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Alles was zählt - Teil 37 bis 40

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Dieses Mal hatte sich Leif daran versucht, die Brotmäuse zu zaubern und er hatte ziemlich gegrinst, als er auch diese Idee in dem Buch gesehen hatte. „Wo hast du das Buch eigentlich her, es sieht abgegriffen aus?", wollte er wissen, als er gerade seiner Maus am Petersilienschwänzchen knabberte, weil er das irgendwie lustiger gefunden hatte als Schnittlauch. So sah sie nämlich fast aus wie ein Löwe, weil sie auch noch einen Petersilienkragen um den Hals bekommen hatte.

„Ich hab doch gesagt, ich hatte vier kleine Brüder. Die musste ich irgendwie bei Laune halten und da habe ich mir mal das Buch gekauft. Sven war ein schlechter Esser. Den habe ich fast nie dazu bekommen. Aber als ich anfing kleine Figuren draus zu basteln, mit denen er erst mal spielen konnte, dann wurde es besser und er hat auch besser gegessen. Das Buch wollte ich ihm eigentlich dann, wenn er achtzehn wird schenken, so als Erinnerung, aber im Augenblick brauch ich das wohl noch selber", erklärte sich Endre und rollte die Schultern.

„Ach so." Leif nickte, während JJ seine Brötchenmaus gerade noch mit Käse fütterte, ehe er sie heimlich von hinten auffutterte, damit sie nicht sah, was mit ihr passierte und keine Angst hatte. „Ich kann ja mal schauen, ob ich das Buch noch einmal neu kaufen kann. Dann kannst du es deinem Bruder schenken und wir lassen das neue dann hier, es wird auch Gebrauchsspuren bekommen und dann kann es JJ irgendwann mitnehmen, wenn er mal Kinder hat", überlegte Leif und Endre lachte, wie weit dieser Mann schon dachte. Er trank von seinem Tee, hatte immer mal ein Auge auf JJ, doch der aß ganz gemütlich, auch wenn er sein geschmiertes Brötchen in Einzelteile zerlegte und alles gesondert verspeiste.

„Sag mal, Leif, wie ist das eigentlich? Im Augenblick bist du der Vormund. Das heißt aber noch lange nicht, dass du ihn adoptieren kannst oder?", wollte er wissen, weil er sich darüber schon seit Tagen den Kopf zerbrach. Er kannte Leifs Job, er kannte seine sexuellen Präferenzen und er kannte leider auch all die Vorurteile, die damit einhergingen. Es wunderte ihn schlicht, dass man das Kind einem Pornostar mitgegeben hatte, doch er würde sich darüber kein Urteil erlauben. Er war ja froh, dass der Kleine hier war und er sich um ihn kümmern konnte.

„So weit ich das mitbekommen habe, wird er vorerst bei mir bleiben und nach einem gewissen Zeitraum kann ich den Antrag auf Adoption stellen. Ich habe aber noch keinen Schimmer, wie das alles laufen wird. Dazu muss ich meinen Anwalt konsultieren." Auch Leif hatte sich darüber schon Gedanken gemacht, Sorgen, wie das werden könnte. Man hatte ihm schon Besuche vom Jugendamt vorausgesagt, aber er hatte keinen Schimmer was die eigentlich suchten oder worauf die achten würden.

Auch ihm war klar, dass er nicht der perfekte Zieh-Vater sein konnte mit seinem Job, aber das hieß ja noch lange nicht, dass es der Kleine bei ihm nicht gut hatte. Leider aber waren die Vorurteile gegen ihn und seinen Berufsstand nicht die besten. Pornodarsteller galten immer als verlotterte Typen, die außer Sex nichts im Kopf hatten. Aber dass das richtige Arbeit war, weil man konzentriert arbeiten und streng zu sich selber sein musste, sich an Regeln halten, kein ausschweifendes Leben, weil nämlich dann die Potenz litt, das wussten die wenigsten. Sie wollten das gar nicht sehen, sie hatten ihre kleine, dreckige Fantasie, die sie automatisch auf andere übertrugen.

Zu seinem eigenen Leidwesen kam noch hinzu, dass in diesem Haushalt keine Frau lebte, er selber schwul war und ja jeder wusste, wie ansteckend das war, weil JJ dann auch automatisch so einer wurde! Leif knurrte, denn selbst in seinen eigenen Gedanken konnte er sich die zynischen Worte nicht verkneifen.

Er musste Viktor Recht geben und das tat er nur sehr ungern: es würde schwer werden, Anerkennung zu fordern, mit dem, was er war. Da konnte er stolz auf sich sein, wie er wollte. Keine Behörde würde verstehen, wie es in ihm aussah oder wie er zu dem Jungen stand. Wenn es ganz übel kam, dann unterstellte man ihn vielleicht noch Schlimmeres, Dinge, die sich Leif nicht einmal vorstellen wollte. Nein, die Klischees mit denen er täglich beworfen wurde und die zunehmen würden, wenn er den Jungen tatsächlich behalten wollte, waren wirklich eine Last, aber eine, die er zu tragen bereit war, wenn er den Kleinen nur behalten konnte.

Mit Widerwillen erinnerte er sich an vorgestern, als er mit Endre und JJ unterwegs gewesen war. Daran, wie diejenigen, die sie für eine Familie hielten, ihnen verstört nachgesehen hatten. Zwei Väter und ein Kind, das arme Kind. Sie hatten es nicht einmal aussprechen müssen, man hatte es ihren mitleidigen Blicken angesehen. Teils angewidert, teils erbost. Auch wenn Leif immer darüber hinwegging und sie nicht beachtete, dann hieß das noch lange nicht, dass er sie nicht bemerkte.

„Hey, Leif, alles klar?", fragte Endre etwas besorgt, denn so hart wie Leif am Henkel seiner Tasse herum drückte, knirschte die Keramik. Was hatte er denn da nur heraufbeschworen? Es waren doch nur ein paar Fragen gewesen, die einfach geklärt werden mussten. Schon allein, damit JJ nicht permanent hin und her gerissen wurde, nur weil jeder glaubte, er wäre zuständig.

„Was?" Wie aus einem Traum gerissen schreckte Leif auf und sah Endre fragend an.

„Alles senkrecht? Du bist rot und deine Tasse hat gleich keinen Henkel mehr!" Endre deutete auf die Keramik und grinste, Leif folgte dem Blick und verzog en Mund.

„Ich hab nur mal wieder festgestellt, dass mein Status nicht beschissener sein konnte, um ein Kind aufzunehmen und dass ich wohl etwas blauäugig war, weil Viktor so dagegen geredet hat. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich JJ nicht bei mir behalten will. Und wenn ich dafür mein Leben auf den Kopf stellen muss und mir einen anderen Job suchen. Ich weiß, dass das jetzt bescheuert klingt, aber so ist es. JJ ist das, was ich immer wollte." Er lächelte den Jungen an und strich ihm durch die noch nassen Haare, während der weiter an seinem Brötchen kaute. Er hörte zu, er verstand nicht, was geredet wurde, grinste aber, als Leif ihn so ansah.

„Weiß dein Verlobter, dass du mit dem Gedanken spielst, die Filme aufzugeben? Ich meine, du bist das Zugpferd der Firma! Mit dir steht und fällt der ganze Laden!" Endre machte große Augen. Er hatte damit gerechnet, dass etwas passieren musste, damit Leif seinen Neffen behalten und in sein Leben integrieren konnte. Jetzt konnte er dem Jungen noch verheimlichen, wer er war und was er war. In ein paar Jahren würde das nicht mehr möglich sein.

„Quatsch. Vik hat mindestens so viele Fans wie ich. Wenn er weiter macht, wird es auch mit der Firma weiter gehen. Er hat doch auch jetzt schon Sex mit anderen, Kurzfilme, in denen ich gar nicht vorkomme und die verkaufen sich gut." Leif war da nicht so beängstigt. „Wir haben guten Nachwuchs", schob er noch nach und rollte die Schultern.

„Ich werde die beiden Produktionen, die noch offen sind, beenden. Eine morgen und die andere auf den Seychellen. Dann werde ich mich vor der Kamera zurückziehen. Was die Bürosachen angeht, suche ich noch einen fähigen Mitarbeiter, der Frank zur Hand gehen kann, Viktor wird sich eben auch etwas öfter in der Firma blicken lassen müssen, denn mit der Aids-Stiftung und den Kindern im Krankenhaus habe ich Verpflichtungen, die ich nicht missen möchte. JJ hat sich bei den Kindern im Krankenhaus wohl gefühlt und da möchte ich ihn gern wieder mit hinnehmen."

„Und was willst du machen, wenn du in deiner Firma nicht mehr arbeitest? Ich meine, du wirst doch kirre!" Endre hatte Leif beobachtet. Er konnte nicht still sitzen. Er musste in Bewegung sein und auch wenn er das selbst nie zugeben würde: Er brauchte die Bewunderung. Er konnte nicht einfach wie Hans und Klaus von nebenan einen Job machen, wo man ihn nicht bewundern konnte. Das war einfach nichts für ihn und sein großes Ego. Das wollte gestreichelt werden.

„Na ja", gab Leif zu und nickte dankend, als Endre ihm nachschenkte, „vielleicht versuche ich mein Glück als einfacher Schauspieler. Nebenrollen, Komparsen. Irgend so was. Ich kann mich da ja mal umhören." So richtig überzeugt war Leif nicht, denn wenn sein Ruf ihm voraus eilte, dann machte der mehr kaputt als gut für ihn war. Wer wollte schon gern in seinen Produktionen jemanden, der früher in Pornos gespielt hatte? Schlimmer noch: der in schwulen Pornos gespielt hatte. Da reichte das gute Aussehen alleine auch nicht, wenn es nicht möglich war, das alte Image abzustreifen und die Illusion der Erreichbarkeit bei den weiblichen Fans zu puschen. Das wusste er alles, er war kein Traumtänzer.

„Na, ich bin ja mal gespannt, was Viktor dazu sagen wird, wenn du dem deine Ideen offerierst. Am besten machst du das erst, wenn ich hier eingezogen bin, denn ich sage es dir ehrlich, auch wenn ich ihn nicht gut kenne: ich glaube, solange der Junge ein Feindbild für ihn ist, das ihm etwas wegnimmt, solange ist der Kleine nie ganz sicher." Endre war nicht wohl bei den Worten und er wusste, dass er zu weit gegangen war, als Leif hoch schoss.

„Sag mal spinnst du? Du kannst nicht einfach behaupten, Viktor würde dem Jungen etwas antun? Er mag vielleicht ein Problem haben, dass unser Leben sich etwas geändert hat, aber er ist kein..." Leif wusste gar nicht, was er sagen sollte. Wie konnte Endre so was nur behaupten?

