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Raphaels Schatten - Teil 9 bis 12

09

Daniel zuckte, als sein Handy wieder piepste, um zu erklären, dass eine SMS gekommen sei. Er ahnte, dass dies nur von einem sein konnte und so ließ er das Handy, wo es war. Wenn er von einem heute wirklich schon ausreichend gehabt hatte, dann von Luzifer. Egal was er zu sagen hatte, das konnte warten, bis morgen. Oder er löschte die Nachricht ganz. Ihm wäre es das liebste, wenn ihn die Sache kalt lassen würde, doch das ließ sie nicht. Leider.

„Mal sehen, wie es wird“, lenkte er also ab und versuchte das Gespräch am Leben zu halten. Dann musste er sich nicht mit seinen Gedanken auseinander setzen.

„Laut und stressig wie immer. Horden kreischender Mädchen, die dich anfassen und sich mit dir fotografieren lassen wollen. Die kreischen und in Ohnmacht fallen, wenn sie dir nahe sind und dann weggetragen werden müssen.“ Markus konnte das bis heute nicht verstehen, dass viele Mädchen so dermaßen ausflippten, wenn sie Raphael so nahe kamen.

„Ist schwer, sich an die Sanitäter im Hintergrund zu gewöhnen“, sagte Daniel verlegen und holte tief Luft. Als das erste Mal eine umgefallen war, hatte ihn das selbst völlig aus dem Konzept gebracht. Doch mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt. Bei seiner Popularität wunderte es ihn sowieso, dass er immer noch so unbehelligt wohnte und sein Doppelleben als Daniel noch nicht aufgeflogen war. Doch es sollte ihm schon recht sein.

„Auf in den Kampf.“ Markus parkte den Wagen am Hintereingang und sah sich wie immer um, ob hier auch keine Fans lauerten. „Alles klar“, gab er das Zeichen, auszusteigen und als sie an der Hintertür ankamen, wurde sie auch schon geöffnet. Wenn Achim auch ein Arsch war, so organisierte er alle Auftritte perfekt. Er sorgte auch dafür, dass Absperrungen da waren, wo sie gebraucht wurden, denn auch ihm war daran gelegen, dass der Mythos Raphael noch eine Weile erhalten blieb.

„Ganz schön voll“, murmelte Raphael, als er durch einen Spalt in den Verkaufsraum sah. Zum Glück war auch der Tisch weitestgehend abgesperrt. Man konnte also nur von vorn an den Tisch treten, was schon mal ziemlich gut war. So hatte Raphael den Rücken frei. Er grinste, als er auch die beiden Sanitäter erblickte, die fast immer bei ihm Dienst schieben mussten. Die Ärmsten. Sie konnten sich bestimmt Spannenderes vorstellen, als kleinen Mädchen den Kreislauf zu stabilisieren.

In der Halle war es jetzt schon laut und wie Markus erwartet hatte, waren sie die einzigen der Band, die hier waren. „Okay, bringen wir es hinter uns.“ Er ging zwar nicht mit in den Verkaufsraum, doch er blieb hinter den Kulissen. Ihn wollte niemand sehen und das war ihm ganz recht. Seinen Freund konnte er auch von hier aus im Auge behalten und eingreifen, wenn es nötig wurde.

„Wenn sie fragen“, sagte Achim noch, als er Raphael am Arm festhielt, „Gabriel ist noch auf der Probe. Ihr seht euch erst, wenn du nach Hause kommst. Klar?“ Eindringlich sah er seinen Sänger an und der nickte nur stumm. Die gleiche Lüge wie jedes Mal, Gabriel das Arbeitstier, das sich für die Fans aufopferte. Dabei wussten sie doch beide, dass der sich fertig machte, um durch die Clubs der Stadt zu tingeln. „Und du freust dich“, sagte Achim eindringlich und schob Raphael nach vorn. Der hatte keine Chance mehr zu antworten, denn plötzlich war im Verkaufsraum die Hölle los – so wie immer. Raphael verbeugte sich höflich, lächelte, posierte für die ersten Schnappschüsse und nahm endlich Platz.

Markus und Achim maßen sich kurz mit eisigen Blicken, dann ging der Manager vor zu seinem Sänger. Die Fans sollten wissen, dass er der Manager war und etwas zu sagen hatte.

Daniel war schon dabei die ersten Autogramme zu geben und Fragen zu beantworten. Natürlich drehten sich die meisten um seine Beziehung zu Gabriel. Es war Raphael unerklärlich, wie interessant dies war. Die wenigsten hatten Fragen zur Band oder zu den Liedern, was sie sagten oder wie sie wirkten. Ihm war das zu oberflächlich, doch er lächelte. So lange diese Mädchen ihn hören wollten, so lange konnte er singen und das allein zählte.

Als er aufblickte und die junge Dame nach ihrem Namen fragen wollte, weil er ihn auf die Karte schreiben wollte, blieb sein Blick an eisblauen Augen kleben – weit hinten in der Masse und doch nicht zu übersehen. Wie das letzte Mal schon passte Luzifer einfach nicht in die Masse der Fans. Er wirkte wie ein Fremdkörper. Raphael stockte und blickte schnell wieder nach unten. Was wollte der denn hier?

Markus konnte Luzifer nicht sehen, denn von seiner Position aus konnte er den Verkaufsraum nicht überblicken. Er kannte Daniel aber gut genug, um zu merken, dass etwas nicht stimmte, darum kam er ein wenig weiter in den Raum. Er ließ seinen Blick schweifen und seine Augen verengten sich, als er Luzifer erkannte. Zwar kam er an Daniel nicht ran, aber trotzdem blieb er in der Nähe seines Freundes.

Profi, der er war, machte Daniel weiter. Er flirtete mit den Damen und gab fleißig Auskunft, heimste Komplimente für sein Aussehen und seine traumhafte Stimme ein und er machte sich mental die Notiz, die Lobe auch an Jessie weiterzureichen. Schließlich war es nicht zuletzt ihr Geschick, das Raphael seinen Look gab. Er zwang sich dabei, sich immer nur um den Fan vor dem Tisch zu kümmern und verbot sich den Augenkontakt mit Luzifer.

Er hätte damit rechnen müssen, dass er den Mann damit wütend machte, indem er ihn missachtete. So reihte auch er sich in die Schlange der Wartenden. Er musste Raphael näher kommen.

Unaufhaltsam kam er näher und Markus spannte sich an, ohne es verhindern zu können. Achim hatte erst nicht verstanden, warum Markus zu ihnen gekommen war, aber als sich der große Mann immer näher durch die Masse zu Raphael schob, verstand er. Luzifer hatte wohl gemacht, was er ihm gesagt hatte und sich seinem Opfer genähert. Er war fasziniert, wie richtig Steffan mit seiner Vermutung gelegen hatte, dass man Markus ganz leicht ablenken konnte, wenn man nur die richtigen Leute in Raphaels Nähe schickte. Hatte Steffan Recht und der Visagist war scharf auf Raphael? Fragend besah er Markus, der das noch nicht einmal bemerkte. Er wirkte wie ein Puma vor dem Sprung. Jede Faser in seinen Muskeln war gespannt. Achim grinste zufrieden. Es dürfte ihm genügend Ablenkung verschaffen, damit Markus nicht weiter schnüffelte.

Auch Daniel bemerkte, dass die Konfrontation unausweichlich war. Es blieb zu hoffen, dass die Herren in schwarz, die für seine Sicherheit zuständig waren, eingriffen, ehe Luzifer auf blöde Ideen kam. Man hatte ja schon von fanatischen Fans oder Gegnern gehört und ein paar Leute hatten das ja schon mit dem Leben bezahlt. Ihm wurde heiß, sein Puls wurde schneller, doch er hielt seine Fassade aufrecht.

Nur noch ein Mädchen war vor Luzifer und Markus ließ ihn nicht aus den Augen. „Hallo Raphael“, raunte Luzifer und lächelte. Er beugte sich tiefer und kam so Daniel näher. „Schreibe doch bitte eine Widmung. Für die Liebe meines Lebens“, verlangte er und lächelte. Er war in Spiellaune.

„Du möchtest doch nicht, dass ich dich belüge“, entgegnete Raphael mit eingefrorener Miene. So weit kam es noch, dass er dem Mann in die Hände spielte. „Meine Liebe gehört Gabriel und nur ihm“, war die einzige Erwiderung, die in seiner Rolle zulässig war. Alles andere hätte die umstehenden Fans irritiert.

„Schade.“ Luzifer tat betrübt, aber seine Augen blickten kalt. „Nichts ist für ewig. Liebe kann sterben und erlöschen. Das passiert sehr häufig.“ Luzifer blickte kurz hoch und maß seinen Blick mit Markus, aber er sagte nichts weiter und nahm nur noch lächelnd seine Karte entgegen, dabei strich er einmal über Raphaels Finger. Der erschauerte und musste sich kurz fassen, doch dann war Luzifer weg und die nächste junge Dame, die dem merkwürdigen Mann kurz hinterher guckte, forderte seine Aufmerksamkeit. Schließlich hatte sie endlich Raphael vor sich und nun schossen die Fragen nur so aus ihr heraus und sie lenkte den Sänger vom eben Geschehenen ab.

Doch wenn er geglaubt hatte, Luzifer wäre zufrieden und ginge, so hatte er weit gefehlt. Er ging an seinen alten Platz an der Säule zurück und betrachtete weiter die androgyne Gestalt.

„So ein Arsch“, knurrte Markus und Achim registrierte das sehr zufrieden. Mit Luzifer hatte er wohl genau den Richtigen ins Spiel gebracht. Markus hatte er mit dem Stalker aus der Fassung gebracht, dabei hatte er gedacht, dass es eigentlich Raphael mehr zusetzen würde, aber der wirkte vollkommen ruhig.

Aber der war ein guter Schauspieler, denn so ruhig, wie er sich gab, war er nicht. In seinem Kopf kreisten Gedanken, die dort nicht hingehörten, löcherten Fragen, die er nicht beantworten konnte. Doch er war Profi und gab jedem Fan das Gefühl, der oder die einzige zu sein. Langsam wurde die Schlange kürzer, auch wenn der Verkaufsraum deswegen nicht leerer geworden war, denn jeder wollte so lange bleiben wie es nur ging. Im gleichen Raum mit Raphael. Immer wieder zuckten Blitzlichter.

Die Mädchen standen in Gruppen zusammen und kicherten immer wieder. Sie zeigten auf Raphael und sahen sehnsüchtig zu ihm rüber. Sie hatten gehofft, dass sie sich mit ihrem Idol fotografieren lassen konnten, nicht durch einen Tisch von ihm getrennt. Eine fasste sich ein Herz und ging zu einem der Sicherheitsleute und fragte nach, ob das möglich wäre. Der zuckte nur mit den Schultern und ging zu Achim, denn der entschied, was gemacht wurde und was nicht.

