lasse.“

Plötzlich fing Steffan an zu lachen und rutschte am Türrahmen nach unten. Ihm war schon klar, dass Achim ihn ungläubig anguckte, doch das war zu gut. „Der Vogel hat uns voll in der Hand. Er könnte Geld und was weiß ich was fordern und alles, was er will, ist, dass die Singdrossel ohne Flügel probt? Entweder ist der Kerl völlig verblödet oder...“ Steffan stoppte. Oder verknallt – der Kerl war verschossen in Raphael und glaubte, wenn er den großen Retter spielt, wurde er erhört. Steffan lachte noch mehr.

„Sag mal, bist du bescheuert? Unser Geld ist in Gefahr und du lachst?“ Achim stürzte auf Steffan zu und packte ihn am Kragen. Waren jetzt alle um ihn herum nicht mehr ganz dicht. Er zerrte seinen Freund hoch und funkelte ihn an. „Es ist mir egal, was er ist, solange er an unser Geld kann. Darüber solltest du dir Gedanken machen.“

„Lenken wir ihn ab“, sagte Steffan offen und löste Achims Hände von seinem Kragen. Dafür legte er eine seiner Hände in Achims Nacken. „Der Kerl scheint spitz auf die Singdrossel zu sein. Wenn wir ihn ein bisschen in Gefahr bringen und er den großen Retter spielen kann, sind wir aus dem Fokus. Mach Luzifer scharf, er will den Spacko doch eh ficken. Soll er ihn sich holen. Dann hat unser lieber Fratzenmaler ganz andere Sorgen.“ Dann küsste er Achim harsch.

„Du bist echt eine Ratte“, knurrte Achim und drückte Steffan gegen die Wand. „Du glaubst gar nicht, wie scharf mich das macht. Weißt du, der Eintänzer hat es übertrieben, er soll leiden. Ich rufe Luzifer gleich an, wenn ich mit dir fertig bin.“

„Wenn du mit mir fertig bist?“, grinste Steffan dreckig. So weit kam es noch. Er war derjenige, der heute vor Raphael blöd da stand, jetzt war es Achim, der vor ihm blöd da stand – am besten bäuchlings gegen die Wand gedrückt. Was aus ihrem Sänger wurde, war Steffan eigentlich ziemlich egal. Er hatte genug Kohle auf der hohen Kante, um sich eine neue Band zu kaufen. Wenn eine Karriere nicht auf der Strecke blieb, dann seine. Und wer sich ihm widersetzte, wurde gebrochen – die Lektion sollte Raphael lernen. Markus sollte bereuen, dass er ihnen die Pistole auf die Brust gesetzt hatte, bitterlich bereuen. Er sollte um seine Singdrossel heulen, der Bastard.

Und je wütender Steffan wurde, umso intensiver kümmerte er sich um Achim – mit Gier und Lust.


08

„Hier“, grinsend hielt Markus Daniel eine Möhre hin. „Du hast gestern geschlemmt, da gibt es heute Rohkost.“ Der Choreograph hatte einfach Lust seinen Freund zu ärgern. Natürlich hatte er noch etwas anderes für sie zu essen, aber das hatte er noch hinter seinem Rücken versteckt. Markus war zwar ein wenig in Sorge, was Steffan und Achim jetzt wohl ausheckten, aber das wollte er seinem Freund nicht zeigen.

Daniels Gesicht zuckte. Er wusste nicht, ob er heulen oder lachen sollte. Angeekelt guckte er auf das orangefarbene Ding, an dem noch leckeres Grün hing. „Willst du mich verarschen“, fragte er und lehnte am Treppengeländer. Er hatte die Tasche mit den Sportklamotten über der Schulter und wollte gerade mit Markus in die Räume über dem Probenraum, in dem sie trainierten. „Wenn du ein Karnickel willst, kauf dir eins. Dazu musst du mich nicht versuchen umzuzüchten.“

„Mit langen Häschenohren sähst du bestimmt niedlich aus. Außerdem hätte ich bei dir mehr zum streicheln, als bei so einem normalen Karnickel.“ Markus wiegte den Kopf hin und her und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ich glaube, ich möchte dich umzüchten. Ja, ich denke, das ist ’ne gute Idee.“

„Und ich denke, dass du einen Schaden hast und es beweist, dass Karotten schlecht fürs Hirn sind.“ Daniel wurde ja nicht wieder. Er ließ die Tasche fallen und sah Markus von oben herab an. Zum einen war er sowieso schon größer als sein Freund, zum anderen stand er auch noch zwei Stufen weiter oben. „Wer mich streicheln will, muss mir mehr bieten als eine Karotte!“, stellte er klar und sah Markus lauernd an. Machte der seine Drohung wirklich wahr und quälte ihn mit Rohkost?

„Zwei Karotten?“, fragte Markus unschuldig und tat so, als wenn er danach in seiner Tasche suchte. „Mist“, fluchte er dabei, „ich hab keine mehr. Geht auch das?“ Er hielt ein großes, lecker und großzügig belegtes Sandwich hoch, dass er in der Cafeteria besorgt hatte.

Und plötzlich leuchteten Daniels Augen. Ohne ein Wort griff er erst nach dem Sandwich, dann nach Markus, zog ihn im Nacken zu sich und drückte ihm stumm einen Kuss auf die Lippen. Dann hüpfte er kichernd wie ein kleines Kind mit seiner Tasche die Treppe hoch.

