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Alles was zählt - Teil 33 bis 36

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Besonders gut hatte Leif nicht geschlafen. Er war noch bei JJ gewesen, doch der hatte geschlafen wie ein Stein. Weil der Junge nun ein Kinderbett besaß, bestand keine Möglichkeit mehr, sich zu ihm ins Bett zu legen und auf ihn aufzupassen. Vielleicht war das doch keine gute Idee gewesen. Eine ganze Weile hatte Leif einfach nur an der Tür gestanden und auf JJ gesehen. Nicht ein einziges Mal war ihm die Frage aufgekommen, ob der Junge den ganzen Ärger wert war - denn er war es wert, da musste Leif nicht fragen.

Entweder würde Viktor das irgendwann begreifen oder er würde... Tja, so weit wollte Leif nicht gehen, aber er musste die Option im Auge behalten. Wenn es nicht mit beiden ging, dann nur mit einem - egal wie Viktor das schmeckte, denn auf JJ wollte Leif nicht verzichten.

Er war immer noch wütend gewesen, weil Viktor ihm einmal mehr den Abend versaut hatte und dass Leif sein Kindermädchen hatte gehen lassen müssen, ohne noch ein bisschen mit ihm zu flirten oder etwas über dessen Lover rauszukriegen, machte ihn nur noch wütender.

Doch was sollte er tun? Es war passiert. Nicht mehr zu ändern. Allerdings war das auch der Grund gewesen, warum Leif es vorgezogen hatte, das Schlafzimmer nicht noch einmal aufzusuchen. Als er ebenfalls müde wurde, ließ er sich einfach in dem Zimmer neben JJs neuem Reich ins Bett fallen. Das Zimmer, in dem eines Tages - und wenn es nach Leif ging ziemlich bald - Endre einziehen sollte.

Nein, zufrieden war er im Augenblick wirklich nicht. Er verstand Viktors Sturheit einfach nicht. Dieses egozentrische Zickengehabe, von wegen, ihm würde etwas weggenommen und Leif würde ihn betrügen - nüchtern darüber nachgedacht hieß das doch: er vertraute Leif wirklich nicht einen Meter. Eigentlich hätte er darüber wütend sein sollen, oder?

Na ja, wie auch immer, er hatte sich für Viktor entschieden und der hatte ja nicht nur negative Seiten. Leider ließ er das seinen Verlobten im Augenblick aber vergessen, denn von Viktors ausgelassenen liebevollen Seiten war nicht viel zu sehen. Wenn sie telefonierten, wenn sie sich sahen - kein Wort der Höflichkeit wie: 'Hallo', oder so was. Nein, es wurde gleich losgepoltert. Er gab sich doch gar keine Mühe, er war wie ein bockiges Kind. JJ war entschieden einfacher zu hüten.

Warum sträubte sich Viktor nur so? War es wirklich, weil er Angst hatte, Leif zu verlieren? War JJ sein Frust oder doch eher Endre? Eigentlich bestand das Problem wohl darin, dass Leif nicht vorhatte, sich auch nur von einem von beiden zu trennen. JJ war sein ganzes Glück und langsam taute der Junge auf. Aber Endre war wie eine Notleine, er hatte Leif zurück auf den Boden geholt und ihm gezeigt, wie wenig Leif eigentlich je vom Leben gesehen hatte.

Er wollte mehr von dieser Welt, die er nicht kannte.

Er wollte das Wissen aufsaugen wie ein Schwamm, denn JJ sollte seinen Weg gehen und alles lernen, was wichtig war. Dafür war Endre einfach der perfekte Mann. Und wenn Viktor sich nur ein einziges Mal benehmen und über seinen Schatten springen könnte, würde er einsehen, dass man JJ und Endre getrost allein lassen konnte, um selbst etwas zu unternehmen. Aber so lange Viktor sich aufführte wie ein Bärbeißer, solange hatte Leif keine gesteigerte Lust, mit seinem Verlobten etwas zu unternehmen.

Nein, er musste fair sein, es lag nicht nur daran, dass Viktor sich aufführte wie ein Despot, es lag auch daran, dass Endre absolut Leifs Geschmack war und dass sein Kindermädchen sich ihm entzog, machte ihn nur noch neugieriger. Seit er wusste, dass Konkurrenz ins Haus stand mehr denn je. Diesen Jack würde er gern einmal sehen - wie sahen Männer aus, auf die Endre abfuhr? Ob er Leif ähnlich war?



Ziemlich gerädert saß er oben in der kleinen Küche, hatte einen Kaffee und ein Brötchen in der Hand. Es war keine Maus, es war nur beschmiert und belegt, das hatte Leif gerade noch selbst hinbekommen. Er saß an der kleinen Theke in Endres Küche und lauschte hinüber zu JJs Zimmer. Die Tür hatte er offen gelassen, damit er hörte, wenn der Kurze wach wurde. Er selber hatte kaum geschlafen, denn Viktors Verhalten machte ihm Kopfzerbrechen - das Problem aber war: so lange Viktor nur seine Phrasen drosch, solange er nicht erklären konnte, was genau sein Problem war, solange konnte Leif auch nichts ändern.

Es war ja nicht so, als würde sich Leif nicht bemühen wollen, doch wenn er nicht wusste, was genau das Problem war? Einfach nur: 'die Straßenratte soll verschwinden', oder: 'das Balg kotzt mich an', waren ja nun keine Aussagen, mit denen sich arbeiten ließ! Was sollte er daraus für Informationen entnehmen, außer dass Viktor sich in seiner Freiheit beschnitten fühlte. Leif seufzte. Das war ziemlich verfahren. Ehrlich gesagt, hatte er sich das nie so schwer vorgestellt, doch es war wohl leider nicht zu ändern. Er hatte nicht mit so viel dauerhaftem Streit- und Widerstandspotenzial von seinem Verlobten gerechnet. Nun war er schlauer.

„Ach, was soll's!"

Ehe er sich hier noch den Kopf zerbrach und dann wieder Tabletten nehmen musste, damit er im Büro überhaupt zu gebrauchen war, beschloss er, Endres Küche einzurichten. Also ging er langsam die Wendeltreppe nach unten und lobte sich dafür, den kleinen Küchenaufzug doch eingebaut zu haben. Den räumte er jetzt mit Töpfen, Tellern, Speisen und allem voll, was oben von JJ und Endre gebraucht werden könnte.

Vielleicht kam etwas Ruhe ins Haus, wenn er die beiden auseinander hielt und Viktor nicht die Chance hatte, Endre gleich wieder wie ein Terrier ins Bein zu beißen. Man konnte es ja mal versuchen. Leif wunderte sich nur, dass Viktor sich dabei gar nicht bescheuert vorkam. Solche Standesunterschiede zu machen und sich darin auch noch zu sielen? Na ja, sie hatten sich ihren Reichtum erarbeitet, so war es ja nicht - aber trotzdem.

Jeder hatte seine Auffassung vom Leben und jeder hielt anderes für erstrebenswert. Manche waren ziemlich genügsam und sahen dabei auch noch verdammt gut aus. Leif lachte leise. Endre ging ihm einfach nicht aus dem Kopf, warum nur? Weil er von Viktor das nicht bekam, was er sich erhofft hatte? Weil Endre derjenige war, der ihn unterstützte?

Leif wusste es nicht. Er ging die Treppe wieder hinauf, um oben den Aufzug auszuräumen. Er packte das Geschirr in den Schrank, ein paar Töpfe auch, dazu Besteck. Er füllte den kleinen Kühlschrank auf und deponierte noch die Sachen für JJ. Kakao, Tee. Als alles fertig war, schrieb er noch einen kleinen, erklärenden Zettel, damit Endre Bescheid wusste. Dann ging er wieder rüber zu JJ, doch der schlief noch tief und fest. Sicher war der Tag gestern anstrengend gewesen.

Ein kurzer Blick auf die Uhr, es war fast sieben. Dann würde ja Endre gleich auftauchen. Leif grinste. Er freute sich richtig darauf, er konnte gar nicht anders und er war versucht zu behaupten, endlich mal ein Normaler, mit dem man reden konnte.

Langsam ging er die Treppe nach unten. Eines musste man den Packern von gestern lassen - sie hatten keinerlei Schaden gemacht. Keine Kratzer an der Wand, keine Striemen im Parkett. Er hatte auch die Rückmeldung vom Depot, dass die Möbel alle vollständig eingegangen waren. Er hatte eine Liste reingegeben, die abgehakt werden sollte.

Am Fuß der Treppe angekommen, sah Leif sich in dem großen Wohnzimmer um. Sein Blick fiel auf das Fenster, durch das die Morgensonne ihre ersten Grüße warf.

Viktor schlief sicher noch eine ganze Weile. Leif wusste gar nicht, wie dessen Plan heute aussah. Wenn der auch zu Hause war, dann war hier Halligalli und er selbst konnte nicht bleiben, weil er noch Termine hatte. Auch mit der Aids-Stiftung wollte er noch einmal zusammentreffen. Frank hatte noch einiges angeleiert, was abgezeichnet werden musste. Es ging nicht. Er konnte nicht auch hier bleiben und den Prellbock spielen!

Doch er kam nicht weiter, denn der Fahrstuhl machte mit einem leisen Geräusch darauf aufmerksam, dass jemand, der den Code kannte, nach oben kam. Das konnte nur einer sein, also ging Leif langsam rüber. Doch dann ging ihm auf, dass das garantiert so aussah, als hätte er nur auf Endre gewartet - dass dies wirklich so gewesen war, musste der junge Mann ja nicht wissen - das wollte er nicht. Also ging er langsam rüber zum kleinen Bad, gleich neben dem Schlafzimmer und wandte sich überrascht um, als die Türen sich öffneten.

„Oh, Endre, guten Morgen", lächelte er und änderte wieder seine Richtung. Er lachte leise.

„Guten Morgen, bist ja schon wach." Endre zog die Schuhe aus, weil sowieso überall Fußbodenheizung war und zog den Rucksack von den Schultern. Heute war er schlauer gewesen. Er hatte ein paar Kleider zum Wechseln mit und er hatte ein bisschen was von seinem Hausstand eingepackt. „Dein Holder ist noch nicht wach?"

„Keinen Schimmer, komm mit hoch", sagte Leif nur und ging vor. Endre hob eine Braue und folgte. Das klang aber gar nicht gut. Sollte er weiter fragen oder war das Leifs Art gewesen, klar zu stellen, dass er nicht darüber reden wollte? Er zuckte die Schultern und folgte Leif nach oben.

„Schaust du nach dem Kurzen? Eben schlief er noch tief und fest. Ich mach Tee und Kaffee", sagte Leif und tauchte in die kleine Küche ab, während Endre wieder eine Braue hob. Hier war doch was faul. Doch er tat, was von ihm erwartet wurde, grinste aber, als er sah, wie JJ in seinem Bett lag und nun doch Gustav über sich gezogen hatte. Man sah den Kleinen kaum noch unter dem riesigen Plüschtier. Gut, der schlief noch. Also konnte er sich jetzt um Leif kümmern.

„Was ist los, warum sitzen wir hier oben?", fragte er und sein Blick fiel auf den Zettel auf der Theke.