Doch der zuckte nur die Schultern. „Tschuldigung, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Ich lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen!", versicherte Endre und versuchte die Wogen zu glätten. Er sah nur zu deutlich an Leifs Augen, dass er selber nicht ganz überzeugt war von dem, was er da sagte. Doch Endre konnte das egal sein.

Sein Job war der Kurze, der sich gerade heimlich von seinem Stuhl hangeln wollte, weil er sich langweilte und den Kopf senkte, als Endre mit ihm schimpfte, er sollte warten, bis ihm jemand hilft, damit ihm nichts passierte. Er hob den Kleinen vom Stuhl und der wuselte los und verschwand in seinem Zimmer. So machte sich Endre daran den Tisch abzuräumen. Fürs Mittag war noch alles da, einkaufen musste er nicht. So konnte er sich noch etwas Zeit mit JJ nehmen. Vielleicht kamen sie mal wieder zum malen oder der Kleine hatte eine andere Idee.

Leif beobachtete ihn nur dabei, er fühlte sich elend, ihn gerade so angefahren zu haben. „Endre", sagte er leise und erhob sich, trat hinter den jungen Mann, der gerade alles in den Kühlschrank räumte. Er strich ihm über den Rücken, seine Hand verweilte kurz auf Endres Seite. Man spürte den einsetzenden Denkprozess, der ihn abwägen ließ, ob er Endre zu sich ziehen sollte oder nicht. Er ließ es bleiben.

„Tut mir leid, ich wollte dich eben nicht so anfahren, aber der Gedanke hat mir Angst gemacht. Wie konntest du nur so weit denken? Ich wäre nie - nie", murmelte er leise und trat zurück, als Endre den Schrank schloss und ihn ansah.

„Schon okay, aber es ist mein Job auf den Jungen aufzupassen. Ich beobachte sein Umfeld und ich komme nicht umhin, Viktor mag ihn nicht und der Kurze hat Angst vor ihm. Irgendwann wird es knallen." Endre zuckte die Schultern, grinste aber. „Ich werde schon dafür sorgen, dass JJ da mit heiler Haut raus kommt. Aber wie gesagt: Denk nicht, alles wird so laufen, wie du das willst, denn du veränderst nicht nur dein Leben." Dann ließ er Leif stehen, denn JJ suchte ihn schon wieder. Er hatte das Kochbuch beim Wickel und wollte jetzt wissen, was da stand, weil er ja noch nicht lesen konnte.

Leif sah ihm nach. Nachdenklich folgte er dann langsam, er wollte sich ins Bad begeben, damit er fertig war, wenn Viktor wach wurde. Er bekam den Gedanken nicht aus seinem Kopf. Würde Viktor das wirklich tun, um seinen Willen durchzusetzen? War ihm wirklich jeder Weg recht, das Kind wieder loszuwerden, nur um sein ruhiges Leben zurück zu bekommen? Leif weigerte sich, das zu glauben. Doch um eines kam er nicht umhin. Sein Leben musste sich grundlegend ändern, egal wie lange er diese Entscheidungen vor sich her schob.

Mit den Filmen aufzuhören war nur der Anfang, doch er konnte ja nicht aufhören schwul zu sein. Das ging nicht. Er würde immer einen Mann an seiner Seite haben und Behörden waren davon überhaupt nicht angetan. Zwar war es theoretisch möglich, dass schwule Paare Kinder adoptierten, aber praktisch gab es immer Mittel und Wege, das zu verhindern. „Ach scheiße!", fluchte er, als er langsam nach unten ging. Endre und JJ hatten sich in JJs Zimmer verzogen, so wie es besprochen worden war, wenn Viktor daheim war.

Leif war unzufrieden mit seinem augenblicklichen Leben - am liebsten wäre er den ganzen Tag nur mit JJ und Endre unterwegs, würde einkaufen, spielen, kochen. Aber er konnte nicht und das ärgerte ihn irgendwie auch. Zum Glück kam er nicht weiter dazu, darüber nachzudenken, denn gerade kam Viktor aus dem Schlafzimmer.

„Morgen, Schatz", rief Leif ihm zu, als er gerade die Badezimmertür in der Hand hatte. „Ich will duschen, kommst du mit?", fragte er und grinste anzüglich, während Viktor ihn und seinen Schlafanzug musterte.

„Klar, irgendjemand muss dir dieses hässliche Ding ja von deinem makellosen Arsch reißen", lachte er dunkel und verschwand mit seinem Freund in der Dusche. Hatte er gestern Nacht noch geglaubt, er hätte Leif alle Energie geraubt, die in dem kräftigen Leib schlummerte, so musste er sich jetzt eines Besseren belehren lassen.

„Ich hätte dich nicht zu Atem kommen lassen dürfen", knurrte er dunkel, als er Leif endlich von den störenden Stoffen befreit hatte. Nackt stand er ihm gegenüber und Viktor grinste. „Ein Fehler, den ich kein zweites Mal machen werde." Und schon versiegelte er die geliebten Lippen mit den seinen. Genau so hatte es ein sollen - genau so! Keiner, der störte, keiner, der Leifs Gedanken in andere Richtungen lenkte. Nur Entspannung, Ruhe und Zufriedenheit.

Perfekt.



„Wo willst du essen gehen?", wollte er wissen und küsste sich ausgehungert über den feuchten Leib. Wie ein sanfter Regen rieselte das Wasser über der ganzen Fläche auf sie herab.

„Such du dir was aus, mir ist es gleich", schnurrte Leif nur. Er schloss die Augen und genoss die Berührungen. Viktors Hände hatten das Talent, ihn seine Sorgen vergessen zu lassen. Wie weggeblasen. Keinen Schimmer, was ihn eben noch so beunruhigt hatte. Er seufzte zufrieden.

„Dann gehen wir zum Thai. Ich brauch was Scharfes", knurrte Viktor und zog Leif an sich, der sich an ihm fest klammerte wie ein Ertrinkender. Arme und Beine um den kräftigen Leib geschlungen, ließ Leif sich wieder gegen die vorgewärmten Fliesen drücken.

„Mach hinne oder ich dreh durch!", forderte Leif und konnte nicht länger warten. Er wusste auch, das Wasser nicht das beste Gleitmittel war, das es gelinde gesagt gar keines war, aber wenn Viktor nicht bald etwas dagegen tat, dass sein Leib in Flammen stand und die Lust durch ihn hindurch pulsierte wie ein Lavastrom, dann passierte etwas!

Definitiv!

„Alles was du willst", grollte Viktor nur und ging mit ihm aus der Dusche rüber zu einer der steinernen Massagebänke, wo er ihn langsam nieder ließ, um ihm zu zeigen, was der Mittelpunkt von Leifs Leben eigentlich war. Schnell und gierig trieben sie ihre Leiber, denn für ein langes Vorspiel hatten sie beide nicht den Nerv. Was auch immer gestern passiert war, seitdem war Leif wieder der alte und Viktor war mehr als zufrieden.

„Liebe dich", murmelte er immer wieder, während er sich und Leif höher trieb, höher und höher. Sein Atem hetzte, seine Hände umklammerten den geliebten Leib, in den er sich immer wieder verbarg. Er gehörte ihm - nur ihm. Und dieser Jungspund, der sich hier herum drückte, würde das auch noch begreifen!

Leif keuchte nur noch, er war gar nicht mehr in der Lage etwas zu sagen. Sein Leib brannte, ihm ging das alles nicht schnell genug, er wurde noch wahnsinnig! „Mach doch, verdammt!", gurgelte er immer wieder, weil sich der Speichel sammelte. Wild warf er den Kopf, spürte nicht einmal wie hart der Marmor war. Alles, was er suchte, war die Erlösung, der Punkt, an dem er sich selber verließ, um aufzusteigen.

„Mehr, mehr, mehr!" Wie ein Mantra schwängerte seine Stimme die Luft.

Nur noch ein kleines Stück!

Sein zufriedenes Stöhnen erfüllte den Raum, als seine Anspannungen sich lösten und die Lust aus seinem Leib spülte. „Besser“, keuchte er zwischen zwei Atemzügen und grinste Viktor an. „Also, wo gehen wir hin?“, konnte er sich lachend nicht verkneifen, während Viktor ihn nur in die Schulter biss.

„Idiot.“ Viktors Zopf hatte sich gelöst und so lag das lange, schwarze Haar wie ein Schleier über ihnen beiden. „Komm, duschen. Ich habe Hunger!“ Er klapste Leif auf den Hintern, denn der hatte seine Beine noch immer fest um Viktor geschlossen.

Doch als der sich von ihm löste, erhob sich auch Leif. „Ja, lass uns duschen und essen gehen“, doch den Rest seines Satzes schluckte er runter. Er wollte Endre und JJ jetzt nicht mit in diese Situation hinein ziehen und Viktor wieder verärgern.

Leif seufzte – das war ein Spagat, den er hier veranstaltete, der ihm eines Tages den Hals brechen konnte. Doch im Augenblick ging das nicht anders. Egal, er wollte sich darüber jetzt nicht den Kopf zerbrechen. So ließ er sich von Viktor unter den weichen Regen der Dusche ziehen und wusch sich den Schweiß von der Haut. Während Viktor weiter duschte, kümmerte sich Leif schon um Haare und Klamotten, denn er wollte noch ein paar kurze Minuten nach oben, wo Endre und JJ gerade eine Eisenbahn bauten. Leif wurde das Herz schwer, er wäre gern geblieben, doch er straffte sich und kam näher.

„Wenn Vik fertig ist, machen wir uns in die Spur, ich weiß noch nicht, wann wir wieder kommen. Soll ich euch was mitbringen?“, fragte er, doch Endre schüttelte nur den Kopf, während JJ gerade eindringlich die Tüte mit Reis in Augenschein nahm und zu ergründen versuchte, was das war.

Leif seufzte, als er beide küsste, ehe er wieder nach unten ging. Die beiden kamen ohne ihn klar, das schmerzte.


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Der Sonntagabend war trostlos gewesen – zumindest aus Leifs Sicht, wenn es darum ging, noch etwas Zeit mit Endre zu verbringen. Viktor hatte die Gunst der Stunde genutzt und ihn von einer Lokalität in die nächste geschleift, bis sie in einer Disko versumpft waren und hätte Leif nicht erklärt, dass sie morgen einen Drehtag für ihre laufende Serie hatten, wäre Viktor auch nach Mitternacht noch nicht nach Hause gefahren. Er liebte es zu sehr, sich ins Nachtleben zu stürzen, Leif an seiner Seite und die neidischen Blicke, die ihnen folgten. Er liebte es fast genauso, sich mit jedem anzulegen, der glaubte, sich Leif unerlaubt nähern zu müssen. Das waren die Augenblicke, die Leif peinlich waren.