„Such ein paar aus der Menge aus, nicht alle“, erklärte Achim und wusste, dass er Raphael keinen Gefallen tat, wenn er ihn so intensiv unter seine Fans streute. Doch das gehörte nun einmal dazu. Sie waren es, die sein Gehalt bezahlten. Dann sollten sie auch wissen, wofür sie das Geld ausgaben.

Raphael ließ sich nichts anmerken, er hoffte nur, dass Luzifer nicht darunter war. Denn das letzte, was er wollte, war von diesem Kerl noch einmal angefasst zu werden.

Markus ermordete Achim mit Blicken, aber machen konnte er nichts. Allerdings würde er eingreifen, wenn Luzifer ausgesucht wurde. Dann war er bei seinem Freund, egal wie merkwürdig das auch aussehen sollte. In der Halle wurde es lauter, denn die Mädchen schrieen durcheinander und versuchten den Sicherheitsmann auf sich aufmerksam zu machen, damit er sie wählte. Achim hob beide Hände hoch, was soviel bedeutete, dass er 10 aussuchen durfte. Eine ziemlich undankbare Aufgabe. Und so wählte der Mann im Anzug eher blind. Denn egal nach welchem Kriterium er gehen würde, die übrigen würden ihn sowieso hassen und ihm Sachen da hin wünschen, wo sie besonders schmerzlich waren. „Du und du, und du da drüben“, zählte er ab.

Tatsächlich drängte sich auch Luzifer in den Vordergrund, doch dabei hatte er nicht, wie die Mädchen, den Security im Auge, um gewählt zu werden, sondern Markus und Raphael. Er wollte die Panik in ihren Augen sehen – seinen Triumph.

Aber den Gefallen wollte Markus Luzifer nicht tun. Er kam zu Raphael und zog ihn mit sich nach hinten. Wenn einer fragte, wollte er nur schnell das Make-up des Sängers überprüfen. Schließlich sollten die Bilder gut werden. „Keine Panik, Bilder gibt es nur mit Mädchen. Das war bisher immer so“, murmelte der Stylist und wollte mit den Worten nicht nur Daniel beruhigen, sondern sich genauso.

„Na, das will ich aber auch hoffen. Das letzte, was ich gebrauchen kann, ist ein Kerl, der scharf auf mich ist und überall seine Pfoten hinpackt. Zum einen haben wir dann morgen in der Bild einen kleinen Skandal und eine konstruierte Dreiecksbeziehung, zum anderen habe ich schon einen, der mir die Zunge in den Hals steckt, ohne dass ich viel gegen machen kann.“ Daniel ließ sich noch einmal schminken, während Achim vorne die Leute bei Laune hielt.

Eilig lief er wieder nach vorn und verharrte noch in der Bewegung, als er die zehn Auserwählten sah. „Nein!“, flüsterte er und traute seinen Augen nicht.

Von wegen, immer nur Mädchen. Wenn einer kein Mädchen war, dann Luzifer! Was machte der Kerl hinter der Absperrung? Er hätte sein Security-Team vorwarnen sollen. Warum hatte er geschwiegen? Das war jetzt die Rache.

Langsam kam Raphael näher und sah Achim dabei zu, wie er Ordnung in den kleinen Haufen brachte, während die Blitzlichter aufflackerten, weil Freundinnen ihre Freundinnen neben Raphael knipsen wollten.

Markus war genauso fassungslos wie Raphael und er überlegte fieberhaft, wie er seinem Freund helfen konnte, aber ihm fiel nichts ein, was er auf die Schnelle machen konnte. Hilflos musste er mit ansehen, wie Luzifer immer näher an Raphael heranrückte. „Probier was und du bist tot“, murmelte Markus leise und spannte sich, als Luzifer sich neben Daniel stellte und den Arm um ihn legte.

„Ein Bild bitte“, sagte Luzifer zu einem der Sicherheitsmänner und lächelte zögerlich. Auch wenn er bestimmt zehn Jahre älter war als der Durchschnitt der Fans und die meisten hier um einen Kopf überragte, konnte man ihm sein naives Lächeln und sein glückliches Gesicht glauben. Er störte sich auch nicht an den lästernden Mädchen, die nun warten mussten.

„Ich werde dir einen Abzug zukommen lassen, mein Engelchen. Du wirst sehen, wir passen perfekt zusammen“, flüsterte er Raphael zu und küsste ihn dilettantisch auf die Wange, seine Augen suchten dabei Markus. Doch er löste sich schneller als erwartet und war mit seiner Kamera beiseite getreten. Er hatte, was er wollte, und Markus durfte vor Wut brodeln, ohne etwas tun zu können. Das war das schönste.

Er wusste, dass der Stylist ihn mit den Augen verfolgte und darum drehte er sich vor der Ausgangstür noch einmal um und winkte lächelnd. Für heute ließ er es gut sein, aber sein Blick sagte, dass er noch lange nicht fertig war. Er hatte gerade erst angefangen und er bekam immer, was er wollte.

Routiniert brachte Raphael das Treffen mit den Fans zu Ende, dann zog er sich mit einer angedeuteten Verbeugung elegant zurück. Auch wenn man nach ihm rief, ließ er sich vorne nicht noch einmal blicken. Er hatte sich jetzt drei Stunden der Meute ausgesetzt, er war fertig. Ohne ein Wort zerrte er Markus zur Tür und dann zum Wagen, noch ehe Achim hätte bemerken können, dass sein Star das Gebäude verlassen hatte. Auf den hatte Daniel heute wirklich keine gesteigerte Lust mehr. Er wollte nur noch in seine eigenen vier Wände, solange er die noch allein bewohnte. Er wollte jetzt Sicherheit.

„Fahr einen anderen Weg. Ich will nicht, dass er uns folgt“, sagte Daniel, als Markus startete. Sie wussten beide, dass das Blödsinn war, weil Luzifer wusste, wer Daniel war, doch solange es ihm Sicherheit bot, tat Markus das.

Er fuhr einige Umwege und so brauchten sie fast doppelt so lange für den Heimweg. Sie hingen beide ihren Gedanken nach, so dass sie die Fahrt mehr oder weniger schweigend verbrachten. Sie schwiegen auch noch, als sie die Treppe zu Daniels Wohnung hoch gingen. Erst dort änderte sich das. „Wie geht es dir?“, fragte Markus besorgt und zog Daniel in seine Arme.

Der ließ es geschehen und zerrte angewidert die Perücke von seinem Kopf. „Beschissen wäre geprahlt“, murmelte Daniel und ließ sich mit Markus auf die Couch sinken. Sie hatten nur im Flur das Licht angemacht und so lag der Rest der Wohnung in einem dämmrigen Halbdunkel. Doch Daniel war es lieber so. Je weniger man sah, um so weniger bestand die Möglichkeit beobachtet zu werden.

Markus küsste ihn auf die Stirn und seufzte. Was für ein beschissener Tag. „Ich habe gedacht, mich trifft der Schlag, als ich den Scheißkerl in der Menge gesehen habe. Was hat er zu dir gesagt?“ Markus hatte das nicht verstehen können und er war neugierig, was Luzifer gewollt hatte, außer ihnen Angst zu machen.

„Er will mir einen Abzug zukommen lassen und mir zeigen, dass wir das ideale Paar wären“, sagte Daniel. Er wirkte müde und so schloss er die Augen. Träge öffneten seine Hände ein paar der Schnallen. Dass dabei Nägel sich lösten war Daniel egal. Sie gehörten sowieso nicht zu ihm, sondern zur Kunstfigur. Nachlässig fielen sie auf den Boden und klapperten leise auf dem Parkett. „Irgendwie ziehe ich Irre magisch an, oder?“

„Scheint fast so.“ Markus fiel es nicht leicht, das zu sagen, denn eigentlich gehörte er ja irgendwie selber dazu. Schließlich konnte man es schon als irre bezeichnen, dass er seit fast zehn Jahren auf Daniel fixiert war. Zwar hatte er keine Ambitionen dem Sänger zu schaden, aber objektiv betrachtet war er ebenso ein Stalker wie Luzifer. Und es blieb zu hoffen, dass der Kerl nicht so besessen war wie Markus, der in diversen alltäglichen Gegenständen von Daniel winzige GPS-Empfänger integriert hatte und noch ein paar andere kleine Raffinessen.

„Wie wäre es mit einem Glas Wein. Feiern wir meinen letzten Tag in Freiheit, ehe morgen mein Liebling hier einzieht“, sagte Daniel kalt und erhob sich. Er hatte keine Ambition aufzuräumen oder für Steffan alles herzurichten. Der Kerl hatte sich eingeladen, sollte er doch mit dem klarkommen, was er vorfand. Alles Wichtige hatte Daniel sowieso schon dort verstaut, wo Steffan es nicht finden würde. Und wenn er noch so sehr schnüffelte.

„Ja, warum nicht. Den haben wir uns heute echt verdient.“ Markus machte sich nur ungern von Daniel frei, aber er wusste, dass sein Freund duschen und sich umziehen wollte. Er öffnete eine Flasche Rotwein und machte ein paar Käsehäppchen fertig. „Wie ein altes Ehepaar“, murmelte er grinsend dabei und das stimmte sogar. Sie verbrachten praktisch ihre gesamte freie Zeit miteinander, eben wie ein Ehepaar. Und wie bei jedem alten Ehepaar lief rein körperlich nicht viel, auch das war leider nur zu wahr. Markus seufzte.

Es dauerte eine Viertelstunde, dann stand Daniel wieder vor ihm, blond wie sich das gehörte, abgeschminkt, die Nägel wieder entfernt und in einem viel zu weiten Shirt. Gequält fiel er auf die Couch und stöhnte leise. Sein Rücken meldete sich, aber nicht so stark wie gestern. Er war zu lange auf den Beinen gewesen. Also blieb er liegen, sonst legte ihn sein Arzt an die Kette, wenn er nächste Woche dort aufschlug.

Markus legte etwas Musik auf und setzte sich zu seinem Freund. „Endlich Ruhe“, seufzte er leise und hielt sein Glas hoch, damit sie anstoßen konnten. Er trank selten Alkohol und dann auch nur sehr wenig, darum sollte er nach diesem Glas auch unbedingt aufhören, damit er nicht vielleicht noch etwas tat, was er hinterher bereute.

„Ja, Ruhe“, flüsterte Daniel und so ließen sie den Abend ausklingen. Sie sprachen kaum noch ein Wort, gaben nur einander Gesellschaft, bis Markus Daniel ins Bett scheuchte und eine Etage tiefer verschwand. Da gab es noch ein Wiesel, das ein Loch zu finden hatte. Außerdem wollte er wissen, was Thom zum Knoten im Schwanz gesagt hatte.

Es wurde wieder eine kurze Nacht, aber das war er schon gewohnt. „Wie Thom wohl küsst?“, murmelte er leise und schüttelte über sich selbst den Kopf. Da hatte Daniel ihm echt einen Floh in den Kopf gesetzt. „Spinner“, lachte er leise und fuhr den PC hoch.