Leif sah auf und zuckte müde die Schultern. „Ich würde es mal versuchen, dich und Viktor zu trennen. Ich habe euch hier oben die Küche eingerichtet und hoffe, dass ich nichts vergessen habe. Was nicht heißt, dass ihr nicht runter gehen dürft oder so, ich sperre euch nicht ein. Aber ihr sollt die Chance haben auszuweichen, wenn er unten wieder sein Gift verspritzt", versuchte er hastig zu erklären, damit Endre keinen falschen Eindruck bekam.

Doch der nickte verstehend.

„Klar, kein Problem. Wenn du dann weniger Ärger hast und etwas mehr Schlaf, werde ich mich nicht in den Weg stellen. Ich arbeite nur hier", sagte Endre und seufzte lautlos. War ja klar gewesen, dass solch ein Traumjob einen Haken haben musste. „Ich kann mich mit JJ auch hier oben beschäftigen. Ich muss nicht runter." Er versuchte Leif eine Sorge zu nehmen, doch wie es schien, gelang ihm das nicht wirklich.

„Setz dich hin und rede, dir brennt doch was auf der Seele", sagte Endre schlussendlich, weil Leif durch die kleine Küche lief wie eine langschwänzige Katze in einem Raum voller Schaukelstühle. Mit dem Kaffee kam Leif rüber zur Theke und ließ sich auf einen der Hocker sinken. Vielleicht brauchten sie für hier oben auch noch einen kleinen Tisch mit Stühlen, überlegte er dabei, nur um Endre nicht ansehen zu müssen.

„Ich verstehe ihn nicht", sagte Leif einfach, weil es das war, was ihn belastete. „Ich verstehe nicht, wie Viktor so reagieren kann. Er hetzt gegen dich, ohne dich je kennen gelernt zu haben oder einen begründeten Anlass", fing der Blonde leise an und Endre verzog für einen kurzen Augenblick das Gesicht. Na warum wunderte ihn das so gar nicht?

„Was soll ich denn machen? Ich bin doch froh, dass ich dich als Aufsicht für JJ habe. Er mag dich - du magst ihn. Es ist perfekt. Du nimmst mir viel Arbeit ab, du weißt, auf was zu achten ist, was gemacht werden muss. Und in ein oder zwei Wochen werden wir so weit sein, dass ich dann wirklich wieder mehr Zeit mit Vik verbringen kann und abends mal weggehen oder so was, aber im Augenblick will ich das gar nicht. Er benimmt sich wie die Axt im Walde, dich nennt er Straßenratte, dabei ist er doch derjenige mit den ungehobelten Manieren."

Leif seufzte. „Ich kann ihn verstehen, sein Leben ändert sich auch, seit JJ da ist. Aber ist er da nicht etwas zu selbstherrlich, zu glauben, er bestimmt und ich gebe den Jungen wieder weg?" Leifs Gesicht wurde hart und Endre schluckte.

So kannte er ihn nicht. Was sollte er denn jetzt darauf sagen?

„Vielleicht wäre eine Frau für JJ doch besser gewesen. Denn so wie ich das mitbekomme, hat dein Verlobter das Problem hauptsächlich mit mir und er glaubt, ich würde dich über das Kind nur anmachen wollen." Zumindest war das gestern Morgen so rausgekommen, ehe Leif zwischen sie getreten war.

„Was soll denn der Mist. Ich flirte eben gern und ich mag dich. Wo ist das Problem? Das ändert doch nichts an meiner Liebe zu ihm. Der einzige, der daran gerade etwas än... Ach vergiss es." Niedergeschlagen senkte Leif den Kopf. Was sagte er denn da? Wo kam dieser Gedanke plötzlich her? Fast hätte er ihn noch ausgesprochen! Doch es war nicht nötig gewesen, es auszusprechen, Endre hatte auch so sehr gut verstanden, was mit Leif los war.

Durch die ganzen Zicken, die Viktor machte, fing der an, an seiner Beziehung zu zweifeln. Das war nicht gut! Gar nicht gut. Wenn Viktor dahinter kam, war die Hölle los, denn er war kein Mensch, der durch einen Verlust begriff, dass er selber etwas kaputt gemacht hatte. Er gehörte zu der Sorte Mensch, die dann glaubte, jemand anderes hätte ihm etwas weggenommen - er baute nur Feindbilder auf und wie die aussahen, das wusste Endre, wenn er in den Spiegel guckte.

„Du weißt aber auch, dass er das nicht mag und du weißt auch, dass er aus irgendeinem Grund in mir Konkurrenz sieht."

„Das hat mit dir nichts zu tun. Mit ihm einkaufen gehen ist wie mit einem Klammeraffen. Jedem muss er zeigen, dass ich nur ihm gehöre, jeder, der mich anlächelt, wird angeknurrt, jeder, der mich grüßt, wird verbellt. Das geht schon seit Jahren so und langsam bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich das noch will. Versteh mich nicht falsch!", holte Leif gleich aus, weil er merkte, wie sich das in seinen Ohren anhörte, „ich liebe ihn, er ist mein Mann. Aber er drückt mir die Luft zum Leben ab und da ich mein Leben mehr liebe als alles andere - von JJ mal abgesehen - werde ich mich entscheiden müssen, wenn sich da nicht bald mal was ändert."

Endre klammerte sich an seinem Kaffee fest. In was war er denn hier rein geraten? Diente er gerade als Katalysator für etwas, was schon seit Jahren brodelte? Das war nicht gut. „Weiß er denn, wie du dich fühlst? Ich meine, weiß er, dass er dich bedrängt und wenn er nicht aufhört, dass er dich verliert?", wollte er wissen und Leif nickte.

„Ja, ich habe es ihm oft gesagt, doch er nimmt mich nicht ernst."

Na Halleluja! Endre schüttelte den Kopf. Wenn das mal keine Katastrophe war. Warum ließ sich Leif so behandeln? Er war doch selbstbewusst genug, er stand auf eigenen Füßen. War er diesem komischen Vogel so hörig? Neugierig besah er sich seinen Chef.

„Pass mal auf, ich mach dir einen Vorschlag", sagte Endre und trank nun doch einen Schluck, „ich werde mit JJ hier oben bleiben, so dass er uns kaum bemerkt. Ich werde, wenn das Wetter gut ist, mit ihm rausgehen, so oft es geht. Abends bin ich eh nicht da - oder ich bin, sollte ich hier eingezogen sein, mit JJ oben. Ihr habt also die ganze Bude für euch. Mehr kann man diesem Kerl nicht entgegen kommen, ohne dass JJ dich verlassen wird", sagte Endre und er spürte, dass er wütend wurde.

Das war zwar nicht beabsichtigt, doch Viktor machte ihn kirre. Selbstherrlich glaubte er, über das Leben anderer bestimmen zu dürfen. Schon deswegen hatte der eigentlich einen Denkzettel verdient. Für einen kurzen Augenblick hatte er nicht schlecht Lust auf Leifs Flirtversuche einzugehen, nur um ihm zu zeigen, dass er nicht das Monopol auf diesen Mann hatte. Doch das gab nur noch mehr böses Blut, das musste nicht sein.

„Und Vik bekommt wieder seinen Willen. Er schmollt und jeder rennt, um es ihm so angenehm wie möglich zu machen. Das ärgert mich, weil er mit seiner Tour wieder durchkommt", sagte Leif und schnaubte, doch er schob gleich nach, dass er Endre dankbar für seinen Vorschlag war. Denn so war wenigstens JJ aus der Schusslinie.

„Das Problem ist doch, solange Viktor nicht begreift, was er mit seinem Verhalten alles nach sich zieht, wenn er nicht weiß, was du von dem Ganzen hältst und wie er dich dabei kaputt macht, solange wird er seinen sturen Weg nicht ändern." Endre war kein Illusionist. Er wusste ganz genau, wie solche Männer tickten, die glaubten, die Macht mit Löffeln gefressen zu haben. Es brachte doch nichts, an deren Vernunft zu appellieren. Das war vergebliche Liebesmüh. Aber er wollte nicht, dass Leif einfach aufgab.

„Machen wir uns nichts vor, er wird nicht aufhören, dich als Wurzel allen Übels zu sehen. Denn hätte ich dich nicht angestellt, wäre ich mit dem Jungen überfordert und hätte ihn zurückgegeben. Zu allem Übel bist du auch noch hübsch - das passt ihm gar nicht." Leif erhob sich, um seine Tasse noch einmal zu füllen. Mit dem Rücken zu Endre war es leichter ihm zu erklären, dass Viktor da vielleicht auch nicht ganz Unrecht hatte, weil sein Kindermädchen ihm wirklich gut gefiel. Doch er müsste keine Sorge haben, er wolle ihn nicht anmachen. Das war gelogen, das wusste Leif, doch so lange Endre ihn nicht dabei ansah, ging ihm diese Lüge leicht über die Lippen. Entschlossen wandte er sich wieder um.

„Machen wir es so, wie du vorgeschlagen hast. Wenn Vik da ist, dann weicht ihr beiden eben nach oben aus. Ist ja auch ruhiger hier oben und draußen ist es auch schön. Wegen deinem Führerschein müssen wir noch reden. Ich hab einen Freund angerufen, der hat eine Fahrschule. Und der meinte, solange der Kurze nicht laut ist, kann er gern mitkommen. Deinen Fahrstunden steht also nichts im Weg. Wenn du willst, kann es nächste Woche gleich losgehen", wechselte Leif offen das Thema und Endre nickte. Besser sie warteten mal ab, wie ihre Idee einschlug, vielleicht fing sich Viktor ja wirklich noch.

„Echt, so schnell? Wo wäre das denn?", fragte er und reichte auch seine Tasse noch einmal rüber. Essen wollte er dann zusammen mit JJ, damit der nicht allein am Tisch sitzen musste.

„Ja, ich habe ihn auch gefragt, wie schnell das gehen kann", gab Leif zu, weil er wollte, dass Endre schnell lernte und dann den Wagen benutzen konnte, damit er nicht immer alles schleppen musste. „Er sagt, wenn du Interesse daran hast, kann er auch Privatunterricht machen. Dann hättest du täglich Doppelstunden und mit täglich meine ich auch das Wochenende", erklärte Leif und grinste. Denn Endre sah ihn mit großen Augen an.

„Und was soll das kosten?"

„Ich habe mit ihm einen Festpreis ausgemacht. 2.500 für alles, egal wie viele Fahrstunden du brauchen wirst."

Endre machte noch größere Augen, legte den Kopf schief. „Praktisch, wenn man solche Freunde hat, hm?", grinste er und Leif zuckte die Schultern.

„Ich hatte bei ihm noch was gut und er macht's gern. Also, wenn du ja sagst, schaff ich dich dann Montag gleich hin. Wie gesagt. Der Kurze kann gern mit. Allerdings wäre das dann immer vormittags, weil er dann am Nachmittag noch Stunden geben muss. Ich kann dir die Kohle auch auf deinen Lohn vorstrecken, alles kein Problem."

Kurz nur dachte Endre drüber nach, doch dann nickt er. „Ich werd's versuchen, wenn der Kurze mitspielt. Wenn nicht, dann muss ich mir was anderes einfallen lassen", stimmte er zu, doch dann horchten sie beide auf, denn JJ war wach und suchte wohl nach Endre, der ja eigentlich versprochen hatte, da zu sein, wenn er wach war.