Gestern war es nicht anders gelaufen.

Ron, der blonde Brite, war mal wieder im 'Double Zero' gewesen und hatte seine Chance genutzt, mit Leif etwas zu reden. Bei einem Drink hatten sie zusammen gestanden und sich unterhalten, als Viktor vom Klo zurückgekommen war und natürlich – wie nicht anders zu erwarten – war er gleich wieder dazwischen gegangen, hatte sich Leif gegriffen und aus der Lokalität gezerrt.

Schon aus Prinzip hätte Leif gern noch diskutiert und Viktor gezeigt, dass er sich diese Art der Behandlung nicht gefallen lassen wollte, doch wo sie schon mal draußen waren, hatten sie dann auch fahren können, denn Leif wollte heim. Er wollte JJ noch mal sehen und Endre, ehe er ins Bett ging und außerdem war es doch unverantwortlich Endre gegenüber, der musste jetzt noch mitten in der Nacht durch die Stadt. Leif hatte sich vorgenommen, ihn noch zu fahren, doch schnell einsehen müssen, dass dies nicht nötig gewesen war. Die beiden hatten sich nämlich in Endres Bett zusammengekuschelt, weil Gustav sich in JJs Bett breit gemacht hatte und nicht gestört werden wollte. So hatte Leif sie gefunden.

Allerdings hatte ihn für einen kurzen Augenblick Panik ergriffen, als er nur in JJs Zimmer gesehen hatte und dort außer dem Schaf nichts zu finden gewesen war.

Nur Viktors Ruf, ob die Straßenratte immer noch hier wäre, seine Latschen würden noch hier herum stehen, hatte Leif beruhigt. Einen kurzen Blick in das Zimmer hatte er sich allerdings nicht verkneifen können. Er war tiefer in das Zimmer gegangen, hatte beide noch einmal zugedeckt und Endre dabei liebevoll durch die pechschwarzen Haare gestrichen, die ihm fransig ins Gesicht hingen.

Wie konnte jemand behaupten, dieser Mann wäre nicht schön?

Wie konnte sich jemand von diesem Mann trennen?

Der musste doch nicht mehr ganz dicht sein! Diese Saftschubse in Uniform, dessen Namen Leif schon vergessen hatte, hatte wohl wirklich nicht erkannt, welches Juwel er da in seinen gierigen Fingern gehalten hatte. Doch Leif sollte das nur recht sein. Er hatte sich einen kurzen Kuss auf die leicht geöffneten Lippen gegönnt, ehe er wieder hinab gestiegen war, um mit Viktor im Schlafzimmer zu verschwinden.

Nur weil er am nächsten Tag einen Dreh hatte, hieß das noch lange nicht, dass Viktor sich in der Nacht davor in irgendeiner Form zurückhalten würde. Und so bestand der Morgen für ihn heute aus Hektik. Sie hatten für 10 Uhr die Sauna gemietet und nur sechs Stunden Zeit, sich in der auf antik-römisch gemachten Badelandschaft auszutoben.

Deswegen war Leif heute noch gar nicht dazu gekommen, nach oben zu laufen und seine beiden Jungs zu begrüßen.

Doch die konnten damit ganz gut leben. JJ hatte sich sowieso ziemlich schnell an Endre gewöhnt und ging ihm nun nicht mehr von der Seite. Leif schmerzte es, dass die beiden sich so eingeschworen hatten und er immer das Gefühl hatte, nur geduldet zu werden, doch er musste diesen Spagat eingehen. So lange Viktor zufrieden war, solange konnte JJ auch bei ihm bleiben und so lange hatte er Zeit, einen Draht zu dem Jungen zu finden. Sehnsüchtig sah er nach oben, doch er hatte keine Zeit, er musste ins Bad, während Viktor schon dort verschwunden war.

Wenn er sich das vorstellte: Sicher duschte heute Morgen auch Endre! Nackt, unter dem warmen Wasser. Wenn der Körper nur ein bisschen so war wie auf den Bewerbungsbildern, musste das ein traumhafter Anblick sein. Leif seufzte, als er Viktor nach sich rufen hörte. Sie hatten wirklich nicht viel Zeit. Dabei hatte er Endre doch noch zur Fahrschule begleiten wollen. So blieb ihm nur, ihn dorthin zu weisen. Den Rest musste Endre selber machen. Aber da musste sich Leif wirklich keine Sorgen machen – der Kerl stand mit beiden Beinen mitten im Leben.

Doch im Augenblick stand er unter der Dusche und wusch sich rasch. Nur gut, dass er schon an Wechselsachen gedacht hatte, so konnte er gleich in frische Klamotten schlüpfen, während JJ gerade seinen Schlafanzug von sich warf und auch zu ihm unter die Dusche kroch. Endre lachte leise, denn JJ plapperte schon wieder vor sich hin und war dafür, heute wieder im Sand spielen zu gehen. Da beugte sich Endre zu ihm hinab und kniete sich in die Dusche, damit er JJ in die Augen sehen konnte.

„Maus, wie wäre es denn, wenn wir nachher einen Freund von deinem Onkel besuchen? Der muss mir nämlich ganz viel erzählen, damit ich bald wie dein Onkel Leif Auto fahren kann und nicht immer mit dir mit der Bahn herum fahren muss. Dann könnte auch Gustav immer mit uns kommen“, schob er noch nach, weil er sah, dass JJ von der Idee gar nicht begeistert war, heute nicht wieder auf den Spielplatz gehen zu dürfen. Es war eigentlich nicht Endres Art, JJ bestechen zu wollen, doch er hatte eingesehen, wenn er hier einzog und Besorgungen machen musste oder mit JJ irgendwo hin wollte, wo die Bahnen ungünstig fuhren, brauchte er einen Wagen und einen Führerschein und so schnell wie durch Leifs Hilfe würde er nie daran kommen.

Doch wenn er sich so ansah, wie JJ die Unterlippe vor schob und die Arme vor der Brust verschränkte und sich abwendete, war Endre nicht mehr so überzeugt davon, dass es eine gute Idee gewesen war. „Ach Maus, was willst du denn machen?“, fragte er, vielleicht ließ sich ja ein Kompromiss finden. Noch immer kniete er vor JJ, damit der ihm ins Gesicht sehen konnte, ohne nach oben sehen zu müssen.

„Bielen!“, war sofort die Antwort und er sah Endre forschend an.

Der lachte leise, was hatte er auch erwartet? „Na dann nehmen wir was mit, hm? Ob wir nun bei uns am Küchentisch sitzen oder dort bei dem Onkel, der mir was erzählen muss, das ist doch egal, hm?“, fragte Endre mit einem Grinsen auf den Lippen, denn JJ sah ihn noch immer skeptisch an. „Wir nehmen Stifte mit und malen Autos, ja?“, versuchte es Endre also und drehte das Wasser ab, das schon seit Minuten sinnlos lief.

JJ schien noch nicht wirklich überzeugt, doch er stimmte zu, stellte aber gleich Bedingungen, dass Gustav auch Autos malen wolle und demzufolge mit müsse. Endre seufzte, doch er kam nicht dazu, etwas zu sagen, denn es klopfte und gleich darauf öffnete sich die Tür.

„Ich wollte nur... oh, tschuldigung“, murmelte Leif und wandte sich kurz ab. Er hatte das Wasser verstummen hören und noch etwas gewartet, damit Endre sich mit einem Handtuch oder mit Kleidern bedecken konnte. Doch der kniete in der Dusche vor JJ und schien auf den Jungen einzureden – alles nass und nackt und unglaublich verführerisch, wie er da so hockte. Leif schluckte. Es fiel ihm schwer, nicht zu starren und einen glasigen Blick zu bekommen.

„Morgen, Leif. Was gibt es denn?“, wollte Endre wissen, der sich zu Leifs Unglück auch noch erhob und so deutlich zeigte, was er zu bieten hatte. Doch er griff sich gleich einen Bademantel und zog ihn über, zu Leifs Leidwesen, aber auch zu seinem Glück, denn noch ein paar weitere Sekunden hätten bei ihm zum Verlust der Muttersprache geführt.

„Ich wollte nur Bescheid sagen, dein Termin ist um elf. Die Adresse liegt in deiner Küche auf der Anrichte. Günni weiß Bescheid, auch dass der Kurze dabei sein wird. Es wird drei Stunden gehen – zwei Themen. Vik und ich verschwinden zu einem Dreh. Heute sind die letzten Dreharbeiten für... du weißt schon.“ Leif wollte die schlüpfrigen Titel vor dem Jungen bestimmt nicht Preis geben. Es sollte nicht heißen, er würde den in sein schmutziges Leben mit hinein ziehen.

„Hinterher bin ich noch im Büro, denn Pierre wird da sein. Das ist der Mann, der uns seine Villa auf einer der kleineren Inseln der Seychellen zur Verfügung stellen wird für den letzten Dreh, der für mich noch aussteht! Da ich euch auch mitnehmen will, muss ich sehen, ob es möglich sein wird, euch unterzubringen, ohne dass ihr mit den Dreharbeiten in Berührung kommt. Dass du mit nackten Kerls umgehen kannst weiß ich, dem Kurzen möchte ich das allerdings nicht zutrauen, ne JJ?“

Der Junge sah ihn etwas verwirrt an, denn er hatte kein Wort verstanden, legte nur den Kopf schief und seine Zähne schlugen aufeinander, weil er nass war und es zog. „Los, Kurzer. Wasch dich!“, sagte Endre und schob JJ ganz in die Dusche, stellte auch das Wasser wieder an und JJ bekam wieder Schwamm und Seife, damit war er zufrieden und beschäftigt. Endre aber kam seinem Arbeitgeber entgegen. „Ja, das wird schon. Kümmere du dich mal um dein Zeug, wir packen das schon. Wenn ich nachher Zeit habe, kann ich das Telefon benutzen? Ich suche eine Vorschule und einen Kinderarzt. Ist der Kurze eigentlich versichert? Wie läuft das?“

Leif lehnte an der Badtür, während er unten schon wieder Viktor nach ihm suchen hörte. „Moment“, rief er also nach unten und schüttelte den Kopf. „Darum hat sich mein Anwalt gekümmert. JJ ist so lange über meine Versicherung mit versichert. Seine Karte müsste in den nächsten Tagen auch im Briefkasten sein. Wegen einer Vorschule wollte ich mit Jochen reden, ob der mir was empfehlen kann. Mir wäre es schon lieber, wenn Tiara in JJs Nähe sein könnte, denn die beiden kamen ganz gut klar und wenn sie ihn etwas unter ihre Fittiche nimmt...“ Leif zuckte die Schultern.