Markus sah ihm hinterher und seufzte lautlos. Es kam selten vor, dass Daniel ihn küsste, aber wenn, dann war es jedes Mal etwas Besonderes. Der Stylist hütete diese seltenen Momente wie einen Schatz und rief sie sich immer wieder in Erinnerung. Er folgte seinem Freund langsamer und wie erwartet, hatte Daniel schon sein halbes Sandwich vernichtet.

„Wollteschd du auch wasch?“, nuschelte Daniel, der auf der kleinen Bühne im Trainingsraum saß und mit Genuss und Hingabe sein Brot vertilgte. „Aber keine Sorge, du verhungerst schon nicht, hast ja Möhren.“ Er grinste frech, legte die andere Hälfte aber beiseite, denn wenn er sich vor dem Training den Bauch voll schlug wurde ihm schlecht. So konnte er sich später noch darauf freuen und derweil Markus noch etwas ärgern.

„Danke, ich hab auch eins.“ Markus setzte sich neben Daniel und packte sein eigenes Essen aus. Er hatte einmal abgebissen, als er sich beobachtet fühlte. Stumm hielt er Daniel sein Essen hin. Er kannte das schon, der Sänger musste immer einmal abbeißen. Es konnte ja sein, dass es bei ihm leckerer war.

Daniel biss zu und nickte. „Wie isch befürschded hadde“, nuschelte er und biss gleich noch mal zu. Es war ein Wunder, dass er nicht erstickte. Doch er hatte jahrelange Übung im Schlingen. „Deinsch schmeckt viel bescher!“

Grinsend und kauend ließ sich Daniel nach hinten fallen und genoss es, dass sie heute ein bisschen vor der Zeit waren und er gammeln konnte. „Achim hat gar nichts gesagt, weil ich gestern nicht im Blog war“, sinnierte er nach einer Weile und sah Markus beim Essen zu.

„Freuen wir uns einfach darüber. Nur befürchte ich, dass es sicher nicht lange anhalten wird.“ Markus ließ sich neben Daniel fallen und zischte kurz, weil sein Rücken sich bemerkbar machte. Das nächste Mal konnte er dem Manager nicht mehr damit drohen, dass er wusste, wo sein Geld war. Da musste er sich was anderes einfallen lassen.

„Was ist?“ Daniel wandte den Kopf und sah Markus lauernd an. „Auch Rücken? Bei mir angesteckt?“, lachte er und zog die Arme unter seinen Kopf, um sie als Kissen zu verkreuzen. Das Piepsen seines Handys zerriss die Stille des Augenblicks und der Ton verriet, dass es ein unbekannter Anrufer war. Zumindest war es nicht Achim, das war schon mal positiv.

„Nein, nein, ist schon okay. Schon vorbei.“ Markus gähnte leicht. Er war müde, denn die letzte Zeit hatte er nicht viel Schlaf bekommen. Er drehte sich zu Daniel, der nachsah, wer etwas von ihm wollte. „Wer stört?“, fragte er.

„Werden wir sehen“, sagte Daniel und hob endlich ab, denn der Anrufer gab nicht auf. Auf eine Mail-Box hatte er verzichtet, weil er so was sowieso nicht abhörte, also klingelte das Telefon so lange, bis das andere Ende aufgab oder er abhob. „Ja“, sagte er nur, wie er es immer machte und sein Gesicht wurde hart, als er die Stimme hörte. Erst wusste er sie nicht einzuordnen, doch schon nach den ersten Worten ahnte Daniel, wer ihn belästigte.

>>Hallo, mein Engel<<, flüsterte der Anrufer. >>Ich finde von Tag zu Tag mehr, dass Gabriel nicht der Richtige für dich ist. Aber keine Sorge, ich bin immer in deiner Nähe.<<

Daniel wusste nicht, was er machen sollte. Antworten? Nein, er wollte den Kerl nicht in ein Gespräch verwickeln. Unbewusst gab er dann vielleicht mehr von sich preis als gut war. Doch auflegen brachte auch nichts. Dann rief der Kerl wieder an.

Er sah zu Markus rüber und der war gleich alarmiert. „Wer ist dran?“, fragte er und ahnte nichts Gutes, so wie sein Freund guckte. Er rückte näher und versuchte etwas zu hören und was er hörte, ließ ihn wütend werden. „Leg auf“, bedeutete er Daniel lautlos. Dieser Spinner hatte ihnen gerade noch gefehlt.

Doch Daniel reagierte nicht. Er war viel zu verblüfft, dass der Kerl seine Handynummer hatte. Woher? Er hatte sich die Frage gestern schon gestellt und keine Antwort gefunden. So nahm Markus das Handy an sich und sah auf die Nummer. Doch da wurde nichts angezeigt. Was hatte er auch erwartet? Er drückte den Button und legte das Handy weg, während Daniel resignierend die Augen schloss. Der Kerl sollte ihn in Ruhe lassen. Verdammt, er war doch gar nicht mit Gabriel zusammen – das war nur Fake!

„Woher hat der Mistkerl deine Nummer?“, stellte Markus die Frage, die ihm auf den Nägeln brannte. Es gab nur ein paar Menschen, die diese Nummer kannten und dass einer ihrer Freunde sie weitergegeben hatte, konnte er sich nicht denken. Also wer…? Markus riss die Augen auf und murmelte: „Achim und Steffan.“ Die beiden waren die einzigen, die in Frage kamen. Aber gingen sie wirklich so weit?