„Na los", lachte Leif und blieb allein in der Küche zurück.


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Leif rollte noch einmal die Schultern, als er allein in der Küche war. Vielleicht hätte er nach unten gehen sollen und mal nach Viktor sehen, doch er war noch immer wütend. Es würde eine Weile dauern, bis sich das wieder gegeben hatte, denn was Viktor da gestern abgezogen hatte, spottete wirklich jeder Beschreibung guter Manieren. Eigentlich war eine Entschuldigung fällig, doch Leif wusste so gut wie jeder andere, dass dies nicht passieren würde.

Viktor hatte sich in den Kopf gesetzt Kind und Kindermädchen wieder los zu werden, ohne zu merken, wer oder was alles auf der Strecke blieb - ohne Rücksicht auf Verluste oder die Gefühle anderer Menschen.

War Viktor schon immer so ein arrogantes Arschloch gewesen?

War er schon immer so egoistisch gewesen?

Machte Liebe wirklich blind? Oder war es einfach nur, wie man sagte: Eifersucht sah vieles. Doch Eifersucht auf wen? Leif war nicht eifersüchtig. Viktor würde ihn nie betrügen! Dafür konnte er seine Hand ins Feuer legen.

Sein Kopf zuckte hoch, als er hörte, wie Endre in JJs Zimmer begrüßt wurde. Der Junge freute sich sehr, sein Kindermädchen wieder zu sehen. Jedenfalls brabbelte er vor sich hin und Leif lachte, als der Kurze auf der Suche nach seinem Onkel in die Küche geflitzt kam.

Frech guckte er um die Ecke, genauso wie Gustav. „Hallo", rief er und war auch schon wieder weg. Dafür erschien Endre auf der Bildfläche und lachte.

„Ich mach den kleinen Waschbär stubenfein, dann können wir ja frühstücken", schlug er mit einem Lächeln vor, dass Leif durch und durch ging.

Er wusste ganz genau, dass dies nicht gut war und er sich gegen dieses Gefühl wehren sollte, doch er konnte nicht. Der Kerl machte ihn einfach verrückt, da setzte das Denken aus. Irgendwann konnte das mal ganz böse enden.

Leif wusste ganz genau, dass Endre einen Freund hatte, auf den er sich freute. Und warum sträubte er selbst sich dagegen zu begreifen, dass Endre diesen Mann, den Leif nicht kannte, vielleicht sogar liebte?

Es war Leif durchaus bewusst, dass er ihre Berührungspunkte so gering wie nur möglich halten sollte und es nicht professionell war, einfach ins Bad zu gehen und zuzusehen, wie JJ unter der Dusche stand und Endre mit Wasser bespritzte, doch er konnte nicht anders. Leise trat er ein und lehnte sich gegen den Türrahmen, beobachtete, wie ausgelassen die beiden zusammen waren.

Warum tat er das nicht selbst? Warum überließ er den Kleinen Endre?

Leif wusste es nicht, doch er bekam auch nicht die Chance, sich darüber weiter den Kopf zu zerbrechen, weil er die Schlafzimmertür unten hören konnte. Viktor war also auch schon wach.

Leif seufzte, auf ins Gefecht. Er stieß sich ab und ging über die Wendeltreppe in der Küche hinab, damit es nicht so auffiel, dass er die ganze Zeit oben gewesen war.

„Leif?", rief Viktor auch gleich und Endre, der nicht bemerkt hatte, dass sie beobachtet worden waren, musste mit ansehen wie JJ zusammenzuckte und sich versteifte. Also der Junge schien wirklich ein ziemliches Problem mit Viktor zu haben. Da musste er noch einmal tiefer forschen. War der Typ schon einmal mit dem Kleinen allein gewesen? Denn dass er dem Jungen zu nahe kam, wenn Leif dabei war, das konnte er sich einfach nicht vorstellen.

„Schon okay, JJ, der kann dir nichts tun", tröstete Endre leise und strich ihm durch die nassen Haare. Aber JJ fand nicht in sein ausgelassenes Spiel zurück. Er ließ sich trocken rubbeln und rüber ins Zimmer tragen, wo er erst einmal eine Weile still herum stand und sich umsah.

Endre grübelte. Irgendwie blickte er im Augenblick nicht so rosig in die Zukunft der drei. Viktor wollte sich nicht fügen, JJ hatte Angst und Leif stand zwischen den Fronten, rieb sich auf und würde bald daran zerbrechen, weil er eine Entscheidung fällen musste, die er ohne den Druck von außen vielleicht nicht gefällt hätte.

Wenn dieser Viktor nur nicht so ein selbstverliebtes Arschloch wäre. Vielleicht könnte man ihn beiseite nehmen und ihm zeigen, was er Leif mit seiner Sturheit antat. Doch Endre wusste, dass dies keinen Erfolg hatte.

Wenn der Vogel nicht einmal zuhörte, wenn Leif ihm sagte, was los ist, dann würde er einer Straßenratte doch erst recht nicht zuhören.

Machten sie sich da nichts vor. Der Kerl war für die Welt verdorben - den kriegen sie nicht mehr geändert.



Leif war indessen in der Küche angekommen und trat hinaus in den Wohnraum, wo Viktor gerade stehen geblieben war, um ihn zu suchen. Sie taxierten sich kurz. In Viktors Gesicht konnte er lesen, wie es dahinter arbeitete und er etwas sagen wollte, denn er hatte die Schuhe der Straßenratte nicht übersehen können. Doch gleich wieder Leif zu verärgern war wohl nicht sein Ziel.

„Morgen, Schatz", sagte er also und kam auf Leif zu, zog ihn zu sich, um ihn zu küssen und Leif nahm das Friedensangebot an. Er wusste selber, wie schwer es für jemanden wie Viktor war, so über seinen Schatten zu springen. „Du hast die Nacht oben geschlafen?", fragte Viktor und versuchte, den vorwurfsvollen Ton aus seiner Stimme zu nehmen, ganz gelang es ihm aber nicht.

Doch Leif nickte. „Ja", mehr sagte er nicht, weil er keine Lust hatte, sich zu erklären. Egal was er sagen würde, Viktor wollte es nicht verstehen.

„Hab dich vermisst", sagte Viktor und Leif sah ihn irritiert an. Was waren das denn für Töne? Viktor schaffte es wirklich immer wieder, ihn zu verwirren.

„Na ja", fing er deswegen verlegen an doch zu erklären, dass er sich Sorgen um JJ gemacht hatte und sich das endgültig ändern würde, wenn Endre da oben schlief. Ohne Viktor die Chance einer Reaktion zu geben, erklärte er, was sie beschlossen hatten: nämlich dass die beiden Viktor aus dem Weg gehen würden, wo sie nur konnten. Es war Verrat, das wusste Leif selber. Es war Verrat an der Sache, Verrat an seinen Zielen einer kleinen Familie mit Kind und Mann und es war auch Verrat an sich selbst. Denn wenn er die beiden von Viktor fern hielt, dann hielt er sie irgendwie auch von sich selber fern. Er musste das alles noch einmal überdenken.

„Schon okay", sagte Viktor, auch wenn ihm die Worte fast im Hals stecken geblieben wären. Doch er wusste eben, wie Leif tickte und was er tun und sagen musste, um ihn wieder milde zu stimmen. Dass der gestern nicht mehr zu ihm ins Bett gekommen war, war etwas gewesen, was Viktor gezeigt hatte, wie todernst es Leif war. Wenn er ihn nicht einfach mit Peitschen und Ruten von sich treiben wollte, dann musste er ein wenig einlenken und Reue zeigen.

„Ich war gestern nur so geladen, weil ich dich gesucht habe. Keiner wusste, wo du warst. Hier warst du auch nicht. Dein Handy wollte mich irgendwie auch nicht und dann, als ich dich endlich erreiche, höre ich, dass du wieder nur für Kind und Kegel unterwegs bist, anstatt dich um die Firma zu kümmern. Aber du hast Recht!", schob er gleich hinterher, noch ehe Leif etwas hätte sagen können, „es muss sich erst einspielen mit dem Typen und dem Jungen, dann kannst du loslassen und dein altes Leben wieder leben." Sanft küsste er seinen Freund wieder und zog Leif in seine Arme, der es einfach geschehen ließ, ohne das zufriedene Grinsen auf Viktors Zügen zu sehen.

„Geh duschen, ich bestell Frühstück, ich muss nachher ins Büro!", sagte Leif und löste sich wieder, lächelte Viktor aber an. Die Nacht allein darüber zu schlafen hatte ihm wohl ziemlich gut getan. Leif war zufrieden. Vielleicht war es doch nicht so aussichtslos, wie er gestern Nacht noch angenommen hatte. Wenn sich alle nur ein bisschen Mühe gaben und sich an ein paar einfache Regeln hielten, vielleicht... Er lächelte, als er sich das Telefon griff und nach unten in die Küche eine Bestellung schickte. Endre und JJ würden sowieso oben essen und nicht mit ihnen und so nutzte Leif die Minuten, die Viktor im Bad verbrachte, um nach seinen beiden Jungs zu sehen.

Eilig ging er die Wendeltreppe hoch und hörte schon auf der Hälfte JJ brabbeln. Als er nach oben kam, saß der Junge auf der Anrichte und Endre schmierte ihm gerade ein Mausbrötchen, während der Junge eine Tasse in Händen hielt.

„Na ihr beiden, kommt ihr klar in der kleinen Küche?", fragte er und stellte sich zu JJ, strich ihm durch die Haare und der lehnte sich kurz an seinen Onkel. Langsam wurde er zutraulicher, wenn er auch noch nicht sonderlich viel redete. Dass er es konnte, da waren sich Endre und Leif einig, warum er es also nicht tat, wussten sie nicht. Doch sie hofften auf die Zeit.

„Kleine Küche? 20 qm ist doch keine kleine Küche. Meine 2 qm sind klein", lachte Endre und schob Leif auch ein Stück Brötchen in den Mund, sah ihn dabei frech an. „Und, Haussegen wieder gerichtet?", wollte er dabei wissen, während Leif kaute.

„Ja, mehr oder weniger. Er scheint wohl gemerkt zu haben, dass ich es ernst meine." Leif wirkte zufrieden, fast wie ein Etappensieger und Endre nickte ihm zu. Warum auch nicht - man hörte ja immer wieder, dass in einem Jahrhundert ein Wunder passierte.

Warum nicht heute und hier? Doch das sagte er Leif nicht. Der wirkte glücklich und zufrieden, das war wichtiger als Recht zu haben und alles klar zu sehen. Manchmal konnte schließlich auch der Glaube allein Berge versetzen.

„Wie sieht's eigentlich aus? Ist er da? Oder muss er auch weg?", wollte Endre wissen und biss ebenfalls ab, während er Leif forschend ansah. Der zuckte nur die Schultern.

„Hab noch gar nicht gefragt", musste er gestehen, doch Endre war das egal. Er wollte sowieso mit dem Kurzen ein bisschen durch die Stadt, sofern der auf Gustav verzichtete, denn JJ und das Schaf zu tragen war auch für ihn etwas zu viel.