„Hast du nicht gesagt, sie ginge schon in die Schule?“, fragte Endre etwas verwirrt und rubbelte sich über die Haare. Leif beobachtete ihn und irgendwie brannten sich die Bilder in sein Hirn ein. Er konnte gar nichts dagegen tun.

„Sie besucht eine kombinierte Vor- und Grundschule. Peters Kleine geht auf eine Privat-Schule, wo die Kinder vom Kindergarten bis zum Abitur betreut werden mit Sport und Arbeitsgruppen und jeder Menge anderem Zeug. Die Idee gefällt mir gut und ich wollte sehen, wie schwer es ist, dort rein zu kommen. Ich werde mir Jochen nachher gleich mal in der Drehpause vornehmen und ihn anspitzen.“

Endre hob anerkennend eine Braue. Leif schien sich da ja schon richtig Gedanken gemacht zu haben.

„Gut, dann sehe ich mich nur nach einem kompetenten Arzt um. Allerdings solltest du dich dort mit ihm vorstellen, denn er sollte wissen, wo der Kurze her kommt. Wir wissen beide nicht, ob JJ nicht doch irgendetwas angetan worden ist, was irgendwann einmal anfängt zu arbeiten. Darauf sollte der Mann vorbereitet sein.“

Leif wollte noch etwas sagen, doch Viktor brüllte unten schon wieder. Das Frühstück war da und wenn Leif sich nicht gleich nach unten bequemte, dann fuhren sie eben mit leeren Magen.

„Man, der kann aber auch nerven“, murmelte Leif leise, doch es war besser, er ging nach unten. Endre würde das schon machen und heute Abend hatten sie Zeit, darüber zu reden, wie das gelaufen war. „Wenn was ist, meine Handynummer steht sicherheitshalber noch einmal unter der Adresse von Günni. Während dem Dreh werde ich wohl nicht ran gehen, aber es ist lautlos und wenn Jochen oder Frank es bemerken gehen sie auch ran. Wird schon“, wie jeden Morgen küsste er seine beiden Jungs und verschwand nach unten, während Endre wieder nur den Kopf schüttelte. Aber eine Sekunde später gehörte seine ganze Aufmerksamkeit wieder gänzlich JJ.

Leif ging die Treppe runter, wo Viktor an der Theke in der Küche saß und die Zeitung vor der Nase hatte. Dazu seinen Kaffee und ein süßes Brötchen – das gleiche Bild wie jeden Morgen. „Da bist du ja, Schatz. Was gab es denn noch so wichtiges?“, wollte er wissen, doch er legte nicht einmal die Zeitung weg, was Leif unhöflich fand, deswegen antwortete er auch nicht.

Er nahm seinen Kaffee und sein warmes Frühstück und wartete, bis sein Verlobter hinter seine Zeitung hervor gekrochen kam. Da musste er auch gar nicht lange warten.

„Redest du nicht mit mir?“, wollte Viktor wissen und Leif grinste.

„Mit dir schon, aber nicht mit deiner Zeitung“, lachte er und fing langsam an zu essen. „Ich wollte nur sehen, ob was anliegt, habe Endre die Zeiten für den Lehrgang gegeben und...“

„Lehrgang?“, schob Viktor dazwischen und Leif rollte die Augen.

„Danke fürs Zuhören. Ich habe dir gestern schon gesagt, dass Endre seinen Führerschein machen wird. Keine Sorge, er bezahlt ihn selber“, schob Leif gleich dazwischen, weil er sah wie Viktor sich schon wieder zu einer Schimpftirade räusperte. „Und deswegen hat er heute um elf seine erste Stunde und JJ wird mitgehen. Und später wird er sich auf die Suche nach einem guten, zuverlässigen Kinderarzt machen. Sonst noch Fragen?“, wollte Leif wissen und Viktor knurrte.

„Werd nicht schnippisch!“

Doch Leif zuckte nur die Schultern. Er hatte sich vorgenommen sich nicht mehr die Laune verderben zu lassen, auch nicht von seinem Verlobten. Er wusste langsam, wie er ihn ruhig stellen konnte, er wusste, welche Knöpfe er drücken musste, um den Motor nicht in den roten Bereich zu treiben. Es ging langsam aufwärts, so sah Leif das jedenfalls.

„Wann kommt Pierre eigentlich?“, wollte er von Viktor wissen und der überlegte kurz.

„Ich glaube sein Flugzeug landet gegen zwei. Jan wird ihn abholen und in die Agentur bringen. Deswegen sollten wir auch zu...“

„Warum denn die Agentur?“, fragte Leif. „Der Mann ist einer unserer größten Fans, er stellt uns seine Villa zur Verfügung und den Flug in seinem privaten Jet. Ich finde, er hat etwas Fan-Service verdient. Bringt ihn zum Set.“ Leif grinste. Und als Viktor begriffen hatte, grinste der auch.

„Ich weiß schon, warum ich dich die Geschäfte führen lasse. Du weißt, wie man mit Kunden umgeht, hm?“, lachte er und aß in Ruhe sein Brötchen. Es reichte, wenn sie um neun Uhr los fuhren. So weit war es nicht, denn es war eine Sauna innerhalb der Stadt. Wenn sie gut durch kamen, waren sie halb zehn am Set, das reichte völlig.

„Tja“, Leif lachte nur und aß ebenfalls. Mit leerem Magen konnte er nicht arbeiten und mit vollem Magen nicht gut agieren. Doch er machte das seit Jahren und er hatte das gesunde Mittelmaß gefunden.

Es war kurz vor neun, als die beiden Schauspieler sich auf den Weg machten. Leif rief nur noch einen Gruß nach oben, wartete auf das Echo, dann verschwand er mit seinem Verlobten im Fahrstuhl. Viktor zog ihn zu sich heran. „Gestern Abend war schön, wollen wir heute wieder essen gehen? Morgen früh steht nichts an, wo wir leistungsstark auftreten müssten“, raunte er und küsste Leif auf die Lippen. „Wir gehen essen und in eine Bar, da wird der komische Brite ja sicher nicht auch auftauchen!“ Wenn er von Leif eine Antwort erwartet hatte, so brachte er sich gerade selber darum, denn er küsste seinen Verlobten ausgehungert.

Leif ließ es geschehen, er war froh, dass Viktor sich wieder eingekriegt hatte. Doch er musste ihn bremsen. „Ich habe Mittwoch einen Termin mit den Herren von der Stiftung, da sollte ich weder nach Alkohol riechen noch mit Augenringen auftauchen!“, erklärte er und Viktor stöhnte, doch er sagte nichts. Er wusste nur zu gut, wie wichtig Leif seine karitative Arbeit war, sowohl für die Aidshilfe, als auch für die Kinder im Krankenhaus. Da redete er ihm besser nicht rein.

„Aber lass uns wenigstens essen gehen“, sagte er und sah Leif abwartend an, der gerade aus der sich öffnenden Tür des Fahrstuhles hinaus in die Tiefgarage treten wollte. Der Blonde wirkte nachdenklich und das gefiel Viktor gar nicht. Was zog ihn denn so dringend nach Hause? Hatte er nicht selber gesagt, die beiden kamen allein zurecht? Es reichte doch, dass die im Obergeschoss rumlungerten. Aber er wollte keine Diskussionen.

„Komm, sonst sind wir wirklich noch zu spät!“, erklärte Leif und warf Viktor den Schlüssel zu dessen Wagen zu, während auch Leif allein fahren wollte. Viktor sah ihn fragend an. Was sollte dieses Spielchen denn jetzt? Seit wann nahmen sie getrennte Wagen?

„Kann sein, dass ich zwischendrin mal heim muss und nach JJ sehen. Vielleicht brauchen sie ja was oder so!“, erklärte Leif und machte ein Gesicht, das deutlich zeigte, dass er nicht diskutieren wollte.

„Geht das wieder los“, knurrte Viktor und schloss seinen Porsche auf. Jetzt hatte er sich gerade darauf eingeschossen, dass Leif wieder ihm gehörte und die Straßenratte auf seinen Platz verbannt war, da fing Leif wieder diese Spielchen an. Der Kerl war doch alt genug. Wenn er sich als Kindermädchen einstellen ließ, sollte er mit der Göre auch fertig werden. Das konnte so schlimm ja nicht sein.

Leif gedachte nicht darauf einzugehen, er ärgerte sich nur, dass Viktor sein Entgegenkommen so gar nicht wertete, sondern immer nur anfing zu motzen, wenn er sich wieder in seinem, ihm zustehenden Grundrecht auf die alleinige Präsenz in Leifs Nähe beschnitten fühlte.

Es war ein Rückschlag, egal wie Leif das drehte oder wendete. Also ließ er sich in seinen Wagen fallen und gab Gas, fuhr so Viktor nach, der den Weg besser kannte. Es war ganz gut, dass sie in verschiedenen Wagen saßen, so konnten sie sich bis zum Set wieder beruhigen. Sie waren Schauspieler, sie waren gut – aber auch sie waren nicht perfekt und ein tief sitzender Ärger ließ sich auch von der Visagistin nur schwer wegschminken.

„Na eben, Jochen“, murmelte Leif und ließ sein Telefon die Nummer wählen. Da die Freisprechanlage über das Autoradio funktionierte, musste er nichts weiter tun und war so beim Fahren auch nicht abgelenkt. Als Jochen endlich abnahm, fing Leif auch gleich an: „Hi Jo, ich bin’s. Ich weiß, wir sehen uns gleich am Set, aber ich habe Sorge, dass ich es dann vergesse. Es geht um JJ. Endre sucht eine gute Vorschule für ihn oder einen Kindergarten und mir fiel ein, dass deine Kleine ja so eine Einrichtung besucht. Habt ihr mit Peter mal Zeit, dass wir uns zusammensetzen können? Endre wird sich vorher kundig machen, versprochen“, lachte er, weil Jochen am anderen Ende kicherte.

>Hat dein Kindermädchen dich schon an die Kandare genommen? Lass uns in der Pause reden, ich ruf vorher Peter an<, schlug Jochen nur vor, denn er war auch noch etwas im Stress. Er hatte schon die ersten auf seinem Stuhl sitzen, die mit wasserfestem Make-up bearbeitet werden wollten.

„Okay Jo, wir sehen uns.“ Leif legte auf und nickte. Wieder ein kleiner Schritt.


-39-

„Wo bleibst du denn?", wurde Leif empfangen, als er in der Siedlung endlich ankam. Viktor lehnte sich in die offene Autotür des SLK und küsste seinen Verlobten kurz. Leif grinste.

„Es rauscht eben nicht jeder bei Kirsch-Grün über die Kreuzung. Ich bin ein vorbildlicher Fahrer!", erklärte er und schälte sich aus dem Sportsitz. Kurz sah er sich um. Wenn er sich damals nicht für die Penthousewohnung mitten in der belebten Innenstadt entschieden hätte, wäre er gern hier raus nach Dahlem gezogen. Die alten Villen aus der Gründerzeit waren auf seltsam nostalgische Weise genau sein Geschmack.