„Das kann ich nicht glauben“, sagte Daniel müde, die Augen immer noch geschlossen. „Sie mögen nicht gerade nett sein, Arschlöcher, wenn man es genauer spezifizieren möchte, aber so weit gehen sie nicht. Das wäre doch Zufall, wenn die ausgerechnet Luzifer kennen würden.“ Daniel weigerte sich so weit zu gehen. Zu viel stand auf dem Spiel, denn im Blog griff Luzifer nicht nur auf Raphael zu. Mehr noch war Gabriel das Opfer seines Hasses.

„Ja, aber woher soll er sonst die Nummer haben? Die zwei sind die einzigen, bei denen ich mir das vorstellen kann. Wer hat denn deine Nummer sonst noch? Jessie, die anderen Bandmitglieder, deine Eltern und ich. Wer sollte deine Nummer denn sonst weitergegeben haben?“ Vielleicht konnte er Daniel so dazu bringen umzudenken.

„Mit ein bisschen Geschick und genügend Kohle weißt du so gut wie ich, dass man Daten ziemlich schnell irgendwo herbekommen kann.“ Daniel weigerte sich zu glauben, dass er an zwei Verräter gebunden sein sollte. Was hätten die beiden davon? Sicher, sie triezten ihn wo sie nur konnten, nett und freundlich waren sie auch nicht gerade, aber das machte keinen Sinn. Achim verdiente nur Geld, wenn die Band auftrat. Wenn sie Daniel diesen Spinner auf den Hals hetzten, war das alles in Gefahr.

„Ja, das stimmt schon“, gab Markus zu. Wenn nicht er wusste, was alles möglich war, wer dann? Vielleicht wurde er wirklich langsam paranoid, was Achim und Steffan anging. Spinner, die sich an irgendwelche Idole hingen, gab es immer wieder. Die meisten waren zwar lästig, aber nicht unbedingt gefährlich.

„Ignorieren wir ihn erst mal und gucken, wie sich das entwickelt. Ich glaube nicht, dass ich wirklich in Gefahr bin. Er hätte Sonntag die Chance gehabt, mich umzubringen, wenn er das gewollt hätte.“ Daniel versuchte die Sache herunterzuspielen, denn wenn er anfing, das ernst zu nehmen, wurde er noch bekloppt. Verdammt noch mal – alles was er wollte war singen. Wegen ihm auch auf einem kleinen Hinterhof mit nur einem Zuhörer. Ihm war alles aus den Händen geglitten und je mehr Platten sie verkauften, je bekannter sie wurden, umso schlimmer wurde es.

„Ignorieren geht am einfachsten bei körperlicher Betätigung.“ Markus grinste und stieß Daniel an. Sie konnten das jetzt nicht klären und eigentlich wollte er sich noch ein wenig Nähe holen. Das war immer sein Highlight, wenn er zusammen mit dem Sänger tanzen konnte. Er griff sich also noch einmal das Handy und stellte es auf lautlos, so wie eigentlich fast immer, wenn sie probten oder trainierten. Nur in den Pausen stellte Daniel es um. Hätte er es heute mal besser gelassen.

„Okay, Schinder-Hannes. Wenn es sein muss.“ Daniel erhob sich langsam und schälte sich, wo er war, aus dem Kostüm. Er ließ die Perücke auf, betrachtete einmal mehr die langen Nägel und schwang sich dann zum warm machen auf das Laufband, um die Muskeln noch ein bisschen geschmeidig zu machen. Die Pause war schon etwas länger und er hatte das Gefühl einzurosten.

Markus dehnte sich währenddessen etwas und machte sich auch warm. Er mochte das Laufband nicht, darum machte er es auf die konventionelle Weise. Er merkte auch, dass er die letzte Zeit viel gesessen hatte und brauchte Bewegung. Daniel und er sollten wohl wieder ab und zu laufen gehen.

Nach zwanzig Minuten legte Markus die aktuelle CD von ARK ein und das war das Zeichen für Daniel. Leise singend begann er mit den Schritten für die Show und Markus beobachtete ihn dabei, griff erst ein, als Daniel anfing unsauber zu tanzen, weil er durcheinander gekommen war.

Er legte Daniel von hinten die Hände auf die Hüften und dirigierte ihn. Dabei war es praktisch, dass er sich, da er ja Steffans Rolle spielen sollte, nah an Daniel drängen konnte. „Nicht so heftig. Beweg dich weicher. Du willst mit diesen Bewegungen locken und nicht angreifen“, murmelte er dabei und fuhr wie zufällig mit seiner Nase über Daniels Nacken.

„Woher willst du das denn wissen. Schon Rammstein meinte: Sex ist eine Schlacht und Liebe ist Krieg. Also Angriff ist die beste Verteidigung“, flapste Daniel, gehorchte aber und machte sich in der Hüfte etwas lockerer, um sich von Markus führen zu lassen. Anfangs war er vorsichtig, doch der Rücken spielte noch mit. Daniel betete, dass es auch so blieb.