„Na egal. Ich habe einen schönen Spielplatz gefunden, da will ich bis zum Mittag mit ihm hin. Ich werde dann noch kochen und auf dich warten, ehe ich losgehe."

„Ja, das klingt gut." Leif war damit einverstanden, doch dann musste er sich auch schon von den beiden trennen, wenn er noch frühstücken, duschen und dann abtauchen wollte. So verteilte er Küsse auf seinen Jungs und verschwand, ließ Endre wieder etwas irritiert zurück, der nicht so recht wusste, wie er das werten sollte. Das war doch kein Flirten mehr - zumindest nicht in seinen Augen, konnte ja sein, dass er da etwas prüde war.

Unten nahm Leif den Servierwagen in Empfang, während Viktor - sich die Haare rubbelnd und in einem Bademantel - aus dem Bad kam. So konnten sie gleich essen. Sie brachten es ziemlich gezwungen hinter sich, weil jeder versuchte Reizthemen zu vermeiden und eigentlich war Leif ganz froh, dass Viktor anfing zu erzählen, was er alles noch vorhatte.

Noch froher war er darüber, dass Viktor bis zum Abend hin beschäftigt sein würde, denn so gab es auch keine Diskussion darüber, dass Leif sich dann ab zwei Uhr um JJ kümmern würde. Er hatte sich vorgenommen, mit ihm in den Arkaden ein Eis essen zu gehen - das würde dem Kleinen sicher schmecken, Leif sowieso, denn es gab in ganz Berlin kein besseres Eis als dort. Ein paar Stunden mit dem Jungen allein würde ihnen beiden wirklich gut tun, zumindest hoffte Leif darauf und auch, dass Viktor nicht wieder früher heim kam und Randale veranstaltete, weil Leif nicht da war und ihm die Hauslatschen brachte.



Eine halbe Stunde später war die Wohnung verweist.

Viktor und Leif waren getrennt ins Büro gefahren, weil Viktor gleich weiter musste. Er hatte noch ein paar Termine mit Sponsoren, die sich in ihren Filmen gern einkaufen wollten, während Leif im Büro blieb, um mit Frank noch einiges durchzugehen. Sie hatten ein paar neue Drehbücher auf dem Tisch, bei denen sie am überlegen waren, was davon machbar war und vor allem was Neues. Sie sträubten sich, die tausendste Aufwärmung alter Klischees zu verfilmen, dafür waren sie nicht da. Sie wollten neue Wege gehen, andere Bilder zeigen, andere Konstellationen der Personen. Tabus ausreizen und trotzdem den guten Geschmack dabei nicht vergessen. Es waren Gradwanderungen, das wussten sie selber und gerade deswegen mussten sie gut durchdacht werden. Montag hatten sie eine Sauna angemietet, um einen der beiden aktuellen Filme endlich abschließen zu können.

Außerdem galt es, noch einen Trip nach den Seychellen vorzubereiten und das kostete Zeit. Zwar schickte ihnen ihr Gönner seinen privaten Jet, doch das Problem, von dem Viktor ebenfalls noch nichts wusste, lag wo anders. Es war kein Problem die Crew unterzubringen, aber für Endre und JJ sah es platzmäßig nicht so gut aus. Da musste er noch etwas finden! Vielleicht hatte Frank da eine Idee.



Während die beiden Männer also im Büro waren und ihren Job machten, war Endre mit JJ unterwegs. Es hatte ein wenig Schmollen gegeben, als Gustav hatte zu Hause bleiben müssen, doch seit sie im Sand spielten und Burgen bauten, hatte JJ sein Schaf schon vergessen. Vor allem auch, weil Endre ihm erklärt hatte, wenn es schmutzig würde, könnte es nicht mit ins Bett. Diese Vorstellung war für JJ schrecklich gewesen. Aber nun baute er mit Endre zusammen kleine Burgen, buk Sandkuchen und amüsierte sich, denn er lächelte, er lachte.

Nur wenn andere Kinder zu ihm kamen, versteckte er sich lieber bei Endre. Man merkte kaum, wie die Zeit verging und so gingen sie erst, als JJ langsam Hunger bekam. Endre musste versprechen, dass sie dies bald wieder tun würden, was er natürlich auch tat, denn er war ja froh, wenn er etwas gefunden hatte, was JJ Spaß machte. Vielleicht konnte er hier ja auch ein paar Kinder kennen lernen, wenn er nicht mehr ganz so schüchtern war. Das wäre doch wundervoll.

Daheim waren Fischstäbchen und Kartoffelpüree ziemlich schnell gezaubert und so ließ es sich JJ schmecken, während Endre auch zufrieden aß. Immer wieder wanderte sein Blick zur Uhr. Noch ein paar Minuten bis zwei, Leif sollte eigentlich langsam auftauchen, denn Endre musste sich noch duschen und umziehen. Das konnte er auch hier tun, denn er wollte sich mit Jack in den Arkaden treffen. Dort in der Nähe lag sein Hotel.

Endre grinste, weil er wusste, was da noch passieren würde und wenn er ehrlich war, fehlte ihm der Sex langsam ziemlich. Umso schwerer war es auch, Leifs Flirtversuchen zu widerstehen. Es wurde wirklich langsam Zeit, dass sein Hormonhaushalt wieder ins Gleichgewicht gebracht wurde!

Auch der gestern gekaufte Tisch war bereits geliefert worden und der hausinterne Sicherheitsdienst, der von Leif instruiert worden war, hatte den Tisch nach oben gebracht und in der Küche aufgestellt. Es war immer wieder faszinierend, was mit Geld alles machbar war. Doch Endre war das ziemlich egal, er aß mit JJ weiter und zuckte freudig auf, als er Leifs Stimme hörte, gleich nachdem der Fahrstuhl ihn angekündigt hatte.

„Hallo, meinen Süßen", rief der Blonde und lief schnurstracks seiner Nase hinterher in die Küche. Überschwänglich und gut gelaunt drückte er seinen Jungs einen Kuss auf. Irgendwie hatte er sich das jetzt angewöhnt und keiner wehrte sich dagegen - und so lange der Schiri nicht pfeift, war's ja bekanntlich kein Foul. „Na?", fragte er und ließ sich auf den Stuhl fallen, „wie war's?"

„Tsön!", erklärte JJ und kämpfte weiter mit seiner Gabel und dem Widerborst von einem Fischstäbchen, das glaubte, sich durch Flucht seinem Schicksal entziehen zu können.

Endre lachte leise und erklärte, wo sie gewesen waren und JJ kommentierte immer mal, wie's gewesen war. Nämlich: 'gut', oder: 'tsön'. Selbst dass Gustav hatte zuhause bleiben müssen, war gar nicht so schlimm gewesen wie anfangs befürchtet, weil Endre genug Spielsachen mitgenommen hatte. Der Verlust war kaum aufgefallen, weil JJ immer beschäftigt gewesen war.

„Wolltest du nicht los?", fragte Leif nach einer Weile und Endre nickte.

„Ich dusch oben noch schnell und zieh mich um, dann bin ich weg", erklärte Endre, der die Spülmaschine frisch bestückte. Zum Anstellen war sie noch nicht voll genug, also würde das später passieren. Er strich JJ, der nun neben seinem Onkel saß und ihn erwartungsvoll ansah, noch einmal über die Haare und lächelte ihn an. „Jetzt spielt Leif mit dir, ja, Süßer?", fragte er und JJ sah sich zu seinem Onkel um. Überzeugt schien er nicht, doch er würde es wohl versuchen müssen.

„En-re bleiben?", fragte er etwa einsilbig und senkte geknickt den Blick, als der ihm erklärte, dass dies heute nicht möglich war. Man sah nicht, was in JJ vorging, er nickte nur verstehend. Doch Endre befürchtete, dass er das nicht wirklich verstand.

„Spiel mit ihm, dann vergisst er das schnell. Kinder sind schnell abzulenken und zu begeistern!", schlug Endre vor, als er langsam nach oben ging. Immer wieder sah er auf die beiden Blonden zurück.

„Na komm." Leif ging mit JJ ebenfalls nach oben. Es war ganz gut, wenn er selber sich auch ablenkte, denn der Gedanke, dass ein nackter Endre - so wie auf den Bewerbungsfotos - sich im Badezimmer nebenan unter dem warmen Wasser drehte und wendete, sich überall berührte, weil er sich den Schweiß des Tages vom Leib wusch, machte ihn fast wahnsinnig. Seine Finger schwitzten, sein Mund wurde trocken - das war doch nicht mehr normal, was sein Körper und sein Hirn da mit ihm veranstalteten. Da war es ganz gut, dass JJ ihn ablenkte, als er seine Bausteine wieder aus dem Schrank zog, damit sie hohe Türme bauen konnten. Leif versuchte sich ganz auf den Kleinen zu konzentrieren. Leider waren die Bäder hier oben nicht schallisoliert und er hörte das Wasser rauschen.

Ein paar Minuten später stand Endre umgezogen wieder in JJs Kinderzimmer und Leif konnte nur schlucken. Wenn der Kerl in Schlabberjeans und Shirt schon lecker war, dann war er in einer engen Hüfthose und einem engen Polo-Shirt geradezu atemberaubend. Er versuchte sich das nicht anmerken zu lassen, nicht zu sabbern und nicht zu stottern! Doch es war schwer.

„Wow", konnte er nur murmeln und Endre lachte, als er seine Klamotten in seinen Rucksack packte und mit einer Schminktasche verschwand. Doch er schminkte sich nicht wirklich. Etwas Puder gegen den Glanz und etwas Kajal unter die Augen. Ob er auch nur ansatzweise ahnte, was er Leif damit antat, als er ihn so ansah? Wohl nicht, sonst hätte er nicht noch frech gegrinst.

Leif spürte deutlich wie das Blut in seinen Adern wallte, wie es peitschte und gegen die Wände drückte. Was war das nur? Sein Herz schlug schneller, er musste hart schlucken.

„So Jungs, ich bin dann weg", sagte Endre und griff sich seine Sachen. „Wie sieht's morgen aus? Werde ich gebraucht?"

Leif konnte gar nicht so schnell reagieren und glotzte etwas peinlich. Endre lachte leise. „Was ist denn mit dir los? Noch nie einen Mann gesehen?"

„Blödmann", knurrte Leif und lachte, er wusste ja selber, dass er sich gerade komisch aufführte. „Wenn du Zeit hast, kannst du gern vorbei kommen, aber hast du nicht gesagt, dass dein Freund in der Stadt ist?"

„Aber doch nur eine Nacht. Morgen früh fliegt er weiter", erklärte Endre und konnte sich ein Seufzen nicht verkneifen.

„Ach so." Leif nickte verstehend, grinste aber innerlich. Wenn sich darauf nicht was aufbauen ließ. Doch er schwieg lächelnd.

„Okay, Jungs, dann bis morgen", verabschiedete sich Endre und knuddelte JJ noch einmal, konnte gar nicht so schnell reagieren, wie Leif ihn zu sich gezogen hatte, um ihn zu küssen.

„Und da wundest du dich, dass Viktor glaubt, ich wäre Konkurrenz?", fragte Endre nur trocken und erhob sich. Dann war er weg.


-35-

Kopfschüttelnd ging Endre langsam die Treppe runter und zum Fahrstuhl. Was sollte er von seinem Chef nur halten?