Es gab sogar eine in der Schützallee, die zum Verkauf stand und um die er schon ein paar Monate herum schlich. Doch was sollte er mit einer Villa? Er hatte ein Dach über dem Kopf, mehr brauchte es nicht. Doch dann legte er überlegend den Kopf schief.

Vielleicht würde sich ein Kind in einem Haus mit großem Garten wohler fühlen, als mitten in der zu betonierten Stadt? Vielleicht sollte er dies einmal mit Endre besprechen? Doch er kam nicht dazu, sich darüber noch weiter Gedanken zu machen, auch nicht darüber, dass er solche Sachen vielleicht eher mit seinem Verlobten als mit seinem Kindermädchen besprechen sollte, denn Frank stand neben ihm und knurrte ihn grinsend an.

„Braucht der Herr noch eine Extra-Einladung, dann lass ich die drucken. Kein Problem!" Leif, aus seinen Gedanken gerissen, sah neben sich und lachte.

„Ja, ich bitte darum, schließlich bin ich ein Star!", lachte er und schlug seinem Sekretär freundschaftlich auf die Schulter.

„Ja, Allüren hast du ja schon", lachte Frank und schüttelte den Kopf, legte frech einen Arm um Leif und schob ihn neben sich her, weil Viktor sie schon wieder so komisch beobachtete. Dessen Eifersucht kannte wirklich keine Grenzen und ab und an war Frank dann so lebensmüde, das auch noch zu provozieren.

Als sich hinter Leif und Frank die Türen der alten, weißen Villa schlossen, war es, als hätten sie durch eine verwunschene Tür den Weg in ein früheres Leben gefunden. Was die Villa von außen bot, setzte sich in ihrem Inneren fort. Die Einrichtung war antik und irgendwie wusste Leif, dass es sich hierbei nicht um billige Imitate handelte.

„Herzlich willkommen!"

Leif sah sich kurz um und entdeckte den Herrn des Hauses. Ein Mann mittleren Alters. Er kannte Markus recht gut, in den Anfangszeiten der Firma war er einer der Gläubiger gewesen, später ein Sponsor und beteiligte sich heute noch mit seinen Beziehungen und seinen Ideen an den Settings. Heute bot er sein eigenes Haus an, denn die Bäderlandschaft, die er sich vor zwei Jahren in den Keller hatte bauen lassen, war die getreue Nachbildung eines alten, römischen Bades aus Pompeji. Markus, Bankier bei namhaften Banken im In- und Ausland, war ein Fan der Antike. Egal ob römisch, griechisch oder chinesisch und er hatte ein Talent dafür, die Baustile zu mixen, ohne dass es aufgesetzt wirkte.

„Markus, immer wieder schön, dich zu sehen", sagte Leif. Eigentlich wunderte er sich darüber, dass sie sich schon so lange kannten, aber er hatte Markus noch nie in dessen Haus hier besucht. Sie hatten Anläufe genommen, doch ihre Termine hatten es bis heute nicht zugelassen, ein Datum zu finden, an dem sie beide Zeit hatten. „Wo hast du denn deine Schönheit gelassen?"

Markus lachte leise. Dass sein Geliebter nur halb so alt war wie er selbst, hatte ihn nur am Anfang gestört. Er war Leander gegenüber misstrauisch gewesen, weil der eigentlich arm wie eine Kirchenmaus gewesen war und das Bild eines Bettelstudenten wirklich vervollkommnete. Doch ziemlich schnell war ihm aufgegangen, dass Leander Geld so ziemlich egal war. Das, was er zum Leben brauchte, verdiente er sich als Modell bei den Zeichenkursen seiner Seminargruppen oder an der Volkshochschule. Er wusste, wie man sich durch schlug. Genau genommen hatte er sich nie aushalten lassen. Er hatte mit Markus nur Restaurants besucht, die sich Leander auch leisten konnte. Geschenke hatte er nur unwillig angenommen. Nein, auf Markus' Geld war der junge Mann wirklich nicht aus gewesen.

„Er lässt grüßen und ausrichten, ihr solltet euch bitte nicht beeilen. Er hat noch einen Kurs, den er nicht schwänzen kann, weil er für die Zwischenprüfungen wichtig ist. Aber er beeilt sich, schnell wieder hier zu sein, um euch auch noch ein bisschen zusehen zu können", lachte Markus und dass sein Liebling das ernst meinte, sah man daran, dass er nicht mit seinem alten Golf gefahren war, sondern mit dem Wiesmann seines Freundes. Der blieb wenigstens nicht mitten auf der Avus stehen, wenn man es am wenigstens brauchte. Doch ein neues Auto wollte Leander nicht. Markus hatte beschlossen, den Golf heimlich in die Werkstatt zu geben, damit er wieder gangbar gemacht wurde. So kam die alte Klappermühle doch nie durch den TÜV.

„Ich werde mein Bestes geben", lachte Leif und grinste zu Viktor rüber, der neben ihn getreten war, um Markus ebenfalls zu begrüßen. „Außer der alte Mann hier kann sich wieder nicht zurückhalten", stichelte er und Viktor knurrte.

„Ja, jetzt bin ich es wieder!"

„Wer sonst, ich bin perfekt, ich kann da nicht schuld sein", schoss Leif lachend zurück und küsste seinen Verlobten kurz, denn er sah schon wieder Frank auf sich zu gestürzt kommen.

„Schwingt ihr vielleicht eure süßen Ärsche auch mal in die Maske? Glaubt ihr denn, wir sind zum Tee hier?" Die Komparsen für die Zwischensequenzen wurden schon zurechtgemacht und die Beleuchter kümmerten sich bereits um die Räume. Leif wusste, dass er sich auf seine Leute verlassen konnte.

„Frank, ganz ruhig. Bis jetzt haben wir unsere Zeitpläne immer geschafft. Das wird auch heute so sein", versuchte er seinen Sekretär zu beruhigen. Doch weil er Franks Blutdruck nicht unnötig in die Höhe schnellen lassen wollte, folgte er ihm und Markus in den Keller der Villa. Eine breite Treppe im bequemen, barocken Schrittmaß geleitete sie hinab und Leif sah sich mit erhobenen Brauen um. Ein riesiger Raum öffnete sich. Über und über aus kleinen Mosaiksteinchen zusammengestellte Bilder. Auf dem Boden, an den Wänden, an der Decke. Überall und doch nicht überladen.

Dorische Säulen stützten die Decke und Bänke nach römischem Vorbild standen um ein Badebecken. Breitere waren für Massagen gedacht. Nur eine kleine Neuerung, die es im alten Pompeji sicher nicht gegeben hatte, entdeckte Leif. Seine Jungs schoben gerade eine riesige Glasfassade, die vorher in den Wänden versteckt gewesen war, zu und teilten so einen Teil des großen Raumes ab.

„Das ist die Sauna", erklärte Markus. „Die Scheiben sind abgedichtet, sie schließen hermetisch und über einen Ofen unter diesem Raum wird die Sauna beheizt", erklärte er. Die stufenartige Konstruktion, die von den Glasscheiben abgetrennt wurde, erinnerte jetzt auch an eine Sauna und dass die Kamera von oder hinter der Scheibe platziert werden konnte, gab sicherlich wunderbare Effekte.

„Perfekt wie immer, Markus!", sagte Leif anerkennend und der Mann nickte zufrieden.

„Dann runter mit den Klamotten", lachte er und Frank stimmte ihm da völlig zu.

„Los, macht euch fertig!" Er scheuchte seine Darsteller endgültig in die Maske, während er sich von Markus die Badelandschaft etwas erklären ließ, auf ein paar Raffinessen hinweisen und vor kleinen Fallen warnen.

Nicht dass jemand aus Versehen in dem Brunnen stand, den man nur erkannte, wenn er angestellt worden war. Denn es war kein Brunnen im hergebrachten Sinne mit Statuen oder einem abgegrenzten Becken, sondern eher ein Wasserspiel, das direkt aus dem Boden kam, wenn man die richtigen Knöpfe drückte. Ebenso erfuhr Frank, dass die Pflanzen, die hier standen und der einen Ecke etwas Urwaldhaftes gaben, alle echt waren. Sie wurden von UV-Lampen versorgt, weil der Keller ja nicht über Fenster verfügte, die den Pflanzen Sonnenlicht hätten spenden können.

Eines musste man Markus lassen: er hatte Ideen und das nötige Geld, sich das auch zu leisten. Er musste nicht auf den Pfennig gucken.

„Also das Bad hier unten war Leanders Idee. Er war vor drei Jahren mit seiner Seminargruppe in Pompeji für Studien und er kam mit solch glänzenden Augen wieder und berichtete von den Bauten, dass er mich mit seiner Faszination angesteckt hat", erklärte Markus. Frank nickte immer wieder, sah sich heimlich um. Er selbst hätte solch ein Domizil auch ganz gern gehabt, doch für einen allein war das einfach viel zu groß. Außerdem war er bekennender Single. Beziehungen waren einfach nicht sein Ding, sie raubten Zeit und Nerven, Dinge, von denen er nicht genug hatte, um es einfach verschwenden zu können - in seinen Augen.

„So, wir wären dann soweit!", erklärte Viktor, der mit einem Bademantel zurückkam, gefolgt von Leif. „Gehen wir die Szene noch mal durch."

Frank nickte zustimmend und schlug das Drehbuch auf, ging mit seinen Schützlingen die erste Szene durch, während sich etwas weiter hinten schon zwei Neue auf ihren Auftritt vorbereiteten.

Leif grinste, als er sie heimlich beobachtete. Er wusste genau - jeder Anfang war schwer. Vor allem in diesem Geschäft. Auf Kommando bereit zu sein, das war harte Knochenarbeit und man musste sich und seinen Körper kennen. Bei Frauen war das einfacher, die konnten Erregung auch spielen. Aber wenn bei einem Kerl nichts stand, da konnte er noch so keuchen und stöhnen, man nahm ihm seine Geilheit nicht ab.

„Okay, alles auf die Plätze!"

Leif und Viktor wurden nackt in die Sauna gescheucht und kicherten dabei albern, weil Frank seinem Ruf als Domina schon wieder alle Ehre machte. Er kommandierte, er duldete von niemandem Widerspruch. Das musste auch Markus erfahren, der sich grinsend auf eine der Bänke zurückzog, wo er nicht im Bild war, nicht im Weg saß, aber eine wunderbare Aussicht auf die Protagonisten hatte. Er beschloss, das später Leander alles haarklein zu erzählen, weil er wusste, dass sein Liebling sich ärgern würde. Markus lachte leise, doch er schwieg und sank zusammen, als ihn Franks strafender Blick traf.