„Das ist nichts für mich. Ich mag weder Schlachten noch Krieg, zumindest nicht, wenn ich liebe“, murmelte Markus und griff Daniel fester. Bisher hatte er den Sänger nur geführt, aber jetzt tanzte er mit und passte seine Bewegungen an. Eine seiner Hände strich vor zu Daniels Bauch und blieb dort liegen. Markus hatte sich den Tanz für Raphael und Gabriel nur deswegen ausgedacht, damit er ihn mit dem Sänger üben konnte und es kostete ihn zur Strafe jedes mal Unmengen an Beherrschung, sehen zu müssen, wie dann Gabriel Raphael umfasste, an sich zog und in Besitz nahm. Zwar dauerten die Phasen nur kurz, weil Gabriel den Bass spielen musste, doch die Fan-Girl-Einlagen< waren in den Melodien vorgesehen.

Sie probten immer wieder kritische Stellen und ein paar neue Schritte. Wenn sie mit Markus klappten, konnten sie beim nächsten Mal wieder mit Gabriel proben. Spaß würde es keinem machen, aber es war leider ein notwendiges Übel. Aber jetzt war Gabriel nicht da und Markus war Daniels Tanzpartner. Wie in der Choreographie vorgesehen, drehte er Daniel zu sich um und der Sänger legte ihm eine Hand in den Nacken. Eigentlich sollte er Daniel jetzt küssen, aber Markus tat es nicht, weil er sich selbst nicht traute. Kurz bevor sich ihre Lippen trafen, brach er ab und ließ Daniel los.

Überrascht hob der eine Braue und hielt inne. „Was denn?“ Er hauchte sich in die Hand. „So schlimm war das Aioli gestern doch gar nicht.“ Es war immer wieder das gleiche. Immer zog sich Markus zurück. Gabriel hatte da nicht so viele Skrupel. Ob Daniel das nun wollte oder nicht, schob der ihm die Zunge in den Hals.

„Spinner, ich habe mindestens genauso viel davon gegessen, wenn du dich erinnerst.“ Markus grinste schief und fuhr sich durch die Haare. „Es reicht doch, wenn Steffan dich ständig ohne deine Zustimmung küsst. Da muss ich das nicht auch noch machen.“

„Na, wenn du meinst“, sagte Daniel und konnte nicht vermeiden, dass er enttäuscht war. Schlimmer noch, er wusste noch nicht einmal, warum er enttäuscht war. Wollte er von Markus geküsst werden? Wenn ja, warum? Verwirrt über sich selbst griff sich Daniel sein Handtuch und fuhr sich über das feuchte Gesicht und den Nacken. Er fühlte sich unglaublich gut, erschöpft und durchgeschwitzt. „Pause oder weiter?“, wollte er wissen und sah Markus abschätzend an.

„Was macht dein Rücken? Wenn du keine Probleme hast, dann hören wir nicht auf, ansonsten proben wir nur noch ein paar leichte Sachen. Danach ruhst du dich aus und ich zeige dir ein paar neue Schrittfolgen, die ich mir ausgedacht habe.“ Markus nahm sich das Handtuch, das Daniel ihm reichte und wischte sich ebenfalls über das Gesicht.

„Okay. Noch eine Runde. Ich bin heute in Stimmung.“ Daniel rollte die Schultern und beobachtete Markus, wie er die CD wieder von vorn beginnen ließ, um ein paar holprige Stellen noch einmal zu festigen. Er hatte noch keine Lust nach Hause zu gehen und sich wie gefordert ins Bett zu legen. Nicht wenn Markus dann wieder ins Theater fuhr und er selbst, abgesehen vom Fernseher und einem Irren, der glaubte, ihn retten zu müssen, nicht wusste, was er tun sollte.

Sie stellten sich wieder in Position und diesmal klappten die Bewegungen schon viel geschmeidiger. Wenn Raphael mit Gabriel tanzte, dann war das nie so. Den Fans fiel so etwas nicht auf, aber ein geschultes Auge konnte sehen, dass Raphael sich sperrte, wenn auch wohl unbewusst. Langsam näherten sie sich dem Höhepunkt und diesmal brach Markus vor dem Kuss nicht ab, so wie sonst, sondern küsste Daniel, wenn auch nur kurz.

Der Sänger grinste zufrieden und nickte, als Markus den Player ausstellte. Sie waren durch für heute. „Und? War das so schlimm? Ich weiß, Thom küsst besser.“ Daniel konnte es aber auch nicht lassen. Zufrieden rollte er sich ein bisschen über das Parkett und blieb dann zu Markus’ Füßen liegen. „Oder?“

„Weiß nicht. Ich habe Thom noch nie geküsst. Also kann ich dir nicht sagen, ob du schlechter küsst.“ Markus grinste auf Daniel runter und streckte ihm die Zunge raus. Wie gerne würde er seinem Freund sagen, dass dieser kurze Kuss schöner gewesen war, als alle anderen vorher und er liebend gerne noch mehr davon hätte.

„Immer noch nicht“, sagte Daniel pikiert und kämpfte sich langsam nach oben. „Wie kann sich der arme Kerl noch auf seine Arbeit konzentrieren, wenn er nur dich im Kopf hat? Erlöse ihn von dieser Pein, oh Grausamer.“ Als er stand, streckte er sich noch einmal und zog sich das enge Shirt über den Kopf. Es war nass geschwitzt und kühlte jetzt langsam aus. Das war das letzte was sein kaputter Rücken gebrauchen konnte. Schnell griff er sich ein trocknes Shirt.