Klar, Leif war lebensfroh und flirtete gern, aber dass er sich diese Küsserei angewöhnt hatte, war nicht gut. Nicht dass es Endre stören würde, er mochte es eigentlich ganz gern, doch was war, wenn Viktor dahinter kam? Dann war wirklich die Hölle am lodern. Das bekam Leif dann auch nicht wieder gerade gebogen, egal wie viel Mühe der sich gab.

Nachdenklich und nach einem letzten Blick zurück stieg Endre in den Fahrstuhl und ließ sich nach unten bringen. Warum grübelte er über seinen Chef nach, wenn er gleich seinen Freund sehen würde? Irgendwas war heute aber auch wirklich nicht normal.

Doch ihm konnte es egal sein - er hatte frei und sollte sich langsam begreiflich machen, dass dies nur ein Job war. Er gehörte nicht in diese Familie. Es war nur seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alles lief. Dass der Kurze nicht alleine war und die beiden Männer vielleicht einmal ein paar Stunden für sich haben konnten, damit der Haussegen nicht ständig ins Wanken geriet.

Da der Aufzug nur zwischen Penthouse und Tiefgarage pendelte, war das erste, was Endre sah, als er aus dem Fahrstuhl stieg, der Fuhrpark seines Chefs und er grinste, weil der geliehene VW da so gar nicht rein passen wollte. Neben den beiden Sportwagen wirkte er wuchtig und doch hatte Leif alles nur Mögliche getan, damit JJ es bei ihm gut hatte. Er konnte ohne Probleme über seinen Schatten springen, weil er mit dem Herzen dabei war.

Selbiges erwartete er aber auch von seinem Verlobten und da lag der Hase im Pfeffer: der war eben nicht mit dem Herzen dabei. Und er würde es auch nie sein, weil er jeden in Leifs Leben gleich als Konkurrenz sah. Endre musste das im Auge behalten, das konnte mal irgendwann ganz extrem schief gehen.

Doch im Augenblick war ihm das eigentlich egal. Er ließ die Wagen hinter sich und auch die Garage, machte sich auf den Weg durchs Sony-Center und dann in Richtung der Arkaden. Jack hatte ihn ins Eiscafé eingeladen, weil sie beide den Eisbechern nicht widerstehen konnten und hier ließ es sich ganz gut reden. Was sie später taten, ging keinen etwas an - da würden sie sich dann verdrücken. Das Eis vorher war aber einfach schon Tradition, sie trafen sich immer hier und Jack hatte, weil das Lokal immer extrem gut besucht war, schon einen Tisch reserviert. Sie würden also nicht anstehen müssen.

Mit einem frechen Grinsen auf den Lippen, weil man ihm immer wieder mal nach sah und ihn dabei anstarrte, lief Endre weiter. Er wusste, dass er nicht hässlich war und so war er an diese Reaktionen schon gewöhnt. Mal lächelte er zurück, wenn er gute Laune hatte oder er versuchte es nicht zu bemerkten, wenn er in Eile war. Aber heute sollte ruhig jeder sehen, wie glücklich er war.

Ein Blick auf die Uhr, Jack müsste schon auf dem Weg sein, denn die Maschine war vor einer Stunde gelandet. Sicher kam er gleich vom Flughafen ins Café und sicher trug er wieder seine Uniform und sicher würde man ihnen wieder die ganze Zeit Blicke zuwerfen - doch was sollte es? Endre schämte sich nicht für das, was er war, er war ein Mann, er hatte einen hübschen Freund und er war verknallt wie schon lange nicht mehr. Was vielleicht auch ein bisschen daran liegen konnte, dass er seit zwei Wochen keinen Sex gehabt hatte und deswegen alles rosa-rot sah.

Was auch immer es war, Endre war es egal. So lange er sich so gut fühlte, wie jetzt.

Eine Hand in der Hosentasche schlenderte er weiter und betrat zusammen mit einer Menge Touristen und Einkaufsüchtiger die Arkaden, suchte sich eine Rolltreppe nach oben und ließ dann mit wild schlagendem Herzen seinen Blick schweifen. Ob Jack schon da war? Er suchte den schwarzen Schopf mit den blonden Spitzen, doch in dem Gewühl der Leute war das gar nicht so leicht. Endres Puls raste, er konnte gegen seine Aufregung gar nichts tun. Seine Finger zitterten und sie wurden feucht - was war denn nur mit ihm los? Er führte sich ja auf, als hätte er Lampenfieber!

Doch dann grinste er, so war es ja auch - es war immer wieder das gleiche, wenn man sich so lange nicht gesehen hatte. Vorsichtig schob er sich durch die Schlange, die am Straßenverkauf wartete und überflog die Tische mit den Augen. Familien, Pärchen, Damenkränzchen - ein Tisch forderte seine Aufmerksamkeit, weil eine Horde junger Damen drum herum stand, doch als die sich kichernd wegbewegten, sah Endre auch, was sie aufgescheucht hatte.

Jack hatte ihn schon entdeckt und winkte ihm lächelnd zu und Endre nickte. Sein Herz schlug noch einen Takt schneller, aber er ließ den Anblick erst einmal auf sich wirken. Das Bild von Jack in seiner Uniform, mit dem perfekten Gesicht und den heimlichen Blicken, die ihm vom Nachbartisch zugeworfen wurden, machte Endre irgendwie stolz. Dieser Mann war nicht irgendjemand, er war sein Freund.

Es mochte oberflächlich klingen, dass er sich mit solchen Attributen schmückte, aber so war es nicht. Er mochte Jack nicht nur, weil er aussah wie er aussah, sondern weil er war wie er war. Lustig, gesprächig, aufgeschlossen und ziemlich triebhaft. Endre lachte leise, doch dann hielt auch er es nicht mehr aus. Eilig schob er sich durch die engen Gänge zwischen den Tischen und ließ sich neben Jack auf die Bank fallen, der ihn auch gar nicht erst begrüßte, sondern ihn gleich zu einem hastigen Kuss zu sich zog.

„Du hast mir gefehlt, Süßer", sagte Jack dunkel und Endre lief es wieder heiß und kalt den Rücken runter, die Härchen an den Armen stellten sich auf und er grinste.

„Na, das hoffe ich doch, Schatz", gab er zurück und nippte noch einmal über die weichen Lippen. Er hatte sie vermisst. Genauso wie die grauen Augen und die schlanken Hände. Doch sie mussten sich noch beherrschen. Es war ein kleines Spiel, sich jetzt so mit Worten und Blicken aufzuheizen, dass der Weg rüber zum Hotel eine Qual werden würde und der anschließende Höhepunkt im Zimmer einer gottgleichen Erlösung gleich kam.

„Wo kommst du her", wollte Endre wissen und seine Finger verknoteten sich immer wieder mal mit denen seines Freundes.

„Bangkok", sagte Jack erklärend und grinste. „Hab aber immer nur an dich gedacht." Er strich Endre über die nervösen Finger. „Aber erzähl von dir", forderte er, wirkte aber ziemlich nervös.

Zwar fiel es Endre auf, doch er wollte das nicht überbewerten. Jack war stundenlang in der Luft gewesen und anstatt sich ins Bett zu hauen und seinen Körper wieder in einen annehmbaren Schlafrhythmus zu bringen, kam er hierher und wollte Endre sehen. Da konnte er sich ruhig ein paar kleine Schwächen leisten.

„Na ja, ich hatte dir ja gesagt, dass ich es mal bei Lazlo versuchen wollte und mich beworben hatte", fing er an zu erzählen und berichtete nach und nach von seinem Anruf, davon, wie er ins Büro gekommen war und dessen kleiner Neffen fast einen Abgang von der Couch gemacht hatte, den Endre verhindert hatte. Er berichtete auch davon, dass man ihn als Darsteller nicht nehmen wollte.

„Na, die sind ja doof", lachte Jack leise, wirkte aber erleichtert, weil er von Endres Idee nicht sonderlich angetan gewesen war. Seinen Freund in Filmen, die andere zum aufgeilen nutzten? Nein, der Gedanke behagte ihm nicht. „Die wissen doch gar nicht, was ihnen da für ein Hammerkerl entgeht."

„Na ja, wie auch immer, ich arbeite jetzt bei Lazlo als Kindermädchen für seinen Neffen, ich gehe in seinem Haus ein und aus, ich habe freie Hand, Montag fange ich an meinen Führerschein zu machen und das Gehalt ist auch nicht zu verachten - von den Spesen mal völlig abgesehen", schwärmte Endre, stutzte aber, als Jack ihn so komisch ansah. Was war denn nun?

„Kindermädchen?", fragte er etwas irritiert, das passte ja nun gar nicht zu ihm. „Na ja, wem's gefällt. Lass uns bestellen", lenkte er ab und hatte schon die Hand gehoben.

Endre wurde unsicher, was sollte das denn jetzt? Da war er froh, dass er doch nicht vor die Kamera musste, um seine Miete bezahlen zu können, er bekam gutes Geld für einen Job, der Spaß machte und Jack tat das einfach so abfällig ab? Doch er wollte sich jetzt nicht streiten, sie sahen sich so selten, da wollte er die Stimmung nicht kippen. Darüber konnten sie reden, wenn sie nur die Chance zum telefonieren hatten. Heute hatten sie anderes vor. Also schluckte er seinen Ärger und lächelte. Er hatte sich viel zu lange sehnsüchtig auf diesen Tag gefreut.



Zur gleichen Zeit saßen Leif und JJ im Kinderzimmer. Mehr lagen sie quer über dem Boden und hatten einen hohen Turm gebaut. Sie hatten viel gelacht und JJ, der anfangs noch En-re vermisst hatte, schien wirklich alles andere beiseite geschoben zu haben. Im Augenblick hatte ihn der Ehrgeiz gepackt, den Turm noch höher zu bauen und er setzte mit großer Anstrengung und Konzentration noch einen Stein oben drauf.

„Na, JJ, ob das was wird?", murmelte Leif und kaum hatte er das gesagt, da stürzte der Turm auch schon ein und begrub den blonden Mann fast unter sich. JJ seufzte. Doch dann lachte er leise und Leif konnte nicht anders, er griff sich den Jungen und rollte sich auf den Rücken, damit er ihn an sich drücken konnte. Erst versteifte sich JJ, als würde er etwas erwarten, was ihm nicht gefallen sollte, doch als er spürte, dass ihm nichts passierte, entspannte er sich wieder und lachte auch mit.

„Sag mal, JJ, was hältst du davon, wenn wir heimlich ein Eis essen gehen. Wir sagen es gar keinem", fragte Leif und sah den Kleinen an, der auf ihm lag. Es war ein unglaubliches Gefühl, dieser kleine Körper, der Schutz bei ihm suchte, die fremde Wärme, die zu ihm kroch. Es war so ganz anders als bei Viktor oder gar bei Endre. Es war wohlig, es gab ihm das Gefühl wichtig zu sein und es verstärkte den Drang, alles was in seiner Macht stand zu tun, damit es JJ gut ging.