10

Daniel schoss hoch, weil es an der Tür Sturm läutete. Im ersten Moment wusste er gar nicht, wo er war und orientierte sich nur langsam. Doch da schien jemand den Finger auf der Klingel zu haben, denn es hörte einfach nicht auf. Damit die anderen Bewohner im Haus ihm nicht den Hals umdrehten, huschte er aus dem Bett, griff sich sein Hemd und zog es sich über, ehe er die Tür öffnete. Draußen war es noch dunkel und ehe er sich versah hatte er eine Kiste in die Hände gedrückt bekommen und taumelte zurück. Das Ding war schwer.

„Pass bloß auf damit, das ist zerbrechlich“, zischte Steffan zur Begrüßung und schob sich an Daniel vorbei in die Wohnung. „Was für ein Saustall“, knurrte er angewidert und blieb mitten im Wohnzimmer stehen. Er wollte nicht hier sein und das ließ er Daniel auch spüren. „Räum auf, nachher kommt der Fotograf.“

„Was?“ Daniel stellte die Kiste ab. Er wollte gar nicht wissen, was da drinnen war und sah erst einmal auf die Uhr. Es war noch nicht einmal sieben! „Die kommen heute? Ihr macht Termine für meine Wohnung ohne mich zu fragen?“ Das durfte doch jetzt alles nicht wahr sein! Erst tauchte dieser Scheißtyp mit Pauken und Trompeten in den noch jungfräulichen Morgen und dann kam solch eine Nachricht. Wachte er denn aus diesem Alptraum gar nicht mehr auf?

„Und mach mal Licht. Hast du etwa noch gepennt? Du scheinst ja echt nichts zu tun zu haben.“ Steffan machte erst einmal überall Licht und verzog das Gesicht, als er die beiden Gläser sah und die leere Weinflasche.

„Wo ist dein Schatten überhaupt?“ Nicht das Steffan böse darüber war, dass Markus nicht hier war. Daniel war formbarer, wenn er allein war. „Der Fotograf kommt heute Nachmittag und in einer halben Stunde kommt eine Mannschaft, um diese Wohnung zu dekorieren, also komm in die Puschen. Wir haben nicht ewig Zeit.“

„Wie bitte?“ Daniel kam vom Regen in die Traufe. Mal davon abgesehen, dass Steffan ihm auf seine Fragen noch nicht einmal geantwortet hatte, beorderte der Kerl wildfremde Leute, die seine Wohnung so herrichteten, dass man sie zeigen konnte. Was sollte das denn alles? „Was stimmt hier denn bitte nicht?“ Panik überfiel ihn und da konnte nur noch einer helfen – hastig rannte er ins Schlafzimmer und schickte Markus eine SMS – „Hilfe“, mehr stand nicht darinnen. Dann kam er in die Küche, um gerade noch zu sehen, wie Steffan die beiden Weingläser im Mülleimer verschwinden ließ. „Spinnst du?“, schrie Daniel und holte sich seine Gläser wieder. Was war das denn für ein Irrer?

„Ich spül den Scheiß bestimmt nicht.“ Steffan war völlig unbeeindruckt und ging weiter ins Schlafzimmer. Das war eine Zumutung, dass er hier leben sollte. Das würde Achim bereuen, so viel war sicher. Er öffnete die Schranktüren und schmiss einfach alles auf den Boden, was ihm im Weg war.

Daniel war einem Zusammenbruch nahe. Er konnte gar nicht so schnell reagieren, wie Steffan Kriegsschauplätze aufmachte. „Geh gefälligst sorgsamer mit meinem Zeug um, du bist hier ein Gast.“ Doch Steffan schien ihn gar nicht zu hören. Daniel resignierte. Langsam machte er sich daran, das Geschirr in den Spüler zu räumen und versuchte Steffan zu ignorieren. Musste er die Klamotten eben hinterher wieder zusammenlegen. Er verkniff sich die Tränen, er war ein Mann, verdammt. Er wurde damit fertig, er wusste nur noch nicht wie.

Er wurde von einer sich öffnenden Tür abgelenkt. Markus stürmte in Daniels Wohnung. Die SMS hatte ihn alarmiert und er befürchtete, dass Luzifer bei Daniel war. „Wo ist er?“, rief er seinem Freund zu und sah sich hektisch um. Er hörte Geräusche aus dem Schlafzimmer und rannte dort hin. In der Tür blieb er wie angewurzelt stehen und sah Steffan sprachlos zu. „Hör auf damit, du Arschloch“, schrie er wütend und hinderte Steffan daran, noch mehr aus dem Schrank zu schmeißen. „Benimm dich, oder du fliegst raus, egal was Achim oder du sagen. Das hier ist Daniels Wohnung und wenn du meinst, hier Chaos machen zu müssen, dann lass ich dich von der Polizei wegen Hausfriedenbruchs abholen. Verstanden?“

„Ich glaube, da hat der Herr der Bruchbude auch noch ein Wörtchen mitzureden und ich glaube nicht, das der zustimmen würde, nicht wahr, mein Liebling?“ Steffan sah an Markus vorbei auf Daniel. Es war erstaunlich, wie schnell der nach seinem Beschützer gerufen hatte. Ohne den Mann war der Sänger wirklich völlig handlungsunfähig. Das war interessant zu sehen und ein Fakt, den sie wirklich ausnutzen sollte. Markus musste weg, egal wie.

„Doch, du gehst wieder“, sagte Daniel, wenn auch ziemlich kleinlaut. Jessies Kreationen da auf dem Boden liegen zu sehen und ertragen zu müssen, wie der Idiot darauf herum trat, brach ihm fast das Herz. Eilig kam er hinzu und hob alles auf, schubste dabei auch Steffan wütend beiseite, weil der Mistkerl einfach keinen Platz machte.

„Raus hier, du hast es gehört“, zischte Markus und zerrte Steffan aus dem Zimmer. Er war zwar kleiner als der Bassist, aber nicht schwächer. Er schubste Steffan weiter aus der Wohnungstür, die immer noch offen stand. „Verschwinde und wenn du dir einfallen lässt rumzuschreien und Krach zu machen, bist du fällig. Dann kannst du deinem Liebchen Achim erzählen, warum du für Negativschlagzeilen sorgst. Das wird ihm nicht gefallen.“ Und schon schloss sich die Wohnungstür vor dem Bassisten und ließ ihn allein im dunklen Hausflur zurück.

„Das schöne Hemd“, murmelte Daniel leise und hob das Hemd vom Boden auf. Es war eines der wenigen weißen Sachen gewesen und jetzt waren deutliche Schuhabdrücke drauf zu sehen. Hoffentlich ging das wieder raus. Mit dem Hemd in der Hand kam Daniel in den Flur. Er ahnte, dass das gleich Ärger gab und sah Markus ängstlich an. „Achim rastet aus und schmeißt mich raus.“ Seine Stimme zitterte und er war versucht, die Tür zu öffnen und Steffan wieder rein zu lassen. Doch Markus stand davor.

„Nein, das wird er nicht. Er braucht dich und deine Stimme.“ Markus zog Daniel zu sich, denn sein Freund zitterte am ganzen Leib. „Steffan brauchte einen Denkzettel und jetzt wird er hoffentlich erträglicher.“ Viel Hoffnung hatte er nicht, aber Daniel sollte sich wieder beruhigen. „Kannst du uns einen Kaffee machen, ich rede mit Steffan.“

„Ja, sicher. Aber redet bitte hier drinnen. Das muss echt nicht jeder mitkriegen“, sagte Daniel und rollte die Schultern. Was für ein Tag und es war noch nicht einmal hell. „Es wird immer schlimmer“, murmelte er leise und verschwand in der Küche. Er räumte den Spüler weiter ein und richtete schnell Frühstück her, wollte erst nur für zwei decken, doch dann fand er das unhöflich. Nur weil sich Steffan wie ein Flegel aufführte, musste er das ja nicht auch tun.

Der war im Moment ruhig, aber das hieß nichts. Steffan war wie ein Vulkan, der plötzlich ausbrechen konnte. Gerade stand er mit versteinertem Gesicht und verschränkten Armen vor Markus im Wohnzimmer.

Markus hatte ihn in die Wohnung gelassen und hier rein bugsiert. „Steffan, du bist Gast in Daniels Wohnung, also benimm dich bitte dementsprechend“, erklärte Markus dem Bassisten.

Steffan hob eine Braue. Musste er sich das wirklich geben? Er hatte gehofft, wenn er so zeitig erschien, würde er Daniel allein erwischen , doch er hatte nicht damit gerechnet, dass der goldene Ritter in seiner glänzenden Rüstung so schnell in der Tür gestanden hatte. Man sollte Markus wirklich nicht unterschätzen. „Was laberst du mich eigentlich an? Er wusste doch, dass ich einziehe. Warum sind die Fächer im Schrank nicht geräumt? Warum hat er nicht ein bisschen daran gearbeitet, dass die Bude so aussieht, wie Fans es erwarten? Das hätte alles schon passiert sein können.“ Seine Stimme war ruhig, doch seine Augen blitzten.

„Weißt du, wenn Achim ihm gesagt hätte, dass heute schon die Fotografen kommen, wäre auch alles vorbereitet gewesen.“ Wahrscheinlich wäre es das nicht gewesen, aber das musste Steffan nicht wissen. „Aber da ihr das nicht gemacht habt, wirst du warten müssen, bis Daniel Fächer für dich frei geräumt hat.“ Markus ließ sich von Steffans finsterem Gesicht nicht einschüchtern. „Wo sind die Sachen, die noch hier her sollen. Lass sie liefern und wir dekorieren. Alle zusammen.“

Wieder hob Steffan nur eine Braue. Er fühlte sich gerade wie in einer Therapiestunde. Wo war er denn hier gelandet? „Muss man denn alles mehrfach ankündigen?“, fragte er leicht gereizt und holte tief Luft. „Er weiß seit Montag, was los ist. Und? Ist was passiert? Nichts. Das Zeug ist im Auto. Der Fairness halber bin ich allein hoch gekommen, damit du aus seinem Bett verschwinden konntest und die Deko-Experten euch nicht in flagranti erwischen. Also mach mich nicht an, danke mir lieber.“ Gelassen ließ sich Steffan gegen die Wand sinken.