„Daniel, ich werde ihn nicht küssen, weil ich ihn nicht will.“ Das klang nicht so energisch wie es eigentlich sollte, denn Markus war abgelenkt. Er sah seinen Freund an und stellte sich vor, wie seine Finger über die feuchte Haut glitten. Erst als sich Stoff darüber schob bemerkte er, dass er den Sänger angestarrt hatte und schaute weg. „Lass uns duschen. Es reicht für heute“, murmelte er und stellte die Musik aus.

„Guter Plan“, lobte Daniel, aber seine listig blitzenden Augen machten klar, dass er mit dem Thema Thom noch nicht durch war. Warum auch? Es war eines der wenigen Themen, mit denen man Markus aus der Reserve locken konnte. Sonst war der Kerl cool wie Trockeneis, nicht zum aushalten.

Weil sie ständig hier trainierten und keine Lust gehabt hatten, ihr Zeug immer mit zu schleppen, war im Bad alles, was sie benötigten. Angefangen bei Gel und Shampoo bis hin zu Handtüchern und Wechselwäsche. Also zog sich Daniel das Shirt, dass er sich eben erst angezogen hatte, wieder über den Kopf.

Wie immer war Markus froh, als sie beide wieder angezogen waren. Es zerrte jedes Mal gewaltig an seiner Selbstbeherrschung Daniel nackt neben sich stehen zu haben und ihn nicht ansehen oder berühren zu dürfen. Er half seinem Freund noch mit der Perücke, dann konnten sie auch schon gehen.

Damit er nicht jedem auffiel, zog sich Daniel wieder die Kapuze über. Das machte es leichter zu verschwinden. Zwar kannte ihn jeder, der hier arbeitete, doch auf der Straße war er unbehelligt. Sicher, in langen schwarzen Klamotten war es im Sommer die Hölle, doch was tat man nicht alles, wenn die Identität verborgen bleiben sollte.

Aber heute hatte Markus in der Tiefgarage unter dem Studio geparkt. Das durfte er auch noch nicht sehr lange. Achim hatte sich immer dagegen gesperrt, weil er meinte, Markus gehöre nicht wirklich zum Stuff. Doch als es einmal eng geworden war, weil er ewig nach einem Parkplatz hatte suchen müssen und ein Interview hatte verschoben werden müssen, weil Raphael noch nicht geschminkt gewesen war, hatte auch Markus die Karte zur Tiefgarage.

Sie liefen durch die schummrig beleuchtete Halle und Markus runzelte die Stirn, als sie um eine Ecke bogen und an seinem Auto jemand lehnte. Was sollte das denn? Wollte jemand von der Crew was von ihnen? Aber warum lehnte der dann hier am Auto. Normalerweise probten sie doch länger und das wusste jeder.

„Wer ist das denn?“, murmelte Daniel und zog sich die Kapuze vom Kopf, weil sie ihm einen Teil der Sicht nahm. Der Mann kam ihm bekannt vor, doch er wusste nicht, wo er ihn einordnen sollte. Doch so ging es ihm mit jedem dritten Gesicht. Als Markus knurrte, dass er das nicht wüsste, es aber sich gleich herausfinden würde, wer seinen dreckigen Huf auf seinen Reifen packte und seinen fetten Hintern an seiner Fahrertür parkte, zog Daniel den Kopf ein. Es war eine ganz schlechte Idee, sich an Markus’ Auto zu vergreifen. Es war alt, aber es war seins und was sein war, hatte kein anderer anzupacken.

„Hey, verschwinde da. Wenn du den Lack zerkratzt gibt’s Ärger“, rief Markus auch gleich und seine Augen verzogen sich zu Schlitzen. Er wusste nicht wieso, aber seine Nackenhaare stellten sich bei dem Kerl auf. Er roch förmlich nach Ärger, so provozierend, wie er zu ihnen rüber sah. Was war das für ein Spinner und was wollte er von ihnen?

„Hallo Raphael“, sagte der Mann mit weicher Stimme und stieß sich vom Wagen ab. Er ignorierte Markus mit Absicht, denn der war nicht sein Ziel. Er war nur störend, lästig, etwas, das aus dem Weg geräumt werden musste. „Solltest du nicht mit Gabriel die Proben verlassen? Oder hast du es eingesehen, dass der Teufel einen Engel wie dich glücklich machen kann?“

Daniel stockte noch in der Bewegung. Der Teufel, der ihn glücklich machen kann? „Luzifer?“, fragte er und schluckte. Das war doch ein Alptraum! Jetzt wusste er auch, woher er die Augen kannte – von dem kurzen Backstage-Treffen am Sonntag. Das war der Kerl.

„Luzifer?“ Markus sah Daniel an und als der starr vor Schreck auf diesen Mann starrte, ließ er seine Tasche fallen und stellte sich vor seinen Freund. Das war also der Kerl, der seinen Freund belästigte. Er checkte ihn kurz ab und befand, dass er durchaus mit ihm fertig werden konnte. „Verzieh dich, du perverses Arschloch“, knurrte er wütend und ging drohend ein paar Schritte vor.

„Daniel, findest du es nicht unhöflich, deinen Hofhund auf mich zu hetzen, ohne dass er je eine Hundeschule von innen gesehen hat?“, fragte Luzifer und betrachtete sich Markus amüsiert. Der Kerl war so leicht zu lesen und ebenso leicht zu manipulieren. Er wusste es nur noch nicht.