Als endlich alles so war, wie Frank das gern hätte, konnte es endlich losgehen.

Es war Leifs Aufgabe, seinen Gespielen keuchend davon zu überzeugen, dass er der einzige für ihn war - das er keinen anderen Mann mehr ansehen wollte. Mit einer leidenschaftlichen Nummer im Reitersitz entschuldigte er sich für die vielen Male, die er fremdgegangen war und versicherte seinem Gespielen, dass dies nicht mehr vorkommen würde.

Viktor, in der Rolle des Neil, hatte sich spröde zu geben, so dass es Roberts Aufgabe war, ihn von seiner Treue zu überzeugen. Im Stehen, im Liegen, gebückt und aufgesetzt gab Leif eine Stunde lang sein Bestes.

Markus konnte dem ganzen nur blass zusehen. Wie schafften es die anderen nur dabei ruhig zu bleiben? Sauber die Kamera zu führen oder gar zu korrigieren oder eine Szene noch mal starten zu lassen? Wie gelang es denn Viktor und Leif die ganzen Männer und die vier verschiedenen Kameras aus ihrem Kopf zu bekommen? Schlimmer noch, sie bekamen sie gar nicht aus ihrem Kopf, sie wussten genau, wo sie waren und wo sie hinsehen mussten, wo sie die Beine weiter öffnen mussten.

Das war unglaublich. Ein unterdrücktes Stöhnen konnte er sich nicht verkneifen, als er weiche Lippen an seinem Hals spürte und ihm jemand: „Spanner", ins Ohr wisperte. Leander hatte sich auf Socken angeschlichen, um nicht die Szene zu schmeißen, hatte den beiden erst eine Weile in der Sauna zugesehen, doch dann seinen Schatz entdeckt, der ziemlich verkniffen in einer Ecke hockte und sich nicht zu bewegen wagte.

„Scherzkeks!", flüsterte er nur und zog Leander zu sich, doch sein Blick haftete auf dem Schauspiel vor seinen Augen. Er kam sich vor wie ein Voyeur, dabei kannte er jeden von Leifs Filmen auswendig. Hunderte Male hatte er den beiden bei ihren Liebespielen zugesehen - aber ohne den Rahmen des Monitors war es doch noch etwas anderes. Er hätte ehrlich geglaubt, ihn würde das kälter lassen. Aber da hatte er wohl die Wirkung von Leif völlig falsch eingeschätzt.

„Okay, cut!", rief Frank, als alles vorbei war und sich Neil von Roberts neu entdeckter Monogamie hatte überzeugen lassen. Damit war die Water Rats-Reihe abgeschlossen. Leif und Viktor wurden ihre Mäntel gereicht und Markus, der immer noch steif in seiner Ecke hockte, sah ihnen nur ungläubig zu, wie sie sich von Frank die eine oder andere Szene noch mal auf einer kleinen Mini-Kamera zeigen ließen, die allein deswegen mit lief, damit man Szenen hinterher auswerten und besprechen konnte. Alles lief so professionell, dass man glaubte, die drehten hier keinen Porno, sondern einen Dokumentarfilm.

„Ah Leander, da bist du ja!" Leif kam zu ihnen rüber und band sich gerade den Mantel zu, während er den jungen Rotschopf begrüßte. Der lachte.

„Du hast Markus ganz schön ins Schwitzen gebracht. Vielleicht sollte ich ihn erst einmal mit unter die Dusche nehmen", grinste er und wurde von Markus in die Seite gestoßen.

„Mach dich nicht noch über mich lustig. Ich hätte nicht gedacht, dass..." Er brach ab, Markus wusste nicht, wie er das hätte sagen können, ohne sich selber zu blamieren. Doch Leif winkte nur ab.

„Keine Sorge, das geht jedem am Anfang so. Aber ich würde jetzt auch ganz gern duschen!" Dann wollte er sich Jochen suchen.

„Klar, komm mit. Ich zeig dir alles!" Leander war aufgesprungen und grinste auf Markus hinab, der immer noch etwas unwirsch auf seiner Bank hockte und sich nicht zu bewegen wagte. Doch Leander zog ihn mit, kicherte leise, weil er beim aufstehen Markus' Schritt genau beobachtete und leise: „Hui jui jui", machte, als er die Beule sah.

„Ich würde ihn nicht ärgern, die Strafe könnte grausam sein", machte nun auch Leif mit und Leander beugte sich zu ihm rüber.

„Na, das hoffe ich doch!"

So verschwanden sie lachend im oberen Bereich des Hauses, wo die Gästebadezimmer lagen. Leif hatte seine Tasche dabei und so duschte er sich rasch und machte sich wieder vorzeigbar. Während er sich mit einer Hand die Haare föhnte, tippte er fix eine SMS, weil er wissen wollte, wie es bei Endre gelaufen war, ob er mit Günni klar kam und wie es JJ ging.

Dann kümmerte er sich weiter um seine Haare. Als er gerade in saubere Klamotten stieg, piepste das Handy und Leif grinste. Endre ließ schön grüßen, alles wäre glatt gelaufen, er würde gerade etwas über den Sicherheitsfaktor Mensch erfahren und JJ und Gustav würden gerade einen Tisch weiter sitzen und sich gegenseitig malen. Alles wäre im grünen Bereich. Leif nickte zufrieden. Das hörte man doch gern.

Ehe er das Bad verließ, hängte er noch die nassen Handtücher auf, dann griff er sich seine Tasche und ging wieder nach unten. Es war mehr zur Bestätigung, dass er Leander und Markus mit den Augen suchte und sie nicht fand.

Markus musste wohl erst einmal seinen Hormonhaushalt wieder auf ein für ihn gesundes Level bringen, ehe er sich erneut blicken ließ.

Für ein paar Minuten sah Leif seinen jungen Akteuren zu, die für ein paar Kurzfilme vor die Kamera traten, doch dann wandte er sich um und suchte Jochen. Der war gerade dabei, seine Utensilien wieder zusammen zu packen, denn für heute wurde er nicht mehr gebraucht. Die Protagonisten waren versorgt, Viktor und Leif waren auch fertig.

„Jo", sagte Leif, als er näher kam, damit Jochen sich nicht erschrak, wenn plötzlich jemand neben ihm stand und er noch was fallen ließ.

„Ach Leif!" Jochen lächelte und strich sich eine der grünen Strähnen zurück. „Ich habe mit Peter telefoniert. Er hat die ganze Woche abends frei, es dürfte also kein Problem sein, vorbeizukommen", erklärte er gleich und räumte alles wieder in seinen Koffer und die Tasche. Dann setzte er sich auf den Tisch und sah Leif abwartend an.

„Gut, mir wäre es lieb, wenn Vik nicht dabei ist. Er wird eh wieder nur blöd rein lappen, da habe ich keine Laust drauf. Ich will klare Antworten von euch auf meine Fragen und nicht seine blöden Sprüche", sagte Leif leise. Man sah an seinem zerknirschten Gesicht, dass ihm das selber nicht passte, dass er seinen Verlobten ausladen musste, doch Viktor hatte kein Interesse an dem Jungen und boykottierte, wo es nur ging. Das konnte Leif im Augenblick wirklich nicht gebrauchen.

„Mir soll es recht sein", sagte Jochen nur, denn auch wenn er Viktor als Mensch schätzte, war er der gleichen Meinung wie Leif. Ohne Viktor kamen sie schneller voran. „Hast du denn schon eine Idee?", wollte Jochen wissen. Leif, der an einer der dorischen Säulen lehnte, zuckte nur etwas unbeholfen die Schultern.

„Mehrsprachig wäre toll, Privatschule wäre mir noch lieber. Eine Einrichtung durchgehend vom Kindergarten bis zum Abitur, sofern er das machen will." Leif wusste auch noch nicht so richtig. Alles, was er wollte, war, dass sein Kurzer nicht auf eine Schule ging, die dann eines Tages wegen durchgeknallter Typen in den Nachrichten auftauchte oder wo er täglich von irgendwelchen Schlägern um sein Milchgeld betrogen wurde oder Prügel bezog.

„Irgendetwas wo ich sicher sein kann, dass er gern hingehen wird, weil es ihm dort gefällt und er keine Angst haben muss", sagte Leif leise, mehr so für sich selber als für seinen Gesprächspartner. „Endre wird sich sicher auch umhören und sich schlau machen."

„Das muss ja ein Prachtexemplar sein", grinste Jochen und legte forschend den Kopf schief. Leif war immer noch in seinen Gedanken und merkte gar nicht, was er sagte, als er anfing, Endres Vorzüge aufzuzählen und die beliefen sich nicht nur auf Kindererziehung, sondern vor allem auf seine Optik.

Jochen lachte schallend auf. „Und ich dachte, du hast ihn ins Haus geholt, damit er sich um den Kurzen kümmert und nicht um die Befriedigung deiner notgeilen Träume", stichelte er und als Leif begriff, was er wohl gesagt haben musste, sah er sich kurz um. Doch Viktor hatte sie zum Glück nicht gehört. Besser war das. „Was kann ich dafür, du solltest den mal sehen!", murmelte Leif als Entschuldigung und grinste.

„Würde ich ja gern, aber seine Bewerbungsbilder sind ja bei meinem Chef im Büro verschwunden." Jochen konnte es nicht lassen. Es geschah selten genug, dass er etwas fand, mit dem er Leif aufziehen konnte. „Hat er noch andere Vorteile als einen leckeren Körper?"

Leif nickte. „Er kann gut mit dem Kurzen und weil er schon allein vier Kinder aufgezogen hat, weiß er auch, auf was es ankommt. Er ist gut in seinem Job und er lässt sich von Vik nicht provozieren."

„Vier Kinder? Ich dachte, der ist erst 24!", fragte Jochen etwas verwirrt nach.

„Nicht seine Kinder, seine Brüder. Alles Heimkinder und er hat sie durchgebracht!", erklärte Leif, doch als Viktor ihn suchte, weil endlich alles beendet war, wandte er sich um. „Ich ruf dich an, wann Vik abends nicht da ist", sagte er und seine Stimme drückte Dankbarkeit aus.

Jochen nickte nur. „Passt schon. Tiara hat schon nach JJ gefragt und nach dem Plüschtier. Sie scheint ihn zu mögen."

Leif lächelte, JJ konnte man auch einfach nur lieben.

Dann machte er sich auf zu seiner restlichen Crew für die Nachbesprechung, zu der auch Leander und Markus wieder auftauchten. Markus wirkte wieder souverän, Leander grinste frech und Leif fragte lieber nicht.