Auf diese Unterstellung, dass er und Daniel etwas zusammen hatten, ging Markus gar nicht ein. Er wusste eh, dass Steffan das völlig egal gewesen wäre, wenn er sie erwischt hätte. Er ließ sich auch nicht provozieren, als der Bassist Daniel den schwarzen Peter zuschieben wollte. „Gut, dann sollten wir die Sachen hochbringen und dann sehen wir, wie wir sie unterbringen. Aber vorher brauche ich einen Kaffee. Du auch?“

„Richtigen Kaffee oder Spülwasser?“, konnte sich Steffan nicht verkneifen, denn es störte ihn unsagbar, dass Markus die Ruhe bewarte und auch noch nett war. Nicht nur, dass er nach Kompromissen suchte, er kam ihm auch noch entgegen. Das war so nicht geplant gewesen. Dafür war er nicht so zeitig aufgestanden. Wo blieb denn da sein Spaß? Geringschätzig sah er sich im Wohnzimmer um und verdrehte die Augen. „Und dann sehen wir, ob sich hier draus noch was machen lässt, was ein Foto wert wäre.“

„Musst du entscheiden, für was du den Kaffee hältst.“ Markus zuckte mit den Schultern und ging vor in die Küche. „Klasse, Frühstück“, rief er und strahlte Daniel an. So konnten sie den Tag wenigstens halbwegs normal anfangen. Nachher musste er auf jeden Fall noch duschen. Dazu war er gar nicht gekommen, weil die SMS ihn aus dem Schlaf gerissen hatte.

„Dachte mir, das können wir alle brauchen“, sagte Daniel und schloss Steffan da mit ein, ob er sich nun dazu gesellte oder nicht. Er hatte sich wieder etwas beruhigt und die Klamotten hatte er auch wieder in den Schrank geräumt, hatte aber ein paar Fächer für Steffan frei geräumt. Es wäre ihm lieber gewesen, Steffan würde komplett im Wohnzimmer bleiben, doch der hatte mit seinem ersten Weg ja gleich klar gemacht, wo er sich sah. Hoffentlich hielt er sich von Daniels Bett fern. Denn dort wollte er den Kerl bestimmt nicht haben.

Steffan stand in die Tür der Küche gelehnt und beobachtete die beiden.

Markus musste weg, da ging kein Weg dran vorbei. Sobald der Stylist in Daniels Nähe war, war er nicht mehr so leicht zu beeinflussen. Sie mussten sich wirklich was einfallen lassen. Jetzt, wo er hier war, konnte er vielleicht einiges herausfinden, was sie nutzen konnten. Aber erst einmal kam er in die Küche und setzte sich an den Tisch. „Ich möchte Kaffee.“

Daniel, der gerade aufspringen wollte, wurde von Markus wieder auf seinen Stuhl gedrückt. Er zeigte auf den Kaffee und die Pötte auf dem Tisch. „Da Kaffee, da Tasse. Du weißt ja wie es geht.” So weit kam es noch, dass der Kerl sich hier von Daniel bedienen ließ. Das wollte Markus gar nicht erst einreißen lassen.

Steffan wollte schon lospoltern, aber Markus’ Blick hinderte ihn daran. Er sagte deutlich, dass er schneller aus der Wohnung flog, als er sich vorstellen konnte. Darum grummelte er nur leise und nahm sich Kaffee. „Steffan hat einige Sachen unten, die hier hoch sollen, damit wir die Wohnung so dekorieren können, dass es aussieht, als wenn ihr beide hier wohnt.“

„Okay. Holen wir es hoch und verteilen es medienwirksam“, sagte Daniel. Mit Markus an seiner Seite war es plötzlich gar nicht mehr so schlimm. Blieb zu hoffen, dass Markus ihn nicht zu oft mit dem Kerl allein ließ und wie das wurde, wenn Daniel weg musste, weil er Termine hatte, und Steffan hier blieb, wusste er noch nicht. Er hatte ein schlechtes Gefühl dabei, den Mann allein in seiner Wohnung zu lassen. Es war, als würde er ihn sezieren, wenn er die Schränke aufriss und alles durchwühlte. Und dass er das tun würde, stand außer Frage.

„Das machen Steffan und ich nach dem Frühstück. Du bereitest hier alles vor.“ Besser sie teilten die Arbeit ein, damit sie sich nicht gegenseitig behinderten. „Steffan, was hast du alles mit, damit wir wissen, worauf wir uns einstellen müssen?“

„Das, was ich brauche“, entgegnete der Bassist und trank einen großen Schluck Kaffee. Er war zu genießen, doch das würde er nicht zugeben. „Klamotten, Bilder, meine Instrumente. Und weil unser Raphael ja so ein großer Gackt-Fan ist, auch davon reichlich.“ Und das eine oder andere mehr, das würde sich dann noch zeigen. Irgendwie spiegelte Daniels Wohnung nicht das wieder, was die Fans erwarten würden. Also hatten sie auch an die Romantik-Schiene gedacht und Kerzen und andere Gimmicks besorgt.

„Okay, das geht ja noch.“ Markus hatte Schlimmeres befürchtet und Daniel wohl auch, denn der Sänger atmete auf. „Wann genau kommt der Fotograf? Ich will nur wissen, wann ich Daniel hergerichtet haben muss.“ Markus fand es reichlich komisch hier zu sitzen und Smalltalk mit Steffan zu machen, aber so war es ihm lieber, als wenn sie sich bekriegen würden.

„Gegen fünf“, erklärte Steffan kurz angebunden und griff nun doch zu. Die Brötchen sahen lecker aus und er hatte heute noch nichts in den Magen bekommen. Erst hatte er Markus ausladen wollen, doch wenn die Bilder gut werden sollten – und das sollten sie, denn auch Steffans Karriere hing daran – dann brauchten sie einen guten Visagisten und eines musste man Markus lassen: Er war gut.

„Okay, das müsste von der Zeit reichen.“ Markus entspannte sich und lächelte Daniel zu. „Wie viele Gitarren? Mit Ständern? Wenn es nicht mehr als vier sind, kommen sie ins Wohnzimmer, da wirken sie am besten. Vielleicht in die Ecke, links neben dem Fenster“, überlegte er laut und sah Steffan an.

„Wegen mir. Das letzte Wort haben sowieso die Innenausstatter. Die Mädels werden schließlich dafür bezahlt“, sagte Steffan, weil er es nicht haben konnte, wenn jemand anderes außer ihm das letzte Wort hatte. „Und tu mir einen gefallen, Raphael“, dabei lehnte er sich weit zu seinem Gastgeber, „Pack die peinlichen Liebesromane und die Comics weg. Ein bisschen Imagepflege schadet nicht.“ Sie hatten auch an Bücher und CDs gedacht. Vorrangig japanisch.

„Meine Comics? Warum das? Die Japaner lieben so was?“, warf Daniel ein, aber seine Stimme war nicht so bestimmend, wie er gehofft hatte. „Und Liebesromane hab ich nicht.“ Er versteckte sich hinter seiner Tasse und schielte zu Markus. „Was hier raus soll, packen wir in Kisten und lagern es im Keller ein, da passiert deinen Sachen nichts.“

„Ja, kleine Mädchen stehen auf die Dinger. Ich glaube allerdings nicht, dass sie so was bei dir sehen wollen. Wenn sie dich weiterhin auf Händen tragen sollen, gib ihnen, was sie erwarten. Wozu schicken wir dich in den Chat und in den Blog, Junge. Mach die Augen auf, lies was da steht. Deine Arbeit hat Veronica für dich gemacht. Sie hat die kleinen Fantasien deiner Fans gesammelt, gehortet und so werden die Zimmer auch hergerichtet.“

Daniel seufzte. Was hatte er auch erwartet? Dass Steffan ohne Tiefschläge und Frechheiten auskam? Dass er ihn selbst hier noch Raphael nannte, korrigierte Daniel schon gar nicht mehr. Es hatte ja doch keinen Sinn. „Sie soll Fotos machen, wie es vor ihrem Eingriff ausgesehen hat, denn so will ich es hinterher wieder haben.“

„Wegen mir.“ Steffan zuckte mit den Schultern. Ihm war doch egal, was mit der Wohnung passierte, wenn er hier endlich wieder weg konnte. Er war unzufrieden, aber noch hielt er sich zurück. Er musste Daniel alleine erwischen, damit er Druck auf ihn ausüben konnte. Er konnte warten, denn er blieb ja erst einmal hier. Inzwischen sammelte er Informationen, die sie später noch gebrauchen konnten.

„Gut“ Daniel nickte zufrieden und griff sich noch ein Brötchen, bemerkte sehr wohl die gehobene Braue des Bassisten und legte sich aus trotz zwei Scheiben Frischkäse drauf. So weit kam es noch, dass er sich die Happen abzählte. Er sah aus wie er aussah, er würde sich weder kaputt machen noch krank hungern. Zum Glück passte da auch Markus auf und der grinste mit gesenktem Kopf, als er Daniels Reaktion bemerkte. So war er eben. Es wäre schön, wenn der Sänger auch bei anderen Dingen so stur war. Aber Markus war nicht gierig. Schritt für Schritt änderte sich Daniel in seinem eigenen Tempo.

Der Rest des Frühstücks verlief friedlich und schließlich stieß Markus Steffan an. „Lass uns alles hoch bringen. Soll Daniel deine Klamotten einräumen, oder möchtest du das selber machen?“

„Finger weg von meinem Zeug. Da bin ich eigen“, sagte Steffan gleich und stellte klar, wie der Hase zu laufen hatte. Daniel verkniff es sich, ihn darauf aufmerksam zu machen, wie Steffan mit seinen Klamotten umgegangen war. Das brachte nur wieder böses Blut. Das war es nicht wert.

„Na los.“ Steffan erhob sich und wartete gar nicht auf Markus. Der würde schon folgen. Daniel sah ihm hinterher, als er schon durch die Wohnungstür war. „Ging ja bis jetzt, oder?“, murmelte er leise und sah Markus fragend an. Ihm war mulmig.

„Ja, so weit, so gut.“ Markus lächelte und wuschelte Daniel durch die Haare. Er wollte seinen Freund nicht noch mehr verunsichern, aber er glaubte nicht, dass Steffan das, was heute passiert war, einfach so ruhig hinnahm. Er suchte nach einer Gelegenheit ihnen das heimzuzahlen. „Ich geh ihm mal nach, nicht dass er durch den Hausflur nach mir brüllt.“ Er grinste schief und lief die Treppe runter. Mal sehen, was Steffan alles mitgebracht hatte.


11



Vor der Tür stand ein Mercedes Sprinter und daran lehnten zwei junge Damen mit Kaffeebechern in der Hand. Markus hatte sie schon gesehen, kannte sie flüchtig und nickte ihnen zu. Steffan war schon auf der geöffneten Ladefläche verschwunden. Es rumpelte, es fluchte und endlich stiegen auch Fahrer und Beifahrer aus, die die Sachen mit nach oben tragen sollten. Dann erst begriff Markus, dass die jungen Damen separat angereist waren mit dem kleinen Smart. So blieb zu hoffen, dass die Kerle wieder verschwanden, wenn das Zeug oben war und Daniel nicht übermäßig viele Fremde in seiner Bude hatte. Er wusste doch ganz genau, wie unbehaglich Daniel das war.