„Er ist kein Hund, er ist mein Freund. Und jetzt geh bitte“, sagte Daniel. Zum zweiten Mal schockiert, denn der Kerl kannte seinen Namen. Er wusste, wer hinter Raphael steckte. Das war doch alles nicht mehr wahr.

„Das? Ein Freund? Er hat nicht für 10 Cent Benehmen. Was umgibst du dich mit solch einem... Nichts?“ Luzifer verschränkte die Arme vor der Brust und legte den Kopf schief. Dabei fiel ihm der lange braune Pony weit ins Gesicht und verdeckte die eisblauen, stechenden Augen.

Er ignorierte Markus vollkommen, der wütend seine Hände immer wieder zu Fäusten ballte. Wer war dieser Kerl, der so viel über Daniel wusste? Er musste sie verfolgt und beobachtet haben. Warum hatte er das nicht mitbekommen?

„Du hast ihn gehört. Verschwinde endlich und lass dich nie wieder blicken, dann vergessen wir, das du Raphael belästigt hast“, ergriff Markus wieder das Wort.

„Mach Platz“, sagte Luzifer herrisch und sah Markus wütend an. Er hatte ihn doch wirklich dazu gebracht, sein Wort an den Kettenhund richten zu müssen. Das hatte der Kerl nicht umsonst gemacht. Der brauchte eine Lektion. „Daniel, habe ich dich bisher belästigt? Dir geschadet? Ich war und bin in Sorge, denn jeder sieht, dass Gabriel nicht der richtige Mann für dich ist. Alles, was ich möchte, ist dich vor ihm zu beschützen, wenn dein Kettenhund das nicht kann.“

„Hör auf, so über Markus zu reden. Er ist der beste Freund, den man sich wünschen kann“, sagte Daniel und suchte mit den Augen einen Weg zur Flucht. Doch der Kerl stand zwischen ihnen und dem Auto, das war nicht gut.

Der Kerl machte ihm Angst und das war der Grund, warum Markus die Beherrschung verlor. Er schoss nach vorne und bevor dieser Luzifer sich auch nur bewegen konnte, spürte er Markus’ Faust in seinem Gesicht. Die Wucht des Schlages ließ ihn nach hinten gegen das Auto taumeln und schon war Markus bei ihm und hatte ihn am Kragen gepackt. „Verpiss dich, du Arschloch und lass dich nicht noch einmal in Raphaels Nähe blicken“, zischte der Stylist wütend.

Doch Luzifer lächelte nur, auch wenn der Schmerz durch seinen Kopf hämmerte. „Auf dir kann man spielen wie auf einer Geige. Man muss nur die richtigen Seiten anschlagen“, flüsterte er und sah Markus herausfordernd an. „Du weißt hoffentlich, dass du gerade den Strafbestand einer Körperverletzung begangen hast. Genau das, was ich wollte. Denn wenn du aus dem Verkehr gezogen bist, ist keiner mehr da, der auf den Süßen aufpasst. Das werde ich dann übernehmen.“ Sein Lächeln war kalt.

„Markus!“ Derweil war Daniel auf die beiden zugelaufen und versuchte Markus von dem Mann wegzuzerren. „Gewalt ist doch keine Lösung, davon wird es nicht besser.“ Er zerrte an Markus, schubste Luzifer. Er wusste nicht mehr, was er tun sollte. Er war überfordert. Alles, was er wollte, war weg – ganz weit weg.

Wie ein Blitz durchfuhr es Markus, als er begriff, dass dieser Mistkerl ihn manipuliert hatte und er genau in dessen Falle getappt war. Er zog die Finger weg, als wenn er sich verbrannt hätte, aber jetzt war es zu spät. Dieses Arschloch hatte jetzt etwas gegen ihn in der Hand und konnte es einsetzen, wie er wollte. Jetzt war es auch egal. „Verzieh dich“ zischte er wütend. Er schubste Luzifer vom Wagen weg und warf Daniel die Schlüssel zu. „Steig ein.“

„Ja!“ Daniel hastete um den Wagen, um aufzuschließen, doch Luzifer machte keine Anstalten etwas dagegen zu tun. Warum auch? Er hatte Zeit, er musste nur warten können und das konnte er. Daniel würde früher oder später einsehen, dass er der bessere Mann an seiner Seite war. Und wenn man ihn ein bisschen anstoßen musste, damit er es kapierte, dann war das eben so.

„Wir sehen uns, mein Schöner“, sagte er lächelnd und winkte Daniel zu, ehe er sich umwandte und ging. Daniel stand auf der Beifahrerseite, den Schlüssel ins Schloss geschoben und sah ihm nach.

Markus und er blieben so stehen, bis Luzifer durch eine der Türen verschwunden war, erst dann kam wieder Leben in sie.

„So eine verdammte Scheiße“, fluchte Markus und schlug mit der flachen Hand auf das Wagendach. Das dadurch das Auto vielleicht eine Beule bekam war ihm egal. Er war wütend auf diesen Luzifer und auf sich selbst, weil er nicht gemerkt hatte, was dieser Kerl im Schilde geführt hatte.