Von Eis war JJ freilich gleich Feuer und Flamme und nickte heftig, während Leif ihm verschwörerisch erklärte, dass sie das besser für sich behalten sollten, weil Endre sie sonst bestimmt schimpfen würde. Er legte den Finger auf seine Lippen und machte: „Pscht!", und JJ machte das gleiche, lachte aber leise. So war es beschlossen - die beiden Drieschners würden gegen Endres Ernährungsplan meutern. Da waren sich die beiden wohl einig.

Und damit Gustav sie nicht verpetzte, weil er das ja immer tat, ließen sie ihn zu Hause, denn wenn er nichts wusste, konnte er auch nichts verraten. So schlüpften die beiden in frische Sachen, machten sich vor dem Spiegel beide noch mit einem Kamm fein. Leif half ein bisschen nach, damit JJ nicht ganz so verwüstet um die blonden Strubbel aussah und dann nickten sie sich im Spiegel zu. So konnten sie auf die Straße gehen.

Sie liefen langsam, weil es für JJ ein ganz neuer Weg war und er sich vieles ansehen wollte. Er flitzte immer mal vor, beguckte sich etwas, kam wieder zurück und zog Leif hinter sich her, weil er ihm etwas zeigen wollte. Der Kleine war einfach zu süß. Leif konnte es nicht anders sagen. Und es stimmte wirklich, Frauen schienen auf alleinstehende Männer mit Kindern irgendwie extrem zu reagieren, denn ein paar sagten ihm, wie süß sein Sohn wäre und wie sie sich ähneln würden.

Leif lachte nur leise. Warum sollte er sich jetzt mit langen Erklärungen aufhalten die darin gipfelten, dass er gestehen müsste, das seine Schwester, JJs Mutter, eine Kriminelle war, die im Knast saß und er nur der Vormund war, der den kleinen adoptieren wollte, sobald das möglich war. Es ging keine der Frauen etwas an.

Der große Brunnen im Sony-Center war für JJ ein gefundenes Fressen. Gleich kniete er auf dem Rand und tauchte die Hände ein, dass Leif fast das Herz stehen blieb. Er zog den Kleinen erst einmal zu sich und drückte ihn an seine Brust.

„JJ, mach das nicht. Das kann gefährlich sein. Immer schön langsam und nur wenn Endre oder ich dabei sind, ja?", versuchte er zu erklären und JJ sah ihn verwirrt an. „Das Wasser ist ganz tief und du kannst sterben. Das will ich doch nicht, Maus, hm?" Er drückte ihn wieder an sich, doch dann ließ er JJ noch mal mit dem Wasser spielen, hatte aber ein wachsames Auge darauf.

Es dauerte eine Weile, bis es JJ langweilig wurde, weil er sich daran erinnerte, dass es ja eigentlich hatte Eis geben sollen.

Leif hatte einfach nur neben ihm gesessen und zugesehen. Er hatte nicht genug davon bekommen können, doch jetzt trocknete er ihm mit einem Taschentuch die Finger und nahm den Kleinen wieder an die Hand, weil sie beide noch irgendwie Appetit auf Eis hatten.

Also machten sie sich auf den Weg und kamen irgendwann auch endlich dort an, wo sie hatten hin gehen wollen. Weil alles so voll war, nahm Leif den Jungen lieber auf den Arm, nicht dass er in der Masse der Leute noch verloren ging und dann hatten sie das gleiche Problem wie immer: Was sollte man nehmen, wenn 20 extrem leckere Sorten zur Auswahl standen?

„Was magst du denn haben", wollte Leif wissen, doch JJ machte nur große Augen. So viel hatte er noch nie gesehen und alles sah anders aus.

„Das da - und das da - und das da auch!", murmelte er und zeigte mit einem kleinen Finger immer wieder, eine Hilfe war er Leif also wirklich nicht.

„En-re", murmelte JJ plötzlich und Leif sah ihn etwas irritiert an.

„Wer will Endre nicht", lachte er leise, „aber den kann ich dir hier nicht holen. Hier gibt es nur Eis!"

Doch JJ beharrte darauf: „En-re", und wedelte mit seiner kleinen Hand in Richtung des Cafés.

Ungläubig sah sich Leif um. Und tatsächlich - da hinten am Tisch saß Endre. Ganz eindeutig! Und der Schönling neben ihm, das war dann also sein Freund? Das durfte doch alles nicht wahr sein! So ein Kerl war Endres Freund? Dazu auch noch eine Uniformjacke, die den Piloten ziemlich ähnlich sah. Leif knurrte. Er konnte den Kerl jetzt schon nicht leiden!

Diese verstrubbelten kurzen Haare, diese Mischung von Haarfarben, dieses Grinsen!

Warum suchte sich Endre solch einen Kerl aus? Der war doch gar nichts! Das war nur Fassade, wusste doch jeder, dass bei solchen Vögeln nichts dahinter war.

„En-re", murmelte JJ und zappelte. Er wollte gern runter gelassen werden und zu ihm gehen, doch Leif schüttelte den Kopf. „Nein, Maus, Endre trifft sich dort mit jemand. Da können wir jetzt nicht hin. Komm, wir kaufen ein Eis", doch es war schwer, sich da loszureißen. Immer wieder, solange sie anstanden, ruckte sein Kopf wieder rüber, doch als sich dieser Jack umsah, weil er wohl spürte, dass er beobachtet wurde, senkte Leif nur den Kopf und widmete sich ganz seinem kleinen Neffen.

Der hatte sich für eine Kugel Schokoeis entschieden. Leif wollte Joghurt, das mochte er am liebsten. Aber so richtig darauf freuen konnte er sich nicht. Es ging in seinen Kopf einfach nicht rein, dass dieser Kerl Endres Freund war. Der sah doch schon so oberflächlich aus, so schleimig, so großkotzig. Wie passte so ein Kerl zu einem bodenständigen Typen wie Endre?

Gar nicht! Und doch hatten sie sich wohl gesucht und gefunden.

Er würde es nicht zugeben wollen, doch es schmerzte. Warum eigentlich? Es tat weh, sie zu sehen, wie sie lachten, wie sie sich Blicke zuwarfen. Eigentlich hätte es Leif egal sein sollen, doch das war es nicht. Das war es ganz und gar nicht! Und was ihn noch viel mehr aufregte war die Tatsache, dass der Kerl kein bisschen Ähnlichkeit mit Leif hatte. War er denn absolut nicht Endres Typ?

Fast hätte er noch seinen Auftritt bei der Eisbestellung verpasst und so wechselte flink Eis und Geld den Besitzer, ehe er sich mit JJ in eine Ecke zurückzog, wo sie in Ruhe essen konnten, wo er aber auch das Pärchen, was ihm ein riesiger Dorn im Auge war, besser beobachten konnte. Es war wie ein Zwang, er konnte seine Augen nicht von den beiden lösen.

Es war die Hölle!

Wie sollte er das denn jetzt aus seinem Kopf bekommen? Vielleicht wäre es das Beste, er würde wieder gehen und weiter mit JJ am Brunnen spielen! Doch er konnte nicht. Er war wie paralysiert, Eifersuchtswellen liefen durch seinen Leib, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.

Richtig heftig wurde es erst, als die beiden zahlten und Jack Endre bei der Hand nahm, um ihn aus dem Café zu führen!

Ein Stich ins Herz.

Was hatte er denn erwartet? Eigentlich, dass es ihn kalt ließ, weil dieser Jack ein hässlicher Vogel war - aber das hier zu sehen hatte Leif den Teppich weggezogen und er war schmerzlich auf seinem Hintern in der Realität eingeschlagen. Kurz nur war er versucht den beiden zu folgen, doch er zwang sich dazu, dies zu lassen. Was hätte es gebracht? Er wusste, was die beiden jetzt tun würden! Und es brachte ihn fast um den Verstand.

Also lenkte er sich damit ab, dass er wieder mit JJ spielte. Sie gingen noch etwas durch die Gegend, doch sie kamen wieder am Brunnen an, an dem sie ein bisschen im Wasser panschten. Es war hart, doch er drängte jeden Gedanken an Endre zurück - jeden einzelnen. Den an sein Lächeln, den an seinen perfekten Body, den an die kurzen Küsse. Warum ließ der Kerl das zu, wenn er doch einen Freund hatte? Und warum machte sich Leif darüber schon wieder Gedanken, wenn ihn Endre doch kalt lassen sollte?

Erst als JJ Hunger hatte, machten sie sich auf den Weg zurück. Sie bestellten heute in der Hotelküche. Endre war ja nicht da, um für den Kurzen zu kochen. Doch das war auch egal. Zum Glück war Viktor noch unterwegs und so hatten die beiden Drieschners Zeit, sich mit einem Teller voll Leckereien vor den Fernseher zu hauen und sich ein bisschen berieseln zu lassen. JJ war vom vielen Laufen sowieso ziemlich fertig und ehe ihm der Kleine noch auf der Couch einschlief, machte Leif ihn oben bettfertig und legte ihn schlafen. Er las ihm noch eine Geschichte vor, auch wenn JJ schon schlief und dann schlich er sich aus dem Zimmer. Die Tür ließ er offen, denn er saß nur drüben in der Küche bei einer Tasse Tee.

Und wieder landeten seine Gedanken bei Endre und diesem Piloten - so ein Lackaffe. Leif war sich sicher, dass der nicht der richtige für Endre war. So was Oberflächliches. Endre brauchte jemanden, der immer für ihn da sein konnte und nicht nur alle zwei Wochen mal für eine Nacht. Das war doch keine Basis!

Doch was sollte Leif jetzt machen? Ihn mehr umwerben? Ihm zeigen, was ein Freund war und offenbaren, dass Jack das nicht ein konnte?

Dass er selber verlobt war, daran dachte Leif mit keiner Silbe. Das fiel ihm erst ein, als er den Fahrstuhl hörte. Er schloss JJs Tür und ging runter zu Viktor. Ohne viele Worte warf er sich ihm in die Arme und verschwand mit ihm im Schlafzimmer. Er musste sich jetzt das Hirn frei blasen und zwar ausdauernd, damit er wieder klar denken konnte. Seine Besessenheit würde ihm noch eines Tages zum Verhängnis werden.

Viktor indes fragte nicht lange, warum dies passierte - er verbuchte einfach seinen Sieg und die Tatsache, dass Leif immer zu ihm zurückkam, egal wie heftig sie sich stritten.

Es wurde eine lange, anstrengende Nacht.


-36-

Die Wohnung lag noch still, als Endre am nächsten Morgen gegen acht mit dem Aufzug nach oben fuhr. Eigentlich war er auch ganz froh darüber. Keine Fragen - so hoffte er. Irgendwie war das gestern - besser: heute Morgen - nicht so gelaufen, wie er das gern gehabt hätte. Doch dass er jetzt nicht daheim sitzen musste und sich hier ablenken konnte, war ganz gut. Irgendwie hätte er sich doch denken können, dass ein Mann wie Jack zu gut war und einer wie der sich nicht ein Straßenkind suchte, um zu spielen.

Endre seufzte, als er die Schuhe abstreifte und sie ordentlich neben der Tür abstellte. Das warme Parkett unter seinen Füßen tat gut. Auch wenn Juni war, heute war ihm irgendwie kalt. Vielleicht wegen dem Rausschmiss heute Morgen. Langsam zog er sich den Rucksack vom Rücken und zog sich die Jacke aus, schwerer Leinenstoff in Camouflage-Optik, viele Taschen und lang genug, damit man nicht am Hintern fror. Praktisch eben, wie alles, was er hatte und nicht sonderlich modisch.