Bevor er sich etwas aus dem Transporter nahm, ging Markus zu den beiden Damen und bat sie doch schon mal hoch zu gehen und Fotos von der Wohnung zu machen, wie sie jetzt war, damit sie später wieder so hergerichtet werden konnte. Sie nickten und machten sich gleich auf den Weg. Er selber holte sich eine Kiste mit allerlei Deko-Kram und trug sie nach oben. Da sie offen war, konnte er den Inhalt ein wenig studieren. Er hatte Schlimmeres erwartet, als schlichte Kerzen und optisch ansprechende Bücher. Vielleicht wurde das gar nicht so schlimm wie erwartet.

Als er oben war, ging Daniel gerade mit den beiden durch die Wohnung und sie machten die Fotos. Sie schienen von dem jungen Mann sehr angetan und lasen ihm seine Wünsche förmlich von den Augen ab. Markus grinste. So war das von Steffan sicherlich nicht geplant, aber das konnte für sie nur förderlich sein. Denn ein wenig wohl sollte sich Daniel hier fühlen, auch wenn es nur Show war, die nach dem Shooting wieder abgebaut wurde.

Markus hielt sich nicht lange oben auf und ging gleich wieder runter. Der Wagen war noch voll. Je eher sie alles oben hatten, umso schneller konnten sie anfangen. Es gab zwar einige Dinge, die ihm überhaupt nicht gefielen, aber die meisten Dinge, die in die Wohnung gebracht wurden, waren akzeptabel. Zwar nicht Daniels Stil, aber nicht so schlimm, dass man sich schütteln musste. Das hatte er bei Steffan und Achim nicht erwartet. Aber sicherlich ging es denen auch hauptsächlich darum, dass Raphael in dem Licht stand, in dem seine Fans ihn haben wollten.

Während er dreimal gelaufen war, hatte Steffan genau eine Kiste nach oben getragen. Den Rest überließ er gern den anderen und blieb lieber bei Raphael, um lenkend einzugreifen, falls das nötig war.

„Wird Bad und Küche auch angepasst?“, fragte Daniel vorsichtig und die beiden Frauen nickten synchron. „Einheitlicher Stil“, erklärten sie knapp und machten im Bad die letzten Bilder. Dann konnte es losgehen.

Große Kartons wurden gefaltet und geklebt und ein riesiger Sack mit Füllstoff stand im Flur. Sie fingen an zu sortieren, was bleiben konnte und was vorerst entfernt werden sollte.

Eine der Damen nahm sich das Wohnzimmer vor und Markus blieb bei ihr. So konnte er vielleicht einige Dinge retten, die Daniel wichtig waren. „Die Bilder müssen runter“, war auch gleich die erste Aktion, aber das war Markus klar gewesen, denn die Bilder zeigten Daniels Familie. Damit ihnen nichts passierte übernahm Markus es selber, sie einzupacken, denn Daniel hing an ihnen. Der sah etwas wehmütig dabei zu, wie seine Eltern und seine Schwester in der Kiste verschwanden. Im Stillen schwor er ihnen, dass es nur zu aller Besten war.

Mit mehr Interesse beobachtete Daniel, wie die Möbel leicht verrückt wurden, um Platz für die Bässe zu schaffen, die in Ständern verteilt wurden. Ein weißer wurde allerdings zurückbehalten, der sollte ins Schlafzimmer. „Latsch dagegen und du bist die längste Zeit ein Kerl gewesen“, zischte ihm Steffan ins Ohr und Daniel zuckte. Er hatte den Kerl völlig vergessen gehabt, wie peinlich.

„Dann pack ihn nicht in den Weg“, knurrte Markus zurück. Steffan sollte sich ja nicht einbilden, dass er von der Leine genommen war. Der Rest der Bässe kam in die Ecke, neben dem Fenster, die Markus schon für sie vorgeschlagen hatte. Daniel guckte seine Bücher durch und schaffte so Platz für die Gackt Bildbände. Die Manga verschwanden in der Kiste, doch ein paar ließ Victoria absichtlich liegen. Ausgerechnet die, die Daniels Schwester letztens hier vergessen hatte und er wurde rot. Was dachten die denn jetzt, wenn da Manga von Yuuka Nitta lagen? Allein die Cover waren schon verfänglich, aber für ein schwules Pärchen wohl geradezu ideal. Daniel seufzte und ließ sich auf einen Sessel fallen, sah dabei zu wie Gackt seine Wohnung übernahm. Gerahmte Bilder neben Daniels eigenen goldenen Schallplatten. CDs und DVD, vereinzelt in Edelstahlständern präsentiert. Das wurde ja ein richtiger Altar. Irgendwie machte man ihn gerade zu dem, was er selbst nicht mochte.

„Das ist ja 'ne Menge“, murmelte Markus, als er sich die vielen goldenen Schallplatten ansah. Allein, wenn man die verkauften Platten, die dahinter standen nahm, musste einem eigentlich klar sein, dass da eine Menge Geld mit verdient wurde. Nur Daniel hatte diese Gedanken anscheinend nicht. Aus irgendeinem Grund glaubte er Achim, den er eigentlich nicht leiden konnte, jedes Wort. Hätte der den Weltuntergang gepredigt, Markus war sicher, Daniel hätte sich in einen Vulkan geworfen, um dem zu entgehen. Es war beängstigend.

„Hier, fürs Schlafzimmer“, sagte Victoria und drückte Anne eine Packung Kondome und Gleitmittel in die Hand.

Daniels Gesicht versteinerte. Das war jetzt nicht wirklich passiert, oder? Er sprang auf und folgte Anne. „Hey. Was soll das denn?“, wollte er mit überschlagener Stimme wissen. War das nicht etwas übertrieben?

„Äh…“ Anne sah Daniel erschrocken an. „Ihr seid ein Paar, da ist es ja wohl normal, dass ihr so etwas habt und auch benutzt“, erklärte sie hastig und legte alles auf dem Nachttisch ab. Ihr wäre es auch nicht recht, wenn das ihre Wohnung wäre, aber sie hatte nun mal den Auftrag, alles herzurichten, egal was der Wohnungsbesitzer dazu sagte.

„Aber das muss doch nicht da liegen!“, sagte Daniel und konnte nicht vermeiden, dass er hysterisch klang. Sehr zu Steffans Amüsement. „Kein normaler Mensch lässt das so offen liegen, wenn er weiß, dass Fotografen kommen. In den Nachtschrank wegen mir, aber doch nicht da!“

„Schatz, so oft wie wir das brauchen, lohnt sich das wegräumen nicht“, lachte Steffan und lehnte grinsend in der Tür, die Arme vor der Brust verschränkt. Daniel sah ihn entgeistert an.

Selbst Markus konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, das er aber versteckte. Daniel war aber auch zu niedlich in seiner Panik. Manchmal war Steffan nicht ganz das Arschloch wie sonst und hatte sogar Humor. „Ihr geltet als sexuell sehr aktives Paar, da….“ Anne wurde rot und lief aus dem Raum. Das war ihr alles ziemlich peinlich.

„Sexuell sehr aktives Paar!“, brüllte ihr Daniel entrüstet hinterher und amüsierte dabei Steffan um so mehr. Er war hoch rot, wusste noch nicht ob vor Scham oder vor Wut und dann sah er Steffan an. „Wie kommt irgendjemand darauf, so was zu behaupten? Das ist doch Schwachsinn. Ich... ich!“ Daniel holte tief Luft und rauschte ab. War er denn hier in einer offenen Psychiatrie?

„Sexuell unerfahren?“, fragte Steffan Markus und nickte dem flüchtenden Daniel hinterher.

„Woher soll ich das wissen?“ Markus zuckte mit den Schultern und zeigte auf den offenen Schrank. „Pack lieber deine Sachen weg. Das ist wichtiger.“ Er musste mit Daniel reden und das musste Steffan nicht unbedingt mitkriegen. Markus ging durch die Wohnung und fand seinen Freund in der Küche. Er legte ihm von hinten die Hände auf die Schulter und drückte leicht zu. „Lass dich doch nicht ärgern. Sollen die Fans doch von Raphael denken, was sie wollen.“

Erst schoss Daniel herum, doch dann sah er Markus abschätzend an. Er hatte Recht. Es sollte ihm egal sein, welches Bild von Raphael gezeichnet wurde. Doch das war es nicht. Das hier war nicht Raphaels Reich, das war seine kleine Burg, seine Festung, in die einfach eingedrungen und die entweiht wurde. „Es ärgert mich aber, das Zeug da rumliegen zu haben. Ich werde nur noch auf Äußerlichkeiten reduziert. Der Gesang tritt immer weiter in den Hintergrund.“

„Ja, das stimmt leider. Das Konzert letztens war seit langer Zeit mal wieder eine Gelegenheit zu singen und in den nächsten Monaten sind auch nur ein paar geplant.“ Daniel begann umzudenken und Markus wollte ihn darin etwas bestärken, dass Achim nur Geld scheffeln wollte und ihm Daniel vollkommen egal war.

„Ich weiß echt nicht, was der ganze Scheiß soll. Noch weniger verstehe ich, was meine Art zu leben und zu wohnen damit zu tun hat, ob ich singen kann oder nicht. Anstatt nach mehr Musik zu brüllen, fordern sie Details von Gabriel und mir, wollen Fotos, Autogrammstunden. Ich verstehe das alles nicht.“ Daniel schüttelte den Kopf und guckte dabei zu, wie Anne weiter Zeug ins Schlafzimmer schleppte und die Wäsche abzog, um schwarze Seide aufzuziehen. Daniel schüttelte sich, er hasste es, in Seide zu schlafen. Das lud sich so auf und war viel zu glatt. Er schwitzte dann wie verrückt. Das Schlafen war eine Qual.

„Damit lässt sich haufenweise Geld scheffeln. Die Fans geben viel Geld aus, um sich ihrem Idol näher zu fühlen.“ Es war wohl ganz gut, dass der Sänger endlich einmal mitbekam, was hier gespielt wurde. „Da ist eine Homestory der Renner. Man wird sie Achim aus den Händen reißen.“

„Es geht mir nicht um das Geld, Markus“, sagte Daniel leise und nahm sich noch einen Kaffee. Er war kalt und bitter, in seiner aktuellen Gemütslage genau das richtige. „Ich frage mich, ob bei den Fans das Äußere und das Drumherum mehr zählt als die Stimme. Es schockiert mich.“ Daniel schüttelte sich, der Kaffee war eklig.

„Das weiß ich, Daniel.“ Markus nahm Daniel die Tasse aus der Hand und küsste ihn auf die Schläfe. „Fans sind ein komisches Volk. Das haben wir doch schon festgestellt.“ Er drehte ein wenig mit dem Finger vor seiner Stirn und grinste. „Aber sie sind auch diejenigen, die dich singen hören wollen.“

Daniel lächelte. „So lange sie noch zu den Konzerten kommen, weil sie mich hören wollen, solange ist mein Glaube an sie noch nicht zerstört.“ Mehr Sorge machte ihm, wie viel von Raphael preisgegeben wurde und wem er damit vielleicht in die Hände spielte. Luzifer zum Beispiel. Ohne etwas dagegen tun zu können, breitete man Raphael vor allen aus. Jeder durfte sich nehmen, was er wollte. Bilder, Informationen, Nähe.