„Ja, war nicht so prickelnd, dass der hier aufgetaucht ist“, knurrte Daniel und lehnte sich ebenfalls mit dem Rücken gegen den Wagen. So konnte er Markus nicht ansehen und das war vielleicht auch gut so. „Und er weiß, wer ich bin. Ich will gar nicht wissen, was der noch alles über mich weiß. Das kann eine Katastrophe geben, wenn Achim weiß, dass jemand weiß, wer ich wirklich bin.“ Daniel schloss die Augen und legte den Kopf so weit in den Nacken, dass er auf dem Autodach zum liegen kam. „Verdammte Scheiße.“

„Achim ist meine kleinste Sorge. Dieser Luzifer ist entschlossen und nicht dumm. Er kann uns viel größeren Ärger machen.“

Noch gab er sich damit zufrieden, Daniel Angst zu machen, aber wie lange reichte Luzifer das noch? Wann kippte die ganze Sache und er wollte mehr? Allein der Gedanke, dass dieser Irre Daniel etwas tun könnte, machte Markus Angst.

„Na, ich weiß ja nicht, ob Achim das kleinere Übel wäre. Er wäre höchstens die Pest in der Wahl zwischen Pest und Cholera“, murmelte Daniel und drehte sich, so, dass er Markus über das Dach hinweg ansehen konnte. „Bisher war der Kerl doch friedlich“, versuchte er sich und Markus einzureden. Was nicht hieß, dass er froh war, dass einer wie Luzifer hinter ihm her schlich und ihn ausspionierte, doch im Augenblick war Achim sein Problem, denn morgen sollte Steffan einziehen und dann hatte er unter Garantie keine Ruhe mehr. Steffan würde schon dafür sorgen, dass Daniel dem Manager nicht zuwider handelte.

„Ja, bisher.“ Markus wollte das jetzt nicht hier diskutieren. Er wollte erst einmal nur weg hier. „Lass uns fahren, bevor ihm einfällt wieder zurückzukommen.“ Er wartete, bis Daniel ihm die Tür von innen öffnete und stieg ein. Er wollte gerade losfahren, als Daniels Handy zeigte, dass er eine SMS bekommen hatte. Was wollte der Kerl denn jetzt schon wieder?

„Is’ von Achim“, sagte Daniel gleich, als er Markus Gesicht deutete, doch das machte es nicht besser. Das war dann eben die Pest und nicht die Cholera. „Ach du Scheiße, das fällt dem aber früh ein.“ Daniel warf sein Telefon angepisst auf das Armaturenbrett und warf sich in den Sitz zurück. Er brubbelte leise, wurde lauter, bis Markus endlich verstand, was eigentlich los war.

Achim hatte für heute Abend noch eine Autogramm-Stunde in petto gehabt. Freilich wäre es ja langweilig gewesen, die Info früher rauszurücken, weil man sich dann ja hätte drauf vorbereiten können. Wie uncool.

„Also langsam reicht's wirklich. Die Sachen kommen immer kurzfristiger.“

Markus wusste gleich, dass das eine Retourkutsche für seine Drohung von vorhin war. Eigentlich hätte er sich denken können, dass der Manager sich das nicht einfach so gefallen ließ. Anscheinend hatte er alles mit seiner Aktion nur noch schlimmer gemacht für Daniel. So wie es aussah, hatte er heute auf ganzer Linie versagt. „Wann und wo?“, brummte er darum nur. Wahrscheinlich lohnte es sich nicht mehr nach Hause zu fahren.

„Tonhalle in der Kastanienallee, Nähe Schönhauser“, sagte Daniel resigniert und schloss wieder die Augen. Das nächste Konzert war erst wieder am Freitag. Wenn er die Zeit bis dahin nur mit solchen Aktionen gefüllt bekam, dann war seine Laune wirklich auf dem absteigenden Ast. „Ich will endlich wieder singen und nicht blöd grinsen und meinen Namen schreiben, verdammt noch mal.“ Frust machte sich breit, den er schlucken musste, denn sonst wurde das heute Abend ein Desaster.

„Na klasse.“ Markus’ Laune ging noch weiter in den Keller, aber er riss sich zusammen. Daniel konnte ja nichts dafür, wenn Markus alles schlimmer gemacht hatte. Sein Freund musste es sogar ausbaden. Er startete den Wagen. „Wann müssen wir da sein?“

„Hier steht was von sieben“, sagte Daniel, der sein Handy wieder in den Fingern hatte. Mittlerweile waren sie aus der Tiefgarage raus und Daniel konnte es nicht vermeiden, dass er jeden, der neben ihnen fuhr, neben ihnen lief oder ihnen sonst irgendwie nahe kam, anstarrte, um zu sehen, ob es Luzifer war. „Es sollte reichen, wenn wir eine Viertelstunde vorher da sind. Einfach durch den Hintereingang, so wie das letzte Mal.“ Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass die Zeit gerade noch reichte, um nach Hause zu fahren, sich noch einmal komplett herzurichten und dann auch schon wieder aufzubrechen, denn die Tonhalle lag nicht gerade bei ihm um die Ecke.

„Okay, machen wir das so.“ Es brachte nichts, sich aufzuregen. Auch nicht darüber, dass Daniel wohl mal wieder der einzige war, der diesen Termin wahrnehmen musste. Also würden wieder unweigerlich Fragen kommen, wo denn Gabriel war. Aber das war immer noch besser, als wenn der Bassist da war, denn dann mussten sie wieder ihre Show abziehen und Daniel sich von dem Widerling küssen lassen.

Sich das angucken zu müssen war unerträglich. War er denn der einzige, der sah, dass es Raphael dabei nicht gut ging? Sah denn keiner von den angeblichen Fans, dass die Show nur für sie lief? Doch das war nicht sein Problem, nicht in erster Linie. Sein Problem war Luzifer, den musste er im Auge behalten, denn ihn zu unterschätzen, hieß zu verlieren.