Warum zog er sich nur plötzlich an solchen Sachen hoch? Weil Jack ihm das zum Vorwurf gemacht hatte? Weil er nur ein durchschnittlicher Typ war mit einem peinlichen Job? So ähnlich hatte sich Jack doch ausgedrückt. Er hätte kein Sexappeal, keine Ausstrahlung, sich mit ihm sehen zu lassen wäre ziemlich peinlich. Na ja, wenn er das glaubte? Ändern konnte Endre das sowieso nicht. Er wollte es auch nicht, denn er war, wie er war. Wenn Jack das nicht passte, dann sollte er eben seine Konsequenz ziehen, was er ja dann auch getan hatte.

„Arschloch", knurrte Endre leise und straffte sich wieder. Nein, davon wollte er sich nicht unterkriegen lassen. So hatte er jetzt wenigstens mehr Zeit für den kleinen JJ, ein herzensgutes Kind. Mit dem verbrachte Endre seine Zeit sowieso viel lieber als mit einem wie Jack. Er war eben doch genau das, was Gerrit immer gesagt hatte: Ein oberflächlicher, arroganter Schönling.

Sein Bruder hatte wirklich Recht gehabt. Er hätte auf ihn hören sollen und sich eine Menge Ärger ersparen können. Doch mal ehrlich - wer ließ sich solch eine Chance schon entgehen? Wer glaubte nicht ganz tief in seiner Seele an die Geschichte von Aschenputtel? Endre lachte leise, zuckte aber, als er oben von der Galerie plötzlich JJ hörte, der ihn rief.

„En-re!"

Sein Kopf ruckte hoch und Panik machte sich breit, doch JJ stand nur am Geländer, hielt sich gut fest und Gustav winkte mit einer dicken Pfote nach unten, gab sich ansonsten aber noch ziemlich unbeteiligt, so früh am Morgen. Nein, ein Frühaufsteher war dieses Plüschschaf nicht, im Gegensatz zu JJ.

„Hey, kleine Maus", rief Endre nach oben und hastete die Stufen hinauf, damit JJ nicht auf die Idee kam, ihm entgegen zu kommen. Sie mussten wirklich üben, diese Treppe sicher rauf und runter zu gehen, damit er nicht mehr solche Angst haben musste, dass JJ etwas passierte. „Guten Morgen", lächelte er, als er sich auf die letzte Stufe kniete und JJ hängte sich gleich an seinen Hals. Gustav guckte weiter durch das Geländer nach unten, während JJ sich hochheben ließ und strahlte.

„Gu-ten Mo-gen!", versuchte er sich an einem Gruß und Endre lächelte, das klang einfach so süß. JJ erinnerte ihn wirklich an seine beiden Kurzen, die nun selbst hinaus ins Leben traten. Irgendwie fühlte er sich wieder jünger, auch wenn er mit seinen 24 Jahren noch lange nicht alt war.

„Ich hab ein Buch für dich mitgebracht", erklärte Endre, während er den Kleinen wieder in dessen Zimmer trug, damit sie JJ etwas zum Anziehen suchen und dann im Bad verschwinden konnten. Natürlich war der Kleine gleich Feuer und Flamme, denn Bücher hatte er gar keine.

„Was für eins. Zeigen!", brabbelte er vor sich hin, ganz aufgeregt und mit großen Kulleraugen. Endre lachte leise.

„Ein Buch zum Kochen, nur für Kinder. Wollen wir uns da was aussuchen, was du essen möchtest? Vielleicht eine Eisenbahn oder ein Wichtelbettchen oder ein Floß aus Klopsen?", erklärte er, um was es eigentlich gehen sollte. JJ wirkte etwas verständnislos, damit konnte er wohl noch nichts anfangen. Also musste er auf sein Bett krabbeln, damit Endre ihm das Buch zeigen konnte. Ziemlich schnell hatte der pfiffige Kerl verstanden, dass es ums Essen ging und die großen Bilder zeigten ja auch immer, wie das Essen fertig aussehen sollte.

Für die Eisenbahn aus Paprika konnte er sich am meisten erwärmen und guckte nun Endre mit einem Blick an, der Steine hätte erweichen können. Der junge Mann lachte und wuschelte JJ durch die Haare. „Okay, kleine Maus, wir bauen eine Eisenbahn und dann essen wir die auf, hm?"

JJ war von dieser Idee völlig begeistert und hätte am liebsten gleich zum Frühstück angefangen. Aber das konnte Endre dann doch nicht zulassen. Zum Frühstück hatte er ein paar Brötchen mitgebracht. Große für sich, kleine für JJ. Wurst dürfte noch ausreichend im Kühlschrank sein, Marmelade auch.

Wie mit Leif verabredet sammelte Endre auch die Quittungen, wenn er mit JJ essen war, Bahn gefahren oder was auch immer, in einem Kassenbuch, damit er seine Spesen auch erstattet bekam. Doch erst einmal musste JJ in seinen Morgen starten, der gern auch ohne Waschen und Zähneputzen laufen durfte, wenn es nach ihm ging. Doch Endre war da unerbittlich.

Also fügte sich der kleine Blonde in sein Schicksal und streifte sich im warmen Bad den Schlafanzug ab, ehe er in der Dusche verschwand. Endre ließ ihn allein machen, beobachtete ihn aber ganz genau dabei. Er machte ihm das Wasser schön warm, nicht zu heiß, nicht zu kalt, gab ihm seinen Badeschwamm und Duschgel und ließ ihn machen. Denn er war überzeugt, dass der Kleine das ziemlich schnell lernen würde und dann auch sehr stolz sein dürfte.

Anfangs stellte sich JJ etwas unbeholfen an, doch als er raus hatte, wie schön der Schwamm Schaum machen konnte, war er nicht mehr zu halten und drehte einfach das Wasser ab um sich richtig einzuschäumen. Dabei lachte er quietschend und wirkte unglaublich lebendig. Endre saß auf dem Wannenrand und sah zu, wie der kleine Kerl hinter dem Glas nun seine helle Freude hatte.

„JJ, nicht so wild", lachte er und suchte schon mal ein großes Handtuch, vielleicht sollten sie JJ auch einen Bademantel kaufen, das wäre gemütlicher und man müsste nicht immer so an ihm herum rubbeln.

„Was ist denn hier los", lachte plötzlich Leif, der verschlafen zur Tür rein guckte. Er hatte sich um JJ gesorgt, als er wach geworden war. Doch kaum, dass er aus seinem Schlafzimmer trat, hatte er auch schon Endres Schuhe gesehen und war beruhigt gewesen. Doch das hatte ihn noch lange nicht dazu gebracht, wieder an die Seite seines schlafenden Verlobten zu krabbeln, eher im Gegenteil. Er wollte Endre sehen, ihn begrüßen, ihn vielleicht auch ein bisschen ausfragen.

Musternd sah Leif sein Kindermädchen an, ohne zu wissen was er eigentlich suchte. Hatte sich Endre verändert? Warum sollte er? Leif seufzte lautlos, als er eintrat und die Tür hinter sich schloss. Wie jeden Morgen küsste er Endre kurz, der ihn skeptisch ansah. „Wenn Viktor das mal sieht, brennt die Luft."

„Er wird es nicht sehen, außerdem hat es doch nichts zu bedeuten. Ich mag dich, du bist ein netter Kerl - mehr nicht", erklärte Leif und hoffte dabei, dass er überzeugend war, denn ganz die Wahrheit war es nicht.

Endre lachte leise, weil JJ schon wieder begeistert quietschte und so sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zog. „Was macht ihr?", wollte Leif noch einmal wissen, dankbar für die Ablenkung. Er ließ sich neben Endre auf den breiten Rand der Wanne sinken und beobachtete den Jungen, wie er mit seinem Schwamm spielte. Er konnte nicht anders, er musste lachen.

„Ich wollte mal sehen, ob JJ sich schon allein waschen kann. Hab ihm alles gegeben, das Wasser eingestellt und seit dem hat er festgestellt, wie spaßig Schaum sein kann. Ich dachte mir, ich lass ihn mal machen. Stört ja keinen", sagte Endre und drehte das Handtuch in seiner Hand. „Aber nun ist es genug."

Leif nickte. „Sag mal, kam er die Treppe runter oder so? Sein Schaf hockt noch da vorn auf der Galerie", wollte er wissen und sah Endre wieder an. Er nutzte jede Gelegenheit dazu, denn Endre war eine Augenweide. Leif konnte einfach nicht anders. Weil er sich im Studium der maskulinen Silhouette verloren hatte, erschrak er sich ein wenig, als Endre sich zu ihm umwandte.

„Nein, nein. Er hat ganz artig oben gewartet", versuchte der die Sorge zu zerstreuen und erhob sich plötzlich, weil er Leifs Verhalten doch etwas befremdlich fand. Er verstand nicht, warum der Blonde ihn immer so anstarrte. Es war ihm unheimlich.

„Hey, kleiner Waschbär", rief er zu JJ in die Dusche, „werd fertig, wir wollen doch frühstücken und dann eine Eisenbahn kochen, hm?", versuchte er zu locken und JJ hörte auf, mit dem Schwamm über die Glasscheiben zu reiben, guckte Endre nur zweifelnd an. So richtig begeistert davon, dass er aufhören sollte, war er nicht, aber eine Eisenbahn kochen - das war schon was! Man sah es ganz deutlich, wie es hinter der kleinen Stirn arbeitete und er aus der Dusche getapert kam. Endre lachte leise, spülte ihm noch den ganzen Schaum ab und bald konnte man JJ auch wieder erkennen, der eben noch wie das Michelin-Männchen ausgesehen hatte. Schnell wurde er in ein Handtuch gehüllt, während Leif etwas verwirrt wissen wollte, was die beiden kochen wollten.

Lachend sahen sich die Jungs an und guckten dann verschwörerisch zu Leif. „Nich sagen!", forderte JJ und grinste dabei frech. Leif konnte gar nicht anders, er machte große Augen und sah ihn an. Das waren ja ganz neue Töne.

„Hey", maulte er deswegen auch und brachte JJ zum Lachen. „Los, Endre, sag mir, was ihr kochen wollt!", forderte er und Endre schüttelte nur den Kopf.

„JJ hat's verboten!", erklärte er und der Kleine freute sich.

„Sag mal, verbündet ihr euch?" Leif war von der Idee nicht begeistert, auch wenn er wusste, dass es nur ein Spiel war. Er wollte von diesen beiden Menschen nicht ausgegrenzt werden. Bei jedem anderen wäre ihm das ziemlich egal gewesen, weil es ihn schlicht nicht interessiert hätte, doch Endre und JJ waren etwas Besonderes. Er wollte dazu gehören.

„Du wirst es doch dann sehen, hm?", versuchte Endre die Wogen zu glätten und wuschelte Leif, der immer noch auf der Wanne saß, durch die Haare, während JJ schon rüber in sein Zimmer hüpfte, um sich das anzuziehen, was sie rausgesucht hatten. Endre wollte währenddessen die Dusche putzen und die nassen Fußspuren beseitigen und weil er sich dazu bücken musste, blieb Leif einfach sitzen und sah zu. Wann kam er schon mal wieder in diesen Genuss.