-40-

Während die Crew sich darum kümmerte, dass der Set wieder abgebaut und das Bad von jeglichen Spuren der Dreharbeiten befreit wurde, saßen Leif und Markus und die anderen noch für eine Tasse Kaffee im Wintergarten und unterhielten sich. Markus interessierte sich für die Pläne der nächsten Wochen und Monate.

„In zwei Wochen schließen wir dann auch die Produktion über einen Hausangestellten ab“, sagte Frank und sah auf Leif und Viktor, die leise in ein Gespräch vertieft waren. „Dafür fahren wir zu Pierre rüber.“

Markus nickte. Er kannte den Aussteiger ziemlich gut. Bis vor fünf Jahren hatte er noch in Deutschland gelebt, doch das miese Wetter und die Mentalität der Deutschen war ihm einfach eine Qual geworden, weswegen er alles, was er in Deutschland noch besessen hatte, zu Geld gemacht hatte und ausgewandert war. Auf eine der Seychelleninseln. Ein wenig neidisch war Markus darauf schon, doch ihm fehlte der Mut, alles hinter sich zu lassen und noch einmal ganz neu anzufangen. Dass Leander ihn begleiten würde, egal wo er hin ging, das wusste er, darüber musste er sich keine Gedanken machen. Er war der springende Punkt oder eher: der phlegmatische Punkt.

„Drehen auf den Seychellen, wenn das nicht der Traum eines jeden ist“, lachte Leander und leerte seine Tasse. Leif nickte ihm lächelnd zu. „Ja, ich war dort auch noch nicht gewesen, ich habe keinen Schimmer, was mich erwarten wird, oder besser: uns. Aber deswegen müssen wir uns jetzt auch auf den Weg machen. Pierres Flugzeug hatte Verspätung und nun ist er auf dem Weg ins Büro. Eigentlich hatte auch er dem Dreh heute beiwohnen wollen, doch ein paar Turbulenzen und ein verspäteter Abflug haben ihm da einen Strich durch die Rechnung gemacht. Deswegen werden wir ihm im Büro einen netten Empfang bereiten und uns dann über die Planung und die benötigten Dinge mit ihm unterhalten.“ Leif war ein bisschen aufgeregt, denn er kannte Pierre eigentlich nur über Markus und von seinen E-Mails, die immer glühende Lobeshymen auf die professionelle Arbeit der Water Rat-Boys waren. Sich dann persönlich gegenüber zu stehen und herausfinden zu müssen, ob man sich mochte und ob man zusammen arbeiten konnte, war immer noch die zweite Hürde, die nach dem ersten Beschnuppern zu nehmen war.

„Oh, dann möchte ich euch nicht aufhalten, wenn ihr noch wichtige Termine habt. Es war schön, euch im Haus zu haben“, sagte Markus und konnte das freche Grinsen seines Freundes nicht ignorieren, der auch noch leise anfing zu kichern. Doch er stand darüber, er konnte das ignorieren und sich später, wenn sie allein waren, immer noch dafür revanchieren.

„Wir haben zu danken, Markus!“, erklärte Leif auch gleich, als er sich erhob. Nach einer herzlichen Verabschiedung und der Hoffnung, dass man es doch endlich einmal schaffen würde, sich auch privat zu treffen, machten sich die Jungs von 'Water Rats Inc.' auf den Weg. Der Transporter mit der Technik und den Mitarbeitern war schon lange weg. Frank hatte sich ebenfalls schon in die Spur gemacht und hielt regelmäßigen Kontakt zu dem Wagen, der Pierre vom Flughafen Tempelhof holen sollte. Deswegen machten sich dann auch Leif und Viktor zügig auf den Weg. Leif nutzte die Chance, eine SMS an Endre zu schreiben, um zu hören, wie es denn ginge und als er las, dass Endre gerade Mittagspause hätte, rief Leif mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht an. Einfach nur, um Endres Stimme zu hören.

>Was gibt es denn Wichtiges?<, empfing ihn Endre auch gleich lachend, weil er etwas in der Art schon erwartet hatte.

„Och, nur so. Mit dem Dreh sind wir durch, ich fahre gerade rüber ins Büro. Pierre, bei dem wir auf den Seychellen wohnen und drehen werden, kommt gleich. Hatte ich dir ja gesagt, aber so lange wie ich fahre, habe ich etwas Zeit für euch. Also, wie läuft es? Quengelt JJ?“, wollte Leif gleich wissen, denn seine erste Sorge galt immer dem Jungen. Doch da konnte Endre ihn beruhigen.

>Ach, um den Kurzen musst du dir keine Sorgen machen. Er ist richtig pflegeleicht. Ab und an hört er mit zu, guckt Bilder mit an. Und wenn es langweilig wird, dann malt er eben. Manchmal soll ich ihm auch was malen, aber Günni hat Verständnis. Ist ein netter Kerl.<

Leif nickte verstehend, auch wenn Endre das nicht sehen konnte. So was hörte man doch gern. Insgeheim hatte er etwas Sorge gehabt, dass Endre das nicht fand. Doch was hatte er erwartet? Der Junge stand mit beiden Beinen im Leben – der kam auch ohne Leif zurecht, egal ob dem das gefiel oder nicht. Deswegen versuchte er intensiver sich einzubringen. Und genau aus diesem Grund bestand er auch darauf, dass seine beiden Jungs mit auf die Insel fuhren. Er musste gleich mal nachhaken, wie das war, ob es ein Zimmer abseits gab, so dass man JJ getrost mitnehmen konnte, ohne dass er in die Filmaufnahmen platzen konnte.

„Nach dem Termin komme ich heim. Soll ich noch was mitbringen fürs Essen?“, wollte er wissen und fuhr langsam an eine rote Ampel heran. Zwei Wagen vor sich konnte er Viktor erkennen. Also hatte dem das Rasen auch nicht viel eingebracht. Wenn die Stadt dicht befahren war, war es egal, ob man Nerven ließ oder die Ruhe bewahrte, man kam nicht schneller voran.

Doch Endre verneinte nur. Auf dem Rückweg wollte er selber mit JJ einkaufen gehen, damit der Kurze sich heute auch ein bisschen bewegen konnte und nicht nur herum sitzen musste. Das Wetter war schön und die Sonne lockte. Dass Gustav wieder mit von der Partie war, ließ sich zwar nicht vermeiden, aber in seinem Rucksack gab er Ruhe und hielt ihnen den Rücken frei, zog aber auch immer die neugierigen Blicke von Passanten auf sich, denen er dann freundlich zulächelte. Leif konnte sich das wieder so richtig vorstellen und er war ein bisschen neidisch, er wäre gern dabei gewesen. In Augenblicken wie diesen verfluchte er seinen Job und sein gehetztes Leben, was ihm die Zeit mit JJ wegfraß. Doch wenn er Geld verdienen wollte, musste er etwas dafür tun.

„Na gut, wenn meine beiden Hübschen nichts brauchen, dann komme ich dann mit leeren Händen nach Hause“, lachte er und konnte sich so richtig vorstellen, wie Endre wieder eine Braue hob wegen der Flirterei. Schade, dass er das jetzt nicht sehen konnte. Er lachte leise. „Macht’s gut, ich bin gleich am Büro, dann muss ich mich eilen. Küss JJ von mir, bis später!“, dann legte Leif auf und konzentrierte sich auf den letzten Teil des Weges.

Kaum eine Minute nach Viktor fuhr auch er auf den Parkplatz, der an seinem Wagen lehnte und auf seinen Verlobten wartete.

„Du schleichst wieder was zu Recht“, lachte Viktor und stieß sich in einer eleganten Bewegung vom Wagen ab, um Leif in den Arm zu nehmen. „Hast du nicht gemerkt, dass dich die Weinbergschnecken links überholt haben?“ Er küsste Leif kurz auf den Hals und lachte, weil der nur schnaubte.

„Ich schleiche nicht, ich halte mich an die kleinen, bunten Bildchen, die rechts und links an der Straße stehen und da bestimmt nicht nur rumstehen, weil sie dekorativ wertvoll sind“, erklärte Leif und ließ sich von Viktor nach oben geleiten, wo Frank gerade hektisch herum lief und ihnen zu wedelte.

„Perfekt, Pierre ist gerade eingetroffen. Ich habe ihn in die Sitzecke in Leifs Büro gesetzt und hole Kaffee!“, warnte er vor, dann war er auch schon wieder weg, während Leif und Viktor sich lösten und ins Büro eilten. Da die Tür offen stand, traten sie nach einem kurzen Klopfen gegen den Rahmen ein und Pierre, ein blonder, braungebrannter Mann im gleichen Alter wie Leif und Viktor, erhob sich lächelnd.

„Freut mich, dass sie es einrichten konnten!“, sagte Leif und stellte sich vor, genauso wie Viktor, ehe sie sich setzten.

„Sie müssen sich doch nicht vorstellen. Wer kennt euch nicht?“, sagte Pierre und Leif fiel auf, dass der Mann mindestens so nervös war wie er selbst auch. Das beruhigte ihn etwas. Frank verteilte unauffällig Schnittchen und Kaffee, ehe auch er sich in die Runde setzte. Erst sprach man etwas über die früheren Filme, dann über die Aufnahmen von vorhin, zu denen Pierre ja geladen worden war und er bedauerte es zutiefst, dass er den Flug hatte verschieben müssen und deswegen die Termine nach hinten gerutscht waren.

„Ich hätte euch zu gern mal, ohne die Mattscheibe dazwischen, zugesehen, wenn das gestattet wäre“, sagte Pierre und Leif lachte leise. Für ihn war es immer noch ein Job wie jeder andere auch – für seine Fans wohl eher nicht.

„Wenn wir uns einig werden, können wir das mit einem Besuch bei dir machen, dann wirst du deine Chance haben, so oft du nur willst“, erklärte Viktor mit einem frechen Grinsen und Pierre nickte.

„Ja, deswegen bin ich auch hier. Ich wollte das Angenehme gleich mit dem Nützlichen verbinden. Ich habe ein paar größere Bestellungen abzuholen, Dinge, bei denen ich einem Versandservice nicht über den Weg traue. Ich werde morgen noch den ganzen Tag einkaufen gehen, weil ich vieles dort einfach nicht bekomme und der Gaumen danach lechzt. Insofern wollte ich die Chance gleich nutzen, mich erst einmal persönlich vorzustellen!“ Pierre redete gleich frei von der Leber weg, kein bisschen gekünstelt und hatte so ziemlich schnell bei Leif und seinen Leuten einen Stein im Brett.

„Aber ich rede hier und rede. Kommen wir doch mal zu dem, was euch interessieren wird. Ich habe ja gesagt, da ich sowieso noch das eine oder andere hier holen muss, würde ich euch dann am 8. gleich mit zurück nehmen. Wisst ihr schon, wer alles mit muss und was an Technik mit muss?“ Pierre wollte gleich Nägel mit Köpfen machen, damit sie etwas Verbindliches hatten oder sich noch umsehen mussten nach Restplätzen in Airlines, sollten die Plätze in seinem Jet nicht reichen.