„Und? Haben wir uns wieder?“, hörte man Steffan. Er lehnte, wie schon öfter, in der Tür. Er langweilte sich. Die Frauen ließen sich nicht reinreden, Daniel war verschwunden und weil er mit sich selbst nichts anfangen konnte, suchte er wieder die beiden anderen.

„Sicher“, antwortete Markus für Daniel. „Wie weit sind die Mädels?“ Eigentlich wollte er das gar nicht wissen, aber vielleicht war Steffan erträglicher, wenn er was erzählen konnte.

Aber der zuckte nur mit den Schultern. „Steht noch einiges rum, was untergebracht werden muss. Aber die ersten Kisten könnten in den Keller. Dann wird der Überblick leichter.“ Steffan sah gar nicht ein, dass er sich den Rücken kaputt machen sollte mit Raphaels Zeug. Das durfte die Singdrossel schön alleine erledigen.

„Okay“, sagte Daniel auch und wollte sich gleich nützlich machen, schließlich waren das seine Wertsachen. Nicht auszudenken, wenn die Steffan zufällig die Treppe runter fielen.

„Nix da“, rief Markus ihm hinterher und lief Daniels hinterher. „Du wirst keine Kiste schleppen. Denk an deinen Rücken“, sagte er streng und nahm die erste Kiste auf. „Kümmere du dich mit den Mädels um die Deko. So kannst du verhindern, dass sie das Wohnzimmer vollkommen mit unnützem Kram voll müllen.“

„Öh – ja.“ Daniel ließ die Finger von der Kiste und ging beiseite, unter Steffans prüfendem Blick.

„Und wenn du willst, dass euer angebliches Liebesnest filmreif ist, hilf mir, die Kisten in den Keller zu bringen“, forderte Markus Steffan auf, auch wenn er wusste, dass der ihm nur den Vogel zeigen würde. Doch Steffan sollte nicht glauben, dass er hier außen vor gelassen wurde. Auf der einen Seite zog er sich auf den Status Gast zurück, auf der anderen führte er sich auf wie der Eigentümer. Schüchtern sah Daniel zu Steffan, doch der tat, als hätte er nichts gehört.

„Du kannst das nicht alleine machen, ich helfe dir“, sagte der Sänger also, weil sich sein neuer Mitbewohner nicht zuckte.

„Nein, ich mach das schon. Behalte du die Bande hier im Auge und halt sie von weiteren Peinlichkeiten ab.“ Markus grinste und drückte Steffan einfach seine Kiste in die Hand. Da waren Bücher drin und Steffan konnte nicht viel anrichten, wenn er sie fallen ließ. „Los hilf mit, schließlich haben wir deinen Kram auch hoch getragen.“

„Bin ich euer Packesel, oder was? Das kann ja wohl nicht war sein.“ Steffan war von der Idee offensichtlich nicht begeistert. Aber er blieb einem wie Markus ungern etwas schuldig. Das war der einzige Grund, warum er ihm in den Keller folgte, um die Kiste loszuwerden.



„Ist der andere dein richtiger Freund?“, fragte derweil Anne, die zusammen mit Daniel im Bad weiter machte. Sie organisierte neu, sortierte um und mistete aus. Sie versuchte eine klassische Linie und weniger Farbe hinein zu bringen. Daniel sah sie fragend an und verstand nicht gleich. Doch als der Groschen gefallen war schüttelte er den Kopf. „Wir sind nur Freunde. Er ist für mich da, wenn ich ihn brauche. Das ist alles.“

„Mehr nicht? Da hatte ich aber einen anderen Eindruck. Hab ich mich wohl getäuscht.“ Anne lachte und legte den Kopf schief. „Dann kann ich es ja mal versuchen. Er ist ja schon schnuckelig.“ Markus hatte bei ihr wohl Eindruck hinterlassen und Anne geriet ins Schwärmen. „Er ist nett, sportlich, nicht zu groß, sieht gut aus und hat einen knackigen Hintern. Einfach ideal.“

Daniel zog die Brauen zusammen und lächelte gequält. Was sollte er denn dazu jetzt sagen? Eigentlich gefiel ihm die Idee gar nicht, dass Markus eines Tages jemanden finden würde und dann keine Zeit mehr für ihn hatte. Doch er war nicht egoistisch und so nickt er. „Versuch dein Glück, soweit ich weiß, ist er beiden Geschlechtern nicht abgeneigt.“ Dann wandte er sich um und verschwand in der Küche, da herrschte noch das größte Chaos und der Spüler gluckerte leise vor sich hin.

Das Wohnzimmer war so weit fertig und die letzten Kisten auf den Weg nach unten, wie er mit einem schnellen Blick festgestellt hatte. Was wollten die nur in der Küche verändern? Sie war praktisch eingerichtet. Er mochte es nicht, wenn da alles Mögliche rum stand, denn das wurde durch die Küchendünste doch nur ständig fettig und man musste alles abwischen.

Er war überrascht, dass Anne ohne zu murren anfing aufzuräumen. Sie sortierte noch ein paar der kitschigen Kaffeebecher mit blöden Sprüchen aus, auch seine Nici-Tasse mit dem Schaf drauf. Alles wurde gut verpackt. Dafür wurden schlichte Tassen und Gläser in die Schränke geräumt. Auf eine Ecke der Arbeitsplatte stellte Victoria drei unterschiedlich große Stumpfkerzen zu einem Arrangement auf. Das gleiche tat sie auf dem Glastisch. Er wurde noch einmal poliert und die Decke, die Daniel ständig drauf hatte, damit er nicht dreckig wurde, ließ sie einfach weg. Das machte mehr her. Doch auch die Küche kam nicht ganz ohne Gackt aus.

„Vor dem bin ich wohl nirgendwo sicher“, seufzte Daniel. Er war kein Fan des Sängers und selbst wenn, musste er nicht überall dessen Gesicht rumhängen haben. Aber es gab Schlimmeres und für eine überschaubare Zeit ließ es sich aushalten. „Du hast genug gemacht. Mach 'ne Pause, um den Spüler kümmere ich mich“, bestimmte er, als die Spülmaschine fertig war. Da konnte Markus wegen seinem Rücken nicht meckern. Schnell war das Geschirr verräumt und die letzte Kiste durfte auch noch in den Keller. Dann holte Daniel tief Luft.

„Ich hab hier noch ein paar Kunstblumengirlanden, klingt schlimmer als es ist“, sagte Victoria gleich, weil sie Daniels Augen immer größer werden sah. Sie holte die Girlanden aus der Tüte und drückte sie Daniel in die Hand. Dabei erklärte sie, wo sie die als Blickfang hinpacken wollte und Daniel war damit einverstanden. Es sah wirklich nicht so übel aus, wie es klang, denn es war rein grün, ohne kitschige Blüten wie Rosen oder Margariten.

„Hübsch“, hörte Daniel auf einmal hinter sich und drehte sich erschrocken um. In der Tür stand Markus und begutachtete die Küche. „Das könnte man sogar so lassen“, murmelte er leise und nickte anerkennend. Die Frauen hatten wirklich gute Arbeit geleistet. „Möchte jemand Kaffee?“, fragte er in den Raum. Er selber konnte auf jeden Fall einen gebrauchen.

„Wehe du machst hier irgendwas dreckig“, schoss Anne gleich warnend zurück. Sie ließ es sich doch nicht zweimal sagen, dass der Kerl noch Single war. Warum also nicht ein bisschen flirten? „Dann will ich dich auf den Knien sehen, wie du hier putzt. Ich mach das bestimmt nicht noch mal.“ Sie grinste ihn frech an, suchte aber schon mal Tassen für alle.

„Auf den Knien?“, fragte Markus mit hochgezogener Augenbraue und grinste. „Aber da besteht wohl keine große Gefahr. Ich koche seit Jahren unfallfrei Kaffee.“ Er bestückte die Kaffeemaschine und stellte sie an. „Kein Krümel“, lachte er und grinste Anne an.

Daniel beobachtete die beiden mit gemischten Gefühlen und sonderte sich ein wenig ab. Er wollte zum einen nicht im Weg sein, zum anderen wollte er sich das eigentlich auch nicht antun. Also verschwand er im Schlafzimmer und wollte sehen, was sich dort alles verändert hatte. Die Bettwäsche hatte er schon registriert, die Kondome lagen leider immer noch da, wo sie verlassen worden waren. In der Ecke vor dem Schrank stand der weiße Bass und sah vor dem schwarzen Schrank wirklich gut aus. Musste man zugeben.

Er hatte sich wohl viel zu große Sorgen gemacht, denn die Wohnung war immer noch seine Wohnung, mit ein paar Veränderungen. Neugierig auf den Bass, den er ja nicht beschädigen durfte, ging Daniel näher dran. Er sah aus wie jeder Bass. Was war daran nur so besonders, dass Steffan so reagiert hatte? Hatte er mal einer Berühmtheit gehört? Er war so in seine Betrachtungen vertieft, dass er nicht mitbekam, dass Markus mit einer Tasse Kaffee zu ihm kam. „Hier bist du. Alles klar, Daniel?“

„Ja, geht schon“, sagte Daniel und blickte über seine Schulter zu Markus. Dabei fiel sein Blick auf Anne, deren Augen wohl Markus gefolgt waren. Sie grinste und Daniel senkte den Blick. Er wollte gar nicht wissen, was sie jetzt dachte. „Alles in allem kann man damit leben, im Wohnzimmer ist mir der Gackt-Kult etwas zu intensiv, aber so muss das wohl sein, wenn er mein großes Vorbild ist. Nur das da stört mich.“ Er deutete auf die Kondome. Damit konnte er sich einfach nicht anfreunden, vor allem, weil er nicht wusste, was der Rest der Welt dann von ihm dachte. Küsse auf der Bühne waren noch etwas anderes als Sex in der eigenen Wohnung.

„Dann räum sie doch einfach weg. Es ist deine Wohnung und nicht jeder hat seine Kondome auf dem Nachttisch liegen. Wenn nachher alle weg sind, steck sie in die Schublade.“ Markus sah das nicht so dramatisch. Es gab wirklich wichtigeres, als ein paar Kondome. Er gab Daniel die Tasse und drehte sich wieder um. Er wollte noch die letzte Kiste runter bringen.