Markus steuerte den Wagen zurück in ihre Straße und es war Reflex, zu gucken, ob ihnen jemand gefolgt war. Doch er war sich sicher, dass Luzifer sich ab jetzt nicht mehr versteckte. Er würde den Kontakt suchen, intensiv und offen. Blieb zu hoffen, dass er nicht handgreiflich wurde oder auf seine Chance lauerte, Daniel näher zu kommen, als der wollte.

Aber wohl heute nicht mehr, trotzdem war Markus angespannt, bis sie die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatten. Er atmete tief durch und lächelte. „Zieh dich um, ich mach uns einen Kaffee.“ Er machte sich auch gleich auf den Weg in die Küche, denn er hatte Daniel heute schon zu oft nackt oder halbnackt gesehen, um sich noch zu trauen, besonders, wo er wirklich Angst um ihn bekam, seit dem er wusste, dass Luzifer nicht nur ein harmloser Spinner war.

Am liebsten hätte er Daniel an sich gerissen, ihn in ein Flugzeug geschleppt und irgendwo ganz neu mit ihm angefangen, wo keiner ihn kannte und nur seine Stimme zählte, nicht sein Image. Doch soweit war Daniel noch nicht. Er klammerte sich wie ein Ertrinkender an ARK und so war das einzige, was Markus machen konnte, an seiner Seite bleiben und aufpassen, dass er nicht in den Mühlen von Achims Gier nach Geld zermahlen wurde.

Während Daniel duschte und sich in eines seiner Erzengel-Kostüme zwängte, hatte Markus dafür gesorgt, dass sein Freund noch etwas in den Magen bekam. Er schmierte Brötchen und brachte den Kaffee ins Schlafzimmer, damit Daniel zulangen konnte, denn wenn der Sänger erst einmal geschminkt war, dann ging das nicht mehr. Markus zögerte es darum so weit hinaus, wie es ging und nicht nur, weil er Raphael hasste. Während Daniel etwas aß, suchte der Visagist schon alles zusammen, was er brauchte und legte es zurecht. Das Schminken konnte er schon im Schlaf, denn oft machte er das mindestens zweimal am Tag.

Daniel hatte sich heute für weiches Leder mit vielen Schnallen entschieden. Er wusste, dass man ihn gern in diesen Klamotten sah und er nutzte es aus, wenn er seinen Fans so nah kam. Er prüfte die Nägel, die ihn immer noch an vielen Sachen hinderten, doch zum Glück war ihm beim Anziehen keiner abgebrochen. Während sich Markus also um die Haare kümmerte, damit dann die Perücke drüber gezogen werden konnte, schlug sich Daniel noch einmal den Bauch voll. Wer wusste schon, wie lange das heute wieder ging. Er vermied es, in den Spiegel zu sehen, vor dem er saß, denn dann hätte er nur wieder dabei zusehen müssen, wie er ganz langsam verschwand.

Markus ging es nicht anders, aber er konnte nichts machen. Aber bevor Daniel ganz verschwand, strich er seinem Freund noch einmal über die Wange. „Da war ein Krümel“, erklärte er gleich und machte weiter, als wenn nichts gewesen wäre. Heute gab er sich besonders viel Mühe mit dem Make-up, denn die Fans kamen näher ran, da musste es perfekt sein. Er wusste so gut wie Daniel, dass jeder versuchte, den Look zu kopieren und eine Autogramm-Stunde war die beste Chance, ihrem Idol sehr nahe zu kommen.

„Mal sehen, wann Gabriel morgen auftaucht. Wehe er steht schon vor dem Aufstehen vor der Tür.“ Daniel traute das dem Bassisten durchaus zu, nur um ihn zu ärgern. „Hoffentlich will der nicht auch bei mir im Schlafzimmer schlafen. Das fällt aus. Der Idiot kann im Wohnzimmer auf der Couch pennen.“

„Er ist hier Gast und das solltest du ihm unbedingt gleich klar machen. Wenn er zickt, fliegt er raus, egal ob Achim tobt.“ Markus besah sich sein Werk und nickte. So war es perfekt. Sie mussten auch los. Er ging noch einmal um Daniel herum und zuppelte noch hier und da an dem Outfit seines Freundes, zog Schnallen nach und rückte alles gerade. Dann strich er ihm noch einmal durch die Haare und grinste.

„Ich werd's versuchen, aber du musst mir helfen. Ich bekomme das einfach nicht hin, Gabriel die Stirn zu bieten, wenn er so stoisch auf mich sieht und mir mit seinen Blicken klar macht, dass ich es nicht wert bin, die gleiche Luft zu atmen wie er.“ Daniel wusste, dass das noch ein harter Kampf mit sich selbst würde. Er brauchte mehr Courage, das war ihm klar, doch es gab Dinge, die konnte man nicht kaufen. Leider.

„Sicher helfe ich dir.“ Das war doch selbstverständlich, da musste Daniel doch gar nicht nachfragen. Er reichte seinem Freund die Jacke und eine Sonnenbrille, denn ohne wurde er schneller erkannt. „Auf geht’s.“ Sie gingen zum Auto und ein paar Minuten später waren sie auf dem Weg. Wenn nichts Unvorhergesehenes mehr passierte, sollten sie pünktlich da sein.