„Wie war eigentlich dein Date gestern?", fragte er irgendwann doch das, was ihm unter den Nägeln brannte und war darauf vorbereitet, dass Endre sich umwandte und ihn musterte und so war es auch. Langsam kam Endre hoch und legte den Kopf schief. Was ging es Leif an? Doch der Blick des Blonden war so offen und ohne Hintergedanken, dass Endre doch erklärte, was passiert war.

„Anfangs war alles wie immer", sagte er leise und hängte das Tuch auf den Handtuchtrockner hinter der Tür, drehte ihn wärmer, damit alles trocken wurde. „Wir waren Eis essen, sind ins Hotel gegangen. Wie auch immer, alles, was er wollte, war mich noch mal ins Bett zu kriegen. Dann erklärte er mir, wie peinlich ich wäre, wie ich rumlaufen würde, dass sich nach mir doch keiner umgucken würde und welche Ziele ich denn hätte, mit einem Job als Kindermädchen. Mit so was würde er sich nicht mehr abgeben wollen. Er hätte da einen Piloten kennen gelernt. Außerdem würde er die Airline wechseln... Bla, bla, bla", sagte Endre leise und zuckte die Schultern. Man konnte es eben nicht ändern.

„Was ist das denn für ein Arsch?", brauste Leif auf und schoss hoch. Was bildete dieser Kerl sich ein!? „Ist der Blödmann blind oder was? So einen hübschen Kerl wie dich habe ich lange nicht gesehen und ich muss es wissen, denn ich sehe täglich Dutzende", knurrte er und wusste nicht so richtig, ob er sich darüber freuen sollte, dass die beiden sich getrennt hatten und Endre nun wieder Single war oder ob er sich darüber empören sollte, wie dieser Schnösel mit Endre umgegangen war. Ohne ein weiteres Wort zog er Endre einfach zu sich. Er stand so verloren dort an der Tür, dass Leif das kaum ertragen konnte. Er strich ihm über den Rücken, legte seinen Kopf auf Endres Schulter.

„Wer solchen Mist von sich gibt, der hat dich nicht verdient", sagte er leise und zog unauffällig Endres Duft in seine Nase. Es war herrlich und Leif musste sich zwingen, nicht mehr zu tun. Er hielt Endre nur fest, er sollte sich sicher fühlen und nicht gleich die Flucht ergreifen, weil Leif zudringlich wurde. Es war so verlockend! Sein Körper verspannte sich, weil er sich wirklich zwingen musste.

„Na ja", murmelte Endre bloß. Auch wenn er sich erst versteift hatte, war es ihm jetzt ganz wohl, sich einfach fallen lassen zu können, nicht nur stark sein zu müssen. Er fühlte sich aufgefangen, auch wenn er wusste, dass über ihm ein Damoklesschwert schwebte, sobald Viktor sie dabei erwischte, während er sich von Leif Trost spenden ließ. Dabei hatten sie doch gar keine Hintergedanken. Aber egal, darüber wollte Endre jetzt nicht nachdenken.

„Ich kann ja eh nichts dagegen machen. Er liebt mich nicht, ich bin ihm peinlich, er braucht was Besseres. Dabei ist er selber nur ein kleiner Steward, bildet sich aber ein, er wäre Graf Rotz!" Endre knurrte. So richtig drüber nachgedacht, war es doch eigentlich nur armselig gewesen, was Jack ihm da geboten hatte. Vielleicht war er besser dran, wenn er diesen Typen los war. Sollte der sich doch was suchen, was ihn besser kleidete als ein Kindermädchen in Jeans und T-Shirt.

„Steward? Der Typ ist nur Steward und bläst sich auf wie ein Großreeder?", knurrte Leif und strich Endre weiter über den Rücken. „Dabei sah er aus wie ein Pilot!"

„Hö?" Endre löste sich ein bisschen und sah Leif fragend an. „Woher willst du ihn denn kennen?"

Für seine vorlaute Klappe hätte sich Leif jetzt gern laut klatschend vor den Kopf geschlagen. Hatte das jetzt sein müssen? Doch was nutzte es, es war ja keine Absicht gewesen, Jack und Endre zu treffen. „Ich hatte dem Kurzen ein Eis versprochen und da sie bei Gelato in den Arkaden das Beste machen, was ich kenne, waren wir da und haben uns jeder eine Kugel geholt. Ich hätte dich wohl gar nicht gesehen, wenn JJ nicht auf dich aufmerksam geworden wäre." Leif zuckte die Schultern. „Wir sind aber gleich wieder gegangen", schob er noch nach, damit es nicht so klang, als hätte er die beiden beobachtet. So war es ja nicht gewesen!

„Ach so, ja", sagte Endre nachdenklich. Von seinen Zügen war nicht zu lesen, was er von der geschilderten Situation hielt und ob er Leif wirklich glaubte, dass es Zufall gewesen war. Doch der Blonde kam auch nicht zum fragen, denn JJ rief ziemlich unglücklich nach En-re und schlurfte etwas unbeholfen in das Bad.

Eine Socke hing noch halb auf dem Fuß und wirbelte bei jedem Schritt herum, so dass man Sorge haben musste, der Kleine stieg drauf und stürzte. Schlimmer aber war für ihn wohl sein Pullover, denn er guckte immer nach hinten, als er ins Zimmer kam. „Esel", murmelte er weinerlich und sah wieder nach hinten, da wo das Bild vom kleinen Esel war.

Ziemlich verwirrt sah er Endre an und der lachte leise. „Ach, Maus, du hast den Pullover ja verkehrt herum an", sagte er und half JJ, damit er seinen Esel wieder angucken konnte, ohne gleich einen steifen Hals zu bekommen. Die letzte Socke wurde noch gerichtet und immer wieder lobte er JJ, dass er sich schon so fein anziehen konnte. Einen kurzen Blick wechselte er noch mit Leif, der ihn mitleidig ansah, doch Endre wollte kein Mitleid. Er hatte sich selber in diese Situation gebracht, er war dafür verantwortlich und niemand anderes.

„Frühstückst du mit Viktor, wenn er wach wird oder soll ich für dich mit decken?", wollte er also von Leif wissen, damit der wieder auf andere Gedanken kam. Dieser Blick war ja furchtbar! Endre fühlte sich unwohl, wenn Leif ihn so schneidend ansah, so sezierend. Er hatte das Gefühl, als würden ihm jeden Moment die Kleider vom Leib fallen, weil die scharfen Blicke sie zerrissen hatten.

„Vik pennt sonntags bis Mittag, das ist normal. Er ackert die ganze Woche, da gönnt er sich faule Sonntage und ich werde wohl heute viel Zeit mit ihm verbringen", erklärte Leif, denn er wollte wieder etwas mehr Schönwetter machen und Viktor zeigen, dass er wirklich mehr Zeit mit ihm verbringen würde, wenn Endre sich um JJ kümmerte. Er hatte es versprochen und er hielt immer, was er versprach.

„Wir werden essen gehen. Das könnt ihr auch, wenn ihr wollt. Das weißt du", schob er gleich noch hinterher, weil er irgendwie das Gefühl hatte, JJ und Endre aus seinem Leben auszuschließen. Er ging essen und die beiden mussten daheim hocken. Das gefiel ihm nicht, doch Endre grinste nur.

„Das erkläre mal JJ, dass wir keine Eisenbahn kochen werden."

JJ, der das Stichwort auch gehört hatte, sah gleich nach oben und klammerte sich an Endres Hosenbein fest.

„En-re!", rief er sich in Erinnerung, nicht dass hier noch etwas ohne ihn beschlossen wurde. Sein Kindermädchen ging in die Knie und strich ihm über die Haare.

„Maus, keine Sorge. Wir stärken uns jetzt mit einem Brötchen und dann machen wir uns daran, eine Eisenbahn zu kochen, hm?" JJ legte den Kopf schief, nickte dann aber. „Holst du Gustav? Der möchte doch bestimmt lieber ins Bett. Da ist es viel weicher!" Kaum war sein bester Freund erwähnt, da flitzte der Kleine auch schon los. Endre lachte.

„Und was ist nun eine Eisenbahn?", quengelte Leif, immer noch nur in einem kurzen Schlafanzug, den er sich erst angezogen hatte, ehe er das Schlafzimmer verlassen hatte. So wie er jetzt da stand, sah er aus wie JJ. Man mochte gar nicht glauben, dass die beiden nur Neffe und Onkel waren, so ähnlich sahen sie sich.

„Zeig ich dir gleich", lachte Endre nur, der JJ in sein Zimmer folgte, um das Buch zu holen und zu sehen, wie Gustav ins Bett gesteckt wurde, schön zugedeckt.

Aber das Schaf war zu dick für JJs Kinderdecke, überall guckte was raus. So zog und zerrte der Kleine unentwegt bis er aufgab, knurrte und Gustav erklärte, dass er eben kalte Füße kriegen würde, wenn er nicht auf JJ hörte. So, das hatte das dumme Schaf jetzt davon. Endre und Leif konnten nicht anders, sie mussten kichern.

„Komm, Maus", rief Endre noch zurück, als er hinüber in seine Küche ging. „Leif, hier bräuchten wir auch noch einen kleinen Tisch mit Stühlen, wenn das möglich wäre", sagte er. Zwar war hier die Theke nicht so hoch und die Hocker hatten breitere Sitzflächen, aber unsicher war es trotzdem, wenn der Kurze erst am Hocker hoch krabbeln musste.

„Ja klar, werde ich morgen gleich veranlassen", murmelte Leif, der gerade das Buch durchblätterte: Aus der Wichtelküche, kochen und backen für Kinder. Da waren richtig schöne Ideen drinnen und es dauerte gar nicht lange, da hatte er auch gefunden, was seine beiden Jungs heute kochen wollten.

Er schmollte.

Warum hatte er auch zugesagt, mit Vik essen zu gehen - er wollte auch so was auf seinem Teller haben! „Hebt ihr mir was auf?", wollte er wissen und Endre konnte nicht anders, er musste dem schmollenden Leif durch die Haare streichen. „Sicher, dass du so was essen willst?"

„Ja!" Leif nickte und beobachtete JJ, wie er wieder am Hocker herum krabbelte und hielt den Stuhl fest, damit der Kurze es sich bequem machen konnte. Endre räumte alles hin, stellte die Kaffeemaschine an und kochte Tee, während die Drieschners schon am Tisch saßen und mit leuchtenden Augen warteten, während sie heimlich - hinter Endres Rücken - um das letzte Radieschen rauften, um der Brötchenmaus ein Schwänzchen zu basteln. Doch da hatte JJ die Nase vorn, denn er konnte ganz traurig gucken, als Leif sich das Radieschen gegriffen hatte.

„Meine Maus wird schwanzlos sein", murmelte er traurig und Endre lachte leise. Nein, er hatte wirklich nicht nur ein Kind zu betreuen. „Dann bekommt sie eben einen grünen Schnittlauchschwanz, ich glaube, es gibt schlimmeres", bot er einen Kompromiss und sah sich grinsend um.

Er kam mit den Tassen zum Tisch und dann konnte es losgehen - auf in den Sonntag.