Frank, vorbildlich wie immer, zückte gleich eine Liste und erklärte, dass er sich darüber schon Gedanken gemacht hatte und fing an zu erklären, was er sich alles vorgestellt hatte. Abgesehen von Leif und Viktor wollte er dort gern noch vier seiner neuen Pferdchen ausprobieren in verschiedenen Einstellungen. Sie hatten vor der Kamera noch nicht sehr oft gearbeitet, aber enormes Potenzial. Deswegen sollten sie für ein paar Kurzfilme in verschiedenen Einstellungen dort ihre Chance bekommen.

Pierre war von der Idee gleich begeistert, denn Frank hatte von den entsprechenden Jungs die Bewerbungsfotos an die Liste gehängt. Berechnend, wie er sich selbst eingestehen musste, aber Pierre war der ewige Single, der einem hübschen Mann nicht widerstehen konnte. Ihn zu ködern war vielleicht nicht nötig, aber auch nicht ganz verkehrt, wenn man die Blicke deutete, die Pierre auf die Bilder warf. Still beglückwünschte sich Frank.

Pierre ging die Liste durch, in der Frank auch gleich noch die Masse an Equipment zusammengefasst hatte, damit man wusste, wie viel zusätzliches Gewicht dabei war. Er nickte. „Ihr seid 14 Leute, ich habe aber nur 14 Sitzplätze. Einen davon brauche ich. Wäre es denn möglich, wenn einer mit einer Airline fliegt? Das geht natürlich auf meine Rechnung“, erklärte er gleich, weil ihm das absolut peinlich war. Da hatte er die große Klappe und holte sich die Filmleute auf sein Gut und konnte sie nicht einmal professionell durchziehen. Doch Leif schaltete schnell und winkte gleich ab.

„Perfekt, perfekt!“, sagte er und versuchte zu ignorieren, dass Viktor ihn fragend ansah, gerade so, als ahnte der, was jetzt kommen sollte.

„Ich habe doch seit kurzem meinen Neffen bei mir, weil der bei seiner Mutter nicht leben kann. Ihn hier allein zu lassen, wäre mir nicht wohl. Deswegen wollte ich sowieso fragen, ob es vielleicht ein Zimmer gibt, weit ab von den Orten, wo wir drehen wollen.“ Leif ließ sich noch nicht aus der Fassung bringen, auch nicht von Viktor, der ihn gerade gezischt fragte, ob er noch ganz dicht wäre, ob das Gör nicht bei seinem fragwürdigen Kindermädchen bleiben könnte, doch Leif hörte darüber hinweg, während Pierre gleich begeistert nickte.

„Sicher. Die Hazienda ist groß und umfasst mehrere Häuser. Der Kleine kann auch in eines der Strandhäuser ziehen. Alles kein Problem.“

Leif nickte zufrieden und lächelte. „Dann ist das perfekt. Ihr fliegt schon mal vor und seht euch alles an und ich komme mit dem Kurzen und seinem Betreuer nach!“ Perfekter hätte das doch gar nicht laufen können!

Doch Viktor war mit dem Thema noch nicht durch. Er schoss hoch und zog Leif mit sich. „Komm mit!“, forderte er, weil ihm gleich der Kragen platzte. Spielchen dieser Art schätzte er gar nicht, in denen er vor Publikum vor vollendete Tatsachen gestellt wurde, ohne sich dagegen wehren oder es verhindern zu können. So nicht! Das Balg wäre ja noch zu ertragen, aber dass diese Straßenratte mit sollte, das ging Viktor wirklich zu weit. Ohne auf Leifs Reaktion zu warten zog er seinen Verlobten mit sich vor die Tür und rein in den schallisolierten Konferenzraum.

Noch ehe er die Tür zuknallte, donnerte er schon los und Leif wusste nicht so richtig, was er dazu sagen sollte.

„Sag mal, Leif, geht es dir noch gut? Wir fahren nicht in den Urlaub, wo man Kind und Kegel und Haustiere mitnimmt. Damit eines mal klar ist, diese Straßenratte will ich nicht dabei haben! Du sollst dort arbeiten, einen Film drehen, mit dem wir unsere Brötchen verdienen. Da kann ich es nicht gebrauchen, wenn du nach jeder zweiten Szene abdampfst, um zu sehen, ob die Lage noch glücklich ist. Langsam geht es mir auf die Eier!“ Mit verschränkten Armen stand Viktor an die Tür gelehnt und sah seinen Verlobten wütend an. Warum entschied der das über seinen Kopf hinweg, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren? Hatte Leif wirklich geglaubt, er würde diese Kröte jetzt schlucken und nichts dazu sagen, nur weil sie Besuch hatten? So aber nicht!

„Vik, nicht schon wieder!“, sagte der nur und sah seinem Freund offen entgegen. „Ich fahre doch nicht eine Woche oder noch länger weg und lass JJ alleine. Dir geht es wohl noch ganz gut oder was?“ Leif blieb ruhig, was nutzte es, wenn sie sich beide wieder in Rage redeten? Das würde Viktor schon für sie erledigen.

„Dann erklär mir mal bitte, warum du diese Witzfigur von einem Kindermädchen beschäftigst, wenn der nicht in der Lage ist, auf die kleine Kröte aufzupassen. Dafür ist der doch da oder irre ich mich?“, zickte Viktor zurück, denn die Tatsache, dass Leif ihn hatte austricksen wollen, war ihm ziemlich aufs Gemüt geschlagen.

„Vik“, sagte Leif und seufzte, „wie oft noch? Hör auf, dich so über Endre auszulassen. Er kommt mit dem Jungen sehr gut zurecht und ich glaube, er würde auch die Woche ohne uns gut überstehen. Aber ICH will, dass JJ bei mir ist und demzufolge muss Endre eben mit. Ich will nicht eine Woche lang auf meinen Kleinen verzichten, klar?“ Leif sah seinen Verlobten eindringlich an, doch der hob nur eine Braue.

„Es ist nicht DEIN Kleiner, vergiss das niemals!“ Viktor ging diese Show auf den Nerv und Leif schüttelte nur den Kopf.

„Nein, das werde ich nicht vergessen, weil du es mich nicht vergessen lässt. Aber du kannst schreien wie du willst, ich werde mit JJ und Endre nachkommen. Ich werde die beiden dort unterbringen und dann meinen Job machen, so wie man das von mir gewohnt ist. Oder was erwartest du? Du hast selber gesagt, das wird kein Urlaub. Das weiß ich, Vik, aber ich werde auf den Jungen nicht verzichten und so lange Pierre nichts dagegen hat, dass der Kleine mit kommt und ich es verhindern kann, dass er Berührungspunkte mit den Filmarbeiten hat, ist das doch okay.“

„Ja klar, für dich ist immer alles okay. Aber das du damit auch das Leben anderer auf den Kopf stellst, ist für dich ebenfalls okay. Langsam erkenne ich dich wirklich nicht wieder, Leif, aber mach was du willst.“ Viktor drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort aus dem Raum. Schnell huschte er noch einmal ins Büro, wo Frank und Pierre sich gerade angeregt unterhielten und verabschiedete sich, er hätte noch einen wichtigen Termin im Steuerbüro.

Ein paar Augenblicke später kam Leif zurück, er lächelte, auch wenn es die Augen nicht erreichte. Jedes Mal die gleichen Zicken. Leif war sauer, doch das konnte er nicht zeigen. Der unrühmliche Abgang war ihm auch peinlich. Was sollte Pierre nur denken?

Doch der war Gentleman und fragte nicht weiter nach.

Sie knüpften ihr Gespräch dort an, wo sie aufgehört hatten. Von Viktor wurde nicht mehr gesprochen, nur darüber, wie das laufen sollte. Welche Örtlichkeiten hergerichtet werden sollten, denn Pierre hatte Bilder von seiner Hazienda dabei und so kamen ein paar Settings gleich in die enge Auswahl. Für die Kurzfilme gab es keine Drehbücher, da mussten die Jungs sich was einfallen lassen, um die Örtlichkeiten zu nutzen. Sie saßen noch zwei Stunden, doch dann musste sich Pierre verabschieden, er wollte sich noch mit seinem Einkäufer treffen.

Mit dem Versprechen, noch regen Kontakt zu pflegen, ehe es nächste Woche losging, verließ Pierre das Büro, was Leif auch vorhatte, doch er wurde von Frank zurückgehalten. Fragend sah Leif ihn an.

„Was war denn so dringendes zu erledigen im Steuerbüro?“, wollte er wissen und ließ schon mit der Betonung seiner Worte keinen Zweifel aufkommen, dass er keine Silbe glaubte und Leif sich keine Mühe geben musste, ihn zu belügen. Der verzog das Gesicht. „Wenn du weißt, was los ist, warum fragst du dann noch?“

„Weil ich keinen Bock habe, dass ihr euch fetzt, nur weil du deinen Kopf durchsetzen musst, Leif“, sagte Frank, doch er versuchte sämtliche Vorwürfe aus seiner Stimme zu nehmen. Er konnte seinen Chef verstehen, doch er konnte Viktors Standpunkt genauso gut verstehen. Ein Kind hatte an solch einem Ort einfach nichts verloren.

„Schlägst du dich auf seine Seite?“, wollte Leif wissen, sauer darüber, dass er hier festgehalten wurde und nicht zu JJ und Endre konnte.

„Leif, ich schlage mich auf keine Seite, ich will nur, dass du deine Arbeit machst. Alles andere interessiert mich nicht, weil es dein Privatleben ist und es mich nicht zu interessieren hat.“ Frank räumte den Tisch ab und Leif folgte ihm in die Küche.

„Eines kann ich dir sagen, Frank, ich kann besser arbeiten, wenn ich weiß, dass JJ unten am Strand glücklich eine Burg baut, als wenn ich da hocke und nicht weiß, wie es ihm geht, weil er tausende Kilometer weit weg ist. Außerdem ist es nicht JJ, der Vik stört, sondern Endre!“, klärte Leif auf und Frank hob eine Braue.

„Und warum nimmst du ihn dann mit?“

So ging das noch eine ganze Weile hin und her, in der Frank versuchte zu verstehen, warum Leif genau das tat, was Viktor auf die Palme trieb und Leif zu erklären versuchte, dass er keine Lust hätte, sich ständig von seinem Verlobten Vorschriften machen zu lassen.

Sie kamen überein, dass es keinen Kompromiss geben konnte, der beide Sturköpfe zufrieden stellen würde und so machte sich Leif dann endlich in die Spur nach Hause – seine Jungs warteten bestimmt schon.