„Hm“, machte Daniel, doch es war mehr als nur ein Laut. Es war das Schwanken zwischen Gehorsam und Rebellion. Sich Achim und Steffan zu widersetzen kam für ihn eigentlich nicht in Frage, denn sie waren diejenigen, die dafür sorgten, dass er singen durfte. Doch er konnte sich doch nicht so in die falsche Ecken drängen lassen, dass er sich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen konnte. Er wollte nicht an seiner Sexualität oder seiner Wohnung festgemacht werden, er wollte weder angehimmelt werden, weil er aussah wie er aussah, noch wollte er Star in sogenannten Fanfiktion sein, die mittlerweile im Netz über ihn kursierten. Er hatte ein paar davon angelesen und sich geschüttelt. Was dichteten ihm seine Fans da an? Waren das wirklich Fans?

Wieder einmal fing er an zu zweifeln. Das war nicht gut. Konnte er das alles hinnehmen, weil er singen durfte? Daniel sah sich um und wusste es nicht. Singen war mittlerweile nur noch ein kleiner Teil seines Alltags. Dafür gab es umso mehr Fotoshootings, Interviews, Autogrammstunden und Chatstunden. Das hatte alles nur etwas mit der Kunstfigur Raphael zu tun, aber nicht mit ihm. Er selber wurde dabei immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Daniel schüttelte den Kopf und seufzte. Was sollte er nur machen? Sein Blick ging wieder zu den Kondomen, aber er ließ sie, wo sie waren. Das entschied er später.


12

„Ich hab Achim gesagt, dass wir fertig sind. Er versucht in einer Stunde mit dem Fotografenteam und der Reporterin da zu sein. Mach ihn fertig.“ Steffan stand in der Küche, ließ seinen Spruch ab und ging davon aus, dass derjenige, der gemeint war, schon wusste, dass er zu reagieren hatte. Dann verschwand er bei seinen Bässen im Wohnzimmer, bei ihnen konnte er sich immer noch am ehesten sammeln. Er musste sein Bestes geben, wenn das Team da war und dafür sorgen, dass Raphael ihn nicht ausstach. Er war Mittel zum Zweck und mehr sollte er nicht werden. Es reichte schon, dass um den Kerl so viel Bohai gemacht wurde. Das musste nicht noch zunehmen.

Markus kam auch gleich zu Daniel, denn eine Stunde war knapp. „Okay, auf den Stuhl mit dir, wir fangen an.“ Es lief ab wie immer und nach und nach verwandelte Daniel sich in Raphael. „Ich bleibe nachher hier, wenn die Fotografen da sind, wenn du das möchtest.“

„Blöde Frage, sicher möchte ich das. Du kannst mich doch mit den beiden nicht alleine lassen“, sagte Daniel leise, denn Steffan musste ihn ja nicht unbedingt hören. Es war zwar kein Geheimnis, dass man sich nicht grün war, doch es offen auszusprechen wagte Daniel eigentlich nicht.

„Da sitzt jeder Handgriff, hm?“

Daniel erschrak, er hatte Anne und Victoria völlig vergessen, die Markus fasziniert dabei zu sahen, wie aus einem unscheinbaren blonden, jungen Mann der Traum von tausdenden junger Mädchen wurde.

„Ich mach das ja auch mehr oder weniger täglich. Da sollte das sitzen“, lachte Markus, sah aber nicht zu Anne rüber, sondern konzentrierte sich auf seine Arbeit. Eigentlich fragte er sich, warum die beiden Frauen überhaupt noch da waren, denn ihre Arbeit war erledigt. Er mochte es gar nicht, wenn so viele Leute um ihn herumwuselten.

„Wo hast du das eigentlich gelernt?“ Anne hatte nicht vor, das Gespräch abbrechen zu lassen und Daniel seufzte innerlich. Er war doch selber schuld, er hatte sie ermutigt. Sie tat nur, was er vorgeschlagen hatte. Dafür verfluchte er sich jetzt. Doch er starrte geradeaus und hoffte, dass endlich alles vorbei war.

„Gar nicht.“ Markus sah kurz zu Anne und grinste. „Ich bin eigentlich Choreograph, aber oft gab es keine Stylisten, also hab ich damit angefangen. Learning by doing eben. Später hab ich dann noch ein paar Kurse belegt.“ Er drehte sich wieder zu Daniel und verdrehte die Augen, ohne das Anne davon etwas mitbekam. So brachte er seinen Freund zum lachen. Endlich mal wieder. Das hatte er heute noch nicht getan.

„Ich krauche aber bestimmt nicht in eines der schweren Bühnenkostüme. Ich such was legeres für zuhause raus, oder?“ sagte Daniel und suchte Markus’ Zustimmung. Er war unsicher. Er wusste, was von ihm erwartet wurde, doch so gern er Jessies Entwürfe auch hatte und so toll sie aussahen, viele davon waren auf die Dauer unbequem – Showklamotten eben.

„Sicher. Es wäre doch nicht realistisch, wenn du Zuhause deine Bühnenklamotten trägst. Ich wäre für eine Lederhose und ein Shirt.“ Markus war da vollkommen Daniels Meinung und die würde er auch vor Achim vertreten, wenn der wieder anfing Stress zu machen. Steffan würde bestimmt auch was Bequemes anziehen. Allerdings wies der Markus auf seinen Platz. „Das, lieber Markus, sollten die Leute entscheiden, die die Story machen wollen. Ich glaube, die haben etwas mehr Erfahrung als du und sie wissen, was sie sehen und verkaufen wollen. Also, vorsichtig mit deinen Äußerungen.“ Steffan war sowieso angebrannt. Nicht nur, dass er sich seit heute Morgen hier herum drücken musste, er hatte auch noch keine Chance gehabt, Daniel mal so richtig eine rein zu würgen und ihn wieder auf Spur zu bringen. Dieser Visagist lag ihm quer im Magen – ganz schön quer.

„Okay.“ Markus zuckte mit den Schultern und beachtete Steffan nicht weiter. Innerlich brodelte es in ihm, aber das ließ er sich nicht anmerken. Den Triumph wollte er dem Bassisten bestimmt nicht gönnen. „Dann lass noch das an, was du jetzt anhast, wenn wir noch warten sollen.“ Er nickte Daniel zu, dass er fertig war.

Schnaubend rauschte Steffan zum Fenster. Er konnte die beiden nicht mehr ertragen. Wo blieb denn Achim nur? Was er ihm hiermit angetan hatte, konnte der Mistkerl doch gar nicht wieder gut machen. So viele Nullen konnten gar nicht auf einem Scheck sein, um sich das hier länger als einen Tag anzutun. Und hier sollte er die nächsten Wochen wohnen? Mit den beiden wurde er noch wahnsinnig. Er musste mit Achim reden – schleunigst, denn Markus musste weg. Sie brauchten einen Vorwand! Dringend.

Er musste noch ein wenig warten, bis er Achims Wagen unten vorfahren sah und grinste. Zu zweit mussten sie es doch schaffen, den bekloppten Pinselschwinger in Schach zu halten. Steffan stieß sich vom Fenster ab und ging Richtung Tür. Die Fotografen waren auch da, wie er gesehen hatte. Jetzt konnte die Show beginnen. Er ging nach unten, Achim entgegen und Daniel beobachtete das mit gemischten Gefühlen. Ihm war noch unwohler, als Steffan und Achim erst einmal alleine zurück kamen.

„Ladys, ich danke euch. Aber weil es jetzt eng wird, würde ich euch bitten zu gehen.“ Achim lächelte gewinnbringend und wartete die zwei Minuten, bis die beiden sich verabschiedet hatten und zur Tür raus waren. „Und jetzt zu dir, Sternchen. Sind diese Klamotten dein Ernst? Ist das der erste Eindruck, den du hinterlassen willst?“ Das durfte doch jetzt nicht Raphaels Ernst sein. „Wozu hast du einen Stylisten, wenn der dich so rumlaufen lässt. Der ist doch sein Geld nicht wert.“

Daniel wurde blass und Steffan grinste sehr zufrieden. So musste das laufen.

„Könnt ihr beiden euch mal entscheiden? Ich wollte Daniel umstylen, aber Steffan war der Meinung, dass wir auf die Fotografen warten sollen, damit die entscheiden, was die Fans sehen wollen.“ Markus ließ sich nicht provozieren und lächelte bei seinen Worten. Wenn man nicht wusste, wie es in ihm aussah, konnte man meinen, dass es scherzhaft gemeint gewesen war. „Sobald ich weiß, was sie wollen, mache ich Daniel fertig.“

„Pass auf, was du sagst, Fratzenmaler, sonst hast du ziemlich schnell ein Probl...“

„Ruhe!“ Daniel hielt das nicht mehr aus. Er stand zwischen den Fronten und je mehr er sich herausnahm, je mehr er sich verweigerte, umso mehr rutschte Markus in den Fokus. Das durfte so nicht laufen! Also erhob sich der Sänger und sah Achim offen an. „Was soll ich anziehen?“, wollte er wissen und ließ sowohl Markus als auch Steffan links liegen. Steffan war die Energie des Aufregens nicht wert und Markus musste erst einmal wieder aus dem Fokus rutschten.

Der sah Daniel entgeistert an, aber griff auch nicht ein, denn darauf warteten Achim und Steffan nur. Er sollte die nächste Zeit vorsichtig sein und nicht provozieren. Man wollte ihn loswerden, das wurde ihm jetzt klar.

„Bühnenoutfit, was denn sonst. Glaubst du, deine Fans wollen dich in Schlabberklamotten sehen?“, blaffte Achim. „Etwas aufreizendes, damit deine Fans sich freuen.“

„Hm“, machte Daniel und verschwand im Schlafzimmer. Er machte die Tür zu und lehnte sich erst einmal schwer atmend dagegen. Es war die Hölle und er tanzte auf dem Vulkan. War das Singen es wirklich wert, dass er sich so demütigen ließ und dass Markus kuschen musste, um bei ihm bleiben zu können? War es das?

Einmal mehr fing er an zu zweifeln, doch wenn er sich erinnerte, wie es war auf der Bühne zu stehen, wenn Tausende seinen Namen riefen, lauschten und die Texte mitsangen – unbeschreiblich. Und so stieß er sich von der Tür ab und ging zum Schrank, während Achim nach unten ging, um die Fotografen zu holen.

Es klopfte leise an der Tür und Markus kam zu ihm in den Raum. „Es tut mir leid“, sagte der Stylist und sah seinen Freund entschuldigend an. „Ich wollte nicht, dass Achim dich wieder so runtermacht. Ich werde meine große Klappe demnächst im Zaum halten, damit wir die Zeit, wo Steffan hier rumlungert, ohne große Katastrophen hinter uns bekommen.“

„Schon okay.“ Daniel lächelte schief und suchte sich Klamotten, die bei Fotos aus der Nähe gut wirkten. Er hatte schon so viele Shootings hinter sich gebracht, dass er von jedem Kleidungsstück wusste, wie es auf Fotos aussah. „Früher oder später wäre er sowieso explodiert. Jetzt konnte er Strom ablassen, vielleicht wird er jetzt ruhiger.“ Nicht dass Daniel wirklich die Hoffung hatte, doch man konnte sich das ja einreden, wenn es half.

„Wollen wir es hoffen.“ Markus sah das genauso wie Daniel, aber es ließ sich nicht ändern. Das einzige, was er noch machen konnte, war in der Nähe zu bleiben und Daniel Rückendeckung durch seine Anwesenheit geben. Er blieb nicht, bis Daniel sich angezogen hatte, sondern ging zurück ins Wohnzimmer, wo Achim gerade mit den beiden Fotografen ankam. Jetzt blieb nur noch abzuwarten, was sie alles fotografieren wollten.

„Wir haben uns das wie folgt gedacht“, sagte einer der beiden Männer. Sie waren bereits mittleren Alters und so wie sie sich vorbereitet hatten, schienen sie ihr Handwerk zu verstehen, denn sie hatten Skizzen, einen Fragenkatalog und Notizen gemacht, ehe sie hergekommen waren. Es waren also Profi. Das musste man Achim lassen, wenn es um so was ging, achtete er auf Qualität.

Markus lehnte in der Tür vom Wohnzimmer und hörte von hier aus zu, wie die Männer die Homestory aufbauen wollten, was ihnen wichtig war und wo sie das junge Paar ablichten wollten.

Es passte Gabriel nicht, dass er um einiges weniger in den Notizen vorgesehen war wie Raphael, doch er musste sich damit abspeisen lassen, dass es hauptsächlich um den Sänger ging.

Erst waren es nur ganz alltägliche Fotos, die Raphael in der Küche zeigten, wie er Kaffee kochte, oder ihn mit Gabriel auf der Couch, wie sie Cocktails tranken und dabei schmusten, aber sie wollten auch Bilder von dem Paar im Schlafzimmer und allein bei der Vorstellung, dass sich Daniel zu Steffan ins Bett legen und sich küssen und begrabbeln lassen musste, ließ Markus schon wieder wütend werden.

Aber das Hauptaugenmerk wurde auf das Interview gelegt, das eigentlich während der ganzen Zeit geführt und aufgezeichnet werden sollte, um daraus eine schöne begleitende Geschichte für die Bilder zu machen. „Wir machen lieber ein paar zu viel als zu wenige. Weglassen können wir dann immer noch“, sagte einer der Männer, der sich als Klaus vorgestellt hatte. Er baute das Stativ auf, während sein Kollege – Tobias – Kamera und Mikro bereit machte. „Wo ist unser Sternchen eigentlich?“

„Er kommt sofort“, versicherte Achim gleich und wie aufs Stichwort öffnete sich die Schlafzimmertür und Daniel kam heraus. Der Sänger lächelte und Klaus kam zu ihm. „Sind sie soweit?“, fragte er und als Daniel nickte, bat er ihn, sich mit Gabriel auf die Couch zu setzen. Auf dem Tisch standen schon zwei bunte Cocktails, die aber zum Glück nur aus Saft bestanden. Doch deswegen waren sie nicht weniger liebevoll angerichtet und mit dem Hang zur Perfektion, denn die einzelnen Schichten waren exakt.

Klaus erklärte erst einmal das Prozedere, weil er Raphaels Blick auf Kamera und Mikrophon beobachtete hatte. Er war nicht auffällig oder schockiert gewesen, eher professionell ein Check, wo er hinsehen musste. Man merkte, dass der Sänger das nicht zum ersten Mal machte. „Ich würde gern mit ein paar privaten Fragen beginnen“, führte Klaus ein, als er sich ebenfalls für ein Bild setzte, das ihn und die Wohnungsinhaber zeigte.

„Ganz wie sie möchten.“ Daniel nickte und setzte sich zu Steffan auf die Couch, der ihn gleich an sich zog und den Arm um ihn legte. Klaus nickte dankend und gab Tobias ein Zeichen, dass er beginnen konnte. Er räusperte sich kurz und wandte sich dann an seine Gastgeber. „Raphael, Gabriel, als erstes möchte ich mich bedanken, dass wir heute hier sein dürfen. Wie sind sie zur Musik gekommen und welche Vorbilder haben sie, die sie bei ihrer Musik beeinflusst haben?“

Raphael lächelte und deutete mit einer weichen Handbewegung hinter sich an die Wand oder zu den aufgestellten Bildbänden. Jetzt kam es darauf an, überzeugend zu sein und so berichtete er von seinen ersten Videos auf youtube, die er dort von Gackt gesehen hatte. Fasziniert von der Gestalt und von der Stimme hatte er dessen Werdegang weiter verfolgt und selbst angefangen zu singen. Über den Schulchor war er in eine Schuldband gerutscht und dort hatte Achim ihn gefunden. Raphael sah Achim dankbar an, auch wenn er ihm am liebsten vor die Füße gekotzt hätte. Das war eben Business.

Klaus nickte lächelnd und folgte Raphaels Blick. „Also kann man sagen, dass Sie es ihrem Manager zu verdanken haben, dass sie jetzt Sänger von ARK sind. Was ist das für ein Gefühl, ein Idol für Tausende zu sein und gab es die Gruppe schon, bevor sie dazu gestoßen sind?“

Zwar gab es die Band schon, aber sie tingelte durch Clubs und hatte wenig Erfolg. Erst Raphaels Stimme hatte ihnen den Durchbruch gebracht, doch es war ihm bei Strafe verboten, das zuzugeben. So erklärte er, dass die Band gegründet wurde, als er eingestiegen war. Ganz gelogen war es noch nicht einmal, denn die Band hieß damals noch nicht ARK und hatte sich auch nicht auf das Visual Kei-Genre eingeschossen, weil Daniels androgynes Äußeres sehr gut gepasst hatte. Doch auch das verschwieg Raphael und berichtete von der Bandzusammenführung, wie ein Traum in Erfüllung gegangen war.

„Man kann es ja wirklich eine Bilderbuch-Karriere nennen, die sie gemacht haben. Innerhalb kürzester Zeit haben sich ihre Alben mit Rekordzahlen verkauft. Hat sich in ihrem Leben viel verändert seit den Anfängen der Band?“ Klaus kam so langsam in Schwung und man hatte den Eindruck, dass ihn wirklich interessierte, was Daniel ihm erzählte. Nur Steffan wurde langsam brummig, weil er bisher komplett außen vor gelassen wurde.

Abgesehen von der Tatsache, dass ich meinen Geburtstag auf den Namenstag des Erzengels legen musste und mein Klingelschild keinen Namen trägt? Abgesehen davon, dass ich Post nur über die Agentur bekomme und keiner meinen richtigen Namen kennt? Daniels Kopf arbeitete auf Hochtouren. Denn all das durfte er nicht sagen. Und so nickte er. „Die Tage sind voller und man wird auf der Straße schneller erkannt“, sagte er und weil er Achim fast unmerklich die Brauen verziehen sah, fügte er noch hinzu: „Und es ist toll!“

Klaus lachte. „Das kann ich mir vorstellen. Es ist bestimmt ein tolles Gefühl zu wissen, dass sie mit ihrer Musik viele Menschen glücklich machen.“ Er machte eine Kunstpause und zwinkerte Raphael zu. „Apropos Glück. Wie wir ja wissen sind sie und Gabriel ein Paar. Wie haben sie sich kennen und lieben gelernt?“

„Gabriel?“, gab Raphael den Faden an seinen Gelieben weiter, denn mit dem heiklen Thema wollte er sich nicht herumschlagen. Wenn etwas schief ging, dann sollte das Gabriel auf seine Kappe nehmen, doch der berichtete in von ihm nie gekannten sanften Worten von den Castings und von Raphaels Augen, von der unglaublich erotischen Stimme und der Anziehung, die ihn sofort ergriffen hatte. Blumig ausgeschmückt wurde daraus – wie schon bei Raphaels Karriere – eine Story aus dem Bilderbuch ohne Ecken und Kanten. Man sah Klaus an, dass er etwas enttäuscht war und so schob Raphael noch hinterher. „Ich gestehe, dass es bei mir etwas länger gebraucht hat, bis ich begriff, dass Gabriel mich liebt. Leicht hat er es nicht immer mit mir gehabt und ab und an flogen schon die Fetzen.“

Er sah kurz verliebt zu Gabriel hoch und der zog ihn für die Kamera und Klaus gut sichtbar, näher zu sich und küsste ihn sanft. „Aber so wie ich das sehe, ist zwischen ihnen jetzt alles geklärt und sie genießen ihr Glück. Sie machen gemeinsam Musik und leben zusammen. Wir können also noch auf weitere fantastische Alben von ARK hoffen.“

„Ja sicher. Auch wenn Gabriel meine Liebe ist, ist die Musik doch mein Leben. Ich kann ohne beides nicht existieren und unsere Liebe gibt mir die Inspiration für weitere Texte und Melodien.“ Raphael trug dick auf, doch er spürte auch, dass Klaus genau das hören wollte. Es war leicht, Menschen zu manipulieren, wenn sie Erwartungshaltungen hatte.

Derweil zog sich Markus ins Schlafzimmer zurück und machte die Tür zu, sonst platzte ihm noch der Kragen und er schlug mal mit ein paar Fakten auf den Tisch. Die Lügen stanken doch zum Himmel und keinen schien das zu stören außer Daniel. Wenn man ihn kannte, spürte man an seiner Stimme, was ihm leicht von den Lippen ging und was ihm widerstrebte.

„Verdammt, verdammt, verdammt“, zischte er wütend und schlug mit der Faust auf die Matratze. Das war zum verrückt werden. Jetzt wäre der ideale Moment um Daniel aus Achims Klauen zu bekommen. Man müsste nur vor der Kamera ein paar Wahrheiten preisgeben. Aber Daniel wollte das nicht. Was musste denn noch passieren, damit sein Freund endlich aufbegehrte und einen Schlussstrich zog? Musste ihm Achim wirklich erst das Singen komplett verbieten? Wie blind war Daniel denn, dass er nicht merkte, dass Achim das indirekt schon getan hatte. Die Konzerte wurden seltener, damit die Fans bereit waren, mehr für die Konzertkarten zu zahlen. Achim förderte das, was richtig Kohle brachte und Daniel spielte mit wie eine Marionette. Es war zum heulen!

Markus knirschte mit den Zähnen und atmete tief ein. Er musste wieder da raus, weil er es Daniel versprochen hatte und dann sollte man ihm nicht anmerken, wie es in ihm aussah. Aber eins war sicher, Steffan und Achim würden es bereuen Daniel so auszubeuten. Das machte niemand ungestraft. Heute Abend würde er Kolja kontaktieren, wie weit der mit den falschen Pässen war. Markus wollte für alle Fälle gerüstet sein, wenn das Lügenschloss wie ein Kartenhaus zusammenfiel, weil Raphael es leid war, alles auf seinen Schultern zu tragen.